The Project Gutenberg eBook of Irland

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Title: Irland

Seine politische Knechtung und sein Streben nach Selbstregierung

Author: Ernst Schultz


Release date: October 18, 2026 [eBook #79821]

Language: German

Original publication: Berlin: Hermann Paetel Verlag G.m.b.H., 1916

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79821

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1916 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Verschiedene Schreibweisen (Land-Partei/Landpartei, etc.) wurden nicht vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text wiederholt vorkommen.

Bei großen Zahlen wurden Tausender-Trennsymbole uneinheitlich verwendet; teils wurde ein Punkt, ein Komma oder ein schmales Leerzeichen verwendet. Zur Vereinheitlichung wurden in der vorliegenden Fassung alle Trennzeichen entfernt. Die Zeichensetzung (Punkt und Komma) vor bzw. nach schließenden Anführungszeichen ist im Original nicht einheitlich; dies wurde so belassen.

In der Inhaltsübersicht des 5. Buches (S. 105) wurde in der gedruckten Fassung das Unterkapitel mit dem Titel ‚13. Protestanten treten auf Seite der Katholiken.‘ nicht aufgeführt; die Nummerierung der nachfolgenden Unterkapitel ist dementsprechend falsch. Der Titel wurde in der vorliegenden Fassung ergänzt, die Nummerierung wurde korrigiert.

Die Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in Antiquaschrift werden hier kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Veröffentlichungen

des

Allgemeinen Vereins

für

Deutsche Literatur

(E. V.)

Signet des Allgemeinen   Vereins für Deutsche Literatur

Abteilung 39

Band 1

College Green, Dublin.

Irland

Seine politische Knechtung und
sein Streben nach Selbstregierung

Von

Dr. Ernst Schultze-Hamburg

Mit acht Abbildungen

„Es giebt keine schwärzere oder schmutzigere
Handlung in der Menschengeschichte als die Herstellung
der Union zwischen Großbritannien und Irland.“

Gladstone.

Signet des Allgemeinen   Vereins für Deutsche Literatur

Berlin

Hermann Paetel Verlag

G. m. b. H.


Alle Rechte,
namentlich das der Uebersetzung,
vom Verfasser vorbehalten.


Gewidmet sei dieses Buch

einer tapferen
„kleinen Nation“,

deren Schicksal Mitgefühl,
deren Gaben Bewunderung,
deren Willenskraft Achtung
erregen.

Inhaltsverzeichnis.

[S. IX]

Kopfvignette,   florales Muster

Vorwort.

In ganz Europa gibt es kein unbekannteres Land als Irland — und kein Volk, das so liebenswürdig, zugleich aber auch so unglücklich wäre. Dreiviertel Jahrtausende steht es nun unter englischer Herrschaft. Fast immer galt, was im 17. Jahrhundert Lord Essex, einer ihrer Statthalter, über die grüne Insel schrieb: „daß er die Leiden dieses Landes mit nichts vergleichen könne als mit denen eines Hirsches, der, abgerannt, den Hunden zum Lohne hingeworfen werde und von dem Jeder sich sein Stück abreiße.“

Wer sich in die Geschichte Irlands vertieft, dem steigt, hat er nur einen Funken von Gerechtigkeitsgefühl in sich, das Blut vor Empörung zum Herzen. Kaum glaublich erscheint es, daß ein Volk solches Uebermaß an politischer und religiöser, wirtschaftlicher und persönlicher Unterdrückung zu ertragen vermochte. Immer wieder stand es gegen diese Willkürherrschaft auf, immer wieder erhob es Einspruch gegen die brutale, sinnlose, entwürdigende Knechtung, die ihm seine Schergen zumuteten. Auch der Gegner der katholischen Kirche wird die ungeheuerliche Sklaverei, in die England unter religiösem Vorwande neun Zehntel der Bevölkerung seiner Nachbarinsel hinabstieß, als eine nicht zu tilgende Schmach des britischen Namens ansehen; ehrliche Engländer haben darüber das schärfste Urteil gefällt.

Dreiviertel Jahrtausende lang hält die Eisenfaust John Bulls nun die schöne Erin — wie Gedichte des 17. Jahrhunderts sie schildern — nieder. Dreiviertel Jahrtausende schon sucht sie sich — vergeblich —seinem [S. X]Griff zu entwinden. Als sie ihm im 12. Jahrhundert nur den kleinen Finger entgegen streckte, war dies genug, um ihn behaupten zu lassen, sie habe sich ihm völlig anheimgegeben. So sehr sie ihn auch abzuschütteln suchte, er war stärker als sie. So blieb sie an ihn gekettet, ihre Hilferufe verhallten ungehört, oder die Befreier konnten nicht nahen, weil die Arme das Unglück hatte, am äußersten Ende des Weltteils zu wohnen, abgeschnitten von allem Verkehr, der nicht durch die Hände ihres angemaßten Gatten ging.

Dieser aber behandelte sie nach Gutdünken; er gebot, was sie zu tun, er verbot, was sie zu lassen habe. Was er ihr heute gestattete, ja, von ihr forderte, das verbot er ihr morgen, stand ihm die Laune danach. Jede Klage beantwortete er mit einer Grobheit, jeden Widerstand mit einer Mißhandlung. Immer wieder wollte sie von ihm geschieden sein, zumal da ihre frische, zwanglose, lebensfreudige Natur zu seiner kalten, rechnenden, sauertöpfischen Art ganz und gar nicht paßt. Allein sie fand keine Stelle, an der sie ihre Ehescheidungsklage vorbringen konnte. Er aber widersetzte sich hohnlachend jeder Trennung von Tisch und Bett.

Nur wenn er in oder außer dem Hause Schwierigkeiten hatte — etwa mit dem französischen Nachbar oder mit den Söhnen in der amerikanischen Niederlassung — zog er plötzlich liebenswürdige Saiten auf. Dann versprach er der sonst Mißhandelten das Blaue vom Himmel, lobte sie und schmeichelte ihr. Sobald er jedoch den Rücken wieder frei hatte, waren alle Zusagen vergessen. Dann wußte er nichts mehr davon, daß er soeben noch diese seine glückliche Ehe gepriesen, sondern ließ die unglückliche Frau wieder seine Herrschsucht fühlen. War sie nicht willig, so gab es abermals blaue Flecke.

Ja, er beutete sie so schmählich aus, um selbst ein Leben herrlich und in Freuden zu führen, daß er mehrmals — am ärgsten um die Mitte des 19. Jahrhunderts— [S. XI]eine Anzahl ihrer Kinder Hungers sterben ließ. Von den überlebenden kehrten viele, um dem rohen Stiefvater zu entgehen, unter heißen Segenswünschen für die Mutter der Heimat den Rücken. Auch die zurückbleibenden waren der von Gram und Elend Heimgesuchten mit schwärmerischer Liebe zugetan — bis auf einen, den echten Sohn seines Vaters, der bis heute dabei geblieben ist, stets nur Vorrechte vor den Geschwistern zu beanspruchen und gegen die Mutter Partei zu nehmen, während diese zusammen mit ihren anderen Kindern — auch denen im fremden Lande — nicht müde wird, gegen die ihr zugemutete Knechtschaft Einspruch zu erheben und wirkliche, nicht scheinbare Selbstbestimmungsrechte zu fordern.

*

So verlief die unendlich traurige Geschichte der grünen Insel. Wie kommt es, daß trotz der Abenteuerlichkeit dieser Geschehnisse, trotz der herzgewinnenden Liebenswürdigkeit dieses Volkes, trotz seinem unverzagten Mut, der sich durch alles Elend nicht niederbeugen ließ, über Irland weder in deutscher noch in fremder Sprache eine auch nur einigermaßen ausreichende Literatur besteht? Die Antwort lautet: England hat als Zwingherr dieses Land von der Außenwelt so dicht abgeschlossen, daß nicht einmal Andere sich gebührend mit ihm beschäftigten, während selbst in Irland die irischen Studien so behindert wurden, daß sie vielleicht das am wenigsten beackerte Feld der Wissenschaft darstellen.

Infolgedessen beschränkt sich unsere Kenntnis der nationalen Beschwerden und Wünsche der Iren in der Regel auf den unbestimmten Eindruck, daß sie England hassen und von ihm loszukommen streben. Weshalb aber? Darauf läßt sich eine Antwort nur geben, wenn man die Geschichte Irlands kennt. Die Home Rule-Bewegung, die seit einem Menschenalter in aller Welt von sich reden macht, ist nur verständlich, wenn man [S. XII]sie als ein Glied in der langen Kette der Bestrebungen Irlands betrachtet, das nationale Selbstbestimmungsrecht wiederzugewinnen, das einmal bereits (vom Jahre 1782 an) auf wenige Jahre erkämpft war, dann aber von England durch schmachvollen Betrug mittels der „Union“ wieder rückgängig gemacht wurde, die noch heute herrscht und gegen die das nationale Irland Sturm zu laufen nicht müde wird.

Es ist also in diesem Buche von den innerpolitischen Fragen Irlands die Rede, während alles übrige — Wirtschaft und Recht, Geistesleben und Religion — nur berücksichtigt wird, soweit es Beziehung zu den Verfassungsfragen hat. Meine Absicht ist, auf knappem Raume eine zusammenhängende und vollständige Verfassungsgeschichte Irlands zu bieten, die auffallenderweise noch mangelt; schließt man sie doch in England gern mit dem Jahre 1800 ab, als ob sie da zu Ende wäre.

Zwei Eindrücke — so denke ich — wird der Leser aus diesem Buche mitnehmen: hohe Bewunderung für dieses heldenmütige Volk, das auch durch die Persönlichkeit seiner Führer (eines Grattan, eines O’Connell, eines Parnell, eines Sir Roger Casement) unsere lebhafteste Teilnahme gewinnt — dann aber die Ueberzeugung, daß England an dieser „kleinen Nation“ auf das schwerste gesündigt hat. Was es sonst auch leistete, was es in englischen Kolonien an Freiheiten gewährte oder in englischen Besitzungen (wie Indien), wenn auch aus wohlberechnetem eigenem Interesse, an segenbringenden Werken schuf — für die Geschichte der Beziehungen zwischen England und Irland trifft restlos das bittere Wort zu, das der schwedische Kanzler Oxenstjerna vor 2½ Jahrhunderten seinem Sohne schrieb: „Du glaubst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.“

Hamburg-Großborstel.

Dr. Ernst Schultze.

[S. 1]

Kopfvignette,   florales Muster

1. Buch:
Die Knechtung.

Die irischen Verfassungskämpfe bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.

1. Das Eindringen der Engländer (1171). Staatsrechtlicher Betrug. — 2. Die Unvollkommenheit der Eroberung. Rückgang der Kultur. — 3. Die stumme Insel. — 4. Die ersten Parlamente. — 5. Gewaltherrschaft der englischen Grundherren. Rechtlosigkeit der Iren. — 6. „Entartete“ englische Kolonisten. — 7. Die Dreigliederung der Insel. — 8. Die Knebelung Irlands durch ein Staatsgrundgesetz (1495). — 9. Religiöse Wirren. — 10. Der Vernichtungskrieg der Königin Elisabeth. — 11. Scheinbare Ruhe. — 12. Neue Schreckensherrschaft: Strafford und die Oberrichter. — 13. Der Aufstand 1641–1649 und seine Folgen. — 14. Der Krieg der Jahre 1689–1691. — 15. Die Vernichtung der Kapitulation von Limerick durch England.

„Ach! Ich fürchte, man wird uns das vorwerfen, was Bato dem Tiberias vorwarf: Ihr, ihr seid schuld, die ihr eure Herden nicht Hirten, sondern Wölfen anvertraut habt.“

Königin Elisabeth.

1. Das Eindringen der Engländer (1171). Staatsrechtlicher Betrug.

In alter Zeit, bevor die Engländer eindrangen, zerfiel Irland in 5 Königtümer: Leinster, Tralee, Ulster, Connaught und Meath. Einer der 5 Teilfürsten wurde durch allgemeine Versammlung, an der wahrscheinlich der Adel oder doch die kleineren Häuptlinge nebst den Würdenträgern der Kirche teilnahmen, zum Oberkönig von Irland gewählt. Die Ostmannen, die seit dem Jahre 795 die Insel mehrfach verheerten und namentlich im 9. Jahrhundert von den Mündungen der Flüsse aus, zuweilen indem sie ihre Schiffe über Land trugen, weit in das Innere vorstießen, gründeten einige selbständige Reiche, namentlich das dänische Königreich Dublin, das 852 von dem Wikinger-Fürsten Anlaf ins Leben gerufen ward. Unter den dauernden Kämpfen zwischen Iren, Skandinaviern und Dänen litten die Menschen schwer. Der Sieg, den die Iren im Jahre 1014 bei Clontarf unter ihrem innig verehrten Könige Brian Boru erfochten, brach die Macht [S. 2]der Ostmannen, erschöpfte jedoch die Kräfte der Iren, so daß Brian Borus’ Reich alsbald zerfiel.

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts mischte sich England in die Verhältnisse Irlands ein. Dermod Mac Murrough, König von Leinster, war infolge innerer Streitigkeiten 1166 nach England geflüchtet. Drei Jahre später führte ihn der normannische Baron Fitz-Stephen nach Irland zurück, und 1170 segelte Richard Graf von Pembroke, bekannt unter dem Beinamen Strongbow, mit mehreren anderen verschuldeten Lords, die sich neue Einkünfte verschaffen wollten, und 1800 Abenteurern über den Meeresarm, der beide Inseln trennt. Sie eroberten Dublin und setzten sich dort dauernd fest.

König Heinrich II. von England war mit dem selbstherrlichen Vorgehen dieser seiner Barone, denen sich noch Lacy zugesellte, nicht einverstanden, da es die Politik der normannischen Könige war, die Macht ihrer Großen nicht übermächtig werden zu lassen. Er beschloß daher, sich Irland selbst untertan zu machen, zumal ihm schon 15 Jahre früher Papst Hadrian IV. die Belehnung mit der Insel versprochen hatte. Dieser einzige Engländer, der jemals den Thron der Nachfolger Petri bestieg, erließ 1154 jene berühmte Bulle, durch die er „als Herr aller Inseln, auf welche Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, geschienen“, Irland, um heillose Sünden zu tilgen und die Grenzen der Kirche zu erweitern, der Eroberung durch England preisgab.

Noch ein weiterer Grund trieb den König zu dem Unternehmen: soeben war auf sein Geheiß Thomas Becket, der Erzbischof von Canterbury, ermordet worden, und es war zu erwarten, daß Papst Alexander III. dies nicht ruhig hinnehmen werde. Vielleicht konnte nun Heinrich das Haupt der katholischen Christenheit versöhnen, indem er die Schismatiker Irlands, deren Bekenntnis nicht ganz mit dem der katholischen Kirche übereinstimmte, zu Paaren trieb und mit ihrem Tode die eigene Blutschuld sühnte?

[S. 3]

Am 11. November 1171 zog Heinrich in Dublin ein. Dort huldigte ihm Strongbow, der sich anstelle des soeben verstorbenen Dermod gesetzt hatte, für das Königreich Leinster. Ebenso fügten sich Fitz-Stephen und Lacy. Auch Roderik O’Connor, König von Connacht, der irische Oberkönig, huldigte dem Herrscher von England und versprach ihm Treue und Heeresfolge. Diesem Beispiel folgte das irische Königshaus der O’Brien in Munster, weiter unterwarf sich das Königreich Meath. Der König von England erklärte sich nunmehr zum Herrn von Irland. Er fügte diesen Titel dem eines Herzogs der Normandie und eines Herzogs von Aquitanien hinzu. Aber er mußte sich eilen, denn der Papst drohte, den Bannstrahl gegen ihn zu schleudern, und Heinrich mußte daher nach England zurück. Infolgedessen blieb das irische Königtum der O’Niels noch kurze Zeit unabhängig — bis eine kleine Schar unternehmungslustiger Engländer auch dieses unterwarf.

Völlig gebrochen war der Widerstand der Irländer indessen nicht. Die englische Herrschaft erstreckte sich nur so weit, als die Macht des Schwertes der englischen Ritter reichte, die von der Höhe fester Burgen auf das Land hinabschauten. Alles etwa angebaute Land, das sie von hier aus in Unterwerfung halten konnten, beanspruchten sie als ihr Eigentum, ebenso die entwaldeten Ebenen und alle Klöster. Da sich in letzteren nicht nur die geistige, sondern auch die materielle Kultur der Insel verkörperte, so war es ein schwerer Schlag für die kulturelle Entwickelung, daß gerade sie in die Hände der Engländer gerieten.

Wer fliehen konnte, floh. Der gesamte irische Adel zog sich in Berg, Wald und Sumpflandschaft zurück, um nicht von den Eindringlingen beherrscht zu werden. Ebenso entwich ein großer Teil des Volkes, so daß die Engländer außer über ihre eigenen Knechte alsbald nur über eine geringe Zahl von Iren herrschten.

Die „Einpfählung“ (Pale) — die englischen Besitzungen [S. 4]wurden allmählich durch einen Palisaden-Wall gegen das irische Gebiet abgeschlossen — schwankte je nach dem Kriegsglück. Die Irländer wehrten sich und drängten allmählich unter Aodh O’Connor, Art MacMurrough, Donald O’Niel und zu Beginn des 14. Jahrhunderts unter dem Schottenkönig Eduard Bruce die Engländer zurück. Selbst während der größten Ausdehnung der Pale umfaßte diese nicht mehr als ein Drittel der gesamten Oberfläche der Insel. Ueber die Einpfählung hinaus erstreckte sich der Einfluß Englands in keiner Weise — außer darin, daß die englische Politik jede Mißhelligkeit zwischen den irischen Stämmen zu vergrößern und die Häuptlinge der einzelnen Clans durch Furcht zu veranlassen suchte, die englische Oberherrschaft anzuerkennen, wofür man ihnen als Belohnung Vorrechte und Titel gab.

In den Klöstern standen sich zwei Parteien gegenüber: die römisch Gesinnten, nun den Engländern Zuneigenden — und die an der altirischen Art Festhaltenden.

Uebrigens behaupten neuere Forschungen, daß die päpstlichen Bullen, auf die sich England als Besitztitel stützte, sich als Fälschungen entpuppt haben. Von den Eroberern und ihren Nachfolgern ohne weiteres angenommen, werden sie von den irischen Chronisten und Schriftstellern während der nächsten 300 Jahre nicht einmal erwähnt.⁠[1]⁠

Der Huldigungseid, den die irischen Häuptlinge Heinrich II. leisteten, wurde von ihnen sicherlich ganz anders verstanden als von den Engländern. Wußten doch die Iren nichts von dem Feudalsystem, das die Normannen nach England übertragen hatten. Ein Landlord im englischen Sinne war daher etwas den Iren gänzlich Unbekanntes. Ihre Clans hielten an dem Gemeinbesitz des Landes fest, keinem irischen Häuptling Stand die freie Verfügung über größere Ländereien zu, die er [S. 5]nach Gutdünken hätte verschenken oder als Lehen hätte austeilen können. Erkannten die Stammesfürsten also Heinrich als ihren Oberkönig an, so bedeutete dies ihrer Meinung nach sicherlich nichts anderes, als daß sie ihm dieselben nicht eben weitgehenden Rechte einräumten, die der irische Oberkönig bis dahin besessen hatte. Jedes der 5 Teilfürstentümer hatte nach Erreichung dieses Oberkönigtums gestrebt, keinem aber waren durch den Oberkönig nennenswerte Beschränkungen auferlegt oder gar der größte Teil des Landes beschlagnahmt worden.

Dem irischen Oberkönig (Ard-Righ) stand wie dem römischen Kaiser deutscher Nation weder die bürgerliche Gerichtsbarkeit noch eigene Truppenmacht zu. Wie der deutsche Kaiser kam er durch Wahl auf den Thron. In Tara, wo sein Palast stand, wurden alle 3 Jahre große Festspiele (Feis) gehalten. In die inneren Angelegenheiten der 5 Teil-Fürstentümer hatte er sich nicht einzumischen, vor allem nicht in das Bodenrecht und den Bodenbesitz.

Der Feudalismus, wie ihn die Normannen im 11. Jahrhundert nach England mitgebracht hatten, und wie sie ihn nun auch nach Irland zu verpflanzen suchten, war demnach hier völlig unbekannt. Seine Voraussetzung war nicht nur die Herrschaft eines Fürsten über das ganze Land, sondern die Annahme, daß jedes Fleckchen des Bodens eigentlich dem Könige gehöre, so daß er nach Belieben darüber verfügen könne — eine Anschauung, die theoretisch noch dem heutigen englischen Bodenrecht zu Grunde liegt. Die Normannen-Könige machten von diesem Rechte, das sie sich für England durch die Eroberung erkämpften, den reichsten Gebrauch, indem sie ihre Barone für die Hilfe, die sie ihnen leisteten, belohnten und ihnen gleichzeitig durch die Zuteilung großer Ländereien die Möglichkeit boten, eine bewaffnete Gefolgschaft zu bilden, um aus diesen Vasallentruppen im Bedarfsfalle ein königliches Heer zu formen. In Irland wußte man von einem solchen [S. 6]Grundrecht nichts und wollte nichts davon wissen, da hier der Boden Gemeinbesitz des Stammes war. Mit Recht sagt Chatterton-Hill: „Die sechs irischen Stammesführer, die den Normannenkönig als Primus inter Pares anerkannten, räumten ihm diese, mit äußerst beschränkten Prärogativen verbundene Würde ausschließlich in ihrem eigenen Namen ein. Um Ardri zu werden, hätte er der Wahl durch sämtliche irische Stämme bedurft. Und der Ardri selbst war nur oberster Kriegsführer, Ratgeber, Versammlungsleiter, erster Dolmetscher der Gefühle und Gedanken der Gesamtheit. Absolutismus, Despotismus sind dem irischen Rechtssystem gänzlich unbekannt.“⁠[2]⁠

Ferner hatte Dublin, wo Heinrich landete und sich einen Holzpalast bauen ließ, den Iren seit Jahrhunderten als halbes Ausland gegolten. Hier hatten die Dänen geherrscht, niemals hatte der irische Oberkönig hier Hof gehalten; der Mittelpunkt des gemeinsamen irischen Staatslebens, so weit von einem solchen gesprochen werden kann, war vielmehr der Königshügel Tara. Die Besetzung einiger Städte und Festungen in der Umgegend Dublins konnte auf die Iren ebensowenig den Eindruck der Eroberung der ganzen Insel machen. Hatten sie sich jahrhundertelang gegen die Ostmannen gewehrt, so war nicht anzunehmen, daß sie sich nach einem nur zwei Jahre dauernden Kriege, der nicht eben tief ins Land hineingriff, für dauernd einem fremden Herrscher unterworfen hielten.

In der Tat wurde den irischen Häuptlingen durch die klugen normannischen Staatsräte Heinrichs auseinandergesetzt, daß der Huldigungseid, den sie dem englischen Könige leisteten, nur bedeute, daß der Krieg aufhören und daß sie in Zukunft ebenso ganz und frei herrschen sollten wie zuvor, wenn sie nur als Anerkennung des Friedens einen förmlichen Tribut zahlten, der kein Herrschaftsverhältnis bedeute.⁠[3]⁠

[S. 7]

So begann die englische Herrschaft mit einer betrügerischen Kundgebung, die den Keim zu ewigem Zerwürfnis in sich barg. Alle Rechtstitel, auf die sich England später bei seinem Verhalten gegen die Iren berief, waren wenig mehr als Schall und Rauch.

Wie wenig sich beide Teile verstanden, zeigte sich bei den Festen, die Heinrich in einem schnell auf Hoghill (in der jetzigen St. Andrew-Straße in Dublin) errichteten provisorischen Palast den irischen Häuptlingen gab, welche ihn als Oberkönig anerkannten. Ihre Kleidung und ihre Sitten erschienen den Hofleuten Heinrichs als so merkwürdig, daß sie endlos darüber lachten und spotteten. Die Gastmähler dauerten 9 Tage und endeten, ohne beide Teile einander näher gebracht zu haben. Denn auch die Iren fühlten sich von den Engländern abgestoßen. Beispielsweise war auf der Tafel ein Storchbraten erschienen, ein Gericht, das die Irländer weder kannten noch schätzten, während die Gastgeber sehr stolz darauf waren. Vor allem jedoch empfanden die meisten irischen Fürsten das Benehmen des englischen Gefolges als zudringlich, ja beinahe als beleidigend, so daß sie nach Hause mit dem festen Entschluß zurückkehrten, ihre Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten und den Ansprüchen Heinrichs bei der ersten Gelegenheit entgegenzutreten.⁠[4]⁠

2. Die Unvollkommenheit der Eroberung. Rückgang der Kultur.

Dennoch versuchten die Engländer in den von ihnen besetzten Teilen der Insel wie in einem eroberten Lande zu schalten. Jedes Gebiet, das einer der englischen Großen auf eigene Faust, unter Billigung der Krone oder auch ohne viel danach zu fragen, sich aneignete, wurde zu einem kleinen England umgeschaffen, durch Lehnsrecht und andere Einrichtungen scharf von den umliegenden irischen Ländereien geschieden. Mit diesen sollte kein Verkehr irgendwelcher Art stattfinden — außer dem der Eroberung und des Niederhauens der irischen „Feinde“.

[S. 8]

Selbst die Kirchenmänner, die von England herüberkamen, waren höchst streitbare Herren, die ebenso gern zum Schwerte als zur Bibel griffen. Einstmals sandte der Oberrichter (Lord Justice) einen dieser Männer, die dem Lande den evangelischen Frieden in merkwürdiger Art brachten, den Bischof von Waterford, nach England, um König Eduard I. Bericht von einer Schlacht gegen die Iren zu erstatten, in welcher der König von Connacht nebst 2000 Mann das Leben verloren hatte. Der Kirchenfürst setzte seinem Landesfürsten auseinander, daß er es „in der Politik für nützlich hielte, einen Menschen heranzuwinken, um den anderen zu beseitigen, und daß dies dem König Geld sparen und dem Lande Frieden erkaufen würde“; worauf der König lächelte und ihn voller Gnade nach Irland entließ.

In der englischen Siedlung sollte ein Parlament das englische Recht durchführen oder schaffen. In dem Schlosse in Dublin saß ein Statthalter oder sein Stellvertreter, dessen Aufgabe es war, die Verwaltung und die weitere Eroberung zu überwachen.

Immerhin vermochten die Engländer, zumal da sie in den nächsten Jahrhunderten durch innere Parteikämpfe stark in Anspruch genommen wurden, in Irland nicht weit über die ursprünglich besetzten Gebiete hinaus zu dringen. So blieb in Ulster der eingeborene Stamm der O’Niels und der O’Donnells, während die Engländer nur einen schmalen Küstensaum besetzt hielten. In Connacht teilten sich die O’Connors und andere irische Clans, während die dort eingedrungenen normannischen de Burghs alsbald im irischen Leben aufgingen. Am festesten stand die Herrschaft der Eindringlinge in Munster und in Leinster. Hier finden wir die normannischen Hochadels-Geschlechter der Ormond, der Desmond, der Kildare. Allein selbst hier blieben irische Königreiche und die Ueberbleibsel alter Fürstentümer bestehen: im Westen die O’Briens, im Süden die McCarthys und O’Sullivans, im mittleren Teile die O’Connors und O’Mores, in Leinster die Mac Murroughs und O’Tooles — und manche andere.

[S. 9]

Man zählte damals auf der Insel 60 englische und 30 irische Großgrundherren, unter denen wiederum zahlreiche irische Häuptlinge und englische Lords standen. Jene 90 Männer des Hochadels befehdeten sich nach Kräften. An der Spitze ihrer Reisigen zogen sie gegen einander aus, wann und aus welchem Grunde ihnen dies gutdünkte. Anstelle der 2 großen Parteien, die sich unter dem Hochadel in England gebildet hatten, kämpfte in Irland eine weit größere Zahl feindlicher Gruppen gegen einander.

So verfiel die Kultur Irlands, und das Volk sank geistig und wirtschaftlich herab. Dies empfanden auch die englischen Handwerker und Landleute, die Heinrich II. zur Auswanderung nach Irland veranlaßt hatte, um den Eingeborenen als Vorbild der Seßhaftigkeit, des Erwerbslebens und des Fleißes zu dienen. Einer nach dem andern wanderte nach England zurück, da sie sich überzeugt hatten, daß ihre Zukunft trotz den Versprechungen, auf die sie bauten, gänzlich ungewiß war. Zwar lagen die Zinsen und Fronden, die sie den adligen Herren zu leisten hatten, urkundlich fest, so daß ihre persönliche Freiheit und ihr Eigentum von diesen nicht angetastet werden konnten, wenn sie auch ihre Bauern als hörige Leute betrachteten. Allein die Rechtlosigkeit der irischen Bauern wirkte verderblich auf die englischen Bauern und Handwerker zurück, die sich am Fuße der Ritterburgen angesiedelt hatten. Je mehr sich die königliche Gewalt über die Herren lockerte, desto schwieriger und drückender wurde die Lage der englischen Kolonisten. Wollten sie ihre Vorrechte nicht gänzlich vernichten lassen, so mußten sie das Land räumen.

Die Regierung suchte genau an der falschen Stelle zu helfen, indem sie die Aufnahme der Rückwanderer in ihre alte Heimat verbot. Allein dies fruchtete nichts, weil sich die Rückwanderer doch nach England hinüberschmuggelten. Auch hatten die Lords in Irland nichts dagegen einzuwenden. Besetzten sie doch die freiwerdenden Hofstellen mit Iren, die nicht einmal auf dem Papier irgendwelche Rechte besaßen, mit denen sich also um so willkürlicher schalten ließ.

[S. 10]

3. Die stumme Insel.

Für Irland hatte dies weittragende Folgen. 7½ Jahrhunderte lang steht die Insel nun unter englischer Herrschaft — und nicht in einem dieser Jahrhunderte hat sie sich glücklich gefühlt. Alle Anstrengungen, die das irische Volk machte, um in ein annehmbares Verhältnis mit seinen Herrschern zu kommen, waren vergeblich. Meist wurden sie schnöde zurückgewiesen, selten geschah es, daß ein Statthalter oder die Regierung Maßnahmen traf oder auch nur zuließ, die für Irland günstig waren. Vier Jahrhunderte lang bestand die englische Politik darin, diejenigen Teile Irlands, die den englischen Truppen erreichbar waren, zu unterjochen, die Einwohner zu vertreiben, Engländer an ihre Stelle zu setzen und die Kräfte der Insel zur Stärkung der Königsgewalt in England auszubeuten. Die Folge waren blutige Aufstände, die Entvölkerung weiter Teile Irlands, ein abgrundtiefer Haß zwischen den alten Bewohnern und den neuen Herren. Dann folgten 3½ Jahrhunderte, die sich von den ersten 4 der englischen Herrschaft im wesentlichen nur dadurch unterschieden, daß diese Politik der Knechtung und Ausbeutung nunmehr auf die ganze Insel ausgedehnt wurde, während sie bis zur Zeit der Königin Elisabeth auf die sogenannte Pale, die „Einpfählung“, d. h. auf das von den Engländern besetzte und umfriedete Gebiet des Nordens beschränkt war.

Während dieser ganzen dreiviertel Jahrtausende hatte sich Irland neben der dauernden oder bei dem geringsten Anlaß wieder ausbrechenden Schreckensherrschaft über eine wirtschaftliche Knechtung zu beklagen, wie sie die Weltgeschichte, außer in asiatischen Despotien mit Einschließung Rußlands, sonst für ein einzelnes Volk über einen so langen Zeitraum nicht kennt. Allein selbst diese Beschwerden waren nicht einmal das schlimmste, was Irland seinen Bedrückern vorwirft. An Leiden gewöhnt, hätte es sich mit diesem Unglück mehr oder weniger abgefunden — wäre ihm nur die Möglichkeit geblieben, gelegentlich auch nur seine Wünsche [S. 11]in angemessener Form vorzutragen. Völlig mundtot wurde die Insel gemacht. Die Geschichte der irischen Verfassung unter englischer Herrschaft ist nichts als eine schwerlastende Kette von gewaltsamer Unterdrückung, hinterhältigem Versprechen, gemeinem Betrug, heuchlerischer Zusage und kaltherzigem Vertrauensbruch.

Es gibt kein Volk, dem bei einer solchen Behandlung nicht die Geduld gerissen wäre. Die meisten Nationen wären dadurch zu ganz anderer Schärfe entflammt worden. Nur der unendlichen Liebenswürdigkeit und dem unvertilgbaren Grundzug gutmütigen Entgegenkommens, das den irischen Nationalcharakter auszeichnet, haben es die Engländer zu danken, daß die Iren sich auf eine Reihe von Aufständen beschränkten, in denen sie fast immer, ritterlich kämpfend, Grausamkeiten nur begingen, nachdem ihre Feinde weit schlimmere auf sich geladen hatten. Was wäre den Engländern wohl geschehen, hätten sie diese selbe Politik der Unterdrückung und Gemeinheit — ich gebrauche hier Worte, die auch von englischen Geschichtsschreibern in diesem Zusammenhang häufig benutzt werden — etwa gegen ein Volk wie die Spanier versucht! Dolch, Gift und Dynamit wären dann aus den Beziehungen beider Völker niemals wieder verschwunden, und die Möglichkeit einer Versöhnung die in Irland trotzdem immer wieder vorlag, wäre ein für allemal entschwunden.

Diese Versöhnung hat sich England immer wieder verscherzt, weil es den Iren ein Parlament, das diesen Namen verdiente, bis heute verweigert. Weder die im Mittelalter berufenen parlamentarischen Versammlungen noch das in Dublin tagende Scheinparlament des 18. Jahrhunderts konnte den Iren ein genügendes Sprachrohr bieten — anstelle einer National-Vertretung, die alle wichtigen Fragen nach allen Seiten hin erörterte und zum Gegenstand wohlerwogener Entschließungen machte. Die Erzwingung der Union Irlands mit [S. 12]England nun gar, die mit dem Jahre 1800 den Iren das eigene Parlament raubte, so daß sie ihre Abgeordneten nur in das englische Parlament in Westminster schicken dürfen, das über alle irischen Angelegenheiten aus eigener Machtvollkommenheit, ohne Sachkenntnis und ohne Teilnahme, bestimmt, hat die Lage nur verschärft. Oft haben die Iren erklärt, sie wollten lieber jenes Scheinparlament wieder haben, als ihre Abgeordneten nach London entsenden.

So bildet die Geschichte der irischen Verfassungskämpfe eines der größten Trauerspiele der Weltgeschichte. Nichts fruchtete alle Bereitwilligkeit, über die unzähligen Gewalttaten und Bedrückungen ihrer Peiniger den Mantel christlicher Liebe zu breiten, das erlittene Unrecht in den Strom der Vergessenheit zu senken und das irische Leben mit englischer Zustimmung von neuem aufzubauen. Immer wieder hat England eine solche Erneuerung unmöglich gemacht, weil ihm Furcht und Neid, Dünkel und Mangel an Weitblick, kurzum politische Gedankenarmut den Blick beschränkte. Mehr als einmal glaubten die Irländer am Ziel zu stehen, weil ihnen die englische Regierung wieder einmal das Versprechen gab: ihre jahrhundertelangen Wünsche sollten nunmehr endlich und gewiß erfüllt werden. Und immer wieder ward dieses Versprechen schnöde gebrochen.

Es lohnt sich daher, die Geschichte der irischen Verfassungskämpfe zu überblicken — zumal da sie an dramatischer Entwickelung reich und für die Seelenkunde beider Völker ungemein lehrreich ist.

4. Die ersten Parlamente.

Alsbald nach seinem Einzug in Dublin hob Heinrich II. die alte irische Stammesverfassung auf. Er verfuhr wie in einem eroberten Lande. — Genau so, wie sein Vorfahr Wilhelm der Eroberer den englischen Boden an seine normannischen Barone aufgeteilt hatte, vergab Heinrich den [S. 13]irischen Boden an die seinigen. Zu diesem Zwecke führte er die englische Lehnsverfassung auch auf der Nachbarinsel ein, obwohl sie hier eine gänzliche Umwälzung alles Bestehenden bedeutete, da die Iren an dem Gemeinschafts-Besitz des Landes festgehalten hatten.

Infolgedessen brach schon 1174, kaum daß Heinrich den Rücken wandte, eine Empörung unter dem irischen Oberkönig Roderik O’Connor aus, so daß Heinrich im Jahre darauf mit diesem ein Abkommen schließen mußte, durch das er ihn als Herrn über alle irischen Fürsten mit Ausnahme der Heinrich und seinen Baronen bereits gehörenden Gebiete anerkannte.

Die englische Herrschaft beschränkte sich zunächst auf einen kleinen Teil der Insel, der von Dublin aus durch einen Statthalter regiert ward. Nach englischem Muster teilte man ihn in Grafschaften. Seit dem 13. Jahrhundert berief man hier ein Parlament. Sitz und Stimme hatten darin nicht etwa Abgeordnete des Volkes, sondern die geistlichen und weltlichen Lehnsleute des Königs. Den wichtigsten Städten erteilte die Krone später erst Freibriefe — sicherlich nicht ohne sie sich bezahlen zu lassen.

Das Verhältnis zwischen Krone und Parlament war in jener Zeit ein durchaus anderes denn vom 17. Jahrhundert an: häufig wurde seine Beschickung durchaus nicht als Ehre, geschweige denn als Recht betrachtet, sondern als höchst unangenehme Pflicht — weil sie mit der Frage von Geldbewilligungen für die Zwecke der Krone verbunden war. In einem Lande, dessen wirtschaftliche und politische Zustände auf dem Lehnswesen beruhten, hatte das Volk an der parlamentarischen Vertretung nicht den geringsten Anteil — mit Ausnahme der Bürger in den wenigen Städten, die Freibriefe besaßen.

Alles irische Recht war mithin aus den von England besetzten Teilen der Insel getilgt. Nur die englischen Kolonisten kamen für die Politik der Krone in Betracht. Sie regierten die irischen [S. 14]Besitzungen, als seien sie ein Teil von England und als lebten dort nur Engländer. Anstelle des alt-irischen Brehon-Rechts trat das englische Gewohnheitsrecht (Common Law) mit all seinen Prozeßformen.

Als König Johann ohne Land bei Runnymede von seinen Baronen gezwungen ward, ihre Rechte durch die Magna Charta zu bestätigen (1215), wurde dieses Schriftstück auch nach Irland gesandt, wo es von dem Hochadel mit derselben Befriedigung zur Kenntnis genommen ward. Für die Iren jedoch galt die Magna Charta nicht — für sie galt überhaupt im Grunde gar keine englische Rechtsbestimmung, da sie dauernd als Ausländer, ja als Feinde Englands betrachtet und bezeichnet wurden. Der Engländer, zumal der normannische Baron, betrachtete in seinem Dünkel den Irländer als ein tieferstehendes Wesen, das zur Knechtschaft geboren sei. Nicht einmal zu geistlichen Würden ließ man die Eingeborenen im 13. Jahrhundert aufsteigen, ihr Zeugnis vor Gericht hatte gegenüber dem eines Engländers keine Geltung, und das Gesetz von Kilkenny, 1367 von Eduard III. erlassen, untersagte es den englischen Kolonisten sogar unter Strafe des Hochverrats, einen Iren zu einer geistlichen Pfründe vorzuschlagen oder in ein Kloster aufzunehmen, einen irischen Barden zu bewirten, oder sich durch Heirat oder Gevatterschaft mit Eingeborenen zu verbinden. Wer nun gar einen irischen Namen annahm, irische Tracht anlegte, oder sich den Bart nach irischer Weise scheren ließ, hatte außer der Beschlagnahme seines Vermögens Einkerkerung zu erwarten.

5. Gewaltherrschaft der englischen Grundherren. Rechtlosigkeit der Iren.

Verschlimmert wurde die Lage durch die Gewaltherrschaft der Barone. In England war das niedrige Volk mit Ausnahme einer einzigen Grafschaft — Chester — doch wenigstens dadurch geschützt, daß es die königlichen Gerichte anrufen konnte. In dem englischen Teile Irlands war dies zum größten Teile nicht möglich, [S. 15]denn hier hatte die Krone, zur Belohnung für Dienste des Hochadels oder aus Schwäche gegen ihn, die Strongbows in Leinster, die Lacys in Meath und später die Butlers und Geraldines in Teilen von Munster so übermütig werden lassen, daß sie mit unbeschränkter Willkür über Wohl und Wehe ihrer Untertanen entschieden. Das englische Gebiet wurde zum größten Teil von diesen englischen Teilfürstentümern eingenommen, wie man sie wohl nennen muß. Hier hatten die königlichen Gerichte nichts zu sagen — außer für die geringfügigen Ländereien, die der Kirche gehörten. Beinahe herrschte der englische Hochadel hier, als ob er keinen König über sich hätte. Leinster, das Strongbow sich angeeignet hatte, fiel nach seinem Tode an seine fünf Schwestern, die sich in die Grafschaften Carlow, Wexford, Kilkenny, Kildare und den Bezirke Leix (seit Wilhelm III. Queen’s County genannt) teilten. Es waren richtige Pfalzgrafschaften, in denen die Krone so gut wie nichts zu sagen hatte.

Auf die irischen Stammeshäuptlinge nahm die englische Krone trotz allen Zusicherungen, die sie vorher gegeben hatte, keinerlei Rücksicht, und auf das Volk erst recht nicht. Immer wieder wandten sich die Häuptlinge an den englischen Thron mit der Bitte um Schutz — den die englischen Könige entweder wie Johann und Heinrich III. nicht gewähren konnten, weil ihnen dazu die Kraft fehlte, oder den sie nicht gewährten, weil ihnen die Sache nicht wichtig genug schien.

Die Iren sahen keine andere Rettung aus dieser verzweifelten Lage, der sie sich durch Waffengewalt gegen die äußerst kriegstüchtigen Engländer nicht entziehen konnten, denn durch Aufnahme in den englischen Rechtsverband. Ursprünglich hatten sie mit Heinrich II. vereinbart, daß sie ihr eigenes altes Recht beibehielten. Allein die Lage, in die sie gekommen, war so himmelschreiend, daß sie wiederholte Versuche machten, sich der englischen Gerichtsbarkeit zu unterstellen — ja, daß sie sogar bereit waren, [S. 16]dafür Summen zu zahlen, die in jener geldarmen, fast ganz Naturalwirtschaft treibenden Zeit sehr hoch genannt werden müssen. So wird aus dem Jahre 1278 berichtet, daß die Gemeinschaft der Iren — wie die englischen Quellen es ausdrücken — den Antrag stellte, man solle ihnen gestatten, unter dem englischen Rechte zu leben, wofür sie 8000 Mark zahlen wollten. Eduard I. teilte daraufhin nach Dublin mit, er sei bereit, diesem Verlangen stattzugeben, falls die geistlichen Würdenträger und der Hochadel Irlands damit einverstanden seien. Zugleich gab er Auftrag, falls diese Zustimmung erfolge, von den Iren die höchsten Summen, die nur möglich seien, zahlen zu lassen und außerdem eine Truppe guter, kräftiger Soldaten.

Allein der Hochadel dachte garnicht daran, die Bitte der Iren zu erfüllen. Durch Ausflüchte aller Art hielt er die Sache in der Schwebe. Die Iren wiederholten ihr Gesuch mehr als einmal unter der Regierung desselben Herrschers und wiederum unter Eduard III.; die Krone war bereit, ihrem Verlangen stattzugeben; der englische Adel in Irland aber verweigerte die Zustimmung.⁠[5]⁠

Die Iren galten eben den Engländern als Fremde in ihrem eigenen Geburtslande. Amtlich waren sie überhaupt nicht vorhanden. Ihr Land war unter den Eroberern in den östlichen Gebieten so aufgeteilt, daß für die Eingeborenen theoretisch überhaupt nichts übrig blieb. Jahrhunderte lang herrschten die Engländer hier, ohne ein einziges Gesetz zum Wohle der Iren zu erlassen. Der Schutz des englischen Rechts ward ihnen verweigert, der Gerichtshof und der Frieden des Königs bestanden für sie nicht.

6. „Entartete“ englische Kolonisten.

An der Beschickung des irischen Parlaments lag den englischen Adligen ungemein wenig. Wiederholt erschienen sie trotz dringender Aufforderung dazu nicht. Von der Oberherrschaft des englischen Königs lösten sie sich so vollständig, daß zum Beispiel die großen Familien in Connacht [S. 17]davon beinahe ganz frei wurden. Einer ähnlichen Unabhängigkeit von der englischen Krone erfreuten sich die Grafen von Desmond, ein engerer Zweig des Hauses der Geraldines oder der Fitzgeralds, wie sie später hießen.

Das irische Parlament jener Zeit bot mithin durchaus keine Vertretung der Iren, und die in Irland lebenden Engländer waren nur zum Teil darin vertreten. Die Berufung geschah so, wie wir dies aus dem Jahre 1295 hören, wo der Scheriff jeder Grafschaft den Auftrag erhielt, in ein Parlament zwei Ritter zu entsenden. Abgeordnete der Städte wurden vermutlich nicht vor der Regierung Eduards III. zugelassen. Sie erschienen 1341. Zu dem rebellisch gegen die Krone auftretenden Parlament, das im Jahre darauf nach Kilkenny berufen ward, berief der Graf von Desmond viele Abgeordnete städtischer Körperschaften.

Das Parlament in Irland zerfiel wie das englische etwa seit dem 14. Jahrhundert in Oberhaus und Unterhaus. So wird das letztere in einer Verordnung des Jahres 1359 erwähnt.

Das am zahlreichsten besetzte Parlament scheint 1367 in Kilkenny von Lionel, Graf von Clarence, dem zweiten Sohne Eduards III., abgehalten zu sein; es nahm, wie wir schon gesehen, scharfe Beschlüsse gegen die Hinneigung der Kolonisten zu irischem Wesen an.

Dieses Gesetz von Kilkenny betrachtete, wie alle anderen, die das irische Parlament erließ, die Eingeborenen als ewige Feinde der Engländer. Meistens wurden sie „die irischen Feinde“ genannt.⁠[6] Zu der Schärfe dieser Maßnahmen mochte die Erkenntnis beitragen, daß die Engländer in Irland, weit entfernt Fortschritte zu machen, in vielen Gauen, in denen das englische Element wenig zahlreich war, den Boden verloren. Wo sie nicht in geschlossener Masse siedelten, gingen sie allmählich unter den Iren auf, machten mit ihnen gemeinschaftliche [S. 18]Sache, entzogen sich den Parlamenten und waren bereit, auswärtigen Feinden Englands — wie dem König von Schottland Robert Bruce, der 1315 den mißglückten Versuch eines Einfalls in England machte — die Hand zu reichen.

Auch im Schoße des Parlaments scheinen sich daher mancherlei Kämpfe zwischen den Anhängern der englischen Regierung und den ungehorsamen oder „entarteten“ englischen Kolonisten abgespielt zu haben. Den letzteren warf man entweder vor, daß sie die Absichten der Regierung zu schanden machten — oder daß sie sich mit den Iren zu eng einließen, sich etwa gar mit ihnen verschwägerten.

Einige Familien des normannisch-englischen Hochadels verwuchsen allmählich so mit den Iren, daß sie imstande gewesen wären, zwischen ihnen und den Engländern trefflich zu vermitteln. Allein Versuche dieser Art wurden von den Engländern scheel angesehen und brachten nicht selten Unglück oder Tod. Die hervorragendste dieser Familien war wohl die der Fitzgeralds⁠[7]⁠. Der Graf von Desmond stellte sich 1341 an die Spitze der ersten irischen Home Rule-Bewegung. Sie verlangte, daß Irland nicht „von armseligen Männern, die von England ohne Kenntnis Irlands oder seiner Verhältnisse herübergesandt würden“, regiert werden sollte. Einer war Graf Gerald „der Reimer“, ein Führer des irischen Nationalismus (um 1359); er dichtete in irischer und in englischer Sprache und schenkte irischer Geschichte und Dichtung sowie vielen anderen Dingen lebhafte Teilnahme. Ein späterer Graf Gerald, Pflegesohn eines O’Brien und Vetter des englischen Königs Heinrich VI., wurde 1416 von der Republik Florenz in einem Briefe, der den florentinischen Ursprung der Fitzgeralds in die Erinnerung zurückrief, beglückwünscht.

[S. 19]

Aus diesem Hause entstammte Graf Thomas Fitzgerald, der im Jahre 1467 der erste nichtirische Märtyrer der irischen Sache wurde. Er förderte den Handel der Iren mit vielen europäischen Ländern, drang immer wieder auf Versöhnung und Verschmelzung von Iren und Engländern und plante, da Armagh, der alte Mittelpunkt des irischen Geisteslebens, von den Engländern zerstört war, eine irische Universität in Drogheda. Als Belohnung für seine Tätigkeit ward er von dem Grafen von Worcester, der den Zunamen „der Schlächter“ führte und nach Irland gekommen war, um einige Ländereien des Hauses Desmond in Cork für sich zu erlangen, ohne Gerichtsverfahren enthauptet. Das irische Volk sah in dem Tode dieses Fitzgerald „den Untergang der Nation“. Weithin erschollen die Totenklagen bei der feierlichen Beerdigung des von der ganzen Nation geliebten Mannes in Tralee, an der Küste des Atlantischen Meeres.

7. Die Dreigliederung der Insel.

Als 1485 mit Heinrich VII. der erste Tudor den Thron bestieg, fand er die englische Herrschaft auf einen geringen Teil des irischen Ostens beschränkt. Nur etwa 5–6 Grafschaften und einige Städte entsandten ihre Abgeordneten ins Parlament. In Wirklichkeit erstreckte sich die englische Herrschaft mit Ausnahme einiger Seehäfen nur über die 4 Grafschaften der englischen „Einpfählung“: Dublin, Louth, Kildare und Meath.

Alles Land 50 km westlich Dublins wurde als „westlich des englischen Rechts“ bezeichnet. Viele normannische Lords hatten die Töchter irischer Häuptlinge geheiratet und ließen ihre Kinder irisch auferziehen. Eine große Zahl normannischer und englischer Siedler hatten ihre Namen irisiert. Die irische Sprache herrschte so allgemein, daß noch unter Heinrich VIII. eine königliche Bekanntmachung im Parlament in Dublin durch den Grafen von Ormond ins Irische übersetzt werden mußte.

Im übrigen dauerten die alten Fehden an: zwischen [S. 20]dem englisch-irischen Hochadel unter sich, und zwischen ihm und den irischen Häuptlingen. Die aus England stammenden Lords waren stets bereit, gegen die irischen Häuptlinge zu Felde zu ziehen. Die Irländer rächten sich, indem sie aus ihren Schlupfwinkeln hervorbrachen, um den englischen Grundherren und den Untertanen das Vieh fortzutreiben. So herrschte ein beständiger Kleinkrieg, der die englischen Dörfer und Städte im Innern des Landes zusammenschmelzen ließ oder ihnen den englischen Charakter raubte.

In den vier Jahrhunderten, auf die nunmehr die englische Herrschaft zurückblickte, hatten sich drei Machtgebiete in Irland aneinander gerieben: der von den Engländern besetzte Landesteil, der nur den kleinsten Teil der Insel umfaßte, mit Magna Charta, Schatzkammer und Parlament — der englisch-irische Hochadel, der seine Grundherrschaft sowohl von den Eingeborenen wie von dem englischen Staat unabhängig zu halten suchte — und die noch unbezwungenen Stämme der Iren.

Hätte der englische Staat damals obgesiegt, so wäre die Folge ein absoluter Despotismus gewesen, wie er nach dem Siege Cromwells und nach der Niederschlagung Irlands 1691 tatsächlich eintrat.

Hätten die Barone die Oberhand gewonnen, so würde die politische Gestaltung des Landes sich etwa nach der Art des Königreichs Polen entwickelt haben.

Hätten die Iren es verstanden, die Engländer wieder zum Lande hinauszujagen, so mochte zunächst ihr alter Staatenbund sich wieder über die ganze Insel erstrecken, bis aus ihm — keine Unmöglichkeit für dieses politisch begabte Volk — ein einheitlicher Rechts- und Kulturstaat hervorgewachsen wäre.

Allmählich hatte jedoch der englische Staat in Irland an Macht bedeutend eingebüßt. Die irischen Stämme andererseits besaßen nicht genug Kraft, das Verlorene wieder zu gewinnen, so waren die eigentlichen Herren des Landes die Barone geworden. An Pässen [S. 21]und Furten nisteten sie sich mit Vorliebe ein. Hier errichteten sie ihre Schlösser, deren Ruinen, von dichtem Efeu überkleidet, noch heute allenthalben auf der Insel von der Vergangenheit künden. Neben diesen Zwingburgen wuchsen Abteien und Klöster empor, da der Edelmann, wenn er von Krieg, Raub und Mord gesättigt war, die Seele gern durch Spenden an die Kirche entlastete.

Während des 100jährigen Bürgerkrieges in England, da sich die weiße und die rote Rose unversöhnlich bekämpften, überwucherte die Macht des Adels in Irland die des Staates ganz. Der Bericht, die Schatzkammer habe im letzten Jahre nichts eingenommen, wurde stehend, und die Regierung war so ratlos, daß beständiger Wechsel der Statthalter ihre Hauptmaßregel blieb. Auf der grünen Insel empfand das Volk diese Zustände als drückend und unwürdig. Wir erkennen dies blitzartig aus der Tatsache, daß zwei Betrüger, die sich nacheinander für einen jener Söhne Eduards IV. ausgaben, die Richard III. umgebracht hatte, in Irland von hoch und niedrig jubelnd empfangen, ja in der Kathedrale des heiligen Patrick gekrönt wurden.

Jedenfalls wünschte man von England loszukommen, wie selbst die Beschlüsse des englisch-normannischen Parlaments in Irland aus dem Jahre 1459 zeigen, die den Anspruch erhoben, Irland sei durch seine Verfassung von dem Recht und den Gesetzen Englands getrennt. Der Wunsch nach Home Rule trat deutlich hervor.

8. Die Knebelung Irlands durch ein Staats-Grundgesetz (1495).

Hatte sich also unter den Plantagenets der Druck des englischen Staates in Irland gelockert, wofür es allerdings den vermehrten Druck der adeligen Grundherren hatte in Kauf nehmen müssen, so wurde die Staatsmacht von den Herrschern des Hauses Tudor mit allen Mitteln gestärkt. Der Adel mußte sich fügen, zugleich jedoch wurden alle Kreise gezwungen, den Nacken unter den Fuß Englands zu beugen.

[S. 22]

Die neue Politik begann unter Heinrich VII. Der König sandte, um die Zustände zu bessern, als Statthalter den außerordentlich tatkräftigen Sir Edward Poynings hinüber, dessen Aufgabe vor allem in der Schaffung einer engeren Verbindung zwischen beiden Ländern bestand. Poynings beseitigte das Fehderecht, indem er die Ansagung einer Fehde von der Erlaubnis des Königs abhängig machte. Gleichzeitig zwang er den Adel, sein Gefolge zu vermindern, wie dies auch in England geschehen war.

Alsdann bestimmte er — eine Maßregel von unabsehbarer Tragweite — mit Zustimmung eines Parlaments in Drogheda: sämtliche früheren Gesetze des englischen Parlaments über öffentliche Angelegenheiten sollten auch in Irland gültig sein. Diese Gleichmachung des irischen Rechtswesens mit dem englischen unter Ausschaltung der alt-irischen Rechtsbräuche gipfelte 1495 in dem Erlaß des Poynings-Gesetzes, das durch Jahrhunderte als Staatsgrundgesetz Irlands galt. Es bestimmte, daß kein irisches Parlament berufen werden dürfe, bevor die sämtlichen Vorlagen, die es beraten sollte, von dem englischen Kronrat genehmigt und dies unter dem großen Siegel bezeugt sei.

Dadurch wurde Irland dem Willen Englands als völlig untertan erklärt. Dieses Gesetz sprach mit dürren Worten aus, daß in Zukunft nur ein einziger Wille in Irland herrschen sollte: der englische. Die Iren sollten keine Vorschläge mehr zu machen haben, nur Ja und Amen zu den von der englischen Regierung gestellten Fragen sagen. Man kann dahingestellt sein lassen, ob das Poynings-Gesetz nur diese Absicht hatte, oder vielmehr auch die, wofür manches Anzeichen spricht, die Willkür der Statthalter zu beschränken. Tatsache war, daß auf dem Grunde des Poynings-Gesetzes die weitere Vergewaltigung der Insel wie auf einem rechtlichen Boden vor sich ging.

[S. 23]

9. Religiöse Wirren.

Dennoch war die englische Regierung nicht sicher, ob sie in dem irischen Parlament stets das gefügige Werkzeug finden würde, das zu sein sie ihm allein gestatten wollte. Sie schritt daher unter Heinrich VIII., den es nach dem Lande der Iren ebenso wie nach den Gütern der Kirche gelüstete, zu weiterer verfassungsmäßiger Knebelung.

In dem Parlamente, das 1536 nach Dublin berufen ward, gestattete man den Vertretern der Landgeistlichkeit (den Proctors) nur die Teilnahme als Beisitzer ohne Stimmrecht. Nach dieser Entrechtung der Opposition beschloß das Parlament, die Suprematie des Papstes aufzuheben und der Krone die Erträge aller Art aus kirchlichen Pfründen zuzusprechen, ihr auch den Besitz von 12 Klöstern zu verleihen. Alle Beamten, die sich weigerten, dem König den Suprematseid zu schwören, ihn also als Oberhaupt der Kirche anzuerkennen, seien als Hochverräter zu betrachten, und über sämtliche Anhänger des Papstes, die von Rom Dispens zu erwirken suchten, Freiheitsstrafen und Vermögens-Beschlagnahme zu verhängen.

Die Iren leisteten Widerstand; unter Leitung einzelner Häuptlinge, vor allem der O’Neills, kam es zum Aufruhr, den der Statthalter Lord Gray 1539 bei Bellahoe mit eiserner Hand niederschlug.

1541 wurde von seinem Nachfolger, dem Statthalter Saint Leger, ein neues Parlament berufen, das Heinrich VIII. und seinen Nachkommen statt des bisherigen Titels „Dominus Hiberniae (Herr von Irland)“, den er auf Grund der Bulle des Papstes Hadrian VI. vom Jahre 1154 geführt hatte, nun den Titel eines souveränen, vom Papste unabhängigen Königs von Irland zuerteilen mußte.

Da der König die katholische Lehre selbst nicht änderte und nur die alte Kirchenverfassung aufhob, erkannte ein Teil der irischen Häuptlinge diese Aenderung an, und [S. 24]so blieb alles auf der Insel ruhig — bis nach dem Tode Heinrichs das für England im Jahre 1548 abgefaßte neue Gebetbuch (Common Prayer Book) unter Eduard VI. ohne weiteres auch in Irland eingeführt werden sollte. Von der neuen Liturgie wollte das Volk schon deshalb nichts wissen, weil es in der ihm fremden englischen Sprache abgefaßt war. Allen berechtigten Wünschen der Iren zum Trotz erhielt der Statthalter von dem Lord-Protektor, Herzog von Somerset, 1551 den gemessenen Befehl, das Common Prayer Book nunmehr in sämtlichen Kirchen Irlands einzuführen. Der Statthalter berief zur Ausführung dieses Befehls ein Parlament. Die Ansicht der Versammlung war gespalten. Erzbischof Browne von Dublin trat auf die Seite der Regierung, während die Mehrzahl der Prälaten unter Führung des Erzbischofs von Armagh nach der Rede des Statthalters den Saal verließ. Die rücksichtslosen Maßnahmen, die nun folgten, brachten einen neuen Aufruhr zustande, und es wäre wahrscheinlich zu einem großen Revolutionskriege gekommen, hätte nicht die englische Regierung mit dem Tode Eduards VI. (1553) abermals das Bekenntnis gewechselt.

Kaum erreichte die Nachricht von der Thronbesteigung der katholischen Maria die Nachbarinsel, so nahm der Aufstand ein Ende, und sämtliche irische Häuptlinge erklärten ihre Unterwerfung — ja, sie feierten in der Hoffnung, nunmehr vor neuen Bedrückungen sicher zu sein, den Regierungsantritt der Königin mit Prozessionen und Kirchenfesten.

Das Parlament des Jahres 1556 widerrief alle Gesetze, die Heinrich VIII. gegen die katholische Kirche erlassen hatte, gab die Suprematie in geistlichen Dingen dem Papste zurück und ließ die päpstliche Bulle verlesen, die den Ständen Irlands die Absolution erteilte und sie wiederum in den Schoß der Kirche aufnahm. Schon im Jahre vorher hatte der Vatikan der neuen Königin das [S. 25]Entgegenkommen erwiesen, die Umwandlung Irlands in ein Königreich gemäß der staatsrechtlichen Aenderung des Jahres 1541 anzuerkennen. Dieses katholische Parlament zeigte große Duldsamkeit: es verzichtete darauf, die säkularisierten Kirchen und Klostergüter, die an Laien verkauft waren, an ihre früheren Besitzer zurückzugeben; während die Krone die Kirchen- und Klostergüter, die an sie gefallen waren, freiwillig zurückerstattete. Auch wurde der Ueberzeugung Andersgläubiger keine Gewalt angetan. Selbst in Dublin konnte ein reformierter Prediger für die Anhänger der neuen Lehre Gottesdienst halten. In demselben Jahre also, in denen sich in England im Namen der alleinseligmachenden Kirche unsägliche Greuel abspielten, sodaß die Königin Maria dort bei den Protestanten den Namen der „blutigen Maria“ erhielt, gab es in Irland infolge der außerordentlichen Duldsamkeit und Mäßigung, durch die sich diese Nation stets ausgezeichnet hat, keinerlei Märtyrer.

10. Der Vernichtungskrieg der Königin Elisabeth.

Allein schon zwei Jahre später erfolgte mit der Thronbesteigung der Königin Elisabeth wiederum ein gänzlicher Umschwung der Kirchenpolitik in England. Auch Irland sollte nun, ob es wollte oder nicht, den abermaligen Uebertritt von dem einen Bekenntnis zu dem anderen mitmachen. Dem Parlamente, das 1560 einberufen ward, wurde die Aufgabe gestellt, die neuen englischen Kirchengesetze auch für Irland zu unterschreiben: die Kirchengesetzgebung der Königin Maria sollte abgeschafft, die Gesetzgebung in geistlichen Dingen und das Recht, freiwerdende Bischofssitze zu besetzen, der Krone übertragen und scharfe Strafbestimmungen über diejenigen verhängt werden, die an der Gültigkeit einer fremden Autorität in geistlichen Dingen festhielten.

Infolgedessen begannen in Irland abermals Aufstände [S. 26]gegen England. 1562 erhob sich Shane O’Neill in Ulster, und es verging nun fast kein Jahr, ohne daß sich einer der Häuptlinge gegen die Regierung empört hätte. Fast alle diese Aufstände hatten denselben Grund: England beanspruchte, über irische Dinge ohne viel Federlesens zu bestimmen, und die Irländer wollten sich dieser Gewaltherrschaft nicht fügen. Furchtbare Greuel verübten die englischen Truppen, ganze Landschaften wurden entvölkert, in Munster ward 1580–84 ein erbarmungsloser Krieg geführt, der nach offenem Eingeständnis das Ziel hatte, keine Eingeborenen dort übrig zu lassen. Kein Kind, kein Greis, kein weibliches Wesen fand Schonung — geschweige denn ein waffenfähiger Mann. Nicht ein Dorf und nicht ein Pachthaus sollten stehen bleiben, alles ward mit Feuer und Schwert verwüstet, auch die Ernte und alle erreichbaren Lebensmittel wurden vernichtet. Zu Tausenden kamen die Iren, durch Hunger entkräftet, in den Wäldern um.

Denn über allen religiösen Wünschen stand der englischen Krone die Ausbeutung Irlands. 1536 hatte Heinrich VIII. durch das gefügige Dubliner Parlament den Großgrundherrn Fitzgerald, Grafen von Kildare, des Hochverrats für schuldig erklären lassen, um ihn seiner Ländereien zu berauben; ein großer Teil von Leinster fiel dadurch in die Hände des Königs. 1570 geschah ähnliches mit dem Besitztum Shane O’Neills, dem größten Teile von Ulster. 1586 kamen die Grafen Desmond, ein anderer Zweig des Hauses Fitzgerald, an die Reihe, wodurch ein bedeutender Teil von Munster an die Krone fiel. Im Laufe eines knappen halben Jahrhunderts wurde ein großer Teil des Bodens den Iren entrissen — obwohl nach irischer Rechtsanschauung der der Allgemeinheit gemeinsam gehörende Boden selbst dann, wenn sich der Stammesführer strafbarer Vergehen schuldig machte, dem Stamm nicht entzogen werden durfte. So bedeutete die gewaltsame Enteignung der Mehrheit der Bevölkerung von Leinster, Ulster und Munster [S. 27]wegen des „Hochverrats“ ihrer Führer einen unentschuldbaren Verstoß gegen die irischen Rechtsbegriffe.⁠[8]⁠

Diese Schreckensherrschaft fand eine kurze Unterbrechung durch die kluge und versöhnliche Politik des 1584 als Statthalter nach Irland entsandten Sir John Perrot. Dem Parlament, das er 1585 berief und in dem auch einige irische Häuptlinge in englischer Tracht erschienen, legte er den Antrag vor, das Poynings-Gesetz abzuschaffen, um den Iren größere Selbstverwaltung zu gewähren. Allein die Vertreter der englischen „Einpfählung“ bekämpften diesen Vorschlag hartnäckig, Perrot konnte ihn nicht durchsetzen, und nach nicht langer Zeit berief ihn Elisabeth ab. Unter der Anklage, er habe sich mit irischen Häuptlingen in eine Verschwörung gegen seine Königin eingelassen und sei mit Alexander von Parma in Verbindung getreten, wurde er dem Scharfrichter überliefert.

11. Scheinbare Ruhe.

Es folgte eine lange Kette von Reibungen und Aufständen, in denen die Greuel von Munster erneuert wurden. Erst unter Elisabeths Nachfolger, Jakob I., glaubten die Iren neue Hoffnung schöpfen zu dürfen. Wurde doch nun (1613), nachdem 27 Jahre lang kein Parlament zusammengetreten war, wiederum ein solches nach Dublin einberufen. Indessen befürchteten die Iren abermalige Entrechtung, da der König unmittelbar vorher 40 neue Parlamentssitze schuf, die von bestimmten Burgflecken (Boroughs) zu besetzen seien. Die Irländer vermuteten dahinter die Absicht, die Strafgesetze gegen den Katholizismus, die das englische Parlament beschlossen hatte, auf Irland zu übertragen. Beriefen sie sich aber auf die englische Verfassung, so antwortete der Gouverneur Mountjoy: er werde König Jakobs Schwert ziehen, um damit König Johanns Charta zu zerhauen.

Sechs katholische Lords wandten sich deshalb, sobald [S. 28]das Gerücht von der Einberufung des durch 40 Sitze vermehrten Parlamentes auftauchte, an den König mit einer Gegenbitte. Jakob wies sie ab. Der Wahlkampf war äußerst heftig. In der ersten Sitzung des Parlaments (18. Mai 1613) entspann sich sofort ein heftiger Kampf um die Wahl des Präsidenten. Die Regierung siegte, ihr Kandidat, Davies, wurde gewählt. Die katholische Partei erklärte darauf, an den Arbeiten des Parlamentes nicht mehr teilnehmen zu wollen, und es verbreitete sich im Lande so große Aufregung, daß der Statthalter es für geraten hielt, das Parlament bis auf weiteres zu vertagen. Erst zwei Jahre später kam eine Einigung zustande: die Katholiken gaben ihren Widerspruch gegen die Schaffung der neuen 40 Sitze auf, erkannten Davies als Sprecher (Präsidenten) des Parlamentes an, erhielten dagegen von der Regierung die Zusicherung, sie werde neue Strafgesetze nicht erlassen.

Jedenfalls war die Macht des Königs groß genug, das alt-irische Recht — den Brehon — abzuschaffen. Bis dahin waren die Bauern zwar an die Scholle gefesselt, hatten jedoch Anteil an dem Gemeinschaftsbesitz des Grund und Bodens gehabt. Nun verwandelten sie sich in Pächter, die allerdings die Freizügigkeit besaßen, aber auch von den Grundherren durch Kündigung von Haus und Hof vertrieben werden konnten.

Im allgemeinen fühlten sich die Iren jedoch unter der Herrschaft Jacobs wohler als unter der Elisabeths. Die Katholiken wurden nicht so hart behandelt. Die Regierung ließ sie nun auch zu Aemtern zu, was unter Elisabeth nicht der Fall gewesen war. Allein es waren nur wenige und nicht die besten und ertragreichsten Stellen, die ihnen offen standen; die fettesten Posten wurden mit englischen Günstlingen besetzt. Wenigstens blieb aber ein Recht der Iren unangetastet, das sogar unter Elisabeth fortbestanden hatte: ins Parlament zu wählen und dort als Abgeordnete zu wirken.

[S. 29]

In diesem Zeitabschnitt bewiesen die Iren von neuem, daß sie Ruhe und Ordnung hielten, falls man sie nicht schwer bedrückte. Jahrzehntelang kam es zu keiner neuen Aufruhrbewegung. Auch der 1632 von Karl I. als Statthalter nach Irland entsandte Thomas Wentworth (der spätere Lord Strafford) vermochte mit dem 1634 einberufenen Parlament, in welchem er beide Parteien gegeneinander ausspielte, jahrelang auszukommen. Er bediente sich derselben Doppelzüngigkeit, die sein Fürst an den Tag legte. So trieb die Regierung einen schwunghaften Handel mit Erleichterungen aller Art, die sie sich von den Iren abkaufen ließ, um sie später dennoch zu brechen. Z. B. ließ sich Karl von den Katholiken die Dispensation von den strengen religiösen Strafgesetzen um bedeutende Bußgelder (Graces) abkaufen. Glaubten die Iren aber, sich darauf berufen zu können, etwa gar das Besitzrecht an ihren Ländereien durch Schmerzensgelder wieder erhalten zu können, so sahen sie sich schmählich enttäuscht, da der König nicht selten die erteilten Bewilligungen zynisch unter dem Vorwande widerrief: er habe ohne vorherige Genehmigung des englischen Kronrats, also entgegen dem Poynings-Gesetz, gehandelt. An Rückzahlung der Bußgelder dachte er nicht.

Wie eisern die Faust seines Statthalters auf dem Lande lastete, sollte sich erst nach seinem Sturze zeigen. Solange er anwesend war, schienen die Beschlüsse beider Häuser des irischen Parlaments darauf hinzudeuten, daß im Lande keine Mißstimmung herrsche. Während sich in England bereits arge Unzufriedenheit geltend machte, schien in Irland noch alles ruhig zu sein: noch am 23. März 1640 bewilligten Oberhaus und Unterhaus dem Statthalter Hilfsgelder zum Kriege gegen den Aufstand in Schottland, ja, in den einleitenden Worten zu diesem Gesetze rühmten sie die Verwaltung Straffords und dankten ihrem Könige, daß er ihnen einen so klugen, gerechten und wachsamen Statthalter gesandt.

[S. 30]

12. Neue Schreckensherrschaft: Strafford und die Oberrichter.

Allein bald darauf sollte sich zeigen, daß Strafford diese scheinbare Ruhe und Einigkeit in Irland nur durch rücksichtslose Gewalt erzielt hatte. Nachdem er am 11. November 1640, einen Tag nach seinem Eintreffen in London, im dortigen Unterhause von Pym in heftiger Rede angegriffen und bald darauf in Anklage-Zustand versetzt war, fühlte man sich in Irland von seinen Bedrückungen frei. Als nun gar am 22. März 1641 vor dem englischen Oberhause der Staatsprozeß gegen den bisher Allmächtigen begann, faßte das irische Unterhaus, von dem Zwange befreit, unverhohlene Beschlüsse gegen Strafford.

Es erließ eine Kundgebung, wonach die ehrenvollen Aeußerungen über die Tätigkeit des gewesenen Statthalters durch ihn oder seine Anhänger erschlichen seien — daß der unglückliche Zustand der Insel „der ungesetzlichen, willkürlichen und tyrannischen Verwaltung des Statthalters“ zuzuschreiben sei — und daß eine Abordnung nach London zu gehen habe, um dem Staatsprozeß beizuwohnen.

Die Anklageschrift gegen Strafford enthielt schwere Vorwürfe auch gegen seine Tätigkeit in Irland: er habe danach gestrebt, dort eine willkürliche und tyrannische Herrschaft gegen das Gesetz einzuführen, und habe den hochverräterischen Rat gegeben, mit Hilfe des irischen Heeres England zu unterwerfen; die Autorität seiner Herrschaft habe er dazu benutzt, um die Papisten aufzurichten und zu ermutigen; die Geschworenen-Gerichte in Connaught, die ihren Wahrspruch nach ihrem Gewissen abgegeben, habe er durch das Hofkammer-Gericht bestraft, zuweilen sogar der Plünderung ausgesetzt, einigen die Ohren abschneiden und die Zunge durchbohren, anderen mit glühendem Eisen ein Zeichen auf die Stirn brennen lassen.

Am 11. Mai 1641 mußte Graf Strafford, von seinem König im Stich gelassen, das Haupt auf den Richtblock legen. [S. 31]Dennoch brachen für Irland keineswegs glücklichere Zeiten an. Bei der Abberufung Straffords war die Regierung in die Hände von Sir W. Parsons und Sir John Borlase als Oberrichter (Lords Justices) gelegt worden. Beide waren bei den Iren verhaßt, weil sie rücksichtsloser Unterdrückung das Wort geredet hatten, die sie nun, in ihrer neuen Würde, mit noch größerer Machtvollkommenheit durchsetzten. Es ging des Gerücht, Parsons habe auf einem öffentlichen Gastmahl prophezeit: binnen Jahresfrist werde kein Katholik mehr auf der Insel leben. So griff allenthalben die Furcht um sich, sowohl der Religion als des Besitzes beraubt zu werden. Eine Möglichkeit, ihre Befürchtungen und Wünsche bei der englischen Regierung zu vertreten, hatten die Iren um so weniger, als England selbst von Parteikämpfen bis in den Grund zerwühlt war. So kam es 1641 zum Aufstand, der Irland furchtbar verwüstete, da er von den Engländern mit beispielloser Grausamkeit niedergeschlagen ward.

13. Der Aufstand 1641–1649 und seine Folgen.

Die Oberrichter taten nichts, um den Aufstand zu verhindern. Im Gegenteil: sie wünschten ihn, weil sie dann um so mehr irische Ländereien mit Beschlag belegen konnten. Anstatt also die Tagung des Parlamentes, das am 17. November 1641 zusammentreten sollte, zu eröffnen, verschob man sie bis zum 24. Februar 1642. Damit war, wie schon so oft, den Irländern die Möglichkeit genommen, ihre Beschwerden in gesetzmäßiger Form vorzubringen. Der Aufstand verlief denn auch nach Wunsch: das englische Parlament erklärte 2½ Millionen Morgen irisches Land für eingezogen und den katholischen Glauben für abgeschafft und ließ die englischen Truppen mit Feuer und Schwert wüten.

1649 allerdings schien sich für Irland der Horizont wieder aufzuhellen. Der neue Statthalter, Marquis von Ormond, schloß im Januar mit den Aufständischen Frieden [S. 32]in der Absicht, wenigstens Irland für Karl I. zu retten. Nach der Hinrichtung des Königs erkannte man hier seinen Sohn als Nachfolger an. Allein dem englischen Parlament war an solcher Regelung der Sache nicht gelegen. Es bekämpfte auf der benachbarten Insel nunmehr sowohl den Katholizismus wie das Königtum. Zum Statthalter ernannte es Cromwell, der mit 12000 Mann nach Irland zog, durch ungeheuerliche Bluttaten maßloses Grausen schuf und dadurch in dreiviertel Jahren beinahe die ganze Insel unterjochte.

Seine Schreckensherrschaft fortzusetzen überließ er alsdann seinem Schwiegersohn Ireton und nach dessen Tode Ludlow. In dem Zeitraum von 1641–1652 waren auf der nicht eben menschenreichen Insel etwa 600000 Menschen durch das Schwert, Krankheit und Hunger umgekommen, 100000 weitere wanderten aus oder wurden verbannt, der Rest verlor größtenteils seinen Grundbesitz und wurde in die Provinz Connaught abgeschoben, die den am wenigsten fruchtbaren Boden besitzt, während das in den Provinzen Ulster, Leinster und Munster beschlagnahmte Land an englische Kolonisten vergeben wurde. „In die Hölle — oder nach Connaught!“ riefen die Engländer den Iren zu.

Die Wiedereinsetzung des Königtums in England gab den Iren durch das Siedelungsgesetz des Jahres 1660 nur einen kleinen Teil der ihnen geraubten Ländereien zurück. Arbeitete doch die Kommission, die den Auftrag erhielt, die Ansprüche von 4000 „unschuldigen Papisten“ auf Wiedereinsetzung in ihr Besitzrecht zu prüfen, außerordentlich langsam: in den ersten 3 Monaten wurden nur 185 Fälle untersucht, und es stellte sich dabei die unangenehme Tatsache heraus, daß nur in 19 eine bestimmte Schuld nachgewiesen werden konnte, sodaß in den übrigen 166 auf Grund des Gesetzes Entschädigung gewährt werden mußte. Offenbar hatte die große Mehrzahl der ihrer Güter Beraubten ihr Schicksal [S. 33]nicht verdient. Ergaben die weiteren Verhandlungen ähnliche Feststellungen, so war es unvermeidlich, daß die Güter der englischen „Kolonisten“ angegriffen werden mußten, um die Ansprüche der unschuldigen Iren, weil man sie mit Geld nicht alle hätte entschädigen können, zu befriedigen.

Die Engländer aber wollten die geraubten Güter nicht wieder hergeben, und es entstand daher von neuem eine gereizte Stimmung. In dem Unterhaus, das nunmehr zum großen Teil aus Engländern bestand, gab der Präsident der Befürchtung Ausdruck, die Staatsreligion sei in Gefahr, durch das Vorwalten des katholischen Interesses untergraben zu werden, und ehemalige Offiziere des Cromwellschen Heeres, jetzt Grundbesitzer in Irland, planten einen Aufstand, falls man ihnen ihre Güter nehmen wollte. In England war man noch weniger geneigt, den Wünschen der Iren Rechnung zu tragen. Der leichtfertige Karl II. schlug sich daher alsbald die bestimmten Versprechungen, die er den Iren gegeben, sie wieder in ihre Besitzungen einzusetzen, aus dem Sinn und duldete, daß 1665 durch ein Erläuterungsgesetz bestimmt wurde: die angesiedelten Soldaten und Abenteurer sollten ⅓ des Besitzes abgeben, die Iren ⅔ des Landes, das sie im September 1663 besaßen, erhalten; alle Ansprüche, über die noch keine Entscheidung getroffen war, seien zurückzuweisen — mit Ausnahme derer von 20 katholischen Familien, die in ihre Güter aus Gnade wieder eingesetzt wurden.

Es wurde damit also endgültig ausgesprochen, daß etwa 3000 frühere Besitzer ihre Güter verloren. Hatten die katholischen Iren 1641 noch ⅔ der Landflächen der Insel besessen, so waren sie nunmehr auf ⅓ zurückgedrängt.

14. Der Krieg der Jahre 1689–1691.

Es ist nicht zu verwundern, daß durch diese Entrechtung unter den Eingeborenen die Mißstimmung verschärft wurde. Als nach dem Tode Karls II. (1685) sein Bruder [S. 34]Jakob II. den Thron bestieg, dessen Vorliebe für den Katholizismus bekannt war, schöpften die Iren von neuem Hoffnung. Wie stets, wenn in England Parteikämpfe ausbrachen, griffen diese auch jetzt nach Irland über und tobten hier noch weit heftiger.

Aus England vertrieben, suchte Jakob von Irland aus das Verlorene wieder zu gewinnen. Am 24. März 1689 zog er, von den Katholiken mit Jubel empfangen, in Dublin ein, wo er alsbald auf den 7. Mai ein Parlament einberief. Es unterschied sich von seinen letzten Vorgängern darin, daß es nur wenige Protestanten enthielt, weil bei der Nachricht von der Landung des Königs ein erheblicher Teil gerade der wohlhabenden Nichtkatholiken nach England geflüchtet war. Im Unterhause befanden sich unter 250 Mitgliedern diesmal nur 6 Protestanten, im Oberhause nur 4 Bischöfe und etwa 5 weltliche Lords.

Es versteht sich von selbst, daß dieses Parlament Beschlüsse faßte, die denen der letzten Menschenalter entgegengesetzt waren. England hatte Haß gesät — es konnte nicht erwarten, etwas anderes denn Haß zu ernten. Trotzdem ließ das irische Parlament die Mäßigung keineswegs missen. Weit entfernt, dieselben Unterdrückungsmaßregeln, die gegen die Katholiken bestanden hatten, nun gegen die Protestanten zu beschließen, sicherte es durch ein Toleranz-Gesetz allen christlichen Bekenntnissen Religions-Freiheit zu.

Allerdings verfolgte man dennoch die Protestanten — allein man hätte von diesem geknechteten Volke übermenschliche Milde erwarten müssen, wäre dies nicht geschehen. Der heftigste Beschluß, den das Parlament faßte, war die Annahme des Hochverrats-Gesetzes, das bestimmte: alle irischen Untertanen, die sich nach England begeben hätten, seien des Hochverrats für schuldig zu erklären, zum Tode zu verurteilen und ihrer Güter zu berauben — falls sie sich nicht innerhalb kurzer Frist [S. 35]dem rechtmäßigen König, Jakob II., unterwürfen. Das Verzeichnis der Schuldigen umfaßt etwa 2000 Namen, darunter die Hälfte der irischen Lords. Wie dies in Zeiten erbitterter Parteikämpfe zu geschehen pflegt, wurde es ohne sorgfältige Prüfung aufgestellt. Die Grausamkeit des Verfahrens wurde nur dadurch gemildert, daß man überzeugt war, die große Mehrzahl der zu Bestrafenden werde sich nicht blicken lassen, sodaß es sich nur um Einziehung ihrer Güter handelte. Nach der Raubpolitik, durch die England die Iren ein Menschenalter zuvor um die Hälfte ihres Grundbesitzes bestohlen hatte, kann man diesen Beschluß nicht eben schwer verdammen.

Das Hauptziel des irischen Parlaments war jedoch, seine Unabhängigkeit von der englischen Regierung festzustellen. Deshalb hatte es, bevor es irgend einen anderen Beschluß faßte, das Poynings-Gesetz des Jahres 1495 für ungültig erklärt. Es sollte damit die Unterjochung des irischen Parlaments unter dem englischen Kronrat aus der Welt geschafft, keineswegs jedoch die Personal-Union mit England beseitigt werden. Die Iren wollten nur ein ähnliches Verhältnis zu England herstellen, wie es zwischen Schottland und England seit der Personal-Union durch den Regierungs-Antritt Jakobs I., des Sohnes der Maria Stuart (1606), bestand.

15. Die Vernichtung der Kapitulation von Limerick durch England.

Indessen fielen alle diese Beschlüsse und Hoffnungen in sich zusammen, da England nach erbitterten Kämpfen Irland von neuem unterjochte. Am 3. Oktober 1691 wurden in Limerick die Kapitulations-Bedingungen für die letzte Stadt unterzeichnet, in der sich die Iren gehalten hatten, nachdem Jakob bereits mehr als ein Jahr zuvor nach Frankreich geflohen war.

Limerick trägt seither unter den Iren den Namen [S. 36]„die Stadt des gebrochenen Vertrages“. Denn die wichtigsten Bestimmungen der Kapitulation wurden von England in Stücke gerissen. Der befehligende General ließ zwar die irische Besatzung von Limerick, dem Vertrage gemäß, abziehen und die meisten übrigen militärischen Vereinbarungen erfüllen, der politische Teil des Vertrages jedoch wurde nicht gehalten, obwohl sich der neue englische König, Wilhelm III., bemühte, das englische Parlament dazu zu bewegen.

Der 1. Artikel des Vertrages bestimmte: die Katholiken Irlands sollten alle Freiheiten und Privilegien behalten, die sie zur Zeit Karls II. gehabt. Ferner hieß es in dem von Ginkel (dem englischen kommandierenden General) und den Oberrichtern unterzeichneten Vertrage: Ihre Majestäten (Wilhelm III. und seine Gemahlin Marie, die als Tochter Jakobs II. den eigentlichen Thron-Anspruch hatte) würden bemüht sein, sobald ihre Geschäfte es erlaubten, ein Parlament einzuberufen, „um den Katholiken solche fernere Sicherheit zu verschaffen, die sie gegen jede Störung in Betreff ihrer Religion zu beschützen vermöge“.

Die Iren hatten geglaubt, ein Vertrag, der von allen höchsten Spitzen ihrer Gegner unterzeichnet war, könne von dem englischen Parlament, das damals nicht tagte, später unmöglich verworfen werden. Allein sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Als der Vertrag dem Parlament in Westminster vorgelegt wurde, erklärte sich die aus eifrigen Mitgliedern der Hochkirche bestehende Mehrheit in blindem Katholiken- und Irland-Hasse dagegen, daß irgend jemand im irischen Ober- und Unterhaus sitzen oder stimmen dürfe, der nicht zuvor den Suprematseid geleistet und eine Erklärung gegen das Meßopfer, die Transsubstantiation, den Götzendienst der römischen Kirche und die Anrufung der Heiligen unterschrieben habe.

Durch diese Maßregel wurde die große [S. 37]Mehrheit des irischen Volkes jedes politischen Rechtes, ja selbst der Möglichkeit, seine Wünsche zu äußern, beraubt. Während man es in England als einen Grundzug der Verfassung betrachtete, daß Steuern nur unter Zustimmung der Besteuerten, das heißt nur dann erhoben werden durften, wenn diese im Parlament vertreten seien, dachte man garnicht daran, Irland die gleiche Wohltat zuteil werden zu lassen. ⁹⁄₁₀ seiner Bevölkerung verloren durch diesen Federstrich des englischen Parlaments vom Jahre 1691 das aktive Wahlrecht. Nur Angehörige der englischen Staatskirche und andere Protestanten (Dissenters) durften ihre Stimme abgeben. 1704 raubte man sogar diesen letzteren Protestanten das Wahlrecht durch die Bestimmung: jeder, der in das Parlament eintreten wolle, habe die Pflicht, das Abendmahl nach dem Ritus der Hochkirche zu nehmen.

Es blieb mithin etwa einem Sechstel der irischen Bevölkerung das Recht, Abgeordnete in das Parlament zu entsenden. Aber nicht etwa dieses ganze Sechstel durfte sich daran beteiligen. Vielmehr war vom allgemeinen Wahlrecht so wenig die Rede, daß die Entsendung von Vertretern auf eine bestimmte Zahl von Grafschaften (Kreisen), Städten und Burgflecken (Boroughs) beschränkt war. Die letzteren, von denen jeder nur eine sehr geringe Menschenzahl umfaßte, waren so völlig in der Hand ihrer Grundherren, daß die Wahl des Abgeordneten dort nur von einem einzigen Mann abhing. Diese Burgflecken aber spielten in Irland eine weit bedeutendere Rolle als in England, da das Recht der Krone, neue Burgflecken zu schaffen, das heißt bestimmten Großgrundbesitzern das Recht zu verleihen, einen Abgeordneten ins Unterhaus zu entsenden, in England abgeschafft wurde, während es in Irland weiter bestand. Wir haben gesehen, daß Jakob I. 40 neue Burgflecken schuf. Karl I., Karl II. und Jakob II. hatten 36 ins Leben gerufen, Wilhelm III. beschränkte sich auf 11. Es kam schließlich dahin, daß von 300 Mitgliedern [S. 38]des irischen Unterhauses nicht weniger als 216 in Burgflecken gewählt wurden!

Die Vorherrschaft der Großgrundbesitzer verschlimmerte diesen unerträglichen Zustand, da einige wenige Adlige ganze Scharen von Abgeordneten ernennen konnten. Aus einem Geheim-Bericht, den die Regierung in Irland 1784 an den englischen Ministerpräsidenten erstattete, geht beispielsweise hervor, daß Lord Shannon über 16 Sitze im irischen Unterhause gebot, der Herzog von Leinster über 7, die Familie Ponsonby über 14.

Auch in den Städten lag das Wahlrecht keineswegs in der Hand aller Bürger, sondern wurde von Körperschaften ausgeübt, die eine Vertretung des Willens oder auch nur der Wünsche und Beschwerden der Mehrzahl der Bevölkerung kaum möglich erscheinen ließen.

So bildete denn das irische Parlament vom Ende des 17. Jahrhunderts an durchaus keine Vertretung der irischen Nation. Es war nichts anderes denn eine Interessen-Vertretung der englischen Großgrundbesitzer dort und einiger enger städtischer Berufskreise. Da es grundsätzlich nur aus Protestanten bestand, so benutzte es jede Gelegenheit, um die katholische Bevölkerung, die diesen an Zahl vielfach überlegen war, zu knechten. Ja, es begnügte sich nicht mit Maßregeln gegen den Papismus, sondern ließ dem Hasse der Engländer gegen alles Irische die Zügel schießen, indem es ein System der Gesetzgebung begann, das scheinbar den Zweck hatte, dem Anwachsen des Katholizismus zu steuern, während es tatsächlich, wie Burke es Ende des 18. Jahrhunderts nannte, „die Wirkung des nationalen Hasses und Hohnes gegen ein Volk war, das die Sieger frohlockend mit Füßen traten und das herauszufordern sie sich nicht fürchteten“.

Das irische Volk wurde planmäßig entrechtet, indem das irische Parlament, nunmehr weiter nichts als das gefügige Werkzeug des englischen, eine Kette von Unfähigkeits-Gesetzen (Disabilities Acts) schuf, deren [S. 39]erste noch unter der Regierung Wilhelms III. erlassen wurden, worauf alsbald weitere folgten — bis der empörende Bau vollendet war. Nachdem sich das englische Parlament im Dezember 1691 die Bestimmung darüber angemaßt hatte, wer im irischen Parlament sitzen und stimmen dürfe, ward Irland mehr denn je als unterjochtes Gebiet behandelt, dem man keinerlei rechtliche oder moralische Rücksicht schuldete.

England hat diese Gewalt-Herrschaft mit der Lüge zu rechtfertigen gesucht: die Iren hätten durch Aufstände dazu gezwungen. Indessen flammte in dem langen Zeitraum, der auf die Unterzeichnung des Vertrages von Limerick folgte, trotz der elenden Lage des irischen Volkes und trotz seiner Verzweiflung nicht ein einziger Aufruhr empor. Während in Schottland noch 1715 und 1743 Revolutionen stattfanden, denen sich anzuschließen die jakobitische Partei in England nicht übel Lust hatte, blieb Irland auch während dieser Jahre ruhig. Die Berufung auf die „Rebellion“ des Jahres 1689 aber ist mehr denn Heuchelei. Auch englische Geschichtsschreiber erkennen dies an; beispielsweise sagt Lecky: „Von den irländischen Katholiken zu behaupten, sie hätten eine unheilbar rebellische und undankbare Gesinnung an den Tag gelegt, weil sie im Revolutionskampfe auf die Seite ihres legitimen und erblichen Souveräns traten, welchem alle Klassen Treue geschworen hatten, und dessen Recht, als sie die Waffen ergriffen, durch keinen Beschluß des irländischen Parlaments in Frage gestellt war — das ist eine so wunderliche und so durchsichtige Verleumdung, daß nur solche Fürsprecher der Verfolgung dazu ihre Zuflucht nehmen konnten, die sich zu jeder Art von Rabulisterei für ihre Sache erniedrigen würden“.⁠[9]⁠

[1] Green: Irish Nationality. S. 100 f.

[2] Chatterton-Hill. S. 24.

[3] Green. S. 100.

[4] Barrington. S. 200.

[5] Hallam: Constitutional history of England. S. 837 f.

[6] In den englischen Staatsakten jener Zeit wird sorgfältig zwischen 3 Gruppen unterschieden: 1. Des Königs irische Untertanen, 2. des Königs irische Rebellen, 3. des Königs irische Feinde. Letztere werden wohl auch Irrois sauvages genannt.

[7] Fitz ist nichts anderes als die verschlechterte Schreib- und Sprechweise für das französische Fils. Fitzgerald bedeutet also „Sohn Geralds“.

[8] Chatterton-Hill. S. 39 f.

[9] Lecky: Geschichte Englands im 18. Jahrhundert. Band 1, S. 301.

Schlussvignette im Jugendstil

[S. 40]

Kopfvignette,   florales Muster

2. Buch:
Das Zeitalter der Strafgesetze.

1. Die Strafgesetze. — 2. Innere Wandlung. — 3. Das Elend des Volkes zwingt zur Milderung der Strafgesetze. — 4. Irland beginnt, Rechte zu fordern. — 5. Die Tuchhändlerbriefe. — 6. Neue Wünsche. — 7. England reißt die oberste Rechtsprechung an sich. — 8. Das irische Parlament gegen die Ausbeutung des Landes. — 9. Irland gibt sich nicht zufrieden. — 10. Irland erkämpft die gewünschte Parlamentsdauer. — 11. Neue Zerwürfnisse. — 12. Die weißen Neger. — 13. Die Unzufriedenheit wächst. — 14. Die Revolution in Nord-Amerika — 15. Die Forderung der Handelsfreiheit. — 16. Die Freiwilligen-Bewegung. — 17. Irland vor der Revolution.

„Jahrhunderte des Raubes und der Gewalttat. Gleichgültigkeit, abwechselnd mit Wildheit. Nicht ein Schimmer von Menschlichkeit oder von politischer Klugheit. Nicht einmal die Klugheit des Bauern, der für sein Vieh sorgt, damit es nicht zugrunde geht“.

John M. Robertson: The Saxon and the Celt.
London 1897. S. 313.

1. Die Strafgesetze.

Die ärgste Knechtung war aber noch nicht einmal im Jahre 1691 oder den folgenden Jahren geschehen. Vielmehr war es gerade die Ruhe und Ergebung des Volkes, die dem irischen Schein-Parlament Lust machte, die Strafgesetze weiter auszugestalten — bis sie einen Punkt erreichten, für den es in der Geschichte irgend eines europäischen Volkes mit Ausnahme Rußlands kein Gegenbeispiel gibt.

Das Gesetz, das am unverhohlensten darauf ausging, die irischen Katholiken in den Zustand hoffnungsloser Knechtung herabzudrücken, wurde im Jahre 1703 erlassen. Sein Titel lautet „Ein Gesetz, um das weitere Anwachsen des Papismus zu verhüten“. Es beginnt mit der Rechtfertigung seiner Notwendigkeit: noch immer beharrten die Papisten bei ihren groben und gefährlichen Irrtümern, einige Protestanten hätten sich zum Papismus bekehren lassen, und einige Papisten hätten sich [S. 41]geweigert, für ihre protestantischen Kinder zu sorgen. Nicht einmal dieses Gesetz wagte zu behaupten, daß Aufstände oder die Gefahr einer Revolution die Knechtung als Vorsichtsmaßregel erheischten.

Die irischen Strafgesetze erniedrigten sämtliche Katholiken in Irland, also beinahe die ganze Nation mit Ausnahme des kleinen Bruchteils von Protestanten, deren Mehrzahl Engländer waren, zu Heloten. Die Entrechteten hatten weder aktives noch passives Wahlrecht zum Parlament, sie waren von der Teilnahme an der Stadtverwaltung, an allen übrigen Selbstverwaltungs-Körpern, Gerichtshöfen und an der Rechtsanwaltschaft unbedingt ausgeschlossen. Nicht einmal bei Kirchenvorsteher-Wahlen hatten sie Stimmrecht. Weder durften sie Geschworene noch Scheriffs, weder Polizeidiener noch Soldaten oder Matrosen, weder Wildhüter noch auch nur Nachtwächter werden. Ihre Verheiratung mit Protestanten war verboten. Ging einer solche Ehe ein, so war sie gesetzlich ungültig, die Kinder waren Bastarde, der Priester, der die Ehe eingesegnet hatte, konnte gehängt werden. Von Protestanten durfte ein Katholik weder Land kaufen, noch erben, noch als Geschenk annehmen. Er durfte von ihm keine lebenslängliche Leibrente erhalten, kein Grundstück für einen Zeitraum von mehr als 31 Jahren pachten und kein Grundstück in Pacht nehmen, dessen Gewinn ⅓ des Pachtzinses überstieg. Gelang es einem Pächter, durch seinen Fleiß einen höheren Ertrag zu erzielen, so war er verpflichtet, die Pachtsumme sofort zu erhöhen. Tat er dies nicht, so konnte jeder Protestant, auch wenn er bisher nicht das geringste Anrecht auf das Grundstück gehabt hatte, sich seinen Besitz dadurch verschaffen, daß er anzeigte, die Pachtsumme sei zu gering. Kaufte ein Katholik ein Stück Land heimlich an, so konnte sich jeder Protestant, der gegen ihn Anzeige erstattete, in den Besitz des Grundstückes setzen. Die wenigen katholischen Landbesitzer, die man noch duldete, wurden wenigstens [S. 42]des Rechtes beraubt, das jeder andere Mensch besaß, sein Grundeigentum beliebig zu vererben. Huldigten seine Söhne dem Papismus, so mußte er das Land gleichmäßig unter sie verteilen. Erklärte jedoch der älteste Sohn, daß er diesen Glauben aufgebe, so erhielt er das ganze Grundstück — und zwar nicht erst nach dem Tode des Vaters, sondern mit dem Augenblicke dieser Erklärung. Sein Vater hatte alsdann nur noch das lebenslängliche Pachtrecht, durfte indessen nicht mehr darüber verfügen.

„Diese Gesetzgebung“, so schreibt Montesquieu, „wurde von Teufeln ausgedacht, sie ist mit den Buchstaben des Blutes geschrieben und in der Hölle registriert worden“.⁠[10]⁠

Nichts Gemeineres läßt sich denken als diese auf die moralische Verderbnis einer ganzen Nation gerichtete Gesetzgebung. In den Familien wurde absichtlich Zwietracht gesät, der Vater gegen den Sohn, die Söhne gegen die Eltern aufgehetzt. Es wurden Schulen errichtet, um die Kinder der Katholiken als Protestanten zu erziehen, während ihnen das Recht verweigert ward, sich in katholischen Schulen unterrichten zu lassen. Schrittweise ging diese Politik geistiger Entrechtung vor. Im 7. Jahre der Regierung Wilhelms III. ward bestimmt, daß keinem Protestanten in Irland erlaubt sei, einen Papisten zu unterrichten. Im 8. Regierungsjahre der Königin Anna wurde verfügt, keinem Papisten sei gestattet, irgend einen anderen Papisten zu unterrichten. Ferner hatte das genannte Gesetz der Regierung Wilhelms III. allen Papisten verboten, sich außer Landes zu begeben, um Unterricht zu empfangen. Ungefähr ⁹⁄₁₀ der Bevölkerung wurden durch diese Gesetze der Möglichkeit beraubt, irgend einen Unterricht zu erhalten, sei es von katholischer, sei es von protestantischer Seite, sei es daheim, sei es im Ausland. Nur in der Geschichte des Zarenreichs und in dem düsteren Schatten asiatischer Despotieen stoßen wir auf [S. 43]ähnliche Versuche, über ein ganzes, aus Millionen von Köpfen bestehendes Volk die tiefste Unwissenheit zu breiten und es durch schwere Straf-Androhungen zu zwingen, auf jede Regung des Geistes, auf jede Befriedigung selbst des Wissensdurstes zu verzichten.

Einzig die von der Regierung errichteten Zwangs-Bekehrungs-Schulen — die sogenannten Charter-Schools — durften von den Kindern der Katholiken besucht werden. Weigerten sie sich, diese Wohltat über sich ergehen zu lassen, so blieben sie davon ausgeschlossen, irgend welchen Unterricht durch eine Schule, einen Privatlehrer oder eine Universität zu erhalten.

Bekehrte sich ein Kind, gleichgültig welchen Alters, zum Protestantismus, so war es mit demselben Augenblick der Obhut des katholischen Vaters entzogen. Der Kanzler durfte den Vater dann zwingen, den Wert seines beweglichen und unbeweglichen Eigentums eidlich anzugeben, damit das Gericht einen beliebigen Teil davon für den gegenwärtigen Unterhalt und den zukünftigen Besitz des bekehrten Kindes bestimme. Kein Katholik durfte Vormund seiner eigenen Kinder oder der Kinder eines Glaubensgenossen werden. Fühlte er den Tod herannahen, so mochte er sich noch auf dem Sterbebette mit Sorgen darüber quälen, daß seine Kinder nun unter der Vormundschaft von Protestanten aufwachsen würden.

Sagte die Frau eines Katholiken der Religion ihres Mannes ab, so hatte er fortan keine Macht über sie. Dem Kanzler stand dann das Recht zu, ihr einen Teil des Eigentums ihres Mannes als Besitz zu übergeben.

Gegen die katholischen Priester richtete sich die Wut dieser Gesetzgebung mit besonderer Schärfe. Im 12. Regierungsjahre Georgs I. war die oben erwähnte Bestimmung getroffen, daß ein katholischer Geistlicher, der eine protestantisch-katholische Ehe einsegnete, zu hängen sei. Im 2. Jahre der Regierung der Königin Anna war dieselbe Strafe denjenigen katholischen Geistlichen angedroht, die [S. 44]nach Irland kämen und dort die Gebräuche ihrer Religion vollzögen. Durch das 8. Gesetz derselben Königin wurden 50 Pfund Sterling jedem Angeber gegen katholische Erzbischöfe und General-Vikare angeboten. Ja, die Strafe des Hängens schien nicht einmal genügend für Menschen, die so verworfen sein konnten, einen anderen Glauben zu predigen, als er den englischen Machthabern richtig schien. Vielmehr wurde 1791 von der Regierung und von dem Unterhaus in Irland eine Gesetzvorlage angenommen, die das Allerunglaublichste darstellt, was sich der ausschweifendste Sinn nur erdenken kann: katholische Priester, die sich der Uebertretung der Strafgesetze schuldig machten, sollten — kastriert werden!

Im irischen Unterhause erhob sich keine Opposition dagegen. Die Strafe war bestimmt für alle nicht in die Liste eingetragenen Priester, die sich in Irland betreffen ließen. Ursprünglich sollte die Sühne in Brandmarkung auf der Wange mit einem rotglühenden Eisen bestehen, allein der irische Kronrat hielt dies nicht für ausreichend, setzte statt dessen die Strafe der Kastrierung fest und schickte das Gesetz mit dieser Aenderung zur Genehmigung an den englischen Kronrat zurück. Selbst diesem war dies denn doch zu viel, sodaß er die Zustimmung verweigerte.⁠[11]⁠

So bestand denn der katholische Gottesdienst in Irland nur noch durch eine willkürliche und ungewisse Nachsicht — um Leckys treffendes Wort zu gebrauchen — „gebrandmarkt, als ob er eine Art erlaubter Prostitution wäre“.⁠[12] Die Parochial-Priester, denen die Abhaltung des katholischen Gottesdienstes allein gestattet war, mußten sich in staatliche Listen eintragen lassen und durften weder Stellvertreter haben noch auch eine gottesdienstliche Handlung [S. 45]irgendwo außerhalb des eigenen Sprengels vornehmen. Es war den Katholiken verboten, öffentlich ein Kreuz zu errichten oder eine Pilgerfahrt nach heiligen Quellen zu veranstalten. Ihre Kapellen durften weder Türme noch Glocken tragen.

Auch in das Rechtswesen griff diese schmachvolle Knechtung ein. Im 7. Regierungsjahre Georgs II. wurde bestimmt, daß jeder Rechtsanwalt, der eine Katholikin heiratete — denn vor Gericht als Anwalt erscheinen durften selbstverständlich nur Protestanten — von der Rechtsanwaltschaft auszuschließen sei. Im 29. Jahre der Herrschaft desselben Königs wurden die Rechtsanwälte sogar verpflichtet, ihre Klienten zu verraten, falls sie Papisten seien.

Nicht genug mit alledem. Im 7. Jahre der Regierung Wilhelms III. ward bestimmt, daß kein Papist ein Pferd von mehr als 5 Pfund Sterling besitzen dürfe. Jeder Protestant, der ihm diese Summe bot, wurde gesetzlich ermächtigt, jedem Katholiken ein beliebiges Pferd fortzunehmen. Es kam vor, daß ein Katholik, der mit zwei schönen Pferden über Land fuhr, von einem Protestanten angehalten wurde mit dem Verlangen, ihm die beiden Pferde sofort für 10 Pfund Sterling abzutreten — worauf der Katholik den Revolver zog und voller Wut die eigenen Pferde niederschoß.

Jeder Katholik mußte doppelte Miliz-Steuern zahlen. In einigen Hafenstädten (Galway und Limerick) durfte er — mochten die Engländer nun seine Verbindung mit einem auswärtigen Feinde oder seinen wirtschaftlichen Wettbewerb fürchten — gar nicht oder nur unter besonderen Bedingungen wohnen. Brach ein Krieg aus, so waren die in Irland wohnenden Katholiken durch ein Gesetz des 9. Regierungsjahres Georgs II. verpflichtet, den dortigen Protestanten alle Verluste zu ersetzen, die durch die Kaper einer [S. 46]katholischen feindlichen Macht an den Küsten Irlands entständen.

*

Es gab also für den irischen Katholiken in seinem eigenen Lande Gesetz und Ordnung nur dann, wenn es sich um Unterdrückung und Bestrafung handelte. Ohne vor Scham in die Erde zu sinken, verkündeten der Kanzler Bowes und der Oberrichter Robinson in öffentlicher Sitzung ausdrücklich: das Gesetz nehme nicht an, „daß eine Person wie ein irischer Katholik existiere“. Diese allgemeine, unbedingte, schrankenlose Aechtung mußte die entsetzlichsten Folgen haben. In der Tat läßt sich bezweifeln, ob irgend ein Volk, es besäße denn die politische Begabung und die außerordentliche Gutmütigkeit der Iren, eine so entwürdigende Lage beinahe ein Jahrhundert lang hätte aushalten können, ohne wirtschaftlich, mehr aber noch geistig und moralisch zu Grunde zu gehen.

Der Zweck der Strafgesetze war offensichtlich, eine bedingungslose Zwangsherrschaft aufzurichten, die den irischen Katholiken jedes wirtschaftliche und jedes Menschen-Recht nahm, während sie den protestantischen Engländern das Recht unbeschränkter Ausbeutung und Knechtung dieser Parias zuerteilte. Burke hat dieses unerhörte irische Strafgesetzbuch treffend geschildert „als wohl durchdacht und wohl geordnet in allen seinen Teilen; eine Maschine von kluger und überaus feiner Erfindung, so vorzüglich zur Unterdrückung, Verarmung und Erniedrigung eines Volkes und zur Herabwürdigung selbst seiner menschlichen Natur geeignet, wie sie jemals von dem verderbten Scharfsinn eines Menschen erfunden worden ist.“ Dieses Strafgesetzbuch wurde der aus etwa ⁹⁄₁₀ bestehenden Mehrheit eines Volkes auferlegt, dem durch den Vertrag von Limerick ausdrücklich das Recht zur freien Uebung seiner Religion gewährleistet worden war!

[S. 47]

Kein Urteil ist für diese himmelschreiende Unterdrückung scharf genug. Lecky meinte, es sei für jeden irischen Protestanten, „dessen Geist nicht durch religiöse Bigotterie ganz verderbt ist, unmöglich, auf das Strafgesetzbuch ohne Scham und Unwillen zurückzublicken. Die Jahrbücher der Verfolgung enthalten viele blutigere Blätter; aber sie enthalten, ausgenommen in Betreff der Juden, kein Beispiel einer Reihe von Gesetzen, die wohlberechneter und scharfsinniger darauf angelegt waren, ihre Opfer zu erniedrigen, sie auf jeder Lebensstufe zu bestechen, um ihre Ueberzeugungen zu verleugnen und Zwietracht und Mißtrauen innerhalb des Familienkreises zu säen.“⁠[13] Während beinahe jeder andere Staat auf roher Entwicklungsstufe, und sei es auch nur aus eigenem Interesse, bestrebt zu sein pflegt, seine Untertanen moralisch zu heben oder doch wenigstens nicht sinken zu lassen, war das irische Strafgesetzbuch darauf gerichtet, in einer großen Zahl von Menschen die gemeinsten Triebe hervorzurufen, um ihre künstlich genährte Unehrenhaftigkeit zur Verderbung anständiger und ehrlicher Leute zu benutzen, die nichts gegen den Staat unternommen hatten.

Die Masse des Volkes mußte allmählich die Laster von Sklaven annehmen. Durch den geschlechterlangen Druck wurden die Iren systematisch zu einer Feindseligkeit gegen das Gesetz erzogen, die bei jedem rachsüchtigen Volke das ganze Staatsgebäude in die Luft gesprengt hätte. Bei den Iren entlud sie sich nur zuweilen in gesetzwidriger Gewalttat oder suchte sich durch Geheimbünde Abhilfe gegen unerträgliche Bedrückung zu schaffen. Die Iren lernten während des ganzen Jahrhunderts des Bestehens dieser Gesetze Staat und Recht nur als Ausdruck roher Gewalt kennen, während ihnen deren moralische Seite nie entgegentrat.

[S. 48]

Ausgeschlossen von beinahe jeder Möglichkeit, sich emporzuarbeiten oder auch nur aus dem kärglichen Stück Boden, das er pachtweise bearbeitete, durch Fleiß allmählich einen höheren Ertrag zu ziehen, der politischen Führung beraubt, durch die Gesetzgebung in die Nacht der Unwissenheit hinabgestoßen, mußte der Katholik auf die Stufe eines rachgierigen, heimtückischen, brutalen Wilden herabsinken. Vor der Staatsgewalt zitternd, vor dem Protestanten kriechend, in hündischer Sorge um die paar Bissen, die er zum notwendigsten Lebensunterhalt für sich und seine im Elend verkommende Familie brauchte — so stellt sich uns das Bild des Katholiken dar, der die große Masse des irischen Volkes in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bildete. Daß in der Tat ein fürchterliches Elend herrschte, sehen wir aus den Schriften des Protestanten Jonathan Swift ebenso wie aus allen anderen Berichten über den Zustand der Insel.

Nur der 50. Teil des Bodens war den Katholiken geblieben, Nachkommen irischer Könige arbeiteten als Tagelöhner mit dem Spaten in der Hand, und die Iren, die nicht auswanderten, waren durch englische Zwangsgesetze beinahe jedes wirtschaftlichen Rechtes beraubt: sie durften Wolle nur nach England ausführen, aber keinerlei auswärtigen Handel in Vieh oder Molkerei-Erzeugnissen, in Seife oder Lichtern, in Tuch, Glas oder Leinen, ausgenommen solchem der rohesten Art, treiben; sie durften keine Schiffe bauen; ihre großen westlichen Häfen, in denen der amerikanische Handel prächtig aufblühen konnte, mußten darauf verzichten, weil kein Kauffahrtei-Schiff, das den Atlantischen Ozean kreuzte, in Zukunft in einem irischen Hafen laden oder entladen durfte; wie Swift es ausdrückte, waren die prächtigen Häfen, die einst so lebhaften Handel getrieben, für das Land „nicht mehr von Nutzen, als eine schöne Aussicht für einen Mann, der in einem Kerker eingeschlossen ist“.

[S. 49]

2. Innere Wandlung.

Mußte nun nicht dieses grenzenlose Elend, diese Entrechtung der Religion der Mehrzahl der Bevölkerung, die zusammenfiel mit ihrer wirtschaftlichen Knechtung und der kaltherzigen und grausamen Absicht des Gesetzes, sie an jedem Aufstieg zu verhindern, einen Klassenhaß hervorrufen, der früher oder später das ganze Staatsgebäude in Brand setzte? Die Protestanten waren durch das Gesetz beinahe ausschließlich zu Besitzern, die Katholiken beinahe ausschließlich zu frohndenden Pächtern und zu Bettlern gemacht. Einen Kleinadel, der wie in England das Volk hätte politisch führen können, gab es in Irland nicht mehr, da eben beinahe alle Iren jedes Grundbesitzes beraubt waren und auch die Gentry nunmehr aus protestantischen Engländern bestand, die selten des Gefühls ledig wurden, wie auf einem Vulkan zu sitzen. Die Raubgier, die als hervorstechendster Charakterzug die Strafgesetze durchzieht, befolgte offen den Zweck, alle Iren arm zu machen und im Elend festzuhalten, jeden Keim von Unternehmungsgeist in ihnen zu ertöten und die Spaltung der Klassen so tief als möglich zu machen. Nichts unterblieb, um diese klaffenden Gegensätze zu vertiefen und die Beziehungen der einzelnen Schichten der Gesellschaft zu vergiften. Wann also brach die zu erwartende Revolution aus, die Irland von einem Ende zum anderen in Flammen setzen, eine Art sizilianischer Vesper heraufbeschwören mußte und nur durch eine ungeheure Truppenmacht in Strömen von Blut erstickt werden konnte?

Ueberhaupt nicht! Denn obwohl die englische Regierung, wie man zugeben wird, nichts unterlassen hatte, um die Iren zu blutigem Aufstand und zu erbarmungsloser Niedermetzelung ihrer Peiniger zu zwingen, obwohl sie alles getan hat, um den Klassenhaß zu unversöhnlicher Stärke anzublasen bewirkte die gewinnende Menschlichkeit des irischen Volkes, [S. 50]die noch jeden eroberte, der in nähere Berührung mit ihm kam, daß sogar die protestantische Herrenschicht, deren Fuß auf dem Nacken dieses entrechteten Volkes stand, zuerst von Mitleid, dann von innerer Teilnahme, endlich von Liebe zu diesem Volke ergriffen wurde und mit ihm unversehens zu einer Nation zusammenschmolz.

So kam es, daß in demselben Jahrhundert, in welchem die Insel unter den empörenden Strafgesetzen schmachtete, kein Aufstand emporloderte, der Gelegenheit zu abermaliger Verwüstung der Insel geboten hätte, und daß sich England, bevor ein Jahrhundert verstrich, gezwungen sah, auf dringendes Verlangen auch der protestantischen Einwohner Irland die Rechte der Selbstverwaltung zu gewähren, die es ihm bis dahin mit äußerster Härte verweigert hatte; während ihre bald darauf folgende Rückgängigmachung Irland abermals, bis zur Gegenwart, zur Niobe der Nationen gemacht hat.

3. Das Elend des Volkes zwingt zur Milderung der Strafgesetze.

Als Sprachrohr bedienten sich die unversehens zu einer einheitlichen Nation zusammengeschmolzenen Iren in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts des Parlamentes in Dublin, obwohl England geglaubt hatte, durch die Entrechtung der Katholiken, durch die Beschränkung des Wahlrechts auf Wohlhabende und durch beständiges Eingreifen in die irische Gesetzgebung und Verwaltung jede Möglichkeit dazu in Grund und Boden zerstört zu haben.

Wem gelang das Kunststück, aus einer nur auf Niederhaltung und Ausbeutung des Volkes bedachten Körperschaft allmählich ein Parlament zu machen, das die Rechte der ganzen Nation gegen England vertrat? Waren die Iren diese Zauberkünstler? Gewiß; [S. 51]nur ward ihnen eine Hilfe, die ihnen eifrig zur Hand ging. Und diese Hilfe bot — England.

Nicht etwa dadurch, daß es von einer Politik der Gewalt zu einer solchen der Versöhnung und der absichtlichen Hebung des Landes übergegangen wäre. Vielmehr spielte die täppische, gedankenarme und aller höheren Gesichtspunkte entbehrende Zwingherrschaft Englands hier die Rolle jener Kraft, „die stets das Böse will und doch das Gute schafft.“

Die Knebelungs-Gesetze waren zu scharf, als daß sie hätten durchgeführt werden können, ohne Irland von Menschen zu entblößen. Auf dem Papier nahm es sich trefflich aus, die Papisten jeder Möglichkeit des wirtschaftlichen Aufstiegs zu berauben — nur konnte man es in Wirklichkeit nicht soweit treiben, das Volk bis an den äußersten Rand der Verzweiflung zu bringen, sodaß Tausende sich oder ihren Zwingherren das Leben genommen hätten. Allerdings war es nahe daran. Jonathan Swift, protestantischer Prediger in Dublin, dem das Elend des irischen Volkes ans Herz griff, schilderte in mancher Flugschrift den entsetzlichen Zustand, in den es hinabgeglitten war. Das Furchtbarste, was je aus der Feder eines Satirikers floß, ist Swifts „Bescheidener Vorschlag, wie man die Kinder der Armen hindern kann, ihren Eltern oder dem Lande zur Last zu fallen, und wie sie vielmehr eine Wohltat für die Oeffentlichkeit werden können.“⁠[14] Er macht darin den entsetzlichen Vorschlag, die Kinder der armen irischen Bevölkerung nach der Geburt ein Jahr lang zu mästen, um sie dann als leckere Speise auf die Tafeln der wohlhabenden Bevölkerung zu bringen. Denn dadurch würden sie ihren Eltern weitere Sorgen ersparen, die Wohlhabenden erfreuen und selbst von der Qual des weiteren Lebens befreit werden. „In diesem Königreich lebt“, so heißt es am Schlusse dieser Schrift, „eine runde Million [S. 52]Wesen menschlicher Gestalt, deren ganze Habe vereinigt eine Schuld von 2 Millionen Sterling ergeben würde, denn man muß diejenigen, die von Beruf Bettler sind, hinzurechnen zu der großen Masse von Pachtbauern, Kätnern und Arbeitern mit ihren Weibern und Kindern, die in Wirklichkeit ebenfalls Bettler sind. Ich möchte, daß die Politiker, denen mein Vorschlag mißfällt, und die verwegen genug sind, eine Erwiderung zu versuchen, zunächst einmal die Eltern dieser Sterblichen fragen, ob sie es nicht heute für ein großes Glück halten würden, wenn sie auf die beschriebene Weise im Alter von einem Jahr als Nahrungsmittel verkauft worden wären, so daß ihnen die ewige Straße des Elends erspart geblieben wäre, die sie seither durch die Unterdrückung der Gutsherren, durch die Unmöglichkeit, ohne Geld und Gewerbe Pacht zu zahlen, durch den Mangel an der alltäglichen Notdurft, ohne Haus und Kleider, die sie vor der Unbill des Wetters schützen könnten, und in der unvermeidlichen Aussicht, auf ewig ihrer Nachkommenschaft das gleiche oder auch noch größeres Elend zu vermachen, gezogen sind.“⁠[15]⁠

Ganz so weit, die gesamte katholische Bevölkerung in den Abgrund solcher Verzweiflung zu stürzen, durften die Engländer es in Irland nicht bringen, wollten sie sich nicht selbst gerade des Vorteiles berauben, den die Strafgesetze erzwingen sollten. Burke, selbst von Geburt protestantischer Irländer, betonte, daß bei ihrer Abfassung nicht sowohl religiöse Beweggründe als der Geist der Herrschaft die Feder geführt habe. Allerdings ist diese Ansicht nur zum Teil richtig. Der Beschluß des englischen Parlaments vom Jahre 1691 ging sicherlich zunächst nur von religiöser Unduldsamkeit, erst in zweiter Linie von wirtschaftlichen Absichten aus. Später jedoch gewannen zweifellos die letzteren das Uebergewicht. Im allgemeinen trifft daher die Ansicht Burkes [S. 53]zu, die übrigens von einem der Statthalter, Lord Townshend, ausdrücklich bekundet wurde: die irische Gesetzgebung habe durch die Strafgesetze auf Vernichtung des Einflusses der Papisten abgezielt. Auch Arthur Young betonte, daß diese Gesetzgebung sich nicht gegen die Religion, sondern gegen das Eigentum und den Gewerbefleiß aller derjenigen richte, die diese Religion bekennen; denn sie breite sich trotz dem gegen sie geübten Drucke aus.

Diese drei Männer wirkten in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Innerhalb weniger Jahrhunderte hatte sich also ergeben, daß es unmöglich war, die Strafgesetze durchzuführen, ohne den Wohlstand der Protestanten, die dadurch doch gerade gewinnen sollten, zu untergraben. Die wirtschaftlichen Beziehungen der Protestanten auf ihre eigenen Glaubensgenossen einzuschränken, war undenkbar. Sollten sie aber von den Katholiken, waren dies nun Pächter oder Kleinhändler, Vorteile erzwingen können, so durften die letzteren nicht sämtlich in das äußerste Elend hinabsinken. Waren sie erst alle zu Bettlern geworden, so ließ sich aus ihnen nichts mehr herauspressen.

In der Tat war dies einer der wichtigsten Gründe, der unversehens zur Milderung der Strafgesetze führte, ohne daß sie zunächst aufgehoben wurden. Jahrzehnte bestanden sie rechtlich fort, angewendet aber wurden sie nur in der ersten Zeit. Hatte etwa ein Gesetz der Königin Anna vom Jahre 1703 bestimmt, kein Papist mit Ausnahme solcher Tagelöhner, Seeleute oder Fischer, die nicht mehr als 40 sh Jahresmiete zahlten, dürfe sich in den Städten Limerick und Galway aufhalten, so hätte die strenge Durchführung dieses Gesetzes das Wirtschaftsleben beider Städte so tödlich gelähmt, daß auch die Protestanten dort darunter leiden mußten. Eine ganze Reihe solcher Bestimmungen wurde tatsächlich durchgeführt, ganze Gewerbezweige wurden vernichtet, um zu verhindern, daß sie England [S. 54]Wettbewerb machten. In allen diesen Fällen aber litten außer den Katholiken auch die Protestanten. Sehr viele mußten, durch neidische Gesetze ihrer Stammes- und Glaubens-Brüder in England an den Bettelstab gebracht, aus der grünen Insel auswandern und sich eine neue Heimat suchen; nach England mochten sie dann nicht.

Es bedarf keines Hinweises, daß die Milderung der Strafgesetze nur schrittweise, zunächst mit großem Zögern und recht widerwillig erfolgte. Thomas Moore goß 100 Jahre später die Lauge seines Spottes darüber aus: „Die erste große Gunst, die den Katholiken bewilligt wurde, war ein Gesetz, das sie berechtigte, „unbenutzbare Sümpfe“ in Pacht zu übernehmen, wobei ihnen zu 50 Acker Sumpfland noch ein halber Acker Getreideboden als Zugabe obendrein gegeben wurde, im Fall die Tiefe des Sumpfs wenigstens 4 Fuß betrüge. Diese großmütige Ausdehnung des Besitzrechtes der Katholiken ging endlich — obwohl ihr als einer Maßregel, welche zum Katholizismus aufmunterte, heftig widersprochen wurde — im Jahre 1772 durch.

„Die nachfolgende große Wohltat, die man den Katholiken erzeigte, war die, daß ihnen erlaubt wurde, den Untertaneneid zu leisten. Und obwohl diese milde Erlaubnis an Schlachtopfer, hinzutreten und ihren Peinigern ewige Treue zu schwören, eine Art von so kränkendem Hohn war, als man sich nur erdenken kann, so ward sie doch von den Katholiken mit dem wärmsten Danke aufgenommen, weil sie wenigstens ihre Existenz als Untertanen anerkannte.

„Im Jahre 1778 bewirkte Englands Furcht und das allmähliche Zunehmen des Nationalgeistes in Irland die Aufhebung der ärgsten unter diesen Strafgesetzen, nämlich derjenigen, die so lange die Mehrheit der Nation von allem Anteil oder Besitz des Bodens, den ihr Fuß betrat, ausgeschlossen hatte, und wodurch unsere Herrscher, nachdem sie uns die Güter und Besitzungen [S. 55]unserer Vorfahren geraubt, jeden neuen Erwerb für unsere Nachkommen mit dem Interdikt belegt hatten.“⁠[16]⁠

4. Irland beginnt, Rechte zu fordern.

Zu derselben Zeit, da das irische Parlament, dem Willen Englands willfährig, auf die Ausfuhr irischer Tuche und Wollenzeuge einen so hohen Ausfuhrzoll legte, daß er fast einem Verbot der Wollausfuhr gleichkam, und unmittelbar bevor das englische Parlament 1699 die Ausfuhr aller Wollwaren aus Irland nach England und Wales gänzlich verbot, ließ ein Mitglied des irischen Unterhauses, Rechtsanwalt Molyneux, der gelehrte Freund des englischen Philosophen Locke, Vertreter der Universität Dublin, eine Schrift „Der Fall Irlands“ (The Case of Ireland) erscheinen, die den Grund der Not darin suchte, daß England ihm jede Selbständigkeit geraubt hatte. Die Schrift ging der Geschichte der irischen Verfassung in den letzten 5 Jahrhunderten nach, um zu zeigen, daß es historisch niemals eine „Eroberung“ Irlands gegeben habe und daß alle die bürgerlichen Freiheiten der Insel auf Vertrag und verbrieften Rechten beruhten. Molyneux erklärte, daß seine Heimat den Anspruch aller Menschen auf Gerechtigkeit teile. „Mich ohne meine Zustimmung zu besteuern, ist, wenn überhaupt, wenig besser, als mich einfach zu berauben. Ich bin sicher, daß die großen Patrioten der Freiheit und des Eigentums, des Vaterlandes und der Freiheit an solche Dinge nur mit Abscheu denken können. Es müßte üble Folgen haben, wenn die Iren zu dem Gedanken kämen, daß ihre Rechte und Freiheiten ihnen genommen, ihre Parlamente zu einer leeren Form gemacht und ihr Leben und ihr Eigentum der Willkür einer gesetzgebenden Körperschaft überlassen werden, an der sie keinen Teil hätten.“

Dieses mannhafte Wort eines irischen Protestanten [S. 56]hatte nicht etwa die Folge, Regierung und Parlament in England zum Nachdenken über die angeschnittene Frage und zur Umkehr auf dem Wege der Knechtung zu veranlassen. Vielmehr wurde Molyneux durch die schärfsten Mittel mundtot gemacht: das englische Parlament ließ sein Buch am 25. Juni 1698 durch den Henker als Schmähschrift verbrennen, und Molyneux selbst entging der Rache seiner Feinde nur durch seinen frühen Tod.

70 Jahre später errang die Schrift dieses Vorkämpfers der Rechte einer von England unterdrückten Nation Berühmtheit: sie ward für die Erhebung der amerikanischen Kolonieen gegen das Mutterland zur geistigen Rüstkammer.

1698 aber ging das englische Parlament noch weiter: es verlangte von dem König ausdrücklich, Irland habe sich unterzuordnen, und der König müsse den Befehl geben, daß die beiden Häuser des Parlaments ihre Bücher (Protokolle) dem Ober- und Unterhaus in Westminster vorzulegen hätten. Bis zu solchem Punkte war die Erniedrigung Irlands gediehen.

Anderen protestantischen Irländern ging es nicht besser. Als Swift 1720 eine Schrift unter dem Titel „Ein Vorschlag für den allgemeinen Verbrauch irischer Waren“ veröffentlichte, war es die Absicht Englands, ihm ein ähnliches Schicksal zu bereiten. Swift verglich hier Irland mit der Arachne, jener Spinnerin, die einen Wettkampf mit Pallas Athene gewagt hatte, so daß sie von dieser aus Neid in eine Spinne verwandelt und verflucht ward, aus den eigenen Eingeweiden zu spinnen. England sei noch viel härter als jene Göttin — denn den Iren werde der größte Teil aus dem Leibe gezogen, gleichzeitig aber verboten, ihn selber zu verspinnen und zu verweben. Alle Kinder der Insel müßten sich also zusammentun, um an dem grausamen England Rache zu nehmen. In Haushalt [S. 57]und Kleidung dürften sie sich daher nur irischer Waren bedienen, während sie alle englischen Erzeugnisse völlig ausschließen und jeden Zuwiderhandelnden der Verachtung preisgeben müßten.

Da die Schrift ohne Nennung des Verfassers erschien, so beschlossen die Oberrichter, dem Drucker den Prozeß zu machen. Den Vorsitz der Verhandlung führte, ohne die Pflicht der Unparteilichkeit auch nur äußerlich zu wahren, der Oberrichter Whitsed. Wütend eiferte er: hier habe man es mit einer gefährlichen jacobitischen Brandschrift zu tun, deren Ziel sei, zwischen England und Irland Unfrieden zu säen. — Immer wieder gaben die Geschworenen ihren Wahrspruch auf „nichtschuldig“ — und immer wieder schickte der Richter sie in das Beratungszimmer zurück, weil er dieses Urteil nicht haben wollte. 9 Mal wiederholte sich das Spiel. 11 Stunden hatte die Sitzung gedauert, die Geschworenen vermochten sich kaum noch auf den Beinen zu halten — dennoch ließen sie sich kein Schuldurteil entreißen.

In ganz Irland herrschte über das Auftreten des Oberrichters eine solche Erbitterung, daß der neue Statthalter, der Herzog von Grafton, es für klüger hielt, die Verfolgung einzustellen. Auch Swifts Angriff veranlaßte ebensowenig wie der Molyneux’s 22 Jahre vorher England, seine Methoden Irland gegenüber zu ändern.

An die Seite dieser beiden Vorkämpfer trat 1723 Lord Molesworth, indem er für Irland Religionsfreiheit, Haushaltungsschulen, Entlastung der Armen von den unerträglich auf ihnen ruhenden Bürden und die Umwandlung des Parlaments in eine Körperschaft forderte, die die Nation wirklich verträte.

5. Die Tuchhändlerbriefe.

Bereits im Jahre 1724 kam es zu neuer Verfolgung. In Dublin erschien eine Flugschrift, die das höchste Mißfallen der Behörden erregte. Der Titel lautete:

[S. 58]

„Ein Brief an die Ladenbesitzer, Händler, Pächter und das gewöhnliche Volk von Irland über die kupfernen Halfpence, geprägt von Herrn Wood in der Absicht, sie in diesem Königreich in Umlauf zu setzen. Darin dargelegt wird, wie weit die Macht besagten Freibriefs reicht, wieviel die Halfpence wert sind, wie weit jedermann gezwungen werden kann, selbige bei Zahlungen anzunehmen, und wie er sich zu verhalten hat, falls ein solcher Versuch von Wood oder irgend sonst jemand gemacht werden sollte. (Sehr geeignet, um in jeder Familie aufbewahrt zu werden.) Von M. B., Tuchhändler.“

Diese Schrift errang in der politischen Kampfliteratur hohe Berühmtheit. Sie forderte alle Iren dringend auf, die neuen Kupfermünzen zurückzuweisen, weil sie durchaus nicht vollwertig seien und weil der Eisenwerk-Besitzer Wood kein verfassungsmäßiges Recht habe, sie auszuprägen oder in Irland in Umlauf zu bringen. Die Ursache auch dieses Streites, der die ganze Insel in Erregung versetzte, lag darin, daß man ihr bedeutsame Rechte verweigerte: in Irland bestand keine Münze, sodaß für die Ausprägung neuer Scheidemünzen regelmäßig ein besonderes Patent erteilt wurde. 1722 hatte auf Fürsprache der Herzogin von Kendal, der Geliebten des Königs, Wood die Erlaubnis erhalten, für 108000 Pfund Sterling Kupfergeld auszuprägen und in Irland in Umlauf zu setzen. Die Erregung war groß — nicht nur, weil man fürchtete, die neuen Stücke würden infolge ihres geringen Metallgehaltes alsbald an Wert verlieren, sondern auch weil England sich wieder einmal weder um das irische Parlament noch um den irischen Kronrat bekümmert, ja beide Körperschaften nicht einmal gefragt hatte. Oberhaus und Unterhaus in Dublin beschlossen daher eine Adresse an den König um Widerruf der an Wood erteilten Erlaubnis. Der König antwortete gnädig, — und der Münz-Wardein der Londoner Münze bescheinigte, daß der Gehalt der [S. 59]Woodschen Kupferstücke völlig den Anforderungen des Patentes entspreche. Um jedoch die Mißstimmung in Irland zu beseitigen, setzte die englische Regierung die Höhe der auszuprägenden Summe von 108000 auf 40000 Pfund Sterling herab. Allein die Iren ließen sich nicht besänftigen. Ueberall sprach man voller Erregung über die wertlosen Kupfermünzen Woods, und im ganzen Lande liefen Spottverse um, die Wood und seine Beziehungen zu der Mätresse des Königs an den Pranger stellten.

Daß in der Tat weit mehr das Verlangen der Iren, nicht in allen wichtigen Dingen durch England ungefragt über sich entscheiden zu lassen, als die Befürchtung, durch die Woodschen Kupferstücke geschädigt zu werden, für den Widerstand maßgebend war, zeigte sich in den 1724 erscheinenden Tuchhändlerbriefen, die Oel ins Feuer gossen; denn jenem ersten folgten alsbald weitere. Der Verfasser stellte die grundsätzliche Bedeutung der Frage scharf ins Licht: wenn der berühmte John Hampden lieber ins Gefängnis wandern wollte als die wenigen Schillinge unrechtmäßiger Steuer bezahlen, so wolle auch er lieber gehangen werden als seinen Lebensunterhalt durch Herrn Wood besteuert sehen.⁠[17]⁠

Offenbar sprach der Verfasser seinen Landsleuten aus der Seele — zumal wenn er die Frage aufwarf: „Ist das irische Volk nicht ebenso frei geboren wie das englische? Wodurch haben die Iren jetzt die Freiheit verwirkt? Ist nicht ihr Parlament ebenso gut eine Vertretung des Volkes wie das von England, und hat nicht der irische Kronrat einen ebenso großen oder noch größeren Anteil an der Regierung? Sind wir nicht Untertanen desselben Königs, und scheint nicht dieselbe Sonne über uns, und haben wir nicht denselben Gott zum Beschützer? Ein freier Mann bin ich in England und soll in 6 Stunden zum Sklaven werden, nachdem ich den Kanal durchsegelt?“⁠[18]⁠

[S. 60]

In der vierten dieser Flugschriften hieß es: „Die Staatstreue des irischen Volkes ist über allen Zweifel erhaben, und belohnt werden wir dafür durch Gesetze, denen wir selbst nicht zustimmen, durch einen zu Grunde gerichteten Handel, durch ein Oberhaus ohne Befugnis zur Rechtsprechung, durch die Unfähigkeit zu allen Aemtern und durch Woods Halfpence..... Allerdings ruft man uns von England herüber: „Irland ist ein abhängiges Königreich; aber dies ist nicht wahr, in keinem Gesetze ist dies geschrieben; ich armer Tuchhändler hänge zunächst von Gott und dann von niemandem ab als vom Könige dieses Landes.“

Immer kühner wurde der Verfasser, bis er endlich im 7. Briefe, den er an die beiden Häuser des irischen Parlaments richtete, ausrief: „Ich bin nur ein schlichter Mann und erkläre trotzdem feierlich, daß ich lieber den schimpflichsten Tod erleiden als diese Münze oder eine ihr ähnliche annehmen will, bis ich durch ein Gesetz des eigenen Landes dazu gezwungen bin; sollte dies aber geschehen, so will ich mich hinwegheben, in ein fremdes Land wandern und das Brot der Armut essen.“

Diesen ohne Namennennung erscheinenden Flugschriften gelang es, durch die außerordentliche Erregung, die sie im Lande wenn nicht hervorriefen, so doch schürten und auf einen Punkt richteten, die Regierung zu stürzen und den Widerruf des für die Ausprägung der Woodschen Kupfermünzen erteilten Patents zu erzwingen. Das für England Gefährliche an der Sache war, daß die Aufregung alle Teile des irischen Volkes gleichmäßig erfaßte: Protestanten und Katholiken, Engländer und Iren, Whigs und Tories standen Seite an Seite. Ja, sogar die Häupter der englischen Regierung in Irland waren von dieser Stimmung mehr oder weniger ergriffen.

Der Erzbischof-Primas Boulter schrieb damals an den Herzog von Newcastle: „Ich finde, daß das hiesige Volk [S. 61]von allen Glaubensnormen, von allen Landschaften und politischen Parteien sich insgesamt gegen Woods Halbpennystücke auflehnt und daß ihre Uebereinstimmung in diesem Punkte einen höchst unglücklichen Einfluß auf den Zustand dieser Nation äußert, indem dadurch eine vertrauliche Annäherung zwischen Papisten und Whigs, die früher gar keine Gemeinschaft mit einander hatten, zustande kam.“ Hundert Jahre später schrieb der Dichter Thomas Moore in seinen geistsprühenden „Memoiren des Hauptmanns Rock“ die treffenden Worte: „Die Geschichte von Woods Halbpennystücken, worauf Swift so viel Witz verschwendet hat, obwohl sie damals weit wichtiger gemacht worden als sie an sich war, ist dennoch selbst jetzt noch interessant, da sie die erste Nationalsache wurde, um die sich die Irländer an einander gegenseitig anschlossen. Was weder die christliche Liebe noch die Lehren einer gesunden Politik bewirken konnten, brachte der Einfluß eines kupfernen halben Pennystücks auf einmal hervor, Protestanten, Katholiken und Presbyterianer vereinigten sich zum ersten Mal, widersetzten sich ihren englischen Statthaltern und triumphierten über sie und ihre Halbpennystücke.“⁠[19]⁠

Während der Kanzler Brodrick ein ausgesprochener Gegner des Münzpatents war, befürchteten andere, die Aufregung könne das Interesse Englands schädigen und neue Unabhängigkeitswünsche hervorrufen. Der Statthalter, Herzog von Grafton, der ratlos hin und her schwankte, mußte abberufen werden, der englische Premierminister äußerte sich am 1. September 1724 brieflich voller Schrecken, daß die Aufregung zu einer solchen Höhe gelangt sei, bei der es kaum klug sein würde, die Wünsche des Volkes zurückzuweisen, und der neue Statthalter, Carteret, mußte alsbald nachgeben.

Zunächst allerdings versuchte er sogleich nach seiner [S. 62]Ankunft im Oktober 1724 durch Ausbietung einer Summe von 300 Pfund Sterling für denjenigen, der den Verfasser der Tuchhändlerbriefe nenne, den kühnen Angreifer ausfindig zu machen. Trotzdem fand sich in ganz Irland niemand, der den „Tuchhändler“ verraten hätte, obwohl es genug Menschen gab, die seinen Namen wußten — es war kein anderer als Swift. Dann sollte der Drucker anstelle des Verfassers daran glauben: er wurde vor Gericht gestellt, und der Oberrichter Whitsed versuchte wiederum mit allen Mitteln, die Geschworenen einzuschüchtern. Dennoch sprachen sie den Angeklagten frei. Endlich blieb der Regierung kein anderer Ausweg, als dem geschlossenen Willen der irischen Nation nachzugeben: in der Thronrede erklärte Carteret im Namen des Königs das Woodsche Patent für aufgehoben.

6. Neue Wünsche.

Zwei Jahrzehnte darauf traten allen Knebelgesetzen zum Trotz katholische Schriftsteller und Redner an die Seite dieser Protestanten. 1741 begann der Protestant Dr. Lucas seine schriftstellerische Tätigkeit; in dem „Citizen’s Journal“ stellte er die nationalen Forderungen der Iren klar heraus. Das irische Volk brachte ihm alsbald abgöttische Verehrung entgegen — und nicht nur die Katholiken. Sein Kampf gegen die Ausbeutung Irlands durch Pensionsgelder und seine Forderung, ein Parlament nicht während der ganzen Regierung eines Herrschers ohne Neuwahl zu lassen, waren der Regierung so verhaßt, daß sie ihm den Prozeß machte: das irische Parlament mußte ihn 1749 für einen Vaterlandsfeind erklären, und die große Jury von Dublin ließ seine Reden als Schmähschriften verbrennen. Bei dem irischen Volke galt er fortan als Märtyrer. Als er 1760 nach 11jähriger Verbannung die Erlaubnis erhielt, nach Irland zurückzukehren, wählte ihn die Stadt Dublin alsbald ins Parlament.

Nun erschien eine Flugschrift nach der anderen, [S. 63]um die wirtschaftliche und politische Lage Irlands und die Mittel zur Abhilfe zu untersuchen. Notgedrungen verbreitete sich auch unter den protestantischen Grundbesitzern, die allein die politische Vertretung der Nation in Händen hatten, die Ueberzeugung, daß alle Iren gemeinsame Interessen und ihr Land eine gemeinsame Geschichte habe. Obwohl kein Katholik im Parlament sitzen durfte, machten sich ihre Anschauungen nun auch dort allmählich geltend. Im Jahre 1753 hatte Antony Malone den Mut, im irischen Unterhause davon zu sprechen, alle Iren hätten ein gemeinsames irisches Interesse. In der Hofburg in Dublin, dem Sitz der englischen Regierung, war man außer sich über die feurige Rede dieses Mannes, der aus irischem Blute stammte und aus seinem irischen Nationalgefühl kein Hehl machte. Man fürchtete, sein Ziel sei die Loslösung von der Herrschaft des englischen Parlaments. In der Tat strebte er auf die verfassungsmäßige Unabhängigkeit Irlands hin, griff also Molyneux’s Forderung nach einem freien Parlament und einer Verfassung wieder auf.

Auch Malone wurde unschädlich gemacht. Allein es ergab sich nun, daß man das brennende Verlangen Irlands nach Unabhängigkeit von der unerträglichen Bevormundung Englands nicht mehr zum Schweigen bringen konnte. Hatte man einen Wortführer dieser Bewegung niedergeschmettert, so wuchsen an seiner Stelle drei andere empor.

In dem 1761 zusammentretenden Unterhaus erschien eine besonders große Zahl Rechtsanwälte — ein Zeichen dafür, daß sich das Parlament von dem Einflusse der Regierung löste. Schon 4 Jahre später kam es zum offenen Zusammenstoß. Das englische Unterhaus beanspruchte, nachdem es das Stempelgesetz für die amerikanischen Kolonien angenommen, das dort den Stein der Revolution ins Rollen brachte, dieselbe Steuer auch Irland aufzuerlegen, ohne dessen [S. 64]Bevölkerung zu fragen. Englische Rechtsgelehrte erstatteten, wie üblich, Gutachten, wonach das englische Parlament die unbedingte Machtvollkommenheit habe, Irland durch seine Gesetze zu binden.

Allein man erlebte die bittere Enttäuschung, daß selbst im irischen Parlament mehrere Peers, darunter Lord Charlemont, erklärten: Irland sei ein besonderes Königreich mit seiner eigenen gesetzgebenden Körperschaft und seiner eigenen Verwaltung, nur unter demselben König wie England.

7. England reißt die oberste Rechtsprechung an sich.

Offenbar wuchs die „Landpartei“, die sich unmerklich in den letzten Jahrzehnten gebildet hatte. Im Parlament war sie zum ersten Male 1719 hervorgetreten, als in dem Prozeß Annesley die unterliegende Partei Berufung an das irische Oberhaus einlegte und dieses das Urteil der ersten Instanz aufhob — sich dann aber vom englischen Oberhause sagen lassen mußte, Irland habe darüber nicht zu entscheiden; vielmehr sei das Urteil der ersten Instanz in Ordnung. In Irland war man empört, der Scheriff der Grafschaft weigerte sich, den Beschluß des englischen Oberhauses, der nicht rechtsverbindlich sei, auszuführen, und wurde dafür schwer bestraft. Auch das Unterhaus in Westminster erörterte damals die Verfassungsfrage und billigte, wie zu erwarten war, die Rechtsanmaßung seines Oberhauses. Es bestimmte als oberste richterliche Instanz für Irland das englische Oberhaus und nahm zu aller Sicherheit außerdem einen Beschluß an: das Königreich Irland sei der britischen Krone untergeordnet, stets von ihr abhängig gewesen und solle es von Rechts wegen sein. Der König habe zusammen mit dem englischen Parlament die Macht gehabt und solle sie von Rechts wegen haben, „für das Volk und das Königreich von Irland verbindliche Gesetze von gültiger Kraft zu erlassen“.

[S. 65]

8. Das Irische Parlament gegen die Ausbeutung des Landes.

Bald nach dem Tode Georgs II. (1760) meinte der irische Kanzler Lord Bowes: „Früher lauteten die Stichworte ‚Protestant oder Papist,‘ jetzt heißt es ‚Hof- oder Landpartei,‘ immer mit Rücksicht auf die Verfassungsbeschwerden.“

Eine der wichtigsten Beschwerden richtete sich gegen die Ausbeutung des Landes zugunsten Englands in vielerlei Formen, von denen nur die wichtigsten genannt seien.

A. England erdrosselt Gewerbe und Handel in Irland.

Von der Erwürgung irischer Gewerbszweige und des irischen Handels war bereits die Rede. Ob nun die Leinen-Industrie blühte oder die Herstellung von Wollwaren, die Fischerei oder die Ausfuhr anderer Gegenstände — sofort erließ England, neidisch und erbarmungslos, ein Gesetz, um Irland des selbst gewonnenen Vorteils zu berauben.

Als Beispiel genüge ein Blick auf die Unterdrückung des Wollgewerbes. Am 9. Juni 1698 richtete das englische Oberhaus eine Adresse an den König, um auf die Gefahren hinzuweisen, die dem englischen Gewerbe durch das Anwachsen der irischen Wollindustrie entständen. Am 30. Juni schloß sich das Unterhaus dieser Bitte mit dem Wunsche an, die Ausfuhr irischer Wolle zu hemmen. Nachdem Wilhelm III. am 2. Juli nachgegeben, erging am 27. September an das Parlament in Dublin durch den Statthalter die Aufforderung: die Wollindustrie nicht weiter zu ermuntern, da sie eigentlich englischer Handelszweig sei und England alle auswärtigen Märkte mit Wolle versehe; dagegen dürfe man das Leinen- und Hanf-Gewerbe unterstützen, da hiergegen England nichts einzuwenden habe.

Das irische Parlament war damals noch ganz aus englischen Irland-Feinden gebildet, drehte also gehorsam den Strick, mit dem das irische Wollgewerbe erdrosselt werden sollte: am 25. März 1699 wurde das Gesetz gültig, das die Ausfuhr aller irischen Tuche [S. 66]und Wollstoffe mit einer hohen Steuer belegte. Auch gegen den kurz darauf erfolgten Beschluß des englischen Parlaments, der die Ausfuhr aller Wollwaren aus Irland außer nach England und Wales gänzlich verbot, hatte es nichts einzuwenden.

Die Folge war, daß in den Jahren 1700 und 1701 nicht weniger als 20–30000 Arbeiter ihr Brot verloren und der Mildtätigkeit zur Last fielen. 22 Jahre nach Erlaß jener Gesetze stellte in ganz Irland nicht ein einziger Webstuhl mehr Wollwaren her —, während der Schmuggel zum gewinnbringendsten Gewerbe geworden war.

Hatte Irland aber damit gerechnet, England würde auch nur den kleinen Finger rühren, um die irische Leinen-Industrie zu unterstützen, so hatte es sich bitter getäuscht. Anstatt die Nachbarinsel an den Ausfuhr-Prämien teilnehmen zu lassen, die in England für Leinenstoffe geschaffen wurden, legte ein Gesetz Georgs II. einen hohen Zoll auf irisches Segeltuch und verbot die Einfuhr gestreiften irischen Leinens nach England.

Von dem wirtschaftlichen und sozialen Elend auf der grünen Insel kann man sich schwer eine genügende Vorstellung machen. Das ganze 18. Jahrhundert hindurch gaben Engländer, die hinüber kamen, um die Verhältnisse der Insel kennen zu lernen, ihrem Erstaunen Ausdruck, welches Maß von Elend hier zu finden sei.

B. England vermehrt die irische Staatsschuld.

Die irische Staatsschuld gab zuerst 1731 Anlaß zu einem Kampfe der Landpartei gegen die Hofburg. Letztere wünschte der Krone den Fond zur Tilgung der Nationalschuld auf 21 Jahre zu bewilligen, während die Landpartei dies von einer Session zur anderen tun wollte. Die Abstimmung ging unter fieberhafter Erregung vor sich. Schon waren für beide Seiten gleich viele Stimmen gezählt — als noch vor Verkündigung des Ergebnisses ein Abgeordneter, Oberst Tottenham, im Reitanzuge und beschmutzten Stiefeln in die in Staatskleidern [S. 67]tagende Versammlung stürzte mit der Bitte, noch an der Abstimmung teilnehmen zu dürfen. Er war 90 Kilometer weit geritten, um seine Stimme — gegen die Regierung abzugeben.

Im Jahre 1749 verzeichnete der irische Staatshaushalt einen Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben von 35000 Pfund Sterling. Das Unterhaus wünschte diese Summe zur Tilgung der Staatsschuld zu verwenden und nahm einen dahin zielenden Antrag an. Die Regierung jedoch hielt es für selbstverständlich, daß sie sich daran nicht zu kehren brauche, sondern daß der Ueberschuß „nach königlichem Wohlwollen ohne Dazwischentreten des Parlaments verwendet werde.“

Einige Jahre später kam es zu einem neuen heftigen Kampfe. England hatte einen Gesetzentwurf über die Tilgung der Staatsschuld herübergesandt, der von der irischen Landpartei nicht gebilligt wurde und mit fünf Stimmen Mehrheit abgelehnt ward. Der Jubel im Volke war groß, während die Regierung ihren Zorn nicht verhehlen konnte: sie entließ den Präsidenten des Unterhauses nebst allen anderen Beamten, die gegen sie gestimmt hatten.

In ganz Irland aber wurden die Abstimmungslisten verbreitet: die Namen der Abgeordneten der regierungsfeindlichen Mehrheit waren mit roten Buchstaben gedruckt, die der Minderheit mit schwarzen. Ueber den letzteren stand der Vers „Hic niger est, hunc tu, Romane, caveto“, — während über dem Verzeichnis der Mehrheit die Worte „Vindices Libertatis (Die Fürsprecher der Freiheit“) standen.

Die Regierung setzte sich abermals über den ausgesprochenen Wunsch der Nation hinweg, indem sie das abgelehnte Gesetz als königliche Verordnung einführte. Allein dadurch wurde die Kraft der Opposition nur verstärkt. Lord Kildare, Sohn des Herzogs von Leinster, richtete an den König eine Denkschrift, in der er das Verhalten der Minister angriff, sodaß dann doch 1755 [S. 68]der Statthalter Herzog von Dorset abberufen und durch den Marquis von Hartington ersetzt wurde, der sich mit der Landpartei besser zu stellen suchte. Die Beamten, die wegen ihrer Abstimmung im irischen Unterhaus ihrer Stellungen beraubt worden waren, wurden nun wieder eingesetzt, und der gemaßregelte langjährige Präsident des Unterhauses, Boyle, wurde als Graf von Shannon geadelt.

Die Handhabung der Staatsschulden hing eng zusammen mit der Ueberwachung der Staatsausgaben. In diese sollten nach dem Wunsche der Regierung die beiden Häuser des Parlaments so wenig als möglich Einblick erhalten. Nach einer Mitteilung des Lord Bathurst ging zu seiner Zeit, als die Einkünfte Irlands sich im ganzen auf 4 Millionen Pfund Sterling beliefen, nicht weniger als 1 Million durch die Hände der großen Jury, ohne öffentlich verrechnet zu werden. Thomas Moore vergleicht diese verderbliche Geheimniskrämerei spöttisch mit dem Geheimdienst der Bona Dea im alten Rom, bei der kein männliches Wesen gegenwärtig sein durfte; ebenso scheine man die Mysterien des Geldwuchers den profanen Augen der Katholiken verhüllen zu wollen.⁠[20]⁠

C. England erpreßt Pensionsgelder.

Stieß die irische Land-Partei mit der Hofburg in der Frage der Staatsschulden nur vorübergehend zusammen, so herrschte dauernd die größte Unzufriedenheit über die Ausbeutung des Landes durch Pensionsgelder. Diese wurden zum großen Teil an Leute gezahlt, denen Irland nichts, buchstäblich gar nichts verdankte.

Diese Unsitte hatte sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingebürgert. Karl II., reich an außerehelichen Söhnen, hatte einem davon, dem Herzog von St. Albans, eine irische Jahrespension zuerteilt. Auch hatte er dem Herzog von Ormond, einem seiner [S. 69]Günstlinge, aus den unter Cromwell eingezogenen Ländereien Güter im Werte von 70000 Pfund Sterling (1400000 Mark) geschenkt.

Jakob II. war diesem Beispiel gefolgt. Er ließ seiner Geliebten aus der irischen Staatskasse jährlich 5000 Pfund Sterling (100000 Mark) zahlen.

Der Wechsel des Herrscherhauses brachte keine Besserung. Wilhelm III. pflegte seinen holländischen Vertrauten englische und irische Adelstitel sowie irische Pensionen zu erteilen. Nachdem er den einen zum Herzog von Portland, den anderen zum Herzog von Albemarle, den dritten zum Grafen von Athlone ernannt hatte, beschenkte er sie aus den eingezogenen Gütern katholischer Iren so verschwenderisch mit Ländereien, daß man selbst im englischen Parlamente daran Anstoß nahm.

Immerhin hatte sich Wilhelm auf die einmalige Vergebung beschlagnahmten Landes beschränkt. Dagegen wurde das irische Volk unter Georg I. und Georg II. systematisch und dauernd ausgesogen, um beträchtliche Jahressummen an alle möglichen Günstlinge des jeweiligen Königs zu zahlen. So ließ Georg I. seinen beiden Mätressen, der Herzogin von Kendal und der Gräfin von Darlington, aus den in Irland aufgebrachten Steuern bedeutende Jahresgelder zahlen. Georg II. folgte dem Beispiel, indem er eine seiner Geliebten, die Gräfin Sophie von Wallmoden, auf die irische Pensionsliste setzte. Auch seiner Schwester, der verwitweten Königin von Preußen, und einer Anzahl hannöverscher Günstlinge gewährte er solche Anweisungen auf den irischen Staatsschatz. Nach Beendigung seines ersten Krieges gegen Frankreich stellte sich ferner heraus, daß der englische Premier-Minister Bute, von dem Georg II. eine Zeitlang völlig abhängig gewesen war, dem sardinischen Gesandten, Grafen de Virri, unter falschem Namen eine Jahres-Pension von 1000 [S. 70]Pfund Sterling (20000 Mark) jährlich aus dem irischen Staatshaushalt verliehen hatte.

Als einige Jahre darauf der Abgeordnete Pery dies im irischen Unterhause darlegte, erhob sich große Aufregung. Das Parlament wollte eine Adresse an den König beschließen, und nur mit Mühe vermochte der Statthalter Lord Northumberland das Haus von diesem Vorhaben abzubringen, indem er versicherte, der König werde auf eine längere Reihe von Jahren keine weiteren Pensionen auf das irische Staatseinkommen anweisen.

Schon 1755 hatten die von Irland jährlich zu zahlenden Pensionen eine Höhe von 38000 Pfund Sterling (760000 Mark) erreicht. 1757 war die Summe auf 51583, 1761 auf 64127 Pfund Sterling gewachsen. Ein Jahrzehnt danach war sie auf mehr als 70000 Pfund Sterling gestiegen. Und doch hatte das irische Unterhaus schon 1757 einstimmig erklärt: die Verwendung eines so großen Teiles der Staatseinkünfte zu Pensionen sei unvorsichtig und schädlich für das Volk. Ja, bereits im Jahre 1729 hatte das Dubliner Parlament, unter dem Eindruck einer großen Hungersnot, den Beschluß gefaßt, alle Pensionen und Besoldungen, sobald sie an Leute gingen, die nicht wenigstens 6 Monate des Jahres im Lande blieben, mit einer Steuer von 4 s. auf das Pfund Sterling (also 20%) zu belegen. Indessen war damals hinzugefügt worden: der König sollte das Recht haben, bestimmte Pensions-Empfänger von dieser Steuer auszunehmen.

Dadurch aber war jener Beschluß wirkungslos geblieben — wann hätte England der Nachbarinsel ein Versprechen gehalten? Ganz wie zuvor gingen die Pensionen zum erheblichen Teil an Leute, die Irland nur vorübergehend besuchten, ja sogar an solche, die es niemals gesehen hatten.

D. England erpreßt Truppengelder.

Auch sonst wurde die englische Herrschaft [S. 71]für Irland ungemein kostspielig. Beinahe alles, was England dort unternahm, kostete der grünen Insel schweres Geld. Oft wurde Unmögliches verlangt. So beauftragte Georg III. Lord Townshend, der im Oktober 1767 als Statthalter hinüberging, die Vermehrung der dort ausgehobenen Truppenmacht um 3000 Mann zu erzwingen, wofür man Gegenzugeständnisse dem irischen Parlament in Aussicht stellen, aber zunächst nicht unwiderruflich gewähren dürfe. Da sich der neue Statthalter nach kurzem Aufenthalt überzeugte, daß Irland die dafür notwendigen Mehrausgaben von im ersten Jahre 67000, weiterhin 40000 Pfund Sterling jährlich nicht tragen könne, berichtete er am 5. November, daß die Leistungsfähigkeit des Landes eine höhere Mehrforderung als 2000 Mann nicht erlaube.

Vergeblich — der König bestand auf seinem Wunsche, und das englische Ministerium schloß sich ihm an. Alles, was man Irland als Gegenleistung zubilligen wollte, war die Versicherung, von dem alsdann mehr als 15000 Mann umfassenden Heere sollten 12000 Mann dauernd in Irland bleiben und die wiederholt gewünschte Verkürzung der Parlaments-Dauer auf 8 Jahre sei zu genehmigen. Als das irische Parlament dennoch fest blieb, ward es im Mai 1768 aufgelöst.

Elf Jahre später mußte die Regierung Irlands 50000 Pfund Sterling von England und 20000 Pfund von einem Privatmann entleihen, um die in Irland stehenden, für England unterhaltenen Truppen besolden zu können!

E. England erpreßt Riesengehälter.

Noch übler wurde es empfunden, daß beinahe sämtliche hervorragende und gut bezahlte Aemter in Irland in englischen Händen lagen. Der Lord-Statthalter und der erste Minister, der Kanzler ebenso wie fast alle höheren Staatsbeamten waren ohne Ausnahme Engländer. In dem vierten Tuchhändlerbriefe gab Swift ein Verzeichnis gut bezahlter irischer Aemter, [S. 72]die von englischen Edelleuten verwaltet wurden, obwohl sie ihre Gehälter außerhalb Irlands verzehrten. Während des ganzen 18. Jahrhunderts ereignete es sich nicht ein einziges Mal, daß ein Ire den Bischofssitz von Armagh einnahm, und von den 18 anglikanischen Erzbischöfen, die in demselben Zeitraum in Dublin und Cashel auf einander folgten, waren nicht weniger als 10 Engländer. Ein großer Teil der Bischöfe und die Mehrzahl der Richter kam ebenfalls aus der herrschenden Insel.

Es versteht sich von selbst, daß darunter häufig gesinnungslose Stellenjäger waren. Im Volke führten sie den Spitznamen der „Kingfishers“ (Königsfischer). „Man braucht nur die Briefe, welche der englische Primas Boulter in den Jahren seiner Amtsführung von 1724–1738 nach England schrieb, zu durchblättern, und man wird finden, wie dieser hervorragende Vertreter des englischen Interesses mit dem Spürsinne eines Raubtieres jede neue Vakanz auszuwittern und nun alle Hebel in Bewegung zu setzen verstand, um englische Freunde und Günstlinge in die irischen Pfründen einzuschmuggeln.“⁠[21] Mit vollem Rechte behauptete Swift 1727, daß diejenigen, welche „das Unglück haben, in Irland geboren zu sein, die letzte Anwartschaft auf eine Unterstützung“ hätten.

Die Gehälter, die einige der höheren Beamten bezogen, waren selbst nach englischen Begriffen fabelhaft. Dies hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Noch heute zählen einige irische Posten zu den höchstbesoldeten im britischen Reiche, obwohl auch in England wahrlich kein Mangel an unverhältnismäßig hohen Gehältern ist. Swift erwähnt, daß der erste Sekretär der Schatzkammer jährlich 2000 Pfund Sterling (40000 Mark) erhielt, der Buchhalter bei der Schatzkammer (Clerk of the Pells) 2500 Pfund (50000 Mark), der Unterschatzsekretär sogar 9000 Pfund (180000 Mark). Zudem [S. 73]hatten die englischen Beamten, wie dies heute noch üblich ist, mancherlei Nebeneinnahmen. So vermochte Lord Wharton als Statthalter in nur zwei Jahren ein Vermögen von 900000 Mark zusammenzuscharren. Voller Bitterkeit erklärte Swift: „Irland gleicht einem großen Krankenhause, in dem alle Angestellten reich werden, die Armen dagegen, für die es erbaut ist, fast verhungern.“

F. Die Giftwaffe der Bestechung.

Zu alledem trat dann noch das Ungeheuerliche, daß Irland aus seinen Steuern die Mittel für die Bestechungsgelder aufbringen mußte, die England zur Aufrechterhaltung der Knechtung brauchte. Genügte es nicht, die Mitglieder der Opposition gerichtlich zu verfolgen, sie einzukerkern oder aus dem Lande zu treiben, sie ihrer Stellungen zu berauben und ihre Güter zu beschlagnahmen, so griff man zu dem Mittel, sie durch Bestechungen willig zu machen, oder von vornherein Charaktere, die nicht ganz fest waren, durch Lockungen aller Art zum Abfall zu verleiten.

Hohe und niedrige Aemter wurden zum Gegenstande widerlichen Schachers gemacht, um sie an diejenigen zu vergeben, denen die Regierung am meisten verdankte oder von denen sie sich die wirksamste Unterstützung versprach. Auch wurde in solchen Fällen das Wort des Königs, weitere Pensionen sollten dem irischen Staatshaushalt nur in Fällen äußerster Wichtigkeit auferlegt werden, ohne Bedenken gebrochen.

Mehr als ein Parlament, das sich gegen die Regierung zu wenden drohte, verstand sie auf diese Weise zu kirren. Die irische Land- oder National-Partei, die stets von neuem drohend das Haupt erhob, ließ sich dadurch zwar nicht mundtot machen; wohl aber verlor sie immer wieder auf Jahre hinaus die Macht, etwas durchzusetzen. Beispielsweise konnte das im Februar 1771 zusammentretende [S. 74]Parlament unter diesen Umständen von der Regierung ohne jede Besorgnis einberufen werden. „Mit Abscheu nur sah das ins Elend versunkene Land, daß es zu einem Markte geworden sei, wo sich ehrvergessene Oppositionelle an den Statthalter verkauften. Allein was im Lande das Volk dachte, war Nebensache; die Hauptsache war, daß im Parlamente gegen das Volk und für die Regierung Beschlüsse gefaßt wurden.“⁠[22]⁠

Es lag in der Natur der Sache, daß die Mittel, die zur Bestechung käuflicher Parlaments-Mitglieder ausgegeben werden mußten, nicht etwa nur einmal zu tragen waren, sondern immer wieder kehrten, ja, die Neigung zu unablässiger Steigerung in sich trugen. Thomas Moore macht treffende Angaben darüber: „Zu Swifts Zeit war eine Flasche Burgunderwein, ein freundliches Wort und eine vertrauliche Zusammenkunft das Rezept, um halsstarrige Landjunker zurechtzusetzen; doch jetzt waren kräftigere Mittel erforderlich, und Lord Townshend, unter welchem der Versuch zuerst gemacht wurde, fand die Auflösung dieses Klubs im Parlamente mit eben so vielen Kosten als mit Gefahr und Gehässigkeit verknüpft. Indes scheint es ihm, besonders bei den Patrioten, gelungen zu sein, und die Namen Loftus, Beresford u. s. w., die sich unter den damals abtrünnig Gewordenen finden, zeigen, auf welchem Grunde die Titel und Reichtümer der Tories hier und da ruhen.

„Unter einer der folgenden Verwaltungen, der des Lord Harcourt, maskierte der Einfluß des Hofes seine Operationen so wenig, daß man, um die Bank der Schatzkammer⁠[23] gegen den Antrag des Parlaments zu verstärken, an einem Tage 5 Grafen, 7 Vicomtes und 18 Barone ernannte.

„Dieses Regierungssystem war im ganzen nur ein [S. 75]langes Vorspiel für die Union, diese letzte Raketengarbe des Kunstfeuerwerks der Bestechung.“⁠[24]⁠

Auch die Geschichte der Korruption im englischen Parlament während derselben Jahrzehnte beweist, daß die Regierung in der Bestechung ein zweischneidiges Schwert in der Hand hatte, das alsbald stumpf zu werden drohte und dessen Schärfung ungeheure Summen verschlang. Man mußte den käuflichen Abgeordneten, oder ihren Hintermännern, oder ihren Günstlingen — meistens allen zusammen — irgend einen einträglichen Platz an der Staatskrippe zuweisen, wollte man über ihren guten Willen verfügen. So viele Stellen aber waren überhaupt nicht vorhanden, zumal da diese Männer wenig Neigung hatten, durch fleißige und pflichttreue Arbeit ihre Gehälter zu verdienen. Weit lieber waren ihnen Sinekuren — und so mußten eben, da die Zahl der vorhandenen nicht ausreichte, immer neue geschaffen werden.⁠[25]⁠

Sogar ein so parteiischer Geschichtsschreiber wie der Engländer Froude muß zugeben, daß die Regierung in Irland auf Grund der bestehenden Zustände und der Absichten Englands gezwungen war, die Mitglieder beider Häuser des Parlamentes zu korrumpieren, und daß die Parlamentarier es dringlich hatten, korrumpiert zu werden.

Arge Bestechlichkeiten konnten um so weniger ausbleiben, als ein großer Teil der Sitze im Unterhaus, wie wir gesehen haben, von den Inhabern von Burgflecken besetzt wurde, von denen einige wohlhabende Familien bis zu 16 Stück besaßen. Diese mächtigen Grundherren führten daher in der Parlamentssprache jener Zeit den Namen der „Parlaments-Unternehmer“ (Parliamentary Undertakers). Die Regierung war eifrig darauf bedacht, diese gewichtigen Männer auf ihre Seite [S. 76]zu bringen. Sie tat ihnen daher jeden möglichen Gefallen, um sie durch ihren Ehrgeiz für sich günstig zu stimmen. Titel, Aemter und Pensionen regneten auf diese Leute herab. Uebrigens brauchte sich die Regierung nicht einmal vor unmittelbarer Bestechung zu scheuen, da diese Herren oft genug bares Geld nahmen. Der Statthalter konnte 1769 an offener Tafel prahlen: er könne sich eine Mehrheit nach Belieben kaufen!

Diese Bestechungsherrschaft sollte, wie wir noch sehen werden, Irland nach dem kurzen Glückstraum, der mit dem Jahre 1782 begann, in das tiefste Elend zurückschleudern, weil die englische Regierung in wohlberechneter Hinterhältigkeit die Unehrlichkeit pflegte und förderte, anstatt sie zu vernichten. Ja, es gelang ihr im entscheidenden Augenblick, die irische Nation mit dieser gemeinen Waffe — durch ein erkauftes und bestochenes Parlament — um ihre heißgeliebten nationalen Rechte zu betrügen.

9. Irland gibt sich nicht zufrieden.

Obwohl England durch alle diese Mittel das Heft in Händen zu haben glaubte, um auch dann, wenn die Gewalt nicht ausreichte oder wenn es bequemer schien, einen anderen Weg einzuschlagen, alle Wünsche Irlands abzuweisen, erstarkte das Nationalgefühl hier dennoch. Die Nation schloß sich, allen Gegenmitteln zum Trotz, immer mehr zu einer Einheit zusammen.

Noch bestand zwar das Poynings-Gesetz des Jahres 1495, das alle Entscheidungen über irische Angelegenheiten dem englischen Kronrat übertrug. In der Mitte des 16. Jahrhunderts (1556) war es etwas abgeändert worden: fortan durfte das irische Parlament einberufen werden, bevor die Gesetze, die es beraten sollte, durch den englischen Kronrat genehmigt waren. Aber noch immer hatte es nicht das Recht, die ihm von letzterem zugehenden Gesetzentwürfe zu ändern. Es durfte darüber [S. 77]beraten; die glänzendsten Parlaments-Redner konnten Witz und Scharfsinn sprühen lassen — zum Schlusse mußte doch jeder einzige Buchstabe der Vorlage genau so angenommen oder das Ganze verworfen werden.

Mithin befand sich Irland in weit ungünstigerer Lage als Schottland vor seinem 1707, ein Jahrhundert nach der Personal-Union erfolgenden parlamentarischen Zusammenschluß mit England. Denn Schottland besaß vor diesem Jahre ein durchaus selbständiges Parlament, das nach Gutdünken beraten, Gesetzanträge schaffen, annehmen, verwerfen und ändern konnte.

Auch handelspolitisch war Schottland vor der Union nicht in der sklavischen Abhängigkeit von England wie Irland. Beweis genug ist die Tatsache, daß die Schotten selbst wünschten, mit England einen Gesamtstaat zu bilden, und daß die nötigen Beschlüsse ohne Bestechung durch die Regierung erfolgten.

Der Grund dafür, daß England gegen Schottland eine versöhnliche Politik trieb, obwohl hier noch 1715 und 1745 bedeutende Revolutionen stattfanden, während es Irland dauernd knechtete, läßt sich in einem Satze geben: Schottland ist unfruchtbar, Irland fruchtbar. Aus den schottischen Hochlanden ließen sich durch Ackerbau und Viehzucht nur äußerst bescheidene Erträge ziehen, während der größere Teil des Bodens der grünen Insel reichliche Nahrung hervorbringt. Von einer Besiedelung Schottlands durch Engländer ist daher nie die Rede gewesen, nach dem irischen Boden dagegen waren sie lüstern.

Deshalb wurde Schottland durch England weder wirtschaftlich noch politisch jemals in einen Zustand der Knechtung versetzt wie das unglückliche Irland. Aus demselben Grunde war unvermeidlich, daß diejenigen Engländer, die längere Zeit in Irland blieben, von den Engländern daheim ebenfalls mit Neid und Mißtrauen betrachtet wurden. Nun saßen sie ja an der Stelle, an [S. 78]die gern die Daheimgebliebenen wollten. Es entwickelte sich ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen den Spaniern vom blauen Blut und den Kreolen in Mittel- und Süd-Amerika. Die von daheim betrachteten es als ihr gutes Recht, da doch einmal die Kolonie für die Ausbeutung durch das „Mutterland“ bestimmt war, alle Aemter und Pfründen dort, ob sie nun von der Kirche oder vom Staate abhingen, selbst in Anspruch zu nehmen, während die schon länger im Lande lebenden Mitglieder des Herrenvolkes ihrerseits ein noch besseres Recht darauf zu haben glaubten. So entspannen sich um die Besetzung von Stellen ebenso wie um andere Möglichkeiten, das Land auszusaugen, Streitigkeiten.

Indessen standen beide Parteien fast immer, wenn die dritte — das leidende Volk — einen Wunsch oder gar einen Anspruch erhob, wieder Schulter an Schulter. Dann hatten beide Herrenkasten nur noch das gemeinsame Ziel, die Millionen der Unterdrückten „in Verdummung, Trägheit und Knechtschaft zu erhalten“.⁠[26] So scheute sich denn das englische Parlament auch nicht, sobald es irgend ein für die bürgerliche Freiheit wichtiges Gesetz beschloß, Irland ausdrücklich davon auszunehmen. Als unter Wilhelm III. ein Gesetz die vom Könige angestellten Richter für unabsetzbar erklärte, erhielt es für Irland keine Geltung. Das Habeas Corpus-Gesetz bestand in England länger als ein Jahrhundert, bevor es endlich, gewissermaßen versuchsweise, auch Irland gewährt wurde; dann jedoch wurde es hier so oft und für so lange Zeiträume aufgehoben, daß es seine eigentliche Wirkung verlor.

Wie die beiden Häuser des englischen Parlaments in alle irischen Verhältnisse, handelte es sich nun um politische oder wirtschaftliche, religiöse oder rechtliche Fragen, eingriffen und sich über alle Wünsche der Iren [S. 79]hinwegsetzten, als handle es sich um unmündige Kinder, wie um einen jeder politischen Fähigkeit und aller Kultur baren Stamm von Menschenfressern, haben wir gesehen. Kein Wunder, daß die Iren sich immer wieder erbittert dagegen auflehnten.

Indessen geschah dies durch mehr als ein Jahrhundert nach dem Kriege der Jahre 1689–91 ganz friedlich. Denn die ländlichen Unruhen, die zunächst 1711, dann in verstärktem Maße vom Jahre 1760 an ausbrachen, erschütterten immer nur einzelne Teile der Insel und waren, wie alle unvoreingenommenen Beobachter feststellten, durchaus unpolitischer Natur. Sie gingen von der entrechteten und von Verzweiflung über ihre Lage gepackten Bauern-Bevölkerung aus, der das Gesetz jede Wohltat versagte, die von ihren Pachtherren ausgebeutet wurde und der, um aus ihrer elenden Lage herauszukommen, nichts übrig blieb als Auswanderung, Selbstmord oder gewaltsame Hilfe.

Es rächte sich abermals, daß diese Volksklassen keine politischen Führer besaßen, weil sie ihnen durch die englischen Unterdrückungs-Maßnahmen geraubt waren. Swift hatte 1708 gemeint: „Die papistischen Leute, Leute ohne Führer, ohne Disziplin oder natürlichen Mut, sind wenig besser als Holzhauer und Wasserträger, gänzlich unfähig, irgend einen Schaden zuzufügen, selbst wenn sie auch wollten.“

Schaden richteten sie endlich doch an — eben weil ihnen jedes andere Mittel genommen war, ihre Beschwerden auch nur vorzubringen. Aber politisch war diese Bewegung nicht, und sie hätte sich durch kluge Reformen rasch beseitigen lassen. Statt dessen schlug die Regierung den Weg ein, der ihr stets der bequemste war: sie ging mit Waffengewalt vor, stellte die Gegenden, in denen die Unruhen ausbrachen, unter Kriegsrecht und verleidete den armen Bauern das Leben so sehr, daß, wer nur irgend konnte, auswanderte, während unter [S. 80]den Zurückgebliebenen die Verzweiflung fortschwälte und sich, trat auch jahrelang Ruhe ein, in immer neuen Unruhen Luft machte.

Es ist kennzeichnend für die Lage, daß von diesen ländlichen Unruhen protestantische Bezirke ebenso betroffen wurden wie katholische und daß unter den Iren, die im amerikanischen Revolutions-Kriege erbittert gegen die Engländer fochten, zahlreiche Protestanten waren, die während der Unruhen der Weißburschen, der Stahlburschen, der Eichenburschen usw. ausgewandert waren.

Seit dem Jahre 1691 waren die katholischen Einwohner Irlands durch das englische Parlament des passiven, seit 1725 auch des aktiven Wahlrechts beraubt. 1704 wurden sogar die Protestanten, soweit sie nicht zur anglikanischen Staatskirche gehörten, vom Parlament ausgeschlossen. 1719 maßte sich das englische Oberhaus das Recht an, für alle richterlichen Entscheidungen in Irland die höchste Instanz zu sein. Einige dieser Maßnahmen fanden im irischen Parlamente nicht einmal Widerspruch — zum Beispiel die Wahlentrechtung des Jahres 1727 nicht.

Später jedoch änderte sich dies: man erkannte auch in den aus England stammenden oder völlig englisch fühlenden Kreisen Irlands, daß die sklavische Abhängigkeit, in die das Land geraten war, tödliche Folgen haben müsse. So bildete sich die Land-Partei, auch Patrioten-Partei genannt, die sich innerhalb und außerhalb des Parlaments geltend zu machen wußte. Die öffentliche Meinung Irlands, für die Engländer in den letzten Menschenaltern ein unbekannter oder mißachteter Begriff, begann ihre Forderungen zu stellen.

Sie lehnte sich dabei in manchen grundlegenden Fragen an die Errungenschaften an, auf die man in England äußerst stolz war. 1763 versuchte das irische Parlament die Unabsetzbarkeit der Richter durchzusetzen, [S. 81]die England nun bereits länger als zwei Menschenalter besaß. Auch vor scharfen Zusammenstößen mit der Regierung scheute sich das Parlament fortan nicht. In mehr als einem Falle mußte erstere die Segel streichen. Ja, es kam vor, daß die öffentliche Meinung Irlands, auch ohne daß das Parlament eingriff, die Rücknahme einer verhaßten englischen Maßnahme erzwang; der Kampf gegen das dem Eisenhändler Wood erteilte Münzpatent hatte Schule gemacht.

10. Irland bekämpft die unbeschränkte Parlamentsdauer.

Heftige Kämpfe entwickelten sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts zumal über eine Verfassungsfrage, die für den Einfluß Englands von hoher Wichtigkeit war. Sollte die öffentliche Meinung in Irland von der Macht, ihre Wünsche durch das Parlament in Dublin durchzusetzen, ausgeschlossen werden, so mußte die Regierung das letztere, je mehr die National-Partei erstarkte, bestechen. Dies aber war um so bequemer, je länger die Session dauerte. Mit jeder Neuwahl mußte die Erkaufung Unehrlicher in großem Maßstabe wiederholt werden, während für ein Parlament von längerer Dauer die Mühe der Bestechung nicht so oft und nicht so gründlich zu wiederholen war.

Es war daher für England das Bequemste, wenn das irische Unterhaus beim Regierungs-Antritt eines Herrschers gewählt und erst bei seinem Tode aufgelöst wurde. Tatsächlich mutete man dies Irland zu, während die Sessions-Dauer des englischen Parlamentes, die eine Zeitlang auf 3 Jahre beschränkt gewesen war, nun immerhin nur 7 Jahre umfaßte.

Unter den Iren herrschte wachsende Unzufriedenheit, weil das Parlament beispielsweise unter Georg II. 33 Jahre lang unverändert blieb. Nur wenn ein Abgeordneter starb, war ein neuer an seiner Stelle zu wählen. Die öffentliche Meinung erhob daher die dringende Forderung: [S. 82]die Parlamentsdauer sei zu verkürzen. Dr. Lucas trat in seinem Blatte eifrig dafür ein, und im Jahre 1761 stellte er im Unterhaus den förmlichen Antrag auf eine 7jährige Legislatur-Periode.

Das Unterhaus nahm den Beschluß an, obwohl er dem Interesse vieler, wenn nicht der meisten Abgeordneten widersprach. Allein der nationale Wille war zu so großer Macht erstarkt und in dieser Frage so geschlossen, daß das Parlament sich fügte. Bei den letzten einzelnen Neuwahlen hatte eine ganze Anzahl von Kandidaten den Wählern die bündigsten Versprechungen geben müssen, für die Verkürzung der Parlaments-Dauer einzutreten.

Der englische Kronrat verweigerte, wie zu erwarten, seine Zustimmung. Es läßt sich denken, daß viele Parlaments-Unternehmer sich heimlich darüber freuten. Oeffentlich indessen mußten sie — so energisch war der Wille der Nation — die entgegengesetzte Stellung bekunden. Sogar der englische Statthalter bequemte sich zu demselben Spiel: Sowohl Halifax wie sein Nachfolger Northumberland mochten von der Beschränkung der Parlaments-Dauer nichts wissen, heuchelten aber öffentlich eine entgegenkommende Haltung, um die Gunst der Bevölkerung nicht zu verscherzen. Ebenso wagten weder die mächtigsten Grundherren noch die irischen Beamten sich als Gegner der Vorlage zu gebärden.

Der Antrag wurde 1763 wiederholt. Wiederum brachte ihn Dr. Lucas ein, und Flood, damals vielleicht der hervorragendste Parlamentarier Irlands, unterstützte ihn in glänzender Rede. Das Unterhaus nahm die Vorlage wiederum an, sie wurde zum zweiten Male nach England gesandt — und der Kronrat lehnte sie zum zweiten Male ab.

1765 ereignete sich derselbe Vorgang zum 3. Male. Wieder beschloß das irische Parlament, auf der Verkürzung [S. 83]seiner eigenen Lebensdauer zu bestehen — und wieder sagte der englische Kronrat sein unbedingtes Nein.

Nun riß der irischen Nation die Geduld. Unverkennbar war sie nicht gesonnen, weiter mit sich spaßen zu lassen. Im Mai 1766 führten der Scheriff und mehr als 600 angesehene Kaufleute und Gewerbetreibende Dublins bei ihren Abgeordneten bittere Klage über die abermalige Zurückweisung des Gesetzes über die Verkürzung der Parlamentsdauer und forderten, die Abgeordneten dürften fortan für keinen eine Geldbewilligung enthaltenden Gesetzantrag stimmen, der mehr als sechsmonatliche Wirkung habe, es sei denn, daß die Verkürzung der Parlaments-Dauer bewilligt werde.

Das hätte der englischen Regierung die Hände stark gebunden. Sie beschloß daher einzulenken. Nur waren dafür nicht sowohl die Wünsche Irlands als eigensüchtige Erwägungen maßgebend. Zwar der ältere Pitt, nunmehr Lord Chatham, der 1766 von neuem an die Spitze der Regierung trat, war der Reform nicht abgeneigt; entscheidend aber waren die Wünsche der Krone. Georg III. war daran gelegen, das persönliche Regiment zu betonen, das er auch in England durchzusetzen strebte; es konnte ihm daher nicht recht sein, daß durch die langen Sessionen des irischen Parlamentes die eigentliche Macht dort statt in den Händen der Regierung in denen jener Großgrundbesitzer lag, die durch ihre Macht über die Burgflecken leichter und erfolgreicher auf die Abgeordneten einwirken konnten als die Regierung. So erhielt denn Lord Townshend, der im Oktober 1766 als Statthalter nach Irland ging, die Weisung, dort zu versichern, die englischen Minister hätten jetzt die Absicht, in die Verkürzung der Parlamentsdauer zu willigen.

Das Parlament in Dublin nahm seinen alten Antrag zum vierten Male an und überreichte ihn persönlich in voller Stärke dem Statthalter. Der Entwurf ging nach [S. 84]England, wo man ihn zwei Aenderungen unterwarf: die Parlamentsdauer sollte 8 Jahre statt der beschlossenen 7 umfassen, damit die Wahlen in England und Irland nicht gleichzeitig stattfänden — andererseits sollte das Gesetz jedoch statt erst nach 7 Jahren sofort in Kraft treten. In dieser Gestalt kam es im Februar nach Dublin zurück. Dort erklärte sich das Parlament mit den Aenderungen ohne weiteres einverstanden, — hocherfreut, nun endlich, wenn auch mit einer kleinen Verschlechterung, der eine kleine Verbesserung gegenüberstand, den alten Wunsch erfüllt zu sehen. Die erste, zweite und dritte Lesung fanden an einem einzigen Tage statt, und an die Krone wurde eine in den wärmsten Ausdrücken gehaltene Dankadresse gerichtet. Nicht genug damit: die Bevölkerung Dublins ließ ihrer Seligkeit die Zügel schießen, indem sie dem Statthalter auf dem Wege zum Parlaments-Gebäude die Pferde ausspannte, um ihn persönlich ins Parlament zu fahren.

11. Neue Zerwürfnisse.

Im Mai 1768 wurde das Parlament aufgelöst, und die Regierung hatte infolge eines neuen Zerwürfnisses, das hauptsächlich auf die Parlamentsunternehmer zurückzuführen war, nicht minderen Anlaß wie die Nation zu dem Wunsche, den Einfluß der Grundbesitzer gebrochen zu sehen. Indessen stieß Townshend mit dem neuen Parlamente, das im Oktober 1769 zusammentrat, abermals scharf zusammen. Es handelte sich um dieselbe Meinungsverschiedenheit wie schon so oft, insbesondere in den Jahren 1760 und bereits 1692: der irische Kronrat berief das Parlament, um ein Geldbewilligungs-Gesetz zu erhalten, während das Unterhaus als sein Recht beanspruchte, daß solche Gesetze von ihm, nicht von dem Kronrat ausgingen.

Der Streit spitzte sich diesmal um so schärfer zu, als die Frage des Steuerrechtes in den nordamerikanischen Kolonieen die öffentliche Meinung stark aufwühlte und der [S. 85]Wellenschlag dieser Erregung in England wie in Irland deutlich fühlbar ward. In der Tat lehnte das irische Unterhaus mit 94 gegen 71 Stimmen das von ihm verlangte Gesetz ab und nahm gleichzeitig eine Entschließung an, die als Grund der Verwerfung aussprach, der Antrag sei nicht vom Unterhaus ausgegangen. Die englische Regierung, die diese Entschließung als ungesetzliche Handlung ansah, gab dem Statthalter die Weisung, ähnlich wie dies im Jahre 1692 sein damaliger Vorgänger, Lord Sidney, getan hatte, Einspruch zu erheben. Indessen befolgte Lord Townshend eine schlauere, nur weniger ehrliche Politik: er ließ sich zunächst den Staatshaushalt auf 2 Jahre bewilligen, brachte das Parlament auch zur Annahme anderer der Regierung erwünschter Gesetze — und führte dann erst den gewünschten Schlag.

Am 26. Dezember 1769 wurden die Mitglieder des irischen Unterhauses aufgefordert, vor der Schranke des Oberhauses zu erscheinen. Hier vernahmen sie aus dem Munde des Statthalters, daß er gegen jene Entschließung, weil sie dem Poynings-Gesetz widerspreche und deshalb ungesetzlich sei, feierlichen Einspruch erhebe. Das Unterhaus gab seinem Aerger sofort Ausdruck, indem es seinem Clerk verbot, von diesem Einspruch der Regierung in dem Protokollbuch irgend welche Kenntnis zu nehmen, während er in das Buch des Oberhauses ohne Widerspruch eingetragen ward.

Die Mißstimmung machte sich im ganzen Lande geltend, wenn auch durch die Vertagung des Parlaments die öffentliche Meinung ihres einen Sprachrohrs beraubt war. Das andere jedoch, die Presse, ließ sich nicht mehr mundtot machen. In der von Dr. Lucas begründeten Zeitung, die die politischen Wünsche der National-Partei aufmerksam und unverdrossen vertrat, erschienen 1770 nach dem Muster der Junius-Briefe, die in der inneren Politik Englands eine so große Rolle spielten, die Pertinax- und Posthumus-Briefe, die [S. 86]sich an ihr Vorbild deutlich anlehnten. Sie gingen mit Lord Townshend scharf ins Gericht. Auch Spottgedichte gab es in Fülle, und die Zeitung brachte eine satirische Geschichte der gegenwärtigen Regierung, in der unter dem Namen Sancho Pansa deutlich erkennbar der Statthalter gezeichnet und heftig gezaust ward, während die übrigen hervorragenden Politiker Irlands unter anderen Decknamen verspottet wurden.

Townshend half sich zunächst, indem er das Parlament von einem Vierteljahr zum anderen vertagte. Heimlich aber untergrub er den Einfluß der Gegner. Als er im Februar 1771 das Parlament wieder berief, konnte er sich daher wiederum auf eine Mehrheit stützen. Die Mittel, durch die er das Ziel erreicht hatte, waren die altbewährten. Er hatte die heftigsten Gegner entweder aus ihren Aemtern verjagt, wie den Grafen von Shannon und Ponsonby — ferner die Zusammensetzung des Kronrates von Grund auf geändert, beispielsweise den Herzog von Leinster daraus vertrieben — andererseits jedoch alle Männer, die sich zu gefügigen Werkzeugen der Regierung machen ließen, durch Rang-Erhöhungen, Pensionen oder Aemter erkauft. Etwa 10 Mill. Mark soll diese Bestechung gekostet haben — in einer Zeit, da die ländlichen Unruhen im Norden der Insel und eine heftige Wirtschaftskrisis die Staatseinnahmen schwer mitnahmen!

Dennoch gelang es Lord Townshend nicht, die National-Partei alles Einflusses zu berauben. Gegen die Adresse an die Krone, mit der das Parlament seine Tätigkeit begann, erhoben 16 Lords, an ihrer Spitze der Herzog von Leinster, Einspruch, und der Präsident des Unterhauses, Ponsonby, legte sein Amt nieder, weil er diese erschlichene Adresse, in der dem Könige dafür gedankt wurde, daß er den Statthalter noch weiter in seinem Amte gelassen habe, nicht mit seinem Namen decken mochte.

[S. 87]

Selbst dieses zur Gefügigkeit bestochene Parlament wandte sich gegen Townshend, als er immer neue Stellen schuf, die dem Lande schweres Geld kosteten, ohne ihm Nutzen zu bringen. Als der Statthalter nun gar so unklug war, an offener Tafel die Mitglieder der Opposition zu verhöhnen und Spottgedichte gegen sie zu verbreiten, war es klar, daß er sich nicht mehr halten konnte, sodaß er am 9. Oktober 1772 abberufen ward. Offensichtlich trieb das Verhältnis der Regierung zu der Nation hier — wie in Amerika — einer bedenklichen Krisis zu.

12. Die „weißen Neger.“

Denn Irland stand dicht vor dem Staatsbankerott. Bereits im April 1773 mußte der neue Statthalter Lord Harcourt an den englischen Premierminister Lord North berichten: „Die Verlegenheiten haben einen solchen Grad erreicht, daß fast alle Zahlungen bis auf den Unterhalt des Heeres eingestellt sind, und zuweilen ist es schwierig, selbst hierfür Geld aufzutreiben. Ich habe Grund genug zu glauben, daß die Rückstände um Weihnachten nicht unter 300000 Pfund Sterling betragen werden.“

Lord Harcourt war ein weitblickender, vernünftiger Mann, der den Druck, unter dem Irland seufzte, wohl erkannte. Man kam ihm daher von allen Seiten vertrauensvoll entgegen. Sowohl die Führer der Grundherren wie die der Landpartei machten ihm ihre Aufwartung. Endlich hatte man in Irland wieder einmal die seltene Empfindung, daß ein Statthalter eingezogen war, der für die Bedürfnisse des Landes Verständnis zeigte. Oft war dies der unglücklichen Insel bisher wirklich nicht begegnet. Die wenigen Statthalter jedoch, die sich ernsthaft bemüht hatten, die Wunden Irlands zu heilen und seine berechtigten Wünsche zu erfüllen, konnten sich rühmen, daß alle Kreise der Nation ihnen freimütig entgegengekommen waren und ihnen rückhaltlose Anerkennung zollten.

[S. 88]

Namentlich galt dies von Lord Chesterfield. Als er im Jahre 1745 zum Statthalter ernannt wurde, begab er sich alsbald persönlich nach Irland und blieb dort, bis man ihn von seinem Posten wieder abberief. Dies erregte Staunen und herzliche Dankbarkeit. War man doch gewohnt, daß der Statthalter, der grundsätzlich niemals Irländer von Geburt, vielmehr stets dem englischen Hochadel entnommen war, in der Regel nur kurze Zeit im Lande blieb, dessen Wohl in seinen Händen lag, alsbald jedoch die Aufgaben, denen er sich persönlich hätte widmen sollen, seinen Ministern — den Lord-Oberrichtern (Lords Justices) — überließ, während er selbst das ungeheure Gehalt, das ihm Irland zahlen mußte, außerhalb verbrauchte.

Mit welchem Leichtsinn und welcher Geringschätzung die Statthalter häufig ihre Aufgabe ansahen, zeigte schlagend die Bemerkung des Herzogs von Shrewsbury, der zu Anfang des 18. Jahrhunderts Statthalter gewesen war: es gäbe für dieses Amt Geschäfte genug, um einen Menschen am Einschlafen zu verhindern, aber nicht genug, um ihn wach zu halten.

Chesterfield dagegen nahm seine Aufgabe ernst, überzeugte sich bald, daß die Dinge in Irland sehr im argen lagen und suchte nach Kräften zu bessern. Er scheute auch vor kräftigem Urteil nicht zurück. So äußerte er sich später (1760): „Das Parlament zeige eine völlige Mißachtung des öffentlichen Wohles, eine schamlose Betonung des persönlichen Interesses und eine allgemeine Korruption in Moral und Betragen.“

Zum Unglück Irlands blieb dieser Mann nur acht Monate lang Statthalter. Allein die Erinnerung an seine gerechte und verständnisvolle Wirksamkeit war noch Jahrzehnte lebendig. Hatte er sich doch bemüht, über dem wirtschaftlichen Gedeihen des Landes zu wachen und die von ihm abhängigen Stellen mit tüchtigen Männern, nicht mit Günstlingen zu besetzen. Er übernahm [S. 89]sein Amt in schwieriger Zeit: beim Ausbruch der Revolution in Schottland 1745. 30 Jahre früher hatte sein Vorgänger, als ebenfalls in Schottland die Revolution emporflammte, aus Angst, sie könne nach Irland überschlagen, alle katholischen Kirchen hier schließen lassen. Chesterfield dachte nicht an ähnliches — ja er setzte allen Gerüchten über papistische Erhebungen einen glücklichen Spott entgegen.

Für die Art, wie England die Nachbarinsel zu beherrschen suchte, ist es kennzeichnend, daß als Statthalter weitblickende, vorurteilslose und verständnisvolle Männer nur im Augenblick der höchsten Gefahr entsandt zu werden pflegten und dann nur kurze Zeit am Ruder blieben. Lord Chesterfield ward bereits nach acht Monaten abberufen. Lord Fitzwilliam, der ein halbes Jahrhundert später in kritischer Lage nach Irland kam, von der Bevölkerung mit Jubel begrüßt, blieb nur drei Monate.

Chesterfield war es auch, der die Lage des armen Volkes in Irland dadurch beleuchtete, daß er das Wort von den „weißen Negern“ prägte. Er griff damit wohl auf ein Lied zurück, das die Negersklaven in Westindien seit etwa 100 Jahren sangen. Die Blutherrschaft Cromwells auf der grünen Insel endete damit, daß die „Rebellen“ haufenweise nach Jamaica und anderen tropischen Besitzungen Englands deportiert wurden. Nicht nur Männer, auch Frauen und Kinder wurden dorthin geschafft. Die üppigen englischen Pflanzer auf Jamaica kauften sich gern eine Irin, und daß dieser weiße Menschenhandel stets über die nötige Kopfzahl verfügte, dafür sorgte die englische Gewaltherrschaft auch, als sie nicht mehr „Rebellen“ zu Opfern ihrer Willkür machen konnte. England pflegte das Verbrechen des Diebstahls, auf dem damals in ganz Europa der Tod stand, in Irland seltener mit dem Strange zu sühnen als es wirtschaftlich nutzbar zu machen, indem es die zum Tode [S. 90]Verurteilten zur Deportation nach Westindien begnadigte. Dort kaufte irgend ein Pflanzer sie, um sie in den Zuckerplantagen arbeiten zu lassen, falls er sie nicht zu anderen Zwecken gebrauchte. Das gelbe Fieber wütete schrecklich unter diesen Christen-Sklaven. Erst wenn sie eine Zwangsarbeit von 12 Jahren hinter sich hatten, erhielten sie die Freiheit wieder. Nach Irland zurückzufahren, waren sie meist außerstande. Zudem hatten sich manche an das neue Leben gewöhnt, so daß sie als Sklavenaufseher in Westindien blieben. Die Schwarzen jedoch, bisher ihre Leidensgefährten, wußten, daß sie nicht die einzige geknechtete Völkerschaft im britischen Reiche waren, so daß sie beim Schneiden des Zuckerrohrs oder beim Pflücken der Kaffeebohnen sangen: „Wenn der Neger nicht Neger wäre, würde der Ire Neger sein.“⁠[27]⁠

Was Chesterfield tun konnte, um den Schäden Irlands abzuhelfen, ließ er nicht unversucht. Er betonte gern, er wolle lieber „der irische Statthalter“ als „Lord-Statthalter von Irland“ genannt werden.⁠[28]⁠

In seine Fußtapfen trat nun Lord Harcourt. Bald nach seiner Ankunft zeigte er sich bereit, der englischen Regierung eine Steuerquelle vorzuschlagen, die man in Irland wiederholt gefordert hatte, während England sie regelmäßig ablehnte: eine Abwesenden- (Absentee-) Steuer, eine Steuer also auf die reichen Leute, die aus Irland Einkünfte bezogen, ihr Geld aber anderswo ausgaben.

Harcourt wußte durch persönliche Liebenswürdigkeit wie durch Benutzung persönlicher Eigenarten und Schwächen die Opposition zu entwaffnen. Sogar der langjährige Führer der irischen Patrioten-Partei, Flood, trat auf die Seite der Regierung, indem er im Herbst 1775 das einträgliche Amt eines stellvertretenden Schatzmeisters übernahm.

[S. 91]

13. Die Unzufriedenheit wächst.

Andere Mitglieder der Partei, zumal Lord Charlemont, waren hiermit jedoch nicht einverstanden. Und sie behielten Recht. Schon die Art, wie die Frage der Abwesenden-Steuer entschieden wurde, zeigte, daß die Wünsche Irlands noch immer nicht maßgebend waren. Sobald sich herausstellte, daß das englische Parlament sich trotz allem nicht bereit finden lassen würde, diese Steuer zu genehmigen, erkaltete auch der Eifer des Statthalters. Wagte er auch nicht, sich offen dagegen zu erklären, so begann er doch dieselbe zweideutige Politik zu treiben, durch die seine Vorgänger schon so manchen irischen Herzenswunsch zu Falle gebracht hatten. So brachte er es fertig, ohne offen zu bekennen, daß die Regierung gegen die Ablehnung der Vorlage nichts einzuwenden haben würde, daß sich im irischen Unterhaus im November 1773 nur 102 Stimmen dafür, 122 dagegen erklärten.

Auch andere Hoffnungen der irischen Nation zerrannen. Trotz dem Entgegenkommen, das die Regierung unter Harcourt manchen Wünschen des Volkes zeigte — wir werden die wirtschaftlichen Erleichterungen, die damals gewährt wurden, noch kennen lernen —, blieb es in anderen Dingen und gerade in den wichtigsten beim alten: die Staatsschuld wuchs, ja der Staat näherte sich dem finanziellen Zusammenbruch; immer von neuem bewilligte die Regierung Pensionen, ohne das Land zu fragen; der Gesetz-Entwurf über die Unabsetzbarkeit der Richter, der von neuem im irischen Parlament Annahme fand, wurde von England abermals verworfen; der irische Kronrat entwarf wiederum Geldbewilligungs-Gesetze. Die Stimmung des Landes war unzufrieden, und als im März 1776 das Parlament, noch bevor seine 8jährige Sitzungsdauer beendigt war, aufgelöst wurde, fand die Unzufriedenheit in der Presse verstärkten Ausdruck.

Noch ärger wurden die Dinge, als die Regierung [S. 92]eine Bestimmung traf, die den wirtschaftlichen Zugeständnissen an Irland ins Gesicht schlug: am 25. Oktober 1776, zu einer Zeit, da das Parlament nicht tagte, erließ sie für ganz Irland ein Getreide- und Vieh-Ausfuhr-Verbot.

Als Grund für diese Maßregel gaben die Regierungskreise an: sie wollten verhindern, daß Lebensmittel aus Irland den aufständischen Amerikanern zugute kämen. Dagegen behauptete die National-Partei: das Verbot sei nur erfolgt, weil man es in England wünsche. Kaum trat daher das neue Parlament im Oktober 1777 zusammen, als heftige Angriffe gegen die Verhinderung der Ausfuhr gerichtet wurden. Flood allerdings, nun ganz auf der Regierungsseite, verteidigte es als berechtigt, während die Gegner eine Entschließung beantragten, die die Ungesetzlichkeit des Verbotes aussprach. Unter den Rednern, die der Regierung zu Leibe gingen, erntete ein Mann die ersten parlamentarischen Lorbeeren, der schon in den Kampf gegen die vorige Regierung stark eingegriffen hatte: es war der Verfasser der Pertinax- und Posthumus-Briefe, Rechtsanwalt Grattan.

Die Regierung konnte den Sturm abschlagen, da Harcourt noch über ausreichende persönliche Macht verfügte. War es ihm doch sogar gelungen, als die Revolution in Nordamerika ausbrach, die Iren auf die Seite Englands zu ziehen.

14. Die Revolution in Nord-Amerika.

Als Benjamin Franklin 1771 Dublin besuchte, nahm er die Gelegenheit wahr, bei den Führern des Parlamentes anzuklopfen, wie sie sich zu dem Streit zwischen England und seinen amerikanischen Kolonieen stellten. Denn daß sich der Bruch zwischen England und den 13 Kolonieen nicht mehr heilen ließ, sah der kluge Amerikaner deutlich voraus.

Er schrieb nach Hause: bei den Führern des irischen Parlaments habe er viele Geneigtheit gefunden, Amerika-Freunde [S. 93]zu sein, und habe sie darin bestärkt, weil durch gemeinschaftliches Betreiben der Interessen sowohl Irlands wie der Kolonieen eine gerechtere Behandlung von England erlangt werden könne.

Als jedoch der amerikanische Kongreß 1775 eine Adresse an die irische Nation erließ, worin die Gleichheit der irischen und amerikanischen Interessen gegenüber einer Regierung betont wurde, von deren Ratgebern der alte Geist der Klugheit gewichen sei, erlebte er eine arge Enttäuschung. Das irische Volk zwar brachte dem amerikanischen Freiheitskampfe herzliche Teilnahme entgegen — allein im Parlament drangen amerikafreundliche Stimmen nicht durch. Im Volke wußte man, daß der Kongreß die Wahrheit sprach, wenn er bedauerte, durch den Krieg von dem Handelsverkehr mit Irland abgeschnitten zu sein, obwohl Amerika von dem irischen Parlament kein Unrecht erlitten hätte und obwohl das irische Volk den Menschheitsrechten freundlich gesinnt sei; auch böte Amerika den Iren seit frühester Zeit eine sichere Zufluchtsstätte gegen Elend und Unterdrückung dar. Das irische Parlament indessen beschloß bei seiner Eröffnung am 10. Oktober 1775 nach einer Rede, in der Lord Harcourt das rebellische Auftreten der Amerikaner erwähnt und Irland um Beihilfe zur Unterdrückung dieses Aufstandes ersucht hatte, als Antwort eine Adresse, worin unter Ausdrücken der Entrüstung über die Revolution die unverbrüchlichste Anhänglichkeit an die Regierung Seiner Majestät versichert wurde. Die Opposition hatte nichts anderes tun können, als einige für Amerika verletzende Ausdrücke in dieser Adresse zu mildern und Versöhnungs-Maßregeln zu empfehlen.

Wenige Wochen darauf (am 25. November) konnte der Statthalter von dem Parlament verlangen, von der Truppenzahl, die gesetzlich zum Schutze Irlands auf der Insel bleiben mußte, 4000 Mann in den Kampf gegen Amerika werfen zu dürfen. Flood trat für diese Forderung [S. 94]ein, wobei er die Truppen als „bewaffnete Vermittler“ bezeichnete — wofür ihm später der verdiente Spott zuteil ward. Die Regierung setzte ihren Willen durch, die Truppen wurden nach Amerika eingeschifft, — und schon glaubte England, in diesem Kriege sicher sein zu dürfen, daß Irland ihm keine Sorgen machen würde.

Allein dieser Schluß war voreilig. Aus der Stellung des irischen Parlamentes ließ sich die Stimmung des Landes nicht erkennen, so lange der Einfluß des liebenswürdigen und schlauen Lord Harcourt andauerte. Im Lande war man über die Unterstützung, die Irland seinem Zwingherrn zur Niederwerfung des amerikanischen Aufstandes bot, empört. Selbst im Parlament kämpfte die Patrioten-Partei mutig dagegen — an ihrer Spitze Yelverton und Burgh, welch letzterer prophezeite: sobald Amerika von England auf die Kniee gezwungen sei, werde auch Irland unterdrückt werden.

Bald sollte sich zeigen, daß die Stimmung im Lande bedrohlicher war, als die Regierung annahm. Man konnte eben zwar das irische Parlament durch Liebenswürdigkeiten und Bestechungen gewinnen, nicht aber die irische Nation. Ein Offizier legte entrüstet sein Amt nieder, als er hörte, er solle gegen Amerika kämpfen — und die Stadt-Verwaltung von Dublin beschloß eine Ehrung für ihn.

Das Bitterste für die Regierung war, daß diese Feindseligkeit am offensten im Norden der Insel in Erscheinung trat. Dort lebten vorwiegend Protestanten — aber auch sie waren durch die Knechtung Irlands zu England-Feinden gemacht worden. An den ländlichen Unruhen der letzten Jahre hatten sie sich lebhaft beteiligt, viele Tausende waren nach Amerika ausgewandert, um der englischen Bedrückung zu entgehen. Jetzt sollten sie gegen ihre eigenen Brüder dort kämpfen oder sich darüber freuen, daß Irland seine Kräfte mit in die Wagschale warf, um die amerikanische Revolution niederzuschlagen?

[S. 95]

Die Erbitterung erreichte alsbald eine solche Höhe, daß der Statthalter die Presbyterianer des Nordens offen als „vollständige Rebellen“ bezeichnete.

15. Die Forderung der Handelsfreiheit.

Die Nation stellte nunmehr einige ihrer Forderungen so entschlossen, daß England kaum noch die Wahl blieb. Nicht nur die Hofburg in Dublin, auch die Regierung in London fühlte deutlich, daß die Iren nicht mehr mit sich spaßen lassen würden, gewährte man ihnen nicht bedeutende wirtschaftliche Erleichterungen. Die irischen Truppen waren zum allergrößten Teile außer Landes, an ihrer Stelle war ein Freiwilligen-Heer aus dem Boden gewachsen, das allerdings zur Verteidigung gegen fremde Angriffe bestimmt war, sich aber leicht gegen England wenden konnte, versagte dieses den tiefsten Herzenswünschen Irlands die Erfüllung. Es war ein gefährliches Zeichen, daß sogar Flood, der in den letzten Jahren ganz auf die Seite der Regierung getreten war, nun ebenfalls die Beseitigung der Handels-Beschränkungen forderte.

Die Lage war toternst. Drohte doch ein finanzieller Zusammenbruch, wie ihn Irland im 18. Jahrhundert trotz allem Elend noch nicht erlebt hatte. Die schmachvolle Bestechungs-Politik hatte, allen Forderungen der Nation zuwider, das Geld mit Händen aus dem Fenster geworfen, um die Erreichung der eigensüchtigen Ziele Englands zu sichern. Auch bei der Neuwahl des Jahres 1776, die der Hofburg schwere Sorgen machte, schlug man wieder den alten Weg ein: die erforderliche Regierungs-Mehrheit sollte durch Bestechung gewonnen werden. Der Staatssekretär für Irland hielt diesmal für die neu zu schaffenden Pensionen eine Summe von jährlich 11000 Pfund Sterling (220000 Mark) für erforderlich. Zugleich erhoffte die Regierungs-Mehrheit die Ernennung zahlreicher neuer Lords, denen man das Versprechen abnahm, die Regierung zu unterstützen; ein [S. 96]so umfassender Pairsschub war seit dem Beginn des Jahrhunderts in Irland nicht geschehen.

*

Kurz darauf wurde Harcourt als Statthalter durch den Earl von Buckinghamshire ersetzt. Der scheidende Vizekönig, der beim Antritt seines Amtes so nachdrücklich eine bedeutende Minderung der Staatsausgaben versprochen hatte, hinterließ eine beinahe unerträgliche finanzielle Bürde. Die Staatsschuld belief sich nunmehr auf beinahe 1 Million Pfund Sterling (20 Millionen Mark), die Staatsausgaben waren in den wenigen Jahren seiner Amtsführung um 80000 Pfund gewachsen, und für die Deckung des jährlichen Fehlbetrages wußte man nicht mehr ein noch aus. Standen doch einer Ausgaben-Summe von 2173700 Pfund höchstens 1900000 Pfund Sterling Einnahmen gegenüber!

Tatsächlich mußte am 16. Mai 1778 die Regierung den Staats-Bankerott erklären. An die Beamten konnte kein Gehalt mehr gezahlt werden. Schon vorher hatte man zur Deckung der notwendigsten Ausgaben eine unverantwortliche Pumpwirtschaft getrieben. Das Land litt unter diesen Verhältnissen um so schwerer, als die Iren durch den amerikanischen Krieg das Hauptabsatz-Gebiet ihrer Leinen-Industrie verloren und durch das 1776 von England auferlegte Ausfuhr-Verbot für ihre großen Handelsposten Rindfleisch und Butter so vom Verkehr abgeschnitten waren, daß die Vorräte in den Lagerhäusern verdarben. Im Februar 1779 erklärten die Scheriffs von Dublin in einer Adresse an den Statthalter: in den Mauern ihrer Stadt nagten jetzt 19000 Menschen, die bisher von der Weberei gelebt hätten, am Hungertuch und könnten nur durch Erweiterung des Handels und durch die Möglichkeit, ihre Erzeugnisse auszuführen, gerettet werden.

Dem standen einstweilen nur geringe Erleichterungen gegenüber. Im Jahre 1774 hatte das irische Parlament [S. 97]einen kleinen Anlauf zur Milderung der Strafgesetze unternommen, indem es beschloß, den Katholiken das Recht zu gewähren, Geld auf Hypotheken auszuleihen. Wie üblich setzte England dem sein entschiedenes Nein entgegen. Indessen gewährte es in demselben Jahre einige wirtschaftliche Zugeständnisse: die Fischerei in den Gewässern von Neufundland, die bisher den Iren verboten war, wurde nun auch ihnen geöffnet; von dem Woll-Ausfuhr-Verbot, das nun seit Jahrzehnten bestand, wurde ein wenig abgetragen, indem man Irland gnädigst gestattete, Wollwaren auszuführen, die zur Bekleidung der im Auslande stehenden irischen Truppen nötig waren; auch wurde nun die Einfuhr von Raps erlaubt; ja, um dem schwer darniederliegenden Leinen-Gewerbe im Norden der Insel aufzuhelfen, sollte für die Flachs-Einfuhr eine kleine Belohnung gezahlt werden.

Diese Zugeständnisse waren so gänzlich unbedeutend, daß niemand sich einbilden konnte, damit die wirtschaftliche Notlage des Landes zu mildern. In Irland bewirkten diese Erleichterungen denn auch keineswegs, daß man sich zufrieden gab. Im Gegenteil war man nun fest entschlossen, bei erster Gelegenheit nachdrücklich zu fordern, was England freiwillig doch nicht zugestehen wollte.

Endlich bot der amerikanische Krieg die erwünschte Gelegenheit. Zwei Jahre nach seinem Ausbruch, am 6. April 1778, brachte Lord Nugent, Irländer von Geburt, im englischen Unterhause die Handelspolitik Englands gegen Irland zur Sprache. Er stellte den Antrag: den Iren zu erlauben, alle eigenen Erzeugnisse mit Ausnahme von Wollwaren auf irischen Schiffen unmittelbar, nicht erst auf dem Umwege über England, nach den britischen Kolonien zu senden; ferner die bisher gänzlich verbotene Ausfuhr irischer Glaswaren, Baumwollgarne und Segeltuches wenigstens nach England und Schottland zu gestatten. Auch sollten die Kolonien das Recht [S. 98]haben, alle Güter (mit Ausnahme von Indigo und Tabak) nach Irland unmittelbar einzuführen.

Diese Vorschläge griffen nicht eben weit. Von einer Gleichstellung des irischen Handels mit dem englischen war nicht die Rede. Dennoch stießen sie in England auf heftigen Widerspruch. Zumal die Fabrikstädte überschütteten das englische Unterhaus mit Petitionen, in denen die Ablehnung der Nugentschen Anträge verlangt wurde. Die Wählerschaft von Bristol, die Burke als Abgeordneten gewählt hatte, forderte diesen zur Rechtfertigung auf, weil er für Nugent gestimmt hatte. Nichts als Handelsneid bestimmte also fortgesetzt die Stellung des englischen Volkes gegenüber den Wünschen der Nachbarinsel.

Lord North, der englische Premierminister, der wohl einsah, daß die Dinge nicht bleiben konnten, wie sie waren, zumal der irische Statthalter in seinen Berichten infolge der Notlage Irlands wirtschaftliche Versöhnungs-Maßregeln forderte, erklärte sich zu gewissen Erleichterungen bereit. Als er jedoch sah, welchen Widerhall der Plan wirtschaftlicher Zugeständnisse an Irland im englischen Volke weckte, gab er klein bei. Der Mangel an Tatkraft und an festen Plänen, der diesen Minister kennzeichnete, veranlaßte auch in diesem Falle, daß er wider seine bessere Erkenntnis das Falsche tat. Nicht Manns genug, den Petitionen, die aus verschiedenen Teilen Englands einliefen, und der Opposition im Parlamente zu widerstehen, gab er ihnen achselzuckend nach.

Das Ergebnis auch dieser neuen Bewegung, mitten im Kriege gegen Amerika, mitten in der finanziellen und wirtschaftlichen Not, die Irland bis an den Hals stieg, war also: daß England wieder einmal keine Zugeständnisse machte, die diesen Namen wirklich verdienten. Man gewährte Irland eine gewisse Teilnahme an dem Handels-Verkehr mit Afrika und Westindien; ferner sollten die irischen Schiffe für die der Fischerei [S. 99]ausgesetzten Belohnungen den englischen Fahrzeugen gleichgestellt werden; eine geringe Erleichterung des Leinenhandels sollte eintreten, und irisches Baumwollengarn sollte in Zukunft nach England zollfrei eingehen. Dagegen blieb der gesamte unmittelbare Handelsverkehr zwischen Irland und den übrigen Kolonien nach wie vor für die wichtigsten Erzeugnisse Irlands verboten. Ein einziger Monat genügte, um diesen Rückfall Englands in die Politik der Bequemlichkeit hervorzubringen, die da glaubte, Irland mit ein paar Brosamen abspeisen zu können: am 6. April 1778 hatte Lord Nugent seine Anträge gestellt, am 6. Mai trat kaum noch jemand außer Burke dafür ein — auf die Gefahr hin, weil er eine Lanze für die Politik der Klugheit und Gerechtigkeit brach, sich bei seinen englischen Wählern verhaßt zu machen.

Als der Statthalter am 12. Oktober 1779 das irische Parlament eröffnete, geschah dies mit einer so nüchternen und farblosen Thronrede, als wäre gar nichts geschehen. Allein dem Versuche der Regierungs-Anhänger, als Antwort eine ebenso farblose Adresse zu beschließen, trat Grattan in einer glänzenden Rede entgegen. Er schlug einen Zusatzantrag vor, der die unglückliche Lage des Landes betonte und als einziges Mittel, die Leiden Irlands zu mildern und den Kredit des Staates zu heben, die Freigebung des irischen Handels bezeichnete.

In diesem Zusatz-Antrag ward „freie Ausfuhr und Einfuhr als das eingeborene Recht jedes Iren“ bezeichnet. Sogar der Vice-Schatzmeister Flood erklärte sich dafür — ja, er gab die wichtige Anregung, anstelle dieser Ausdrücke ein verständlicheres und kürzeres Wort zu setzen, um die öffentliche Meinung mächtiger zu gewinnen. Grattan änderte daher die Worte „freie Ausfuhr und Einfuhr“ in das kurze, schlagende, suggestive Wort „Freihandel“ um, das seither eine so bedeutende Wirkung übt.

16. Die Freiwilligen-Bewegung.

Die Regierung wagte nicht, es gegen diesen Antrag [S. 100]auf Abstimmung ankommen zu lassen. So machte sich denn das Unterhaus, nachdem es Grattans Vorschläge angenommen, auf, um dem Statthalter die Adresse im feierlichen Aufzuge zu überreichen. Die Freiwilligen, die 1776, ursprünglich fast nur aus Protestanten bestehend, zur Freude der Regierung ins Leben getreten waren, um jeden feindlichen Landungsversuch zurückzuschlagen, die aber inzwischen ebenfalls von der mächtigen politischen Bewegung ergriffen waren, bildeten in den Straßen Spalier in voller Uniform. An ihrer Spitze stand der erste Lord von Irland, der Herzog von Leinster. Als an der Spitze der Abgeordneten ihr Präsident (der „Sprecher“) unter lauten Zurufen des Volkes durch die Reihen schritt, präsentierten sie das Gewehr.

Alle Bestechungs-Maßregeln der Regierung hatten also nichts gefruchtet. Das Parlament, von der Volkspartei so oft als Versammlung von Stellenjägern verspottet, stand Seite an Seite mit dem Volke. Schon am nächsten Tage stellte der Abgeordnete Conolly den Antrag, den verschiedenen Freiwilligen-Korps gebühre der Dank für ihre lebhaften Bemühungen um Verteidigung des Landes. Einstimmig wurde die Kundgebung beschlossen.

Als am 4. November, dem Geburtstage Wilhelms III., die Freiwilligen, wieder unter dem Kommando des Herzog von Leinster, diesmal vor dem reich geschmückten Standbilde des Gefeierten eine eindrucksvolle Parade abhielten, waren vor der Front 2 Geschütze aufgestellt mit der bedeutsamen Aufschrift: „Freihandel — oder dies!“

Diese Kundgebung war eine Antwort auf die Politik der Regierung, die noch jetzt glaubte, die Dinge hinausschieben zu dürfen. Nicht weniger deutlich war die Haltung des Parlaments: Grattan riß es zu dem Beschlusse fort, keinerlei neue Steuern zu bewilligen. Binnen 24 Stunden erfolgte der weitere Beschluß: auch die alten Steuern nur [S. 101]auf die Dauer von 6 Monaten zu gewähren. Als dies dem Volke bekannt ward, zog der Pöbel, etwa 4–5000 Mann stark, mit Säbeln und Pistolen bewaffnet, vor das Parlaments-Gebäude, belagerte den Wagen des Präsidenten und nötigte mehreren Abgeordneten den Eid ab, nur „für eine kurze Geldbewilligung und für die Rechte von Irland“ zu stimmen.

Beinahe hätte die Wut des Volkes ein Opfer gefordert. Dem Generalfiskal Scott, der sich besonders verhaßt gemacht hatte, wurde das Haus gestürmt und geplündert. Als man ihn dort nicht fand, stürzte die Masse nach den Gerichtshöfen, um ihn hier zu suchen — mit dem Ruf: man wolle ihm ans Leben. Bei der Unterdrückung dieser Unruhen sollen die Freiwilligen keinen besonderen Eifer bewiesen haben. Auch das Unterhaus nahm die Beschwerde, die Scott dort über das Betragen des Volkes vorbrachte, kühl auf. Der Abgeordnete Yelverton trat ihm entgegen, worauf Scott ihn den „Seneschall der Revolution“ nannte.

17. Irland vor der Revolution.

Es konnte kein Zweifel mehr sein, daß Irland, verweigerte man ihm die Forderung des Freihandels, vor der Revolution stand. Der Abgeordnete Burgh sprach es am 25. November, obwohl er die Würde des Prime-Sergeant bekleidete, offen aus: der Einfluß des englischen Parlamentes auf Irland sei verderblich; die schlimmsten Gesetze, die der eifersüchtige, undankbare und monopolistische Geist des Nachbarlandes ausfindig gemacht, um eine Nation zu knechten, würden noch immer von England aufrecht erhalten, mit wilder Grausamkeit seien die Iren von England behandelt worden, die Worte „Strafgesetz“ und „Irland“ würden gewissermaßen als gleichbedeutend betrachtet. Burgh schloß mit den Worten: „Sprecht nicht von Ruhe, Irland ist in keinem Zustande der Ruhe; es glimmt ein Krieg unter der Asche. England hat seine Gesetze gleich [S. 102]Drachenzähnen ausgesäet, und sie sind als bewaffnete Männer aufgegangen!“ Ein Beifallssturm durchbrauste das Haus, als Burgh endete, der sein hohes Amt niederlegte, weil er kein Gehalt von einer Regierung annehmen könne, deren System er bekämpfe.

Grattan, nunmehr der unbestrittene Führer der National-Partei, mahnte indessen zur Besonnenheit und warnte vor Gewalttaten, da sie alles, was man bisher errungen habe, in Frage stellen könnten. Allein in der Sache blieb er unbeugsam und trat gegen die Regierung mit äußerster Entschiedenheit auf. Am 24. November nahm das Unterhaus den Antrag, gegenwärtig sei es nicht angezeigt, neue Steuern zu bewilligen, mit 170 Stimmen gegen 47 an.

Es mag dahingestellt bleiben, ob die heftigen Angriffe, die nunmehr in England namentlich von den Whigs gegen das Ministerium wegen seiner Haltung in der irischen Frage gerichtet wurden, in der Erkenntnis von der Gefährlichkeit der Lage wurzelten, oder ohne Rücksicht auf Irland aus bloßen Parteigründen erfolgten.⁠[29] Jedenfalls griff bei der Adreßdebatte im englischen Oberhause der Marquis von Rockingham das Ministerium heftig an, und am 1. Dezember beantragte Lord Shelburne sogar einen unmittelbaren Tadelsbeschluß gegen die Minister, weil sie für die Wohlfahrt Irlands notwendige Maßregeln vernachlässigt und dadurch die Verbindung zwischen beiden Königreichen großen Gefahren ausgesetzt hätten. Fünf Tage später stellte Graf Upper Ossory im Unterhause einen ähnlichen Antrag, und Charles Fox unterstützte ihn eindrucksvoll.

Zunächst siegte die Regierung in beiden Häusern des Parlaments. Dennoch mußte sie einsehen, daß mit Irland nicht mehr zu spaßen war. Die Vorgänge dort redeten eine zu deutliche Sprache. Auch erfuhr England an der empfindlichsten Stelle, was es bedeutete, [S. 103]wenn die Nachbarinsel ihm feindselig gesinnt war: die irischen Kaufleute hatten nach Annahme einer Entschließung, welche die „ungerechte, illiberale und unkluge Opposition vieler selbstsüchtiger Leute in Großbritannien“ verurteilte, sich verpflichtet, britische Waren, so lange keine bessere Politik einträte, weder mittelbar noch unmittelbar einzuführen oder zu gebrauchen, falls die gleichen Waren in Irland erzeugt oder verfertigt werden könnten. Bei diesen Beschlüssen war ausdrücklich auf die Vorgänge in Nordamerika Bezug genommen. Kaum hatte man in Dublin den Boykott gegen England erklärt, so folgten Cork, Kilkenny, Roscommon und mehrere andere Grafschaften und Städte.

So mußte die englische Regierung denn wohl oder übel einlenken. Am 13. Dezember 1779 machte sie dem englischen Parlament eine Reihe von Vorschlägen, die Irlands Wünsche befriedigen sollten. Lord North begründete sie selbst in gewandter, staatsmännischer Rede. Ohne Rücksicht auf den Handelsneid in England beantragte die Regierung, Irland nunmehr die Ausfuhr aller seiner Waren (Leinen und Glas, Eisen und Wolle) nach England ohne jede Beschränkung oder Ausnahme freizugeben. Auch sollte den Iren der Handel mit den britischen Kolonien in Afrika und Westindien, dem Namen nach auch der mit den Kolonien auf dem Festlande Amerikas freistehen — unter den Einschränkungen und Abgaben, die das irische Parlament etwa beschlösse.

Sogar die englischen Städte, die anderthalb Jahre zuvor gegen jedes Zugeständnis an Irland getobt hatten, wagten jetzt kein Wort mehr zu äußern. Nicht eine Petition lief beim englischen Unterhause ein. Noch vor Schluß des Jahres konnten die neuen Vorschläge im irischen Parlament zur Beratung gestellt werden. Am 20. Dezember erklärte es die Freigebung des Kolonialhandels und die freie Ausfuhr der Wollwaren als großen [S. 104]Segen für Irland und beschloß seine Zustimmung. Dann ging der Gesetz-Entwurf an das Parlament in Westminster zurück, wo nur Lord George Gordon und ein paar andere ebenso verachtete Männer opponierten.

So wurde der Freihandel mit dem britischen Reich im Februar 1780 für Irland zum Gesetz — nachdem es 100 Jahre lang in einem Zustande wirtschaftlicher Knechtung gelebt hatte, der unsägliches Elend, maßloses Unglück und eine Unzufriedenheit geschaffen hatte, die erst bis zum Siedepunkte steigen mußte, bevor sich England zur Abhilfe entschloß. Daß dies unter dem Drucke der äußersten Verlegenheit und unter der sicheren Aussicht auf eine Revolution geschah, zu deren Niederschlagung England im Augenblick alle Mittel fehlten, hätte Irland für die Dinge, die noch kommen sollten, so hoffnungsfroh sie zunächst aussahen, zur Warnung dienen können.

[10] Angeführt nach Chatterton-Hill. S. 65.

[11] Siehe meinen Aufsatz: Die Strafe der Kastrierung („Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft“. Band 1912/13. S. 663–671).

[12] Lecky: Essay. S. 117.

[13] Lecky: Essay. S. 119.

[14] Jonathan Swift: Irland (Prosa-Schriften Band 1). Berlin: Oesterheld & Co. 1909. S. 321–335.

[15] Swift, S. 334 f.

[16] Moore, S. 190 f.

[17] 2. Tuchhändlerbrief.

[18] 3. Tuchhändlerbrief.

[19] Moore, S. 108.

[20] Moore, S. 247 f.

[21] Hassenkamp, S. 134.

[22] Brosch, Band 8, S. 449.

[23] the bench of the treasury, nach englischem Parlamentbrauch die erste Reihe der Abgeordnetensitze, auf der die Führer der Regierung Platz nahmen. Hier ist auch ihre ganze Gefolgschaft gemeint.

[24] Brosch meint: „Die Methode war nicht genau dieselbe, welche dem Parlament von Westminster gegenüber sich bewährt hatte; aber der Erfolg war diesseits wie jenseits des Georgkanals der gleiche. Hier wie dort hatte sich das Regieren zu einem Handelsgeschäft entwickelt, das unter königlicher Firma betrieben seinen Nutzen abzuwerfen schien.“ Brosch, Band 8, S. 449 f.

[25] Moore, S. 184.

[26] Pauli: Aufsätze zur englischen Geschichte. S. 228.

[27] Daniels: Irland. (Preußische Jahrbücher, Band 71, S. 513.)

[28] Letzteres ist der genaue Wortlaut des pomphaften Titels, den ich der Kürze halber mit „Statthalter“ wiedergebe, auch „Vizekönig“ wird er genannt.

[29] Lord Mahon in seiner „Geschichte von England“ nimmt das Letztere an. (Bd. 7, S. 181.)

Schlussvignette im Jugendstil

[S. 105]

Kopfvignette,   florales Muster

3. Buch:
Aufstieg zur Freiheit.

1. Von Sieg zu Sieg. — 2. Die „Erklärung der Rechte“. — 3. Die Freiwilligen stellen politische Forderungen. — 4. Das irische Parlament gegen England. — 5. England muß in Allem nachgeben. — 6. Siegesjubel. — 7. Neue Besorgnisse und neuer Sieg. — 8. Der Patricks-Orden. — 9. Abermalige Bedrückung des Wirtschaftslebens. — 10. Parlaments-Reform. — 11. Roheit des englischen Junkertums. — 12. Erfolge der Katholiken. — 13. Protestanten treten auf Seite der Katholiken. — 14. Die Katholiken erhalten das aktive Wahlrecht. — 15. Dauernde Bestechlichkeit des Parlaments. — 16. Die Ablehnung des Reformgesetzes. — 17. Die Zeit der Hoffnung. — 18. Enttäuschung. — 19. Aufstand und Knebelung.

„Die einzig wünschenswerte Möglichkeit, die man uns anbieten könnte, ist: entweder noch weiter ab im atlantischen Meere zu liegen oder nirgends zu existieren.

Thomas Moore: Memoiren des Hauptmann Rock, S. 31.

1. Von Sieg zu Sieg.

So bedeutsam es war, daß nun wirtschaftlich die Glieder, in denen der Blutumlauf durch die lange Einschnürung zum Teil fast erstorben war, sich wieder regen konnten — die Wünsche der Nation gingen weit darüber hinaus. Die Iren waren kein Krämervolk, das sich mit materiellen Zugeständnissen hätte begnügen können. Sie waren mehr: eine einheitliche Nation geworden.

Vielleicht war ihnen dies selbst überraschend. In der Tat war es merkwürdig genug, daß ein Parlament, von dem bei weitem die Mehrzahl der Bevölkerung feindlich gegenüberstehen würde, nun mit der letzteren gemeinschaftliche Sache machte, um die Bande der Zwingherrschaft, die beide fesselten, zu lockern. Ein gemeinschaftlicher nationaler Wille durchdrang alle Bevölkerungs-Kreise der Insel. In den edelsten Männern erhob er sich zum höchsten Schwung. So liebte Grattan, der [S. 106]Führer der National-Partei, ganz Irland, nicht nur seine Partei oder seine Glaubens-Gemeinschaft, mit vollem Herzen.

So kam es zu dem erhebenden Schauspiel, daß die irischen Protestanten, deren Vorherrschaft über die Katholiken durch die Strafgesetze gesichert werden sollte, die Aufhebung dieser selben Bestimmungen verlangten. Der amerikanische Krieg hatte viel zu dieser Wendung der Dinge beigetragen. Die alten Schlagworte, innerlich längst ausgehöhlt, verloren dadurch jede Berechtigung. Die gebildeten protestantischen Kreise glaubten selbst nicht mehr an die alten Redensarten von der Staatsgefährlichkeit und der Herrschsucht des Papismus. Auch hatte der Krieg diese Lügen gestraft: das katholische Kanada war England treu geblieben, während in den 13 Kolonieen, die sich empörten, der großen Mehrzahl nach eine nicht-katholische Bevölkerung lebte.

Die Regierung mußte wohl oder übel auf die Stimmung der grünen Insel Rücksicht nehmen. Nach der Entfernung der dortigen Truppen durfte es nicht dahin kommen, daß die überwiegend katholische Bevölkerung, die schon genug andere Beschwerden gegen England hatte, ihm auch noch aus religiösen Gründen, wie so viele Jahrzehnte lang, grollte.

Infolgedessen fand die Bittschrift, die von den katholischen Adligen Irlands im Jahre 1777 an den König gerichtet wurde, günstiges Gehör. Sie beklagten sich darüber, es sei ihnen noch immer nicht gestattet, Grundstücke zu kaufen oder auf längere Zeit zu pachten, und sie könnten an den von ihnen gepachteten Grundstücken, aus Furcht vor den gesetzlich ermutigten Angebereien, Verbesserungen nicht vornehmen ohne die Gefahr, dadurch ihrer Früchte beraubt zu werden.

Ein Gesetzantrag Gardiners im irischen Parlament, der am 27. Mai 1778 die Freiheit der Religionsübung und gewisse soziale Erleichterungen für die Katholiken forderte, wurde mit 111 gegen 108 Stimmen [S. 107]in der Fassung angenommen, daß den Katholiken fortan erlaubt sein solle, Güter auf 99 Jahre in Pacht zu nehmen, und daß der Pachtzins nach freiem Ermessen (nicht wie bisher so, daß der Anteil gesetzlich festgelegt ward) vereinbart werden dürfte. Auch wurden die Erbrechts-Beschränkungen für Katholiken abgeschafft — vor allem jene entehrende Bestimmung, wonach der älteste Sohn eines Katholiken, sobald er zum Protestantismus übertrat, sich das väterliche Besitztum aneignen konnte. Nach den nötigen Verhandlungen mit dem englischen Kronrat, bei denen der Entwurf noch manche Gefahr lief, wurde er am 4. August 1778 durch endgültige Abstimmung des irischen Parlamentes Gesetz.

In die Mauer der Strafgesetze war damit die erste Bresche geschlagen. Die Freude der Katholiken ist schwer zu beschreiben. Burke, der sich um das Zustandekommen des Gesetzes in England die größten Verdienste erworben hatte, übersandten die irischen Katholiken ein von ihnen gesammeltes Geldgeschenk. Zudem beschloß die Bürgerschaft von Dublin, ihm ein Denkmal zu errichten — was Burke bescheiden ablehnte.

Diese Erklärung der Rechte lehnte sich an die Declaration of rights an, durch die das englische Parlament am 22. Januar 1689 seine Rechte gegenüber der Krone feststellte, worauf die neuen Herrscher Wilhelm III. und seine Gemahlin Marie durch die Bill of rights vom 12. Februar 1689 in gesetzmäßiger Form die in der Erklärung der Rechte ausgesprochenen Formen bekräftigte.

2. Die „Erklärung der Rechte“.

In den einleitenden Worten des Gesetzes hieß es, daß „alle Bekenntnisse die Segnungen der freien Verfassung genießen sollten.“ Danach strebten die Iren weiter. Sie wollten eine einheitliche Nation sein und auch von England als solche anerkannt werden. Vor allem war den Iren jenes Poynings-Gesetz verhaßt, das alle Beschlüsse des irischen Parlaments [S. 108]unwirksam machte, sobald der englische Kronrat sich dagegen erklärte. Nach Ansicht der Iren war es genug, wenn die Regierung in Dublin als Vertreterin der englischen Krone ihr Veto gegen Beschlüsse des Dubliner Parlaments einlegte, die ihr nicht genehm waren. Aus demselben Grunde wünschte Irland von jenem im 6. Jahre der Regierung Georgs I. erlassenen Gesetze befreit zu werden, das den Anspruch erhob, für die Rechtsprechung in Irland gelte als höchste Instanz das englische Oberhaus.

Am 19. April 1780 brachte daher Grattan im Unterhaus eine „Erklärung der Rechte“ (Declaration of rights) ein, des Inhalts:

„1. Daß Seine erhabene Majestät in Gemeinschaft mit den Lords und Gemeinen von Irland allein das Recht besäße, bindende Gesetze für Irland zu machen,

2. daß die Krone von Irland untrennbar mit der Krone von Britannien verknüpft sei und sein solle,

3. daß Großbritannien und Irland unzertrennlich unter einem Herrscher und den gemeinschaftlichen unauflöslichen Banden des Interesses, der Staatstreue und der Freiheit verbunden sein sollen.“

Grattan ging in seiner Rede, deren zündende Kraft seine Zuhörer fortriß, von der Befürchtung aus, daß die Handels-Zugeständnisse, die das englische Parlament gewährt hätte, alsbald wieder zurückgenommen werden könnten. Die gesetzgeberische Unabhängigkeit Irlands sei daher das einzige Mittel, um es frei und glücklich zu machen. Allerdings werde man ihm entgegenhalten: es sei wenig wahrscheinlich, daß England gutwillig eine Autorität preisgeben werde, die es nun einmal besessen habe — gleichgültig ob mit oder ohne Recht. Allein auch den Amerikanern seien ja Versöhnungs-Vorschläge gemacht worden, die nicht nur das Recht der Besteuerung, sondern auch die Macht des britischen [S. 109]Parlaments preisgegeben hätten, den Amerikanern Gesetze zu geben. Habe England solche Vorschläge denen gemacht, die von ihm abgefallen seien — wie könne man dann erwarten, es werde dasselbe Zugeständnis treuen Untertanen verweigern! Von der Dankbarkeit, die Irland wegen der kürzlich erhaltenen Zugeständnisse empfinden müsse, solle man nicht sprechen; denn keine Dankbarkeit könne so weit gehen, daß Irland deshalb der Sklave Englands bleiben müsse.

Nur ein einziger Mann trat gegen Grattans Antrag auf: der Generalfiskal Scott. Andere zogen in Zweifel, ob es klug sei, gerade jetzt solchen Antrag zu stellen. In der Tat wurde die Beschlußfassung darüber vertagt. Allein der Statthalter mußte doch nach London berichten, daß „das Haus einmütig dagegen war, daß die Gesetze des englischen Parlaments für das irische Königreich rechtsverbindlich seien.“

Ein Jahr darauf erfolgte ein neuer Vorstoß. Diesmal trat als Vorkämpfer der Abgeordnete Yelverton auf, der schon am 28. April 1780 einen Antrag auf Abänderung des Poynings-Gesetzes eingebracht hatte, welcher mit geringer Mehrheit abgelehnt worden war. Am 4. Dezember 1781 stellte er den Antrag auf Abschaffung des Poynings-Gesetzes. Diesmal kamen England seine Niederlagen zu Hilfe: als die Nachricht von der Kapitulation des Generals Cornwallis bei Yorktown in Virginien eintraf, hielten die ritterlichen Irländer es nicht für passend, unter dem Eindruck dieses Unglücks weiter über die Frage zu beraten.

Nach einiger Zeit nahm Flood den Antrag wieder auf, wobei er seinen Aerger nicht verhehlte, daß er, der sich 20 Jahre lang mit dieser Frage beschäftigt habe, von anderen zurückgedrängt sei. Auch diesmal jedoch ergab sich noch keine Mehrheit.

Dagegen beschloß das irische Parlament von neuem, [S. 110]die Ausdehnung des Habeas Corpus-Gesetzes auf Irland zu fordern. England erfreute sich nun bereits mehr als ein Jahrhundert dieses Gesetzes, das die persönliche Freiheit in bestimmtem Maße verbürgte — abgesehen von Gewalttaten des Staates, nicht der Regierung, wie sie beispielsweise für das Matrosenpressen üblich waren. Wiederholt bereits hatte das irische Parlament das Habeas Corpus-Gesetz als das gute Recht Irlands gefordert; ebenso oft hatte England diese Forderung abgelehnt. Nun endlich wurde sie genehmigt.

Bemerkenswert ist die Ruhe, mit der diese unablässige politische Bewegung ihren Fortschritt nahm. So oft auch die Wünsche der Nation durch England zunichte gemacht, verworfen oder umgangen wurden — man blieb in Irland bei aller Entschlossenheit ruhig. Ganz selten waren Ausschreitungen wie die gegen den verhaßten Scott. Dieses Verhalten bietet einen scharfen Gegensatz zu dem des englischen Volkes, das sich um dieselbe Zeit in wüsten Unruhen gefiel. Dem von Lord Gordon herbeigeführten Aufruhr, der London 1780 drei Tage lang in furchtbaren Schrecken setzte, hatte Irland nichts zur Seite zu stellen.

Allein die Regierung benutzte die Gordon’schen Unruhen, um zu veranlassen, daß der im Dezember 1781 von dem irischen Abgeordneten Gardiner eingebrachte Antrag hinausgeschoben ward, der für die Katholiken freie Religionsübung nebst der Erlaubnis forderte, Waffen zu tragen, Grundbesitz zu erwerben und sich mit Protestanten zu verheiraten.

Ganz Irland war mit dem Entwurf einverstanden. Bei der Beratung im Parlament tat Grattan die denkwürdigen Worte: „Ich erkläre meine Zustimmung zu dem Entwurf, weil ich nicht 2 Millionen meiner Mituntertanen im Zustande der Sklaverei lassen will, und weil ich, der Antragsteller der Erklärung der Rechte, mich schämen würde, nur 600000 meiner Landsleute die Freiheit zu geben, während ich sie auf 2 Millionen Untertanen mehr ausdehnen könnte.“

[S. 111]

3. Die Freiwilligen stellen politische Forderungen.

Neben Parlament und Presse trat jetzt, überraschend und für England höchst unangenehm, noch ein weiteres Organ der öffentlichen Meinung Irlands: die Freiwilligen. Erst vor wenigen Jahren hatten sich ihre Scharen gebildet, um einen feindlichen Einfall, den man von Frankreich oder Spanien befürchtete, abzuwehren. Ein katholischer Kaufmann in Cork namens Goold hatte in seinem und seiner Freunde Namen der Regierung 12000 £ für Verteidigungszwecke zur Verfügung gestellt und sich zu noch größeren Opfern erboten. Eine französisch-spanische Flotte von 34 Schiffen, die im September 1781 im Kanal erschien, mußte umkehren, weil sie in Irland nicht auf Beihilfe rechnen konnte.

In einer Zeit jedoch, da alle Teilnahme den Vorgängen in der Oeffentlichkeit gehörte, da jeden Augenblick aus Amerika, aus Frankreich und Spanien, von der Dubliner Hofburg eine wichtige Nachricht eintreffen konnte, wurden auch die Freiwilligen unmerklich zwar, aber sicher, in den Zauberkreis der politischen Bewegung hineingezogen. Wir haben sie bei wichtigen Vorgängen in den Straßen Dublins Spalier bilden sehen. Das Bewußtsein ihrer hohen nationalen Aufgaben mag ihr Selbstbewußtsein nicht wenig gestärkt haben. Sonst hatte Irland voller Söldnertruppen gelegen — jetzt sah man nur die Freiwilligen unter ihren selbstgewählten Führern ausmarschieren, üben oder Truppenschau abhalten.

Am 28. Dezember 1781 richtete das 1. Ulster-Freiwilligen-Regiment, das unter dem Befehl des Lord Charlemont stand, an die Freiwilligen-Vereine der Provinz Ulster die Aufforderung, in eine Stadt dieser Provinz Abgeordnete zur gemeinschaftlichen Beratung der öffentlichen Angelegenheiten zu entsenden. Nicht weniger als 143 Freiwilligenkorps in Ulster folgten der Anregung.

[S. 112]

Am 15. Februar 1782 von der Mittagstunde bis abends gegen 8 Uhr trat der Kongreß, in dem mehrere Führer des öffentlichen Lebens vertreten waren, in der Kirche von Dungannon zusammen. Er vertrat 25000 Bewaffnete. Die Beschlüsse, die hier gefaßt wurden, bezogen sich auf alles, was damals das politische Leben Irlands erfüllte. Die Freiwilligen forderten die gesetzgeberische Unabhängigkeit Irlands von England, Abschaffung der verfassungswidrigen Eingriffe des englischen Kronrats, unbedingte Handelsfreiheit und — gegen nur 2 Stimmen — das Recht des eigenen Urteils in religiösen Angelegenheiten für sich selbst und für alle ihre Landsleute. Sie erklärten, sich „als Menschen und als Iren, als Christen und als Protestanten, über die Befreiung der katholischen Mitbürger von den Strafgesetzen“ freuen zu wollen und die Befreiung als eine Maßregel zu betrachten, „welche die glücklichsten Folgen für die Einigung und das Glück der Bewohner Irlands nach sich ziehen muß“.

Den Abgeordneten der Nationalpartei sprachen die Freiwilligen den Dank für ihre „edle und mutige, aber freilich erfolglose Verteidigung“ der großen Verfassungsfragen aus: „Die einmütige Stimme des Volkes ist mit Euch, und in einem freien Lande muß schließlich die Stimme des Volkes durchdringen“.

4. Das irische Parlament gegen England.

Einstimmig wurde, als Krönung der übrigen Beschlüsse, die von Grattan vorbereitete Entschließung angenommen: „Der Anspruch irgend einer andern Körperschaft als des Königs, der Lords und Gemeinen von Irland, diesem Königreich Vorschriften zu machen, ist verfassungswidrig, ungesetzlich und eine Rechtsverletzung“.

Eine Woche darauf (am 22. Februar 1782) stellte Grattan im irischen Unterhaus einen ähnlichen Antrag. Er zeigte in längerer Rede, daß die Forderung [S. 113]Englands, Irland habe sich dem Beschlusse des englischen Parlaments zu unterwerfen, keine rechtliche Grundlage habe, vielmehr erst allmählich angemaßt sei. Er wandte sich an die Hochherzigkeit der britischen Nation und betonte ausdrücklich die unerschütterliche Anhänglichkeit der Iren an den König. Auch wüßten sie die Verbindung mit England, auf der das Glück beider Königreiche beruhe, durchaus zu schätzen.

Indessen wurde Grattans Antrag, an Seine Majestät eine Adresse zu richten, in der die Grundsätze des Kongresses von Dungannon angenommen und die gesetzgeberische Unabhängigkeit Irlands verlangt werden sollte, durch einen Vertagungsantrag des Generalfiskals Scott beseitigt, der meinte, es könnte sich dadurch Verwirrung und Anarchie einstellen. Auch als Flood einige Tage später auf die Sache zurückkam, blieb es dabei.

Dennoch wußte die Hofburg sehr genau, daß in Zukunft das irische Parlament die Bevormundung durch das englische nicht mehr ertragen würde. Der Statthalter Lord Carlisle, der 1780 seinen Vorgänger ablöste, betonte in einer Depesche an den englischen Staatssekretär: es sei bei der in Irland herrschenden Stimmung undurchführbar, auf der Rechtsgültigkeit der von England beschlossenen Gesetze zu bestehen; nicht einmal der ergebenste Beamte könnte wagen, ein englisches Gesetz zur Anwendung zu bringen, weil jeder Versuch an dem allgemeinen Widerstande scheitern und keine Jury ihren Wahrspruch auf Grund englischer Gesetze fällen würde.

Eine Waffe, von der sich England viel versprach, ward ihm durch Irland alsbald aus der Hand geschlagen: müßte sich nicht — so fragte triumphierend der Generalfiskal Scott — die größte Unsicherheit des Besitzes ergeben, wenn plötzlich die britischen Parlamentsgesetze, durch die ein bedeutender Teil der [S. 114]Grundbesitzer ihr Eigentum erhalten hatte, für ungültig erklärt würden? Die Irländer bewiesen auch in dieser Frage hervorragendes politisches Geschick, indem alle Parteien sich mit dem Antrage einverstanden erklärten, den Yelverton im März 1782 stellte: den Gesetzen, die sich auf den Grundbesitz oder auf Vergünstigungen für den Handel in Irland bezogen, ihrerseits durch die Autorität des irischen Parlaments Gültigkeit zu verleihen. So sollte der alte Rechtszustand ohne Bruch in den neuen hinübergeleitet werden.

England war durch die Annahme dieses Entwurfs in eine üble Lage hineinmanövriert worden. Nahm es, wie der Statthalter Lord Carlisle empfahl, den Entwurf an, so gestand es damit ein, daß britische Parlamentsgesetze für Irland nicht bindend seien; lehnte es ihn ab, so waren schwere Erschütterungen zu fürchten.

Noch ungünstiger wurde die Lage Englands durch eine arge Ungeschicklichkeit der Regierung.

In nicht weniger als fünf englische Gesetze nahm sie geflissentlich oder aus Versehen auch den Namen Irlands auf. Dort erhielt man Kenntnis davon, als der irische Staatssekretär Eden eines davon in einer Dubliner Zeitung veröffentlichte und als Grattan die fünf Gesetze auf den Tisch des Unterhauses legte. Auch diejenigen Irländer, die bis dahin geglaubt hatten, man könne die bloße Rechtsfrage einschlafen lassen, vorausgesetzt, das englische Parlament übe das bisher von ihm in Anspruch genommene Recht, durch seine Beschlüsse Irland zu binden, nicht wieder aus, überzeugten sich jetzt vom Gegenteil.

Aber nicht genug mit diesem Ungeschick — die Regierung machte sich sogar in den eigenen Reihen durch plötzliche Abberufung des irischen Statthalters und Staatssekretärs neue Feinde. Voller Aerger über seine Abberufung eilte Eden nach London, wo er am 8. April, dem ersten Tage, an [S. 115]dem das Parlament nach seiner Vertagung wieder zusammentrat, an die neuen Minister — soeben hatte das Kabinett North einem neuen Ministerium unter Rockingham Platz gemacht — verschiedene unbequeme Anfragen stellte. Er wünschte von der Regierung zu wissen, was sie in Irland zu tun gedenke, beschrieb den Zustand der Nachbarinsel in den leidenschaftlichsten Ausdrücken und beantragte, jenes Gesetz aus dem 6. Regierungsjahre Georgs I. zu widerrufen, das dem englischen Parlament das Recht verlieh, Gesetze zu erlassen, die für Irland bindend seien.

So lange Eden im Amte gewesen war, hatte er genau die entgegengesetzte Politik befolgt. Es war daher für Fox, der zum ersten Male als Minister sprach, nicht schwer, wie ein Zeitgenosse sagte, „Eden zu beschämen, ohne daß dieser Reue empfand“. Der unbequeme Antrag mußte zurückgenommen werden.

In Irland goß dies Oel ins Feuer. Auch hatte Fox, ohne zu bedenken, daß dies das Maß voll machen würde, einige Worte gebraucht, die darauf hindeuteten, daß er an sich ein Anhänger der Oberherrschaft Englands über Irland sei. Kein Wegdeuteln machte diese Worte für Irland annehmbar. Grattan war darüber so erregt, daß er, krank im Bett liegend, sogar seinem Freund und Gönner Lord Charlemont, als dieser mit der Bitte zu ihm trat, die weiteren Maßregeln zu verschieben, erregt zurief: „Keinen Verzug, keinen Verzug!“

Noch dazu hatte sich die englische Regierung in der Wahl des neuen Statthalters vergriffen. Es war der Herzog von Portland, der nur seines Ranges halber und weil er das Haupt einer der ersten „Familien der glorreichen Revolution“ war, nach Irland gesandt wurde. Kenntnisse besaß er ebensowenig wie Talente. Von Beredsamkeit hatte er keine Spur, auch Arbeitsamkeit war ihm fremd — kurzum er war eine gänzliche Null.

[S. 116]

Um den bösen Eindruck ihrer Ungeschicklichkeiten zu verwischen, erließ die englische Regierung einen Tag nach dem Rede-Gefecht zwischen Eden und Fox eine Kundgebung entgegengesetzter Art: Fox erbat im Unterhause das Wort, um eine königliche Botschaft zu verlesen, die die Unzufriedenheit der staatstreuen Untertanen in Irland bedauerte und dem Unterhause empfahl, die irische Frage in Erwägung zu ziehen, um einen beide Königreiche zufriedenstellenden Ausgleich zu finden.

Indessen nun ließ sich der ins Rollen geratene Stein nicht mehr aufhalten. Grattan hatte bereits angekündigt, am Tage der Wiedereröffnung des irischen Parlaments, die auf den 16. April festgesetzt war, seinen Antrag auf gesetzgeberische Unabhängigkeit Irlands einbringen zu wollen. Die gesamte Nation war aufs äußerste gespannt. Die Regierung hätte alles darum gegeben, wäre die Verhandlung nur um wenige Wochen vertagt worden, damit die neuen Minister sich in die irische Frage besser einarbeiten könnten. Allein die Führer der irischen National-Partei, Grattan und Charlemont, schlugen die Bitte rundweg aus. Zugleich lehnten sie es ab, Regierungsämter anzunehmen, weil sie sich nicht dem leisesten Verdacht der Eigensucht aussetzen wollten.

Als der Tag der Parlaments-Eröffnung heraufstieg, durchzogen große Menschenmassen die Straßen in der Umgebung des Parlaments-Gebäudes von Dublin. Im Parlamentshause selbst waren die Galerien überfüllt, kaum ein Abgeordneter fehlte auf seinem Platze. Die Sitzung begann mit der Verlesung derselben königlichen Botschaft, die Fox am 9. April dem englischen Parlament kundgegeben hatte.

Nachdem zwei andere Redner gesprochen hatten, erhob sich Grattan, noch bleich und abgemagert von der schweren Krankheit, die er soeben überstanden. Dennoch [S. 117]sprühte seine Rede von Feuer. Mit der getragenen Würde, die im irischen Parlament nicht minder wie im englischen aufs höchste bewundert ward, rief er aus: „Ich spreche jetzt zu einem freien Volke. Jahrhunderte sind dahingegangen und dies ist der erste Augenblick, wo Sie mit diesem Namen bezeichnet werden können. Ich habe so oft über die Sache der Freiheit geredet, daß ich nichts hinzuzusetzen brauche, und ich habe nur zu bewundern, mit welchen vom Himmel gleichsam geleiteten Schritten Sie vorwärts gekommen sind, bis die Gesamtkraft der Nation das Werk ihrer eigenen Befreiung vollzog. Ich fand Irland auf den Knieen, ich wachte über ihm mit dauernder Sorgfalt, ich verfolgte seinen Fortschritt von den Beschimpfungen bis zu den Waffen, von den Waffen bis zur Freiheit. Geist Swifts, Geist Molyneuxs! Euer Genius hat den Sieg davongetragen. Irland ist jetzt eine Nation! In dieser neuen Eigenschaft rufe ich ihm einen Gruß zu, und indem ich mich vor seiner erhabenen Gegenwart beuge, Sage ich. ‚Esto perpetua‘.“⁠[30]⁠

Grattan erteilte der Bevölkerung für ihre Selbstbeherrschung und Staatstreue unbedingtes Lob und pries die Eintracht, die zwischen Stadt und Land, zwischen Katholiken und Protestanten herrschte, weil alle Kreise des Volkes gemeinschaftlich ihre Rechte zurückverlangten. Er schloß mit dem Antrag, eine Adresse an die Krone zu erlassen, die, in den loyalsten Ausdrücken abgefaßt, dennoch sehr entschieden erklärte, daß keine Körperschaft der Welt, mit alleiniger Ausnahme des irischen Parlamentes, das Recht oder die Macht habe, Gesetze zu erlassen, die für die irische Nation bindend seien.

Drei Dinge vor allem hätten die Unzufriedenheit des Landes hervorgerufen: [S. 118]jenes Gesetz aus der Regierungszeit Georgs I.; das veränderte Poynings-Gesetz, das die irischen Gesetz-Entwürfe von der Zustimmung des englischen Kronrates abhängig mache; und das sogenannte Meuterei-Gesetz, das 1780 in enger Anlehnung an das gleichartige englische Gesetz erlassen worden war, sich jedoch offenbar gegen die irischen Freiwilligen richtete und deshalb höchst unbeliebt war. Zudem unterschied es sich von dem englischen Gesetz durch die entscheidende Tatsache, daß im englischen Parlament über das Meuterei-Gesetz jedes Jahr von neuem abgestimmt und daß es stets nur für ein einziges Jahr bewilligt wurde — während man es Irland sogleich dauernd auferlegte, nachdem bis dahin auch hier das jährlich beschlossene englische Gesetz geherrscht hatte.

Niemand in dem voll besetzten Parlament in Dublin wagte sich dem Antrage Grattans zu widersetzen. Oberst Fitzpatrick, der unter dem Herzog von Portland das Amt des Staatssekretärs bekleidete, sodaß ihm dem Herkommen gemäß die Verteidigung der Regierung im Unterhause zufiel, sah sich gänzlich außerstande, irgend etwas zu tun. Am folgenden Tag schrieb er an Fox: „Von einer Debatte konnte kaum die Rede sein, denn dazu gehört eine freie Erörterung, und bei dieser Gelegenheit wagte Niemand das kleinste von Grattan kommende Wort in Frage zu ziehen. Alle sprachen bloß, um Irland zu seiner ‚Befreiung‘, wie sie das nannten, Glück zu wünschen und den Antragsteller aus jedem Winkel des Hauses mit den gröbsten und widerlichsten Schmeicheleien zu überschütten.“

Und nicht nur das irische Unterhaus, auch das Oberhaus schloß sich dem Antrage mit jubelnder Einhelligkeit an. Dann vertagten sich beide Häuser des Parlaments, um abzuwarten, was Ministerium und Unterhaus in England sagen würden.

[S. 119]

5. England muß in Allem nachgeben.

In London riefen die Nachrichten aus Irland kaum verhehlte Bestürzung hervor. Insgeheim waren die Minister, namentlich Fox und Shelburne, weit davon entfernt, die völlige Gleichstellung der parlamentarischen Rechte Irlands und Englands zu billigen.⁠[31] „Die Oberherrlichkeit,“ schrieb Lord Shelburne, „mag da bleiben, wohin die Natur der Sache sie gebracht hat.“ Indessen wagte man nicht, die Ansprüche Irlands, die von allen Kreisen der Nation so entschieden unterstützt wurden, jetzt noch zurückzuweisen. „Nur das stärkste und kräftigste Kabinett, und selbst dieses kaum, hätte den irischen Strom hemmen können, und ein solches Kabinett ließ sich, wie die Parteien damals zueinander standen, 1782 während der letzten Zuckungen eines unglücklichen Krieges nicht bilden. Fox und Shelburne gaben gegen ihre innere Ueberzeugung nach, nicht etwa aus irgend einem schmutzigen Beweggrunde, sondern um die öffentliche Ruhe zu erhalten.“⁠[32]⁠

Der Statthalter schlug daher namens der englischen Regierung Grattan vor, das irische Parlament möge Bevollmächtigte ernennen, die zusammen mit englischen Bevollmächtigten über eine Art Bundes-Vertrag verhandeln sollten, um die Grenzen der Unabhängigkeit, das Aufsichtsrecht, das England namentlich in Handelssachen verbleiben müsse, die Höhe des von Irland zu den Ausgaben des britischen Reichs zu leistenden Beitrages und anderes genau festzustellen; nur so ließen sich Streitigkeiten zwischen den einzelnen Teilen des Reiches ausschalten.

Aber Grattan mochte von einem Vertrage nichts wissen. Nur ihr Recht hätten die Iren verlangt, auf Feilschen und Markten wollten sie sich nicht einlassen.

[S. 120]

Der Regierung blieb nichts anderes übrig, als auch hierin nachzugeben. Am 17. Mai brachte Fox im Unterhause und Shelburne im Oberhause ein Gesetz ein, welches jene verhaßte Bestimmung aus dem 6. Regierungsjahre Georgs I. in den unzweideutigsten Worten aufhob.

Man wußte in England jetzt, was die Stunde geschlagen hatte. Der Staatssekretär Fox sprach es offen aus: unzufriedene Untertanen seien wenig besser als Feinde. Wolle man jenes Gesetz Georgs I. beurteilen, so müsse man sich darüber klar sein, daß es stets als Tyrannei aufgefaßt worden sei, wenn sich ein Parlament anmaße, Gesetze für Leute zu geben, die nicht in ihm vertreten seien. Jenes Gesetz habe daher nur Unzufriedenheit und Feindschaft hervorgerufen; deshalb müsse es beseitigt werden. Verzichte das englische Parlament aber auf die Rechte der Gesetzgebung über Irland, so sei es eine zwingende Folge, daß auch die oberste Rechtsprechung für Irland durch das englische Oberhaus falle. Das Poynings-Gesetz endlich sei allerdings ein Teil der irischen Verfassung; doch habe es die Schattenseite, daß es die Verantwortlichkeit der Abgeordneten gewissermaßen aufgehoben hätte, die manche Gesetzanträge nur unterstützt hätten, um sich beliebt zu machen, in der sicheren Voraussicht, der englische Kronrat werde den Antrag doch verwerfen. Endlich könne man den Iren nicht verdenken, daß sie ebenso wie England ein jährliches und nicht ein ewig dauerndes Meuterei-Gesetz haben wollten.

An die Seite des Staatssekretärs trat Burke, der begeistert für seine Heimat sprach. Niemand im Unterhause wagte das Wort dagegen zu nehmen — einstimmig gingen die Anträge der Regierung durch. Im Oberhause stimmte nur Lord Loughborough dagegen.

Irland war frei!

[S. 121]

6. Siegesjubel.

Freudentaumel herrschte, als das irische Parlament am 27. Mai 1782 zusammentrat, um durch die Thronrede des Lord-Statthalters zu vernehmen, daß die gesetzgebenden Faktoren sich entschlossen hätten, die Ursachen der Unzufriedenheit und Mißstimmung in Irland zu beseitigen. Seine Majestät sei daher entschlossen, seine Zustimmung zur Aufhebung jener Gesetze zu erteilen, die in Irland so unbeliebt waren.

Grattan frohlockte in der Dankesrede, die er zur Erwiderung hielt: nun habe Großbritannien seine gesetzgeberischen Rechte auf Irland gänzlich aufgegeben. Das Parlament beschloß gemäß seinem Antrage, die Dankbarkeit Irlands über die Lösung der schwierigen Aufgabe zu bekunden und die Versicherung zu geben, es werde keine verfassungsmäßige Streitfrage mehr auftauchen, die imstande wäre, den Einklang zwischen beiden Nationen zu stören. Nur zwei Abgeordnete stimmten gegen die Anträge, die der König gnädig entgegennahm.

Zugleich gab das Parlament seinem Danke einen sichtbaren, für England gerade jetzt höchst erfreulichen Ausdruck, indem es 100000 Pfund Sterling zwecks Aushebung von 20000 Matrosen bewilligte. Man war eben in so gehobener Stimmung, daß das Verlangen bestand, der Dankesfreude greifbare Gestalt zu geben. In derselben Sitzung (27. Mai) ward eine National-Stiftung in Höhe von 100000 Pfund Sterling (2 Millionen Mark) für Grattan angenommen, durch dessen kluge und tatkräftige Führung Irland so überraschend schnell ans Ziel gekommen war. Zunächst mochte der Gefeierte nichts davon wissen, dann nahm er auf Zureden seiner Freunde die Hälfte an, gab seine Tätigkeit als Rechtsanwalt auf und beschloß, seine Kraft gänzlich der Sache des Landes zu weihen.

[S. 122]

Er sollte bald genug dazu Gelegenheit haben.

Zunächst schwamm Irland in Entzücken. Ungestört von englischen Eingriffen konnte das irische Parlament Gesetze beschließen, durch die sowohl das dauernde Meuterei-Gesetz wie das Poynings-Gesetz widerrufen, die oberste Rechtsprechung gesetzlich geregelt und die Unabsetzbarkeit der Richter, diese alte Forderung der National-Partei, ausgesprochen wurde.

Dann wandte sich das Parlament den Fragen zu, die trotz ihrer grundlegenden Bedeutung durch die Abmachungen mit England noch nicht geregelt waren. Es erließ ein Gesetz über die Freiheit der Parlaments-Wahlen. Auch war die Pensionsliste noch nicht beseitigt, sodaß noch immer Engländer, denen Irland nichts verdankte, auf Kosten des letzteren Zahlungen erhielten. Endlich wollte man auch die Katholiken, die noch immer aller bürgerlichen Rechte entbehrten, mit den Protestanten gleichstellen.

Gardiner brachte noch im Jahre 1782 seine Anträge wieder an, diesmal in drei Gesetz-Entwürfe zerlegt, von denen der erste die Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken für gültig erklärte, der zweite solchen Katholiken, die den Treueid leisteten, die Erlaubnis erteilen wollte, Erzieher und Lehrer zu werden, der dritte endlich die Rechtsbeschränkungen aufhob, die den Katholiken bisher verboten, Grundstücke zu kaufen oder zu verkaufen, oder die sie anderer wirtschaftlicher Rechte beraubten.

Während das Parlament die beiden letzteren Entwürfe annahm, lehnte es den über die Gesetzlichkeit der Mischehen ab — ja es erneuerte die Strafgesetze, die sich gegen den Uebertritt zum Katholizismus und gegen die Gewinnung neuer Anhänger für diesen Glauben richteten. Bestand doch das irische Unterhaus gesetzmäßig noch immer nur aus Protestanten.

Dennoch erklärten sich die Katholiken mit dem zunächst [S. 123]Gebotenen einverstanden und überreichten dem Statthalter eine Dankadresse.

7. Neue Besorgnisse und neuer Sieg.

Indessen zogen an dem politischen Himmel zwischen Irland und England jetzt bereits neue Wolken auf. Es wäre doch klüger gewesen, hätte man das Anerbieten, durch Bevollmächtigte beider Seiten einen genauen Staatsvertrag aufzustellen, angenommen. Wäre nicht stets die Besorgnis gewesen, die innigsten Wünsche des Landes könnten von England mit Füßen getreten werden, so hätte sich die National-Partei wohl entschlossen, den Vorschlag anzunehmen. Aber die Erinnerung an die Vergangenheit war in aller Herzen zu lebendig, als daß man nicht lieber so schnell als möglich die Befreiung von der gesetzgeberischen Willkür Englands festgelegt hätte.

Nun zeigte sich, daß es an genauen Bestimmungen fehlte, die jede Reibung ausschlossen.

Flood hielt im Unterhause eine Rede, in der er starke Zweifel äußerte, ob die Verzichtleistung Englands auf seine Oberherrlichkeit über Irland vollständig gewesen sei. Habe es auch den früher gegen Irland durchgesetzten Machtanspruch fallen lassen, so genüge dies nicht, weil stets ein künftiges britisches Parlament sich dieses Recht wieder anmaßen könne; Irland müsse daher eine ausdrückliche Entsagung Englands auf alle gesetzgeberischen Rechte in irischen Angelegenheiten fordern. Er beantragte, die Ansicht der irischen Richter darüber einzuholen, ob England, indem es das Gesetz Georgs I. widerrief, gleichzeitig dauernd auf alle in jenem Gesetz beanspruchten Rechte verzichtet habe. — Grattan trat diesem Antrag entgegen, da er einen mißtrauischen und trotzigen Geist verrate und Verstimmungen zwischen beiden Ländern hervorrufe, wenn man jetzt, da England soeben seine Macht aufgegeben habe, noch einen förmlichen Verzicht haben wolle.

[S. 124]

Floods Antrag fiel. Indessen zeigte sich bald, daß er Recht hatte. Am 5. Juli 1782 stellte im englischen Oberhause Lord Abingdon den törichten Antrag: es solle erklären, daß bei dem britischen Parlament die alleinige und ausschließliche Macht für die auswärtige Gesetzgebung ruhe.

Zwar lehnte das Oberhaus diesen Antrag ab. Allein es dauerte nicht lange, bis eine neue Verstimmung eintrat: ein vor dem Widerrufs-Gesetz bei dem Obergericht (der Kings Bench) in London anhängig gemachter irischer Berufungs-Prozeß wurde von dem Präsidenten Lord Mansfield erledigt, als sei jenes Widerrufs-Gesetz nicht erlassen. In Irland erregte dies die Stimmung von neuem. Mißmutig erzählte man sich, England nehme seine Anmaßungen wieder auf.

Trotzdem bewahrte das irische Parlament seine alte Mäßigung. Als Flood am 19. Juli seinen Antrag mit geringen Aenderungen wieder einbrachte, ward er abermals abgelehnt. Allein die Mißstimmung ergriff nun weitere Schichten. Die Freiwilligen traten auf Seiten Floods, und die Anwaltkammer forderte wie er, England müsse förmlichen Verzicht leisten.

Im September trat an die Stelle des Herzogs von Portland als irischer Statthalter der Earl of Temple. Weitblickender als sein unbedeutender Vorgänger, riet er der Regierung, auf die Rechte, die sie tatsächlich aufgegeben habe, auch der Form nach ganz zu verzichten. Im Dezember erklärte Fox im Unterhause: als er den Widerruf jenes Gesetzes Georgs I. vorschlug, sei er von der Absicht ausgegangen, „die gesetzgebende und richterliche Oberherrlichkeit Englands über Irland vollständig, unbedingt und auf immer zu opfern.“ Die Regierung hielt es nun für klug, um das Mißvergnügen in Irland nicht zu steigern, durch den Staatssekretär Townshend am 22. Januar 1783 im britischen Unterhause ein Gesetz einbringen zu lassen, [S. 125]das die Befürchtungen der Nachbarinsel zerstreuen sollte. Nach lebhaften Erörterungen wurde es angenommen. Es drückte in bestimmten Worten den Verzicht des englischen Parlamentes auf alle gesetzgebende und richterliche Gewalt über Irland aus.

Irland hatte abermals gesiegt — der „Einfache Widerruf“ (Simple Repeal) war in Kraft getreten.

8. Der Patricks-Orden.

Am 5. Februar 1783 hatte der König die Gnade, für Irland einen besonderen Orden, den Patricks-Orden, zu stiften, dessen Zeichen ein ovaler weißer Schild sein sollte, in der Mitte das rote Patrickskreuz mit einem Kleeblatt, dessen drei Blätter drei goldene Kronen zeigen; um das Kreuz läuft ein goldener, blau-emaillierter Ring, umgeben von einem Kleekranz mit der Inschrift „Quis separabit?“ (Wer wird sie trennen?). Anfang 1783 erhielten Lord Charlemont und 14 andere Mitglieder des irischen Adels die Ordenszeichen und wurden in der Patricks-Kathedrale in Dublin durch den Vizekönig feierlich als Ritter des neuen Ordens eingesetzt, der neben dem Bath- und dem Hosenband-Orden das dritte große Ehrenzeichen im britischen Reiche werden sollte.

England schien die Absicht zu haben, die Nachbarinsel wirklich als gleichberechtigt anzuerkennen und zu behandeln.

9. Abermalige Bedrückung des Wirtschaftslebens.

Politisch hatte Irland Bedeutendes erreicht, wirtschaftlich befand es sich noch immer in ungünstiger Lage. Seiner wichtigsten Gewerbezweige jahrzehntelang durch die englische Unterdrückung beraubt, war es naturgemäß außerstande, im Laufe weniger Monate zu solcher wirtschaftlichen Kraft zu gelangen, daß es sich auf sich selbst hätte stellen können.

[S. 126]

Infolgedessen strömten englische Waren in Menge herein, so daß die irischen Gewerbetreibenden wünschten, sich gegen diesen Wettbewerb zu schützen. Kein Wunder, daß sie zu demselben Mittel griffen, dem man in England seit Menschenaltern die höchste Kraft beimaß: das Parlament mit Petitionen zu bestürmen, in denen hohe Zölle auf alle fremden Waren verlangt wurden. Als Ursache der wachsenden Not und Armut glaubte man auch in der Sitzung des irischen Unterhauses vom 2. April 1784 die dauernde Zunahme der Einfuhr bezeichnen zu dürfen. Indessen wurde die Frage der Einfuhrzölle bis zur nächsten Session vertagt.

Diese Hinausschiebung nahm das Volk übel. Am 5. April 1784 kam es in Dublin zu gefährlichen Unruhen: Volksmassen drangen in das Parlaments-Gebäude ein, und eine Anzahl von Ruhestörern mußte verhaftet werden. Auch auf dem Lande, wo die Bewegung gegen die mannigfache Ausbeutung nie ganz erloschen war, regten sich die „Weißburschen“ — so hieß einer der ländlichen Geheimbünde — von neuem. Setzte sich nun auch die katholische Geistlichkeit mit voller Tatkraft für Ruhe und Ordnung ein, sodaß der Sekretär des Statthalters einem der katholischen Bischöfe den Dank der Regierung aussprach, so hatte das englische Ministerium doch begründeten Anlaß, sich mit der wirtschaftlichen Lage Irlands zu beschäftigen — schon damit nicht vom irischen Parlament die Erhebung von Eingangszöllen beschlossen wurde, unter denen der englische Handel leiden mußte.

Seit 1783 stand an der Spitze der englischen Regierung der jüngere Pitt. Für Irland sollte seine ministerielle Tätigkeit noch mehr als für England unter dem Fluche seiner Charakterschwäche leiden. In der Regel wollte er das Gute und Richtige, konnte es aber gerade in den bedeutendsten und schwierigsten [S. 127]Fragen nicht durchsetzen, weil er seinen persönlichen Ehrgeiz über die Sache stellte und daher immer, sobald sich Schwierigkeiten emportürmten, die sich nur durch Einsetzung der vollen Persönlichkeit überwinden ließen, nachgab, um den Glanz seiner Stellung nicht zu verlieren.

Sogleich bei der ersten bedeutsamen Frage, deren Regelung Pitt für Irland unternahm, sollte sich dieser Zwiespalt zwischen seinem guten Willen und seiner eitlen Natur verderblich zeigen.

Er hatte deutlich erkannt, daß es für Irland, aber auch für England unendlich bedeutsam wäre, könnte man beide Länder durch versöhnliche Maßregeln zusammenführen. Einer seiner Lieblingswünsche war daher die wirtschaftliche Gleichstellung beider Inseln, die eben dadurch ihren Wohlstand am besten entwickeln und gegenseitig stützen konnten. Die Lehren Adam Smiths hatten in ihm einen begeisterten Anhänger gefunden. So schrieb er denn am 7. Oktober 1784 an den irischen Statthalter — jetzt war dies der Herzog von Rutland, nachdem in den letzten beiden Jahren fast mit jedem Wechsel des englischen Ministeriums die Besetzung des irischen Statthalterpostens geändert worden war —, er wolle dafür sorgen, daß Irland an den Handels-Vorteilen Englands möglichst ohne Einschränkungen teilnehmen könne; als Entschädigung beanspruche er nur, daß Irlands Reichtum und Macht auch England zugute komme, daß es mithin zu den gemeinschaftlichen Bedürfnissen des britischen Reiches beitrage.

Als Ergebnis der Verhandlungen, die Pitt mit dem irischen Staatssekretär und Schatzkanzler führte, wurden am 11. Januar 1785 11 Entschließungen festgestellt, die an die Parlamente beider Länder gehen sollten. Sie bestimmten: daß alle Erzeugnisse fremder Länder über Irland nach Großbritannien und umgekehrt ohne [S. 128]weiteren Zoll-Zuschlag gehen dürften; soweit die Einfuhr in beiden Ländern nach verschiedenem Zollsatz erfolge, solle der niedrigere Satz gelten; für die gewährten Handelsvorteile solle Irland, sobald seine Staatseinnahmen über 656000 Pfund Sterling jährlich hinausgingen, den Ueberschuß zugunsten der Flotte des britischen Reiches zahlen — indessen nur in Friedenszeiten, und nur dann, wenn der irische Staatshaushalt ohne Fehlbetrag abschließe.

Das irische Parlament erklärte sich einverstanden. Nun hatte das englische das Wort. Hier hielt Pitt am 22. Februar eine auch von seinen Gegnern bewunderte Rede — die trotzdem wirkungslos verhallte. Eindringlich setzte er auseinander, daß zwischen Ländern wie Irland und England in ihrer jetzigen Lage nur zwei Arten von Handels-Beziehungen möglich seien: entweder müsse das schwächere dem stärkeren gänzlich unterworfen sein; oder beide müßten wirtschaftliche Vorteile gemeinschaftlich nach Gerechtigkeit und Billigkeit genießen, sodaß die gemeinsamen Interessen wahrgenommen würden, ohne daß man die Absicht habe, das eine Land mächtiger zu machen und das eine zu erniedrigen. Allerdings erfordere dies auch eine Gleichheit der Lasten, um das Reich vor weiterer Zerstückelung zu bewahren.

Der gute Wille Pitts scheiterte. Denn nun lastete der amerikanische Krieg nicht mehr wie ein Alp auf der Brust Englands. Der Verlust der 13 Kolonien war inzwischen Tatsache geworden, die englischen Truppen waren aus Nordamerika zurückgekehrt. Es schien daher nicht mehr notwendig, Irland die Rücksicht zu beweisen, die man ihm während des Krieges hatte zollen müssen. Beim englischen Parlament liefen daher nun wieder zahlreiche Petitionen ein, die sich gegen alle Irland zu gewährenden Vorteile richteten. Eine dieser Bittschriften stammte von 80000 Arbeitern aus Lancashire, die der Befürchtung Ausdruck gaben, [S. 129]die Zulassung irischer Baumwollwaren würde die Fabriken und den Baumwollhandel Englands zu Grunde richten. Die parlamentarische Opposition tat ihr möglichstes, um diese Stimmung zu schüren — schon weil Pitt dadurch in Verlegenheit gesetzt werden konnte.

Also Pitt gab nach. Am 12. Mai legte er dem Parlament statt der ursprünglichen 11 Entschließungen 20 andere vor, die der englischen Volksstimmung Rechnung trugen: sie verlangten, daß die Schiffahrts-Gesetze, die das britische Parlament im Interesse der Flotte für nötig erachten sollte, auch in Irland gesetzliche Kraft haben und daß dessen Handel von allen Gebieten ausgeschlossen sein sollte, für die der Ostindischen Gesellschaft Vorrechte zuständen.

Diese Anträge wurden trotz der Opposition am 30. Mai vom englischen Unterhause angenommen. Indessen wurde dabei manche Rede gehalten, die Irland schwer verletzte. Derselbe Fox, der, so lange er als Staatssekretär am Regierungs-Ruder stand, für die Befreiung Irlands von den englischen Fesseln eingetreten war, rief jetzt aus: „Ich will nicht den Handel Englands eintauschen gegen die Sklaverei Irlands; das ist nicht der Preis, den ich zahlen will, das ist nicht die Sache, die ich erstehen will.“

Nachdem auch das englische Oberhaus den 20 Anträgen zugestimmt hatte, ging der Gesetz-Entwurf über den Georgskanal. In Irland erhob sich über die neue Zurücksetzung, die man in den veränderten Anträgen sah, ein Sturm der Entrüstung. Als der irische Sekretär am 12. August die Vorlage im Unterhause in Dublin einbrachte, bezeichnete Grattan einige neue Bestimmungen geradezu als eine Beleidigung für Irland. Die erste Lesung schloß am 30. August mit einer Abstimmung, die für die Regierung nur eine Mehrheit von 18 Stimmen ergab. Im Volke jedoch war der abgeänderte Plan so verhaßt, daß die Regierung einsehen [S. 130]mußte, es werde kaum möglich sein, auch bei der zweiten und dritten Abstimmung zu siegen. Am 15. August 1785 ließ Pitt daher den Gesetz-Entwurf fallen.

Die irische Bevölkerung jubelte. Der neue Versuch, Irland in die englische Knechtschaft zurückzustoßen, war mißlungen.

Für die Zukunft versprach dieser Kampf der beiden Parlamente nichts Gutes. Sogleich der erste Versuch, beide in einer wichtigen Frage zu gemeinschaftlichen Beschlüssen zu bringen, war gescheitert.

10. Die Forderung der Parlaments-Reform.

Die Unzufriedenheit mit England wäre im irischen Parlament noch weit schärfer zutage getreten, hätte sich dieses nicht, wie stets seit 1691, gänzlich aus protestantischen Kolonisten zusammengesetzt. Sogar die Freiwilligen, die doch ebenfalls zum großen Teil diesem Glauben angehörten, waren mit der Zusammensetzung des Parlaments nicht zufrieden: nicht das Parlament habe 1782 die gesetzgeberische Freiheit Irlands errungen, sondern die Freiwilligen, die deshalb auch nicht daran denken dürften, die Waffen niederzulegen, so lange noch die Hoffnung bestehe, weitere Vorteile für Irland zu erringen; das war ihre feste Ueberzeugung.

Schon 1783 kam es zum Zusammenstoß zwischen Parlament und Freiwilligen. Im Unterhause herrschte die Ansicht, daß die Aufgabe der Freiwilligen nun, da der Krieg mit Amerika und Frankreich ein Ende genommen, erfüllt und ihre Auflösung wünschenswert sei; vor allem würde nur Unheil entstehen, wollten sie sich in politische Forderungen einlassen. Auf der anderen Seite warfen die Freiwilligen dem Parlamente vor, daß dessen Mitglieder nach einem veralteten Wahlrecht gewählt, zum großen Teil von der Hofburg abhängig, ja zum Teil geradezu gekauft [S. 131]seien, und daß sie häufig nicht sowohl die Wünsche des Volkes verträten als die Rechte des Landes verrieten.

„Parlaments-Reform“ lautete daher die Forderung, die die Freiwilligen nun stellten. Sie bildeten zahlreiche Ausschüsse und hielten Versammlungen ab, von denen die bedeutendste am 8. September 1783 in Dungannon zusammentrat. Hier wurde beschlossen, die Freiwilligen jeder Grafschaft sollten durch Stimmzettel fünf Abgeordnete wählen, und die so ernannten Abgeordneten sollten am 10. November in Dublin zu einer National-Konvention zusammentreten, um die Parlaments-Reform in die Wege zu leiten.

Dem Parlamente war nicht wohl. Am 14. Oktober beschloß es, unmittelbar nach Verlesung der Thronrede und der Annahme einer Adresse an die Krone, den Freiwilligen den Dank des Hauses für ihre mutigen Bemühungen um die Verteidigung des Landes und für ihre bereitwillige Unterstützung der bürgerlichen Behörden auszusprechen.

Die Freiwilligen deuteten diesen Beschluß nur als Zeichen der Schwäche. Am 10. November trat ihre Konvention in der Rundhalle (Rotunda) in Dublin zusammen. Von den beiden Parteien, die sich hier gegenüberstanden, erfocht die gemäßigtere den Sieg: Flood wurde beauftragt, dem Unterhause ein Reformgesetz zu unterbreiten, das eine Erweiterung des Wahlrechtes bringen, die Katholiken jedoch wie bisher davon ausschließen sollte.

Als Flood am 29. November im Parlament, mit der Uniform der Freiwilligen geschmückt, seinen Antrag einbrachte, trat ihm Yelverton entgegen: „Ich ehre die Freiwilligen, denn sie haben sich in hervorragender Weise um das Land verdient gemacht. Aber wenn sie sich in eine debattierende Gesellschaft verwandeln, um das Parlament zu reformieren, wenn sie mit der rohen Spitze des Bajonetts die Wunden der Verfassung [S. 132]heilen wollen, die die sorgsamste Hand und das feinste Instrument verlangen, dann handelt es sich einfach darum: Soll die Konvention oder das Parlament über die Geschicke der Nation beraten?“ Der Antrag Floods wurde mit 157 gegen 49 Stimmen abgelehnt, dagegen eine von Yelverton eingebrachte Entschließung angenommen: das Haus sei gewillt, seine Rechte und Privilegien gegen jeden Angriff zu verteidigen, welcher Art er auch sei.

Die Freiwilligen wandten sich darauf mit einer Adresse unmittelbar an den König. Dann wiederholte Flood am 13. März 1784 seinen Antrag im Unterhause, dessen Abgeordnete sich gegen eine Aenderung des Wahlrechts sträubten, die manchem von ihnen den Sitz kosten mochte. Abermals fiel der Antrag, diesmal mit 159 gegen 85 Stimmen.

Bald darauf nahmen die Verhandlungen über die Handelspolitik zwischen Irland und England alles Interesse so in Anspruch, daß die Bewegung für Parlaments-Reform zunächst im Sande verlief. Der im Oktober 1784 von den Freiwilligen veranstaltete National-Kongreß hatte nur wenig Besuch, und Flood mußte es erleben, daß der Reformplan, den er hier vortrug, diesmal abgelehnt wurde, weil er den Katholiken das Wahlrecht versagte — worauf er sich von der Bewegung zurückzog. Die Parlaments-Reform-Bewegung, soweit sie von den Freiwilligen betrieben wurde, hatte ihr Ende erreicht.

11. Rohheit des englischen Junkertums.

In den nächsten Jahren standen wirtschaftliche Fragen im Vordergrunde des öffentlichen Lebens Irlands. Erst im Jahre 1792 tauchte die Frage der Parlaments-Reform von neuem auf.

Sie schien untrennbar mit der Frage verknüpft, ob den Katholiken nicht die volle bürgerliche Gleichstellung [S. 133]mit den Protestanten zu gewähren sei. Die empörenden Strafgesetze, die den Katholiken beinahe ein Jahrhundert das Leben verbittert hatten, mußten auf alle Fälle gemildert werden. 1768 hatte das irische Parlament einen darauf zielenden Antrag angenommen — aber England hatte, wie gewöhnlich, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Erst 1774 drang das erste Erleichterungs-Gesetz durch, 1778 und 1782 folgten weitere.

Viele Rechte, die den Katholiken bis dahin geraubt waren, während die Protestanten sie besaßen, wurden ihnen dadurch von neuem zuteil — nur kein politisches Recht! Eben dies mußte die Lage der Katholiken dauernd verbittern, zumal da politische Knechtung unmittelbar die persönliche und wirtschaftliche Verelendung zur Folge haben mußte.

Hatte doch ein Gericht aus Anlaß eines besonderen Streitfalles feierlich erklärt: „Die Gesetze wissen nichts von dem Dasein von Katholiken im Königreich, denn ihr Dasein ist nur insofern möglich, als die Regierung durch die Finger sieht.“⁠[33] Konnten die Gesetze, die den Katholiken den Erbfeind nannten, auch nicht verhindern, daß er an Kopfzahl und wirtschaftlicher Bedeutung zunahm, so war doch jeder Katholik durch die Entrechtung, unter der seine Glaubensgenossen litten, der Willkür Böswilliger auch persönlich ausgesetzt. Man lese nur die Schilderung, die Arthur Young von seinen Reisen in Irland 1776–1779 über diesen Zustand entwirft: „Ein Gutsherr in Irland kann kaum einen Befehl erfinden, den ein Diener, Arbeiter oder Häusler zu vollstrecken sich weigern darf. Nur mit unbedingtem Gehorsam ist er zufrieden. Geringschätzung oder Trotz kann er vollkommen [S. 134]sicher mit Stock oder Peitsche strafen. Dem Elenden würden Arme und Beine zerbrochen, wenn er sich erdreistete, die Hand zur Abwehr zu erheben. Von ‚Zu Boden schlagen‘ wird auf dem Lande in einem Tone gesprochen, der einen Engländer Staunen macht. Angesehene Gutsbesitzer haben mich versichert, daß viele ihrer Häuslinge sich eine Ehre daraus machen würden, wenn sie ihre Weiber und Töchter einlüden, sich ihnen hinzugeben: das bezeugt die Knechtschaft, unter welcher dieses Volk leben muß. Ja, man erzählt mir, wie selbst das Leben der Armen nicht geschont wird, ohne jede Achtung vor dem Gesetz. Freilich ist dies nicht mehr gewöhnlich; denn ehedem geschah es alle Tage, jetzt aber gewinnen die Gesetze die Oberhand. Dem gleichgültigsten Reisenden muß es auffallen, wenn er ganze Züge von Karren von dem Bedienten eines Edelmannes in den Graben peitschen sieht, um dem Wagen seines Herrn Platz zu machen. Werfen sie um oder werden zerbrochen, so müssen sie es geduldig ertragen; wollten sie sich beklagen, so gäbe es sofort die Hetzpeitsche. Die Vollstreckung der Gesetze ist in der Hand der Friedensrichter, die meist der illiberalsten Klasse des Königreichs angehören. Wenn ein Armer gegen einen Gentleman oder ein Untier, das sich Gentleman zu nennen beliebt, Klage führt und der Richter läßt ihn vorladen, so gilt das für eine Beschimpfung, und es erfolgt sofort eine Forderung. Wenn Sitten sich wider das Recht verschwören, bei wem soll das unterdrückte Volk da Zuflucht finden? Es steht fest, ein armer Mann, der mit einem Gentleman einen Prozeß anfängt, muß — doch ich rede töricht; sie kennen ihre Lage zu gut, als daß sie es sich einfallen ließen. Für sie gibt es keine andere Verteidigung, als wenn ein Herr sich wider den anderen schützt, der seine [S. 135]Vasallen etwa sicher stellt wie die Hammel, die er zu verzehren gedenkt.“

Der Entwürdigung, in die solches rohe Junkertum die irischen Katholiken versetzte, blieben sie beinahe eben so lange ausgesetzt, wie ihre politische Rechtlosigkeit dauerte. Noch 40 Jahre später wandte sich Thomas Moore gegen die törichte Auffassung, daß die Emanzipation der Katholiken nur die höheren Stände dieser Glaubensgenossenschaft angehe, für die niederen Volksklassen aber von gar keiner Bedeutung sei. „Ihr, die ihr diese scharfsinnige Meinung hegt, gehet einmal hin und fragt den armen Katholiken, der sich von den Kirchspielsitzungen ausgeschlossen sieht, worin einige Protestanten durch ihr Abstimmen über seine geringen Unterhaltsmittel zum Aufbau und zur Ausbesserung ihrer eigenen Kirche verfügen, worin er, obwohl er selber keine Stimme bei der Wahl eines Kirchenvorstehers haben darf, dennoch nach Belieben gezwungen werden kann, die Rolle eines Kirchenvorstehers zu übernehmen, — fragt den Landmann, der von seinem hochwürdigen Zehntenbesitzer vor das bischöfliche Gericht geladen ist und dort einen andern hochwürdigen Zehntenbesitzer auf der Gerichtsbank sitzen findet, der zwischen ihm und dem Kläger entscheiden soll, — fragt den Katholiken des nördlichen Irlands, der, umgeben von bewaffneten Orangemännern, durch das Strafgesetz ganz ihrer Barmherzigkeit anheimgestellt ist, da ihm jede Selbstverteidigung verboten ist, der, trifft man ihn mit Waffen, aus dem Lande verwiesen, trifft man ihn ohne Waffen, ermordet werden kann, — fragt die katholischen Bewohner von größeren und kleineren Städten, die der Korporationsgeist in allen Richtungen des Lebens verfolgt, die bei jedem Schritte den Privilegien anderer aufgeopfert werden und wie gehegtes Wild zur Qual für wenige privilegierte Personen aufbehalten werden, — fragt sie [S. 136]nach der Reihe, warum sie so verfolgt werden, und wenn sie euch mit dem Sprichwort antworten, welches der Kummer tief in ihre Herzen geprägt, ‚In Irland gibt es für Katholiken kein Gesetz‘, — und Ihr haltet dann noch immer die Emanzipation für unnötig, so geht, und tretet der Ansicht des Herrn Peel bei, beruft euch mit Lord Eldon auf Gott und die Verfassung, sprecht mit dem Herzog von Wellington Staatsgrundsätze aus, die nach der Wachtstube schmecken, mit einem Wort, tut alles, was nur irgend recht ungereimt, toll und heillos ist.“⁠[34] Solche Leute würden — so meinte Moore — damit alles tun, um Irland zu verhindern, in ruhige und geordnete Zustände zu gelangen.

12. Erfolge der Katholiken.

Als die gesetzgeberische Unabhängigkeit Irlands von England erkämpft war, hatten davon zunächst nur die Protestanten Vorteile. Noch immer waren die Katholiken gesetzlich davon ausgeschlossen, als Abgeordnete ins Parlament einzutreten oder ihre Stimme bei den Parlaments-Wahlen abzugeben; auch waren ihnen im Heer und im Rechtswesen alle höheren Stellungen verschlossen, während sie bis zum Major aufsteigen und als Rechtsanwalt tätig sein durften.

Die Freiwilligen hatten allmählich den Katholiken ihre Reihen geöffnet, obgleich sowohl Lord Charlemont wie Henry Flood dies zu verhindern strebten. Ohne Einschränkung trat von den politischen Führern Irlands nur Grattan für sie ein. Die übrigen mochten den Katholiken die politische Gleichberechtigung schon deshalb nicht gewähren, weil sie es dann für unvermeidlich ansahen, daß die wirtschaftlichen Vorrechte der anglikanischen Kirche in Irland, die sich zum größten Teil von den Katholiken dort unterhalten ließ, dadurch bedroht würden. Vollkommene Duldung mochte den Katholiken gewährt werden — nur keine politische Macht.

[S. 137]

Von dieser Ungerechtigkeit wollte Grattan nichts wissen. Er behauptete mit Recht, daß die Ausschließung der großen Mehrzahl der Nation vom Wahlrecht ihrer Religion wegen nichts anderes als eine Beschimpfung sei, die sie auch jeder Sicherheit der Duldung beraube: „Bürgerliche und religiöse Freiheit hängen von der politischen Macht ab; die Gemeinschaft, die keinen mittelbaren oder unmittelbaren Anteil an der politischen Macht hat, besitzt keine Bürgschaft für ihre politische Freiheit.“

Im Februar 1791 trat ein Katholiken-Ausschuß mit dem Sitze in Dublin ins Leben, der die Aufgabe haben sollte, den Katholiken das aktive wie das passive Wahlrecht zu verschaffen und die zahlreichen Bedrückungen zu beseitigen, die noch auf ihnen lasteten. Im September entsandte der Ausschuß ein Mitglied nach London, um für die Befreiung der Katholiken zu wirken. Pitt gab die tröstliche Antwort, daß die Regierung gegen einen Gesetz-Antrag, der den Katholiken die Zulassung zur Advokatur und die Wählbarkeit zu den Grafschafts-Aemtern einschließlich des Sheriff-Amtes zuspreche, nichts einzuwenden habe; auch die Gewährung des aktiven Parlaments-Wahlrechts wolle sie in Erwägung ziehen.

Gewichtige Hilfe bot Edmund Burke, der am 23. Januar 1792 an einen nicht zur Opposition gehörigen irischen Abgeordneten, Sir Hercules Langrishe, einen Brief „über die römische Frage der Katholiken in Irland“ richtete, der schnell Berühmtheit erlangte. Der Verfasser, der durch seinen Kampf gegen die französische Revolution politisch weit nach rechts gerückt war, trat dennoch gegen die Strafgesetze, die in Irland gegen die Katholiken herrschten, mit äußerstem Nachdruck in die Schranken; diese Gesetze ständen im Widerspruch mit dem Natur- und dem Völkerrecht, mit der Verfassung und dem eigenen Vorteile Irlands. Es sei nur eins möglich: die Freilassung der Katholiken.

Kurz darauf bat der Parlamentarier, an den Burke [S. 138]diesen Brief gerichtet hatte, um Erlaubnis, einen Gesetz-Antrag einzubringen, der den Katholiken weitere Milderung ihrer Lage verschaffen sollte: Mischehen sollten nicht länger verboten, und es sollte den Katholiken die Zulassung zur Advokatur gewährt werden; ferner sollte die Bestimmung fallen, die jedem Katholiken bisher verboten hatte, in seinem Geschäft mehr als 2 Lehrlinge zu beschäftigen; endlich sollte die Errichtung von Schulen von der Erlaubnis eines anglikanischen Bischofs unabhängig werden.

Diese Forderungen waren nicht eben himmelstürzend. Dennoch fanden sie keine Gegenliebe bei der hochkirchlichen Partei, die im irischen Parlament auf Grund des außerordentlich beschränkten Wahlrechts, durch das es zustande kam, herrschte. Der Katholiken-Ausschuß galt diesen Kreisen als staatsgefährliche Vereinigung, die das Parlament einschüchtern und ihm Gesetze diktieren wolle. Trotzdem ging Langrishes Antrag in beiden Häusern des Parlamentes durch.

13. Protestanten treten auf Seite der Katholiken.

Die Katholiken hatten wieder einige Fesseln abgeschüttelt — allein die politischen Rechte, die ihren protestantischen Mitbürgern zustanden, besaßen sie noch immer nicht. Unter dem doppelten Einfluß der Ideen der französischen Revolution und des nationalen Kampfes, den Irland nun seit Jahrzehnten führte, wobei die Katholiken Schulter an Schulter mit den Protestanten standen, traten auch die letzteren immer stärker für die politische Gleichstellung der Katholiken ein.

Besonders galt dies von einer in Belfast gegründeten Körperschaft, dem „Bund der Irländer“ (United Irishmen), dessen Satzungen im Oktober 1791 bekannt wurden. Ursprünglich wohl nur aus Protestanten bestehend, hatte er später Katholiken hinzugezogen, und nun wollte er eine Verbrüderung der Irländer aller Bekenntnisse anstreben, zugleich auch die Parlaments-Reform und die [S. 139]Gleichstellung der Katholiken fördern. Jedes Mitglied mußte einen Eid leisten, für diese Zwecke tätig sein zu wollen. Schnell breitete sich der Bund über alle Städte des Landes aus.

Ebenso schnell war die Befürchtung bei der Hand, er könne republikanischen oder revolutionären Gedanken dienen. Diese Befürchtung wurde um jene Zeit auch in England jeder politischen Bewegung, so unschuldig sie sein mochte, entgegengehalten. Die französische Revolution hatte in den herrschenden Klassen Großbritanniens die äußerste Furcht geweckt, das Gift dieser Ideen könnte sich auch in England verbreiten. Man ging daher gegen alle neuen Bewegungen mit kaum verständlicher Schärfe vor. Sogar die Einreichung von Petitionen an das Parlament wurde verboten.

Auch in Irland gab es Kreise, die unter dieser Furcht litten. Einige Mitglieder des Katholiken-Ausschusses hatten sich dem Bunde der Iren angeschlossen. Dies genügte 60 katholischen Landedelleuten, an deren Spitze Lord Kenmare stand, um am 27. Dezember 1791 eine Adresse an den Statthalter zu richten, in der jede Verbindung mit jenen „aufrührerischen“ Elementen zurückgewiesen und das Heil nur von der politischen Weisheit der Hofburg erwartet wurde. Lord Kenmare wurde darauf aus der Mitglieder-Liste des Katholiken-Ausschusses gestrichen.

Unter den Protestanten der Provinz Ulster zog die Bewegung für die Befreiung der Katholiken immer weitere Kreise. Eine Petition, von 600 Protestanten in Belfast unterschrieben, ging das Parlament um völlige Gleichstellung der Katholiken an.

Auch der Katholiken-Ausschuß rührte sich. Am 18. Februar 1792 überreichte er dem Parlament eine Bittschrift um Befreiung der Katholiken von den noch bestehenden Strafgesetzen und um Wiederherstellung des aktiven Wahlrechts, das die Katholiken früher besessen hatten.

[S. 140]

Noch aber lehnte die Mehrheit des Parlamentes diese Forderungen ab. Die protestantischen Ansiedlerkreise, die bisher allein das Wahlrecht besaßen, fürchteten das Schwinden des protestantischen Uebergewichts. Trotz dem Eintreten Grattans für die Wünsche der Katholiken wurden alle Bittschriften zu ihren Gunsten am 20. Februar mit großer Stimmenmehrheit abgewiesen.

Der Ausschuß gab seine Sache darum nicht verloren. Am 17. März erließ er eine Erklärung, die von neuem die unverbrüchliche Staatstreue der Katholiken betonte und den Vorwurf entschieden zurückwies, er erstrebe noch etwas anderes als die bloße Gleichstellung der beiden Bekenntnisse.

Da das irische Parlament der Freilassung der Katholiken widerstrebte, beschritt der Katholiken-Ausschuß nunmehr zwei andere Wege: er richtete eine Bittschrift um Gewährung des Wahlrechts an den König — und ergänzte sich gleichzeitig durch Abgeordnete, die in den einzelnen Grafschaften gewählt werden sollten. Dieses Vorgehen entsprach der Taktik, die vor wenigen Jahren den Freiwilligen so große politische Erfolge gebracht hatte. Allein inzwischen hatte der Donnerschlag der französischen Revolution die Gemüter erregt, und nun befürchteten die Gegner in dem erweiterten Katholiken-Ausschuß eine Art Jacobiner-Klub. Zahlreiche Stadtverwaltungen sowie die Grafschaftsbehörden (die sogenannten großen Juries) nahmen hauptsächlich auf Betreiben hoher Beamter (namentlich Fitzgibbons und Beresfords) Entschließungen an, die jenes Vorgehen der Katholiken streng verurteilten und versprachen, das protestantische Uebergewicht und die bedrohte Verfassung in Kirche und Staat zu schützen.

14. Die Katholiken erhalten das aktive Wahlrecht.

Blieben die Protestanten bei dieser Weigerung, die in unvereinbarem Widerspruch mit den noch vor wenigen [S. 141]Jahren abgegebenen Erklärungen stand, daß man die Wünsche der Katholiken kennen lernen wolle, während man sie jetzt ohne weiteres als revolutionären Klub brandmarkte, so mußten die Dinge bedrohlich werden. Pitt hatte auch hier den richtigen Blick, indem er trotz dem Abraten des irischen Kanzlers Fitzgibbon und der übrigen hohen Beamten Irlands die Gewährung weiterer Rechte an die Katholiken für notwendig erklärte.

Wie kurzsichtig jene Männer die Dinge beurteilten, zeigte ein Schreiben, das der Statthalter in diesem Jahre an den englischen Ministerpräsidenten richtete: „Besteht der Kernpunkt Ihrer Weltpolitik nicht darin, zu verhindern, daß das Interesse Irlands mit dem Interesse Englands in Konflikt gerate und letzterem im Wege stehe? ... Haben Sie nicht während eines Jahrhunderts und bis vor ganz kurzer Zeit durch das irische Parlament selbst Irland in jeder einzigen Frage niedergerungen, in der es die britischen Interessen oder das britische Monopol schädigen könnte? ... Sie kennen die Vorteile, die Sie aus Irland ziehen? ... Andererseits, kostet Irland Ihnen einen einzigen Heller? Wird seinetwegen ein einziger Soldat beschäftigt, für den es nicht bezahlt? Brauchen Sie seinetwegen ein einziges Schiff mehr zum Schutze des britischen Handels, als wenn das ganze Land am Meeresboden läge?“

Der weitblickende Pitt war entschlossen, die Wünsche der irischen Katholiken nach politischer Gleichberechtigung mit den Protestanten zu erfüllen. Als daher die am 3. Dezember 1792 von dem Katholiken-Ausschuß entworfene Bittschrift, die ihre Wünsche und Beschwerden darstellte, in London eintraf und die Bitte geäußert wurde, die Petition durch eine Abordnung dem König überreichen zu dürfen, wurde dies nicht abgeschlagen. Am 3. Januar 1793 empfing der König die Abgesandten, und aus der freundlichen Haltung des Herrschers wie nicht minder aus ihrer Unterredung mit dem Minister [S. 142]Dundas schlossen die Männer, daß einer völligen politischen Gleichstellung kein Widerstand drohen würde.

Die Thronrede, mit der am 10. Januar das irische Parlament durch den Statthalter eröffnet ward, enthielt eine wichtige Neuerung: sie gedachte zum ersten Male des Vorhandenseins der Katholiken in Irland, während sie sonst in den Kundgebungen der Krone als Luft behandelt worden waren. Diesmal war offen davon die Rede, daß die Lage der katholischen Untertanen die ernste Aufmerksamkeit Sr. Majestät hervorrufe, und daß für die Erwägung dieser Frage auf die Weisheit und Liberalität des Parlaments vertraut werde.

Diese Körperschaft gab nach so starker Betonung der Wünsche der Krone nach. In der Adresse, die es gewohnheitsgemäß zur Beantwortung der Thronrede beschloß, erklärte sich das Parlament bereit, die Freilassung der Katholiken weiter fortzusetzen.

Schon am 4. Februar legte der irische Staatssekretär Hobart einen Gesetzentwurf vor, der die Katholiken von allen noch bestehenden gottesdienstlichen und Unterrichts-Beschränkungen befreien, sie zu einer Anzahl militärischer und bürgerlicher Aemter zulassen und ihnen für staatliche und kommunale Wahlen das aktive Wahlrecht einräumen sollte.

Grattan befürwortete den Antrag auf das wärmste. Er schilderte die Lage der Katholiken in vier Sätzen:

„Sie bilden drei Viertel Eures Volkes und bezahlen für ihren Teil beinahe 2000000 Pfund Steuern, ohne irgend einen Anteil an der Volksvertretung oder der Verwaltung zu haben; sie bezahlen Eure Staatskirche ohne irgend eine Wiedervergeltung, sie betreiben die schweren Geschäfte des Lebens, die Gewerbe, den Landbau und den Handel, ohne die Wahlberechtigung zu besitzen, die mit den Früchten des Fleißes verbunden ist; und sie sind in überreicher Zahl in den Reihen Eurer Land- und Seemacht vertreten, ohne [S. 143]Rang oder Belohnung. Unter diesen Umständen und in Erwägung ihrer vollen und gänzlichen Lossagung von jedem ausländischen Prinzen oder Thronbewerber bitten sie um Gewährung des verfassungsmäßigen Wahlrechts.“

Als Gegner des Entwurfes trat im Unterhause der Renegat Dr. Duigenau auf, der seinem Glaubenswechsel einen Sitz im Unterhause verdankte.⁠[35] Er faßte seine Forderung in die Worte zusammen: „Ein protestantischer König, ein protestantisches Parlament, eine protestantische Hierarchie, protestantische Wähler und Beamte in allen Zweigen der Verwaltung.“

Im Oberhause trat an der Spitze der Opposition der Kanzler Fitzgibbon auf, inzwischen zum Lord Clare erhoben. Er sagte voraus, daß die politische Gleichstellung der Katholiken keine andere Folge haben könne als die gesetzliche Loslösung der Irländer von England oder ein völliges Aufgehen des kleineren Staates in dem größeren.

Trotz aller Opposition ging das Gesetz durch. Ein von Knox gestellter Zusatzantrag, den Katholiken auch das passive Parlaments-Wahlrecht zu gewähren, fiel allerdings. Indessen wurde doch wenigstens die Vorlage der Regierung angenommen, so daß die Katholiken fortan wieder das Recht hatten, bei Parlamentswahlen ihre Stimme abzugeben, wenn sie auch — entwürdigend genug in einem Lande, in welchem neben 560000 Protestanten 3000000 Katholiken wohnten — selbst einen Sitz im Parlament nicht einnehmen durften.

15. Dauernde Bestechlichkeit des Parlamentes.

Die Frage der Parlaments-Reform war dadurch noch immer keineswegs gelöst. Zunächst war die politische Gleichstellung der Katholiken nur halb erfolgt, noch immer [S. 144]blieb wahr, was ein irischer Statthalter schrieb: „Ich denke, Großbritannien kann noch immer die Protestanten leicht handhaben — und die Protestanten können dasselbe mit den Katholiken tun.“ Auch blieb weiter eines der bösesten Uebel: die Bestechlichkeit des Parlaments und damit die Verschwendung bedeutender staatlicher Summen.

Die Ungeheuerlichkeit dieser Korruption ergibt sich am besten aus der Tatsache, daß der von dem kleineren, weniger bevölkerten und ärmeren Irland für Staatspensionen ausgegebene Betrag nicht nur verhältnismäßig, sondern auch in absoluten Ziffern höher war als der in England. In den ersten dreißig Jahren der Regierung Georgs III. hatte sich die irische Pensionsliste, allen Versprechungen zum Trotz, verdreifacht. Im Jahre 1793 belief sie sich auf nicht weniger als 120000 £. Grattan hatte die Pensionsausgaben 1785 und 1791 im Parlament zur Sprache gebracht, da sie sowohl für den Staatshaushalt wie für die Lauterkeit des Parlamentes verderblich waren.

Allein die Regierung hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen. Sie wollte auch in Zukunft die Waffe der Bestechung nicht aus den Händen geben, die ihr schon so manches Mal über Schwierigkeiten hinweggeholfen hatte — wenn auch auf Kosten der irischen Nation. Mochte diese weiterzahlen und sich mit einer Bürde belasten, für die sie nicht einmal Vorteile eintauschte! In diesem Wunsche blieben die englischen Minister sich gleich, welcher Partei sie auch angehören mochten. Selbst Pitt dachte nicht daran, die Korruption im irischen Parlamente zu bekämpfen oder auch nur ihre Bekämpfung zu gestatten. Vielmehr werden wir noch sehen, daß er entschlossen war, sie zu fördern, wie er nur immer konnte — um nur sicher zu sein, das Parlament, sobald er es wünschte, zu einem gefügigen Werkzeug erniedrigen zu können.

[S. 145]

Denn nicht immer ließ sich die Gegnerschaft im Parlamente durch Maßnahmen niederschlagen, wie die Hofburg sie im Jahre 1791 anwandte. Damals stand das irische Parlament in der Regentschaftsfrage — die Geisteskrankheit des Königs machte seit 1788 eine Stellvertretung erforderlich — in ausgesprochenem Gegensatze zu dem englischen. Diese Opposition sollte, nachdem Anfang 1789 Georg III. die Regierung wieder hatte übernehmen können, bestraft werden. Unmittelbar nach den entscheidenden Sitzungen des irischen Parlamentes hatte man in der Hofburg in Dublin davon gesprochen, man müsse „Schlachtopfer für die Abstimmung“ haben. In der Tat wurden 13 hohe Beamte nur deshalb entlassen, weil ihre Abstimmung dem Hofe nicht genehm war.

Sicherer jedoch schien in künftigen Fällen die Belohnung gehorsamer Regierungsanhänger, von denen zu befürchten war, sie könnten ihre Stimme in die unerwünschte Wagschale werfen. So waren die Anhänger der Regierung in der Regentschaftsfrage verschwenderisch belohnt worden. Alle freiwerdenden Stellen wurden ihnen übertragen. Der Kronanwalt Fitzgibbon war zum irischen Lordkanzler erhoben worden. Außer ihm wurden 16 neue Pairs geschaffen oder im Range erhöht.

Gleichzeitig stieg die Pensionsliste in diesem einen Jahre um 13000 £. Der mutige Grattan ließ sich durch alles dies nicht abschrecken, die Regierung nach Eröffnung des Parlamentes (21. Januar 1790) anzugreifen: die Fortsetzung ihres bisherigen Systems sei eine Gefahr für das Land. Die Beamtenstellen dürften nicht in dieser Art vermehrt werden: die Pensionen hätten nun eine Höhe von 101000 £ erreicht. Ja, Grattan stellte am 20. Februar den Antrag, eine Minister-Anklage vorzubereiten. Freilich lehnte die gefügige Mehrheit diesen Antrag ab. Aber die Rache, die die Regierung an Grattan nehmen wollte, mißlang, da [S. 146]er nach Ausschreibung der Neuwahl in der Stadt Dublin wieder gewählt ward.

Unter der Statthalterschaft des Lord Buckinghamshire hatte die irische Pensionsliste die englische um mehrere tausend £ überstiegen. Um die erregte öffentliche Meinung zu beruhigen, duldete die Regierung unter dem Statthalter Lord Westmoreland zwar, daß ein Gesetz durchging, welches die Bewilligung neuer Pensionen auf jährlich 1200 £ beschränkte. Indessen benutzte man die wenigen Monate der Zwischenzeit, bevor das Gesetz in Wirksamkeit trat, um noch schnell die Anhänger der Regierung mit neuen Pensionen im jährlichen Gesamtbetrage von 12000 £ zu belohnen!

Man kann daher nur die schärfsten Worte über dieses System der Bestechung gebrauchen, das dem gesamten öffentlichen Leben Irlands gefährlich werden mußte. Thomas Moore hatte nicht Unrecht, wenn er schrieb: „Dies System war die höchste Vollendung, gleichsam die Krone der tötlichen Politik Englands gegen Irland. Nachdem sie unsere niederen Stände zu Boden gedrückt und durch alle nur ersinnlichen Mittel zur tiefsten Barbarei erniedrigt hatte, demoralisierte und entnationalisierte sie jetzt ganz planmäßig, durch das Beispiel eines glänzenden und ausschweifenden Hofes, durch die Aufmunterung der Neigung zum Luxus und durch das bereitwillige Anbieten von Bestechungssold, um dieselbe zu befriedigen, unsere höheren Stände, die von nun an, im harmlosesten Falle, wenigstens die Rolle übernahmen, sich aus ihrem Vaterlande zu entfernen.

„Die Verkäuflichkeit, der Unterschleif und die Unverschämtheit, die sich anfangs bloß in den höheren Regionen des Staates gezeigt hatte, verbreitete sich bald auch durch die niederen; es ward durchgängig ein Vertrag geschlossen, sich gegenseitig durch die Finger zu sehen, und Küster mit einem jährlichen Gehalt von 100 Pfund bewirteten ihre [S. 147]Vorgesetzten mit den feinsten Mittagsmahlzeiten und dem ausgesuchtesten Claret. In der Artillerie-Verwaltung wurde zu Lord Buckinghams Zeit ermittelt, daß die Waffen, der Kriegsbedarf und die Montierungsstücke, die man als unbrauchbar bei Seite geworfen hatte, aus der einen Tür diebischer Weise herausgetragen und zur andern Tür wieder hereingebracht und aufs neue dem Staat in Rechnung gestellt worden waren.

„Dies waren die glorreichen Tage des protestantischen Wuchergeistes, — denn man darf nicht vergessen, daß dieser privilegierten Klasse allein der Unterschleif der Staatsgelder von jeher insbesondere überlassen wurde, — damals war das goldene Zeitalter dieser Partei, wo Mäkeleien und Mißbräuche in üppigem Flor standen, wo die Besoldungen nichts von Verpflichtungen und schuldigen Leistungen wissen wollten, und wo Accise- und Steuerposten bloß Stiftungen zur Versorgung einer gewissen Anzahl königlichgesinnter Protestanten zu sein schienen, die es als eine Art von Herausforderung angesehen haben würden, wenn man sie hätte fragen wollen, welche Dienste sie denn für ihre Besoldung leisteten.“⁠[36]⁠

Männer, die eine Möglichkeit hatten, ins Parlament zu gelangen, oder die dort einen Sitz einnahmen, waren in beständiger Versuchung, sich an der Pensions-Aemter-Lotterie zu beteiligen.⁠[37]⁠

In der Dubliner Hofburg wurde ein förmlicher Markt eröffnet, auf welchem der Preis aller Dienste, die die Regierung wünschte, bis auf einzelne Stimmen bei besonderen Parlaments-Verhandlungen [S. 148]herab mit kaufmännischer Genauigkeit nach der Taxe festgesetzt wurde. Nicht einmal die Formen des Anstandes glaubte die Regierung noch beobachten zu müssen. So nannte Fitzgibbon als Kronrat einmal, als einige von der Regierung bestochene Abgeordnete sich trotzdem der Opposition angeschlossen hatten, ziemlich deutlich die Summe, die es kosten würde, diese Männer von neuem zu kaufen.

Er bekannte unverhohlen als politischen Grundsatz: „Die englische Regierung oder vielmehr das englische Kabinett müsse zur Sicherung gegen nationalen Einspruch in Irland einen bedeutenden und anspruchreichen Einfluß im Parlamente besitzen.“

Dieser Mann, der eine der Hauptkräfte werden sollte, die Irland in den nächsten Jahren in das tiefste Unglück stürzten, wurde das Hauptwerkzeug zur Erreichung eines hinterhältigen Zieles Pitts. Lecky bezeichnet als unbestreitbar, daß sein Ministerium (1793) schon seit mehreren Jahren fest entschlossen war, „nicht bloß den Versuchen, das Parlament zu säubern, entgegenzutreten, sondern auch dessen Korruption entschieden und wohlbedächtig zu vergrößern“.⁠[38] Die Regierung vermehrte daher die irischen Beamtenstellen fortwährend, um ihren Einfluß zu verstärken. Grattan fand das richtige Wort, indem er behauptete, Irland stehe jetzt in einer Art Zwischenzeit zwischen dem Ende eines Unterdrückungs- und dem Anfange eines Korruptions-Systems. Er bezeichnete die Herrscher Irlands als eine Sippschaft, „die, im Besitze der bürgerlichen, militärischen und kirchlichen Machtvollkommenheit, diese mit der festen und boshaften Absicht benutzte, die Sittlichkeit zu verderben, um die Freiheit des Volkes zu untergraben.“

Ein 1787 angenommenes Gesetz hatte die Einrichtung [S. 149]der Friedensrichter beseitigt, die von den örtlichen Selbstverwaltungs-Körperschaften ehrenamtlich erwählt wurden, den Kreis der Regierungsbeamten dagegen vergrößert und 32 Anwälte zu hochbesoldeten Richtern befördert. Nach der Belohnung der Regierungsanhänger in der Regentschaftsfrage 1789 erklärte der Abgeordnete Ponsonby, es säßen jetzt 110 Beamte im Unterhause, und ein Achtel der Staatseinnahmen würden unter die Mitglieder des Parlamentes verteilt! Im Jahre 1793 wurde das Personal des Schatzamtes allein um 5 Räte vermehrt.

Alles, was die Patrioten-Partei erreichen konnte, war die Herabminderung der Pensionsliste auf jährlich 80000 £, Ausdehnung der parlamentarischen Ueberwachung der Pensionsliste und ein Gesetz, durch das jeder Abgeordnete, der ein Regierungsamt übernahm, seinen Sitz im Parlamente verlor und sich einer Neuwahl unterziehen mußte. Dagegen vereitelte die Regierung dauernd die wiederholten Anstrengungen Grattans, die Unwählbarkeit der Steuerbeamten ins Parlament für Irland durchzusetzen, obwohl sie in England mit allgemeiner Billigung und ausgezeichnetem Erfolge eingeführt worden war.

16. Ablehnung des Reformgesetzes.

Mit der gefährlichen Waffe der Bestechung in der Hand konnte die Regierung allen weiteren Wünschen auf Parlamentsreform mühelos widerstehen. Auch in England wurde damals, nicht nur aus maßloser Furcht vor einem Hinübergreifen der französischen Revolution über den Kanal, sondern auch als Wirkung des Krieges, den England nun gegen Frankreich führte, jede Reform verpönt und die freie Meinungsäußerung in einem Umfang eingeschränkt, wie es England im 18. Jahrhundert noch nicht erlebt hatte.

Im irischen Parlament fiel daher der Antrag auf [S. 150]Parlaments-Reform, der am 14. Januar 1793 von Ponsonby gestellt wurde. Hamilton Rowan, der ihn mit Ponsonby zusammen einbrachte, legte in seiner Rede dar, daß die Mehrzahl der Abgeordneten von weniger als neunzig Menschen gewählt werde. Das Unterhaus blieb taub, und die Regierung nicht minder. Auch die Versuche Grattans, für die Reform zu wirken, scheiterten.

Dennoch ließen sich die Freunde der Reform nicht irre machen. Am 4. März 1794 brachte Ponsonby abermals ein Reformgesetz ein, das die Zahl der Abgeordneten vermindern und die Burgflecken, diese Stammsitze der parlamentarischen Korruption, völlig umgestalten wollte. Grattan unterstützte den Antrag, indem er die Versicherung unerschütterlicher Treue für England wiederholte. Er verlangte, „daß Irland seine Staatsverfassung verbessere und sie so viel wie möglich der Großbritanniens gleich mache, daß jede verfassungswidrige Handlung der Verwaltung, vor allem aber jeder Eingriff in die Unabhängigkeit des Parlaments, durch alle verfassungsmäßigen Mittel verhindert, und daß diese Maßregeln und dieser allgemeine Plan mit dem festen, dauernden und unabänderlichen Entschlusse verfolgt werden sollten, mit Großbritannien zu stehen oder zu fallen. Sobald daher Großbritannien in einen offenen Krieg verwickelt würde, müßte ihm Irland eine entschiedene und unzweideutige Unterstützung gewähren, — ausgenommen, wenn dieser Krieg gegen seine eigene Freiheit geführt würde.“

Diesmal befürchtete selbst Langrishe, in so unruhiger Zeit dürfe man dem Volke nicht mehr Rechte geben, und beantragte deshalb, den Entwurf auf ein halbes Jahr zu vertagen. Grattan wollte davon nichts wissen: das beste Mittel, das Eindringen republikanischer Ideen zu verhindern, sei eine besonnene und maßvolle Reform. Dennoch wurde die Vertagung beschlossen.

[S. 151]

17. Die Zeit der Hoffnung.

Da schien die Rettung von einer Seite zu kommen, von der man sie kaum noch erwartete: der englische Premierminister gab Irland einen Statthalter ganz nach dessen Wünschen, sodaß man glaubte, nun würden die Hoffnungen der Nation erfüllt werden.

Was Pitt dazu veranlaßte, den unbeliebten, streng konservativen Statthalter Lord Westmoreland abzuberufen und den Präsidenten des englischen Kronrates Lord Fitzwilliam an seine Stelle zu setzen, ist auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Einige Geschichtsschreiber haben die Ursache in der Absicht erkennen wollen, gegen die engherzige und fanatische Politik der hochkirchlichen Kreise Front zu machen. Andere, die Pitts Handlungen nicht nach dem Eindruck beurteilen, den sie in einzelnen Fällen machten, sondern nach seiner gesamten politischen Tätigkeit, haben erwiesen, daß Pitt bei diesem Schritt nicht von höheren Gesichtspunkten ausging, vielmehr recht lange zögerte und sich dann aus Gründen der politischen Taktik entschloß. Die englischen Whigs hatten sich gespalten, ein großer Teil verließ Fox und schloß sich Pitt an. Diesem neuen Anhange wollte Pitt schmeicheln — und deshalb willigte er in die Abberufung des bisherigen und in die Einsetzung des neuen Statthalters.

Es hätte niemand dorthin gesandt werden können, der besser geeignet war, die Schwierigkeiten zu beseitigen, an denen das politische Leben der Insel krankte. Lord Fitzwilliam war, wie alle Welt wußte, ein eifriger Anhänger der Katholiken-Befreiung. Seine Ernennung konnte daher nichts anderes bedeuten als die Durchführung dieser Emanzipation, zu deren Gunsten sich Pitt mehrfach ausgesprochen hatte.

Am 23. August 1794, noch bevor seine Ernennung endgültig erfolgte, schrieb Fitzwilliam an Grattan, mit dem er eng befreundet war, um von ihm seine und seiner [S. 152]Freunde Unterstützung zu erbitten. Grattan, hocherfreut, reiste nach London und traf dort bei einem Mittagessen am 14. Oktober mit Pitt und anderen Kabinetts-Mitgliedern zusammen. Am Tage darauf erhielt er von dem Minister-Präsidenten die verbindliche Einladung zu einem Besuch, um über die irische Frage Gedanken auszutauschen. In dieser Unterredung forderte Grattan den gänzlichen Bruch mit dem alten System, wozu nicht nur die Abberufung Westmorelands, sondern auch die des Kanzlers Fitzgibbon nötig sei, den er als den gefährlichsten Gegner der Parlaments-Reform betrachtete.

Allein Pitt wollte von diesem Vorschlage nichts hören. Auch im übrigen mußte Grattan sich in der Unterredung überzeugen, daß Pitt nicht gesonnen sei, kräftige Anstrengungen zu machen, um die Parlaments-Reform oder die Katholiken-Befreiung durchzuführen. Er lehnte ab, die Emanzipation als Regierungs-Maßregel vorzuschlagen, äußerte aber seine Absicht, sie zu gewähren, falls die Regierung dazu gedrängt werde.

Dies waren auch die Anweisungen, die Lord Fitzwilliam mit nach Irland nahm, als er endlich dorthin abreisen konnte. Denn die Regierung ließ seine Ernennung lange in der Schwebe, sodaß es den Anschein hatte, sie würde lieber seine Berufung rückgängig machen als in einen unmittelbaren Systemwechsel und in die Entlassung hoher Beamter in Irland einwilligen. Erst am 10. Dezember konnte Lord Fitzwilliam seinen Eid als Statthalter von Irland leisten. Am 4. Januar 1795 traf er in Dublin ein.

Hier empfing ihn eine großartige Kundgebung begeisterter Staatstreue. Zahlreiche Glückwunsch-Adressen liefen aus allen Teilen des Landes ein. Es folgte eine unvermutet große Anzahl von Bittschriften der Katholiken um ihre Emanzipation; nicht weniger als 500000 Personen, also etwa der siebente Teil der Gesamtbevölkerung, unterzeichneten sie. Es war offenkundig, [S. 153]daß man von dem neuen Mann einen völligen Bruch mit dem alten Systeme erwartete. Deutlich war auch zu erkennen, daß die überwiegende Mehrzahl der Protestanten der Katholiken-Befreiung günstig war. Als später alle diese Hoffnungen begraben wurden, konnte Lord Fitzwilliam seinem Könige vorhalten, daß „die Katholiken-Emanzipation von seiten seiner protestantischen Untertanen mit allgemeiner Billigung aufgenommen wurde“.

Das ganze Land befand sich im Zustand freudigster Erregung. Von einem revolutionären Geiste war nirgends etwas zu spüren. Am 12. Februar 1797 bat Grattan im Unterhause um die Erlaubnis, einen Gesetzentwurf einzubringen, der die völlige Katholiken-Emanzipation aussprach. In demselben Parlamente, das unter dem vorigen Statthalter ähnliche Anträge bekämpft hatte, erhoben sich jetzt nur drei Stimmen dagegen. Die ganze Nation erwartete die Katholiken-Befreiung und Hand in Hand damit die Parlaments-Reform. Kleidete doch der neue Vertreter der Krone seine Antwort auf die ihm überreichten Bittschriften in eine Sprache, die unverhohlene Neigung für ihre Sache bekundete.

Es schien kein Zweifel mehr möglich, daß nun Katholiken-Befreiung und Parlaments-Reform binnen kurzem Gesetz würden.

18. Enttäuschung.

Plötzlich aber traf, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, eine Nachricht ein, die alle Hoffnungen zerstörte. Der neue Statthalter sollte von dem englischen Minister-Präsidenten abberufen sein!

Die Nachricht beruhte auf Wahrheit. Pitt hatte schon am 21. Februar, noch nicht sieben Wochen nach der Landung Fitzwilliams in Dublin, dem Statthalter Mißgriffe vorgeworfen, sodaß dieser bereits am 25. Februar um seine Entlassung nachsuchte. Das englische Kabinett [S. 154]beschloß am 19. März die Rückberufung, weil sie für die Wohlfahrt des Reiches unumgänglich notwendig sei.

Als der Statthalter einen Monat später Irland verließ, war ganz Dublin in Trauer gehüllt, alle Läden waren geschlossen, beide Häuser des Parlamentes nahmen einstimmig Vertrauenskundgebungen für den in Ungnade Gefallenen an, und die meisten Stadt-Verwaltungen und beinahe alle Grafschafts-Versammlungen folgten dem Beispiele. Die angesehensten Bürger der Hauptstadt begleiteten seinen Wagen bis an den Kai, und es folgte ihnen eine unzählige begeisterte und traurige Volksmenge.

Als dagegen einige Wochen darauf als neuer Statthalter Lord Camden eintraf, der, wie die Iren wußten, sein Amt ganz im Sinne des alten Systems handhaben würde, begrüßte ihn ein Volksaufruhr. Denn nun war der Glaube an die Möglichkeit, auf verfassungsmäßige Weise eine Reform zu erlangen, in der irischen Nation zerstört. Sie hatte wieder einmal erlebt, daß sie auf Versprechungen Englands nicht bauen durfte und daß jedes Zugeständnis von dort, so lange es nicht fest in Wirksamkeit getreten war, schlimmer sein konnte als eine unmittelbare Weigerung.

Als Grund für die Abberufung Lord Fitzwilliams — des ersten Statthalters, der Irland in dieser Zeit die Ruhe hätte bewahren können — gab die englische Regierung an, er habe zwei hochstehende Beamte entlassen (den Kriegssekretär Cooke und den obersten Finanzrat Beresford) trotz der Weisung Pitts, bei seinem Amtsantritte keinen Beamten zu entfernen, der sich nicht amtlichen Ungehorsam zuschulden kommen lasse. Beide hatten in London mächtige Freunde. Der eigentliche Grund war vielmehr die Gegnerschaft der „kleinen aber mächtigen Partei“ der Hochtories gegen alle Pläne einer Reform in Irland.

Grattan hatte durchaus Recht gehabt, wenn er die Abberufung [S. 155]Fitzgibbons forderte. Dieser Mann war es in der Tat, der als übler Geist Irlands Lord Fitzwilliam den äußersten Widerstand leistete. Schon zwei Tage nach Einbringung des Grattanschen Gesetz-Entwurfes richtete er nach London die Bitte, der König möge ein derartiges Gesetz nicht durchgehen lassen. Georg III., bigott und von unübertrefflicher Engherzigkeit, empfand bereits jene Gewissensbedenken, an denen häufig die besten Pläne Pitts scheiterten — und Pitt gab nach. Der König meinte, die gänzliche Katholiken-Befreiung lasse sich mit seinem den Papisten feindlichen Krönungseide nicht in Uebereinstimmung bringen. In dem Ministerium saßen zahlreiche Tories, die der Absicht Pitts, der Katholiken-Emanzipation in Irland wenigstens keinen Widerstand entgegenzusetzen, recht abgeneigt waren. Anstatt entschlossen seine gute und, wie er wußte, für den politischen Frieden Irlands unbedingt notwendige Absicht durchzuführen, gab sich Pitt nun den Anschein, als habe er kein besonderes Gewicht darauf gelegt. Deshalb wendete er nichts gegen die Abberufung Fitzwilliams ein. Ja, es waren noch unedlere Beweggründe für ihn maßgebend: Lecky bezeichnet es als Wahrheit, daß Pitt auf seine Whig-Kollegen im Ministerium eifersüchtig war und fürchtete, sie könnten einen vorherrschenden Einfluß erlangen.

Endlich hatte Pitt wahrscheinlich schon damals den Entschluß gefaßt, auf die Union Irlands mit England hinzuwirken. Jedes Mittel war ihm dafür recht. Als das sicherste erschien ihm, das irische Parlament so zu bestechen und zu entwürdigen, daß er es schließlich vernichten könnte. „Wäre das Parlament zum Spiegel des nationalen Willens gemacht und wären die Katholiken in den Kreis der Staatsverfassung hineingezogen worden — seine Politik würde vernichtet gewesen sein. So aber geschah es, daß ein Minister, der sich als einen enthusiastischen Freund der Katholiken-Emanzipation bekannte, [S. 156]mehr denn irgend ein anderer englischer Staatsmann dazu beitrug, die Lösung dieser Frage zu vertagen; daß ein Minister, der seine Laufbahn als beredter Kämpfer für die Parlamentsreform begann, jedem Versuche sich standhaft widersetzte, das verderbteste Burgflecken-System in Europa zu reformieren; daß ein Minister, dessen politische Lauterkeit das Thema so vieler Lobeserhebungen war, sich in Irland einer Bestechung schuldig machte, vor der die schlimmsten Handlungen eines Newcastle und Walpole zur Unbedeutendheit herabsinken.“⁠[39]⁠

Jeder Versuch, Klarheit in die Gründe der Abberufung Fitzwilliams zu bringen, wurde von Pitt vereitelt. Im englischen Oberhause griff der Herzog von Norfolk die Regierung deshalb an, und im Unterhause folgten die Abgeordneten Jekyll und Fox diesem Beispiele. Allein der Antrag, den Briefwechsel zwischen Fitzwilliam und den englischen Ministern vorzulegen, um die wirklichen Gründe für seine Abberufung kennen zu lernen, wurde im Unterhause von Pitt, im Oberhause von Lord Grenville als unverträglich mit dem Staatswohle und als der Machtvollkommenheit des Königs widersprechend zurückgewiesen.

Es blieb Lord Fitzwilliam nichts übrig, als im Oberhause öffentlich gegen diese Weigerung Einspruch zu erheben und zu erklären, er habe gefunden, die Katholiken-Emanzipation „werde von den römischen Katholiken eifrig verlangt, von sehr vielen Protestanten erbeten und von beinahe allen freudig aufgenommen.“

19. Aufstand und Knebelung.

Die unmittelbare Folge der zweideutigen Politik der englischen Regierung, die in Irland die höchsten Hoffnungen erweckt hatte, um sie alsdann mit kaltem Hohne zu Boden zu schlagen, war [S. 157]ein Aufstand, der mit furchtbarer Grausamkeit niedergeschlagen ward und über Irland ein Meer von Blut und Qual ergoß.

Lord Fitzwilliam hatte vorausgesagt, daß dies die Folge sein würde. Er hatte die Regierung nachdrücklich darauf hingewiesen, die Täuschung der Hoffnungen der Katholiken werde „eine Flamme in dem Lande anfachen, die nichts anderes als die Gewalt der Waffen erdrücken könnte“.⁠[40]⁠

In Irland wußten die politischen Führer dies ebenso genau. Lord Charlemont, der ein Gegner der katholischen Ansprüche geblieben war, erklärte, die Abberufung Lord Fitzwilliams werde für Irland verderblich sein, und sagte voraus, daß in wenigen Monaten das Volk unter dem Einflusse des Bundes der Iren stehen werde.

Hätte die Regierung die Ratschläge Grattans und Fitzwilliams befolgt, so war völlig gewiß, daß keinerlei Unruhen das Land erschüttern würden. Wie wir sahen, hatten die Protestanten sich mit der Freilassung der Katholiken aus der politischen Rechtlosigkeit einverstanden erklärt, im Unterhause hatten nur drei Abgeordnete dagegen gestimmt, selbst die irischen Großgrundbesitzer waren also der Emanzipation günstig. Alle Kreise Irlands waren durchaus staatstreu. Die katholischen Priester wollten, wie in allen anderen Ländern, auch hier von der Revolution nichts wissen — zumal nicht nach den Leiden, die ihre Amtsbrüder in Frankreich erdulden mußten. Herrschte irgendwo ein aufrührerischer Geist, so war es nicht unter den Katholiken, sondern unter den Presbyterianern des Nordens, die seit Jahrzehnten gegen die Regierung aus wirtschaftlichen Gründen aufgebracht waren.

[S. 158]

Alle Schichten des Volkes hätten sich, führte die englische Regierung die Parlaments-Reform durch, als zufriedene Nation um den englischen Thron geschaart. Daß aber die Staatstreue der Katholiken den schroffen Systemwechsel, der durch die Abberufung Fitzwilliams in Erscheinung trat, überleben sollte, war „eine übermenschliche Erwartung.“⁠[41] Ihre Hoffnungen waren durch die englische Regierung auf den höchsten Punkt gesteigert worden, und die Haltung des Vertreters der Krone war ihnen wie eine Bürgschaft erschienen, daß sie nun endlich aus der Entrechtung erlöst werden sollten. Während des ganzen Verlaufes des 18. Jahrhunderts hatten sie nicht ein einziges Mal die Fackel des Aufruhrs erhoben — selbst dann nicht, wenn England sich in schwierigster Lage befand. Weder bei dem schottischen Aufstand des Jahres 1715 noch bei seiner Wiederholung dreißig Jahre später, nicht während eines einzigen der vielen auswärtigen Kriege und nicht während der Empörung der dreizehn amerikanischen Kolonien hatte Irland politischen Aufruhr unternommen. England konnte sich daher in keiner Weise darauf berufen, daß die Katholiken-Emanzipation aus Furcht vor Unruhen nicht möglich sei, oder daß die irische Nation die Erfüllung ihres Herzenswunsches nicht verdiene.

Der Grund lag vielmehr einzig und allein in der Eigensucht Englands. Es wollte nicht, daß Irland emporkam. Daß sich die Nachbarinsel im Jahre 1782 die gesetzgeberische Unabhängigkeit friedlich erkämpft hatte, war den Engländern ein Dorn im Auge — so bescheiden diese Unabhängigkeit auch war. Denn tatsächlich blieb Irland doch bei jedem Wunsche nicht nur von der Krone, sondern auch vom englischen Ministerium abhängig, das in den irischen Beamten bis zu ihrer höchsten Spitze in der Regel gefügige Werkzeuge besaß und nur solche duldete. Und [S. 159]eben die Geschichte der Parlaments-Reform und der Katholiken-Emanzipation, die beide Irland versprochen waren und nur, weil die englische Willkür dies nicht duldete, nicht zur Ausführung gelangten, zeigte klar, daß die gesetzgeberische Unabhängigkeit, von der Irland so viel erhofft hatte, kaum mehr war als ein trügerischer Schein.

Nicht einmal diesen Schein wollte England dulden. Wieder sollte die Nachbarinsel wie zwischen 1691 und 1782 ganz unter die englische Fuchtel gebeugt werden. Freiwillig entschloß es sich dazu sicher nicht. Also mußte es gezwungen werden.

Um einen Anlaß zu haben, strebte die Regierung schon seit 1795 darauf hin, die Iren bis aufs Blut zu reizen, damit sie sich gegen die Zwingherren erhöben. Mit welchen schmachvollen Mitteln die Geduld dieser gutmütigen Bevölkerung absichtlich gebrochen wurde, soll hier nicht geschildert werden. Sogar der englische Oberbefehlshaber Lord Abercromby mußte voller Entrüstung seinen Truppen das Zeugnis ausstellen, sie hätten in dem friedlichen Irland ärger gewütet als in Feindesland. Hängen und Peitschen, Morden und Schänden waren so gewöhnlich, daß Lord Moira im November 1797 die Ausschreitungen der Truppen im britischen Parlamente zur Sprache brachte und am 19. Februar 1798 im irischen Oberhause die Frage an die Regierung richtete: ob man durch das Niederbrennen von Wohnhäusern und durch das Auspeitschen und Aufhängen Verdächtiger hoffen könne, Irland zum Frieden zu führen?

Einen Mann wie Lord Abercromby konnte England als kommandierenden General in Irland nicht gebrauchen. An seiner Stelle wurde General Lake entsandt, der denn auch seine Aufgabe zur vollen Zufriedenheit der Regierung löste: im Jahre 1798 flammte endlich [S. 160]der Aufstand, den sie gewünscht hatte, um das irische Parlament zu beseitigen, empor und wurde in einem Meer von Blut und Tränen erstickt.⁠[42]⁠

[30] Mögest Du ewig währen!

[31] So stellt auch Lord Mahon in seiner „Geschichte von England“ Bd. 7 S. 189 fest.

[32] Mahon Band 7, S. 189 f.

[33] Moore, der diesen Fall erzählt, fährt fort: „Wahrlich — von dem Dasein von 2 bis 3 Millionen Seelen nichts zu wissen und ⅚ eines Volkes als nur aus Gnade existierend zu denken, ist eine kühne Uebertreibung, die alle Erdichtungen der Poesie weit hinter sich läßt“ (S. 186).

[34] Thomas Moore a. a. O. S. 276 ff.

[35] Siehe die Charakter-Schilderung dieses Mannes bei Lecky: Vier Essays, S. 194 f.

[36] Moore: S. 241 f. Ich habe die alte Uebersetzung etwas feilen müssen.

[37] Welche verderblichen Folgen dieses System für das Wirtschaftsleben Irlands hatte, schildert Moore a. a. O. S. 242 f. Er meint, daß die tolle Verschwendungssucht, die sich in der Klasse des protestantischen Mittelstandes geltend machte, nicht zum wenigsten durch die Möglichkeit dieser Aemterjagd hervorgerufen sei. Es wurden daher neue Kapitalien ausgenommen und die Pachtzinsen gesteigert. „Richtersprüche, Pfändungen, und alle jene Gespenster des Gesetzes, die sonst nur um die Ruinen verfallenden Eigentums schweben, sah man jetzt nach allen Richtungen hin flattern, und man behauptet, daß seit 1790 mehr Grundstücke gerichtlich versteigert worden sind als in dem ganzen Jahrhunderte vorher.“

[38] Lecky: Vier Essays a. a. O. S. 133.

[39] Lecky: Vier Essays. S. 140 f.

[40] Lecky a. a. O. S. 141.

[41] Lecky a. a. O. S. 143.

[42] Ich übergehe hier absichtlich die tierischen Grausamkeiten der englischen Soldateska; sie sollen in einem Buche über englische Kriegsgrausamkeiten geschildert werden, das ich demnächst zu veröffentlichen hoffe. — Wer glauben möchte, eine so teuflische Politik, den Aufstand in Irland nicht nur zu wünschen, sondern förmlich zu erzwingen, hätten englische Staatsmänner nicht treiben können, möge bei englischen Geschichtsschreibern nachlesen — namentlich bei Lecky in seinem trefflichen Essay über Grattan. Uebrigens entsprach es einer alten englischen Gewohnheit, in Irland einen Aufstand zu entzünden, um recht gute Gelegenheit zu haben, im Trüben zu fischen und die Eingeborenen ihrer Rechte zu berauben.

Schlussvignette, stilisierte   Rose

[S. 161]

Kopfvignette,   florales Muster

4. Buch:
Von neuem gefesselt.

1. Vernichtung der nationalen Existenz Irlands. — 2. Frühere Unionspläne. — 3. Vorboten des Unionsplans. — 4. Hinterhältiges Versprechen der Regierung. — 5. Der Kampf der Parlamente. — 6. Erkaufung des irischen Parlamentes. — 7. Vergewaltigung. — 8. Die Folgen der Union. — A. Veruneinigung beider Länder. B. Steigerung der Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken. C. Wirtschaftliche Verelendung. D. Verhinderung innerer Reformen. E. Zwangsgesetze. F. Gesetzes-Mißachtung. G. Politische Massenbewegungen.

„Ist es da wohl ein Wunder, wenn diese Schlachtopfer ein System hassen und verwünschen, das ihnen bei jedem Schritt im Leben mit der finstern Ausschließung entgegentritt, das gleich dem Brenneisen zu gleicher Zeit Schmerz und Schande bewirkt, und das wegen der Zuversicht, womit es auf ihre Geduld rechnet, um so empörender ist?“

Thomas Moore: Memoiren des Hauptmanns Rock. S. 272.

1. Vernichtung der nationalen Existenz Irlands.

Wieder einmal lag Irland entkräftet und mißhandelt am Boden. Die Gelegenheit war günstig, es der gesetzgeberischen Rechte zu berauben, die es 1782 erkämpft hatte. Allerdings ließ sich durchaus nicht davon sprechen, daß Irland damals ein freies, mit gleichen Rechten an Englands Seite stehendes Königreich geworden sei, vielmehr hatten die 1½ Jahrzehnte der Zwischenzeit deutlich bewiesen, daß Irland in allen wichtigen Dingen nichts zu sagen hatte. Immerhin besaß es zunächst den Schein der gesetzgeberischen Unabhängigkeit, den Beginn des Selbstbestimmungsrechtes in Fragen der inneren Politik. So mochte die Entwickelung des nationalen Lebens wohl dahin führen, daß dieser Rahmen sich allmählich mit lebendigem Inhalte füllte.

Dahin wollte es England nicht kommen lassen. Irland sollte nicht selbständig, es sollte auch in seinen inneren [S. 162]Fragen nicht unabhängig sein. Daß sich sein Parlament die Bestimmung über Dinge herausnahm, die bis dahin von England entschieden wurden, sollte für alle Zukunft unmöglich gemacht werden. Irland sollte so fest an England gekettet werden, daß es sich in alle Ewigkeit nicht davon befreien konnte.

Dazu gab es nur einen Weg: die Aufhebung des irischen Parlamentes, seine Vereinigung mit dem englischen. Diese Union zu erzwingen, betrachtete Pitt als seine Aufgabe. Er setzte seinen Willen durch — allein er griff, da die irische Nation sich dieser Zumutung geschlossen widersetzte, zu so schändlichen Mitteln, daß die Erinnerung daran bis heute nicht versiegt ist. Mit Recht bezeichnete Lord Byron die Union, die so zustande kam, als die Vereinigung des Haifisches mit seiner Beute.⁠[43] Die Hervorrufung und Niederwerfung des Aufstandes von 1798 war der erste Akt dieses Trauerspieles gewesen — die weiteren bestanden in Verrat, Bestechung, Niedertracht.

Man glaube nicht, daß dies zu scharfe Worte sind: niemand, der die Geschichte dieser Jahre kennt, vermag anders darüber zu urteilen. Auch Lecky nennt das Verfahren Pitts eine „Schandtat“ und wendet sich mit vernichtender Schärfe gegen die Art, wie man in England versucht, sie darzustellen. „Es gibt in der Tat wenige Dinge,“ so sagt er, „welche die englische politische Literatur mehr entehren als der Ton der Beschönigung oder sogar der Lobpreisung, der gewöhnlich über die Urheber dieser Schandtat angestimmt wird. Wenn das Wort Ehre auf solche Menschen wie Castlereagh[S. 163] und Pitt angewendet wird, hört es auf, irgend eine wahre Bedeutung in der Politik zu haben. Was man auch über die Zweckmäßigkeit der Union denken mag, die Art, wie sie ausgeführt wurde, war ein Verbrechen der äußersten Niederträchtigkeit — ein Verbrechen, das durch die schändlichen Mittel, mit welchen eine neue Regierungsform einem widerstrebenden und protestierenden Volke auferlegt wurde, die ganze Entwickelung der irischen öffentlichen Meinung vergiftet hat.“⁠[44]⁠

Bis zum heutigen Tage sind die Beziehungen Irlands zu England und die Schicksale des unglücklichen irischen Volkes durch diese Union bestimmt, die mit Blut, Verrat und Bestechung zustandegebracht wurde. Bis heute hat die irische Nation es nicht vergessen, daß die Vernichtung ihrer nationalen Existenz durch schmachvollen Betrug erzielt ward. England hätte nur dann die Möglichkeit gehabt, die Erinnerung an diese Verbrechen zu tilgen, wenn es seither eine Politik der Versöhnung getrieben hätte, um die Nachbarinsel endlich seelisch zu erobern. Allein es hat den umgekehrten Weg gewählt: alles, was Irland im 19. Jahrhundert politisch erreichte, hat es gegen den verbohrten Widerstand Englands durchgesetzt; auf kein Versprechen hat es bauen können; den Katholiken wurde die Emanzipation erst zu teil, als England sich überzeugte, daß eine Revolution vor der Tür stand; der Widerruf der Union, durch die glänzende politische Geschicklichkeit O’Connells in sichere Nähe gerückt, fiel im letzten Augenblicke in sich zusammen, weil England das Glück hatte, daß in Irland die furchtbare Hungersnot der vierziger Jahre hereinbrach, die Hunderttausenden von Menschen das Leben kostete, Hunderttausende andere zur Auswanderung trieb und Millionen in Verzweiflung stürzte; der neue Stern, der Irland seit dem Aufstiege [S. 164]Parnells zur politischen Führerschaft leuchtete, ging mit ihm unter; die Homerule-Vorlagen Gladstones traten niemals in Kraft; und das Homerule-Gesetz des Ministeriums Asquith, das zunächst an dem Widerstande des Parlamentes scheiterte, erlangte keine Geltung, weil der Weltkrieg der Jahre 1914–16 die Gelegenheit gab, das feierlich gegebene Versprechen wieder einmal nicht zu halten.

2. Frühere Unionspläne.

An sich böte ein Zusammenschluß der beiden Länder, stimmten sie innerlich überein, manchen Vorteil. Wirtschaftlich würde er, wie jeder Zusammenschluß benachbarter Gebiete zu einem Wirtschaftskörper, den Austausch von Bodenerzeugnissen und Waren steigern, vermehrten Blutumlauf schaffen, die Gesundheit und Stärke des Ganzen heben. Politisch würde er ermöglichen, die gesammelte Kraft beider Länder auf gemeinsame Ziele zu richten. Kulturell würde er die Befruchtung des einen durch das andere zu wechselseitigem Nutzen herbeiführen.

Allein die unentbehrliche Voraussetzung wäre, daß beide Teile in solchem Zusammenschlusse eine höhere Form des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Daseins erblickten, oder daß sie mindestens glaubten, die Vorteile des Zusammenschlusses würden seine Nachteile überwiegen. Sobald jedoch der eine Teil fürchtet, von dem anderen nur ausgenutzt, selbst dagegen an der Erreichung auch der bedeutsamsten Wünsche verhindert zu werden, birgt die Vereinigung den Keim der Zwietracht und der Schwäche, wenn nicht des Hasses in sich.

Die Haltung jedes der beiden Länder zu der Frage der Union blieb nicht zu allen Zeiten unverändert. Im allgemeinen zwar läßt sich sagen, daß man sie in Irland verabscheute, während man sie in England für unentbehrlich hielt. Allein bei gewissen Anlässen haben einflußreiche Männer, die eine der beiden [S. 165]Nationen als Abgeordnete vertraten oder ihre Meinungen als Schriftsteller zum Ausdruck brachten, die entgegengesetzte Ansicht vertreten.

Cromwell berief in das Parlament zu Westminster auch Abgeordnete Irlands. Hatte er auch die Katholiken dort mit furchtbarer Grausamkeit niedergeschlagen, so war er doch weitblickend genug, zu erkennen, welch unendlichen Vorteil es England bieten würde, ließ sich Irland wirklich mit ihm vereinigen. Er beseitigte daher alle Schranken des Handelsverkehrs zwischen England, Schottland und Irland. Diese drei Länder wollte er zu einer wirklichen Einheit zusammenfassen, damit tatsächliche politische, religiöse und wirtschaftliche Union bestehe.

Allein dies war nur ein kurzer Zwischenakt. In den beiden Menschenaltern der Folgezeit ist von einem Zusammenschlusse beider Inseln in England nicht mehr die Rede, und die Zollschranken wurden abermals von England aufgebaut. Dagegen tauchte nunmehr in Irland selbst zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine gewisse Bewegung für die Union auf. Sie war auf die Kreise des irischen Parlamentes beschränkt, das allerdings seit 1691 nur aus protestantischen Kolonisten bestand, die allem eigentlich Irischen grundsätzlich feind waren. So erklärt es sich, daß in denselben Jahren, da die ärgsten jener berüchtigten Strafgesetze beschlossen wurden, das irische Parlament sich einer Union mit England günstig zeigte.

1703 war dies zum ersten Male spürbar. Aus Anlaß der Vereinigung Schottlands mit England richtete ferner das irische Unterhaus 1707 an die Königin Anna eine Adresse, in der es den Wunsch aussprach: es möge der Krone durch eine umfassendere Union noch mehr Kraft und Glanz verliehen werden.

Es gehört zu den Ironien der Weltgeschichte, daß die englische Regierung damals nichts von dem Zusammenschluß [S. 166]wissen wollte. Nur wenige weitblickende Männer in England, unter denen Defoe genannt sei, sprachen sich dafür aus. Dagegen war der englische Handelsstand wie stets gegen jede Erleichterung des irischen Handels.

1709 kam das irische Oberhaus auf die Frage zurück, indem es den Statthalter Lord Wharton bat, seinen Einfluß zu benutzen, um für Irland eine gleiche Union zu vermitteln, wie sie zwischen England und Schottland zustande gekommen war. Auch jetzt verhielt sich die englische Regierung ablehnend; die Antwort des Statthalters war so entmutigend, daß man die Frage nicht wieder anschnitt.

Nun verging genau ein halbes Jahrhundert, bis sie von neuem auftauchte. 1759 verbreitete sich das Gerücht, England plane eine Vereinigung der Parlamente der beiden Inseln. Wie sich aber inzwischen die Dinge verschoben hatten, geht schlagend aus den Folgen hervor, die diese Meldung nach sich zog: in Dublin brach ein Aufruhr los, den Lecky als den wütendsten aller bisher dort überhaupt vorgekommenen bezeichnete.⁠[45] Der Pöbel drang ins Parlamentsgebäude, setzte ein altes Weib auf den Stuhl des Präsidenten, suchte nach den Protokollbüchern, um sie zu verbrennen, hielt die Wagen der Parlamentsmitglieder an und tötete ihre Pferde, beleidigte den Kanzler und mehrere Bischöfe, richtete einen Galgen auf, um einen verhaßten Politiker daran zu hängen, und zwang alle, die ihm in die Hände fielen, zu schwören, daß sie sich der Union widersetzen würden.

Das Erstaunlichste an der Sache war, daß nur Protestanten sich an diesem Aufstande beteiligten. Die Katholiken blieben durchaus ruhig und beeiferten sich, ihre Treue zu bekunden. Als die Nachricht von dem Bevorstehen eines feindlichen Einfalles umlief, [S. 167]entsandte der katholische Kleinadel eine Abordnung, um der Regierung seine Ergebenheit auszusprechen, und erhielt eine sehr gnädige Antwort.

*

Dies waren die Jahre, in denen sich die irische Nation als solche von neuem bildete. Die Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken verschwanden. Als 1782 zum Jubel beider Teile die gesetzgeberische Unabhängigkeit erkämpft war, schien jeder Gedanke ausgeschlossen, nunmehr eine Union mit England zu erzwingen.

Zudem hatte offenbar die Begeisterung und Tatkraft, mit der Irland seinen Weg allen Schwierigkeiten zum Trotze ging, in England Besorgnisse gegen die Bildung eines gemeinschaftlichen Parlamentes erzeugt. Der ältere Pitt fürchtete, daß der Eintritt von hundert Iren in das englische Parlament die demokratische Seite des letzteren stärken würde, und anderen englischen Politikern war in dem Gedanken an die Beredsamkeit der Irländer nicht wohl, von der sie glaubten, sie könnte die Debatten verlängern und möglicherweise verwirren.⁠[46]⁠

Anderseits gewann unter den englischen Nationalökonomen die Ansicht an Boden, daß ein Zusammenschluß beider Länder große Vorteile bieten würde. Schon früher hatten weitschauende Männer diese Meinung verfochten: beispielsweise Sir W. Petty, Defoe und Dekan Tucker. Jetzt gewann diese Ueberzeugung Boden. Arthur Young vertrat sie, und besonders erfolgreich Adam Smith.

Dessen Einfluß auf den jüngeren Pitt ist bekannt. 1785 gelegentlich der wirtschaftlichen Abkommen zwischen England und Irland und abermals 1789 bei Beratung des Regentschaftsgesetzes, das Irland ganz anders zu gestalten wünschte als England, ging Pitt [S. 168]mit dem Gedanken der parlamentarischen Vereinigung beider Länder um.

In Irland erregte die Nachricht lebhaftes Mißvergnügen. So schrieb Lord Charlemont 1786 an Flood: „Die englischen Zeitungen haben uns kürzlich mit dem Gedanken einer Union beunruhigt, aber, außer durch sie, habe ich nichts erfahren; auch kann ich es nicht für möglich halten, daß ein solcher Gedanke in den Köpfen unserer gegenwärtigen Regierung hat aufkommen können. Als wir keine Verfassung hatten, war der Gedanke kaum zulässig — was muß er folglich jetzt sein?“

Unvoreingenommene Engländer teilten die Ueberzeugung, daß an eine Union beider Länder nicht gedacht werden könne. Es traf den Kern der Sache, wenn Wilberforce, der begeisterte Vorkämpfer gegen den Sklavenhandel, meinte: die Union werde eine gute, aber unpraktische Maßregel sein, da das Volk niemals seine Zustimmung dazu geben würde. Und der berühmte Dr. Johnson sagte mit beißender Ironie zu einem Iren: „Vereinigt Euch nicht mit uns! Wir wollen uns mit Euch vereinigen, um Euch zu berauben.“

3. Vorboten des Unionsplanes.

Nach der Niederwerfung des Aufstandes 1798 schienen der englischen Regierung die Wege für diese Beraubung geebnet. Der Statthalter Lord Cornwallis erhielt sogleich bei seinem Amtsantritte die Weisung, die Ansicht maßgebender Irländer über eine Union zu erforschen. Allein er mußte etwa einen Monat nach seiner Ankunft berichten, daß der Zeitpunkt, diese Frage anzuschneiden, augenblicklich höchst ungeeignet sei.

In der Tat wollte in Irland auch jetzt kaum jemand etwas von einer Union wissen. Die Protestanten, [S. 169]so weit sie sich in den durch England von neuem entfesselten und mit allen Mitteln geschürten Parteikämpfen als sogenannte Orangisten gegen die Katholiken wandten, fürchteten das bedeutende Uebergewicht zu verlieren, das sie über alle andern Gruppen besaßen. Die Nationalpartei, so sehr ihr die Regierung durch die blutige Unterdrückung des Aufstandes den Fuß auf den Nacken gesetzt hatte, konnte unmöglich einer staatsrechtlichen Aenderung zustimmen, durch die alle Errungenschaften des Jahres 1782 zerstört worden wären. Die Hauptstadt war gegen die Union eingenommen, weil sie durch den Verlust des irischen Parlamentes an Bedeutung nicht nur auf dem Felde der Politik außerordentlich viel einbüßen mußte. Wirtschaftlich mochte das ganze Land nichts davon wissen, weil aus einer Verpflanzung des irischen Parlamentes nach London notgedrungen eine Verstärkung eines der größten Uebel folgen mußte, unter dem Irland seit Jahrhunderten litt: des „Absenteeism,“ der Abwesenheit der wohlhabendsten und einflußreichsten Leute, die sich lieber in England oder in anderen Ländern aufhielten denn in Irland.

Nur eine Bevölkerungsgruppe stand der Union nicht von vornherein feindlich gegenüber: die Katholiken. Ihr Wunsch war vor allem, von der politischen Entrechtung befreit zu werden, die noch immer auf ihnen lastete. Gewährte England ihnen die Emanzipation, so war es nicht ausgeschlossen, daß sie der Vereinigung der Parlamente beider Länder zustimmten.

Einigen von ihnen empfahl sich der Zusammenschluß durch die Hoffnung, alsdann nicht der seit Unterdrückung des Aufstandes wieder unerträglich gewordenen Willkürherrschaft ihrer protestantischen Landsleute unterstellt zu sein. So wenig die irischen Katholiken von den englischen Protestanten erhofften — besser als unter der Tyrannei der irischen Protestanten mochte es ihnen vielleicht doch ergehen. Diese Hoffnung sollte bitter täuschen.

[S. 170]

Indessen berichtete der Statthalter, daß sie die Gleichstellung ohne Union der Gleichstellung mit ihr vorzögen. Immerhin war es möglich, sie zu gewinnen, namentlich wenn gleichzeitig die schlimmsten Mißbräuche der Zehntenerhebung beseitigt wurden.

Im ganzen jedoch hielt die englische Regierung die Stimmung auf der Nachbarinsel für der Union überwiegend ungünstig. Sie war daher entschlossen, um ihre Absicht durchsetzen, vor keinem Mittel zurückzuschrecken.

Zunächst baute sie auf die Truppenmacht. Während des Aufstandes hatte die Zahl der in Irland stehenden Soldaten bis zu 37000 Mann betragen. Gegen Mitte des Jahres 1799, ein Jahr also nachher, ward die Truppenzahl auf 45000 Mann vermehrt. Allein nicht einmal das schien genügend. Die Regierung, im Kriege gegen Frankreich begriffen, versuchte auf alle mögliche Art, weitere Truppen zu erhalten. So verfiel sie auf den Gedanken, russische Soldaten zu mieten und nach Irland zu verlegen. Allerdings unterblieb die Maßregel, weil der Statthalter sich gegen sie aussprach. Als sich jedoch nach Wiedereröffnung des irischen Parlamentes zeigte, daß die Union dort äußerst unbeliebt war, so daß die Erörterungen recht stürmisch wurden, genügten nicht einmal die 45000 Mann Seiner Lordschaft — nun schrieb er mehrfach dringend, man müsse ungesäumt Verstärkungen hinüber senden, da es sonst nicht möglich sei, die Union ohne Tumult und Aufstand durchzubringen. In der Tat wurde die Truppenzahl bis auf 137000 Mann vermehrt.⁠[47]⁠

Dennoch wagte die Regierung nicht, das Parlament aufzulösen, um ein neues über die Union entscheiden zu lassen. War es doch völlig sicher, daß auch dieses sich dagegen aussprechen würde. Alle Verführungskünste, um die öffentliche Meinung [S. 171]zu bestechen, fruchteten nichts. So verbreitete die Regierung eine von dem Sekretär Cooke zugunsten der Union verfaßte Schrift, die jedoch die unerwünschte Folge hatte, daß eine Menge von Gegenschriften erschien.

Ja, nicht einmal auf ihre Beamten konnte sich die Regierung in der Unionsfrage verlassen. Viele mißbilligten den Plan entschieden: so der Kanzler der Schatzkammer, Sir John Parnell. Unter denen, die der Union günstig waren, gab es zwei Parteien. Die eine wollte sie „unbeschwert mit den Doktrinen der Emanzipation“ durchbringen, mochte also von einer Zulassung der Katholiken als Abgeordnete in das englische Parlament nichts wissen. Namentlich der Kanzler Lord Clare (der frühere Fitzgibbon) vertrat diese Ansicht; nur die Union, meinte er, könne das „verdammte Land“ — so nannte er seine Heimat — retten. Die andere Gruppe der irischen Beamtenschaft, an ihrer Spitze der Statthalter Lord Cornwallis, zeigte dagegen weiteren Blick und größere Duldsamkeit. Nicht mit einer irischen Partei, sondern mit der irischen Nation hoffte er die Vereinigung zustande zu bringen.

Mancherlei Gründe machte der Statthalter für seine Ansicht geltend, um Pitt zu überzeugen, daß es keinen Frieden und keine Ruhe für Irland geben werde, bis die Katholiken in ihren Rechten den Anhängern der Staatskirche gleichgestellt seien. Allein Pitt zog, so sehr er im Grunde von der Richtigkeit dieser Ansicht überzeugt war, den Weg vor, der ihm bequemer schien. Er wußte, daß er die Katholiken-Befreiung nur gegen starken Widerstand im englischen Kabinette durchsetzen könnte, und daß dann noch der bigotte Eigensinn des Königs zu überwinden war. Weshalb sollte er sich die Mühe machen, mit solchen Mächten zu kämpfen? Da war es bequemer, die Hoffnungen der irischen Nation zu opfern.

Indessen vermied Pitt sorgfältig, öffentlich wissen zu [S. 172]lassen, daß er die Katholiken-Befreiung, für die er sich früher stets ausgesprochen hatte, fallen lassen wollte. Er legte sein hinterhaltiges Spiel so an, daß die irischen Katholiken glaubten, sie würden gleichzeitig mit der Union ihre politische Befreiung erhalten — während die Protestanten vom Gegenteile überzeugt waren.

4. Hinterhältiges Versprechen der Regierung.

Am 12. November 1798 sandte das britische Kabinett die Grundzüge des Entwurfes für die Union dem irischen Statthalter zu. Noch jetzt schrieb Pitt an Lord Cornwallis in einem Sinne, der diesen glauben machen mußte, Pitt wünsche die Emanzipation! Deshalb wurde die Weisung ausgegeben: den Führern der Katholiken privatim zu versichern, daß die Regierung, obschon sie sich der Emanzipation widersetzen würde, solange das irische Parlament bestehe, sie auszuführen wünsche, sobald die Union zustande gebracht sei.

So wurden die Katholiken schmählich betrogen. Sie wußten, daß der König der Emanzipation feindlich war; nicht wissen konnten sie, daß er 1795 entschieden erklärt hatte, sein Einspruch dagegen sei unüberwindlich, und daß er diese Erklärung 1798 wiederholte. Noch weniger konnten sie wissen, daß trotz den Versprechungen, die ihnen gemacht wurden, Pitt nicht einmal den Versuch unternommen hatte, zu erfahren, ob der König sich umstimmen ließe. Sie mußten annehmen, daß, wirkten sie für die Union, auch die Emanzipation dadurch gefördert wurde.

Im Herbste 1799 benachrichtigte Castlereagh, der Sekretär des Statthalters, die Regierung, daß sich die Union nicht durchführen lasse, wenn die Katholiken in tätiger Opposition seien, und daß ihre Stellung zu der Frage hauptsächlich von der Hoffnung auf die Befreiung abhinge.⁠[48] Und wirklich: es gelang der englischen Regierung, sie völlig zu täuschen.

[S. 173]

So gelang es, einen Teil der irischen Katholiken auf die Seite der englischen Regierung zu ziehen; aber auch nur einen Teil. Ein anderer war zu vorsichtig und zu mißtrauisch, als daß er sich hätte fangen lassen. Namentlich in Dublin waren die Katholiken beinahe sämtlich gegen die Union eingenommen, auch die große Mehrzahl im Lande war der Maßregel entweder feindlich oder verhielt sich gleichgültig.

5. Der Kampf der Parlamente.

Am 22. Januar 1799 ward im englischen Parlamente eine königliche Botschaft verlesen, die die Forderung der Union beider Staaten aufstellte. Am nächsten Tage wurde kurz darüber verhandelt, am letzten Tage des Monats ausführlich. Pitt legte selbst acht Entschließungen als Grundlage des Gesetzentwurfes vor und empfahl den staatsrechtlichen Zusammenschluß beider Länder in großer Rede.

Er begründete das Verlangen namentlich mit der Rücksicht auf die äußere Politik: „Man nehme an, daß der gegenwärtige Krieg, den das Parlament von Großbritannien für gerecht und notwendig erachtet, vom irischen Parlamente für ungerecht und den Grundsätzen der Freiheit und Menschlichkeit zuwiderlaufend erklärt würde. Würde jenes Parlament sich durch dieses Land für gebunden ansehen? Und wenn nicht — welche Sicherheit haben wir dann, daß in einem so wichtigen Augenblicke die beiden Königreiche einen und denselben Freund und Feind haben würden?“

Auch hier gab er sich den Anschein, der Katholiken-Emanzipation nicht feindlich zu sein. Im Gegenteil: er betonte, daß eine völlige Gleichstellung der Katholiken nicht möglich sei, ohne den Staat zu gefährden und die irische Verfassung bis in den Grund zu erschüttern, solange Irland ein getrenntes Königreich [S. 174]bleibe; in einem gemeinschaftlichen Parlamente beider Länder dagegen könne die Emanzipations-Frage mit größerer Sicherheit gelöst werden. Das Gleiche gelte für die Beseitigung des Zehntendruckes.

Der Minister verwahrte sich gegen den Vorwurf, die Union bedeute, daß man der Nachbarinsel ein fremdes Joch aufbürde. Vielmehr spreche Irland dieselbe Sprache, es habe dieselben Gesetze und Sitten wie Großbritannien; bei allen Gefahren, die seine Sicherheit und seinen Frieden bedrohten, sei es auf die Hilfe Englands angewiesen. So könne denn die Union nur als die freiwillige Vereinigung zweier Länder betrachtet werden, die sich um des gegenseitigen Vorteils willen zu einem Reiche zusammenschlössen.

In ähnlichem Sinne wie Pitt äußerten sich Dundas und Canning (der spätere Minister-Präsident), der trotz seiner Jugend schon jetzt hervortrat. Dagegen kämpfte hauptsächlich der Ire Sheridan, dessen Zusatzantrag jedoch mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. Fox hielt sich, unzufrieden mit dem Gange der inneren Politik, fern. —

Auch im Oberhause hatte Pitt eine sichere Mehrheit. Gegen die Union sprachen nur die Lords Moira und Lansdowne — beide in Irland ansässig. Nicht einmal namentliche Abstimmung war erforderlich.

*

An demselben Tage, da das britische Parlament durch die Thronrede eröffnet wurde, trat auch das irische Parlament zusammen. Auch hier kündigte die Thronrede die Union an. Es sei eine „dauernde Einrichtung“ erforderlich, die alle Errungenschaften und Vorteile, deren England und Schottland teilhaftig seien, auch an Irland verleihen und zugleich die wirksamsten Mittel für Aufrechterhaltung und Befestigung der Verbindung zwischen Irland und den anderen Königreichen des Herrschers schaffen sollte.

[S. 175]

Sogleich bei Beratung der Adresse, die zur Beantwortung der Thronrede zu beschließen war, entbrannte der Kampf. Ununterbrochen 21 Stunden lang dauerte die Sitzung des Unterhauses — bis dahin ein unerhörter Fall. Hatte noch am Tage vorher Castlereagh berechnet, die Regierung werde über 160 Stimmen gegen 100 in der Opposition verfügen, so wurde nun ein Zusatzantrag Ponsonbys, der das unzweifelhafte Anrecht Irlands auf ein eigenes und unabhängiges Parlament betonte, nur gegen eine einzige Stimme Mehrheit abgelehnt, so daß die Opposition diesen Pyrrhus-Sieg der Regierung mit Jubel begrüßte. Am 24. Januar brach die Regierungsmehrheit zusammen: nach langem Redegefechte wurde gerade der Satz, der die Union empfahl, mit 109 gegen 104 Stimmen aus dem Adreßentwurfe beseitigt.

Der Jubel im Lande war groß. Während Dublin in glänzender Festbeleuchtung erstrahlte, fanden vor den Häusern der „unionistischen“ Abgeordneten — so hießen fortan und heißen bis auf den heutigen Tag die Anhänger der Union — Kundgebungen des Volkes statt.

*

Pitts Rede im englischen Unterhause am 31. Januar sollte eine Antwort auf diese entschiedene Willensäußerung der irischen Nation sein, die durch eine regierungsfreundliche Adresse des irischen Oberhauses vom 22. Januar in ihrer Bedeutung kaum beeinträchtigt wurde. Noch glaubte Pitt, seinen Plan ohne Schwierigkeiten durchsetzen zu können. Allein Cornwallis raubte ihm diese Hoffnung. Er betonte, daß es unmöglich sei, die Angelegenheit vor der nächsten Session des irischen Parlamentes wieder aufzunehmen. Zugleich brach er nochmals eine Lanze für die Katholiken-Befreiung, da er sich für eine „auf einer breiteren Grundlage aufgebaute Union“ größere Erfolge versprach.

[S. 176]

Indessen ging das Ministerium darauf nicht ein, sondern entschloß sich nun, alle Mittel zur Durchsetzung der Union anzuwenden.

Beide Seiten rüsteten zu neuem Meinungskampfe. Die Gegner der Union veranstalteten überall in Irland Versammlungen gegen die Pläne der Regierung. Die großartige Teilnahme an diesen Protestversammlungen sollte auch die englandfreundlichen Parlamentsmitglieder auf die Seite Irlands ziehen.

Wäre eine Auflösung des Parlamentes erfolgt, so hätte sich mit Bestimmtheit darauf rechnen lassen, daß in dem neuen Unterhause die Zahl der Unionsgegner noch erheblich größer sein würde. Allein die englische Regierung wußte dies und hütete sich sorgfältig, zur Auflösung zu schreiten. Allen gepriesenen Grundsätzen der englischen Verfassung zuwider erklärte sie eine solche Rücksichtnahme auf die Wählerschaft für ungerechtfertigt, ja sogar für verfassungswidrig. Gab es doch zwei andere Mittel, Irland zu dem Willen Englands zu zwingen: entweder offene Gewalt — oder die Bestechung der Abgeordneten, so daß scheinbar ein Beschluß der Vertretung der irischen Nation erfolgte, während tatsächlich nur hinter den Kulissen ein paar Dutzend Streber erkauft wurden, wofür noch dazu Irland zu zahlen hatte.

6. Erkaufung des irischen Parlamentes.

Dieser gemeine Auftrag wurde nun dem irischen Statthalter zuteil. Ungesäumt nach Schluß der Session (1. Juni) mußte er mit diesem Geschäfte beginnen, das er selbst mit Ekel als „schmutzig“ bezeichnete. So schrieb er am 20. Mai 1799 an seinen Freund Generalmajor Roß: „Der politische Schacher überwältigt mich; es war immer der Wunsch meines Lebens, alle diese schmutzigen Geschäfte zu vermeiden, und ich bin jetzt in sie verwickelt und infolgedessen unglücklicher [S. 177]als jemals. Ich hoffe aus dieser verfluchtesten aller Stellungen, die meinen Gefühlen am meisten widerstrebt, bald herauszukommen. Wie verlangt es mich, denen Fußtritte zu geben, denen nach Gefallen zu leben meine öffentlichen Pflichten gebieten!“

Jonathan Swift hatte 1729 Worte geschrieben, die Cornwallis nun in grausamer Selbstironie auf sich bezog:

„Um durchzusetzen königlichen Willen,
entsteigt dem Höllenschlund ein Unhold,
als Vizekönig beauftragt, fein im stillen
Bestechung auszuüben mit gemünztem Gold.
Er streut es aus mit offner Hand
an hoch und nieder in Stadt und Land.
Dann kehrt er heim zu Satans Halle
und klagt: sein Vorrat sei nun alle.“

Die Abgeordneten, die sich durch die parlamentarische Opposition bestechen ließen, galten in den Augen des Statthalters als nichts anderes denn Schurken. Auch die unions-feindliche Partei hatte notgedrungen, da sie wußte, was von der Regierung zu erwarten war, eine Summe von 100000 £ aufgebracht, um sie als Kampfmittel zu verwenden. Der Statthalter schämte sich bis auf den Grund seiner Seele, daß er sich bereit gefunden hatte, mit eben diesem Mittel zu arbeiten und mit den gesinnungslosesten Strebern zu feilschen: „Meine Beschäftigung ist jetzt von der unangenehmsten Art, zu unterhandeln und zu schachern mit dem verderbtesten Volke unter dem Himmel. Ich verachte und hasse mich jede Stunde, daß ich mich in ein so schmutziges Werk einließ, und ich werde nur durch den Gedanken aufrecht erhalten, daß ohne eine Union sich das britische Reich auflösen muß.“⁠[49]⁠

Die englische Regierung bediente sich für ihr schmutziges Werk eines Mannes, der dafür wie geschaffen war: des jungen Lord Castlereagh, der die Stelle [S. 178]des Sekretärs bei dem Statthalter bekleidete. Gesinnungslos, kalt, ohne Verständnis für ideale und selbstlose Regungen, errang er den Ruf eines geschickten Spielers auf dem Schachbrette der Politik. Der Freiherr vom Stein hat ihn später verächtlich gezeichnet, und die Nemesis verhängte ein schreckliches Ende über ihn.

Am 1. Februar 1799 überreichte Castlereagh dem englischen Minister Herzog von Portland eine Denkschrift, in der er mit eiskalter Berechnung die Triebkräfte darlegte, die für die einzelnen Männer der Opposition entscheidend seien. Er berechnete darin die Summen, die angewandt werden müßten, um diese Gegner zu erkaufen und dadurch Irland um sein Parlament zu bringen. Vor allem seien es die Besitzer der Burgflecken, die entschädigt werden müßten, da der Gesetzentwurf über die Union die Einziehung einer großen Anzahl dieser Wahlkreise vorschlug. Castlereagh empfahl, für jeden so einzuziehenden Besitz 7000 £ zu bezahlen, was im ganzen 756000 £ erfordern würde. In den Grafschaften würden sich die feindlichen Einflüsse durch 224000 £ zum Schweigen bringen lassen. Die Rechtsanwälte, die eine der Regierung besonders unbequeme Entschließung gegen die Union gefaßt hatten, sollten mit 200000 £ erkauft werden. Die Abgeordneten, die Geld für ihre Wahl bezahlt hatten, müßten, um schadlos gehalten zu werden, 75000 £ erhalten. Der Stadt Dublin, die durch die Verlegung des Parlaments nach London manches verlieren würde, sollte man 200000 £ bieten. Wolle man diese Summen — im ganzen 1½ Millionen £ — nicht aufwenden, so würde die Union nicht durchzusetzen sein.

Die Regierung ging nach diesem Plane vor. Zunächst versuchte sie, Unterschriften für Adressen zu erhalten, die sich für die Union aussprachen. „Kein Ort war zu unansehnlich, um nicht besucht, kein [S. 179]Rang zu niedrig, um nicht hofiert, keine Drohung zu verächtlich, um nicht angewendet zu werden.... In kleinen Dörfern wurde um Adressen gebettelt, aus den Grafschaften geschmuggelte Unterschriften vorgebracht. Und wie wurden sie herbeigeschafft? Durch den Einfluß abwesender Grundherren, denen die Pächterschaft nicht aus Neigung, sondern aus Furcht gehorchte; durch Steuereinnehmer und räuberische Mittelmänner. Nachdem all’ die Mummerei erschöpft war, nachdem jeder Winkel ausgestöbert worden, wo man eine schäbige Adresse auftreiben konnte, nachdem die Namen Verstorbener mißbraucht, die Unterzeichnungen Lebender gefälscht, die Bewohner von Kerkerlokalen herangezogen und der niedrigste Bodensatz der Bevölkerung unter die Presse gelegt worden, hat man bei einer Volkszahl von nahezu 5 Millionen es nur zu 5000 Unterzeichnungen für die Union gebracht! Drei Viertel von diesen sind aus Ueberraschung, im Schrecken oder in gänzlicher Unkenntnis der Sache erfolgt.“⁠[50]⁠

Bei diesem kläglichen Ergebnis, welches die Behauptung unmöglich machte, das irische Volk habe sich für den Zusammenschluß mit England erklärt, war es der Regierung recht lieb, daß der Plan Castlereaghs mehr Erfolg versprach. Im ganzen kostete er nach der eigenen Angabe des Statthalters 1455000 £, d. h 30 Millionen Mark. Auf den Kopf der Bevölkerung wurden also 6 Mk. — aus irischen Mitteln! — durch England verausgabt, um durch die Bestechung einiger Dutzend Streber die Union zu erschleichen, gegen die beinahe das ganze Land eingenommen war. Einige „gemästete Burgflecken-Händler“ erhielten Beträge in Höhe von 800000 bis 1 Million Mark!⁠[51]⁠

[S. 180]

„Ein Beschreiber Aegyptens erwähnt, als eine in ihrer Art einzige Erscheinung, welche Hochachtung die Mamelucken für Männer hegen, die gekauft sind, — und zwar eine weit höhere, als für Männer von dem ältesten Adel. Ein türkischer Beamter, der ihm einen Mann von Bedeutung näher bezeichnen wollte, sagte: ‚Das ist ein Mann von guter Abkunft, er ist gekauft‘. Welche Ehrerbietung würde nun erst ein Mamelucke für die erkauften Männer des irländischen Adels fühlen, von denen mehrere recht gut einen Auktionshammer in ihr Wappenschild aufnehmen könnten, so oft sind sie und ihre erlauchten Väter dem Meistbietenden zugeschlagen worden.....“⁠[52]⁠

Wer sich nicht mit Geld bestechen ließ, sollte durch Eitelkeit — oder durch Furcht gewonnen werden.

So wurden diejenigen Abgeordneten, die keine Scham kannten, von der Regierung dafür erkauft, gegen ihre Ueberzeugung zu stimmen. Diejenigen anderen, die wenigstens so viel Scham hatten, dies nicht offen tun zu wollen, ließen sich durch Belohnungen oder Verheißungen gut besoldeter Stellen zum freiwilligen Verzicht auf ihren Parlamentssitz bringen. Wieder andere, die in Burgflecken gewählt waren, mußten auf den Befehl ihres Herrn, falls die Regierung mit diesem handelseinig ward, ihrem Besitz entsagen, um einem Anhänger der Union Platz zu machen. Mehr als 60 Abgeordnete verzichteten infolge der einen oder anderen dieser Methoden auf ihren Sitz, sodaß die Regierung außer einer bedeutenden Anzahl von Abgeordneten, die im Parlamente blieben, 60 Sitze kaufen konnte. Um diese Anzahl von Sitzen für die Union zu gewinnen, bedienten sich die Minister heimtückisch eines Gesetzes, das zum Schutze des Parlamentes gegen die Bestechung durch die Regierung erlassen war. Es bestimmte, daß Abgeordnete, [S. 181]die ein Regierungsamt übernähmen, ihren Sitz im Parlament aufzugeben hätten. Die Vertreter der Burgflecken, die nicht nach der Weisung ihrer Patrone stimmen wollten, wurden daher mit Aemtern bedacht, die zum Teil nur dem Namen nach bestanden — nur damit sie ihren Sitz räumten, den die Regierung dann mit einem zuverlässigen Unionisten besetzte; in manchen Fällen war dies ein Engländer oder Schotte, der nicht das geringste Interesse für Irland hatte.

Mehr als siebzig Abgeordnete des Unterhauses bekleideten ein Regierungsamt. Auf diese übte die Regierung scharfen Druck durch die schon erwähnte Entlassung des Kanzlers der Schatzkammer, Parnell, der in Fitzgerald und anderen Beamten Leidensgenossen fand. Die übrigen waren also gewarnt, daß sie ihre Stellung aufs Spiel setzten, falls sie nicht für die Union stimmten. Wer die Pläne der Regierung förderte, mochte dagegen auf Belohnung rechnen, und er konnte wählen, ob er Geld oder eine einträgliche Stellung oder eine Rangerhöhung vorzog.

Auch das Oberhaus wurde damit bestochen: 16 irische Peers wurden in ihrem Range erhöht, 22 neue Peers geschaffen. Die Art, einen irischen Lord zu gewinnen, bestand darin, daß die Regierung ihm die englische Lordschaft verlieh, die höher gewertet wurde.⁠[53]⁠

7. Vergewaltigung.

Nachdem so alle Vorbereitungen getroffen, die Stellung der Unions-Gegner künstlich untergraben und die Vertreter der öffentlichen Meinung bestochen oder eingeschüchtert waren, zog die Regierung den Vorhang zum letzten Akte des Trauerspiels auf.

Es erregte Erstaunen, daß die Thronrede, die das irische Parlament am 15. Januar 1800 eröffnete, nicht [S. 182]ein Wort über die Union enthielt. Als jedoch einer der Vorkämpfer gegen diesen Plan, Sir Lawrence Parsons, seine Freude darüber aussprach und zu der Adresse einen Antrag stellte, der auch für die Zukunft ein unabhängiges Parlament in Irland selbst forderte, brach der Kampf aus.

Für die Regierung sprachen Lord Castlereagh und Corry, während die Opposition heftig gegen die Regierung anstürmte. So rief Plunkett: „Ich will so kühn sein, es auszusprechen, daß das zügellose und gottvergessene Frankreich bei all’ der schrankenlosen Ausschreitung, welche die Anarchie und der Atheismus erzeugt haben, keine ränkevollere Tat gegen seinen Feind begangen hat, als jetzt die offene Kämpferin für die Sache des zivilisierten Europa gegen ihren Freund und Verbündeten zu einer Zeit seiner größten Trübsal und Not — in dem Augenblicke, da unser Land mit britischen Truppen überfüllt ist — da die staatstreuen Männer Irlands durch ihre Anstrengungen, die Empörung zu unterdrücken, ermattet und erschöpft sind — Anstrengungen, die von Erfolg waren, ehe diese Truppen ankamen — während das Habeas Corpus-Gesetz aufgehoben ist — während Verurteilungen durch Kriegsgerichte in vielen Teilen des Königreiches geschehen — während man dem Volke vorredet, es hätte kein Recht, sich zu versammeln oder Erörterungen anzustellen, und während die große Masse so von Furcht gelähmt oder von Anstrengungen erschöpft ist, daß selbst die Lebensfrage sie kaum aus ihrer Erstarrung zu wecken im Stande ist — in einem Augenblicke, da wir durch häusliche Zwistigkeiten zerklüftet sind — Zwistigkeiten, die zum Vorwand unserer jetzigen Unterjochung und zum Werkzeuge unserer zukünftigen Knechtschaft künstlich wachgehalten werden.“

Noch schärferer Worte bediente sich Bushe: „Seit Jahrhunderten hat das britische Parlament [S. 183]Sie unterdrückt, Ihren Handel gefesselt und Ihre Anstrengungen gehemmt, Ihren Charakter verachtet und Ihre Ansprüche auf irgend welche Handels- und Verfassungs-Rechte verhöhnt. Nie hat es in einem Punkte nachgegeben, den es noch hätte behaupten können, nie eine Gunst anders gewährt, als mit Widerwillen. Jede ist ihm ausgepreßt worden, wie ein Tropfen seines eigenen Blutes, und Sie besitzen nicht eine einzige Wohltat, die nicht von der Tugend Ihres eigenen Parlaments der Engherzigkeit Englands abgekauft oder abgezwungen worden ist.“

Vor den innerlich vernichtenden Folgen der Union warnte der Abgeordnete Saurin die Regierung nachdrücklich. Er bezeichnete eine gesetzgeberische Vereinigung, die Irland gegen den Willen seiner Bewohner aufgezwungen würde, als ein Nichts und betonte, daß der Widerstand gegen sie ein Kampf gegen eine Usurpation und nicht ein Widerstand gegen das Gesetz sein würde. Könne die Regierung sie als Gesetz bindend machen, so würden dadurch die Gewissen dennoch keineswegs gebunden. „Man wird sich ihr fügen, so lange England stark ist, aber der Widerstand dagegen wird im allgemeinen eine Pflicht, und die Kundgebung dieses Widerstandes eine bloße Frage der Klugheit sein.“

Nach stundenlanger Redeschlacht — schon ging es gegen Morgen — erhob sich auch Grattan, der bei einer Neuwahl für den Burgflecken von Wicklow unter Aufwendung bedeutender Mittel gegen die Regierung gewählt war, um sein Wort in die Wagschale zu werfen. Bleich und durch lange Krankheit entkräftet, mußte er sich von zwei Freunden führen lassen. Der Kopf hing auf die Brust nieder, aber in seinen Augen glänzte ungewöhnliches Feuer, und sein Gesicht war von tiefer Aufregung durchglüht. Als er, in der Uniform der Freiwilligen, in den Sitzungssaal eintrat, brach auf den Galerieen [S. 184]ein langer Freudenruf empor. Kurz darauf ergriff er das Wort. Indessen war er so schwach, daß er um die Erlaubnis bitten mußte, im Sitzen zu sprechen. Bald jedoch gewannen Stimme und Bewegung an Kraft, und seine Beredsamkeit hob sich zu glühender Stärke. Länger als zwei Stunden erörterte er alle Seiten der Frage und widerlegte die Minister schlagend. Dennoch wußte er, daß er für eine verlorene Sache sprach; und so konnte er zum Schlusse nur schmerzlich rufen: „Die Sache, die der englische Minister zu kaufen beabsichtigt, ist etwas, was nicht verkauft werden kann — die Freiheit. Dafür hat er Ihnen nichts zu bieten. Alles Wertvolle, was Sie jetzt besitzen, erlangten Sie einst unter einer freien Verfassung; wenn Sie auf diese verzichten, dann sind sie nicht nur Sklaven, sondern Toren“.

*

Die Abstimmung über den Zusatz-Antrag Parsons’ zeigte, daß England das irische Parlament in der Hand hatte: der Antrag fiel mit 96 gegen 138 Stimmen. Nun ging die Regierung mit größter Eile vor, um die Sache zum Abschluß zu bringen. Bereits am 5. Februar legte Castlereagh dem irischen Unterhause die Grundzüge der Union vor. Noch einmal machten die Gegner den Versuch, das drohende Verderben abzuwehren. Ponsonby sprach, und Grattan hielt nochmals eine große Rede. Die Regierung ließ den unbequemen Vaterlandsfreund durch Corry angreifen. Doch hatte Grattan nur verächtliches Schweigen als Antwort. Erst als der Angriff dreimal wiederholt worden war, schüttelte er den Gegner (am 17. Februar 1800) durch eine kurze, vernichtende Spottrede ab. Die Folge war ein Zweikampf, bei dem Corry verwundet ward.

Niemals war eine Sitzung des irischen Parlamentes so besucht gewesen. Nach langer Redeschlacht, die doch an dem Ergebnis nichts ändern konnte, erklärte sich [S. 185]das irische Unterhaus mit 158 gegen 115 Stimmen für die Union mit England.

Als die Vaterlandsfreunde sahen, daß die Todesstunde ihres Parlamentes schlug, gaben sie noch mit den letzten Worten der Hoffnung und dem Willen Ausdruck, daß dies nicht den dauernden Untergang der irischen Freiheit bedeuten dürfe. Grattan sprach dies aus, und Goold rief: „Ich weiß, daß die Minister jetzt siegen müssen; doch ich will nicht mit einem betrübten Herzen scheiden, weil ich weiß, daß die Freiheiten des Volkes schließlich den Sieg davontragen müssen. Das Volk muß sich gegenwärtig unterwerfen, weil es 120000 Bewaffneten nicht widerstehen kann; aber die Zeit wird kommen, wenn England, wie 1782, schwach und Irland stark genug sein dürfte, seine verlorene Freiheit wiederzugewinnen.“

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Im irischen Oberhause hatte die Regierung bedeutend weniger Schwierigkeiten. Hier legte Lord Castlereagh, nunmehr Kanzler, am 10. Februar 1800 den Unionsplan vor. Nach längerer Erörterung nahm das Haus die Anträge der Regierung mit 76 gegen 26 Stimmen an.

So konnten die Beschlüsse der beiden Häuser des irischen Parlamentes mit einer Adresse an den König gehen. Dieser sandte sie am 2. April dem englischen Parlamente mit der Bitte um Beschleunigung des so glücklich begonnenen Werkes.

Schon am 21. April 1800 stand der Unionsplan im englischen Oberhause zur Beratung. Nur 3 Mitglieder stimmten gegen die Regierung.

Am selben Tage beschäftigte sich auch das britische Unterhaus damit. Hier kämpften Grey und, von brennender Vaterlandsliebe erfüllt, der Ire Sheridan gegen den Plan. Letzterer betonte mit allem [S. 186]Nachdruck, daß man kein Recht habe, über die Union zu beschließen, so lange nicht das irische Parlament aufgelöst und die wirkliche Ansicht der irischen Nation durch Neuwahlen erforscht sei. In der Tat hatte das irische Parlament verfassungsmäßig gar kein Recht, über die Union zu beschließen. Es war gewählt worden, um die nötigen gesetzgeberischen Maßregeln zu beraten, nicht aber, um eine das Wohl des Landes so tief berührende Frage wie die verfassungsmäßige Vereinigung mit England, die zudem erst mehrere Jahre nach der Wahl des Parlamentes aufgetaucht war, zu entscheiden.

Aber die irische Nation sollte eben nicht um ihre Ansicht befragt werden, da sie sich mit aller Entschiedenheit gegen die Union ausgesprochen haben würde. Nicht weniger als 28 irische Grafschaften hatten Bittschriften gegen die Union eingesandt, darunter 20, die einstimmig beschlossen waren. Mehr als 700000 Unterschriften bedeckten diese Petitionen, während die zugunsten der Union von der Regierung in Umlauf gesetzten und mit reichen Mitteln bezahlten nur 5000 oder nach den höchsten Angaben 7000 Unterschriften enthielten.

Wie es im irischen Parlamente zugegangen war, schilderte Lord Grey am 21. April 1800 im englischen Unterhause: „Von den insgesammt 300 Mitgliedern waren 120 entschiedene Gegner der Maßregel, darunter zwei Drittel Grafschaftsmitglieder, die Vertreter der Hauptstadt Dublin und fast aller derjenigen Städte, die Abgeordnete in das Reichsparlament schicken sollen: 162 stimmten für die Union, darunter 116 Beamte. Einige von ihnen waren englische Stabsgenerale ohne den geringsten Grundbesitz in Irland und ganz und gar von der Regierung abhängig.“ Aehnlich erklärte Grattan einmal: unter den irischen Abgeordneten, die für die [S. 187]Union stimmten, seien nur 7 gewesen, die nicht bestochen waren.⁠[54]⁠

*

„Es ist, glaube ich,“ so schreibt Lecky, „eine einfache und nicht übertriebene Darlegung der Wahrheit, daß es in der ganzen Geschichte der Repräsentativ-Regierung kein Beispiel giebt, wo eine Korruption in so großem Maßstabe und mit einer so kühnen Unverschämtheit angewendet wurde wie von den Ministern in Irland.“⁠[55]⁠

Und doch hat es Engländer gegeben, die an der Art, wie die Union durch England erschlichen wurde, nichts auszusetzen haben. Wissen sie andere Gründe nicht anzugeben, so berufen sie sich darauf, daß England dem irischen Parlamente, weil es durch seine Bestechlichkeit gezeigt habe, wie wenig es wert war, keine Rücksicht schuldete. Sie vergessen dabei zu erwähnen, wer diese Feilheit des Parlamentes veranlaßt und wer jeden ernsthaften Versuch einer Reform nach Kräften verhindert hatte.

„Die Regierung war es, welche die Korruption des Parlamentes durch alle nur erdenklichen, heimtückischen Mittel herbeiführte, und darum sträubte sie sich gegen seine Auflösung, weil dann die Union wieder in Frage gestellt worden wäre. Dazu kommt noch folgender Umstand in Betracht. Das irische Parlament, obgleich sehr verdorben, wenn man es mit dem britischen am Ende des 18. Jahrhunderts und selbstverständlich noch [S. 188]mehr, wenn man es mit dem der Gegenwart vergleicht, war wahrscheinlich nicht verderbter und war entschieden duldsamer als das, welches in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts in London tagte. Gewöhnlich ließ es sich von schmutzigen Beweggründen leiten, aber nicht selten erhob es sich über sie, und dies kann man nicht von vielen Parlamenten in England sagen.“⁠[56]⁠

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Das Unions-Gesetz (seine Nummer lautet 39 und 40 Georg III. c. 67) faßt Großbritannien und Irland zu einem „Vereinigten Königreich“ mit gemeinsamer Thronfolge, gemeinsamem Parlamente, gleicher Kirchen- und Gerichts-Verfassung und weitgehender Aehnlichkeit des Privatrechtes, der Grafschafts- und Gemeinde-Verfassung zusammen. Das Wahlrecht zum Parlamente behielt indessen große Verschiedenheit. Den äußeren Rahmen bot die Vertretung der Gentry und des Mittelstandes, nach festen Grafschafts- und Stadt-Gemeinden gegliedert. Die Zahl der irischen Abgeordneten ward auf 100 unter 670 bestimmt. In das Oberhaus traten 4 protestantische Kirchenfürsten aus Irland und 28 weltliche Lords ein. Letztere wurden vom irischen Adel auf Lebenszeit gewählt, denen übrigens gleichzeitig das Recht verliehen wurde, sich in das Unterhaus wählen zu lassen. Für den Handel zwischen beiden Ländern wurden alle Schranken beseitigt, die ihn noch hemmten, alle Handelsvorrechte des einen Landes wurden auch dem anderen verliehen. Die Besteuerung wurde nach einem bestimmten Satze auf beide Länder verteilt.

Der Antrag Sheridans im englischen Unterhause, es möge vor Durchführung der Union das irische aufgelöst, auch die britischen Wähler erst befragt werden, vereinigte, wie zu erwarten war, nur wenige Stimmen (30 gegen 206) auf sich.

[S. 189]

Am 2. August 1800 fiel der Vorhang über dem Drama. Am Tage zuvor hatte das Gesetz über die Union, das mit dem 1. Januar 1801 in Kraft treten sollte, die Zustimmung der Krone gefunden. Am 2. August traten die beiden Häuser des irischen Parlamentes noch einmal, zur letzten Sitzung, zusammen, um nach einer kurzen Rede des Statthalters dauernd geschlossen zu werden.

*

Auf dem Bedford-Turm des Schlosses in Dublin ging am 1. Januar 1801 die neue Flagge des „Vereinigten Königreichs“ in die Höhe. Irlands halbe Selbstständigkeit war begraben.

8. Die Folgen der Union.

Hat England mit der Durchsetzung der Union, auf betrügerische Art erzwungen, erreicht, was es wollte?

Zunächst schien dies so. Der Gedanke, ein durch so verwerfliche Mittel erzieltes Gesetz, das einer ganzen Nation die Selbstbestimmung raubte, könne, anstatt bei dem geknechteten Volke jemals Beliebtheit oder auch nur Anerkennung zu finden, sich gegen die eigentlichen Urheber wenden, war einem Manne wie Castlereagh, der Seele und dem Werkzeug der Korrumpierung des irischen Parlamentes, unfaßbar. Niemals ging ihm während dieser schändlichen Tätigkeit die vollkommene Seelenruhe verloren. „Und Pitt, der große Erfinder und Organisator des Ganzen, bewahrte durchweg den Ton erhabener Frömmigkeit und heiterer, selbstgefälliger Tugend, welche er so prächtig anzunehmen verstand.“⁠[57]⁠

Ebensowenig wie diese beiden Staatsmänner hat die englische Nation die Ruchlosigkeit ihres Vorgehens anerkannt. Pitt und Castlereagh sind in der Westminster-Abtei beigesetzt. Dort ruht auch Grattan, der [S. 190]größte der irischen Parlaments-Redner. Aber keine Büste und keine Inschrift bezeichnen sein Grab, während sich über dem Castlereaghs ein mächtiges Denkmal erhebt.

Pitt war auf die Union, die er als sein Werk betrachtete, sehr stolz. Es war das Verhängnis dieses Staatsmannes, daß er bei aller Begabung und bei allem Weitblick niemals dahin gelangte, seine wichtigsten und besten Absichten durchzuführen. Gerade diese Pläne fielen in sich zusammen, weil ihn seine Eitelkeit hinderte, sich mit voller Wucht dafür einzusetzen. Deshalb scheiterte die Parlaments-Reform in Irland, deren Notwendigkeit er wiederholt betont hatte. Deshalb gelang ihm die Aufhebung des Sklavenhandels nicht, für die er eine seiner glänzendsten Reden hielt, auf die jedoch keinerlei wirkliche Taten folgten. Deshalb konnte er auch den Krieg mit Frankreich nicht verhindern, so sehr er ihn verabscheute. Beinahe alle seine großen Pläne, die seiner Nation und der Menschheit dauernden Nutzen gebracht hätten, fielen in sich zusammen, weil er Geistesgaben und Willenskraft nur dort restlos spielen ließ, wo es galt, sein Amt zu bewahren oder es wieder zu erhaschen.⁠[58]⁠

Aber die Union Irlands mit England setzte er durch, obwohl er wußte, daß sie (mindestens ohne die Versöhnung der irischen Katholiken durch deren völlige Emanzipation) nichts geringeres als schmählichen Wortbruch bedeutete, und daß die Folgen für Irland und rückwirkend auch für England tiefes Zerwürfnis und namenloses Elend sein mußten.

Einer seiner Landsleute, Forster, der spätere Lord Oriel, sah klar genug, daß die Union niemals einen anderen Erfolg haben würde als den, Irland in eine „unzufriedene Provinz“ zu verwandeln. Auch Pitt wußte dies — nahm es aber gleichgültig in Kauf. Was bedeutete es ihm, daß [S. 191]die irische Nation lieber ein schlechtes als gar kein eigenes Parlament haben wollte? Er kümmerte sich nur um England — und auch dies nur, falls nicht seine Eitelkeit ihn von dem für richtig erkannten Wege abführte.

*

Die tatsächlichen Folgen der Union lassen sich in 7 Sätzen kennzeichnen:

  1. Sie verstärkte und verewigte den Haß gegen England;
  2. Sie vereinigte die irischen Protestanten mit den englischen, während sie den Riß zwischen den irischen Protestanten und Katholiken, der sich fast schon ganz geschlossen, zu klaffender Wunde erweiterte;
  3. Sie brachte eine von den schwersten Folgen begleitete wirtschaftliche Verelendung;
  4. Sie raubte der irischen Nation die Möglichkeit zu inneren Reformen, da sie ihr verbot, Dinge, die man in England nicht beurteilen konnte, für die man dort vielfach auch keine Teilnahme hatte, nach eigener Ueberzeugung und eigenen Erfahrungen zu regeln;
  5. Sie verführte die englischen Herrscher zu beinahe dauernder Gewaltherrschaft durch Truppen und Polizei, Knebel- und Zwangs-Gesetze;
  6. Sie rief eben dadurch im irischen Volke Mißachtung des Gesetzes hervor;
  7. Sie schuf politische Massenbewegungen, die England wiederholt in tiefste Sorge versetzten.

A. Veruneinigung beider Länder.

Anstatt einer Vereinigung Irlands mit Großbritannien hatte die Union in der Tat nur die Folge, beide Länder aufs tiefste zu veruneinigen. Zwar bezeichnet die Sprache des britischen Staatsrechtes seit Annahme des Unions-Gesetzes beide Inseln zusammen als „das Vereinigte Königreich“. Aber es gibt zu denken, daß daneben und häufiger als dieser [S. 192]amtliche Name der alte Name „Großbritannien und Irland“ bestehen blieb. Nicht erst der Aufstand des Jahres 1916 hat deutlich bewiesen, daß Irland heute innerlich von England beträchtlich weiter entfernt ist als in den Jahren der irischen Morgenröte, da Grattan unter dem Beifall seines Volkes betonte, beide Länder müßten dauernd und ohne Hintergedanken Schulter an Schulter zusammenstehen.

Es war der Fluch der Union, daß die englische Staatskunst beinahe das ganze 19. Jahrhundert hindurch versäumte, in Irland gerade die Politik zu treiben, die allein zur Versöhnung hätte führen können. Das englische Parlament besaß, da es unter 670 Abgeordneten nur 100 Iren zählte, durchaus die Macht, über die Vorurteile und Hemmungen, die etwa auf der Nachbarinsel, einer groß angelegten Politik der Duldsamkeit, der wirtschaftlichen Förderung und der Hebung der Kultur entgegen standen, hinwegzuschreiten. Diese Gelegenheit hat es nicht benutzt. Beinahe in jedem lebenswichtigen Falle tat es genau das, was es nicht hätte tun sollen.

So wurden die Iren weder versöhnt, noch aus Gründen der Nützlichkeit oder der Bequemlichkeit für die Union gewonnen. Der England-Haß, der auf Grund der irischen Geschichte wahrlich kein Wunder ist und der sich trotzdem seit dem glücklichen Jahre 1782 gemildert hatte, flammte nun von neuem empor, beständig von englischem Ungeschick, englischer Rücksichtslosigkeit und englischer Ueberhebung geschürt.

B. Steigerung der Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken.

Hätte die Union wenigstens dazu geführt, die Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken in Irland zu beseitigen! Auch hier erreichte sie das Gegenteil. Wir werden noch sehen, wie das Versprechen [S. 193]Pitts, die Katholiken sollten nach der Union alsbald die völlige Gleichstellung erhalten, gebrochen und wie die Katholiken-Emanzipation erst dadurch erkämpft wurde, daß in Irland 1829 der unmittelbare Ausbruch einer Revolution drohte. Bis dahin gab es „kein Recht für die Katholiken“. Anstatt die Macht der Protestanten-Oligarchie zu verringern, taten Parlament und Regierung in England alles, um sie zu stärken. Den protestantischen Grundherren ward aus dem dreifachen Grunde, daß sie Protestanten, englischer Abstammung und Grundbesitzer waren, so gut wie alles erlaubt. Sie mochten die armen katholischen Pächter unterdrücken, wie sie wollten. So verbreiteten sich über die protestantischen Landesteile jene Orange-Gesellschaften, die gegen die Katholiken schwere Gewalttaten begingen. Wehrten sich die Mißhandelten, so herrschte der schönste Kriegszustand. Die Regierung Irlands war in jenen Jahrzehnten nichts anderes denn „eine Regierung der Grundherren, gemildert durch den Meuchelmord.“⁠[59]⁠

Die Bank von Irland, Dublin.

C. Wirtschaftliche Verelendung.

Hat aber die Union Irland nicht wenigstens bedeutende wirtschaftliche Forschritte gebracht? Die Frage liegt um so näher, als Großbritannien im 19. Jahrhundert einen geradezu beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung nahm und sich eines Wohlstandes erfreute, der zwar infolge des Mangels an rechtzeitigen sozialpolitischen Maßnahmen von den wohlhabenderen Klassen einen schrecklich großen menschlichen Bodensatz absonderte und in tiefstes körperliches, geistiges und moralisches Elend hinabsinken ließ, den höheren Klassen aber, auch den oberen Schichten des Arbeiterstandes, eine Behaglichkeit der Lebensführung gestattete, wie man sie noch niemals gekannt hatte.

[S. 194]

Von der Union Schottlands mit England (1707) hatte man erwartet, daß die Zulassung des Landes zu dem lebhaften Handels-Verkehr mit seinen amerikanischen Kolonien das wirtschaftliche Leben Schottlands lebhaft befruchtete; und diese Folge trat wirklich ein. Für Irland indessen konnte sie sich durch die Union schon deshalb nicht ergeben, weil seine Zulassung zu dem Handel mit den amerikanischen Kolonien bereits 21 Jahre vor der Union erkämpft war. Ferner gestattete man ihm in den nächsten Jahren notgedrungen den Freihandel mit England, oder vielmehr die zollfreie Ausfuhr dorthin. Diese Erleichterungen, die England zugestand, während es unter dem Alpdruck der amerikanischen Revolution seufzte, waren durch die Beschlüsse des irischen Unterhauses vom Jahre 1785 wieder etwas eingeschränkt worden.

Als die Union 1801 in Kraft trat, räumte sie gänzlich die Schranken fort, die wirtschaftlich noch Irland und England schieden. Allein den tatsächlichen Vorteil davon hatte nicht sowohl die westliche als die östliche Insel.

Vor allem strömte nun der größte Teil der Wohlhabenden und Ehrgeizigen nach England hinüber. Was sollten sie in Dublin oder gar in anderen Teilen Irlands, wenn dort kein Parlament mehr tagte, wenn man alle Unternehmungen, zu denen die Erlaubnis der Regierung oder die Förderung durch sie nötig war, in London betreiben mußte, während man dies bisher in Dublin getan hatte? Das Uebel der „Abwesenheit“ (Absenteeism), an dem Irland schon seit Jahrhunderten krankte, gegen das sogar das irische Parlament, obwohl aus protestantischen Grundbesitzern bestehend, wiederholt angekämpft hatte, wuchs jetzt ins Riesengroße. So lange ein Parlament in Dublin tagte, blieb wenigstens ein Teil der Großgrundbesitzer im Lande. Seitdem das parlamentarische Leben nach Westminster verlegt war, seitdem es keinen irischen Kronrat, keine eigentliche [S. 195]irische Regierung mehr gab, war die oberste Gesellschaftsschicht hier wie fortgefegt. Der Hof hatte sie schon immer angezogen — jetzt wurde die Lockung unwiderstehlich. Die zurückbleibenden Grundherren aber fühlten sich um so vereinsamter. Mit der übrigen Bevölkerung hatten sie, wenn überhaupt, nur geringen Verkehr. Und da die Gegensätze sich verschärften, fühlten sie sich bald so unbehaglich, daß außer der ersten Klasse der Grundbesitzer auch die Mehrzahl der zweiten — des protestantischen Kleinadels — vorzog, ihr Einkommen aus Irland in England oder Paris oder Italien zu verzehren.

Der wirtschaftliche Niedergang Irlands nach der Union ist daher unverkennbar. Während die beiden Jahrzehnte vorher oder doch die kurze Glückszeit zwischen 1782 und 1795 dem Lande die wirtschaftliche Wiedergeburt geschenkt hatten, sanken nun die Gradmesser des Wirtschaftslebens reißend in die Tiefe. Nur einer nicht: die Zahl der Bevölkerung. Bis in die Mitte der 40er Jahre stieg die Kopfzahl — um dann erst, durch namenlose Hungersnot, herabzustürzen, sodaß sie von mehr als 8½ Millionen bis auf etwa 4 Millionen am Ende des Jahrhunderts sank. Zwischen 1800 und 1841 hatte sie sich verdoppelt. Nur war dies kein Zeichen der Wohlfahrt, da der Verfall des Wirtschaftslebens sich unverkennbar in den mannigfachsten Zahlen aussprach: die Baumwollarbeiter in Belfast minderten sich in derselben Zeit von 27000 auf 12000; die Fabrik-Arbeiter von Dublin gar von 4938 auf 682; der Verbrauch von Luxusbedürfnissen ging beinahe augenblicklich zurück — so fiel der Verbrauch von Tabak in 30 Jahren um 37 %, der von Wein um 47 %. London wurde nicht nur der politische, auch der finanzielle und Handels-Mittelpunkt Irlands. Die produktiven [S. 196]Schichten nahmen ab, die parasitischen Klassen nahmen zu.⁠[60]⁠

D. Verhinderung innerer Reformen.

Durch die Union ward Irland beinahe jeder Möglichkeit beraubt, eigene Schäden sachgemäß zu heilen. Immer wieder ergab sich, daß im englischen Parlamente völliges Unverständnis für die Zustände und Bedürfnisse der Nachbarinsel herrschte und daß es an seinen vorgefaßten Meinungen mit störrischer Unbelehrbarkeit festhielt. Es mochte sich um welche Frage immer handeln, die irischen Abgeordneten mochten mit Menschen- und mit Engelszungen reden — das britische Parlament, in welchem sie nur den 6. Teil der Sitze inne hatten, beschloß nach Gutdünken und meistens das falsche. Welche Kämpfe waren nötig, um Irland eine Städte-Ordnung zu geben, mit der es auch nur halbwegs auszukommen vermochte! Wie haben sich die Irländer gegen das für sie gänzlich ungeeignete Armen-Gesetz sträuben müssen, das ihnen das englische Parlament auferlegte! Ein weiteres Beispiel ist die Erdrosselung der landwirtschaftlichen Bildungs-Maßnahmen, die vor einigen Jahrzehnten von dem Nationalrat geschaffen wurden. Sie gleichen auf ein Haar den Wanderunterrichts-Maßregeln, die das Landwirtschafts-Ministerium im 20. Jahrhundert traf. Als sie aber mehrere Jahrzehnte früher, von Iren vorgeschlagen und von Iren ins Werk gesetzt, in ganz Irland Zustimmung fanden, genügte zu ihrer Aufhebung, daß eine Gesellschaft in England, die nichts mit Irland zu tun hatte — die Liverpool Financial Reform Association —, diese Tätigkeit angriff, weil sie mit ihren Anschauungen über die Grenzen, die der Tätigkeit des Staates in der Landwirtschaft gezogen seien, nicht übereinstimmten.⁠[61]⁠

[S. 197]

Wie haben die Iren fast um jeden kleinen Fortschritt auf dem Gebiete des Erziehungswesens oder nun gar der kirchlichen Einrichtungen kämpfen müssen! Ein irisches Parlament hätte alle diese Reformen viel schneller zustande gebracht, mit sehr viel weniger Reibungen, sehr viel besser und sehr viel gründlicher. Denn auch in den Fragen, über die sämtliche irische Parteien einig waren, vermochte man häufig gegen die Entscheidungen Englands, die für Irland etwas ganz anderes für nötig hielten, nichts auszurichten.

Durchgreifende Reformen nun gar, wie die in der Landfrage, sind vom englischen Parlamente nur genehmigt und von den Behörden nur in Angriff genommen worden, nachdem das irische Volk durch nachdrückliche Bewegungen der Unzufriedenheit bekundet hatte, daß es unter den bestehenden Zuständen nicht mehr leben könne. Im übrigen hat Irland ebensowohl die sämtlichen Kosten aller Reformen aus eigener Tasche aufbringen müssen wie die in die Millionen gehenden Kosten, die ihm verfehlte englische Maßnahmen, Mißgriffe der Verwaltung oder gar die Absicht der Ausbeutung auferlegten.

E. Zwangsgesetze.

Da sich die irischen Protestanten von der englischen Regierung verleiten ließen, mit ihr gemeinschaftliche Sache gegen die Katholiken zu machen, so ergab sich eine so arge Entrechtung der letzteren, die doch an Zahl das andere Bekenntnis mehrfach übertrafen, daß Willkürherrschaft, Verfolgung, offene Gewalt das Leben unerträglich machten. Aber auch die Protestanten, die ihre Heimat liebten, hatten keine Freude an diesen Zuständen. Irland war von neuem zu einer „Kolonie“ oder vielmehr zu einem „abhängigen Lande“ (Dependency) herabgesunken. Regte [S. 198]sich nun Unzufriedenheit, so waren die englischen Zwingherren sofort mit Zwangsgesetzen bei der Hand. Ja es genügte, daß sie auch nur fürchteten, es könnten irgendwo auf der Nachbarinsel Schwierigkeiten auftauchen, um sofort ein neues Knebelungs-Gesetz zu erlassen. Das Jahrhundert der Union begann sogleich damit, und die Knebel-Gesetze erstrecken sich in selten unterbrochener Kette durch die folgenden Menschenalter. So herrschten beispielsweise

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erließ das englische Parlament nicht weniger als 87 Zwangsgesetze für Irland! Alle kennzeichneten sich durch größte Schärfe, fast alle durch beinahe gänzliche Ausschaltung der bürgerlichen Gerichte und jeder Gewähr persönlicher Freiheit. Beispielsweise gab das Zwangsgesetz des Jahres 1817 den Friedensrichtern, mit anderen Worten den Grundherren, das Recht, jeden Menschen, der in einem „unruhigen“ Bezirke ohne Arbeit umherstreifend getroffen würde, auf 7 Jahre zu verschicken, ohne daß irgend eine Berufung dagegen möglich war. Noch gegen Ende des Jahrhunderts wurden ebenso scharfe Gesetze erlassen. So gab das Zwangsgesetz des Jahres 1882 der Polizei in allen „unruhigen“ Bezirken die Macht, nach Gutdünken zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Wohnungen einzudringen und jeden zu verhaften, der sich nachts außerhalb seines Hauses antreffen ließ.

Im Jahre 1829 mußte Sir Robert Peel gestehen, daß in Irland nach der Union kaum ein Jahr lang die bürgerlichen Gesetze zur Anwendung gekommen waren. Das Habeas Corpus-Gesetz, [S. 199]jener Schutz der persönlichen Freiheit, den englische Historiker als den vielleicht wichtigsten Teil der britischen Verfassung bezeichnen, ward Irland erst ein Jahrhundert später denn England zuteil. Selbst dann aber wurde es für Irland in einemfort ausgeschaltet. Als die Verhandlungen über die Union schwebten, erklärte man es im Jahre 1800 für aufgehoben. Im nächsten Jahre trat es wieder in Kraft, wurde aber bereits im Jahre 1802 von neuem außer Geltung gesetzt und blieb bis 1805 außer Kraft. Das gleiche war von 1807–1810 der Fall, alsdann 1814 und wiederum 1822–24.

Noch heute sind die Polizeikosten in Irland außergewöhnlich hoch: während in England 1 Polizist auf je 541 Einwohner entfällt, in Schottland sogar nur auf je 885 Einwohner, ist in Irland ein solcher auf je 362 Köpfe erforderlich. Für eine Bevölkerung von 4380000 Menschen braucht man ein Heer von 11144 Polizisten! In England stellen sich die Polizeikosten für den Kopf der Bevölkerung auf 2 s. 3 d., in Irland auf 6 s. 7 d. In Schottland mit 4750000 Menschen verbraucht die Polizei jährlich nur 8 Millionen Mark — in Irland mit seiner geringeren Kopfzahl 26 Millionen!

Nur eiserne Gewalt hat eben den glühenden Wunsch dieses Volkes, von seinen englischen Zwingherren loszukommen, niederhalten können.

In den ersten 35 Jahren des Bestehens der Union stand Irland unter Gesetzen, die der Regierung außergewöhnliche Machtvollkommenheit gaben. In den nächsten 50 Jahren (1835–1885) sind nur 3 Jahre von Zwangsgesetzen (Coërcion Acts) frei. In demselben halben Jahrhundert, das für England eine Zeit unbegrenzten Aufschwunges, wirtschaftlichen Wohlstandes und inneren Glückes wurde, das dort eine Zunahme der Wohlfahrt und der Freiheiten des Volkes sah wie kaum jemals zuvor, befand sich [S. 200]das mit England „vereinigte“ Irland in dem elendesten Zustande, wurde durch Zwangsgesetze mißhandelt, durch Hungersnöte verelendet, durch eine ungeheure Massenauswanderung der besten Kraft beraubt und noch dazu von seinen Zwingherren dünkelhaft und verächtlich behandelt. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte England den irischen Boden beschlagnahmt — jetzt beschlagnahmte es mit Hilfe der Union sein gesamtes nationales Dasein.

F. Gesetzes-Mißachtung.

Haß, Wut, Verzweiflung im Herzen, wandten die Iren der Heimat den Rücken, falls sie nicht zu Hunderttausenden Hungers starben. Konnten die Uebrigbleibenden England lieben? Konnten sie vor dem englischen Rechte und Gesetze, das nun schrankenlos über sie herrschte, Hochachtung empfinden? Schon früher hatte die englische Gewaltherrschaft alles getan, um in die Seele des irischen Volkes die Abneigung gegen das Gesetz tief einzugraben. Die Strafgesetze hatten die Katholiken entrechtet, Regierung und Gerichte die Eingeborenen von Haus und Hof vertrieben. Jetzt wiederholte sich dies. Um die Union durchzusetzen, waren alle Regierungsbeamte, die darin eine schädliche Maßregel sahen, unnachsichtlich abgesetzt worden, während eine Anzahl „gewissenloser und unbefähigter Menschen“, die sie verteidigten, zu hohen Richterstellen befördert wurden. „Gesetzwidrige Menschen lernen keine Achtung vor dem Gesetze, wenn es von Beamten gehandhabt wird, deren Stellung offenkundig die Belohnung ihrer politischen Niederträchtigkeit ist.“⁠[62]⁠

Das 19. Jahrhundert brachte mit seinen Zwangsgesetzen, mit all der Rücksichtslosigkeit und dem Elend, unter denen die Katholiken leiden mußten, so wenig einen Fortschritt, daß es fast den Anschein gewinnt, [S. 201]die Regierung habe sich bemüht, das irische Volk zur Mißachtung gegen das Gesetz zu erziehen. In früheren Jahrhunderten hatten die Engländer sich tatsächlich mehrmals bestrebt, die Iren zum Aufstande zu reizen; das letzte Mal war dies noch 1795–1798 geschehen. Im 19. Jahrhundert lag diese Absicht nicht mehr vor.⁠[63] Indessen war es nicht sowohl dem Verhalten der englischen Staatsmänner als der Lammesgeduld der Iren, dem Geschicke ihrer politischen Führer und anderen günstigen Umständen zu danken, kam es im letzten Jahrhundert nicht zu großen blutigen Aufständen, sondern nur zu der Bewegung des „jungen Irlands“, der Fenier und der Landliga. Erst 1916 verstand die englische Zwingherrschaft, Irland wieder zu offenem Aufstande zu entflammen.

G. Politische Massenbewegungen.

Neben der Erziehung zur Gesetzes-Feindschaft, die den Iren durch das Verhalten Englands während der Union zuteil wurde, ist als weitere Folge dieser unglücklichen Zwangsehe zu nennen, daß alle Methoden des gesetzlichen Widerstandes in Irland zur Vollkommenheit ausgebildet wurden, ja hier zum großen Teil ihren Ursprung nahmen. Dem irischen Nationalcharakter haftet an sich keineswegs jene Verachtung von Recht und Gesetz an, deren man sie in England so gern beschuldigt, und ebensowenig die Neigung, die eigenen Wünsche durch Gewalttat zu erzwingen. Man kann geschichtlich ziemlich deutlich verfolgen, daß die auf Gewalttätigkeiten [S. 202]gerichteten Massenbewegungen in Irland stets durch besondere Maßregeln der Unterdrückung, der Unduldsamkeit oder der Ungerechtigkeit hervorgerufen wurden und daß sich ihr Ziel in der Regel auf die Beseitigung dieser Uebelstände beschränkte. So ist es kennzeichnend, daß die irischen Massenverbrechen, von denen man in England so viel Aufhebens machte, fast stets ländliche Massenverbrechen waren. Die Bewegungen der Weißburschen, der Eichenburschen, der Rechtsburschen, der Bandmänner und ähnliche waren einzig und allein auf die Beseitigung bestimmter ländlicher Uebelstände gerichtet.

Größeren Umfang gewannen sie nur dadurch, daß allen Wünschen der irischen Bevölkerung, selbst den gemäßigtsten und gerechtfertigtsten, seitens der englischen Herren des Landes unbeugsamer, eigensinniger Widerstand entgegengesetzt ward. Während es den Engländern in ihren überseeischen Besitzungen gelang, wenigstens äußerlich Ruhe und Sicherheit zu schaffen, läßt sich daher in Irland selbst in den Zeiträumen, die als die ruhigsten gelten, von innerem Frieden nicht sprechen.

Indessen haben die Iren aus dem entsetzlichen Blutbade, das die Engländer fast in jedem Jahrhundert mindestens einmal unter ihnen angerichtet hatten, gelernt. Sie sahen, daß England im 19. Jahrhundert, auf dem Gipfel seiner Macht, nach den napoleonischen Kriegen in seinem eigenen Umkreise gegen jeden Angriff beinahe gesichert, eine irische Revolution, war sie nicht auf das sorgfältigste vorbereitet, mit eisernem Faustschlage zu Boden schmettern konnte. Daher bildeten die Iren nunmehr den gesetzlichen Widerstand zu einer Kunst aus. O’Connell war der erste Führer, der die politischen Massen-Bewegungen in dem unterdrückten und geknebelten Lande mit so sicherer Hand leitete, daß er die Katholiken-Emanzipation durchsetzte und um ein Haar den Widerruf der Union erzielt hätte. Von ihm wurde die Taktik der Riesenversammlungen, die später auch [S. 203]in der inneren Politik Englands eine bedeutsame Rolle spielte, geschaffen und ausgebildet. Ein halbes Jahrhundert später war es Parnell, der durch die Waffe der Obstruktion das britische Parlament in seinen Grundfesten erschütterte. Dadurch und nur dadurch erreichte er es, daß England den Beschwerden Irlands ein Ohr lieh und daß Gladstone seine Home Rule-Vorlage einbrachte. Um dieselbe Zeit war es der unblutige, aber geschlossene Widerstand der Iren gegen den Kapitän Boykott, einen der schlimmsten Blutsauger, der die wuchtige Wirtschaftswaffe des „Boykottierens“ schuf. Alle diese Methoden eines heftigen und entschlossenen Widerstandes, der jedoch gegen den Buchstaben des Gesetzes nicht verstieß, wurden von den Iren entweder erfunden oder zur Meisterschaft ausgebildet, weil England durch die gänzliche Taubheit und den starrköpfigen Unverstand, mit dem es alle irischen Wünsche aufnahm, einen anderen Weg nicht mehr offen ließ.

Es ist eine furchtbare Tatsache, daß die Ueberzeugung, die Regierung müsse beunruhigt werden, um irgend eine Reform zu gewähren, sich tief in die Seele des irischen Volkes eingegraben hat. Sir Horace Plunkett, der in England als der beste Beobachter der Zustände Irlands gilt, meint: die Iren glaubten so glühend daran, daß außer für die Religion, die zuweilen damit zusammenstößt, kaum die Fähigkeit des Glaubens an irgend etwas anderes bleibe; es lasse sich auch nicht leugnen, daß die Vergangenheit zahlreiche Rechtfertigungsgründe für den Glauben biete, daß Irland von England nichts erreichen könne, falls es nicht heftige Agitation anwende. Im 20. Jahrhunderte allerdings habe sich ein neues England gebildet, das namentlich durch das weitblickende Landgesetz des Jahres 1903 seinen Reformwillen deutlich bekundete. Bis vor kurzem jedoch sei dies anders gewesen.⁠[64]⁠

[S. 204]

So steckt noch heute die bitterste Wahrheit in jenem irischen Satze, der sich seit Menschenaltern zum Sprichwort verhärtete: „Irlands Möglichkeiten liegen in Englands Schwierigkeiten“ (England’s difficulty is Ireland’s opportunity). Auch dies ist durch die Union nur schlimmer geworden.

[43] Byron rief am 1. April 1812 in seiner Rede im Oberhause: „Die sogenannte Union war ein lucus a non lucendo, eine Union, um nie zu vereinigen, die in ihrer ersten Betätigung der irischen Unabhängigkeit den Todesstoß gab und die in ihrer letzten die Ursache der ewigen Trennung Irlands von England sein mag. Wenn sie eine Union genannt werden soll, so ist sie die Union des Haifisches mit seiner Beute; das Raubtier verschlingt sein Opfer und so werden beide Eins und unteilbar. So hat Großbritannien das Parlament, die Verfassung, die Unabhängigkeit Irlands verschlungen.

[44] Lecky: Vier Essays. S. 174 f.

[45] Lecky: Geschichte Englands im 18. Jahrhundert. Band 2. S. 471.

[46] Green. 219.

[47] Brosch, Band 9, S. 269. Green a. a. O. S. 220.

[48] Ausführliche Beweise für die Gewissenlosigkeit der Versprechungen der Regierung gibt Lecky: Vier Essays. S. 154 ff.

[49] Cornwallis’ Brief an Generalmajor Roß vom 8. Juni 1799.

[50] So berichtet ein Gegner der Union (Plunkett: The Life, Letters and Speeches ed Dav. Plunkett. London, 1867.) Angeführt nach Brosch a. a. O. S. 268.

[51] Hassencamp. S. 303.

[52] Moore. S. 239 f.

[53] Diese Zahlen gibt Lecky in seinen „Vier Essays“ S. 172 an, während Hassencamp S. 303 etwas andere Zahlen mitteilt.

[54] Die Abstimmungen der Parlamente ergaben folgende Zahlen:

  1. Im irischen Unterhause:
    • bei der ersten Abstimmung (24. Januar 1779) 105 Stimmen für, 106 Stimmen gegen die Union,
    • bei der zweiten Abstimmung (17. Februar 1800) 161 Stimmen dafür, 115 dagegen,
    • bei der dritten Abstimmung (21. Februar 1800) 152 Stimmen dafür, 108 dagegen,
  2. Im englischen Unterhause:
    • bei der ersten Abstimmung: 140 Stimmen dafür, 15 dagegen,
    • bei der zweiten Abstimmung: 141 Stimmen dafür, 25 dagegen,
    • bei der dritten Abstimmung: 149 Stimmen dafür, 28 dagegen.

[55] Lecky a. a. O. S. 169.

[56] Lecky a. a. O. S. 175.

[57] Lecky: Essays S. 170.

[58] Siehe die treffenden Ausführungen von Brosch, Band 9, S. 307 f.

[59] Paul-Dubois. S. 58.

[60] Kettle in der Vorrede zu Paul-Dubois S. 11.

[61] Plunkett S. 126 ff. Der Verfasser meint, daß sich die Beispiele für ein ähnliches Verhalten Englands in verschiedenen Zeiträumen der irischen Bildungsgeschichte leicht vervielfachen ließen.

[62] Lecky: Essays. S. 161.

[63] Immerhin schrieb selbst die junge Königin Viktoria mitten in der schrecklichen Zeit, da die Iren infolge der Kartoffelkrankheit zu Hunderttausenden Hungers starben, an ihren Onkel König Leopold I. von Belgien: „Wir haben reichliche Mittel, die Rebellion in Irland“ — damit meinte die Königin die verzweifelten Versuche der Verhungernden, sich gegen die gewaltsame Wegnahme ihrer letzten Lebensmittel zu sträuben — „zu unterdrücken, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß sie ohne Kampf ausgehen wird, was die Leute, wie ich denke mit Recht, eher bedauern. Die Iren müßten eine gute Lektion erhalten, oder sie werden von neuem anfangen.“ Angeführt nach Chatterton-Hill S. 85.

[64] Plunkett S. 82.

Schlussvignette, stilisierte   Rose

[S. 205]

Kopfvignette,   florales Muster

5. Buch:
Die Katholiken-Befreiung.

1. Die betrogenen Katholiken. — 2. Die Enttäuschung. — 3. Ein neuer Vorstoß mißglückt. — 4. Die Katholiken organisieren sich. — 5. Die Wahl in Clare. — 6. Irland wiederum am Vorabend der Revolution. — 7. Die Katholiken-Emanzipation wird Gesetz (1829). — 8. Wirkungen des Gesetzes. — 9. Die Parlaments-Reform des Jahres 1832. — 10. Neue Ungerechtigkeiten.

„Ist es da wohl ein Wunder, wenn diese Schlachtopfer ein System hassen und verwünschen, das ihnen bei jedem Schritt im Leben mit der finsteren Ausschließung entgegentritt, das gleich dem Brenneisen zu gleicher Zeit Schmerz und Schande bewirkt, und das wegen der Zuversicht, womit es auf ihre Geduld rechnet, um so empörender ist?“

Thomas Moore: Memoiren des Hauptmanns Rock, S. 27.

1. Die betrogenen Katholiken.

Die Regierung hatte durch ihre Versprechungen eine Anzahl von Katholiken für die Union gewonnen, da diese ihnen die Befreiung von den politischen Beschränkungen bringen sollte, unter denen sie noch litten. Ließen sich auch nicht alle Katholiken täuschen, so schenkte doch ein Teil den englischen Verheißungen Glauben. Andere hegten diese Hoffnung nicht.

Einer derjenigen, die mit aller Tatkraft der Union widerstrebten, war der 26jährige Rechtsanwalt Daniel O’Connell, der in Dublin vor einer Versammlung katholischer Bürger seine Jungfernrede hielt. Der künftige politische Führer seines Volkes zeigte hier zum ersten Male die Macht der flammenden Worte, mit denen er die Seelen seiner Landsleute hinriß. Selbst die Erneuerung der alten Strafgesetze gegen die Katholiken — so meinte er — sei der Union vorzuziehen; lieber wollten sie sich der Gnade ihrer protestantischen Mitbürger [S. 206]überliefern, als der Vernichtung des irischen Parlamentes zustimmen und religiös-politische Vorteile um den Preis des Unterganges der irischen Nation suchen.

Hätten sich die Katholiken, deren Kopfzahl ⁷⁄₁₀ der Bevölkerung betrug, einmütig dem Unionsplane widersetzt, so würde selbst das bestochene Parlament kaum den Mut gefunden haben, es von neuem auf einen Bürgerkrieg ankommen zu lassen. Kein Geringerer als der Statthalter Lord Cornwallis bezeugte nach Annahme der Union: „Die Katholiken hatten es bei dem letzten Streite über die Maßregel der Union sicherlich in ihrer Macht, die Absichten der Regierung zu vereiteln und das Land in die äußerste Verwirrung zu stürzen.“

Noch im Januar 1800 hatte Cornwallis ausdrücklich die Erlaubnis erhalten, die Katholiken, mit deren Bischöfen er freundlichen Verkehr pflog, zum Beistand für die Durchsetzung der Union aufzufordern und ihnen dagegen in Aussicht zu stellen, die Regierung werde ihre Emanzipation begünstigen. So ließ selbst der beliebteste Schriftsteller des Landes, Vater O’Leary, im Juni 1800 eine „Adresse an die geistlichen und weltlichen Lords“ ausgehen, in der er sich als Freund der Union bekannte.

Irland sollte von neuem die Wahrheit des alten Sprichwortes erfahren, das in der Provinz Connaught umging: es gibt drei Dinge, vor denen ein Mann sich hüten muß — die Hufe des Pferdes, die Hörner des Stiers und das Lächeln des Engländers. Die Hoffnungen der irischen Katholiken wurden auf das bitterste enttäuscht.

*

Allerdings machte Pitt scheinbar den Versuch, die Katholiken-Befreiung durchzusetzen. Am 30. September 1800 berief er einen Ministerrat [S. 207]zur Beschlußfassung über die Frage. Hier trat ihm scharfer Widerstand entgegen. Namentlich verwahrte sich der Lordkanzler Loughborough mit allem Nachdrucke gegen die Gleichstellung der Katholiken; auch sei mit der Abneigung des Königs gegen diesen Schritt zu rechnen.

Georg III. erklärte am 28. Januar 1801 dem Staatssekretär Windham: er werde jeden, der für die Emanzipation stimme, als seinen persönlichen Feind betrachten. Zu dem Minister Dundas gewendet, wiederholte er dieselbe Versicherung mit dem Zusatze: er habe nie etwas mehr Jakobinisches gehört. Ja, der König drohte mit Abdankung, falls die Emanzipation durchgeführt werde.

Pitt wußte zu gut, daß der König gewohnt war, mit solchen Drohungen um sich zu werfen, sobald er sich die Erreichung eines bestimmten Zieles vorgesetzt hatte. Als der Krieg mit den aufrührerischen Kolonien in Amerika herrschte, hatte Georg die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit als ebenso unmöglich bezeichnet; auch als Fox in das Ministerium eintreten sollte, führte er dieselbe heftige Sprache. War der Minister-Präsident also entschlossen, die Emanzipation durchzuführen, so hätte er sie wohl gegen den König durchsetzen können.

Beinahe schien es, als sei Pitt dazu willens. Canning gab ihm den Rat, fest zu bleiben. Als Georg nicht nachgeben wollte, bat Pitt um seine Entlassung.

Allein er tat diesen Schritt offenbar nur, um sein „Gesicht zu wahren“. Bald nach dem Rücktritt erklärte er aus freien Stücken — wie er sagte: mit Rücksicht auf den traurigen Gesundheitszustand des Königs — er werde, so lange Georg lebe, die katholische Frage ruhen lassen. Durch diese Erklärung gab er seinen Wunsch zu erkennen, von neuem als Minister berufen zu werden. Addington, der das Ministerium auf seinen ausdrücklichen Wunsch übernommen hatte, war ein so heftiger Katholikenfeind, daß Pitt keinen schlechteren Nachfolger [S. 208]hätte wählen können, wäre ihm an der Durchsetzung der Emanzipation etwas gelegen. Sogleich nach dem baldigen Rücktritt dieses Platzhalters übernahm Pitt wiederum das Amt.

Lecky meint mit Recht, es habe selten eine Verzichtleistung gegeben, die weniger Achtung verdiente: Pitt „tat den Schritt offenbar bloß deshalb, weil er mit Anstand oder ohne offenbare Einbuße des Charakters unmöglich anders handeln konnte, und weil Lord Grenville und einige seiner anderen Amtsgenossen redlich und entschieden auf der Erfüllung des den Katholiken gemachten Versprechens bestanden. Ganz sicher ist es, daß Pitt, nachdem er von den Katholiken den gewünschten Dienst erlangt hatte, kein wirkliches Interesse für ihre Emanzipation fühlte, daß er entschlossen war, sich ihretwegen in keine möglichst zu vermeidende Schwierigkeit einzulassen, und bereit war, sie unter dem ersten anständigen Vorwande zu opfern. Er trat sein Amt an Addington ab, den er für eine seiner Kreaturen hielt und von dem er es zu jeder Zeit wieder zu erlangen glaubte. Er legte es zu einer Zeit nieder, die ihm besonders paßte, denn es war notwendig geworden, mit Napoleon zu unterhandeln, und die Antezedenzien Pitts machten eine derartige Unterhandlung für ihn schwieriger und demütigender, als für jeden anderen englischen Staatsmann. Er legte es nieder unter dem prahlerischen Vorwande, weil der König der Katholiken-Emanzipation nicht beistimmen wollte; aber, als die Amtsübertragung geschehen war, und die dadurch veranlaßte Aufregung dem König wieder einen Anfall des Wahnsinns zuzog, benutzte Pitt sofort diese Gelegenheit, sich dadurch aus einer politischen Klemme zu ziehen, daß er schließlich die Katholiken im Stiche ließ. Daß seine Stellung in Folge von des Königs Anfall eine bedenkliche war, kann man gern zugeben; allein es war eine Frage der Ehre und nationaler Politik, [S. 209]die über alle anderen Rücksichten hätten gestellt werden müssen, und er würde für sein Benehmen mehr Achtung verdient haben, wenn es nicht mit seinem Interesse so vollkommen übereingestimmt und wenn es ihn nicht in einen schimpflichen, groben Treubruch gegen die Katholiken verwickelt hätte.“⁠[65]⁠

Nach außen hin gebrauchte Pitt wieder, wie stets, tönende Worte. Wollte man ihm Glauben schenken, so war sein Rücktritt die Folge eines „unveränderlichen Sinnes der öffentlichen Pflicht“, weil ihm nicht gestattet war, die Katholiken-Frage mit Seiner Majestät „voller Zustimmung und mit dem ganzen Gewicht der Regierung vorzubringen“. Als er wieder ins Amt trat, gab er nicht nur das Versprechen, daß er selbst die Katholiken-Frage während der Lebenszeit des Königs nicht wieder vorbringen, sondern daß er auch ihre Anregung durch einen anderen Minister nicht dulden würde!

2. Die Enttäuschung.

Als die irischen Katholiken sich überzeugten, daß sie wieder einmal schmählich betrogen waren, verbreitete sich unter ihnen grenzenlose Erbitterung gegen England, während sie bis vor kurzem noch die Regierung treu unterstützt hatten.

Die Stimmung war so bedenklich, daß der Statthalter ernste Besorgnisse hegte. Lord Cornwallis erließ deshalb unmittelbar nach der Ernennung des katholikenfeindlichen Ministers Addington ein geheimes Rundschreiben an die Führer der Katholiken: sie möchten die jetzige Täuschung geduldig auf sich nehmen, auch vor jakobinischen Verbindungen auf der Hut sein und des großen Vorteiles gedenken, den ihre Sache dadurch gewonnen habe, daß so viele bedeutende Männer ihr Wort verpfändet hätten, kein Amt zu übernehmen, wenn die Katholiken-Emanzipation nicht durchgeführt würde.

[S. 210]

Aber auch die Versprechungen, die in diesem Rundschreiben gegeben waren, stellten sich als leerer Schall heraus. Cornwallis, der unmittelbar darauf sein Amt niederlegte, gab später zu, er habe keine Vollmacht zu der Mitteilung gehabt, daß die zurückgetretenen Minister ihr Wort in dieser Weise verpfändet hätten. Er hatte nur als anständiger Mann, der er war, aus allen Vorgängen den Schluß gezogen, der für jeden ehrlichen Menschen unvermeidlich war.

Trotz alledem blieben die irischen Katholiken ruhig. Keine große Bewegung des Mißvergnügens, ja nicht einmal eine politische Agitation machte der Regierung Sorgen — in einer Zeit, da der Krieg mit Frankreich ihr genug zu schaffen machte. Nur der Aufstand Robert Emmets im Jahre 1803 durchbrach die Stille; doch stellte sich heraus, daß der kühne junge Mann nur eine Gefolgschaft von wenigen hundert Mann hatte. Diese Empörung, der letzte Wellenschlag des Jahres 1798, stand mit der Katholikenfrage in keiner Verbindung.

Mit bewundernswerter Geduld nahmen die Iren die schmachvolle Täuschung hin. Sie legten das Versprechen der Katholiken-Emanzipation zu dem Vertrage von Limerick und den anderen feierlichen Zusagen, die England gebrochen hatte. Jahr auf Jahr stellten protestantische Abgeordnete, von irischen Wählern entsandt, im Parlamente in Westminster den Antrag, es solle das Versprechen Pitts ausführen. Aber alle Beredsamkeit eines Grattan, eines Ponsonby, eines Plunkett vermochte nicht die geringste Bresche in den üblen Willen Englands zu schlagen.

Erst im Jahre 1805 unternahmen die irischen Katholiken einen gemeinsamen Schritt zur Durchsetzung ihres Zieles: ihre Führer überreichten Pitt eine Bittschrift für die Emanzipation mit dem Ersuchen, sie als Minister zu befürworten. Die Antwort war eine [S. 211]glatte Weigerung — ja, Pitt zeigte sich alles Ehrgefühls so bar, daß er erklärte, er werde sich der Petition widersetzen. Im Parlament erfolgte eine glänzende Debatte, die mit der Ablehnung der Petition schloß; eine überwältigende Mehrheit erklärte sich dagegen.

In diesem Jahre war Grattan in das Parlament des „Vereinigten Königreichs“ eingetreten. Auch seine Beredsamkeit, die selbst Pitt mit fortriß, konnte nichts an der Entscheidung ändern.

3. Ein neuer Vorstoß mißglückt.

Die irischen Abgeordneten, die im Parlamente in Westminster für die Katholiken-Emanzipation eintraten, waren sämtlich Protestanten. Katholiken durften ja nicht ins Parlament gewählt werden! Die Ueberzeugung, daß die Dinge nicht so bleiben durften, wie sie waren, wuchs allmählich auch in den protestantischen Kreisen Irlands, die kurz nach der Union nichts davon hatten wissen wollen. Selbst Männer, die durch amtliche Rücksichten gebunden waren, sahen ein, daß es unmöglich sei, in den irischen Wirrwarr Licht und Ordnung zu bringen, so lange Unduldsamkeit und Glaubensfeindschaft die treibenden Kräfte auf der Insel bildeten. Sogar Castlereagh, nun englischer Minister des Aeußeren, bekannte sich zu dieser Auffassung, die von weitblickenden englischen Abgeordneten wie Lord Brougham, Canning und Wilberforce geteilt wurde.

1821 folgte ein neuer Vorstoß. William Conyngham Plunket, der Sohn eines presbyterianischen Geistlichen, beantragte im Februar im Unterhause: es solle die in einer Denkschrift katholischer Bischöfe enthaltene Beschwerde der Katholiken einer Ausschuß-Beratung unterziehen. Da der Antrag mit 6 Stimmen Mehrheit angenommen wurde, brachte Plunket am 7. März einen Gesetz-Entwurf ein, der den Katholiken, falls sie dem Könige den Treueid leisteten, die Wählbarkeit [S. 212]ins Parlament sowie die Verleihbarkeit von Staats- und Gemeinde-Aemtern zusprach. Gleichzeitig legte er einen Entwurf vor, der den Verkehr der katholischen Geistlichen mit dem Vatikan regeln sollte. Beide Anträge gingen darauf aus, einerseits den Katholiken die staatsbürgerliche Gleichstellung mit den Protestanten zu gewähren, andererseits Bestimmungen zu schaffen, die einen Mißbrauch der Zugeständnisse durch die katholische Geistlichkeit unmöglich machen sollten.

Das Unterhaus nahm beide Anträge am 2. April mit einer Mehrheit von 19 Stimmen an, obwohl heftige Gegnerschaft sowohl aus den Kreisen übereifriger Anhänger der anglikanischen Staatskirche wie aus denen orthodoxer Katholiken geleistet wurde, die glaubten, auf Grund des zweiten Gesetzes könne die katholische Religion in Irland verfolgt oder gar vernichtet werden.

Die Ansichten der irischen Katholiken waren in der Geistlichkeit wie in der Laienwelt gespalten. So nahmen Versammlungen katholischer Einwohner von Dublin Dankadressen an, während in Cork und Limerick entrüstete Beschlüsse gegen die Plunketschen Anträge gefaßt wurden.

Indessen konnten sich die Iren weiteres Kopfzerbrechen über die Frage sparen, da das englische Oberhaus sich bereits in der zweiten Lesung mit 159 Stimmen gegen 120 gegen den Entwurf erklärte.

4. Die Katholiken organisieren sich.

Diesmal sollte die Bewegung jedoch nicht völlig im Sande verlaufen. Am 24. Mai 1823 bildete sich eine Gesellschaft, die den Plan jener früheren Katholikenvereine abermals aufnahm, die seit dem Jahre 1760 unter verschiedenen Namen bestanden hatten, stets aber, wenn England glaubte, ohne Rücksicht auf Irland handeln zu können, verfolgt oder aufgelöst worden waren. Jetzt bildete sich der „Katholiken-Verein“ (Catholic [S. 213]Association). Von zwei Rechtsanwälten, O’Connell und Sheil, begründet, suchte der Verein durch seine Satzung den Gefahren vorzubeugen, die ihm durch die englischen Zwangsgesetze drohten. In den grundlegenden Beschlüssen wurde betont, daß der Verein errichtet werde, um alle gesetz- und verfassungsmäßigen Vorkehrungen zu treffen, die die Katholiken-Emanzipation fördern könnten; daß der Verein keine Vertretung oder Abgeordneten-Körperschaft sei, und keine Vertretung, Abgeordneten-Autorität oder ähnliche Eigenschaft annehmen werde.

Das eigentliche Ziel des Vereins war die Erlangung der Bürger- und Menschen-Rechte für Irland, als Mittel sollte die „gesetzliche Agitation“ dienen. Die einzigen Waffen, deren sich der Verein bedienen durfte, bestanden in der Petition und dem Gerichtsverfahren. Er bemühte sich, das Volk einerseits an die Achtung vor dem Gesetze zu gewöhnen, andererseits ihm, wo es nötig war, jeden gerichtlichen Schutz zuteil werden zu lassen. Bisher hatte das Volk, wo ein Grundherr oder einer seiner Mittelmänner die Ausbeutung gar zu weit getrieben hatten, so lange stumm gelitten, bis es zur Empörung getrieben ward. Ueberzeugt, daß es für den Irländer kein Recht gab, zu arm und zu mißtrauisch, um vor Gericht zu gehen, hatte man sich alle Bedrückung gefallen lassen, bis sie völlig unerträglich wurde. Jetzt trat der Katholikenverein zwischen das Volk und die Gerichte, um jenes zu lehren, sich an diese zu wenden, und die Gerichte zu zwingen, dem Volke sein Recht widerfahren zu lassen. Jeder, auch der ärmste Irländer, wußte fortan, daß es eine Stelle gab, an die er sich vertrauensvoll mit der Bitte wenden mochte, ihm Schutz, Hilfe, Fürsprache zu gewähren.

Bald schenkte das Volk dem neuen Unternehmen grenzenloses Vertrauen. Der Katholiken-Verein [S. 214]brauchte Geld — das Volk gab es. Nicht lange, so wurden förmliche Beiträge gezahlt. O’Connell, dessen organisatorische Fähigkeiten von großem Nutzen waren, machte den Vorschlag, monatlich einen Penny als Abgabe an den Verein zu zahlen. Die Priester, die er schnell gewonnen hatte, wiesen jedoch einen einfacheren Weg: es wurde ein Steuersonntag bestimmt, an dem jeder Katholik nach der Sonntagsmesse vor der Kirchtür seine freiwillige Steuer zur Unterhaltung des Vereins zahlte.

Bald wurde der Katholiken-Verein der Regierung unbequem. Seine Erfolge traten von Woche zu Woche deutlicher hervor. Die ihm zufließenden Summen mehrten sich rasch. Seine Versammlungen fanden in allen Grafschaften begeisterte Teilnahme.

Das durfte nicht so weiter gehen. Das bequemste schien, die beiden Männer, die die Seele der Bewegung waren — O’Connell und Sheil — gerichtlich zu verfolgen. Am 18. Januar 1831 ward O’Connell verhaftet — unter der Anschuldigung, mit einigen seiner Genossen, der Bekanntmachung des Statthalters zuwider, eine Reihe von Versammlungen abgehalten zu haben. Man hielt den Verhafteten fest, bis er Kaution stellte. Der Staatsanwalt erhob Klage gegen ihn, weil er die Hoffnung ausgesprochen habe: „Wenn Irland durch Verfolgung bis zum Wahnsinn getrieben wird, so dürfte wohl ein neuer Bolivar aufstehen“. Allein der Wortlaut ließ sich nicht feststellen, und so kam es nicht zum Urteilsspruche.

Es folgte der Prozeß gegen Sheil. Dieser hatte einen Vortrag über die Memoiren Wolfe Tones gehalten, jenes Protestanten, der an den Freiheitskämpfen des Jahres 1798 hervorragenden Anteil nahm. Der englische Staatsmann Canning äußerte später: man hätte [S. 215]diese Rede im Parlamente halten können, ohne einen Ordnungsruf herbeizuführen.

Der Prozeß ward jedoch nicht verhandelt, da der schnelle Schritt der Ereignisse über ihn hinwegging.

Denn im Jahre 1828 ward die Regierung plötzlich von der Nachricht erschreckt, es herrsche in Irland ein Geist der Unruhe, der sich in Tausenden von Versammlungen kundgebe. Tatsächlich war die Geduld der Katholiken am Ende. Wie fest ihr Entschluß war, sich die Zulassung zu den vollen Staatsbürgerrechten zu erkämpfen, bewies ein politischer Vorgang, den man in England mit äußerster Ratlosigkeit vernahm.

5. Die Wahl in Clare.

„Welcher Scene mußten wir beiwohnen! Welch furchtbare Aussicht eröffnet sich vor uns!“ So schrieb Fitzgerald, bisher Abgeordneter der irischen Grafschaft Clare, der, vom Ministerium zum Präsidenten des Handelsrates ernannt, sich einer Neuwahl hatte unterziehen müssen. Eben diese Wahl hatte jenes Sturmeszeichen gegeben, das in England so große Bestürzung erregte.

Zunächst schien alles wie üblich zu verlaufen. Ein Major Mac Namara wollte als Gegenkandidat auftreten, verzichtete jedoch im letzten Augenblicke. Dann jedoch war etwas ganz Unerwartetes geschehen: obwohl den Katholiken gesetzlich verboten war, ins Parlament einzutreten, hatte sich ein Katholik als Kandidat aufstellen lassen — und war von den Wählern, die in hellen Scharen herbeiströmten, mit riesiger Mehrheit gewählt worden!

Dieser kühne Mann war kein anderer als O’Connell. Nachdem er seinen folgenschweren Entschluß gefaßt, veröffentlichte er eine Adresse an die Wähler, worin [S. 216]er seinen Ruf als Rechtsanwalt, der anerkannt hoch stand, zum Pfande bot: er werde, falls man ihn wähle, sich und alle Katholiken von der politischen Entrechtung befreien.

Die Aufregung der Nation stieg durch diese Ankündigung mit einem Schlage zur Siedehitze. In allen Teilen Irlands, in allen Klassen der Gesellschaft hatte man nur Augen für die Wahl in Clare. Die gesamte katholische Bevölkerung bereitete sich zur Unterstützung O’Connells vor. Die Priester machten von ihrem ganzen Einflusse Gebrauch. Sie beschworen ihre Pfarrkinder vom Altare, sie schritten in geweihter Amtstracht, das Kruzifix voraus, durch die Volksmassen, um die Gleichgültigen zu wecken, die Schwachherzigen zu ermuntern und den Abtrünnigen zu fluchen. Ein Priester, Vater Maguire, O’Connell und Sheil durchzogen das Land und redeten vor dem Volke.

Der Tag der Wahl brach an. Niemals hatten sich solche Menschenmassen nach Ennis, dem Wahlorte, in Marsch gesetzt. Trotz der schwülen Hitze des Juli strömten gegen 30000 Landleute dort zusammen. Die Regierung, voller Bestürzung über den Geist, der plötzlich in die Menge gefahren, hielt unweit von Ennis 7000 Mann regelrechter Truppen in Bereitschaft, um sofort an Ort und Stelle eingreifen zu können. Allein es war nicht das geringste Anzeichen von Unruhe oder Unordnung spürbar. Nicht Einer der 30000 war betrunken, nicht Einer lärmte, nicht Einer war bewaffnet; sogar ihre Stöcke hatten die Teilnehmer zu Hause gelassen. Unter strengster Achtung vor dem Gesetze vollzog sich das Ganze. Denn der Geist, den O’Connell durch den Katholiken-Verein in die Masse getragen, war nun fest in ihr verkörpert. Der Verein hatte Ausschreitungen streng verpönt, und das Gebot fand unbedingte Folge.

Der englische Staatsmann Palmerston, selbst in Irland [S. 217]begütert, nannte die Scene, die sich nun in Ennis abspielte, „dramatisch und recht erhaben“. Ueber zwei Tage erstreckten sich Reden und Wahlschlacht. Fitzgerald, der stets ein Verteidiger der katholischen Sache gewesen war, dessen Vater zu jenen Mitgliedern des irischen Parlamentes gehört hatte, die allen Verlockungen des Ministeriums zum Trotze gegen die Union gestimmt hatten, zählte seine mannigfachen Verdienste um die Sache der Katholiken auf, betonte, daß ihm seine neue Stellung noch bessere Gelegenheit böte, ihr nützlich zu sein, und beschwor die Wähler mit Tränen in den Augen, die letzten Augenblicke seines Vaters, der im Sterben lag, nicht zu verbittern, auch die ehrwürdigen Bande nicht zu zerstören, die Grundherren und Pächter zusammenhielten.

Einstimmiger Beifall folgte der Rede — als jedoch O’Connell zu der Menge sprach, riß er fast augenblicklich alles mit sich fort. Die ungeheure Macht, die diesem Manne über die Seelen beinahe jeder irischen Zuhörerschaft gegeben war, machte jeden Redekampf mit ihm vergeblich. Fitzgerald unterlag, O’Connell wurde — dem Gesetze zum Trotze — gewählt.

6. Irland wiederum am Vorabend der Revolution.

In der Dubliner Hofburg und im Londoner Ministerium war man fassungslos. Hätten sich die Iren sonst in einem Wahlkreise erlaubt, gegen das Gesetz einen Katholiken zu wählen, so hätte man die Wahl für ungültig erklärt. Allein in Clare ging dies nicht an. Denn nun wartete ganz Irland mit gespannter Aufmerksamkeit und mit entschlossenem Willen, was die Regierung tun würde. An demselben Tage, da O’Connell in Clare gewählt wurde, fanden in sämtlichen Teilen des Landes Massenversammlungen statt, denen kaum ein erwachsener Katholik fern blieb.

[S. 218]

Die Bewegung war unwiderstehlich. An einem einzigen Tage dieses Jahres 1828 wurden nicht weniger als 2000 Versammlungen abgehalten. Nicht einmal auf die bewaffnete Macht konnte sich England mehr verlassen. Hatte doch der Statthalter, Lord Anglesey, dem englischen Premierminister Sir Robert Peel geschrieben: es sei zweckmäßig, an Stelle der irischen Rekruten, die man besser nach England schaffe, englische und schottische Mannschaften herüberzuschicken. Die Priester hatten Einfluß auf die katholischen Soldaten gewonnen. Die Truppenmacht wurde — Reguläre und Milizen inbegriffen — auf 50000 Mann verstärkt. Alles war in Bewegung. Gab die Regierung nicht nach, so wurde bei der nächsten Wahl vermutlich in jeder einzelnen katholischen Grafschaft trotzdem ein Katholik gewählt.

Wiederum stand Irland am Rande der Revolution. Längeres Sträuben war unmöglich. Der Statthalter drang auf Lösung der Katholiken-Frage und auf bestimmte Weisungen.

Die Regierung war so ratlos, daß sie Weisungen nicht geben konnte, weil sie nicht wußte, wie eine Lösung herbeizuführen war. Der Statthalter mußte den merkwürdigen Schritt tun, Lord Palmerston, als dieser sich im Oktober und November in Dublin aufhielt, zu bitten, wenn er nach London zurückkehre, dort irgendwie auszukundschaften, was die Absichten der Regierung seien, und ihm dann ein paar Worte darüber zu schreiben!

Die Lage war um so gefährlicher, als in verschiedenen Teilen der Insel arger Notstand herrschte. Ein Ausbruch der öffentlichen Unzufriedenheit konnte jeden Augenblick erfolgen, obwohl die Ordnung auf allen den vielen Versammlungen, die fortdauernd die Frage im Rollen erhielten, peinlich inne gehalten ward. Es war für die Engländer ein höchst unbehagliches Gefühl, [S. 219]zu erfahren, wie diese Versammlungen verliefen: zwar erschienen die Teilnehmer ohne Waffen, aber sie marschierten in militärischer Ordnung auf, waren mit Abzeichen versehen und gleichsam in Regimenter eingeteilt, die das Signal zum Losbruch nur zu erwarten schienen.⁠[66]⁠

Ende September waren die Dinge so unerträglich geworden, daß die Revolution jeden Augenblick ausbrechen konnte. Daß sie nicht stattfand, ist das Verdienst O’Connells. Er mahnte das Volk, die Versammlungen einzustellen. Mit großartigem Gehorsam wurde die Mahnung befolgt. Ohne Zögern und ohne die leiseste Widerrede hörten die Versammlungen auf.

Die Regierung konnte aufatmen. Aber Irland wartete auf ihre Beschlüsse.

7. Die Katholiken-Emanzipation wird Gesetz.

Fast schien es jedoch, als sollten die Katholiken abermals betrogen werden. Am 11. Dezember 1828 gab der Premierminister Herzog von Wellington auf ein Schreiben des katholischen Erzbischofs von Dublin, der ihm von früher her befreundet war, eine Antwort, die bat, die Frage für kurze Zeit in Vergessenheit zu begraben.

Als dies dem Statthalter mitgeteilt ward, äußerte er brieflich seine abweichende Meinung. Die Folge war seine Abberufung.

Auch der König, Georg IV., leistete entschlossenen Widerstand. Wie sein Vater in Worten groß, äußerte er zu dem Sohne seiner Geliebten: sein Vorgänger würde lieber das Haupt auf den Block gelegt als den Katholiken nachgegeben haben, und auch er sei bereit, sein Haupt um derselben Sache willen auf den Block zu legen.

[S. 220]

Indessen zeigte sich bald, daß der Herrscher sich wie sein Vater in den Willen der Minister zu fügen wußte, nachdem er wiederholt hin und her geschwankt war. Den Ministern aber blieb nichts anderes übrig, als die Katholiken-Emanzipation durchzuführen, weil sie sich nicht verhehlen konnten, daß Irland auf andere Weise nicht zur Ruhe gelangen konnte.

So wurde das Parlament am 5. Februar 1829 mit einer Thronrede eröffnet, in der es hieß: die Gesamtlage Irlands sei ernstlich in Erwägung zu ziehen; das Fortbestehen des dortigen Katholiken-Vereins bringe dem öffentlichen Frieden Gefahr und sei mit dem Geiste der Verfassung nicht vereinbar; die Gesetze über die staatsbürgerliche Ungleichheit der Katholiken müßten daher geprüft werden.

Die englischen Reaktionäre wüteten. Gegen Peel erhoben sie die Beschuldigung schnöden Verrates und des Einverständnisses mit Rom, und Wellington ward angegriffen, weil er unter dem Deckmantel protestantischen Eifers die hinterhältige Absicht verberge, die öffentliche Freiheit zu untergraben und Papisten in alle Zweige der Staatsverwaltung einzuschmuggeln.

Um dem englischen Parlamente die Katholiken-Emanzipation mundgerecht zu machen, die infolge der staatsrechtlichen Vereinigung Irlands mit England sich gleichzeitig auch auf letzteres erstrecken mußte, und um der gefährlichen Lage in Irland die Spitze abzubrechen, beschloß das Ministerium, zwei Gesetzanträge einzubringen: einen auf Unterdrückung des Katholiken-Vereins, den anderen auf Gewährung der Emanzipation.

Zunächst legten sie der Sicherheit halber den ersteren vor. Am 10. Februar 1829 wurde dem Unterhause der Entwurf übergeben, der den irischen Statthalter ermächtigte, einen „dem öffentlichen Frieden und [S. 221]der unbehinderten Handhabung der Gesetze gefährlichen Verein“ ohne weiteres zu unterdrücken.

Es zeugt für den staatsmännischen Blick und für die Mäßigung der Iren, daß weder ihre protestantischen Abgeordneten im Parlamente sich gegen diesen Entwurf erhoben, noch daß auch die öffentliche Meinung in Irland dagegen Stellung nahm. Man war bereit, für die Emanzipation einen hohen Preis zu zahlen. Ja, der Katholiken-Verein kam der Anwendung des neuen Gesetzes, das noch vor Ablauf des Monats in beiden Häusern des Parlamentes angenommen wurde, zuvor, indem er sich aus freien Stücken auflöste.

Nun sollte die Vorlage über die Emanzipation folgen. Als Tag für ihre Einbringung war der 5. März festgesetzt. Noch einmal machte der König, von seinem Bruder, dem Herzog von Cumberland, aufgehetzt, eines Strich durch die Rechnung: zwei Tage vorher beschied er Wellington, den Lordkanzler Lyndhurst und Sir Robert Peel zu sich nach Windsor, um ihnen zu erklären, daß er sich nicht entschließen könne, der Abschaffung des den Katholiken verhaßten Supremats-Eides, den man ihnen jetzt erlassen wollte, zuzustimmen. Als die Minister erklärten, sie müßten dann ihr Amt niederlegen, bedauerte der König, dies annehmen zu müssen, küßte jeden der drei auf beide Wangen — und entließ sie.

Aber schon am Abend wurde er anderen Sinnes. Spät in der Nacht erhielt Wellington ein Schreiben des Königs, das ihn und seine Kollegen aufforderte, im Amte zu bleiben und das Emanzipations-Gesetz einzubringen.

* *
*

Einen wichtigen Dienst hatten die irischen Katholiken kurz vorher den Dissenters (Protestanten, die nicht zur englischen Staatskirche gehören) geleistet. Deren Gewissen [S. 222]war dadurch bedrückt, daß die anglikanische Unduldsamkeit sie unter den Korporations- und unter den Test-Zwang beugte. Unter Karl II. war (im März 1673) ein Gesetz erlassen worden, das alle bürgerlichen und militärischen Beamten unter der Regierung verpflichtete, das Sakrament gemäß den Formen der englischen Staatskirche zu empfangen und die Eide gegen die Transsubstantiation zu schwören. Diese Unduldsamkeit war den Dissenters, die dadurch vom Staatsdienste ausgeschlossen waren, ebenso unleidlich wie den Katholiken die gegen sie gerichteten noch schärferen Bestimmungen. Endlich entschloß sich ein englischer Minister, Lord John Russell, den Antrag auf Beseitigung des verhaßten Korporations- und Test-Gesetzes zu stellen. Die Katholiken Irlands, an ihrer Spitze O’Connell, unterstützten die Dissenters in diesem Kampfe auf das wärmste. Dennoch vergalten letztere den Beistand niemals. Im Mai 1828 wurde das Test-Gesetz abgeschafft. Fortan wurde von denen, die ein Amt bekleiden sollten, nur noch der Eid verlangt: „Ich schwöre beim wahren Gott der Christen, daß ich das Amt niemals zum Schaden der Kirche von England gebrauchen werde.“

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Der Entwurf des Gesetzes über die Emanzipation der Katholiken sagte ihnen Befreiung von dem Treu- und dem Supremats-Eide zu, ebenso von der Abschwörung der Transsubstantiation. Diese drei Formeln, die im Widerspruch mit ihrem Glauben standen, wurden nun für die Uebernahme eines Amtes oder für des Eintritt ins Parlament durch einen Eid ersetzt, gegen den ihr Gewissen keinen Widerspruch erhob. Alle Staats- und Gemeinde-Aemter, auch die richterlichen, sollten ihnen fortan zugänglich sein. Nur für die Ernennung eines Regenten des Vereinigten Königreichs, der Kanzler von England und Irland und des irischen Statthalters sollten [S. 223]auch in Zukunft nur Protestanten in Betracht kommen. In Artikel 28 und 29 wurde die Einschreibung der Mitglieder des Jesuitenordens und der übrigen geistlichen Orden vorgeschrieben und die Einwanderung von Kloster-Geistlichen aus dem Auslande untersagt. Politischen Beschränkungen aber sollten die Katholiken fortan nicht mehr unterliegen.

Fünf Wochen lang berieten beide Häuser des Parlamentes über das neue Gesetz. Noch hatte es manchen Widerstand zu überwinden. Aus England und Schottland lief eine größere Anzahl von Petitionen gegen den Entwurf ein als für ihn. Dennoch konnte der Ausgang jetzt nicht mehr zweifelhaft sein. Stimmten auch im Oberhause 19 geistliche Mitglieder gegen das Gesetz und nur 10 dafür, suchte man auch den König abermals gegen die Emanzipation einzunehmen, so erklärte sich doch die große Mehrheit des Oberhauses (in 3. Lesung 213 gegen 109 Stimmen) für den Antrag, und im Unterhause erhielt er in 3. Lesung 320 gegen 142 Stimmen.

Als am 10. April das von beiden Häusern beschlossene Gesetz an Georg IV. gelangte, nahm er sich kaum 48 Stunden Bedenkzeit. Die Katholiken-Emanzipation war Gesetz!

8. Die Wirkungen des Gesetzes.

Die Katholiken Irlands hatten ihre politische Gleichberechtigung mit zwei Opfern erkauft. Außer der Bürde jenes Zwangs-Gesetzes, dessen Anwendung der Katholiken-Verein durch seine Auflösung zuvor kam, mußten sie sich auch die Entrechtung einer bedeutenden Zahl von Freisassen gefallen lassen. Den Freisassen mit weniger als 40 s. Steuer-Ertrag wurde durch das Emanzipations-Gesetz das Wahlrecht entzogen.

Als untere Wahlrechts-Grenze wurde statt dessen die Steuer-Ertragssumme von 10 Pfund Sterling [S. 224](200 Mark), also das Fünffache, festgesetzt. Dies war ein unverhülltes Klassengesetz. Peel hatte es ruhig als solches begründet. Der abgesetzte Statthalter Lord Anglesey wies darauf im Unterhause mit den Worten hin: „Diese Freisassen sind ursprünglich zu Wahlzwecken mit dem Stimmrechte ausgestattet worden. So lange sie es sich gefallen ließen, zur Wahl getrieben zu werden gleich Schafen an die Schlachtbank, ohne jeden eigenen Willen, ging alles gut; nicht das leiseste Murren war vernehmlich. Aber in dem Augenblicke, da die armen Leute den Wert ihres Besitzrechtes herausfinden und die ihnen gesetzlich zugesprochene Macht verfassungsmäßig ausüben, werden sie aus dem politischen Dasein weggefegt.“

Deshalb band England das Wahlrecht in Irland nunmehr an ein fünffach höheres Einkommen als bisher. Die Iren nahmen dies ruhig, wenn auch mit Bedauern, hin. Hatten sie doch nun, nach jahrzehntelangem Kampfe, endlich erreicht, daß ihre politische Knechtung beseitigt ward. Noch vor kurzem hatten Wellington und Peel beteuert: sie würden niemals und unter keinen Umständen die Hand zu der Katholiken-Emanzipation bieten. Jetzt hatte der überlegene Wille der irischen Nation über das Ministerium, über den König, über die öffentliche Meinung in England gesiegt. Am 2. April 1829 hatte Wellington gestehen müssen, das Gesetz sei in der Absicht eingebracht worden, den Ausbruch eines Bürgerkrieges zu verhüten.

*

Die törichten Befürchtungen, die man in England über die Wirkungen des Gesetzes hegte, gingen nicht in Erfüllung: katholische Abgeordnete würden fortan massenhaft ins Parlament strömen; wohlhabende Katholiken würden den protestantischen Wettbewerb beim Kauf jener Burgflecken, die noch immer das Wahlrecht [S. 225]hatten, überbieten. Ferner war — eine Folge der Union — die den Engländern sehr erwünschte Lage geschaffen, daß außer den irischen auch die englischen und schottischen Katholiken ihrer politischen Beschränkungen ledig wurden.

St. Patricks’-Kathedrale, Dublin.

Als das Parlament am 28. April wieder zusammentrat, nahmen im Oberhause 6 katholische Mitglieder Platz. Seit dem Jahre 1688 waren ihre Glaubensgenossen aus Oberhaus und Unterhaus verbannt gewesen — erst jetzt hörte die Entrechtung eines Teiles der englischen Bevölkerung nur des Glaubens wegen auf, weil Irland diese Ungerechtigkeit niedergekämpft hatte.

Die Sorge, das Unterhaus könne von Katholiken überschwemmt werden oder diese vermöchten sich im Leben der Nation unliebsam breit zu machen, erwies sich als unsinnig. Selbst für Irland galt dies trotz der Tatsache, daß wenigstens ¾ seiner Bevölkerung aus Katholiken bestanden. Auch hatten ja nur die einzelnen Katholiken politische Rechte erhalten — nicht die katholische Kirche als solche. Nach englischem Staatsrechte, das auch in Irland galt, war sie glattweg nicht vorhanden; erst 1869 hörte die Ungerechtigkeit auf, daß die englische Staatskirche, der in Irland nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung angehörte, alle Rechte besaß, während das Dasein der katholischen Kirche nur eben geduldet blieb. Ihre Geistlichen waren von des Sporteln abhängig, die ihnen die Pfarrkinder zahlten. Die anglikanische Kirche baute sich glänzende Häuser auf Kosten des armen irischen Volkes, das gezwungen war, dazu beizusteuern, aber nicht daran dachte, einen Schritt in diese Kirchen zu tun. Selbst dort, wo die Zahl der Protestanten nur wenige Dutzende betrug, die der Katholiken dagegen in die Hunderte oder Tausende ging, zog man diese zu den Lasten des Kirchenbaus für jene heran. Alle Gotteshäuser aber, die früher für die Katholiken gebaut waren, hatte die Staatskirche [S. 226]längst mit Beschlag belegt. In der St. Patrick-Kathedrale in Dublin, die den Brunnen umfaßt, in welchem der Heilige die ersten Christen getauft haben soll, feierte die englische Kirche ihre pomphaften Gottesdienste, während sich das irische Volk, das dicht daneben in engen Straßen um sein altes Heiligtum hauste, mit kümmerlichen Kapellchen zufrieden geben mußte. Ebenso war es im ganzen Lande: die großen, geräumigen, meist im gotischen Stil erbauten Kirchen der Minderheit schienen wenig besucht, während sich die Mehrheit mit winzigen, in späterer Zeit in Rokoko oder schlechtem griechischem Stile erbauten Meßhäusern behelfen mußte, die stets gedrängt voll waren.

9. Die Parlaments-Reform des Jahres 1832.

Traten mithin die gefürchteten Nachteile der Katholiken-Emanzipation in Irland nicht ein, so verdienen die günstigen Folgen, die sie der Ruhe des Landes brachten, starke Hervorhebung. Da dem irischen Volke ein lange gehegter Herzenswunsch erfüllt war, blieb es in den nächsten Jahren ruhig, während England bis in die Grundfesten von den Vorboten einer Revolution erschüttert ward, die schließlich nur dadurch vermieden wurde, daß im letzten Augenblicke eine tiefgreifende Reform-Gesetzgebung begann.

Die Juli-Revolution in Frankreich erregte die Geister auch in England. Im März 1831 sah sich der König gezwungen, durch ein Whig-Ministerium, das die Tories ablöste, ein Reform-Gesetz einbringen zu lassen, das, vom Unterhause mehrfach angenommen, vom Oberhause am 8. Oktober abgelehnt ward. Nun erhoben sich Unruhen, wie sie sich in Irland während der ganzen Agitation für die Katholiken-Befreiung nicht ereignet hatten. Die Paläste und Landsitze der Lords, die sich der Reform am meisten widersetzt hatten — namentlich Londonderrys und Newcastles — wurden durch das [S. 227]erbitterte Volk beinahe dem Erdboden gleichgemacht. Sie selbst waren den größten Mißhandlungen ausgesetzt. Der Herzog von Wellington mußte seine Wohnung verbarrikadieren. Mehrere Leidensgenossen befestigten ihre Schlösser, um sich gegen Angriffe zu verteidigen. Die Bischöfe, die sich gegen die Reform erklärt hatten, wurden verhöhnt und beschimpft, von einigen hängte man die Bildnisse auf oder verbrannte sie. Oft wurde die Revolution gepredigt. In Canterbury, dem Sitze des Erzbischofs-Primas von England, war an Straßenecken zu lesen: „Reform oder Revolution! Die Entscheidung ist da! Wollt Ihr, Mitbürger, es dulden, daß 200 verknöcherte Aristokraten Euch zu Sklaven machen?“ In mehreren Städten (so in Nottingham und Derby, am ärgsten aber in Bristol) brach die Revolution wirklich aus. Die Presse ermahnte die Bürgerschaft, sich zu bewaffnen und Vorkehrungen zu treffen, um einerseits die Tories zur Nachgiebigkeit zu zwingen, andererseits Plünderungs-Versuche des Pöbels zu verhüten. In London wurden die Posten der Reitergarde vor dem Palaste des Königs verdoppelt, Truppen im Parke aufgestellt und Kanonen aufgefahren. Ebenso bedenklich sah es in Schottland aus.

Kurzum: Großbritannien befand sich unverkennbar in dem ersten Akte eines Bürgerkrieges, der entsetzliche Folgen haben mußte. Vergleicht man damit die straffe Ordnung, die in Irland auch in den Zeiten der größten politischen Erregung geherrscht hatte, so kann man nicht zweifeln, welchem Volke die Palme für die Art gebührt, wie es seine politischen Wünsche durchsetzte.

Die Sturmzeichen in England waren zu deutlich, als daß nicht auch der König, der wie gewöhnlich hin und her geschwankt hatte, sie richtig hätte deuten müssen. Am 6. Dezember 1831 eröffnete er das Parlament mit einer Thronrede, die, den Wünschen der Nation entsprechend, die Notwendigkeit einer Parlaments-Reform [S. 228]in den bestimmtesten Worten aussprach. So wurde diese denn endlich zur Wirklichkeit. Es ist hier nicht der Platz, sie näher zu schildern. Ihre Bedeutung lag hauptsächlich darin, daß sie die gröbsten Ungerechtigkeiten der Wahlkreis-Einteilung abschaffte, indem sie die verrotteten Burgflecken beseitigte, deren Besitzer imstande gewesen waren, Abgeordnete ins Parlament zu schicken, während große, volkreiche Städte ganz unvertreten blieben.

Das wurde nun geändert — auch in Irland. Im übrigen gewann dieses durch die Reform nicht. Nach den neuen Bestimmungen belief sich 1832 die Zahl der Wähler in Großbritannien und Irland zusammen auf 812936, wovon auf Irland nur 92152, auf Schottland 64447, auf England und Wales jedoch 656337 entfielen. Da die Reform nicht etwa allen erwachsenen Männern das Stimmrecht gab, sondern dieses nach wie vor an ein bestimmtes Einkommen band, so erhielten von den 25 Millionen Bewohnern des Vereinigten Königreichs weniger als 1 Million das Stimmrecht, während ihre Zahl bei allgemeinem Wahlrechte 5–6 Mal mehr betragen hätte. Das Wahlrecht bemaß sich nach dem Land- und Haus-Ertrage; mithin bestand die Hauptmenge der Wähler aus Ackerbürgern und Hausbesitzern, während die Kleinbauern und alle Stadtbewohner, die nicht ein eigenes Haus besaßen, von der Wahlurne ausgeschlossen blieben. Es liegt auf der Hand, daß die Iren dadurch weit ungünstiger gestellt waren als die Engländer und Schotten.

Die Gesamtzahl der Abgeordneten betrug nun 658, wovon auf England und Wales 500, auf Schottland 53, auf Irland 103 entfielen. England und Wales besetzten also mehr als ¾ der Unterhaus-Sitze, obgleich nach dem Bevölkerungsanteil nur etwas mehr als die Hälfte (etwa 345) Abgeordnete aus England und Wales hätten entsandt werden dürfen.

[S. 229]

Irland erhielt 5 Abgeordnete mehr, als durch das Unions-Gesetz bestimmt war, während für 2 Burgflecken das Recht, einen besonderen Abgeordneten zu wählen, gelöscht ward. Statt wie bisher 100 entsandte Irland daher fortan 103 Mitglieder nach Westminster in das Unterhaus.

Von diesen 103 Abgeordneten waren 2 durch die Universität Dublin zu ernennen, 64 von 32 Grafschaften mit 60607 Wählern, 41 von 34 Städten und Flecken mit 31545 Wählern.

10. Neue Ungerechtigkeiten.

Führte die Regierung nun aber wenigstens die Katholiken-Emanzipation für Irland ehrlich durch? Durchaus nicht. Vier Jahre nachher gab es dort nicht einen einzigen Katholiken, der eine Stellung als Richter oder als besoldeter Friedensrichter gehabt hätte. Sämtliche Oberrichter, mit einer einzigen Ausnahme, waren Protestanten, ebenso die überwiegende Mehrzahl der unbesoldeten Friedensrichter und der großen Jury-Behörden, der 5 General-Inspektoren und der 32 Unter-Inspektoren der Polizei.

Whigs und Tories blieben den irischen Katholiken beinahe gleich feindlich. Daß die Tories, hatten sie die Macht in Händen, keinen Iren ins Ministerium berufen würden, war anzunehmen. Daß aber auch in einem Whig-Ministerium nicht ein einziger Irländer saß, war ebenso unentschuldbar, als daß man zum irischen Staatssekretär den geschworenen Irenfeind Lord Stanley machte, der es verstand, sich durch sein hochfahrendes und schroffes Wesen ungemein verhaßt zu machen.

An den Männern nun gar, die dem Widerstande Englands zum Trotze die Katholiken-Emanzipation erkämpft hatten, ließ die Regierung unverhohlen ihren Groll aus. Keiner von diesen Männern wurde [S. 230]in eine höhere Stellung berufen, keinem bewies die Regierung irgend welches Entgegenkommen. Durch das Emanzipations-Gesetz waren den Katholiken endlich die Rechtsanwalts-Stellen für die Obergerichte geöffnet worden. Ein so bedeutender Redner und Rechtsanwalt wie O’Connell hätte bei der Beförderung in diese Stellen nicht übergangen werden dürfen. Gerade dies aber geschah mit voller Absicht.

Durch solche Nadelstiche und durch die fortgesetzte Mißachtung, der die Katholiken seitens der Regierung ausgesetzt waren, stieg die Erbitterung von neuem. Wenn O’Connell nun erklärte, Irland habe von einem englischen Parlamente keine Gerechtigkeit zu erwarten, so stimmten ihm seine Glaubensgenossen nebst einem großen Teile der irischen Protestanten bei.

Infolgedessen trat der Katholiken-Verein alsbald unter anderem Namen und neuen Formen wieder ins Leben. Das Ziel war nun: die Beseitigung der Union! Zwar unterdrückte der Statthalter den neuen Verein und verbot die Versammlungen, die O’Connell abzuhalten versuchte. Auch verfolgte man diesen Mann, der die öffentliche Meinung der Insel kraftvoll zu organisieren und zu erziehen suchte. Indessen zeigte er sich allen Schikanen und Bedrückungen so überlegen, daß es bald klar wurde: hier hatte die englische Regierung ihren Meister gefunden.

[65] Lecky: Vier Essays. S. 183 f.

[66] Brosch: Geschichte von England. Band 10, S. 204.

Jugendstil-Ornament

[S. 231]

Kopfvignette,   florales Muster

6. Buch:
Der Befreier.

1. Der „Befreier“. — 2. Seine Macht über die Gemüter. — 3. Englands Haß gegen ihn. — 4. Sein Aeußeres. — 5. Er erzieht Irland zum Selbstbewußtsein. — 6. Seine juristische Geschicklichkeit im Kampfe gegen England. — 7. Demokratisierung Irlands. — 8. Spott und Hohn gegen England.

„Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren“.

Goethe: Maximen und Reflexionen.

1. Der Befreier.

Seit O’Connell durch die kühne Taktik der Wahl zu Clare die Sache der Katholiken zu schnellem und überraschendem Siege geführt hatte, nannten ihn seine dankbaren Glaubensgenossen den „Befreier“ (Liberator). England dagegen haßte ihn aus vollem Herzen. Selten hat ein Mensch gelebt, der gleichzeitig so viel Liebe und so viel Haß auf sich sammelte. Zwar bewunderten ihn nicht alle Iren, während die Parteien Englands in ihrer Abneigung gegen ihn fast einig waren. Von der Parteien Gunst und Haß verzerrt, schwankt sein Charakterbild noch heute in der Geschichte. Der Nicht-Engländer aber wird zugestehen müssen, daß dieser Mann trotz allen Schwächen selten die Kennzeichen der Größe vermissen ließ und daß er für sein Volk Unendliches erreichte — wenn auch sein Lebenswerk plötzlich, durch eigene Schuld und durch äußeres Unglück vernichtet, in Trümmer sank.

[S. 232]

England benahm sich gegen ihn, der für sein Volk zweifellos das Höchste anstrebte, es zu gewaltiger Willensanspannung fortreißend und eine ungeheure Arbeitskraft in seinen Dienst stellend, mißgünstig und kleinlich. Als er nach Annahme des Emanzipations-Gesetzes seine Zulassung ins englische Unterhaus begehrte, weil er in Clare gewählt sei, wurde ihm dies verweigert, da er den Suprematseid nicht leisten wollte. Zwar schrieb das Emanzipations-Gesetz vor, daß die Katholiken von diesem Eide befreit seien und nur den Treueid zu leisten hätten. Da jedoch O’Connell gewählt war, bevor das Emanzipations-Gesetz angenommen war, so behauptete die Regierung, und das Unterhaus trat dieser unwürdigen Haltung bei, O’Connell müsse entweder den alten Suprematseid leisten oder sich einer Neuwahl unterziehen.

Er wählte das letztere. Die Wogen der Erregung, die sich in Irland soeben erst gelegt hatten, gingen also von neuem hoch. Gleichzeitig gaben die wirtschaftlichen Verhältnisse Anlaß zu schwerer Sorge, sodaß alle Vorbedingungen zu erneuter Reibung gegeben waren.

Dennoch kam es, abgesehen von einzelnen Ausschreitungen zwischen den Orange-Männern und den ihnen verhaßten Katholiken, nicht zum Aufruhr. Dazu hatte O’Connell seine Leute zu fest in der Hand.

2. Seine Macht über die Gemüter.

Denn die Macht, die dieser Mann über die Gemüter seines Volkes ausübte, war grenzenlos. In der Geschichte der politischen Massen-Beherrschung nimmt er den höchsten Rang ein. Nur wenige Volksführer kamen ihm an Einfluß gleich, doch erstreckte sich ihre Wirkung infolge ungünstigerer Verhältnisse in der Regel nicht so weit. O’Connell gebot über das irische Volk durch ein ganzes Menschenalter, [S. 233]Lassalle führte die deutsche Arbeiterschaft nur ein paar Jahre, bevor ihn im Duell die Kugel niederstreckte.

Trat O’Connell vor irgend eine irische Versammlung, so herrschte augenblicklich das tiefste Schweigen. Kaum hatte er begonnen zu sprechen, so waren die Seelen der Zuhörer Wachs in seiner Hand. Dann konnte er sie modeln, wie er wollte. Bezaubert hingen die Menschen an seinem Munde. Was er sprach und wie er sprach, machte ihn zu ihrem Abgott. Freude und Hoffnung, Leid und Schmerz, Zorn und Wut rief er mit unbedingter Meisterschaft hervor. Mit sicherer Hand führte er die Hörer von der Niedergeschlagenheit zur Begeisterung oder entflammte sie, die eben noch über einen Witz gelacht hatten, zu heiliger Entrüstung.

Solche Wirkungen konnte nur ein Mann erzielen, der über mehr als die gewöhnlichen Kunststücke des Redners verfügte. Hätte O’Connell seine Reden vorher eingelernt, sie etwa gar vor dem Spiegel in Haltung und Gebärde ausgeprobt, so mochte er eine Versammlung wie das britische Parlament, die an Schönrednerei gewöhnt ist und sich daran berauscht, zum Beifall hinreißen, nicht aber jede einzelne Volksmenge, vor die er trat. Diese entflammte er gerade dadurch, daß man deutlich spürte, wie er jeden Gedanken im Augenblicke formte, jedes Wort, das ihm aus der Masse entgegenschallte, auffing und mit einem Witz zurückwarf oder es zum Gegenstand einer kleinen Rede in der großen machte. Den Plan dessen, was er einer Zuhörerschaft sagen wollte, hielt er fest — aber die Reihenfolge und den Ausdruck im einzelnen bestimmte der Augenblick. Deshalb war es unmöglich, ihn aus der Fassung zu bringen, und in der Debatte gab es keinen schlagfertigeren Gegner. Immer war seine Rede klar und lebensprühend, und eben durch diese Frische schlug er jeden gelernten Redner aus dem Felde.

Als der echte Mann des Volkes aber kannte er keine [S. 234]Schranken. Ihm kam es auf die Wirkung an — wie er sie erzielte, war gleichgültig. Ungeachtet der Richtung auf ein hohes Ziel scheute er nicht davor zurück, auch derbe Mittel zu gebrauchen. Trotz seiner Gutmütigkeit konnte er sehr heftig werden — falls er dem Gegner nicht mit vernichtendem Spotte so zu Leibe ging, daß er der wirklichen Keulen-Schläge nicht mehr bedurfte. Die Engländer nannte er mit Vorliebe „Sachsen.“ Gegen die Grundlagen und Art ihrer Herrschaft führte er die schärfste Klage. Die Irländer, die sich dem Joche beugten, nannte er Sklaven und Feiglinge. Kampf gegen England war ein häufiger Gegenstand seiner Reden. Das sächsische Joch abzuschütteln, Irland den Iren wiederzugeben, stellte er unverhohlen als Ziel hin. Als Mann des Volkes kam ihm wenig darauf an, ob seine Sprache sorgsam gefeilt, die Wahl seiner Bilder geschmackvoll, sein Ausdruck fein war. Er wußte, daß große Massen am leichtesten mit handfestem Humor zu gewinnen sind.

3. Englands Haß gegen ihn.

Trieb man ihn aber in einer feindlich gesinnten Versammlung, etwa dem britisches Parlamente, in die Enge, so wehrte er sich wie ein Stier. Mehr als einmal rief er einen Aufruhr hervor, wie ihn — nach der Schilderung Macaulays, der die Dinge allerdings etwas zuspitzt — kein Pöbel im Covent Garden-Theater (dem größten Londoner Volkstheater) und kein Haufe von Chartisten jemals verursachte. Indessen gaben O’Connells Gegner ihm wenig nach; beispielsweise war Lord Maidstone bei einer dieser Szenen (wieder nach Macaulay) „so ungezogen, daß ich glaube, er muß betrunken gewesen sein.“ Man unterbrach O’Connell in seiner Rede beständig, sodaß er seinen Gegnern den Vorwurf ins Gesicht schleuderte, sie störten ihn durch „tierisches Grunzen.“ Darob furchtbarer Lärm. Von beiden Seiten [S. 235]wurde mit den Fäusten gedroht und mit aller Lungenkraft geschrieen. Der Präsident mußte eingreifen. Lord Maidstone erklärte: wenn das Wort tierisch zurückgenommen werde, erkläre er sich befriedigt; worauf O’Connell antwortete: ihn kümmere es nicht, ob der edle Lord befriedigt sei oder nicht. In diesem Tone ging das Zwiegespräch weiter. Als der Präsident das Wort „tierisch“ rügte, war O’Connell, wie aus der Pistole geschossen, mit der Antwort bei der Hand: er habe noch niemals von einem Grunzen gehört, das nicht tierisch sei. Gegen 6 Uhr nachmittags hatte die Aufregung begonnen — mit geringer Unterbrechung brüllten die Kämpen auf beides Seiten bis 1 Uhr nachts.⁠[67]⁠

Solche Dinge waren nie ausgeschlossen, wenn O’Connell auf einen Gegner stieß, den er nicht im Handumdrehen abtun konnte. War er doch eine jener Kampf-Naturen, die den Streit beinahe als Lebenselement brauchen. Da er seine Worte nicht abwog und dies, je größeren Einfluß er gewann, um so weniger lernte, häufte er Feindschaft und Erbitterung ohne Maß auf sein Haupt. Er war (geboren 1775) kein Jüngling mehr, als es 1815 zwischen dem Leutnant D’Esterre und ihm wegen der Bezeichnung „bettelhaft“, deren sich O’Connell gegen die Stadtverwaltung von Dublin bedient hatte, zum Duell kam. Bei dem ersten Schusse fiel D’Esterre. Noch in demselben Jahre forderte der Unterstaats-Sekretär Sir Robert Peel O’Connell wegen einiger scharfer Ausdrücke, die er gegen seine amtliche Tätigkeit gerichtet hatte. Auf Veranlassung seiner Frau jedoch ward der Geforderte zu rechter Zeit ins Gefängnis gebracht und verpflichtete sich dann vor Gericht, sich friedfertig zu verhalten.

[S. 236]

4. Sein Aeußeres.

Zu der ungeheuren Wirkung, die O’Connell auf die Volksmassen übte, trug nicht wenig sein Aeußeres bei. Schien er doch von der Natur zum Herrschen gebildet. Wohl hat es unscheinbare Männer gegeben, die schließlich zu bedeutender Wirksamkeit gelangten. Allein das waren stets Ausnahmen, die sich nur durch besondere Umstände erklären. Ein buckliger Feldherr läßt sich denken — ein verwachsener Redner kaum. Ohne Stimme vollends ist ein Redner undenkbar. O’Connell war von der Natur liebevoll ausgestattet. Mit seiner Stimme beherrschte er mühelos die allergrößten Versammlungen. Ohne Anstrengung konnte er sie zum Donnerrollen anschwellen lassen, um die wildeste Erregung hervorzurufen — um im Augenblicke darauf mit zartestem Tone zu sprechen, der die Gemüter zur Weichheit stimmte.

Auch ragte er über das Mittelmaß hinaus. Ein gewaltiger Oberleib, viel zu groß eigentlich für den Unterkörper, machte ihn im Sitzen beinahe um einen Kopf größer als seine Mitmenschen. Und in diesem Kopfe rollten unter einer hohen Stirne heiße, gebieterische Augen.

So sehr ihm die Kunststücke des Schönredners verhaßt waren, verschmähte er doch keines der Mittel, die Eindruck auf die große Menge machen. Gern trat er als großer Herr auf. Nach Durchsetzung der Katholiken-Emanzipation liebte er es, in das englische Unterhaus an der Spitze von Söhnen, Neffen und Schwiegersöhnen wie das Haupt eines Clans einzutreten. Setzte er den Fuß in eine irische Versammlung, so verstummte augenblicklich alles — und er forderte dies. Die Massen-Versammlungen, die er mit großartigem Geschick ins Leben rief und mit unbedingter Meisterschaft leitete, gaben ihm einen Hintergrund, wie ihn kein Mann jener Zeit besaß. Ueberdies hatte er nichts dagegen einzuwenden, betrachtete man ihn als den großen Herrn. [S. 237]Es kitzelte seine Eitelkeit, auf großem Fuße zu leben; zugleich wußte er, daß auch dies zu der Wirkung beitrug und seine Sache ihrem Ziele näher brachte. Deshalb nahm er die freiwillige Steuer, die sich sein Volk für ihn auferlegte, mit einer großen Gebärde ohne weiteres an; deshalb hielt er in seinem Landschlosse, der Abtei Derrinane an der Küste des Atlantischen Meeres, Hof wie ein „sächsischer Lord“; deshalb besaß er eine Meute wie Lord Rowden auf Tullimore; deshalb fuhr er vierspännig wie der englische Statthalter.

5. O’Connell erzieht Irland zum Selbstbewußtsein.

Ein solcher Mann war notwendig, sollte den entmutigten, rechtlosen, armen und aller politischen Hoffnung beraubten Katholiken das Bewußtsein ihres guten Rechtes und das Vertrauen auf eine bessere Zukunft wiedergeschenkt werden. Als er nun gar die Katholiken-Emanzipation England wie im Sturmlaufe abgerungen hatte, — demselben England, das niemals einen Wunsch Irlands erfüllte, ohne in äußerster Bedrängnis zu sein — da kannte der Jubel keine Grenzen.

In der irischen Nation ging damals eine bedeutsame Wandlung vor sich. Während des 18. Jahrhunderts — vielleicht mit Ausnahme der kurzen Erregung über die Ausbeutung durch die Woodschen Kupfermünzen — hatten sich an den politischen Bewegungen Irlands zunächst nur die Protestanten, später neben ihnen, zuerst einigermaßen zaghaft, auch die oberen Schichten der Katholiken beteiligt. Dagegen hatte die Masse des Volkes an der Politik kein Interesse genommen und kein Interesse nehmen können, weil sie nichts war als eine Menge von Hörigen, deren Wohl und Wehe in der Hand ihrer Grundherren lag, so daß sie selbst den leisesten Versuch, an dem politischen Leben teilzunehmen, etwa gar Forderungen zu stellen, teuer hätten bezahlen müssen. Jetzt geschah [S. 238]auf der Insel zum ersten Male eine Demokratisierung des öffentlichen Lebens. O’Connell war es, der mit dem Scharfblicke und der Sicherheit des geborenen Führers die Menge um sich schaarte, das ganze Land zur politischen Bewegung organisierte und die Masse des Volkes aus einer furchtsamen Sklavenherde in die geschlossenen Bataillone eines Heeres umformte, das die politischen Rechte forderte, die ihm bisher verweigert worden waren.

6. Seine juristische Geschicklichkeit im Kampf gegen England.

Dazu bedurfte es außer der Geschicklichkeit des Redners und außer einer unverwüstlichen körperlichen Widerstandsfähigkeit einer Eigenschaft, ohne die sich der Kampf gegen den verbissenen Widerstand der englischen Regierung nicht führen ließ. Nur ein Rechtsanwalt, der alle Kniffe und alle Schliche kannte, durch die sich die Bestimmungen des Gesetzes umgehen ließen, vermochte in diesem Kampfe mit einem gerissenen, übelwollenden Gegner zu siegen. Was hatte die Beredsamkeit eines Grattan oder eines Plunket für Irland erreicht? Nur 1782, da England, in den amerikanischen Revolutions-Krieg verwickelt, nicht wagen durfte, einen Zusammenstoß mit Irland herauf zu beschwören, war es dessen Wünschen entgegengekommen. Sobald jedoch das britische Reich nicht mehr unter diesem Drucke stand, hatte auch jede Rücksicht auf Irland ein Ende. Gegen die Union fruchtete keine der feierlichen Beschwörungen, die alle hervorragenden Männer Irlands erhoben. Sie mochten reden, was sie wollten — England tat, wozu es von vornherein entschlossen war. Die niederträchtige Art, in der die Union unter scheinbarer Innehaltung aller gesetzlichen Vorschriften dem irischen Volke unter den Formen rechtens auferlegt war, schmetterte die Nation um so tiefer zu [S. 239]Boden, als sie von neuem erkannte, daß gegen solche Hinterhältigkeit mit ehrlichen Waffen nichts auszurichten war.

Dagegen konnte sich nur ein Advokat erfolgreich wehren, der sich auf den Boden dieser Kampfmittel stellte, indem er das Recht nicht als die hehre Göttin der Gerechtigkeit ansah, sondern als die Schutzherrin äußerlicher Formeln und Vorschriften, die sich beugen oder umgehen ließen. Das Recht konnte in diesen Fällen — dies war Englands Schuld — dem Irländer nichts anderes bedeuten als ein System von Fußangeln, mit denen man nicht in Berührung kommen durfte. Umging man sie vorsichtig, trat man nur mit den Fußspitzen neben sie, bewegte man sich, um ihnen zu entweichen, mit Körperverdrehungen vorwärts, so mochte man das Ziel erringen — nicht aber, wenn man wie Grattan aufrechten Ganges darauf losstrebte. Es kam in erster Linie darauf an, sich von den Fangarmen des Gesetzes nicht erwischen zu lassen.

Das hatten die Engländer mit ihrem Knechtungs-System in Irland erreicht! Ein Teil der Bedeutung O’Connells liegt in dieser traurigen Tatsache, daß er als gerissener Advokat länger als ein Menschenalter den Schlingen zu entgehen wußte, die man ihm persönlich und seiner Bewegung um den Hals zu werfen suchte, daß er also die schwachen Stellen des Gesetzes herausfand und in jedem einzelnen Falle blitzartig erkannte, ob es klüger sei, sich dem vorhandenen Gesetze zu beugen oder ihm ein Schnippchen zu schlagen.

Diese Geschicklichkeit, den Maschen des Rechtswesens zu entgehen oder ein neues Gesetz mit allen Mitteln der parlamentarischen Taktik „vierspännig“ durchzubringen, war jedoch keineswegs eine Eigenschaft, die erst O’Connell ausgebildet hätte. Vielmehr waren die Engländer in dieser Kunst schon lange groß — nur fanden sie jetzt in O’Connell ihren Meister. Schon [S. 240]bevor er seine politische Tätigkeit begann, übernahm er gern jeden Rechtsstreit, der mit politischen und religiösen Fragen zusammenhing. Bald war er der volkstümlichste Rechtsanwalt in ganz Irland. Nachdem sein Katholiken-Verein bewiesen hatte, daß die vorhandenen Gesetze, wurden sie vor Gericht tatkräftig und geschickt ausgenutzt, nicht immer nur Protestanten, Grundherren und Engländern zugute kommen mochten, hoben sich das Vertrauen und das Selbstbewußtsein des irischen Volkes — während man in England diese Wandlung mit Sorge bemerkte.

Wenige Jahre darauf, als die Bewegung für die Katholiken-Emanzipation machtvoll emporstieg, und gar als sie ihr Ziel in überraschend kurzer Zeit erreichte, gab es in England keinen verhaßteren Mann denn O’Connell. „He is a regular robber!“ (Er ist ein regelrechter Räuber) war ein Vorwurf, den man häufig gegen ihn schleuderte. Daß ein Engländer für die politischen Dienste, die er seiner Nation leistete, von dieser eine Schenkung erhielt und unbedenklich annahm, war selbstverständlich. Wie kam aber ein Irländer dazu? Zuerst mit Aerger, dann mit Wut beobachtete man seine Fortschritte. Daß er nun gar nach der Katholiken-Emanzipation nicht stehen blieb, sondern beinahe augenblicklich die Agitation für ein noch höheres Ziel begann, machte ihn in England grenzenlos verhaßt.

7. Demokratisierung Irlands.

Noch zwei wichtige Umstände trugen dazu bei. Die irischen Vaterlands-Freunde, die früher gegen England gekämpft hatten, taten dies entweder mit den Waffen in der Hand oder durch Reden im Parlamente. In das Volk hinaus trugen sie ihre Tätigkeit nicht. O’Connell dagegen rührte das ganze Land auf. Beständig war er unterwegs, um [S. 241]heute hier, morgen dort eine Versammlung abzuhalten; und wo er nicht war, taten seine Getreuen für ihn das Gleiche. Alle früheren politischen Bewegungen hatten sich auf wenige Mittelpunkte des städtischen Lebens beschränkt, oft gingen sie nicht einmal über die Hauptstadt hinaus. O’Connell aber trug die Bewegung über das ganze Land. Ueberall, wohin die Einwohner eines Bezirkes strömen konnten, sorgte er in bestimmten Zwischenräumen für Versammlungen, deren Ueberwachung der Regierung große Schwierigkeiten machte. Und das allerunangenehmste: es ging bei allen diesen Versammlungen so ruhig und ordentlich zu, daß die Polizei niemals, buchstäblich in keinem einzigen Falle, Gelegenheit zum Einschreiten fand!

Porträt Daniel O’Connells, in einem Sessel sitzend

8. Spott und Hohn gegen England.

Außerdem aber verfügte O’Connell über eine Waffe, die noch kein irischer Redner gegen England erhoben hatte. Grattans Reden, für die er sich als Muster den älteren Pitt vor Augen stellte, waren in ihrer Art großartig und eindrucksvoll. Aber ihr Pathos hatte keine empfindliche Stelle in der englischen Seele berührt. Jetzt trat auf den Kampfplatz ein Redner, der gegen England Witz und Hohn, blutigen Spott und vernichtende Satire wagte. Diese Waffe, spitz und scharf, durchdrang die Brust auch des hochmütigsten Engländers. Wirkte O’Connell auf das irische Volk durch die Macht seiner Persönlichkeit, durch die fabelhafte Sicherheit, mit der er eine ganze Stufenleiter von Gefühlen in dessen Brust weckte, sowie durch das Bewußtsein, daß er es mit der allgemeinen Sache grundehrlich meinte und sich ganz und voll dafür einsetzte — so brachte er der englischen Nation, der er als Gegner zu Leibe ging, die schärfsten Wunden bei, indem er ihre empfindlichste Stelle, den [S. 242]Dünkel, nicht nur nicht schonte, sondern die Stöße seines Degens kaltblütig und rücksichtslos gerade auf diese richtete, die bisher noch kaum ein Ire verwundet hatte.

So rief er in der großen Versammlung auf dem Königshügel in Tara: „In dem letzten Kampfe (gemeint war der Aufstand des Jahres 1798) wurde Irland betrogen, weil es an die Ehre Englands glaubte. Aber o! Englands Ehre soll uns nicht wieder betrügen. Ich würde ebenso gut dem Neffen einer gewissen Persönlichkeit mit Hörnern und Pferdefuß (gemeint war der Teufel) vertrauen.“

[67] Trevelyan: Life and letters of Macaulay. Bd. 2, S. 76.

Schlussvignette,   stilisierte Rose

[S. 243]

Kopfvignette,   florales Muster

7. Buch:
Die Widerruf-Bewegung.

1. Irland ist mit der Union nicht zufrieden. — 2. Niederlage O’Connells im englischen Parlamente. — 3. O’Connells erfolgreicher Kampf für englische Reformen. — 4. Die Widerruf-Bewegung außerhalb des Parlamentes. — 5. Die friedliche Agitation. — 6. Die Widerruf-Gesellschaft. — 7. Englands Aerger über die freiwillige Widerruf-Steuer. — 8. Das felsenfeste Vertrauen Irlands. — 9. Kein Kompromiß! — 10. Die Riesenversammlungen. — 11. Besorgnis der englischen Regierung. — 12. Die Krisis. — 13. Der Staatsprozeß gegen O’Connell. — 14. O’Connells Tod. — 15. Das Scheitern der Widerruf-Bewegung. — 16. Ließ sich das Ziel ohne Gewalt erreichen?

„Das Beste, was man über die für Irland erlassenen Gesetze sagen kann, ist, daß sie gut genug für Irland sind, während man, hätten sie für England gegolten, nicht 6 Monate lang erlaubt haben würde, daß sie Gesetz blieben.“

Oberrichter Palles.

1. Irland ist mit der Union nicht zufrieden.

Dieser Mann, gegen dessen agitatorische Geschicklichkeit selbst die englischen Zwangsgesetze (Coërcion Acts) nichts vermochten, schien die letzten Worte, die Grattan im irisches Parlamente gesprochen, wahr zu machen: „Die Verfassung mag eine Zeit lang verloren sein, aber der Charakter des Volkes kann nicht verloren gehen. Die Minister der Krone dürften wohl schließlich herausfinden, daß es nicht so leicht ist, eine alte ehrenwerte Nation durch noch so große Kunstgriffe oder durch noch so unwiderstehliche Bestechung für immer niederzuhalten. Die Freiheit wird ihre goldenen Strahlen wieder erlangen und mit verdoppelter Wärme das Land beleben. Gegen ihre Grundsätze wird sich die Stimme der Staatstreue nicht lange behaupten. Staatstreue ist ein edler, sinniger und weit umfassender Grundsatz, aber in diesen Ländern ist Staatstreue ohne Freiheit Korruption, nicht Staatstreue. [S. 244]Das leere Wort ‚Union‘ wird am Ende gegen die Grundsätze der Freiheit nicht Stich halten. Union ist eine kluge und tiefe Politik, aber Union ohne ein irisches Parlament ist Verbindung ohne ihren eigenen Grundsatz, ohne Gleichförmigkeit der Bedingung, ohne den Stolz der Ehre, der sie begleiten muß — ist Neuerung, ist Gefahr, ist Unterjochung — nicht Vereinigung..... Vereinigung ist ein gediegener und herrlicher Grundsatz für die Erhaltung der Freiheit, notwendig für die des Gesamtreiches; aber ohne Vereinigung der Herzen, ohne eine besondere Regierung, ohne ein besonderes Parlament bedeutet Vereinigung Zerstörung, Ehrlosigkeit, Eroberung — nicht Vereinigung. Doch ich gebe mein Vaterland nicht verloren. Ich sehe es in einer Ohnmacht, aber es ist nicht tot.“

Daß es bei der Union sein Bewenden nicht haben durfte — diese Ueberzeugung war in Irland niemals erstorben. Hatte sich der Absicht der Regierung, aus der Personalunion eine staatsrechtliche Vereinigung beider Länder zu machen, fast die gesamte öffentliche Meinung widersetzt, so ließ sich nicht erwarten, sie werde sich mit der durch Betrug und Bestechung herbeigeführten Tatsache beruhigen. Kurz nachdem die Union in Wirksamkeit getreten, zeigte sich daher bereits eine Bewegung, die auf Wiederherstellung des früheren Zustandes abzielte. Daß sie zunächst von protestantischen Tories und von Orangemännern ausging, bewies, daß nicht eine Klasse der Bevölkerung von diesem Wunsche frei war. Ein tiefer Unwille durchdrang alle Schichten und machte sich bald in dieser, bald in jener Form Luft.

1810 erklärte die Groß-Jury in Dublin, daß „die Union ein großes Unglück geschaffen habe und daß zu befürchten stehe, sie werde, wenn nicht widerrufen, anstatt die Verbindung zwischen den Schwesterländern zu befestigen, dieselbe gefährden.“ In demselben Jahre bat [S. 245]eine Volksversammlung in Dublin Grattan, der die Stadt im englischen Parlamente vertrat, sich der Sache des Widerrufs anzunehmen, worauf er brieflich erwiderte, eine solche Agitation könne nur Erfolg haben, wenn sie vom Volke unterstützt werde — sei dies der Fall, so würde er dem Verlangen gern willfahren und die auf Widerruf abzielenden Bittschriften dem Parlamente überreichen; er glaube, daß dies mit der Eintracht zwischen England und Irland durchaus vereinbar sei.

Bei einer anderen Gelegenheit antwortete Grattan einer Abordnung: „Meine Herren, der beste Rat, den ich meinen Mitbürgern stets geben kann, ist, fortwährend an der Union zu rütteln.“

Grattan war jedoch zu alt, als daß er die Sache des Widerrufs im englischen Parlamente mit Aussicht auf Erfolg hätte vertreten können. In England lehnte man jeden Hinweis darauf ab. Dort hielt man selbst den Gedanken für lächerlich, es könne jemand im Ernst an die Auflösung der Union denken, d. h. an die Rückbildung des staatsrechtlichen Bandes, das Irland zur Bedeutungslosigkeit verurteilte, in eine Personalunion, die ihm abermals das Recht verliehen hätte, über seine eigene Politik zu bestimmen.

Es war O’Connell, der den Engländern diesen Irrtum benahm. Mit zäher Treue hielt er an dem Ideal seiner Jugend fest. Erinnern wir uns seiner Jungfernrede aus dem Jahre 1799: „Möge jeder, der mit mir das Gleiche fühlt, laut verkünden, daß, wenn uns die Wahl gelassen würde zwischen der Union und der Wiedereinführung der Strafgesetze mit allen ihren Gräueln, er ohne Zögern die letzteren, als das kleinere und erträglichere Uebel, annehmen und lieber auf die Gerechtigkeit seiner Brüder — der Protestanten in Irland — die ihn schon befreit haben, vertrauen würde, als daß er sein Vaterland dem Fremden gefesselt vor die Füße legte.“

[S. 246]

Drei Jahrzehnte waren darüber vergangen. O’Connell wußte, daß eine kleine, schwache, unbeachtete Bewegung die Sache des Widerrufes nicht erreichen, möglicherweise vielmehr lächerlich machen könne. Er wartete daher — bis es Zeit war.

Kaum jedoch war die Katholiken-Emanzipation angenommen, so löste er, dem Stoße seiner Gegner geschickt ausweichend, den Katholiken-Verein auf und rief ihn unter neuem Namen wieder ins Leben. Schon am 18. Oktober 1830 erließ der Statthalter, voller Sorge über die neue Agitation, eine Bekanntmachung, durch die er die Versammlungen einer Gesellschaft verbot, „die zum Zwecke der Durchsetzung des Widerrufes der Union unter dem Namen der ‚Irischen Gesellschaft für gesetzliche und gesetzgeberische Hilfe‘ (Irish Society for Legal and Legislative Relief) oder der ‚Gesellschaft gegen die Union‘ (Anti-Union-Society) gebildet worden sei.“

Am 27. Dezember ward aus dem gleiches Grunde eine Prozession verboten, die von den Gewerbe-Vereinen durch die Straßen Dublins geplant war. Die Prozession sei der öffentlichen Ruhe gefährlich!

Jenes Knebel-Gesetz hatte vom 5. März 1829 bis zum Schlusse der nächsten Sitzungsperiode des Parlamentes Gesetzeskraft. Es erlosch im April 1831 und wurde nicht erneuert. England fürchtete wohl, durch so kleinliche Beschränkung nur neues Oel ins Feuer zu gießen. Es mußte zähneknirschend dulden, daß sich O’Connell zum „Friedensstifter in Irland“ aufwarf und dem Vereins-Gesetze ein Schnippchen schlug, indem er wöchentlich einmal mit seinen Freunden zu einem öffentlichen Frühstücke in Homes Hotel zusammenkam. Auch diese Versammlungen erklärte der Statthalter für gesetzwidrig. Allein O’Connell ließ sich nicht irre machen — unter immer neuen Formen tauchte seine Bewegung immer wieder auf. Eine ganze Kette von [S. 247]Vereinen, alle mit verschiedenem Namen, aber alle mit demselben Ziele, traten ins Leben — um vom Statthalter aufgelöst und von O’Connell sofort durch eine neue Form ersetzt zu werden.

Wie wenig die Irländer in ihrem eigenen Lande zu sagen hatten, zeigte sich auch sonst zum Ueberdruß. 1832 wurde im englischen Parlamente die Zehntenfrage verhandelt. Im März ging trotz dem Widerspruche irischer Parlamentsmitglieder ein Gesetz durch, das die Regierung ermächtigte, der durch die Zehntenverweigerung im katholischen Volke in Irland notleidend gewordenen anglikanischen Geistlichkeit 60000 £ vorzustrecken und zum Ersatze dieser Summe von den Zehntpflichtigen die im Vorjahre aufgelaufenen Rückstände einzutreiben. Milizen, Polizei und regelrechte Truppen halfen nach Kräften mit. An mehreren Orten kam es zu blutigen Zusammenstößen. Dennoch ließen sich von den 100000 £, die im ganzen fällig waren, nur 12000 eintreiben. Schließlich mußte selbst der Statthalter einsehen, daß es so nicht ging. Obwohl er aber ein Schreiben an das Ministerium richtete, um die Dringlichkeit der sofortigen Aufhebung des Zehnten zu betonen, ließ er sich doch zu der Drohung hinreißen: um die Iren mürbe zu machen, müßten Irlands Häfen blockiert werden, so daß alle Ausfuhr irischer Güter nach England aufhöre.

Das war denn doch selbst den Tories in Irland zu viel. Einer von ihnen, ein strenggläubiger Anglikaner, erwiderte auf die Drohung, die im Munde eines Statthalters, der über den Parteien stehen sollte, besonders erbärmlich klang: „Wenn der tapfere Vizekönig den Handelsverkehr zwischen beiden Ländern unterbricht und uns verhindert, Schlachtvieh, Butter und Getreide nach England auszuführen, glaube ich wahrhaftig, daß wir in einer so furchtbaren Kalamität es dahin bringen, diese Ausfuhrgüter selbst aufzuessen; dagegen [S. 248]würde es auch die Kräfte John Bulls übersteigen, ein Sheffield-Messer, eine Worcester-Teekanne oder einen Kidderminster-Teppich zu kauen und zu verdauen!“

2. Niederlage O’Connells im englischen Parlamente.

Als O’Connell in das englische Parlament einzog, erkannte er bald, daß es unklug wäre, die Frage des Widerrufes hier sofort anzuschneiden. Einmal waren beinahe alle englischen Politiker ohne Ausnahme für den bestehenden Zustand eingenommen. Die Erklärung eines Ministers, „das englische Volk werde sich dem Widerrufe bis auf den Tod widersetzen“, schien deutlich zu zeigen, daß jeder verfassungsmäßige Antrag, der die Auflösung der Union bezweckte, vergeblich sein und daß auch eine Bewegung außerhalb des Parlamentes keinen Erfolg haben würde. Zudem ist es eine Eigentümlichkeit nicht nur des englischen Parlamentes, nur daß sie in ihm besonders deutlich in Erscheinung tritt, daß es sich niemals an die Spitze einer Reformbewegung stellt, vielmehr stets wartet, bis sie im Lande so großen Anklang gefunden, daß sie sich durch Parlamentsbeschlüsse nicht mehr ertöten läßt. Ein Parlament, das vorwiegend aus älteren Männern besteht, huldigt in der Regel den Idealen, die vor ein paar Jahrzehnten, im Durchschnitt vielleicht vor einem Menschenalter, volkstümlich waren. Neue Bewegungen finden daher hier keine günstige Stätte. Zunächst muß die öffentliche Meinung gewonnen sein — dann läßt sich das Parlament zur Nachfolge bewegen.⁠[68]

So beschloß O’Connell, im Parlamente in Westminster die Frage des Widerrufes einstweilen nicht zur Entscheidung zu bringen. So sehr die englischen Abgeordneten spotteten, weshalb er denn [S. 249]über seinen Herzenswunsch nicht abstimmen ließe, verstand er sich nicht zu dem nutzlosen Experiment.

Nach kurzer Zeit jedoch war er von der öffentlichen Meinung Irlands gezwungen, dies trotzdem zu versuchen. Man war ungeduldig, sah nicht recht ein, warum O’Connell in der Heimat von der Notwendigkeit des Widerrufes sprach, während er im englischen Parlamente in der Frage stumm blieb, und zwang ihn 1834, vorzugehen.

Allerdings ging diese Bewegung nur von einem Teile seiner Anhänger (von Feargus O’Connor und dem „Freeman’s Journal“) aus. Die Mehrzahl der Katholiken stellte die Forderung nicht, weil sie unbedingtes Vertrauen zu O’Connell hegte. Die protestantischen Kreise hingegen waren von ihrem früheren Wunsche, die Union aufgelöst zu sehen, zurückgekommen, weil sich ihrer die von England genährte Furcht bemächtigt hatte, der Widerruf könne nach Durchführung der Katholiken-Befreiung zur Unterdrückung der Protestanten führen..

Als O’Connell 1834, dem Drängen jener Partei nachgebend, im Parlamente den Antrag auf Widerruf stellte, erlebte er, wie zu erwarten, eine völlige Niederlage. Außer ihm stimmte nur 1 Abgeordneter für den Widerruf, während die Gegner beinahe 500 Stimmen zählten.

Der Widerruf schien eine aussichtslose Sache.

3. O’Connells erfolgreicher Kampf für englische Reformen.

In den nächsten Jahren beschränkte sich O’Connell im Parlamente auf die Unterstützung der englischen Reformbewegungen. Man darf, will man ihm gerecht werden, diese Tätigkeit nicht übersehen. Wie Cavour das Königreich Sardinien am Krimkriege teilnehmen ließ, obwohl italienische Interessen dort kaum in Frage kamen, so wäre es für die irischen Abgeordneten [S. 250]in Westminster schon ein Gebot der Klugheit gewesen, auch in den rein englischen Angelegenheiten, über die sie infolge der Union mitzuentscheiden hatten, ihre Stimme abzugeben und ihren Einfluß zu üben. Allein O’Connell tat weit mehr als dies. In allen Fragen, in denen seiner Ansicht nach Gerechtigkeit oder Menschlichkeit ins Spiel kamen, kämpfte er ohne Rücksicht auf die Folgen, die sich daraus für Irland oder für ihn persönlich ergeben mochten, für die Seite, die ihm das Pflichtgefühl vorschrieb. Mit aller Entschiedenheit schloß er sich der Bewegung für durchgreifende Reformen an. Durch geschickte Agitation verstand er es, ihr nicht nur in den Großstädten des nördlichen England, sondern auch bei den schottischen Kalvinisten bedeutenden Anhang zu verschaffen, obgleich ihm die Zuhörerschaft hier mit tiefer nationaler Abneigung und mit starken religiösen Vorurteilen entgegentrat. Das Reformgesetz des Jahres 1832 wurde dadurch entschieden, daß er an der Spitze von 60 liberalen irischen Abgeordneten des Ausschlag gab.

Als die drei wichtigsten Maßregeln des englischen Parlamentes im 19. Jahrhundert gelten: die Katholiken-Emanzipation, das Reformgesetz des Jahres 1832 und die Aufhebung der Kornzölle. Daß die erstere bei der Lammesgeduld des irischen Volkes und dem verbissenen Widerstande Englands bereits 1829 und nicht erst Jahrzehnte später erreicht wurde, war dem Sturmangriffe O’Connells zu danken. Ohne ihn wäre die Beschlußfassung über das Reformgesetz des Jahres 1832 wahrscheinlich anders verlaufen. Für die Aufhebung der Kornzölle endlich trat er früh und mit dem größten Eifer in die Schranken, obwohl sie weit mehr dem Interesse des englischen als dem des irischen Volkes diente. Mithin verdankt England dem geschmähten Manne zum wenigsten die rastlose und tatkräftige Mitwirkung an den drei bedeutendsten [S. 251]und segensreichsten Beschlüssen seines Parlamentes im 19. Jahrhundert.

Wie aufrichtig er dem Gebote der inneren Pflicht folgte, ergibt ferner sein Eintreten für Abschaffung der Neger-Sklaverei in Nordamerika, die unter den Iren manche Freunde hatte. Beinahe selbstverständlich ist es, daß er die Beseitigung der Prügelstrafe im englischen Heere vertrat, daß er sich für die Aufhebung der Zeitungs- und Papiersteuer erklärte, die die Presse an der Ausbreitung hinderte, daß er eine Lanze für die Gleichstellung der Juden und für die Beschwerden der Polen brach, und daß er niemals eine Gelegenheit versäumte, die englischen und schottischen Liberalen zu unterstützen. —

Allmählich zeigte sich, daß die Stimmen, über die O’Connell im Parlamente verfügte, war ihre Zahl auch gering, hinreichte, diejenige Partei obsiegen zu lassen, auf deren Seite er trat. Im Parlamente und außerhalb wurde er alsbald eine Macht. Widerwillig mußte man dies zugeben; so daß der Herzog von Wellington 1836 im Oberhause bekannte: „Sie beklagen sich, daß wir immer den Namen O’Connells auf den Lippen haben, und daß wir alle unsere Bemühungen auf die Vernichtung eines einzelnen Mannes richten: es geschieht darum, weil dieser einzelne Mann eine Macht ist.“

4. Die Widerruf-Bewegung außerhalb des Parlamentes.

„Laßt kein Land, stark genug, eine Nation zu sein, eine Provinz bleiben!“ Dies wurde eines der Schlagworte der Widerruf-Bewegung, die O’Connell nunmehr außerhalb des Parlamentes verfolgte. „Das Volk, das nicht wünscht, sein eigner Gesetzgeber zu sein, verdient Sklaverei!“ Zugleich aber erging die Mahnung: „Wer ein Verbrechen begeht, stärkt den Feind seines Landes.“

Während der Amtszeit des liberalen Ministeriums [S. 252]des Lord Melbourne (1835–1840) hatte O’Connell alle Agitation in größerem Maßstabe unterlassen und die irischen Abgeordneten seiner Gefolgschaft mit den englischen Whigs vereinigt. Für England erwuchs daraus, wie wir sehen, mancher Vorteil — für Irland gar keiner. Jedesmal, wenn ein irischer Herzenswunsch zur Beratung kam, erwies es sich als unmöglich, ihn durchzusetzen.

O’Connell erkannte, daß auf diesem Wege nicht weiterzukommen war. Er löste daher den Bund mit den englischen Whigs, sobald Lord Melbourne zurücktrat, und ließ die Bewegung für den Widerruf von neuem emporflammen. Er erklärte im Jahre 1842, der Widerruf müsse und werde sich durchsetzen — im nächsten Jahre werde ein Gesetz die Auflösung der Union aussprechen.

In der Tat brachte das Jahr 1843 die Krisis.

O’Connell warf seine ganze ungeheure Kraft in die Bewegung. Eine Massenversammlung folgte auf die andere. „Wir sind nicht zusammengekommen“, so rief er, „um die Interessen der Whigs oder Tories zu fördern — wir sind zu Edlerem versammelt: eine Provinz in eine Nation umzugestalten, dem Vaterlande Freiheit zu geben, den Sklaven zu entfesseln, auf daß er ungebunden in der Würde des Mannes einherschreite, gleich den Gleichen und nicht als Knecht.“

Die schmachvolle Geschichte der Union wurde in allen Herzen lebendig, und der Gedanke, an dem O’Connell stets, wie auch sein äußeres Geschick sich gestaltete, festgehalten, wurde nun der ganzen Nation eingeimpft: durch eine volkstümliche Agitation größten Stils könne und müsse das Parlament in Westminster gezwungen werden, die Selbständigkeit der irischen Nation wieder herzustellen. 1839 hatte ein in Dublin gebildeter Ausschuß stolz erklärt: „Wir sind neun Millionen, [S. 253]und die Zeiten waren, wo eine Nation von neun Millionen straflos und rechtlos beleidigt und herabgewürdigt werden konnte.“ Unablässig sollte das Volk Einspruch gegen die Fortdauer des Zustandes erheben, der dem unmittelbar voraufgegangenen Geschlecht gegen seinen Willen und nur durch die ärgste Bestechung ehrloser Abgeordneter auferlegt worden war. ⅘ der Bevölkerung ganz Irlands standen geschlossen hinter dem „Befreier“, um friedlich, aber ohne Wanken und mit allem Nachdrucke die Forderung zu erheben, ihr diese Fesseln abzunehmen.

Wie die Dinge lagen, war es selbstverständlich, daß O’Connells Anhängerschaft hauptsächlich aus Katholiken bestand. England hatte alles getan, um die Irländer nach ihrem Bekenntnisse zu spalten. Die Art, wie die Katholiken um ihre politische Befreiung hatten kämpfen müssen und wie ihnen diese endlich, widerwillig und gezwungen, gewährt worden war, hatte sie sicherlich nicht für England gewinnen können. Vor der Durchsetzung der Emanzipation hatte O’Connell mit prophetischer Warnung erklärt: „wenn sie nicht aufrichtig und herzlich gewährt würde, werde sie bloß die Macht der Katholiken vergrößern und ihnen den Antrieb lassen, diese zu betätigen.“ Gleichzeitig mit der Emanzipation hatte England die große Mehrzahl der irischen Katholiken mittelbar oder unmittelbar des Wahlrechtes zum Parlamente beraubt. In den Jahren danach war alles geschehen, um das ungerechte, verlotterte und unbrauchbare Wahlrecht zu den Stadtvertretungen vor jeder Verbesserung zu hüten.

Auf dem Papier hatten die Katholiken nunmehr die gleichen Rechte wie die Protestanten — in Wirklichkeit nicht. Bei der Anstellung von Regierungsbeamten, bei der Beförderung der Rechtsanwälte in höhere Stellen und bei vielen anderen Gelegenheiten blieben die Katholiken tatsächlich ausgeschlossen. Nach [S. 254]wie vor mußte die katholische Mehrheit in Irland der anglikanischen Minderheit Steuern zur Besoldung ihrer Geistlichen und zum Bau von Kirchen zahlen. Als das Ministerium Melbourne versuchte, die Gleichberechtigung tatsächlich durchzuführen und die Ueberrechte der englischen Staatskirche in Irland ein wenig zu mildern, ward ihm dies zum Verderben: es wurde hauptsächlich aus diesem Grunde gestürzt, an seine Stelle trat ein irlandfeindliches und antikatholisches Tory-Ministerium.

Nun erst stürzte sich O’Connell mit voller Wucht in den außerparlamentarischen Kampf für die Aufhebung der Union. Der Beweis, daß von dem Parlamente in Westminster Gerechtigkeit für Irland nicht zu erlangen sei, war allzu deutlich gegeben. Irland mußte sich wieder einmal selbst helfen.

Was sollte der Tatkraft eines Mannes wie O’Connell unerreichbar sein? Als er den Katholiken-Verein ins Leben rief, umfaßte er kaum 10 Männer. Wenige Jahre später beherrschte er die öffentliche Meinung Irlands und zwang England, den Katholiken die Gleichberechtigung zu gewähren, die ihnen seit 1½ Jahrhunderten geraubt war. Die katholische Geistlichkeit war zu Beginn dieser Agitation ohne Macht, unterwürfig und mutlos gewesen. O’Connell hatte sie zum Selbstbewußtsein erhoben und bediente sich ihrer, um durch sie das Volk zu beherrschen und vernünftig zu leiten. Denn man würde ihn ganz falsch beurteilen, wollte man annehmen, sein Ziel sei darauf gerichtet gewesen, die Macht der katholischen Kirche zu vergrößern. „So viel Religion wie Ihr wollt — aber keine Politik von Rom!“, war sein offen ausgesprochener Grundsatz. Niemals dachte er daran, ein anderes Bekenntnis zu unterdrücken, während seine protestantischen Gegner weit engherziger waren. Einen Menschen wegen seiner Religion zu hassen, wies [S. 255]er weit von sich. Er besaß unter des Protestanten manchen Anhänger, Freund und Bewunderer. Ich nenne als Beispiel seine rechte Hand, Tom Steele, einen wohlhabenden Grundbesitzer, der sein Vermögen allmählich ganz für gemeinnützige Zwecke verbrauchte. Ueberall auf den Massenversammlungen O’Connells war dieser Mann vorbereitend, ordnend, regelnd tätig. Auf seinem Besitztume hatte er, auf daß O’Connell bei seinen Besuchen nichts zu missen brauche, eine katholische Kapelle einrichten lassen.

So glaubte denn O’Connell, als er von neuem ans Werk ging, um gegen die Union zu wirken: er könne und werde dieses Ziel, so groß es war, erreichen.

5. Die friedliche Agitation.

Die Gründe, die den Widerruf der Union notwendig und nützlich machten, legte O’Connell in einer berühmten Rede am 17. April 1842 in Dublin dar. Sie gliedern sich in neun Gesichtspunkte: 1. Irland ist fähig, eine unabhängige Gesetzgebung zu besitzen. 2. Irland hat das Recht, ein einheimisches Parlament zu haben. 3. Dieses Recht ward 1782 vollkommen festgestellt. 4. Irlands parlamentarische Unabhängigkeit hatte die wohltätigsten Folgen. 5. Das irische Parlament war nicht ermächtigt, die Verfassung Irlands durch die Union umzustürzen. 6. Die Union ist nicht durch Vertrag, sondern durch die gröbste Bestechung und Feilheit, durch Gewalt, Trug und Schrecken herbeigeführt. 7. Die Union brachte Irland die unseligsten Folgen. 8. Sie kann auf friedlichem und verfassungsmäßigem Wege, ohne Verletzung der Gesetze, des Eigentums und der Sicherheit des Lebens abgeschafft werden. 9. Nur die wohltätigsten Folgen können aus der Aufhebung hervorgehen.

War die Katholiken-Befreiung durch friedliche Agitation erkämpft worden, so sollte auch der Widerruf dem widerstrebenden England auf dieselbe Art [S. 256]entrungen werden. O’Connell griff daher auf die Technik der Massenversammlungen zurück. Allenthalben im Lande ließ er durch Ortsausschüsse Versammlungen berufen und durch die katholischen Priester für ihren Besuch wirken. Straffste Ordnung sollte auf ihnen herrschen, niemals eine Schlägerei, niemals auch nur ein Fall von Trunksucht sie entwürdigen.

Als Vater Mathew das irische Volk zu bestimmen suchte, allen berauschenden Getränken zu entsagen, unterstützte O’Connell dieses Vorhaben sofort. Erkannte er doch, welchen Gewinn es für die politische Wirkung der Massen bedeutete, ließen sie sich von jenem Uebel der Trunksucht befreien, das in England furchtbar wütete und in Irland lange Zeit nicht minder arg geherrscht hatte.

Es war ein neuer Beweis für die politische Fähigkeit des irischen Volkes und für die Tatkraft seiner Selbsterziehung, daß Vater Mathew nach wenigen Jahren nicht etwa über Zehntausende von Anhängern verfügte, sondern daß seine Enthaltsamkeits-Medaille, die besagte, daß der Träger in die Hand des Führers das Gelübde abgelegt hatte, sich alles Trinkens zu enthalten, von Millionen von Menschen getragen wurde. Hoch und Niedrig, Arm und Reich, Mann und Frau schmückte sich mit diesem Zeichen, das auf O’Connells Versammlungen alsbald die große Mehrheit schmückte.

Diese Massenkundgebungen wurden zum großartigen, entschlossenen, unablässig vorwärtsdrängenden Ansturme. Die Einordnung möglichst eines jeden Iren in die Bewegung war das Ziel, um die gesammelte Kraft der ganzen Nation für die Befreiung des Landes von dem Joche des englischen Parlamentes einzusetzen.

6. Die Widerruf-Gesellschaft.

Die „Widerruf-Gesellschaft“ (Repeal Association) bildete eine Regierung für sich: sie prüfte [S. 257]Beschwerden, nahm statistische Ermittelungen vor, setzte Petitionen auf, sammelte dafür Millionen von Unterschriften und baute zu diesen Zwecken eine Organisation auf, die in jeder Ortschaft Irlands, und war sie noch so klein, einen freiwilligen Agenten hatte, während die Hauptleitung — in jeder Grafschaft gab es einen Kreisvorstand, der in engster Verbindung mit der Hauptleitung in Dublin stand — dem aus 30–40 Mitgliedern zusammengesetzten Direktorium oblag. Wie ihre Vorgängerin, die Gesellschaft für Durchsetzung der Katholiken-Emanzipation (Catholic Association genannt), so verfügte auch die Widerruf-Gesellschaft über bedeutende, ja, über noch erheblichere Mittel als jene. Das ganze Volk legte sich freiwillige Beiträge, die berühmte Repeal-Steuer, auf.

Die Gesellschaft gliederte sich in „Freiwillige“, die einen Jahresbeitrag von 10 Pfund Sterling (200 Mark) zahlten, „Mitglieder“, die jährlich 1 Pfund Sterling (20 Mark) gaben, und „Gefährten“, die jährlich 1 s. (1 Mark) beisteuerten. Die Beiträge wurden durch Vermittlung der Priester gesammelt und der Kasse zugeführt.

Ihre Beamten nannte die Gesellschaft Inspektoren, Einnehmer und Direktoren. Ihre Tätigkeit war auf Beschaffung der nötigen Mittel und auf Vertretung des Widerrufzieles gerichtet. Neben allem übrigen wurden Zeitungen und Flugblätter, Gedichte und Gesänge, Bücher und Karten gedruckt und im Volke verbreitet. Auch hatten die Anhänger der Bewegung ein Wahrzeichen, das die Zugehörigkeit zum Ausdruck brachte.

7. Englands Ärger über die freiwillige Widerrufsteuer

Nichts war kennzeichnender für das Unverständnis und den üblen Willen Englands gegen Irland als die Art, wie man sich auf der östlichen Insel über die Beträge äußerte, die sich das irische Volk als freiwillige Steuer auferlegte. Daß eine große Bewegung ohne bedeutende Kanzlei, ohne eine Fülle von Schreibwerk [S. 258]und Drucksachen, Versammlungs-Unkosten und Ausgaben aller Art nicht denkbar ist, sollte ein politisch gebildetes Volk — das beanspruchten die Engländer doch zu sein — ohne weiteres wissen. Wäre unter ihnen selbst eine solche Organisation entstanden und hätte — noch dazu aus den Taschen vieler Zehntausende von Leuten, die sich das Brot vom Munde sparten, — regelmäßige Beiträge aufgebracht, so wäre des Rühmens kein Ende gewesen. Da dies aber in Irland geschah und zu einem gegen England gerichteten Zwecke, ward die Widerruf-Steuer von der englischen Presse unausgesetzt mit Hohn und Spott behandelt, und die Art, wie das Geld ausgegeben wurde, bis ins kleinste bemängelt. Unter den Iren ward es beinahe zum Sprichwort: „Die Engländer kümmern sich um unser Geld, als ob es ihr eigenes wäre.“

Die schärfsten Angriffe richtete man in England gegen die regelmäßige Besoldung, die O’Connell aus der Repeal-Steuer erhielt. Mit blindem Haß wurde der irische Volksführer moralisch beschmutzt, indem man ihm vorwarf — wie dies der Herzog von Rovigo tat —, daß er sich das Geld der Widerruf-Agitation aneigne und daß jeder seiner Söhne daraus 2000 Pfund Sterling erhalte. Englische Beamte, die für ihre Tätigkeit ein mehr als reichliches Gehalt bezogen, hielten entrüstete Brandreden darüber, daß dieser O’Connell für die politischen Dienste, die er seinem Volke leistete, Bezahlung annahm! Freilich war es eine Tatsache, daß O’Connell für seine Tätigkeit Geld nahm. Nur tat er damit im Grunde nichts anderes, als was jeder vom Staate besoldete Beamte tut, um leben und möglichst gut leben zu können. Vor allem tat er es offen, ohne es zu leugnen und ohne Hintergedanken. Einen Vorwurf wie den in England gegen Lord Palmerston erhobenen, er sei ein Söldner Rußlands, wagten nicht einmal die erbittertsten Feinde gegen O’Connell zu schleudern. Bezeichneten sie [S. 259]ihn als „regelrechten Räuber“, so lachte man in Irland über diese Anklage, weil man dort wußte, daß die Bücher der Widerrufs-Gesellschaft für jedermann offen lagen, der sie einsehen wollte, und daß kein Schilling ausgegeben ward, der nicht von dem Direktorium der Gesellschaft beraten und beschlossen worden wäre.

Zweifellos hatte das irische Volk das Recht, sich selbst zu besteuern, um dem Manne ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen, der seinen einträglichen Beruf aufgegeben hatte, um sich ganz der Sache der Nation zu widmen, und den diese Nation wie einen Abgott verehrte. Wer die Riesen-Einnahmen kennt, die ein Rechtsanwalt in Großbritannien erzielen kann, weiß, daß O’Connell eine höhere Summe als die, welche er von der Widerrufs-Gesellschaft annahm, hätte verdienen mögen, stellte er seine rednerische und juristische Geschicklichkeit in den Dienst von Parteien, die ihn in einem Rechtsstreite brauchten. Freilich lebte er wie ein großer Herr — aber das hatte er schon früher getan. Als er starb, besaß er ein sehr bescheidenes Vermögen. Denn obwohl er 1825 von seinem Onkel ein bedeutendes Vermögen geerbt, als Rechtsanwalt hohe Einnahmen erzielt und von der Widerruf-Gesellschaft einen beträchtlichen Jahressold erhalten hatte, hinterließ er seinen Kindern nur eine geringe Summe. Schuld daran war nicht nur die übergroße Gastfreundschaft, die er übte, weil diese Tugend, eine der rühmlichsten Eigenschaften seiner Nation, ihm ganz aus dem Herzen kam und ihm außerdem zur Förderung seiner politischen Ziele nötig erschien,⁠[69] sondern auch seine Neigung, aus voller Hand zu spenden, wo sich ihm das Elend nahte.

[S. 260]

Allerdings versagte er sich persönlich nichts. Läßt sich aber gegen einen Mann, der so rastlos tätig war und alle seine geistigen und körperlichen Kräfte einsetzte, ohne auch nur daran zu denken, daß sie sich abnutzen, vielleicht zusammenbrechen könnten, deshalb ein Vorwurf erheben? Zudem mochte er es politisch als argen Fehler ansehen, hätte er sich spartanischer Einfachheit befleißigt. Sicherlich hätten dann seine englischen Feinde — und deren war Legion — den armseligen Führer einer armseligen Nation verspottet, weil er mit jedem Pfennig rechne —, während die englischen Staatsmänner, als richtige große Herren, keinen Gedanken daran verschwendeten, ihr Leben billig einzurichten.

Der Aerger in England über die Repeal-Steuer, die in großartigen Summen einging, ward um so heftiger, als man nicht gestehen mochte, daß man sich in der Annahme, O’Connell strebe durch die Widerruf-Gesellschaft nur persönlich nach einer hohen Einnahme, völlig getäuscht hatte. Echt englisch konnte man zunächst den Gedanken nicht fassen, die Sache sei nicht eine bloße Geld-Spekulation oder irgend eine andere Form der Eigensucht. Hätte O’Connell das irische Volk eigennützig ausgebeutet, so würde man ihm dies in England am leichtesten verziehen haben. Dann hätte er ja nichts Anderes getan, als was die Engländer in viel größerem Maßstabe seit Jahrhunderten taten. Allein selbst der Blindeste mußte schließlich doch erkennen, daß O’Connells Ziel nicht die Repeal-Steuer, sondern der Widerruf selbst sei. Was seine Feinde für sein Ziel gehalten hatten, stellte sich als ein bloßes Mittel heraus.

8. Das felsenfeste Vertrauen Irlands.

Im irischen Volke wankte die Ueberzeugung, daß der „Befreier“ ganz selbstlos handle, nicht einen Augenblick. Dieses Vertrauen legte ihm eine ungeheure Macht in die Hände. In ganz Europa, nein, in der [S. 261]ganzen Welt gab es zu jener Zeit, vielleicht sogar im ganzen 19. Jahrhundert, nicht einen einziges Mann, der für seine Bewegung gegen die herrschende Gewalt so riesige Scharen sammelte und so völlig beherrschte, daß ein Blitz seines Auges genügte, sie seinen Willen ausführen zu lassen. Das irische Volk wußte dies — und war stolz darauf. Es fühlte sich in allen Stücken eins mit dem Befreier, dem es blindlings vertraute und von dessen Munde es in jedem Falle das Stichwort ablas. Die englische Herrschaft in Irland hatte niemals andere Mittel angewendet als solche, die der Nation zum moralischen Verderben gereichen mußten, falls sie nicht geradezu darauf berechnet waren. O’Connell dagegen konnte mit einem verächtlichen Blicke auf England für Irland die stolze Versicherung geben: „Ja, das Volk Irlands zeigt der Welt ein Wunder guten Benehmens, wie sich vorher keines ereignete. Nie kam es einem Staatsmanne in den Sinn, zu versuchen, was mir die Kenntnis der Tugenden meiner Landsleute zu tun eingab.“

9. Kein Kompromiß!

Als O’Connell 1840 beim Rücktritte des Ministeriums Melbourne die Hoffnung begrub, England könne den Wunsch Irlands auf Widerruf der Union aus freien Stücken erfüllen, ging er geraden Weges auf sein Ziel los. „Kein Kompromiß!“ so riet er seinen Landsleuten wiederholt. „Nehmt alles, was Ihr erhalten könnt, aber gebt nichts auf!“

Nun griff er mit Feuer die Aufgabe an, England die Ueberzeugung beizubringen, daß es dem irischen Volke mit seinem Wunsche, den Widerruf zu erhalten, todernst sei. In den Massenversammlungen, die alsbald der Schrecken Englands wurden, wurde seine Sprache sehr bestimmt. So rief er auf der Spitze des Königshügels in Tara: „Ich fühle die Verantwortlichkeit, die [S. 262]ich meinem Schöpfer gegenüber habe, ja, ich fühle die schauerliche Natur dieser Verantwortlichkeit — denn Irland ist aufgewacht, aufgewacht von einem Ende zum anderen.... Auf dieser bedeutenden Stelle habe ich eine bedeutende Pflicht zu erfüllen. Ich erkläre feierlich hier im Angesichte meines Schöpfers, im Angesichte Irlands und unseres Gottes protestiere ich gegen das rechtliche Bestehen der unbegründeten und ungesetzlichen Union. Meine Behauptung für Irland ist, daß die Union nicht bindend für uns ist; sie ist nicht bindend für unser Gewissen, sie ist nichtig von Grund aus, nichtig von Rechts wegen und nichtig als Verfassungsgesetz.... Ich wiederhole, es gibt keine wirkliche Union zwischen beiden Ländern. Meine Behauptung ist, daß keine Vollmacht irgend einer Person gegeben war, das Unionsgesetz anzunehmen.... Das irische Parlament hatte kein solches Recht, denn es war nur berufen, Gesetze zu machen, und nicht, eine gesetzgebende Versammlung einzusetzen.... Das Parlament Irlands hatte ebenso wenig das Recht, dies zu tun, als das englische das Recht haben würde, die Befugnis, Gesetze für England zu machen, den Kammern Frankreichs zu übertragen.... Ich bin hier der Vertreter der irischen Nation, und im Namen dieser großen, tugendhaften, moralischen, mäßigen, tapfern und religiösen Nation erkläre ich die Union für null und nichtig (unendlicher Beifall), für null und nichtig von Rechts wegen!... Ich unterwerfe mich dem Gesetze, so lange bis ich es ändern kann. Aber ich verneine das Recht, und indem ich das Recht verneine, proklamiere ich die Nichtigkeit der Union im Grundsatz und im Recht.... Ich fordere zum Gegenbeweise heraus, und ich bin bereit, die Frage zu verhandeln in Gegenwart des zivilisierten Europas und besonders Frankreichs und des befreiten Spaniens.“⁠[70]⁠

[S. 263]

Das irische Volk war felsenfest entschlossen, sich nur mit dem Widerrufe zufrieden zu geben. Als die Bewegung 1843 auf dem Höhepunkte stand, wäre O’Connell allerdings noch bereit gewesen, sich auf eine staatsrechtliche Lösung einzulassen, die ein irisches Parlament für die rein irischen Angelegenheiten des Gesamtreiches einsetzte. Indessen mußte er diesen Plan schnell aufgeben, da ihn auf der einen Seite der unbelehrbare Widerstand der Tories, auf der anderen die feurigen Wünsche Irlands dazu drängten, sich mit nichts anderem zufriedenzugeben als mit dem vollen Widerrufe der parlamentarischen Union, sodaß Irland nur noch in Personal-Union mit England stehen würde.

Das Jahr 1843 widmete O’Connell restlos der öffentlichen Agitation. Hatte er 14 Jahre früher, als er dem Ministerium Wellington die Katholiken-Befreiung entriß, die Blicke ganz Europas auf sich gezogen, so stieg sein Ruhm jetzt noch höher. In der ganzen zivilisierten Welt waren die Zeitungen, die Wochenschriften, die öffentliche Meinung voll von seiner Person. Bis dahin hatte sich das Ausland, mit rühmlicher Ausnahme Frankreichs und zuweilen Spaniens, um Irland so gut wie garnicht gekümmert. Jetzt kam es endlich in der Literatur der anderen Länder zu seinem Rechte.

In Irland selbst gab es keinen Gleichgültigen mehr. Klar hatte sich die Lage herausgebildet. Die überwältigende Mehrzahl der Nation forderte, ruhig und in peinlicher Ordnung, aber mit zusammengebissenen Zähnen die Auflösung der Fesseln, die Irland durch die betrügerische Union angelegt waren.

10. Die Riesenversammlungen.

Eine Massenkundgebung folgte im Frühjahr 1843 auf die andere. Diese Riesen-Versammlungen (Monster [S. 264]Meetings) sollten die Waffe sein, der England nachgeben mußte.

In der Regel fanden sie Sonntag morgens unter freiem Himmel am Fuße einer Anhöhe statt. Mitten in der Nacht schon setzte sich aus der ganzen Umgegend eine kaum zu zählende Menge in Marsch. Die Priester strömten mit hinaus. An dem Versammlungsort angekommen, errichtete man beim Aufgange der Sonne kunstlose Altäre, um die sich die einzelnen Gemeinden sammelten. Bald stieg Weihrauch empor, die Menge kniete auf dem Rasen, unter feierlicher Musik ward die Messe gelesen. Auf einer Erhöhung in der Mitte, umgeben von den Führern der Bewegung und von den geistlichen Würdenträgern, stand der „Befreier.“

Dann folgten Umzüge, neue Tausende strömten hinzu, und endlich begann die eigentliche Versammlung, die stets in wunderbarer Ordnung verlief. Ergriff O’Connell das Wort, so grüßte ihn begeisterter Jubel. Lautlose Stille herrschte, so lange er sprach — außer wenn ihm Zehntausende von Stimmen Beifall spendeten, oder wenn ein Witzbold einen Zwischenruf machte, den O’Connell auffing und zur Freude seiner Zuhörer erwiderte, die als echte Irländer für Heiterkeit und Ernst gleichmäßig empfänglich waren.

Niemand, der einer solchen Versammlung beiwohnte, konnte sich ihrem Zauber entziehen. Bulwer hat in seinem Gedicht „St. Stephen“ die Szene geschildert. Bereiste ein Fremder England, so verfehlte er selten, auch nach Irland zu gehen, um nur ja eine O’Connellsche Riesenversammlung mitzumachen. Vom Frühling bis zum Sommer 1843 bildeten sie eine einzige Kette, nicht ein Sonntag blieb davon frei. Auf seine parlamentarische Tätigkeit verzichtete O’Connell fast ganz, um sein Ziel auf dem neuen Wege zu erreichen.

St. Stephen’s Green, Dublin.

Kaum war der Winter gewichen, so begann der [S. 265]Reigen am 19. März mit der Riesen-Versammlung in Trim. Vom Mai an erreichten sie einen Umfang, der bisher in allen Ländern der Welt unerhört war. Niemals hatte man so gewaltige Massen gesehen, wie sie am 14. Mai in Mullingar, am 21. Mai in Cork, am 28. Mai in Longford zusammenströmten. Nun riß die Kette nicht mehr ab: es folgten am 5. Juni die Riesen-Versammlung in Drogheda, am 8. die in Kilkenny, am 11. die in Mallow, am 29. die in Dundalk. Schon in Mullingar nahmen mehr als 100000 Menschen an der Versammlung teil.

So ging es, Schlag auf Schlag, weiter. Zum 15. August berief O’Connell eine Versammlung an den Sitz der altirischen Oberkönige. Jedem Iren war dieser Platz heilig; dunkle Sagen knüpften sich an seine Vergangenheit; die frühere Größe des Landes, mit dem Namen Tara innig verbunden, machte die gegenwärtige Lage um so schmerzlicher. Hier hatte der heilige Patrick gepredigt und die Könige Irlands bekehrt, hier war der irische Oberkönig gewählt worden — hier hatten die Aufständischen des Jahres 1798 gekämpft und geblutet.

Wie zu erwarten, strömten dem heiligen Berge von Tara unabsehbare Menschenmassen zu. Schon in der Nacht war alles auf dem Wege, um nur einen Platz in möglichster Nähe des Hügels zu erhalten, wo sich der Stein befand, auf dem man die Oberkönige der glorreichen alten Zeit gekrönt hatte und auf dem nun, am 15. August, O’Connell stehen sollte. Gegen Morgen war für diejenigen, die zu Wagen hinauskamen, kaum noch eine Möglichkeit, sich durchzuwinden. Als O’Connell am Rande des Versammlungsfeldes eintraf, brauchte er für die letzten 1½ Kilometer beinahe 2 Stunden, obwohl sich ihm und dem getreuen Tom Steele willig eine Gasse öffnete.

Die Feierlichkeit begann daher, bevor er den Krönungsstein [S. 266]erreichte. Auf der Spitze des Berges war unter freiem Himmel ein Hauptaltar errichtet, an dem von 9–12 Uhr eine Messe nach der anderen gelesen ward. Ein Geistlicher predigte über die Bedeutung der Enthaltsamkeits-Bewegung und ihren Wert für die politische Bewegung Irlands. Dann flehte er, während Zehntausende in die Kniee sanken, mit aufgehobenen Händen den Segen des Himmels auf den Führer des Landes und die Freiheit Irlands herab.

Bis gegen Mittag strömten immer neue Massen herbei. Zahlreiche Musik-Banden der Enthaltsamkeits-Vereine, der Handwerker und anderer Gruppen zogen, die von Drogheda vorauf, mit Hunderten von Fahnen um den Hügel, der die Gebeine der 1798 Gefallenen birgt. Als die Fahnen um den Hügel gereiht standen, stimmten die Musiker gemeinschaftlich zuerst das Lied „God save the Queen“ (die Huldigung für die Königin) und dann den irischen National-Gesang „St. Patrick’s Day“ an; beides wurde von der gewaltigen Masse im Chor mitgesungen.

Endlich erreichte O’Connell den Krönungshügel, und von neuem erhoben sich die stürmischen Zurufe, die ihn schon auf dem Wege begrüßt hatten. Auf der Plattform umgaben ihn außer den Führern der Widerruf-Gesellschaft 2 Bischöfe, 2 General-Vikare, 30 andere Geistliche. Als er zu sprechen begann, lagerte sich Totenstille über die ungeheure Menge, die sich zu seinen Füßen wie ein gewaltiges Meer breitete. Wird doch die Zahl nach „sehr mäßiger Schätzung“ auf ungefähr 250000 berechnet!⁠[71] Obwohl der größere Teil dieser Viertelmillion nicht den leisesten Widerhall seiner Stimme auffangen konnte, verharrte alles in unbedingter Ruhe.

Die Versammlung gestaltete sich zu der eindrucksvollsten Kundgebung für den Widerruf, die bisher stattgefunden [S. 267]hatte. O’Connell hielt hier eine seiner glänzendsten Reden: er erhob den nachdrücklichsten Einspruch gegen die Union und schilderte die künftige Herrlichkeit Irlands mit beredtem Munde. Irland müsse sein Ziel erreichen — auf friedlichem Wege, wenn irgend möglich: wenn es aber durchaus sein solle, so werde es auch an Kämpfern nicht mangeln. „Die Union“, rief er aus, „ist nur eine solche der Gesetzgeber und nicht eine Union der Völker. Ihr und auch ich, wir sind nicht um ein Haar mehr Engländer, als wir vor 20 oder 40 Jahren waren. Deswegen behaupte ich, daß die Union eine Nichtigkeit ist; aber soll ich Euch infolge dieses Schlusses raten, aufzustehen und gegen sie auszuziehen? Wahrlich nicht. Ich rate Euch, friedvoll und ruhig zu sein, und sonst nichts ... Irland braucht keine Gewalt; wenn sie nötig werden sollte durch den Angriff unserer Feinde, so wird Irland der Kämpfer genug haben. Die englischen Soldaten in Irland sind die tapfersten der Welt, und deswegen glaube ich ihnen nicht zu nahe zu treten, wenn ich sage, daß Irland, aufgeregt wie es jetzt ist, sollten sie versuchen uns anzugreifen, Weiber genug haben würde, die ganze Macht der Königin zu schlagen.... Aber, meine Freunde, es ist Zeitverschwendung, anzunehmen, es gäbe irgend einen Staatsmann, der dem Rufe nach Gerechtigkeit, den Irland ausstößt, widerstehen könnte.“⁠[72]⁠

11. Besorgnis der englischen Regierung.

Die Riesen-Kundgebungen waren so eindrucksvoll, daß sich die englische Regierung in höchster Sorge befand. Sollte sie die Bewegung ungestört lassen? Alles sprach gegen die Möglichkeit, daß sie wieder im Sande verlaufen könnte. Es war dieselbe Lage wie [S. 268]1829 — nur noch gefährlicher. Damals hatte es sich nur um die politische Befreiung der Katholiken gehandelt, und die englische Verfassung wie das britische Reich hatten trotz allen Befürchtungen die Aenderung ungefährdet überstanden. Setzten die Iren aber diesmal ihren Willen durch und löste sich ihr Land aus der staatsrechtlichen Verbindung mit England, um nur in Personal-Union mit ihm zu bleiben, so war bei dem Hasse, den die Herrscher auf der Nachbarinsel so reichlich gesät hatten, nicht abzusehen, wohin dies noch führen mochte.

Die Regierung bereitete daher einen entscheidenden Schlag vor. Noch ließ sie die Riesen-Versammlungen in Loughrea am 10. September 1843, in Clifton am 17., in Lismore am 24. September und in Mullaghmast am 1. Oktober ungestört.

Dann aber, bei der Versammlung in Clontarf, am 8. Oktober, griff der Zwingherr mit eherner Faust ein.

12. Die Krisis.

Am Sonntag 8. Oktober 1843 sollte die 21. Riesen-Versammlung des Widerruf-Jahres stattfinden. O’Connell hatte dafür die Ebene bei Clontarf in unmittelbarer Nähe Dublins gewählt. Auch dieser Ort war für die Iren durch geschichtliche Erinnerung geweiht; hier hatte Brian Boru in gewaltiger Feldschlacht die Ostmannen geschlagen und Irland, lag er selbst auch am Abend nebst Sohn und Enkel unter den Erschlagenen, von der Fremdherrschaft befreit.

Der Besuch der Versammlung mußte, nach allen Anzeichen zu schließen, beispiellos großartig werden. Von nah und fern strömten Teilnehmer herbei; selbst aus Liverpool fuhren 200 Irländer ab, um dabei zu sein. Alles berechtigte zu der Erwartung, die Versammlung werde denselben ordentlichen und ungestörten Verlauf nehmen wie ihre 20 Vorgängerinnen.

[S. 269]

Am Sonnabend 7. Oktober setzten sich unzählige begeisterte Menschenmassen in Bewegung, um dem Versammlungsorte zuzuströmen. Da stieß plötzlich nachmittags, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Nachricht unter die Menge: die Regierung habe die Versammlung verboten.⁠[73]⁠

In der Tat war dem so. Bei Clontarf lagerten starke Truppen-Abteilungen, die Kanonen der Forts von Dublin waren geladen und bestrichen das Versammlungsfeld, alles war vorbereitet, um die Bewegung mit einem Schlage zu vernichten.

Den Ort hatte die Regierung gut gewählt. In Tara, wo Truppen und Kanonen nicht so zur Hand waren, hätte die Unterdrückung viel größere Schwierigkeiten gemacht. In Clontarf war sie ein Kinderspiel.

Um dem Blutvergießen, das aus einem Zusammenstoß der erregten Volksmassen mit den Truppen hätte entstehen müssen, vorzubeugen, erließ O’Connell, seinem Grundsatze der „friedlichen Agitation“ getreu, mit schnellem Entschlusse seinerseits die Bekanntmachung: „Uebelgesinnte Menschen könnten einen Anlaß erlangen, unter diesem Mantel Friedensbrüche hervorzurufen oder Gewalttätigkeiten zu verüben. Die Versammlung ist daher aufgegeben und nicht abzuhalten.“ Gleichzeitig sandte er den Scharen, die noch unterwegs waren, Boten entgegen, um sie ebenfalls zu benachrichtigen, und bat die Geistlichen, an den Toren der Stadt die Zurückkehrenden zu empfangen und zu ruhigem Verhalten zu mahnen.

Hatte O’Connell ein Recht, so zu handeln? Die Frage läßt sich verschieden beantworten, je nach dem [S. 270]Werte, den man dem Menschenleben, und demjenigen, den man dem Gut der nationalen Freiheit beimißt. Das aber ist unstreitig, daß er durch seine Nachgiebigkeit zwar jedes Blutvergießen verhinderte, der Regierung aber auch den unbedingten Sieg in die Hand gab. Ob sie, strömten die Massen doch auf der Ebene von Clontarf zusammen, mit Waffengewalt gegen 200000 oder 300000 Menschen hätte vorgehen können, die friedlich und in straffer Ordnung zusammenkamen, läßt sich bezweifeln. Ließ sie die Kanonen spielen, so hätten sich gewiß Tausende von Unbewaffneten in ihrem Blute gewälzt. Die Versammlung wäre auseinandergesprengt worden — aller Wahrscheinlichkeit nach hätte sich jedoch mit demselben Schlage die Revolution entzündet.

O’Connell ließ es dazu nicht kommen. Durch seine Bekanntmachung spielte er, sehr wider Willen, der Regierung alles in die Hände. Und sie sorgte dafür, daß nicht nur die Riesen-Versammlungen, sondern die ganze Agitation für den Widerruf ihr Ende fand. Am 14. Oktober teilte der Kronanwalt O’Connell mit: die Regierung habe gegen ihn, seinen Sohn John und seine sechs Hauptanhänger (Steele, Ray, Barrett, Gray, Duffy und den Reverend⁠[74] Thomas Tierney) einen Prozeß wegen Verschwörung und sonstigen Mißverhaltens eingeleitet.

13. Der Staatsprozeß gegen O’Connell.

Der Prozeß nahm vor dem Geschworenen-Gerichte in Dublin nicht weniger als 25 Sitzungen in Anspruch. Am 15. Januar beginnend, erstreckte er sich bis zum 12. Februar, wo der Schuldspruch erfolgte, und setzte sich bis Ostern fort, wo das endgültige Urteil verkündet ward. In der ganzen Art, wie die Regierung ihn führte, war der Prozeß darauf berechnet, die Angeklagten [S. 271]zu verderben, auch wenn man keine Gründe gegen sie hatte. Macaulay hat ihn mit Recht den parteiischen Staatsprozessen unter Karl II. verglichen.

Vor allem suchten die Vertreter der Regierung alle Katholiken unter den Geschworenen auszuscheiden. In der Geschworenen-Liste der Regierung fehlten 27 Katholiken, die in der des Registrators aufgeführt waren; unter den 48 Geschworenen, die durch das Los bestimmt wurden, befanden sich 11 Katholiken, die der Kronrat ablehnte; infolgedessen saß in dem Schwurgerichte, das in einem überwiegend katholischen Lande über den Führer der Katholiken ein Urteil fällen sollte, den sie selbst ihren „Befreier“ nannten, nicht ein einziger Katholik.

Von einem solchen Gerichte konnte die Regierung alles erzielen, was religiöser und politischer Haß sich nur wünschen mochte. Das Urteil, das am 30. Mai 1844 verkündet ward, sprach sämtliche Angeklagten mit Ausnahme des Geistlichen schuldig. Der Spruch gegen O’Connell lautete auf 1 Jahr Gefängnis, Geldstrafe von 2000 Pfund Sterling und Sicherheitsstellung für Wohlverhalten auf 7 Jahre. Die übrigen Angeklagten erhielten leichtere Strafen, Tierney gar keine.

O’Connell gab sich damit nicht zufrieden, sondern legte Berufung ein. Als maßgebende Instanz galt noch immer — gemäß der Usurpation des Jahres 1717 — das englische Oberhaus. Es enthielt in überwiegender Zahl geschworene Feinde O’Connells. Die Lage war um so bedenklicher, als er das Oberhaus stets heftig angegriffen hatte. Gewöhnlich ist es zwar Brauch, daß bei der Entscheidung eines Rechtsfalles nur die sogenannten rechtsgelehrten Lords sprechen und ihre Stimme abgeben; indessen gibt es kein Gesetz, das die nicht-rechtsgelehrten Mitglieder des Hauses (die sogenannten [S. 272]„Lay Lords“) hinderte, nach Gutdünken ebenfalls abzustimmen.

Es war daher zu fürchten, daß die zahlreichen Feinde O’Connells im Oberhause sich bei der Verhandlung einfinden und an dem Verhaßten Rache nehmen würden. Nachdem die 5 rechtsgelehrten Lords ihre Ansicht geäußert hatten — 2 billigten das Urteil des Dubliner Schwurgerichts, 3 verwarfen es — wurde das Haus jedoch von der Schmach eines Justizmordes gerettet, indem Lord Wharncliffe die nicht-rechtsgelehrten Mitglieder ersuchte, ihre persönlichen und politischen Ansichten nicht auf ein richterliches Urteil einwirken zu lassen. Die Laien-Lords verließen geschlossen die Sitzung — und O’Connell war freigesprochen.

14. O’Connells Tod.

In Irland hatte man den Fortgang des Prozesses gegen den Befreier mit Sorge verfolgt. Keine Gelegenheit ließ man vorüber, um ihn, während er gefangen saß, der unveränderlichen Liebe und Zuneigung seines Volkes zu versichern.

Das beste Zeichen war das überraschende Wachstum der Widerruf-Steuer. In den 14 Wochen vor dem Prozesse hatte sie 6679 Pfund Sterling eingebracht — in den 14 Wochen danach ergab sie beinahe das Vierfache (25712 Pfund). Als O’Connell freigesprochen war, trug man ihn auf den Schultern durch die Straßen in Dublin und empfing ihn wie einen Triumphator. Eine Woge der Begeisterung brauste über das Land — man wußte kaum, wie man dem vielgeliebten Manne genug Gutes antun sollte.

Allein O’Connell war nicht mehr der alte. Seine Gesundheit hatte durch den mehrmonatlichen Aufenthalt im Gefängnisse gelitten. Auch war er kein Jüngling mehr. Zudem erhob eine neue Partei ihr Haupt: die Jung-Irländer, die mit seiner vorsichtigen [S. 273]Haltung nicht einverstanden waren, ihm vielmehr zum Vorwurfe machten, er habe der Regierung nicht entschlossenen Widerstand geleistet.

Seine Kraft ging zu Ende. Er, stets das Bild der Gesundheit, dessen Körper die unablässigsten Anstrengungen mühelos ertragen, bot jetzt das Bild des Verfalls. Dieselbe Stimme, die mit ihrem Donnerschalle Versammlungen von Zehn- und Hunderttausenden beherrscht hatte, sank jetzt zu einem Flüstern herab. Er wagte die Widerruf-Bewegung nicht in der alten Form aufzunehmen. 1844 versuchte er statt dessen auf den Plan eines Bundesstaates zurückzukommen, den er einige Jahre zuvor unter dem Einflusse der entschlossenen irischen Volksstimmung aufgegeben hatte. Abermals ließ er sich nun mit den englischen Whigs in ein Bündnis ein — was die Folge hatte, daß ihn die Jung-Irländer um so heftiger angriffen.

Selten ist ein Mann so plötzlich von der Höhe in den Abgrund gestürzt. Im Herbst 1843 hatte es geschienen, als ob nur noch eine kleine Anstrengung nötig sei, um das Ziel des Widerrufes endgültig zu erreichen; kurz darauf war es in unabsehbare Ferne entrückt. Nicht genug mit diesem Unglück: es brach nun über Irland eine Hungersnot herein, der dieses an Elend gewöhnte Volk massenhaft erlag.

Auf so viel Mißgeschick war O’Connell nicht gefaßt. Er verbrachte einige Monate gänzlicher Untätigkeit, völlig in den Schmerz über das Elend seines Landes und die Vergeblichkeit seiner Anstrengungen versinkend. Unsägliche Trauer erfüllte ihn.

Als er zum letzten Male in Westminster in das Unterhaus trat, bot er den Anblick eines schwachen, kranken und hoffnungslosen Greises. Der alte Streiter war nicht wieder zu erkennen. Als er das Wort ergriff, um in einer einfachen und rührenden [S. 274]Rede, ohne Spur seiner ehemaligen Heftigkeit, die entsetzliche Not zu schildern, die über seinem Lande schwebte, einige Abhilfs-Maßregeln vorzuschlagen und den großmütigen Beistand des Parlamentes zu erbitten, lauschte man seinen Worten mit ehrfurchtsvollem Schweigen, und Staatsmänner aller Parteien versicherten ihn ihrer Teilnahme; sogar die Königin sandte an den sichtlich dem Tode Geweihten eine Botschaft.⁠[75]⁠

Kurz darauf trat er seine letzte Reise an. Er wollte sein Leben in Rom beschließen, für dessen Kirche er so viel getan. Als er durch Frankreich kam, war sein Gesicht abgemagert, sein Blick bekundete eine unaussprechliche Trauer, der Kopf hing auf die Brust herab, und die früher achtunggebietende Gestalt war tief niedergebeugt.

Er erreichte sein Reiseziel nicht mehr — am 15. Mai 1847 starb er in Genua. Seinen Leichnam vermachte er der Heimat, sein Herz Rom.

15. Das Scheitern der Widerruf-Bewegung.

Die Widerruf-Bewegung war damit beinahe völlig zu Ende. Zwar hatte, während O’Connell im Gefängnisse saß, ein protestantischer Land-Edelmann, Smith O’Brien, Sproß eines der alt-irischen Königsgeschlechter, die Fortführung der Agitation übernommen. Allein er war nicht von dem Holze, aus dem die großen politischen Führer geschnitzt sind. Zu einem Führer zweiten Ranges eignete er sich, wenn auch kein großer Redner, ganz wohl, da er durch sein ritterliches Wesen und durch die Uneigennützigkeit, die aus jedem seiner Worte sprach, eine gewisse Anhängerschaft sammeln konnte. Nur konnte er einen O’Connell nicht ersetzen — am allerwenigsten in einer Zeit, da die englische Regierung es darauf abgesehen [S. 275]hatte, die irische Agitation bis in die Wurzeln zu vernichten.

Immerhin war dies alles nicht der Hauptgrund für das Scheitern der Widerruf-Bewegung. Vielmehr wirkten noch andere bedeutsame Gründe in gleicher Richtung.

Nicht ohne Einfluß war der böse Zufall, der Irland bereits wiederholt mitgespielt hatte. Während des ganzen Zeitraumes, über den sich die Widerruf-Bewegung erstreckte, brach nicht ein einziger englischer Krieg aus. Mitten im Frieden aber England ein so weitgehendes Zugeständnis abzuringen, war so gut wie unmöglich. Allerdings war ihm 1829 die Katholiken-Emanzipation entrissen worden; doch konnte sie sich an Bedeutung mit einer Auflösung der Union nicht messen. Hätte, nachdem O’Connell die Repeal-Agitation mit voller Kraft aufgenommen, ein Krieg England ernsthafte Schwierigkeiten bereitet, so würde es den irischen Wünschen ein günstiges Ohr geliehen haben — während es nun, von auswärtigen Sorgen frei, fest entschlossen war, den Widerruf nicht zu dulden.

Auch darin spielte der Zufall eine unglückliche Rolle, daß O’Connell für den Widerruf die wuchtige Waffe der Riesen-Versammlungen erst benutzte, nachdem er nach der Katholiken-Befreiung einen Zwischenraum von mehr als einem Jahrzehnt hatte verstreichen lassen. Hätte er, wie er ursprünglich plante, schon 1829 oder wenigstens 1832 — mitten in den Wirren, in die England durch den Widerstand der Tories gegen die Reform-Bewegung gestürzt war — seine Agitation begonnen, mit einem 10 Jahre jüngeren Körper, ohne alle die Jahre zu verschwenden, in denen er auf das Entgegenkommen Englands vergeblich wartete, so wäre die Erreichung des Zieles weit eher möglich gewesen.

Zu aller Ungunst trat noch die entsetzliche Hungersnot hinzu, die Hunderttausende sterben ließ, eine [S. 276]noch größere Zahl zur Auswanderung veranlaßte, Millionen in Verzweiflung stürzte. Wie für die englische Regierung gerufen, stellte sich diese Katastrophe in demselben Jahre ein, da der Prozeß gegen O’Connell verhandelt wurde. In der Tat: England hatte Glück, weil Irland gehäuftes Unglück litt.

*

Mit dem Augenblicke, da O’Connell eingekerkert wurde, trat kein tüchtiger Nachfolger an seine Stelle. Dies war die eigentliche Schuld O’Connells, die nun seinem Lande zum Verhängnis ward. Persönlich hatte er getan, was irgend in seinen Kräften stand, — aber auf die Heranbildung eines tüchtigen Nachwuchses hatte er kaum einen Gedanken gerichtet. Je größer ein Mensch, je ungeheurer seine Wirkung, desto näher liegt diese Gefahr. Mehr als ein großer Mann — man denke as Julius Caesar — entging ihr nicht. Je mächtiger der Schwung, zu dem sich eine Bewegung emporhebt, desto dringender auch die Notwendigkeit, für Männer zu sorgen, die mit dem Augenblicke, da die Fahne der Hand des Führers entsinkt, sie emporreißen und weiter dem Siege entgegentragen. Kein Volk braucht solche Männer nötiger als die Iren. Müssen sie doch, so lange sie von England geknebelt sind, damit rechnen, daß es gerade auf die Spitzen ihrer Bewegung am meisten abgesehen ist, und daß man, indem man ihnen den Führer raubt, ihre Bewegung mit einem Streiche zu lähmen sucht.

Wir können nicht annehmen, daß O’Connell hieran nicht gedacht hätte. Vielleicht wollte er nichts dazu tun. Es war seine Schwäche, daß ihn die Eitelkeit verführte, sich im Ruhme des Diktators zu sonnen. Aus seinen Händen sollte Irland das Geschenk der Freiheit empfangen, es sollte keinen Abgott haben neben ihm. Jene höchste Form der Vaterlandsliebe und [S. 277]des Pflichtgefühls, der an dem Ruhm der eigenen Person nichts liegt, wenn sie nur die Möglichkeit hat, zu wirken, hatte O’Connell nicht ganz erreicht. Jedenfalls tat er nichts, um tüchtige Nachfolger zu schaffen. Freilich konnte er für die Männer seiner Umgebung die Hand ins Feuer legen. Aber Ehrlichkeit, Fleiß und Opferwille allein tun es nicht. Gewiß: fehlen sie einer großen politischen Bewegung, so trägt diese den Keim des Todes in sich. Nur genügen sie nicht — ebenso unentbehrlich sind die Entschlossenheit des Führers, sein Weitblick, die Schlagkraft seiner Entscheidung.

Auch war es schlimm für die irische Sache, daß O’Connell nicht verstand, den Idealismus und die Begeisterung des jungen Geschlechtes in seine Bahnen zu lenken. Infolgedessen gab es während der letzten Jahre seines Lebens zwei Parteien, die sich befehdeten, während sie sich zu gemeinsamem Kampfe hätten verbinden müssen.

16. Gewalt — oder nicht?

Und endlich — es war ein Irrtum, wenn O’Connell glaubte, das hochgesteckte Ziel grundsätzlich ohne jede Gewalt erreichen zu können. Wünschenswert war dies gewiß, und er hätte die schwersten Vorwürfe verdient, wäre nicht, bevor es zur Gewalt kam, jedes andere Mittel erschöpft worden. Nachdem dies geschehen, mußte er sich jedoch sagen, daß nach dem gewaltigen friedlichen Ansturm einer Bewegung, die auf eine Geschichte von mindestens 1½ Jahrzehnten zurückblickte, ohne den Willen zur Revolution im äußersten Falle nichts zu erreichen war. Mußten doch sonst die Engländer annehmen, daß die Drohungen, an denen O’Connell es keineswegs fehlen ließ, nur die Redensarten eines Prahlhanses seien.

Und gerade der „Befreier“ hatte am wenigsten [S. 278]Anlaß, den Ausbruch einer Revolution zu fürchten, falls England es auf eine solche ankommen lassen wollte. Vor der Erweckung des Katholiken-Vereins zu neuem Leben (1823) hatten die Katholiken in Irland ohnmächtig die Beschränkungen getragen, die ihnen 1691 auferlegt waren. O’Connell erst hatte ihnen wiederum zum Bewußtsein gebracht, daß sie bedrückt, geknebelt, entrechtet seien. Er hatte sie zu dem Willen emporgerissen, dies nicht mehr zu dulden. Und nun war gerade er es, der vor jeder ernsten Tat zurückschreckte! Will man nicht ungerecht gegen ihn sein, so muß man anerkennen, daß er in der politischen Erziehung des Volkes Großartiges eben dadurch leistete, daß er die Massen lehrte, ihre Wünsche ruhig und ordentlich zu äußern. Ich wüßte aus der ganzen Geschichte der Welt kein zweites Beispiel, daß ein elendes, dem Trunke reichlich ergebenes Volk, das seit Menschenaltern nicht an politischen Massen-Bewegungen teilgenommen, in wenigen Jahren, gewissermaßen im Handumdrehen, zu einer politisch reifen Masse erzogen ward, die aus eigenem Willen jede Unordnung verpönte, mit gewaltigem Entschlusse das Trinken abtat und durch ihr politisches Verständnis und ihren aus freiem Antriebe fließenden Gehorsam dem Führer eine unwiderstehliche Waffe in die Hand gab.

Zweifellos ist dies ein Verdienst O’Connells, daß er sein Volk dahin brachte, seine Wünsche ohne die leiseste Unordnung vorzubringen. Wie gerne hätten viele Engländer es gesehen, wenn die Iren in der Bewegung für die Katholiken-Befreiung und später für den Widerruf gelärmt und getobt hätten! Statt dessen erlebte man es, daß dieses Volk von der Stufe politischer Sklaven in weniger denn einem halben Jahrzehnt zu der Reife von Staatsbürgern emporstieg — noch bevor ihnen [S. 279]das Wahlrecht zum Parlamente oder zu einer Stadtverwaltung gewährt wurde.

Das war es, was O’Connell erstrebte, wenn er wieder und wieder vor körperlichem Widerstande und bewaffneter Selbsthilfe warnte. „Wer ein Verbrechen begeht, vergrößert die Macht des Feindes,“ wiederholte er unermüdlich, um seinen Anhängern in die Seele zu hämmern, daß mit dem Augenblicke, da sie zur Gewalt schritten, die Gefahr emportauchte, daß sie alles bisher Erreichte verloren.

Dennoch bleibt es unerklärlich, wie O’Connell annehmen konnte, England ließe sich ohne Gewalt dazu bringen, den Widerruf zu gewähren. Selbst zu der Katholiken-Befreiung hatte es sich eingestandenermaßen nur entschlossen, weil sonst die Revolution in Irland unvermeidlich war. Ebenso waren die Reformgesetze nur zustande gekommen, nachdem die Tories es bis zum ersten Akte der Revolution getrieben hatten. Ließ sich da vernünftigerweise die Hoffnung hegen, England werde die Union rückgängig machen, ohne durch einen machtvollen Aufstand oder wenigstens durch die Furcht vor einem solchen gezwungen zu sein? In der Furcht schwebte es — nur hoffte es, die Sache werde doch nicht ganz so ernst gemeint sein. Dazu malte O’Connell nun schon zu lange den Teufel an die Wand. Man vergaß in England nicht, daß man die Iren eigentlich nie ganz ernst genommen. Ihr Witz und ihre Gutmütigkeit verleiteten den Zwingherrn — trotz den Aufständen früherer Jahrhunderte — zu dem Glauben, daß sie eines unabänderlichen Entschlusses nicht fähig seien. Also mochte man es vielleicht doch darauf ankommen lassen. So begann England die Widerruf-Bewegung als ein Spiel zu betrachten, um das Volk hinzuhalten und auszubeuten. Sprach O’Connell im Geiste unbedingter Entschlossenheit — so handelte er, wie mancher [S. 280]Brite glaubte, doch vielleicht im Geiste der Furcht, die vor dem letzten, entscheidenden Schritte zurückschrak.

Wie wenig sich die englische Regierung in der Annahme, O’Connell werde es nicht zum äußersten kommen lassen, täuschte, zeigte sein unbedingter Rückzug bei Clontarf. Anstatt der Regierung in einem flammenden Schreiben die Verantwortung zuzuschieben, wenn es durch ihr plötzliches Verbot einer Versammlung, die bereits vor 14 Tagen einberufen war und zu der nun schon Zehntausende heranzogen, zum Blutvergießen kam, hielt er seine eigenen Anhänger zurück und ermahnte sie zu demütigem Gehorsam. Noch aus der Gefangenschaft heraus erließ er aus Furcht, das Volk könne in offene Empörung ausbrechen, mehrmals eindringliche Mahnungen zu ruhigem Verhalten. Kein Wunder, daß die Regierung nun ihrer Sache gänzlich sicher war. Vermutlich wäre sie, auch wenn ihr die Hungersnot nicht zu Hilfe kam, dieses Aufstandes, erhob er sich — nun zu spät — doch noch, Herr geworden.

Die Feinde O’Connells waren so ängstlich nicht. Um das Jahr 1831, als das katholische Landvolk die Zahlung des von der englischen Kirche erpreßten Zehnten verweigerte, berief der Statthalter die Milizen, die unter den Befehl übereifriger Protestanten gestellt und als geschworene Feinde der Katholiken betrachtet wurden. Sie fürchteten blutige Zusammenstöße so wenig, daß sie sich nicht einmal an die von dem Statthalter gegebenen Weisungen hielten, sondern Politik auf eigene Faust trieben, um einen Aufstand hervorzurufen, von dem sie hofften, er werde den Reformplänen des Whig-Ministeriums ein Ende machen.⁠[76]⁠

Wäre O’Connell, als die Krisis hereinbrach, jünger gewesen, so hätte er vermutlich entschlossener gehandelt. Daß es ihm an Mut nicht gebrach, bewies er [S. 281]1815, als Leutnant D’Esterre, der als ausgezeichneter Schütze bekannt war, ihn zum Zweikampfe herausforderte. O’Connell erklärte, die Absicht der persönlichen Beleidigung habe ihm bei seinem Angriffe auf die Stadtverwaltung von Dublin durchaus fern gelegen, nur die Körperschaft als ganze habe er angegriffen. Dennoch stellte er sich zum Kampfe — und D’Esterre fiel auf den ersten Schuß.

Jetzt, in seinen alten Tagen (er war den Siebenzig nahe) mochte der blutige Schatten des Getöteten vor ihm aufsteigen. Er wollte kein Blut vergießen. Nichts, was Menschen erreichen könnten, so erklärte er, sei es wert, daß auch nur ein einziger Tropfen Blut dafür fließe.⁠[77]⁠

Unzweifelhaft hatte er darin unrecht. Die Geschichte seines eigenen Landes bewies, — lehrte es nicht die Weltgeschichte auf so manchem Blatte — daß die moralische Kraft allein auch der gerechtesten Sache häufig nicht zum Siege hilft. Haben sich alle anderen Mittel als vergeblich erwiesen, so bleibt nichts übrig, als zu dem Letzten zu schreiten: sich selbst und andere zu opfern, um der Gemeinschaft, für die man alles hinzugeben bereit ist, das höchste Gut zu erkämpfen.

Es gibt wenig große Errungenschaften, für die nicht unschuldiges Blut vergossen worden wäre. Der Menschenfreund mag sein Haupt verhüllen, wenn ihm die Geschichte diese traurige Wahrheit auf vielen blutigen Seiten predigt. Der Führer eines Volkes aber, dem die [S. 282]Freiheit trotz den nachdrücklichsten Wünschen dauernd vorenthalten wird, muß bereit sein, den letzten Schritt zu tun, über den die Menschheit — leider! — in ihrer bisherigen Entwickelung noch nicht hinweggeschritten ist.

[68] Siehe darüber die treffenden Bemerkungen bei A. V. Dicey: Law and Opinion in England. London: Macmillan and Co., 1905.

[69] Lecky stellt fest: „Er war der Mittelpunkt einer gewaltigen Bewegung, die sich über 3 Provinzen verzweigte. Für einen Mann, der eine solche Stellung einnahm, der vertrauliche Beziehungen mit vielen Politikern unterhielt und die mannigfachsten Operationen leitete, war, wie für einen Premier-Minister, eine große Gastfreundschaft unbedingt notwendig.“ (Lecky: Vier Essays, S. 250.)

[70] Venedey: Irland. Band 2, S. 176 ff.

[71] Lecky: Vier Essays. S. 254.

[72] Venedey. Band 2, S. 178 ff.

[73] In dieser Bekanntmachung hieß es: „Zweck und Absicht der Personen, welche sich dort versammeln sollten, sei nicht die gesetzliche Ausübung verfassungsmäßiger Rechte und Privilegien, sondern Haß und Verachtung gegen die Regierung und die im Gesetze beruhende Verfassung des Vereinigten Königreichs zu erregen, sowie durch Einschüchterung und Entwickelung physischer Gewalt Veränderungen in der Gesetzgebung und Verfassung des Landes herbeizuführen.“

[74] Geistlicher (einer nichtkatholischen Kirche).

[75] Lecky: Vier Essays. S. 273 f.

[76] Brosch: Geschichte von England. Bd. 10, S. 275 f.

[77] Man glaubt allerdings, in manchen Dingen gegen O’Connell den Vorwurf der Feigheit erheben zu dürfen. So habe er nach der Verhaftung im Jahre 1843 seine Sprache gemäßigt und davon abgelassen, sich des verletzenden Ausdruckes „Sachse“ zu bedienen, mit dem er sonst die Engländer bezeichnete; ja, er habe sogar seine Bereitwilligkeit durchblicken lassen, die Sache des Widerrufes aufzugeben (May Bd. 2, S. 203).

Indessen ist dieses Urteil wohl nur der Voreingenommenheit des Engländers zuzuschreiben, der O’Connell nicht vergaß, was dieser gegen England erreicht hatte und was er unter günstigeren Umständen noch Größeres hätte erreichen können. Die Abneigung gegen O’Connell spricht aus jeder Zeile Mays über die irische Verfassungsfrage, so ruhig dieser Gelehrte sich in anderen Fragen äußert.

Jugendstil-Dekoration

[S. 283]

Kopfvignette,   florales Muster

8. Buch:
Jung-Irland und Parnell.

1. Hungersnot und Hoffnungslosigkeit. — 2. Jung-Irland. — 3. Die Fenier. — 4. Ein paar Reformen. — 5. Trostlose Zustände. — 6. Erstarkung des Nationalbewußtseins. — 7. Ausschreitungen. Boycottieren. — 8. Isaac Butt. — 9. Parnell. — 10. Obstruktion. — 11. Das Wesen Parnells. — 12. Einkerkerung und Bombenattentat. — 13. Parnell sammelt seine Truppen. — 14. Die Wahlrechtsreform 1884. — 15. Einbringung der ersten Home Rule-Vorlage. — 16. Bedenken und Spaltungen. Die Vorlage scheitert. — 17. Niederlage Gladstones. Herrschaft der Konservativen. — 18. Die Brieffälschungen der „Times.“ — 19. Der Ehebruchs-Prozeß. — 20. Parnells Ende.

„Es ist besser, durch die Bajonette Englands zu sterben, als durch seine Gesetze.“

John Mitchel.

1. Hungersnot und Hoffnungslosigkeit.

Der Zusammenbruch O’Connells hätte die politische Bewegung Irlands nicht jeder Aussicht auf Hoffnung beraubt, wäre ihr nicht unmittelbar das entsetzlichste Unglück gefolgt, das die Insel seit Menschenaltern erlitten. Es brach eine Hungersnot über sie herein, die alles übertraf, was jemals ein Volk erduldete.

Im Herbste 1845 stellte sich in Westeuropa die Kartoffelkrankheit ein und breitete sich schnell bis nach Rußland aus. Alle Länder wurden davon betroffen — keines aber schlimmer als die grüne Insel, deren bäuerliche Bevölkerung im Süden und Westen beinahe ausschließlich von Kartoffeln lebte. Viele Menschen hier aßen niemals in ihrem Leben Fleisch und selten Brot. Die Vernichtung ihrer einzigen Nahrungsquelle versetzte sie in äußerste Bestürzung. Als sich im nächsten Jahre die Katastrophe nun gar wiederholte, ja, als sie 1847 nochmals in derselben Schärfe [S. 284]auftrat, kannte das Elend keine Grenzen. Hunderttausende flohen aus dem Lande, das ihnen nicht einmal mehr die kümmerlichste Nahrung gab, und mindestens 800000 Menschen gingen am Hunger oder seinen Folgeerscheinungen zugrunde.

Dabei strömte aus den östlichen Häfen eine Menge Getreide und Vieh aus dem Lande, um England zu ernähren. Was die irischen Bauern erarbeitet hatten, gehörte doch bis eben auf den kümmerlichen Ertrag ihres Kartoffel-Gärtchens ihren Grundherren, und deren geheiligte Besitzrechte durften nicht angetastet werden. Lange Reihen Infanterie und Kavallerie wachten darüber, daß von den Wagen, die diese Nahrungsmittel zur Küste brachten, nichts den Hungernden zufiel.

Allerdings nahm die englische Regierung, nachdem sie monatelang nichts Zureichendes zur Linderung der Not unternommen, endlich eine Anleihe von mehreren Millionen Pfund Sterling auf, deren Ertrag den irischen Kreisen (Baronien) zur Linderung der Not in der Form zur Verfügung gestellt ward, daß aus ihnen Notstands-Arbeiten bezahlt wurden, die den Hungernden den Unterhalt ermöglichten, soweit sie überhaupt noch eine Axt oder einen Spaten halten konnten und nicht, wie dies häufig geschah, sogleich bei Beginn der Arbeit umfielen, um nicht wieder aufzustehen. Diese Anleihen mußten von Irland verzinst werden — erst später verzichtete England auf ihre Rückzahlung.

Auch sammelte die Wohltätigkeit in England in privaten Kreisen etwa 12 Millionen Mark, um die Hungernden zu unterstützen. Trotz den schweren Mißgriffen, die dabei gemacht wurden, linderte dies die Not doch etwas. Allein noch jahrelang nach der Hungersnot starben die Leute an Entkräftung, und die Gesamtzahl [S. 285]der Menschen, die Irland während und unmittelbar nach der Hungersnot durch Tod oder Auswanderung verlor, wird nach den amtlichen Berechnungen, die sicherlich nicht zu hoch gegriffen sind, auf 2½ Millionen Köpfe angegeben. In dem ganzen Verlaufe des 19. Jahrhunderts fand nicht eine größere Katastrophe statt — nicht einmal der Rückzug der „Großen Armee“ 1812/13 kostete so vielen Menschen das Leben. Auch verglichen mit dem großen Sterben früherer Zeiten, etwa mit der Pest in Florenz oder im alten Athen, bleibt die irische Hungersnot die furchtbarste Heimsuchung, die je einem Volke zuteil ward. Im Grunde aber war sie durch Englands Knechtungs- und Ausbeutungs-Maßnahmen geschaffen.

2. Jung-Irland.

Niemand betonte schärfer, daß England durch die wirtschaftliche und politische Knechtung Irlands, durch seine ungeschickte Verwaltung und durch die Unterdrückung des irischen Parlamentes die Schuld an der großen Hungersnot trage, als eine neue Partei, die sich während der letzten Lebensjahre O’Connells gebildet hatte und jetzt mutig ans Licht trat. Sie nannte sich „Jung-Irland.“ Dem „alten Dan“ — so nannte man O’Connell häufig nur beim abgekürztes Vornamen — war sie gram, weil er den Priestern zu große Macht gäbe und auf die friedliche Agitation zu großes Gewicht legte, während mit England in entscheidender Stunde doch nun einmal nur unter dem Nachdrucke offenen Widerstandes verhandelt werden könne; auch hätten sich die irischen Abgeordneten in Westminster so sehr mit den englischen Whigs eingelassen, daß sie zu einem bloßen Flügel der Whigpartei in England geworden seien. Seit dem Rückzuge O’Connells bei Clontarf regte sich diese Kritik heftiger denn je. Ueber kurz oder lang mußte es zum Bruche kommen.

[S. 286]

Als die große Hungersnot ausbrach, als beinahe zur selben Zeit O’Connells Lebenslicht erlosch, als sich gleichzeitig in Westeuropa revolutionäre Anschauungen verbreiteten, die auch auf der grünen Insel Boden fanden, trat unter den Jung-Irländern eine Spaltung ein. Auf der einen Seite standen die konservativ gesinnten Elemente, an ihrer Spitze William Smith O’Brien, den O’Connell während seiner Gefangenschaft zum Führer der Widerruf-Bewegung bestimmt hatte. Auf der anderen predigten John Mitchel, Meagher und andere, mit der friedlichen Agitation lasse sich gar nichts erreichen, man dürfe also nicht länger zögern, wenn nötig auch körperliche Gewalt anzuwenden. Vor letzterer schreckte der konservative Flügel zwar nicht grundsätzlich zurück, doch hielt er sie für ein verzweifeltes Mittel, dessen Erfolg gänzlich ungewiß sei. Von dem heftigen Kriege, den die radikale Gruppe auf der ganzen Insel entzünden wollte, mochte er infolgedessen nichts wissen, während die Radikalen wieder sich gar nichts von der Hoffnung eines Davis versprachen, die Gentry englischer Abstammung werde sich mit den Iren verschmelzen und versöhnen lassen. Tatsächlicher Führer der konservativen Gruppe war Davis, scheinbarer Führer Smith O’Brien, Haupt der Radikalen dagegen Mitchel. Beide waren Protestanten.

Anfang 1848 nahmen die Dinge plötzlich eine heftige Wendung. Die revolutionär Gesinnten, die bisher an der „Nation“ als gemeinschaftlichem Organ mitgearbeitet hatten, ließen am 12. Februar die erste Nummer einer neuen Zeitung, des „United Irishman“, erscheinen. Der Titel lehnte sich eng an den Namen des „Bundes der Iren“ (United Irishmen) an, der in den Jahren bis zum Aufstande 1798 eine so große Rolle gespielt hatte. Das neue Blatt predigte offen die Revolution und den Straßenkampf. John Mitchel bezeichnete den Statthalter, Lord Clarendon, [S. 287]als „Ihrer Majestät General-Gerichtsvollzieher und Generalschlächter in Irland.“ Selbst die Gemäßigten, sogar der ruhige Landedelmann Smith O’Brien, ließen sich von der feurigen Sprache Mitchels hinreißen.

So kam es zum Aufstande. Allein dieser war so ungenügend vorbereitet, daß nur wenige Dutzend Menschen daran teilnahmen und daß die Polizei keine Mühe hatte, ihn im Keime zu ersticken. Smith O’Brien, der nach einem kurzen Gefechte in einem Garten den Hütern der öffentlichen Ordnung entkommen war, ward ein paar Tage später auf einem Bahnhofe verhaftet, als er sich eine Fahrkarte löste. Zusammen mit den anderen Führern wurde er vor Gericht gestellt und verurteilt. Für einige „Rebellen“ lautete der Wahrspruch: sie seien zu hängen, zu enthaupten und zu vierteilen. Andere kamen etwas milder davon.

Indessen sah die Regierung sich doch genötigt, die Todesurteile in Deportation umzuwandeln. Dieser Strafe verfiel auch Mitchel, der schon beim Ausbruche der kleinen Revolution verhaftet worden war, bevor er noch die Waffen ergriffen hatte.

Einige Jung-Irländer kehrten später in die Heimat zurück. John Mitchel, der aus Australien entfloh und in den Vereinigten Staaten lebte, bis die Dauer seiner Strafe (14 Jahre) verstrichen war, kehrte dann nach Irland zurück. Er wurde alsbald ins Parlament gewählt, hier jedoch nicht zugelassen, da man ihm seinen Versuch, gegen England eine Revolution anzuzetteln, nicht vergaß. Am liebsten hätte man ihn von neuem eingekerkert; doch war es auf Grund der bestehenden Gesetze nicht möglich, ihn wegen des Verbrechens, für das ein Urteil gegen ihn ergangen war, nochmals zu bestrafen, wenn er sich ihr auch nach einiger Zeit durch seine Flucht entzogen hatte.

Als das Parlament ihm den Zutritt verweigerte, mochte man in Irland an O’Connells erste Wahl in [S. 288]Clare denken. Hatte England damals nachgegeben, so sollte es auch diesmal dazu gezwungen werden. Ein neuer Konflikt zog herauf, der die Nation stark erregen mußte. Indessen hatte England Glück — Mitchel starb plötzlich. Die Gefahr war wieder einmal beseitigt.

3. Die Fenier.

Nicht so leichten Kaufes kam England davon, als eine neue Bewegung der Unzufriedenheit ihr Haupt erhob, der sich viele ehemalige Jung-Irländer anschlossen. „Fenier“ nannten sich diese Männer, die ebenfalls überzeugt waren, England werde gutwillig niemals Zugeständnisse machen, die Irland befriedigen könnten.

Einer der Führer des kleinen Aufstandes, der 1848 in Skibbereen mißglückte, James Stephens, war entkommen. Er ging nach den Vereinigten Staaten, wo er gemeinschaftlich mit O’Donovan Rossa, O’Leary und Kickham einen Bund begründete, der sich „Irische republikanische Bruderschaft“ (Irish Republican Brotherhood) nannte. Die gewaltige Auswanderung, die sich seit den Jahren der Hungersnot aus Irland in die Vereinigten Staates ergoß, trieb die Zahl der Iren dort schnell in die Millionen. Im Bürgerkriege 1861–65 fochten sie auf beiden Seiten mit. Die militärische Uebung, die sie dabei erhielten, ja, die einige von ihnen suchten, nur um sie später gegen England zu wenden, sollte ihnen nun dazu dienen, den Erzfeind zu bekämpfen.

Zur besonderen Aufgabe hatte es sich O’Mahony gestellt, in Nordamerika eine irische Miliz zu schaffen, um sie für die nationalen Zwecke der Heimat zu verwenden. Seit 1858 nahm die Bewegung größeren Umfang an. Freilich lehnte die katholische Geistlichkeit in Irland jede Verbindung mit ihr ab, brachte ihr sogar offene Feindschaft entgegen. Daß den Feniern dennoch schnell bedeutender Anhang zufloß, war ein [S. 289]Beweis dafür, wie der England-Haß unter dem Eindrucke der Ereignisse des letzten halben Menschenalters in Irland zugenommen hatte. 1861 bewies ein Vorfall, der noch wenige Jahre früher unmöglich gewesen wäre, daß der Einfluß der Fenier sogar den der katholischen Geistlichen überstieg. Einer der Führer der Revolution 1848, Terence MacManus, war gestorben. Kardinal Cullen weigerte sich, den Sarg vor dem Begräbnisse in der Kirche in Dublin aufstellen zu lassen. Die Folge war, daß 50000 Menschen ihm zu der Grabstätte folgten.

Die Regierung rüstete sich gegen die Fenier mit allen Mitteln. Die Polizei-Truppen wurden vermehrt, die Spionage verschärft. Trotzdem fühlte man sich in der Hofburg recht unsicher, da sogar im Heere und in der Polizei Anzeichen vorlagen, daß Fenier selbst dort, ja, ins Dubliner Schloß eingedrungen waren.

Als der Bürgerkrieg in Nordamerika sein Ende fand, strömten zahlreiche Fenier, die dort mitgekämpft hatten, in die Heimat zurück. Um einem Ausbruche vorzubeugen, verhaftete die Regierung, wie sie es 1798 und 1848 getan hatte, am 16. September 1865 die Führer, kerkerte sie ein und beschlagnahmte ihre Papiere. Demselben Schicksale verfiel „The Irish People“, das Organ der Bewegung. Aber die Regierung wurde durch die Nachricht erschreckt, daß es Stephens gelang, zu entkommen. Offenbar hatten die Fenier überall Anhänger, die mit ihnen unter einer Decke arbeiteten.

Immerhin gelang es, nachdem wie üblich das Standrecht verkündet war, die hier und da aufflammende Erhebung zu ersticken. Ein amerikanisches Schiff, „Erin’s Hope“ (Irlands Hoffnung), mit einer ganzen Ladung voll Waffen und einer Menge irischer Soldaten an Bord, wurde beschlagnahmt.

Aber nicht einmal England blieb von den Feniern [S. 290]verschont. Die elende Lage des irischen Volkes hatte schon zu Beginn des Jahrhunderts eine beträchtliche Auswanderung über den Georgskanal geführt. Den Grundherren wie den Fabrikanten Englands war es recht erwünscht, in den irischen Wanderarbeitern sehr billige Arbeitskräfte zu finden. Die große Hungersnot hatte diese Auswanderung zu riesigem Strome anschwellen lassen. Nun gab es also in England Hunderttausende von Iren, und London ebensowohl wie die großen Industrie-Städte umfaßten große irische Stadtteile. Auch hier war jetzt eine Erhebung zu fürchten, oder es war doch möglich, daß die irischen Stadtviertel zum Ausgangspunkte von Gewalttaten gegen die englische Polizei würden.

In der Tat ereignete sich in Manchester ein Verbrechen, das in der Aufhaltung eines Polizei-Wagens mit gefangenen Iren bestand; da der Wagen — im englischen Volksmunde die „Schwarze Maria“ genannt — von innen verschlossen war, gab einer der Fenier, die ihn mitten in der Großstadt, am hellichten Tage, im Angesichte zahlreicher Menschen, festhielten, einen Schuß in das Türschloß ab, um dieses zu sprengen. Dabei traf er den Polizei-Sergeanten, der die Gefangenen bewachte, und tötete ihn; ebenso gut hätte er einen der Gefangenen treffen können.

Um das Verbrechen zu sühnen, wurden 3 von 5 Männern, die die Polizei nachträglich verhaftete, hingerichtet — obwohl sie bestritten, bei der ganzen Sache überhaupt beteiligt gewesen zu sein. Aber die englische Nation verlangte ein paar Blutopfer.

Besaß Irland ein eigenes Parlament, so hätten Gewalttaten von Feniern in England sicherlich nicht stattgefunden. Wahrscheinlich wäre auch der Einfluß der Fenier in Irland beträchtlich weniger groß gewesen, oder mindestens hätten sich ihre Wünsche auf andere Ziele gerichtet. Das Feniertum war ein neues [S. 291]Ergebnis der zwangsweisen Verbindung des irischen mit dem englischen Parlamente.

4. Ein paar Reformen.

Auch in England begann man einzusehen, daß Irland mancherlei Recht zu Klagen besitze. Trotz der großen Hungersnot hatte die öffentliche Meinung Englands sich in der merkwürdigen Vorstellung gewiegt: in Irland sei man ganz zufrieden, das Elend dort sei kaum größer als in England, jedenfalls klage es nicht mehr, und nur ein paar Heißsporne haßten England. Diese Selbstzufriedenheit mußte auch dem dünkelhaftesten Engländer durch den Ausbruch der Fenier-Bewegung 1867, der nach den Worten John Stuart Mills „wie ein Donnerschlag aus klarem Himmel“ kam, geraubt werden.

Die wirtschaftlichen Zustände der Insel waren — dies stellte sich bei jeder Prüfung heraus — noch immer trostlos. Den englischen Grundherren gehörte der größte Teil des Landes. Zwei Drittel des Bodens waren in des Händen von nur 1942 Besitzern, ein Drittel gehörte sogar nur 292 Landlords. Die große Masse der Bevölkerung (eine halbe Million Männer, mit ihren Familien 3½ Millionen) bestand dagegen aus Taglöhnern und Pächtern, die in elenden Verhältnissen und in beständiger Unsicherheit über ihre Zukunft lebten. Die Grundherren ließen sich zum Teil nicht sehen, falls sie nicht etwa zur Fuchsjagd oder zu anderem Sport vorübergehend auf die grüne Insel kamen.

Seit den 60er Jahres hatten die irischen Bauern ein neues Feldgeschrei — die drei F’s: „Fixity of tenure“ (Sicherheit der Pachtstellen), „Fair rent“ (angemessener Pachtzins) und „Free sale“ (freier Verkauf des Pachtrechts). Nur in der Provinz Ulster waren diese Forderungen seit Jahrzehnten verwirklicht, weil die Ansiedler, die größtenteils aus Schottland stammten, [S. 292]sie erzwungen hatten. Das hier übliche Pachtrecht (tenant right) hatte sich dem irischen Volke zum Ideal verdichtet. Es ließ nicht mehr ab, die Forderung der „drei F’s“ auf gesetzlichem und ungesetzlichem Wege wieder und wieder zu erheben.

Wie berechtigten Anlaß zu schwerster Unzufriedenheit die Iren hatten, gaben nun auch Engländer zu. Der Abgeordnete John Bright, der im Anschluß an die Fenier-Bewegung im Unterhause zu der irischen Frage das Wort ergriff, erklärte mit Nachdruck: „Wenn die Mehrheit des irischen Volkes, gerecht gezählt, ihren Willen hätte und die Macht dazu, so würden sie ihre Insel von ihrer Verankerung in der Tiefe lösen und sie mindestens 2000 Meilen weit nach Westen schieben.“

Eine vernichtendere Kritik war nicht denkbar. Sie traf den Nagel auf den Kopf. Die Iren wollten, nach 2 Menschenaltern der „Vereinigung“ mit England, nach 7 Jahrhunderten der größeren oder geringeren staatlichen Zusammengehörigkeit mit ihm, lieber heute als morgen, von der Verbindung loskommen.

John Stuart Mill, der in derselben Debatte das Wort nahm, stellte den gänzlichen Mißerfolg der englischen Herrschaft ins rechte Licht, indem er den Vergleich zog: wenn der Kapitän eines Schiffes oder der Lehrer in einer Schule seine Zuflucht beständig zu Gewaltmaßregeln nehmen muß, um die Mannschaft oder die Jungen in Ordnung zu halten, so nehmen wir an, ohne nach weiteren Beweisen zu fragen, daß in seiner Art der Verwaltung etwas falsch ist. Mit den stärksten Worten wies dieser hochangesehene englische National-Oekonom und Politiker darauf hin, daß es für die Schwierigkeiten, denen die englische Regierung stets begegne, nur eine mögliche Erklärung gebe: jedem Verlangen nach Erlaß besonderer Gesetze in Irland stellten die englischen Staatsmänner ein ewiges politisches „das können wir nicht“ [S. 293]entgegen — ein „das können wir nicht“, das weiter nichts bedeute, als daß man das Geforderte in England nicht tue.

Zum Glück war man in England um das Jahr 1867 wieder einmal reformfreundlicher Stimmung. Das Wahlrecht, 1832 umgeschaffen und volkstümlicher gestaltet, wurde jetzt für das Vereinigte Königreich abermals demokratisiert. An die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes, wie es im gleichen Jahre für den Norddeutschen Bund und 4 Jahre später für das neue Deutsche Reich eingeführt ward, dachte man allerdings nicht. Immerhin weitete sich die Zahl der Wähler. Auch Irland mochte daraus Vorteil ziehen. Wer diese Hoffnung hegte, übersah nur, daß man die Zahl der Männer, die den Wahlzettel in die Urne werfen durften, vermehren mochte, wie man wollte, ohne doch den Einfluß Irlands im englischen Parlamente oder den Nachdruck zu stärken, mit dem es seine Wünsche dort vorbringen konnte. Da eine Verschiebung der Abgeordneten-Zahl in Westminster nicht zwischen England, Schottland und Irland, sondern nur zwischen den einzelnen Steuerklassen in allen diesen Länderteilen eintrat, blieb in jener Beziehung alles beim alten.

Immerhin traten nun einige Reformen ins Leben. Gladstone setzte die Entstaatlichung der anglikanischen Kirche für Irland 1869 durch. Damit fiel eine schwere Ungerechtigkeit: fortan konnten die Katholiken Irlands nicht mehr gezwungen werden, zum Unterhalte der protestantischen Geistlichkeit und zum Bau oder der Ausbesserung protestantischer Kirchen Steuern zu zahlen. Die bisherige Staatskirche, die in England diese Würde beibehielt, ward übrigens für das Aufgeben ihrer „Rechte“ in Irland durch eine nach Millionen Pfund zählende Geldbewilligung entschädigt.

Auch das erste bedeutsame Landgesetz, durch das man die agrarischen Zustände Irlands bessern wollte, [S. 294]trat (in der Parlaments-Session 1869/70) ins Leben. Die Geneigtheit, den Wünschen Irlands entgegenzukommen, war endlich da.

5. Trostlose Zustände.

Freilich dauerte sie nicht an. Als 1874 das liberale Ministerium zurücktrat, um einem konservativen Platz zu machen, hörten die Reformen für Irland während der ganzen 6jährigen Amtsdauer des letzteren (1874 bis 80) auf. Die irischen Abgeordneten mochten Wünsche äußern, welche sie wollten, einen Antrag nach dem anderen stellen — das englische Parlament kümmerte sich nicht darum.

Noch im Jahre 1880 boten die Zustände Irlands einen traurigen Anblick. In England war man geneigt, alle Klagen, die von der Nachbar-Insel erschollen, für Uebertreibung zu halten. Jetzt unterzog ein einflußreicher Engländer, von tiefstem Pflichtgefühl getrieben, diese Klagen einer persönlichen Prüfung. Was er dabei fand, überstieg seine schlimmsten Erwartungen. In der „Times“ vom 3. Dezember 1880 veröffentlichte General Charles Gordon, bekannt durch Tapferkeit und Pflichttreue, Edelmut und Menschlichkeit, berühmt durch seinen Kampf gegen den Taiping-Aufstand in China und gegen die Sklaverei in Afrika, einen Brief an einen Freund. Rückhaltlos erkannte er darin an: im Südwesten Irlands, das er in der Hoffnung besuchte, ein Mittel zu entdecken, wie sich die irische Frage lösen lasse, die wie ein Krebs an dem Marke der britischen Nation zehre, habe er die Zustände trostlos gefunden. Nur durch ganz große Maßregeln lasse sich Besserung schaffen. Er forderte, die Regierung solle nicht weniger als 80 Millionen Pfund Sterling (1,6 Milliarden Mark) aufwenden, um den größeren Teil des Südwestens in Kronländereien zu verwandeln, damit die Grundherren dort nichts mehr zu sagen hätten. Für das übrige Irland sei ein Gesetz erforderlich, das den Pächtern den freien Ankauf ihrer [S. 295]Pachtgrundstücke oder, zögen sie dies vor, gerechte Pachtzinsen gewähre, und zwar auf Grund einer Abschätzung durch die Regierung.

Zum Schlusse sagte Gordon: nach allen Berichten und nach seiner eigenen Beobachtung sei der Zustand der Menschen im Südwesten Irlands schlechter als der irgend eines anderen europäischen Volkes: „Ich glaube, daß dieses Volk aus demselben Stoffe gemacht ist wie wir; daß es unglaublich geduldig und staatstreu, gleichzeitig aber in seiner Stimmung gebrochen und verzweifelt ist, da es am Rande der Hungersnot in Behausungen wohnt, in denen wir nicht unser Vieh halten würden.“ Die in England über die Irländer so gewöhnlichen Karikaturen seien völlig unwahr, da das Verbrechen in Irland nicht größer sei als in England — und sie täten unendlichen Schaden, weil sie auf beiden Seiten des Georgs-Kanals verbitterten. „Es ist übel, über eine Frage zu lachen und zu spotten, die unser Dasein berührt.“

6. Erstarkung des Nationalbewußtseins.

Mit tiefem Schmerze empfanden es die Iren, nach wie vor nicht die Herren im eigenen Hause zu sein. Allenthalben sonst in der Welt stiegen die Völker zur Selbstregierung empor — nur Irland wurde dauernd in Abhängigkeit gehalten. Das italienische Volk schüttelte die Fesseln der Fremdherrschaft ab und bildete ein einiges freies Reich. Die Deutschen, Jahrhunderte hindurch zu politischer Machtlosigkeit verurteilt, schufen sich den mächtigen Bau ihres neuen Staates. In Rußland erstarkte der Panslavismus. Wo aber ein bisher abhängiges Volk nicht einen freien Staat ins Leben rief, da verlangte es wenigstens genügenden Anteil an der Regierung.

In den englischen Kolonien war diese Forderung [S. 296]schon längst gestellt. Weil England sie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts seinen Besitzungen in Nordamerika nicht gewährte, sagten sich diese vom Mutterlande los und erfochten durch den Unabhängigkeitskrieg ihre Selbständigkeit. In Kanada brach 60 Jahre später ein Aufstand los, der die Regierung zwang, nachdem der weitblickende Lord Durham die Verhältnisse untersucht, den Wünschen des Landes so weit entgegenzukommen, daß sich daraus im Verlaufe eines Menschenalters die volle Selbstregierung entwickelte. Nirgend war ein Volk damit einverstanden, daß ein anderes über seine Geschicke entschied. Farbige Nationen mochten sich von weißen beherrschen lassen — weiße Völker aber beanspruchen frei zu sein. Ja, sie waren so eifersüchtig auf einander, daß die Vereinigten Staaten schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Monroe-Doktrin prägten — jenen Anspruch, der den europäischen Staaten zu verbieten sucht, in Nord-, Mittel- oder Süd-Amerika Eroberungen zu machen, nein, auch nur wohlbegründete Rechte nötigenfalls mit den Waffen in der Hand zu vertreten.

Wie eine gewaltige Woge brandete das National-Bewußtsein über die weißen Völker hin. Daß Irland davon frei bliebe, konnte man um so weniger erwarten, als hier der Wunsch nach eigener Regierung sich auf bedeutsame, liebevoll gepflegte geschichtliche Erinnerungen und Rechte stützte und in der Seele der irischen Nation niemals erloschen war. Die Home Rule — das „Herr im eigenen Hause sein“ — hatten die Iren durch friedliche Maßnahmen 1782 erkämpft. Freilich war ihnen das Erreichte durch England alsbald wieder genommen — aber sie betrachteten die Art, wie dies geschah, als unentschuldbaren Betrug. Jetzt, da so viele andere Völker die Freiheit errangen, mußte auch in ihnen der Wunsch, sich selbst regieren zu dürfen, von neuem machtvoll emporkeimen.

[S. 297]

Denn tatsächlich waren sie nicht Herren im eigenen Hause. Selbst das, was ihnen von dem Parlamente in Westminster, zum Teil mit gutem Willen, geboten ward, befriedigte sie durchaus nicht. Wohl setzte Gladstone 1870 jenes Landgesetz für die unglückliche Nachbarinsel durch, das den Pächtern die Erwerbung von Grundeigentum durch staatliche Vorschüsse zu erleichtern suchte. Es schrieb ferner vor, daß sie nach Ablauf ihrer Pachtfrist für Verbesserungen, die sie auf ihrer Pachtstelle vorgenommen, zu entschädigen seien. In diesem Gesetzentwurfe lag der erste Keim zu der Reform-Gesetzgebung, die den irischen Zuständen allmählich die allerübelsten Seiten nahm.

Aber schon der nächste Vorstoß mißglückte. Als er den Versuch machte, das irische Unterrichtswesen durch ein Universitätsgesetz einer Neuordnung zu Gunsten der bisher noch immer zurückgesetzten Katholiken zu unterziehen, scheiterte sein Entwurf im März 1873. Als er am 17. Februar 1874 zurücktrat, weil die Neuwahlen eine konservative Mehrheit ergaben, mußten die Iren auf Jahre hinaus selbst die bescheidenste Hoffnung begraben.

7. Ausschreitungen. Boycottieren.

Die Zustände des Landes spotteten jeder Beschreibung. Dauernd war eine Garnison von 30000 Mann nötig, um die Ruhe auch nur oberflächlich aufrecht zu erhalten. Die Verzweiflung der bedrückten Bevölkerung machte sich durch Ausschreitungen Luft, wie sie im 18. Jahrhundert durch die Weißburschen, dann durch die Eichenburschen, die Stahlburschen und andere Geheimbünde organisiert waren. Jetzt wiederholte sich Aehnliches. Allein im Jahre 1880 wurden 4439 Agrar-Verbrechen verzeichnet. Die Erbitterung des Volkes kannte keine Grenzen mehr. Wo ein Grundherr oder ein Verwalter sich den besonderen Haß der Pächter zugezogen hatte, konnten sich Zustände ausbilden, wie 1880 auf den Gütern des [S. 298]Lords Ewe in Mayo (Connemara), die durch Kapitän Boycott verwaltet wurden. Er verstand es, einen solchen Haß zu wecken, daß es ihm schließlich unmöglich wurde, für irgend welche Verrichtung überhaupt noch Arbeiter zu finden: die Bevölkerung hatte sich verschworen, unter keinen Umständen Dienste bei ihm zu nehmen. So wurde er „boycottiert“. Die Ernte auf dem Felde drohte zu verfaulen; als er nach unsäglichen Mühen ein paar Arbeiter auftrieb, war es nötig, sie unter starken polizeilichen Schutz zu stellen.

So hielt es Gladstone, der im Februar 1880 wieder ans Ruder kam, da die Wahlen eine starke Mehrheit für die liberale Partei ergaben, für seine Pflicht, die Lösung der Frage zu unternehmen. War es doch unverkennbar, daß die Wünsche der Iren zu berechtigt waren, als daß sie nicht irgend welche Anerkennung finden mußten.

8. Isaac Butt.

Durch die Neuwahl zogen diesmal in Westminster 63 irische Homeruler ein — Männer, deren Programm als Hauptpunkt die Selbstregierung Irlands enthielt.

Der Vater dieser Bewegung war Isaac Butt, einer jener Idealisten, die von England auf gütlichem Wege ausreichende Zugeständnisse zu erreichen hofften. Obwohl Protestant, wurde er alsbald Führer der irischen Partei im Parlamente.

1870 begründete er die „Home Government Association“, die ihren Namen bald darauf in „Home Rule Association“ änderte. In dieser Gesellschaft waren wieder einmal alle Parteien und alle Schichten des irischen Volkes vertreten: auch die Protestanten, ja, sogar die Orange-Männer. Freilich zogen sich die Protestanten bald zurück, genau wie sie es in der Zeit O’Connells in der Widerruf-Bewegung getan hatten. Vielleicht aber trug gerade dies zu der Stoßkraft der neuen Bewegung bei.

Denn nun sammelten sich in ihr alle Männer, die [S. 299]noch die Widerruf-Bewegung oder die Jung-Irland-Zeit mitgemacht hatten, um eine unabhängige Partei, die „National-Partei“, zu bilden. Radikale Parteien haben es stets leichter als gemäßigte, Anhängerschaft zu gewinnen. Je bestimmter ein Schlagwort ist, je weiter eine Forderung geht, desto mehr Menschen sammeln sich unter ihrer Fahne. In Irland konnte, so lange England nicht ganz andere Wege einschlug, eine gemäßigte Gruppe unmöglich etwas erreichen, während eine Partei, die den Kampf gegen England auf ihre Fahnen schrieb, von vornherein zahlreicher Gefolgschaft sicher war.

Bei der Parlamentswahl des Jahres 1874 siegten die Nationalisten zum ersten Male: sie zogen mit etwa 60 Mitgliedern in das Parlament ein. Damit überschritt die Bewegung den Umfang, den Butt übersehen konnte, der wenig Sinn für praktisches Handeln besaß. Die Führung entglitt allmählich seiner Hand. Als er 1877 starb, ging sie völlig auf einen Mann über, der trotz seiner Jugend und trotz scheinbarer Kälte alsbald das irische Volk zu gewaltiger Macht zusammenschloß und sich — wie vor ihm O’Connell — den Namen des „ungekrönten Königs von Irland“ erwarb.

9. Parnell.

Kaum ein Tropfen irischen Blutes floß in den Adern dieses Mannes. Protestant und von englischer Abstammung, kümmerte er sich anfangs nicht um die Wünsche der großen Mehrheit seines Volkes — bis er durch die törichte, Haß aussäende Politik Englands zum erbitterten England-Feinde und zum Haupte der irischen Bewegung ward.

Charles Stewart Parnell wurde 1846 geboren. Von väterlicher Seite entstammte er einer alten englischen Familie, die vor verhältnismäßig nicht langer Zeit aus Congleton in der Grafschaft Cheshire nach Irland hinübergewandert war und sich dort in der Grafschaft [S. 300]Wicklow angesiedelt hatte. Seine Mutter war Amerikanerin, eine Tochter des Admirals Charles Stewart, der in dem Kriege 1814 gegen die Engländer gekämpft hatte. Erzogen wurde der junge Charles in verschiedenen Internat-Schulen in England. Dann ging er auf die Universität Cambridge. Weder auf seine Lehrer noch auf seine Kameraden machte er irgend welchen besonderen Eindruck, auch durch die Ergebnisse seiner Studien zeichnete er sich nicht aus.

Eines Tages erhielt er in Cambridge die Nachricht, daß Avondale, das Schloß seiner Eltern, von der Polizei durchsucht worden sei. Da die Machthaber argwöhnten, Mrs. Parnell begünstige die Fenier, auf die man fahndete, so wurde sogar ihr Schlafzimmer durchstöbert.

Der junge Parnell schäumte vor Wut. Bisher hatte er sich um Politik überhaupt nicht gekümmert. Wenn er eine Leidenschaft kannte, so war es die für Naturwissenschaften. Jetzt faßte er zum ersten Male Interesse für die irische National-Bewegung, und jetzt ward er zum erbitterten England-Feind.

1871 übernahm Parnell das väterliche Gut. Vier Jahre später entsandte der Wahlkreis South Meath den 29jährigen ins Parlament. Unbedingt schloß er sich der Partei der Homeruler an und innerhalb dieser Gruppe den Obstruktionisten. Nur hart auf hart machte auf England Eindruck — das war seine feste Ueberzeugung. Gelang es der irischen Partei nicht, England beständig zu hindern, sich unliebsam bemerkbar zu machen, sodaß man von ihr sprach und die Augen der ganzen Welt auf sie lenkte, so war es aussichtslos, irgend welche Hoffnungen zu hegen.

10. Obstruktion.

Von dem Parlamente in Westminster, das auf Grund des erschlichenen Unions-Gesetzes die Herrschaft über Irland ausübte, war nicht zu erwarten, daß es auf seine Herrschaft [S. 301]verzichtete. Wollte Irland wieder frei werden, so mußte es also Mittel und Wege finden, seinen Wunsch der englischen Nation als solcher, von der das Parlament abhängig war, kundzugeben und diese Kundgebung so eindrucksvoll zu gestalten, daß an ihrem tiefen Ernste nicht zu zweifeln war. Alles, was Parnell im Parlamente sprach und tat, ging daher von der Voraussetzung aus, daß er nicht nur vor den dort anwesenden Abgeordneten stand, sondern vor der öffentlichen Meinung Englands. Und da letztere bisher alle Wünsche Irlands auf Widerruf der Union abgelehnt hatte, so war Parnell entschlossen, das Verlangen nach Gewährung der Selbstregierung so nachdrücklich zu Gehör zu bringen, daß es sich mit den bisheriges Mitteln nicht mehr abtun ließ.

Das Mittel dazu war die Obstruktion. Nicht als ob Parnell diese erfunden hätte: schon mehrfach war sie als Waffe im parlamentarischen Kampfe benutzt worden. Bereits im 18. Jahrhunderte war ein Anfang der Obstruktion zu beobachten.⁠[78] Auch der Reformbill Lord John Russells war 1831 und 1832 organisierte Obstruktion gemacht worden. Als später das Ehescheidungs-Gesetz zur Beratung stand, hinderte Gladstone seine Beratung nach Kräften.

Auch andere Länder kannten diese parlamentarische Taktik: 1841 wurde die Tätigkeit des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten durch einen hartnäckigen Obstruktions-Versuch derartig behindert, daß das Haus, um vorwärts zu kommen, die noch heute bestehende „One hour rule“ annahm, die dem Redner verbietet, in der Erörterung länger als eine Stunde zu sprechen. Die Bestimmung wurde noch verschärft durch den Beschluß, daß bei Beratung von Zusatz-Anträgen nur der Antragsteller [S. 302]und nach ihm ein einziges Mitglied der Opposition nicht länger als je 5 Minuten sprechen dürfe.

Jedenfalls wurde die Obstruktion wohl in allen Parlamenten als erlaubtes Mittel betrachtet, um Anträge des Hauses, die sonst angenommen worden wären, zu Falle zu bringen. Sogar Mitglieder des englischen Kabinettes teilten diese Ansicht, sobald es sich um Anträge handelte, die der Regierung unbequem waren. Die Opposition ihrerseits betrachtete es als ihr gutes Recht, die Mehrheit in ihren Beschlüssen durch einen Wortschwall aufzuhalten, der die Beratung endlos in die Länge zog. So wird aus dem Jahre 1831 berichtet, daß Sir Robert Peel im Laufe von 14 Tagen nicht weniger als 48 Reden hielt.

Als Mittel großen Stils jedoch hatte man die Obstruktion vor dem Jahre 1877 noch nicht angewandt. Erst die irische Nationalpartei lehrte die Welt, daß die gesamte Tätigkeit eines Parlamentes durch beständige Reden und Anträge von einer kleinen Minderheit derartig gelähmt werden kann, daß ihm beinahe jede geregelte Tätigkeit unmöglich wird. Die Minderheit versuchte, um einen Wunsch zu Gehör zu bringen, der ihr über alles ging, die Mehrheit auf jede Gefahr hin systematisch, nicht nur Tage, sondern Wochen lang aufzuhalten.

Noch etwas Weiteres unterschied die irische Obstruktion grundsätzlich von allen früheren und beinahe allen späteren Obstruktions-Versuchen: die Tatsache nämlich, daß sich die Behinderung sonst nur auf ein bestimmtes Gesetz richtete, das die Opposition unter keinen Umständen durchgehen lassen wollte — während die Iren die gesamte parlamentarische Tätigkeit in Westminster lahm zu legen suchten.

Für England war es außerordentlich beschämend, daß gerade die stolze „Mutter der Parlamente“ gezwungen werden konnte, den Iren, die doch durch die Union mit England zur Machtlosigkeit hatten [S. 303]verurteilt werden sollen, ein aufmerksames Ohr zu schenken. „Die übliche Redensart von der ‚historischen Würde des Parlamentes‘ konnte nicht gebraucht werden, weil die Iren eben keine Engländer sind, und irgendeine Pflicht, die vermeintliche Würde eines ausländischen Parlamentes, in welchem sie wider ihren Willen zu sitzen gezwungen wurden, zu respektieren, lag ihnen freilich nicht ob.“⁠[79]⁠

Seit 1801 hatten die Iren die Möglichkeit gehabt, die Waffe der Obstruktion zu benutzen — erst jetzt taten sie es. Parnell hatte durch das Studium der Geschäftsordnung des Repräsentanten-Hauses in Washington gelernt, wie man den Geschäftsgang des Parlamentes behindern konnte.

Regierung und Kammerpräsidium waren ratlos. Bei jedem Gesetzentwurfe, er mochte noch so unbedeutend sein, erhob sich ein Ire, um einen Aenderungsantrag zu stellen; dem Antragsteller folgten andere Iren, die stundenlang darüber redeten; nach Verabredung lösten sie sich ab; versagte einem die Stimme, so trat ein anderer an seine Stelle. Kurzum, es trat eine so unangenehme und verderbliche Stockung der englischen Staatsgeschäfte ein, wie man sie nie für möglich gehalten hätte.

Einen Tag nach dem andern zog Parnell die Geschäfte des Hauses hin, indem er Anträge stellte oder bekämpfte, Unteranträge einbrachte, namentliche Abstimmungen verlangte, die in England schon deshalb höchst unbeliebt sind, weil sie körperliche Bewegung verlangen, und weil in sämtlichen Räumen des ganzen Unterhauses vom Dach bis zum Keller ein langanhaltendes schrilles Glockenzeichen ertönt, um sämtliche Abgeordnete zur Beteiligung an der Abstimmung herbeizurufen.

Es dauerte nicht lange, so empfanden die englischen Mitglieder des Hauses die Anwesenheit Parnells und seiner [S. 304]Gefolgschaft als eines Fluch. Genau dies lag in seiner Absicht. Er wollte das Haus Tag für Tag bis spät in die Nacht beisammenhalten; gingen die Mitglieder endlich nach Hause, so sollten sie das unbefriedigende Gefühl eines verlorenen Tages mitnehmen. Nicht einmal die ungestörte Behaglichkeit des Mittagessens gönnte er ihnen. Immer stand er auf dem Sprunge, wieder ein Sandkorn in die Maschinerie des Parlamentes zu werfen, um ihre Räder knirschen zu lassen und zum Stehen zu bringen.

Er selbst verzichtete auf alle Annehmlichkeiten, die das Gesellschaftsleben bieten mochte. Allerdings mußten unter dieser Taktik seine Freunde ebensowohl leiden wie seine Gegner. Auch war ihm wohlbewußt, daß er durch die Obstruktion glühenden Haß auf sich zog. Alles dies war ihm gleichgültig — wenn er nur sein Ziel erreichte, die Arbeiten des Parlamentes so zu stören, daß die Anwesenheit der Iren dort als widersinnig empfunden wurde und daß man darüber beriet, wie man sich ihrer entledigen könne. Dann — so glaubte er — aber auch dann erst wäre die Stunde gekommen, da Irland seine Wünsche nach Selbstregierung erfolgreich an das Ohr der Wählerschaft in England tragen könnte, die letzten Endes über die Gestaltung des parlamentarischen Lebens zu bestimmen hatte.

Namentlich wenn es sich um ein neues Zwangsgesetz gegen Irland handelte, waren die Nationalisten unermüdlich in erfinderischen Maßnahmen, eine Sitzung in die Länge zu ziehen. Handelte es sich dann doch nicht nur um die Störung des englischen Parlamentes, sondern gleichzeitig um das letzte Mittel, einer als ungerecht empfundenen neuen Knebelung Widerstand zu leisten.

Porträt von Charles   Stewart Parnell. Er trägt einen Vollbart.

Beispielsweise ergriff, um ein Zwangsgesetz gegen Gewalttaten in Irland zu bekämpfen, in der am 31. Januar 1881 beginnenden Sitzung planmäßig ein Ire nach dem anderen das Wort, so daß die Sitzung 41 Stunden lang bis zum 2. Februar dauerte. Das hatte dann die [S. 305]Folge, daß sich das Parlament zu schützen suchte, indem es am 4. Februar ein Gesetz über den Sitzungsschluß (Closure) annahm, das dem Präsidenten gestattet, im Einvernehmen mit 2 Dritteln des Hauses die Erörterung über einen Gesetzentwurf zu schließen.

11. Das Wesen Parnells.

Als Parnell ins Unterhaus eintrat, war er der großen Mehrzahl der englischen Abgeordneten unbekannt. Auch schien es nicht, daß er bald großen Einfluß erlangen könnte. Ein hervorragender Redner war er nicht. Auch alle die äußerlichen Mittel, deren sich Redner — zumal englische Redner — zu bedienen pflegen, um Eindruck auf ihre Zuhörer zu machen, lagen nicht in seiner Art. Wortreiche Reden zu halten, wie dies britische Parlamentarier lieben, verschmähte er. Was er sagte, war in so wenig Worte gefaßt wie möglich, zugleich aber in den bestimmtesten Ausdrücken gehalten. Gladstone sagte später von ihm: er habe niemals einen Mann gehört, vielleicht nicht einmal Lord Palmerston ausgenommen, der so völlig über die Kunst verfügte, jedes Wort zu sagen, das er zu sagen wünsche, und nicht ein Wort mehr.

Es läßt sich mithin kaum ein größerer Gegensatz in der Art zu reden denken, als er zwischen O’Connell und Parnell bestand. O’Connell hatte durch seine feurigen, wortreichen, stundenlangen Ansprachen jede irische Zuhörerschaft und gar manche englische mit fortgerissen. Parnell beschränkte sich auf das Notwendigste. Auch sein äußeres Auftreten besaß wenig von der magnetischen Kraft, die jenen zum Gebieter über das Herz Irlands gemacht hatte. Freilich verfügte auch Parnell über eine machtvolle Stimme — die Musik aber, die in O’Connells Stimme lag, hatte sie nicht. Und statt der Beweglichkeit, dem Aufbrausen, dem vulkanhaften Temperament O’Connells zeigte Parnell die äußerste Ruhe und Selbstbeherrschung. Kaum jemals brach die Leidenschaft aus [S. 306]ihm hervor, und niemals zeigte er jenen Schwung, durch den O’Connell alles mit sich fortgerissen hatte.

Dennoch beherrschte auch Parnell nach kurzer Zeit die irische Nation, wie sein großer Vorgänger sie mit einem Wink geleitet hatte. Manches trugen dazu die Gaben bei, mit denen die Natur ihn geschmückt. Groß und stattlich gewachsen, besaß Parnell ein klar geschnittenes Gesicht, dessen statuenhafte Schönheit durch seine Bleichheit noch gehoben ward. Trat ein Fremder in das Unterhaus, so fesselten ihn diese regelmäßigen Züge, die kühn geschwungene Nase, die großen Augen in dem marmornen Gesicht. Sobald Parnell zu sprechen begann, fühlte man trotz der äußeren Ruhe, die kaum durch eine Handbewegung unterbrochen ward, seinen tötlichen Ernst hindurch. Gerade weil er so knapp sprach, drang jedes seiner Worte tief ein. Die derbe Sprache O’Connells hatte gewirkt, als wenn er mit Keulen um sich schlug. Ergriff Parnell das Wort, so war es, als ob er Dolchstöße gegen England führte.

Hätte er getobt und geschrieen, so würden seine Gegner gelacht haben. Seine eisige Ruhe versetzte sie in äußerstes Unbehagen. In O’Connell erhob sich gegen England ein Ire, in Parnell ein Engländer. Genau dieselben Eigenschaften, die den Briten als höchste National-Tugenden gelten, wandte er gegen sie: kalte Ruhe, unbedingte Selbstbeherrschung, bittere Gleichgültigkeit. Ein Schwerhöriger, der ihn im Parlamente nur sprechen sah, hätte nicht verstanden, wie er so heftige Gefühlsregungen hervorrufen konnte; denn jeder Blick auf die Gesichter der Hörer lehrte, daß der Redner es verstand, die Pfeile, die er absandte, mit äußerster Kraft gegen das Herz des Feindes zu richten. Freund und Feind hingen atemlos an seinem Munde, seinen überlegenen, herrischen Angriffen begierig lauschend.

Denn herrisch trat Parnell immer auf. Wie O’Connell gehörte auch er zu den Grundherren; ein Engländer [S. 307]war er aber auch darin, daß er ungleich O’Connell den Aristokraten überall herauskehrte. Gewiß hatte auch sein Vorgänger ein Leben großen Stils geführt; in seinem Verhalten gegen das Volk aber war er stets Demokrat gewesen, und der unverkennbarste Charakterzug seiner Bewegung war jener der demokratischen Massenbewegung. Parnell dagegen war kein Volksmann in diesem Sinne. Seine Freunde zwar rühmten sein warmes Herz und seine liebenswürdige Art; aber die einfache Herzlichkeit zeigte sich nur im kleinen, vertrauten Kreise. Darüber hinaus galt er für einen Eiszapfen, in dessen Inneres man nicht dringen konnte. Er war der protestantische Führer eines katholischen Volkes, der aristokratische Leiter einer politischen Massenbewegung, nach Körpergestalt und Wesensart ein Sachse gegenüber den Kelten, die ihm folgten. Allein er war nicht deshalb herrisch, um für sich selbst Ehren zu gewinnen. Man fühlte auch bei ihm, daß er mit ganzem Herzen nur der Sache diente.

Und vielleicht war es gerade wieder nützlich für Irland, daß ein Mann an die Spitze dieser Bewegung trat, der den äußersten Stolz gegen England hervorkehrte und ihm herrische Forderungen stellte. Die Engländer fühlten dies sehr wohl; so beklagte sich eines Tages Sir Stafford Northcote, als er noch an der Spitze der Regierung stand, im Unterhause über den Ton Parnells, da dieser vorauszusetzen scheine, er könne mit dem Ministerium unter den Bedingungen der Gleichberechtigung verhandeln. Unbewußt deutete der Minister damit auf den springenden Punkt: Parnell suchte abermals, Irland zu einem England gleichberechtigten Teile des britisches Reiches zu erheben.

Nur wenige Engländer waren imstande, die Bedeutung des neuen Gegners zu erkennen. Der eine war Sir Charles Dilke, ein begabter, weitblickender Politiker, dem es durch die britische Prüderie (aus einem ähnlichen Grunde, wie er später Parnell den Hals brach) unmöglich [S. 308]wurde, einen Ministerposten einzunehmen. Der zweite war Joseph Chamberlain, solange er noch zu den Radikalen gehörte, bevor er also nach rechts abschwenkte, um als Unionist der erbittertste Gegner Parnells zu werden. Der dritte, John Morley, der Mitarbeiter und Biograph Gladstones, ist einer der hervorragenden britischen Liberalen, die ihre Grundsätze nicht nur im Munde führten, sondern (wie noch der Ausbruch des Weltkrieges 1914 bewies) durchzuführen suchten. Der vierte endlich war Gladstone, der wie jene drei zu der Ueberzeugung kam, daß Parnell ein Mann von großen staatsmännischen Fähigkeiten und ein glühender Patriot sei, so daß es besser wäre, mit ihm zu verhandeln, als ihn rücksichtslos zu bekämpfen.

12. Einkerkerung und Bombenattentat.

Daß Parnell unter den irischen Abgeordneten, die Ende der 70er Jahre im Parlamente saßen, unstreitig der Bedeutendste war, zeigte sich deutlich, als durch abermalige Mißernte im Jahre 1879 von neuem die Gefahr einer Hungersnot emportauchte.

Drei schlechte Ernten waren aufeinander gefolgt. Anstatt dem Lande zu helfen, ließ die Regierung die Pächter enteignen und austreiben. 1880 verwarf das englische Oberhaus einen Gesetzentwurf, der den Pächtern günstig gewesen wäre. Die irischen Bauern waren in Verzweiflung. Allein jetzt waren sie — dank den Feniern! — nicht mehr, wie 1847, unbewaffnet; inzwischen hatte dieser Bund dem Lande neues Selbstvertrauen gegeben.

Es brachen also — wie üblich — wiederum ländliche Unruhen aus. Die Zweigvereine der Land-Liga, die sich in den Händen der an gewaltsamen Widerstand Denkenden befand, antworteten mit der Waffe des Boykotts und mit gewaltsamem Widerstande bei Austreibungen der Pächter. Die „Mondscheinbanden“ verbreiteten Schrecken unter den Grundherren. Daß die Ablehnung jenes Reformgesetzes durch das Oberhaus zusammen mit den rücksichtslosen [S. 309]Austreibungen der Pächter im Interesse des Geldbeutels der Grundbesitzer eine andere Folge nicht haben konnte als den heimlichen oder offenen Bürgerkrieg, mußte jedermann einleuchten, der auch nur die Anfangsgründe der Staatskunst beherrschte.

Nur die englische Regierung wußte dies nicht — oder wollte es nicht wissen. Zwar legte Gladstone 1881 ein neues Landgesetz vor, das nun jedoch von den Iren bekämpft ward, zumal da gleichzeitig ein neues Knebelgesetz beschlossen wurde, das durch den Staatssekretär für Irland, Forster, mit unverständlicher Brutalität durchgeführt ward. Anstatt die Männer zu fassen, die wirklich Verbrechen begingen, richtete er seine Angriffe gegen die verfassungsmäßige Organisation der irischen Bauernschaft, die Land-Liga, an deren Spitze seit 1879 Parnell stand, und versuchte alle Agitation niederzuschlagen.

So wurde die Land-Liga unterdrückt. Allein die Iren hatten unter O’Connell gelernt, wie solchen Maßregeln zu begegnen sei. Im Augenblick entstand ein anderer Bund: die Frauen-Land-Liga (Ladie’s Land League). Dennoch blieb die Regierung bei ihrer Absicht, alles politische Leben zu fesseln. Sie warf 6–7000 Menschen ins Gefängnis, unter ihnen Parnell, Dillon, Sexton und andere hervorragende Männer. Berühmte Aerzte, hervorragende Juristen, Männer, gegen deren Ruf nicht das Geringste einzuwenden war, sogar Grundherren, die nur das Verbrechen begangen hatten, Anhänger der irischen National-Sache zu sein, wurden auf Grund des neuen Zwangsgesetzes eingekerkert. Hatte doch Forster erklärt: er könne ohne solche Macht nicht die Regierung Irlands unternehmen; und da er Staatssekretär für Irland war, so glaubten Parlament und Regierung in England, er müsse die Sache wohl am besten verstehen. Sogar Gladstone hatte deshalb Vertrauen zu Forster, der seinem Kabinette als Mitglied angehörte — ja, er ließ sich durch seine Auffassung von der Lage beeinflussen.

[S. 310]

Schnell aber sollte sich zeigen, daß man auf eine Katastrophe zutrieb, suchte man Irland wieder einmal nur mit Gewalt und Ungerechtigkeit zu regieren. Einige radikale englische Abgeordnete fürchteten, dieselbe Politik der Unterdrückung, die Forster jetzt gegen Irland anwandte, könne eines Tages ihnen selbst zuteil werden. Durch mancherlei Zeichen gewarnt, trat die Regierung daher durch Mittelmänner mit dem im Gefängnisse sitzenden Parnell in Unterhandlung, um die Bedingungen zu erfahren, unter denen der aussichtslose Kampf beigelegt werden könnte.

Parnell kam diesem Wunsche gern entgegen, da er durch die Berichte über den Zustand des Aufruhrs beunruhigt war, der in Irland beinahe allenthalben herrschte. So kam durch beiderseitiges Uebereinkommen der sogenannte Kilmainham-Vertrag zustande: Parnell und die übrigen irischen Abgeordneten wurden aus dem Gefängnisse entlassen, und der Staatssekretär Forster legte sein Amt sofort nieder, da er in der Dubliner Hofburg nur bleiben wollte, wenn man ihm erlaubte, den Kampf gegen das irische Volk bis zum letzten durchzuführen.

Die Iren hatten also gesiegt; für die Versöhnung aber war es zu spät. Die Erbitterung des irischen Volkes war zu hoch gestiegen, als daß sie sich durch den Kilmainham-Vertrag sofort wieder hätte legen sollen. Denn mittlerweile hatten einerseits die Grundherren die Politik der Pächter-Austreibung in größtem Maßstabe fortgesetzt, und andererseits hatten die Bandmänner und Mondscheinbanden neue Verbrechen begangen. Unterdrückung auf der einen, gewaltsamer Widerstand auf der anderen Seite, Verbrechen und Anarchie herrschten in Irland. Anstatt mit dem Zwangsgesetze die Ausschreitungen niederzuschlagen, hatte die Regierung sie nur vermehrt.

So schien das Entgegenkommen der Regierung im Kilmainham-Vertrage den radikalen Geistern der Land-Liga nicht weit genug zu gehen, gerade weil dieses Uebereinkommen [S. 311]in Wahrheit ein Triumph für Parnell und die gemäßigte irische Partei bedeutete: tatsächlich war Parnell nun der „ungekrönte König“ nicht nur von Irland, da Gladstone und die englischen Liberalen sich fortan seinem größten Wunsche, der Herbeiführung der Selbstregierung für Irland, fügen mußten.

Aber wie gesagt — es war zu spät. Die „Unversöhnlichen“ hatten beschlossen, England einen Denkzettel zu geben, den es nie wieder vergessen sollte: in Dublin, dem Ausstrahlungspunkte der englischen Herrschaft in Irland, sollten die Häupter der Regierung ermordet werden.

Spät am Abend des 6. Mai 1882 lief hier und dort in London das Gerücht um, im Phönixpark in Dublin seien die Häupter der Regierung einem Bombenattentate zum Opfer gefallen. Erst am folgenden Tage wurde die Nachricht in ganz London bekannt gemacht. Sie erzeugte eine Niedergeschlagenheit, wie sie selbst an dem zum Sterben langweiligen englischen Sonntage außerordentlich selten war.

Das Verbrechen hatte sich in erster Linie gegen Thomas Burke, den Unterstaatssekretär für Irland, gerichtet, der eifrig nach den Fäden eines großen Mordanschlages suchte und sie beinahe schon in der Hand hielt. Er mußte also verschwinden. So ward gegen ihn die Bombe geschleudert, die jedoch gleichzeitig den neuen Staatssekretär Lord Frederick Cavendish traf — einen Mann, der den irischen Nationalisten liebenswürdig entgegengekommen war und auf den sie wohl Hoffnungen setzen mochten.

Schrecken und Abscheu über die Mordtat im Phönixparke waren in Irland kaum geringer als in England. Ist doch eine der schönsten Seiten der Eigenart des irisches Volkes seine tiefe Menschlichkeit, die es selbst im Kampfe gegen die Engländer wieder und wieder bekundete. In Irland hörten die organisierten Mordtaten, die schon vor dieser Tat ungemein selten gewesen waren, [S. 312]ganz auf, und wenn die Fenier die Gewalttaten in England bis 1885 fortsetzten, so geschah dies in der Ueberzeugung, daß es den Wünschen Irlands sonst doch kein Ohr schenken würde; auch lassen sich selbst diese weiteren Bombenattentate von Iren in keiner Weise mit denen etwa in romanischen Ländern vergleichen.

13. Parnell sammelt seine Truppen.

Kaum war die Mordtat im Phönixparke geschehen, so veröffentlichten die irischen Nationalisten eine Erklärung, die solche Verbrechen unbedingt verurteilte. Sie trug die Unterschriften Parnells, Dillons und Davitts.

In der Tat wünschte Parnell keinerlei Gewalttat. Er dachte — wie O’Connell — das Ziel auch auf anderem Wege erreichen zu können. Was er wollte, war ein eigenes Parlament für die irischen Angelegenheiten in Dublin, während die Verbindung mit England aufrechterhalten bliebe; nur sollte letzteres eben nicht beständig in die eigentlich irischen Angelegenheiten hineinreden und mit täppischer Hand darin herumfahren dürfen.

Auch glaubte Parnell nicht, daß ein Aufstand mit bewaffneter Hand für Irland möglich sei. Die Kopfzahl Englands war gestiegen, die Irlands gesunken. Zudem hatte unter der großen Hungersnot auch die körperliche Kraft und Widerstandsfähigkeit des irisches Volkes gelitten. So warf er denn all seinen Einfluß in die Wagschale, um das Aufkommen gewaltsamer Bewegungen zu verhindern.

Infolgedessen haßten ihn die Fürsprecher der körperlichen Gewalt. Sie konnten sich nicht auf ihn berufen — nein, er hinderte sie, wo er nur konnte. Die große Mehrzahl der Fenier jedoch gehörte nicht zu diesen Propagandisten der Tat, wenn sie auch hofften, Irlands Freiheit werde sich dereinst auf dem Schlachtfelde erkämpfen lassen. Und die große Mehrzahl des irischen Volkes gehörte nicht einmal zu den Feniern. Es wäre damals, gegen Ende der 70er Jahre, für die englische Regierung leicht gewesen, [S. 313]zu einer Verständigung mit Parnell und der irischen Nation zu gelangen. Allein gerade weil Parnell keine Gewalt anwenden mochte, unterschätzte die Regierung seine Kraft und leistete seinen Wünschen so heftigen Widerstand, daß sie gerade dadurch seine Anhängerschaft vermehrte, die Kraft der irischen Bewegung stärkte und abermals die Ueberzeugung nährte, England werde freiwillig jene Reformen, die man in Irland als Mindestmaß betrachtete, nicht gewähren.

Anfangs war Parnell geneigt, bei der Forderung nach Home Rule als politischer Bewegung stehen zu bleiben. Aber die Regierung behandelte diesen Wunsch so verächtlich, daß er sich zu schärferen Maßregeln gezwungen sah. 1879 schlug Michael Davitt ihm vor, er solle die politische Frage mit der Landfrage verbinden, damit die Home Rule-Forderung aus der Stärke der agrarischen Agitation Nutzen ziehen könne. Parnell ging, wie wir sahen, darauf ein. Er erzielte dadurch, daß die Regierung die Land-Liga auflöste, ihn und viele andere bedeutende Irländer ins Gefängnis warf — und kurz darauf, da die Sache nun gefährlich wurde, alles zurücknahm, indem sie den Kilmainham-Vertrag schloß.

Auch einem anderen Vorschlage Davitts folgte Parnell: ohne förmliches Abkommen die Hilfe der gemäßigteren Mitglieder der revolutionären irischen Partei anzunehmen, namentlich die der amerikanischen Extremen, die sich kürzlich in der Land-Frage nützlich gemacht hatten. Bis dahin hatten sich die Konstitutionellen und die Revolutionäre unter den irischen Nationalisten aufs schärfste bekämpft. Es war die alte Gegnerschaft, die seit den letzten Jahren O’Connells nicht zur Ruhe kam. Nun erst, da Parnell schweigend nach den Ratschlägen Davitts handelte und auch die Extremen zu sich heranzog, ohne die Anwendung von Gewalt im Kampfe gegen England zu gestatten, söhnten sich beide Parteien aus.

[S. 314]

So begann der große Kampf der Jahre 1880 bis 93, der Irland abermals bis unmittelbar vor den Erfolg führte — bis ihm im letzten Augenblicke wiederum alle Hoffnung in Trümmer fiel. Es ging ähnlich wie unter O’Connell, da Irland beinahe glaubte, den Widerruf der Union so gut wie erreicht zu haben — um plötzlich aus den kühnsten Hoffnungen in den Abgrund der Verzweiflung gestürzt zu werden.

Im Januar 1880 ging Parnell nach Nordamerika, wo jetzt Millionen von Iren lebten, die der Sache ihrer Heimat die größte Teilnahme entgegenbrachten. Es war ihm leicht, bedeutende Geldmittel von ihnen zu erhalten.

Nach der Heimkehr errang Parnell für seine Partei glänzende Wahlsiege. Am 17. Mai wählte ihn die auf 68 Mitglieder angewachsene Home Rule-Partei zum Führer.

Sogleich in der ersten Session des neuen Parlamentes sollte sie Gelegenheit haben, für die Rechte Irlands einzutreten. Die Regierung legte einen Gesetzentwurf zum Schutze der irischen Pächter vor, der im August 1880 durch den verbissenen Widerstand des Oberhauses zu Falle kam.

Dies war Wasser auf die Mühle der englandfeindlichen Agitation in Irland. Die Land-Liga entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit. Der Staatssekretär Forster, eigensinnig an vorgefaßten Meinungen festhaltend, über die Undankbarkeit des irischen Volkes scheltend, das die ihm zugedachten Wohltaten nicht fußfällig und von Dank überströmend aus seinen Händen entgegennehmen wollte, führte das schärfste Regiment, unterdrückte die Land-Liga und ließ Parnell des Landesverrates anklagen, konnte aber nicht erzielen, daß die Geschworenen ein Schuldig sprachen. Auf dem irischen Nationalkonvent forderte Parnell am 17. September 1881 Home Rule. Am 13. Oktober wurde er verhaftet, aber das machte die Sache nur schlimmer; 5 Tage [S. 315]später gab die irische Landliga die Losung aus, in Zukunft überhaupt keine Pacht mehr zu zahlen. Man schritt zur Auflösung der Liga. Auch das war vergeblich; denn nun floß von den nordamerikanischen Iren Geld in Strömen nach Irland, und da Geld ein Machtmittel ist, mit dem auch die nüchternsten Politiker rechnen müssen, so begriffen selbst diejenigen Tories, die sich bisher allen solchen Vorschlägen widersetzt hatten, daß der Zeitraum der Reformen für Irland nicht etwa beendigt sei, sondern erst begonnen habe. Daher schlugen sie jetzt selbst den Auskauf der irischen Großgrundbesitzer durch den Staat vor, weil eine Besserung der verrotteten Zustände nur durch Gründung eines irischen Bauernstandes möglich erschien. Auch kam es nun zu der mehrfach erwähnten Verständigung zwischen Gladstone und Parnell; dieser wurde im Mai 1882 aus dem Gefängnisse entlassen und sagte dagegen dem Minister seine Unterstützung für dessen Gesetzentwürfe zu.

Die Gefangenschaft hatte ihn bei den Iren nur noch beliebter gemacht. Daß die Regierung sich nun gar zu dem Kilmainham-Vertrag verstehen mußte, erregte Jubel. Es wiederholte sich, was zu O’Connells Zeiten geschehen war: in ganz Irland sammelte man für den ungekrönten König, so daß ihm 1883–1884 eine Ehrengabe von 40000 £ (800000 Mark) überreicht werden konnte. Der Einfluß Parnells war fortan unbesiegbar: nur noch seine Anhänger wurden ins Parlament gewählt.

Statt der Landliga kämpfte nun die von ihm ins Leben gerufene National-Liga (National League) für die Ziele Irlands. Wie zu O’Connells Zeiten war also anstelle eines aufgelösten Vereins sofort ein anderer getreten.

Nun endlich schenkte die Regierung der irischen Frage die nötige Beachtung. Parnell brauchte das Mittel der Obstruktion nicht mehr anzuwenden, da die großen englischen Parteien ihm seine Forderungen nicht mehr grundsätzlich versagen konnten, vielmehr mit ihm unterhandeln mußten. [S. 316]1884 unterstützte er die liberale Regierung, 1885 die konservative, 1886 wieder die liberale. 1885 gelang es ihm bei den Neuwahlen, nicht weniger als 85 seiner Anhänger durchzubringen, so daß die Parnelliten, wie man die irischen Nationalisten jetzt im Unterhause nannte, 86 Mann stark dort ihren Einzug hielten. Sie bildeten das Zünglein an der Wage. Die Liberalen zählten 334 Abgeordnete, die Konservativen 250, die irischen Nationalisten 86, so daß sie, stellten sie sich auf Seite der Liberalen, diesen eine überwältigende Mehrheit verschafften, während sie, gingen sie mit den Konservativen, die Liberalen soeben noch überstimmen konnten.

14. Die Wahlrechtsreform 1884.

Die gewaltige Kopfzahl der neuen Partei war zum Teil der Wahlrechts-Reform zu danken, die 1884 für das Vereinigte Königreich in Wirksamkeit trat. Das englische Parlament, dessen Wahlrecht durch die Reformgesetze des Jahres 1832 bereits wesentlich verbessert war, hatte ihm 1867 eine weitere Demokratisierung zuteil werden lassen und nun, 1884, neue Verbesserungen vorgenommen. Noch immer zwar wurde nicht das allgemeine direkte Wahlrecht eingeführt, das im Deutschen Reiche und einigen anderen Ländern herrscht — immerhin wurde die Zahl der Wähler vermehrt, indem die Steuergrenze herabgesetzt wurde.

Für Irland hatte dies die bedeutsame Wirkung, daß das Volk, dem durch die Entrechtung der 40 Schilling-Freisassen⁠[80] 1829 das Wahlrecht geraubt worden war, es nun zurückerhielt, da man angesichts der bedrohlichen Lage in Irland nicht wohl für England und Schottland eine Demokratisierung des Wahlrechts beschließen konnte, die man Irland abermals verweigerte. Denn die Reform des [S. 317]Jahres 1867/68 hatte es fertig gebracht — damals lag Irland ja entkräftet am Boden — es zu übergehen. 1829 war etwa 174000 irischen Wählern (sieben Achteln aller Freisassen!) das Wahlrecht geraubt worden. Unter 7767401 Einwohnern zählte man (1832) 92 152 Wähler, mithin nur 1,19 %. 1868 waren in Irland 222 450 Männer wahlberechtigt. 1884 erst stellte man das Wahlrecht dort auf die gleiche Stufe mit dem in England: nun gab es (1886) unter 5 174 836 Einwohnern 742 120 Wähler, also 14 %. Ihre Gesamtzahl war demnach gegenüber jener Zeit der Wahlentrechtung — trotz dem Sinken der Bevölkerungsziffer! — auf das 8fache, ihre Verhältniszahl sogar auf das 12fache gestiegen.

Gleichzeitig hatte — wiederum als Folge der Union — das starke Sinken der Menschenzahl der grünen Insel die Wirkung, daß die Durchschnittszahl der Wähler, die jeder irische Abgeordnete vertritt, heute erheblich kleiner ist als die von den englischen Parlamentariern vertretenen. In England wie in Schottland ist die Einwohnerzahl gestiegen, in Irland beträchtlich gefallen, so daß sich der merkwürdige Zustand ergibt, daß Irland (nach der Volkszählung des Jahres 1911) mit 701 620 Wählern 103 Abgeordnete nach Westminster entsendet, während Schottland mit einer Wählerschar von 820 343 Köpfen nur 72 Abgeordnete zustehen, Wales mit 375 691 Wählern nur 30 Abgeordnete.

Die Vergleichszahlen zwischen Irland und England sind am klarsten so wiederzugeben, daß in England ein Abgeordneter von 13 344 Wählern gewählt wird, in Irland dagegen nur von 6 946 Wählern — so daß hier jede Wählerstimme doppeltes Gewicht gegenüber jeder Wählerstimme in England hat.⁠[81]⁠

Wäre Irland heute im Parlamente in Westminster im [S. 318]richtigen Verhältnis zu seinem Anteile an der Gesamtbevölkerung des Vereinigten Königreiches vertreten, so hätte es Statt 103 nur 64 Abgeordnete:⁠[82]⁠

Landesteil
Bevölkerungszahl im Jahre 1911
Durchschnittliche Kopfzahl auf jeden Abgeordneten
Heutige Zahl der Abgeordneten
Die Zahl müßte nach Verrechnung auf die Gesamtbevölkerung des Vereinigten Königreichs eigentlich betragen:
Provinz Leinster
1156093
41216
 28
über 16
Provinz Munster
1032146
43006
 24
unter 15
Provinz Ulster
1578572
47835
 33
über 22
Provinz Connaught
 615180
41078
 15
unter 9
Ganz Irland
4381951
42543
103
unter 9
Stadt und Grafschaft Dublin
 479533
82441
  6
unter 7
Provinz Belfast mit Antrim und Down
 733248
60246
 13
über 11

Von anderer Seite werden etwas andere Zahlen genannt: nach der Volkszählung von 1901 entfiel ein Abgeordneter

in England und Wales
auf je
67527
Einwohner
in Schottland
auf je
62112
Einwohner
in Irland
auf je
43289
Einwohner.

Jedenfalls ist das verhältnismäßige Uebergewicht der irischen Wählerschaft den Engländern um so mehr ein Dorn im Auge, als die Nationalisten infolge der fast unbedingten Zweiteilung der britischen Abgeordneten in Liberale und Konservative in der Regel imstande sind, derjenigen Partei, die sich durch ein Bündnis [S. 319]mit den Iren die Macht sichern will, ihre Bedingungen vorzuschreiben. Zähneknirschend müssen sich die „Sachsen“ dann den „Kelten“ fügen, obwohl die letzteren kein Hehl daraus machen, daß ihnen das ganze britische Parlament gestohlen werden kann. Nicht wenige von ihnen betonen nachdrücklich, daß sie nur gezwungen dort sitzen und daß sie die Union als nichtgültig betrachten.

Gegen eine Wahlkreisberichtigung aber sprachen drei Gründe. Einmal hat England in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, da die irische Bevölkerung schneller wuchs als die englische, nichts von einer Neueinteilung wissen wollen; es müßte daher heute, da sein Interesse erheischt, was es damals widerriet, die nicht unbedenkliche Erklärung abgeben: Ja, Bauer, das ist ganz was anderes! — Zweitens ist die Zahl der Abgeordneten durch das Unionsgesetz festgelegt und kann zwar durch Schaffung neuer Wahlkreise (wie 1832) vermehrt, nicht aber ohne weiteres vermindert werden. Es müßte dann das ganze Gesetz in Frage gezogen oder wenigstens zur Beratung gestellt werden; eben dies aber wäre den Iren außerordentlich erwünscht. Einmal allerdings geschah bereits eine Durchlöcherung des Unionsgesetzes: 1869, als die anglikanische Kirche in Irland entstaatlicht wurde. Indessen entsprach dies einem sehnlichen Wunsche der Nation, während eine Herabsetzung ihrer Abgeordnetenzahl heftigen Widerstand hervorrufen würde. Andererseits würde eine Vermehrung der Zahl der Abgeordneten Großbritanniens wieder dem Unterhause in Westminster, das schon jetzt mit 670 Abgeordneten unförmlich groß ist, die Gefahr der Wassersucht bringen. — Und endlich: selbst wenn nur 70 irische Abgeordnete statt 103, also vielleicht 58 Nationalisten statt 85 in Westminster mitzureden hätten — viel anders würden sich auch dann die Dinge nicht gestalten.

Trotzdem schrieb die konservative Partei 1884 unter Lord Salisbury die Herabsetzung der Zahl der [S. 320]irischen Wahlkreise auf ihr Programm und behielt diese Forderung, mit der sie die Nachbarinsel am leichtesten mundtot machen zu können hofft, bis heute bei. Durchsetzen kann sie ihren Wunsch jedoch nicht, da dies zur Voraussetzung haben würde, daß die Stimmenzahl der konservativen Abgeordneten die aller anderen Parteien überträfe.

Dagegen zog die liberale Partei eine andere Schlußfolgerung. Ihre beiden hervorragendsten Geister, Gladstone und Morley, waren nach der Wahlreform des Jahres 1884 überzeugt, daß Irland bedeutende Zugeständnisse gemacht werden mußten, auch wenn ihre Notwendigkeit sich nicht unmittelbar aus den Vorgängen der letzten Zeit ergab. Bis 1884 war die politische Vertretung des irischen Volkes noch immer beinahe ganz in des Händen der Grundbesitzer und der wohlhabenden Gewerbetreibenden geblieben. Ihre Mehrzahl war für den Grundsatz der Selbstregierung durchaus nicht so eingenommen wie die Mehrzahl des Volkes. Jetzt saßen unter 103 irischen Abgeordneten 86 Homeruler — wirkliche Homeruler, während diejenigen, die nach einem Ausdrucke Gladstones Homeruler nur dem Namen nach waren, beinahe völlig aus dem parlamentarischen Leben verschwanden. Als Isaac Butt 1874 im Unterhause einen Antrag auf Home Rule stellte, hatte Gladstone dagegen gesprochen, weil die öffentliche Meinung weder in England noch in Irland zu der Frage Stellung genommen habe. Inzwischen hatte Irland sich auf das entschiedenste dafür erklärt: unter 103 irischen Abgeordneten befanden sich 1886 nur noch 17 Tories oder Orangemänner.

15. Einbringung der ersten Home Rule-Vorlage.

Am 24. Januar 1885 wurde im Mittelpunkte der englischen Herrschaft, in dem allen Engländern teuren Tower zu London, ein irisches Dynamitattentat verübt, am 9. April desselben Jahres in der Admiralität.

[S. 321]

Gladstone, der am 23. Juni 1885 einem konservativen Kabinette unter Lord Salisbury hatte weichen müssen, aber schon am 4. Februar 1886 wieder ans Ruder kam, war um so mehr überzeugt, daß unter den vielen dringenden Tagesfragen, die der Lösung harrten, die irische nach wie vor zu den allerwichtigsten gehörte. Selbst die irischen Bischöfe forderten jetzt gemeinschaftlich die Lösung der Bodenfrage durch Auskauf der Grundherren. Am 16. April 1886 brachte Gladstone ein Bodenauskaufs-Gesetz ein: 50 Millionen £ (1 Milliarde Mark) sollten zum Ankaufe irischer Rittergüter ausgeworfen werden, um diese in staatlicher Erbpacht an die Bauern zu verteilen.

Am 21. Januar 1886 hatte die Königin persönlich das neue Parlament eröffnet. In der durch den Lordkanzler verlesenen Thronrede nahm sie Bezug auf die Agitation, die in Irland gegen das Unionsgesetz stattfände. Bei der Beratung der Adresse kam die konservative Regierung zu Fall, am 1. Februar erklärte Lord Salisbury im Unterhause seinen und seiner Minister-Kollegen Rücktritt, am 4. bildete Gladstone die neue liberale Regierung.

Bald verbreitete sich die Nachricht, das neue Ministerium wolle eine Home Rule-Vorlage für Irland einbringen. Am 8. April geschah dies. Es war einer der aufregendsten Tage des Parlamentes.

Seit Jahrzehnten hatte man keine Sitzung mit so atemloser Spannung erwartet. Meines Wissens steht es in der englischen Parlamentsgeschichte der letztes 100 Jahre einzig da, daß der Sitzungssaal wie an diesem Tage schon 10½ Stunden vor Beginn der Sitzung geöffnet ward. Da die Zahl der Plätze im Unterhause nicht ausreicht, um jedem Abgeordneten einen Sitz zu gewähren, so daß die in fast allen anderen Parlamenten übliche Zuteilung eines festen Sitzes an jeden Abgeordneten in Westminster unmöglich ist, ist in Fällen, in denen man große Beteiligung erwartet, damit zu rechnen, daß alle Bänke besetzt sind, [S. 322]so daß viele Abgeordnete, die keinen Platz finden können, in den Gängen stehen müssen.

Am 8. April 1886 sollten daher die Türen des Sitzungssaales bereits um 6 Uhr morgens geöffnet werden, obwohl der Beginn der Sitzung erst ½5 Uhr nachmittags zu erwarten war. Allein es war noch nicht 5 Uhr morgens, als sich bereits eine Anzahl von Abgeordneten sammelte, um mit dem Augenblicke, da die Türen geöffnet wurden, hineinzustürzen und einen guten Sitz zu erhaschen. Wer erst um 7 Uhr morgens kam, hatte nicht die leiseste Möglichkeit mehr, einen Platz zu erlangen — falls er nicht Mitglied des Kabinettes war oder zu den Führern der Opposition gehörte: für jene ist die lange Bank an der einen Seite des Mitteltisches bestimmt (die sogenannte Schatzkammer-Bank), für diese die an der anderen Seite. Jeder freie Platz in des Gängen wurde mit Stühlen besetzt; trotzdem standen noch viele Abgeordnete. Seit Geschlechtern war das Parlament niemals in solcher Zahl versammelt gewesen — nicht einmal 1832 bei Beratung der Reformgesetze oder 1846 bei der Abschaffung der Kornzölle. Bis in den Ausgang des 18. Jahrhunderts müßte man zurückgehen — bis zu den Unruhen, die Lord George Gordon in London erregte und die er in das geheiligte Unterhaus zu tragen versuchte — um ein Gegenbeispiel für ein so über seine Fassungskraft besetztes Haus zu nennen.

Als Gladstone ½5 Uhr nachmittags den Saal betrat, grüßten ihn begeisterte Zurufe aller linksstehenden Abgeordneten aus England, Wales und Schottland und aller irischen Nationalisten. Als er zu sprechen begann, herrschte atemloses Schweigen. 3½ Stunden lang dauerte seine Rede. Sie legte die Notwendigkeit von zwei Grundsätzen dar: Irland müsse sein eigenes Parlament haben; und es solle in dem Parlamente in Westminster nicht mehr vertreten sein. Gladstone wollte ihm also ein eigenes Parlament wiederschenken, wie es in dem kurzen Zeitraume 1782 bis 1795 bestanden hatte — nunmehr jedoch mit [S. 323]den Wahlrechtsänderungen der Zwischenzeit: Katholiken-Emanzipation und Demokratisierung des Stimmrechtes.

Der Ausschließung Irlands aus dem britischen Parlamente hatte Parnell mit seiner Partei nach einigem Ueberlegen zugestimmt. Einmal stellte Gladstone dies als Bedingung, und die Iren waren bereit, beinahe jede Bedingung anzunehmen, konnten sie nur Home Rule dafür erhalten. Außerdem hatten viele die Ueberzeugung, daß es für Irland besser wäre, sich ganz auf ein irisches Parlament in Dublin zu beschränken, anstatt der Gefahr zu unterliegen, wenn daneben noch ein britisches Reichsparlament in London zu beschicken sei, dorthin die besten politischen Begabungen Irlands abfließen zu lassen.

Gladstone schlug für das irische Parlament ein Oberhaus von 28 Erb-Pairs und 75 auf 10 Jahre gewählten Mitgliedern vor — das Wahlrecht dafür sollten die Steuerzahler von 25 £ haben — und ein Unterhaus, das außer des 103 bereits durch das Unionsgesetz bestimmten Mitgliedern noch aus weiteres 101 Abgeordneten bestehen sollte, die für 5 Jahre zu wählen seien.

16. Bedenken und Spaltungen. Die Vorlage scheitert.

Zahlreiche Bedenken wurden gegen die Vorlage geäußert. Selbst vielen „Radikalen“ in England, Wales und Schottland schien die Ausschließung der irischen Abgeordneten aus dem Parlamente in Westminster aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht möglich. Sie meinten es ehrlich mit dem englischen Grundsatze, der in der Revolution des 17. Jahrhunderts als allgemeiner Wille der Nation festgestellt zu sein schien: es solle keine Besteuerung ohne politische Vertretung geben. Allerdings war dieser Grundsatz selbst in England niemals völlig durchgeführt worden, namentlich nicht vor Erlaß der Reformgesetze. Immerhin hielt man ihn ehrlich für einen Teil der britischen Verfassung. Den Kanadiern und Australiern waren eigene Parlamente und Regierungen zugestanden, und England [S. 324]besteuerte sie nicht mehr. Sollte Irland nun zu England in dasselbe Verhältnis treten wie Kanada oder Australien? Die Vorlage widersprach dem, da durch sie festgesetzt wurde, daß Irland auch in Zukunft einen bestimmten Beitrag zu des Ausgaben des Vereinigten Königreiches zu leisten habe. Bisher hatte es gesetzmäßig ¹⁄₁₂ beigesteuert, obwohl dieser Anteil im Verhältnisse zu dem wirtschaftlichen Wohlstande der Insel viel zu hoch war. In Zukunft sollte er auf ¹⁄₁₅ bemessen werden. Nahm man diese neue Bemessung an und verschoben sich die Verhältnisse abermals — wer sollte dann im englischen Parlamente den Anspruch Irlands auf weitere Herabsetzung des Steuerbeitrags vertreten? Ein Mitglied des Gladstoneschen Kabinettes, George Trevelyan, legte aus diesem Grunde sein Amt nieder.

Auch von anderer irlandfreundlicher Seite erhoben sich Bedenken gegen die Vorlage. So glaubten manche Katholiken, eine Lostrennung Irlands vom englischen Parlamente würde auf die Rechte der Katholiken in England ungünstig einwirken. Bisher hatte man bei katholischen Fragen auf die irischen Abgeordneten in Westminster zählen können. Würden nicht die Katholiken in England, die unter der übrigen Bevölkerung verstreut saßen, so daß sie nicht eine geschlossene Menge von Abgeordneten ins Parlament entsandten, fortan eines genügenden Sprachrohrs entbehren? Auch von den Irländern, die in verschiedenen Teilen von England, Wales und Schottland — in einigen Großstädten in dichten Mengen — saßen, dennoch aber parlamentarisch kaum vertreten waren, wurden ähnliche Befürchtungen geäußert.

Zu Falle kam jedoch das Home Rule-Gesetz durch die leidenschaftliche Gegenbewegung, die sich in der protestantischen Provinz Ulster erhob. Dort drohte man mit gewaltsamem Widerstande. Viele Engländer ließen sich dadurch gegen die Vorlage einnehmen, viele andere bedurften nicht einmal eines solchen Vorwandes. Joseph Chamberlain, der sich bisher zu den Radikalen [S. 325]rechnete, ging in das feindliche Lager über. Er erklärte sich bereit, Irland eine Gemeindeverwaltung zu geben, wie sie jede englische Grafschaft und jede englische Stadt besaß. Ein solches Linsengericht aber wiesen die Iren entrüstet zurück. Sie wollten wirkliche Herren im eigenen Hause, und sie wollten als besondere Nationalität anerkannt sein.

So spalteten sich die englischen Parteien. Von der Anhängerschaft Gladstones bröckelte ein wichtiger Teil nach dem andern ab. Unter dem Vorsitze von Lord Cowper, der zur Zeit Forsters in Irland Statthalter gewesen war, fand im Opernhause in London eine große Versammlung statt, in der der Führer der Konservativen, Lord Salisbury, der Liberale Lord Hartington, der sich von Gladstone getrennt hatte, und Goschen zu den Hauptrednern gehörten. Man beklagte sich, Gladstone habe seinen Minister-Kollegen keine genügende Zeit gelassen, die schwierige Frage ordentlich zu überlegen. Sogar der radikale John Bright trat gegen die Vorlage in die Schranken — was vielen Engländern, die der Selbstregierung für Irland gefühlsmäßig widerstrebten, ein genügender Grund schien, sich öffentlich dagegen zu erklären.

Es stellte sich bald heraus, daß die Abgeordneten, die sich von der liberalen Partei trennten, das Schicksal des Gesetzentwurfes in Händen hielten. Sie nannten sich, da sie jeder Lockerung der Union widerstrebten, Unionisten. Als Mindestforderung betrachteten sie die Beibehaltung irischer Abgeordneter im britischen Parlamente. Gegen die Home Rule-Wünsche Isaac Butts hatte man vor einem Jahrzehnte immer wieder eingewandt: man könne doch nicht ein irisches Parlament in Dublin gestatten, wenn dessen Mitglieder, nachdem sie die irischen Angelegenheiten dort ohne Einspruch von Westminster erledigt hätten, nach London kämen und dort Gesetze für England, Schottland und Wales machten! Vielmehr könne man irische Abgeordnete hier nur behalten, falls sie ausschließlich [S. 326]das Recht hätten, über solche Dinge mitzusprechen, die die Interessen Irlands als eines Teiles des britischen Reiches beträfen. Wie das zu machen sei, hätte allerdings niemand zu sagen gewußt; der Abgeordnete Robert Lowe hatte im Unterhause die Lauge seines Spottes über den schlechtdurchdachten Plan ausgegossen. Jetzt dagegen wollten die Unionisten wieder vom Gegenteile nichts wissen: jetzt verlangten sie, daß die Iren im Parlamente in Westminster blieben.

17. Niederlage Gladstones. Herrschaft der Konservativen.

Als am 7. Juni 1886 die Home Rule-Vorlage zur zweiten Lesung kam, ergaben sich nur 313 Stimmen dafür, 343 dagegen. Die Erregung darüber war nicht eben groß, da man schon vorher davon überzeugt war, daß die Vorlage fallen würde.

Drei Wochen später löste Gladstone das Parlament auf, um die Wähler unmittelbar über ihre Meinung zu befragen. Mitte Juli fanden die Neuwahlen statt. Sie ergaben 393 Konservative und liberal-unionistische Abgeordnete, während die Radikalen und die Homeruler nur 275 Sitze erhielten. Die liberale Regierung befand sich daher in der beträchtlichen Minderheit von 118 Stimmen.

Gladstones Absicht war also gescheitert. Er trat sofort zurück, ohne erst eine Sitzung des neuen Unterhauses abzuwarten. Das Ergebnis seines Versuches, Irland die Selbstregierung zu gewähren, war nicht nur dessen Ablehnung gewesen, sondern auch ein Kraftzuwachs der englischen Konservativen, die allen Wünschen Irlands den unvernünftigsten Widerstand entgegensetzten. Die Hoffnung auf Home Rule war auf viele Jahre zerstört.

In der Tat konnte Lord Salisbury, der am 30. Juli 1886 die Regierung wieder übernahm, diese für die konservative Partei 6 Jahre lang führen. Der Brennpunkt aller irischen Wünsche rückte damit bis zu einem [S. 327]neuen Umschwunge aus dem Bereiche jeder politischen Möglichkeit.

Auf Irland wirkte dies höchst verderblich. Beinahe gesetzlose Zustände bürgerten sich dort ein. Kurz vor den Neuwahlen war es in Belfast zu blutigen Straßenkämpfen zwischen katholischen Irländern und ihren protestantischen Gegnern gekommen. Im Jahre darauf zählte man 1056 Agrar-Verbrechen. Nicht weniger als 1770 Personen standen unter besonderem polizeilichem Schutze, wozu 550 Schutzleute nötig waren.

Die konservative Regierung ernannte zum neuen Staatssekretär für Irland den Neffen des Premierministers Salisbury, den jungen Arthur Balfour, der sich trotz seinen gefälligen Formen und seinem parfümierten Wesen der allerschärfsten Maßregeln bediente, um die Gärung zu unterdrücken.

Zur Beruhigung der Insel trug ein päpstliches Schreiben an die irischen Bischöfe vom 20. April 1887 mancherlei bei, das die agrarischen Gewalttaten, namentlich die Boykottierungen, scharf mißbilligte. Als nun im Juli 1887 abermals ein Landgesetz für Irland angenommen wurde, das eine Milderung des Verfahrens gegen säumige Pächter bedeutete, als ferner weitere wirtschaftliche Zugeständnisse gemacht wurden, verlor die ordnungsfeindliche Agitation viel Boden. Es war die höchste Zeit, denn die Grundherren machten sich — in einer Zeit, da die Austreibung gemäß einem Worte Gladstones gleichbedeutend mit einem Todesurteile war — der äußersten Rücksichtslosigkeit schuldig: in weniger als 2 Jahren vertrieben sie 21000 Pächter mit ihren Familien von Haus und Hof, in 33 Jahren (1849 bis 1882) sogar 363000 Familien⁠[83] — ungezählt 119000 weitere, die früher oder später wieder zugelassen wurden.

Zugleich setzte die Regierung, um jedem Terrorismus kräftiger entgegentreten zu können, eine Strafgesetznovelle [S. 328]durch, die den Polizeirichtern die Zuständigkeit für summarische Bestrafungen des Boykottierens und der Einschüchterung durch Gewalttaten zuwies. Ueber 30 irische Grafschaften wurde infolgedessen der Belagerungszustand verhängt. Auch löste man die Nationalliga als staatsgefährlich in mehreren Grafschaften auf — trotz den blutigen Gegenkundgebungen, die zu befürchten waren und die tatsächlich nicht ausblieben. Obwohl man ferner den Agitator O’Brien verhaftete, blieb die Nationalliga als Ganzes bestehen.

18. Die Brieffälschungen der „Times.“

Um die Liga ganz zu brechen, ging man Parnell mit allen Mitteln zu Leibe. Zuerst versuchte man dies durch gemeine Brieffälschung, und als ihm der Beweis gelang, daß man ihn verleumdet hatte, spielte man eine Ehebruchsgeschichte gegen ihn aus, die ihm wirklich den Hals brach.

Am 18. April 1887 veröffentlichte die „Times“ die Nachbildung eines von Parnell unterschriebenen Briefes, der am 15. Mai 1882, wenige Tage nach der Mordtat im Phönixparke, unterzeichnet war und wenn nicht seine Mitschuld, so doch seine Freude an dem Verbrechen bekundete. Das Blatt nahm den Brief zum Anlasse, die schärfsten Angriffe gegen den Führer Irlands zu richten.

Die Sache erregte ungeheures Aufsehen. Im Unterhause beriet man damals über das neue Zwangsgesetz gegen Irland. Einer der hervorragendsten irischen Nationalisten, Sexton, der die Redeschlacht eröffnete, nahm die Gelegenheit wahr, ohne erst mit Parnell gesprochen zu haben, den Brief als niedrige und gemeine Fälschung zu bezeichnen. Für jeden, der Parnell kenne, sei es unmöglich zu glauben, er könne diese Zeilen geschrieben, unterzeichnet oder auch nur genehmigt haben. Während Sexton noch sprach, trat Parnell in den Saal. Sobald er das Wort erhalten konnte, bezeichnete auch er den [S. 329]Brief der „Times“ als „gemeine und offensichtliche Fälschung.“

Allein die „Times“ blieb bei ihrer Behauptung, ja sie suchte sie dadurch zu stützen, daß sie noch weitere Briefe veröffentlichte, die Parnell geschrieben haben sollte und die sich alle in ähnlichem Geiste bewegten. Nun war ihre Echtheit schon deshalb mehr als zweifelhaft, weil sie böse Rechtschreibungs-Fehler enthielten, während Parnell eine Leidenschaft für ganz genaue Rechtschreibung hatte. Die „Times“ redete sich heraus: Parnell habe die Briefe nicht selbst geschrieben, sondern nur unterzeichnet. Die Freunde Parnells aber wußten, daß er seinen Namen unter kein Schriftstück mit mangelhafter Wortschreibung gesetzt haben würde.

Der Kampf zog sich lange hin. Da die „Times“ ihre Angriffe offenbar deshalb gegen Parnell richtete, um ihn als politischen Führer unmöglich zu machen und dadurch die irische Sache zu schädigen, so hatten die Nationalisten ein Interesse daran, durch genaue Untersuchung nachzuweisen, daß es sich um eine Fälschung handelte. Wirklich tat das Unterhaus am 13. August 1888 den ungewöhnlichen Schritt, einen Untersuchungs-Ausschuß einzusetzen, der eine Menge von Zeugen vernahm, sich um alle möglichen Dinge kümmerte, die mit dem Briefe kaum noch in Verbindung standen, kurzum die Sache zu unendlichem Umfange anschwellen ließ und dann erst sein Urteil über die ihm anvertraute Frage abgab. Carlyle hatte einmal über einen Gerichtshof gespottet, der ihm zu dem Zwecke berufen zu sein scheine, festzustellen, ob ein gewisser Jemand eine Nase im Gesicht habe oder nicht. Der Parnell-Brief-Ausschuß des Unterhauses jagte nun einer ähnlichen Aufgabe nach. Am 22. Oktober 1888 begann er seine Sitzungen, und anstatt sie auf die Hauptfrage zu beschränken, die er binnen kurzem hätte lösen können, saß er Woche nach Woche und Monat nach Monat und kam vom Hundertsten ins Tausendste.

[S. 330]

Seine Verhandlungen bewegten sich in den Formen eines Staatsprozesses. Als Sachwalter der „Times“ trat der Generalstaatsanwalt Sir Richard Webster auf, Hauptzeugen des Blattes waren zwei Männer namens Pigott und Le Caron. Der erste Anwalt Parnells, Sir Charles Russell, trieb durch ein geniales Kreuzverhör Pigott — der die Briefe tatsächlich gefälscht hatte — so in die Enge, daß er sich zunächst durch die Flucht nach Spanien und, als er von der Polizei in Madrid gesucht wurde, um an England ausgeliefert zu werden, durch Selbstmord der verdienten Strafe entzog. Der andere Zeuge der „Times,“ Le Caron, war als Spitzel im Solde der Londoner Polizei bekannt. Die Iren wußten und konnten beweisen, daß er gegen ihre Terroristen auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans als Agent provocateur verwendet worden war. Der Leiter des irischen Dezernates in der politischen Polizei Englands, Sir Robert Anderson, besaß unzählige Berichte von Le Carons Hand und lieferte ihm, wie er später gestand, des Stoff zu seinen Bekundungen vor dem Ausschusse.

Dieser stellte als Ergebnis seiner Arbeiten fest, daß sich für die Behauptung, Parnell und seine Genossen in der Führung der Nationalisten hätten das Attentat im Phönixparke gebilligt, keinerlei Beweis ergeben habe; während der eine oder der andere Vorwurf, der in den Briefen der „Times“ gegen die Irenführer enthalten war, — sie hätten an der Fenierbewegung teilgenommen u. s. w., u. s. w. — zum Teil richtig sein mochte.

Die „Times“ war entlarvt und hätte schwere gerichtliche Buße zahlen müssen, falls sie sich nicht entschloß, einem Prozesse vor den gewöhnlichen Gerichten zuvorzukommen. Die Besitzer des Blattes entschuldigten sich daher wegen ihrer falschen Behauptung und zahlten Parnell eine Buße von 100000 Mark.

Erst am 13. Februar 1890 legte der Ausschuß seinen Bericht der Vollsitzung des Unterhauses vor. Mit welcher [S. 331]Teilnahme — um nicht zu sagen mit welcher Neugier — die Abgeordneten ihn erwarteten, zeigte sich jetzt: Viele waren zu ungeduldig, auf die Verteilung des Berichtes in der Kanzlei des Unterhauses zu warten, stürzten sich vielmehr auf die ersten Bündel, die den gedruckten Bericht enthielten, sobald diese die Wandelhalle erreichten. Nicht einer der unzähligen Ausschuß-Berichte, nicht eines der Tausende von Blaubüchern erregte seit Jahrzehnten ein so ungeheures Interesse wie der dickleibige Band des Sonderausschusses über die Parnell-Briefe.⁠[84] Der Bericht stellte fest, daß die Briefe der „Times“ gefälscht waren.

Als Parnell das erste Mal nach Erstattung des Berichtes im Parlamente erschien, ward ihm eine Ehrung zuteil, die dem Gerechtigkeitsgefühle des Unterhauses ein ehrenvolles Zeugnis ausstellt. Es war spät, als er in den Saal trat, und das Haus war überfüllt. Sobald man ihn jedoch zu Gesicht bekam, erhob sich die gesamte liberale Partei, und von der Opposition schlossen sich wenigstens die Führer an, um ihn durch Zuruf zu begrüßen; auch einige andere Tories schlossen sich der Kundgebung an. Man glaubte dies einem Manne schuldig zu sein, der jahrelang unter der schwersten Verleumdung hatte leiden müssen und der nun von aller Schuld durch den Wahrspruch eines Gerichtshofes freigesprochen war, obwohl auch seine politischen Gegner darin Sitz und Stimme gehabt und die Untersuchungen sich keineswegs auf die Fragen der Brieffälschung beschränkt, vielmehr den Charakter des Verleumdeten, sein Leben und Wirken genau untersucht hatten.

Wenn Parnell einmal in seinem Leben die Fassung verlor, so war es diesmal. Die Kundgebung kam ihm völlig unerwartet. Als er sich niederließ, sagte er vorwurfsvoll zu einem Freunde: „Warum sind Sie denn alle aufgestanden? Sie haben mich beinahe erschreckt!“

[S. 332]

19. Der Ehebruchs-Prozeß.

Trotzalledem hatten die gefälschten Briefe der „Times“ ihre Wirkung getan. Bei jeder Verleumdung bleibt doch immer etwas hängen. Auch hatte das Unterhaus unter dem frischen Eindrucke der Briefe, von denen es zunächst kaum glauben mochte, daß sie gefälscht seien, innerhalb weniger Stunden jenes neue irische Zwangsgesetz durchgepeitscht, das Irland ebenso der Geschworenengerichte wie des Versammlungsrechtes beraubte, und das Oberhaus war diesem Beispiele gefolgt. Auch jetzt wollte man Parnell trotz der ehrenden Kundgebung nicht wohl, sondern wartete nur auf eine Gelegenheit, um ihn zu vernichten.

Bald genug sollte diese sich ergeben. Im kleinen Kreise wurde schon lange darüber gesprochen, Parnell habe sich in eine Liebesgeschichte eingelassen, die ihm noch einmal des Hals brechen müsse; und was im kleinen Kreise über einen so verhaßten Politiker gesprochen ward, konnte nicht lange geheim bleiben.

Die Sache hatte 1880 begonnen. Damals lud der Husaren-Rittmeister z. D. O’Shea, irisch-nationalistischer Abgeordneter, der soeben seine politische Laufbahn begonnen hatte, zu seinen politischen Festessen auch Parnell wiederholt ein. Da letzterer stets ablehnte, neckte man die schöne und geistreiche Frau des Gastgebers, die endlich mit stolzem Lachen erwiderte: „Beim nächsten Diner soll König Parnell auf diesem Stuhle sitzen.“ Kurz entschlossen fuhr Catherine O’Shea zum Parlamenthause. Dort ließ sie sich bei Parnell melden, um ihm die Einladung persönlich zu übergeben. Als sie sich beim Abschiede aus dem Wagen neigte, fiel aus ihrem Strauß eine Rose auf ihr Kleid. Er ergriff sie, führte sie an die Lippen und schob sie in sein Knopfloch. Der Einladung folgte er, und bald wurde er ständiger Gast in dem Hause der O’Sheas in Eltham.

Die Eheleute, seit 13 Jahren verheiratet, waren gleichgültig gegen einander geworden. Es waren Kinder da — aber die Leidenschaft, die alsbald zwischen Parnell und [S. 333]der schönen Catherine aufflammte, war zu stark. Schon im Januar 1881 wird der Gatte mißtrauisch: als er unvermutet nach Eltham zurückkehrt, entdeckt er dort Parnells Reisetasche. Er fordert ihn, läßt sich aber beschwichtigen, zumal da Parnell ihm erklärt, er brauche zum Verkehr mit dem Ministerium eine Vermittlerin und Frau O’Shea leiste ihm als solche treffliche Dienste. Der Mann gibt nach, verlangt jedoch, Parnell dürfe nicht mehr nach Eltham kommen. Als letzterer im Oktober desselben Jahres eingekerkert wird, ist es bereits so weit gekommen, daß sie ein Kind von ihm unter dem Herzen trägt. Im Februar 1882, während er noch im Gefängnisse sitzt, kommt es zur Welt, ohne daß der betrogene Ehegatte die Wahrheit ahnt.

So zogen sich die Dinge weiter hin, bis O’Shea endlich, 1890, die Scheidungsklage wegen Ehebruches einreicht. Parnell weiß, was ihm bevorsteht — dennoch will er von seiner Liebe nicht lassen. So schreibt er der Frau, mit der er bald ganz verbunden zu sein hofft und die er gern seine „kleine Königin“ nennt, er werde nicht vor Gericht erscheinen, weil das zwecklos sei: „Wir wollen die Scheidung, und ob Scheidung oder nicht, stets werde ich dahin eilen, wo Du bist.... Alles, was ich zu geben habe, gab ich Irland und will es ihm immer geben. Aber mein Privatleben soll nie irgendeinem Lande gehören, sondern nur einer Frau. Ein Geheul wird entstehen, aber ein Geheul der Heuchler. Wenn sie sich nun von mir, meine Königin, abwenden: im letzten Ende bleibt es gleichgültig. Die schließliche Regierungsform Irlands steht fest.“

Am 17. November 1890 sprachen die Londoner Geschworenen Parnell des Ehebruches schuldig. Im Juli 1891 ließ er sich mit Catherine trauen.

*

Nun aber hatte er einen erbitterten und den schwersten aller bis jetzt geführten Kämpfe zu bestehen. Ganz England fiel über ihn her, auch Gladstone löste alle Beziehungen [S. 334]zu ihm. Denn nun war eine Kraft in der englischen Seele aufgestachelt, die beinahe noch stärker war als die Abneigung gegen Irland: die Prüderie. Man fiel mit Keulen über Parnell her. Selbst in Irland ließ ihn ein Teil seiner Gefolgschaft im Stich. Namentlich die katholische Geistlichkeit wandte sich gegen ihn.

20. Parnells Ende.

Die irischen Nationalisten beschlossen allerdings zunächst, ihm treu zu bleiben, da sie meinten, daß die Entgleisung ihres Führers auf diesem Gebiete des Privatlebens nichts mit seiner öffentlichen Laufbahn zu tun habe. Wie oft hatte man nicht gegen englische Staatsmänner denselben und noch schlimmere Vorwürfe erhoben — und doch waren sie deshalb nicht aus dem politischen Leben zurückgetreten!⁠[85] So wählten sie denn Parnell am ersten Tage der neuen Parlaments-Session wieder zum Führer, ohne daß es auch nur zur Abstimmung kam. Nur zwei Abgeordnete sprachen dagegen.

Nach einiger Zeit aber schlug die Stimmung bei einigen um. Vielleicht wollten sie sich das Wohlwollen Gladstones nicht verscherzen. An diesen hatte Parnell zur Zeit des Attentates im Phönixparke geschrieben, er sei bereit, seinen Sitz im Parlamente aufzugeben, falls dies in der Oeffentlichkeit Englands der irischen Sache von Vorteil sein könne. Jetzt erwartete Gladstone, einen ähnlichen Brief von Parnell zu erhalten, und da er ihn nicht erhielt, versuchte er durch einen Nationalisten auf den Widerspenstigen einzuwirken.

Dieser wies das Verlangen schroff ab. Die Mehrheit der Partei ließ sich nun aber doch zu der Ansicht überzeugen, daß es für Parnell besser sei, sich für kurze Zeit aus der Oeffentlichkeit zurückzuziehen. Man verlangte von ihm, er solle sich ein paar Monate aus dem Parlamente fernhalten, inzwischen würde die Parteileitung [S. 335]in den Händen eines Ausschusses liegen, dessen Mitglieder er bestimmen möge.

Allein Parnell war zu stolz, um auf diesen Vorschlag einzugehen. Auch einige seiner Freunde betrachteten es als eine Anmaßung, daß man auf englischen Wunsch jenes Verlangen an ihn stellte. Parnell weigerte sich daher nicht nur, sich von der Oeffentlichkeit, wenn auch nur vorübergehend, fernzuhalten, sondern griff auch öffentlich Gladstone und das gesamte englische Volk an. Als er diese Bekanntmachung vorher einem Mitgliede der Partei zeigte, sprach sich dieses in den stärksten Ausdrücken gegen die Veröffentlichung aus; erfolge sie dennoch, so sei die Spaltung der nationalistischen Partei unvermeidlich. Alles, was der Ratgeber erreichte, war, daß Parnell die Veröffentlichung um 24 Stunden hinausschob.

Parnell war eben in seinem Stolze tötlich verwundet. Hatte dieser ihn damals, als die englische Polizei in das Schlafzimmer seiner Mutter drang, in die Politik hineingetrieben, so zwang er ihn nun, in seiner Stellung zu verharren. Er wollte sich nicht durch das „Geheul der Heuchler“ in die Wüste schicken lassen.

Daher begannen die folgenreichen Beratungen der irischen nationalistischen Partei im Ausschußzimmer Nr. 15 des Westminster-Palastes. Es handelte sich um die Frage, ob Parnell weiter als Führer der irischen Partei im Unterhause auftreten solle oder nicht. Man wiederholte den Vorschlag, er möge sich ein paar Monate vom Parlamente fernhalten und inzwischen die Geschäftsleitung einem Ausschusse übertragen, dessen Mitglieder er samt und sonders ernennen könne. Aber er lehnte ab — und nun brach die Partei auseinander. Die große Mehrheit wählte nach langen, erbitterten Verhandlungen am 8. Dezember 1890 einen neuen Führer, ihm blieb nur eine Minderheit von etwa 25 Abgeordneten treu.

Fortan bekämpften sich in Irland Parnelliten und Anti-Parnelliten. Zufällig stand in einigen Wahlkreisen [S. 336]eine Neuwahl bevor. Zuerst ward in Kilkenny Sir John Pope Hennessy, der eine lange Laufbahn im englischen Kolonialdienste hinter sich hatte, als irischer Anti-Parnellit mit großer Mehrheit gewählt. Parnell verdoppelte deshalb seine Anstrengungen. Tag und Nacht reiste er, hielt Ansprachen vor großen Versammlungen, war heute hier und morgen dort. Nicht die geringste Schonung legte er sich auf, obwohl einige seiner nächsten Freunde ihn dringend vor Ueberanstrengung warnten. Er besaß große körperliche Kraft, war aber, wie dies starken Männern oft ergeht, nicht allzu widerstandsfähig. Seine Furchtlosigkeit schreckte auch davor nicht zurück, den Bogen bis zum Reißen zu spannen.

Als einer seiner Freunde, mit denen er die persönliche Verbindung aufrecht erhalten hatte, obwohl sie sich von seiner Partei trennten, während dieses Wahlfeldzuges Parnell beschwor, sich nicht durch unaufhörliche Reisen und unablässige Reden aufzureiben, lächelte dieser und meinte: beides täte ihm recht gut.

14 Tage später war er tot. Im Alter von 45 Jahren sank er plötzlich ins Grab. Zum Tode matt war er von seiner Reise zurückgekehrt, legte sich hin und starb in den Armen seiner Frau am 6. Oktober 1891. Er, der Protestant, ist auf dem katholischen Friedhofe von Glasnevin bei Dublin bestattet.

[78] Georg Jellinek: Ausgewählte Schriften und Reden. Berlin: O. Häring, 1911: Band 2. S. 420.

[79] Chatterton-Hill: S. 91.

[80] In den englischen Grafschaften, die ursprünglich eine Beschränkung des Wahlrechtes nicht kannten, sondern jeden Bauern zuließen, war es durch ein Gesetz des Jahres 1430 auf die Freisassen mit 40 s. beschränkt. Dieses Gesetz widersprach offen dem „gemeinen Rechte“ (Common Law).

[81] Siehe näheres in meinem Aufsatze „Ungerechtigkeiten der Wahlkreiseinteilung in Großbritannien und Irland.“ („Blätter für vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre“, Februar–März 1915, S. 246 ff.)

[82] Joseph King, MP., and F. W. Raffety. Barrister at-Law: Our electoral System: The demand for Reform. London: Thomas Murby & Co., 1912, S. 66. Ich gebe die Zahlen, wie sie dort stehen, obwohl sie nicht ganz zu stimmen scheinen, leider auch die Zahl der Wähler (neben der Bevölkerungszahl) nicht angegeben ist.

[83] Mulhall: Dictionary of statistics. London 1886. S. 171 u. 175.

[84] Siehe über die Parnell-Briefe der „Times“ Mc Carthy: History of our own times. Band 6, S. 240–260. Mit Recht meint der Verfasser S. 259: die Erfahrungen mit diesem Ausschusse würden wohl dafür sorgen, daß niemals mehr ein ähnlicher Versuch gemacht werde.

[85] Man lese beispielsweise die berühmten Junius-Briefe.

Dekoration: Rose

[S. 337]

Kopfvignette,   florales Muster

9. Buch:
Der zweite und dritte Kampf um Home Rule.

1. „Tötung durch Freundlichkeit“. — 2. Die zweite Home Rule-Vorlage. — 3. Enttäuschung und Rücktritt Gladstones. Sein Nachfolger. — 4. Reformen. Das Landgesetz von 1903. — 5. Bittere Stimmung. — 6. Parlamentarische Ohnmacht. — 7. Die dritte Home Rule-Vorlage. — 8. Gleichgültigkeit der Regierung und des Parlamentes. — 9. Die Grundlinien des Planes. — 10. Ermunternde Haltung der Kolonien. — 11. Die Vorlage geht ins Oberhaus. — 12. Die Ulster-Leute. — 13. Paraden und Bluff. — 14. Meuternde Offiziere. Vergleichs-Verhandlungen.

„Eine Nation muß, allgemein gesprochen, entweder durch moralische Ideale oder durch Appetit regiert werden, durch den Geist der Kritik oder den der Aneignungssucht; durch ihre Reformer oder durch ihre Egoisten.“

John M. Robertson:
Patriotismus-Militarismus-Imperialismus. S. 127.

1. „Tötung durch Freundlichkeit.“

Der Tod ihres Führers, der alle anderen überragt hatte, schleuderte die Home Rule-Bewegung in das Nichts zurück. Wieder einmal konnte sie von vorn anfangen. Unter der Herrschaft der Konservativen war nicht die geringste Aussicht, etwas zu erreichen. Seit 1890 war Staatssekretär für Irland Arthur Balfour, von 1895–1900 sein Bruder Gerald Balfour. Beide — und in geringerem Maße auch der Nachfolger des letzteren, George Wyndham, der 1900–1905 Staatssekretär war, — verfolgten die Politik, „Home Rule durch Freundlichkeit zu töten.“

Die Iren waren verzweifelt. An ihrem Wunsche nach Selbstregierung hielten sie mit leidenschaftlicher Zähigkeit fest. Zu Parnells Zeit hatte einer der führenden Katholiken gerufen: „Jede Körperschaft wäre uns (als Parlament) recht, wenn sie nur in Irland ihren Sitz hat; sogar die protestantische Synode würde dazu genügen.“ Unter der konservativen Regierung konnte dieser Wunsch nur noch glühender werden.

[S. 338]

Unerträglich wurden die Dinge, als die Regierung 1892 einen Gesetzentwurf über das irische Bildungswesen einbrachte, der die Nationalisten zu äußerstem Widerstande anstachelte. Wieder einmal bildeten sie das Zünglein an der Wage — die Regierung stürzte. Am 28. Juni wurde das Parlament aufgelöst, und gleich begannen die Vorbereitungen für die Neuwahl.

*

Von den Staatsmännern der liberalen Partei ergriff sogleich John Morley das Wort, um eine Wahlparole auszugeben. Dieser Idealist, seinem Lehrer Gladstone treu ergeben, wie er von der Notwendigkeit überzeugt, das unsägliche Unrecht, das Irland seit Jahrhunderten erlitt, wenigstens zum Teil gut zu machen, wandte sich scharf gegen die irische Politik der gestürzten Regierung, zumal gegen die von ihr erlassenen Zwangsgesetze. Morley betonte, daß „diese Abschaffung der bürgerlichen Rechte und verfassungsmäßigen Sicherheiten der Iren, diese Aufrichtung einer hassenswerten Ungleichheit zwischen dem Volke von Irland und dem Volke von Großbritannien, trotz den feierlichsten Versprechungen vollkommener Gleichheit, sowohl bei dem Unions-Vertrage wie bei vielen Gelegenheiten seither, es mehr denn je zur festen Pflicht der Liberalen macht, die starke Anstrengung zu erneuern, die sie vor 6 Jahren machten, um die Verfassungswünsche der großen Mehrheit der Iren zu befriedigen.“

So ging die Wahl im ganzen Vereinigten Königreiche unter dem Schatten der Home Rule-Frage vor sich. Das Ergebnis war, daß außer Irland auch Wales und Schottland jedes für sich bedeutende Mehrheiten zu Gunsten der irischen Home Rule zeigten, während England sich mit einer Mehrheit von 71 Abgeordneten-Sitzen für Fortbestehen der Union erklärte. Großbritannien für sich (England, Wales und Schottland zusammengenommen) zeigte eine Mehrheit von 16 Stimmen dafür, während Großbritannien [S. 339]mit Irland eine Mehrheit von 57 Stimmen für Home Rule aufwies.

Somit war es klar, daß Gladstone, trat er wieder ins Amt, wiederum von den Stimmen der irischen Nationalisten abhängig sein würde. Noch hatte er Zeit zur Ueberlegung, da Lord Salisbury seinen Rücktritt noch nicht erklärt hatte, dem Beispiele der 1874 und 1880 gestürzten Regierung also nicht gefolgt war, sondern es erst auf eine Niederlage im Parlamente ankommen lassen wollte.

*

Am 4. August 1892 trat dieses zusammen. Sogleich bei der Erörterung der Adresse kam es zu einem Beschlusse, der den Mangel an Vertrauen zur Regierung aussprach. Der darauf zielende Antrag wurde durch einen jungen Abgeordneten eingebracht, dessen rednerische Geschicklichkeit im Angriffe wie in der Verteidigung hell zu Tage trat; es war Asquith, der spätere Ministerpräsident. Sein Antrag wurde mit 350 gegen 310 Stimmen angenommen. Die konservative Regierung trat zurück, und Gladstone übernahm die Bildung eines liberalen Kabinettes, in welchem Asquith zur großen Ueberraschung auch seiner eigenen Partei das wichtige Amt des Staatssekretärs des Inneren übernahm.

2. Die zweite Home Rule-Vorlage.

In dem neuen Ministerium fanden sogleich Beratungen über die Einbringung einer neuen Home Rule-Vorlage statt. In vielen wichtigen Punkten unterschied diese sich wesentlich von der ersten. Während letztere auf ein gänzlich getrenntes irisches Parlament abgezielt hatte, behielt der neue Plan irische Abgeordnete im Parlamente von Westminster bei. Mancher Liberale hatte Gladstone 1886 die Gefolgschaft verweigert, weil er von einer gänzlichen Lostrennung der Iren aus dem britischen [S. 340]Parlamente nichts wissen mochte. Jetzt kehrten einige, wie Sir George Trevelyan, zu seiner Fahne zurück.

Die Aussichten für die neue Vorlage schienen daher recht günstig. Man konnte die Stimmen für und wider leicht im voraus zählen. Es schien kein Zweifel möglich, daß das Unterhaus sie annehmen werde.

Am 13. Februar 1893 brachte Gladstone sie hier ein. Abergläubische meinten, die Tageszahl bedeute Unglück, und fragten, was Parnell dazu gesagt hätte, wäre die Vorlage zu seinen Lebzeiten an einem 13. eingebracht worden.

Gladstone ging mit frischem Mute an die Vertretung des Gesetzentwurfes, der den Namen führte „Eine Maßregel zur Aenderung der Bestimmungen über die Regierung Irlands.“ Das neue irische Parlament sollte aus zwei Kammern bestehen: aus einem Gesetzgebenden Rate, der von den Wählern mit wenigstens 20 Pfund Steuern gewählt würde, und einer Gesetzgebenden Versammlung, die von den allgemeinen Parlamentswählern zu entsenden wäre. Außerdem sollten im Parlamente in Westminster 80 irische Abgeordnete sitzen.

In Irland hatte man diese und jene Einwendung gegen die Vorlage zu machen. Indessen legte man ihnen kein großes Gewicht bei, da man vor allem die Selbstregierung in irgend welcher Gestalt haben wollte. Man war überzeugt, daß die nationale Bewegung, sollte auch dieser zweite Versuch einer liberalen Regierung für Durchbringung des Gesetzes mißlingen, den Extremen zufallen würde, gegen die sich Parnell mit ganzer Kraft gewandt hatte, um die Möglichkeit zu haben, mit der englischen Regierung zu einer Verständigung zu gelangen.

Als es im Unterhause am 1. September zur dritten Lesung kam, erklärten sich zwar 267 Abgeordnete gegen die Vorlage, die Mehrheit aber dafür.

Schon am Tage darauf ging das Gesetz ins Oberhaus, wo es auf eine äußerst feindselige Stimmung stieß. [S. 341]Bereits am Morgen des 9. September erhielt das Unterhaus den abgelehnten Entwurf zurück. In der zweiten Lesung hatten sich nur 41 Lords für den Plan, 419 dagegen erklärt. Die Selbstregierung für Irland war daher — so mußte man aus diesen Zahlen ablesen — für geraume Zeit aus der Welt geschafft.

3. Enttäuschung und Rücktritt Gladstones. Sein Nachfolger.

Die Iren hatten also einen halben Sieg erfochten, der ihnen nichts, gar nichts einbrachte. Daß sie aus den Händen der Konservativen nicht auf Gewährung ihres Herzenswunsches rechnen durften, war selbstverständlich. Aber auch, wenn nun ein liberaler Minister oder Parteiführer über die Frage der Selbstregierung für Irland angesprochen wurde, wich er aus.

Gladstone war aufs tiefste enttäuscht. Als er die Vorlage einbrachte, hatte er trotz seiner 83 Jahre in 2¾stündiger Rede mit staunenswerter Frische seine politischen Grundgedanken entwickelt: Irland könne nur mit Gewalt oder mit Zugeständnissen regiert werden; da ersteres auf die Dauer unmöglich sei, bleibe nur letzteres übrig. Auch ging seine Vorlage wirklich nicht weit. Die Vertretung Irlands im britischen Parlamente setzte sie infolge der inzwischen gesunkenen irischen Volkszahl von 103 auf 80 herab. Alle Dinge, die England oder das britische Reich betrafen, sollten dem irisches Parlamente entzogen sein. Und nicht nur diese — sogar über die persönliche Freiheit sollte es nichts zu sagen haben! Was hätte man in England oder in Schottland, in Kanada oder Australien gesagt, nahm sich irgend ein anderer Teil des Reiches heraus, über die persönliche Freiheit in einem anderen Teile des Reiches Gesetze zu erlassen? Ein Sturm der Entrüstung hätte sich erhoben. Irland aber mutete man zu, sich weiter unter Zwangsgesetze zu beugen, die in London gegen des Willen der irischen Nation beschlossen [S. 342]wurden. Dennoch hatten sich die Nationalisten für den Entwurf erklärt, um nur etwas zu erreichen.

Am 3. März 1894 legte Gladstone, auf einem Auge blind, auf dem anderen ebenfalls mit Erblindung bedroht, das Amt des Ministerpräsidenten nieder, um sich endgültig ins Privatleben zurückzuziehen. An seine Stelle trat Lord Rosebery. Dieser suchte den irischen Nationalisten klar zu machen, die englischen Liberalen hätten ihr Bestes für sie getan; da der Versuch mißlungen sei, müsse Irland sich nun als festen Bestandteil des Vereinigten Königreiches unter der Führung Englands betrachten; erst wenn dessen Führer dazu gebracht werden könnten, den irischen Gesichtspunkt anzunehmen, ließe sich über eine Neugestaltung der Beziehungen beider Teile sprechen; aber nicht nur auf die Umstimmung der britischen Wählerschaft müsse man warten, sondern offenbar auch auf das Emporwachsen eines Führers für Irland; allem Anscheine nach werde dieser im Augenblicke noch in einem Kinderwagen umhergefahren.

Diese leichtfertige Art, über ernste Dinge zu sprechen, konnte auf die Iren nicht eben beruhigend wirken. Schlimmer noch wurden die Dinge, als bei den Neuwahlen im Juli 1895 die Tories und liberalen Unionisten einen bedeutenden Sieg erfochten. Nur hin und wieder gab es nun eine Reform, während die große Frage der Selbstregierung bis in die Ewigkeit vertagt schien. Irland mußte aus des Händen Salisburys, Balfours, Chamberlains als Gnade in einzelnen Stückchen entgegennehmen, was es nur als Abschlagzahlung auf seine Forderung der nationalen Selbständigkeit betrachtete.

4. Reformen. Das Landgesetz von 1903.

Von bedeutenderen Reformen dieses Zeitraumes sind zunächst zwei zu nennen, bevor der Erlaß des Landgesetzes 1903 einen wesentlichen Fortschritt schuf.

Im Juli 1896 wurde ein Gesetz erlassen, das den [S. 343]irischen Pächtern den Ankauf des von ihnen bebauten Landes erleichtern sollte.

Zwei Jahre darauf wurde, mehr denn ein halbes Jahrhundert zu spät, die Uebertragung der englischen Bestimmungen über die Gemeindeverwaltung auf Irland gestattet. Mit Händen und Füßen hatte sich England bisher dagegen gesträubt, die dünkelhafte Verblendung, mit der man die Fähigkeiten der Iren betrachtete, hatte die schwärzesten Prophezeihungen hervorgerufen, was alles geschehen würde, wollte man Irland ein Gesetz über die Gemeindeverwaltung gewähren, das nur für vorgeschrittene Länder passe. Aber schon am 24. März 1900 mußte derselbe Minister (Gerald Balfour), der die Vorlage eingebracht hatte, erklären, daß sich das Gesetz des Jahres 1898 vortrefflich eingeführt habe und daß die neuen Gemeindekörperschaften sich der schweren Aufgabe, die ihnen gestellt sei, durchaus gewachsen gezeigt hätten. Auch sein Nachfolger George Wyndham erklärte (am 27. Februar 1902): das Gesetz habe nichts Geringeres denn eine soziale Umgestaltung zustande gebracht, da es die politische Macht in der Gemeindeverwaltung aus des Händen einer Klasse genommen und sie in ihrer Gesamtheit anderen Klassen übertragen habe; seine günstige Wirkung hätte die weitestgehenden Erwartungen übertroffen.

Die bedeutsamste Reform endlich kam 1903 zustande. Es handelte sich um ein Landgesetz, das 41. der seit Bestehen der Union beschlossenen. Der Staatssekretär George Wyndham, der es einbrachte, bezeichnete als seinen Zweck, den Pächtern durch Staatsdarlehen die Möglichkeit zu geben, sich eigenes Land zu kaufen. Den Grundherren sollte ihr Landbesitz nicht durch Enteignung entzogen werden, vielmehr sollten sie durch gute Preise ihren Vorteil beim Verkaufe finden. Der Kaufpreis sollte auf den 28fachen Betrag des Jahrespachtzinses festgesetzt werden, der auf nicht weniger als 80 Millionen geschätzt wurde — ja, darüber hinaus sollten noch Zuschüsse [S. 344]bezahlt werden, wofür zunächst noch 240 Millionen bewilligt wurden. Im ganzen sollte der Staat innerhalb 15 Jahren 2 Milliarden Mark als Darlehen für diese Ansiedlung der Pächter hergeben. Letztere sollten zur Tilgung der ihnen vorgeschossenen Summen ⅘ der bisherigen Pacht zahlen. In 68½ Jahren sollte die Tilgung durchgeführt sein.

Am 21. Juli 1903 nahm das Unterhaus die Vorlage mit 317 gegen 20 Stimmen an, das Oberhaus erteilte am 11. August seine Zustimmung. Denn hier handelte es sich ja nicht um politische Rechte für Irland, sondern um den Auskauf der Grundherren, bei dem auch die letzteren vortrefflich auf ihre Rechnung kamen. 2 Milliarden Mark für die Tasche der Grundherren war eine Summe, mit der sich wohl rechnen ließ, ja, die ein höchst freigebiges Geschenk bedeutete, da viele Grundherren seit Jahren aus ihren Ländereien keinen Penny mehr bezogen hatten. Dafür hatte zunächst die Land-Liga, endlich die Irische Bundes-Liga (United Irish League) gesorgt. Der Grundbesitz war daher zum Teil wertlos geworden, so daß sich die Grundbesitzer freuen konnten, von den Ausschüssen, die zur Feststellung der Kaufpreise eingesetzt wurden und in denen die Vertretung des Grundbesitzerstandes überwog, in der Mehrheit der Fälle viel zu hohe Preise zu erhalten.

Bis heute haben etwa ⅘ der Grundbesitzer von der ihnen durch das Landgesetz des Jahres 1903 gebotenen Gelegenheit Gebrauch gemacht, ihre Ländereien an die Pächter zu verkaufen. Einige Jahre später (1907) mußte indessen (nun wieder unter einer liberalen Regierung, eine konservative hätte es kaum angenommen) als Ergänzung ein Gesetz erlassen werden, nach welchem es möglich ist, die Grundherren, die ihre Pächter unter den Formen des Rechtes von Haus und Hof vertrieben, zwangsweise zu enteignen.

Nun endlich sind überall in Irland Bauerngüter [S. 345]entstanden. Zu der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des Volkes ist damit der erste Schritt getan, so daß sich nun auch endlich eine Wiedererhebung seiner geistigen und politischen Höhenlage erhoffen läßt. „Zum ersten Male seit Jahrhunderten hat der irische Bauer die Möglichkeit, sich und seine Familie von dem Ertrage seiner Arbeit zu ernähren. Er hat ein Interesse an seiner Arbeit, ein festes Band bindet ihn jetzt an die heimatliche Scholle, die Hauptursache der Auswanderung — nämlich das wirtschaftliche Elend — fällt zu einem großen Teile weg. Und der irische Bauer hat um so mehr das Recht, auf seinen Sieg stolz zu sein, als er denselben durch seine eigenen Anstrengungen allein errungen hat. Nur dadurch,“ — so schreibt ein temperamentvoller Ire — „daß sie gegen die englischen Parasiten einen Krieg von unerbittlicher Strenge führten, ohne zu verzagen oder zu erschlaffen, haben die Iren ihre Henker gezwungen, ihnen das gestohlene Land wieder zu geben — freilich, gegen Bezahlung!“

5. Bittere Stimmung.

Im allgemeinen jedoch blieb die Stimmung der Iren verbittert. Während des Burenkrieges machte sie sich wiederholt in den denkbar schärfsten Aeußerungen Luft. Die Stadt Dublin ernannte den Präsidenten Krüger zum Ehrenbürger, und bei großen englischen Niederlagen erstrahlten die Häuser in festlicher Beleuchtung. Eine irische Brigade nahm auf Seiten der Buren am Kriege teil. Jede Nachricht von einer neuen Schwierigkeit Englands wurde jubelnd begrüßt. Selbst im Unterhause brachten die Iren Hochrufe auf die Buren aus. Man konnte sich in Frankreich nicht englandfeindlicher gebärden als in Irland.

Im Parlamente in Westminster kam es nicht selten zu heftigen Zusammenstößen. Trotz den inzwischen eingeführten neuen parlamentarischen Bestimmungen, die der Obstruktion den Atem nehmen sollten, [S. 346]lebte sie von neuem auf. Was die irische Obstruktion leistete, hatte inzwischen Schule gemacht. Dauerreden fanden, um eine verhaßte Regierungsvorlage nicht Gesetz werden zu lassen, in manchem Parlamente statt. Dr. Lecher hielt im österreichischen Abgeordnetenhause eine Rede von 12 Stunden, im Parlamente von Britisch-Columbia wurde 1893 eine von 26, 1897 in der rumänischen zweiten Kammer sogar eine solche von 37 Stunden gehalten. Im April 1896 dauerte im Unterhause in Kanada die Sitzung über ein Gesetz, das die Schulfrage in Manitoba zum Gegenstande hatte, 180 Stunden, und in Chile soll es vorkommen, daß eine einzige Rede sich auf 10 Sitzungstage erstreckt.⁠[86]⁠

Waren nun auch der irischen Obstruktion im britischen Parlamente die Flügel mittlerweile stark beschnitten, so versetzte sie die Mehrheit dennoch nicht selten in Wut. Reizte man die Iren bis aufs äußerste, wie dies im Januar 1901 geschah, so kam es zu schweren Zusammenstößen. Das Parlament beschloß noch weitere Maßregeln gegen die Obstruktion — immer mit dem Erfolge, im Augenblicke zwar die Iren mundtot zu machen, die Stimmung in Irland aber noch weiter zu verbittern.

Daß es kaum zu viel gesagt ist, wenn man auch in dieser Zeit von einem dauernden Englandhasse der Iren spricht, ergibt sich beispielsweise aus der Tatsache, daß bei dem ersten Besuche Eduards VII. in Irland, der am 21. Juli 1903 an der Seite seiner Gemahlin in Dublin einzog, nachdem er am 22. Januar 1901 den Thron bestiegen hatte, von irgend welcher Begeisterung nichts zu spüren war; der Empfang beschränkte sich auf kühle Höflichkeit. Wenn das zu derselben Zeit der Fall war, da das Landgesetz durchging, bei weitem die bedeutendste Reform, die Irland seit Bestehen der Union erlebte, so ließ sich nicht erwarten, daß die Stimmung in anderen Jahren England günstiger sein würde.

*

[S. 347]

Als nach zehnjähriger Zwischenpause die konservative Regierung wieder durch eine liberale abgelöst wurde — am 11. Dezember 1905 übernahmen die Liberalen unter Sir Henry Campbell-Bannermann das Ministerium —, erwarteten die Iren daher auch nicht viel, obwohl die Neuwahl im Januar 1906 als Folge der Ernüchterung, die dem Burenkriege folgte, die Tories und liberalen Unionisten auf 158 hatte zusammenschmelzen lassen, während die Liberalen 400 zählten; neben ihnen standen noch 83 irische Nationalisten und 12 Sozialdemokraten. Der 1907 von der Regierung gemachte Vorschlag, einen für irische Angelegenheiten zuständigen Rat in Dublin einzusetzen, dem jedoch keinerlei politische und gesetzgeberische Befugnisse zukommen sollten, wurde daher nicht nur von des Tories scharf bekämpft, die darin den ersten Schritt zur Home Rule sahen, sondern auch von dem irischen Nationaltage am 21. Mai 1907 einstimmig abgelehnt. Man munkelte, dies geschehe auf Wunsch des Erzbischofs von Dublin, Logue, um die Schulen nicht unter Laienaufsicht kommen zu lassen; indessen ward dies bestritten. Das Ministerium zog den ganzen Entwurf zurück, weil es sah, daß eine Versöhnung der Iren dadurch nicht zu erreichen war.

*

Und doch ließ sich der Wunsch Irlands nach Selbstregierung nicht ertöten. Immer wieder flammte er unter der Asche empor. Obwohl es seit Parnells Tode keine großen politischen Führer mehr besaß, blieb doch in der Seele jedes Iren, der sich nicht als Ulstermann erachtete, der Wunsch lebendig, die nationale Selbstständigkeit zu erreichen. Man hat behaupten wollen: als einziges, was heute noch irisch sei, könne man die nationale Trauer Irlands und seine Sehnsucht nach dem entschwundenen Volkstume betrachten.⁠[87] Allein diese Ansicht ist unbegründet. [S. 348]Selbst auf Engländer, die lange Zeit in irischer Umgebung lebten, färbt das irische Wesen ab, sie verlieren etwas von ihrer Steifheit, werden lebendiger, frischer und freier. Das Volkstum Irlands ist nicht untergegangen, sondern blüht und wächst, und niemand, der sich ihm naht, kann sich seinem Reize entziehen.

Es ist kennzeichnend für die irische Geistesluft, daß, wer sich mit irischem Volkstume beschäftigt, unweigerlich von ihm erobert wird. Noch jeder Ausländer hat dies erfahren. Waren die Führer des katholischen Irlands fast immer Protestanten — die höchste Spitze der politischen Bewegung wurde nur einmal, durch O’Connell, von einem Katholiken eingenommen —, so ist dies einer der unzähligen Beweise für die zauberhafte Angliederungskraft des irischen Volkes. Werden nicht politische Schranken gegen die Verschmelzung von Protestanten und Katholiken aufgerichtet und künstlich aufrecht erhalten — wie dies seit der Union für einen Teil der Provinz Ulster gilt —, so gehen selbst die aus England stammenden Protestanten im irischen Volkstume auf. Dies geschieht sogar dort, wo sie ursprünglich gar nicht an diese Möglichkeit dachten. So erging es Parnell; so ergeht es im 20. Jahrhundert vielen Mitgliedern der gälischen Vereine. Ursprünglich nur dem Studium des Volkstums dienend, sind manche dieser Gesellschaften unter dem Zwange der Dinge mehr und mehr ins englandfeindliche Fahrwasser abgetrieben.

6. Parlamentarische Ohnmacht.

Alle Iren, die nicht mit einem Fuße in England stehen und dort stehen bleiben wollen, sind glühende Anhänger der nationalen Selbständigkeit. Allerdings verurteilte der Mangel eines selbstlosen politischen Führers die nationalistische Partei im Unterhause in den drei ersten Halbjahrzehnten des 20. Jahrhunderts — nehmen [S. 349]wir das Landgesetz von 1903 aus — zu bloßen Scheinerfolgen, die verderblicher waren, als wäre sie auf glatte Weigerung gestoßen. Kein Draufgänger wie O’Connell, kein Florettfechter wie Parnell stand jetzt an der Spitze, das politische Ziel des Landes fest im Auge, sondern der eitle John Redmond, der England zwar im Burenkriege heftig angriff, sich später jedoch umgarnen ließ. Klein und untersetzt, liebt er es, eine ganz entfernte Aehnlichkeit mit Napoleon zu betonen und sich als großen Staatsmann zu gebärden, obwohl er die Dinge nicht zu meistern vermag. Die englischen Politiker sind ihm allein schon an Advokaten-Schlauheit überlegen.

Wie man eine große politische Bewegung dadurch schädigen kann, daß man ihre höchsten Ziele als Träumereien verspottet und nur „praktische Notwendigkeiten“ anerkennen, nur „Realpolitik“ treiben will, mag das Schicksal Redmonds und der von ihm geführten Nationalisten zeigen. Hätten sie im Burenkriege oder unmittelbar danach eine große Agitation begonnen, wie Grattan dies während des amerikanischen Revolutionskrieges tat, wie sie O’Connell ein halbes Jahrhundert später und Parnell in den 80er Jahren wiederholte, so wären sie vielleicht zum Ziele gekommen. Statt dessen ließen sie sich von der Regierung vertrösten, kirren oder erkaufen.⁠[88]⁠

Nicht einmal die günstigste Gelegenheit wurde von Redmond ausgenutzt. Am 1. Januar 1901, genau ein Jahrhundert nach Beginn der Union, wurden die australischen Kolonien zu einem gemeinsamen selbständigen Staate, dem „Gemeinwesen Australien“ (Commonwealth of Australia), zusammengeschlossen, mit selbständigen Ministerien, selbständiger Regierung, eigenem Parlamente; nur die auswärtige Vertretung liegt in den Händen Englands, das noch dazu für den militärischen Schutz Australiens [S. 350]sorgt, ohne daß dieses einen Beitrag dafür leistete. Kanada besaß schon seit 1867 die gleiche Selbständigkeit. Beide Länder sind nur durch den Vicekönig und durch seelische Bande mit England verknüpft. Beschloß das britische Parlament, Australien die Selbstregierung zu gewähren, so hätte weder O’Connell noch Parnell die Gelegenheit vorbeigehen lassen, in Irland eine gewaltige Agitation um die Einräumung derselben Rechte zu entfalten. Statt dessen geschah nichts.

Noch unverständlicher war dieselbe Unterlassungssünde, als die südafrikanischen Besitzungen Englands, darunter die erst durch den Frieden vom 31. Mai 1902 unter britische Herrschaft geratenen Burenrepubliken, durch Beschluß des britisches Parlamentes die Selbstverwaltung erhielten. Auch diese Gelegenheit ließ Irland vorübergehen.

7. Die dritte Home Rule-Vorlage.

Erst 1912 kam die Home Rule-Frage wieder in Fluß. Sehr merkwürdig unterschied sich die Lage nun von der früherer Zeiten. Die liberale Regierung, die allmählich einen Teil ihrer Anhängerschaft wieder an die Konservativen verloren hatte, so daß sich das Kräfteverhältnis langsam, aber sicher verschob, wußte — wie zu Gladstones Zeiten —, daß sie von der Gnade der irischen Nationalisten lebte. In den erbitterten Verfassungskämpfen, die das Unterhaus mit dem Oberhause führte, siegte die Regierung nur mit Hilfe der Iren. So wurde dem Oberhause die Macht durch das neue Verfassungsgesetz beschnitten, das bestimmte: in Zukunft erlange jedes vom Oberhause einmal abgelehnte Gesetz Gesetzeskraft, wenn es nach zweijähriger Pause vom Unterhause nochmals beschlossen werde.

Die erbitterten Kämpfe, die in dieser Demokratisierung der Staatsverfassung gipfelten, hatten die Oeffentlichkeit so in Anspruch genommen, daß eine Erschlaffung des [S. 351]politischen Interesses die Folge war. Auch durchlebte England zwischen 1906 und 1912 so viele andere innere Streitfragen, deren Lösung darauf hinauslief, das Land mit Riesenschritten in den bisher verpönten Staatssozialismus hinüberzuführen, daß die Erkältung der Teilnahme für politische Fragen kaum ausbleiben konnte.

So lagen die Dinge im Jahre 1912, als sich die Regierung entschließen mußte, den Preis für die Hilfe, den ihr die irisches Nationalisten als treue Schildträger geleistet hatten, zu zahlen, indem sie abermals eine Home Rule-Vorlage — die dritte — einbrachte. Staatsgesetze ersten Ranges sollten durch das Parlament beschlossen werden: die Bestimmung des Unterhauses als entscheidende politische Körperschaft, die Einführung des allgemeinen Stimmrechtes in Großbritannien und die Trennung von Staat und Kirche in Wales.

Am 17. Februar 1911 hatte der Premierminister im Unterhause ausdrücklich versprochen: nach Erledigung des Parlaments-Gesetzes (über die Rechte des Oberhauses) solle die erste Reformmaßregel der Regierung die Einbringung einer Vorlage zur Lösung der irisches Frage sein. Jenes Gesetz war nun angenommen — mithin handelte es sich nunmehr um Erfüllung des Versprechens an die irischen Bundesgenossen, ohne deren Hilfe die Regierung nicht hätte durchdringen können.

Nüchtern wie bei der Bezahlung einer Kaufsumme nahm sich die Haltung des Ministeriums aus. Sie hatte nichts, aber auch gar nichts von jenem sittlichen Feuer, das Gladstone vorwärts trieb. Kein Wort ließ Asquith verlauten, das auch nur entfernt an die tiefe Entrüstung erinnerte, mit der jener 1890 erklärte: „Kein Ire hat nötig, dem Unions-Gesetze moralische Autorität zuzugestehen ... Nach meiner Meinung hat der Engländer viel mehr Ursache, wegen der Mittel zu erröten, wodurch jenes Gesetz erreicht wurde.“

[S. 352]

8. Gleichgültigkeit der Regierung und des Parlamentes.

Wer auf die erbitterten Home Rule-Kämpfe jener Zeit zurückblickte, erhielt im Jahre 1912 von der Gleichgültigkeit der öffentlichen Meinung und des Parlamentes in England einen merkwürdigen Eindruck. Das neue Gesetz, das rückgängig machen sollte, was ein Cromwell vorübergehend und ein Pitt dauernd durchgesetzt hatte, ein Gesetz jedenfalls, das für die Zukunft nicht nur Irlands, sondern auch des britischen Reiches von entscheidender Bedeutung war, wurde im Unterhause vor beinahe leeren Bänken verhandelt. Noch dazu peitschte die Regierung es mit ungewöhnlicher Schnelligkeit durch, da sie oft Dutzende wichtiger Paragraphen ohne nähere Begründung durch Anwendung des Zwangsschlusses der Debatte genehmigen ließ —, so daß sich ein zur Knebelung der irischen Obstruktion beschlossenes Gesetz in seltsamer Weise zu Irlands Gunsten wandte. Dennoch mußten die Einpeitscher der Parteien selbst für die Abstimmungen alle Kräfte aufwenden, um die Abgeordneten ins Parlament und dort in den Sitzungssaal zu bringen.

War das Interesse innerhalb des Parlamentes so gering, so nimmt es nicht wunder, daß die große Oeffentlichkeit der 3. Home Rule-Vorlage ebenfalls keine besondere Teilnahme schenkte. Es war die Zeit des Balkankrieges und des Tripoliskrieges, und man unterhielt sich lieber über die Kriegsdepeschen, auch wenn man die Gegenden nicht kannte, in denen der Kampf tobte.

Während es Gladstone für seine Pflicht gehalten hatte, die Home Rule-Vorlage mit wohldurchdachten großen Reden einzubringen, die weite staatsmännische Ausblicke eröffneten, gab sich die Regierung diesmal solche Mühe nicht — konnte sie sich auch nicht geben, da es ihr an hervorragenden geistigen Kräften gebrach; Advokaten-Schlauheit ist ein schlechter Ersatz für staatsmännische Tiefe und Gründlichkeit. Infolgedessen machte das Ganze einen müden, schleppenden Eindruck.

[S. 353]

Am 11. April 1912 wurde die Vorlage — sie führte den Titel „Gesetz über die Regierung Irlands“ — eingebracht. Man sah ihr an, daß sie das Ergebnis eines Handels war, der sich auf keinen bedeutenden Grundsatz aufbaute. Offenbar hatten die Minister nur gerade so viel zugestehen wollen, wie unbedingt nötig war, um die Iren zu gewinnen, während diese ihre Forderungen nach mancher Richtung eingeschränkt hatten, um dem Ministerium die Sache nicht zu verleiden, dadurch seinen Sturz herbeizuführen und dann wieder einmal garnichts zu erhalten.

Als der Ministerpräsident Asquith die Bill einbrachte, lag sie noch nicht im Drucke vor. Dennoch herrschte in den Wandelgängen nichts von jener atemlosen Spannung, die namentlich die erste Home Rule-Vorlage Gladstones zu einem der größtes Ereignisse der englischen Parlamentsgeschichte gemacht hatte. Ueberall bemerkte man eine gewisse Enttäuschung. Die Liberalen glaubten, der Premierminister sei den irischen Nationalisten zu weit entgegengekommen; die Konservativen erklärten sich mit den von der Regierung gebotenen „Garantieen für Ulster“ nicht zufrieden; die Nationalisten betrachteten die Vorlage als das Mindestmaß dessen, was sie fordern müßten; und wenn auch Redmond feierlich erklärte, seine Partei werde sich zufrieden geben, so wußte man doch nicht recht, ob die große Menge des irischen Volkes diesen Standpunkt teilen und nicht doch vielleicht die irischen Abgeordneten zwingen würde, mehr zu verlangen.

Asquith war bei seiner Einführungsrede offenbar innerlich nicht wohl zumute. Wiederholt knitterte er das Blatt, von dem er seine Stichworte ablas, nervös zusammen. Am günstigsten nahm man den ersten Teil seiner Rede auf, in welchem er die Gründe entwickelte, die ihn zu der Vorlage bestimmt hatten. Das Parlament in Westminster sei so mit Arbeiten überlastet, daß es immer unmöglicher werde, [S. 354]die Programme zur Ausführung zu bringen, die eine Regierung ihren Wählern verspreche. Sogar die Herbeiführung des Zwangsschlusses der Debatte (die sogenannte Guillotine) genüge nicht mehr, dieser Schwierigkeit Herr zu werden. Auch könne man in einem Reichsparlamente nicht genügend Rücksicht auf die Wünsche und Verhältnisse der einzelnen Landesteile nehmen. Deshalb sei es notwendig, diesen einzelnen Teilen des Reiches die Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten bis zu einem gewisses Grade zu überlassen. Jetzt wolle man mit Irland den Anfang machen — dann sollten andere Teile, zunächst Schottland, dann Wales, vermutlich auch England an die Reihe kommen. Jeder sollte sein eigenes Parlament erhalten, so daß dem Reichsparlamente nur diejenigen Angelegenheiten vorbehalten blieben, die wirklich das ganze Reich angingen.

Die Regierung griff also den Gedanken der Dezentralisation auf, der schon mehrfach (beispielsweise von Lord Rosebery) vertreten war und der tatsächlich dem Verhältnis der großen Selbstverwaltungskolonieen (Kanada, Australien, Südafrika) zu dem britischen Reiche zu Grunde lag.

Früher war gegen solche Pläne der Einwand erhoben worden: man triebe damit einen Keil in den Bau des Reiches, so daß man es namentlich für den Kriegsfall einer neuen Gefahr aussetze. Auf die Staatstreue gerade der Iren sei nicht zu rechnen. Endlich werde die Verwaltung durch die Dezentralisation nicht billiger, sondern sehr viel teurer. Indessen waren diese Einwände zum Teil durch die glänzende Entwickelung der drei großen Kolonieen widerlegt, so daß das Schlagwort „Selbstverwaltung allenthalben“ (Home Rule all round) unbestreitbare Zugkraft besaß.

Nur schien es nicht gerade, als ob es Asquith und seiner Regierung mit der ganzen Sache ernst sei. Er erörterte den Gedanken zwar in seiner Einleitungsrede, stellte ihn jedoch nicht als Grundsatz der ganzen Vorlage hin. Wollte er dies tun, so hätte [S. 355]sich unmittelbar die Frage ergeben, weshalb das Ministerium nicht sogleich mit einem großzügigen Plane hervortrat, der die für alle Landesteile geplante Eigenverwaltung grundsätzlich für sie alle festlegte. Dann hätten sich Parlament und öffentliche Meinung über die Frage der Dezentralisation oder der „Devolution“, wie man sie auch nannte, im ganzen schlüssig machen können, und die Gewährung der Selbstverwaltung für Irland hätte nicht den unerwünschten Anstrich einer Sondermaßnahme getragen.

9. Die Grundlinien des Planes.

An sich war es kein so schrecklicher Gedanke, Irland in allen innerpolitischen Fragen einen Landtag zu gewähren, der sich mit Landwirtschaft und Industrie, Handel und Arbeiterfragen, Steuern und Unterricht, Verkehrs- und Polizeiwesen beschäftigen sollte, während nicht nur die Fragen der auswärtigen Politik, sondern weiter alle übrigen allgemeinen Angelegenheiten, die auch andere Teile des britischen Reiches betreffen konnten, im Reichsparlamente zu verhandeln wären. Diese Arbeitsteilung besteht in manchen Ländern schon seit langem — in Deutschland seit Gründung des Deutschen Reiches oder vielmehr des Norddeutschen Bundes, in der Schweiz, solange die Eidgenossenschaft besteht, in den Vereinigten Staaten seit Gründung der dortigen Union. Aehnliches sollte das britische Reich nicht tun können?

Die Oberhoheit des englischen Parlamentes war in der 1. Home Rule-Vorlage (1886) nur nebenhin unter der Abteilung „Verschiedene Bestimmungen“ ausgesprochen, während der Entwurf zu der 2. Vorlage (1893) sowohl in den Einleitungsworten wie in dem zweiten Artikel mit Nachdruck betonte, daß „die höchste Gewalt und Autorität des Parlamentes des Vereinigten Königreichs unberührt und ungemindert fortbestehen“ solle.

Nach der 3. Vorlage sollte der aus 40 Mitgliedern bestehende irische Senat das erste Mal von der Reichsregierung [S. 356]auf eine bestimmte Anzahl von Jahren ernannt, dann in gewissen Abständen durch Wahlen der Hochbesteuerten erneuert werden. Die zweite Kammer, die wie die erste auf je 6 Jahre gewählt werden soll, besteht — so wollte es der Entwurf — aus 164 Mitgliedern, von denen 59 auf Ulster kommen. Zudem sollen für den Schutz der religiösen Gleichberechtigung, also der protestantischen Teile Ulsters, besondere Bestimmungen getroffen werden. Als Spitze der Regierung gilt der Statthalter, der sein Veto gegen jedes von den Kammern beschlossene Gesetz einlegen oder dessen Geltung aufschieben kann. Lehnt er einen Beschluß der gesetzgebenden Versammlung einmal ab, so kann sie ihn wiederholen. Er kommt dann vor die Vereinigung beider Kammern; wird er auch hier genehmigt, so kann der Vizekönig Berufung an den Kronrat in London einlegen, dem die endgültige Entscheidung zusteht. Beide Kammern dürfen nur über irische Fragen beschließen, nicht über Krieg und Frieden, auswärtige Politik, Münzwesen, Handel, Religion und persönliche Freiheit.

Die Steuerfragen sollen dem irischen Parlamente nur insofern unterstehen, als es die Reichssteuern in gewissem Umfange herabsetzen oder aufheben und die Verbrauchssteuern ändern könne. Bis zur Beseitigung des bei Einbringung der Vorlage herrschenden Fehlbetrages von 1½ Millionen £ soll das Reichsschatzamt die Steuern einziehen und die irischen Verwaltungskosten bestreiten.

Weit gingen also die geplanten Zugeständnisse in keiner Beziehung.

10. Ermunternde Haltung der Kolonieen.

War die Regierung nicht gerade mit Begeisterung an die Einbringung der Vorlage herangetreten, so erlebte sie nun eine Ueberraschung: während sich die öffentliche Meinung in England unter den Konservativen scharf dagegen [S. 357]aussprach, unter den Liberalen mehr oder weniger lau dafür, klang aus den großen Selbstverwaltungs-Kolonieen ohne Unterschied ein herzliches Echo der Zustimmung herüber. Nur zum Teil war dies aus der Tatsache erklärlich, daß zahlreiche Iren dort in der Politik Macht und Einfluß, nicht selten hohe Stellungen gewonnen hatten. Aber auch soweit die öffentliche Meinung mit solchen Kreisen in gar keiner Verbindung stand, erschien ihr der Wunsch der Iren nach Selbstregierung als durchaus berechtigt. Waren die Kolonieen doch früher selbst ganz vom englischen Parlamente abhängig gewesen, während ihnen später entweder schrittweise oder mit einem Sprunge das Recht, im eigenen Hause selbst zu bestimmen, eingeräumt worden war.

Die Regierungs-Vorlage schloß sich — bewußt oder unbewußt — dem Vorbilde der Verfassungen der 3 großen Kolonieen an — nur mit dem Unterschiede, daß dem Home Rule-Gesetze eine große Zahl einschränkender Paragraphen hinzugefügt wurde, um England gegen alle nur irgendwie zu befürchtenden Selbständigkeitsgelüste der Iren zu sichern. Eine finanzielle Unselbständigkeit, wie diese Vorlage sie Irland bot, hatte man von keiner Kolonie, der die Selbstregierung gewährt wurde, zu fordern gewagt. Ebensowenig waren diesen Kolonieen die Polizei- und Steuererhebungs-Rechte vorenthalten. Nicht eines jener Kolonialparlamente hätte sich damit zufrieden gegeben, seine Gesetze schon vor ihrer Beschlußfassung, oder nachdem sie beschlossen waren, nicht nur durch das Veto des Statthalters für null und nichtig erklären, sondern auch noch durch beliebiges Eingreifen des britischen Parlamentes in den Papierkorb werfen zu lassen. Gewiß waren auch den kolonialen Selbstregierungen in der ersten Zeit mannigfache Beschränkungen auferlegt. Allein im Laufe der Zeit waren sie sämtlich beseitigt worden. Was Irland jetzt erhalten sollte, war mithin [S. 358]außerordentlich bescheiden. Die Führer der öffentlichen Meinung in den großen Selbstverwaltungs-Kolonieen erklärten sich daher einschließlich der leitenden Staatsmänner warm für die Vorlage.

Lord Morley, der vor einem Menschenalter, noch ehe Gladstone seinen Home Rule-Plan vorbrachte, für die Umgestaltung der irischen Verfassung den „kolonialen Typus“ vorgeschlagen, erlebte nun die Genugtuung, daß seine Gedanken von neuem aufgegriffen wurden. Morley hatte damals mit richtigem Blicke betont: Irland sei bisher in der Art einer Kronkolonie, also diktatorisch regiert worden —, fortan solle es nach Art eines Dominiums, also durch eine verantwortliche Regierung, regiert werden.

Von den Kolonieen wurden seine Gedanken eifrig unterstützt. Für sie handelte es sich keineswegs nur um die irische Verfassungsfrage, sondern weit mehr um eine Anerkennung, ein Lob der eigenen Verfassungen. Es schmeichelte dem Selbstbewußtsein der Kolonieen, daß sie bereits eine Verfassung besaßen, um die ein Teil des Vereinigten Königreiches noch kämpfen mußte. Die regierenden Kreise jedes Landes halten in der Regel die eigene Verfassung für unübertrefflich, und ganz ehrlich pflegen sie zu glauben, anderen Ländern könne kein größerer Gefallen geschehen, als indem man diese Verfassung auf sie übertrage. In den britischen Selbstverwaltungs-Kolonieen war man überzeugt, daß die „demokratische Idee“, von der man dort so viel und gern spricht, in der eigenen Verfassung eine unübertreffliche Verkörperung gefunden habe und daß es kein besseres Muster für das bisher infolge der Unzulänglichkeit seiner Regierung dauernd mißvergnügte Irland gebe als ihr eigenen Staatsrecht.

So war also dem Gedanken der parlamentarischen Selbständigkeit Irlands eine gewichtige Bundesgenossenschaft in den imperialistischen Home Rulers [S. 359]erwachsen, die auf Regierung und öffentliche Meinung in England kräftig einzuwirken suchten. „Home Rule allround“ wurde ebenso wie „Imperial Federation beginning at home“ ein beliebtes Schlagwort. In der Dezentralisation sah die öffentliche Meinung der Kolonieen keineswegs ein Zeichen der Schwäche oder gar den Beginn der Auflösung, vielmehr den Anfang eines engeren Zusammenschlusses.

Wie allerdings ein Reichsparlament gebildet werden könnte, in welchem alle Teile des britischen Reiches, die Selbstregierung besitzen, nicht nur gemeinschaftliche Probleme beraten und ihre Wünsche äußern, sondern auch zu gemeinsamen Ausgaben herangezogen werden müßten — dieses Problem wurde noch nicht gelöst. Trotz mannigfacher Erörterung erwies es sich als so spröde, daß die Regierung auf den Kolonial-Konferenzen, die sie verschiedentlich abhielt, (1887, 1897, 1902, 1907 u. s. w.) und die sich zu Reichskonferenzen auswachsen sollten, die Frage nur mit größter Zurückhaltung berührte. Denn so gern die „Schwesternationen“, wie sich die Kolonieen gern nennen hören, die Selbstverwaltung als Recht entgegengenommen hatten, so wenig drängten sie sich danach, dauernd in einem Reichsparlamente in London vertreten zu sein, weil damit außer einer Einengung ihrer Freiheit auch eine Besteuerung zu Reichszwecken verbunden sein mußte.

Den „imperialistischen Home Rulers“ traten die „konservativen Home Rulers“ entgegen, die sich aus Anhängern der Union zusammensetzten — von der äußersten Rechten bis zu dem Flügel der liberalen Partei, der Lord Rosebery nahe stand. Sie wollten die britischen Kolonial-Verfassungen nur in einem früheren Entwickelungsstadium als Vorbild für die zu schaffende irische Verfassung anerkennen und empfahlen eine Regelung nach dem Muster des Gesetzes von 1867, das anstelle des Bundes zwischen Ober- und Nieder-Kanada [S. 360]die bundesstaatliche Union der 7 kanadischen Provinzen gesetzt hatte, durch die jede von ihnen für ihre örtlichen Angelegenheiten gesetzgeberische Vollmachten erhielt, unter der Voraussetzung jedoch, daß für alle gemeinschaftlichen Fragen das damals ins Leben gerufene kanadische Parlament maßgebend sein sollte. Nicht also das Verhältnis Kanadas zu England wollten sie als Vorbild gelten lassen, sondern das Ontarios, Quebecs usw. zu Kanada.

Fanden sich mithin selbst in der konservativen Partei Anhänger einer wenn auch höchst bescheidenen Home Rule, so mochte man wohl nach dem Grunde der Sinnesänderung forschen. Er lag in dem Wunsche, die irische Wählerschaft zu gewinnen, von der man annahm, daß ihre politische Richtung an sich weit eher der konservativen als der liberalen Richtung zuneige. Andererseits mußte dann mit der Gefahr gerechnet werden, daß die englischen Hochkirchler über dieses Entgegenkommen der Konservativen erbittert sein würden, und mehr noch die Ulster-Leute.

Es war daher keine starke Gruppe, die sich unter den Konservativen für die Home Rule-Frage erklärte. Die Mehrzahl der Partei blieb feindlich und bekämpfte die Vorlage — wenn auch mit wenig Begeisterung, da die Regierung sich auf kein Wortgefecht einließ, vielmehr nur ganz nüchterne Erklärungen abgab, da sie selbst offensichtlich mit dem Herzen nicht bei der Sache war.

11. Die Vorlage geht ins Oberhaus.

Am 10. Mai 1912 kam es im Unterhause zur 2. Lesung. 372 Stimmen erklärten sich für, 271 gegen die Vorlage. Die Mehrheit betrug also 101 Stimmen, worüber die irischen Nationalisten nebst einem halben Dutzend englischer Radikaler, an der Spitze Sir William Byles, die Taschentücher oder ihre Tagesordnung schwenkend, ein Siegesgeschrei erhoben, das sich [S. 361]bis auf die Straße fortpflanzte und in Huldigungen für Asquith und Redmond gipfelte.

Am 27. Mai 1912 fand die 3. Lesung statt. Sie ergab zwar nur eine Mehrheit von 77 Stimmen (351 gegen 274), aber doch die unzweifelhafte Annahme der Vorlage.

Kurz vor 5 Uhr wurde das Ergebnis der Abstimmung bekannt. Bereits ½ Stunde später trug Sir Courtenay Ilbert, der Clerk des Unterhauses, mit der historischen Perücke und der schwarzen Robe seines Amtes geschmückt, das Gesetz durch die Wandelhalle in die eichengetäfelte Mittelhalle, durch die mit Gemälden geschmückte Galerie und, die großen Messinggitter durchschreitend, in das Haus der Lords. Unter der kleinen Gruppe Abgeordneter, die den Geschäftsträger des Unterhauses auf seinem Gange zum Oberhause begleiteten, befand sich auch der Sohn Gladstones, den man von vielen Seiten beglückwünschte.

Auf allen Seiten waren diese Männer alsbald von glückstrahlenden Nationalisten umgeben. Als der Zug mit seinem Gefolge in der geräumigen, hohen Mittelhalle erschien, wartete dort eine aufgeregte Menge von Iren, die ihn mit Jubelgeschrei empfingen, die Hüte in die Luft warfen, ein Hoch nach dem anderen ausbrachten, das bis in den stillen Sitzungssaal der Lords hineinschallte, und sich von der Polizei kaum so weit zurückdrängen ließen, daß ein schmaler Gang frei blieb.

Als wenige Minuten später die kleine Prozession zurückkehrte, rief ein nationalistischer Abgeordneter den anwesenden Iren zu: „Nun ist alles in Ordnung! Wir haben gesehen, daß das Gesetz richtig dort abgeliefert ist.“ Von neuem erhob sich das Beifallsrufen. Bevor die Menge sich zerstreute, sang sie die beiden irischen Nationallieder: „God save Ireland“ und „A Nation once again.“

*

[S. 362]

Glaubten die Iren sicher, nun endlich Home Rule zu erhalten, so sollten sie sich bitter täuschen. Allzu bestimmt rechneten sie damit, daß zwar das Oberhaus die Vorlage verwerfen, dann aber das Unterhaus nach der durch das neue Verfassungsgesetz vorgeschriebenen zweijährigen Frist seinen Beschluß wiederholen und dadurch zum Gesetz machen würde.

Es sollte ganz anders kommen.

Zwar das Oberhaus täuschte die Voraussage nicht. Nach viertägiger Erörterung lehnte es am 30. Januar 1913 gegen Mitternacht die Vorlage in 2. Lesung mit 326 gegen 69 Stimmen ab, also mit der gewaltigen Mehrheit von 257 Stimmen. Die Erörterung bewegte sich auf anerkennenswerter Höhe.

Daß die Ablehnung unvermeidlich war, wußte man. Es fragte sich nur, was weiter geschehen würde. Jetzt hatte abermals die liberale Regierung das Wort. Drei Dinge waren möglich: entweder die Regierung stürzte vor Ablauf der beiden Jahre, die verstreichen mußten, bis die Vorlage abermals beschlossen werden konnte; dann war Home Rule von neuem begraben, da nicht daran zu denken war, daß eine konservative Regierung die Vorlage wiederholt hätte. Oder die liberale Regierung ließ sich inzwischen in ihrem Entschlusse wankend machen, so daß sie das Gesetz nicht nochmals einbrachte. Oder endlich die Regierung erfüllte ehrlich die Verpflichtung, die sie bei Abschluß des Kartells mit den irischen Nationalisten gegeben hatte, bestand also darauf, daß Home Rule Gesetz wurde.

12. Die Ulster-Leute.

Für die Gegner der irischen Selbstregierung kam also alles darauf an, entweder die Regierung zu stürzen, oder sie in ihrem Entschlusse wankend zu machen. Dieses Ziel verfolgten nun die Ulster-Leute. Mit allen Mitteln der gesetzlichen wie der ungesetzlichen Agitation, [S. 363]der Einschüchterung und des Bluffs suchten sie der Regierung und der öffentlichen Meinung zu beweisen, daß sie sich niemals damit einverstanden erklären würden, ihre Angelegenheiten in einem überwiegend katholischen Parlamente in Irland beraten, sie also dem protestantisch gesinnten Parlamente in Westminster entziehen zu lassen.

Die übelste Seite der irischen Frage trat damit scharf hervor. Im 18. Jahrhundert hatten sich Protestanten und Katholiken auf der grünen Insel trotz den furchtbaren Strafgesetzen allmählich mit einander befreundet. Nach der Union war dies anders geworden. Die Schuld daran gebührte nicht sowohl den irischen Katholiken als der englischen Regierung. Absichtlich nährte sie jeden Zwiespalt in Irland, und war kein solcher vorhanden, so warf sie zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen die englische „Kolonie“ und die Alt-Iren einen neuen Streitapfel. Das Schüren des Hasses zwischen beiden Gruppen wurde ihr ein Mittel, die Union aufrecht zu erhalten. Was sollte sie beginnen, wenn sich die irischen Protestanten ebenso heftig gegen die Union erklärten wie die Katholiken? Unter O’Connell gewann es vorübergehend fast den Anschein, als ob es diesem hervorragenden Agitator gelingen würde, auch die Protestanten für den Widerruf zu gewinnen. Unmöglich war dies sicherlich nicht, wie die heftige Englandfeindschaft gezeigt hatte, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Provinz Ulster herrschte und die zahlreiche Iren dort nach Amerika und in das Revolutionsheer trieb. Aehnliches mit allen Mitteln zu verhindern, war die Regierung im 19. Jahrhunderte entschlossen.

Und in der Tat: sie hat diese Aufgabe gelöst. So wenig sie vermochte, — soweit sie dies überhaupt erstrebte — das irische Volk zu versöhnen, so glänzend verstand sie es nun, eine Saat des Hasses auszustreuen, die gleich den Drachenzähnen der hellenischen [S. 364]Sage aufging. Wohl sitzen Protestanten und Katholiken, Nachkömmlinge von Engländern und von Iren, in den Gemeinderäten der irischen Landstädte; wohl arbeiten beide Bevölkerungsgruppen in den Kaufmannshäusern zu Dublin und auf den Werften zu Belfast. Aber zwischen beiden zieht sich meist eine scharfe Trennungslinie hin: sie heiraten nicht untereinander, wie dies ihre Vorfahren taten, sie schließen sich nicht denselben Vereinen an, sie feiern nicht dieselben nationalen Feste, und sie treten sich in großen politischen Fragen scharf entgegen.

Die größere Unduldsamkeit dabei — dies geben auch Anhänger der Union und Gegner des irischen Nationalismus zu⁠[89] — liegt auf Seiten der Protestanten.

Nun weist die Provinz Ulster durchaus nicht nur Protestanten und nicht nur Unionisten auf. Vielmehr entsandte sie von den dortigen 33 Wahlkreisen bei der letzten Wahl zwar 17 konservative Abgeordnete, dagegen 15 nationalistische und einen liberalen. Auch die Stimmenzahl ergibt nicht, daß die überwiegende Mehrheit der Home Rule feindlich wäre: es stimmten

Mithin stimmten gegen Home Rule 42693, für Home Rule 39098. Die Mehrheit dagegen ist demnach in Ulster recht gering. Dennoch verstanden es die Unionisten, die sich gern als Ulster-Leute bezeichnen, durch unablässigen Lärm den Eindruck zu erwecken, als sei die ganze Provinz der Selbstregierung feindlich. Sie haben den Rat nicht vergessen, den ihnen Lord Salisbury gab: „Agitieren Sie! Agitieren Sie! Heutzutage erhält man nichts außer durch Agitation.“

Albert-Denkmal, Belfast.

Nicht einmal davor scheute die Regierung zurück, den Ulster-Leuten den offenen Rat zu geben — wie [S. 365]dies Joseph Chamberlain tat — Gewalt zu brauchen, wenn sich damit zum Ziele kommen lasse. Kein Wunder, daß die Ansprüche dieser Gruppe alsbald ins Ungemessene stiegen und ihr Land arg schädigten.

Wehe auch dem Minister, der sich ihnen zu widersetzen wagte! Sowohl Gerald Balfour wie sein Nachfolger George Wyndham mußten (1900 bez. 1905) das Amt des irisches Staatssekretärs niederlegen, weil die Ulster-Leute sie infolge einiger den Nationalisten gemachter Zugeständnisse wütend angriffen. Ebenso veranlaßten sie (1900) den Sturz Sir Horace Plunketts, eines Mannes, der sich wie selten einer Verdienste um Irland erworben hatte.

*

Hauptrufer im Streit war seit 1912 Sir Edward Carson. Gern ließ er sich den „General“ oder — höchst ungerechtfertigter Weise — den „ungekrönten König von Irland“ nennen; höchstens könnte man ihn den von Ulster nennen. Seit die ersten Anzeichen für die Absicht der Regierung, wiederum eine Home Rule-Vorlage einzubringen, sichtbar wurden, ließ er nicht ab, in Nord-Irland seine englisch-protestantischen Anhänger zu schärfstem Widerstande aufzurufen.

Der erste Zusammenstoß drohte, als der Marine-Minister Winston Churchill gemeinschaftlich mit Redmond die Ulster-Halle in Belfast für den 8. Februar 1912 mietete, um eine große Versammlung zu Gunsten der Vorlage abzuhalten, die das Ministerium Asquith in der wenige Tage darauf (14. Februar) beginnenden Parlamentssession einzubringen beabsichtigte. Churchill hatte zwar noch 8 Jahre vorher, als die konservative Partei am Ruder war und er selbst sich konservativ gebärdete, jeden Home Rule-Plan für „abscheulich“ erklärt. Mittlerweile jedoch war die Lenkung des Staates von den Konservativen an die Liberalen übergegangen, und Churchill hatte es klüger gefunden, [S. 366]ebenfalls liberal zu werden, so daß er einen Ministersessel erhalten konnte. Jetzt fand er Home Rule nicht mehr abscheulich, war vielmehr bereit, gemeinschaftlich mit Redmond, dem Führer der irischen Nationalisten, in Belfast vor einer großen Menge zu Gunsten der Vorlage zu sprechen.

Allein er konnte seine Absicht nicht ausführen. Die Ulster-Leute mieteten die Ulster-Halle für den 7. Februar, den Tag vor der geplanten Versammlung, und wollten 4000 entschlossene Männer in die Halle legen, mit dem Auftrage, sie nicht zu räumen. Zudem beabsichtigten sie, außerhalb des Gebäudes alle Zugangsstraßen anzufüllen und Churchill und Redmond den Zutritt zu dem Gebäude zu verwehren.

Nun ist Belfast keineswegs eine ganz protestantische Stadt; vielmehr umfaßt es eine nicht ganz unbedeutende katholische Minderheit. Auch war aus den mittleren und südlichen Grafschaften für den Tag der Versammlung damit zu rechnen, daß viele Tausende von Nationalisten sich nach Belfast auf den Weg machen würden. Es war daher nicht abzusehen, was geschehen konnte — so daß Redmond und Churchill sich klugerweise entschlossen, auf Abhaltung der Versammlung in der Ulsterhalle zu verzichten, sie statt dessen vielmehr in der wesentlich kleineren Rollschuhhalle abzuhalten, die im katholischen Stadtviertel liegt.

13. Paraden und Bluff.

Nach Einbringung der Vorlage ging Carson noch schärfer vor. Er hielt in verschiedenen Städten regelrechte Truppenschau über seine Parteigenossen ab, die in militärischer Ordnung an ihm vorbeimarschierten, mit Waffen und Geschützen, die allerdings nicht echt waren, sich im Notfalle aber wohl durch wirkliche ersetzen ließen. Die Gewehre des Fußvolkes bestanden nur aus hölzernen Teilen, auch die mächtigen Geschütze waren aus [S. 367]Holz, ebenso sahen die Lanzen der Reiter mit ihren Fähnchen nicht sehr blutdürstig aus.

Indessen wußte man, daß Carson bestrebt war, auch wirkliche Waffen anzusammeln. Die Regierung erschwerte ihm dies scheinbar; allein die Aufmerksamkeit der Patrouillenboote war nicht immer gleichmäßig stark, und so gelang es den Ulster-Freiwilligen, einen nicht unbedeutenden Waffenvorrat anzusammeln. Daß sie es unter Umständen bis zum äußersten kommen lassen wollten, mußte auch daraus geschlossen werden, daß bei ihren Paraden eine stattliche Abteilung von Krankenwärterinnen mitmarschierte. Zudem empfahl Carson in seinen Reden den Anhängern der Regierung, sich von der Anschauung frei zu machen, das Verhalten der Ulster-Leute sei nur ein Bluff; er erinnerte an die Geschichte des amerikanischen Revolutionskrieges und betonte, der amerikanische Botschafter Whitelaw Reid habe erst kürzlich wieder erklärt, daß gerade die Nord-Irländer ihr Blut am reichlichsten für die amerikanische Freiheit vergossen hätten.

Dennoch glauben Sachkenner, die Ulster-Agitation sei nichts als ein Bluff gewesen. So meinte Sir Roger Casement: „Den Bluff des ‚Ulster-Aufstandes‘ hat kein irischer Schulknabe ernst genommen; dagegen machte er auf die europäischen Staatsmänner und Diplomaten einen tiefen Eindruck. Sir Edward Carson als Führer der ‚Ulster-Aufständischen‘ hat der englischen Politik auf dem Festlande meist mehr gedient, als er als englischer Generalstaatsanwalt der Sache des Gesetzes und der Ordnung zu Hause hätte dienen können.

„Es lag im Interesse der englischen Zwecke, daß Sir Edward Carson und die ihm untergeordneten ‚Generäle‘ als die Vorkämpfer eines religiösen Krieges — eines englischen Dreißigjährigen Krieges — angesehen werden sollten. Daß europäische Diplomaten in der englischen Hauptstadt ihren eigenen Regierungen die Mitteilung gemacht [S. 368]haben sollen, daß die Ulster-Gewehre das britische Reich noch zu Grunde richten würden, ist ein Beweis dafür, daß europäische Diplomaten noch viel zu lernen haben, ehe sie in London akkreditiert werden sollten. Sie sollten ihre Lehrjahre in Dublin verbringen.“⁠[90]⁠

Keineswegs um religiöse Bedenken handelte es sich für die Ulster-Leute, sondern um ihre politische Vormachtstellung. Daß sie von einem irischen Parlamente, obwohl es sich überwiegend aus Katholiken zusammensetzen würde, Maßnahmen der Unduldsamkeit nicht zu befürchten haben, ist nach der vornehmen Haltung gegen Andersgläubige, die von den Iren stets bewiesen wurde, über jeden Zweifel erhaben. Was die Ulster-Leute wollen, ist vielmehr nichts anderes, als ihre bevorzugte Stellung bewahren. Seit Menschenaltern spielen sie die Rolle des verzogenen, anspruchsvollen Kindes, das durch entsprechendes Geschrei immer wieder dafür zu sorgen weiß, daß seine Wünsche denen seiner zahlreichen Geschwister voraufgehen. Diese Rolle würde mit dem Augenblicke, da die Geschicke Irlands nicht mehr in Westminster, sondern in Dublin beraten werden, ein Ende nehmen.

Mißt man sie an ihren politischen Leistungen, so können die Ulster-Leute jedenfalls nicht den Anspruch erheben, irgendwelchen staatsmännischen Weitblick zu bekunden oder durch ihre Forderungen Irlands Bestes zu vertreten. Gegen ihren Widerstand mußte 1869 die Entstaatlichung der anglikanischen Kirche für Irland beschlossen werden. Gegen ihr Geschrei wurden 4 Jahrzehnte später die Gesetze über Einführung des Schulzwanges und Gründung einer katholischen Universität beschlossen. Gegen ihre Warnungen ging das Landgesetz des Jahres 1903 durch, die segensreichste Maßregel, die jemals von einer englischen Regierung für [S. 369]Irland beschlossen wurde. Stets sagten die Ulster-Leute die übelsten Folgen voraus, falls man über ihren Einspruch hinweg ginge — und stets hat sich ihre Prophezeiung als falsch erwiesen. Die Nationalisten dagegen sind trotz allen Fehlern, die sie zweifellos gemacht haben, viel zu klug und politisch viel zu weitblickend, als daß sie nicht, tritt ein irisches Parlament ins Leben, alles tun würden, um auch ihre protestantischen Landsleute zu begeisterten Vaterlandsfreunden zu machen. Voller tiefen Schmerzes über die innere Trennung der irischen Protestanten von den Katholiken, wünschen sie aufrichtig, es möge bald dazu kommen, daß die grüne Farbe, die dem echten Iren das Symbol seiner Insel ist, sich mit dem Orange, das die Ulster-Leute als politische Farbe verehren, vermählt: „Orange und Grün werden den Sieg davontragen“ (Orange and green will carry the day).

14. Meuternde Offiziere. Vergleichs-Verhandlungen.

Nachdem das Unterhaus die Annahme, das Oberhaus die Ablehnung der 3. Home Rule-Vorlage beschlossen hatte, verschwand die Frage aus der öffentlichen Erörterung nicht. Dafür sorgten schon die Ulster-Leute, deren Rüstungen das Ministerium entgegentrat, während sie erklärten, sie würden sich nicht stören lassen. Eine Anzahl englischer Offiziere in Irland gab bekannt, sie würden, falls es zur Anwendung von Waffengewalt gegen die Ulster-Bewegung käme, nicht mittun.

Die Regierung war dadurch in recht peinliche Lage versetzt. Ob die Ulster-Leute es wirklich so bitter ernst meinten, daß sie es auf einen bewaffneten Zusammenstoß ankommen lassen würden, war sehr zweifelhaft. Allein sie rasselten mit ihren Holzsäbeln wilder denn je, weil sie wußten, daß dies die Stellung der Home Rule-Gegner in England stärkte und die Aussichten der Vorlage schwächte.

[S. 370]

Schon begann man von einem Kompromiß zu sprechen: Ulster sollte aus dem Gesetze ausgenommen werden. Während also Irland die Selbstregierung zugestanden wurde, sollte Ulster innerhalb Irlands wiederum eine besondere Regierung erhalten. Logischerweise hätte dies erfordert, daß weiter innerhalb Ulsters diejenigen Grafschaften, die auf Seiten der Nationalisten standen, staatsrechtlich aus Ulster ausgeschlossen wurden; daß die Anzahl dieser Grafschaften nicht gering ist, wurde bereits erwähnt.

Eine solche Schraube ohne Ende — mit Ausnahmen und Gegenausnahmen und Unterausnahmen — durchzuführen oder auch nur vorzuschlagen, kann einem ernsthaften Staatsmanne nicht in den Sinn kommen. Auf solche Weise läßt sich nicht einmal das Nationalitäten-Problem in einem mehrsprachigen Lande lösen. Weitblickende Engländer erkannten dies sehr wohl. So machte der Lordkanzler Graf Loreburn, einer der wirklich liberalen und grundehrlichen Männer im Kabinett Asquith, Anfang September 1913 einen Vorschlag, um der schweren Gefahr der Lage die Spitze abzubrechen. Graf Loreburn fürchtete Aufruhr in Nord-Irland, wenn Home Rule Gesetz würde — und Aufruhr in Süd- und West-Irland, wenn es durchfiele. Deshalb schlug er eine geheime Beratung der Parteiführer vor, die den Versuch machen sollten, auf irgend einer Mittellinie zu einem gegenseitigen Einverständnisse zu gelangen.

Wie es schien, waren die Nationalisten nicht abgeneigt, darauf einzugehen, während die Unionisten jedes Home Rule-Gesetz für Irland grundsätzlich verwarfen und jeder Verfassungsänderung für ihre Insel widersprachen, falls sie nicht aus einer solchen für das ganze Vereinigte Königreich hervorginge.

[86] Jellinek. Band 2 S. 422.

[87] So meint z. B. Richard Beermann, einem englischen Gemeinplatze folgend, in seinem Buche: Irland. Berlin: Hyperion-Verlag, 1914.

[88] Chatterton-Hill wirft dem Kreise um Redmond Stellenjägerei vor (S. 147). Der gleiche Vorwurf wird auch von anderer Seite erhoben.

[89] Beispielsweise Plunkett. Höchst lehrreich sind seine Bemerkungen über die religiöse Unduldsamkeit der Ulster-Leute. Auch betont er (S. 63 f.), daß sie sich auf negative Maßnahmen beschränken.

[90] Sir Roger Casement S. 138.

Kapitel 9, Schlussvignette:   Stilisierte Blätter

[S. 371]

Kopfvignette,   florales Muster

10. Buch:
Nationale Wiedergeburt.

1. Die gaelische Bewegung. — 2. Die Extremen.

„Ein aus dem Kerker, in dem England es hielt, herausgelassenes Irland würde bald ein dichtbevölkerter Staat von vielleicht zehn bis zwölf Millionen Einwohnern werden, eine handelspolitische Geldanlage für ganz Europa von höchstem allgemeinem Werte, in einer einzigartigen Lage zwischen der alten und der neuen Welt, auch wahrscheinlich ein intellektuelles und moralisches Vermögen von nicht geringer Bedeutung.“

Sir Roger Casement: Gesammelte Schriften. S. 45.

1. Die gaelische Bewegung.

Mittlerweile hatten sich in Irland — zum Teil unter der sichtbaren Oberfläche des öffentlichen Lebens — bedeutsame Umwälzungen vollzogen.

Was man wünscht, glaubt man gern. Deshalb huldigten die Engländer aller Parteien seit langem der Wahnvorstellung, Irland werde sich durch ein paar Zugeständnisse gewinnen, wie die Konservativen hofften, „Home Rule durch Freundlichkeit töten“ lassen. Ein paar irische Ueberläufer genügten ihnen, um zu glauben: das ganze feindliche Heer habe die Waffen gestreckt.

Allein dies war eine verhängnisvolle Täuschung. Irland befand sich im 20. Jahrhundert abermals auf dem Wege, trotz der Verweigerung der Selbstregierung, trotz der unablässig blutenden Wunde seiner Massenauswanderung, trotz dem bedenklichen Verluste geistiger Kräfte, die massenhaft günstigere Stellungen in England und Schottland, den Vereinigten Staaten und Kanada, [S. 372]Australien und anderen Ländern fanden, sich zu einer großen nationalen Kraftanstrengung zusammenzuraffen.

Ganz neu und für England eine höchst unliebsame Ueberraschung war es, daß diese nationale Wiedergeburt sich zunächst in nichtpolitischen Bahnen bewegte. Die irischen Parlamentarier allerdings haderten bitterlich untereinander, auch nachdem Parnell unter der Erde lag: die Antiparnelliten unter Justin Mac Carthy, später unter John Dillon, erklärten die Parnelliten unter John Redmond in Acht und Bann, ja, es bildete sich unter Healy noch eine dritte Gruppe, bis endlich im Jahre 1900 die „United Irish League“ die Einigkeit wiederherstellte. Zur selben Zeit entsprang dem Quell des irischen Volkstumes eine neue Bewegung, die ganz andere Wege einschlug und in kurzer Zeit bedeutend mehr leistete, als sie selbst für erreichbar gehalten hatte.

1893 trat Dr. Douglas Hyde, der Abkömmling einer alten protestantischen Familie in Roscommon, mit David Comyn, dem Priester O’Growney, John Mac Neill und O’Neill Russell zur Gründung eines Vereins zusammen, der sich die Erhaltung des irischen Volkstumes, vor allem die Pflege der irischen Sprache, zur Aufgabe setzte. Er nannte sich die „Gaelische Liga“ (Gaelic League) und umfaßte Katholiken und Protestanten, Nationalisten und Ulsterleute. Ueberzeugt, daß politische Mittel nicht zum Ziele führen, ja daß sie unter den gegebenen Umständen die Nation nur zerreißen könnten, wollte der Bund durch Wiederbelebung der irischen Sprache, Literatur und Kunst eine Verschmelzung von innen heraus anstreben und den Bewohnern der grünen Insel so den Weg zeigen, wie sie eine Nation bilden könnten, ohne sich politisch zu raufen.

Was die Gaelische Liga erreichte, ist bewundernswert. [S. 373]Aus kleinen Anfängen heraus brachte sie es auf mehr als 1000 Zweigvereine und machte ihre Grundaufgabe, die Pflege der irischen Sprache, den Herzen aller Iren teuer. Irische Sprachkurse finden heute in sämtlichen Teilen der grünen Insel nicht nur, sondern allenthalben statt, wo eine nennenswerte Zahl ihrer Söhne lebt: in London nimmt der irische Polizist daran teil, in den Großstädten der nordamerikanischen Union der irische Handlungsgehilfe, in Australien der landwirtschaftliche Tagelöhner, in Kanada die irische Lehrerin.

Alljährlich durchzieht nun am Tage des heiligen Patrick, dem 17. März, sämtliche Ortschaften Irlands und viele von Iren bewohnte Städte des Auslandes ein Festzug der Gaelischen Liga. In Dublin nimmt er besonders großartige Formen an. An der Spitze die Häupter der Bewegung, mit Fahnen und Abzeichen aller Art, dann Studenten und Priester, Kaufleute und Arbeiter, Frauen und Kinder — so schreitet der unabsehbare Zug gemessenen Schrittes unter den Klängen altirischer Weisen dahin. In allen katholischen Kirchen wird gepredigt, viele Wirtshäuser sind geschlossen, kein Geschäft ist geöffnet, es ist „Bankfeiertag.“

Der Bund richtet seine Anstrengungen im Westen der Insel, wo sich noch vieles von den alten Sitten und Bräuchen, vor allem das kostbare Gut der Sprache erhalten hat, darauf, daß nicht aus törichtem Nachahmungsstreben alles Englische und Großstädtische die altirischen Ueberlieferungen verdrängt — während er im Osten und Süden, wo möglich auch im Norden, bemüht ist, der nationalen Sprache, die dort bereits ausgestorben war, neue Anhänger zu werben. Als er ins Leben trat, gab es in Dublin nur etwa ein Dutzend Menschen, die Irisch sprechen konnten — heute sind es weit über 10000.

Wer die Geschäftsräume des Bundes (sein irischer Name lautet „Connradh na Gaedhilge“) in Dublin, O’Connell Street 24, betritt, woselbst irische Bücher, [S. 374]Zeitungen und Noten feilgehalten werden und das Hauptquartier sich befindet, erhält — ist er Engländer — dieselbe Antwort, die ihm nicht nur im Westen der Insel, sondern selbst in den Straßen ihrer Hauptstadt heute gar nicht selten entgegenschallt: „Hier wird nicht Englisch gesprochen!“ Auch für ihre schriftlichen Mitteilungen bedienen sich die Glieder des Bundes mit Vorliebe ihrer nationalen Sprache.

England antwortete wie üblich: mit einem beleidigten Gesicht, und mit Verboten. Die Postverwaltung verordnete: Briefe mit irischer Aufschrift seien nicht zu befördern. Wer seinen Namen irisch auf seinen Wagen, ja auch nur auf das Halsband seines Hundes schreiben ließ, wurde vom Staatsanwalt vor Gericht gezogen und in einigen Fällen tatsächlich eingesperrt.⁠[91]⁠

Als nun gar ein irischer Abgeordneter, O’Donnell, im Unterhause eine irische Rede begann, unterbrach ihn der Präsident mit der Bemerkung, im englischen Parlamente spreche man seit 600 Jahren nur englisch, und verbot ihm, irisch weiterzureden.

2. Die Extremen.

So führte auch diese Bewegung wie alles, was in Irland national ist, zu Reibungen und endlich zu offenen Kämpfen mit England. Die Gaelische Liga, ursprünglich unpolitisch nicht nur, sondern von dem festen Willen beseelt, sich nicht in die Strudel der Politik ziehen zu lassen, wurde namentlich seit Ausbruch des Weltkrieges, ganz besonders seit der grausamen Unterdrückung des Osteraufstandes 1916, von England selbst in das feindliche Fahrwasser hineingezwungen.

Auch mußte ihre Tätigkeit, dem Zwange der Dinge zufolge, ein unbedingtes Abrücken von England herbeiführen. Hatten die Führer der irischen Nation im 18. [S. 375]Jahrhunderte eine gewisse Gemeinsamkeit der Interessen beider Inseln betont, so konnte jetzt — immer wieder infolge der Union einerseits und des dünkelhaften Unverstandes John Bulls andererseits — davon nicht mehr die Rede sein. Denn nicht nur wirtschaftlich gerät Irland in der gewaltsamen Umarmung seines Nachbars von Kräften, nicht nur fließt ein unschätzbarer Teil seines Blutes unter diesem Drucke in andere Länder ab, vielmehr läuft es auch geistig und seelisch arge Gefahr. Ehemals zeichnete es sich durch seinen Wissensdurst, seine geistige Frische, den Schwung seines seelischen Lebens aus. Nun ihm jedoch seit Menschenaltern die stärksten Charaktere, die bedeutendsten Geisteskräfte, die begabtesten Menschen genommen werden, sieht es mit Schrecken eine seelische Verarmung herannahen, gegen die es sich mit Händen und Füßen sträubt. Es muß ein Ende haben mit dieser Auslese in falscher Richtung, die schrecklich dazu beiträgt, die Zurückbleibenden ohne Feuer, ohne Begeisterung, ohne Auftrieb zu lassen!

Nichts erscheint geeigneter, diesen bedrohlichen Vorgang zum Stillstand zu bringen, als die Wiederbelebung des altirischen Wesens in seinem weitesten Umfange. Deshalb schreibt die gaelische Bewegung keineswegs nur die Erinnerung an die parlamentarischen Führer des Landes im 18. und 19. Jahrhundert auf ihre Fahne, sondern die Pflege aller echtirischen Ueberlieferungen — bis weit in das Mittelalter und die Vorzeit hinein.

Wer sich aber hiermit, das heißt also doch auch mit irischer Geschichte, abgibt, kann nicht anders denn England grollen. Daher ist es wohl kein Zufall, daß die sogenannten Extremen — namentlich die Sinn Feiner, von denen noch die Rede sein wird — im 20. Jahrhunderte recht günstigen Boden fanden.

Ziel der Extremen ist es, die Regierung Irlands „gefährlich und unmöglich“ zu machen. [S. 376]Die britische Herrschaft besteht zu Unrecht — also fort mit ihr! Weshalb senden wir noch Abgeordnete nach Westminster? Laßt uns statt dessen eine National-Versammlung nach Dublin berufen! Warum wenden wir uns noch an englische Gerichte? Laßt uns eigene Schiedsgerichte einsetzen! Weshalb in aller Welt lassen sich Iren noch für das englische Heer anwerben? Laßt Albion seine Kriege allein ausfechten! So lange offener Aufruhr nicht möglich ist, wollen wir passiven Widerstand leisten! Folgen wir dem Beispiele, das Ungarn in seinem leidenschaftlichen und endlich siegreichen Kampfe gegen die österreichische Zwingherrschaft gab! Irland ist zu Tode erschöpft und stirbt unter der Hand Englands. Laßt uns endlich durch entschlossenes Zusammenhalten, wie und wo auch immer, die Kette brechen, die uns zu Sklaven macht!

*

Diese Steigerung der nationalen Abneigung machte sich auch im Parlamente bemerkbar. Obwohl Redmond der Regierung zu Gefallen sein wollte und auf seine Gefolgschaft einwirkte, ließ sie sich oft genug nicht im Zaume halten. Es fehlte nicht an erbitterten Ausfällen gegen England, an Kraftausdrücken, wie sie O’Connell gebraucht, an scharfen Spitzen, wie sie Parnell geschliffen hatte.

Und wahrlich: Die Iren hatten allen Grund zur Unzufriedenheit. Was sollten sie mit einer Scheinverfassung, die ihnen kein anderes Recht gab, als Reden zum Fenster hinaus zu halten? Nicht einmal für die Beratung ihres Staatshaushaltes nimmt sich das englische Parlament auch nur annähernd die erforderliche Zeit: 3–4 Tage jährlich müssen dafür genügen — von der mangelhaften Aufmerksamkeit des Hauses ganz zu schweigen!

Dabei werden der grünen Insel Steuersummen erpreßt, die ihre Leistungsfähigkeit weit übersteigen. [S. 377]Noch immer erhält der irische Statthalter das höchste Gehalt, das irgend ein Staat irgend einem Manne zahlt — ein weit höheres selbst, als die gewiß außerordentlich hoch bezahlten englischen Minister und Diplomaten beziehen. Nicht einen Penny Steuerherabsetzung konnte selbst Parnell, trotz seiner parlamentarischen Begabung, erzielen.

Zudem bleibt Irland wirtschaftlich dem Eigennutze und der Willkür Englands ausgeliefert. Eifersüchtig wacht dieses darüber, daß jede Verkehrsverbindung Irlands mit dem Auslande, die diesen Namen verdiente, unterbleibt. Butter, Milch und Eier kommen nach England billiger aus Dänemark, Rußland und Sibirien als aus der Nachbarinsel! Versucht aber eine fremde Reederei — wie 1913 die Hamburg–Amerika-Linie — eine Schiffahrtsverbindung mit Irland auch nur anzustreben: sofort ist die Regierung mit einem Verbot bei der Hand, das England von der Furcht befreit, es könne sich dem verachteten, armseligen „Paddy“ eine Hand entgegenstrecken, um ihn aus seiner wirtschaftlichen Knechtung zu befreien.

Schöne Zustände also, die so unmöglich dauern konnten.

[91] Paul-Dubois S. 409.

Kapitel 10,   Schlussvignette; Jugendstilmuster.

[S. 378]

Kopfvignette,   florales Muster

11. Buch:
Der Weltkrieg.

1. Der Ausbruch des Weltkrieges 1914. — 2. Sir Roger Casement. — 3. Das Scheitern der englischen Anwerbungen in Irland. — 4. Die Unabhängigkeits-Erklärung der amerikanischen Iren. — 5. Der Osteraufstand 1916. — 6. Gefangennahme und Hinrichtung Casements.

„Staatstreue ohne Freiheit bedeutet Verderbnis.“
(Loyalty without liberty means corruption.)

Grattan.

1. Der Ausbruch des Weltkrieges 1914.

1914 waren zwei Jahre abgelaufen, seit das Unterhaus die Home Rule-Vorlage in 3. Lesung annahm und sie ins Oberhaus sandte. Obwohl dieses seine Zustimmung verweigert hatte, mußte die Vorlage nun Gesetz werden, falls das Unterhaus auf seinem Willen bestand. Noch war ja das Ministerium Asquith am Ruder, hatte also die Macht, wenn es wollte, seinen Beschluß durchzusetzen.

Da brach der Weltkrieg aus. Für die Selbstregierungswünsche Irlands hatte er die bösesten Folgen. Was man den Iren nach den wiederholt gegebenen Zusagen im Frieden nicht hätte verweigern können, ohne sich offenen Wortbruches schuldig zu machen, ließ sich nun, im Kriege, unter allerhand Ausflüchten doch wieder hinausschieben.

Am liebsten hätten die Konservativen und ein großer Teil der Liberalen, auch wenn letztere dies nicht [S. 379]offen zugestanden, es gesehen, fiel die ganze Vorlage unter den Tisch. Allein dies konnte, selbst unter stärkster Betonung der Kriegslage, nicht geschehen, ohne die Iren von neuem zu erbittern. Dies aber mußten die Engländer aus einem sehr triftigen Grunde vermeiden: sie hofften, die Menschenkraft der Nachbarinsel vor den eigenen Wagen spannen zu können. Zwei Jahrhunderte lang hatten die Iren dem englischen Heere die besten Soldaten geliefert. Zahlreiche Schlachten, die den Ruhm der englischen Kriegsgeschichte bilden, wurden von Iren gewonnen. Jetzt, in der Schicksalsstunde des britischen Reiches, da die durch eine törichte und gehässige Politik gegen Deutschland heraufbeschworene Wolke der Weltkriegsgefahr, hätte man sie auch im letzten Augenblicke gern verscheucht, zum Bersten kam, brauchte man die Iren als Kanonenfutter dringender denn je. Mit allen Mitteln der Verführung sollten sie gewonnen werden, um „herdenweise zu den Fahnen zu strömen.“ Ließ man daß Home Rule-Gesetz ganz fallen, so war dies ausgeschlossen. Asquith wählte daher den Weg, ein neues Home Rule-Gesetz durch beide Häuser des Parlamentes zu peitschen — „in der offen eingestandenen Hoffnung, Tausende von jungen Iren in die britische Armee zu locken, weil England ja Irland die volle ‚nationale Freiheit‘ gewährt hätte.“⁠[92]⁠

Um diese Vorlage einbringen zu können, war Asquith gezwungen, die der Opposition gegebene Zusage zu brechen, die Home Rule solle nicht Gesetz werden, bevor eine eigene Novelle für Ulster verabschiedet sei. Wollte man nicht auf die Hoffnung verzichten, ganze Regimenter aus Iren bilden zu können, so mußte das Home Rule-Gesetz jetzt schleunigst durchgebracht werden. In den meisten anderen Ländern hätte das Versprechen der Regierung, den Entwurf nach dem Kriege zum Gesetze zu machen, genügt. In Irland aber war darauf [S. 380]nicht zu rechnen — zu oft hatte die englische Regierung das irische Volk an der Nase herumgeführt, seine nationalen Hoffnungen immer wieder zertrümmernd, so daß die Iren gegründetes Recht hatten, mißtrauisch zu sein.

Allerdings war Asquith schlau genug, sich ein Hintertürchen zu sichern: Home Rule sollte von neuem durch das Parlament beschlossen, der Tag ihrer Wirksamkeit aber zugleich durch eine königliche Verordnung in Rücksicht auf die Kriegslage hinausgeschoben werden.

Kaum hatte daher das Parlament das Gesetz angenommen, so erschien eine königliche Verordnung (Order in Council), die bestimmte, das Gesetz solle erst nach höchstens einem Jahre in Kraft treten, jedoch bevor der Krieg zu Ende gehe. Dauere er länger als ein Jahr, so müsse eine neue Verordnung ergehen.

Zugleich versprach die Regierung, zur Regelung der Ulster-Frage der nächsten Tagung des Parlamentes eine besondere Novelle vorzulegen.

Die Opposition, die im Oberhause ihre Hauptstärke hatte, brachte dort durch Lansdowne einen Gesetzantrag ein, wonach alle von Parteiwegen umstrittenen Gesetzentwürfe liegen bleiben sollten, bis der Krieg beendet sei. Das Oberhaus beschloß demgemäß.

Auch im Unterhause gingen die Konservativen der Regierung scharf zu Leibe. Es kam zu einem heftigen Auftritte. Bonar Law warf dem Ministerium vor, sie nutze die Notlage der Opposition, die während des Krieges jeden Parteistreit ruhen lassen müsse, in eigensüchtiger Weise aus. Zwar habe Asquith wieder ein Versprechen gegeben, allein bei den bisher gemachten Erfahrungen lasse sich darauf nicht rechnen. Obwohl sich bei diesem schweren Vorwurfe heftiger Lärm erhob und unter der Führung Churchills ein Teil der Ministeriellen das Haus verließ, warf Carson einem der Minister noch ein Schimpfwort zu, und Bonar Law setzte seine Angriffe fort, indem er behauptete, Asquith habe sein Versprechen [S. 381]gebrochen. Dann verließ der Redner an der Spitze seiner Parteigenossen den Saal unter Protest gegen das „unanständige“ Verfahren der Regierung. Auf den freigewordenen Sitzen nahmen die irischen Nationalisten Platz, und Redmond ergriff das Wort, um die mit ihm verbündete Regierung zu rechtfertigen.

Redmond gebärdete sich dabei sehr britisch-patriotisch. Entrüstet wandte er sich gegen den Vorwurf Bonar Law’s, daß sich auf der grünen Insel Widerstand gegen die Anwerbungen für das englische Heer erhoben habe. Wenn Flugblätter dagegen verteilt würden, so geschehe dies doch nicht durch die Nationalisten. Er wies zahlenmäßig nach, daß eine große Menge von Iren im Heere stand.

Bald sollte sich jedoch zeigen, daß die Anwerbungen in Irland tatsächlich nicht nach Wunsch verliefen. Es waren hier Gegenkräfte am Werke, die von den Abmachungen zwischen den nationalistischen Abgeordneten und der Regierung nichts wissen wollten. Einer der Männer, die jedes Bündnis mit der Regierung verwarfen, schrieb aus New York unter dem 17. September 1914 einen Brief an die irischen Blätter, in welchem es hieß:

„Die britische liberale Partei ist seit 28 Jahren verpflichtet, Irland die Selbstregierung zu gewähren. Sie hat diese Verpflichtung noch nicht erfüllt. Statt dessen erbietet sie sich nun, sie zu verkaufen, und zwar zu einem sehr hohen Preise, zudem nur eine ganz bedingungsweise und unbestimmte Form beschränkter innerer Ueberwachung gewisser besonderer irischer Amtshandlungen unter der Bedingung, daß für diesen verheißungsvollen Scheck (nach dem Tode zahlbar!) das irische Volk sein Blut, seine Ehre und seine Mannheit in einem Kriege hergeben soll, der gar nichts mit ihm zu tun hat. Denn Irland hat keinen Streit [S. 382]mit dem deutschen Volke oder gerechte Ursache zu irgend einer Art von Unzufriedenheit gegenüber Deutschland....

„Wäre die Home Rule-Bill alles, was dafür nötig wäre, und würde sie heute frank und frei gegeben, um morgen in Anwendung zu kommen, anstatt daß sie uns zum Kauf geboten wird unter Börsenbedingungen, die nur ein Narr annähme, so wäre es die Pflicht der Iren, ihre Kraft und Mannheit für die anstrengende Aufgabe zu schonen, aus einer erschöpften Bevölkerung das Gerüst eines in Trümmern liegenden nationalen Lebens wieder aufzubauen.“⁠[93]⁠

2. Sir Roger Casement.

Dieser Brief erreichte seine Bestimmung nicht, da ihn die englische Zensur abfing. Der Mann aber, der ihn geschrieben, — Sir Roger Casement — warf seine ganze Persönlichkeit in die Wagschale, um Irland an der Teilnahme am Kriege zu verhindern. Er ging von der Ueberzeugung aus, daß die Iren England keinerlei Dank schuldeten, daß sie vielmehr ein Recht hätten, die Selbstregierung zu fordern, die ihnen immer wieder vorenthalten war; daß ferner kein Grund vorhanden sei, weshalb die Iren gegen Deutschland kämpfen sollten, das ihnen niemals etwas Böses getan; daß endlich schon die Rücksicht auf den furchtbaren Rückgang der irischen Bevölkerungszahl eine Teilnahme an dem Völkermorden verbiete.

Casement hatte im britisches Kolonial- und Konsular-Dienst durch seine Tatkraft, mehr aber noch durch den hervorragenden Mut Aufsehen erregt, mit dem er gegen die Greuel im Kongostaat wie gegen die Putumayo-Grausamkeiten aufgetreten war, obwohl bei letzteren britisches Kapital die Hauptrolle spielte. Einige Jahre vor dem Kriege hatte er den britischen Staatsdienst verlassen. Als die englische Kriegserklärung an [S. 383]Deutschland erfolgte, befand er sich in Nordamerika, um Waffen für die irischen National-Freiwilligen (National Volunteers) zu kaufen, die sich Ende 1913 gebildet hatten, den Ulster-Freiwilligen die Wage zu halten. Mit dem Kriege hatte diese Reise nichts zu tun, vielmehr hatte Casement schon am 8. Mai 1914 in London mit einer Gruppe irischer Freunde Abmachungen über eine erste Waffensendung getroffen, die auf dem europäischen Festlande gekauft und in Irland gelandet wurde. In Amerika wollte er die endgültige finanzielle Unterstützung der dortigen irischen Nationalisten für den Waffenankauf erlangen, genau wie die Ulster-Bewegung Waffen und Geld aus den irlandfeindlichen Schichten Englands erhielt.

Die irischen National-Freiwilligen standen ursprünglich unter dem Einflusse Redmonds. Dann aber bereitete sich in der irischen Bewegung eine entscheidende Wendung vor, die schon vor Ausbruch des Krieges begann und mit seinem Fortschreiten alsbald reißende Schnelligkeit annahm. Mit den Abgeordneten in Westminster war man in steigendem Maße unzufrieden, da diese sich mit der englischen Regierung zu eng eingelassen hatten, ihr daher Vorspanndienste leisten mußten und doch von ihr übers Ohr gehauen wurden. So oft von den irischen Abgeordneten in Westminster versucht worden war, durch ein Bündnis mit der Regierung eigene Ziele zu erreichen — meist waren sie (schon unter O’Connell) die Leidtragenden gewesen. Nur einmal war dies anders: als Parnell sich mit Gladstone verband. Allein damals hatte man es mit einem unbedingt ehrlichen, weitblickenden Staatsmanne zu tun, der gewiß seine Schwächen hatte, das einmal für recht Erkannte jedoch ohne Wanken erstrebte. Asquith dagegen, der den Mantel nach dem Winde trug, großer staatsmännischer Gesichtspunkte entbehrte und nur durch die Leichtigkeit seines Redestroms und durch seine Advokatenschlauheit [S. 384]sich und sein Ministerium am Ruder hielt, konnte man ein gleiches Vertrauen unmöglich schenken.

Trat an die Spitze der irischen Bewegung ein aufrechter Mann wie Sir Roger Casement, den ganz Irland kannte und bewunderte, obwohl er in die innere Politik vor dem Jahre 1914 noch kaum eingegriffen hatte, so war mit Bestimmtheit zu erwarten, daß die nationalistischen Abgeordneten sich dem neuen Willen fügen oder ihre Stelle räumen mußten. Die Unzufriedenheit mit ihrer Haltung unter Redmonds Leitung war allgemein. Hatte dieser doch die Interessen seines Landes so weit vergessen, daß er am 7. Mai 1914 erklärte, seiner Meinung nach seien „Waffen das letzte, was man den Freiwilligen geben dürfe.“

3. Das Scheitern der englischen Anwerbungen in Irland.

Als Redmond fühlte, daß die Freiwilligen-Bewegung seiner Hand entglitt, versuchte er im Juni 1914, sie wieder an sich zu fesseln. Die Absicht mißlang. Ja, am 4. September 1914 erließen die englandfeindlichen Körperschaften, die im Vorstande der Freiwilligen saßen (die „Sinn Fein“, die „Irische republikanische Bruderschaft“, die „Gaelische Liga“ und die „Athletische Vereinigung“), eine Erklärung gegen Redmond, in der es hieß: Sir Roger Casement sei nur durch seine Abwesenheit verhindert, sie ebenfalls zu unterzeichnen. So trat am 30. September 1914 die unvermeidliche Spaltung ein. Die Redmond Treugebliebenen nannten sich weiter „National-Freiwillige“ (National Volunteers), während die Gegner unter Prof. John Mac Neill am 25. Oktober eine eigene Organisation als „Irische Freiwillige“ (Irish Volunteers) bildeten.

Foto von Sir Roger Casement,   lesend am Schreibtisch; unter dem Bild seine Unterschrift

Die Hoffnung Irlands beruhte also, da selbst der Abgeordnete Dillon, obwohl Sohn eines Jung-Irländers und Englandhassers, sich allzu eng an Redmond anschloß, auf [S. 385]Sir Roger Casement. In Amerika duldete es ihn nicht länger. Betrat er jedoch die grüne Insel, so lief er Gefahr, alsbald auf Grund des Standrechtes verhaftet und deportiert oder eingekerkert zu werden, wie dies seit Ausbruch des Krieges schon manchem Iren ergangen war. Er wählte daher einen anderen Weg. Nachdem er in Christiania dem Mordanschlage des britischen Gesandten Findlay entschlüpft war, ging er nach Deutschland, um die kaiserliche Regierung zu jener Erklärung vom 20. November 1914 zu veranlassen, die in den bestimmtesten Ausdrücken versicherte, daß die durch die britische Regierung und durch Redmond in Irland hervorgerufenen Befürchtungen über die Haltung Deutschlands gegen Irland im Falle eines deutschen Sieges gänzlich unbegründet seien:

„Die Kaiserliche Regierung weist die böswilligen Absichten, die ihr in den von Sir Roger angeführten Darlegungen untergeschoben werden, auf das entschiedenste zurück und benutzt die Gelegenheit, um die kategorische Versicherung abzugeben, daß Deutschland nur Wünsche für die Wohlfahrt des irischen Volkes, seines Landes und seiner Einrichtungen hegt.

„Die Kaiserliche Regierung erklärt in aller Form, daß Deutschland niemals mit der Absicht der Eroberung oder Vernichtung irgend welcher Einrichtungen in Irland einfallen würde.

„Sollte im Verlaufe des Krieges, den Deutschland nicht suchte, das Waffenglück jemals deutsche Truppen an die Küsten Irlands führen, so würden sie dort landen nicht als eine Armee von Eindringlingen, die kommen, um zu rauben und zu zerstören, sondern als Streitkräfte einer Regierung, die von gutem Willen gegen ein Land und ein Volk beseelt ist, dem Deutschland nur nationale Wohlfahrt und nationale Freiheit wünscht.“

Casements Hoffnung war, durch diese Erklärung dazu beizutragen, daß Irlands Söhne sich nicht für das [S. 386]britische Heer anwerben ließen. Dies erreichte er völlig. Das Ergebnis der englischen Werbung in Irland war und blieb kläglich. Die englischen Zeitungen, die zunächst versucht hatten, dies zu verschleiern, spieen Gift und Galle, als sich nicht mehr leugnen ließ, daß außer jenen, die schon bei Beginn des Krieges die englische Uniform trugen, nur ungefähr 50000 katholische Iren sich durch Bestechungen oder Drohungen, durch Schmeichelei oder aus Not für den Kriegsdienst gewinnen ließen, während England (bis September 1915) angeblich 3 Millionen Mann Freiwilliger stellte und Schottland mindestens 400000 Mann. In Irland dagegen hatten alle Anstrengungen der Werber es nur auf weniger als 100000 Mann gebracht, von denen etwa die Hälfte Protestanten aus Ulster waren.

Alle Bemühungen Englands, die Iren als Kanonenfutter zu gewinnen, waren mithin schmählich gescheitert. Ja — die Stimmung auf der grünen Insel war mehr als bedrohlich. Es wiederholte sich, was zuletzt der Burenkrieg erwiesen hatte: die Iren gehörten innerlich nicht zum britischen Reiche.

England mußte auf diese Stimmung wutschnaubend Rücksicht nehmen, als sein Parlament im Januar 1916 das Gesetz über die Einführung der Wehrpflicht beriet. Am 17. Januar erklärte Bonar Law, der in das neugebildete Koalitions-Ministerium eingetreten war und nun die Aufgabe hatte, das Wehrpflichtgesetz zu vertreten, im Parlamente, es sei unmöglich, das Gesetz auch auf Irland auszudehnen: „Ich glaube, so fest wie ich überhaupt etwas glauben kann, daß es nicht möglich sein wird, das Gesetz in Irland in Kraft treten zu lassen ohne Anwendung von Gewalt, und zwar von ganz erheblicher Gewalt. Wir müssen Irland so nehmen, wie es ist, und es hat keinen Zweck für uns, daß wir unsere Augen gegen Tatsachen verschließen, die uns allen wohlbekannt sind.“

[S. 387]

4. Die Unabhängigkeits-Erklärung der amerikanischen Iren.

Diese widerwillig von der englischen Regierung abgegebene Unabhängigkeits-Erklärung für Irland ward durch die Iren selbst in den englandfeindlichsten Ausdrücken bekräftigt.

Am 4. und 5. März 1916 fand in New York ein irischer National-Konvent statt, der von dem „Clan-na-Gael“, den „Friendly Sons of St. Patrick“ und den „Vereinigten irischen Gesellschaften“ einberufen war, um darüber zu beraten, wie Irland nach dem Kriege zur Selbständigkeit zu verhelfen sei. Der Konvent beschloß die Begründung einer neuen dauernden nationalen Organisation unter dem Namen „Freunde der irischen Freiheit,“ an deren Spitze ein aus 60 Mitgliedern zusammengesetzter National-Ausschuß steht. Der Eröffnung des National-Konvents wohnten 2000 Abgesandte aus sämtlichen Einzelstaaten der nordamerikanischen Union bei, darunter zahlreiche Richter.

An der Schlußsitzung nahmen 3000 Personen teil. Sie gipfelte in der Annahme einer Entschließung, die als „irische Unabhängigkeits-Erklärung“ bezeichnet wurde und gewaltige Beifallsstürme entfesselte. Es heißt darin:

„England versuchte seit Jahrhunderten offen und insgeheim, unsere Geschichte umzuschreiben. Niemals war es so bereit zu einem bewaffneten Zusammenstoß mit Amerika wie jetzt. Wir appellieren an den Präsidenten Wilson und den Kongreß, das Nötige zu veranlassen, um die amerikanische Flagge, auf der Kriegs- wie auf der Handels-Flotte, den Flaggen der anderen Nationen auf den Meeren gleichwertig zu machen. Wir fordern, daß amerikanische Fahrgäste gewarnt werden vor der Benutzung von Schiffen mit Kriegsbannware. Wir verlangen, daß unsere Neutralitätsgesetze gerecht und unparteiisch durchgeführt werden. Wir appellieren an die [S. 388]Mächte, insbesondere Amerika, anzuerkennen, daß Irland eine europäische, nicht eine britische Insel ist, und die Tatsache zu würdigen, daß die vollständige Unabhängigkeit Irlands vom britischen Reiche zur Erreichung der Freiheit der Meere unumgänglich notwendig ist.“

Die Stimmung des National-Konvents kennzeichnet sich durch die Rede Jeremiah O’Learys, des Führers der „American Truth Society,“ der ausrief: „Wir wollen ein Irland — nicht als Monarchie, nicht als wesentlichen Bestandteil des britischen Reiches, sondern als irische Demokratie.“

5. Der Osteraufstand 1916.

In der Osterwoche 1916 fuhr auf England wie ein Donnerkeil die Nachricht herab: in Irland sei die offene Revolution ausgebrochen.

Die ersten Meldungen waren kümmerlich, da die Zensur sie verstümmelte und nach Möglichkeit zurückhielt. Bald jedoch ließ sich die Wahrheit nicht mehr verhüllen.

Am Ostermontage (24. April 1916) marschierten 30 Mitglieder des von der Regierung schon lange beargwöhnten und nach Möglichkeit gehinderten Vereins „Sinn Fein“ (Wir für uns selbst!) in aller Ruhe auf das untere Tor der Hofburg in Dublin zu. Als der wachthabende Schutzmann die Hand hob, um ihnen den Zutritt zu wehren, legte einer aus der Truppe an und schoß ihn nieder. Kurz vorher hatten 200 Sinn Feiner den Stephens-Park besetzt, dessen Tore geschlossen und mit der Aushebung von Schützengräben begonnen. Mittags drang eine Schar Aufständischer in das Postamt.

So begann der Aufstand, dessen Geschichte hier nicht erzählt werden soll. Die englische Besatzung wurde alarmiert, aus England selbst eiligst neue Truppen zugezogen, [S. 389]und am Dienstag 25. April begannen die Straßenkämpfe. Mit welcher Grausamkeit es der Regierung gelang, den Aufstand niederzuschlagen, soll hier nicht erörtert werden. Furchtbar wütete die britische Soldateska. Die Gefangenen wurden zum Teil ohne ordentliches Verhör erschossen, z. B. einer, der verwundet war, zum Richtplatze getragen und dort auf einen Stuhl gesetzt, um die tötliche Kugel zu empfangen. Ohne Unterschied des Alters oder Geschlechtes wurden die Verdächtigen ermordet. Die Erbitterung darüber war in ganz Irland so groß, daß selbst englische Blätter zugeben mußten: anstelle je eines Sinn-Feiners habe man nun deren zehn.

Wäre Irland mit Waffen versorgt gewesen, so hätte die Revolution nicht so leicht ein Ende gehabt. Allein die Waffensendungen hatten, wie wir sahen, soeben erst vor dem Kriege begonnen, so daß die Vorräte gar nicht genügten. Wäre es nur auf Tapferkeit angekommen, so hätten die englischen Truppen es noch weit schwerer gehabt.

Denn die Stimmung war schon seit Monaten im ganzen Lande so ergrimmt, daß kein Zweifel darüber möglich war. Schon bevor der Aufstand losbrach, stellte die Regierung eine Anzahl Iren vor Gericht unter der Anklage, sie hätten versucht, einen Aufruhr zu veranlassen. Ein solcher Prozeß, den ich als Beispiel herausgreife, fand im Februar 1916 im Polizeigericht zu Cork vor einem Gerichtshofe statt, der aus 7 Friedensrichtern unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters (Lord Mayor) stattfand. Geschworene waren absichtlich nicht zugezogen, weil England wußte, diese würden einen Iren wegen englandfeindlicher Agitation nicht schuldig sprechen. Allein selbst der Polizeigerichtshof in Cork versagte, obwohl an der Schuld des Angeklagten nicht zu zweifeln war. Als aus einem von ihm geschriebenen Briefe die Stelle verlesen wurde, „Wir wollen alles tun, um gegen England zu kämpfen,“ erhob sich im Zuschauerraume lauter [S. 390]Beifall. Bei jeder englandfeindlichen Stelle wiederholten sich die Beifallsbezeugungen. Das Ergebnis der Verhandlungen war, daß die Mehrzahl der Friedensrichter den Angeklagten von der Anklage der Aufreizung freisprach, ihn jedoch für schuldig erklärte, einen militärischen Drahtungsschlüssel (Code) besessen zu haben — und ihn dafür zu sage und schreibe 1 (einem) Schilling Geldstrafe verurteilte.

6. Gefangennahme und Hinrichtung Casements.

Nachdem der Aufstand in Blut und Tränen erstickt war, nahm England auch an Casement Rache. Es genügte nicht, daß auf den Kasernenhöfen in Dublin ganze Reihen von Aufständischen oder solchen, die man dafür hielt, ohne Gerichtsverhandlung erschossen und eingescharrt waren. Der gereizte John Bull mußte weiter seine Rache haben!

Als vornehmstes Opfer war Sir Roger Casement ausersehen. Es hatte ihn nicht länger im Auslande geduldet — in der Stunde der Not wollte er mitten unter seinem Volke sein. Wie er nach Irland kam und durch welchen Verrat er in die Hände der Regierung fiel, entzieht sich heute noch der Erörterung.

Am Karfreitag (21. April 1916) wurde Casement bei Curragh an der irischen Küste verhaftet. Die Regierung ließ ihn nach London schaffen, im Tower in die Zelle einschließen, in der Hans Lody vor seiner Hinrichtung eingekerkert gewesen war, und ihm den Prozeß machen.

Unerschrocken und würdevoll stand der irische Vaterlandsfreund, der, von dem reinsten Streben geleitet, auch den Gegnern Achtung abnötigte, vor den Richtern. Er warf ihnen vor, daß sie kein Recht hätten, über ihn abzuurteilen:

„Welches ist das Grundprinzip der Freiheit eines Engländers? Daß er nur von seinesgleichen gerichtet werden [S. 391]darf. Bei aller Achtung erkläre ich, daß dieser Gerichtshof für mich, den Irländer, ein fremder Gerichtshof ist. Ich habe das Recht, in Irland von einem irischen Gerichtshofe und von irischen Geschworenen abgeurteilt zu werden. Ich bin nicht in England gelandet, sondern ich bin in Irland gelandet. Für den Staatsanwalt von England gibt es nur ein England und kein Irland, gibt es nur die englischen Gesetze und kein irisches Recht. Ich fordere, daß ich vor eine Geschworenenbank meiner eigenen Landsleute gestellt werde. Ihren Spruch werde ich anerkennen. Nicht ich fürchte ihren Spruch, die Krone fürchtet ihn. Die englische Herrschaft in Irland ruht nicht auf dem Willen des irischen Volkes, sie ist nicht aus dem Rechte abgeleitet, sondern aus der Eroberung. Aber die Eroberung gibt keinen Rechtsanspruch. Wenn sie über den Leib Macht hat, so hat sie keine Gewalt über den Geist. Von dem Gesetze der Eroberung appelliere ich an das Urteil meiner eigenen Landsleute.

„Irland hat das Scheitern aller seiner Hoffnungen überlebt, und dennoch hofft es weiter. Irland hat gesehen, wie seine Söhne und seine Töchter von Geschlecht zu Geschlecht gelitten haben, stets für dieselbe Sache, wie sie stets dasselbe Schicksal getroffen hat und stets aus der Hand derselben Macht. Dennoch ist jedesmal eine neue Generation gekommen, die derselben Unterdrückung widerstanden hat. Wenn England allmächtig ist und seine Macht, wie Gladstone es ausgedrückt hat, bis an die Enden der Welt reicht, so reicht die Hoffnung Irlands noch weiter. Irlands Sache ist die edelste Sache, für die je Menschen lebten und gestorben sind. Und wenn ich heute hier stehe um dieser Sache willen, so befinde ich mich in guter Gesellschaft.

„Es wird uns gesagt, daß die Iren, wenn sie zu Tausenden, nicht für Irland, sondern für Flandern, für [S. 392]Belgien, für ein Stück Sandwüste in Mesopotamien, für einen Felsen auf Gallipoli sterben, damit die Selbstregierung für Irland gewinnen. Aber wenn sie es wagen, ihr Leben auf heimischem Boden zu opfern; wenn sie auch nur zu träumen wagen, daß die Freiheit nur daheim gewonnen werden kann durch Männer, die entschlossen sind, dort für sie zu kämpfen, dann sollen sie Verräter ihres Vaterlandes sein!

„Wo alle unsere Rechte nur ein angehäuftes Unrecht sind, wo wir um Erlaubnis betteln müssen, in unserem eigenen Lande existieren und unsere eigenen Gedanken denken zu dürfen, unsere eigenen Lieder singen und die Frucht unserer eigenen Arbeit ernten zu dürfen, da ist es tapferer und wahrer, ein Aufrührer zu sein, denn solche Zustände als natürliches Los hinzunehmen.“

Was vorauszusehen war, geschah: Casement ward zum Tode verurteilt. Fraglich blieb nur, ob die Regierung das Urteil vollziehen würde. Die meisten konservativen englischen Blätter forderten dies leidenschaftlich, während einige der liberalen Zeitungen darauf hinwiesen, wie gefährlich es sein müßte, Irland gerade jetzt einen neuen Märtyrer zu schenken.

Die Regierung bot daher Casement die Begnadigung an — jedoch unter Bedingungen, die ihn moralisch vernichtet hätten. Als aufrechter Mann weigerte er sich, irgendein Gesuch um Gnade zu unterzeichnen. Das Anerbieten nun gar, sein Leben durch eine sittlich unwürdige Handlung zu erkaufen, wies er mit flammender Entrüstung von sich. So mußte der Unterhändler der Regierung ihn wenige Stunden vor der für die Hinrichtung angesagten Zeit unverrichteter Dinge verlassen.

Und dann schreckte England nicht vor einer Handlungsweise zurück, auf die sich nur der Zynismus Talleyrands [S. 393]anwenden läßt: „Dies ist schlimmer als ein Verbrechen, es ist eine Dummheit.“ Ueber die ganze Welt fegte ein Sturm der Entrüstung, als man es wagte, diesen Idealisten, der moralisch turmhoch über sämtlichen Mitgliedern des englischen Ministeriums stand, hinzurichten — noch dazu zu hängen: wie der brutale englische Ausdruck lautet, „zu hängen, bis er tot ist.“ Selbst die Verbündeten Englands — namentlich Franzosen und Italiener — schüttelten mißbilligend den Kopf. Der englische Pöbel aber jauchzte, als die Totenglocke am 4. August 1916, dem zweiten Jahrestage der englischen Kriegserklärung, mit dumpfem Schalle die vollzogene Hinrichtung kündete. Nicht einmal die Leiche ward ausgeliefert — sie wurde innerhalb der Gefängnismauern von Pentonville verscharrt.

Für die Iren aber bedeutet der Märtyrertod Casements einen furchtbaren Beweis mehr für die Schreckensherrschaft Englands, unter der sie noch immer leiden. England hat durch diese Niedrigkeit von neuem dargetan, daß es nichts gelernt und alles vergessen hat.

Zwar hat es sich eines Feindes entledigt, der ihm nach Beendigung des Krieges hochgefährlich werden mußte. War es doch alsdann selbstverständlich, daß Casement sich in die Politik stürzte, Führer seiner Nation wurde, Redmond und seine Anhängerschaft beiseite schob und sein Volk mit sich fortriß, wie ein O’Connell und ein Parnell es getan hatten. Diese Gefahr allerdings ist nun beseitigt, und statt mit der alles emporhebenden sittlichen Kraft eines Casement kämpfen zu müssen, kann die Regierung wieder die leicht zu gewinnende Bundesgenossenschaft eines Redmond in ihre Rechnung einstellen. Er wird ihr keine Schwierigkeiten machen, schiebt sie das Home Rule-Gesetz immer wieder hinaus. Im September 1915 ist die erste königliche Verordnung, die das Inkrafttreten des Entwurfes auf [S. 394]spätestens 1 Jahr vertagte, auf ½ Jahr erneuert worden, im März 1916 abermals auf die gleiche Zeit. Jede dieser Verordnungen bestimmte zwar, das Gesetz solle noch vor Beendigung des Krieges wirksam werden. Trotzdem ist sonnenklar, daß es nur „ein Fetzen Papier“ ist, und daß die Regierung nicht daran denkt, es vor dem Ende des Krieges in Wirksamkeit treten zu lassen — falls sie überhaupt mit der Absicht umgeht, es jemals in Wirksamkeit zu setzen.

Eines aber ist sicher: die Art, wie der Aufstand des Jahres 1916 niedergeschlagen wurde und wie man mit Casement verfuhr, hat in die Seele des irischen Volkes den Haß gegen England noch tiefer eingegraben als bisher. So wenig Oel und Wasser sich mischen, können beide Völker zusammenkommen. Es ist wie der Versuch, zwei nichtverwandte Metalle miteinander zu verschmelzen — die Legierung ist brüchig und zeigt ihre Unbrauchbarkeit um so schärfer, je dringender man das Gegenteil erhofft. Jeder Temperaturwechsel wirkt auf den einen Teil schärfer als auf den anderen, und was letzteren anzieht, stößt ersteren ab.

Entsteht der irischen Nation jetzt oder erst nach Jahren ein neuer Führer, der nach Art eines Grattan, eines O’Connell, eines Parnell oder eines Casement an die Spitze der nationalen Bewegung tritt und der Sache seines Landes selbstlos dient, ohne Rücksicht auf England zu nehmen und ohne ihm entgegenzukommen, so wird die irische Sache, für die Millionen von Herzen daheim und in der Fremde schlagen und der nun endlich auch wieder große Kulturvölker ihre Aufmerksamkeit und Neigung zuwenden, trotz allen Winkelzügen Englands siegen.

[92] Casement S. 11.

[93] Casement S. 12 f.

Kapitel 11, Schlussvignette: stilisierte Rose

[S. 395]

Kopfvignette,   florales Muster

12. Buch:
Der Bock als Gärtner.

1. Irland schlechter behandelt als die Kolonien. — 2. Die Union stärkte den Haß gegen England. — 3. England bietet Reformen nur, wenn sie ertrotzt werden. — 4. Braucht Irland die englische Bevormundung? — 5. Die vernichtenden Wirkungen der englischen Herrschaft. — 6. Irland für immer.

„Das Beste, was man von den englischen Gesetzen über Irland sagen kann, ist, daß sie gut genug für Irland sind. Hätten sie aber für England gegolten, so würde man nicht 6 Monate lang erlaubt haben, daß sie in der Gesetzsammlung blieben.“

Oberrichter Palles.

1. Irland schlechter behandelt als die Kolonien.

Eine endlose Geschichte des Unglücks ist die Vergangenheit Irlands. Bis auf die Neige hat dieses Volk den Becher des Jammers leeren müssen. Liebenswürdig und der Freude zugetan, hat es dreiviertel Jahrtausende lang Dinge durchleben müssen, die beinahe über menschliche Kraft gehen. Seines Bodens beraubt, geknechtet und mißhandelt, mußte es seine nationale Selbständigkeit mit Füßen treten lassen.

England aber, das seit Jahrhunderten mit heuchlerischer Selbstgefälligkeit verkündet, es schütze die Schwachen und kämpfe für die kleinen Nationen, hatte für das einzige kleine Volk, für das es unmittelbar verantwortlich ist, nichts als Unterdrückung und Zwang übrig. So Großes die Briten in manchen fernen Ländern leisteten — in Irland hat ihre Staatskunst gänzlich versagt. Hier ist immer nach der Art regiert worden wie im Jahre 1613, als von der Regierung neue Abgeordneten-Sitze [S. 396]im irischen Parlamente geschaffen wurden, um für die dort vorgeschlagenen Strafgesetze die Stimmenmehrheit zu gewinnen — wobei die Machthaber, um ihrer Sache sicher zu sein, auf die neuen Parlamentssitze Schreiber des Generalfiskals und Bediente des Lord-Statthalters entsandten.

Keine englische Kolonie wurde, seit die amerikanische Revolution den besten Kolonialbesitz vom Mutterlande losriß, mit solchen Gewaltmitteln regiert wie Irland. Ich greife als Gegenbeispiel Jamaica heraus, dessen Parlament sich in den Jahren 1838–1840 höchst aufsässig gebärdete und trotzdem mit äußerster Schonung behandelt ward. Um der willkürlichen Behandlung der Sklaven, die 1840 freigelassen werden sollten, durch die Pflanzer zu steuern, erließ das englische Parlament ein Gesetz, das die Zwangsarbeit der Schwarzen regelte. Allein das Parlament in Jamaica beschloß, um sich diesem Gesetze nicht unterwerfen zu müssen, die 40000 Sklaven schon am 1. August 1838 freizulassen, gab jedoch gleichzeitig seiner Entrüstung über das Verfahren des Parlamentes in Westminster durch einen unverschämten Protest Ausdruck. Als das englische Parlament nun gar Maßregeln für Verbesserung der Gefängnisse von Jamaica forderte, stellte das Pflanzerparlament dort seine Tätigkeit ganz ein, um gegen die Eingriffe in seine Rechte den schärfsten Widerspruch zu erheben. Weder die Vertagung noch die Auflösung und Wiederernennung des Kolonial-Parlamentes durch den Statthalter fruchtete irgend etwas — die neugewählte Vertretung stellte sich auf den Boden der Beschlüsse ihrer Vorgängerin.

Als nun jedoch die englische Regierung im April 1839 ein Gesetz erließ, das Parlament in Jamaica sei auf fünf Jahre aufzuheben, kam sie darüber zu Fall! Denn wie ungebärdig sich das Kolonial-Parlament auch [S. 397]benommen hatte — man wünschte in England doch, die äußerste Rücksicht zu nehmen.

Eine solche Rücksicht wurde Irland trotz seiner größeren Bevölkerungszahl niemals bewiesen. Seitdem sich das englische Parlament 1691 verfassungswidrig zum Oberherrn der gesamten Regierung Irlands erklärt hatte, gegen dessen Beschlüsse kein Rechtsmittel gültig sei, wurde die Nachbarinsel unter eine noch schlimmere Gewaltherrschaft gebeugt denn in dem halben Jahrtausend zuvor. Erst während des amerikanischen Revolutionskrieges verstand sich England unter dem Zwange der Not zur Lockerung dieser Fesseln. Allein schon ein halbes Menschenalter später begannen die Vorbereitungen zur gewaltsamen oder betrügerischen Durchsetzung der Union. Seit diese bestand, blieb es dann dabei, daß jeder irische Wunsch, auch wenn es sich um innerpolitische Fragen handelte, die England gar nichts angingen, Gefahr lief, von der Mehrheit im englischen Parlamente, die nichts von den Zuständen auf der grünen Insel verstand, niedergestimmt zu werden.

War es aber einmal unvermeidlich, daß sogenannte „Rechte,“ die den englischen Ansiedlern oder irgendeiner englischen Staatseinrichtung in Irland gebührten, aufgehoben wurden, weil sie gar zu widersinnig oder gar zu ungerecht waren, so mußten diese „wohlerworbenen“ Rechte, die aus keiner anderen Quelle denn Gewalt oder Betrug flossen, durch viele Millionen £ abgelöst werden. In England verfuhr man anders: dort wurde beispielsweise 1832 den Besitzern der verrotteten Burgflecken (rotten boroughs) das ihnen gesetzlich zustehende nutzbare Eigentumsrecht ohne jede Entschädigung genommen.

2. Die Union stärkte den Haß gegen England.

Kein Wunder, daß gerade die Union in Irland den Haß gegen England stärkte. Als Edmund Burke Ende [S. 398]des 18. Jahrhunderts in seinen „Briefen über einen königsmörderischen Frieden“ die Grundlagen untersuchte, auf denen die Kraft Englands in seinem Kampfe mit dem revolutionären Frankreich beruhe, stellte er die Mitwirkung Irlands in die erste Reihe. Auch in der Rede, die Sir Edward Grey bei der Kriegserklärung an Deutschland 1914 in Westminster hielt, bezeichnete er Irland als „den einzigen helleuchtenden Punkt“ in der düsteren Lage. Beide Reden unterschieden sich nur darin, daß die Burkes ehrlich, diejenige Greys eine Heuchelei war. Im Kampfe gegen die amerikanischen Kolonien war Irland staatstreu geblieben, und auch in dem Ringen mit Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts wäre dies der Fall gewesen, hätte England nicht jene schändlichen Maßnahmen ergriffen, die zu dem Aufstande des Jahres 1798 führten. 1914 aber betrachtete Irland den Weltkrieg lediglich als Englands Krieg, der die Schwesterinsel nichts angehe.

Diese Stimmung ist nicht neu. Schon vor fast einem halben Jahrhundert schrieb ein englischer Historiker: „Heutigen Tages ist zu fürchten, daß die meisten unparteiischen Menschen Irland im Falle eines großen europäischen Krieges eher als eine Quelle der Schwäche denn der Kraft betrachten würden. Ueber 70 Jahre sind seit der gerühmten Maßregel Pitts vergangen, und es ist leider unbestreitbar, daß die niederen Klassen in Irland ebenso feindlich gegen das Regierungssystem sind, unter welchem sie leben, wie die Ungarn stets gegen die österreichische oder die Römer gegen die päpstliche Herrschaft waren; daß die irische Untreue die Feinde Englands vermehrt, wo immer die englische Sprache gesprochen wird, und daß das nationale Gefühl sich so gekräftigt hat, daß die Masse der irischen Katholiken mit tiefer Trauer auf das irische [S. 399]Parlament zurückblickt, obschon kein Katholik darin sitzen durfte, und obschon nur während der letzten 7 Jahre seines unabhängigen Bestandes den Katholiken das aktive Wahlrecht gewährt worden war. Zu den Gegnern der Union gehörten sowohl viele der loyalsten wie beinahe alle gescheitesten Männer in Irland, und Lord Charlemont, der kurz vor dem Vollzuge der Maßregel starb, zeichnete treffend das Gefühl des Volkes, wenn er in seiner feierlichen Verwahrung gegen die Union sagte: ‚Sie würde mehr als irgend eine andere Maßregel zur Trennung der beiden Länder beitragen, deren Verbindung gerade einer der wärmsten Wünsche meines Herzens ist.‘“⁠[94]⁠

Dennoch wäre es einer Politik kluger Versöhnung wahrscheinlich gelungen, die Iren die schmutzige Geschichte der Union vergessen zu machen. Allein was England beinahe jeder Zuneigung in Irland beraubte, war die verbohrte Heftigkeit, mit der es sich dem ausgesprochenen, höchst ehrenwerten Nationalitätswillen der Nachbarinsel widersetzte — und die Art, wie es die Mehrzahl aller, auch der vernünftigsten und bescheidensten Wünsche Irlands mißachtete. Gerade dadurch erhielt das National-Bewußtsein der Iren immer neue Stärke. Hätte England sich weniger unvernünftig benommen, so würden die Iren nicht noch heute die Union mit England als „das schwerste ihnen zugefügte Unrecht bekämpfen und mit allen Mitteln rückgängig machen wollen: sie wollen keine Briten sein, sondern eine selbständige irische Nation — und dieser Wille ist für den Begriff der Nationalität das Entscheidende.“⁠[95]⁠

Daß es den Engländern in Irland nicht gelungen ist, eine innere Verschmelzung mit dem britischen Reiche zu erzielen, ist um so bemerkenswerter, als sie die [S. 400]irische Sprache beinahe völlig zum Aussterben zu bringen vermochten. In Wales hat sich die Sprache der Eingeborenen, das Kymrische, für den täglichen Gebrauch durchaus erhalten; es gibt viele Waliser, namentlich Frauen, die kaum ein Wort Englisch verstehen. Andererseits gelang die Ausrottung der irischen Sprache schon deshalb, weil die Politik des Bodenraubs die Menschen von Haus und Hof riß, sie hin- und herwarf und sie der Willkür der Grundherren überantwortete. Die steinigen Berge von Wales reizten die Engländer nicht, wohl aber der fruchtbare Boden Irlands. Und dennoch — oder vielmehr infolgedessen — sind die Waliser gute Briten geworden, die Iren nicht.

3. England bietet Reformen nur, wenn sie ertrotzt werden.

Zudem ist tief in die Brust jedes Iren die Ueberzeugung eingegraben, daß alle Zugeständnisse, die Irland jemals von England erhielt, letzterem nur in äußerster Not abgerungen wurden. „Die Iren, die sonst von den Engländern nur als „Barbaren“, „Hunde“, „Schweine“ oder „Schufte“ bezeichnet wurden, hörten sich mit einemmal als ‚treue Anhänger des legitimen Königs“ anreden.‘⁠[96] Alle Beschwerden, die Irland vorbrachte, solange es England gut ging, wurden hier geringschätzig oder mit verletzendem Spotte aufgenommen. Nahten sich die Iren nur als Bittsteller, so zuckten die britischen Staatsmänner die Schultern und nahmen eine Gebärde kalter und verächtlicher Abweisung an. Forderten jene aber mit Gewalt, so war die Regierung mit dem Erlaß von Zwangsgesetzen bei der Hand — ja, diese wurden vorsichtshalber schon erlassen, bevor es zu einer Regung der Unzufriedenheit kam. Statt an das kluge Wort John Brights zu denken „Gewalt ist kein Heilmittel,“ [S. 401]verfolgten die Lenker des englischen Staates in der Regel eine Politik brutaler Unterdrückung, ohne sich auch nur nachträglich Gedanken zu machen, ob es nicht klüger getan wäre, die Wurzeln des Uebels durch Reformen zu vernichten, anstatt die wilden Zweige emporschießen zu lassen und sie dann mit roher Hand stückweise abzureißen.

Mit vollem Rechte Sagte Lord John Russell seinen Landsleuten einmal ins Gesicht: „Ihre Unterdrückungen haben die Iren gelehrt, Sie zu hassen, Ihre Zugeständnisse haben sie gelehrt, Ihnen zu trotzen. Sie haben gezeigt, wie kümmerlich der Strom Ihrer Freigebigkeit war, wie vollkommen der Tribut Ihrer Furcht.“ Der Rat Grattans: „Wenn man versagt, soll man höflich sein, wenn man bewilligt, liebenswürdig,“ ist gegen Irland niemals befolgt worden.

Verlangten die Iren eine Reform, so schickte man ihnen, um sie zu beschwichtigen, einen neuen Statthalter. Hatten sie aber einen Statthalter, der ihr Vertrauen erwarb — schleunigst wurde er abberufen. Was England an Reformen bot, mußte Stück für Stück erzwungen oder ertrotzt werden. So lange O’Connell drohte, wich die Regierung zurück. Sobald sich zeigte, daß er nicht ernsthaft an einen Aufstand dachte, schlug sie von neuem alle Wünsche Irlands in den Wind.

4. Braucht Irland die englische Bevormundung?

Schon am Ende des 13. Jahrhunderts sagte der Erzbischof von Canterbury im Namen des englischen Königs zum Papst: „In England ist es üblich, daß man zu allen Staatsangelegenheiten sämtliche Beteiligten zu Rate zieht.“ Vier Jahrhunderte später brachte die „glorreiche Revolution“ den Grundsatz zur Anerkennung: „Keine Besteuerung ohne parlamentarische [S. 402]Vertretung.“ Auf diese verfassungsmäßigen Freiheiten sind die Engländer — mit Recht — außerordentlich stolz. Wann aber ist Irland danach regiert worden?

Nun behauptet der Zwingherr: es sei unmöglich, diesem „zurückgebliebenen Volke“ Selbstregierung zu gewähren; politisch und wirtschaftlich bedürfe es der Lenkung. Indessen haben die Iren in den Vereinigten Staaten übergenug bewiesen, daß sie mit dem Augenblicke, da sie der drückenden Fesseln ledig werden, die Glieder zu rühren und sich emporzuarbeiten wissen. Zeigen sie politisch dort neben einer bewundernswerten Fähigkeit, ihre Massen zur Erreichung gemeinsamer Ziele zusammenzuschließen, unverkennbare moralische Schattenseiten, so sind letztere die deutlichen Wirkungen jener politischen Sklaverei, die sie in der Heimat niederbeugte.

Denn der Engländer will unbedingt herrschen. Läßt man ihm diesen Willen, duckt man sich also, so ist er gnädig genug, von seinem Tische ein paar Brosamen fallen zu lassen, wohl auch den Versuch zu machen, Gerechtigkeit zu üben, soweit diese dem Sklaven zusteht. Aber herrschen will er unbedingt. Wer sich nicht freiwillig fügt, wird entweder durch Waffengewalt zu Boden geschlagen und dort niedergehalten, oder durch Bündnisse gegen ihn — zuweilen auch mit ihm! — entkräftet, oder endlich durch Bestechung entmannt. Irland hat alle drei Schicksale erfahren — zuerst das erste, dann das letzte, endlich (seit der erzwungenen Union) das zweite.

Welche der drei Methoden ihm am schlechtesten bekommen ist, läßt sich schwer sagen. Die Versuche Englands, dieses Land, das sich nicht beugen wollte, in eine Schädelstätte zu verwandeln, führten nur deshalb nicht zum Ziele, weil die Fruchtbarkeit des irischen Volkes diese edle Absicht durchkreuzte. Das Bündnis —falls [S. 403]man die Union so nennen darf — sog ihm das Mark aus den Knochen. Ob aber Gewalt, „Bündnis“ oder Bestechung: immer blieb sich die englische Herrschaft darin gleich, daß sie auf den Charakter der irischen Nation die übelsten Wirkungen übte.

5. Die vernichtenden Wirkungen der englischen Herrschaft.

Das aber ist doch wohl entscheidend für die Beurteilung eines Menschen wie eines Volkes: welche dauernden Wirkungen von ihm ausgehen. Heben sie uns empor und veredeln sie uns — oder drücken sie uns nieder und machen sie uns gemein? Ließe sich von England wenigstens sagen, daß beide Wirkungen sich aufhöben! Aber es kann durchaus keine Frage sein, ob es die Iren himmelwärts oder höllenwärts führte; Geschichte und Gegenwart erteilen eine geradezu vernichtende Antwort.

Nur mit den Wirkungen des russischen Absolutismus lassen sich — soweit Irland in Betracht kommt — die Englands vergleichen, — dieses rechts- und verfassungsstolzen, von edelmütigen Redensarten überfließenden, dem Christentume allzu laut huldigenden Englands. Wie jener seine Opfer erbarmungslos niedertrat und sie seelisch nicht minder wie körperlich vernichtete, so hat England die untilgbare Schuld auf sich geladen, eines der herrlichsten Länder der Erde, eines der liebenswürdigsten Völker in einen Zustand der Knechtschaft hinabzustoßen, der es äußerlich und innerlich zu vernichten drohte. Aber die Iren wollten sich nicht ducken — und sie haben siegreich durchgehalten, obwohl ihnen England noch heute die Knochen zu brechen droht.

Seit die Maschinenkraft der Arbeit des Menschen steigende Erträge schafft, mehrt sich seine Zahl in allen Ländern. Ueberall, wo es eine Statistik [S. 404]gibt, steigt die Kopfzahl — nur in Irland nicht. Lassen wir selbst den Zeitraum der großen Hungersnot unbeachtet — auch seither ergibt sich ein schreckliches Bild: in den vier Jahrzehnten 1861–1901 (den glücklichsten und „friedvollsten“ des Zeitalters der Königin Victoria) sank die katholische Bevölkerung von 4500000 auf 3300000 Köpfe, und sogar die protestantische (die Herrenkaste) von 1300000 auf 1150000! Erst das 20. Jahrhundert brachte eine ganz geringe Zunahme der Kopfzahl.

Und wirtschaftlich? „Ein aus dem Kerker, in dem England es hielt, herausgelassenes Irland würde bald ein dichtbevölkerter Staat von vielleicht 10 bis 12 Millionen Einwohnern werden, eine handelspolitische Geldanlage für ganz Europa von höchstem allgemeinem Werte, in einer einzigartigen Lage zwischen der alten und der neuen Welt, auch wahrscheinlich ein intellektuelles und moralisches Vermögen von nicht geringer Bedeutung.“⁠[97]⁠

Nun machen Engländer den Iren zum Vorwurf: diese schöben alle Schuld auf die Zustände, anstatt selbst kräftig Hand anzulegen. Mit größerem Rechte jedoch kann entgegnet werden: England schreibe alles Mißgeschick der grünen Insel den Menschen dort zu, während deren Brauchbarkeit in anderen Ländern nach vielen Richtungen erwiesen sei. Wie kommt es, daß sogar manche sonst edel und gerecht denkende Engländer nichts als Wut schnauben, sobald von den Iren die Rede ist? daß der Idealist und Demokrat Milton die ärgsten Gewaltmittel gegen sie anriet? daß der Radikal-Reformer Lord Brougham im Oberhause für Bestätigung des ungerechten Urteils gegen O’Connell stimmte? und daß Edmund Spenser, der Dichter der ätherisch-zarten „Feenkönigin,“ der Königin Elisabeth den Rat gab: „Niemand sollte durch das Schwert oder durch Krieger erschlagen werden; [S. 405]dagegen muß man die Irländer vom Ackerbau fern und ihr Vieh von den Weiden abhalten, damit sie sich auf diese Weise in Ruhe selbst aufzehren und verschlingen.“

Man hielt es damals — und bis in die Gegenwart hinein — für „keine schlechte Politik, die Irländer, die Einen gegen die Andern, aufzureizen, auf daß ihre Privatstreitigkeiten das Gesamtbeste förderten“ — natürlich das Gesamtbeste Englands und der englischen Ausbeuter in Irland.

Diese höllische Politik konnte nicht ohne Wirkung bleiben. England hat stets nur die schlechten Eigenschaften des irischen Volkes benutzt und geweckt — Habsucht, Eigennutz, Gemeinheit jeder Art — niemals die guten. Die Iren für das verantwortlich zu machen, was diese rohe Willkürherrschaft aus ihnen machte, wäre im höchsten Maße ungerecht; England aber, das durch seine Fehler und seine politische Gedankenarmut, seine Herrschsucht, seine Unbarmherzigkeit und seine Habgier all dies verschuldete, gebührt es nur, zu schweigen.

6. Irland für immer.

Allenthalben sonst, wo Chidher, der ewig junge, spräche:

„Und aber nach 500 Jahren
kam ich desselbigen Weges gefahren“ —

würde er gänzlich neue Verhältnisse erblicken. Nur auf der grünen Insel müßte er dieselbe Gewaltherrschaft antreffen, die schon vor einem halben, wie vor dreiviertel Jahrtausenden herrschte — und dieselbe Verbitterung der Bewohner.

Aber auch dieselbe Sinnesart: jene unerschütterliche Heimats- und Freiheitsliebe, gepaart mit einer Liebenswürdigkeit und herzgewinnenden Güte, die noch jeden Fremden wie im Sturme eroberte. Dieses Volk hat die furchtbarsten Leiden überstanden, ohne sich von der [S. 406]Verzweiflung übermannen zu lassen. Es bringt das allerschwerste Opfer, das es nur denken kann, indem Millionen seiner Glieder fern von der Heimat leben und auf fremder Erde sterben. Es verliert den Mut trotz alledem nicht, sondern hofft noch immer auf Gerechtigkeit, obwohl sie ihm bisher nur einmal auf kurze Zeit blühte. Ein Volk aber, das nach einer solchen Geschichte des Elends noch hoffen, nach so grenzenlosem Unglück noch sich schwärmerisch begeistern kann — das wird, von seinem National-Willen kraftvoll in die Höhe getragen, eines Tages doch das leidenschaftlich erstrebte Ziel erreichen, für das viele Tausende geblutet und viele Millionen gelitten haben:

Erin go bragh! Irland für immer!

[94] Lecky: Vier historische Essays. S. 178 f.

[95] Chatterton-Hill S. VIII.

[96] Chatterton-Hill S. 58.

[97] Casement S. 45.

Kapitel 12, Schlussvignette:   Stilisierte Rose

   Druck von Ferdinand Heyl in Egeln.   

Verzeichnis der hauptsächlich benutzten Bücher.

Verzeichnis einiger Schriften von Dr. Ernst Schultze:

  1. Kulturfragen der Gegenwart. 32 S. Preis geheftet 3 M. Berlin–Stuttgart–Leipzig: W. Kohlhammer.
  2. Die Kulturaufgaben der Freimaurerei. 304 S. Preis geh. 4 M., geb. 5 M. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt.
  3. Weltanschauung und Wirtschaftsleben in der deutschen Kulturentwicklung des 19. Jahrhunderts. 104 S. Preis geh. 2 M. Berlin: Gutenbergverlag.
  4. Die Schundliteratur. Ihr Wesen. Ihre Folgen. Ihre Bekämpfung 172 S. 2. Aufl. Preis geh. 3 M. Halle a. S.: Buchhandlung des Waisenhauses.
  5. Der Kinematograph als Bildungsmittel. 158 S. Preis geh. 3 M. Halle a. S.: Buchhandlung des Waisenhauses.
  6. Freie öffentliche Bibliotheken (Volksbibliotheken und Lesehallen). 363 S. Mit 26 Abbildungen. Preis geh. 6 M., geb. 7 M. Berlin: Gutenbergverlag.
  7. Die geistige Hebung der Volksmassen in England. (Die Kultur des modernen England. 1. Band) XI und 177 S. Preis geb. 4 M. München: R. Oldenbourg.
  8. Volksbildung und Volkswohlfahrt in England. (Die Kultur des modernen England. 2. Band) XII und 205 S. Preis geb. 4.50 M. München: R. Oldenbourg.
  9. Streifzüge durch das nordamerikanische Wirtschaftsleben. 228 S. Preis 5 M. Halle a. S: Buchhandlung des Waisenhauses.
  10. Die politische Bildung in England. 46 S. Preis 1 M. Leipzig: Teubner, 1914.
  11. Was verbürgt den Sieg? 62 S. Preis 0.80 M. Leipzig: S. Hirzel, 1915.
  12. Die Mobilmachung der Seelen. 104 S. Preis 1.40 M. Bonn: A. Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn), 1915.
  13. England als Seeräuberstaat. 140 S. Preis 1.80 M. Stuttgart: Ferdinand Enke, 1915.
  14. England und Spanien. 37 S. Preis 0.70 M. Hamburg: Deutschnationale Buchhandlung G. m. b. H., 1915.
  15. Englische Denkträgheit. 39 S. Preis 0.50 M. München: Ernst Reinhardt, 1915.
  16. Rußlands Feindschaft gegen die Volksbildung. 150 S. Preis 2.50 M. Leipzig: Dürr’sche Verlagsbuchhandlung, 1916.