Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so markiert. Im Original fetter Text ist so dargestellt.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
1 bis 2
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XVII
Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden
Bassenge & Fritzsche, Dresden
Dresden 1928
Ziehung bestimmt am 5. und 7. April 1928
5. Geldlotterie
für die Erhaltung des Dresdner Zwingers
500 000 Lose
54 643 Gewinne und 1 Prämie im Gesamtwerte von 160 000 Reichsmark
Gewinnplan
| Höchstgewinn im günstigsten Falle | 50 000 | Reichsmark | |||
| 1 Prämie | 30 000 | „ | |||
| 1 Hauptgewinn | 20 000 | „ | |||
| 1 Hauptgewinn | 10 000 | „ | |||
| 1 Hauptgewinn | 5 000 | „ | |||
| 5 | Gewinne je | 1 000 | Reichsmark | = 5 000 | „ |
| 10 | Gewinne je | 500 | „ | = 5 000 | „ |
| 25 | Gewinne je | 200 | „ | = 5 000 | „ |
| 50 | Gewinne je | 100 | „ | = 5 000 | „ |
| 100 | Gewinne je | 50 | „ | = 5 000 | „ |
| 150 | Gewinne je | 20 | „ | = 3 000 | „ |
| 300 | Gewinne je | 10 | „ | = 3 000 | „ |
| 1 000 | Gewinne je | 5 | „ | = 5 000 | „ |
| 3 000 | Gewinne je | 3 | „ | = 9 000 | „ |
| 50 000 | Gewinne je | 1 | „ | = 50 000 | „ |
| 54 643 | Gewinne und 1 Prämie | 160 000 | Reichsmark | ||
Gewinne in barem Gelde ohne Abzug
Bestellungen erfolgen am besten auf Abschnitt einer Postanweisung oder durch Postscheckkonto Dresden 15 835
Preis des Loses
1.— Reichsmark
Gewinnliste 10 Pfg.
Bei Postversand ist das gesetzliche Porto besonders beizufügen
Zu beziehen durch:
Alle Kollekteure, sowie die diesem Hefte beigefügte Bestellkarte
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden-A., Schießgasse 24
[1]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 15. Februar 1928
Schloß Schönfeld bei Dresden im Wintersturm
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
Steinhart gefrorne, vereiste Wagenspuren im holprigen Feldweg, tobender Ost und aschgrauer Himmel – das sind die ersten »Landschaftseindrücke« heute auf meiner Wanderung, wie ich aus dem Windschutz hinter den Rochwitzer Bauerscheunen hervortrete. Einem eiserstarrten Meer gleich hüpfen die Ackerschollen dahin, hoch aus der niedrigen, glasierten Schneedecke herausragend. Drei dürre Blätter jagen im rasselnden Wettlauf über diese unsanfte Bahn, bis ihnen der alte Kirschbaum mitten im Acker Halt gebietet. Starr steht er da und reckt seine Arme hilflos in den Dezembernachmittag hinaus. – Ist das eine Kälte hier oben! Jetzt wird es mir klar, warum mein guter Bekannter, der Herr Teichpächter, vorhin so vergnügt hinter seinem Doppelfenster hervornickte. Das richtige Wetter für sein Geschäft ist es heute; er läßt einfach den Frost für sich arbeiten und sitzt selber im Warmen! – Halb von der Seite schiebe ich mich über die freie Fläche hin. Der Ostwind zwingt mich, die Nase dauernd nach rechts zu wenden, und siehe da, auch das hat sein Gutes. So kann und muß ich die ganze Zeit die Augen über den langen Gebirgszug gleiten lassen, der da im Südwesten sich hinschwingt, dunkelblau und geradezu machtvoll heut’ wirkend; von der Tellkoppe über den zackigen Wilisch hinüber zum Landberg. Da vergißt sich bald alle Not, alles Ohrensummen und Wangenbrennen vor der [2]Pracht dieses Heimatbildes. Eine breite rotgoldne Borte verbrämt den blauen Gebirgswall, und in wohl dreißig gewaltigen Strahlenbarren durchbricht dort die Wintersonne das sturmgelockerte graue Gewölk. Es sieht aus, als schütte eine verborgene Riesenhand Segen aus auf die weihnachtlich harrende Erde.
Ganz wunderlich kommt einem dann die Stille an in der bewaldeten Bodensenke, die den Rochwitzer Acker von der Gönnsdorfer Rittergutsflur scheidet. Munter rinnt das randeisklirrende Bächlein hin, ein paar schwarzgrüne Blätter und erfrorene Beerendolden hängen noch an dem Holundergebüsch. Filigranartig vergittert sich Buchengezweig vor dem Frosthimmel. Dann geht es wieder hinaus in den Kampf! Die riesige Hängebirke über dem Hohlweg läßt ihr dichtes, langes Haar gleich schwarzen Regenschwaden im Sturme fluten. Hinterm Gutshof bringt frischgebreiteter Stalldünger etwas Farbe in die dunkle Schollenunendlichkeit; ein paar Goldammern hüpfen in glücklicher Farbenanlehnung auf den duftenden Strähnen herum. Und noch einmal kommt das Heroische in die westliche Landschaft. Die Sonne über den Bergen hat sich durchgerungen; in rotem qualmenden Dunst überschüttet sie ein paar Augenblicke lang die beschneiten Lehnen vorm Wilisch mit ihrem Licht, dann rast eine Schneewolke heran und verschlingt alles.
Starr und eben liegt heute die Fläche des Cunnersdorfer Dorfteiches da, in dem sich sonst die Karpfen so schwer und behaglich werfen. Im Schlamm stehen sie jetzt mit den Köpfen, und hätte nicht der fürsorgliche Bauer zwei offene Stellen in die Eisdecke gehauen und mit Strohhauben vor dem Wiederzufrieren bewahrt, so fehlte es den behäbigen Herrschaften nicht bloß an Freßlust, auch die Luft ginge ihnen wohl aus. Wunderhübsch liegt das Gehöft mit seiner Strohdachscheune hinter dem Teich. Eine riesige Linde überragt das trauliche Heim, starke weiße Birkenstämme vor dem Gemäuer und ein paar Kopfweiden mit ockergelben Ruten bringen etwas Farbe ins Bild. Taubenflug klatscht auf dem Dachfirst; Gänsegeschrei und das Jauchzen der Dorfjugend hallt durch die Gasse. Am unteren Weiher sind sie alle fleißig beim Ruscheln. Entrüstet rückt Vater Gänserich mit den Seinen nach Hause. Selbst die einzige offene Stelle am Teichrand können einem diese Jungens verleiden! – Erlen mit verholzten Fruchtzapfen, fahler Rasen, braunes Schilf, ausgestochene Schneequadern am Wegrand – dann liegt auch das hinter mir. Dorf Schönfeld taucht auf; das Ziel meines Ganges. Lang und schmal zieht er sich im Bachgrund hin, der uralte Flecken, bis sich die Gasse zum stattlichen Marktplatz weitet, der vom steilen Dach der Schloßbrauerei und den schönen Wirtschaftsgebäuden des Ritterguts so prächtig eingerahmt ist. Es herrscht eine schöne Einheitlichkeit in diesem Marktbild, eine straffe Geschlossenheit, eine wirkungsvolle Steigerung, die ihren Gipfel findet im Schloß, das inmitten des Teiches auf einer Insel sich aufbaut. Voll und ganz ein Werk der sächsischen Renaissance steht es hier an der Stelle des alten Wasserschlosses aus dem Mittelalter. Noch heute ist der Einstieg zu einem unterirdischen Gang erkennbar, der den Schönfelder Edelhof mit der Burg von Helfenberg verband. Ein schönes und reiches Haus war es, das hier im Jahre 1573 seiner Vollendung entgegen [3]ging. Und auch heute noch macht es selbst in seiner düsteren Unbewohntheit einen starken Eindruck auf den Beschauer, der vom Wirtschaftshof aus den Blick über die hohen, volutengeschmückten Giebel und den stattlichen Treppenturm mit seinen, für die Zeit seiner Entstehung charakteristischen, schrägen Fenstern gleiten läßt. Eine vierjochige Steinbrücke führt über das Wasser direkt auf das rundbogige Tor im Turme zu, das mit dem steinernen Wappenbild des Erbauers, des kurfürstlich sächsischen Geheimen Rates Dr. Georg Craco und seiner zweiten Gemahlin Christine Dorothea Funcke gekrönt ist. – Es ist die Erinnerung an eine düstre Zeitspanne der heimischen Geschichte, die der Anblick dieses Ehewappens im Beschauer auslöst – die ersten Jahrzehnte nach dem Tod Martin Luthers steigen herauf. Es ist bekannt, daß bald nach des Reformators Hinscheiden im Kurstaat eine Geistesströmung sich bemerkbar machte, die der Lutherschen Lehre vom Heiligen Abendmahl in wesentlichen Stücken entgegenlief. Es standen immer mehr derer auf, die an dem Wörtlein »est«, an der Lehre vom Genuß des wahren Fleisches und Blutes des Herrn im Abendmahl rüttelten. Die Hohe Schule zu Wittenberg besonders ging hierin voran. Hatte doch schon Philipp Melanchthon in diesem Punkte Luthers Überzeugung nicht teilen können. Seine Schüler gar neigten bald unverhohlen der Auffassung Calvins zu. Ahnungslos stand der Landesherr, Kurfürst August, lange dieser Tatsache gegenüber. Der Lehre Luthers treu ergeben, war er von Stolz [4]darauf erfüllt, in seinen Landen das Evangelium lauter und unverfälscht verkündet zu sehen. Wohl empfing er von den anderen lutherischen Reichsständen und auch aus der Geistlichkeit seines eigenen Landes oft Warnungen, daß in Wittenberg die Sache doch anders ausschaue, als er glaube – aber immer wieder wußten ihn die Leute dort zu beschwichtigen. So achtunggebietend auch viele von den heimlichen Calvinisten in ihrer Überzeugungstreue später dastehen, als die Tage der Trübsal über sie gekommen waren, so läßt es sich doch nicht leugnen, daß sie im Anfang unwahr und hinterhältig genug vorgingen. Es kam so weit, daß der Kurfürst von einem Schweizer Theologen mit huldigenden Worten ein im calvinischen Geist gehaltenes Büchlein übersandt bekam. Glaubte man doch im Reiche und darüber hinaus nicht anders, als daß ein neuer Zug am Dresdner Hofe wehe. Wohl verbat sich August mit mürrischen Worten für die Zukunft weitere derartige Dedikationen, aber auch jetzt noch verhielt er sich ruhig. Erst das Jahr 1574 brachte ihm volle Klarheit, und nun entbrannte sein Zorn versengend und furchtbar gegen die Wittenberger und ihre Genossen. Von den vier Häuptern der Bewegung aber war es der Kanzler Craco, der Schloßherr von Schönfeld, der die landesherrliche Ungnade besonders zu fühlen bekam. – Von Geburt ein Pommer, war Craco nach ruhmvoller akademischer Lehrtätigkeit in Wittenberg an den Hof des sächsischen Kurfürsten gekommen. Bald war er der vertraute Rat Augusts und wohl der [5]einflußreichste Mann im Kurstaat. Noch oft in den Tagen seiner Gefangenschaft hat er es erwähnt, wie innig der Freundschaftsbund zwischen ihm und seinem fürstlichen Herrn gewesen. Insonderheit jenes Tauffestes auf dem Stolpener Schloß gedenkt er, da er bei einem Kinde Augusts und Annas Pate stand, und der Kurfürst ihn im Verlaufe des Abends an die Brust gezogen mit den Worten: »Du herziger, lieber, dicker Doktor«. – Es scheint fast, als sei Craco nicht aus ganz zwingendem inneren Triebe zum Förderer der kryptocalvinischen Bewegung geworden. Wohl stand er der Richtung sympathisch gegenüber, und die Wittenberger taten alles, den mächtigen Minister an sich zu fesseln, aber er selbst gibt von allen vier gefangenen Führern die Sache am schnellsten auch innerlich verloren. »Hätt’ ich mich doch nicht mit den Pfaffen eingelassen«, ist einer seiner Seufzer in der Gefangenschaft. – In der Untersuchung gegen ihn spielte ein Gastmahl eine Rolle, das er hier in Schönfeld Melanchthons Schwiegersohn Dr. Peucer und dem Superintendenten Stössel aus Pirna gegeben hatte. Man hatte da über die Wittenberger Bewegung gesprochen und in der Lust des Weines dann wohl auch einige despektierliche Späße über die Kurfürstin gemacht, vom »Weiberregiment« am Hofe gesprochen und geäußert: »Hätten wir Mutter Annen erst, den Herrn wollten wir wohl kriegen«. Die knöcherne Dame war nicht leicht zu nehmen, und wem sie grollte, der bekam es zu spüren. Craco, der wohl schon während der Zeit seiner [6]Kanzlerschaft öfters Reibungen mit ihr hatte, fand sie in seiner Sache später als unversöhnliche Feindin sich gegenüber. – Im April 1574 erfolgte des Kanzlers Verhaftung. Auf sein Gut Schönfeld ward er »bestrickt«, d. h. er durfte sich hier nicht über Haus und Garten hinaus bewegen. Aber diese verhältnismäßig milde Art der Gefangenschaft sollte nicht lange Bestand haben. Der Kurfürst, von Anfang an unzufrieden mit dem milden Spruch der Untersuchungskommission, beschloß, Craco in engere Haft zu nehmen. Ein Argwohn beseelte den Landesherrn und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen; der Verdacht nämlich, der Kanzler habe Anschluß an die der Kurwürde vor einiger Zeit verlustig gegangenen Ernestiner gesucht und diesen mit Hilfe der reformierten Reichsstände wieder zu ihrer alten Macht verhelfen wollen. –
So erschien denn am 8. Juli 1574 auf kurfürstlichen Befehl abends gegen neun Uhr der Amtsschösser von Stolpen mit beiden Bürgermeistern, dem Stadtrichter und einer großen Anzahl gewappneter Bürger des Städtchens »mit ihrem besten Gewehr« vor dem Schloßtor von Schönfeld. Laut hallten die Schläge der Einlaß begehrenden Männer durch das stille Haus. Endlich erschien ein Knecht. Die Gewappneten sprangen vor und griffen zu. »Ist der Doktor zu Hause?« Da kam er schon selbst. »Was bringet Ihr mir in der Nacht?« – Ach, schlimme Kunde. Sofort aufsitzen in den Wagen vorm Tor, und fort auf des Herrn Geheiß an einen sichern Ort. Der Pleißenburg düstre Mauern sind es, die ihn wenige Tage später aufnehmen; das Martyrium Cracos beginnt.
Gleich einem gemeinen Verbrecher wird er in Leipzig in dem Kerker gehalten. Nicht die vielen flehentlichen Eingaben des Gefangenen, ihn menschlicher zu verwahren; nicht die Vorstellungen seiner Räte können den Kurfürsten bewegen, Cracos Los zu mildern. Ein wenig Trost bringt ihm kurze Zeit die Teilnahme eines jungen Studenten, des Schloßhauptmanns Sohn. Der sieht nach ihm, liest mit ihm in den Klassikern, besorgt ihm Briefe, läßt ihn im Festungsgraben ein wenig Luft schöpfen – aber das wird verraten. Der Schuldige kommt in Haft; der Henker peitscht ihn zum Stadttor hinaus – auf fünf Jahre muß er ins Elend.
Vorn der vereiste Schloßteich und die schön geschwungene alte Brücke
Für Craco aber beginnt nun die härteste Zeit. In ein halbdunkles Gelaß wird er verbracht, und der neue Schloßhauptmann, Ernst von Wettin, ist ein erbarmungsloser Kerkermeister unter der Aufsicht des hartlutherischen Bürgermeisters Rauscher von Leipzig. Der Gefangene weist in einer Eingabe an den Kurfürsten darauf hin, er sei mit Geschwüren bedeckt, kümmre in seinem feuchten Gefängnis elend dahin und bitte um Gottes Willen um einen Trunk Wein hier und da. Aber nichts geschieht zur Erleichterung seines Loses. Der von Wettin erklärt in seinem Begleitrapport alles für Verstellung. In Augusts Herzen hat sich die Überzeugung von einem beabsichtigten Hochverrat Cracos immer tiefer eingefressen. Herausbekommen will er die Schuld seines ehemaligen Vertrauten, und sollte dieser darüber in Stücke gerissen werden. »Denn nicht einen Fuchsschwanz, ein schneidendes Schwert hat mir Gott in die Hand gegeben. Ich will es gebrauchen.« Craco kommt auf die Folter. Vier Stunden lang liegt er auf der Leiter, aber was die Befrager von ihm hören wollen, [9]kann er nicht gestehen. Als der Gemarterte sich ein wenig erholt hat, gibt er zu Protokoll, es sei ihm herzlich leid, daß er wider den Kurfürsten und seine Hausfrau gehandelt, unbedachtsam gesprochen und sich und die Seinen in solche Not gebracht. Aber daß er mit den Ernestinern verhandelt, kann er nicht zugeben. –
Augusts Herz bleibt ungerührt. Der Gefangene, schon bei seiner Bestrickung leberkrank, muß jetzt von seinem Wärter gefüttert werden, so schwach liegt er in seiner Zelle. Dazu der Verhöre kein Ende. Rauschers Beharrlichkeit im Dienste des Herrn ist groß auf diesem Gebiet; der Dr. Peucer hat es später gleichfalls zu seiner Verzweiflung erfahren. Am 4. März 1575 findet das letzte Verhör statt. »Ach du treuer Gott«, stöhnt der Gefangene, »wie kommt doch mein gnädigster Herr darauf, aus mir zwingen zu wollen, das ich mein Lebtag nicht im Sinn gehabt? Es geschieht alles auf einen bloßen Wahn.«
Und dann kommt doch die Befreiung. In der Nacht vom 16. zum 17. März hat die Wache laut Bericht »den Doktor lange kläglich schreien und den Herrn Jesum anrufen hören«. Am Morgen ist man zu ihm gegangen, da ist er schon starr und steif dagelegen. Noch am Tage vorher hatte Craco dem Kurfürsten, dem er vierunddreißig Jahre lang treu gedient, mit schwacher Stimme eine Gute Nacht wünschen lassen. Es sei ihm leid, daß er ihn und die hohe Frau [10]gekränkt habe. August aber versichert seinem Schwager, dem König von Dänemark, brieflich, der Kanzler habe sich mutwillig durch Verhungern ums Leben gebracht und erlaubt sich, wie die Forschung berichtet, an anderer Stelle einen [11]rohen Witz über den Unglücklichen, den er einst seinen Freund, Vertrauten und Gevattersmann nannte.
Schwarz und düster ragt der alte Bau in den Abendhimmel hinein. Welche Fülle von Erinnerung aus der Heimatgeschichte vermag er zu wecken! – Auf Leid folgte übrigens auch bei ihm wieder Lust. Einen seiner glanzvollsten Tage sah er unter der Herrschaft der Freiherren und Grafen von Friesen, als der Sonnenkönig des sächsischen Barock, August der Starke, in eigener erhabener Person hier seine natürliche Tochter Augusta Constantia, die er auf das unermüdliche Betreiben ihrer schönen Mutter, der Gräfin Kosel, während des Reichsvikariats 1711 hatte legitimieren lassen, seinem Oberkammerherrn Grafen von Friesen vermählte. Auch für die Untertanen in Schönfeld muß das ein Tag der Lust gewesen sein. Der Wein sei dabei zum Schloßportal hinausgeflossen, weiß man noch heut’ zu erzählen.
Gleich hinter der Schloßmauer erhebt sich die Kirche. In ihrer Gruft stehen die Särge der Friesen. Auch Cracos Leib soll der Überlieferung nach in silbernem Sarg unter dem Kirchenschiff ruhen, was jedoch von anderer Seite der heimischen Geschichtsforschung bestritten wird.
Das Kirchspiel von Schönfeld ist eines der größten im Lande gewesen. Vom Ufer der Elbe erstreckte es sich noch vor nicht langer Zeit bis unter die düstern Wipfel der Dresdner Heide. Dies stolze Bewußtsein muß Ende des vorigen Jahrhunderts die Kirchväter stark erfüllt haben, denn sie haben damals einen Turmneubau ausgeführt, der dem zu Babel offenbar wenig nachsteht. Der neue Goliath schlägt in seinen gänzlich unangebrachten Verhältnissen Schloß, Kirche und Marktbild einfach tot! Das empfinden zum freilich geringen Trost auch noch einzelne Seelen in Schönfeld. »Ja, unser Kirchturm! Justament wie der von Stolpen«, sagte mir erst kürzlich ein älterer Schönfelder Bürger mit schalkhaftem Lächeln. Und er hat recht – auch dem Stolpener Stadtbild sind Baulust und Wohlstand im vorigen Jahrhundert ja zum Unheil gediehen. –
Immer noch zieht der Ost übers Land, auch jetzt noch, da ich im Dunkeln heimkehre, dem Lichtschein von Dresden entgegen. Laut klappern die Zweige der alten Weiden aneinander; still und verlassen liegt der Dorfteich von Cunnersdorf da. Die lustige Menschenjugend hat sich in die Stuben verkrochen. Ein langer Lichtstrahl aus dem Gehöft bahnt sich einen graubleiernen Steg über das Eis, unter dem die braven Karpfen schlafen. Gut habt ihr’s, kaltblüt’ge Gesellen; euch fährt kein Oststurm um die Nase, wie hier oben uns Menschen.
Benutzt wurden folgende Quellen: A. Kluckhohn: Der Sturz der Kryptocalvinisten in Sachsen 1574; R. Calinich: Kampf und Untergang des Melanchthonismus in Kursachsen; sowie Aufzeichnungen des langjährigen Kantors von Schönfeld, Oberlehrer i. R. Julius Pabst.
[12]
Ein sterbendes Handwerk
Von Felix Klaus, Seitendorf
Mit Aufnahmen des Verfassers
Wer durch die Dörfer der südlichen Oberlausitz wandert, sieht bei manchen Häusern hohe, wohlgeschichtete Holzfeimen. Da die einzelnen »Hölzer« ziemlich gleichmäßig und sorgfältig zugehauen sind, kann man erkennen, daß es sich nicht um Brennholz, sondern um Nutzholz handelt. Es sind die »Holzstöße« der Holzpantoffelmacher. Freilich sieht man sie immer seltener. Am häufigsten traf man sie bis zum Kriege in dem langgestreckten Seitendorf zwischen Hirschfelde und Weigsdorf.
Wenn man der Darstellung in dem Werke »Die Oberlausitz als besondere Abteilung von Sachsens Kirchengalerie (Dresden: Verl. Herm. Schmidt 1838)« und der mündlichen Überlieferung Glauben schenken darf, so wurde die Holzpantoffelmacherei in Seitendorf überhaupt begründet. Wir lesen in den genannten Geschichtsblättern über die Beschäftigung der Bewohner Seitendorfs: »Nebst diesem – Ackerbau und Weberei – gibt es noch einen Nahrungszweig, der nicht nur vielen Beschäftigung und Brot verschafft, sondern sein Entstehen hiesigen Ortes fand, und von da aus seine jetzige allgemeine Ausbreitung erhielt: Die Verfertigung der Holzpantoffeln durch den Häusler Johann George Simon. Auch ist die durch den aus Italien stammenden Martinelli zuerst hier eingeführte Hechel- und Krätzelmacherei nicht unbedeutend«. Es sind die beiden Handwerke um das Ende des achtzehnten Jahrhunderts eingeführt worden, da Simon 1817 und Martinelli 1804 gestorben ist. Während die letztere Beschäftigung schon über ein Menschenalter ausgestorben ist – denn länger als ein Menschenalter wird bei uns kein Flachs mehr selbst zubereitet, so daß man Hecheln und Krätzel brauchen könnte! –, geht nun auch die Holzpantoffelmacherei einem langsamen, aber sicheren Aussterben entgegen. Ehe die Gründe dafür angeführt werden, versetzen wir uns in die Blüteperiode der Holzpantoffelmacherei in den achtziger und neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts.
Sobald die Schneeverhältnisse es im Januar oder Februar zuließen, zog der Holzpantoffelmacher mit seinen Gehilfen aus, Holz zu fällen. Die Pappelalleen oder der Laubwald waren ihr Ziel. Unter Beil und Säge stürzte ein Baum nach dem andern. Die Äste wurden abgesägt und blieben dem Besitzer als Brennholz zurück. Von Birken und Linden wurden auch die stärkeren Äste verbraucht. Nachdem die Stämme in längere oder kürzere Stücke zersägt waren, zogen Pferde diese »Klippel« auf schweren Holzwagen heim. Wenn die Dämmerung das Arbeiten unmöglich machte, begab man sich heimwärts, um am nächsten Morgen beim ersten Grauen wieder auszurücken. Viel Holz wurde aus Böhmen geholt, und zwei bis vier Stunden Weg zum Schlag waren nichts Seltenes. Diese Fällarbeit dauerte einige Wochen, bis der Vorrat für ein Jahr geschlagen war. Dreißig Fuhren (hundert bis hundertfünfzig Kubikmeter) wurden oft von einem einzigen Pantoffelmacher angefahren. Das kleine Holz- oder Lehmhaus war dann ordentlich versteckt hinter den hohen Holzwällen!
[13]
Und nun kreischte die Säge Tag für Tag vom frühen Morgen bis in den späten Abend; denn es galt, die »Klippel« in »Rädel« zu zersägen, die die Länge eines Fußes haben mußten (vergl. Bild 2 und 3). Zu dieser umfangreichen Arbeit wurde auch die Hausfrau und die erwachsene Tochter herangezogen; denn es galt, die Zeit gut auszunützen, weil noch viel Arbeit zu tun war, ehe der fertige Holzpantoffel verkauft werden konnte. War genug Vorrat gesägt, so wurden die »Rädel« gespalten. Der Pantoffelmacher stellte ein Rädel auf den großen Spaltklotz und setzte das Beil darauf. Mit wuchtigem Schlag trieb ein Arbeiter das große Spaltbeil in das Holz und spaltete Stück für Stück ab in der Stärke, die für den Pantoffel nötig war (vergl. Bild 2). Oft mußte der schwere Holzschlegel mehrfach niedersausen, ehe die knorrigen Äste sich teilen ließen. Da die meisten Stücke nicht glatt spalteten, wurden sie nun mit dem Beil glatt gehackt und sorgfältig in großen Feimen zum Trocknen aufgestellt. (Bild 3.)
Inzwischen war es Frühjahr geworden, und der Meister mußte sorgen, daß Pantoffeln fertig wurden. Es wurden nun vom vorjährigen Feimen, Stoß genannt, die Hölzer genommen und mit einem Holzmodell die Form des Pantoffels darauf gezeichnet. In mühseliger Arbeit wurde nun mit dem Beil die runde Form herausgearbeitet. In späterer Zeit hat man diese anstrengende und zeitraubende Arbeit von der Bandsäge schneller und schöner besorgen lassen. Das Beil konnte nur grobe Umrisse schaffen, die saubere glatte Rundung machte das Schnittmesser auf der Schnittbank. (Bild 4.) Hier wurde das Holz auch [14]ausgehohlt, damit der Fuß einen besseren Stand habe, nachdem zuvor der Hohlfuß ausgesägt worden war. Früher geschah das Letztere mit der Handsäge, später auch mit der Bandsäge. Nun war das Holz fast so weit, daß das Leder darauf gespannt werden konnte.
Diese jetzt beschriebenen Arbeiten wurden vom »Hölzerschneider« verrichtet, der sich das ganze Jahr damit beschäftigte. Er hatte seine Schnittbank daheim, holte sich einen Handwagen voll Hölzer und brachte sie bearbeitet zurück, um für jedes Paar drei Pfennig Arbeitslohn zu empfangen. Ehe nun der »Nagler« das Leder über das Holz spannen konnte, wurde mit einem besonderen Messer am obern Rande eine Vertiefung geschnitten, in die das Leder eingelegt und der Draht darüber gezogen wurde. Jetzt spannte der Nagler das Leder über einen Leisten, der aufs Holz befestigt war und befestigte durch Nägel und Drahtklammern den darumgelegten Draht. (Bild 5.) Nun endlich war der Pantoffel fertig zum Verkauf! Wieviel Zeit und Mühe mußte aufgewandt werden, ehe es soweit war! Während mancher Pantoffelmacher mit seiner Frau alle Arbeiten vom Fällen bis zum Nageln allein ausführte, waren bei manchem zwei bis drei Hölzerschneider und ebensoviel Nagler beschäftigt. Da hatte dann der Meister nur die »Blätter« aus dem Leder zuzuschneiden und für den Versand zu sorgen.
In den allerersten Zeiten wurden nur alte Stiefelschäfte verarbeitet. (Als im Kriege das Leder überhaupt nicht oder nur zu unerschwinglichen Preisen zu [15]haben war, hat man es ebenso gemacht.) Bald aber verwendete man Abfälle von echtem Juchtenleder. Später wurde Rindleder, das eigens dafür gegerbt wurde, seltener Roßleder, dazu genommen. Als die Lederspalterei erfunden war, wurde auch mit Erfolg Spalt verarbeitet. Zu Kinderpantoffeln eignete sich auch Schafleder. Manche Kunden bevorzugten Pantoffeln, deren Leder mit einem bunten Lederstreifen eingefaßt war. Deshalb »säumte« die Meistersfrau einen Teil der Blätter mit buntem Schafleder. Schwächere Blätter wurden auch mit Schafleder oder Stoffresten abgefüttert. Während auf diese Weise der Hausfrau eine umfangreiche Nebenbeschäftigung gesichert war, wurden auch die Kinder fleißig herangezogen. Beim Aufsetzen der Rädel und Hölzer wurden sie ebenso nötig gebraucht wie zum Herbeischaffen des Materials und zum Forträumen des Abfalls. Auch hatten sie die fertige Ware in die umliegenden Dörfer zu den Krämern zu schaffen und auf den Bahnhof. Der größte Teil der Kundschaft saß in der Löbauer und Herrnhuter Gegend. Als die Eisenbahn den Transport noch nicht erleichterte, mußte der Vater mit dem erwachsenen Sohne die Ware auf dem Handwagen dorthin bringen. Über fünfzig Jahre lang wurden auf dem Löbauer Markte gute Geschäfte gemacht, bis in der neueren Zeit die Fabrikware aus der dortigen Gegend die Seitendorfer Handarbeit verdrängte.
Bemerkenswert ist auch, daß die Holzpantoffelmacher nie zunftmäßig vereinigt waren. Es gab daher auch kein Lehrlings- und Gesellenverhältnis. Wer das Handwerk lernen wollte, ging einen Winter zu einem Pantoffelmacher [17]auf Arbeit und fing im Frühjahr selbständig an. So gab es eigentlich nur Meister, von denen aber nicht einer den Meisterbrief hatte. Das Handwerk pflanzte sich in der Regel in der eigenen Familie fort, und noch jetzt kann man eine ununterbrochene Reihe bis auf den Gründer zurückbilden. Zur Zeit der höchsten Blüte waren in Seitendorf vierundzwanzig selbständige Holzpantoffelmacher. Auch in den umliegenden Dörfern waren immer eine Reihe gut beschäftigt.
Aus den Darlegungen ist auch schon zum Teil hervorgegangen, warum dieses Handwerk seinen goldenen Boden verloren hat. Die Löhne und Preise in der Zeit höchster Blüte, also in den achtziger und neunziger Jahren, waren unglaublich niedrig. Der Hölzerschneider erhielt also für jedes Paar drei bis vier Pfennige, und dabei konnte er bei fleißiger Arbeit täglich dreißig bis vierzig Paar fertigstellen, so daß er sechs bis sieben Mark Wochenlohn erwerben konnte. Dafür hatte er aber das ganze Jahr Beschäftigung, während die Nagler manchmal einige Wochen feiern mußten. Deshalb verdiente dieser am Paar vier bis fünf Pfennige. Ein geschickter Arbeiter fertigte in der Stunde vier bis sechs Paar. Bei einer Durchschnittsleistung von 40 Paar am Tage wurden in Zeiten flotten Geschäftsganges auch sechzig Paar hergestellt. Bei einigen Meistern wurden jährlich fünftausend bis sechstausend Paar geliefert. [18]Diese Pantoffelmacher hatten eben zwei oder drei Hölzerschneider und ebensoviel Nagler. Da aber in den meisten Fällen alle Arbeiten nur von einer Person verrichtet werden mußten, betrug der Jahresumsatz oft nur eintausend Paar. Wenn man einen Durchschnittspreis von fünfzig Pfennig annimmt, ist ersichtlich, daß nach Abzug der Auslagen für Holz, Leder und Draht eine unglaublich kleine Summe für Arbeitslohn und Verdienst übrig blieb. Als aber gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts die Lebensbedürfnisse und Löhne beträchtlich stiegen, mußte sich ein Preis ergeben, der nicht mehr angemessen zu nennen war. Dazu kam die immer schwierigere Holzbeschaffung. Die billige Pappel stirbt aus; Birke, Linde und Erle sind rar und teuer. Der Preis des Holzpantoffels stand in keinem rechten Verhältnis mehr zum billigen Hausschuh oder zu anderer Fußbekleidung. Dazu kommt, daß es natürlich auch auf dem Lande kaum noch fein genug ist, in Holzpantoffeln zu laufen, so daß auch aus diesem Grunde ein Rückgang im Verbrauch festzustellen ist. Um niedrigere Preise zu ermöglichen, mußte die Herstellungsdauer wesentlich verkürzt werden. Das konnte nur durch maschinelle Bearbeitung des Holzes erreicht werden. Der Handwerker ist nicht mehr konkurrenzfähig, und so werden denn die Holzpantoffelmacher langsam verschwinden. Die alten verbrauchen ihren Vorrat vollends, den sie noch haben, die jüngeren wenden sich anderen Berufen zu. Einige beziehen die fertigen Hölzer aus Fabriken und spannen nur das Leder darüber, so daß sie eigentlich nur noch Nagler sind. So versuchen sie im harten Kampfe mit den Fabriken leistungsfähig zu bleiben und ihr tägliches Brot zu sichern.
Die Technik hat auch in diesem Handwerk viele Hände entbehrlich gemacht. Viele selbständige Existenzen sind vernichtet worden. Die Heimarbeit und mit ihr ein gesundes und geordnetes Familienleben ist vorbei. Man mag das in Rücksicht auf den besprochenen Stand wie auf die Volksgemeinschaft bedauern, zu ändern ist nichts mehr an der Tatsache: die Holzpantoffelmacherei ist ein sterbendes Handwerk.
Wie Weihnachten vor fünfundsechzig Jahren im Vogtland gefeiert wurde
Eigene Erlebnisse von Schichtmeister i. R. A. Roßner, Zwickau
Meine Geburtsstadt ist Falkenstein. Dort habe ich meine Kinderzeit im Elternhause verlebt bis zur Konfirmation. Unser Wohnhaus, nahe der Göltzsch und am Wald gelegen, war von einer großen Wiese umgeben. Hier tummelten wir Kinder uns aus nach Herzenslust. In diesem trauten Heim verlebte ich auch meine Weihnachtsfeste, eins schöner, wie’s andere. Nur diejenigen vor meiner Schulzeit sind mir nicht mehr im Gedächtnis. Im Christmonat bereiteten uns schon der »Ruprecht« und das »Bornkinnel«, wie beide im Volksmund genannt wurden, oder deutlicher gesagt »Knecht Ruprecht« und das »Christkind« auf das Weihnachtsfest vor. Sie erschienen mehrere Male [19]vor dem Feste. Die Mutter machte uns jedesmal vorher darauf aufmerksam, damit uns der Schreck nicht allzusehr in die Glieder fahren sollte, weil wir, mein Bruder und ich, wußten, daß wir im verflossenen Jahre manche Dummheit in kindlichem Übermut ausgeführt hatten. Die Sache war daher nicht so einfach, wenn unsere Mutter uns vorher ganz ernsthaft ankündigte: »Ihr Kinner, heit Omd kimmt der Ruprich«. Wir zitterten schon an allen Gliedern und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Am höchsten steigerte sich unsere Angst abends nach sieben Uhr, weil wir wußten, jetzt kommt er bald. Um acht Uhr polterte es auf der Holztreppe. Der Ruprich stampfte mit dem Stock tüchtig auf und kam in leibhaftiger Gestalt. Er sah nicht etwa aus wie ein Weihnachtsmann, o nein, wie der größte Vagabund auf der ganzen Erde. So war er in seiner Kleidung entstellt. Eine Stimme hatte er, wie ein Bär. Der Teufel sollte sich da nicht fürchten! Wir Buben krochen zu Loch, als wenn wir sonst etwas verbrochen hätten, knieten nieder und beteten. Wer sich widerspenstig zeigte, wurde vom Ruprich tüchtig versohlt mit dem Rutenbesen. Wir aber sagten uns: »Mit dem Kerl ist nicht gut Kirschen essen«, wir wollen lieber folgen. Er frug uns: »Habt Ihr gefolgt?« Ein kräftiges »Ja« folgte, auch wenn die Antwort nicht ganz richtig war. Dann griff er mehrmals in den Sack und warf Nüsse und Äpfel auf die Diele. Wir Jungen kugelten dort rum und suchten alles zusammen. War das eine Lust! Unsere Aufregung war durch die empfangenen Gaben wieder etwas geschwunden. Mit einer ernsten Vermahnung: »Folgt recht schön!« verabschiedete sich der Ruprich von uns mit Händedruck.
Weit höflicher und anständiger wurden wir behandelt vom »Bornkinnel« oder Christkind, das uns auch vor dem Feste besuchte. Weiß gekleidet, das Gesicht verschleiert, erschien es uns. Mit ganz zarter Stimme frug uns das Christkind: »Ihr Kinderchen, Ihr habt doch gefolgt?« Ein schnelles einstimmiges »Ja« entschlüpfte uns beiden. Wir beteten und erhielten kleine Geschenke aus dem schmucken Säckchen. Das war wenigstens eine anständige Behandlung, wie sie auch anständigen Kindern zukommt. Das Christkind verabschiedete sich von uns freundlich und verschwand. Wir aber unterhielten uns noch lange vom Ruprich und dem lieben Christkind.
Inzwischen kam das Weihnachtsfest heran. Der heilige Abend war für uns schon ein Feiertag. Schon am frühen Morgen waren wir Jungen auf den Beinen. Da gab es viel Arbeit. Im ganzen Jahr haben wir nicht so gearbeitet, wie am Weihnachtsheiligenabend. Alle Weihnachtssachen wurden hergesucht und neu vorgerichtet, so der Drehturm, oder die Pyramide, dann die vielen Lämpchen und die Vorrichtungen zur Illumination sämtlicher Fenster, der große Prachtengel und der Moosmann.
Der Drehturm, Kirche mit Turm, stand in einem Paradiesgarten. Das Innere der Kirche, in welcher sich ein Altar befand, war festlich erleuchtet. Auf den Stufen des Altars standen Maria mit dem Kinde und Joseph, die drei Weisen aus dem Morgenlande und die Hirten. Auf einer unteren Stufe stand der Geistliche. Das alles wirkte auf uns bezaubernd. Durch den Kirchturm [20]ging eine Welle mit Scheiben und Figuren darauf. Über der Turmspitze war oben auf der Welle ein Flügelrad angebracht. Die Kirche mit dem Turm wurde außen mit Lämpchen erleuchtet. Durch die Wärme, die sich dem Flügelrad mitteilte, wurde dieses in Bewegung gesetzt und zugleich auch die Welle mit den Scheiben und Figuren. Alles drehte sich nach rechts. Welch eine Lust für uns Buben.
Nun folgte die Vorbereitung zur Illumination der Fenster in der Stube. Sie war Wohnstube und gute Stube zugleich und hatte acht Fenster in drei Fronten um das ganze Haus herum. Jedes Fenster erhielt sechs Lämpchen. Diese wurden fein geputzt und mit Rüböl gefüllt. Nicht nur die Fenster in der Richtung nach der Stadt, sondern auch die nach dem Walde zu wurden illuminiert, um die Sache recht feierlich zu gestalten. Eine bessere Beleuchtung zu solchen Zwecken gab es damals noch nicht. Die Rüböl-Beleuchtung bedeutete aber zu dieser Zeit immerhin schon einen wesentlichen Fortschritt nach der höchst unsauberen primitiven Beleuchtung durch den Kienspan.
Nun kam an die Reihe der Engel »Gabriel«. Sein Rumpf lag das ganze Jahr hindurch auf dem Oberboden. Mein Bruder hat ihn mir manchmal aus kindlichem Übermut zugeworfen und ich habe ihn aufgefangen. Als Engelsleib hatte er es eigentlich nicht verdient. Die Arme, die Beine und der schöne Engelskopf wurden aber sorgfältig aufbewahrt. Wenn der Körper mit all diesen Teilen versehen worden war, bekam er schon ein anderes Aussehen. Diese Engelsgestalt in Länge von einem Meter wurde von meiner Mutter mit weißen Beinkleidern und einem schneeweißen Tüllkleid überzogen. Darüber legte sie eine breite grünseidene Schärpe. Der Kopf mit der Krone wurde aufgesteckt. Der Engel war fertig. In beiden Händen hielt er ein nach oben gebogenes Transparent mit der erleuchteten Inschrift: »Ehre sei Gott in der Höhe!«. Der Engel wurde hochgezogen an die Decke und schwebte nun so, wie eine lebende Gestalt, nach rechts und links sich drehend, noch lange Zeit bis nach Weihnachten.
Der große Moosmann, ein Meter hoch, dessen Hosen und Rock mit feinem Waldmoos überzogen waren, hielt eine brennende Kerze in der Hand.
Nicht fehlen durfte aber der liebe Weihnachtsbaum. Verkaufsstellen gab es damals noch nicht. Das Ausholzen der Tannenbäume aus dem Gestrüpp des Waldes war von der v. Trützschlerschen Herrschaft nicht verboten. So ging ich denn auch am heiligen Abend vormittags mit einer kleinen Hacke in den nahen Wald und suchte mir im tiefsten Schnee und grimmigster Kälte den schönsten und billigsten Weihnachtsbaum nach meiner Art heraus. In der Regel hatte ich schon eine zeitlang vorher im Wald Umschau gehalten, und es dauerte gar nicht lange, kam ich mit einem schönen frischen Tannenbaum zur Freude Aller wieder heim. Er füllte das Zimmer mit würzigem Duft. Bald war auch der Baum von uns angeputzt, aber nur mit versilberten und vergoldeten Äpfeln und Walnüssen. Gold- und Silberfäden gab es damals noch nicht. Auch gab es noch keine guten Kerzen. Nur Öllämpchen standen uns [21]zur Verfügung. Der Weihnachtsbaum wurde nicht, wie jetzt, auf den Tisch, oder wenn er groß war, auf die Diele gestellt, sondern an die Decke gezogen.
Der heilige Abend ließ es an Überraschungen nicht fehlen. Zu Mittag wurde einfache Mahlzeit eingenommen. Wenn meine Mutter mit Scheuern der Stube fertig war – gestrichene Fußböden gab es damals noch nicht – brachte sie von der Scheune herüber drei Bund langes Stroh und belegte damit sorgfältig den ganzen Fußboden. Im Stalle zu Bethlehem, wo Christus geboren wurde, gab es ja auch Stroh und das sollte sinnbildlich dargestellt werden. Das Stroh wurde erneuert zum Silvester und Hohneujahr. Damals hieß es im Vogtland, ohne Stroh in der Stube, kein Weihnachtsfest. Nicht nur in Wohnungen, sondern auch in Schankwirtschaften und Gasthöfen waren die Zimmer mit Stroh belegt. Auch wir Kinder freuten uns riesig auf’s »Heiligenomdenstroh«. Das ging uns über alles. Wir legten uns dann um den warmen Kanonenofen, der in der Mitte der Stube stand, und erzählten uns von der Weihnachtsbescherung, die uns nahe bevorstand. Ein Wunder war es, daß das Stroh nicht einmal Feuer gefangen hat. Ich habe aber nie etwas davon gehört. Jedenfalls würde jetzt diese schöne alte Sitte streng verboten werden. Alle Vorbereitungen zum Feste waren nun getroffen. Die Mutter rief uns noch zu: »Ihr Kinner zünd e Kärzel a, daß noch Weihnachten riecht«.
Bei uns wurde am ersten Feiertag früh um sechs Uhr beschert, während die Christbescherung bei ganz vornehmen Leuten in Falkenstein, und dazu gehörten wir noch nicht, schon am heiligen Abend vor sich ging. Aber auch unsere Bescherung war recht schön, wir wußten es eben nicht anders.
Abends um sieben Uhr am heiligen Abend war Festessen. Es gab neunerlei, vor allem grüne Klöße mit Schweinefleisch und Sauerkraut. Mein Vater faltete die Hände zum Gebet: »Komm’ Herr Jesus sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast«. Wir Buben waren natürlich auch ernst bei der Sache, zogen die Köpfe ein und beteten im Stillen mit. Sonst wurde bei uns nicht laut gebetet. Vielleicht hat mein Vater der Einfachheit halber die Sache für das ganze Jahr gleich erledigt. Nach dem Beten ließen wir es uns gutschmecken. Während der Mahlzeit kam der erste Weihnachtssänger zu uns, ein in den sechziger Jahren stehender alter Mann mit einer großen, brennenden Laterne in der Hand. Es war der Nachtwächter von Falkenstein mit Namen Schösser. Er wohnte in unserem alten Nebenhaus und hatte das Privilegium zum Weihnachtssingen. Bei uns fing er zuerst an und sang einige Verse vom Weihnachtslied: »Hochgeborner Gottessohn sei willkommen auf der Erden«. Es fiel ihm schon bei uns schwer, die höchsten Stellen des Liedes herauszubringen. Wie hoch er es mit der Zahl der Häuser überhaupt gebracht haben wird, weiß ich nicht. Vielleicht hat er später überall nur einen Vers gesungen, um nicht wegen Heiserkeit das Singen ganz einstellen zu müssen. Dabei mußte er noch die schwere Laterne stundenlang herumtragen, weil weder die Straßen, noch die Hausfluren erleuchtet waren. Sie war nicht etwa eine feine zierliche Handlaterne, wie man sie heute kennt, sie hätte vielmehr ihrer Größe nach ganz gut als Straßenlaterne dienen können und war ein »Unikum« einzig in ihrer [22]Art. Vielleicht ist sie später dem Altertumsmuseum überwiesen worden. Der arme Nachtwächter bekam überall ein Geldgeschenk. Das war für ihn eine große Hilfe zu damaliger Zeit. Sein Gehalt wird nicht sehr hoch gewesen sein.
Während meiner Schulzeit hatte Falkenstein nur eine kleine Kapelle, in welcher der Gottesdienst abgehalten wurde. Der einfache hölzerne Glockenturm stand daneben. Die alte Kirche war beim großen Brande vom 11. August 1859 mit niedergebrannt. Ich erinnere mich noch dessen, ich war ein fünfjähriger Knabe und weiß noch, wie mich meine Mutter auf dem Arme trug, um vom Marktplatz aus mit vielen anderen Leidtragenden dem Brande der altehrwürdigen Kirche zuzuschauen. In der Kapelle wurden Christmetten nicht abgehalten. Ein großer Teil der Bewohner Falkensteins strömte daher am Weihnachtsheiligenabend in die Kirche des eine Stunde entfernten Auerbach, um dort am Abend die Christmette zu feiern. Die Kirche war jedesmal überfüllt. Da es noch kein Gas gab, brachte jeder Besucher ein Talglicht mit und brannte es in der Kirche an. Die vielen Hunderte von brennenden Lichtern auf den Emporen und im Schiff gewährten einen eigenartigen Anblick. Trotzdem war aber die große Kirche nicht sehr erleuchtet. Die Kerzen spendeten wenig Licht. Durch das Abbrennen der damals noch minderwertigen Lichter entstand in der Kirche ein übler Geruch. Die Kerzen auf den Emporen tropften herab auf die Köpfe der im Schiff sitzenden Leute und deren Kleider, so daß Viele recht unbefriedigt den Heimweg wieder antraten, um natürlich das nächste Jahr immer wieder in die Christmetten zu gehen.
Am ersten Feiertag früh sechs Uhr sollte nun die Christbescherung vor sich gehen. Unter den verschiedenartigen Eindrücken des heiligen Abend legten wir uns schlafen, nicht etwa im Nebenzimmer, sondern im großen geräumigen Dachboden, wo es manchmal recht luftig herging bei achtzehn bis zwanzig Grad Reaumur unter alten Dachschindeln. Die Kälte war so grimmig, daß die Koppen von den Schindelnageln unter lautem Krachen absprangen. Der Wind wehte den Schnee durch die Schindeln hindurch auf das Bett und über das Gesicht hinweg. Ein recht unbehagliches Gefühl! Doch da half kein Wehklagen, schnell war der Kopf unter der Zudecke verschwunden. Man schlief nicht fest ein, es war nur ein Schlummern. In meinem Kopf wirbelte es noch teils von den Ergüssen des heiligen Abend, teils vor Freude auf die bevorstehende Christbescherung. Lange Zeit vor dem großen Wecken waren wir schon wieder munter, plauderten im Bett und erwarteten sehnsüchtig den Augenblick, da uns die gute Mutter rief. Sie saß die ganze Nacht hindurch und strickte unermüdlich, bis die Strümpfe für den Weihnachtstisch fertig waren. Endlich, endlich ertönte es laut: »Ihr Kinner steht auf, ’s Bornkinnel (Christkind) hot beschert!« Schnell waren wir aus dem Bett und sprangen, die Hosen in der Hand, oder nur notdürftig bekleidet, die hölzerne Bodentreppe eiligst herunter. Die Stubentür öffnete sich. Welch ein Lichterglanz! Welch eine Pracht! Das muß man gesehen haben, das kann man nicht beschreiben. In dem Kirchlein war es hell und lebendig, der Engel bewegte sich langsam majestätisch an der Decke und verkündete uns: »Ehre sei Gott in der Höhe!« Der Weihnachtsbaum [23]grüßte uns. Die Illumination der acht Fenster wirkte auf uns bezaubernd. Wir wußten schon ungefähr, was uns der Weihnachtsmann wieder gebracht haben könnte und gingen an den Weihnachtstisch. Wir wurden immer mit den notwendigsten Sachen und gleichmäßig bedacht. Spielsachen gab es nicht, ich kann mich wenigstens nicht darauf besinnen. Dem Weihnachtsmann fehlten die Mittel hierzu. Ich bekam nur Kleidungsstücke: Schwarze Filzschuhe, selbstgearbeitete blaue Strümpfe, einen wollenen Schal, ein Paar Fäustlinge, eine gestrickte wollene Mütze, Stollen, Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse. Über diesen Rahmen hinaus ging es selten. Ich weiß nur, daß unsere Freude groß war, als mein Bruder und ich später einmal je eine blaue und rote blecherne Federbüchse bekamen. Wir waren anspruchslos und nie enttäuscht. Der Weihnachtsschmuck in unserer Stube und das heilige Omdenstroh ging uns über alles. Jetzt liegen freilich die Verhältnisse anders. Die Kinder sind verwöhnt und würden mit solch einfachen Geschenken nicht mehr vorlieb nehmen.
Am ersten Feiertag früh um neun Uhr gingen wir in Begleitung unserer Mutter in die Kirche oder vielmehr in die Kapelle. Wir mußten doch unsere neuen schwarzen Filzschuhe und die blauen Strümpfe und alles andere sehen lassen. Meine Mutter ging voraus und wir beiden Brüder liefen ernst und würdevoll hinterher. Sie trug, wie ich mich entsinne, das Gesangbuch nach altem Brauche mit beiden Händen vor sich her. Darauf lag ein weißes Schnupftügel (Taschentuch), fein und säuberlich zusammengefaltet, das wurde aber nicht benützt, o nein, das wurde nur spazieren getragen und zu Hause dann wieder in den Kasten gelegt, um es später wieder zum gleichen Zwecke zu verwenden. Das waren Sitten und Gebräuche, die sich noch lange erhalten haben.
Am ersten Feiertag gegen Abend gingen wir Jungen zum Ackersgustel (August Acker). Er war von Beruf Töpfer, wohnte an der Bahnhofstraße und hatte einen schönen großen Weihnachtsberg ausgestellt, der die halbe Stube einnahm. Da gab es zu sehen die Geburt Christi und viele andere bewegliche Figuren. Der Ackersgustel freute sich, wenn die stattliche andächtige Kinderschar von früh bis abends Wohlgefallen fand an seinem Weihnachtsberg.
Am zweiten Feiertag gingen meine Eltern zum Nachtmohl (heiligen Abendmahl). Am Tage vorher wurde sich beim Herrn Pastor dazu angemeldet und ihm für den Abendmahlswein eine Beisteuer in beliebiger Höhe gespendet. Meine Eltern gaben, so viel ich mich erinnere, 25 Pfennige in einem alten Silberstück, das zu jener Zeit immerhin für unbemittelte Leute einen gewissen Wert darstellte. Bei dem geringen Einkommen war dem Geistlichen nicht zuzumuten, auch noch die Kosten für den Abendmahlswein aufzubringen.
Welch christlicher Sinn wurde gerade zur Weihnachtszeit in das kindliche Gemüt gelegt durch die Beachtung der von altersher bestehenden Sitten und Gebräuche seitens der Eltern. Das haben wir Kinder damals am besten empfunden. Wie glücklich und zufrieden fühlten sich Eltern wie Kinder zur Weihnachtszeit in ihrer Einfachheit und ihren bescheidenen Verhältnissen. Durch den Wechsel der Zeiten aber sind diese alten guten Sitten der Nachwelt leider [24]verloren gegangen und wie lange wird es noch dauern, werden sie alle der Vergangenheit angehören.
So wurde noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Falkenstein Weihnachten gefeiert bei den Alten in fröhlicher Eintracht und Harmonie, bei den Jungen in kindlicher, seliger Lust. War das doch eine schöne glückliche Zeit. Ich werde sie nie vergessen!
Triebtal und Eisenberg bei Jocketa
Von Bernhard Stöckel, Altensalz
Als anfangs der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Schienenweg von Sachsen ins Bayernland gebaut werden sollte, ergab sich nach eingehenden Vorarbeiten, daß zwei große Brücken, nämlich über das Göltzsch- und über das Elstertal nicht zu vermeiden seien. Diese Brücken wurden in den Jahren 1846 bis 1851 aus Bruchstein, Ziegeln und Sandstein bzw. Granit erbaut. – Da die heutige Führung dem Eisenberg bei Jocketa gilt, möge der nahen Elstertalbrücke eine Viertelstunde gewidmet sein. Unweit des Bahnhofs gönnen wir uns zunächst von der Loreley aus einen lohnenden Blick nieder ins Triebtal, und dann bleibe das Auge rechts am oberen Teil der Elstertalbrücke haften. – Die Bogen des zweiten Stockwerks, die wir uns von dem öffentlichen Fußweg aus ansehen wollen, der in halber Höhe des Bauwerks von hüben nach drüben führt, sind etwas größer als die unteren. Wohl sechsunddreißig Meter hoch und ebenso weit, sind diese Öffnungen mit granitnen Wölbungen allein schon bewundernswert. Noch mehr erregen sie Bewunderung, wenn man der Tausende von Eisenbahnreisenden und der großen Lasten gedenkt, die täglich in annähernd einhundertfünfundzwanzig Zügen über sie hinweg rollen: es mögen alle Tage hunderttausend Tonnen oder zwei Millionen Zentner sein. Die Namen der Erbauer der Brücke, Oberingenieur Wilke und Ingenieur Kell, sind in unvergänglicher Steinschrift am Bauwerk angebracht.
Durch einen der unteren weiten Brückenbogen geht die Talbahn Greiz–Plauen und durch einen andern fließt die Elster, mit der sich eben die Trieb vereinigt hat. Die Stelle des Zusammenkommens dieser beiden Gewässer ist bereits im Mittelalter als bemerkenswert beachtet worden: Die älteste vogtländische Urkunde, die bei der Gründung der Johanniskirche in Plauen im Jahre 1122 gegebene Beschreibung der Gau- oder Sprengelgrenze, fängt mit den Worten an »a capite rivi Cocotvia« (von der Mündung des Baches Trieb). –
Das Tal, die »Klamm«, in die wir einzutreten im Begriff sind, ist ein geologisches Naturdenkmal! Die fünfzig bis sechzig Meter hohen und meist steilen Talwände bestehen aus Diabasbreccie, und in diese Felsen hat das Wasser mit seinen Mitarbeitern im Verlaufe von vielen hunderttausend Jahren diese tiefe schmale Rinne eingesägt! Einige der im Flußbett befindlichen Grünsteinblöcke sind als widerstandsfähige Reste anzusehen, die meisten [25]mögen aber von den Steilwänden abgestürzt sein. – Die Trieb, die als »Geigenbach« den Bergener Granitkessel durchfließt, hat bei etwa zweiunddreißig Kilometer Länge vierhundertsechsundvierzig Meter Fall. Kein Wunder also, daß ihr Wasser an engen Stellen über größere steinerne Hindernisse hinwegsetzt. Zu manchen Zeiten wirkt das Getöse der rauschenden, schäumenden Fluten wie das eines großen Wasserfalles. –
Am Wege zur Rechten grüßen »Reinsteingrotte« und »Dr.-Bretschneider-Platz«; beide Stellen sind von Naturfreunden den genannten Wegebereitern gewidmet. – Im Flußbett zur Linken steht hier, etwas schräg aufrecht, ein reichlich meterhoher Steinblock, an dem man ein Frauenantlitz zu erkennen vermag, und am Fuße dieses Blockes liegt eine Platte, auf der von Natur (?) ein Hundekopf eingezeichnet ist. Von einem Felsen am Wege blickt weiterhin ein verwittertes Männergesicht hernieder. – Auf dem nahen Loreleysteg, der bei dem gleichnamigen Felsen über den tosenden Wasserlauf führt, lohnt es sich, kurze Zeit Umschau zu halten. – Weiter flußaufwärts gehend, kommt man an der Kaiser-Wilhelm-Grotte und bei der Wegebiegung an dem Bismarckfels vorüber. Dann sichtet man mehrmals oben einen Rundbau oder Pavillon (König-Albert-Höhe) und der fachmännische Beobachter findet vielleicht am Hange Spuren einstigen Eisensteinbergbaues. Es folgt links die früher vielbemerkte sogenannte Pyramidenwiese (alte, regelmäßig gewachsene Fichten) [28]und rechts geht durch Unterholz ein schmaler Fußsteig hinauf nach dem Vorsprunge des Eisenberges, dessen besondere Merkwürdigkeit der deutlich sichtbare Überrest einer großen Wallanlage aus vorgeschichtlicher Zeit ist (verschlackter Steinwall). Nachdem man, von der Pyramidenwiese kommend, beim Aufstieg einige steinerne Stufen (aus Theumaer Fruchtschiefer) überschritten hat, geht man sofort durch den vorderen oder kleineren (durchgrabenen) Wall hindurch. Der Weg wendet sich dann rechts nach der Alberthöhe mit Ausblick auf Loreley, Elstertalbrücke, einen Teil von Jocketa und die Jößnitz-Steinsdorfer Höhen.
Kurz vor Erreichung des Pavillons ist der Weg durch den hier am Steilhang beginnenden Hauptwall hindurchgelegt. Der von hier in west-östlicher Richtung sich erstreckende, zum Teil doppelte, verfallene Wall ist etwa einhundertvierzig Meter lang und bis zu vier Meter hoch. Die vom schwach bogenförmig angelegten Wall und den steilen Talhängen umfriedete und seiner Zeit etwa durch Verhaue besonders geschützte Fläche auf unserem, von der Trieb umflossenen Bergvorsprung mißt ungefähr vier Hektar.
Die ganze Anlage der Bergfestung, jedenfalls aber die durch Nachgrabungen ermittelte Bauart dieses Walles mit längs und quer geschichteten Balken und mit Steinen ausgefüllten Zwischenräumen ist nach Professor Feyerabend, [29]Görlitz, entschieden keltisch. Das schließt aber nicht aus, daß der Ansatz zur Befestigung schon viel früher gemacht wurde. Eine ganz ähnliche Anlage ist der Buigenwall in Württemberg, der ebenfalls teilweise verschlackt ist und von der Brenz umflossen wird. Am Boden des inneren Randes des Eisenbergwalles wurden bei der Durchgrabung die üblichen Überreste einer vorgeschichtlichen Siedlung wie Getreidekörner (Weizen, Gerste, Erbsen), Spinnwirtel und dergleichen, sowie viele Tonscherben aus der Bronze-, Hallstatt- und La-Tène-Zeit gefunden. Wie im östlichen Deutschland werden auch hier Leute mit sogenannter »Lausitzer Kultur« ansässig gewesen sein (Illyrier), die bekanntlich vor etwa zweitausendfünfhundert Jahren den von Westen vordringenden »Kelten« weichen mußten. – Den Anlaß zur Sicherung des Bergvorsprunges am Eingang ins Triebtal dürfte das eine reichliche Stunde flußaufwärts entfernte Salzwasservorkommen gegeben haben (»Altensalz«). Nach dem Zurückweichen der Kelten vor den von Norden kommenden Germanen haben letztere wahrscheinlich von der Feste Gebrauch gemacht. Sie werden auf dem Rücken des Berges ihre Feste und Zusammenkünfte, besonders die Sommersonnwendfeier, das spätere Johannisfest, abgehalten haben, das sich als Kinderspielfest mit Topfschlagen usw. und auch als landläufige Zeitangabe (zu »Gehanne«) bis weit ins vorige Jahrhundert hinein in der Umgegend erhalten hat. Der Berg ist ringsum von einem förmlichen [30]Höhenkranze umgeben, so daß eine Verständigung mit den im »Kreise« wohnenden Siedlern durch Zeichen unschwer stattfinden konnte. Nach dem Zusammenbruch des mächtigen Hermunduren- oder Thüringer Reiches (531), vielmehr nach der Völkerwanderungszeit, werden sicherlich bald Slaven auf dem Eisenberge Fuß gefaßt haben. Anscheinend haben sie den zusammengestürzten Wall durch Erdaufschüttung erhöht und am östlichen Steilhang ein wenig geradeaus verlängert. Auf dem Bergvorsprung sind vor einigen Jahren Scherben aus der späten Slaven- oder frühen Kolonisationszeit gefunden worden. – Als alte Orts- und Flurnamen im Bereiche des Eisenberges sind besonders hervorzuheben: Cocotvia (Gocke, Jocketa), Röttis, Beel (Pöhl), Joansgrune (Gansgrün), Möschwitz, Chrieschwitz, Jößnitz, Thoßfell und Zobes; ferner Burkhardt, Altliebau, Dobris, Ganshübel (Joanshübel), Gunzenberg, Ziegenrück, Camera und Lauspöhl bei Altensalz. – Nach Professor Johnson läßt sich der Name »Eisenberg« fünfhundert Jahre zurück nachweisen, er ist aber vermutlich schon seit der deutschen Kolonisation in dieser Form gebraucht worden. – Freilich werden schon vorher, vielleicht bereits in der keltischen Zeit kleine Eisenmeiler daselbst betrieben worden sein. Aber in Anbetracht der vielen anderen Eisenerzfundstellen in der Gegend ist es trotzdem zu bezweifeln, daß der Berg nach dem Metall Eisen benannt worden sei. Die [31]Alten werden für ihren stark befestigten Stützpunkt und Kultplatz eine ähnlich lautende Bezeichnung angewandt haben, die bei Einzug des Christentums verpönt wurde. Die besondere Stellung des Eisenberges, von welchem in der Sächsischen Kirchengalerie von 1843 berichtet wird, daß daselbst eine »Burg« gewesen sei, geht daraus hervor, daß er überhaupt bis zum Jahre 1560 in der Hand des Landesherrn verblieben und nicht an Lehnsleute vergeben worden ist. »In allen den vielen Urkunden über Besitz- und Zinsrechte in Möschwitz und Pöhl ist der Eisenberg nicht erwähnt, jedenfalls aus dem Grunde, weil er überhaupt nicht an Privatbesitzer übergegangen war« (Johnson).
Über den Eisensteinabbau auf dem Berge genügen an dieser Stelle wenige Mitteilungen: Erze werden etwa um und nach der Zeit der Reformation in größerer Menge gewonnen und im Tale gehämmert, gemahlen und überhaupt verarbeitet worden sein. 1542 wird Adam Röder zu Pöhl als Besitzer eines Eisenhammers daselbst erwähnt und talwärts stand eine »Eisenmühle«. Die kleinen Bergwerke sind jedenfalls während des Dreißigjährigen Krieges zum Erliegen gekommen und »zum guten Teil erst nach dem Siebenjährigen Krieg wieder in Gang gebracht worden; sowohl nach dem Elster- und nach dem Triebtale, wie nach der Spitze des Berges zu wurden dabei viele alte Schächte vorgefunden, deren Alter sich nicht angeben läßt«. Die periodisch gewonnenen Eisensteine (Brauneisenerz) wurden aber von dieser Zeit an bis zum Erlöschen des Bergbaues in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr im Pöhler Hammer verarbeitet, sondern nach Rautenkranz, Morgenröthe oder Schönheider Hammer verkauft. Sobald auf den einzelnen Gruben die Wässer nicht mehr abliefen, d. h. die Talsohle ziemlich erreicht war, wurde der Weiterbau aufgegeben. – Zu Kriegszeiten und zuletzt auch noch im Jahre 1806 suchte ein Teil der Bewohner von Pöhl mit ihrem Vieh Zuflucht »in verborgenen Schluchten« des Eisenbergs, abseits von der durch den Ort führenden alten (südnördlichen) Heeresstraße.
Auf dem Gipfel des Berges steht seit dreißig Jahren ein massiver Aussichtsturm, der Charlottenturm, erbaut vom Verein der Naturfreunde zu Plauen (Vogtl.). Der Turm ist auf einem gekennzeichneten Wege zugängig und bietet noch einige Jahre eine schöne Rundsicht, bis ihm die nahen Fichtenbäume über den Kopf gewachsen sind.
Die Forstverwaltung des Rittergutes Pöhl beabsichtigt, von der einseitigen Nadelholzkultur nach und nach zur Anpflanzung von Mischwald und reinem Laubwald überzugehen. Dann wird sich der Eisenberg in hellgrünem und im Herbste mehr in buntem Gewande zeigen.
Wie unsere germanischen Voreltern stehen auch wir teilweise noch – trotz Auto und Radio – im Banne der hochaufragenden, vom Winde belebten Waldbäume, der »Heiligen Hallen«, und der im kühlen Grunde rauschenden Wellen.
Schriftleiter Erwin Belger, Plauen, ein Opfer des Weltkrieges, hat kurz vor seinem Weggange aus dem Vogtlande, als er noch einmal von dem steilen [32]Hange am Friedrich-August-Stein (bei Röttis) in das Wald- und Flußgebiet hineinschaute, seinem Empfinden in folgenden Strophen Ausdruck gegeben:
Die »Wilde Sau« und ihr Gästebuch
Von G. Lampadius, Grimma
Ein bildschöner Nachmittag Mitte Juli 1884. Strahlendblau der Himmel, an dem kein Wölklein hing. Aber nicht minder strahlend die Stimmung der drei jungen Schulfüchslein, die, darunter ich, aus Freibergs Mauern auf der Hainichener Straße dahintraben. Anfang der großen Ferien und die Erlaubnis, nach Hause nicht mit der Bahn, sondern auf Schusters Rappen zu kommen. Hainichen, wo der jüngste zu Hause ist, ist bald erreicht. Wir beiden anderen haben weiteres Ziel: Leipzig. Bis zum Abend kommen wir noch bis Rossau mittwegs zwischen Hainichen und Mittweida, unmittelbar am Rossauer Walde gelegen. Gewitterschwüle, die sich schließlich entlädt, Strohsäcke, dicke Betten. Aber trotzdem fester Schlaf der Jugend. Am nächsten Morgen weiter nach Mittweida und durchs Zschopautal, dort, wo jetzt leider die große Talsperre angelegt werden soll, an Kriebstein vorbei nach Waldheim. Dann geht’s auf die uralte Landstraße, die einst gebaut wurde, Böhmen von Brüx über Sayda, Öderan, Hainichen, Waldheim, Colditz mit Leipzig und Magdeburg zu verbinden, die übrigens Goethe 1813 bei der Rückkehr von Dresden auf der Fahrt von Waldheim nach Rochlitz wenigstens das Stück bis zum sogenannten »Kreuz« bei Hartha benutzt hat. Heiß sticht die Nachmittagssonne. Da lockt rechts an der Straße nach etwa zweistündigem Marsch von Waldheim ein stattlicher Gasthof. Wir biegen ab. Am Eingang grüßt an der Wand das nachersichtliche Bild mit seiner Über- und Unterschrift.
So kam ich das erstemal zur »Wilden Sau« und hielt drin fröhliche Rast. Als ich dann nächsten Tags über unsere Fahrt dem Vater schuldigen Bericht erstattete, da lobte er wohl die Einkehr in der »Sau«. Auch er sei dort als Student und Kandidat auf der Wanderung von Freiberg nach Leipzig und umgekehrt öfters über Nacht geblieben. Nicht aber erzählte er – ob, weil es seinem Gedächtnis entschwunden oder aus erzieherischen Gründen? – vom Studentengästebuch und daß er selbst als Kandidat im Dezember 1836 sich also darin eingetragen habe:
[33]
W. A. Lampadius, cand. theol.
Das erfuhr ich erst zehn Jahre später nach Vaters Tode durch meinen inzwischen nun auch schon heimgegangenen Freund, den späteren Bürgermeister von Freiberg, Dr. Alfred Hase, der mir die fröhlichen Verse abgeschrieben hatte.
Seitdem bin ich oft zur Wilden Sau hingewandert und habe am Behagen ihrer traulichen Gaststube und an dem alten Gästebuch mich erfreut.
Wohl ist über Gasthof und Buch schon des Öfteren berichtet: So sehr ausführlich vom Schriftleiter Hecht in der Beilage »Heimat und Welt« zum Waldheimer Tageblatt und kürzlich von Dr. Kell, dem Großneffen eines der Stifter des Gästebuch, in den Leipziger Neuesten Nachrichten. Aber dennoch ist vielleicht gerechtfertigt, gerade in diesen Blättern die Erinnerung an Gasthof und Buch festzuhalten.
Der Gasthof hat seine jetzige Gestalt, wie die Unterschrift auf dem vorhin erwähnten Bilde lehrt, 1768 erhalten. Die beiden unten eingefügten Bilder zeigen ihn, das mit dem Anbaue auf Pfeilern, von Südost, das mit der Linde, [34]von Süden. Die Wirtschaftsgebäude, die auf dem letzteren teilweise zu sehen sind, waren 1916 abgebrannt. Pastor Eisemann aus dem benachbarten Gersdorf schildert das Bild der Zerstörung, das sie damals boten, im Gästebuch sehr beweglich. Sie sind dann neu aufgebaut worden. Nicht ganz im Einklange mit dem so malerischen Hauptgebäude. Immerhin aber doch recht anständig, so daß das Bild des alten Gasthofes nicht beeinträchtigt wird. Die Aufnahme von Süden her läßt nicht ganz erkennen, wie behaglich der stattliche Gebäudekomplex an der Straße steht. Gerade der Eingang zum Gasthofe ist hier tief beschattet und was von den beiden Linden zu sehen ist, läßt eben nur ahnen, wie die wunderschön gewachsenen Bäume schützend als Wächter des Grundstücks vor dem offenen Hofraum ihre Arme breiten.
Die »Wilde Sau« gehört zu Schönerstädt, einem stattlichen Dorfe mit großen Höfen und einer alten Kirche mit breitem Turmbau, den ein schlanker Dachreiter krönt. Es erstreckt sich einige hundert Meter nördlich von der Landstraße in einer kleinen Talmulde. Die »Wilde Sau« ist eben seinerzeit offenbar an die Straße vorgeschoben worden, um den Verkehr auf dieser aufzufangen. Auch jetzt ist dieser noch ganz erheblich, wenn auch Autos überwiegen, die am Gasthofe vorbeiflitzen. Früher aber, vor allem zu Zeiten der Messe, muß er ein ganz außerordentlich lebhafter gewesen sein. Sind doch noch Anfang des 19. Jahrhunderts auf einem Gehöft des Dorfes Schönerstädt bis dreißig Vorspannpferde gehalten worden.
Ihren Namen hat die »Wilde Sau«, wie auch das Bild neben dem Hauseingange zeigt, daher, daß die Wälder, die früher sich in dieser Gegend meilenweit erstreckten, bei überhaupt reichem Wildbestand, vor allem auch einen solchen an Wildschweinen hatten. Kamprad (Chronik von Leisnig und Colditz Seite 572) berichtet von einer 1583 abgehaltenen Sauhatz im Colditzer Wald, wobei ein Wildschwein im Gewicht von sieben Zentnern erlegt wurde und von einer Jagd im Jahre 1608, bei der sechshundertvierundfünfzig wilde Schweine gefangen wurden. 1739 sei eine Sauhatz gehalten worden, bei der beide königliche Majestäten und ein Hofstaat von einhundertvierzig Personen drei Tage in Colditz sich befunden hätten.
Details
Über die Besitzverhältnisse an der Wilden Sau habe ich mich nur insoweit unterrichtet, als das Grundbuch in Leisnig und ein Vermerk in dem neuen Bande des Gästebuchs Auskunft gibt. Darnach befindet sich der Gasthof seit Mitte des 18. Jahrhunderts im Besitze der Familie Heinse beziehentlich mit dieser Familie Verschwägerter. Der jetzige Besitzer Max Kurt Streul ist der Sohn des Moritz Streul, Ehemanns der Thekla geborenen Heinse. Der letzteren Großmutter war, nachdem sie von ihrem ersten Mann Johann Christian Heinse verwitwet war, in zweiter Ehe mit Christian Gottlob Seidel verheiratet. Bereits im Jahre 1548 muß das Grundstück aber in privatem Besitz gewesen sein. Denn im Grundbuche war auf Grund des Amtserbbuches von diesem Jahre eingetragen, daß ein Lehngeld an das Rentamt Leisnig zu entrichten sei.
In die Zeit, während der genannte Seidel den Gasthof bewirtschaftete, fällt nun die Anlegung unseres Gästebuchs. Sie geschah 1836 seitens eines Freundeskreises von Leipziger Studenten, der sich unter dem Namen R. C. U. (Res publica cachinans Utopia = Lachende Studentenrepublik Wolkenkuckucksheim) am 28. Juli 1834 vereinigt hatte. Dem Buche, einem handlichen Quartbande von Büttenpapier, ist die nachfolgend wiedergegebene Widmung vorgeheftet:
Caro
Seidelio
Viro Semidocto
Cauponi Honestissimo
Hospitii per multos annos probe ac
fideliter praebiti hunc librum praemi
um dedicant
aliquot Musarum et Bacchi amici,
ut in hac caupona nobilissima omnium, qui ab hoc hospite liberaliter
excepti erunt, exstet perennis memoria.
R. C. U.
Zu deutsch:
Die Buchstaben R. C. U. unter der Widmung waren lange Zeit rätselhaft. Ein Sohn des im Buche an erster Stelle eingetragenen Kandidaten der Theologie Julius Kell hat im Vogtländischen Anzeiger vom 27. September 1895 nach dem Tagebuche seines Vaters die oben in Klammer beigefügte Erklärung gegeben. Und sein Großneffe Dr. Kell schreibt in seinem oben erwähnten Aufsatze wohl in Anlehnung an Niederschriften in jenem Tagebuche über die Res publica cachinans Utopia:
»Es war ein Freundschaftsbund von acht Studenten, die sich unter den damals verbotenen großdeutschen Farben – die dem Gästebuche vorgeklebte Nachbildung des Wappens der R. C. U. zeigt sie in der Helmzier – den schwermütigen Scherz machten, ihre für Deutschlands Freiheit und Einheit begeisterten Herzen nach Utopien zu versetzen und in freien Vorträgen sowie Besprechungen über Börnes Briefe und Lamennais’ »Worte eines Gläubigen« ihrer Begeisterung beredte Worte zu leihen, die – ganz im Sinne der Empfindsamkeit – zuweilen von hellen Tränen begleitet waren.«
[38]
Und nun zum Inhalte des Buches selbst:
Naturgemäß enthalten seine Einträge zum guten Teile studentischen Ulk und zielen ab auf Verherrlichung »des Stoffes«, insbesondere im Anfange, des von Vater Seidel verschänkten vortrefflichen Erlanger Bieres. Aber daneben sind doch auch ein gutes Teil Einträge ernsteren Inhaltes zu finden, vor allem auch von älteren Akademikern, die längst die Studentenjahre hinter sich haben und in der Sau wieder einkehren, um alte Zeiten vor sich erstehen zu lassen. Und alles in allem hat das Buch jedenfalls als Quelle für die Erkenntnis studentischer Sinnesrichtung, studentischer Gepflogenheiten, ja darüber hinaus, als Zeit- und Kulturspiegel bleibenden Wert.
Im Anfang, als die Eisenbahn noch nicht ging, handelt es sich zu allermeist um Einträge solcher, die in der »Wilden Sau« auf dem Hin- oder Rückwege nach oder von Leipzig übernachten. Wobei übrigens immer davon die Rede ist, man komme aus der oder wolle in die »Provinz«. Unter den Einkehrenden überwiegen weitaus die Erzgebirgler, aber auch Dresdener oder Lausitzer stehen eingetragen. Von den Fakultäten kommen an erster Stelle, wenigstens so lange es sich um Übernachter handelt, die Theologen. Sie waren eben vielfach wohl die weniger Begüterten, die zur Alma mater wandern und deshalb unterwegs übernachten mußten. Später sind auch die anderen Fakultäten etwa gleichmäßig vertreten. Auch Bergstudenten tauchen auf. Neben Sachsen kommen [39]Bayern, Braunschweiger, ein Frankfurter, ein Siebenbürge, Preußen. Neben solchen aus Leipzig, Jenenser, Münchner, Heidelberger Studenten. Von Leipziger studentischen Korporationen erscheint zuerst die Burschenschaft Germania, von den Korps die Sachsen und Meißner, von den Landsmannschaften die Grimmenser, ferner die Sängerschaften Paulus und Arion u. a. m. Sind ursprünglich nur Semesterbeginn oder Semesterschluß und die Weihnachtsferien Anlaß zur Einkehr, so stellt sich von den fünfziger Jahren ab der Student auch lediglich als Ausflügler in der Sau ein.
Die Einträge sind in den ersten zwanzig Jahren sehr häufig, später immerhin nicht selten in lateinischer Sprache abgefaßt, einige in recht flüssigen Versen.
So schreibt einer der R. C. U.-Freunde unter seinem Kneipnamen Schwenekfeld, unter dem sich, wie Dr. Kell feststellt, Dr. Preußer, der spätere Herausgeber des Thieme-Preußerschen englischen Wörterbuchs verbirgt:
Frei übersetzt:
[40]
Die alte Weisheit:
wird mehrfach, das erstemal 1838 niedergeschrieben und 1850 vom späteren Rochlitzer Rechtsanwalt Gülde verdeutscht:
Auch griechische Einträge, allerdings meist Zitate, finden sich; ebenso zwei hebräische.
Vielfach wird die Semesterzahl beigeschrieben. Ein Philologe zeichnet als zwölftes Semester und wird deswegen im nächsten Eintrage gefragt, ob er es zum Troste aller Füchse tut, oder um derartigen Neulingen Respekt vor seinem akademischen Greisenalter einzuflößen. Rechtsanwalt Mirus weithin bekannt als einstiger Besitzer des schönen Rosengartens am Abhange des Leisniger Burgfelsens und liebenswürdiger Kunst- und Altertumsfreund unterschreibt als 111. Semester.
1838 erscheinen zum ersten Male Einträge von Grimmenser Fürstenschülern, die dann immer einmal wiederkehren. Erschütternd einer aus dem Jahre 1912. Denn bei fünf von sieben Namen ist später das Sterbekreuz, weil die Träger im Weltkriege fielen, beigefügt.
Solche Vermerke über Lebensschicksale Eingetragener finden sich übrigens oftmals. Gleich bei dem ersten Eingetragenen, dem Mitstifter des Buches, Julius Kell, die Beischrift: »Ich kenne zwar die Gründe nicht«. Womit, wie sein Großneffe Dr. Kell berichtet, festgestellt werden sollte, daß er derjenige Abgeordnete im 48er sächsischen Landtage war, der die Gründe der Regierung »Zwar nicht kannte, aber mißbilligte«. Bei weiteren Eingetragenen ist beigeschrieben, was sie im späteren Leben geworden sind: Professor, Gerichtsdirektor, Oberlandesgerichtsrat, Landgeistlicher, Superintendent usw. Bei dem am 12. September 1839 eingetragenen Studenten der Rechte, Wilhelm Adolf von Trützschler ist angemerkt: »Erschossen zu Mannheim 1849«. Er hatte sich führend an dem badischen Aufstande beteiligt und war vom Kriegsgericht in Mannheim zum Tode verurteilt worden.
Beide Vermerke gehören zu den Bekundungen, mit denen das Buch auf Zeitereignisse Bezug nimmt. Sie sind nicht gerade häufig, aber fehlen eben doch auch nicht ganz. Gar kein Eintrag ist allerdings vorhanden, der das, was 1870 uns brachte, berührte. Wie denn überhaupt von 1873 bis 1886 ein starkes Nachlassen der Einträge festzustellen ist. Ebenso haben die Ereignisse von 1848, abgesehen von einem belanglosen Verschen, keinen Widerhall in dem Gästebuch gefunden.
Details
Dagegen spiegeln Einträge des Jahres 1845 politische Vorgänge, die sich im August desselben Jahres in Leipzig abspielten, wieder. Von der sächsischen Regierung war am 17. Juli 1845 eine Bekanntmachung erlassen worden, in der sie sich gegen liberale kirchliche Strömungen wendete. Diese Bekanntmachung hatte in liberalen Kreisen außerordentlich böses Blut gemacht. Als daher Prinz Johann, der nachmalige König, am 12. August 1845, wie alljährlich [42]in Leipzig eine Musterung der dortigen Bürgergarde abhielt, kam es, da er als Seele der kirchlichen Reaktion galt, auf dem Roßplatze vor dem Hotel de Prusse zu einem ernstlichen Auflaufe. Als zu dessen Beseitigung Militär angerufen und von diesem geschossen wurde, war die Erregung eine ungeheure, und führte am folgenden Tage zu einer nach Tausenden zählenden Volksversammlung unter Robert Blums Leitung. Deren Teilnehmer zogen dann vors Rathaus und erreichten, daß der Rat der Stadt Leipzig versprach, die Aufrechterhaltung der Ordnung solle ausschließlich der Bürgergarde, nicht dem Militär, übertragen bleiben. Zur Verstärkung der ersteren wurden Studentenkompagnien gebildet. Eine ganze Reihe von Einträgen bezeichnet die Einschreibenden als Angehörige dieser Kompagnien. Einer vermerkt sogar – doch wohl ironisch –: »Teilte die ruhmvollen Waffentaten der Leipziger Augusttage mit der 15. Komp.«
Ein weiteres politisch oder doch mindestens volkswirtschaftlich wichtiges Ereignis, dessen gedacht wird, ist das Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs für Sachsen von 1863. Ein Eintrag von 1864 singt davon, daß der alte Codex Justinianeus rum rum sei, und nur noch als Notnagel in Frage komme.
Die Beziehungen des Studenten zum Militär spielen mehrfach eine Rolle. Einträge 1837 handeln davon, daß der eine eine Glücksnummer zog und so vom Dienst beim Heere frei kam, (man konnte sich bekanntlich damals freilosen), während der andere, der von ihm gezogenen Losnummer ein »Pereat« bringt, weil er »Als stockgemeiner Schütze vom ersten Bataillon der fröhlichen Studentenwelt auf der Wilden Sau ein tristes Lebewohl sagen müsse«. Auch verschiedene Manöver, die die Wilde Sau berührt haben, haben im Gästebuch ihre Spuren hinterlassen. Viele Akademiker, die im bunten Rocke steckend, daran teilnahmen, haben sich eingetragen. Im Kaisermanöver 1912 – ob auch als alter Akademiker, vermochte ich nicht festzustellen –, Franz, Prinz von Bayern, mit seinem Stabe.
Aus der Zeit des Weltkrieges seien drei Einträge hervorgehoben.
Einer vom Ostermittwoch 1916:
Es ist eine große Ruhe im Lande, noch mehr aber in den einsamen alten Höfen an des Landes Straßen;
einer vom 2. August 1916:
und endlich:
letzterer von einem Grimmenser Abiturienten.
Gelegentlich haben sich natürlich auch Nichtakademiker eingetragen. Wenn sich’s um Männer, wie den vortrefflichen Flötisten des Leipziger Gewandhauses, [43]Maximilian Schwedler, handelt, der 1919 mit seiner Frau in der Wilden Sau übernachtete, soll gewiß nichts dagegen eingewendet werden.
Ziemlich am Ende des alten Buches, 1924, findet sich auch eine sehr hübsche Zeichnung. Sie stammt von dem bekannten schlesischen Radierer Dr. Paul Aust aus Hermsdorf u. d. Kynast. Er hat Ende der achtziger Jahre in München Pharmazie studiert, 1907 den Apothekerberuf aufgegeben und lebt nun ganz der Kunst in seiner schlesischen Heimat. Das Bildchen stellt die Enkelin des alten Moritz Streul dar.
Und nun zum Schluß noch einige besonders vergnügte, oder doch sonst für den Geist des Buches charakteristische Einträge, wobei übrigens mit besonderer Genugtuung festgestellt sei, daß im ganzen Buch auch nicht ein einziger Eintrag anstößigen Inhalts zu finden ist.
Zunächst einige aus der ältesten Zeit:
Da schreibt stud. jur. Sachse aus Freiberg unter dem 30. März 1836:
Am 10. Mai desselben Jahres dichtet stud. jur. Zumpe aus Dresden:
Kurz und bündig meldet der stud. med. F. Körner im Dezember 1837:
Ein Theologe berichtet am 2. Dezember 1837:
[44]
Ein anderer läßt sich am Semesterschluß 1838 hören:
Der aber klagt, daß er nun ins Philisterium muß:
Übrigens derselbe Theologe, dem es oben vor dem bevorstehenden Examen grauste.
Aus demselben Jahre endlich nochmals der oben schon angezogene Dr. Preußer (vulgo Schwenekfeld), der in liebenswürdig gelassener Philosophie sich vernehmen läßt:
Im März 1842 singt der später noch oft wiederkehrende stud. theol. Ernst Eckardt, später Schulinspektor:
Und jetzt solche aus späteren Jahren:
1873:
1892:
1894:
1896 auch einmal ein Lob auf des Wirtes Töchterlein:
Endlich aus dem Jahre 1907 eine Mahnung, die verdient, auch in Zukunft nicht außer acht gelassen zu werden:
Wie 1836 Studenten nach der Wilden Sau im Schlitten gelangten, zeigt auf Seite 33 die Wiedergabe einer reizenden kleinen farbigen Zeichnung, die Dr. Kell mir aus dem Tagebuch seines Großvaters Carl Rudolf Kell – unter dem Namen Vos gleichfalls im Gästebuch eingetragen –, freundlich zur Verfügung stellte.
Die anmutige Winterlandschaft, die so fein gezeichneten Gesichter der Musensöhne und die Pracht ihrer Schlafröcke, die sie, wie das Tagebuch berichtet, »der Wärme wegen übergezogen hatten«, wirken farbig ja noch viel reizvoller.
Für jetzt aber bleibt nur zu wünschen, daß auch künftig recht oft Akademiker und sonstige Freunde alten Brauches und der Heimat den Weg zur »Wilden Sau« finden möchten. Die neue Autolinie Colditz–Waldheim hat ihn ja sehr bequem gemacht. Sie hat sogar eine Haltestelle an unserem alten Gasthofe eingerichtet. Wer lieber wandert, der kann von Leisnig über die unterhalb der früheren Infanteriekaserne gelegene Liebchensmühle, den Hasenberg, Seifersdorf; von Rochlitz über Geringswalde, das Rinnmühlental und Langenau; von Colditz durch den Tiergarten und über Zschirla, Raschütz; endlich von Waldheim über den Mühlweg, Aschershain, durch die Fröhne, den Sörnziger Wald und Langenau, vielfach im Waldesschatten, allenthalben aber auf, besonders zur Frühlingszeit und im Herbste, anmutigen Wegen zur »Wilden Sau« gelangen. Vivant sequentes!
Fußnote:
[1] Name für Lichtenhainer Holzbierkännchen.
Weihnachten im Oskar-Seyffert-Museum
Von Richard Bürckner, Dresden
»Hier ruht Frau Johanna Konkordia Schaarschmidt, eine geborene Schaarschmidt. Sie wurde geboren den 3. September 1776, verehelichte sich im Jahre 1796 mit dem damaligen Junggesellen Joh. Ernst Schaarschmidt, Erbbegüterter allhier, lebte mit demselben in der Ehe siebenunddreißig Jahre, zeugte sieben Kinder, wovon eins in die Ewigkeit voranging. Von diesen erlebte sie fünfunddreißig Enkel und 30 Urenkel. Fünfundzwanzig Jahre lebte sie als Witwe, brachte ihr Alter auf zweiundachtzig Jahre, fünf Wochen, zwei Tage und starb den 15. Oktober 1858 und ruht nun wieder vereint mit ihrem Gatten in einem Grabe.«
Wie viele von den Tausenden, die zu Weihnachten ins Landesmuseum gekommen sind, haben die Grabschrift gelesen? Die gute Witwe Schaarschmidt brauchte gewiß nur wenige ihrer dreißig Urenkel dazuzunehmen, um an den Fingern die paar Leute abzuzählen, die in den Tagen vom 17. Dezember bis [47]zum 1. Januar ihr die Ehre bezeigt haben, das Türchen an ihrem schmiedeeisernen Grabkreuz zu öffnen und in ihrem Lebensbuche zu blättern. Dabei steht das Kreuz dort, wo die Weihnachtsfeiern stattfinden, wo die Leute, ehe es »losgeht«, gelangweilt herumsitzen auf der eisenbeschlagenen Truhe aus Niedersteinbach, auf dem alten schwarzen Kriegskasten, auf herbeigeschleppten Hockern, als ob sie auf wer weiß was für eine »Schau« warten müßten.
Das Schicksal der Grabschrift ist bezeichnend. So sehr wir uns freuen über die Scharen von Weihnachtsbesuchern, so sehr bedauern wir, daß das Museum als solches bei sehr vielen zu kurz kommt. Hunderte von eigenartigen, von schönen Dingen werden mit dem Blicke kaum gestreift, viel weniger besehen, noch weniger betrachtet, ihre Schönheiten mit innerer Anteilnahme aufgenommen. Man mag sich nicht bei ihnen aufhalten, ebensowenig wie bei Frau Schaarschmidts Grabschrift.
Wie überall, gibt es unter unsern Besuchern »Enttäuschte«. Das sind nicht bloß jene, die »so zeitig« gekommen und doch unglücklich sind, weil sie wegen der vielen Menschen, die nun vornstehen, nicht jedem Sänger, jeder Sängerin in den Mund gucken, dem Hofrat nicht jedes seiner Weihnachtsworte von den Lippen weglesen können. Seid ihr denn taubstumm? Enttäuschte sind es auch, die da sagen: Bloß die paar Christbäume? Ich dachte, man könnte sehen, wie das ganze Museum weihnachtlich »angeputzt« sei. Wäre es nicht wunderschön, wenn z. B. die Bergspinnen, die das ganze Jahr so dahängen, durch bunte Papierketten miteinander verbunden würden, wenn Tannenranken gespannt, Weihnachtskränze aufgehängt wären, vielleicht mit Goldband umwunden. Das wäre Sache! –
Ihr guten Leute! Ihr gleicht jenen, die sich nichts ansehen, insofern als auch euch die Museumsdinge Nebensache sind. Nein, die sollen nicht zum Zurücktreten gezwungen werden, sie sollen trotz der Christbäume Hauptsache sein.
Sie sind es auch hier in unsern der Erinnerung an Weihnachten im Landesmuseum gewidmeten Zeilen. Aber der Flachs sämtlicher Spinnrocken im Museum reichte nicht aus, wollten wir den Erinnerungsfaden so lang spinnen, daß er alle die weihnachtlichen Dinge im Museum umfaßte vom Weihnachtsberg und der großen Drehpyramide im erzgebirgischen Spielzeugzimmer bis zu den Weihnachtsleuchtern und -männern, -engeln und -sternen. Wir beschränken uns auf die drei Dinge, die wir hier zeigen können.
Zuerst blicken wir auf die Maria mit dem Kinde; Abbildung 1. Sie steht den Leuten, die, wie wir oben erzählt haben, warten, daß es »bald losgeht«, gerade gegenüber. Ich möchte wissen, wie viele von ihnen sie überhaupt gesehen hätten, wenn der Hofrat in seinen weihnachtlichen Worten nicht von ihr erzählte. Sie hat es ihm anvertraut, daß sie seit dem Jahre 1425, aus dem sie etwa gekommen sein mag, schon manche Weihnachtsfeier erlebt habe mit Lichterglanz und Kerzenschein, mit Weihrauchduft und Lobgesang. Aber wenige hätten ihr so gefallen wie die schlichten Feiern im Landesmuseum, bei denen von Kindern und jungen Mädchen – die höre sie besonders gern – so schön und, zwar nicht ganz so schön, aber frisch und herzlich von so vielen [49]andern Leuten gesungen werde. Wenn der Hofrat so oder so ähnlich sagt, dann, ich wette, bemerkt mancher, bemerkt manche erst, daß da eine Maria steht. Man ist doch nicht »wegen der« gekommen! Erfreulicherweise kann aber berichtet werden, daß nach der Feier dieser oder jene vor die Maria tritt und sich still an ihrer Schönheit freut. Zuletzt achtet der Beschauer wohl auch auf das Gewand mit den vielen Falten und Faltenenden. Er vergleicht es unwillkürlich mit dem ebenfalls holzgeschnitzten blauen Vorhang und findet, daß dessen Falten ganz anders gezogen sind, ganz anders enden. Wie kommt denn das? Lieber Freund, hole dir vorn am Eingang den Führer durch das Museum, der dir vorhin schon durch sein lustiges buntes Titelbild aufgefallen ist. Der Hofrat selbst hat ihn geschrieben. Dort kannst du erfahren, was du wissen willst und zur Erhöhung deiner Freude wissen solltest.
Jede Weihnachtsfeier im Museum besteht aus zwei Teilen, einem ernsten, durchaus weihnachtlich gestimmten unten im Raum der Grabkreuze mit seinem vortrefflichen Schall und einem zweiten bei Volksliedern und fröhlichen Geschichten oben im Volkstrachtenraum. Die Pause zwischen beiden Teilen haben wir letzte Weihnachten zum ersten Male zu kurzen Führungen benutzt, die Schreiber dieser Zeilen veranstaltete. Es war jedesmal eine Freude, das Staunen zu sehen, mit dem die innere Verschiedenheit der beiden Weihnachtskrippen im kleinen Raume neben der »guten Stube« von vielen zum ersten Male empfunden wurde. Tief im Innern der Nische, wie umflossen von der Klarheit himmlischen Lichtes, die gekrönte Himmelskönigin mit dem Jesusknaben. [50]Der leuchtende Strahlenkranz, das gelbe Gewand, der kostbare Mantel erhöhen ihre Herrlichkeit. Hirten und Könige huldigen. Heimisches, kleines Getier bei den Hirten, fremdes, gewaltiges bei den Königen, in ihrem prächtigen Zuge. Gegenüber die andere Krippe. Eine Waldecke. Bescheiden und doch überglücklich Maria mit dem Christuskinde, Joseph in ihrer Nähe. Drüben bei der Himmelskönigin vermißten wir ihn gar nicht. Hier aber muß er dabei sein. Es ist, als ob er die Hirten herangeführt habe, weil sie sich nicht nähertrauten. Rechts die Weisen aus dem Morgenlande. Keine Krone, kein Gefolge. Aus dem halbgeöffneten Schrein blitzen zwar Gold und Perlen hervor, aber nur an der Krippe drüben bewundern wir die Pracht; hier ergreift uns die Schlichtheit.
Erinnerungsraum an Leutnant Hans Seyffert, gefallen im Weltkrieg
Unserm Grundgedanken getreu haben wir zuerst den Museumsbildern die Ehre gegeben. Nun zu den Christbäumen. Manch lieber Freund wird den seinen, manch treue Helferin den ihren, mancher Besucher einen ihm besonders lieb gewesenen auf den Bildern vermissen. Wir bitten herzlich, uns deshalb nicht gram zu sein. Christbäume photographieren, das ist schwierig. Die meisten Bäume, so hübsch sie im Museum aussahen, hatten mit dem Reize der Farben oder des glitzernden Goldes im Bilde so viel verloren, daß ihre Wiedergabe hier ein Fehler gewesen wäre. Aus dem gleichen Grunde haben wir darauf verzichten müssen, eine oder die andere aus dem reichen Schatze der [52]Kinderarbeiten abzudrucken, die während der Weihnachtstage das Sitzungszimmer des Museums füllten. Der ganze Raum strahlte von Christkind- und Weihnachtsfreude. Die unerschöpfliche Phantasie fröhlich schaffender Knaben und Mädchen feierte »Weihnachten überall«. Farbe und Licht liehen den Formen das Leben; es war hier nicht wiederzugeben.
Ernsthafter noch als daheim tritt im Museum die Frage auf: Wohin stellen wir den, wohin jenen Baum? Mancher kann hinkommen, wo gerade noch Platz ist, manch andrer verlangt seinen Raum, der Raum verlangt ihn. Ein vortreffliches Beispiel dafür, wie Raum und Baum zusammengehen, bietet unser Blick in die »gute Stube«. Merkwürdig! Der Baum mit den ihn im strengen Kreise umschwebenden Engeln war uns so sehr Bestandteil des Zimmers geworden, daß wir ihn jetzt geradezu vermissen. Das Bild zeigt deutlich, wie die durch zarte Goldfäden leise betonte Pyramide des Baumes den festlichen Tisch bekrönte. Um sein grünes Rund, unter ihm hätte die weihnachtliche Kaffeegesellschaft ungestört Platz nehmen können. Er war kein Hindernis wie der häusliche Christbaum so oft, er war eine Ergänzung des Raumes.
Besser als neben dem Hagenschen Kindertheater konnten auch sie nirgends im Museum stehen, die beiden Bäume, die von kleinen Kinderhänden mit buntfarbiger Pracht behängt worden waren. Im Bilde sieht der ganze Schmuck so hell, gar nicht so kindlich und lustig aus wie er in Wirklichkeit war.
Zur Aufnahme von ihren Standorten entfernt sehen wir die Bäume in den Abbildungen 6 und 7. Der erste zeigt bunte Papierfaltarbeiten aus der Schule in Lausa, der einzigen nicht aus Dresden. Er mußte unbedingt neben den Roller-Erinnerungen seinen Platz erhalten.
[57]
Hunderte von Schneesternen hatten Gestalt gewonnen und waren auf zwei Bäume herniedergerieselt. Wir zeigen den einen. Das Weiß des Schmuckes leuchtet wie in der Wirklichkeit.
Zwar bei weitem nicht die bunte nach oben heller getönte Pracht, aber die Fülle des Schmuckes, die der Baum trug, bietet Abbildung 8. Im großen Volkstrachtenraum wirkten seine bunten neuartigen Sterne groß und kräftig.
Wer unsere fünf Christbaumbilder miteinander vergleicht, wird vielleicht fragen wie mancher im Museum: Soll man denn bloß Papiersachen an den Christbaum hängen? – Die Lichter wollt ihr wohl auch abschaffen? – Aber nein! Lichter stecken wir nicht auf, weil wir sie aus feuerpolizeilichen Gründen nicht anbrennen dürfen. Und bloß Papier? Durchaus nicht. Immer herbei mit Pfefferkuchen, goldenen und silbernen Nüssen. Auch Glaskugeln sehen wunderschön aus, und es soll mich wundern, wenn wir im nächsten Jahre nicht einen Glaskugelbaum hinstellen. Den Papierschmuck bevorzugen wir, weil er sich am leichtesten selbst anfertigen läßt. Im Selbstanfertigen des Schmuckes liegt ein Geheimnis echter Weihnachtsfreude. An einem richtigen Familienchristbaum sagt jedes Stück: die Hände, die mich geformt, waren von dem guten Willen geleitet, Liebe zu zeigen, Freude zu bringen. Die große Schwester hat Pfefferkuchen gebacken; sie hat es in der Berufsschule gelernt. Die Mutter hat dabei mitgewirkt. Vom großen Bruder stammen mit der Laubsäge geschnittene buntbemalte Sterne, die andere Schwester hat farbige Glocken gehäkelt oder gestrickt, die kleinste mit dem jüngsten Bruder zusammen Goldsterne gefaltet, Ketten geklebt. Alle sind tätig gewesen. Aber der Vater?
Was ein Vater für Weihnachten gearbeitet hat, das zeigt unser letztes Bild. Vielleicht muß man ein Seiffener Kind sein, um ein solches Prachtstück wie den Hängeleuchter fertig zu bekommen. Er leuchtete von der Decke des großen Trachtensaales herab. Überraschte Leute fragten, aus welcher kunstgewerblichen Werkstatt der Leuchter stamme. Er antwortete: Aus gar keiner! Mein Schöpfer ist bloß Briefträger. – Bloß? – Bei uns ist aber der angesehnste, reichste und beste Mensch, der die Weihnachtsfreuden sich und den Seinen selber gestalten kann.
Die Schule aus Lausa war die einzige nicht aus Dresden, haben wir oben gelesen. Wir wiederholen den Satz nicht ohne leises Bedauern, denn wir arbeiten im Landesmuseum für »Sächsische« Volkskunst. Wie fein entspräche es der Werbekraft seines Namens, wenn Schulen aus dem ganzen Lande kämen und Christbaumschmuck oder Krippe, Pyramide, Weihnachtsberg anböten. Keine Sorge vor dem Andrang der Aussteller, wenn er eintreten sollte! Wir bringen viel unter. Nicht bloß Schulen, auch Vereinigungen oder Einzelpersonen sollten mittun. In unsrer letzten Christbaumreihe stand einer, den eine liebe Mutter mit selbstgefertigtem Schmuck so angeputzt hatte, wie ein gleicher auf dem Weihnachtstische daheim erstrahlte. Und sie war nicht aus Dresden. Wer kommt her und tut desgleichen?
[58]
Alfred Meiche
Historisch-Topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna
Mit Unterstützung der Sächsischen Kommission für Geschichte bearbeitet und herausgegeben Dresden, v. Baensch-Stiftung, 1927
Es wäre um unseren Heimatschutz schlecht bestellt, wenn er nur auf das angewiesen wäre, was unser Landesverein und die Regierung für ihn tun. Tief muß der Heimatschutzgedanke im Volke Wurzel schlagen. Dazu aber muß der harte Boden erst gelockert, die Heimatliebe in allen Schichten der Bevölkerung geweckt und gefördert werden. Der unglückselige Krieg, der hinter uns liegt, hat in dieser Hinsicht Wunder gewirkt. Die großen Träume, die an das ruhmreiche Deutschland von ehedem anknüpften, sind ausgeträumt. Der Blick des Deutschen, der bisher nach außen gerichtet war, hat sich nach innen gekehrt. Doppelt wert ist ihm die Heimat geworden, die eigentlichste, engste Heimat. Alles, was sie ihm erschließt, umfaßt er mit inbrünstiger Liebe.
Ein solcher Gesundbrunnen der Heimatkunde und Heimatliebe ist das vorliegende, vor kurzem erschienene Meichesche Werk, das um deswillen gebührende Hervorhebung an dieser Stelle verdient. Ein unterhaltendes Lesebuch, wie viele der hier angezeigten, ist es nicht, vielmehr, was in dem etwas verstaubt anmutenden Titel nicht recht zum Ausdrucke kommt, ein Nachschlagebuch in alphabetischer Anordnung der Stichwörter, eine Art historisch-geographisch-topographisches Ortslexikon, das, wie alle Nachschlagebücher, auf den ersten Blick einen nüchternen, trockenen Eindruck macht, bei näherem Zusehen aber durch seine Vielseitigkeit, Reichhaltigkeit und Gediegenheit große Anziehungskraft ausübt. Hervorzuheben sind zunächst einige längere, zusammenfassende Artikel über das Elbsandsteingebirge, die Sächsische Schweiz, das Amt und die Amtshauptmannschaft Pirna. Der erstgenannte, von Professor P. Wagner und Oberlehrer O. Mörtzsch stammend, unterrichtet den Leser in gedrängter Kürze darüber, was man unter Elbsandsteingebirge versteht, wie man sich seine erdgeschichtliche Entwicklung früher dachte und heute denkt. Bemerkungen über den Sandstein, die Pflanzen- und Tierwelt sind angeschlossen, die hauptsächlichsten Werke und Karten des Gebietes genannt. Über den vielumstrittenen Namen »Sächsische Schweiz« und die verschiedenen anderen dafür vorgeschlagenen Namen handelt der erste Teil des zweiten Artikels. Weiterhin beschäftigt er sich mit dem Volkstume der Bewohner, ihren Sitten und Gebräuchen, der Mundart, der (schon längst verschwundenen) Tracht, dem Hausbau, dem Volkscharakter und der Volkswirtschaft einschließlich Reise-, Fremden- und Bäderwesen. Auch ein großzügiger Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Gebiets in vorgeschichtlicher, slavischer und Kolonisationszeit, sowie über die territorialen Zustände zu den verschiedenen Zeiten und die kirchliche Einteilung fehlt nicht. Diese Fäden sind unter den Stichworten »Amt, Pflege, Burgbezirk Pirna« und »Amtshauptmannschaft Pirna« weiter gesponnen. Hier findet man genaue Angaben über den ganzen Bezirk, seine wechselnde politische Zugehörigkeit, seine Größe und [59]Zusammensetzung, seinen Ortsbestand, seine Beamten und Behörden, seine Bevölkerung, sein Kirchen- und Schulwesen, seine wirtschaftlichen Verhältnisse und vieles andere mehr im Mittelalter, in den Jahren 1548 (Amtserbbuch), 1553, 1587, 1590, 1691, im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart. Wer sich aber über die selbständigen Herrschaften, aus denen das Amt Pirna im Laufe der Jahrhunderte zusammenwuchs und die teilweise als Unterämter eine Zeit lang fortbestanden, belehren will, muß außer Seite 310 (Überblick) unter den Namen Dohna, Hohnstein, Königstein, Liebethal, Liebstadt, Lohmen, Pirna, Rathen, Stolpen, Weesenstein, Wehlen und Wildenstein nachschlagen. Gehaltreich wie diese Artikel, die an Länge selbständigen Aufsätzen gleichkommen, sind die Artikel über die Städte. Pirna (einschließlich Schloß) umfaßt allein einundsechzig Spalten! Hier hat hauptsächlich der frühere, fleißige Stadtarchivar Professor O. Speck den Stoff geliefert. Zweiunddreißig Spalten füllen die Angaben über Stolpen (Schloß und Stadt), einundzwanzig die über Dohna (Burg und Stadt), zwanzig die über Königstein (Burg, Schloß, Festung und Stadt). Bei Wehlen (Schloß und Stadt) sind es zwölf, bei Gottleuba und Liebstadt (Schloß und Stadt) je zehn, Berggießhübel achteinhalb, Sebnitz sieben, Bad Schandau fünfeinhalb, Hohnstein (Schloß und Stadt) und Neustadt je fünf Spalten.
Um diese breiten Äste der allgemeinen, der Herrschafts-, Ämter- und Städteartikel rankt sich das dünnere, leichtere Geäst und Blattwerk der unzähligen Sonderartikel über die Ortschaften, Rittergüter, Güter, Vorwerke, Wirtschaften, Schäfereien, Mühlen, Hammerwerke, Flüsse, Gewässer, Berge, Felsen und sonstige Einzelheiten des ziemlich ausgedehnten und bevölkerten Gebietes. Darunter ist auch mancher recht stattliche. Zwei, vier, fünf Spalten sind nicht selten; ja bis zu zwölf Spalten kommen vor. Und was für eine Fülle von Stoff ist in jedem aufgespeichert! Mit welcher Liebe hat der Verfasser alles zusammengetragen, was geeignet ist, das Werden jedes Ortes, seine Bedeutung innerhalb des Amtes und der allgemeinen Kulturentwicklung zu kennzeichnen! Mit welcher Entsagung hat er dies alles meist in Telegrammstil wiedergegeben! Nur hin und wieder geht er in zusammenhängende Redeweise über, namentlich da, wo es sich um schwierigere Dinge oder um Klärung von Streitfragen handelt.
Besondere Sorgfalt ist auf die sprachliche Entwicklung der Ortsnamen verwandt. Alle Formen, die dafür irgendwie, auch nur in kleinsten Abweichungen, wichtig erscheinen, hat Meiche aus gedruckten, vor allem aber auch ungedruckten Quellen zusammengetragen, mit besonderem Eifer, wie billig für die frühesten Zeiten, um der ursprünglichen Gestalt der Ortsnamen auf die Spur zu kommen; denn nur auf diese dürfen sich die wichtigen Folgerungen gründen, die man an die Ortsnamen anknüpfen kann: der Sprache welches Volkes ein Ortsname entstammt? was er bedeutet? und dergleichen mehr. Über die Bedeutung der Ortsnamen hat sich Meiche nur in Ausnahmefällen ausgesprochen. Das wird die meisten Benutzer des Werkes enttäuschen; denn nichts reizt an den Ortsnamen gewöhnlich mehr, als ihre Bedeutung. Nichts [60]aber auch ist schwieriger, als hier das Richtige zu treffen. Die Zeit dafür ist nach Meiches Ansicht in der Sächsischen Schweiz noch nicht gekommen. Er sparte sich deshalb die Erledigung dieser wichtigen, aber auch sehr verantwortungsreichen Aufgabe für ein Werk über die Ortsnamen Sachsens auf, das er mit dem Slavisten Professor Vasmer herauszugeben seit einigen Jahren plant.
Was außer der Verfolgung der Ortsnamenentwicklung noch in jedem einzelnen Ortsartikel zu finden ist, läßt sich nicht auf einen Nenner bringen. Natürlich hatte sich Meiche auf Grund der »Denkschrift über die Herstellung eines historischen Ortsverzeichnisses im Königreich Sachsen«, die die Sächsische Kommission für Geschichte 1903 veröffentlichen ließ, einen festen Plan gemacht, aber seine Durchführung hing jeweils von den Quellen ab. Auf die Vorgeschichte verzichtete er grundsätzlich. Sie spielt in dem von ihm behandelten Gebiete eine zu nebensächliche Rolle und ist überdies von E. Walther in einem besonderen Hefte, dem ersten der »Beiträge zu einem Heimatbuch der Sächsischen Schweiz«, nach dem Stande im Jahre 1926 trefflich bearbeitet. Dagegen brachte er überall, soweit es im Bereiche der Möglichkeit lag, Angaben über 1. die Flur- und Ortsformen (nach den Feststellungen des durch seine große erläuterte Karte »Die Dorfformen Sachsens« bekannten, leider im Kriege gefallenen Dr. A. Hennig), 2. die politische Zugehörigkeit und äußere Geschichte im Wandel der Zeiten, 3. die kirchlichen Verhältnisse, 4. die Schule, 5. das Erwerbsleben, namentlich da, wo sich Sonderzweige herausgebildet haben, 6. besondere Gebäude (Rittergüter, Vorwerke, Mühlen usw.), 7. Größe der Fluren, Bevölkerungsbewegung und sonstige statistische Angaben, da solche für die älteren Zeiten selten sind und besondere Schlaglichter werfen, 8. die Adelsfamilien, die sich nach einem Orte nannten, oder sonstige Geschlechter, die sich in dem Besitze der Rittergüter usw. ablösten. Überall mußte sich Meiche aus Raumrücksichten auf das Notwendigste beschränken. Bei den Adelsfamilien konnte er meist nur die ältesten bekannten Vertreter angeben. Den Besitzwechsel eines Dorfs oder Guts konnte er nur soweit berücksichtigen, als der Übergang von einer Familie zur anderen durch die Nennung des ersten und letzten Besitzers aus der einen und der folgenden Familie zutage tritt. Im übrigen »erscheint der Besitzername nur, wenn es sich um wichtige Veränderungen im Orte (Gute) handelt, z. B. Schriftsässigkeitserklärung, Leibgutsbelehnung, Allodification, Erwerbung oder Verlust anderer Rechte usw.« Die massenhaften Angaben sind natürlich von unschätzbarem Werte für den Familienforscher, der nur das eine bedauern muß, daß ihm kein Schlüssel in Gestalt eines Gesamtregisters dieses genealogische Schatzkästlein erschließt. Ein solcher auch sonst sehr nützlicher Namenweiser hätte aber die an sich schon bedeutenden Herstellungskosten des Werks und damit den Ladenpreis noch wesentlich erhöht. Mehr als fünfzig Mark durfte letzterer keinesfalls sein. Aus demselben Grunde ist auch die Beigabe einer Übersichtskarte, die die Benutzbarkeit des Buchs sehr gehoben hätte, unterblieben. Namentlich für die Historische Geographie in engerem Sinne (Herrschaften usw.) wäre sie sehr vorteilhaft [61]gewesen. Die Abschnitte über die Grenzen und den Ortschaftsbestand bestimmter Untergebiete hätten sich durch Beziehung auf sie wesentlich kürzer gestalten lassen. Bei der Erledigung der kirchlichen Verhältnisse gestatteten die Kirchengalerien (alte und neue) große Kürze. Meiche gab nur das allerwichtigste und begnügte sich im übrigen mit Ergänzungen, die allerdings zum Teil recht beachtlich sind; z. B. findet man bei sehr vielen Kirchdörfern katholische Priester des Mittelalters, die bisher fehlten, quellenkundlich nachgewiesen. Ähnlich wie durch die Kirchengalerien wurde Meiches Werk durch die »Bau- und Kunstdenkmäler« entlastet. Da alles Künstlerische in diesen inventarisiert ist und dies in noch reicherem Maße durch die bevorstehende zweite Auflage des Bandes Pirna geschehen wird, konnte es auf diese Dinge so gut wie ganz verzichten. – Neben den noch bestehenden Orten hat Meiche die wieder verschwundenen natürlich nicht beiseite gelassen. Leider weist aber kein Stichwort »Wüstungen« darauf hin, unter welchen Namen sie zu finden sind. Deshalb habe ich sie in den Professor Rudolf Kötzschke zu seinem sechzigsten Geburtstage dargebrachten »Deutschen Siedlungsforschungen« (Leipzig–Berlin, B. G. Teubner, 1927) Seite 153 zusammengestellt und wiederhole sie hier noch einmal, da den meisten Benutzern das genannte Buch schwer zugänglich sein dürfte. Es sind Bärwinkel, Blochwitz, Alt-Cunnersdorf, Im Deutschen, Dürrhof, Elbersdorf, Erdmannsdorf, Farnthal, Gniwalitz, Habbe (Habe), Heinitz, Krum-Hermsdorf, Heroldisdorf, Hostewitz, Jentzschdörfel, Klitten, Knickwitz, Kühlemorgen, Letzsche, Lindenknoch, Linkenau, Lobschitz, Wüst-Ludwigsdorf, Mannewitz, Meuscha, Nebelschütz, Neidberg II, Olberndorf, Patzschke, Primselwitz, Reichenau, Röthendorf, Rossendorf, Sellnitz, Steinhütten, Stolzenhain, Tiefer Grund, Trieske, Welckenhufe, Zscheisewitz (Klein-Zschachwitz), Zuzodel und Zwiesel. In der Reihe fehlt die von Herzog, Gautsch und den Kirchengalerien irrtümlich zwischen Liebstadt und Döbra angenommene Wüstung Reichenheim. Es hätte sich aber doch wohl empfohlen, auf Seite 276 wenigstens ihren Namen zu nennen und die unbegründete Vermutung mit ein paar Worten zurückzuweisen.
Schon wer als Laie nur flüchtig das Meichesche Werk durchblättert und den einen oder anderen Artikel näher ansieht, wird über den Bienenfleiß und die Ausdauer des Verfassers staunen, noch mehr aber der Fachmann, der die Schwierigkeiten der Leistung aus eigener Erfahrung zu beurteilen weiß. Meiche hatte schon recht, wenn er seinem »seiner Heimat gewidmeten« Werke, dem er »die beste Kraft seiner Mannesjahre widmete und darüber oft bitterschwere Opfer brachte«, als Geleite die Worte Luthers mitgab: »Läuft einer itzt mit den Augen durch drei oder vier Blätter und stößt nicht einmal an, wird aber nicht gewahr, welche Wacken und Klötze da gelegen sind, da er itzt über hin gehet, wie über ein gehobelt Brett, da wir haben müßt schwitzen und uns ängsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem Wege räumten, auf daß man könnte so fein daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist.« Der Acker der Pirnaer Fluren ist nun im großen Ganzen gereinigt, so daß der Samen, den weitere Heimatliebe für ihn bereit hat, aufgehen [62]und schöne Früchte tragen kann in Gestalt von gediegen begründeten Ortsgeschichten und ähnlichen Darstellungen. Bei der Beseitigung der »Wacken und Klötze« hat mancher bewährte Forscher im Laufe der Jahre mit geholfen, außer den schon genannten Herren in erster Linie Oberlehrer Otto Mörtzsch und Dr. Georg Pilk († 1926) beim Ausziehen des Stoffs aus Druckwerken (Codex diplomaticus Saxoniae regiae, Schumann-Schiffners »Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungslexikon«, Kirchengalerien, Zeitschrift »Über Berg und Tal«, Burgenwerk usw.; siehe das Verzeichnis auf Seite X des Meiche-Werks) und ungedruckten Quellen in den Archiven, namentlich des Hauptstaatsarchivs zu Dresden, ferner die Beamten dieses Archivs, der Pirnaer Geschichtsverein, die Amtshauptmannschaft Pirna und viele andere Staats- oder Ortsbehörden, Bürgermeister, Lehrer, Geistliche und sonstige Geschichtsfreunde. Ihnen allen und nicht zuletzt auch seiner Frau, die die sehr anstrengende Korrektur mitgelesen und zu der im allgemeinen befriedigenden Satzgestaltung bei getragen hat, stattete Professor Meiche in der Einleitung seinen gebührenden Dank ab und ebenso den zahlreichen Stellen, die das Geld für das kostspielige Unternehmen beschafften. Hier stehen obenan unsere Sächsische Kommission für Geschichte und der Pirnaer Amtshauptmann v. Thümmel.
Ohne erstere wäre das Werk wahrscheinlich überhaupt nicht entstanden. Von ihr ging die erste Anregung aus, von ihr kamen jahrzehntelang die Geldmittel für das Sammeln des Stoffs. Es war im Jahre 1900, als sie die Herstellung eines Historischen Ortsverzeichnisses für das Königreich Sachsen beschloß und damit dem Zuge der Zeit folgte, der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auf die Schaffung umfassender, dabei aber handlicher Nachschlagewerke historisch-geographischer Art gerichtet war. Für ganz Deutschland, wie der Hamburger Archivar Lappenberg schon 1846 auf dem Germanistentage zu Frankfurt a. M. anregte, ließ sich ein solches Werk nicht durchführen. Das hatte die Erfahrung gelehrt. So wies der Historikertag zu Innsbruck 1896 die Aufgabe den historischen Vereinen und Instituten der einzelnen Länder zu. Der Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine nahm sich der Sache an und arbeitete 1899 Richtlinien dafür aus, die 1900 als »Vorschläge für die Bearbeitung historischer Ortsverzeichnisse« veröffentlicht wurden. Als erstes Werk, das ihnen so ziemlich entsprach, wenn es auch schon etwas früher begonnen worden war, erschien A. Kriegers Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden (1898), ein Werk von erstaunlicher Stoffülle in gedrängter Form, für dessen Nützlichkeit die schon 1903 notwendig gewordene zweite Auflage zeugt. Das zweite Werk, eigentlich das einzige, das bisher ganz auf den »Vorschlägen« des Gesamtvereins beruht, ist H. Reimers Historisches Ortslexikon für Kurhessen (1923 ff.), das ein Muster der Gediegenheit, umsichtigen Stoffauswahl, Kürze und zweckmäßigen Anordnung genannt zu werden verdient. In der Selbstbeschränkung zeigte sich hier der Meister: fast hat er des Guten zu viel getan. Anderwärts, z. B. in Bayern, Niedersachsen, den Provinzen Sachsen, Posen, Schleswig-Holstein, ging man zwar auch an die Schaffung ähnlicher Werke, kam aber bisher nicht über die Stoffsammlung [63]hinaus oder blieb gar in den Anfängen stecken. Bei uns in Sachsen machte sich im Jahre 1903 Prof. Meiche im Auftrage der Geschichtskommission an die Sammelarbeit, nachdem zuvor durch die schon erwähnte »Denkschrift« Klarheit darüber, was das Historische Ortsverzeichnis für Sachsen enthalten und wie der Stoff gesammelt werden sollte, geschaffen worden war. Mit seinem Stabe, dem außer Mörtzsch und Pilk vorübergehend auch noch andere Wissenschaftler angehörten, sammelte er Jahr um Jahr fleißig und gewissenhaft nach dem Plane, der sich dabei unmerklich erweiterte. Dadurch kam schließlich, zunächst hauptsächlich für das östliche Sachsen, ein so gewaltiger Stoff zusammen, daß dessen Veröffentlichung im Rahmen des Historischen Ortsverzeichnisses, auch wenn man ihn bis auf die äußersten angängigen Maße erweiterte, unmöglich erschien. Infolgedessen stellte sie Professor Meiche, ohne deshalb für die Zukunft auf die Durchführung ihres Historischen Ortsverzeichnisses zu verzichten, den Stoff zu gesonderter Veröffentlichung zur Verfügung. So entstand Meiches »Historisch-topographische Beschreibung«, nachdem die Amtshauptmannschaft Pirna, ihr Bezirksverband, das Volksbildungsministerium, die Stadt Pirna, ihr Geschichtsverein und zahlreiche Einzel-Subskribenten die Mittel für die Drucklegung aufgebracht, die Sebnitzer Papierfabrik (Direktor Jost) aber das Papier für die ganze Auflage gestiftet hatten. Meiche hat sich mit dem Werke selbst für alle Zeiten ein Denkmal gesetzt, ähnlich wie hundert Jahre früher August Schumann und Albert Schiffner mit ihrem berühmten, oben schon genannten »Postlexikon«. Es ist zwar eine wohl gemeinte Übertreibung, wenn behauptet wird, andere Länder hätten kein ähnliches Werk aufzuweisen. Es sei innerhalb Deutschlands nur auf Bayern (Bavaria; W. Götz’ Geographisch-historisches Handbuch), Baden (Krieger; siehe oben), Elsaß (zwei Historisch topographische Wörterbücher, außerdem Teil III des vom Statistischen Bureau herausgegebenen Werkes »Das Reichsland Elsaß-Lothringen«), Kurhessen (Reimer; siehe oben), Rheinhessen (Brilmayer), Oldenburg (Kollmanns Statistische Beschreibung der Gemeinden) und Württemberg (Oberamtsbeschreibungen) hingewiesen. Keine Übertreibung ist es aber, wenn man »den Meiche«, wie man wohl in Zukunft kurz sagen wird, den besten Leistungen dieser Art ebenbürtig an die Seite stellt. Von kleinen Mängeln abgesehen, die hier nicht zur Sprache gebracht werden sollen, ist es ein Standwerk der Heimatkunde, wie es nur tiefste Heimatliebe, größter Fleiß, umfassende Gelehrsamkeit und innigste Hingabe an den Stoff schaffen konnten, ein Meisterwerk seiner Art, von dem das Wort gilt: »Drei Dinge den Meister machen sollen: Wissen, Können und Wollen«.
Dr. Beschorner.
[64]
Vergewaltigung der Natur
Von Carl Wilhelm
Zu den Schlagworten, die falschen Münzen gleich die Welt durchwandern, ohne als Truggeld erkannt zu werden, gehört auch das Wort von der »Mutter Natur«, die all ihre Kinder liebend umfängt. Rührend hat man es uns ausgemalt. Die Eintracht im Kasten des seligen Noah war nichts im Vergleich mit dem hübschen Idyll von der liebend erzeugenden »Allnatur«. Bis Darwin kam und dem Schäferglück den ersten entscheidenden Stoß versetzte. Familiensinn und struggle for life reimten sich schlecht. So schlecht, daß schließlich auch alle jene, die zwar das Märchen als solches schätzen, aber doch nur für ein Märchen nehmen, das Schlagwort als Falschstück bewerten lernten. Nein, die Natur ist nicht mütterlich weich, ganz und gar nicht. Sie ruft Millionen Geschöpfe ins Dasein und sagt einem jeden: sieh zu, wie du durchkommst. Ihr Lebensgesetz ist mit Blut geschrieben. Immer, so lange auf unserem Planeten das Leben eine Heimstätte fand, hat dieses Leben mit ihr gerungen. Ganze Geschlechter hat sie vernichtet, statt sie »alliebend« zu umfassen, Geschlechter von Pflanzen, Geschlechter von Tieren und nicht zuletzt auch Menschengeschlechter.
Dennoch: der Mensch hat ihr schließlich getrotzt. In ihm erstand der Natur ein Siegfried, der sich nicht niederzwingen ließ, sondern sie selber zu Boden zwang. Der Mensch wurde Herr über die Natur, der Kulturmensch, der tausend und tausend Organe, die seinem Körper versagt geblieben, sich selber durch seine Technik schuf und ihr damit zu Leibe ging.
Die Natur aber hat sich dafür gerächt. Es hängt ein Fluch an dem Menschen der Technik, der heute schon hundertfach fühlbar wird. Wo immer er mit seinen Überorganen, mit all dem Teufelszeug seiner Kultur sich protzig breitzumachen sucht, da weicht die Natur vor ihm zurück. Die Wälder (und was von alters her auf Gedeih und Verderb ihnen angehört) sind vor dem Kulturmenschen auf der Flucht. Der Krieg allein beraubte Deutschland um fast zwei Millionen Hektar Wald. Glied um Glied aus der Pflanzen- und Tierwelt, Glied um Glied aus der Welt jener Menschen, die in Naturverbundenheit nach Urväter Weise ihr Dasein lebten, gerät ins zermalmende Räderwerk der allesbesiegenden »Kultur«. So furchtbar wirkt sich der Naturfluch schon heute am Menschen der Technik aus, daß überall auf dem Erdenrund die Verständigen nach Naturschutz rufen, um der Verödung des Planeten, so weit es noch möglich ist, Einhalt zu tun. Wem über Formen und Rechenexempeln, Maschinen, Autos, Flugapparaten das Auge nicht blind geworden ist, der muß, ob er will oder nicht, bemerken, daß die Natur im Entfliehen ist.
Die »Kultur«, die in Wirklichkeit gar keine ist, hat es allmählich dahin gebracht, den Menschen förmlich abzuerziehen von der ihm ursprünglich erbeigentümlichen, blutechten Liebe zur Natur. Er tändelt mit ihr, aber liebt sie nicht mehr. Es bildet sich zwischen ihr und ihm kein rechtes Seelenverhältnis mehr aus. Er ist schon ein Fremdling vor der Natur. Da sitzen in Japan und anderswo Leute, die Goldfischen riesige Flossen anzüchten, Schwanzflossen, die [65]wie mächtige Brautschleier hinter dem schwimmenden Tiere wallen, Hemmnisse statt der Bewegungsorgane. Andere setzen den braven Haushahn in einen hohen und engen Kasten, so daß der Gockel gezwungen ist, auf seiner Sitzstange auszuharren, bis ihm – auch das ein Züchterergebnis – ein bis zu drei Meter langer Schwanz als vermeintliche Zierde gewachsen ist. Wieder andere züchten Tauben, die derart verkümmerte Schnäbel haben, daß sie nicht selbst mehr fressen können, und was dergleichen Narrheiten sind. Zeigt man empfindsamen Menschen die Tiere und deutet man ihnen den Tatbestand aus, so wandelt sich ihr Erstaunen in Mitleid vor so viel erzwungener Unnatur. Was aber sind alle Phönixhähne, Möwchentauben und Schleierschwanzfische verglichen mit der Vergewaltigung, die der Kulturmensch, der Mensch der Technik, tagtäglich nicht bloß an Einzelgeschöpfen, sondern an der Ursprünglichkeit und Natürlichkeit seiner Heimat verübt, seiner engeren wie seiner Erdenheimat?
Unterm Adventsstern
Eine Betrachtung unter dem Einfluß der dritten Weihnachtsberg- und Schnitz-Ausstellung in Geyer vom 21. bis 31. Januar 1928.
Von M. Liesche
Als einer der ältesten Schnitzvereine des Erzgebirges fühlt der Verein unserer Bergstadt die Verpflichtung in sich, seine Ausstellungen so zu gestalten, daß jeder Besucher einen inneren Gewinn davonträgt, daß sich nicht so sehr das Geschäftliche in den Vordergrund drängt, sondern dem Besucher sich der Gedanke aufnötigt: »So und nicht anders möchtest du auch dein Weihnachtsfest feiern!« oder »Müssen die Leute reich sein, die sich ihr Fest noch selbst gestalten können ohne drehbaren Spieldosenfuß und kalten Glühbirnenglanz am Weihnachtsbaum!« Diese Ausstellungen sollen auch ein Markstein sein im eigenen Vereinsleben, eine Anerkennung hier, eine Warnung dort, ein Prüfstein des erreichten Standes der Schnitzerei überhaupt. Diese Zielsetzung kann niemals erreicht werden durch wahllose Fülle der vorhandenen Schnitzereien, sondern in maßvoller Auswahl der Gegenstände und in unaufdringlicher Darstellung der Entwickelungsstufen der ausgestellten Schnitzereien, Leuchter, Pyramiden und Berge. Beides ist dem Verein bei seiner dritten großen Weihnachtskunstausstellung vom 21. bis 31. Januar dieses Jahres von all den Tausenden von Besuchern hoch angerechnet worden.
Klar im Aufbau, nicht verzettelt durch Ausnutzung aller Winkelchen, die den Beschauer nicht einmal zur Ruhe kommen lassen, bot sich das äußere Bild unter dem blauen, sternbesäten Himmel und der machtvollen, überaus reizvollen Gruppe der roten Adventssterne in der Mitte des Saales dar. Unwillkürlich folgte man gern der gewollten Gliederung, indem man von Berg zu Berg wanderte, sich dann den Pyramiden zuwandte und am Schlusse die Schnitzarbeiten der letzten Jahre betrachtete. So brachte die weise Auswahl verhältnismäßig weniger Gegenstände, gemessen an dem Reichtum der im Bergstädtlein [66]sonst vorhandenen Herrlichkeiten, ein Befriedigtsein zustande, dem die Besucher nicht nur einmal Ausdruck verliehen.
Daß bei dieser Auswahl besonderer Wert auf schnitztechnische Fortschritte seit der letzten Ausstellung gelegt wurde, ließ ein Rundgang auch den Fernstehenden wohl erkennen. Verschwunden sind Sandpapier und Stoff- und Ölfarben und Bronzen, die dem Holze seine Eigenart nehmen. Nur hier und da werden sie bei ein paar Figuren dem kritisch eingestellten Beschauer nicht entgangen sein. Verschwunden sind Glasperlen und Glaskugeln, tote Sträußchen und übergipste Schneelandschaften, auf denen die Schafe weiden. Verschwunden auch wieder der unsinnige Motorantrieb der Pyramiden und die eiskalte, die Augen strafende, aufdringliche Strahlsucht elektrischer Glühbirnen. Ganz zurückgetreten sind auch alle nach den üblichen Vorlagen angefertigten Laubsägearbeiten, die mit Volkskunst nichts zu tun haben.
Das Holz in seiner natürlichen oder zart gewachsten oder gebeizten Farbe und die Einfachheit volkskünstlerischer Arbeitsweise herrschten in wohltuender Weise vor. Selbst auf einigen Bergen standen die geschnitzten Figuren in blendender Holzschönheit, nichts anderes vortäuschend, als wären sie aus der Hand ihres Meisters hervorgegangen. Flackernde Lichter und Öllämpchen trieben die weitausladenden Flügel selbst der größten Pyramiden. Welchen schönheitvernichtenden Schaden die Elektrizität hierbei anrichten kann, blieb an einem ausgestellten Stück selbst dem fanatischsten Freund der Verwertung technischer Neuerungen nicht verborgen. Und in den Objekten der vom Weihnachtsgedanken freien Betätigung in Volks- und Tiertypen sah der Freund guter Volkskunst in aufwallender Freude, daß hier Ansätze und Kräfte wach werden, die des Weckens durch die Öffentlichkeit einer Ausstellung wirklich bedürfen. Aber eine dringliche Warnung sei eingefügt: Nicht alles, was Kunstgewerbe und Industrie auf den Markt bringen, eignet sich für unsere Volkskunst. Nur klein ist der Schritt zu Süßlichkeiten und – Kitsch! Hier muß das »Wildwässerlein der Volkskunst« von berufenen Führern in begrenzte Bahnen gelenkt werden.
Aber alles in allem: doch ein großer Fortschritt und – das ist uns auch versichert worden – eine Wegweisung für die Brudervereine, die im ersten Jahrzehnt ihres Schaffens noch der Richtlinien entbehren, ohne die fruchtbringende Arbeit nun einmal nicht denkbar ist.
Neben dieser Darstellung des schnitztechnischen Fortschrittes sollte die Ausstellung die historische Entwickelung in allen Schnitzarbeiten veranschaulichen. In den Bergen kam sie zum Ausdruck in der Reihe von den mit Tannengrün umsäumten und Zuckerwerk geschmückten Ecken über die reinen Stimmungsberge ohne Mechanismus zu denen mit eingebauter Pyramide oder einem Hirtengang bis zu den hochentwickelten mechanischen Bergen, die ihre Krone im gemeinsam erarbeiteten Vereinsberg erhalten. Was Erfindergeist und Probierkunst im Finden neuer Verbindungen und Bewegungen der Figuren zustande bringen, ist eine ganz besondere Fundgrube für den technisch interessierten Besucher solcher Ausstellungen, wenn er einmal hinter die Kulissen [67]schauen darf. Wenn nun noch die Bewegungen mehrerer Personen (Stülpner, seine Spießgesellen und der Oberförster) aufeinander abgestimmt sein müssen, da muß man sich schier wundern über Scharfsinn und Kombinationsgabe des einfachen Bastlers.
Bei den Pyramiden sah man als Urstufe die zwischen vier papierumwickelten Holzstäben schwebenden drehbaren Holzteller mit kleinen Massefigürchen, dann die viereckige Hausform mit Strohdach, die zur reichen Tempelpyramide hinüberleitete und über die romanische Stilform zur gotischen Turmpyramide sich ausgestaltete. Natürlich fragt der Volkskünstler nicht nach architektonischer Stilreinheit, sondern er übersetzt gleichsam die Stilelemente in seine Sprache, und das ist gut so. Wer könnte sonst noch von Volkskunst reden!
Bei den wenigen ausgestellten Leuchtern, die ebenso leicht hätten vermehrt werden können, ging die Entwickelung von der drahtgebogenen »Spinne« mit Holzkörper und einigen als beherrschender Schmuck angefügten Holzkugeln und -glöckchen zur reich ausgestalteten Form der vielarmigen Prachtleuchter, die wuchtig den Raum beherrschen und teils in Weiß mit Gold oder Rot erstrahlen, teils in Ostwaldscher Farbgebung an die einstmals so überaus reizvollen bunten Leuchter anklingen.
Auf den langen, mehrstufigen Tafeln der Schnitzereien herrschte die Weihnachtsschnitzerei als der Ausgangspunkt volkskünstlerischer Betätigung des Erzgebirglers vor, während schon recht deutlich die neuere Art, dem formlosen Holzklotz als gewachster oder gebeizter Volkstype oder Tiergestalt Leben zu verleihen, in reicher Auswahl sich geltend macht.
Daß den Schnitzer auch die so liebwerten Bauten der Vergangenheit reizen, konnte man an zwei Holzmodellen erkennen, die ein altes Bürgerhaus, das 1894 die Wiege des Vereins wurde, und das alte 1844 abgetragene Rathaus der Stadt in getreuer Nachbildung zeigten. Gerade in solcher Arbeit sehe ich ein reiches Feld der Betätigung unserer heimischen Schnitzer, aus der die Liebe zur Heimat spricht, der ja doch letzten Endes all unser Bemühen gilt, die auch bei der Geyerschen Ausstellung in der Ausnutzung einer Nische zu einer getreulichen Nachbildung einer Schnitz- und Hutzenstube mit ihrem fröhlichen Treiben als Triebkraft am Werke war.
So konnte die Geyersche Ausstellung und so sollte jede andere auch das werden, was in der Absicht der Veranstalter liegt: ein besinnlicher Markstein im Schaffen der heimischen Schnitzer, ein sichtbares Zeichen des Hochstandes unserer Volkskunst, ein lehrreicher Entwicklungsgang der dargestellten Weihnachtskunst und ein leuchtendes Zeichen der in einem Schnitzverein tätigen Liebe zu Heimat, Volk und Vaterland.
Aus den Anfangstagen unseres Museums
Von Paul Preißler
Für jedes Mitglied des kleinen Kollegiums der Allgemeinen Abteilung der Kunstgewerbeschule, die, als sie noch bestand, in der Marienstraße beheimatet [68]war, enthielt der Ruf: »Trenkler kommt!« das Stichwort, sich, sofern man einigermaßen abkömmlich war, im allgemeinen Lehrerzimmer einzufinden, um stummer, aber höchst interessierter Zeuge eines Handels zu sein, der dort in Szene ging. Die beiden Akteure waren Oskar Seyffert und besagter Trenkler, weiland Altwarenhändler aus Zittau in der Oberlausitz, welcher volkskundliche Gegenstände für das damals noch im Schoße einer fernen Zukunft ruhende Museum für Sächsische Volkskunst unserm Seyffert, dem künftigen Leiter des Museums, zum Kaufe anbot. Auch heute hatte der Lockruf: »Trenkler kommt«, die kleine Schar alarmiert. Um die Ecke bog aus der Marienstraße in den Vorgarten ein untersetzter, beleibter Herr, der eine mächtige Reisetasche schleppte, welche die Kostbarkeiten für die zukünftige Sammlung barg. Jetzt war es Zeit, sich auf seinen Posten zu begeben, denn es wäre schade gewesen, wenn man von der nun zu erwartenden Szene etwas verpaßt hätte. So ganz verloren fand man sich in dem Zimmer ein, tat, als wenn man etwas suchte und war sehr erstaunt, den Herrn Trenkler anzutreffen, begrüßte den jovialen Herrn und so machte es sich ganz natürlich, daß man mit an dem Tische Platz nahm, an dem sich bereits die beiden Hauptdarsteller niedergelassen hatten. Die Zuschauer waren vollständig, das Spiel konnte beginnen. Die beiden Kämpen saßen sich an den Langseiten des Tisches gegenüber, die Zuhörer waren bescheidentlich an den Schmalseiten gruppiert. Im Anfang bewegte sich das Gespräch gewöhnlich auf ganz neutralem Gebiete, das gegenseitige Befinden wurde erörtert. Das Wetter bot Veranlassung, daß die Rede recht hübsch in Fluß kam, und mit Betrachtungen über die Politik wurde der Faden des Gesprächs weitergesponnen. Nach einigen netten Erzählungen des pfiffigen Herrn Trenkler – er wußte sehr behaglich zu erzählen – wurde das Gespräch ganz allmählich und vorsichtig auf das richtige Gleis geschoben. Da gab es mancherlei zu berichten von den volkskundlichen Sammlungen in kleinen Städten. Das Urteil der in diesen Provinznestern sammelnden Herren war ja durch Sachkenntnis keineswegs getrübt, hatte doch neulich erst der Leiter der einen Sammlung einen Gegenstand erworben, der mit Volkskunde absolut nichts zu tun hatte. Ach – seine Lippen kräuselten sich verächtlich – dem geschnitzten Ornamente sah man es ja von weiten an – schlecht nachgemachter Barock, weiter nichts! Da hinten war man zu weit vom Schuß, das waren Dinge, die man in der Großstadt besser verstand. Da kam der große Augenblick! Oskar Seyffert unterbrach den redseligen Bericht des guten alten, und doch so gerissenen Geschäftsmannes. Das Gaudium der Zuhörer näherte sich dem Höhepunkt. »Nun, Herr Trenkler, was bringen Sie denn heute? Sie kommen ja mit einer Hebammentasche an, als wollten Sie zur Geburt von Drillingen!« Darauf Herr Trenkler in seinem Lausitzer Dialekt: »Heute bringe ich Ihnen was Großartiges; aber so was Schönes, das müssen Sie mir gutt bezahlen! Meine Frau mennte über mich, wie ich fort fuhr: ›Nee, Karl, das tutt m’r ordentlich leed, daß Du das hübsche Ding fortschaffen mußt, das möcht ’ch bale selber behalten.‹« Während dieser Lobrede entnahm er seiner Taschentiefe einen Gegenstand, fuhr, wie liebkosend, mit der [69]Hand darüber hin und reichte ihn zögernd, als fiele es ihm schwer, sich von dem schönen Stück zu trennen, Oskar Seyffert hin. Dieser betrachtete sich das Ding, schob es dann Trenkler wieder hin und sagte, ohne eine Miene zu verziehen, »Herr Trenkler, behalten Sie dieses Prachtstück, nehmen Sie es Ihrer Frau wieder mit, ich könnte nicht ruhig sterben, wenn ich wüßte, daß ich Ihre Frau um den Besitz dieses von ihr so außerordentlich geliebten Kleinods gebracht hätte; es sei ferne von mir, ihr diesen Schmerz zu bereiten und dadurch ihr den Lebensabend zu verkümmern.« Trenkler war sprachlos! »Wa–was? Das ist doch nicht möglich! Das schöne Stück wollen Sie nich koofen? Und ich hab so viel dafür gegeben, weil ich dachte, das wär’ was ganz besonders Schönes für Sie, sehn’ Sie sich’s ock an!« – »Wieviel hatten Sie sich denn gedacht?« – »Nu, ich dachte zehn Mark!« – »Herr Trenkler, die Liebhaberei Ihrer Frau für volkskundliche Gegenstände hat Sie ganz konfus gemacht. – 1 Mark 50!« – Nach einiger Zeit kam eine Einigung zustande und der Tiefe der Reisetasche entstieg noch mancher Schatz, der allerdings noch lange Zeit, seiner eigentlichen Bestimmung, das künftige Museum zu zieren, entgegenschlummerte.
Das Spiel war aus, die Zuschauer erhoben sich, belustigt und befriedigt. Auch Freund Trenkler rüstete zum Aufbruch. Beim Hinausgehen sagte er resigniert zu einem der Augenzeugen seiner Niederlage: »Der is m’r bale über im Handeln«.
Flockenspiel
Alfons Diener von Schönberg.
[70]
Erwiderung
zu dem Aufsatz des Herrn Rud. Zimmermann »Gefahren der Vogelbruten«
In dem Aufsatz in Heft 1 bis 2, Band XVI, dieser Zeitschrift kommt Verfasser am Schluß auch auf die Gefahr zu sprechen, die den Vögeln durch Benutzung zu enger Höhlen entsteht, und sagt dann »In künstlichen Höhlen scheinen sich usw.«, bitte zu lesen Seite 73, achte Zeile von unten bis Seite 74, Ende des ersten Abschnittes.
Diese Kritik ist für mich gewiß nicht schmeichelhaft. Ich muß aber ohne weiteres zugeben, daß ich nach meinem Wortlaut selber die Veranlassung zu diesem Angriff gegeben habe, indem man nämlich danach annehmen kann, daß ich die nur 85 bis 95 Millimeter weite A-Höhle als unbrauchbar, den Vögeln schädlich erkannt hätte. Dem ist aber durchaus nicht so. Ich habe nur durch meine langjährigen Versuche, indem ich je eine A- und eine B-Höhle, auch B-Höhle mit A-Flugloch dicht nebeneinander hing, festgestellt, daß die Meisen die B-Höhle bevorzugen. Ein Zeichen dafür, daß sie für ihre Brut nach einem möglichst weiten Raum suchen. Lediglich deshalb habe ich die Höhle erweitern lassen. Brauchbar war und ist sie auch in ihrer früheren Abmessung. Andernfalls hätte man wohl nie mehrere Jahrzehnte hindurch die glänzenden Erfolge damit erzielen können. Also kurz gesagt, eine Höhle mit 85 bis 95 Millimeter Nestraum ist genügend, eine mit weiterem Nestraum den Vögeln, speziell den Meisen, aber entschieden angenehmer, und allein deshalb habe ich die Änderung vorgenommen.
Hier auch gleich einmal über zu enge Höhlen im allgemeinen zu sprechen, so kann ich dem nicht so ohne weiteres beipflichten. Ich habe im Laufe der letzten dreißig Jahre doch gewiß mehrere tausend A-Höhlen 85 bis 95 Millimeter mit aufgehangen und untersucht und kann nicht sagen, darin annormal viel abgestorbene Bruten gefunden zu haben. Ja, im Winter 1921/22 zeigte sich beim Reinigen der Höhlen, daß diese bei der starken Buchenspinnerkalamität des Sommers 1921 vielfach dreimal benistet gewesen waren. Zu unterst meist ein Meisennest, dann ein Trauerfliegenfänger- und oben darauf wieder ein Meisennest. Doch auch selbst hierin wurden abgestorbene Bruten nicht gefunden. So hat speziell auch der den Meisen an Größe überlegene Wendehals seine vielen Jungen stets wohlerhalten in diesen kleinen Höhlen aufgebracht. Findet man aber in den Höhlen einen Teil der Jungen abgestorben, so braucht absolut nicht der enge Raum die Todesursache zu sein. Krankheiten, z. B. Luftröhrenwürmer, können schuld daran sein, mitunter auch Nahrungsmangel, der in nassen Jahren besonders verheerend wirken kann.
Mit wie geringem Nestraum die Vögel auskommen, das zeigt in der überzeugendsten Weise eine Beobachtung, die vor zwei Jahren Herr Wilhelm Büchner vom Ornithologischen Verein Johann Friedrich Naumann zu Cöthen machte. In einer kleinen A-Höhle (85 bis 95 Millimeter) befanden sich zwölf junge Blaumeisen. In der Nähe war eine Höhle mit jungen Kohlmeisen, von denen plötzlich beide Alten umkamen. Büchner bemerkte das erst, als auch von den jungen Kohlmeisen nur noch vier am Leben waren. Nicht wissend, was mit diesen nun anfangen, setzte er sie mit in die Höhle zu den zwölf jungen Blaumeisen, so daß sich jetzt in dieser kleinen A-Höhle sechzehn junge Meisen befanden.
So war diese Höhle tatsächlich mit Meisen von unten bis oben vollgestopft. Trotzdem wurden alle sechzehn Jungen von den Blaumeisen aufgefüttert und kamen alle in wohlerhaltenem, kräftigem Zustand zum Ausfliegen. Doch gewiß ein klarer Beweis dafür, daß der Nestraum 85 bis 95 Millimeter für die Bruten der Kleinvögel vollkommen ausreichend ist.
Wir übertragen nur zu leicht die menschliche Auffassung von Bequemlichkeit und Wohlbefinden auf die Vögel und kommen dadurch zu falschen Schlüssen.
Hans Freiherr von Berlepsch.
[71]
Marterln in Sachsen
Von Dr. Stephan in Freiberg
Mancher wird beim Lesen der Überschrift den Kopf schütteln. Marterln gibt es doch nur in katholischen Ländern, ganz besonders in Tirol, die Täfelchen an Bäumen oder Pfählen, die in Bild und Wort von der tödlichen Verunglückung eines Waldarbeiters beim Baumfällen, eines Älplers beim Mähen an schroffer Felswand, vom plötzlichen Hinscheiden eines Wanderers infolge eines Herzschlages erzählen. Es ist allerdings richtig: auf bemalten und beschriebenen Holztafeln wird in unserem Vaterlande kaum berichtet, daß ein Mensch verunglückt ist, wohl aber auf Gedächtnismalen aus Stein, einfachen vierkantigen Säulen, oft von Mannshöhe, oder auch von Steinmetzen oder Bildhauern reicher ausgestatteten Denkmälern; auch Steine in Kreuzform finden sich. Die Beschreibung der Todesursache ist manchmal sehr ausführlich gegeben, wenn sie auch nicht »in Reimen voll Lebendigkeit und Naivität, oft auch unfreiwilliger Komik« erfolgt. Hier und da fehlt die Bitte um ein stilles Gebet des Vorübergehenden nicht, oder der Wunsch, daß der Verunglückte in Frieden ruhen möge, ganz wie in Tirol, wo manchmal nur ein R. I. P. (requiescat in pace) die Angaben über des Verstorbenen Unglück abschließt.
Das älteste dieser Marterln in Sachsen ist das Steinkreuz, das, an der Straße von Altstadt nach Stolpen stehend, den Tod des Richters Balthasar Mittag aus Altstadt durch Sturz mit dem Pferde am 16. September 1572 kündet. Ob das Kreuz erst nach dem Unfall gesetzt oder ein dort schon vorhandenes viel älteres Steinkreuz nur mit der ihn meldenden Inschrift versehen worden ist, bleibt zweifelhaft. Diesem Male folgt dem Alter nach Morrs Stein am Großen Zschirnstein in der Sächsischen Schweiz, der an den am 16. Oktober 1653 erfolgten Tod des Försters Ignaz Morr aus Schöna beim Fällen einer Eiche erinnert. Von im achtzehnten Jahrhundert aufgerichteten Marterln sind dem Verfasser nur drei bekannt geworden. An dem Fahrwege von Berthelsdorf nach Weigmannsdorf bei Freiberg steht ein mannshoher Stein im Barockstil. Auf der Vorderseite sind noch zu erkennen oben rechts Wolken, in der Mitte zwei menschliche Gestalten und am Fuße ein Totenschädel; die Inschriften auf der Schau- und der Rückseite sind vollständig verwittert. Es sollen hier im Jahre 1774 – diese Zahl ist noch zu lesen – zwei Kinder vom Blitz erschlagen worden sein. Ein eigenartig gestaltetes Denkmal, ebenfalls dem Barock angehörig, hat kindliche Liebe an einem Fußwege im Dorfe Altstadt bei Ostritz in der Lausitz setzen lassen zum Andenken an das Unglück, das »1776 den 12. Juli getroffen den Arbeitsmann Anton Kurtze, Häußler aus Altstadt«, der im Walde beim Holzfällen von einem Baume erschlagen wurde. Endlich: am Fahrwege von Reinholdshain nach Reinhardtsgrimma in der Amtshauptmannschaft Dippoldiswalde, etwa zehn Minuten von dem zuerst genannten Dorfe entfernt, berichtet die Inschrift einer vierseitigen Säule, daß dort am 18. Juli 1787 ein Blitzstrahl einem blühenden Menschenleben ein jähes Ende bereitet hat.
[72]
Weit zahlreicher sind die Marterln, die im neunzehnten Jahrhundert entstanden. Als wirkliche Denkmäler sind anzusprechen, das, welches in der Flur Dittersbach bei Frauenstein an der Straße nach Lichtenberg dem Andenken des Mahl- und Ölmühlenbesitzers Bernhard errichtet wurde, dem dort am 25. Juni 1819 das Rad eines schwerbeladenen Wagens über den Kopf ging, dann das für den Artilleriehauptmann Hirsch auf dem früheren Heller-Truppenübungsplatze bei Dresden von seinen »trauernden Waffenbrüdern« gesetzte, ein Granitwürfel, auf dem ein antiker Helm ruht. Hirsch stürzte 1822 von seinem scheuenden Pferde und brach den Hals. Auch das schöne Denkmal gehört hierher, das die Liebe der Geschwister bei dem Dorfe Wolkau unweit Nossen dem dort durch am 16. September 1900 erfolgten Sturz aus dem Wagen zu Tode getroffenen jungen Prinzen Albert von Sachsen hat aufstellen lassen; es ist ein Marmorstein, auf dem sich ein Kruzifix aus Messing und Bronze erhebt. Leider haben Rohlinge im Mai 1923 das Kruzifix abgesägt und entwendet und den Stein verstümmelt. Mehrfach tritt bei den Marterln des vorigen Jahrhunderts die Kreuzform auf. Aufrechtstehende Kreuze bezeichnen die Stelle, wo sich todbringende Unglücksfälle ereigneten, in den Fluren von Berthelsdorf bei Lunzenau und Wurschen in der Amtshauptmannschaft Bautzen; ein Maltheserkreuz steht am Südausgange von Niedergurig in derselben Amtshauptmannschaft, zum Gedächtnis eines im Jahre 1800 vom Blitz erschlagenen Knechtes errichtet. Am häufigsten sind die Male, die die Form von vierseitigen Säulen oder von Platten mit dachförmigem Aufsatz haben. Der Verfasser hat die folgenden feststellen können. Für Personen, die in Ausübung ihres Berufs als Landwirte, Wagenführer, Straßenwärter, Waldarbeiter u. a. den Tod fanden, stehen solche Marterln in Albertitz, Amtshauptmannschaft Meißen (1835), in der Nähe der Hohwaldschenke am südlichen Abhange des Valtenberges (1831), an der Brüxer Landstraße bei Deutscheinsiedel (1867), bei Drausendorf, A. H. Zittau (1856), im Grillenburger Walde an der Schneise 21 (1832), bei Großwaltersdorf, A. H. Freiberg (1826), am Fahrwege vom Zollhause Bieberstein bei Nossen nach Hirschfeld (1885), bei Lichtenberg, A. H. Zittau (1835), am Löbauer Berge (1854), bei Oberoderwitz (1839), bei Ossig A. H. Döbeln (1856), bei Schönbach, A. H. Kamenz (1840). Für durch den Blitz Erschlagene errichteten die Hinterbliebenen Denksteine in oder bei Borstendorf (1822), Deutscheinsiedel (1898), Falkenau (1880), Friedebach bei Sayda (1890), Geyer (1877), Königshain bei Ostritz (1836), Nassau (1875) und Oberrotenbach bei Mosel (1826), für Personen, die von einem »Schlagfluß« oder »Blutschlag« tödlich getroffen wurden, in den Ortsfluren von Jacobstal (1846), Mariental in der Amtshauptmannschaft Zittau (1852), Oberleutersdorf (1808), Seifhennersdorf (1840), am Wege vom Königsplatz nach der Bootstation an der oberen Schleuse bei Hinterhermsdorf (1834) und an der Ostseite des Hochwaldes bei Zittau (1801), endlich zum Gedenken an Unglücksfälle besonderer Art am Südabhange des Breiten Berges in der südlichen Lausitz (Tod durch Schuß aus dem eigenen Gewehr 1825), Kemnitz, A. H. Löbau (dieselbe Todesursache, 1848), Kirchberg-Stadt (Sturz vom scheuenden Pferde, 1868), [73]Jöhstadt (Sturz aus dem Schlitten, 1873), Reichenau bei Zittau (Erfrieren im Schneegestöber bei großer Kälte, 1831) und im Triebtale bei Jocketa im Vogtlande. Als hier im Jahre 1888 der Oberleutnant v. Imhoff im Manöver als Führer einer Jägerpatrouille versuchte, einer gegnerischen Patrouille das Gewehr zu entreißen, entlud es sich und die Kugel traf ihn tödlich.
Wie ein Blick über diese Liste zeigt, finden sich verhältnismäßig die meisten Marterln in der Lausitz; hier begnügen sich auch die Hinterlassenen der Verunglückten mehrfach nicht mit einer kurzen Inschrift, zum Andenken an ihren lieben Vater oder Bruder, sondern fügen eine längere Bitte oder Mahnung an die am Denkmal Vorübergehenden in Gedichtform hinzu. Es sei hier nur das an dem bei Seifhennersdorf aufgestellten Marterl angeführt. »Hier in des Waldes Dunkel, von der lieben Heimat fern, – fern von Gattin, Kindern und Verwandten, – mußte einsam und verlassen auf den Ruf des Herrn – ein liebend Vaterherz erkalten. Drum lieber Wandrer, bedenke tief und ernst, – daß ach so wenig Bürgschaft hat ein armes Menschenleben, – das auch im nächsten Augenblick und unverhofft – durchzucken kann des Todes Beben. – Du aber, der Du ohne Abschied von uns gingst, – der Du so treu, so liebend an uns hingst, – der Du hier ausgeruht, um ewge Ruh zu finden, – ach, laß Dich dort im Hain des Paradieses wiederfinden.«
Es nimmt auch die Zahl der Marterln immermehr ab, je weiter das neunzehnte Jahrhundert vorschreitet, und dem zwanzigsten gehören nur ganz wenige an. Es konnten nur drei ermittelt werden: ein Stein am Wege von Otzdorf nach Massanei bei Waldheim, für den dort 1905 verschiedenen Regierungsrat Böhme, ein Granitkreuz in der Nähe des Bahnhofs Seitzschen bei Bautzen für Walther v. Ischky auf Prietschwitz, der 1903 mit seinem Rade in ein entgegenkommendes Geschirr fuhr und den Tod fand, und ein geschnitztes Kreuz am hohen Birkigt bei Neustadt, an der Stelle, wo im Mai 1922 der zweite Vorsitzende der naturwissenschaftlichen Gesellschaft »Isis« in Bautzen, Professor Lamprecht, an einem Herzschlag verschied.
Der Grund für das allmähliche Seltenerwerden der Marterln in unserem Vaterlande ist nicht schwer zu erkennen. Mit der beständig sich erhöhenden Zunahme der Bevölkerung wächst die Zahl der Unglücksfälle, dem einzelnen wird nicht mehr die Bedeutung zugemessen, die ihm wurde, als in den Städten und Dörfern die Bewohnerzahl noch eine bescheidene war und alle Einwohner einander kannten und Anteil aneinander nahmen. Da konnte es noch vorkommen, daß eine ganze Gemeinde ihrem verunglückten Mitgliede einen Denkstein an dem Orte seines Todes setzte. Wenn heute überall dort, wo allein durch Zusammenstöße von Kraftwagen oder Krafträdern mit anderen oder durch Anfahren an Masten oder Straßenbäume Menschen ums Leben kommen, Marterln errichtet würden, da würden unsere Landstraßen mit solchen geradezu gespickt sein.
Nur durch Inschriften an einer Hauswand wird in wenig Fällen das Andenken an die Verunglückung eines Menschen lebendig erhalten. Am Toreingange des Birknerschen Gutes in Niederstriegis sieht man die Abbildung [74]eines vierspännigen Lastwagens und darunter den verunglückten Geschirrführer, der am 19. Januar 1798 in der Mulde bei Grünrode den Tod fand, und an der Wünschmannschen Mühle in Krummenhennersdorf bei Freiberg kündet eine Inschrift, daß dort ein Unteroffizier des Infanterieregiments Nr. 102 im September 1911 mit seinem Rade zu Falle kam und an den dabei erlittenen schweren Verletzungen starb. Sagenhaft ist eine Inschrift an einem fünfteiligen Felsen an der Staatsstraße von Wehrsdorf bei Schirgiswalde nach Steinigtwolmsdorf. Unter den Handwerkszeichen eines Zimmermanns stehen die Zahlen 1832–1908. Hier soll im Jahre 1832 ein Handwerksbursche in trunkenem Zustand auf den Felsen geklettert und dort eingeschlafen, bald aber heruntergefallen und doch unverletzt geblieben sein. Die Zahl 1908 deutet auf das Jahr, in dem die Inschrift erneuert worden ist.
Im weiteren Sinne gehören zu den Marterln auch die Erinnerungsmale an Unglücksfälle in großem Ausmaße. Am 1. Juli 1867 fanden in der Neuen Fundgrube in Lugau infolge Schachtbruchs einhundertundein Bergleute den Tod und in einem Massengrabe neben der Kirche in Lugau ihre letzte Ruhe. Noch größer war die Zahl der Bergleute – zweihundertsechsundsiebzig –, die am 2. August 1869 in den Freiherrlich v. Burgkschen Kohlenschächten »Segen Gottes« und »Neue Hoffnung« im Plauenschen Grunde bei Dresden durch schlagende Wetter getötet worden. An beiden Orten ist ein Denkmal in Obeliskenform zum Gedenken an die furchtbaren Heimsuchungen errichtet worden. Ebenfalls ein Obelisk erinnert auch an ein schweres Eisenbahnunglück unmittelbar vor der Stadt Öderan. Am 19. September 1895 stieß ein von Dresden kommender Sonderzug, der die Mannschaften des in Zwickau stehenden Infanterie-Regiments Nr. 133 aus dem Manöver zurückführen sollte, auf einen Güterzug, der auf demselben Gleise in den Bahnhof einfuhr. Durch den Anprall wurden drei Wagen völlig zertrümmert. Acht Mann waren sofort tot, drei starben bald im Lazarett, leichte oder schwerere Verletzungen erhielten gegen fünfzig Mann. Gleich schwer war das Unglück, das sich bei dem Manöver sächsischer Truppen im September 1911 ereignete. Während eine Abteilung des Oschatzer Ulanenregiments von Obervogelgesang bei Pirna durch die Elbe schwamm, um den in Posta liegenden Feind aufzuspüren, wurde ein Pferd unruhig, es brachte andere in Verwirrung, und eine Anzahl Reiter wurde aus den Sätteln geworfen. Von fünfundzwanzig Mann ertranken elf. Ihrem Gedächtnis ist ein schöner Denkstein am Elbufer bei Posta, nahe der Unglücksstätte, errichtet worden. Ein ebensolcher steht auf dem Truppenübungsplatze bei Königsbrück, wo am 7. Juni 1910 der Blitz in eine Abteilung Soldaten, die in die Baracken zurückkehrten, hineinschlagend, drei tötete, und ein andrer auf der Höhe nördlich von Niederschöna bei Freiberg, von Linden beschattet. Hier stürzten am 21. September 1912 zwei junge Offiziere mit ihrem Flugzeug ab.
Zu den Marterln dürfen endlich die Erinnerungsmale aus neuerer Zeit gerechnet werden, die zum Gedächtnis Ermordeter aufgestellt worden und in gewisser Beziehung den alten Steinkreuzen an die Seite zu stellen sind, wenn [75]auch nicht anzunehmen ist, daß die Mörder sie zur Sühne ihrer Freveltat haben errichten müssen, sondern die Hinterbliebenen oder Freunde und Gemeindegenossen es getan haben. Ihre Zahl ist nicht klein.
Das älteste Marterl dieser Art ist unsers Wissens der sogenannte Blutstein, der im unteren Teile des Dorfes Clausnitz bei Bienenmühle dicht an der Dorfstraße im Graben liegt, ein großer Steinblock, in dem ein viergeteilter Kreis eingemeißelt ist, worin noch die Buchstaben und Worte zu lesen sind: D. 8 Judex A N – 1563 – W. Uhle Pastor – G. Biber, und ein Gegenstand wie ein Hammer unter dem Namen Biber abgebildet ist, Wolfgang Uhle aus Elterlein war seit 1558 Pfarrer in Clausnitz. Im Jahre 1563 schlug er den Ortsrichter Biber mit einem Hammer nieder, weil er, wie eine alte Chronik erzählt, an diesen im Spiele sein Geld verloren hatte. Uhle büßte später, vom Kurfürsten August begnadigt, den Mord durch aufopfernde Tätigkeit während der in Annaberg wütenden Pest. Von einem Raubmorde redet auch ein Stein, der westlich der Marienberg–Reitzenhainer Landstraße unweit des zuletzt genannten Ortes im Walde steht. Hier ist, wie die Inschrift am Steine besagt, am 23. April 1669 der Rittmeister Paul Münch, »von einigen abgedanckten Officiren, so als Kauff-Leuthe mit Ihme gereißt, Straßenräuberisch angefallen, mit einem Schuße durchs Haupt ermordet und ausgeplündert worden. Die Thäter aber wurden zu Eysenach balde attrapiret, dafür zur Strafe gezogen und folgenden 3. Juliy daselbst auffs Radh geleget«. Eine Inschrift auf der Rückseite dieses »Totensteins« wiederholt in lateinischer Sprache, was dort geschehen ist, dabei den Toten als edelmütig und tapfer rühmend und die Vorübergehenden zum Lesen und Betrauern des Ermordeten auffordernd. Die übrigen, dem Verfasser bekannt gewordenen Mordsteine gehören dem neunzehnten Jahrhundert an. Einer steht an der Landstraße von Mittweida nach Burgstädt in der Flur Altmittweida, wo im Jahre 1861 ein Gendarm bei der Verfolgung von drei Einbrechern niedergeschlagen worden ist, ein andrer an einem Feldwege, der von der Straße von Kitzscher nach Stockheim (Amtshauptmannschaft Borna) abzweigend, zum Vorwerke Lindhardt führt. Hier hat 1876 ein Gefangener den ihn von Grimma nach Borna überführenden Beifrohn erdrosselt. Von dem 1801 verübten Morde an einem Unbekannten berichtet ein Stein im Tale südlich von Spittwitz nahe der Dresden–Bautzener Landstraße[2], vom räuberischen Überfall auf Handelsleute je ein solcher in den Fluren von Großwaltersdorf im Jahre 1876, von Schönbrunn (Amtshauptmannschaft Zittau) 1823 und Oberschöna bei Freiberg 1817. Auf dem Wege aus dem Gottesdienst nach Hause wurde am Karfreitag des Jahres 1881 in einem Busch zwischen Niethen und Lauske (Amtshauptmannschaft Bautzen) ein Schulkind »in entsetzlicher Weise« ermordet; in Porschütz (Amtshauptmannschaft Großenhain) fand 1823 und in Schweikershain 1878 je ein junges Mädchen den Tod, wie die an den Orten der Tat errichteten Denksteine melden, durch »ruchlose Mörderhand«. Eine in Trachenau bei Rötha stehende Sandsteinsäule, [76]in die die Buchstaben und Worte eingemeißelt sind: M. O. B. – Male mortis in fatis illi erat – soll die Stelle bezeichnen, wo ein M. O. Bialler, angeblich Gutsinspektor auf Rötha, erschossen aufgefunden wurde[3]. Nur eine kurze Inschrift an einer Fichte am »Rothen Hirschweg« bei Rothental unweit Olbernhau bewahrt das Andenken an einen jungen Forstgehilfen, der 1883 bei einer Nachtwache, die Wilderern galt, aus Versehen von seinen eigenen Leuten erschossen wurde, und ein Blechschildchen an einer Kastanie auf der Schillerstraße in Dresden, das an die Ermordung des Malers Gerhard von Kügelgen durch einen Soldaten im Jahre 1820 erinnert.
Auch für im Zweikampfe Gefallene finden sich Denksteine vor. So steht ein solcher im »Breiten Grunde« im Tharandter Walde aus dem Jahre 1844 und ein zweiter, eine Granitsäule, im Karlswalde bei Arnsdorf. Dort fand ein Forststudent, hier ein Offizier den Tod. In einem Wäldchen bei Radeburg ist ein »Sandsteinblock mit einem Kopfe, Uhr, Pistole und einem lorbeerumgebenen, von einem Pfeil durchbohrten Herzen geschmückt«, einem Kandidaten der Medizin errichtet worden, der sich 1859 dort erschoß[4].
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß auch getötete Tiere Denksteine gesetzt erhalten haben. In Mobendorf bei Hainichen wütete 1877 die Rinderpest. Dort, wo infolge davon dreizehn erschossene Rinder vergraben worden sind, steht ein Stein mit Inschrift, und wie E. Flath in seiner Heimatkunde und Geschichte von Schönheide berichtet, erinnert im Schulhofe von Schönheiderhammer ein Stein an ein dort verendetes Roß des früheren Hammerwerkbesitzers Rauh.
Soll für die Erhaltung der Marterln Sorge getragen werden? Was diejenigen anlangt, die an Orten von Massenverunglückungen errichtet worden sind, so halten es die Gemeindeverwaltungen, Knappschaften und Militärvereine für ihre Ehrenpflicht, sie dauernd in gutem Zustande zu erhalten, insbesondere ihre Inschriften zu erneuern, wo es nötig wird. Aber auch Steine, die einzelnen Verunglückten oder Ermordeten gelten, sollten nicht der Verwahrlosung anheimfallen, so wenig unsere schnellebige Zeit das einsehen mag. An den Personen, deren Gedächtnis sie bewahren sollen, nimmt doch niemand mehr Anteil, auch fehlt den Marterln zum größten Teil jeder Kunstwert, deshalb ist, ohne Schaden, auch schon mancher von diesen Denksteinen spurlos verschwunden. Leider ist das wahr; es ist ihnen ergangen, wie so vielen Grabsteinen auf Kirchhöfen, die bei Neubelegung von Gräbern von diesen entfernt wurden, um irgendwo in einem Winkel zu zerfallen oder als Wegplatte verwendet zu werden. Mag in diesem Falle der Raummangel die Beseitigung der Grabsteine rechtfertigen, die ihren Zweck erfüllt haben, so fällt dieser Grund für die Marterln weg. Sie stehen an Orten, wo sie niemand stören, und kennt auch keiner mehr die Person, deren Tod sie künden, so haben sie doch kulturgeschichtlichen Wert. Unsere Väter meinten noch, solch ein Marterl werde [77]jedem, der an ihm von dem tödlichen Unglück, das einen Volksgenossen traf oder gar von dem jähen Tode liest, den er durch Mördershand erlitt, nachdrücklich zu Gemüte führen, wie nahe ihm selber sein Ende sein könne und ihn so zur Einkehr in sich und zur Rückschau auf sein bisheriges Leben und Handeln veranlassen. Die Marterln predigen von der Vergänglichkeit des Menschenlebens; Predigten dieser Art sind auch heute noch nicht überflüssig. Damit ist auch, abgesehen davon, daß einzelne Marterln auch nicht des Kunstwertes entbehren, die Forderung berechtigt, daß sie geschont und geschützt werden.
Fußnoten:
[2] S. Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens, Heft 31, S. 77.
[3] Die im Vogtlande noch vorhandenen »Mordsteine« hat schon P. Apitzsch im zweiten Bande des Vogtländischen Jahrbuchs verzeichnet.
[4] S. Gurlitt, a. a. O., Heft 38, S. 110.
Osterschießen in der Bautzner Gegend
Von Karl Lucas, Meißen
An einem Ostersonnabend schlich ich in dem kleinen Dorfe Schl. in unserer Oberlausitz durch die Grasgärten und hinter den Scheunen herum. Eigentlich sollte an diesem Tage alles, was Arme und Beine regen konnte, sich bemühen, aus allen Ecken und Winkeln den Winterschmutz zu beseitigen. Die Gutshöfe und ihre Zufahrtswege waren schon sauber gerecht. Hausfluren, Treppen- und Kellerstufen waren schon frisch gescheuert. Im ganzen Hause von oben bis unten war kein unsauberes Fleckchen mehr zu finden. Manches Haus durchzog sogar ein feiner Räucherduft. Mit hochgegürtelten Röcken, mit vorgebundenen Sackschürzen, in besickelten Strümpfen und Holzpantoffeln, versehen mit großen Scheuerhadern, Wurzelbürsten, Besen und vollen Wassereimern hatten Frau und Magd das Ihre getan. In den Hausfluren, Küchen, kleinen und großen Stuben deckten Säcke und Tücher den Boden. Wenn die »Moannsen« und die Milchleute von draußen hereinkamen, sollten sie nicht gleich wieder den Straßenschmutz auf den sauberen Steinen und Dielen abtreten. Die Frau hatte sich vielleicht aber schon vorgenommen, in der Nacht die Stuben noch einmal auszukehren. Dabei wollte sie aber allein sein. Sie wird dann von den vier Ecken aus nach der Stubenmitte kehren und den Kehricht zum Fenster hinauswerfen; dann ist das Haus vor Behexung gefeit.
Aber die Moannsen, die »Kerl’n«, die standen oft zu zweien und zu dreien beieinander, steckten die Köpfe zusammen und hatten sich – wie es schien – gar arge Sachen zu erzählen. Ganz geheimnisvoll taten sie dabei. Die ihnen aufgetragene Arbeit war dem gegenüber nur Nebensache. Wenn aber der »Herre« in Bautzen zum Bauernsonntag (Sonnabend) ist, wenn die »Weibsen« im Hause, in Küche, Keller und Stall alle Hände voll zu tun haben, da lassen die »Kerl’n« schon die Fünf gerade sein.
Wenn sie mich erblickten, fuhren sie plötzlich auseinander und begannen mit einem verdächtigen Eifer ihrer Arbeit nachzugehen. Gehört hatte ich aber doch noch: »Hinde Oomd glei noach ’n Ass’n!« (Heute abend gleich nach dem Essen!) Ich dachte: Mich macht ihr nicht dumm. Ich weiß Bescheid. Heute ist Osterschießen.
[78]
Die Hofglocke rief zum Abendessen. Geschwind wurden noch einige Rechen- und Besenstriche getan und dann die Geräte schnell aufgeräumt. Darauf folgte am Hofbrunnen oder in der Küche ein kurzes Waschen. Kurz darnach saß alles an seinem Platze am großen Tische in der kleinen Stube. Die Bratkartoffeln in der mächtigen Pfanne luden zum Zulangen ein. Vom kleinen Tisch aus konnte ich manchen verstohlenen Blick auffangen, den die »Kerl’n« untereinander austauschten. Der Osterjunge, der nun bald keiner mehr war; denn sein Jahr war herum, legte seinen Löffel weg und sagte zum Drittler: »Du, Korle, ich ho noach su a Ding g’fung’n[5]. Half[6] mer norre[7] noach a prinkl[8], doaß ’ch no fart’ch war[9]!« Der nickte nur und legte auch seinen Löffel beiseite. Kurz darauf war auch der Großknecht fertig und stand auf. Dabei gab er den anderen ein Zeichen.
Vor dem Abendessen hatte ich noch das Wort »Hühnerpark« aufgefangen. Das sagte mir genug. Ich eilte hinter ihnen her. Sie standen noch in der Graskammer. Darum ging ich so leise wie möglich die Vordertreppe hinauf zur Hinterkammer, die je nach der Zeit zur Aufbewahrung von allerlei Kaufmannsware, Fleischware und Obst dient. Die hatte ich mir vorher schon vorsichtshalber aufgeschlossen. Auf der Holzstiege, die von der Graskammer nach oben führt, saßen alle vier: der Großknecht, der Kutscher, der Drittler, der Osterjunge. Die Mädel hatten in der Küche zu tun. Die vier Verschworenen waren sehr beschäftigt. Ein Werkzeugkasten fiel um. – »Dunn’rwatt’r noach amoal! Reim dan[10] Drack nei. Bluß[11] ’n Hoamm’r, de Zange und de Feile nimm ocke mit. An Noil[12] ho ich schun!« Darauf ging es sapp! sapp! durch den Stall nach dem Grünfutterschuppen, von da auf den unteren Grasgarten nach dem Hühnerparke. Ich verließ meinen Platz an der Tür und ging zum geöffneten Fenster. Von hier aus hatte ich den Hühnerpark in Sicht- und Hörweite.
Der Hühnerpark hat seine Geschichte. Der Fleck ist etwas über zwei Quadratmeter groß. Vor zweiundzwanzig Jahren legten die Erdarbeiter, die den Grund zum Neubau der abgebrannten Scheune ausgruben, die Grundlage für ihn. Sie warfen nämlich die überflüssigen Erdmassen dort auf einen Haufen. Der Haufen blieb liegen. Holunder siedelte sich an und wuchs groß. Einige Jahre später nahm sich ein Knecht des scheinbar vergessenen Fleckchens an, schaffte Platz, zimmerte Bank und Tisch zurecht und richtete sich eine Laube zu. Als er seinen Dienst wechselte, versank das Fleckchen wieder in einen Dornrösleinschlaf. Nur die Hühner fanden es schön. Als man ihre Vorliebe dafür bemerkte, taufte man die unbeachtete Ecke auf den stolzen Namen Hühnerpark.
Hier war das erste Ziel der vier Geheimniskrämer: – »Woas host’n g’fung’n?« – »An oal’n huhl’n[13] Schlüss’l.« – »Zeig’n’[14] har! Ju[15], dar gitt[16]. M’r moach’n bluß a klee Luch nei. D’rnoa konnste plauz’n[17].« Darauf der Große: »Goab’n har! ’ch war d’rsch moach’n. Paß uff, doaß niemand kimmt!«
[79]
Jetzt wurde gefeilt, geklopft, wurden Draht und Nägel verlangt, ward nach Zündplättchen gefragt, wurde Pulver verteilt, wurden Feuerwerksfrösche ausgegeben. Dazwischen wurde von Pistolen, Revolvern, Luftbüchsen, Windbüchsen, leeren Patronenhülsen, die mit Zündplättchen und einem Nagel versehen werden müßten, gesprochen, daß es einem grausen konnte. Fast klang es, als ob es heute nacht ohne Blutvergießen nicht abgehen würde. Nur gegen wen sie so stark bewaffnet zu Felde ziehen wollten, das wurde nicht gesagt.
Dabei wurden aber auch die »Mädel« nicht vergessen. Die hatten sich nämlich verabredet, daß sie mit denen vom Unterludwig Osterwasser holen wollten. Das hatten die Kerle ausspioniert und wollten dabei auch ihren Jux vollführen.
Eine Person war abwesend, sollte auch heute gar nicht erscheinen, beschäftigte aber doch die Gemüter. Sie wurde sowieso mit einigem Mißtrauen angesehen, wenn sie einmal im Dorfe erschien und z. B. nachsehen wollte, ob alle mit geschütztem Sensenblatt vom Felde heimkamen, ob alle Geschirre mit einbrechender Dunkelheit ihr Licht leuchten ließen, wenn sie gar eins persönlich begrüßte und mit Amtsmiene nach dem Verbleib von dem oder jenem fragte, das unfreiwillig seinen Herrn gewechselt hatte: der Herr Polizeiwachtmeister. – »Wu ward dar hoite rimflitzen? Loaßt eich bluß ne vu dan d’rwisch’n! Doas is kee Gut’r nich.« Außerdem hatte einige Tage zuvor im amtlichen Teile der Zeitung das Verbot des Osterschießens mit entsprechender Strafandrohung gestanden. So ganz einfach war die Sache demnach nicht. Wie es schien, war doch einem das Herz etwas in die Hosen gerutscht; denn ich hörte gerade noch den trostreichen Zuspruch: »’n Kupp koann’r d’r ni wagreiß’n!«
Die Dunkelheit war inzwischen eingebrochen. Der Hühnerpark leerte sich. Es ging zuerst nach dem Backofenanbau. Gleich daneben war das geöffnete Küchenfenster. Hier konnten sie die Mägde belauschen, die beim Aufwaschen die letzten Verabredungen wegen des Osterwasserholens trafen. Da klang es durcheinander: wann aufstehen – wer weckt – kein Wort sagen, sonst Plapperwasser – wo wollen wir das Wasser holen – nehmen wir die Meißner Mädel mit – vor allem den Kerlen nichts sagen usw. Die aber standen draußen und dämmerten von einem Beine auf das andere, kniffen die Arme untereinander und drückten sich den Bauch, um das Lachen verbeißen zu können. Ein empfindlicher Rippenstoß belehrte die, die scheinbar ganz vergessen hatten, warum sie hier standen und worum es ging. Jetzt waren sie ganz ernsthaft bei der Sache. Drinnen ging das Gewisper flott weiter. Draußen wurde das Arsenal von Schießgeräten, das die ganze Entwicklung der Feuerwaffen beinahe lückenlos darstellte, fertig gemacht, um das große Werk einzuleiten. – »Fart’ch?« – »Ju.« – »Bei dreie gitt’s lus! Eens, zwee, dreie!« – Es sollte wahrscheinlich eine Salve werden, aber die war etwas vorbeigelungen. Jedenfalls gab es einen tüchtigen »Plauzerch«. Aus der Küche kam als Echo ein durchdringendes Angstgeschrei. Eins rief: »Spuck norre glei dreimoal aus, doaß de ni d’n Schrack behälst! Nee, suche (solche) Karle!«
[80]
Die aber waren inzwischen verschwunden, um auch anderwärts im Dorfe hinter Zäunen, Hecken, Scheunen und Schuppen und auf Kreuzwegen ihre Munition zu verpulvern. Sie waren auch nicht die einzigen, die sich so vorbereitet hatten. An allen Enden und Ecken krachte und knallte es, je nachdem es die Schießgeräte hergaben. Von den Nachbardörfern klang es herüber. Zeitweise schien die Hölle losgelassen zu sein. An Schlaf war nicht zu denken. War der eine Trupp fort, und glaubte man, endlich Ruhe zu haben, so krachte es sicher in nächster Nähe wieder los.
In den Stuben aber konnte man überall verständnisvolle Gesichter erblicken. Mancher Alte mochte wohl bei sich denken: »Wenn ich doch auch noch mit dabei sein könnte!« Die landläufige Meinung konnte etwa so zusammengefaßt werden: Ein Ostern ohne Osterschießen ist gar kein richtiges Ostern.
Ja, warum? Die Behörden verbieten es, setzen Strafen darauf, und die Landbevölkerung setzt sich glatt darüber hinweg und teilt sich dabei in zwei Lager: die einen üben aus, die anderen freuen sich darüber. Ja, warum? Würden wir die Vertreter beider Richtungen fragen, so würden wir wahrscheinlich zur Antwort bekommen: Das ist eben so. – Das war früher schon so. – Das ist immer so gewesen. – Wir kennen das nicht anders. – Das ist bei uns so Sitte. Und fragen wir die, die noch nicht mitgehen dürfen, warum sie ordentlich zapplig darauf sind, in ein bis zwei Jahren auch mithelfen zu können, so antworten die uns vielleicht: »Das ist doch Sache!« Ich kann die Antwort verstehen. Für einen dreizehn- bis vierzehnjährigen Jungen muß dieses Schießen doch gar zu schön sein, besonders deshalb, weil solche berückende Umstände damit verbunden sind: ungewöhnliche Zeit, Mantel der Dunkelheit, stillschweigende Billigung seitens der Älteren beziehungsweise Erwachsenen.
Aber die Antworten können uns nicht befriedigen. Warum das Schießen, also die Verübung möglichst großen Lärms? Warum in allen Ecken und Winkeln? Warum auf Kreuzwegen? Warum vor Ostern?
Versuchen wir, die Antworten zu finden. Wenn das Osterschießen immer schon gewesen sein soll, wie uns gesagt worden ist, so muß es doch einmal seinen Anfang gehabt haben, es muß einmal aus einem bestimmten Grunde aufgekommen sein. Welches ist nun der Anfang? Wann und wo ist er zu suchen?
Unsere Untersuchungen werden sich erstrecken müssen, erstens auf die Handlung, zweitens auf den Ort der Handlung, drittens auf die Zeit der Handlung.
Das Merkmal dieses Schießens ist das Erregen von Lärm unter möglichster Anwendung von Feuer. Der Lärm ist die Hauptsache; denn das Schießen kann im Notfalle ersetzt werden durch Peitschenknallen, Klappern, Schlagen auf Bretter, alte Pfannen, Töpfe, Sensenblätter und durch Pfeifen und Schreien.
Dazu tritt das Feuer. Es begegnet uns für sich noch in dem Hexenbrennen oder Walpurgisfeuer und im Sonnenwendfeuer. Dabei werden Besen, Fässer, altes Reisig, Stroh und dergleichen verbrannt.
Schießen und Brennen sollen die unholden Geister, die Hexen, die Wieder- oder Umgänger vertreiben. Diese haben nach dem alten Glauben bestimmte Urlaubstage und Urlaubszeiten. So soll stellenweise jeder Sonnabend dazu [81]gehören, anderwärts sind es die Quatembertage, die Weihnachts-, Neujahrs-, Osternacht, der Allerseelentag. Die Aufenthaltsorte dieser Wesen sind besonders Kreuzwege, Kirchhöfe, versteckte Orte, die Nähe des Herdes, der Platz unter der Schwelle. Da aber unter der Schwelle holde Geisterchen wohnen, sollen z. B. im Rheinland die Türen nicht heftig zugeschlagen werden. Die Geistchen erschrecken darüber und entweichen. Lärm verscheucht sie. Alles, was als Versteck für die Unholden dienen kann, muß verbrannt werden, besonders die Besen, die beim Osterfegen verwendet worden sind. Besen sollen auch nicht mit den Ruten nach oben gestellt werden.
Auch Glockengeläute vertreibt die Geister. Davon weiß auch die Sage zu berichten. Glockengeläute und Lärmen und Pochen wird von den Geistern gleichgestellt. Es wird erzählt, daß im Erzgebirge die Zwerge durch den Lärm der Hammer- und Pochwerke vertrieben worden sind. Sie haben sich sehr darüber beklagt, haben aber versprochen, dann wieder zu kommen, wenn die Hammer- und Pochwerke beseitigt sein würden.
Beim Geisterscheuchen wurde auch Stein auf Stein oder Eisen auf Stein geschlagen. Flogen dabei Feuerfunken auf, so galt der Schlag als besonders wirksam, weil Geräusch und Feuer zu gleicher Zeit auftraten.
Die Zeit von Ende Februar bis in den Mai hinein war früher eine einzige Festzeit. In den Festbräuchen finden wir vorchristliche und christliche Bestandteile vermengt. Die Feiern lagen je nach den klimatischen Verhältnissen in den einzelnen Gegenden zeitlich auseinander. Es ward der Tod (oder der Winter) vertrieben und das Leben (oder der Sommer) eingeholt. (Ausführlicher habe ich das in meiner Arbeit über das Bautzner Eierschieben in einem früheren Bande der bunten Bilder aus dem Sachsenlande dargestellt.)
Alles, was Leben hat, soll diese Zeit nicht verschlafen und verpassen: Mensch, Tier und Pflanze. Alles, was sich während des Winters an Üblem eingenistet hatte, wurde vertrieben. Darum klopfte – wie Montanus berichtet – der Hausvater in Westfalen am Tage von Petri Kettenfeier (22. Februar) mit dem Hammer an alle Haus- und Stallpfosten und rief dazu:
[82]
Wurde das unterlassen, so gab es Unglück. Die um diese Zeit aus den Winterquartieren erstehenden Kröten, Schlangen und Molche sollten nach anderem Glauben in die Gewässer gehen, dort das Schlimme, das diese während des Winters in sich aufgespeichert hatten, an sich ziehen und so das lebenspendende Naß wieder gesunden und für den Menschen wieder heilsam werden lassen. (Osterwasser!)
Dieses Austreiben der Tod- oder Wintergeister fand vielfach eine lebende Darstellung im Tod- oder Winteraustreiben. Tod und Winter werden gleich gedacht. Darum heißt mancherorts der Sonntag Lätare Sommersonntag, anderwärts aber Totensonntag. Dies richtet sich ganz darnach, ob der obsiegende oder der unterliegende Teil im Namen hervorgehoben werden soll.
Die beim Austreiben verwendete Strohhülle des Winters wurde dem Wasser, besser noch dem Feuer übergeben. War der Fetisch, das ist der zeitweilige Aufenthaltsort eines verscheuchten Geistes oder Dämonen, vernichtet, so fand dieser bei seiner Rückkehr keinen Platz zum Bleiben mehr vor und mußte entweichen. Nur mußten natürlich auch alle Geisterverstecke gründlich gesäubert werden, also Kreuzwege, Ecken, Winkel, Hecken, Zäune, Schuppen, Scheunen, Böden, Stuben, Küchen, Keller, Treppen. Darum das große Fegen mit dem Besen und der reichliche Verbrauch von Wasser, worauf früher noch das Räuchern folgte. Der Kehricht mußte hinausgeworfen werden. Die Besen wurden nimmer benutzt, sondern wurden verbrannt (Hexenbrennen zu Walpurgis). Die Scheuertücher mußten gut ausgebreitet und zum Fenster hinaus ausgeschüttelt werden. Auf den Fußboden kam feiner Sand. Darauf konnten die Geister nicht gehen, sondern sie glitten darauf aus und brachen sich die Beine. Es sei hier an das bekannte Gedicht von den Heinzelmännchen zu Köln erinnert, in dem Erbsen die Stelle des Sandes einnehmen.
Draußen wurden die Bäume geschüttelt, gerüttelt und geschlagen, damit sie aufwachen und sich nicht ihre Lebenskräfte von den Wintergeistern rauben lassen sollten.
Die alten Lärmgeräte: Peitschen, Pritschen, Klappern, alte Pfannen, Töpfe, Sensen, Hämmer, Keulen, leere Fässer bekamen Zuwachs durch besser wirkende. Dazu gehört die Glocke. Sie ist das Schlußglied der Entwicklung, die vom alten aufgenagelten Brett ausgeht, das mit dem Hammer oder der Keule bearbeitet wurde. Das Brett ward dann freischwingend aufgehängt und in gleicher Weise geschlagen. Es wandelte sich um zur Eisenplatte. Diese bog sich schließlich um die Keule zur bergenden Hülle, schloß sich oben zu, ward zum Glockenmantel und faßte die Keule zum Klöppel. Mit ihr war ein geordneter Lärm möglich, der weithin hörbar, also auch ebenso weit wirksam war.
Eine zweite Reihe läßt sich verfolgen. Wichen die Geister und Hexen vor dem Schall, so auch vor dem Feuer und dem Rauch. Das Gerät, das Schall und Feuer und Rauch in einem erzeugen ließ, war das wirksamste und damit das beste. Das ist die Feuerwaffe, das Schießgewehr. Die Feuergarbe entquillt dem Lauf. Der Knall erschreckt das Ohr. Der Rauch entweicht zur Luft. So weit der Feuerschein leuchtet, der Schall tönt, der Rauch zieht, so weit geht auch [83]die Wirkung gegen die Geister und Hexen. Darum rannten früher auch Knaben und Burschen mit brennenden Scheiten um die Dorfgemarkung. Dadurch wurde das ganze Gebiet befreit von den Unholden und Unholdinnen. Unter den Zweigen gingen die Schüsse hin, um die Geister aufzujagen. In die Luft gingen die Schüsse, um sie auch dort zu treffen und zu verjagen.
Gerade die Osterwoche ist die Zeit für die Geister und Seelen, in der sie sich ungestört austoben konnten. Da schwieg der Glocken Mund. Sie waren nach Rom gegangen. Es war wirklich stille Zeit. Die Ersatzgeräte konnten die Wirkung des Glockenklanges nicht erreichen. Das »ewige Licht« in Kirchen und Kapellen war erloschen. Auch der häusliche Herd ließ sein Feuer ersterben. Erst am Karsonnabend (oder am Ostertag) flammten beide neu auf.
In dieser stillen Zeit war nichts sicher vor den Geistern. Da durfte keine Wäsche gewaschen werden, durfte nichts Gewaschenes im Freien getrocknet werden. Der Webstuhl stand stumm. Das Schmiedefeuer und der Hammer ruhten. Der Zimmermann griff nicht zu Richtscheit und Axt. Der Dünger auf dem Hofe und im Stalle ward nicht weggefahren. Dadurch wäre doch nur den Geistern das Verstecken und Einnisten erleichtert worden. Nur der Gründonnerstag besaß den Kräutersegen. An ihm sollte gesät werden, besonders Kraut- oder Kapp(us)samen.
Und in dieses Gewimmel der Geister, Dämonen, Hexen, Wiedergänger kracht und blitzt und schwelt es mit der scheidenden Karsonnabendsonne an allen Ecken, in allen Winkeln, auf allen Kreuzwegen! In den Häusern, Ställen und Scheunen haben Besen, Wasser und Räucherwerk ihre Arbeit schon verrichtet. Überall brechen die neuen Sommerkräfte hervor und dulden nichts Winterlich-Unholdes mehr. Die Geisterschlacht wird an diesem Abend, wird in dieser Nacht ausgekämpft, in der durch Fegen, Feuern, Räuchern, Lärmen der Sieg erzwungen wird!
Heute ist das Osterfeuer nicht gebräuchlich; es findet sich als Walpurgis- und als Johannisfeuer wieder. Früher muß es verbreitet gewesen sein. Die »Osterberge« zeugen noch davon.
Aber die Geister suchen wiederzukommen. Darum ist größte Wachsamkeit geboten. Sie setzen sich auf den Grashalm, lassen sich von der Kuh, die den Grashalm frißt, mit verschlingen, gehen aus der Kuh mit der Milch wieder hinaus und finden mit dieser, mit Butter, Käse, Quark Eingang in den Menschen. So gibt es noch mehr solcher märchenhafter Wege für sie. Soll doch sogar der Teufel, der oft an ihre Stelle gesetzt wird, solche Wege nicht verschmähen. Helfen kann nur Fegen, Feuern, Räuchern, Lärmen, d. h. auf dem Posten bleiben, nicht schlafen, nicht ruhen.
Neue Urlaubstage kommen für die Geister, an denen sie aus ihrer innerirdischen Behausung hervorbrechen. Darum Walpurgisfeuer, Sonnwendfeuer, Sonnabendreinigen der Wohnungen, Gehöfte und Wege.
Bei wichtigen Anlässen muß besonders aufgepaßt werden, damit sie nicht mit Unglück auslaufen. Damit kommen wir kurz noch zu einigen anderen Ereignissen im menschlichen Leben, die sich trotz scheinbar großer Unterschiede [84]mühelos dem gleichen Gedankenkreis einordnen lassen, der dem Osterschießen unterlegt worden ist.
Der Vorabend der Hochzeit geht als Polterabend. Je größer der Scherbelhaufen, desto mehr Glück für das Brautpaar. Durch das Lärmen, Poltern, Klirren, Schreien sind die Geister vertrieben worden, die das Glück der jungen Ehe stören wollten. Das Salutschießen, das Vivatschreien, die bei vielen feierlichen Gelegenheiten in vielerlei Formen üblich sind, gehören auch hierher. Dies besagt schon ihr Name: salutare = salve sagen = Heil, Gesundheit ansagen; vivat besagt dem Sinne nach dasselbe. Doch dies alles kann hier nur angedeutet werden. Es wäre ganz anziehend, den Zusammenhängen, die zwischen ihnen und dem Osterschießen bestehen, nachzugehen.
Mag die Behörde mit dem Verbot des Osterschießens schließlich obsiegen, mag die Landbevölkerung selbst durch den zunehmenden Einfluß der bodenentwurzelten Städter von sich aus schließlich davon abkommen: das aber möchte doch bleiben, was für alle Zeiten wichtig bleiben wird. Wir werden dafür keine wirklich geglaubten Geister und Seelen zur Begründung heranziehen, sondern klare Erkenntnisse.
Wenn wir einmal von all dem Erzählten alles alte Glaubensgut wegnehmen, dann bleibt – ganz nüchtern betrachtet – übrig das Gebot der Reinlichkeit und Sauberkeit. Die Befolgung dieses Gebotes sichert die Erhaltung der Lebenskraft. Nun kann man zwar von Reinlichkeit und Sauberkeit nicht leben, aber überall, bei Kleidung, Nahrung, Wohnung, kommt sehr viel, wenn nicht alles auf sie an. Dies wird niemand bestreiten wollen. Wir verschließen uns dabei der Erkenntnis nicht, daß unsere heutigen Ansichten über rein und sauber nicht ganz dieselben sind wie früher.
Sind nicht die verschiedenen Ungeziefer, die sich in Küche, Stube, Keller und Vorratsräumen einnisten können, wirkliche »Quälgeister« für die Hausfrau? Sind Schmutz und anderer Unrat die Brutstätten für solches Gelichter? Verbreiten sich nicht von ihnen aus allerhand Krankheiten und Seuchen auf Mensch, Tier und Pflanze, zehren an deren Lebensmarke und führen zum vorzeitigen Ende? Darum: Ob die Herdmutter der Alten mit dem Besen ihre Räume ausfegte und mit Räuchermitteln den Geistern und Dämonen, Seelen und Wieder- oder Umgängern auf den »Leib« rückte, ob heute die Hausfrau in ihrem Reiche mit elektrisch angetriebenem Staubsauger, mit Desinfektionsapparat, mit Ventilator, mit besonders zugerichtetem Scheuerwasser gegen Bakterien und Bazillen vorgeht; es ist dasselbe in seiner Wirkung. Wenn es wirklich eine Frau von heute geben sollte, die da glaubte, die unholden Geister der Alten wären auch jetzt noch zu bekämpfen, so wäre das für das Reinigungswerk auch nicht von Schaden. Vielleicht wird es besonders gründlich verrichtet, weil die Pflicht von der Furcht getrieben wird.
Kommt bei uns allen noch das Bestreben hinzu, auch rein zu sein in Gedanken, Wort und Tat, dann ist auch das erreicht, was die Alten auch erreichen wollten: Zu brechen den Einfluß unholder, unreiner Geister auf Sinn und Gemüt des Menschen. Zu dieser inneren Reinheit kann uns das einfache [85]Sittengesetz des großen Nazareners, dem Ostern geweiht ist, ein guter Wegweiser, ein gutes Kampfmittel sein.
Das kann uns Menschen von heute das alte Osterschießen lehren, wenn wir seinen Sinn nur recht verstehen. Ostern ohne solches Osterschießen ist wirklich kein Ostern, kein Weckruf zu neuem, frischem Leben!
Fußnoten:
[5] gefunden.
[6] hilf.
[7] nur.
[8] ein wenig.
[9] fertig werde.
[10] Räume.
[11] bloß.
[12] Nagel.
[13] alten hohlen.
[14] zeige ihn.
[15] ja.
[16] geht, paßt dazu.
[17] krachen.
[18] heraus.
[19] Haus.
[20] Molche.
[21] Frau Maria.
[22] verbieten euch.
[23] Gesträuch.
[24] tiefe Wasserlöcher, Tümpel.
[25] verfaulen.
Ein Naturdenkmal des Vogtlandes
[86]
Paul Schumann †
Am 24. November, mittags ½1 Uhr, hat Paul Schumann, seit unserer Gründung Vorsitzender der Naturschutzabteilung und Vorstandsmitglied unseres Vereins, seine Augen für immer geschlossen. Als am 1. Juli 1908 der Ausschuß zur Pflege heimatlicher Natur, Kunst und Bauweise aufgelöst und der Landesverein Sächsischer Heimatschutz gegründet wurde, war Paul Schumann einer der Ersten, der seine Mitarbeit auf den weiten, ausgedehnten Arbeitsgebieten des Landesvereins antrug und in aufopfernder, selbstloser Weise ausführte. Wo es galt, im Dienste unserer Bestrebungen tätig zu sein, sei es als Vertreter an den Denkmalstagungen, sei es als Vertreter an den Naturschutztagungen, sei es als Erstatter von Gutachten in Fragen der Reklame, der Erhaltung heimatlicher Natur, Kunst und Bauweise, immer stand uns Paul Schumann zur Verfügung. Seine Berichte, seine Gutachten bargen ein vielseitiges Wissen und eine gerade, auf die Sache eingehende und begeisterte Gesinnung. So manchmal hat er uns versichert, daß er stolz sei, dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz von der Wiege an angehört und seinen in der Geschichte des deutschen Vereinslebens vereinzelt dastehenden großen Ausbau, vereinzelt dastehenden Aufstieg erlebt zu haben. Paul Schumann hatte trotz aller Überfülle von Arbeit, die sein journalistischer Beruf und seine Tätigkeit in unzähligen Vereinen erforderten, immer für uns Zeit. Er gehörte zu den Wenigen, die stets gefällig waren und niemals jemanden unverrichteter Sache abziehen ließen. Regen Anteil hat er noch in den letzten Monaten an den großen Aufgaben des Naturschutzes des Landesvereins genommen, und noch in den allerletzten Tagen seines Lebens hat er mit großer Freude von Plänen Kenntnis genommen, die zum 20jährigen Bestehen des Vereins 1928 ausgeführt werden sollen.
Paul Schumann hat mit beiden Händen von uns Abschied genommen. Er wußte, was ihm bevorstand. Und der Händedruck, den er unseren Vertretern gab, war – das merkten wir – Abschied vom Verein, dem er in treuer Liebe angehörte und für den er arbeitete und dachte bis ans Ende seines Lebens.
Mit Paul Schumann ist eine Leuchte der Wissenschaft, ist eine künstlerisch vielseitige Persönlichkeit, ein selten befähigter Kopf dahingegangen. In vielen Kreisen, so auch in dem unseren, wird er schwer zu ersetzen sein.
Es war der Wunsch des Verblichenen, daß in aller Stille das an ihm Sterbliche der Flamme übergeben wird. Nur seine engsten Angehörigen sollten in dieser Stunde nochmals vom Gatten, vom Vater Abschied nehmen.
Der Dank, den wir Paul Schumann schulden, wurzelt tief in unseren Herzen. In der Geschichte unseres Vereins und in all den Werken, an denen er mitarbeitete, wird sein Name unvergessen sein. Als bescheidenes sichtbares Andenken an den Mann, der zwanzig Jahre mit unser Führer und einer unserer Besten war, wird in [87]Gottes freier Natur oben im Erzgebirge ein Stück Land mit seltenen Pflanzen seinen Namen tragen, damit Alle, die da oben in reiner Luft wandern und sich erquicken, an den Mann erinnert werden, der seine Heimat so sehr geliebt hat.
[88]
Bücherbesprechungen
Ein neues Buch über den Garten. Hugo Koch, der sich durch verschiedene wertvolle Werke über Gartenkunst schon einen bedeutsamen Namen machte, hat uns ein neues Werk beschert: Der Garten, Wege zu seiner Gestaltung. Verlag Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W 8.
Der dicke, reich mit Bildern geschmückte Band bietet dem Fachmann wie dem Laien überwältigend viel Material zur Beurteilung, welche Wege die Gartenkünstler unserer Tage einschlagen. Koch sagt in seinem Vorwort: »So schrieb ich dies Buch in erster Linie für die Bauherren und Gartenliebhaber, doch wird es auch Architekten und Gartenfachleuten manches zu sagen haben. Wenn diese drei Gruppen – Bauherr, Architekt und Gartengestalter – zu engerer Zusammenarbeit geführt werden, ist ein Hauptziel meines Buches erreicht« und dann: »Erst ein inniges Zusammenwachsen von Haus und Garten wird eine neue Blüte der Wohnkultur ermöglichen«. Diesem Streben, Haus und Garten zusammenwachsen zu lassen, ist das ganze Buch geweiht. Es ist das Leitmotiv und die Durchführung beweist, mit welchem heiligen Ernste Architekten und Gartenfachleute am Werke sind, dieses Ideal zu verwirklichen.
Koch beginnt mit einem vorzüglichen kurz gefaßten historischen Überblick: Mensch und Garten im Wandel der Zeiten. Er zeigt damit, wie von der Kultur des Zeitgeistes die Kultur des Gartens abhängig war. Durch Jahrhunderte hindurch ist der Architekturgarten in Europa vorherrschend. Erst die auf die Spitze getriebene Steifheit der Gartenarchitektur löst den Wunsch nach »wilder Zierlichkeit«, »schöner Unordnung« und das Streben nach der »Rückkehr zur Natur« aus, die in den englischen Gartenanlagen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Ausdrucksform erhielt. Die Zeit der Gartenromantik beginnt, die in ihren Ausläufern bis in unsere Tage hineinreicht. Den Zwiespalt unserer Tage kennzeichnet Koch sehr treffend mit wenigen Worten: »Der landschaftliche Garten wurde aus rein formalen Gründen bekämpft und der Barockgarten als Ideal aufgestellt. Das führte zu Gärten, die etwa mit alten Trachten zu vergleichen sind. So schön und formvollendet wir sie auch finden mögen, tragen wollen wir sie nicht mehr, wir fühlen uns in ihnen nicht mehr wohl. Heute haben wir darum im Garten schon wieder eine neue Modeströmung, die dem japanischen Garten in seinem Reichtum an Pflanzen und Absonderlichkeiten nahesteht, auch sie wird bald erschöpft sein, wenn sie das Problem des Gartens einseitig vom Standpunkt der Pflanzenschönheit zu lösen sucht. Wir aber müssen tiefer schürfen, aus dem Lebensgefühl unserer Zeit schöpfen und Werke schaffen aus freudigem Bejahen der Gegenwart und ihres Wesens«. Die neuen Gedanken, denen wir bei der Gartengestaltung nachgehen müssen, haben zwei Quellen: Die »Forderung nach neuer Lebensart, die die Bezeichnungen von Haus und Garten, den Gartenwohngedanken umfaßt« und zweitens: die neue Einstellung des Menschen zur Natur. Und so behandelt tiefschürfend Koch zunächst die Beziehungen zwischen Haus und Garten. Die innere Gliederung des Hauses soll im Garten seine Fortsetzung finden. Die äußere Plastik des Baues soll durch die Verbindung mit dem Garten gesteigert werden. Der Garten muß auch schön sein, wenn die Blütezeit vorbei ist, deshalb ist eine raumkünstlerische Gestaltung nötig. Andererseits wollen wir im Garten das Werden der Natur erleben. So müssen Naturform und Kulturform sich verschmelzen. Abhandlungen über Gartenmöbel und Gartenplastik beschließen diesen Abschnitt des Buches. Weiter behandelt Koch im nächsten Buchteil: Natur und Garten. Das Problem ist: nicht Imitation der Natur, sondern innerliche Berührung, liebevolles Sichversenken in die reiche Schönheit der Umwelt. So müssen vorhandene Naturwerte des Gartenlandes und der umgebenden Landschaft erfaßt und verwertet werden. Wie der einzelne Baum, wie der Strauch, die Heckenwand, die Kletterpflanze, wie der Rasen, die Blume diesem Problem einzuordnen ist, wie das Wasser und schließlich die Tierwelt zur Belebung des Gartens herangezogen werden kann, wird in den nächsten Abschnitten geschildert. Über Obst- und Nutzgärten, über Rasen- und Staudengärten, Stein- und Naturgärten, über Parkanlagen und – Dachgärten wird geplaudert.
[89]
Und schließlich wird das große Problem des heutigen Gartens wieder in dem Abschnitt: »Die Ausdrucksform« von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. »Worauf es beim Gartenschaffen ankommt, ist das Erkennen des Wesentlichen und der Verzicht auf das Unwesentliche. Je geringer die verfügbaren Mittel, um so wichtiger ist diese Forderung. Dann gilt es aus dem Lebensminimum das künstlerische Maximum zu bilden.« Ein zweiter Weg ist der des Nacheinanderbauens. Zunächst das Skelett und dann allmählich der schmückende Ausbau. Dies getrennte Ausführen ist ja beim Garten leichter als beim Haus. Zum Schluß des Werkes steht noch ein Abschnitt über »Bauherr und Gartengestalter«: wie beide voneinander abhängen und leider so oft aus Unkenntnis der Bedeutung der Aufgabe einen Garten zu gestalten nicht zusammenkommen können. »Wenn wir wieder zu einer wahren Kultur im Bau- und Gartenschaffen gelangen wollen, müssen wir erst wieder ein Geschlecht ›königlicher‹ Bauherren heranbilden, Menschen mit echter Baugesinnung, denen das Schaffen eines Gartenwerkes nicht zu einer äußeren, sondern zu einer inneren Angelegenheit wird. Die Kunst bedarf zu ihrer rechten Entfaltung jener Auslesemenschen, denen sie zur Lebensnotwendigkeit wird.«
Daß unser Volk Verständnis für diese Werte hat, das ist durch den riesenhaften Besuch der Gartenbauausstellung Dresden 1926 bewiesen. Aber Krieg und Inflation drücken tief auf unser Volk und werden es noch viele Jahre in ihren Fesseln halten. Wird dann das Geschlecht herangereift sein, das diese hohen Kulturaufgaben zu meistern versteht? Mag das Buch Hugo Kochs Wegweiser sein für eine glückliche Zukunft deutscher Gartenkunst.
HGE.
Wir haben die Freude, über ein großzügig angelegtes Werk, das in seiner Ausführung mustergültig ist, berichten zu können: Volkskunst in Europa.
Auf 132 Tafeln, darunter 100 in mehrfarbiger Wiedergabe, erzählen nahezu 2100 Beispiele unter besonderer Berücksichtigung der Ornamentik von dem unerschöpflichen Reichtum der Volkskunst. Dr. Helmuth Th. Bossert hat uns das Buch gegeben, das im Verlag Ernst Wasmuth, Berlin W 8, in vornehmster Aufmachung erschienen ist. In richtiger Erkenntnis der Materie ist das Werk ein illustratives, dem nur ein kurz zusammengefaßter Text beigefügt ist. Wohl gibt es schon eine Anzahl kleinerer Bücher, welche die Volkskunst in örtlicher Gebundenheit uns nahebringen: aber ihnen fehlt die Farbe, ohne die wir dem Schaffen des Volkes nicht näher kommen können. In unserem Werke kommt aber noch das Vergleichen unter den europäischen Ländern, die ihr Bestes hier aufgezeichnet haben, hinzu. Wieviel im inneren Wesen Verwandtes treffen wir an, wieviel aber auch Auseinandergehendes, Eigentümliches ist zu finden, so daß wir immer auf neue Reichtümer stoßen. Und immer und immer drängt sich das Bedauern auf, daß ein späterer Internationalismus unersetzliche Werte an Volksgut vernichten wird. Wir freuen uns, daß eine farbige Tafel vom Oskar-Seyffert-Museum erzählt, und daß zumal unsere sächsischen bunten Holzschnitzereien den Wettkampf aufnehmen können.
Herausgeber, Mitarbeiter und Verlag können auf eine deutsche Ruhmestat blicken.
Ein zweites volkskundliches Werk wollen wir anschließen, Kinderspielzeug aus alter Zeit. Eine Geschichte des Spielzeuges von Karl Gröber. Deutscher Kunstverlag Berlin. Auch das ist ein mustergültiges Werk. Der Herausgeber hat im klaren Text und in über 300 Abbildungen allerhand Spielzeug – meist in seinen Spitzenleistungen – aus der Antike, dem Mittelalter, ferner ritterliches Spielzeug des 16. Jahrhunderts und solches, welches das zünftige Handwerk vom 16. bis zum 18. Jahrhundert geschaffen, uns geschenkt. Es folgen das Puppenhaus, in ihm konnten sich alle Gewerbe vereinigen, die Puppe vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, der Zinnsoldat, mechanisches und automatisches Spielzeug, Papierspielzeug, Kuriosa, das deutsche Holzspielzeug des 18. und 19. Jahrhunderts und Herstellung und Handel im 19. Jahrhundert. Der köstliche Bilderschmuck ist durch viele vorzügliche bunte Tafeln bereichert worden. Er ist den europäischen Museen und dem Privatbesitz entnommen worden. Auch in diesem Werke hat unser Oskar-Seyffert-Museum Proben seines reichen Inhaltes beigesteuert. Das Vorwort und die wissenschaftlichen Beiträge zeigen, daß der Verfasser nicht nur die Seele des Kindes, sondern auch die des Spielzeuges kennt.
[90]
Eberhard Köbel, Raubvogelbuch. Herausgegeben von der Staatlichen Stelle für Naturschutz am Württembergischen Landesamt für Denkmalspflege.
Eine Schrift, die sich der Raubvögel annimmt, ist uns immer willkommen, hat doch gerade dieses stolze Geschlecht mehr als alle andern Mitglieder der gefiederten Welt unter törichter und boshafter Verfolgung zu leiden, obgleich es heutzutage jeder wissen sollte, daß viele Raubvögel zu den besten Bundesgenossen des Land- und Forstwirts gehören. Aber abgesehen auch davon, wie wunderbar beleben doch die kühnen Beherrscher der Lüfte die einsame Berg-, Wald- oder Seenlandschaft! Ein unersetzlicher Verlust, wenn einmal der letzte Adler oder Uhu, der letzte Wanderfalk oder Milan aus unsrer deutschen Heimat verschwunden sein sollte! Und diese Gefahr, daß der Raubvögel edles Geschlecht, von einigen Ausnahmen abgesehen, bei uns dem Untergange geweiht ist, liegt leider nur allzu nahe.
Diese Gedanken sind es, die den Verfasser zu seiner Schrift veranlaßt haben. Nur etwa sechzig Seiten stark ist das Heftchen, daß es bei solch geringem Umfang den Namen »Raubvogelbuch« kaum verdient, zumal mehr als ein Drittel dieser Seitenzahl von Abbildungen eingenommen wird. Aber wie viel bietet doch der Verfasser auf diesen paar Seiten! Er gibt nach Aufzählung der häufigeren Arten bei jedem Vogel die Unterscheidungsmerkmale an, namentlich auch die Kennzeichen seines Flugs, weist hin auf ähnliche Arten, die leicht zur Verwechslung führen, bringt Angaben über Aufenthalt, Vorkommen, Fortpflanzung, Nutzen und Schaden, ja er belebt diese trocknen, mehr statistisch angeführten Bemerkungen durch ein kleines Stimmungsbild, das er der Beschreibung des einzelnen Vogels voranstellt. Kleine übersichtliche Abschnitte werden auch der Mauser, der Verschiedenheit im Federkleid nach Alter und Geschlecht, der Falkenbeize und den besonders seltenen Arten gewidmet. Besonders wertvoll erscheint uns die Tabelle zur Bestimmung der Raubvögel, namentlich aber die Darstellung der Flugbilder, die es dem Beobachter erleichtern, den Vogel in freier Natur richtig anzusprechen. Aber nicht nur mit dem Auge des Naturforschers und Naturfreundes sieht der Verfasser den Raubvogel, sondern auch mit dem des Künstlers. Das beweisen die vielen schönen von dem Verfasser gezeichneten Abbildungen, die die Eigenart jedes Vogels im Gefieder und in der Haltung sehr gut wiedergeben.
In ein paar Einzelheiten können wir dem Verfasser nicht zustimmen, z. B. wenn er sagt – es handelt sich um den Sperber –: »Der Fang der Singvögel ist für den Menschen bedeutungslos, weil es doch ungefähr ebenso viele schädliche wie nützliche Singvögel gibt und viele Singvögel sehr zahlreich vorkommen«. (S. 22.) Oder wenn er ausruft: »wer hat es denn zum erstenmal aufgebracht, daß der Wanderfalk schlank ist, da das Gegenteil doch zutrifft«. (S. 44.) Aber von solchen Kleinigkeiten wollen wir absehen und wollen uns freuen, daß wir in der kleinen Schrift ein Büchlein begrüßen können, das jedem Jäger und Naturfreund manchen willkommenen Fingerzeig gibt und sich unsrer edlen und hartbedrängten Raubvogelsippe in warmherziger Weise annimmt.
Martin Braeß.
Heimatbuch für Schule und Haus. Herausgegeben und verlegt vom Bezirksverein Oschatz, o. J.
In treuer Sammelarbeit haben zahlreiche Lehrer eine kindertümliche Heimatkunde geschaffen, die das Gebiet von Oschatz, Mügeln, Dahlen, Strehla, Wermsdorf und das Jahnatal umfaßt. Mehr als achtzig Einzelaufsätze bilden einen bunten Strauß. Nicht alles ist gleichwertig – die Darstellung der Geologie und der Anfang der Vorgeschichte sind reichlich mit sachlichen und stilistischen Fehlern durchsetzt. Die Abbildungen zur Vorgeschichte sind leider ohne jede Rücksicht auf Maßstabvergleiche ausgeführt. Recht ansprechend sind die Abschnitte zur Volkskunde und zur Geschichte. Wir können nur wünschen, daß in recht vielen Teilen unseres Vaterlandes sich die Lehrerschaft in ähnlicher Weise in den Dienst der Heimatforschung stellt, vor allem, um altes Kulturgut vor der Vergessenheit zu retten, alte Sagen zu sammeln oder verborgene Aufzeichnungen aus früheren Tagen aufzustöbern.
P. Wagner.
Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden
Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen: Max Nowak – Auflage 50 000
Einbanddecken
Jahrgang 1927 (Band XVI)
in Leinen Mark 1.50
und 30 Pfg. Postgeld und Verpackung
Bestellkarte in diesem Heft
Besucht unser
Erholungsheim Bienhof
bei Gottleuba
in herrlichster, nervenberuhigender Lage unweit
unserer Naturschutzgebiete Sattelbergwiesen
Preis für das Bett 75 Pfg. die Nacht / Gute Verpflegung täglich M. 3.50
Einzelzimmer – Kein Massenquartier
Anmeldungen an unsere
Geschäftsstelle, Dresden-A.
Schießgasse 24
(Für die Sommerferien erbitten wir umgehende Bestellung!)
5. Zwingerlotterie
zur
Erhaltung des weltberühmten
Dresdner Zwingers
Geldgewinne RM 160 000
Los nur RM 1.—
Ziehung bestimmt 5. u. 7. April 1928
Lose
bei allen Kollekteuren
und
sonst kenntlich gemachten Geschäften
Landesverein Sächs. Heimatschutz
Dresden-A., Schießgasse 24
Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.