The Project Gutenberg eBook of Ueber den Umgang mit Menschen

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Title: Ueber den Umgang mit Menschen

Author: Adolph Freiherrn Knigge

Release date: January 14, 2026 [eBook #77701]

Language: German

Original publication: Stuttgart: A. F. Macklot, 1822

Credits: Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UEBER DEN UMGANG MIT MENSCHEN ***

Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

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Worte in Antiqua sind "kursiv" dargestellt.

Ueber


den

Umgang mit Menschen.

Von

Adolph Freiherrn Knigge.


In drei Theilen.


Zehnte Ausgabe.

Durchgesehen und vermehrt

von

F. P. Wilmsen.


Stuttgart,
bei A. F. Macklot. 1822.


[S. iii]

Vorrede des Herausgebers,
zur neunten Auflage.

Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt, und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich um so eher mir[S. iv] erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern.

Berlin, im April 1817.

F. P. Wilmsen.

[S. v]

Inhalt


Erster Theil.

Einleitung des Herausgebers; Seite    3.

Einleitung des Verfassers;       Seite 12.

1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch nicht immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den esprit de conduite. Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. Manchem fehlt es dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu viel Forderungen. Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen glückt es nicht Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, allgemein gute Eindrücke in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder von Verschiedenheit des gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen von Deutschland, und Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von meinem Berufe, über diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen Erfahrungen.

Erstes Kapitel; Seite 27.

Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den
Umgang mit Menschen.

1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. Anwendung dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr ein Sclave der Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! 5) Eigne Dir nicht fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! 7) Rühme nicht zu laut Dein Glück! 8) Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9) Gib Andern Gelegenheit, zu glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes zu haben! 11) Willst Du etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum bitten. 12) Nimm[S. vi] so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13) Grenzen der Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft! 15) Sey pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre, wenn Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17) Verflicht niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer in Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle nur selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! 21) Sey, was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern Betragen. 23) Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand lächerlich zu machen! 25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke nicht! 26) Alle Menschen wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. 27) Sage Jedem etwas Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber Spott und Medisance. 29) Ueber Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten aus einem Hause in das andre! 31) Sey vorsichtig in Tadel und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und nicht langweilig! 33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34) Ueber Egoismus. 35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; 38) Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! 41) Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von Geschäften! 42) Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in Gesprächen über Andrer Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. 45) Bringe bei niemand unangenehme Dinge in Erinnerung! 46) Nimm nicht Theil an fremdem Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. 48) Ueber Verschwiegenheit. 49) Wohlredenheit und äusserer Anstand. 50) Ueber kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn uns Langeweile gemacht wird. 52) Leichtigkeit im Umgange. 53) Man hüte sich vor zu großen Forderungen! 54) Kleidung. 55) Soll man viel oder wenig in Gesellschaften gehen? 56) Man kann in jeder Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man umgehen? 58) Ueber den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf dem Lande. 59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61) Wie man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln handeln können.

Zweites Kapitel; Seite 74.

Ueber den Umgang mit sich selbst.

1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um, wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich nicht![S. vii] 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst! 6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten, bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler, sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner Moralität halten solle.

Drittes Kapitel;Seite 78.

Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten,
Temperamenten und Stimmungen des
Geistes und Herzens.

1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige, im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, Widersprechern und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. 10) Mit Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und phlegmatischen Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen, mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, hämischen, verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. 15) Ueber das Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle Leute und Lügner. 17) Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, Müssiggänger, Schmarotzer, Schmeichler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schurken. 20) Gegen zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und Plauderhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22) Gegen Wunderliche, Sonderlinge und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang mit dummen, schwachen, übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und solchen Menschen, die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben. 24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben Wollüstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten, Ueberspannten, Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. 27) Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. 28) Von Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber die Art, wie man Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln müsse. Geschichte zweier Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers.

[S. viii]

Zweiter Theil.

Einleitung; Seite 125.

Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen
dieses Werks verhandelten Gegenstände.

Erstes Kapitel; Seite 125.

Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.

Zweites Kapitel; Seite 132.

Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.

Drittes Kapitel; Seite 139.

Von dem Umgange unter Eheleuten.

Viertes Kapitel; Seite 161.

Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.

Fünftes Kapitel; Seite 167.

Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.

Sechstes Kapitel; Seite 182.

Ueber den Umgang unter Freunden.

Siebentes Kapitel; Seite 198.

Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.

Achtes Kapitel; Seite 205.

Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
demselben Hause wohnen.

Neuntes Kapitel; Seite 207.

>Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.

Zehntes Kapitel; Seite 211.

Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,
Gläubigern und Schuldnern.

[S. ix]

Eilftes Kapitel; Seite 215.

Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen
und Lagen.

Zwölftes Kapitel; Seite 228.

Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen
Leben.

Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten
Entwickelung;
Seite 238.

Dritter Theil.

Einleitung; Seite 307.

Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen.

Erstes Kapitel; Seite 307.

Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
und Reichen.

Zweites Kapitel; Seite 325.

Ueber den Umgang mit Geringern.

Drittes Kapitel; Seite 328.

Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.

Viertes Kapitel; Seite 340.

Ueber den Umgang mit Geistlichen.

Fünftes Kapitel; Seite 344.

Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.

Sechstes Kapitel; Seite 360.

Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im
bürgerlichen Leben.

Siebentes Kapitel; Seite 383.

Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.

[S. x]

Achtes Kapitel; Seite 391.

Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
derselben.

Neuntes Kapitel; Seite 395.

Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.

Zehntes Kapitel; Seite 399.

Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.

Eilftes Kapitel; Seite 404.

Schluß.


[S. 1]

Ueber den
Umgang mit Menschen.


Erster Theil.

[S. 3]

Einleitung des Herausgebers.

Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmitteln des menschlichen Geistes und Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit, als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen. Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen[S. 4] Romanen und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln. In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der Umgang ein Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden, denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle. Die Weisheit im Umgange würde zunächst in der Sichtung der Spreu von dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen, mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche. Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß, wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.

Aber mit der Weisheit reicht man in der Gesellschaft nicht aus; sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene Klugheit, welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen, und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt, sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht, nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt, und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne alle Umsicht mittheilt: der wird[S. 5] für alle diese Verstoße gegen die Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in der Festigkeit, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft. Aber vorzüglich kommt es hier auf die Art an, wie man solche Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen. Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne Reizmittel bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung, Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen, und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen sollten.

Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein Genuß durch die Geschmeidigkeit erhöht, mit welcher sich Jeder in den Ton der Gesellschaft[S. 6] überhaupt, und in die Schwachheiten der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey, davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in der Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt, und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren, ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend, den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen; der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine Herablassung vergolten wird.

Eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung, fordert endlich der Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen. Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist, und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze und Ueberzeugungen verheimlichen,[S. 7] oder schweigen, wo die Pflicht, sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils, des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder gemißbraucht werden kann.

Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.

Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden, und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird. Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich, das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird, und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes, Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung[S. 8] und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete Herzen aus.

Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet, ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm, den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen, und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt, sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns, von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher, als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen, und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen; daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.

Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.— Und wer hätte nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen, eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste, Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher sieht man, besonders in den höheren Ständen,[S. 9] die Mitglieder der Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben; auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter einer ganzen Stadt werden kann.

Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft, und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß, zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen, und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen) Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da, wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück, weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern, sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich[S. 10] weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen. Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden, welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen, welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele, die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey, weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle, und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen, um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.

Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere, und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen, welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit,[S. 11] die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann, so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.

Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung, wie sie Knigge in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem Vorurtheil, welches man seiner Zeit zu Gute halten muß, verleiten ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern; auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf. Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu mildern.


[S. 12]

Einleitung des Verfassers.

1.

Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.

Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das Opfer des gröbsten Betrugs werden.

Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen; daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen darf.

Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.

Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen, oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer, äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.

Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten ausgerüstet, allgemein interessiren. —

Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu[S. 13] allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu gefallen, zu glänzen verstehen.

Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen — Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln, als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man in der Gesellschaft leben und wirken will.

Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige, Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt, den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste, wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet — Das alles ist wohl sehr natürlich! — davon rede ich also nicht.

Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und[S. 14] vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht, ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor, der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht, und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird, wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt, und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen, keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört das alles nicht hieher.

Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben, noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben glaubt.

Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen, ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag: daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt, noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige Gemüthsart[S. 15] bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften verdunkelt.

Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen, eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen. Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die, bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer Glückseligkeit ersteigen? — Es fehlt ihnen: die Kunst des Umgangs mit Menschen — eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche; die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt, und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.

Indem ich aber von jenem esprit de conduite rede, der uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung: will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben, sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. — Kein[S. 16] vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.

2.

In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen, allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons, der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen, eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland, die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung? Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können? Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? — Und diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse, Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England, wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen,[S. 17] oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart, Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt hat.

Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt, das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich von originellem National-Charakter wollen durchschimmern lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen, und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich vortheilhaft zu wirken.

Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen, artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in einem Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten. Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben, oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn; und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine[S. 18] Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige, weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden, noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete, sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen werden[1].

Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen, und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert Studium und Kunst.

In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten, noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd, noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden, daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn. Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu,[S. 19] immer gleich glänzend und merkwürdig. — Glückliche Unwissenheit! nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt, erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann, alles mit Tadel und Langerweile erblickt! — Doch macht die treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht, ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten, wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.

In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten, Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend, in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen, Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden, Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.

Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind. Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen, ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt, so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich, oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer. Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher sitzt er stumm und gefühllos da.

Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht, einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe[S. 20] seines Landesherrn erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still, als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock; das Stehn wird ihm unerträglich sauer. — In dieser qualvollen Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen, und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn; Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken, der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande, wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme; Redlichkeit athmet alles, was er sagt — aber bald sieht er, wie sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand, Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen, halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf welche er[S. 21] nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich sieht.

Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten und Provinzial-Edelleute gerathen; — hier herrschen ungezwungene Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter: er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit; die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. — So groß ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen! —

Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände, wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft, welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen[S. 22] Credit-Edikts, oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren.

In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.

Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen zusammengesetzt ist.

Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht, jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt. Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten; auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung Anderer zu fügen.

3.

Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. — Aber habe ich denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten, einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange[S. 23] abgesondert lebt? — Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich darauf antworten läßt!

Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben — desto besser! Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit — oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens nennen? — haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft, nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen, was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich, seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit, wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. — Also nur noch dieses:

4.

Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man[S. 24] mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen; eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen, sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher, als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***, ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet, daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah, trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an. Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden; der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging, oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen[S. 25] wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus, den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und zu verfolgen — und die Wirkung davon war, daß jedermann, der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte, mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren. Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen, wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel, Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe; gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte; mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor[S. 26] goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen, indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall, und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund, bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren, daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß, weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete, wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt, welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen Schrift (Philo's Erklärung &c. ) Rechenschaft gegeben habe. Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten, machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren, von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre[S. 27] rechnen? — genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. — Und so vergingen dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht, die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig, jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu spielen. — Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben; aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg sie wandeln müssen — und so lasset uns denn den Versuch machen und der Sache näher rücken!


Erstes Kapitel.
Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang
mit Menschen.

1.

Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht. Das ist ein goldner Spruch, ein reiches Thema zu einem Folianten, über den esprit de conduite und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm,[S. 28] wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten. Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte, sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit, daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter wucherte.

Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen, macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher, das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden, daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug auf's Trockene werfen könnten.

Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt, und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.

Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und verkauft das für ultramontanische Waare.

Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte, deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.

[S. 29]

Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.

Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen; dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind.

Kurz! der Satz: daß jedermann nicht mehr und nicht weniger gelte, als er sich selbst gelten macht, ist die große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe — ich gebe also keinen Kirschkern für dieses Universalmittel — Doch still! sollte denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde! er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen, physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.

Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde. Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft und Kenntnisse, wo[S. 30] Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für scheu, noch für hochmüthig halte!

2.

Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen, und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem solchen Manne ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen, der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register von Bosheiten und Pinseleien.

3.

Sey aber nicht gar zu sehr ein Sclave der Meinungen Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am Ende das Urtheil der ganzen Welt, wenn Du thust, was Du sollst? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu prunken?

4.

Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung liest — so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte zurück, die wir ihm thun könnten.

5.

Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung[S. 31] oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar Trabant eines Planeten!

6.

Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt — o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth, und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen: »Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.

7.

Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann. Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du[S. 32] wirst Ausnahmen erleben, aber rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die tägliche Erfahrung bringt.

8.

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu, besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen, wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!

9.

Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben, sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern. Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen, als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten, hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe — ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt,[S. 33] das er gern erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre vielleicht ein Märchen, das Du selbst ihm einst mitgetheilt hättest; so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient! Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft? Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.

10.

Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht, daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten, die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück, Rettung und Trost bringen.

11.

Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden, in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen lassen, in einem solchen[S. 34] Tone und mit einer solchen Andringlichkeit zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen nützlich zu werden — weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!

12.

So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der Dummkopf mit gutem Rathe.

[S. 35]

Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder sonst von uns abhängig ist.)

Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht, wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn, oder undankbar zu scheinen.

Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur: Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst, ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen, früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei; er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit: drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden.

13.

Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen geben, als von irgend jemand empfangen sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig, aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor allen Dingen[S. 36] wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast, und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür, und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten, geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!

14.

Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen, was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden, die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird, oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.

15.

Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden[S. 37] könntest! Verfahre noch ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge, die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt, so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr Eigenthum wieder zu erlangen. — Jedermann geht gern mit einem Menschen um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben, zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn. Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von der Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen rechtfertigt nicht die unsrige.

16.

Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.

17.

Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern herrschen!

Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man Dir dieß zumuthete, gegen Dich also handelte, von Dir das forderte? — diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?«

18.

Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber jemand langsam oder schnell[S. 38] geht, viel oder wenig schläft, oft oder selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht — was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen.

19.

Von Deinen Grundsätzen gehe nie ab, so lange Du sie als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich, und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen, bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen, oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung der Bessern verloren hat.

Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)! Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. — Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken, und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige, weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten, und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren[S. 39] will, warum auch den edelsten Handlungen mancher Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden, daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt, nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.

20.

Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich, und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben; halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen zu leben. — Habe immer ein gutes Gewissen! Bei keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine Zeitlang ein widriges Geschick — o! so wird doch die selige Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden, glücklich scheinenden Bösewichts.

21.

Sey, was Du bist, immer ganz, und immer derselbe! Nicht heute warm, morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule! Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen, womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen, der uns so gern bei sich[S. 40] sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen, gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen fortschlüpfen.

22.

Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?

23.

Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung, daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn; sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im Umgange mit edeln Freunden, schaden.

24.

Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze, den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so kannst Du vielleicht der Gegenstand seines Spottes oder seiner Rache werden; ist er gutmüthig[S. 41] und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. — Und wie oft kann man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet, einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen, oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht, und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen geben, der Verachtung preisgibt.

25.

Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht, mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen, was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es, einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die, welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und beunruhigt.

Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden, dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit schuldig gemacht[S. 42] hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken, wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!

26.

Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden, denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf halbem Wege stehen zu bleiben.

Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten: der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt.

Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit,[S. 43] daß, wenn er einmal gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht seyn.

27.

Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben; aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle, Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch wahres Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht eins antworten zu können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze[S. 44] darüber deutlicher machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen, verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart; und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren vorgegangen war — Sie wußte nichts davon — »Es ist kein Wunder,« sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige Wort erwarb mir ihre Gunst. — Sie hätte mich dieser niedrigen Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken, und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.

Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich ahnen könne.

28.

Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben; wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre,[S. 45] und gewöhne sich nicht an den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will, und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen, da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft zernagt.

Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten, im weniger vertrauten Umgange, am besten durch einen feinen, nicht beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt, zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch das Gute, das sie von den Leuten reden, das Böse vergessen machen, welches sie ihnen zufügen, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu erschleichen.

29.

Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind, und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter sich selber großen Verdruß zuziehn.

[S. 46]

30.

Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen, vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen.

31.

Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens, hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil wirken, vergessen.

Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen. Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.

32.

Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze — in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet — ein gewisser Laconismus und die Geschicklichkeit,[S. 47] einen nichtsbedeutenden Umstand durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen — das ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die, ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.

So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln.

33.

Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet, bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen, sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung beizusteuern. — Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.

Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen, jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben, hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler[S. 48] Derjenigen zu verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht! Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest! Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung und das edictum Divi Martii, der alte gebrechliche Gelehrte eine junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält.

Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen geredet hat, die billig interessiren müßten!

34.

Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich, daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit, jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten, oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse! Auch drücke niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner Gesellschaft ein solches[S. 49] Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!

35.

Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest, dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat.

36.

Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten, Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt zu haben.

37.

Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen! Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit, das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines Geschlechts.

38.

Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme; daß man durch Schaden klug werde, welches[S. 50] leider! selten eintrifft; oder daß die Zeit schnell hingehe — welches, im Vorbeigehen zu sagen, gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß, und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre führen — oder: daß Ausnahmen die Regel bestätigten — Gleich als wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.

Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken, herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie, daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u. dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen.

39.

Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen! Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.

40.

Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob[S. 51] im Zanke; auch dann nicht, wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt! Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen und nie gefallen.

41.

An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch hineinschieben zu wollen.

42.

Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien, die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist! Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen, Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile, die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe, oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint, und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System, auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!

Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute[S. 52] schämen sich, Wärme für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden, und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei; Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.

43.

Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf sich und seine Verwandten ziehen könnte!

Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender, niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird. Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke, welche ein ungewöhnlicher Anblick von der Art auf sie macht, nicht verbergen können. — Das ist schwach, und wenn man noch dabei überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes, großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht, zu jemands Kränkung durch[S. 53] Lachen oder auf andre Art kund werden zu lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken, mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen, daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ, günstig oder ungünstig zu urtheilen.

Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche, phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren, Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten, Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart, hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.

44.

Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung, die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit den Augen.

45.

Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen, die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente, seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch[S. 54] solche Gespräche erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2].

Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben, und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage, darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei Wielands Ausspruch:

Ein Wahn, der mich beglückt,
Ist eine Wahrheit werth,
Die mich zu Boden drückt.

46.

Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird gefühlt und oft dankbar belohnt.

47.

Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.

48.

Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer Redseligkeit keinen Zaum anlegen können.[S. 55] Sie vergessen, daß man sie gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren eignen Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.

Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. — Darum gehört eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.

Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß: so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.

Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich,[S. 56] wenn man sie zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich machen könne, oder nicht.

49.

Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen weiß.

Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn, sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung, was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig, sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten, um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft fehlen, welche nie erwägen, daß[S. 57] es Pflichten gegen die Gesellschaft gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen, doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße, wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse, wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf steilen Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als wir gestern zusammen spazieren gingen.« »Wir haben im gestrigen Spiele gewonnen, und unsre Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun, als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz, Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »mit mir«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte[S. 58] von der Art treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen grüßen will, den Hut auf der Seite abzuziehen, wo der Fremde nicht geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse; daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern, bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir, von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey, in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z. B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese kleinen Dinge in mancher Leute Augen große Dinge sind, und daß oft unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.

50.

Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß, was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen, oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen; bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß klug, sondern auch gut seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder[S. 59] Schreibenden auf die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen, die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte, als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und Herz, wenn man sie als solche ansieht und benutzt, sind aber auch, wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als Schleifsteine für die äussere Politur.

51.

Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann, wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben. Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das nicht — ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft schuldig, mit welcher man umgeht? — Und geschieht es nicht vielleicht zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag, die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges Thema.

52.

Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe, geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit und Schüchternheit an, die sie[S. 60] nicht abzulegen vermögen, wenn sie gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat, die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen.

Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist, einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben. Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen, was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen sind.

[S. 61]

53.

Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen, daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn, und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel, nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein, niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart. Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.

54.

So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung; und nun noch etwas über die Kleidung. Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand, nicht über und nicht unter Dein Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig, noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und, wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten.[S. 62] Trage nie geliehene Sachen! Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den Charakter.

55.

Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn, der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist, fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns gestimmt sind.

Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann, mit so wenig Leuten, als möglich, vertraulich zu werden, nur einen kleinen Cirkel von Freunden zu haben, und diesen nur mit äusserster Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer ein Fremder unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt, aufgesucht. — Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter Unbekannten zu sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten.

56.

Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht, das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend,[S. 63] daß man nicht daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes, der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft verborgen liegt.

57.

Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten. Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt. Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit Leuten umzugehn, von denen wir, sondern auch mit solchen, die von uns lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe.

[S. 64]

58.

Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität, Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so, daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen, die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn, so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes, oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!

In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin; wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe, und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen[S. 65] der Pfeffer ist, und wozu der Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt, friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich; doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich, menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht, als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian, an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht[S. 66] besonders in Ansehen steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten, wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern, die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.

In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen, und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen, und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken, ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen, der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt, gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine[S. 67] Cirkel zum Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht.

Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande, täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden. Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann, und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben, was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen, Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache, vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind, wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen, und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern.

59.

In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr[S. 68] und Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider! auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben, sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern, Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.

Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist, so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen, und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will; dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des Publikums zu ehren.

Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener;[S. 69] es sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug, oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie, wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst!

60.

Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit. Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen vertrauten Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte; denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn. Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein[S. 70] einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört. Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in Verlegenheit bringen.

Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren, in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften.

Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post, oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die Pünktlichkeit der Menschen verlassen.

Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart, sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht zu verrathen.

Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen, mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben.

61.

Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden, daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien!

Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie thun! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber wähle zu Deinen Beobachtungen[S. 71] solche Augenblicke, in welchen sie von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe geweckt wird; — auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt, oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht; ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit, Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre Eigenthümlichkeit. — Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu richten!

Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen, als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil brauchen zu können, oder ob Du[S. 72] ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.

Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die Aufopferung kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen, treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst, alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen, was Ueberwindung kostet.

62.

Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern. Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht, der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn, von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam, irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält, der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen, als aus dem[S. 73] Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht höhere Pflichten aufopfern wollen — das ist eine Unart, deren man sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause bleibt, um zu thun, was man thun soll, und wovon man Rechenschaft geben muß.

63.

Und nun weiter, zu den besondern Umgangs-Regeln — doch vorher noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann für Männer weniger brauchbar wären. — Das ist indessen nicht der Zweck meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde. Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern Folgen sind, als bei dem zweiten. — Doch über dies alles ist den Damen so viel Gutes in andern[S. 74] Büchern gesagt worden, daß jede weitere Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.

Zweites Kapitel.
Ueber den Umgang mit sich selbst.

1.

Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen, wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des Lebens hingibt.

2.

Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz, so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. — Was wird aber in solchen Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn Du ein Fremdling in Deinem eigenen[S. 75] Herzen geworden bist, sondern auch noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht Dein eigenes Herz zu behandeln weißt.

3.

Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn, wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei verderbest.

4.

Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft, Muth und Entschlossenheit ankommt.

Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die Gesellschaft die Hand bieten;[S. 76] sie soll Deine schmerzlichen Gefühle lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie aufsuchst; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.

5.

Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute, wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde, das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre, zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du zur Unterhaltung liefern sollst.

6.

Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! — Und wäre das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn?

Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß und Aergerniß geben und finden,[S. 77] und jede Auszeichnung theuer erkaufen; denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht, wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken — ja! es ist hart! — Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht; Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. — Das alles fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden, könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit, Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.

7.

Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.

Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen[S. 78] in nachtheiliger Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht geweihten Tages!

8.

Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen die Verirrung seiner Brüder. — Das ist nicht gut gethan.

9.

Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u. dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?

Drittes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten,
Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.

1.

Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen, und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch,[S. 79] phlegmatisch, sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde, da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes sagen:

Bloß cholerische Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret, ohne zu wärmen.

Bloß Sanguinische sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und Festigkeit.

Bloß Melancholische sind sich selber, und bloß Phlegmatische Andern eine unerträgliche Last.

Cholerisch-sanguinische Leute sind die, welche in der Welt sich am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen; cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-) Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, — und der furchtbarste Tyrann ist gebildet.

Sanguinisch-phlegmatische leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte, kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus.

Cholerisch-melancholische richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache, Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemüthsart.

Melancholisch-sanguinische zünden sich mehrentheils an beiden Enden zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf.

Cholerisch-phlegmatische Menschen trifft man selten an; es scheint ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme[S. 80] wie Ebbe und Fluth abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher, fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren rasenden Ungestüm.

Melancholisch-phlegmatische Leute aber sind wohl unter allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.

Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht, da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. — Man muß die Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will.

2.

Herrschsüchtige Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen. Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.

[S. 81]

3.

Ehrgeizige Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.

4.

Der Eitle will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich; und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben. Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler, die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob; daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen. Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden. Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller gesellschaftlichen und[S. 82] freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht, und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit ihm leben muß.

Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre verzognen Freunde umzubilden.

Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten.

5.

Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist Hochmuth, so wie von Stolz, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner Vorfahren — die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft nicht einmal Verdienst gehabt haben, — sich anrechnet, als wenn Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich, noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie auch von niemand anerkannt[S. 83] werden, ihn dennoch in seiner Meinung von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.

Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und spannt gewöhnlich andre Saiten auf.

6.

Mit sehr empfindlichen, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit, wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald zu besänftigen seyn; er wird zu denen,[S. 84] welche er für wahre Freunde erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.

Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen, denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet, und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.

7.

Eigensinnige Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe, noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth, sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird, und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher, eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt, oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das ist eine höchst verdrießliche Lage.

Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen, indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir[S. 85] voraussehen, daß sie nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß, als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt, sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die sich sogleich belohnt.

Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen, und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.

8.

Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt, doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune, oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die Zanksucht. Es gibt Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein, Paradoxen aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben; Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch Andre, die man Querelleurs (Stänker) nennt, suchen vorsätzlich Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.

In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit[S. 86] denen von der ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen, zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste, wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden. Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben, durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung, und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische, unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite, hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung, oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt.

Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können; sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was grade sie nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut. Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß man ihnen entweder das Gegentheil von dem vorschlägt, was man gern durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt, daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.

[S. 87]

9.

Jähzornige Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit — vorausgesetzt, daß diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; — daß weise Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß, phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird doppelt aufgebracht.

10.

Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene verzeiht; so verschließt hingegen der Rachgierige seinen Groll im Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet, seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich, vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten.

[S. 88]

11.

Faule und phlegmatische Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen.

Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus Unentschlossenheit die kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen, oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung zu bezahlen — ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können. Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen. Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!

12.

Mißtrauische, argwöhnische, mürrische und verschlossene Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen, in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar, mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind, in ihrem zärtlichsten Freunde[S. 89] einen Bösewicht, in ihrem treuesten Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen worden — das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die, welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen, und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.

Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis zum Menschenhasse gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels: Menschenhaß und Reue, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße und Edelmuth, besonders aber die zart und klug[S. 90] herbeigeführte Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu hoffen.

13.

Neidische, schadenfrohe, mißgünstige und eifersüchtige Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. — So schwach ist die menschliche Natur! — Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit, Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren, wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten, wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben,[S. 91] seine Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern, wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse.

Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen Verleumdungen, denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.

14.

Der Geiz ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt, und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen, finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.

Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen, vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel einer Sparsamkeit geben,[S. 92] die eben so sehr von Menschenliebe, als von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.

Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten.

Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht einen Heller Aufgeld gewinnen.

Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten, auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden,[S. 93] wo sie dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt Engel in der bekannten Erzählung seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig aufnimmt und bewahrt.

Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß, wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse. Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine Behandlung einzurichten.

Ueber den Umgang mit Verschwendern brauche ich nichts zu sagen, als daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile ziehen soll.

15.

Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen Undankbare reden? Ich habe bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet, für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen, sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen, mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner[S. 94] und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen, großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn, gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind, ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten, den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem Herzen haben.

Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt; wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt; fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und wird dadurch gebessert; — wenn nicht: so denke, daß jedes Laster sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen werden. — O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die, welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst die Edelsten nicht frei sprechen dürfen.

16.

Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache den geraden Weg zu gehen. Ränke und Winkelzüge mischen sich in alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung von Lebensart und[S. 95] Schicksalen können diesen Charakter bilden. So wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit, oder von zu vielem raschen Feuer, — ein schlauer unternehmender Kopf, der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen. Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann, und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt, kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue nicht existiren, — und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen, als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten, offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann.

Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann.

[S. 96]

Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!

Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte, hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes Ehrgefühl auf.

Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht, mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben. Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer nicht unwürdig zu handeln!

Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen, und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen, als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind.

[S. 97]

Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen Lügner.

17.

Was man aber im gemeinen Leben einen Windbeutel oder Aufschneider und Prahler nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen. Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen, aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme, unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie; und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder zu Papier zu bringen.

Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft, so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet, und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug[S. 98] gewesen sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht, da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern geschieht, endlich scheu und klug wird.

18.

Unverschämte Müssiggänger, Schmarotzer, Schmeichler und zudringliche Leute, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist. Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« — Der Einfall war nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen, wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern, bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen. Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen, die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas[S. 99] könne nur gemeinen Leuten von seinem Schlage begegnen.« Er wird an Deinen Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien — ich bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus — Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen? und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, — Schwachheiten und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen, wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen, die ärgsten Maulschwätzer waren.

19.

Das Betragen gegen Schurken, das heißt, gegen Leute, die von Grund aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende Bemerkungen hinzu:

Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse, weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze[S. 100] eine feine Verstandesbildung verbinden, und viel geselliges Talent haben, — das versteht sich wohl von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes, und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig, gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen.

Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig, bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten boshaft auslegen. — Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. Auch sind[S. 101] die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen! Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort! Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt, wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan, ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?

Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.

Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben, womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man erkennt sie leicht[S. 102] an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.

Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich bestehlen, wenn Du glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte!

Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es gibt Leute, die viel Gutes sagen, im Handeln aber heimliche Schalke sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft: entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß! Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen, um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung ihrer Lehren zu verderben.

20.

Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind, so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine Hochachtung gegen ihn erkennen!

21.

Unvorsichtigen und plauderhaften Leuten darf man natürlicher Weise keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden darf.[S. 103] Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen seyn, was nicht Jeder wissen darf.

Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke, oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen. — Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.

Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben, dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber, deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.

Vorwitzige und neugierige Menschen kann man nach den Umständen entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken, daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen. Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien, worauf man ihre Aufmerksamkeit[S. 104] lenkt, keine Muße behalten, sich um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu entziehen wünschen.

Zerstreute und vergessene Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen, und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken, und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden. Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.

Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen, wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert, unvorsätzlich fehlen.

22.

Es gibt eine Art Menschen, die man wunderliche (difficiles) Leute nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch; aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt, so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen[S. 105] muß, wenn man in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind, sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß!

Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht thun), solche Leute nennt man Sonderlinge. Sie sehen es gern, wenn man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es Vernunft und Duldung fordern.

Was endlich Leute betrifft, die von Launen regiert werden, so daß man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste Gesellschafter ist, so rathe ich, — vorausgesetzt, daß diese Launen nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe Mitleiden!) — gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.

23.

Einfältige Menschen, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten, aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es können nicht alle[S. 106] Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben; und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne, ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus, als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.

Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen, verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat, und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse.

Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen, ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld. Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme, gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.

Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach, dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind, sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen Worten, sondern nach seinem Thun gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man ungerecht über ihn urtheilen würde,[S. 107] wenn man nicht Rücksicht nehmen wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt selten, daß der Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit, Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden, und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären; und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet; habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk, das wir Pöbel nennen, machen, — habe erwartet, ob ein rührender Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der[S. 108] Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen Einklange an! — Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule gehn!

Gutmüthige, und dabei schwache Menschen sind fast als Unmündige zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie unaufhörlich bedürfen, — soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken, oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre sind so leichtgläubig, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last aufzuladen, von ihm fordern[S. 109] darfst; suche auch zu verhindern, daß Andre dergleichen thun; mache dem Blöden Muth! Verwende Dich, rede für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher zu seyn!

Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele gewissen Liebhabereien nachzuhängen. Sey es nun irgend eine noble Passion: Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth, Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage, Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche — oder was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande; jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern! Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die — doch wie sich's versteht, unschuldigen — Liebhabereien der Großen, an deren Gunst uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb, welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein Schlag, den der Reiter selbst empfängt.

24.

Mit muntern, aufgeweckten Leuten, die von ächtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von ächtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft, nachdenkend,[S. 110] verschlossen; mais un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente, so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.

Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze den Zügel schießen läßt, nicht in einen satyrischen Ton zu fallen. Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich, auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen: und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne, das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen Leuten keinen[S. 111] zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit, ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.

Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie sich mehr, als Andern, schaden. — An den Mann von Würde wagt sich denn auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.

25.

Trunkenbolde, grobe Wollüstlinge und alle andre Arten von lasterhaften Menschen soll man freilich fliehn, und ihren Umgang, wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann, einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals, und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in der großen Welt die sogenannten agréables débauchés mehrentheils die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen, wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung, vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person, sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln, durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den Sinn für Reinigkeit und[S. 112] Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse.

26.

Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die Enthusiasten, überspannten, romanhaften Menschen, Kraft-Genies und excentrischen Leute. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele, geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche, Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen, ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen. Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf[S. 113] seiner Hut zu seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser, theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren, was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen Jakob Böhme rühmen und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge Mädchen, schon lange vor der Periode, in welcher sie von Rechtswegen in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen, was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte, und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür, diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit, Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen, wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie in ihren magern Exercitien anbringen müssen.

Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß, daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat.

27.

Jetzt noch ein Wort von Andächtlern, Frömmlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten, welche mit den[S. 114] eben beschriebenen nur darin Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und eine Scheu vor dem Vernünftigen haben.

Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist: der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl, ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der Vernunft, setzen: — sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: — sollte er auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe. Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger, ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit, Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn. Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!

[S. 115]

Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt, der die Rechte der Vernunft vertheidigt.

28.

Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler, die Deisten, Freigeister und Religions-Spötter von gemeiner Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht. Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze, oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, der nicht wie er denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen!

[S. 116]

29.

Ueber die Art, wie man schwermüthige, tolle und rasende Menschen behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den Umgang mit nicht eingesperrten Narren angefüllet habe. Also nur noch wenig Zeilen darüber!

Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs der zu seyn, daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle, ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe, oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle, entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte. Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken, in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn, darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem, aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in den Jahrszeiten, von welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen,[S. 117] daß viele derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im höchsten Grade wüthend geworden seyn würden.

Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von ***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben. Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte, und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines Vermögen geschmolzen war. — Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde gänzlich abhängig vom[S. 118] Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte, ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten, als über seine Verirrungen seufzen sollte.

Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn Fürst, gaben ihm einen Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben, in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde, als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; — und kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte.

Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden[S. 119] Geschichten; der Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können.

Nachtrag des Herausgebers [3].

Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu klassificiren, nämlich die Finsterlinge. Ich will nur drei Hauptarten beschreiben.

Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der theologischen Finsterlinge ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt, flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« — An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der politischen Finsterlinge. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt, daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen. Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten,[S. 120] wie Gott, lauter Rechte ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben; daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit; denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte (besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«

Die dritte Klasse kann man die ästhetisch-philosophischen Finsterlinge nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst. Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt! ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber verlieren!«

Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen, mit sich fortreißen, oder — verschlingen.

[S. 121]

So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen, wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt, durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht, deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt, die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt, die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen, und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden Glauben und ihrer Verketzerungssucht[S. 122] wiederkehren zu sehen. Wer die Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie), der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an, und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken, Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen.

Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches eine bessere Zeit angezündet hat.


[S. 123]

Ueber den
Umgang mit Menschen.


Zweiter Theil.

[S. 125]

Einleitung.

Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft, auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen zusammengesetztern Verhältnisse auflegen.

Erstes Kapitel.
Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.

1.

Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart, und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht mehr so warm,[S. 126] faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen; Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren, sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das, was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. — Das alles leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente, der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat, findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute, die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung, von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen, die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß, wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines solchen conventionellen[S. 127] Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen. Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede ist.

2.

Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne, kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. — O! lasset uns doch lieber selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen, väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir zurückschauen auf jene seligen Tage, wo ein einziger Liebesblick des holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten; wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; — o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern[S. 128] Kindern zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind, Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet, dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern alten Frau zu seyn.

3.

So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt, sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben, daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist.

4.

Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen. Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene, Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen, was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen zu dürfen, und[S. 129] es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz fehlt.

5.

So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und Greisen!

In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat, wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug, früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt; dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert, nur einigermaßen klar darinn zu sehen. Daher entsteht auch jenes kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht, züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm, der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, — ich habe es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. — Doch zur Sache!

6.

Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften,[S. 130] die durchaus ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat, in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede, so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen, daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel, Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!«

Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt, an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,« bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen schleifen.

7.

Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig! Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.

Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in[S. 131] unverfälschter Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile weniger gefaßt. — Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist. Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit Beispiel zu geben; — kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche beizutragen.

Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise, die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! — das hat böse Einflüsse auf den Charakter.

Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen, liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür lassen sich also keine Vorschriften geben.

Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder[S. 132] nicht zu übersehen, sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber der Mann dem Knaben huldige!

Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem Erziehungsplane gestört.

Zweites Kapitel.
Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.

1.

Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären, daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt, zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß zu behaupten.

Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen eines Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation, gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches[S. 133] Interesse harmonisch gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr sich dieser Kreis erweitert.

Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl, aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist, für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat; wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und sorgenlos verlebt hat: — was für ein Eifer oder welche Theilnahme für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten, da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?

Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen, und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler aufgestellt würde. — Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen, nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe! Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen, Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last[S. 134] des Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert, und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. — O gebenedeietes, goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur eine Familie aus; dann drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich mit einem Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4].

So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.

2.

Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen, ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind, mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es[S. 135] gibt aber andre Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu. — Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf; man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor dem verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen besten und natürlichsten Freunden lebt! — Eine Verbindung, zu welcher sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn können. — Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen, das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der Tugend seyn sollten.

3.

Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht[S. 136] weise, nicht unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten, oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde. Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen, so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit geräth, Parthei für oder gegen Vater oder Mutter nehmen zu sollen. Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen, und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen.

4.

Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage[S. 137] größtentheils für ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft. Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann, dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen, ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht, nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken, wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann, freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.

Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.

[S. 138]

Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern Städten nicht ganz ausschließend unter sich leben möchten, weil dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt, neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß sie gleichsam verrathen und verkauft sind.

Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern, ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch im Rollwägelchen herum. — Ich denke, das sollten sie bleiben lassen. Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft, wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten, ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen einer Familie. Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt, betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach seinem Herzen!

[S. 139]

Drittes Kapitel.
Von dem Umgange unter Eheleuten.

1.

Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute (und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.

Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von einer Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang, Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, dépit amoureux, ein Ungefähr, eine Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe, Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert, — und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls seyn soll!

[S. 140]

2.

Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden, wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt: so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken — möchten sie auch noch so scharf seyn! — schleifen sich leichter an einander ab, und fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben, gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, — welches alles, statt die Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten, genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der Charakter hat[S. 141] eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung. Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger, sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger Glückseligkeits-Beförderung die Rede; — darum kann man wohl in diesem Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen, nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt, der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt!

3.

Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten, Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren) mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt. So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei, oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch dergleichen Verbindungsplane macht. — So viel nur von der Wahl des Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört.

[S. 142]

4.

Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen, daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden. Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden, sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen. Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat, die ihn wenigstens einige Stunden[S. 143] täglich an seinen Schreibtisch fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten, Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben. Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber, und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine, bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten, seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen, sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben — das ist man ja schon sich selber schuldig — und vor allen Dingen, wenn man auf dem Lande lebt, nicht verbauern, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige, plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt, von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt, denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der Zufriedenheit seyn.

5.

Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle Diejenigen verdunkeln, welche nur durch einzelne glänzende Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten[S. 144] Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, — wer kann so etwas versprechen? — sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie keine Verantwortung geben zu dürfen: — hat sie doch nie die eheliche Treue verletzt! — Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe.

6.

Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn die erste blinde Liebe verraucht ist, — und die verraucht denn doch bald, — eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich[S. 145] immer von ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen; ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen, mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde, doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten für uns verbunden ist.

Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden, durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen haben kann.

Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn, wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt. Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden, und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. — Und ein solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen.

[S. 146]

7.

Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen auf uns machen könnten, waffne. In der frühen Jugend, wenn die Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken, und das Herz noch oft mit dem Kopf davon läuft, würde ich rathen, solchen gefährlichen Versuchungen sorgfältig auszuweichen; ein junger Mann, welcher merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst besser, als seine Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden, oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut wohl, wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet — und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, — den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er ihm nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. Diese Vorsicht ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, ohne eben Plane auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines gefühlvollen redlichen Mannes treiben, und einen zwecklosen Triumph darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Thränen zu veranlassen, und Eifersucht rege zu machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die nicht immer durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die nimmersatte Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von festen Grundsätzen, der seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von einer zu günstigen Vorstellung, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen, verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden Gefährtin sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns tragen hilft, oder wenn höhere Freuden das Herz erweitern, Freuden, die kein Fremder so mit uns theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen, die wir keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie der Person,[S. 147] die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder, auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! — und das Herz kehrt ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.

8.

Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun dürfe in dem Herzen des Gatten auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine Freunde und Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der Welt, als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden, und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit und Theilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern, neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm dafür danken, und jeden kränkenden Vorwurf unterdrücken.

9.

Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert. Unerträgliche Sclaverei wäre es daher, sich seine Erheiterungen aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken, feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, Kunstwerke und Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art entsagen[S. 148] zu müssen: — das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß am wenigsten der Mann eine solche Beschränkung und Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu seyn, und Gründe haben kann, warum er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der Manchen auffallend seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem verständigen, gebildeten und feinfühlenden Geschöpfe, noch eben so unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher war.

10.

Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? — denn bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. — Wie soll man sich zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn von einer Seite heftiges Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über die Leidenschaften, Verführung, Buhler-Künste, anlockende Schönheiten und Verhältnisse in Versuchung führen; von der andern vielleicht der Gattin mürrisches Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit, Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament, lebhaft zurückstoßen? — Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, diese Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, wie er es anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, gefährlichen Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der Jugend nicht so leicht ist, wie man wohl denkt. Doch so viel über diesen Gegenstand, als hieher gehört, und sich ohne Beleidigung der Sittsamkeit sagen läßt! Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern, nicht an Ueppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in den Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische[S. 149] Lüsternheit zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, und nichts weniger, als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird fast immer des Weibes Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause erlangen könnte, mit Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit, bei Fremden holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. das Verlangen nach Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! In späteren Jahren fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg; denn da werden ja die Triebe bescheidner und lassen sich williger von der Vernunft regieren, oder man müßte sie muthwilliger Weise reizen.

11.

In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, soll Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall eintreten, wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? Ich denke. Freilich, da der Mann von der Natur bestimmt ist, der Rathgeber seines Weibes, das Haupt der Familie zu seyn; da die Folgen jedes übereilten Schrittes der Gattin auf ihn fallen; da der Staat sich nur an ihn hält; da die Frau eigentlich gar keine Person in der bürgerlichen Gesellschaft ausmacht; da die Verletzung der Pflichten von ihrer Seite schwer auf ihm liegt, und diese Verletzung die Familie weit unmittelbarer beschimpft, und derselben Schande und Nachtheil bringt, als die Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem äussern Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es wohl nur in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne ihres Mannes Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, in Verhältnisse mit Männern zu treten, und dem Manne das alles zu verheimlichen. Er hingegen, der an den Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren hat, die nicht ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich mit Andern in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem er handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen[S. 150] darf, sondern fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen folgen, und das Urtheil des Volks verachten muß: er kann unmöglich alles erzählen und mittheilen, was er unternimmt. Verschiedenheit der Lagen aber kann diesen Gesichtspunkt verrücken. Es gibt Männer, die sehr übel fahren würden, wenn sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer Weiber thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer Freundin anvertrauet bekommen haben. — In allen diesen und ähnlichen Fällen müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten beider Theile bestimmen. Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen sich einschleicht, wenn man ein offenes Geständniß erzwingen muß, alles Glück der Ehe entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn, als wenn der Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner Frau zu erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke zu durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit eines Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen ankömmt, und man die feinern Bande zerrissen, sich über alle Bedenklichkeiten des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt hat. Ein Mann, der einmal seine Frau eine Treulose nennt, steckt sich selbst das Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, als einen Menschen zu hintergehen, den man genau kennt, bei dem man allen Glauben verloren hat, den man oft auf ungerechtem Argwohn ertappen kann, weil Leidenschaft ihn blind macht, und der es wegen seiner argwöhnischen Ungerechtigkeit verdient, getäuscht zu werden. — Betrug ist fast immer die sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen.

12.

Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch selbst einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle ihre Geschäfte gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen angewiesenen Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, wenn die Gattin für ihren Gatten die Berichte an die höchste Behörde entwerfen, und er dagegen, wenn Fremde eingeladen sind, die Tafel besorgen, Cremen machen, und die Töchter ankleiden helfen muß. Daraus entsteht Verwirrung; man setzt sich[S. 151] dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine verläßt sich auf den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen, alles wissen. — Mit Einem Worte: das taugt nicht!

13.

Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann ich die Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, welche ihren Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit sie auskommen und den ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten müssen. Dadurch entsteht getheiltes Interesse; die Frau tritt in die Klasse der Bedienten, wird zum Eigennutz verleitet, muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu lecker ist, macht verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund zur Tafel einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer, er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, zuweilen ein Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht in Verlegenheit zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht in Versuchung führen, so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister oder eine Ausgeberin diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, die eigentlich zu den Pflichten der Gattin gehören, eine Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den Zeitverhältnissen angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet ist, so sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! Ueberlege mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart werden könnte! Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; allein bestimme ihr auch eine kleine Summe zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem Putze, zu stillen wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine Berechnung!

14.

Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur ehelichen Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, wenn man auch im ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung gehabt hätte, sich davon loszumachen, und sich häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man heirathet! Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach der Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende steht ihm, wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er kann alles im Stiche lassen, und in einem unbekannten Winkelchen[S. 152] der Erde leicht mit seiner Hände Arbeit sein Leben fristen. Aber wenn schlechte Haushaltung den Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die Personen seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung, Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft nicht weiß, woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die heranwachsenden Mädchen kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche Ehre, seine Beförderung, die Versorgung seiner Kinder davon abhängt, daß er mit den Seinigen in einem gewissen anständigen Aufzuge, vielleicht gar mit einigem Glanze erscheine, und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das Silbergeräthe vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß unten im Hause ein Knabe wartet, der es gleich nach der Mahlzeit wieder in Empfang nehmen soll; wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, und Juden an den Zipfeln seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen böse Launen, Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen an; Verzweiflung ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt in Ausschweifungen; von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, von Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das Winseln seiner Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen auf; die Verachtung, womit der vornehme und reiche Pöbel auf ihn herabblickt, umwölkt jeden Strahl von Hoffnung; Muth und Trost schwinden; die Freunde fliehen, das Hohngelächter der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und in dieser traurigen Lage schwindet dann freilich aller Schatten von häuslicher Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch nichts so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich in's Unglück gestürzt hat. — Sollte also einer von den Eheleuten zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es noch Zeit ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. Der andre Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen weiß, übernehme die Kasse! Man mache sich einen genauen Etat, wie man dem Haushalte wieder aufhelfen will, und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge aber dafür, daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen nicht zu schwer werden!

[S. 153]

15.

Ist es aber besser, daß der Mann, oder daß die Frau reich sey? Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut ist es, wenn Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten des Lebens gemeinschaftlich beitragen zu können, damit nicht Einer so ganz auf Kosten des Andern zehre. Soll aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch natürlicher Weise auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden: so ist es der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten zum Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine reiche Frau, so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, daß er nie in eine sclavische Abhängigkeit von seiner Frau gerathe. Aus Verabsäumung dieser Vorsicht sind so wenig Ehen von der Art glücklich. Hätte meine Frau mir großes Vermögen zugebracht, so würde ich mich doppelt bestreben, ihr zu beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich würde wenig an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde ihr Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens seyn; ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich für reiche Leute schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser Aufwand meiner Eitelkeit nicht schmeichele; daß ich bei zwei Speisen eben so vergnügt, wie bei zwanzigen sey; daß ich keine Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine habe, die mich eben so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen, wie ihre prächtigen Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn zukömmt, über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte Gewalt verlangen.

16.

Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? — Das ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie näher beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, wird, mit allen seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht immer auf einerlei Art verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer Art seyn, als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, oder gar mit Gelehrsamkeit verwechselt wird, so wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen Geschlechte so viel, wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen zu wollen. Ich[S. 154] fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit, Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: — lauter Stücke, die doch auch zur Klugheit gehören; — welche in gleichem Grade nicht immer das Eigenthum des männlichen Charakters sind. Dagegen erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, gefaßter bei allen Vorfällen, fester, unerschütterlicher, weniger den Vorurtheilen unterworfen, ausdauernder und gebildeter sey, als das Weib. Jene Frage aber war in allgemeinem Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden Theilen schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen zum Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da besser seyn, daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere Theil wäre? — Ich antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie eine glückliche und weise geordnete Haushaltung gesehen, in welcher die Frau die entschiedne Alleinherrschaft gehabt hätte. Es geht in einem Hause, wo ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten das Regiment führt, größtentheils immer noch besser her, als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich gebietet. Es kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein ich kenne deren keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern Herrschaft über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung bedarf? Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint der Bestimmung der Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; eingepflanzte Neigung zu weniger dauerhaften Freuden; Launen aller Arten, die den Verstand, oft in den entscheidendsten Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich unsere bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die Pflicht auf, zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, als wenn der Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen Schutz suchen soll. Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben handeln daher wahrlich gegen ihren eignen Vortheil, und bereiten sich unangenehme Aussichten, wenn sie aus Herrschsucht sich dumme Männer wünschen oder wählen; die sichern Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und Verachtung[S. 155] des Publikums für einen von beiden Theilen, und das heißt ja: für beide Theile. Männer aber, die so unmündig am Geiste sind, daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig zu spielen, nicht Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, thun besser, Hagestolze zu bleiben, und sich ein Plätzchen in einem Hospital, oder eine Präbende zu kaufen, als daß sie sich vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn lächerlich machen. Ich habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen Gemahlin so unumschränkte Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst bestellt hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof schlich, und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem Manne treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen Art, die Dinge anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen seiner Frau abhängen, — der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht vorlegen, und über die wichtigsten, geheimsten Angelegenheiten erst Instruktion bei der Toilette holen muß? Sogar in der Gefälligkeit und Aufmerksamkeit gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht verleugnen. Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will es mit meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, wo sie nicht ist, oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muß, wenn Madam deren Gesichtsbildung nicht ertragen kann.

17.

Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der, welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne, gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn könnte, wenn es nicht so wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte, zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so[S. 156] verschließe lieber den Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz, Krankheit zu, — verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen: o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen, damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der Tröster des Schwächern! — Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten, erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. — Ich rede aus Erfahrung.

18.

Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, — kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft aufweckt, unsre wärmsten Gespräche[S. 157] mit Plattheiten beantwortet, und unsre schönsten Pflanzungen zertritt. — Was ist aber in solchen Lagen zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, — geschwiegen, wenn man doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt, oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte — so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn.

19.

Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament, durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. — Also nur so viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten nehmen, nämlich: zuerst solche, welche auf Beförderung unserer eignen Ruhe abzielen; sodann Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und endlich auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten, sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan![S. 158] Ueberlege wohl, ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen, abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten, je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste, ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes! Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück fremden Leuten.

20.

Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber, beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey, ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung, und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist, Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest[S. 159] Du aber zum Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen, frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.

Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: so wollen es Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter über sich, nicht neben sich. Er soll sich auf keine Weise diese Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt, muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen.

21.

Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen, als die Verletzung ehelicher Treue. Der Moralität nach und unsern religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder, zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. — Man hat nicht einmal in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere. Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; — nicht umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise, wenn er durch[S. 160] Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt, durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute, die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren. In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe, oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches Aergerniß!

22.

Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher, die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden, das für sie tauglich wäre.

[S. 161]

Viertes Kapitel.
Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.

1.

Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint, wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.

Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden. — Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten lobe: — so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder hoffnungslosen Liebhaber!

2.

Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben, das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem, der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte, daß[S. 162] solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.

3.

Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt; wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier abschreiben[5].

»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen. Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint, der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder, wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen, und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen, die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein[S. 163] sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.«

»Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät, wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken, wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an — und hat sich doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, was man für einander fühlt. Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu; sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen, drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort, ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es Krankheit,[S. 164] Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne; lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche Speise, Schlaf. — O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? — Ach! daß dieser selige Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!«

4.

In der Ehe ist Eifersucht ein schreckliches, Ruhe und Frieden störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben; nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn sie Deiner — sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz, oder aus Eigensinn — noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit, keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn sie Dich nicht etwa fürchtet.

5.

Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen, als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse, wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr[S. 165] kaltes Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe, ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen. Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden, denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner, unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft, als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben, wenn das hieher gehörte.

6.

Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses, prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande davon Rechenschaft[S. 166] zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls, gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es mit Absicht gegeben werden soll.

7.

In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten, die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind Gewissensbisse sein Theil. — Allein, was vermögen Rath und Warnung im Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.

8.

Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände: so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört, nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer[S. 167] nur allein seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in Liebessachen zu danken!

Fünftes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.

1.

Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß ich kein Weiber-Feind bin. — Zwar sollte es billig einer solchen Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften, verdient. Diese zu verschweigen, um jene zu erheben, das ist das Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen, scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben aufzudecken — das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden, daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen, noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der andern, lobe oder tadle. — So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.

[S. 168]

2.

Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern. Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken verwischt, — kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist, der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im geselligen Leben nicht weit kommen; und den Mann, der verächtlich vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist, wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen, Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen, alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter gehabt hat.

3.

Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht, wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken. Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung; es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen selbst erlernt werden kann; und wer die nicht versteht, der mag mit allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn — er wird ihnen nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt, und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze[S. 169] erlaubt, oft aber dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf; Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen, daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen, aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche, gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth, die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit, ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit, ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit, Behendigkeit, angenehme Talente; — ich denke, das ist es ungefähr, was den Weibern an uns gefallen könnte.

4.

Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen, ist von der Natur auch denen Frauen eingepflanzt, die Stärke und Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche, gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von Dir abwendig machen.

5.

Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer,[S. 170] als wir: so macht das ihrem Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt. Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur vorzüglich duldsam gegen hübsche Männer und gegen garstige Weiber seyen.

6.

Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im Anzuge bemerken.

7.

Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt, muß man fühlen, was man sagt, und es nur für sie fühlen. Sobald sie merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ungetheilt, allein und ausschließend bleiben.

8.

Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst, stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der böse Feind sein Spiel.

Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde zu glänzen haben,[S. 171] vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit, wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit, oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten, die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern, wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. — Das sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will.

9.

Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag. Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; — doch auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter für die Tochter im Hause an! — Sie werden uns darum die Augen nicht auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. — Ist das nicht bei allen Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter, weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit[S. 172] auf Rechnung ihres Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf.

10.

Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen, jämmerliche Mordgeschichten zu hören; — Gegenstände, denen sich der weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen, und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt: »Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein Geheimniß!« — freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. — Doch warum nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.

11.

Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind, und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder Gemüthslage etwa gern hören[S. 173] mögten, und wartet ruhig den Augenblick ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und ihr Unrecht gutmachen!

12.

Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien; mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.

13.

In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit selten verzeiht.

14.

Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen, einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher, als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste[S. 174] Betragen, nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne. — Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht, und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht rauben kann. — Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.

Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt, und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.

15.

Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?« läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten. Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo er sich dazu zu schwach fühlt, — der Versuchung auszuweichen. Groß ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue belohnt wird. — Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den Stein der[S. 175] Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: — ich kenne keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.

16.

Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige, unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen, der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt; und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht. Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches, obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse. Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt, so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß[S. 176] der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht einmal ahnet, das er angerichtet hat.

Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten, ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden, leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu behandeln.

17.

Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat, diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht, vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König Salomon das alles weit besser gesagt. — Doch ein Paar Zeilen darüber: Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst, sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln, um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas, aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder[S. 177] ihr Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt; zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen; opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: — ei nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig — so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. — Uebrigens bleibt es doch immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen; aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch: wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf!

Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß jedes Weib zu verführen sey? — o ja! so wie jeder Richter auf irgend eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn,[S. 178] wenn alle innre und äussre Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. — Aber heißt das etwas andres gesagt, als: daß wir alle — Menschen sind? Ueberlegt man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament, so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und höhere Tugenden vergessen machen können: — o! wer wollte dann nicht dulden und schweigen? — Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse von Frauenzimmern — zu den gelehrten Weibern!

18.

Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt, die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur, philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so Wenige erreichen?

Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie[S. 179] sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind, und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken, Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft, die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft; der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen, in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er zu seinem Jammer besitzt.

Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als Schriftstellerinnen zählt — die Legionen Derer ungerechnet, die keinen Unsinn haben drucken lassen, — sind vielleicht kaum ein halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer halbgelehrten Mitschwestern, daß[S. 180] sie sich durch meine Schilderung gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.

Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als — Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler zu vermehren.

19.

Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern, dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger[S. 181] Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern entwickelt werden kann.

20.

Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten; mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer; die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht verderben darf. — Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen keinen Theil nehme.

21.

Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt, daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen, Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz; ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune — interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten, zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; die kleine, unschädliche[S. 182] Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie die Gesellschaft beleben — das alles kenne ich, schätze ich, verehre ich. — Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige Absichten beimessen?

Sechstes Kapitel.
Ueber den Umgang unter Freunden.

1.

Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen, sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung; man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen, gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden Gefährten um desto fester an einander. — Ganz anders sieht es aus in reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht, werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet. Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine dauerhafte Harmonie zu Stande zu[S. 183] bringen; und endlich sind wir in so manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen, und man wird selten übel dabei fahren.

2.

Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen, weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen, und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.«

Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz[S. 184] finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man, aber — man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht von einer Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die Freundschaft.

3.

Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß, weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt; die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe seyen, und das tödtet dann die Freundschaft.

4.

Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn,[S. 185] von Launen und Grillen hin- und hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter, aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten, daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird, daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat.

5.

Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey — keiner Freunde zu bedürfen; aber jeder Mensch von Gefühl bedarf Freunde. — Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern leidenschaftlichen Verirrungen — mit Einem Worte: wenn wir mehr von unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen, kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert, das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre[S. 186] Schwächen zu seyn; die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, was man ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und die Seinigen aufopfern darf, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit geschehen kann — — suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir deren gewiß. — Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein Paar für jeden Biedermann; — und was braucht man mehr in dieser Welt?

6.

Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch! Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament, einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen, seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf, wenn er unschuldig[S. 187] verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt wird.

7.

Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten. — Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es vermagst! opfre Dich auf — nur vergiß nicht, was Klugheit und Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht, klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es, die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten, oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection und Rathgebersrolle verwandeln — nun, so sey billig! Schiebe die Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut zu Tage durch Gunst sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß[S. 188] wirklich unsre Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden, und unsre Freunde wählen konnten. Ich habe in einigen blendenden Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen; sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere, ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten.

8.

Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es nicht genug, selbst leiden, und dabei[S. 189] überzeugt seyn zu müssen, daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey, sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit von der Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das, was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie unserer eignen, schonen!

9.

Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind!

[S. 190]

10.

Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn. Da soll alle falsche Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz, übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen, wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann, die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf der Welt anvertrauen darf!

11.

Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit, die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren, ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich, hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt, sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren faulen Seelen-Schlummer befördern. — »Wenn ich Dich bitten darf,«[S. 191] sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten — meine Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht, daß ich ernstlich darüber nachsinne.« — Pfui! welch eine Feigheit und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. — Alle solche verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert. Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln, und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut, den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten steht.

12.

Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht von Wohlthaten auf einer Seite ein Freund dem andern gleichsam unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit, der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig, sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er einem Fremden abschlagen[S. 192] würde. Wäre es endlich auch nur die einzige Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß, als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft gefährlich werden könnte. — Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten, ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte. Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle, in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.

[S. 193]

13.

Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß, einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher Ertragung, und um ein Leib und eine Seele zu seyn, vereint ist; folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch, wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe; und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten, noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen sind, fliehen solle!

Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht Herren über unser Schicksal. Man muß[S. 194] sich gewöhnen, Trennungen durch Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf das Daseyn eines andern Wesens.

14.

Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen erträglich werden.

15.

Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft, wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist; freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht undankbar gegen Dich werden — und würdest Du denn dadurch mehr Werth in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen[S. 195] Menschen zu entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich allein zu behalten?

16.

Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld und Bildung seiner Kinder — das alles sey Dir heilig, sey ein Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese Unverletzlichkeit ehren!

17.

Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen, sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit, welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei, beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen ihre Worte Orakelsprüche sind.

18.

Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt, der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich anzudrängen,[S. 196] ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde reichen.

19.

Es gibt aber Menschen, die gar keinen vertrauten Freund, sondern nur Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es aufzunehmen. — Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen beiden Menschenklassen zu gehören.

20.

Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen, Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt, oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen, ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden voraussetzen muß.

21.

Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? — Meine Leser! ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie, Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei; Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint, der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt — diese und andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und[S. 197] bereiten uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit auch Ihr nicht gerichtet werdet! — Und was für Recht hast Du denn auch über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über ihn bestellt? — Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! — Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.

Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze, womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, — wäre auch alle Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! — solche wankelmüthige, elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich; man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey, edel und schlecht zugleich zu seyn.

22.

Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch[S. 198] verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte — nun! so hört er auf, unser Freund zu seyn; ich meine aber, er behält doch nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat, wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige, was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der Mann uns betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als gegen jeden andern Schelm, der andre Menschen und überhaupt die Tugend betrügt.

Siebentes Kapitel.
Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.

1.

Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts, durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen.

2.

Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren, daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset uns indessen den Grund dieser Wahrheit[S. 199] weniger in den natürlichen Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften, zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die Quellen aller Tugend und Freiheit sind.

3.

Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind, als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner; wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst, die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln, oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand, sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! — Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt, uns der Ehrerbietung und[S. 200] Zuneigung Derer zu versichern, die von uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein. Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen, ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind da zu Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange sind. — Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden.

4.

So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges Leben gewöhnt, — wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, — wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt, und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. — Man findet unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes, ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer, hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, — gute, richtige, nicht übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, — strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, — Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen, bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen[S. 201] Vergnügens von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, — weise Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen, sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben, — Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu befördern, — väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: — das sind die sichersten Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient.

5.

Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth, alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir nach Gefallen abschaffen, so wie auch sie uns verlassen können, sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; — was im Alter aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er sich[S. 202] nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens, zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter einem Herrn und einem Hausvater erfahren, und richtige Begriffe von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das Gute bloß aus Liebe zum Guten[S. 203] thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die man selbst genießt.

6.

Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern, oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf.

Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist, und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ein Stück fort: so wird nicht mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß.

7.

Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende Kleinigkeiten hinaussetzt.

8.

Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange mit Haarkräuslern, Bartscheerern und[S. 204] Putzmacherinnen zu hüten. Dies Volk — doch gibt es auch da Ausnahmen — ist sehr geneigt, aus einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu setzen.

9.

Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten: zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen könnten, die Versuchung verhüten.

10.

Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne, ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege, daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der[S. 205] Ferne nicht wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen, geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung, so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest, voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!

Achtes Kapitel.
Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns
in demselben Hause wohnen.

1.

Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und Hausgenossen.

Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse; allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken, nach der Gegenwart[S. 206] eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst weit zu suchen brauchen; — also vernachlässige man seine Nachbarn nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind! In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile, welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte. Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten.

2.

Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können, wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht unauflöslich.

3.

Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren Nachbar man ist, — Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen, spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr.

4.

Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht[S. 207] geschont zu werden, und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt, und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.

5.

Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben, gegen die man einen Widerwillen hegt.

Neuntes Kapitel.
Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.

1.

In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen, wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus, und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache[S. 208] mit seinem Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre, indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.

2.

Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen; fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken nöthigen,[S. 209] oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt, so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung, die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art, Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können. Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet. Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander, die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt, uns unwillkommen ist.

Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen, oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter seinem[S. 210] eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge fortsetzen kann!

3.

Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, wie lange unsre Gegenwart in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen. Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern, genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach, irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.

4.

Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen,[S. 211] daß sie dafür gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.

Zehntes Kapitel.
Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,
Gläubigern und Schuldnern.

1.

Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch dann nicht auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst, oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines Glanzes beraubt haben!

2.

Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr, den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu[S. 212] hören ist. Eben so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht seiner Freunde, handeln soll.

3.

Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt, einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; — denn in diesem letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist dann ihre Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen.

4.

Die Art, wie man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben. Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern. Der gibt doppelt, der gleich, zu rechter Zeit, ungebeten und mit Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben, zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber verschwende[S. 213] nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig; aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen, Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt, von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann, für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu! Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz ausschütten kann.

5.

Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung. Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur, von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben.

Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere Arbeit, Menschen zu bilden: — eine Arbeit, die sich nie mit Gelde bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate, als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten[S. 214] sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen, sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen, — wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, — vor ihm, der, wenn er seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie angesehen werden sollte. — Es ist wahr, daß es unter den Männern dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. — Wehe den Eltern, die ihre Kinder solchen selbst nicht erzogenen Miethlingen anvertrauen!

Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und von dem Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst, hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn übertragen. — Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung, als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit ihren Untergebenen, und eile weiter.

6.

Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen. Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt, daß der elende[S. 215] Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne, sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden, aus der Noth helfen.

Eilftes Kapitel.
Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen
und Lagen.

1.

Zuerst über die Aufführung gegen unsre Feinde! Man kränke niemand vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert, darüber zu reden: so wird man — etwa keine Feinde haben? — das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben.

Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.

Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben, so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten, von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und schlechter Menschen[S. 216] Manches ertragen zu müssen; und Die, welche die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes unwürdige Kunst, — und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die mein Herz nicht kennen, — ja, die mich nie gesehen haben, durch die Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder nicht?

Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast, die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist, Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: »Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den Verlassenen Jeder herfällt.

Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst, so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen, noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch Verachtung bestraft,[S. 217] und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn man sich gar nicht darum bekümmert.

Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.

Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige, immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man, so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung versagt.

Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker macht, dann zeige einmal, was Du thun könntest, wenn Du wolltest! Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit einem Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer, gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.

Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden, oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; — das Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den, welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs!

Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und ihm allen[S. 218] Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ohne darum gebeten zu werden.

Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? — und wie? — gleich, oder lange nachher? — öffentlich oder heimlich? — und warum nicht gleich, und vor allen Leuten? — Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, oder Blödigkeit? — Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt zu machen sucht? — Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? — Oder ob er den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht, um Recht zu behalten. — Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.

Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.

Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns, das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. — Es ist ein trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst edle Menschen, wenn sie gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S. Kap. 6.)

2.

Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns zwingt, mit Leuten umzugehen, die einander feind sind, wo man es gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder auf unvorsichtige Weise,[S. 219] in diese Händel mischt; ich empfehle dabei folgende Vorsichtigkeits-Regeln:

So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die mit einander in Zwist leben!

Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus, daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen. Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.

Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht, wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, gerechten Manne zukömmt!

Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue, von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.

Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre, mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden; wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder unbändige Leidenschaft im Spiele ist, — folglich keine dauerhafte Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein, Versöhnung[S. 220] stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer Parthei, und nicht selten mit beiden.

Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich für oder gegen eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft, Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle!

3.

Wenden wir uns jetzt zu Kranken und Leidenden! — Wer je empfunden hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden!

Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar seyn mögte.

Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung bezahlter Wärter der sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt, und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch kömmt, daß[S. 221] der Gedanke, wie sehr sie mit uns leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht, wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist, viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.

Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher, weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches Bezeigen noch schwerer!

Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, unangenehm seyn würden, — nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann!

Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken zu bringen suchen.

Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche! Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey, Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!

Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und[S. 222] die Besserung hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten, um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken zurückzurufen.

4.

Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit Leuten umgehen, auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt, — mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen.

Nimm Dich des Armen an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so gib es mit gutem Herzen, und — wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, — gib es mit guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen Theilnahme. — Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer in der Welt würde ganz unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B. Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit,[S. 223] und dem durch widrige Zufälle Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche mißtrauisch, und meinen, jedermann sey gegen sie. Suche ihnen diesen quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen! Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: — dahin, menschenfreundlicher Wohlthäter! dahin dringe Dein Blick! Da kannst Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank auf Erden Dir zusichern kann.

Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen, und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. — Ach! ermuntre einen also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!

Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des Mangels: Seelenleiden, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone des Kummervollen! Pflege seiner![S. 224] Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.

Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander, und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.

Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger traurig, als mürrisch, zänkisch, ja, sogar hämisch sind, so daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.

Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht[S. 225] weil diese sie gleichsam zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.

Der Unterdrückten, Zurückgesetzten und Verfolgten soll man sich annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen, und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird. Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der Pflicht.

Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, man wäre nicht ganz verloren, so lange man noch Feinde hätte.

Unter allen Unglücklichen sind wohl die Verirrten und Gefallenen am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit, schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den Menschen, und zu sich[S. 226] selbst, also auch den Muth verloren haben, den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt, um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören, die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand zu reichen. — Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? — Doch mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also zur Sache! — Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten. Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser[S. 227] gegen jene Gewicht geben, so mußt Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich, sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders würde gekommen seyn, wenn — es nicht so gekommen wäre, wie es gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger Anwendung der besten Rettungsmittel,[S. 228] noch zu helfen wäre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken, und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und zuletzt, ohne Rettung verloren, durch Eure Schuld zu Grunde gehen!

Zwölftes Kapitel.
Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.

1.

Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, wo wir, oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben. Hier hängt die ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn man den Kopf verliert, — wo Die, welche wir retten können, zuweilen mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam, oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut, — auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein entschlossener, kaltblütiger[S. 229] Mann ist da stärker, als zehn solcher Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen, oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen.

2.

In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt, gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen über das Betragen auf Reisen und gegen Reisende.

Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte, zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.

Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang aufzulegen.[S. 230] Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht bekümmern wolle.

Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten; ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt, sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der Verlegenheit zu reissen.

In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.

Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach ihnen muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen.

Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge jammert, die nicht zu[S. 231] ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.

Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in die Hände zu fallen.

Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen; und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu beobachten.

Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende. Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man rechtlich nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst, in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann, oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist, oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen, und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.

Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt ist.

Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann. In Bädern soll Jeder[S. 232] dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist, eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat.

Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.

Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur Ausbesserung gibt.

Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder ein Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt werde.

Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten, nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.

[S. 233]

Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge, die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft.

Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen; er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen.

Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; — und wer kann dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und das Bier hinterher zu verlangen.

Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? — Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß. Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.

Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt, und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden[S. 234] die Pferde gefüttert und angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.

Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen. Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu gewinnen, oder ein Pferd mehr zu bezahlen, ohne es vorspannen zu lassen.

Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer, in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen! Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.

Wer zu Pferde reist, sey es nun mit oder ohne Reitknecht, der darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung[S. 235] der Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn, oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten, reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig gewartet und gefüttert werden.

Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will, langsam in den Stall, und langsam aus dem Stalle reiten solle; daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde bändigen! aber praktisch reiten lernt man nicht auf der Bahn. Allein ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so etwas in einem Buche über den Umgang mit Menschen Platz finden sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt Vorschriften zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und unter Menschen gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er hört, daß ein deutscher Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler so vieler deutscher Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich — weniger unterhaltend schrieben.

Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft. Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht[S. 236] darin, daß diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey, und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich angenehm.

Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen, die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit treiben.

Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt, und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam. Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde und schlaff.

Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock!

Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im neunten Kapitel dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen solche Leute zu handeln,[S. 237] nicht nur, um von Abentheurern und schlechten Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher, zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, die sich uns nicht aufdringen, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen.

3.

Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit betrunkenen Leuten die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen: so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte denn von Natur zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu zechen, um sich denselben Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den Wölfen zu heulen.

Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden.[S. 238] Manche zeigen sich äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig; Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse, eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln müsse: — das versteht sich wohl von selbst.

Allgemeine
Behandlung der Kinder
in den
Jahren der ersten Entwickelung.

1.

Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung — Uebung der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. — Eine Hauptsache hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes.

[S. 239]

2.

Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht. Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten — und zum Sprechen — kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein Inneres sich still entfaltet.

3.

Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst, so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt, desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine ganze Reihe von Unarten. — Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten. Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung, und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane[S. 240] Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe, zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten.

4.

Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß er durch Beides zur Vernunft geführt werde.

Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht, für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. — Bewahrung der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung — dann Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß, hast Du dieß gethan? — Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des Verstandes gewirkt werden.

5.

Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es zur Ertragung des Widrigen erstarke.

Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen, boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken. Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem Bedauern bei geringfügigen Unfällen[S. 241] und Beschwerden, vor dem Entfernen oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt, welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude — er begehrt einen Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung — Empfindelei ist der Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle.

6.

Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur Einsicht gelange.

Auf seine Sphäre oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen, wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße Methode, auf die Geistes-Diät ankommt, denn die wahre Methode entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den Buchstaben,[S. 242] als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse, und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam — noch den Stoff, als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer Menge unverarbeiteter Materialien an — sie läßt das Kind in der Natur und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze Innere verdirbt.

7.

Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur Selbstständigkeit gelange.

Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche und angemessene Richtung zu geben — oder — eine gemeinschaftliche, so daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge (Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:

»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich, als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend etwas hervorbringt. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung,[S. 243] ist der Mensch bestimmt, und daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch, einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt, und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«

8.

Daher die Regel: Sorge immer für eine angemessene und bestimmte Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.

Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit, erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der freieste.

[S. 244]

9.

Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne Kraft.

Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie nicht — man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt — man gräme sich nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten. Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem Innern hervorgeht.

Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr ihm vordemonstriret — erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als wenn ihr es ihm vorsagt — macht es etwas auf seine Weise, und es ist Verstand darin, so lasset es dabei.

So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.

Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung nimmt, seine Kräfte zersplittert — so thue man Einhalt.

10.

Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe.

Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher, als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten,[S. 245] und unmöglich zu machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist, und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt, desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst.

In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten, Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden. Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu gestatten.

11.

Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen — dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die Frömmigkeit,[S. 246] dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.

12.

Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und bewache ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst.

Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven, und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können. Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig, und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn. Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.) Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern.

13.

Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder Entschuldigung), und[S. 247] wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde: laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.

14.

In der Erziehung darf keine Willkühr herrschen, denn sie erstickt die edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine Theilnahme reizt. — Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.

Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht? Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun! Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt.

Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen, ungeduldig zu werden?

Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen, und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die Liebe.

15.

Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen; laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät, Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden, hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und[S. 248] der Tadel müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich. Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden, doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen. Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres hätte machen können.

16.

Soll der Tadel nicht seine Wirksamkeit verlieren, so muß er nicht zu oft kommen; nicht seine Wohlthätigkeit, so muß er nicht im Tone der Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine Würde, so muß er kein ironischer und spottender seyn; nicht seine anregende Kraft, so muß er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen, als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten.

Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung — scheinen oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe.

17.

Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu schnell wieder Beweise der Liebe.

[S. 249]

Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung eines anderen Kindes, — beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als Reizmittel wirkt.

18.

Rousseau verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen, wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen.

19.

Alles kommt auf die Art des Strafens, des Tadelns, des Ver- und Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten:

1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen; haltet es zurück, wo es unzeitig ist.

2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset[S. 250] es selber, aufs freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln lerne.

3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du sollst nicht springen, rennen, klettern.«

Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. — Das Verbieten geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf, und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter der Verstärkung freistehe — und nur einmal, und für den kleinsten Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.

20.

Was das Strafen betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten: Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene, und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt.

»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt Salomo, und daher sorge der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn, wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit[S. 251] geschieht, mit allen Zeichen des Bedauerns, daß man strafen muß. — »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred. Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. — Ein Kind, das schlägt, werde geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es abbitten soll — oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. — »Schande,« sagt Friedrich Richter, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« — Auch werde nie die kleinste Strafe spottend auferlegt, sondern ernst, öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.

21.

Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht. Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. — Aber ferne sey jenes eben so unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann, soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten[S. 252] kann, dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.«

In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.

22.

Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung, Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe.

Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen, Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle, wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden. Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in eine[S. 253] solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen, der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder diese ergänzt.

23.

Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt, und sie nur von Ferne beobachtet — indem man sie in Lagen bringt, wo sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind — indem man ihnen Aufträge ertheilt — indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich, jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft — wird man diesen Zweck erreichen.

Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet, desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben.

Emilie ist sinnlich und lebhaft — vergißt sich leicht — ist leicht hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine große Freude machen« — erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten — daher Kinder, die junge Geschwister haben, eher sich ausbilden.

Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur als Wohlthat erscheinen kann.

24.

Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen[S. 254] seyen gut erzogene Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen.

Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die, Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören, empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; — daß sie höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften solcher Personen aufmerksam machen.

25.

Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist, da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder, so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen, welchen man sie aussetzen muß.

In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig,[S. 255] weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern der Vernachlässigten zu machen. — Kinder, die sich fortdauernd nicht vertragen, bringe man ja auseinander.

26.

Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt.

27.

Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen, nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen, und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt, zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder[S. 256] haben, als diese fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen, damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig werden.

28.

Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke, mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit.

Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen, und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.

Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden. Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen.

29.

Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes und des Herzens. Eben so[S. 257] belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle, und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft, soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit. Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird. Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält. Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen.

30.

Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde.

Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt, nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt; wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in eine[S. 258] Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken. Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont; er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt. Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der Leidenschaften — jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin, als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.

31.

Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte Schwachheiten zu benutzen.

Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend. Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen; die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte[S. 259] beigebracht, und das Herz vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.

Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es bitten, auch Dienstboten bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung, auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen. Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum Handeln mit Ueberlegung.

32.

Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen.

33.

Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel, wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.

34.

Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar[S. 260] keine Annäherung zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge, sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen sich gleich bleiben — und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen. Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und fruchtloses Werk erscheinen.

35.

Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch, besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht, und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn sie krank werden, oder kränklich sind — von den langen Pausen, die man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind bei dem Unterricht und bei der Erziehung solche Ruhepunkte sehr heilsam, welche bestimmt[S. 261] sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen, wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote, durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey.

36.

Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich das Erziehen zu leicht gedacht haben, und meinten, man habe nur zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen, die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern Blößen geben, und sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt, alle Behandlung nach Regeln aufhört.

37.

Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich[S. 262] seyn, wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen übereilt und übertrieben hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor.

Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich, wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan, welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings, und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und verdrossen macht.

38.

Die Lehren und die Eindrücke der Religion müssen allen andern Lehren und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe, auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt werden.

Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht, Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält[S. 263] der Wille Kraft und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme, der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.

Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter, der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe — daß er ihre Gebete erhöre.

Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags, als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage, als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern — vor allen auch der letzte Tag des Jahres.

39.

Die religiöse Bildung darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen, weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen. Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde, so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht, wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben; daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die einfachsten Aussprüche[S. 264] der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe. Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken; nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste aushalten soll. — Schriften, wie Gumal und Lina — Spiekers Emiliens Stunden der Andacht — Krummachers Parabeln und dessen Festbüchlein — Allwin und Theodor von Jakobs, und von demselben Rosaliens Nachlaß — Witschels Morgen- und Abendopfer — Glatz Andachtsbuch, werden hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.

40.

Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt, seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme durch das Ganze verbreite.

Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem, was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer gefürchteten Arbeit — bei einem fünften ein Geschenk von Werth — ein unerwartetes Lob — ein empfindlicher oder beschämender Tadel.

[S. 265]

41.

Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet sich hieraus eine pädagogische Klugheitslehre. Kinder von einer zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche, die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken, wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn. Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre Phantasie in Aufruhr bringen — eine Schmeichelei die Eitelkeit in furchtbarer Kraft wecken.

42.

Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte, als auf bleibende Eindrücke an. Diese werden durch ein sich gleich bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt; aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B. Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders der Sinn für Religion geweckt und belebt wird.

Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths, Julius und August 1812.)

»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen, in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang. Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige, Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich verstehe mich hier[S. 266] selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken, welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt. Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.«

»Ich mußte früh und Abends beten, vor und nach Tische, und sah es die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens, den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn, daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu[S. 267] ängstliche Scheu vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird. Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, geübt seyn.«

»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen, die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher Sprache der Urwelt.«

»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig. Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter Paul, Gerhard, Richter, Luther, Neumann, und später des sanften Gellert, hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht erhalten.«

»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben, der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott, zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute, richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude; an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich auch,[S. 268] des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen, das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«

43.

Jean Paul sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den Grenzen des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor. Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde, war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht mit, aber vor ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte. Kindergebete sind leer und kalt, und eigentlich nur Ueberreste des jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen müsse.

»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus, damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe. Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn? Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter Erwachsene — eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale öffentlich und mit allen Rechten eines Ichs auftritt und forthandelt — um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146.

44.

Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings[S. 269] geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur angemessenen Thätigkeit; flöße ihm keine Furcht, sondern nur ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey kein Spiel-Verderber.

»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und geschlagen werden.«

Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an, was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird. Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern, deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können; wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes, der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und verordnet, der mag sich[S. 270] nicht beklagen, wenn ihm überall die Unlust entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht große Verlegenheit.

45.

»Heiterkeit oder Freudigkeit ist der Himmel, unter dem alles gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird; vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken, wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit zu Thätigkeit.« — Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn, und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele.

Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen, denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es jedesmal begehren.«

Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben, z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine.

46.

Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen Seele, ist sein Paradies, auch mit dem Baum der Erkenntniß. Hütet euch aber, der flammende Cherub zu[S. 271] seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie verlassen es von selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies zu seyn. Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. Es kommt viel darauf an, daß der Uebergang vom Spiel zum Lernen mit Vorsicht und Klugheit geschehe. Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln diesen Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine weise Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere und Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche Bilder, auf welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt werden. »Auch sind kleine Bilder den Kindern angemessener und angenehmer, als große. Was für uns fast unsichtbar ist, ist für Kinder nur klein; sie sind nicht bloß moralisch, sondern auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen der Nähe; und mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn wir ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.«

Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung, daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so langsam und so einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken behalten, die selbst die Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. Aber soll der Spielplatz eine solche Uebungsschule werden, so muß Freiheit herrschen, und die Erwachsenen müssen nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen, oder ein Beschluß zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber, oder höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber kann von gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in der Volksversammlung, bei dem, was die Mehrheit beschlossen hat.

Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197.

47.

»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und[S. 272] Lehrer sind ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, nach dem Glauben vieler Völker, dem neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen die körperlichen Titanen. Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und zeitigen, als im Freistaate unter seines Gleichen? Schulet Kinder durch Kinder. Der Eintritt in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große Welt, und ihre geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und Gesellschafts-Zimmer.«

»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht auftischen soll, so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntniß-Baum. — Der Schaum des kindlichen Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.«

48.

Gesang gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten Mitteln, die Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, und gleichsam einen Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. »Musik sollte eher, als die Poesie, die fröhliche Kunst heißen; sie theilt Kindern nur Himmel aus, denn sie haben noch keinen verloren, und setzen noch keine Erinnerungen als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Einige Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber jenes nur vor Ueberlust, da bei den Kindern unsere Erinnerung noch nicht den tönenden Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. — Gibt es etwas Schöneres, als ein frohsingendes Kind?«

Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich gestimmt werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der Musik, indem ihr seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, für seine Gesundheit sorget, es vor übler Laune und Mißmuth durch Gewöhnung zur Genügsamkeit bewahret. Jene, von Lust und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder, können nie fröhliche[S. 273] Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht bei dem Ueberdruß. So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam im Schooße sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als allezeit fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie eine rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward.

49.

Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet die Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der Last, die ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt mit ihr. Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern gleich in den frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine Masse von Kenntnissen einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine unnatürliche Ernsthaftigkeit, ein verdrießliches und in sich gekehrtes Wesen, und hat das Kind auf diese Art Schaden an seiner Seele genommen, so wird es nie wieder eine rechte Heiterkeit gewinnen.

Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle der Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, fröhlich zu seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen haben. Religiöse Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern werden sie am sichersten davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden und Allgegenwärtigen scheuen, werden nicht leicht heimlich sündigen, und wenn sie fallen, bald wieder aufstehen. Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen Wünsche, gönnet ihnen unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr selbst sie zu Heimlichkeiten, und weg ist dann ihre Freudigkeit und Fröhlichkeit.

50.

Endlich erhaltet sie im Umgange mit der Natur, und reichet ihnen oft den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie unter Gottes Himmel führet, und sie die reine Himmelsluft einathmen lasset. Indem diese durch ihre Adern strömt, ergreift Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die Natur ist und bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus dieser nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch den Kindern Gespielen ihrer Lust, wenn ihr sie hinausführet; das Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt nur halb. Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, so wie der enge Horizont der Stube und die Stubenluft. Der Geist wird freier, wo das Auge weit und frei umher blicken kann.[S. 274] Viele Kinder verschmachten körperlich und geistig, wenn sie nie oder zu selten hinauskommen in's Freie.

Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit nach, damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, durch die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein Kind durch Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen und anstrengenden Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang auszuhalten, so geht leicht Gesundheit und Freudigkeit verloren. So ist's, wenn z. B. mütterliche Eitelkeit oder die Charlatanerie der Schule von dem armen Mädchen in kurzer Zeit eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und Anstrengung erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage (z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, auf welchen sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. Die Veränderlichkeit der Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, »sondern die natürliche Folge der schnellen Entfaltungsreihe; denn das so eilig reifende Kind sucht in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue — und vielleicht liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel an Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von der Gegenwart getroffen und erschöpft wird.«

51.

Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender Beschäftigung und bei dem Uebergange vom Spiel zur Arbeit — ferner bei Enthaltsamkeit und Mäßigkeit im Genuß. Daher werde jeder reine Zwang möglichst verhütet und vermieden, und der Gehorsam werde dem Kinde nicht Ertödtung seiner kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß nothwendig alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in einen Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und gekränkt fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der Erwachsenen nicht zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, mürrisch und trübsinnig werden, wenn man ihm gar keinen eigenen Willen zugestehen will?

»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als[S. 275] daß den Eltern Vieles dadurch leichter wird. Oder gälte es auch für Seelenwuchs, wenn euer Kind nun überall so vor allen Menschen, wie vor euch, seinen Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geräderte Gliedermensch, aufs Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, die dankende Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. Und dann habt ihr Recht. Aber um so mehr gebietet nirgends, wo euch das höhere Motiv nicht selber aufruft und gebeut.« S. Levana 1r Th. S. 221.

Verbieten, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, wird das Kind nicht so mürrisch machen, als Gebieten; es wird ihm leichter, zu unterlassen, als zu thun, weil es bei dem Unterlassen noch die Freiheit behält, etwas anders zu thun — ihr müßtet es denn mit euren Verboten wie mit Schranken einengen, oder damit auf jedem Schritte verfolgen, oder verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies Kind ist, nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder lärmen und springen, oder albern seyn. — Gebietet ihr zu viel und zu oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm ein Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert endlich alle Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr alle Freudigkeit der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, und nichts lähmt so sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton der Bitte, der Aufforderung, wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe gerufen, oder ein Ableiter für die Begierde aufgerichtet wird, würde anders, und besser wirken. Und der pädagogischen Klugheit bieten sich überall solche Ableiter dar, durch welche die Begierde nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen abgeleitet, sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches hingeleitet wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, eine Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie viel liegt daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! — fast die ganze Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen mit Freudigkeit ein wahres Gehorchen.

»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber selbst das Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte, schneller.« (Jean Paul.)

[S. 276]

52.

Auch durch Belohnungen und Bestrafungen suche die Erziehung auf den Zögling und seinen Willen zu wirken; denn da die natürlichen Folgen nicht gleich sichtbar und fühlbar, oft sogar durch dazwischen tretende Umstände verzögert oder entfernt werden, und Kinder so erfinderisch sind in Entschuldigungen und Beschönigungen; so sind positive Belohnungen und Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den Willen der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig wirken sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, und also weder in unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen des Willens ausarten, (wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit oder die Eitelkeit, oder wohl gar der Neid der Kinder angeregt, und als Reizmittel gebraucht wird), noch jemals einen an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken, oder den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. — Der Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, und sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte an sich tragen. Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn Eltern und Erzieher von vier- und sechsjährigen Kindern ein stundenlanges Stillsitzen bei einem Bilderbuche oder bei einer Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche, verlangen, und es durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen.

Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam als Würze der Erziehung, damit nicht auf der einen Seite Eigennutz und Selbstsucht, auf der andern Furcht entstehe, und der Zögling auch unbelohntes Gute liebe, und unbestraftes Böse verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei zu beobachten: 1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere unwirksam blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der Liebe wirken besser, als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen der Unzufriedenheit und Betrübniß besser, als Verweise und Strafen. Darum sollen diese nur im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, die unverwöhnt, natürlich gut und gefühlvoll sind, sollen nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn das würde sie nur verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung nothwendig. Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker[S. 277] Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß gegen Verdienst und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren auszeichnet, oder wegen seines Phlegma's still und folgsam ist, so hat es auf keine Belohnung Anspruch. Wenn ein Kind von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte macht, so kann es nicht bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo eine natürliche Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des Gehorsams, der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung durch unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes Streben sich zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. Man unterscheide wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue jenen den Kindern nicht leicht zu, versage dieser die verdiente Nachsicht nicht. Daher sind alle feststehende Strafen und Belohnungen bedenklich; denn wie oft wird die Schuld zur Unschuld durch die Berücksichtigung der Umstände; wie oft sinkt das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man genauer nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden Strafen kann keine von den Rücksichten genommen werden, welche Klugheit und Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders mit Ehrenbezeigungen. 4) Man beobachte genau die Wirkungen der Belohnung und Strafe, denn diese sind oft ganz anders, als man sie erwartet hatte, und bei verschiedenen Kindern verschieden. Die Furcht, welche abschrecken sollte, reizt zuweilen, besonders bei Kindern, welche einen festen Willen haben, und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man hüte sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge im Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben nicht reizen. 7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe ab, oder diese bestehe doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder gut zu machen. 8) Die sichtbare Theilnahme des Strafenden erhöhe die Wirksamkeit der Strafe, die immer als Aeusserung der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die Strafe den natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von der Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte entweder dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß[S. 278] genießen, oder fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe das träge Kind durch lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten zur Wiederholung und zum Bessermachen, gönne dem fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen, schließe das geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem Umgange aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen Aufsicht über Andere — lasse die schmutzigen sich zurückziehen — die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher sorge dafür, daß sein Mißfallen und seine Mißbilligung die schwerste Strafe sey, und suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung und Liebe einzuflößen, ihr sittliches Gefühl zu schärfen, ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen Fällen, wo an der Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist, aber der Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt, erlasse man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die Wahl zwischen zwei Strafen.

Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können auch solche Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und demüthigen, z. B. Absonderung und Entfernung, Bekenntniß und Abbitte.

53.

Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die Gesinnung erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu erkennen gibt: die herzliche Betrübniß über die Fehltritte des Zöglings, das Bedauern seines Wankelmuths, das Trauern über seinen Leichtsinn, die Freude über seine Besserung und seine Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den Zorn, den eine persönliche Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen würde, und zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die Liebe desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine härteste Strafe.

Für Belohnungen besonders stehet Folgendes als Regel fest:

1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, und also nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, was Anstrengung, Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit kostete.

2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider[S. 279] kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei und des Schmeichelns zum Vorschein.

3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen Umständen), und selten, bei eitlen Kindern nie, Ehren-Belohnungen; vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der Neugier, und einer unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei.

4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam.

5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung selbst zuweilen weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung zu zeigen, und bei schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, um Anstrengung zu bewirken.

6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld, versprochene Reise u. dgl.

7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. Daher ist es nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, und bei Uebergängen von einer mangelhaften Tagesordnung zu einer regelmäßigen und strengen den Verwöhnten die Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen.

54.

Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung eine fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, denn die Kinder bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. Daher wird diejenige Erziehung die wirksamste seyn, wo ein liebevoller Ernst dem Zögling Hochachtung und Scheu eingeflößt hat, und schon eine mißbilligende Miene, oder ein einziges Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings Willen kräftig wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und Unzufriedenheit, vor allem Trauer des Erziehers die höchste Strafe, der Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das höchste Ziel seiner Wünsche.

Bedenkliche Strafen bei lebhaften Kindern sind: Einsperren, Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen dessen, was sie sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden und vor Respektspersonen. Dagegen sind oft sehr wohlthätig wirksam: körperliche Strafen, weil sie der Gewalt des Temperaments ein Gegengewicht geben.

[S. 280]

Bedenkliche Belohnungen sind alle die, welche der Eitelkeit und Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man dem Eigennutz Vorschub leistet, und die Kinder zur Geldliebe reizt, oder die Unbelohnten zur Eifersucht und Mißgunst verleitet.

55.

Der Ehrtrieb werde, weil er so leicht ausartet, und dann den Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht in der Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von Natur wenig reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen ausgestattet sind. Auch hüte man sich, jenes eitle Lauschen auf den Beifall der Welt zu begünstigen, welches zur Menschenfurcht und Menschengefälligkeit führt, und der Sittlichkeit höchst gefährlich ist. Der Beifall achtungswürdiger Menschen erscheine zwar den Kindern als ein hohes und schätzbares Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres Gewissens sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt gehorchen. Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die des ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, als die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon durch die erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt haben, kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen Ansicht der Dinge, und es entspringen aus diesen Vorurtheilen Ungerechtigkeiten der gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung und Berichtigung der Begriffe, zuweilen durch entgegengesetztes häusliches Verhältniß entgegengearbeitet werden. Von dieser Seite wird oft den Kindern vornehmer Eltern die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt, mit Kindern von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt.

Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit und sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon ertragen. Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, alle ihre kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, sie ihre Künste machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: sie methodisch verderben. Besonders verhüte man das Loben bei talentvollen Kindern, da diese ohnehin schon sehr bald selbst die Bemerkung machen, daß sie sich auszeichnen, und Vorzüge haben; man dulde nicht, daß Kinder viel bedient werden, und[S. 281] entferne solche dienende Personen, die den Kindern eine Art von Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im Dünkel bestärken. Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend, daß ihr Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt; man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders in Tanzgesellschaften.

56.

Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem Ehrtriebe zu viel Nahrung zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu unterdrücken, und ihm Gewalt anzuthun, durch beschämende und herabsetzende Strafen und durch Demüthigungen. Hiebei sind folgende Regeln die bewährtesten:

1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten äussert, so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man dem Zöglinge den Wunsch zu erkennen, ihm Beschämung zu ersparen.

2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, geschehe sie doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung des Namens, nicht vor Dienstboten oder Fremden, ohne irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei wiederholten Lügen im Erzählen, bei Unordnung und Faulheit — man lasse dem Zögling noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden.

3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen, und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen, besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue stillschweigend eingestanden ist.

57.

Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der Menschen als das höchste Uebel, Beifall[S. 282] und Gunst als das höchste Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur eine Rolle spielen, und nur für die Gesellschaft und in der Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob erschleichen, anstatt es zu verdienen, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.

58.

Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine Ausartung des Thätigkeitstriebes zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht, sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche. Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des Weibes im Widerspruche ist.

Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung, durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der Thätigkeitstrieb schon veredelt werden, dadurch, daß man ihn mit den wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht. Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält, sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten, und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam, fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo[S. 283] möglich, Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit Garten-Arbeit zu beschäftigen.

59.

Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.

Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft. Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr verabscheuen, als die der langen Weile.

[S. 284]

Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht.

60.

Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn.

Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen, sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung, Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken, Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen, sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der Stube zu erhalten.

Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine[S. 285] gewisse Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht, so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten: Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich, in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird. Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und kleine dramatische Darstellungen.

61.

Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem Weibe ist mehr Fertigkeit, als Wissen nöthig, mehr sittliche, als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben,[S. 286] die man wohl Verbildung nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist. Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung, Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere, und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse. Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind.

Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten, und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten, und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt, das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das Schöne und[S. 287] Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der Neugierde.

Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu entsagen, sich selbst zu verleugnen und zu erdulden, besonders wenn die wohlwollenden Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist, lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf, wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft, damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.

Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei dem achtjährigen Mädchen.

62.

»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben, indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht, und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren, der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung erfolgen kann.« Schwarz Erziehungslehre 3. 1. S. 218.

Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden[S. 288] Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. — Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf.

63.

Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr, welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen Liebe zu Hülfe kommen und mit einer weisen Strenge; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht, und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen Ausbildung, jeder[S. 289] Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit, Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter, und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet, bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende. Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende, Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel ihrer Eitelkeit und[S. 290] in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung fordern.

64.

Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken; sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides, oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde. Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche, die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht, sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.

Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern, nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen einen Erwerb zu sichern, der es gegen[S. 291] Mangel schützt, und bei dem es die Würde seines Geschlechts behaupten kann.

Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern, sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern. Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen, Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden, weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche anzutreffen seyn.

Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche Gesellschaft fordert mehr als eine Fertigkeit und Geschicklichkeit zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens hievon abhängt. Der Genuß, weil es keinen reineren gibt, als den des Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der Werth, weil dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner Menschen, oder der Familie gewährt; die Ruhe, weil das Bewußtseyn einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie sicher gestellt! Wie[S. 292] manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater, Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen, Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die, welche nicht durch sich selbst bestehen können!

65.

Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen Familie.

Pädagogische Heilkunde.

Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist, und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele, und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten, und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund.

Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist, oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel[S. 293] weggeschafft wird, ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht haben.

»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen, also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung, wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf die Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere, und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z. B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung, anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben.

Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten, als es Tugenden des Kindes gibt.

Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit. So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung finden, und also lange Weile empfinden — oder wenn man sie in der Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen gegen das Lernen beibringt — oder zu der Zeit, da sie noch nicht sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können, unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der Spannung und des Mißmuths versetzt — oder ohne Nachsicht straft, wo erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht natürlich, daß das Kind muthwillig,[S. 294] oder auch schlaff und träge wird, weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt, keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern; sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott, Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung.

Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die[S. 295] traurigen Folgen einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen. Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.

Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet, Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung, dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe. Oder der[S. 296] Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man versuche es lieber zuerst mit allerlei sinnlichen Beschäftigungen, und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung, und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden, schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest, weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben, so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen memoriren — man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.

Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man unerbittlich in der Strenge.

Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit (Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an, ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig, und will nur herumlaufen,[S. 297] spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen, oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen im Kopfe.

Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an, durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit, Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.

Dem Frohsinn stehen Trübsinn und Leichtsinn entgegen. Das düstere, verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur, wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke, verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.« Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene[S. 298] Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt, sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge — (z. B. ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie bessern.

Leichtsinn zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit, und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden. Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. — Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z. B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die weicheren am wenigsten zum Trübsinn.

Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen Unfolgsamkeit und Wankelmuth. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der Eltern ist die nächste Ursache — aber auch wohl ihr Eigensinn und ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also kein liebevolles[S. 299] Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können, dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben, als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden; vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen, daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes, des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen und Erholung, so oft es sich besser zeigte — man erleichtere ihm das Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung zum Ungehorsam — man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe; faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich dadurch nicht zu Bitterkeiten und[S. 300] zu harten Behandlungen reizen, werfe ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet.

Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist Veränderung der Lage das beste Heilmittel. — Die Religion muß zu Hülfe kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.

Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über; es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung, die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen, nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott.

Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten und unbescheidenen[S. 301] Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens, fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung. Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht seyn, zuweilen durch Beschämung — die aber sehr vorsichtig anzuwenden ist — am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen — und endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt, und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen bemerklich zu machen.

Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran.

Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen[S. 302] Gewalt auf Kinderherzen, und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu — er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle Menschenwürde rauben.

Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird. Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt, und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung der Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen,[S. 303] daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt, welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen, wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben, und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen, damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen.

Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden Umgange mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden, z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben, sich[S. 304] frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes, der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft. 2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe.

[S. 305]

Ueber den
Umgang mit Menschen.


Dritter Theil.

[S. 307]

Einleitung.

Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs, über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang mache.

Erstes Kapitel.
Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
und Reichen.

1.

Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten, alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ein Mensch dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein zu tragen, — wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche[S. 308] ihre Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle Privat-Tugenden verbindet. — Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten; — aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so erbärmlich war. Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.

2.

Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig, oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage anwendbar ist.

3.

Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst! Ueberlaufe sie nicht mit Bitten[S. 309] für Dich und Andre, wenn sie Deiner nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!

4.

Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie! Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung, ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit, Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln, Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist[S. 310] der beste Beweis für die Güte einer Sache der, daß doch jedermann von Stande so und nicht anders handle und urtheile; — als ob das in der That eine Narrheit heiligen könnte! — Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können!

5.

Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt! Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit; wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen, und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.

6.

Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde, in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, — die Grenzen der wahren Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß; und das ist gewiß immer der Fall. — Der[S. 311] gerade Weg hingegen führt unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften Glücke.

7.

Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte, ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an Zeit, mein Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind auch in dergleichen Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte, drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz! er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that. Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. — Ich hörte demüthig zu. — »Und das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt, die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben; ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und wir scherzten nachher darüber; — allein so sind auch die Besten unter ihnen!

Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die[S. 312] Unternehmung nicht gelingt, oder lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden, wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen, sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen!

8.

Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz, für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde; ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von *** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich, als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten, dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ziemlich wohlfeil dazu gekommen.« — Er hatte also vergessen, oder wollte[S. 313] es nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen sehr wohlfeilen Preis gemacht hatte; — und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte leben können.

Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen, den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch, wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt man tausendfältig ihr Sclave zu werden.

9.

Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben, sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen, und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet, die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch diese Wirkungen nicht sichtbar werden.

[S. 314]

10.

Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben), daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete, das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen, weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch — wer weiß, wie? — gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen Angaben man sich nicht einlassen dürfe.

Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist; und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges, in keiner bösen[S. 315] Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen.

11.

In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will, der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs, seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird. Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.

12.

Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich[S. 316] und Deine Familie angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, — und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke, da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja, man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten, uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen — Einen solchen Mann schonen sie sorgfältig. —

13.

Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen, aber er muß es nur allein zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist diese Vorsicht nöthig[S. 317] gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten, gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir, wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es; oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! — Wie werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.

14.

Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: — wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern, wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn. Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe, Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen, errichten Academien, Museen u. dgl. — Wie unschuldig ist es nicht da, zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen, womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen — wie sich[S. 318] denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe. — Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme, was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's, daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert, verhärtet, grausam wird.

Zu den mehrentheils schädlichen Liebhabereien großer, besonders regierender Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen, Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang, Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück.

15.

Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen, oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen, Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam, obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen, was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen, und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben, was sie thun wollen.

[S. 319]

16.

Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig, unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind, — und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und großen Tyrannen abhängen muß.

17.

Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen Erdengötzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane, daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke, wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender, zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten, verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei ihnen immer Recht.

Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue, Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie je vergessen wollen: daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen;[S. 320] endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk, dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln Segen vom Himmel erfleht.. — Es versteht sich, daß diese Wahrheiten einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen harmonisch klingen sollen.

Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!

Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen könnest!

Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört!

Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind!

Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen Betragen!

Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen, wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen mögen, von welcher Seite[S. 321] etwa der Herr gegen dich gewonnen werden könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!

Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer Leute, zum Dienste des Fürsten!

Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h. solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben!

Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist!

Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in billigen Dingen!

18.

Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen, gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen, Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und, wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!

19.

Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. — Ueberhaupt hilf selbst, wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel)[S. 322] und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit dem, der weniger hat, in eine Klasse setzen, und daß man, wenn man gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht wohlthätig seyn kann.

20.

Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen, zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt, daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen, erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre, unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich[S. 323] herzlich gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend, deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen; haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt, auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt, und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt, an welchen so viele von ihnen scheitern.

21.

Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten, der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen, sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie, wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband[S. 324] über den hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat, besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten, treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter. Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben, welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird, und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen. Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen — mit Einem Worte: sie sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind.

22.

Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an kleinen Höfen! Besser so, als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben.

[S. 325]

Zweites Kapitel.
Ueber den Umgang mit Geringern.

1.

Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll, damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen, oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als wir, stehen.

2.

Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen, etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt, oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht, öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient, möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen! Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man[S. 326] die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht, aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse hinaus, in dem Menschen nur den Werth schätzt, den er als Mensch hat!

3.

Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre, welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit, Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt, die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und nach Gelegenheit annehmen zu können.

4.

Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen vermag!

5.

Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich, so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er[S. 327] Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln, den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.

6.

Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache, oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche, aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte, und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie sehr er sich betrogen hat.

7.

Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise, aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine[S. 328] Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt, so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen. Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.

8.

Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen! Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes, als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.

9.

Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder zurückzulegen.

Drittes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.

1.

Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben,[S. 329] zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit; Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen; Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit, Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth, Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht, als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf, aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd; lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten — das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen Hofgesinde lernen; — das sind die Studien, nach welchen sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern, so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse, als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und[S. 330] äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem man nämlich entweder sich von der großen Welt ganz zurückzieht, oder in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, oder endlich, daß man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.

2.

Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen, an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen, um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will, neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der Einförmigkeit zu verlöschen: — das ist ein Leben, das eines weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht — das ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln, und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen, nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz[S. 331] der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, — mag auch davon gesprochen werden, was da will.

3.

Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn man jene Sitten halb und unvollständig copirt, — wenn der ehrliche Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann, den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen will, — wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder, wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann. Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig! Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen: Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich! Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar fürchten, ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.

[S. 332]

Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand verlieren, nie versäumen darf, der Kultur — wenn man das Kultur nennen muß — auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint, und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert. Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben, sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen, welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt worden.

4.

Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische[S. 333] Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute, mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere Würde, Charakter und Wahrheit!

5.

Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können. Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht, den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken in den Stand gesetzt wird.

Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke, in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler, Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt, und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien, denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, — sey es, daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber! clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch erbärmlich nennst, dessen Verfasser[S. 334] als ein Original-Genie anerkannt wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches, philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: — das alles muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen.

6.

Uebrigens gestehe ich — es bleibt aber unter uns — daß der Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen, stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit, Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange, die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler Anstand ist nicht Steifigkeit, — verbindliche Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang — und ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. — Doch, ich habe Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und[S. 335] ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen Klassen und Ständen aufzuweisen[6].

7.

Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen) Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten lachen; aber thue das nicht laut! Mit einem Worte: zeichne Dich unter den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: Par Dieu! il a de l'esprit, comme nous autres!

8.

Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger. Der klügere und edlere Mann — bequemte er sich auch noch so pünktlich nach den Sitten der feinen Societät — wird dennoch[S. 336] dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen: denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine Unruhe zu äussern, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen, alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du mit Widerlegung einer Verleumdung fertig bist, so wird man schon eine andere in Bereitschaft haben.

9.

In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt, als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei, zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen Standespersonen, noch zu den Reichen gehört.

10.

Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir Nachtheiliges aussprengen.[S. 337] Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, — behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben, weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken, bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die geringste Unruhe zu zeigen, mit niemand weiter darüber zu reden, und sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger gemacht wird.

11.

Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage ihre flachen, schiefen[S. 338] Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, — aus Furcht, ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte!

12.

Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache! Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung, noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß! Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand! Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.

13.

Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder (wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils nicht gewiß sind, — wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner Seite hat, als der von besserer Art) befördert[S. 339] zu werden. Zu allen Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so dringend anzuempfehlen, als — Kaltblütigkeit, das heißt: sich nie zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten, feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst — wenn sie sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der Natur ist — erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.

14.

Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen, den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen, ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, — anerkannt von Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen, die nur auf das Gepräge achten. — Darum sollte man nicht so unbedingt und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt zu werden, mit[S. 340] Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn, wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.

Viertes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Geistlichen.

1.

Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und Weisheit erworben hat, — der als ein unerschrockener Verkündiger und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel bestätigt, — der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, — durch Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, — duldsam und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen diesem[S. 341] Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit, und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich — ich rede aus Erfahrung — gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben, als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht, so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden, bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt,[S. 342] und ruhen nicht eher, als bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben.

Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen, Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was sie — oft selbst nicht glauben, sondern — nur lehren, weil es Geld einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei dem Volke verdächtig zu machen. — Ja, solche Ungeheuer gibt es leider! unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten und Jesuitenmänteln, — nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.

2.

Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit, von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden, wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit allen Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.

Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen, das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die Religion aufbürde.

[S. 343]

Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt, wider Willen befördern.

Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit gegen sie schuldig!

Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen; gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel! denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen, was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.

Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will!

Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!

3.

In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe, ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, — einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, — Beifall, durch baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher (dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank[S. 344] hervorbringt, — viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian, oder Prior, — Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und Anstalten, — kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto mehr über Politik, Krieg und Frieden, — Zeitungs-Nachrichten, — Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten geforscht wird, — Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden, besonders von Jesuiten, die Rede ist, — Rang, Ansehen, Reichthum, Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist, Geschenke: — das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu werden, und sich Achtung zu erwerben.

Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen gefällig zu werden.

In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen.

Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden.

Fünftes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.

1.

Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie der eines Gentleman in England; wenn man sich unter einem Gelehrten immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung seines Herzens angewendet hätte; — kurz einen Mann, den Wissenschaften und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich[S. 345] hier kein Kapitel über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift, wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser Wahrheit zu folgen — dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer, Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der, welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem das Seinige geben will.

2.

Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann, wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von Seiten der[S. 346] berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich den Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten). Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt, als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht, oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie, sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen; kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen.

Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören. Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht[S. 347] wird, mit Würde und Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn, seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines Aufwandes von Verstand und Witz würdig.

Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen, wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse, das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht, durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht hie und da, besonders in einigen minder großen Städten.

Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben das, was unserm Zeitalter am meisten[S. 348] Ehre macht; und wenn es langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände, der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst, von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man — doch übrigens bei gesundem Hausverstande — ein Fach aus dem Grunde versteht; und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern; mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen, und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden.

3.

Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie ausspendet.

Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.

Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr[S. 349] schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast: groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster endlich — es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen — begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind, sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen.

4.

Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren, und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet, wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben[S. 350] hat, seine Talente auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen Thorheiten ertappt haben.

Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben, und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem Publikum herabzusetzen sucht. — Pfui der Niederträchtigkeit! Ist denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der Weisheit geweiht sind? — Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht selten gesehen werden.[8]

5.

Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen, daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft, oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung[S. 351] Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste, was wir bloß nachlallen.

6.

Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind, und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern, oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden, wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat! Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt — ich muß ihn hier öffentlich nennen — heißt — Anonymus, auch Redacteur, und ist ein gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften, Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher Spitzbube ist, und umhergeht,[S. 352] wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlingen mögte.

7.

Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind — es versteht sich auch hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme — wohl keine gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste, obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das Vergnügen haben, folglich, in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können, als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler, bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen, wie der unnachahmliche Schröder, — solcher Männer gibt es nicht so gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu suchen. Cantores amant humores, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er entsprungen, ist[S. 353] freilich von ganz anderer Art, als Spannung der Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, — daß diese ihm äusserst trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen, welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann, der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie. Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters, bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, spielt ein Instrument, componirt, pinselt; — und so muß denn am Ende der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen mit[S. 354] desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet; unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben, ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie, an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! — So kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache, Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den Midassen unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß, wenn er nicht dem[S. 355] Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran, wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das ist gar schön! vortrefflich!« — und darüber geht die Stelle verloren. — Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen, und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum seyn sollst.

8.

Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in Betracht der Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht sehr vortheilhaft seyn könne; allein noch in andern Rücksichten ist hier Vorsicht zu empfehlen. — Wenn man weiß, welch ein warmer Verehrer der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu seyn. — Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei, wirken freilich wohlthätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie, schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges Elend veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten, eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr[S. 356] gerathendes Gemüth ist wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein Herz, das, empfänglich für jeden Eindruck, wie ein Rohr, von manchfaltigen Leidenschaften hin und her bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen hingerissen wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: — das alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen romanhaften Schwung gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit nachzustreben, und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen, uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehen. Milde Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das bloß den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist, verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn — mit einem Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten[S. 357] widmet, und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtseyn jede Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreissen, und in den späteren Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären, wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf eine gefällige und treffende Weise unsre Verirrungen und Thorheiten dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam seyn, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen, welche man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es seyn könnte, sondern nach dem, was es ist. Wenn in unsern Lustspielen die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind, daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt; wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur ehelichen Glückseligkeit ein wenig mehr, als eingebildete Sympathie und vorübergehenden Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und Kraft, Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblick der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der elendeste Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern sie Anhang unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich, um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet, im Schauspielhause[S. 358] keine Nahrung für den Geist, sondern nur Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: — wer wird sich's da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, Unabhängigkeit von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall, Vorliebe des Publikums, Gunst und die schöne Gelegenheit, einem glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer versteckt geblieben wären; Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit, Städte und Menschen kennen zu lernen: — das alles kann wohl einen Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden kämpft, in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese Theater-Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den niedrigsten Ständen; freche Buhlerinnen; — mit diesen lebt man, wenn man sich demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende Elend, und da diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so fällt bei ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt noch etwa die Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, manche ernsthafte Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das Herz erbittert und verhärtet. Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit, was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine Gemüths-Stimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht wieder fort; — und[S. 359] so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens.

9.

Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat, dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankömmt, sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung, Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln, ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.

10.

Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler! Durch gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden. Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich, aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu achten, das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der Zustand unsrer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn ist, weil in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des Verfassers seine volle Reife erlangt hat.

Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren! Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren Umgang Du, zum Vortheile Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst, nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten!

11.

So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit Kunst und Talent verbinden. Es ist[S. 360] ein Glück, an der Seite eines ächten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet, dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei dem, durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe, Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und veredelt sind. Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und belebend, sein Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden aus, gewährt Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der durch lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste Kost zu einem Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Heerd zu einem Altare der Musen.

12.

Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander setzen wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden, ist auch auf die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. Welche besondre Vorsicht aber noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten ist, wenn gesittete junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart, auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, oder noch nicht erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde.

Sechstes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im
bürgerlichen Leben.

1.

Machen wir den Anfang mit den Aerzten! Kein Stand ist für das Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der[S. 361] Natur durchwühlt, und ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstück der Schöpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreien, von welchen sein sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden drücken, und oft schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal sich jede Kraft in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine Gemächlichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser Mann verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer zahlreichen Familie ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren Wohlthäter wieder, rettet unmündigen Kindern ihren Vater, Ernährer und Erzieher, führt vom Rande des Grabes den edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. — Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit der Mitbürger, wie der eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch ein Umfang von Kenntnissen, welch eine Besonnenheit und Ausdauer, welch eine Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so erscheint der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in einer Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die stärksten Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger gibt. — Man wird es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch gibt es Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand, und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut! große Aerzte hingegen können durchaus nur die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie macht es nicht allein aus; es gehört das ämsigste und mühseligste Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man überlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten, ersten Grundkenntnisse des Menschen sind — Studium der Natur in allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, in allen ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in seinen festen und flüssigen Theilen, in seiner ganzen Zusammensetzung, in seinen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften — was kann denn lehrreicher, tröstender, erquickender seyn, als der Umgang und die Hülfe eines solchen[S. 362] Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps auch unzählige von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten und erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium gibt, an armen Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Körper des Patienten wie ihr Eigenthum, wie ein Gefäß ansehen, in welches sie nach Willkühr allerlei flüssige und trockene Materie schütten dürfen, um wahrzunehmen, welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen, sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie nichts wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. Andern fehlt es, bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der Kranken täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden — wenn der Kranke in der That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, und schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, als die erwarteten; endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden auf, um desto länger, nebst dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil davon zu ziehen. Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes, so ist man in der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.

Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden Blick mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet, nicht so schwer, den groben Charlatan von dem geschickten Manne, an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Verordnungen, zu unterscheiden; unter den Bessern aber Den auszuzeichnen, dem man am sichersten seinen Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer. Folgende Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit Aerzten, empfehlen:

Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, den Arzt nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner Hülfe selten bedürfen!

Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir[S. 363] übel bekömmt! Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so wirst Du nicht oft in den Fall kommen, Dein Geld in die Apotheke schicken zu müssen!

Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig bewandert in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, und weiß, zu welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wirkung auf uns macht: so kann man auch oft, bei wirklichen Krankheiten, sein eigner Arzt seyn. Jeder Mensch ist einer Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer andern, in so fern er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen einzigen Zweig der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er davon nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten übersehen muß.

Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, und Du willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib zuerst Acht, ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über andre Gegenstände mit Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden, verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit einer Menge verschiedner Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt; ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er verbietet, was ihm selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er selbst geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet, oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und Reichen, als den Niedern und Armen beizustehen? Bist Du über diese Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue Dich ihm an.

Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung! Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn mit dem Zustande und dem Sitze Deines Uebels bekannt zu machen! Doch mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen könnten! Folge strenge und[S. 364] pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe, ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel, möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für Dich seyn; Keinem von Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie werden Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, Dich gesund zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern, um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können.

Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften steht, Deine Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig sey, so setze Dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu zahlen, Du mögest krank oder gesund seyn, damit er kein Interesse dabei habe, Dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung aufzuhalten.

2.

Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen Gütern, nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes, ist in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigenthums das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz zuzusichern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheilichkeit, noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch Eigennutz, noch Menschen-Furcht bewegen läßt, auch nur einen einzelnen kleinen Schritt von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer durch alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit, Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch, klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschützer der Aermern, des Schwächern und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern und Unterdrücker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und Vertheidiger ist — der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth.

[S. 365]

Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; und es ist, am gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, wenn man behauptet, es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft, sondern nur Gedächtniß, ein wenig Schlauheit und ein wenig Phlegma, Vorliebe für den Schlendrian und ein hartes Herz erfordert; oder die Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf eine rechtsbeständige Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung und Anwendung der Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen der Rabulisten studirt hat, so mag man Recht haben; aber ein solcher entheiligt auch sein ehrwürdiges Amt.

Doch ist es in der That traurig — um auch das Böse nicht zu verschweigen — daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten, so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe, dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden, das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat, mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß Deine Angelegenheit[S. 366] einem eigennützigen, partheiischen, faulen, oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist, ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art, daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer, indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen. Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. — Doch was helfen hier alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?

Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten[S. 367] so klar, daß man seinen Erben nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes hinterlasse!

Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten — man wird oft ein wenig lange suchen müssen — und bemühe sich, mit ihm also einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen welcher er die Sache zu Ende bringen wird!

Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen, wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und Inconsequenz in Geschäften herrschen!

Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher nimmt.

Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit Juristen von gemeinem Schlage vorhat.

Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und einfach behandelt werden sollen!

Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft; juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.

3.

Ich komme jetzt zu dem Wehrstande. Wenn in unsern heutigen Kriegen noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen, nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich Subordination[S. 368] und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind. Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft — gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens — noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit, Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben, wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen.

Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen, mit rohen Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen, oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden.

Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner[S. 369] Ehre, das in den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist, und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen, ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B. wohl sagen: »Das war doch nicht gut,« aber keinesweges: »Das war schlecht von Ihnen;« — und doch muß das, was nicht gut ist, nothwendig schlecht seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll man sich also bekannt machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe Gesetze auflegt, umgehen will.

Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste, zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. — Denn was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?

Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes, treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt bleiben wird.

4.

Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines Kaufmanns, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie[S. 370] und durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen, mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande, und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.

Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders, als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen, und bei ihnen: der Mann ist gut, so viel heißt, als: der Mann ist reich. Hierzu gesellet sich wohl[S. 371] noch, besonders in Reichsstädten, eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall.

Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen: Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld, oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel leidest.

Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher.

Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld. Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen!

Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang, oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen.

Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne[S. 372] mit Stern, Orden und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe.

Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt werde!

Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf, strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich höher achten, als manchen viel reichern Mann.

Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl, einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich von selbst.

Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! — das ist eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat.

Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern! Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den Preis der Waaren zu erhöhen.

Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den[S. 373] Frauenzimmern eigen, die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.

Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor, daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche, die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig, einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man kaufen will.

Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe, das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn sie einander betrügen.

5.

Die Herren Buchhändler verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was für Bücher bei ihnen verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird, — denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und[S. 374] schlechter Grundsätze dienen, — sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und Aufklärung am Herzen liegen, — die das verkannte, im Dunkeln lebende Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und großmüthig unterstützen, — die den täglichen Umgang und das Verkehr mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung machen — das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen, geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend und dumm geblieben ist — ausgenommen die kleinen Wucher-Künste, — wie ein zehnjähriger Knabe, — der Manuscripte und neue Bücher nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, — der, um diesen falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma (Namen) in die Welt gehen läßt, — der die erbärmlichste Schmiererei, deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob von feilen Recensenten erkauft, — den Mann von Talenten wie einen Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk, das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie Maculatur zu erhandeln, — der, so oft ihm ein Werk angeboten wird, verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler daran zu kommen, — der, wie unter andern unsere Carlsruher und Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven zu werden, — wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. — Das aber sind zum Theil[S. 375] Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist, verrathen darf.

Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. — Und welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener 24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.

Doch noch eine Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber unentgeldlich mitlesen.

6.

Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe ich aber die sogenannten Maîtres, d. h. die stundenweise bedungenen Unterweiser in Sprachen und Künsten, nicht mit begriffen. Von diesen muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen.

Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause in das andere zu laufen, und ohne[S. 376] freie Wahl der Schüler dieselben Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den, trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe, am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken, — Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh ist, wenn er die Stunde überstanden hat, — Menschen, die, um nur die Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus einem Hause in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt, gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle, aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen. Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt, um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen.

[S. 377]

7.

Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter Handwerksmann oder Künstler ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind, als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft verschroben haben.

Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, den Handwerksmann, der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen, zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in einem Abende Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen[S. 378] ihn wohl gar von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen. Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu werden.

Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre.

8.

Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit auch von den Juden, als gebornen Handelsmännern, hätte reden sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand vorzutragen habe, hier nachholen.

In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden begegnen, — der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als[S. 379] durch Wucher, ihren Lebens-Unterhalt zu gewinnen, — daß diese unsere Ungerechtigkeit nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, — endlich daß es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende, großmüthige Menschen unter ihnen gibt: — das sind bekannte, oft gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern Umständen seyn könnten, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind, sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl beurtheilen müssen, betrachten!

Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich. Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man ihre Dienste gut bezahlen.

Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig; zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen; verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne sie schwerlich bewirken würde.

Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber einmal überzeugt, daß sie pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle christlichen Wucherer sich zurückziehen.

Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine Lage gewiß noch unglücklicher wird!

Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen,[S. 380] weil es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt.

Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf. Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser verstehet.

Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will, so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut, sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey, und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel[S. 381] so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke Betrug dahinter.

Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder, mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz gewachsen. — Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. — Ich rede von dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben. — Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art, wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und gezwirnter weißer Seide mit unterläuft.

9.

In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der Bauer in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist, als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer, habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.

Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen, zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu[S. 382] können: o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen nennen zu hören!

Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische, widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten Wohlthat eine Schuldigkeit machen, — daß sie nie zufrieden sind, immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann; allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen; allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen, wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten, daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.

Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug, welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der Führung des Haushalts, zurückzukommen, — daß man durch zweckmäßigen Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben, den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte, — daß man die Bauern gut schreiben, lesen[S. 383] und rechnen lehre: das ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der feinen Höflichkeit zu geben — das taugt wahrlich nicht, obgleich es auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer solchen Aufklärung vorsätzlich hindern zu wollen. Ohne alle diese künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten. Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.

Von Land-Edelleuten und andern Personen höhern Standes, die in den Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.

Siebentes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.

1.

Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern — von diesen soll gleich nachher gehandelt werden! — sondern von der unschädlichen Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar zu oft überworfen haben, zuletzt[S. 384] an die kleinen Neckereien dieses launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen. Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint. Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um, so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis, als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit, mit einem savoir faire, das selbst der bessere Mann zum Theil von ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über wahre Weisheit den Meister spielt — esprit de conduite. Gelingt das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie in einer prächtigen Karosse. — Ein gutmüthiges Völkchen, durch das Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein flüchtiger Morgen-Traum.

Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind, so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen Verbindung mit[S. 385] ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften! Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen; auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn, welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen.

2.

Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten, oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden, das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen. Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt; aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß, mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht, dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen hat! denn dergleichen Menschen haben die[S. 386] Gabe, ihre Sache von solchen Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern Waffen angreift.

3.

Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die Spieler vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das Betragen bei demselben etwas zu sagen.

Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn, Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück; sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den möchte man einen Wahnsinnigen nennen.

Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht, daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche gewisse Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem möglichen ungewissen Gewinne abrechnen müssen; nämlich das Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher oder später der Verzweiflung preisgegeben sind.

Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen, wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!

Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! — Die wenigen Ausnahmen, wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von[S. 387] Profession Unrecht thun könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.

Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist. Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der Erfolg ein Werk des Zufalls: — und wer wird denn vom Zufalle abhängen wollen?

Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile!

Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die Blindekuh einschränken.

Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen aufgibt.

Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine Mitspieler Fehler machen!

Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst.

Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben.

[S. 388]

— Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. — Wenden wir uns zu andern Gegenständen!

4.

Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die Geisterseher, Goldmacher und andre mystische Betrüger keine unbeträchtliche Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen a posteriori zu erläutern, wenn es mit den Beweisen a priori nicht recht gehen will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, — des Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.

Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der Schwachen zu blenden.

Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen auf seiner Hut zu seyn.

Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer[S. 389] solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, wohin das führen könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln vorschlagen.

Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen etwas einzuwenden! — denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen, welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen, der Lust hat, davon überzeugt zu werden. — Aber baue nicht, bei der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt.

Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige, nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!

Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich, vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken, daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, — ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen[S. 390] Mann nicht schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen, bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der Weiseste lebenslang im Finstern tappt.

Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der Mystiker stecken; aber für uns kann nur das Werth haben, was wir verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus: »daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen; aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu wollen, als verstünde man, — was man nicht versteht.

Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher, bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit Dir getrieben — o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen, als ich? — und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher, leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, — möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!

[S. 391]

Achtes Kapitel.
Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
derselben.

1.

Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet, wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn, diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung, einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht, müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der Aufklärung zu beschleunigen[S. 392] trachten; auch können sie das nicht; und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun, um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey, oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist, welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden, die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit, die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch geheime Wege befördert zu werden.

Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst, unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane und[S. 393] schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse, versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen, ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit und Güte ihm Leute einstehen, — die er nicht kennt, denen er sich verbindlich machen muß, ohne daß sie sich ihm verbindlich machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen; weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung, Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen, oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.

Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat — ei nun! so mag sie dann als Ausnahme gelten! — ich kenne keine, die nicht wenigstens an einigen derselben krank läge.

2.

Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen[S. 394] soll, weil er dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der, welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung, sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse.

3.

Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier, Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet, in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe, wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit, durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein, unbekannten Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! —[S. 395] Und wenn, bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug, Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur Warnung, bekannt zu machen!

Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen, wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte, Beförderungsmittel der Geselligkeit; — ja, es kann Pflicht werden, sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern, gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu verhindern.

Neuntes Kapitel.
Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.

1.

In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze. Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.

2.

Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. — Das ist ein vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei auf den Tod gehetzten[S. 396] Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken wollten, was es heiße, ein Mensch seyn, und welch eine Bedeutung dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen, um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren, mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt, wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo wir jetzt stehen; und daß die Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe führt. — Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!

3.

Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren, aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte[S. 397] und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen — zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch nicht alle Jäger für grausame Menschen. — Es muß ja dergleichen Leute geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. — Aber ich verlange nur, daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen Krieg zu führen.

4.

Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen, welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden, meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung, und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche Beobachtungen anzustellen.

5.

Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen, oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der Versammlung sind.

[S. 398]

6.

Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen, als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten. Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere. Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die letztern den erstern nichts nach.

Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn. Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde, wie es vielfältig geschieht.

Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur, in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen, die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen.

[S. 399]

Zehntes Kapitel.
Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.

1.

Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben!

Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen, etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, — und kann sich, bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen, mit dem er sich unterhalten will, — hat aber, denke ich, auf keinen Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände, über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten, indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen,[S. 400] unwichtig und gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand, über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte, oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte. Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit — das alles ist seine Sache, und es geht auf seine Gefahr, wenn er sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten zu Tode gejagt zu werden.

[S. 401]

2.

Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum, und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. — Aber wird deswegen sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere Frage. — Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und Thoren, von Hohen und Niedern? — Ei nun! wer wird so eitel seyn, darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht mancher Schriftsteller? — Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h. nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt, daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten, politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet, verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen; — der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen. Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.

[S. 402]

In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht, daß der Lieblings-Schriftsteller der Nation die Welt abermals mit einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen, obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten, so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt — dann ist es freilich Zeit, aufzuhören.

3.

Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen, daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann. Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und unbedeutend, und wahrlich! der Mann müßte ein Hexenmeister seyn, der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte. Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere gibt, deren Sinn und Schönheit man immer, in jeder Laune, fassen und sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum jene geistvoll, groß und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum diese lauter bestimmte, ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter Leser, in Deiner Beurtheilung[S. 403] eines sonst nicht schlecht geschriebenen Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten nach!

4.

Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch von dieser Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen, schriftlich mit mir reden lasse.

Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden Abschnitt den Bemerkungen über den Umgang mit verstorbenen großen und edeln Männern zu widmen; allein das würde mich zu weit führen; wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte, des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen.

[S. 404]

Eilftes Kapitel.
Schluß.

1.

Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit werth ist, — wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat. Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen, deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte, und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne, über welches ich nicht etwas gesagt hätte. — Ob gut, oder schlecht, oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: — das darf ich nicht entscheiden.

2.

Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre, nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte: das darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft. Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung der Menschen beging, — auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten, die fremden Erfahrungen auf seine Weise zu nützen, und dennoch selbstständig zu handeln.

3.

Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über[S. 405] alle nach Gefallen zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten zu fassen verstünde.« Nur ein Schurke kann das, und will das, weil nur ihm die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; der ehrliche Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen läßt auch nicht alles aus sich machen. Aber das wünscht, und das kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt: so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken läßt, fast jede gute Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, — das ist der Zweck dieses Buchs.

Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung, bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände, der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen. — Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der Welt gäbe.

4.

Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren, und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! — Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen nicht Schuld geben, und mir wenigstens von dieser Seite Gerechtigkeit widerfahren lassen werde?


Fußnoten:

[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das, was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. Klinger Betrachtungen und Gedanken 1r Thl. S. 316.

[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben, um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können, oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen, welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere Verräther.

A. d. H.

[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: Ernst und Scherz, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817, und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu.

d. H.

[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann, Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten!

[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von Seelberg, Theil 1. Seite 108.

[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber Bescheidenheit würde er sehr vermissen.

A. d. H.

[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen.

A. d. H.

[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.

D. H.

[9] Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen überlästige Correspondenten?

D. H.