The Project Gutenberg EBook of Tiere und Pflanzen in Wald und Feld, by Arabella B. Buckley This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have to check the laws of the country where you are located before using this ebook. Title: Tiere und Pflanzen in Wald und Feld Author: Arabella B. Buckley Translator: Fritz Kriete Otto Rabes Release Date: February 28, 2019 [EBook #58989] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIERE UND PFLANZEN IN WALD *** Produced by Peter Becker, NautilusIncognitus and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (The digitized holdings of the Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested parties worldwide free of charge for non-commercial use.) Anmerkungen des Bearbeiters: Umschließungen mit ~ zeigen "gesperrt" gedruckten Text an und Umschließungen mit = fett gedruckten Text. Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. In den Lektionen 6, 7, 9 und 10 fehlen im Original unterhalb der Kapitelüberschrift Hinweise auf Vollbilder. Diese Untertitel wurden ergänzt. Kinderaugen in der Natur Erstes Buch Tiere und Pflanzen in Wald und Feld Von Arabella B. Buckley (Mrs. Fisher) Einzige autorisierte Übertragung von Professor Dr. Fritz Kriete und Dr. Otto Rabes Oberlehrern in Halle a. S. Mit 8 bunten Vollbildern und 16 Illustrationen im Texte Zweite Auflage (7.-10. Tausend) Halle a. d. Saale Hermann Gesenius Vorwort. Zur Einführung dieser Übersetzung sei hier kurz auf einige uns zusagende Eigentümlichkeiten dieser anspruchslosen Hefte hingewiesen, die uns veranlaßten, auf die Aufforderung der Verlagsbuchhandlung hin, sie ins Deutsche zu übertragen. Überall ist versucht, Stil und Satzbau so klar und einfach zu gestalten, daß nach dieser Seite hin Kindern beim Lesen keine Schwierigkeiten erwachsen. Die behandelten Stoffe aus dem Leben der Tiere und Pflanzen sind gut gewählt, dabei interessant — nicht rein beschreibend — gestaltet. Vielmehr ist jeder einzelne Abschnitt, der stets ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, so durchgeführt, daß er die kleinen Leser zu ~eigenen~ Beobachtungen anregt. Endlich sind die farbenschönen Abbildungen einheitlich und naturgetreu ausgeführt, so daß auch sie das Interesse der Kinder beleben helfen. Überhaupt stand für unsere Erwägungen der Gedanke im Vordergrunde, daß diese Bücher geeignet sein könnten, sich im Kampfe gegen die unsere Jugend verseuchende Schundlitteratur als nützlich zu erweisen. ~Halle~, im Oktober 1910. =Kriete. Rabes.= Inhalt. Vorwort 3 Einleitung 7 Lektion 1. Spinnen auf der Gemeindeweide 8 " 2. Das Nest des Spechtes 11 " 3. Frühlingsblumen 15 " 4. Eine Eichhörnchenfamilie 18 " 5. Die Lerche und ihr Feind 21 " 6. Nüsse und Nußfresser 24 " 7. Maus und Spitzmaus 28 " 8. Der Ameisenhaufen 31 " 9. Das Hummelnest 35 " 10. Peters Katze 38 " 11. Der gefräßige Fremdling 42 " 12. Der Maulwurf und sein Heim 45 Erstes Buch. Tiere und Pflanzen in Wald und Feld. Einleitung. Wir drei Freunde, Peter, Grete und Paul, gehen alle Tage zusammen zur Schule. Wir alle lieben Blumen und Tiere und suchen jeden Tag etwas Neues zu finden. Peter ist ein kleiner Knabe. Er hat eben erst Lesen gelernt. Aber er hat scharfe Augen, und nichts entgeht ihm in den Hecken. Gretes Vater ist Wildhüter. Sie kennt die Vögel und weiß, wo ihre Nester zu finden sind. Paul stammt von einem Gut. Er ist schon ein großer Junge und wird bald Lehrer werden. Wir treffen uns bei dem großen Teich unter den Ulmen. Dann gehen wir einen engen Heckengang hinunter, über die Gemeindeweide, durch den Wald und über drei Felder nach der Dorfschule. Im Teiche finden wir alles mögliche Getier. Im Heckengang gibt es Käfer und Mäuse, Blumen und Beeren, Vogelnester und Wespennester. Auf der Gemeindeweide umziehen die Spinnen den gelben Besenginster mit ihrem Gewebe. Im gepflügten Felde verbirgt die Lerche ihr Nest. Auf der Wiese gibt es Butterblumen und Gänseblümchen. Im Kornfelde stehen Mohn und Kornblumen. Paul wird alles, was wir sehen, niederschreiben und ein Buch daraus machen. Lektion 1. Spinnen auf der Gemeindeweide. (Erstes Vollbild.) Wenn wir an einem schönen Sommermorgen über die Gemeindeweide gehen, sehen wir viele Spinnengewebe in der Sonne funkeln. Die Gespinste auf den Ginsterbüschen sind rund. Sie sind mit langen seidenen Fäden an den Stacheln des Ginsters befestigt, und jedes Gewebe hat Speichen wie ein Rad. Diese Speichen sind untereinander durch seidenartige Ringe verbunden. Die Ringe sind über und über mit klebrigen Tröpfchen bedeckt. Diese Tröpfchen sind es, die wie Diamanten funkeln und das Gewebe so hübsch machen. Die Spinne webt ein kleines Zelt in der Mitte des Gewebes. In diesem Zelt verbirgt sie sich, bis irgend ein Insekt gegen die klebrigen Fäden fliegt. Dann fühlt sie, wie das Gewebe erzittert und schießt hervor, um das Tierchen zu ergreifen, bevor es die Fäden zerreißt. Heute sahen wir eine kleine Fliege gerade gegen das Gewebe auf dem Ginsterbusche fliegen. Die Spinne kam aus ihrem Zelt hervor. Sie ergriff die Fliege mit ihren scharfen Klauen, riß ihr die Flügel aus und sog dann behaglich den Saft aus ihrem Körper. [Illustration: Kopf, Bein, Klaue und Spinndrüsen einer Spinne, stark vergrößert.] Paul fing sie, während sie bei der Arbeit war, und zeigte uns die beiden Kieferklauen mit scharfen Spitzen, die vorn am Kopfe niederhängen. Über ihnen stehen die acht Augen, vier große und vier kleine. Sie hat acht Beine, einige mit sonderbaren Klauen. Jede der letzteren sieht wie ein Kamm aus. Was meinst du wohl, wozu sie dienen? Sie gebraucht sie, um die seidenen Fäden zu führen, wenn sie ihr Gewebe spinnt. Wir drehten sie auf den Rücken und sahen am Ende des Hinterleibes eine Anzahl kleiner Warzen, aus welchen sie die seidenen Fäden zieht, die aus kleinen Röhrchen kommen. Sie zieht die Fäden durch die Kämme an ihren Beinen, und so spinnt sie ihr Gewebe, während sie dahinläuft. Außer den Geweben auf den Ginsterbüschen gibt es noch eine Menge anderer Gespinste auf der Gemeindeweide, die dicht am Boden sitzen. Diese haben keine Speichen wie die runden Gewebe. Die Fäden sind verworren wie bei der Schafwolle. Lange konnten wir die Spinne nicht finden. Endlich sagte Paul eines Tages: „Hier ist ein Loch gerade in der Mitte des Gewebes. Es führt hinunter in die Erde.“ [Illustration: Springspinne mit ihrem Eierballen, den sie im Maule mit sich trägt.] Dieses Loch war mit seidenen Fäden ausgelegt. Gerade in diesem Augenblick kroch ein Käfer auf das Gewebe und erschütterte es. Sofort schoß die Spinne aus dem Tunnel in der Erde hervor und ergriff den Käfer. Sie war so schnell, daß sie ihn in das Loch hineingetragen hatte, ehe wir sie fassen konnten. Es gibt viele Spinnen auf der Gemeindeweide, die keine Gewebe spinnen, obgleich sie an einem Faden hängen. Sie springen auf die Fliegen und Käfer am Boden und heißen „Springspinnen“. Die weiblichen Springspinnen tragen ihre Eier in einem runden Sacke bei sich. Peter fing eine von ihnen, als sie mit diesem weißen Ball unter ihrem Körper dahinlief. Er nahm den Ball fort und legte ihn auf den Boden. Als er die Spinne los ließ, lief sie herzu und ergriff ihn. Er nahm den Ball dreimal fort. Jedesmal ergriff sie ihn wieder und lief zuletzt damit fort, ehe wir sie von neuem fassen konnten. [Illustration: Eine Gartenspinne am Brombeerzweig.] Lektion 2. Das Nest des Spechtes. (Zweites Vollbild.) Eines Nachmittages lagen wir im Walde im Schatten der Bäume. Alles war still, als wir plötzlich einen sonderbaren Schrei hörten. Es war, als ob jemand mit jauchzendem Lachen frohlockte: Kjück kjück kjück oder Glück glück glück glückglücklik. „Das ist der Specht“, sagte Grete. „Seid still und paßt auf, was er tun wird.“ So lagen wir ganz still unter dem Baume. Bald kam der Ton näher, und ein großer schwerfälliger Vogel, größer als eine starke Drossel, flog auf uns zu. Es war ein schöner Vogel. Seine Flügel und seine Brust waren grün. Der Schwanz war gelbgefleckt. Sein Kopf war rot, und auch am Halse hatte er einen roten Streifen. Der Schnabel war lang und grau. Er kam ganz dicht zu uns herangehüpft. Dann saß er still, und eine lange glänzende Zunge kam aus seinem Schnabel und wurde so schnell wieder zurückgezogen, daß wir sie kaum sehen konnten. „Er frißt Ameisen“, sagte Grete. „Die Spitze seiner Zunge ist klebrig, und damit zieht er sie in seinen Schnabel.“ Dann begann er in drolliger Weise den Baum zu erklettern. Sein Schwanz ist ganz steif und borstig; er drückt ihn gegen den Baum und schiebt sich hopp, hopp hinauf, indem er sich mit seinen scharf gekrümmten Zehen festhält. Er hüpfte zuerst nach rechts, dann nach links; dann lief er um den Baum herum und kam auf der anderen Seite wieder hervor. Während der ganzen Zeit untersuchte er die Rinde mit dem Schnabel. Poch, poch, poch. Zuletzt fand er eine weiche Stelle. Dort riß er die Rinde ab und fraß die Larven, die den Baum an dieser Stelle wurmstichig gemacht hatten. Darnach kletterte er wieder am Baume hinunter. Es war so spaßig, ihn zu beobachten. Er kam rückwärts herab, mit dem Schwanze voran, den er zum Festhalten brauchte. Dann breitete er seine Flügel aus und flog langsam fort. Wir schlichen ihm nach, und bald hielt er an einer alten Ulme an und umflog dieselbe. Dann sahen wir ihn nicht mehr. „Sein Nest muß in diesem Baume sein,“ sagte Peter. „Laß mich auf deinen Rücken steigen, Paul, und ich werde es bald finden.“ [Illustration: Nest eines Spechtes.] So ließ Paul Peter auf seinen Rücken klettern, bis er die Zweige des Baumes erreichen konnte. Dann faßte Peter die Zweige und kletterte am Stamm empor. „Hier ist es,“ rief er endlich. „Da ist ein kleines Loch, gerade so groß, daß die Vögel hineinschlüpfen können. Aber sie haben ein ganz großes Loch im Inneren des Baumes. Ich kann gerade hinunterreichen.“ Dann zog Peter die Hand zurück mit dem weiblichen Specht darin. Der Kopf war nicht so rot wie der des männlichen Spechtes und hatte keinen roten Streifen. Er ließ den Vogel fliegen und nahm dann sechs weiße, glänzende Eier heraus. „Ich kann eine Menge von weichen Holzspänen unten auf dem Boden des Loches fühlen,“ sagte er. „Soll ich die Eier wieder hineinlegen?“ „Natürlich,“ sagte Paul; „dann wird die Mutter zurückkommen und sich wieder daraufsetzen, und wir werden wiederkommen und die kleinen Vögel besehen, wenn sie ausgebrütet sind.“ So gingen wir fort. Aber alle Tage, wenn wir aus der Schule kamen, machten wir einen Umweg, um nachzusehen, ob die kleinen Spechte schon ausgekrochen wären. Endlich sahen wir eines Tages, wie die alten Spechte Insekten in das Loch trugen. Nach einiger Zeit sahen wir die Jungen außerhalb des Loches auf dem Baume. Sie konnten noch nicht fliegen, aber sie liefen an den Zweigen entlang und hüpften so spaßig mit ihren steifen Schwänzen. Eine Woche später sahen wir sie umherfliegen, und als wir wiederkamen, waren sie alle fort. Peter kletterte hinauf und fand das Nest ganz leer. [Illustration: Spechte. Alter männlicher Vogel (unten); junger flügger Vogel (oben).] Lektion 3. Frühlingsblumen. Wir sind alle froh, wenn der April kommt. Dann finden wir viele Blumen auf unserem Schulwege. Selbst im Februar gibt es schon Schneeglöckchen im Obstgarten, und Peter weiß, wo er manchmal eine blühende Schlüsselblume oder ein Veilchen finden kann. Aber vor April können wir keinen ordentlichen Strauß pflücken. In dieser Zeit sind die Pflanzen damit beschäftigt, Blätter zu treiben. Die ersten bunten Blumen, die wir finden, sind die gelben Narzissen in den Gärten und die Anemonen in den Wäldern. Man nennt die Narzissen auch „Fastenlilien“ und schmückt Ostern damit die Kirchen. Sie haben sehr lange schmale Blätter, die gerade aus dem Boden herauswachsen. Jede Blüte hängt an einem hohen Stengel. Sie besteht aus einer Krone von blaßgelben Blütenblättern, die um eine tiefgelbe Röhre herumstehen. Wenn man eine Narzisse aus der Erde zieht, findet man, daß sie ein Zwiebelgewächs ist. Paul sagt, daß dies der Grund ist, weshalb sie so früh blüht. Sie speichert im Herbst Nahrung in der Zwiebel auf. Dann braucht sie diese Nahrung im Januar, um Blätter und Blüten zu bilden. [Illustration: Narzissen und Anemonen.] Die Waldanemone ist Gretes Lieblingsblume. Sie heißt auch „Windröschen“, weil sie so zierlich im Winde nickt. Ihre zarte weiße, außen oft rötliche Blüte steht hoch auf einem langen Stengel, welcher drei gefiederte grüne Blätter in halber Höhe trägt. Wenn die Sonne scheint, ist die kleine rotweiße Blüte offen; aber wenn Wolken aufziehen und der Regen fällt, schließt sie sich zu einer festen Knospe zusammen, bis die Sonne wiederkommt. Grete biß einmal eins von den Blättern der Anemone ab. Es brannte auf der Zunge und schmeckte sehr bitter. Da sagte uns Paul, daß die Pflanze giftig ist. Dies ist die Ursache, weshalb es so viele Anemonen im Walde gibt; denn Tiere fressen die Blätter nicht, sondern lassen sie wachsen. Die Anemone hat keine Zwiebel. Sie hat einen dicken braunen Stengel unter der Erde, in dem sie ihre Nahrung aufspeichert. Ehe die Narzissen und Anemonen verblüht sind, bedecken schon Schlüsselblumen und Veilchen die Abhänge. Es ist hübsch, die Schlüsselblume an einem feuchten Morgen zu beobachten. Die Blätter sind nicht glatt. Sie haben längs ihrer Oberfläche Hügel und Täler. Das Wasser läuft so zierlich in den Tälern des Blattes hinab. Diese führen es zu den Wurzeln hinunter, so daß die Pflanze trinken kann. Wie geschäftig auch die Bienen und Insekten sind. Sie lassen sich zuerst auf der einen Schlüsselblume, dann auf einer anderen nieder. Wir wissen, was sie dort finden. Wenn man die gelbe Krone der Blume abreißt und an dem Ende der Röhre saugt, so wird man etwas Süßes schmecken. Das ist der Honig, den die Bienen suchen. Und außer dem Honig tragen sie gelben Staub von Blüte zu Blüte. Paul sagt, daß dies gut für die Blume ist, was wir nächstens lernen werden. Der Honig in den Veilchen ist nicht so leicht zu finden. Aber wir haben ihn doch entdeckt. Wenn man ein Veilchen von vorn ansieht, so zeigt es fünf dunkelblaue Blätter mit einem kleinen gelben Staubbeutel in der Mitte. Aber wenn man die Rückseite des Blättchens ansieht, so wird man einen kleinen, länglichen Sack finden, der wie der Finger eines Handschuhs aussieht. Diesen haben wir oft abgerissen und ausgesogen. Er ist voll von Honig. Wenn die Biene auf der Blüte sitzt und ihren Kopf in den gelben Staubbeutel in der Mitte hineinsteckt, schlürft sie den Honig mit ihrer Zunge aus dem Sacke hinter der Blüte. In den Schlüsselblumen, Veilchen und Glockenblumen finden die Bienen viel Honig, den sie in ihre Stöcke tragen. Lektion 4. Eine Eichhörnchenfamilie. (Drittes Vollbild.) Wir haben einen Liebling, namens Hans, den mögen wir sehr gern. Es ist ein kleines Eichhörnchen, das auf den Buchen des Waldes lebt. Wir sehen es jeden Morgen von Zweig zu Zweig springen. Seinen langen buschigen Schweif hält es steif ausgestreckt. Manchmal springt es geradewegs auf den Boden und läuft umher, um Bucheckern aufzulesen. Zuweilen sitzt es aufrecht auf einem Zweige mit einer Nuß oder einer Eichel in den Pfoten. Dann ist sein Schweif nach rückwärts gebogen. Wir kennen es schon seit zwei Jahren, und wenn wir ihm pfeifen, kommt es zu uns. Aber wenn es durch irgend etwas erschreckt wird, springt es davon nach dem nächsten Baume. Es klettert mit seinen scharfen Klauen im Nu hinauf und guckt dann durch die grünen Blätter mit seinen schwarzen glänzenden Augen auf uns nieder. Sein Rücken ist mit braunrotem Pelze bedeckt, aber auf der Unterseite des Körpers ist der Pelz weiß. Der hübsche rote Schwanz liegt ihm wie eine Bürste auf dem Rücken. Seine Hinterbeine sind lang. Deshalb kann es so gut springen. An den Vorderpfoten steht die eine Zehe von den anderen ab, fast wie unser Daumen. Es braucht seine Pfoten wie Hände, wenn es aufrecht dasitzt, eine Nuß darin hält und die braune Schale mit den Zähnen abschält. Manchmal stiehlt es Vogeleier. Dann hält es das Ei in den Pfoten, öffnet die Spitze und schlürft den Dotter aus. Das Eichhörnchen hat possierliche Ohren. An ihren Rückseiten stehen lange Haarbüschel. Manchmal kommt es im Winter aus seinem Neste heraus, um zu fressen, und dann kann man beobachten, daß die Büschel in dieser Jahreszeit viel länger sind als im Sommer. Aber meistens sehen wir es im Winter nicht. Es schläft fest in einem kunstvoll gebauten Neste. Wir wissen, wo dieses ist, denn Peter hat es einmal gefunden. An einem milden Tage sah er, wie Hans herunterkam, um von seinen Wintervorrat zu fressen, den er im Moose vergraben hatte. Er beobachtete seinen Rückweg und fand das warme Nest in den gegabelten Zweigen einer schlanken Buche. So wußte er, daß Hans die kalten Wintertage behaglich verbrachte. Hans hat ein Weibchen, und die beiden sind immer nahe beieinander. Aber es ist sehr scheu und kommt nicht zu uns. Im Frühling, wenn es keine Nüsse gibt, fressen sie die Knospen der Bäume. Im Mai sind sie sehr geschäftig. Sie sammeln Blätter, Moos und kleine Zweige. Aus diesen bauen sie ein Nest in einer Baumgabel, hoch über dem Boden. Im Juni werden dann ihre Jungen geboren. Paul kletterte hinauf und sah vier solche hübsche kleine Eichhörnchen, die mit rotem und weißem Pelze bedeckt waren. Sie blieben eine Zeitlang im Neste, doch sahen wir auch oft, wie sie sich zwischen den Zweigen bewegten. Die alten Eichhörnchen bewachten sie sorgfältig, und sie blieben den ganzen Sommer lang zusammen. Im Herbste versteckten sie kleine Haufen von Nüssen und Eicheln am Fuße des Baumes, um sie zu fressen, wenn sie an milden Wintertagen erwachen sollten. Dann sahen wir sie nicht mehr. Wir wissen nicht, ob sie alle in ein Nest krochen, oder ob jedes ein Nest für sich suchte, um sich darin zum Schlafe zusammenzurollen. [Illustration: Ein Paar Eichhörnchen.] Lektion 5. Die Lerche und ihr Feind. (Viertes Vollbild.) Es gibt viele Lerchen bei uns. Sie singen so fröhlich am Morgen, wenn wir zur Schule gehen. Aber sie singen schon viel früher. Wir wollten einmal versuchen, ob wir vor der Lerche aufstehen könnten. So verabredeten wir, uns um fünf Uhr morgens zu treffen auf dem Felde, wo eine alle Morgen zu singen pflegte. Wir hörten sie schon, ehe wir aus dem Heckengange herauskamen. Da stieg sie hoch in die Luft hinauf; sie flog bald ein wenig nach rechts, bald ein wenig nach links und stieg und sang fortwährend, als ob sie die ganze Welt vor Freude aufwecken wollte. Wir beobachteten sie, bis sie nur noch als kleiner Punkt am Himmelsgewölbe erschien. Dann kam sie wieder herab. Als sie nur noch einige Fuß vom Boden entfernt war, legte sie die Flügel zusammen und ließ sich zu Boden fallen. Am nächsten Morgen gingen wir um vier Uhr hin. Jene Lerche sang noch nicht, aber auf dem nächsten Felde stieg eine andere auf, so fröhlich wie eine Lerche nur sein kann. Dann sagten unsere Mütter, wir dürften nicht früher aufstehen. Wir konnten uns also nicht früher erheben als die Lerchen. Einmal fingen wir eine Lerche, um sie zu betrachten und sie dann wieder fliegen zu lassen. Sie ist kein bunter Vogel; sie hat braune Flügel, die mit dunklen Streifen gezeichnet sind. Brust und Kehle sind schmutzig weiß und braun gefleckt, und über dem Auge hat sie einen weißen Streif. Ihre Füße sind merkwürdig. Die Zehen liegen flach am Boden, und die Hinterzehe hat eine sehr lange Kralle. Wenn man eine Lerche beobachtet, so wird man sehen, daß sie läuft und nicht hüpft. Sie setzt sich auch nicht auf Bäume. Sie lebt auf dem Boden, ausgenommen wenn sie sich in die Lüfte erhebt, um zu singen. Im Winter, wenn wir zur Schule gehen, sehen wir große Scharen von Lerchen auf den Feldern, die nach Insekten und Samen suchen. Wenn wir in ihre Nähe kommen, fliegen sie auf, immer einige zu gleicher Zeit, und fliegen etwas weiter weg. Dann machen sie eine Schwenkung und lassen sich wieder nieder, um zu fressen. [Illustration: Singende Lerche.] Im Winter hört man sie fast gar nicht. Im Frühling, wenn sie sich paaren, singen sie so schön. Von Ende März an kann man ein Lerchennest im Getreide verborgen finden. Es ist in einer Rinne oder einer kleinen Vertiefung des Bodens gebaut, oft in der Mitte des Feldes. Die Lerchen polstern das Nest mit trockenem Grase aus, und das Weibchen legt vier oder fünf Eier hinein. Die Eier sind schmutziggrau mit braunen Flecken und liegen warm in den dicken Grasbüscheln. Wenn die Lerche herunterkommt, nachdem sie gesungen hat, läßt sie sich nicht dicht bei ihrem Neste nieder, sondern etwas davon entfernt. Dies tut sie, um es ihren Feinden nicht zu verraten. Der Sperber ist der größte Feind der Lerche. Eines Tages betrachteten wir eine emporsteigende Lerche, und plötzlich sahen wir einen Sperber, der auf sie stoßen wollte. Die Lerche sah ihn auch und schoß schneller hinauf, als der Sperber sich emporschwingen konnte. Darauf flog der Sperber eine kurze Strecke fort und schwebte umher, bis die Lerche müde war und herunterkommen mußte. Dann versuchte er, noch einmal niederzustoßen. Aber die Lerche war schlau: sie schloß die Flügel und fiel gerade hinunter in das dichte Gras, so daß der Sperber sie nicht finden konnte. Wir freuten uns, daß die kleine Lerche in Sicherheit war und zu Weib und Kindern zurückkehren konnte. [Illustration: Lerche, einem Sperber entfliehend.] Lektion 6. Nüsse und Nußfresser. (Fünftes Vollbild.) Auf unserem Wege zur Schule kommen wir durch ein kleines Haselnußgehölz. Im Winter, wenn die Bäume unbelaubt sind, sehen wir die grauen Büschel, die wir „Schäfchen“ nennen, an den Sträuchern hängen; Paul sagt, ihr wirklicher Name sei „Kätzchen“. Wir sehen oft nach, um zu beobachten, wie sie wachsen. Zuerst sitzen nur kleine graue Knospen auf den Zweigen. Dann werden sie größer und hängen herab. Allmählich werden sie sehr locker, wie Troddeln, und unter den grauen Schuppen erscheinen kleine Beutel mit gelbem Staube. Dann im März, noch ehe die Bäume belaubt sind, schüttelt der Wind den Baum und weht den gelben Staub umher. Um diese Zeit finden wir an den Zweigen mit Kätzchen kleine Blüten. Man muß scharf hinsehen, wenn man sie finden will. Aber sie sind sehr hübsch. Jede Blüte hat zwei zierliche Hörner, und es stehen mehrere Blüten in einer grünen Hülle. Wir wissen, daß sich aus diesen roten Blüten die Nüsse bilden, denn im September finden wir die Nüsse gerade an ihrer Stelle. Wenn der Wind den gelben Staub aus den Kätzchen weht, so fällt etwas davon auf die roten Hörner der Blüten, und dies bewirkt, daß sich Nüsse entwickeln. Im Herbste passen wir gut auf, um zu sehen, wann die Nüsse reif sind. Wir wollen gern einige haben, ehe die Eichhörnchen und die Vögel, die Nußhacker oder Eichelhäher heißen, sie alle forttragen. Grete hat es so eilig, daß sie oft die Nüsse pflückt, bevor sie reif sind. Dies ist töricht, denn man findet dann nur einen sehr kleinen wässerigen Kern im Innern. Der übrige Teil der Schale ist mit einem weichen, weißen Stoff ausgefüllt. Paul sagt, dieser weiße Stoff sei die Nahrung, die die Nuß gebraucht, um groß und fest zu werden. Wenn die Nüsse reif sind, fallen sie ganz leicht aus dem braunen, blätterigen Kelch, in dem sie sitzen. Manchmal, wenn wir die Nüsse pflücken, finden wir eine, die ein kleines Loch in der Schale hat. Dann wissen wir, daß die Nuß schlecht ist, und wir werden meistens eine Made darin finden. [Illustration: Haselnußbohrer und Larve. a. Der Rüsselkäfer vergrößert; der Strich daneben gibt die wirkliche Größe an.] Ist es nicht seltsam? Paul sagt uns, daß diese Made ein junger Käfer sei. Sie sieht gar nicht aus wie ein solcher. Aber viele Käfer haben, wenn sie jung sind, keine Beine und sind nur Larven. Dieser Käfer heißt Haselnußbohrer. Wenn die Nuß noch ganz jung und weich ist, kommt der weibliche Käfer und legt ein Ei hinein. Es ist ein sehr kleiner Käfer mit einem langen Rüssel. Mit diesem macht er ein Loch in die weiche grüne Nußschale und legt dann ein Ei in das Loch. Aus dem Ei kommt eine Larve. Sie wird dadurch fett, daß sie von der Nuß frißt. Und wenn man die Nuß dann pflückt und öffnet, ist sie halb aufgefressen, und die Larve liegt zusammengerollt im Innern. Wenn wir die Nuß noch nicht gepflückt hätten, so würde die Larve mit ihrem hornigen Maul ein Loch in die Nußschale gefressen haben und dann aus ihrer Larvenhaut als kleiner geflügelter Rüsselkäfer herausgekrochen sein. [Illustration: Angestochene Nüsse.] Wie wir sahen, entstehen aus dem gelben Staube und den roten Blüten Nüsse. Einige dieser Nüsse bekommen wir, einige erhalten die Eichhörnchen, einige die Eichelhäher. Einige fallen auf den Boden und wachsen zu jungen Bäumen empor, und einige frißt die Larve des Rüsselkäfers, ehe sie reif sind. [Illustration: Drei Arten wilder Nüsse. Männliche und weibliche Blüten an einem Zweig (oben).] Lektion 7. Maus und Spitzmaus. (Sechstes Vollbild.) Peter hat eine schöne alte Katze. Sie ist sehr klug. Sie klappert an dem Griff der Haustür, wenn sie hinein will. Wenn sie spät am Abend nach Hause kommt, springt sie auf den Draht, der an der Gartenmauer entlang läuft. Dieser bringt eine Klingel zum Läuten, und Peter kommt und läßt sie herein. Aber in einer Beziehung ist sie sehr dumm. Sie kann nicht lernen, daß eine Maus und eine Spitzmaus nicht dasselbe ist. Wir freuen uns, wenn sie die Mäuse im Garten und auf dem Felde fängt. Denn die Mäuse fressen unsere Erbsen und die Zwiebeln der Krokus. Sie verstecken sich in den Getreideschobern und fressen den Weizen und den Hafer. Aber Spitzmäuse fressen Insekten, Würmer und Schnecken und nützen uns dadurch, weil Insekten und Schnecken unseren Pflanzen schädlich sind. Es ist so töricht von Miezchen, denn sie sollte es wirklich wissen. Wenn sie die Tiere getötet hat, unterscheidet sie dieselben, denn sie frißt die Maus sehr gern, aber sie frißt keine Spitzmaus. Sie tötet sie nur und läßt sie auf dem Wege liegen. Wir glauben, sie tötet die Spitzmaus, weil sie fortläuft, und frißt sie nicht, weil sie einen schlechten Geruch hat. Sehr viele Leute können eine Maus nicht von einer Spitzmaus unterscheiden, denn sie sind sich sehr ähnlich. Eine Spitzmaus ist nicht ganz so groß wie eine Feldmaus und ein wenig größer als die niedliche kleine Zwergmaus, die ein rundes Nest aus trockenem Grase zwischen den Kornhalmen baut. [Illustration: Eule und Spitzmaus.] Vorigen Sommer fanden wir eins von diesen Nestern. Es war ungefähr so groß wie ein großes Schwanenei und von derselben Gestalt. Wir guckten hinein und fanden sieben winzige kleine Zwergmäuse mit rotbraunem Fell auf dem Rücken und weißem Fell am Bauche. Die Spitzmaus hat eine mehr graue Farbe. Aber es gibt ein Kennzeichen, durch das man stets eine Maus von einer Spitzmaus unterscheiden kann. Die Maus hat eine kurze Schnauze und vier breite weiße Vorderzähne. Sie braucht sie, um Wurzeln und Zwiebeln anzunagen und um Kornähren abzubeißen. Aber die Spitzmaus hat eine lange spitze Schnauze; und ihre braunen Zähne sind sehr klein und spitz, so daß sie damit Insekten, Würmer und Schnecken töten und fressen kann. Maus und Spitzmaus sind beide am Abend sehr geschäftig. Wir beobachten sie manchmal, wenn der Mond scheint. Die Mäuse laufen schnell ins Feld hinaus und wieder zurück zur Hecke. Paul sagt, sie tragen Samen und Wurzelstückchen zu ihrem Loche. Denn sie wissen, daß sie Nahrung nötig haben, wenn sie im Winter, wo keine zu finden ist, aufwachen. Die Spitzmäuse bewegen sich ruhiger in der Hecke. Sie stecken ihre langen Schnauzen in das dicke Gras und fressen Ohrwürmer und Raupen. Sowohl die Maus als auch die Spitzmaus fürchten sehr die Eule, welche des Nachts herauskommt und sie mit ihren scharfen Klauen fortschleppt, um ihre Jungen damit zu füttern. Spitzmäuse speichern keine Nahrung auf, denn sie schlafen den ganzen Winter durch in ihrem Loche. Dann im Frühjahr polstern sie das Loch mit weichem, trockenem Gras aus, und da kommen fünf oder sechs Junge zur Welt. Auch die Maus wühlt sich tief in die Erde ein. Sie legt sich einen hübschen Wintervorrat an und schläft ein. Aber oft erwacht sie und frißt, um dann wieder einzuschlafen. Sie zieht eine zahlreiche Familie im Jahre groß. Deshalb gibt es so viele Mäuse. [Illustration: Zwergmaus mit Nest (oben); Feldmaus (unten).] Lektion 8. Der Ameisenhaufen. Im Walde, nahe am Schulwege, befindet sich ein großer Ameisenhaufen. Er steht am Fuße einer alten Eiche und ist fast ebenso groß wie Peter. Er sieht aus wie ein loser Haufen von Blättern, untermischt mit Erde und Reisern. Er ist unten breiter als oben. Wenn wir abends nach Hause kommen, ist auf dem Ameisenhaufen alles ruhig. Wir sehen keine einzige Ameise draußen. Es hat den Anschein, als ob überhaupt keine darin lebte. Aber wenn wir am Morgen vorbeikommen, und die Sonne warm und hell scheint, sehen wir die Ameisen aus den Ritzen herauskriechen und auf dem Haufen herumlaufen. Sie sind so groß wie ein Gerstenkorn und haben einen tiefen Einschnitt in der Mitte ihres Körpers. Sie haben lange Fühler und starke Kinnbacken. Sie beißen heftig, wenn man sie berührt. [Illustration: a. Ameisenlarve. b. Kokon der Ameise. c. Junge Ameise. Stark vergrößert. Die Linien daneben geben die wirkliche Größe an.] Um die Mittagszeit finden wir sie noch geschäftiger. Sie haben viele Löcher im Hügel geöffnet und eilen hin und her. Einige holen Stückchen von Blättern und Zweigen und schleppen diese auf den Haufen. Andere bringen Nahrung. Eines Tages sah Paul einige Ameisen, die einen toten Wurm zerrissen. Dann trug jede ein winziges Stückchen davon in ihren Kiefern nach dem Hügel und kroch damit in ein Loch hinein. Manchmal tragen die Ameisen kleine weiße Klümpchen aus dem Hügel heraus. Gretes Vater, der Wildhüter, gibt diese seinen Vögeln zu fressen. Er nennt sie Ameiseneier. Aber Paul sagt, daß es keine Eier seien. Es sind junge Ameisen, die in seidigen Beuteln eingeschlossen sind, die „Kokons“ heißen. [Illustration: Hügel der Waldameise.] Wirkliche Ameiseneier sind viel kleiner. Wenn die kleine Ameise aus dem Ei auskriecht, ist sie blind und hat keine Beine. Sie heißt dann Larve. Die für ihre Nahrung sorgenden Ameisen füttern sie mit Honig. Später zieht die Larve einen seidigen Faden aus dem Munde und spinnt sich darin ein. Wenn der Kokon fertig ist, können ihre Ernährerinnen die Larve nicht mehr füttern. Aber sie sorgen für sie, tragen sie tagsüber in den Sonnenschein und abends ins Innere des Hügels. Im Innern des Beutels bildet sich die Larve zu einer wirklichen Ameise mit Augen und Beinen um. Dann helfen ihr erwachsene Ameisen aus dem Gefängnis heraus, und sie beginnt zu arbeiten. [Illustration: a. Weibliche Ameise. b. Männliche Ameise. c. Arbeiterin. Stark vergrößert. Die Linien daneben geben die natürliche Größe an.] Eines Tages stach Paul mit seinem Stock ein Loch in den Ameisenhaufen. Wir sahen in einer Höhlung unter den Blättern eine Menge weißer Kokons. Die Ameisen waren sehr zornig. Einige bissen uns, andere nahmen die Kokons in ihre Kiefern und liefen fort, aus Furcht, daß wir ihre Kleinen verletzen könnten. Als wir am Abend zum Hügel zurückkamen, hatten die Ameisen ihn ausgebessert. Jedes Loch war geschlossen, und alle Kokons waren im Innern in Sicherheit gebracht. An einem Sommertage sahen wir eine Anzahl von geflügelten Ameisen über den Ameisenhaufen fliegen. Paul sagt, daß dies die männlichen und weiblichen Ameisen sind. Die Ungeflügelten sind Arbeiter, die für die Nahrung aller sorgen. Lektion 9. Das Hummelnest. (Siebentes Vollbild.) Vorigen März, als die Tage anfingen warm zu werden, sahen wir eine große Hummel über das Feld dahinsummen. „Paß auf, Peter“, sagte Grete, „das ist eine Hummel, die den ganzen Winter geschlafen hat. Sie wird ein Nest bauen wollen.“ So folgte Peter ihr. Sie flog zu einem Abhang und kroch zwischen einigen Grasbüscheln in die Erde. Peter pflanzte einen Stock als Merkzeichen an der Stelle auf, und wir gingen alle Tage hin, um sie zu beobachten. Meistens fanden wir sie beschäftigt, kleine Moosstückchen in das Loch zu schleppen. Aber wir sahen nicht hinein, aus Furcht sie zu stören. Nach vierzehn Tagen erlaubte uns Paul, das Nest zu untersuchen, und, im Grase verborgen, fanden wir einen kleinen Moosballen, der mit Wachs ausgepolstert war. Er sah aus, wie eine kleine umgedrehte Untertasse. Wir hoben ihn auf und fanden darunter einige flache Taschen, einige von der Größe eines Markstückes, andere nicht größer als ein Zweipfennigstück. Sie bestanden aus braunem klebrigen Wachs, und als wir eine öffneten, fanden wir im Innern sieben zierliche Eier, so klein wie Mohnsamen, und einige kleine braune Kugeln. Diese bestanden, wie Paul sagte, aus Blütenstaub mit etwas Honig gemengt und werden „Bienenbrot“ genannt. In einer anderen Tasche fanden wir Larven, die schon ausgekrochen waren. Diese fraßen von den braunen Kügelchen. [Illustration: Ein Hummelnest.] Das Hummelweibchen war sehr unruhig, während wir ihr Nest betrachteten. Sie saß ganz in der Nähe. Wir konnten sehen, wie groß und kräftig sie war. Es war ein schönes Tier. Der braune Körper war mit weichen gelben Haaren bedeckt, und dazwischen lagen Streifen von schwarzen Haaren. Ihre breiten Flügel glänzten hell in der Sonne. Sie stach uns nicht. Paul sagt, daß Hummeln sehr gutartig seien. Aber sie war in Angst, daß wir die Larven beschädigen würden, die zu Arbeiterinnen heranwachsen sollten. Wir legten die Decke wieder auf und warteten zwei Monate bis zum Juni. Wir fürchteten, daß bei der Heuernte die Pferde auf das Nest treten könnten. Dann statteten wir ihm wieder einen Besuch ab. Oh! wie groß war es jetzt! Ein großes rundes Moosdach war mit Wachs ausgefüttert und so fest, daß wir es mit einem Messer zerschneiden mußten. Der einzige Weg, auf dem die Hummeln in ihr Nest gelangen konnten, führte durch einen langen Tunnel unter der Erde. Unter dem Dach lag eine Anzahl von schmutziggelben seidigen Kokons. In diesen saßen die Larven, die zu Hummeln heranwachsen. Die Kokons waren mit Wachs zusammengeklebt. Einige waren offen, denn die jungen Hummeln waren schon ausgekrochen. In diesen war Honig. Viele Hummeln schwärmten ein und aus. Alle diese waren aus den Eiern ausgekrochen, die das Hummelweibchen in zwei Monaten gelegt hatte. Sie waren sehr geschäftig, um Honig und „Bienenbrot“ für die Larven herbeizutragen. Aber sie speichern, wie Paul sagt, keinen Honig auf wie unsere Bienen. Denn wenn kaltes, feuchtes Wetter einsetzt, sterben sie alle, mit Ausnahme einiger Hummelweibchen. Diese kriechen in Erdlöcher oder in warme Heuhaufen und schlafen, bis der Frühling wiederkehrt. Gegen Weihnachten besuchten wir das Nest noch einmal. Das Dach war zerbrochen und die Zellen alle zerdrückt. Keine einzige Hummel war mehr zu finden. [Illustration: Hummeln holen Honig aus Wicken.] Lektion 10. Peters Katze. (Achtes Vollbild.) Peters Katze geht sehr gern in den Wald. Wir fürchten, daß sie eines schönen Tages totgeschossen wird. Denn Gretes Vater erschießt alle Katzen, die er im Walde antrifft, weil sie Kaninchen und Fasanen fressen. Aber Peter kann sie nicht zu Hause halten. Sobald es dämmerig wird, schleicht sie sich hinaus und kommt oft die ganze Nacht nicht nach Hause. Sie geht in der Dämmerung, weil dann alle Tiere fressen. So kann sie Mäuse und junge Kaninchen fangen, ebenso Rebhühner, die auf dem Boden, und andere Vögel, die auf den Bäumen schlafen. Sie ist ein sehr schlauer Jäger. Ihr Körper ist wie gemacht zum Erfassen der Beute. Sie ist schlank, aber sehr kräftig. Sie kann außerordentlich weit springen und zwar so schnell, daß nur wenige Mäuse oder Vögel ihr entwischen können. Dann hat sie auch weiche Polster unter den Füßen, so daß sie geräuschlos einherschleichen kann. Auch kann sie von einer hohen Mauer hinunterspringen, weil die weichen Polster ihre Füße vor Verletzungen schützen, wenn sie den Boden erreicht. [Illustration: Ballen und Klauen am Fuß der Katze.] Wir alle wissen, was für scharfe Krallen sie an ihren Zehen hat. Aber wenn sie mit ihren Kleinen oder mit Peter spielt, ist ihre Pfote so weich, daß man gar nicht glauben kann, sie könne kratzen. Dies kommt daher, weil sie eine Rinne in jedem Zeh unter der Haut hat, und wenn sie ihre Krallen nicht braucht, zieht sie dieselben in jene Scheide zurück. Aber wenn sie auf eine Maus oder einen Vogel springt, schlägt sie mit der Pfote zu, und sowie sich die Zehe biegt, kommt die Kralle hervor und dringt in das Fleisch ihrer Beute. Aber wie kann sie bei Nacht Ratten und Mäuse sehen? Paul zeigte uns, daß sie die Mitte des Auges sehr weit im Dunkeln öffnen kann. Wir brachten Miezchen nahe an die Lampe und sahen, daß die Pupille ihres Auges nur ein kleiner schmaler Schlitz war. Darauf schlossen wir sie einige Minuten lang in einem dunkeln Zimmer ein, holten sie dann heraus und betrachteten ihre Augen bei Mondenschein. Jetzt war der kleine Schlitz ein großes, rundes, schwarzes Loch geworden. Der Schlitz läßt genug Licht hinein, daß Mieze bei Tage sehen kann, und wenn sie nachts ausgeht, wird er zu einer großen runden Öffnung, die alles Licht, das von Mond und Sternen kommt, hineinläßt. [Illustration: Das Auge der Katze. a. Im Licht. b. Im Dunkeln.] Aber wenn es außergewöhnlich dunkel ist, tastet sie sich mit ihren Spürhaaren zurecht. Paul sagt, daß es sehr grausam ist, einer Katze diese Haare abzuschneiden, denn sie sind ihr eine große Hilfe im Dunkeln. Mieze hat eine sehr rauhe Zunge. Wenn man sich von ihr die Hand lecken läßt, so fühlt man, wie sie von unserer eigenen Zunge oder von der eines Hundes verschieden ist. Sie ist so rauh, daß sie damit die letzten Stückchen Fleisch von einem Knochen abraspeln kann, nachdem sie die großen Stücke mit ihren langen spitzen Vorderzähnen abgerissen hat. Mieze ist sehr schlau, wenn es sich darum handelt, ihren Lebensunterhalt zu erwerben, und wenn man ihren Kopf ansieht, so weiß man auch warum. Denn sie hat eine breite Stirn, in der viel Platz für ein großes Gehirn ist. Neulich hielten wir den Kopf eines Kaninchens neben den ihrigen. Er war so klein und hatte so wenig Raum für ein Gehirn, daß wir gar nicht erstaunt waren, daß die Katze viel schlauer als das Kaninchen ist. Wer würde denken, daß Mieze, die mit ihren Kleinen am Feuer sitzt und schnurrt, im Walde so wild ist. Aber, wie Paul sagt, gibt es wilde Katzen in den Wäldern, die so wild wie Tiger sind. Tiger und Katzen sind sich sehr ähnlich. Auch Tiger können liebevoll sein. Wir hörten einmal eine Tigerin in einer Menagerie schnurren, als sie ihr Junges liebkoste. [Illustration: Katze, ein Kaninchen beschleichend.] Lektion 11. Der gefräßige Fremdling. Mitte April dieses Jahres hörten wir zum ersten Male den Kuckuck. Wir hören ihn gern, denn er sagt uns, daß der Frühling da ist. In diesem Jahre hatten wir Glück. Wir sahen einen jungen Kuckuck in einem Neste aufwachsen. Dies trug sich folgendermaßen zu. Wir hatten den Kuckuck eine ganze Zeitlang gehört, und es schien, als ob eine ganze Menge dieser Vögel riefen. Eines Tages hörten wir ein sonderbares Geräusch, so wie kik-kik-kik. „Aha!“ sagte Grete, „Vater sagt, daß dies der Ruf des Weibchens ist, das Eier legt.“ „Nun“, sagte Peter, „wenn es hier in der Nähe ist, können wir vielleicht eins von seinen Eiern finden. Ich möchte so gern einen jungen Kuckuck sehen.“ Ungefähr eine Woche darauf fand Paul das Nest einer kleinen Heidelerche. Es war in einem dicken Grasbüschel am Abhange in der Nähe des Waldes. Zwei kleine mattgraue, braungefleckte Eier lagen darin. Am nächsten Tage, als wir zur Schule gingen, waren es drei und am übernächsten Morgen vier. Aber als wir an dem Nachmittage desselben Tages aus der Schule zurückkamen, waren fünf Eier da. „Die Heidelerche kann nicht zwei Eier an einem Tage gelegt haben,“ sagte Peter. „Es soll mich wundern, ob der Kuckuck nicht eins von seinen Eiern hierher gebracht hat.“ Wir wissen ja, daß der Kuckuck seine Eier auf den Erdboden legt und sie dann in seinem weiten Schnabel in das Nest irgend eines anderen Vogels trägt. Wir sahen vierzehn Tage lang täglich nach. Die kleine Heidelerche war so an unser Kommen gewöhnt, daß sie nicht einmal vom Neste aufflog. Es war ein hübscher kleiner Vogel mit braungefleckten Flügeln und gelblicher Vorderseite. Nach vierzehn Tagen krochen zwei junge Heidelerchen aus und am nächsten Tage noch zwei. Sie sperrten die Schnäbel nach Futter auf, und der Vater flog hinaus ins Feld und brachte Insekten und Raupen, um sie zu füttern. Aber die Mutter saß noch auf dem fünften Ei. Zwei Tage später kam der fünfte Vogel aus. Er hatte einen gekrümmten Schnabel und gebogene Zehen mit kurzen scharfen Krallen. Zwei Zehen standen nach vorn und zwei nach hinten. Heidelerchen haben gerade Schnäbel, und von ihren Zehen stehen drei nach vorn und eine nach hinten. So erkannten wir den jungen Kuckuck an dem Schnabel und den Zehen. [Illustration: Rufender Kuckuck.] Am nächsten Tage sahen wir wieder nach. Die kleinen Heidelerchen hatten Kiele auf ihren Flügeln, wo die Federn wuchsen, und ihre Augen waren geöffnet. Der Kuckuck war nackt und blind. Aber er hatte zwei kleine Heidelerchen aus dem Neste gestoßen, und sie lagen tot auf dem Abhange. Der Kuckuck war während eines Tages sehr gewachsen, und die alten Heidelerchen fütterten ihn fortwährend mit Insekten, während er mit weit offenem Schnabel dasaß. Während wir ihn betrachteten, wühlte er im Neste umher und schob eine andere kleine Heidelerche an den Rand desselben. Wir setzten sie in das Nest zurück und mußten dann zur Schule gehen. Als wir zurückkamen, saß der Kuckuck allein im Neste. Die vier kleinen Heidelerchen lagen alle tot auf der Erde. Er hatte sie alle herausgestoßen. Die alten Vögel schienen ihre toten Jungen nicht zu sehen, so geschäftig waren sie, um den großen, hungrigen Fremdling zu füttern. Sie fütterten ihn fünf bis sechs Wochen lang, selbst nachdem er schon aus dem Neste heraus war. Es war zu komisch. Der Kuckuck war größer als eine Drossel und die Heidelerchen nicht größer als ein Sperling. Jedoch der große Vogel saß auf einem Zweige mit offenem Schnabel und ließ die kleinen Vögel alle Nahrung herbeitragen. Zuletzt flog er fort. Wir hörten im August einen Kuckuck rufen, als die alten Vögel schon fort waren. Wir hätten gern gewußt, ob es unser junger „gefräßiger Fremdling“ war. Lektion 12. Der Maulwurf und sein Heim. Letzten Sommer gab es auf dem Felde sehr viele Maulwürfe. Das ganze Feld war mit Maulwurfshaufen bedeckt. Endlich schickte Pauls Vater nach dem Maulwurfsfänger. Er stellte Fallen in den Gängen und brachte viele tote Maulwürfe mit nach Hause. Ein Maulwurf ist ein sonderbares Geschöpf. Er hat einen langen, plumpen Körper und einen kurzen, dicken Schwanz. Sein dunkles Fell ist so weich und dicht wie Samt. Er hat eine lange spitze Schnauze, die an der Spitze sehr hart ist, und der Mund ist voll von starken, scharfen Zähnen. Die Füße des Maulwurfs sind sehr sonderbar. Sie sind nicht mit Fell bedeckt, sondern nackt und rosenrot. Die Vorderpfoten gleichen breiten flachen Händen mit sehr starken Klauen. Sie sind vom Körper abgewandt und sehen zu groß aus für ein so kleines weiches Geschöpf. [Illustration: Maulwurf, einen Wurm fressend.] Diese Pfoten sind, wie Paul sagt, die Schaufeln des Maulwurfs. Er lebt unter der Erde und frißt Würmer. Mit seiner harten Schnauze bohrt er ein Loch und dann schaufelt er die Erde mit seinen starken Pfoten fort. Auf diese Weise gräbt er eine Röhre, und wenn er die lose Erde fortschaffen will, stößt er sie mit der Schnauze nach oben. So entstehen die Maulwurfshaufen. Aber die Maulwürfe bleiben nicht immer unter der Erde. Manchmal an warmen Sommerabenden sieht man sie in Hecken herumstöbern und nach Larven und Schnecken suchen. Es gibt mehr männliche als weibliche Maulwürfe. Wir hätten so gern den Bau eines Maulwurfs gesehen. Wir gruben tief in einen Maulwurfshügel hinein und hofften einen zu finden, aber wir trafen nur auf eine Röhre. Der Maulwurfsfänger lachte uns aus, als er uns dort graben sah. Er fragte uns, ob wir dächten, daß der Maulwurf einen Haufen loser Erde über seinen Bau aufhäufen werde, um seinen Feinden zu zeigen, wo er zu finden wäre. Endlich kam eines Tages ein Herr zu Pauls Vater und bat ihn, einen Maulwurfsbau für ihn öffnen zu lassen. Er wünschte zu sehen, wie er aussähe. Dies war gerade das, was wir wollten, und so gingen wir mit. Der Maulwurfsfänger führte uns eine Strecke weit über das Feld. An der Ecke in der Nähe des Waldes fanden wir unter den Bäumen einen großen mit Gras bewachsenen Erdhügel. Er begann dann die Seite dieses Hügels abzugraben. Als er ungefähr in der Mitte angekommen war, hielt er inne und räumte die Erde sehr vorsichtig mit den Händen fort. Und da war, dicht unter dem Erdboden, ein großes rundes Loch mit einem sehr festen Dache, das aus harter Erde bestand. Wir konnten von der Seite aus hineinsehen. Das Loch war mit trockenem Grase ausgepolstert, und vier winzige Maulwürfe lagen darin. Wir füllten es sorgfältig wieder zu und ließen die kleinen Maulwürfe in Ruhe. An den Seiten des Baues waren vier Löcher. Diese führten zu den Gängen, durch die die alten Maulwürfe aus- und eingingen. Wir fürchteten, daß sie durch unser Graben ziemlich mit Erde angefüllt wurden, aber der Maulwurfsfänger sagte, sie würden bald wieder von den alten Maulwürfen in Ordnung gebracht werden. Er erzählte uns, daß der alte männliche Maulwurf im Winter ganz allein in einem solchen Bau lebt und sich von Würmern nährt. Manchmal kommt er aus der Erde hervor, und wenn der Frost sehr streng ist, stirbt er vor Kälte. Im Frühjahr sucht er sich ein Weibchen. [Illustration] Thüringer Kunstanstalt G. m. b. H., Gera-Untermhaus End of the Project Gutenberg EBook of Tiere und Pflanzen in Wald und Feld, by Arabella B. Buckley *** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIERE UND PFLANZEN IN WALD *** ***** This file should be named 58989-0.txt or 58989-0.zip ***** This and all associated files of various formats will be found in: http://www.gutenberg.org/5/8/9/8/58989/ Produced by Peter Becker, NautilusIncognitus and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (The digitized holdings of the Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested parties worldwide free of charge for non-commercial use.) 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