The Project Gutenberg EBook of Caspar Hauser, by Jakob Wassermann

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Title: Caspar Hauser
       oder Die Trägheit des Herzens

Author: Jakob Wassermann

Release Date: June 7, 2008 [EBook #25721]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Caspar Hauser
oder
Die Trägheit des Herzens,

Roman
von

Jakob Wassermann

Erste bis vierte Auflage

Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart und Leipzig
1908

Es ist noch dieselbe Sonne,
die derselben Erde lacht;
aus demselben Schleim und Blute
sind Gott, Mann und Kind gemacht.
Nichts geblieben, nichts geschwunden,
alles jung und alles alt,
Tod und Leben sind verbunden,
zum Symbol wird die Gestalt.

[7] Erster Teil

[8]

Der fremde Jüngling

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab.

Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wußte, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf.

Die Nürnberger sind ein neugieriges Volk. Jeden Tag wanderten Hunderte den Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern alten Turmes, um den Fremdling zu sehen. In die halbverdunkelte Kammer zu treten, wo der Gefangene weilte, war untersagt, und so erblickten ihre dichtgedrängten Scharen von der Schwelle aus das wunderliche Menschenwesen, das in der entferntesten Ecke des Raumes kauerte und meist mit einem kleinen weißen Holzpferdchen spielte, das es zufällig bei den Kindern des Wärters gesehen und das man ihm, gerührt von dem unbeholfenen Stammeln seines Verlangens, [9]geschenkt hatte. Seine Augen schienen das Licht nicht erfassen zu können; er hatte offenbar Furcht vor der Bewegung seines eignen Körpers, und wenn er seine Hände zum Tasten erhob, war es, als ob ihm die Luft dabei einen rätselhaften Widerstand entgegensetzte.

Welch ein armseliges Ding, sagten die Leute; viele waren der Ansicht, daß man eine neue Spezies entdeckt habe, eine Art Höhlenmensch etwa, und unter den berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die, daß der Knabe jede andre Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurückwies.

Nach und nach wurden die einzelnen Umstände, unter denen der Fremdling aufgetaucht war, allgemein bekannt. Am Pfingstmontag gegen die fünfte Nachmittagsstunde war er plötzlich auf dem Unschlittplatz, unweit vom neuen Tor, gestanden, hatte eine Weile verstört um sich geschaut und war dann dem zufällig des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die Arme getaumelt. Seine bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse des Rittmeisters Wessenig vor, und da nun einige andre Personen hinzukamen, schleppte man ihn mit ziemlicher Mühe bis zum Haus des Rittmeisters. Dort fiel er erschöpft auf die Stufen, und durch die zerrissenen Stiefel sickerte Blut.

Der Rittmeister kam erst um die Dämmerungsstunde heim, und seine Frau erzählte ihm, daß ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der Streu im Stall schlafe; zugleich übergab sie ihm den Brief, den der Rittmeister, nachdem er das Siegel erbrochen, mit größter Verwunderung einige Male durchlas; es war ein Schriftstück, [10]ebenso humoristisch in einigen Punkten wie in andern von grausamer Deutlichkeit. Der Rittmeister begab sich in den Stall und ließ den Fremdling aufwecken, was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde. Die militärisch gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur mit sinnlosen Lauten beantwortet, und Herr von Wessenig entschied sich kurzerhand, den Zuläufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen.

Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknüpft, denn der Fremdling konnte kaum mehr gehen; Blutspuren bezeichneten seinen Weg, wie ein störrisches Kalb mußte er durch die Straßen gezogen werden, und die von den Feiertagsausflügen heimkehrenden Bürger hatten ihren Spaß an der Sache. »Was gibt’s denn?« fragten die, welche den ungewohnten Tumult nur aus der Ferne beobachteten. »Ei, sie führen einen betrunkenen Bauern,« lautete der Bescheid.

Auf der Wachtstube bemühte sich der Aktuar umsonst, mit dem Häftling ein Verhör anzustellen; er lallte immer wieder dieselben halb blödsinnigen Worte vor sich hin, und Schimpfen und Drohen nutzte nichts. Als einer der Soldaten Licht anzündete, geschah etwas Sonderbares. Der Knabe machte mit dem Oberkörper tanzbärenhaft hüpfende Bewegungen und griff mit den Händen in die Kerzenflamme; aber als er dann die Brandwunde verspürte, fing er so zu weinen an, daß es allen durch Mark und Bein ging.

Endlich hatte der Aktuar den Einfall, ihm ein Stück Papier und einen Bleistift vorzuhalten, danach griff der wunderliche Mensch und malte mit kindisch-großen Buchstaben langsam den Namen [11]Caspar Hauser. Hierauf wankte er in eine Ecke, brach förmlich zusammen und fiel in tiefen Schlaf.

Weil Caspar Hauser – so wurde der Fremdling von nun ab genannt – bei seiner Ankunft in der Stadt bäurisch gekleidet war, nämlich mit einem Frack, von dem die Schöße abgeschnitten waren, einem roten Schlips und großen Schaftstiefeln, glaubte man zuerst, es mit einem Bauernsohn aus der Gegend zu tun zu haben, der auf irgendeine Weise vernachlässigt oder in der Entwicklung verkümmert war. Der erste, der dieser Meinung entschieden widersprach, war der Gefängniswärter auf dem Turm. »So sieht kein Bauer aus,« sagte er und deutete auf das wallende, hellbraune Haar seines Häftlings, das etwas nicht ausdrückbar Unberührtes hatte und glänzend war wie das Fell von Tieren, die in Finsternis zu leben gewohnt sind. »Und diese feinen weißen Händchen und diese sammetweiche Haut und die dünnen Schläfen und die deutlichen blauen Adern zu beiden Seiten des Halses, wahrhaftig, er gleicht eher einem adligen Fräulein als einem Bauern.«

»Nicht übel bemerkt,« meinte der Stadtgerichtsarzt, der in seinem zu Protokoll gegebenen Gutachten neben diesen Merkmalen die besondere Bildung der Knie und die hornhautlosen Fußsohlen des Gefangenen hervorhob. »So viel ist klar,« hieß es am Schluß, »daß man es hier mit einem Menschen zu tun hat, der nichts von seinesgleichen ahnt, nicht ißt, nicht trinkt, nicht fühlt, nicht spricht wie andre, der nichts von gestern, nichts von morgen weiß, die Zeit nicht begreift, sich selber nicht spürt.«

Die hohe Polizeibehörde ließ sich durch ein [12]solches Urteil nicht aus dem vorgesetzten Gang der Untersuchung lenken; es bestand der Verdacht, daß der Stadtgerichtsarzt durch seinen Freund, den Gymnasialprofessor Daumer, beeinflußt und zu diesen Überschwenglichkeiten verführt worden sei. Der Gefängniswärter Hill wurde beauftragt, den Fremdling insgeheim zu belauern. Er spähte oft durch das verborgene Loch in der Türe, wenn sich der Knabe allein wähnen mußte; aber es war immer derselbe traurige Ernst in den bald schlaffen und beklommenen, bald wie durch den Anblick eines unsichtbaren Furchtgebildes verzerrten und zerrissenen Zügen. Es war auch vergeblich, nachts, wenn er schlief, an sein Lager zu schleichen, hinzuknien, auf den Atem zu horchen und zu warten, ob er verräterische Worte aus dem Innern auf die Lippen trug; Leute, die Übles im Schild führen, pflegen nämlich aus dem Schlaf zu reden, auch schlafen sie eher bei Tag als bei Nacht, wo sie ihren Gedanken und Entwürfen nachhängen, aber diesen umfing der Schlummer, sobald die Sonne sank, und er erwachte, wenn sich der erste Morgenstrahl durch die verschlossenen Läden zwängte. Es konnte Argwohn wecken, daß er jedesmal zusammenzuckte, wenn die Tür seines Gefängnisses geöffnet wurde; wahrscheinlich jedoch gab sich darin nicht die Angst eines schuldbewußten Gemüts zu erkennen, sondern vielmehr eine übermäßige Erregbarkeit der Sinne, denen jeder Laut von außen zu qualvoller Nähe kam.

»Unsre Herren auf dem Rathaus werden noch viel Papier beschmieren müssen, wenn sie auf dem Weg weiterkommen wollen,« sagte der gute Hill eines Morgens – es war der dritte Tag der [13]Haft Caspar Hausers – zu Professor Daumer, der den Fremdling besuchen wollte; »ich kenne gewiß alle Schliche des Lumpenvolks, aber wenn der Bursche ein Simulante ist, will ich mich hängen lassen.«

Hill sperrte auf, und Professor Daumer trat in die Kammer. Wie gewöhnlich erschrak der Gefangene, aber als der Ankömmling einmal im Raum war, schien ihn Caspar Hauser nicht mehr zu gewahren und schaute, bezaubert im dumpfen Nichtwissen, still vor sich nieder.

Da geschah es, als Hill den Fensterladen geöffnet hatte, daß der Knabe, vielleicht wie nie zuvor in seinem Leben, den gefesselten Blick erhob, ihn von der schweigenden, gleichmäßigen Furcht wegkehrte, die das Innere seiner Brust beherbergen mochte, und ihn durchs Fenster hinausschweifen ließ in das besonnte Freie, wo Ziegeldach an Ziegeldach sich steil und glühendrot auf einem Hintergrund von bläulich dämmernden Wiesen und Wäldern malte. Er streckte seine Hand aus; Überraschung und freudloses Staunen verzog seine Lippen, zögernd griff er mit dem Arm in das funkelnde Gemälde, als ob er das bunte Durcheinander draußen mit den Fingern anfassen wolle, und als er sich überzeugt hatte, daß es nichts war, etwas Fernes, Trügerisches, Ungreifbares, da verfinsterte sich sein Gesicht, und er wandte sich unwillig und enttäuscht ab.

Am selben Nachmittag kam der Bürgermeister Binder in Daumers Wohnung und teilte im Verlauf eines Gesprächs über den Findling mit, daß die Herren vom Stadtmagistrat eher feindlich und ungläubig als wohlwollend gegen diesen gestimmt seien.

[14]»Ungläubig?« entgegnete Daumer verwundert, »in welcher Beziehung ungläubig?«

»Nun ja, man nimmt an, daß der Bursche sein Gaukelspiel mit uns treibt,« versetzte der Bürgermeister.

Daumer schüttelte den Kopf. »Welcher Mensch von Verstand oder Geschicklichkeit wird sich aus purer Heuchelei dazu herbeilassen, von Brot und Wasser zu leben, und alles, was dem Gaumen behagt, mit Ekel von sich weisen?« fragte er. »Um welches Vorteils willen?«

»Gleichviel,« antwortete Binder unschlüssig; »es scheint eine verwickelte Geschichte. Da niemand sagen noch vermuten kann, worauf das Spiel hinaus will, ist Vorsicht um so mehr geboten, als man durch leichtsinnige Gutgläubigkeit den gerechten Hohn der Urteilsfähigen herausfordert.«

»Das klingt ja beinahe, als ob nur die Zweifler und Neinsager urteilsfähig heißen könnten,« bemerkte Daumer stirnrunzelnd. »Von der Gilde haben wir leider genug.«

Der Bürgermeister zuckte die Achseln und blickte den jungen Lehrer mit jener milden Ironie an, welche die Waffe der Erfahrenen gegenüber den Enthusiastischen ist. »Wir haben eine neuerliche Untersuchung durch den Gerichtsarzt beschlossen,« fuhr er fort. »Der Magistratsrat Behold, der Freiherr von Tucher und Sie, lieber Daumer, sollen dieser Untersuchung kommissarisch beiwohnen. Der aufzunehmende Akt wird dann, zusammen mit den bereits vorhandenen polizeilichen Protokollen, der Kreisregierung überschickt.«

»Ich verstehe: Akten, Akten,« sagte Daumer spöttisch lächelnd.

[15]Der Bürgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte gutmütig: »Seien Sie nicht so überlegen, Verehrter; unsre Welt schmeckt nun einmal nach Tinte, und daran habt ihr Bücherwürmer doch wahrlich nicht die wenigste Schuld. Übrigens,« er griff in die Rockbrust und brachte ein zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein, »als Mitglied der Kommission werden Sie gebeten, Einblick in ein wichtiges Dokument zu nehmen. Es ist der Brief, den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig abgegeben hat. Lesen Sie.«

Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete: »Ich schicke Ihnen hier einen Burschen, Herr Rittmeister, der möchte seinem König getreu dienen und will unter die Soldaten. Der Knabe ist mir gelegt worden im Jahre 1815, in einer Winternacht, da lag er an meiner Tür. Hab’ selber Kinder, bin arm, kann mich selber kaum durchbringen, er ist ein Findling, und seine Mutter hab’ ich nicht erfragen können. Hab’ ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen, kein Mensch weiß von ihm, er weiß nicht, wie mein Haus heißt, und den Ort weiß er auch nicht. Sie dürfen ihn schon fragen, er kann es aber nicht sagen, denn mit der Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt. Wenn er Eltern hätte, wie er keine hat, wär’ was Tüchtiges aus ihm geworden, Sie brauchen ihm nur etwas zu zeigen, da kann er es gleich. Mitten in der Nacht hab’ ich ihn fortgeführt, und er hat kein Geld bei sich, und wenn Sie ihn nicht behalten wollen, müssen Sie ihn erschlagen und in den Rauchfang hängen.«

Als Daumer gelesen hatte, gab er dem Bürgermeister [16]das Schriftstück zurück und ging mit ernster Miene auf und ab.

»Nun, was halten Sie davon?« forschte Binder; »einige unsrer Herren sind der Ansicht, der Unbekannte selbst könne den Brief geschrieben haben.«

Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne, schlug die Hände zusammen und rief: »Ach, du himmlische Gnade!«

»Dazu ist natürlich gar kein Grund vorhanden,« beeilte sich der Bürgermeister hinzuzufügen. »Daß bei der Abfassung des Schreibens eine zweckvolle Tücke gewaltet hat, daß es dazu bestimmt ist, Nachforschungen zu erschweren und irrezuführen, ist offenbar. Es ist eine schnöde Kaltherzigkeit im Ton, die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat, daß der Jüngling das unschuldige Opfer eines Verbrechens ist.«

Eine mutige Meinung, in welcher der Bürgermeister durch einen Vorgang sehr bestärkt wurde, der sich ereignete kurz nachdem die Herren von der Kommission am folgenden Morgen das Gefängnis Caspar Hausers betreten hatten. Während der Wärter damit beschäftigt war, den Knaben zu entkleiden, ließ sich drunten in einer Gasse am Burgberg eine Bauernmusik hören und zog mit klingendem Spiel an der Mauer vorüber. Da lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern über den Körper Hausers, sein Gesicht, ja sogar seine Hände bedeckten sich mit Schweiß, seine Augen verdrehten sich, alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen, dann stieß er einen tierischen Schrei aus, stürzte zu Boden und blieb zuckend und schluchzend liegen.

Die Männer erbleichten und sahen einander [17]ratlos an. Nach einer Weile näherte sich Daumer dem Unglücklichen, legte die Hand auf sein Haupt und sprach ein paar tröstende Worte. Dies wirkte beruhigend auf den Jüngling, und er wurde stille; nichtsdestoweniger schien der ungeheure Eindruck des gehörten Schalls seinen Leib von innen und von außen verwundet zu haben. Tagelang nachher zeigte sein Wesen noch die Spuren der empfundenen Erschütterung; er lag fiebernd auf dem Strohsack, und seine Haut war zitronengelb. Teilnahmsvollen Fragen gegenüber war er allerdings herzlich bewegt, und er suchte nach Worten, um seine Erkenntlichkeit zu beweisen, wobei sein sonst so klarer Blick sich in dunkler Pein trübte; besonders für den Professor Daumer, der zwei- bis dreimal täglich zu ihm kam, legte er eine zärtliche Dankbarkeit, schweigend oder stammelnd, dar.

Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein, und das zum erstenmal; der Wärter hatte auf seine Bitte das untere Tor abgesperrt. Er saß dicht neben dem Gefangenen, er redete, fragte, forschte, alles mit einem vergeblichen Aufwand von Innigkeit, Geduld und List. Zum Schluß beschränkte er sich darauf, das Tun und Lassen des Jünglings voll Spannung zu beobachten. Plötzlich stieß Caspar Hauser seine verworrenen Laute aus: er schien etwas zu fordern und spähte suchend herum. Daumer erriet bald und reichte ihm den gefüllten Wasserkrug, den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte. Caspar nahm den Krug, setzte ihn an die Lippen und trank. Er trank in langen Schlücken, mit beseligter Gelöstheit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen, wie wenn er für den kurzen Zeitraum [18]des Genusses vergessen hätte, daß das dämonisch Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrängte.

Daumer geriet in eine seltsame Aufregung. Als er nach Hause kam, durchmaß er länger als eine halbe Stunde mit großen Schritten sein Studierzimmer. Gegen acht Uhr pochte es an der Tür, seine Schwester trat ein und rief ihn zum Abendessen. »Was glaubst du, Anna,« rief er ihr lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu, »zweimal zwei ist vier, wie?«

»Es scheint so,« erwiderte das junge Mädchen, verwundert lachend, »alle Leute behaupten es. Hast du denn entdeckt, daß es anders ist? Das sähe dir ähnlich, du Aufwiegler.«

»Nicht gerade das hab’ ich entdeckt, aber doch etwas der Art,« sagte Daumer heiter und legte den Arm um die Schulter der Schwester. »Ich will einmal unsre braven Philister tanzen lassen! Ja, tanzen sollen sie mir und staunen.«

»Betrifft es etwa gar den Findling? Hast du was mit ihm vor? Sei nur auf der Hut, Friedrich, und laß dich nicht in Scherereien ein, man ist dir ohnedies nicht grün.«

»Gewiß,« gab er, rasch verstimmt, zur Antwort, »das Einmaleins könnte Schaden leiden.«

»Nun, weiß man noch gar nichts über den Sonderling?« fragte bei Tisch Daumers Mutter, eine sanfte alte Dame.

Daumer schüttelte den Kopf. »Vorläufig kann man nur ahnen, bald wird man wissen,« entgegnete er mit starr nach oben gerichtetem Blick.

Am folgenden Tag brachte die »Morgenpost« einen Artikel, der die Überschrift trug: Wer ist Caspar Hauser? Wenngleich auf diesen Appell keiner der Leser eine Antwort zu erteilen vermochte, [19]wurde der Zudrang der Neugierigen so groß, daß das Bürgermeisteramt sich genötigt sah, die Besuchsstunden durch eine strenge Vorschrift zu regeln. Bisweilen standen die Leute Kopf an Kopf vor der offenen Tür des Gefängnisses, und in allen Gesichtern war die Frage zu lesen: Was ist es mit ihm? Was ist es für ein Mensch, der die Worte nicht versteht und dennoch sprechen kann, die Dinge nicht erkennt und dennoch sehen kann, der zu lachen vermag, kaum daß sein Weinen zu Ende, der arglos scheint und geheimnisvoll ist und hinter dessen unschuldig leuchtenden Augen vielleicht Übeltat und Schande verborgen sind?

Sicherlich spürte der Gefangene, spürte es schmerzlich, was die lüstern auf ihn gerichteten Blicke begehrten, und der Wunsch, ihnen zu willfahren, erzeugte möglicherweise die erste erhellende Dämmerung, welche ihm selbst die Vergangenheit langsam begreiflich machte, so daß er in beunruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes erst fühlte und die Gegenwart damit verband, im tiefsten schaudernd an der Zeit messen lernte, was sie verändernd mit ihm getan, und was er sah, mit dem verglich, was er ehedem gesehen. Er begriff das Fordernde der Frage und ward des Mittels inne, die verlangenden Mienen zu befriedigen.

Mit durstigen Sinnen suchte er das Wort. Sein flehentlicher Blick grub es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen.

Hier war Daumer in seinem Element. Was keinem andern, dem Arzt nicht, dem Wärter nicht, dem Bürgermeister nicht, den Protokollanten erst recht nicht gelingen wollte, das vermochte nach [20]und nach seine Behutsamkeit und zweckvolle Geduld. Die Person des Findlings beschäftigte ihn aber auch dermaßen, daß er seiner Studien und privaten Obliegenheiten, ja beinahe seines öffentlichen Amtes darüber vergaß, und er erschien sich wie ein Mann, den das Schicksal vor das ihm allein bestimmte Erlebnis gestellt hat, wodurch sein ganzes Leben und Denken eine glückliche Bestätigung erfährt. Unter seinen Notizen über Caspar Hauser lautete eine der ersten wie folgt: »Diese in einer fremden Welt hilflos schwankende Gestalt, dieser schlafumfangene Blick, diese angstverhaltene Gebärde, diese über einem etwas verkümmerten Untergesicht edel thronende Stirn, auf welcher Frieden und Reinheit strahlen: es sind für mich Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft. Wenn sich die Vermutungen bewahrheiten, mit denen sie mich erfüllen, wenn ich die Wurzeln dieses Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blühen bringen kann, dann will ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums entgegenhalten, und man wird sehen, daß es gültige Beweise gibt für die Existenz der Seele, die von allen Götzendienern der Zeit mit elender Leidenschaft geleugnet wird.«

Es war ein schwieriger Weg, den der eifervolle Pädagoge ging. Da, wo er zu beginnen hatte, war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding, Wort um Wort mußte erst seinem Sinn angeheftet, Erinnerung erst erweckt, Ursache und Folge in ihrer Verkettung erst entschleiert werden. Zwischen einer Frage und der nächsten lagen Welten des Begreifens, ein Ja, ein Nein, oft hilflos hingeworfen, galt noch nichts, wo jeder Begriff erst aus der Dunkelheit erstand und die [21]Verständigung von Vokabel zu Vokabel stockte. Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln, als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte, so daß es Daumer zumute war, als hebe er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen. Er hielt den Körper, indes der Geist des Knaben zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine Kunde brachte, dergleichen kein Ohr je vernommen.

Bericht Caspar Hausers, von Daumer aufgezeichnet

Soweit Caspar sich entsinnen konnte, war er immer in einem dunkeln Raum gewesen, niemals anderswo, immer in demselben Raum. Niemals den Menschen gesehen, niemals seinen Schritt gehört, niemals seine Stimme, keinen Laut eines Vogels, kein Geschrei eines Tieres, nicht den Strahl der Sonne erblickt, nicht den Schimmer des Mondes. Nichts vernommen als sich selbst, und doch nichts von sich selber wissend, der Einsamkeit nicht inne werdend.

Das Gemach muß von geringer Breite gewesen sein, denn er glaubte, einmal mit ausgestreckten [22]Armen zwei gegenüber liegende Wände berührt zu haben. Vordem aber schien es unermeßlich groß; angekettet an ein Strohlager, ohne die Fessel zu sehen, hatte Caspar niemals den Fleck Erde verlassen, auf dem er traumlos schlief, traumlos wachte. Dämmerung und Finsternis waren unterschieden, so wußte er also um Tag und Nacht; er kannte ihre Namen nicht, allein er sah die Schwärze, wenn er einmal in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden waren.

Er hatte kein Maß für die Zeit. Er konnte nicht sagen, wann die unergründliche Einsamkeit begonnen hatte, er dachte zu keiner Stunde daran, daß sie einmal enden könne. Er spürte keinerlei Verwandlung an seinem Leibe, er wünschte nicht, daß etwas anders sein solle, als es war, es schreckte ihn kein Ungefähr, nichts Künftiges lockte ihn, nichts Vergangenes hatte Worte, stumm lief die regelvolle Uhr des kaum empfundenen Lebens, stumm war sein Inneres wie die Luft, die ihn umgab.

Wenn er am Morgen erwachte, fand er frisches Brot neben dem Lager und den Wasserkrug gefüllt. Bisweilen schmeckte das Wasser anders als sonst; wenn er getrunken hatte, verlor er seine Munterkeit und schlief ein. Nach dem Aufwachen mußte er dann das Krüglein sehr oft in die Hand nehmen, er hielt es lange an den Mund, doch floß kein Wasser mehr heraus; er stellte es immer wieder hin und wartete, ob nicht bald Wasser komme, weil er nicht wußte, daß es gebracht wurde; hatte er doch keinen Begriff, daß außer ihm noch jemand sein könne. An solchen Tagen fand er reines Stroh auf seinem Bette, [23]ein frisches Hemd am Körper, die Nägel beschnitten, die Haare kürzer, die Haut gereinigt. All das war im Schlaf geschehen, ohne daß er es gemerkt, und kein Nachdenken darüber umflorte seinen Geist.

Ganz allein war Caspar Hauser nicht; er besaß einen Kameraden. Er hatte ein weißes Pferdchen aus Holz, ein namenloses, regungsloses Ding und gleichwohl etwas, in dem sein eignes Dasein sich dunkel spiegelte. Da er die lebendige Gestalt in ihm ahnte, hielt er es für seinesgleichen, und in den matten Glanz seiner künstlichen Augenperlen war alles Licht der äußeren Welt gebannt. Er spielte nicht mit ihm, nicht einmal lautlose Zwiesprach hielt er mit ihm, und obwohl es auf einem Brettchen mit Rädern stand, dachte er nie daran, es hin und her zu schieben. Aber wenn er sein Brot aß, reichte er ihm jeden Bissen hin, bevor er ihn selbst zum Mund führte, und bevor er einschlief, streichelte er es mit liebkosender Hand.

Das war sein einziges Tun in vielen Tagen, langen Jahren.

Da geschah es einst während der Zeit des Wachens, daß sich die Mauer auftat, und von draußen her, aus dem Niegesehenen, erschien eine ungeheure Gestalt, ein Niegesehener, der erste Andre, der das Wörtchen Du sprach und den Caspar deshalb den Du nannte. Die Decke des Raumes ruhte auf seinen Schultern, etwas unverständlich Leichtes und Veränderliches war in der Bewegung seiner Glieder, ein Lärm war um ihn, der das Ohr füllte, Laut um Laut floß rasch von seinen Lippen, zu atemlosem Hören zwang das Leuchten seiner Augen, und an seinen Kleidern [24]hing das Draußen als ein betäubender Geruch.

Von den vielen Worten, die aus dem Munde des Du kamen, verstand Caspar zunächst keines, aber durch tieferregtes Aufmerken begriff er allmählich, daß der Ungeheure ihn fortbringen wolle, daß das Ding, das seine Einsamkeit geteilt, den Namen Roß trug, daß er andre Rosse erhalten werde und daß er lernen solle.

»Lernen,« sagte der Du immer wieder, »lernen, lernen.« Und wie um klarzumachen, was das heiße, stellte er einen Schemel mit vier runden Füßen vor ihn hin, legte ein Blatt Papier darauf, schrieb zweimal den Namen Caspar Hauser und führte beim Nachschreiben Caspars Hand. Dies gefiel Caspar, weil es schwarz und weiß aussah.

Darauf legte der Du ein Buch auf den Schemel und sprach, auf die winzigen Zeichen deutend, die Worte vor. Caspar konnte sie alle wiederholen, ohne irgend den Sinn erfaßt zu haben. Auch andre Worte und gewisse Redensarten plapperte er nach, die ihm der Mann vorsagte, zum Beispiel: »Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«

Der Du schien zufrieden; jedenfalls um ihn zu belohnen, zeigte er ihm, daß man das Holzpferd auf dem Boden hin und her rollen könne, und damit vergnügte sich Caspar, als er am andern Morgen erwachte. Er schob das Rößlein vor seinem Lager auf und ab, wobei ein Geräusch entstand, das den Ohren wehe tat; deshalb ließ er es wieder und begann dafür mit dem Pferd zu reden, indem er die unverständlichen Laute aus dem Munde des Du nachahmte. Es war eine wunderliche Lust für ihn, sich selbst zu hören, er [25]hob die Arme und füllte den Raum mit seinem freudigen Gelall.

Seinen Kerkermeister mochte dies verdrießen und beunruhigen, er wollte ihn zum Schweigen bringen: auf einmal sah Caspar einen Stab über seine Schulter sausen und spürte zugleich einen so heftigen Schmerz auf dem Arm, daß er vor Schrecken nach vorne fiel. Mitten in der Angst machte er die erstaunliche Wahrnehmung, daß er nicht mehr ans Lager angebunden war. Eine Zeitlang verhielt er sich ganz stille, dann versuchte er, vorwärts zu rutschen, aber ihm graute, als er mit seinen bloßen Füßen die kalte Erde berührte. Mit Mühe erreichte er sein Lager und versank sofort in Schlaf.

Es wurde dreimal Nacht und Tag, ehe der Du wiederkam und versuchte, ob Caspar noch seinen Namen schreiben und die Worte aus dem Buch lesen konnte. Er verbarg nicht seine Verwunderung, als der Knabe dies mühelos vermochte. Er wies auf Dinge rings im Raum und nannte ihre Namen; er redete langsam, Aug’ in Aug’ mit Caspar, und hielt ihn dabei an der Schulter fest; durch seine Blicke, seine Gebärden, das Verzerren seiner Züge hindurch ahnte Caspar, was er sagte, und ihm schauderte, während seine stotternde Zunge dem Mann gehorsam war.

In der folgenden Nacht wurde er aus dem Schlaf gerüttelt. Lange und mit Qual spürte er es und konnte doch nicht ganz erwachen. Als er endlich die Augen aufschlug, war die Mauer geöffnet, und ein purpurroter Schein floß in den Raum. Der Du war über ihn gebeugt und sprach leise, vielleicht um Caspars Furcht zu stillen. Er richtete ihn empor und bekleidete ihn [26]mit Hosen, mit einem Kittel und mit Stiefeln, dann stellte er ihn auf die Füße, lehnte ihn gegen die Wand und kehrte sich mit dem Rücken gegen ihn. Er umfaßte seine Beine, hob ihn auf, Caspar umschlang mit den Armen seinen Hals, und nun ging es hinauf, einen hohen Berg hinauf, so schien es Caspar; in Wirklichkeit war es wahrscheinlich die Treppe des unterirdischen Verlieses. Furchtbar dröhnte der Atem des Mannes, etwas Kühles und Feuchtes schlug Caspar ins Gesicht, setzte sich in seinen Haaren fest, die sich von selbst zu bewegen anfingen, und klammerte sich an seine Haut.

Plötzlich wich die Schwärze, sie rauschte auf den Boden nieder; alles wurde weit, weich und blieb doch dunkel; in der Tiefe, in der Ferne wuchteten fremde große Dinge; von oben brach ein blauer Strahl und verlor sich wieder, das Schlüpfrig-Feuchte blähte die Falten der Kleider, durchdringende Gerüche wogten umher, Caspar begann zu weinen und schlief auf dem Rücken des Mannes ein.

Beim Erwachen lag er auf dem Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt, und von unten strömte Kälte in den Leib. Der Du richtete ihn auf. Die Luft brannte sonderbar, und ein unerträglich heller Schein flirrte vor den Augen. Der Du machte ihm begreiflich, daß er gehen lernen müsse; er zeigte ihm, wie er gehen solle, er hielt ihn von hinten unter den Armen und stieß seinen Kopf gegen die Brust, ihm so befehlend, daß er auf den Boden sehen solle. Caspar gehorchte wankend und zitternd, die Luft und der Schein brannten ihm die Augenlider, die Gerüche machten ihn schwindeln, die Sinne vergingen.

[27]Er schlief wieder; wie lange, das wußte er nicht. Auch wußte er nicht, wie oft er zu gehen probiert hatte, als es wieder dunkel wurde. Vielleicht glaubte er, es sei Nacht geworden, während sie sich nur in einem Wald befanden. Den Weg gewahrte er nicht, er konnte nicht sagen, ob es aufwärts oder abwärts ging. Ob Bäume oder Wiesen oder Häuser da waren, wußte er nicht. Bisweilen schien ihm alles ringsum in rote Glut getaucht, aber wenn das Weiche, Dunkle kam, dehnten sich Luft und Erde bläulich und grün. Ob Menschen vorübergingen, konnte er nicht sagen, er gewahrte nicht den Himmel, er sah nicht einmal das Gesicht des Mannes. Einmal fiel Wasser von der Höhe; er dachte, der Du schütte ihn mit Wasser an, und beklagte sich, doch jener entgegnete, er schütte ihn nicht an, er deutete in die Luft und rief: »Regen! Regen!«

Wie lange er so unterwegs gewesen, wußte er nicht. Ihm dünkte, jedesmal wenn er sich, erschöpft vom Gehen, zur Ruhe niedergelegt, sei ein Tag vergangen. Furcht zog ihn hin und bemeisterte seine Müdigkeit, sie spannte seine Gelenke und riß sein Haupt nach oben, indes die Augen unaufhörlich zur Tiefe starrten. Der Du gab ihm dasselbe Brot zu essen, das er im Kerker genossen, und ließ ihn Wasser aus einer Flasche trinken. Caspars Erschöpfung und seine Angst, wenn der Wind durch die Büsche sauste, oder wenn ein Tier schrie, oder wenn das Gras um seine Füße klirrte, suchte er durch das Versprechen schöner Pferdchen zu besiegen, und als Caspar endlich längere Zeit allein gehen konnte, sagte er, nun seien sie bald da. Er wies mit dem Arm in die Ferne und sagte: »Große Stadt.«

[28]Caspar sah nichts, taumelnd tappte er vorwärts; nach einer Weile hielt ihn der Du bei den Armen zum Zeichen, daß er stehenbleiben solle, gab ihm einen Brief und sagte, den Mund nahe an Caspars Ohr: »Laß dich weisen, wo der Brief hingehört.«

Caspar machte noch ein paar Schritte, und als er sich dann umsah, war der Du verschwunden. Er spürte plötzlich Steine unter den Füßen, er tastete nach allen Seiten, um sich zu halten, er sah Steinmauern, die im Sonnenlicht feurig lohten, aber Entsetzen packte ihn erst, als er Menschen gewahrte, erst einen, dann zwei, dann viele. Grauenhaft nah kamen sie heran, umstanden ihn, schrien ihm zu, einer ergriff ihn und schleppte ihn vorwärts, alles ringsumher war Lärm und Getöse; er begehrte zu schlafen, sie verstanden ihn nicht; er sprach von seinem Vater, von den Rossen, sie lachten und verstanden ihn nicht; er jammerte über seine wunden Füße, sie verstanden es nicht; er schlief im Stall des Rittmeisters, dann kamen wieder andre Gestalten, um, kaum daß sie sich gezeigt, mit unbegreiflicher Hast wieder zu fliehen, die Luft war schwer und kaum zu atmen, die gewaltigen Dinge, als welche ihm die Häuser erschienen, drängten sich an ihn an, und auf der Wachtstube erschreckten ihn die wilden Mienen und Gebärden der Leute so, daß er zu Tränen seine Zuflucht nahm.

Wiederum schlief er lange, und danach wurde er auf den Turm gebracht. Der Mann, der ihn die große Stiege hinaufführte, sprach mit starker Stimme und öffnete eine Tür, die einen besonderen Hall von sich gab. Kaum hatte er sich auf dem Strohsack niedergelassen, so begann die Turmuhr zu schlagen, worüber Caspar [29]in unermeßliches Erstaunen geriet. Er lauschte angestrengt, aber nach und nach hörte er nichts mehr, seine Aufmerksamkeit verlor sich und er fühlte nur das Brennen seiner Füße. In den Augen hatte er keine Schmerzen, da es dunkel war. Er setzte sich auf und wollte nach dem Krüglein langen, um seinen Durst zu stillen. Er sah kein Wasser und kein Brot, anstatt dessen sah er einen Boden, der ganz anders beschaffen war als dort, wo er früher gewesen. Nun wollte er nach seinem Pferdchen greifen und mit ihm spielen, es war aber keines da, und er sagte: »Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«

Das sollte heißen: Wo ist das Wasser hin und das Brot und das Pferdchen?

Er bemerkte den Strohsack, auf dem er lag, betrachtete ihn mit Verwunderung und wußte nicht, was es sei; mit dem Finger darauf klopfend, vernahm er dasselbe Geräusch wie von dem Stroh, das sonst sein Lager gewesen. Dies erfüllte ihn mit Beruhigung, so daß er wieder einschlief und erst mitten in der Nacht vom oftmals wiederholten Ton der Glocke erwachte. Er lauschte lang, und als der Schall verklungen war, sah er den Ofen, der eine grüne Farbe hatte und einen Glanz von sich gab (denn Caspar vermochte selbst in tiefer Dunkelheit die Farben zu unterscheiden). Er blickte sehr angespannt hinüber und murmelte wieder: »Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«

Das sollte heißen: Was ist denn dieses und wo bin ich denn? Auch drückte er damit sein Verlangen nach dem glänzenden Ding aus.

In der Frühe öffnete der Wärter die Fensterläden, das helle Tageslicht tat Caspars Augen [30]wehe; er fing zu weinen an und sagte: »Hinweisen, wo der Brief hingehört,« und damit wollte er sagen: Warum tun mir die Augen weh? Tu es weg, was mich brennt, gib mir das Pferdchen zurück und plag mich nicht so. Denn er sprach im Geiste mit dem Du, von dem er glaubte, daß er Abhilfe schaffen könnte. Er hörte die Uhr wieder schlagen, das nahm ihm die Hälfte der Schmerzen, und indes er horchte, kam ein Mann und stellte allerhand Fragen, aber Caspar gab keine Antwort, weil seine Aufmerksamkeit auf den verhallenden Klang gerichtet war. Der Mann faßte ihn am Kinn, hob seinen Kopf in die Höhe und redete mit starker Stimme. Jetzt hörte Caspar zu und sagte all seine gelernten Worte her, aber der Mann verstand ihn nicht. Er ließ seinen Kopf los, setzte sich neben Caspar und fragte immerfort; als nun die Uhr wieder tönte, sagte Caspar: »Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«

Das sollte bedeuten: Gib mir das Ding, das so schön klingt.

Der Mann verstand ihn nicht und redete weiter, da fing Caspar an zu weinen und sagte: »Roß geben,« womit er den Mann bat, er möge ihn nicht so quälen.

Er saß dann lange Zeit allein. Aus weiter Ferne klang ein Trompetenschall aus der Kaiserstallung, und als ein andrer Mann eintrat, sagte Caspar die Redensart mit dem Brief; das sollte heißen: Weißt du nicht, was das ist? Der Mann brachte den Wasserkrug und ließ Caspar trinken, danach ward es ihm leicht zumute und er sagte: »Möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.« Das bedeutete: Jetzt darfst du nicht mehr [31]fortgehen, Wasser. Bald erklang wieder die Trompete und Caspar lauschte freudig; er dachte, wenn sein Pferdchen käme, würde er ihm erzählen, was er gehört.

An diesem Tag aber begann schon die Peinigung, die er von den vielen Menschen auszustehen hatte.

Eine hohe amtliche Person wird Zeuge eines Schattenspiels

Natürlich hatte es wochenlang gedauert, bis Professor Daumer einen so vollständigen Einblick in die Vergangenheit des Jünglings gewonnen hatte. Dies alles ans Licht zu bringen, kündbar, greifbar, hatte Ähnlichkeit gehabt mit der Arbeit eines Brunnengräbers. Was anfangs ein Fiebertraum geschienen, besaß nun die Züge des Lebens.

Daumer verfehlte nicht, der Behörde den Sachverhalt in einer gewissenhaften Niederschrift vorzulegen. Die Folge davon war, daß sich der Magistrat entschloß, die Bahn förmlicher Verhöre zu verlassen und in eine vertrautere Beziehung zu dem Unglücklichen zu treten. Die auffälligen Besonderheiten seines Wesens sollten noch einmal überprüft werden, hieß es in einer der gerichtlichen Noten, deshalb wurden Ärzte, Gelehrte, Polizeibeamte, scharfsinnige Juristen, kurz unzählige Personen, die an seinem Schicksal freien Anteil nahmen, zu ihm auf den Turm geschickt. Es war ein endloses Schnüffeln und Debattieren, Zweifeln und Staunen, doch die verschiedenen Erklärungen liefen alle auf eins hinaus, und die [32]bloße Kraft des Augenscheins mußte den Daumerschen Bericht bestätigen.

Wenige Tage später, gegen Anfang Juli, veröffentlichte der Bürgermeister einen Aufruf, der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte. Zunächst wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert, und nachdem die eigne Erzählung des Jünglings mit tunlichster Ausführlichkeit wiedergegeben war, beschrieb der Verfasser diesen selbst. Er sprach von der alle Umgebung bezaubernden Sanftmut und Güte des Knaben, in der er anfangs immer nur mit Tränen und nun, im Gefühl der Erlösung, mit Innigkeit seines Unterdrückers gedenke; von seiner rührenden Ergebenheit an diejenigen, die häufig mit ihm umgingen, von seiner unbedingten Willfährigkeit zum Guten, die mit der Ahnung dessen verbunden sei, was böse ist, ferner von seiner außerordentlichen Lernbegierde.

»Alle diese Umstände,« fuhr der beredsame Erlaß fort, »geben in demselben Maß, in dem sie die Erinnerungen des Jünglings bekräftigen, die Überzeugung, daß er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des Herzens ausgestattet ist, und berechtigen zu dem Verdacht, daß sich an seine Kerkergefangenschaft ein schweres Verbrechen knüpft, wodurch er seiner Eltern, seiner Freiheit, seines Vermögens, vielleicht sogar der Vorzüge hoher Geburt, in jedem Fall aber der schönsten Freuden der Kindheit und höchsten Güter des Lebens verlustig geworden ist.«

Eine kühne und folgenschwere Vermutung, die eher dem mitleidigen Gemüt und dem romantischen Geist als der behördlichen Vorsicht eines hohen Bürgermeisteramtes zur Ehre gereichte!

[33]»Zudem beweisen mancherlei Anzeichen,« hieß es weiter, »daß das Verbrechen zu einer Zeit verübt worden, wo der Jüngling der Sprache schon einmal mächtig gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung gelegt war, die gleich einem Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen hervorleuchtet. Es ergeht daher an die Justiz-, Polizei-, Zivil- und Militärbehörden und an jedermann, der ein menschliches Herz im Busen trägt, die dringende Aufforderung, alle, auch die unbedeutendsten Spuren und Verdachtsgründe bekanntzugeben. Und nicht etwa deswegen, um Caspar Hauser zu entfernen, denn die Gemeinde, die ihn in ihren Schoß aufgenommen, liebt ihn, betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr zugeführtes Pfand der Liebe, das sie ohne gültigen Beweis der Ansprüche andrer nicht abtreten wird, sondern nur, um die Übeltat zu entdecken und den Bösewicht samt seinen Gehilfen der gerechten Sühne auszuliefern.«

Wahrscheinlich wurden von den Urhebern große Hoffnungen an das Manifest geknüpft, aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und bereitete den Nürnberger Herren mancherlei Verlegenheiten. Zunächst lief eine Menge unsinniger und verleumderischer Bezichtigungen ein, durch welche eine Reihe von adligen Familien und von intimen Vorgängen in aristokratischen Kreisen dem Gerede ausgesetzt wurden: Kindesmord, Kindesraub, Kindesunterschiebung waren nach Ansicht des gemeinen Volks Verbrechen, welche die vornehmen Leute täglich und zum Vergnügen begehen.

Schlimmer war es, daß die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof des Rezatkreises [34]auf nichtamtlichem Weg zu Händen kam. Irgendein grimmiger Hofrat am selben Gerichtshof erließ allsogleich ein gepfeffertes Schreiben an die Kreisregierung in Ansbach, worin erstlich die Publikation des Nürnberger Bürgermeisters als vorschriftswidrig, zweitens als abenteuerlich bezeichnet wurde, worin drittens der lebhafte Tadel darüber ausgedrückt war, daß durch das verfrühte Preisgeben wichtiger Umstände eine Kriminaluntersuchung wenn auch nicht vereitelt, so doch sehr erschwert worden sei. Der ergrimmte Hofrat ersuchte daher die Regierung, den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen und zu befehlen, daß die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzüglich anher zu senden seien.

Die Regierung ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie sendete ein Reskript an den Stadtkommissär von Nürnberg und äußerte sich dahin, daß die erzählte Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe Unwahrscheinlichkeiten enthalte, daß der Gedanke an eine ärgerliche Täuschung nicht abzuweisen sei. Gleichzeitig wurden die noch vorhandenen Exemplare des »Intelligenzblattes« und des »Friedens- und Kriegskuriers«, in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war, beschlagnahmt. Dies wurde dem Appellhof ordnungsgemäß mitgeteilt und die Erwägung daran geknüpft, ob die strafrechtliche Verfolgung des Häftlings einzuleiten sei oder nicht.

Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder. Schleunigst ließen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten sie mit Eilpost nach Ansbach hinüber. Vielleicht wähnten sie, daß nun alles gut sei, aber der grimme Hofrat dortselbst erhob alsbald wieder [35]seine Stimme. »Die Verhöre mit dem Häftling und die Zeugnisse über ihn sind aktenmäßig nicht einwandfrei,« zeterte er; »es sind keineswegs alle Personen, die zuerst mit ihm in Berührung getreten sind, polizeilich vernommen worden; ferner hätte der Professor Daumer, um der öffentlichen Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu geben, seine Gespräche mit dem Findling zu den Akten legen sollen.«

Die Regierung, um ein übriges zu tun, warnte den Magistrat vor einseitigem Verfahren. Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall von Trotz und Entrüstung: ja, aber in den Maßregeln, wie ihr sie verlangt, liegt Gefahr, die Entdeckung zu hemmen, welche Anklage die vorgesetzte Behörde mit zorniger Energie zurückwies. Holt eure Versäumnisse nach, diktierte sie, protokolliert Verhöre, schickt Akten, Akten, nichts als Akten.

Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgänge verfolgt. Er bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behörde als widerwärtige Federfuchserei und hatte allen Ernstes die Absicht, seinem Unmut in einer geharnischten Epistel an die Regierung Luft zu machen. Mit Mühe hielten besonnene Freunde ihn davon zurück. »Aber es muß doch etwas geschehen!« warf er ihnen voll Empörung entgegen, »man ist ja auf dem besten Weg, einen Justizmord zu begehen, und soll ich dazu die Hände in den Schoß legen?«

»Das ratsamste wäre,« antwortete der Freiherr von Tucher, der bei diesem Auftritt anwesend war, »sich persönlich an den Staatsrat Feuerbach zu wenden.«

»Das hieße also, nach Ansbach reisen?«

[36]»Gewiß.«

»Aber nehmen Sie denn an, daß er, als Präsident des Appellgerichts, von den Maßnahmen seiner untergebenen Beamten nicht schon unterrichtet ist und sie etwa gar mißbillige?«

»Gleichviel, ich verspreche mir etwas von einer mündlichen Auseinandersetzung; ich kenne Herrn von Feuerbach, er ist der letzte, der einer gerechten Sache sein Ohr verschließt.«

Die Reise wurde beschlossen. Daumer und Herr von Tucher befanden sich am andern Tag schon in Ansbach. Unglücklicherweise war der Präsident Feuerbach gerade auf einer Inspektionsreise durch den Bezirk, sollte erst am fünften Tag zurückkommen, und die beiden Herren, sofern sie das vorgesetzte Ziel erreichen wollten, mußten ihren Aufenthalt in der Kreishauptstadt über Gebühr verlängern.

Mittlerweile hatte der Findling eine gar böse Zeit. Sein Turmgefängnis wurde das Ziel aller Müßiggänger und Neugierlinge der ganzen Stadt. Man lief hin wie zu der Ausstellung einer unterhaltsamen Rarität, denn der magistratische Erlaß hatte ihn zu einem öffentlichen Gegenstand gemacht. Seine bisherigen Beschützer waren ein wenig zurückhaltender geworden, denn man wußte ja nicht, wie die Geschichte enden würde und ob nicht ein hochweises Appellgericht ihn zum gewöhnlichen Schwindler stempeln würde. Der Turmwärter durfte der allgemeinen Volksbelustigung nicht steuern, der Bürgermeister selbst hatte die früheren Befehle aufgehoben, weil es zweckmäßig schien, daß möglichst viele Leute den Fremdling sahen. Oft erbarmte ihn der wehrlose Knabe, doch schmeichelte es anderseits seiner Eitelkeit, [37]Herr über ein solches Wunderding zu sein, auch spazierte nebenbei mancher Groschen in den Beutel.

Brach der Morgen an und Caspar Hauser erhob sich vom Schlaf, seltsam müde, mit den Augen das Licht meidend; saß er traurig stumm in der Ecke, während Hill den Strohsack aufschüttelte und Wasser und Brot brachte, dann erschienen schon die ersten Besucher, die berufsmäßigen Frühaufsteher: Straßenkehrer, Dienstmägde, Bäckergesellen, Handwerker, die zur Arbeit gingen, auch Knaben, die auf dem Weg zur Schule einen ergötzlichen Abstecher machten, sogar einige höchst unbürgerliche Erscheinungen, zerlumpte Herren, die die Nacht im Stadtgraben oder in einer Scheune verbracht hatten.

Mit dem Verlauf des Tages wurde die Gesellschaft vornehmer; es kamen ganze Familien, der Herr Rendant mit Weib und Kind, der Herr Major a. D., der Schneidermeister Bügelfleiß, Graf Rotstrumpf mit seinen Damen, Herr von Übel und Herr von Strübel, die ihre Morgenpromenade zum Zweck einer Besichtigung des kuriosen Untiers unterbrachen.

Es war ein heiteres Treiben; man konversierte, wisperte, lachte, spottete und tauschte Meinungen aus. Man war freigebig und brachte dem Jüngling allerlei Geschenke, die er ansah wie ein Hund, der noch nicht apportieren gelernt hat, den fortgeworfenen Spazierstock seines Herrn ansieht. Man legte Eßwaren vor ihn hin, um seinen Appetit zu reizen; so schleppte zum Beispiel die Kanzleirätin Zahnlos einmal eine ganze Schinkenkeule herauf, die allerdings am andern Tag verschwunden war – wohin, das wußte niemand; doch zog man bedeutsame Schlüsse daraus.

[38]Vor allem hieß es: zeigt uns das Wunder, das angepriesene Wunder! Aber da der schweigsame, sanftherzige Knabe nichts von alledem tat, was sie in ihrer lüsternen Erwartung sich eingebildet, so begannen sie entweder zu schimpfen – als ob sie Eintrittsgeld bezahlt hätten und darum betrogen worden wären – oder stellten die erstaunlichsten Torheiten an. Indem sie ihn fortwährend mit Fragen quälten, woher er komme, wie er heiße, wie alt er sei und ähnliches, kamen sie sich sowohl witzig wie überlegen vor. Sein flehentliches Kopfschütteln, sein ungereimtes Nein oder Ja, das wie aus Kindermund froh-bereitwillig und furchtsam zugleich klang, sein Gestotter, sein gläubiges Lauschen, alles das erregte ihr Behagen. Einige brachten ihr Gesicht ganz nah an seines und waren höchst vergnügt, wenn er vor ihren Starrblicken sichtlich bis ins Innerste erschrak. Sie befühlten seine Haare, seine Hände, seine Füße, zwangen ihn, durchs Zimmer zu spazieren, zeigten ihm Bilder, die er erklären sollte, und taten zärtlich mit ihm, während sie einander listig zuzwinkerten.

Aber die Harmlosigkeit solcher Versuche ward den unternehmenderen Geistern bald überdrüssig. Man wollte sich doch überzeugen, ob es seine Richtigkeit damit hatte, daß der Gefangene jede Nahrung außer Brot und Wasser verschmähe. Man hielt ihm Fleisch und Wurst, Honig oder Butter, Milch oder Wein vor die Nase und amüsierte sich köstlich, wenn der Knabe vor Ekel förmlich außer sich geriet. »Ei, der Komödiant,« kreischten sie dann, »tut, als ob er unsre Leckerbissen verachte! Hat sich wahrscheinlich mal in eines großen Herrn Küche überfressen!«

[39]Einen Hauptspaß gab’s, als einmal zwei junge Meister der Goldschlägerinnung Schnaps herbeibrachten und sich verabredeten, dem Hauser das Getränk mit Gewalt aufzunötigen. Der eine hielt ihn, der andre wollte ihm das volle Glas zwischen die Lippen schütten. Doch konnten sie ihren Plan nicht ausführen, weil ihr Opfer durch den bloßen Geruch, der aus dem Gefäß strömte, das Bewußtsein verloren hatte. Sie waren einigermaßen verdutzt und wußten mit dem Ohnmächtigen nichts anzufangen; zum Glück sahen sie ihn atmen und hatten weiter keine Furcht. »Glaubt ihm doch seine Kniffe nicht,« meinte ein stutzerhaft gekleidetes Bürschlein, das bisher gelangweilt dabeigestanden, »ich will ihn schon wieder munter kriegen.« Sprach’s, zog lächelnd die goldene Schnupftabaksdose und steckte eine volle Prise unter die Nase des vermeintlichen Simulanten, dessen Gesicht sogleich von heftigen Zuckungen bewegt wurde, worüber alle drei in Gelächter ausbrachen. Als dann der Wärter kam und sie derb zur Rede stellte, zogen sie schimpfend ab und räumten den Plan einem gravitätischen älteren Herrn, der den langsam zum Leben zurückkehrenden Caspar von vorn und von hinten beschnüffelte, den Finger an die Stirn legte, sich räusperte, den Kopf schüttelte, erst französisch, dann spanisch, dann englisch auf den Jüngling einredete, mit dem Wärter tuschelte, kurz von Wichtigkeit förmlich barst.

Caspar jedoch sah ihn immer nur an und sagte in jämmerlichem Ton: »Heimweisen.«

»Warum spielst du nicht mit dem Rößlein?« fragte, als die wichtige Person gegangen war, der Wärter. Man verständigte sich mit Caspar [40]noch immer mehr durch Gesten als durch Worte, und er selbst las, was Worte ihm nicht mitteilen konnten, von den Augen und den Händen der Menschen ab.

Er blickte auch Hill lange an und sagte: »Heimweisen.«

»Heimweisen?« antwortete der Wärter, halb verdrießlich, halb mitleidig. »Wohin denn heim? Wo bist du denn daheim, du Unglückswurm? In dem unterirdischen Loch vielleicht? Nennst du das daheim?«

»Der Du soll kommen,« sagte Caspar klar, langsam und hell.

»Der wird sich hüten,« versetzte Hill, bärbeißig lachend.

»Der Du kommt, bald kommt,« beharrte Caspar, und er schaute mit einem Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel, als sei er überzeugt, daß der Du durch die Lüfte schreiten könne. Dann erhob er sich in seiner mühevollen Weise, nahm sein Spielpferdchen und versuchte es zu tragen, denn dies allein wollte er von den Gegenständen, die er geschenkt erhalten, mitnehmen, wenn der Du käme, sonst nichts.

Hill begriff sein Vorhaben. »Nein, Caspar,« sagte er, »jetzt mußt du schon in dieser Welt bleiben. Daß sie dir nicht gefallen mag, versteh’ ich wohl. Mir gefällt sie auch nicht, aber dableiben mußt du.«

Caspar, wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte, erfaßte doch den unabänderlichen Beschluß, den sie enthielten. Er begann an allen Gliedern zu beben, laut weinend warf er sich zu Boden, aber auch später, als es dem bestürzten Hill gelungen war, ihn zu trösten, schien es, wie wenn er vor Kummer sein Herz verhauche. Die [41]Traurigkeit seines Gemüts überflutete das kindhafte Gesicht wie ein dunkler Schleier, und am Morgen waren seine Lider durch die während des Schlummers vergossenen Tränen verklebt.

Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen, sondern kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck. Bei jedem Krachen der Treppe schüttelte es ihn, und er schauderte, wenn sich wieder und wieder ein neues Gesicht über der Schwelle zeigte. Zitternd sah er die Menschen an, der Geruch ihres Atems war ihm eine Pein und unerträglich, wenn sie ihn berührten. Am meisten Furcht hatte er vor ihren Händen. Zuerst sah er immer die Hände an, merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe, und ehe er sie an seiner Haut spürte, erschrak er schon, denn sie erschienen ihm wie selbständige Geschöpfe, kriechende, klebrige, gefährliche Tiere, deren Tun von einem Augenblick zum andern gar nicht abzuschätzen war.

Nur Daumers Hand, die einzige, deren Berührung angenehm war, war verschwunden. Warum? dachte Caspar, warum war dies alles? Warum das seltsame Getöse von früh bis spät? Woher kamen die fremden Gestalten, warum so viele, und warum war ihr Mund und ihr Auge böse?

Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr, auch hungerte ihn nicht mehr nach dem gewürzten Brot. In seiner Erschöpfung dünkte ihm mitten am Tage, es sei Nacht geworden, und das Heißgleißende, -funkelnde, von dem man ihm gesagt, daß es der Schein der Sonne sei, wurde vor seinen müden Augen zu purpurnem Dunst. Es beängstigte ihn das Geräusch des Windes, denn er verwechselte es mit den Stimmen der Menschen. [42]Er sehnte sich in die Einsamkeit seines Kerkers zurück; heimweisen war sein einziger Gedanke.

Es war ein Sonntag. Spätnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus Ansbach wieder angelangt, und in ihrer Begleitung befand sich der Staatsrat von Feuerbach, der sich entschlossen hatte, den Findling selbst zu besuchen und womöglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher von Akten und Erlässen zu bringen. Nachdem er im Gasthof zum Lamm Quartier gemietet hatte, ließ sich der Präsident von den beiden Herren sogleich zur Burg und auf den Turm führen. Es hatte schon neun Uhr geschlagen, als sie dort ankamen. Groß war ihre Überraschung, als sie das Zimmer Caspars leer fanden; die Frau des Wärters erklärte verlegen, ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen. Der Rittmeister von Wessenig habe nämlich einigen seiner von auswärts zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewünscht, habe heraufgeschickt und befohlen, daß man Caspar bringe.

Daumer war erbleicht und schaute, Schlimmes ahnend, finster zu Boden; Herr von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern, und über die bartlosen Lippen des Präsidenten huschte ein halb mokantes, halb verächtliches Lächeln; seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch Pflichtversäumnisse vielfach beleidigten Fürsten, als er sich mit der schroffen Aufforderung zu seinen Begleitern wandte: »Führen Sie mich zu diesem Wirtshaus!«

Die Dunkelheit war eingebrochen, über dem Dach des Rathauses stand fahlleuchtend der Mond. Schweigend schritten die drei Männer [43]den Berg hinab, und kaum waren sie, das winklige Gassengewirr verlassend, auf den Weinmarkt getreten, als Daumer stehenblieb und mit erregter Stimme flüsterte: »Da ist er.«

In der Tat sahen sie Caspar, der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte. Der Präsident und Herr von Tucher blieben ebenfalls stehen, und sie bemerkten jetzt, daß der Jüngling plötzlich innehielt, zurückschauderte und, ein maßloses Staunen in den vor Angst weit aufgerissenen Augen, zu Boden starrte. Die drei Männer näherten sich eilig, um zu erfahren, was es sei. Sie sahen nichts weiter als die Mondschatten des Jünglings und seines Begleiters auf dem Pflaster.

Caspar wagte nicht mehr sich zu regen, weil er jede Bewegung seines Körpers nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding. Seine Lippen waren wie zum Schrei geöffnet, seine Wangen schneeweiß und die Knie schlotterten ihm. War es doch, als ob alles Grauenhafte und Geheimnisvolle einer Welt, in die ein Ungefähr ihn geschleudert, sich zu dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe.

Daumer, Herr von Tucher und der Wärter bemühten sich um ihn, der Präsident stand wortlos daneben. Als er emporblickte, bemerkte Daumer, der ihn heimlich und gespannt beobachtete, in seinem strengen Gesicht eine unverstellte Erschütterung.

Es fehlte nicht viel, so wäre Hill, den der Zorn des Präsidenten am ersten traf, noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden; nur die mutige Fürsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das Gewitter auf schuldigere Personen ab, denn die Vernachlässigung, die der [44]Gefangene erlitten, war allzu offenbar. Seiner ungestümen Art gemäß suchte der Präsident sogleich den Bürgermeister Binder auf, dem er die heftigsten Vorwürfe machte. Herr Binder konnte nicht umhin, dem Präsidenten kleinmütig beizupflichten; die Entschiedenheit, mit der er den Gegenstand behandelt sah, übte tiefen Eindruck auf ihn, und er mußte einen kaum wieder gutzumachenden Fehler vor sich selber eingestehen. Von seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen, die Scherereien mit der Regierung hatten ihn verdrossen, jetzt auf einmal, da der mächtige Mann seine Stimme für den Findling erhob, wurde er sich seiner Bereitwilligkeit bewußt, alles Fördernswerte für Caspar Hauser zu tun, und er erklärte sich ohne weiteres einverstanden, als Herr von Feuerbach verlangte, der Knabe müsse seiner bisherigen Lage entrissen werden. »Er soll in eine geordnete Pflege kommen,« sagte der Präsident, »Professor Daumer hat sich freiwillig erboten, ihn zu sich ins Haus zu nehmen, und ich wünsche nicht, daß dieser Schritt im geringsten verzögert werde.«

Binder verbeugte sich. »Ich werde morgen mit dem frühesten die nötigen Anstalten treffen,« antwortete er.

»Nicht, bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen,« versetzte der Präsident hastig; »ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte, daß man mich eine Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse.«

Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen. Kaum daß er, nach tagelanger Abwesenheit, Mutter und Schwester ordentlich begrüßte. »Die Herrschaften müssen artig gewütet haben,« grollte [45]er, indem er unaufhörlich durch das Zimmer wanderte, »der Knabe ist ja ganz verstört. Das heiß’ ich menschlich sein, das heiß’ ich Einsicht haben! Barbaren sind sie, Schlächter sind sie! Und unter solchem Volk zu leben bin ich gezwungen!«

»Warum sagst du es ihnen nicht selbst?« bemerkte Anna Daumer trocken. »Hinter deinen vier Wänden zu schimpfen fruchtet wenig.«

»Sag mal, Friedrich,« wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn, »bist du denn wirklich fest davon überzeugt, daß du dein Herz nicht wieder einmal an einen Götzen wegwirfst?«

»Aus deiner Frage erkennt man, daß du ihn noch immer nicht gesehen hast,« antwortete Daumer fast mitleidig.

»Das wohl; es war mir ein zu groß Gerenne.«

»Also. Wenn man von ihm spricht, kann man nicht übertreiben, weil die Sprache zu ärmlich ist, um sein Wesen auszudrücken. Es ist wie eine uralte Legende, dies Emportauchen eines märchenhaften Geschöpfs aus dem dunkeln Nirgendwo; die reine Stimme der Natur tönt uns plötzlich entgegen, ein Mythos wird zum Ereignis. Seine Seele gleicht einem kostbaren Edelstein, den noch keine habgierige Hand betastet hat; ich aber will danach greifen, mich rechtfertigt ein erhabener Zweck. Oder bin ich nicht würdig? Glaubt ihr, daß ich nicht würdig bin dazu?«

»Du schwärmst,« sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast unwillig.

Daumer zuckte lächelnd die Achseln. Dann trat er an den Tisch und sagte in einem Ton, dessen Sanftheit gleichwohl einen gefürchteten Widerstand im voraus zu bekämpfen schien: »Caspar wird morgen in unser Haus ziehen; ich [46]habe Exzellenz Feuerbach darum angegangen und er hat meiner Bitte willfahrt. Ich hoffe, daß du nichts dawider einzuwenden hast, Mutter, und daß du mir glaubst, wenn ich versichere, es ist eine Sache von großer Bedeutung für mich. Ich bin höchst wichtigen Entdeckungen auf der Spur.«

Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen.

Am nächsten Morgen um zehn fanden sich Daumer, der Bürgermeister, der Stadtkommissär, der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof vor dem Gefängnisturm ein und warteten dritthalb Stunden auf den Präsidenten, der bei dem Findling oben war. Daumer, der Gespräche mit andern vermeiden wollte, stand fast ununterbrochen an der Umfassungsmauer und blickte auf das malerische Gassen- und Dächergewirr der Stadt hinunter.

Als der Präsident endlich unter den Wartenden erschien, drängten sich alle mit Eifer heran, um die Meinung des berühmten und gefürchteten Mannes zu hören. Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so düsteren Ernst, daß niemand ihn mit einer Anrede zu belästigen wagte; sein machtvolles Auge blickte brennend nach innen, die Lippen waren gleichsam aufeinander geballt, auf der Stirn lag eine von Nachdenken zitternde senkrechte Falte. Das Schweigen wurde vom Bürgermeister mit der Frage unterbrochen, ob Exzellenz nicht geruhen wolle, das Mittagessen in seinem Haus zu nehmen. Feuerbach dankte; dringende Geschäfte nötigten ihn zu sofortiger Rückkehr nach Ansbach, entgegnete er. Darauf wandte er sich an Daumer, reichte ihm die Hand und sagte: »Sorgen Sie sogleich für die Übersiedlung des Hauser; der [47]arme Mensch braucht dringend Ruhe und Pflege. Sie werden bald von mir hören. Gott befohlen, meine Herren!«

Damit entfernte er sich in raschen, kleinen, stampfenden Schritten, eilte den Hügel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche. Die Zurückbleibenden machten etwas enttäuschte Mienen. Da sie alle überzeugt waren, daß der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und daß kein andres als sein Auge das Dunkel durchdringen könne, welches über Untat und Verbrechen brütete, waren sie verstimmt über eine Schweigsamkeit, die ihnen beabsichtigt und planvoll erschien.

Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers.

Der Spiegel spricht

Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengärtlein auf der Insel Schütt; es war ein altes Gebäude mit vielen Winkeln und halbfinstern Kammern, doch erhielt Caspar ein ziemlich geräumiges und wohleingerichtetes Zimmer gegen den Fluß hinaus.

Er mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Es zeigten sich jetzt mit einem Schlag die Folgen der jüngstdurchlebten Zeit. Er war wieder ohne Sprache, ja bisweilen wie ohne Gefühl des Lebens. Auf den ungewohnten Kissen warf er sich fiebernd herum. Wie jammervoll, ihn bei jedem Knacken der Dielen erschaudern zu sehen; auch das Geräusch des Regens an den Fenstern versetzte ihn in aufgewühlte Bangnis. Er hörte die Schritte, die auf dem weiten Platz vor dem Haus verhallten, [48]er vernahm mit Unruhe die metallenen Schläge aus einer fernen Schmiede, jeder Stimmenlärm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen des Schmerzes hervor; und von Moment zu Moment vertauschten seine Züge den Ausdruck der Erschöpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit.

Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett. Diese Opferkraft und Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen. »Er muß mir leben,« sagte er. Und Caspar fing an zu leben. Vom dritten Tag ab besserte sich sein Zustand stetig und schnell. Als er am Morgen erwachte, lag ein besinnendes Lächeln auf seinen Lippen. Daumer triumphierte.

»Du tust ja, als ob du selbst dem Kerker entronnen wärst,« meinte seine Schwester, die nicht umhin konnte, an seiner Freude teilzunehmen.

»Ja, und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten,« antwortete er lebhaft; »sieh ihn nur an! Es ist ein Menschenfrühling.«

Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen. Daumer führte ihn in den Garten. Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade, band er ihm einen grünen Papierschirm um die Stirn. Späterhin wurden die Dämmerungszeit oder die Stunden bewölkten Himmels für diese Ausgänge vorgezogen.

Es waren ja Reisen, und nichts geschah, was nicht zum Ereignis wurde. Welche Mühe, ihn sehen, ihn das Gesehene nennen zu lehren. Er mußte erst zu den Dingen Vertrauen gewinnen, und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm selbstverständlich ward, machte ihn ihre unvermutete Nähe bestürzt. Als er endlich die Höhe des Himmels [49]und auf der Erde die Entfernung von Weg zu Weg begriff, wurde sein Gang ein wenig leichter und sein Schritt mutiger. Alles lag am Mut, alles lag daran, den Mut zu kräftigen.

Das ist die Luft, Caspar; du kannst sie nicht greifen, aber sie ist da; wenn sie sich bewegt, wird sie zum Wind, du brauchst den Wind nicht zu fürchten. Was hinter der Nacht liegt, ist gestern; was über der nächsten Nacht liegt, ist morgen. Von gestern bis morgen vergeht Zeit, vergehen Stunden, Stunden sind geteilte Zeit. Dies ist ein Baum, dies ist ein Strauch, hier Gras, hier Steine, dort Sand, da sind Blätter, da Blüten, da Früchte ...

Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde einleuchtend durch das unvergeßliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf der Zunge, er spürt es bitter oder süß, es sättigt ihn oder läßt ihn unzufrieden. Auch hatten viele Worte Gesichter; oder sie tönten wie Glockenschläge aus der Dunkelheit; oder sie standen wie Flammen in einem Nebel.

Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man mußte nachlaufen, und hatte man es endlich erwischt, so war es eigentlich gar nichts und machte einen traurig. Gleichwohl führte derselbe Weg auch zu den Menschen; ja, es war, als ob die Menschen hinter einem Gitter von Worten stünden, das ihre Züge fremd und schrecklich machte; wenn man aber das Gitter zerriß oder dahinter kam, waren sie schön.

Hatte es am Morgen neu geklungen, zu sagen: die Blume, am Mittag war es schon vertraut, am Abend war es schon alt. »Dies Herz, dies Hirn, zur Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange [50]Zeiten, treibt wie vertrockneter und endlich befeuchteter Humus Sprößlinge, Blüten und Früchte in einer Nacht,« notierte der fleißige Daumer; »was dem matten Blick der Gewohnheit unwahrnehmbar geworden, erscheint diesem Auge frisch wie aus Gottes Hand. Und wo die Welt verschlossen ist und ihre Geheimnisse beginnen, da steht er noch seltsam drängend und fragt sein zuversichtliches Warum. Nach jedem Schall und jedem Schein tappt dies zweifelnde, erstaunte, hungrige, ehrfurchtslose Warum.«

Es ist nicht zu leugnen, Daumer war oft erschreckt durch das Gefühl eignen Ungenügens. Heißt das noch lehren? grübelte er, heißt das noch Gärtner sein, wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet, das maßlos wuchernde Getriebe keine Grenze achtet? Wie soll das enden? Zweifellos bin ich hier einem ungewöhnlichen Phänomen auf der Spur und meine teuern Zeitgenossen werden sich herbeilassen müssen, ein wenig an Wunder zu glauben.

Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars, einst heimkehren zu dürfen; »erst lernen, dann heim,« sagte er mit dem Ausdruck unbesiegbarer Entschiedenheit. »Aber du bist ja zu Hause, hier bei uns bist du zu Hause,« wandte Daumer ein. Aber Caspar schüttelte den Kopf.

Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinüber, wo Kinder spielten, deren Wesen er mit komischem Befremden studierte. »So kleine Menschen,« sagte er zu Daumer, der ihn einmal dabei überraschte, »so kleine Menschen.« Seine Stimme klang traurig und höchst verwundert.

Daumer unterdrückte ein Lächeln und während sie zusammen ins Haus gingen, suchte er [51]ihm klarzumachen, daß jeder Mensch einmal so klein gewesen, auch Caspar selbst. Caspar wollte das durchaus nicht zugeben. »O nein, o nein,« rief er aus, »Caspar nicht, Caspar immer so gewesen wie jetzt, Caspar nie so kurze Arme und Beine gehabt, o nein!«

Dennoch sei dem so, versicherte Daumer; nicht allein, daß er klein gewesen, sondern er wachse ja noch täglich, verändere sich täglich, sei heute ein ganz andrer als der Hauser auf dem Turm, und nach vielen Jahren werde er alt werden, seine Haare würden weiß sein, die Haut voller Runzeln.

Da wurde Caspar blaß vor Furcht; er fing an zu schluchzen und stotterte, das sei nicht möglich, er wolle es nicht, Daumer möge machen, daß es nicht geschehe.

Daumer flüsterte seiner Schwester etwas zu, diese ging in den Garten und brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe, eine aufgeblühte und eine verwelkte Rose mit herauf. Caspar streckte die Hand nach der vollblühenden aus, wandte sich aber gleich mit Ekel ab, denn so sehr er die rote Farbe vor allen andern liebte, der heftige Geruch der Blume war ihm unangenehm. Als ihm Daumer den Unterschied der Lebensalter an Knospe und Blüte erklären wollte, sagte Caspar: »Das hast du doch selbst gemacht, es ist ja tot, es hat keine Augen und keine Beine.«

»Ich hab’ es nicht gemacht,« entgegnete Daumer, »es ist lebendig, es ist gewachsen; alles Lebendige ist gewachsen.«

»Alles Lebendige gewachsen,« wiederholte Caspar fast atemlos, indem er nach jedem Wort pausierte. Hier drohte Verwirrung. Auch die [52]Bäume im Garten seien lebendig, sagte man ihm, und er getraute sich nicht, den Bäumen zu nahen, das Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestürzt. Er fuhr fort zu zweifeln und fragte, wer die vielen Blätter ausgeschnitten habe und warum? warum so viele? Auch sie seien gewachsen, wurde geantwortet.

Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue, die sollte tot sein, trotzdem sie aussah wie ein Mensch. Caspar konnte stundenlang die Blicke nicht davon wenden, Verwunderung machte ihn stumm. »Warum hat es denn ein Gesicht?« fragte er endlich, »warum ist es so weiß und so schmutzig? Warum steht es immer und wird nicht müde?«

Als seine Furcht besiegt war, ging er heran und wagte die Figur zu betasten, denn ohne zu tasten, glaubte er nicht dem, was er sah. Er hatte den heftigen Wunsch, das Ding auseinander nehmen zu dürfen, um zu wissen, was innen war. Wie viel war überall innen, wie viel steckte überall dahinter!

Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stück des abschüssigen Weges entlang. Daumer hob ihn auf, und Caspar fragte, ob der Apfel müde sei, weil er so schnell gelaufen. Mit Grauen wandte er sich ab, als Daumer ein Messer nahm und die Frucht entzweischnitt. Da ward ein Wurm sichtbar und krümmte seinen dünnen Leib gegen das Licht.

»Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker,« sagte Daumer.

Das Wort machte Caspar nachdenklich; es machte ihn nachdenklich und mißtrauisch. Wie vieles war da im Kerker, wovon er nicht wußte! [53]Alles Innen war ein Kerker. Und in wunderlicher Verworrenheit knüpfte sich an diesen Gedanken die Erinnerung an den Schlag, den er damals erhalten, nachdem ihn der Du gelehrt, wie man das Pferdchen frei bewegen könne. In allen fremden Dingen lauerte der Schlag, in allen unbekannten wohnte Gefahr. Eine gewisse strahlende Heiterkeit, die allmählich Caspars Wesen entströmte und die das Entzücken seiner Umgebung bildete, war daher stets an jene erwartungsvolle, ahnungsvolle Bangigkeit gebunden.

Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend, gewahrte Caspar einen Regenbogen am Himmel. Er war starr vor Freude. Wer das gemacht habe, stammelte er endlich. Die Sonne. Wie, die Sonne? Die Sonne sei doch kein Mensch. Die natürlichen Erklärungen ließen Daumer im Stich, er mußte sich auf Gott berufen. »Gott ist der Schöpfer der belebten und unbelebten Natur,« sagte er.

Caspar schwieg. Der Name Gottes klang ihm seltsam düster. Das Bild, das er dazu suchte, glich dem Du, sah aus wie der Du, als die Decke des Gefängnisses auf seinen Schultern ruhte, war unheimlich verborgen wie der Du, als er den Schlag geführt, weil Caspar zu laut gesprochen.

Wie geheimnisvoll war alles, was zwischen Morgen und Abend geschah! Das Regen und Raunen der Welt, das Fließen des Wassers im Fluß, das Ziehen luftig-dunkler Gegenstände hoch in der Luft, die man Wolken nannte, das Vorübergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse, und vor allem das Flüchten der Menschen, ihre schmerzlichen Gebärden, ihr lautes [54]Reden, ihr sonderbares Gelächter. Wie viel war da zu erfahren und zu lernen!

Es schnürte Daumer das Herz zusammen, wenn er den Jüngling in tiefem Nachdenken sah. Caspar schien dann wie erfroren, er hockte zusammengekauert da, seine Hände waren geballt und er hörte und spürte nicht mehr, was um ihn vorging.

Ja, es war zu solchen Zeiten eine vollständige Dunkelheit um Caspar, und nur, wenn er lange genug versunken war, hüpfte aus der Tiefe etwas wie ein Feuerfunken, und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde Stimme zu sprechen. Wenn der Funken wieder verlosch, tat sich die äußere Welt wieder kund, aber eine schwermütige Unzufriedenheit hatte sich Caspars bemächtigt.

»Wir müssen einmal mit ihm hinaus aufs Land,« sagte Anna Daumer eines Tages, als der Bruder mit ihr darüber gesprochen. »Er braucht Zerstreuung.«

»Er braucht Zerstreuung,« gab Daumer lächelnd zu, »er ist zu gesammelt, das ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemüt.«

»Da es sein erster Spaziergang sein wird, wäre es gut, die Sache möglichst still zu unternehmen, sonst sind wieder alle Neugierigen bei der Hand,« meinte die alte Frau Daumer. »Sie schwatzen ohnehin genug über ihn und über uns.«

Daumer nickte. Er wünschte nur, daß Herr von Tucher mit von der Partie sei.

Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt. Es war schon fünf Uhr nachmittags, als sie vom Haus aufbrachen, und da sie auf Caspars langsame Gangart Rücksicht nehmen [55]mußten, gelangten sie erst spät ins Freie. Die begegnenden Leute blieben stehen, um der Gesellschaft nachzuschauen, und oft hörte man die staunenden oder spöttischen Worte: »Das ist ja der Caspar Hauser! Ei, der Findling! Wie fein er’s treibt, wie nobel!« Denn Caspar trug ein neues blaues Fräcklein, ein modisches Gilet, seine Beine staken in weißseidenen Strümpfen und die Schuhe hatten silberne Schnallen.

Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg, der nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwärts schwankte. Die Männer schritten in gemessener Entfernung hinterdrein. Plötzlich erhob Daumer den rechten Arm nach vorn, und gleich darauf blieb Caspar stehen und sah sich fragend um.

Erfreut und in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu, weiterzugehen. Nach ein paar hundert Schritten hob er wieder den Arm, und abermals blieb Caspar stehen und blickte sich um.

»Was ist das? Was bedeutet das?« fragte Herr von Tucher erstaunt.

»Darüber gibt es keine Erklärung,« antwortete Daumer voll stillen Triumphes. »Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen noch viel Merkwürdigeres zeigen.«

»Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein,« meinte Herr von Tucher ein bißchen ironisch.

»Hexerei? Nein. Aber wie sagt Hamlet: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde –«

»Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt?« unterbrach Herr von Tucher noch immer mit Ironie. »Ich für meinen Teil schlage mich zu den Skeptikern. Wir werden ja sehen.«

[56]»Wir werden sehen,« wiederholte Daumer fröhlich.

Nach oftmaligem kurzem Rasten ward am Rand einer Wiese Halt gemacht, und alle ließen sich im Gras nieder. Caspar schlief sogleich ein; Anna breitete ein Tuch über sein Gesicht und packte sodann einige mitgebrachte Eßwaren aus einem Körbchen. Schweigend begannen alle vier zu essen. Ein natürliches Schweigen war es nicht: der lieblich vergehende Tag, das sommerliche Blühen forderten eher zu heiteren Gesprächen auf, aber um den Schläfer lag ein eigner Bann, jeder spürte die Gegenwart des Jünglings jetzt stärker als vorher, und es hatte bei einigen gleichgültigen Redensarten sein Bewenden, die leiser klangen als selbst die Atemzüge des Schlummernden. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, da man absichtlich einen selten begangenen Weg gewählt hatte.

Die Sonne war am Sinken, als Caspar erwachte und, sich aufrichtend, die Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschämt anblickte. »Sieh nur hinüber, Caspar, sieh den roten Feuerball,« sagte Daumer; »hast du die Sonne schon einmal so groß gesehen?«

Caspar schaute hin. Es war ein schöner Anblick: die purpurne Scheibe rollte herab, als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels; ein Meer von Scharlachglut strömte ihr nach, die Lüfte waren entzündet, blutiges Geäder bezeichnete einen Wald und rosige Schatten bauschten langsam über die Ebene. Nur noch wenige Minuten, und schon zuckte die Dämmerung durch den sanften Karmin des Nebels, in den die Ferne getaucht war, einen Augenblick lang bebte das Gelände, [57]und grünkristallene Strahlenbündel schossen über den Westen, der versunkenen Sonne nach.

Ein geisterhaftes Lächeln glitt über die Züge der beiden Männer und der zwei Frauen, als sie Caspar mit einer Gebärde stummer Angst hinübergreifen sahen gegen den Horizont. Daumer näherte sich ihm und ergriff seine Hand, die eiskalt geworden war. Caspars Gesicht wandte sich erzitternd ihm zu, voller Fragen, voller Furcht, und endlich bewegten sich die Lippen und er murmelte schüchtern: »Wo geht sie hin, die Sonne? Geht sie ganz fort?«

Daumer vermochte nicht gleich zu antworten. So mag Adam vor seiner ersten Nacht im Paradies gezittert haben, dachte er, und es geschah nicht ohne Schauder, nicht ohne seltsame Ungewißheit, daß er den Jüngling tröstete, ihn der Wiederkunft der Sonne versicherte.

»Ist dort Gott?« fragte Caspar hauchend, »ist die Sonne Gott?«

Daumer deutete mit dem Arm weit ringsum und erwiderte: »Alles ist Gott.«

Indessen mochte ein solches Diktum pantheistischer Philosophie für die Auffassungsgabe des Jünglings ein wenig zu verwickelt sein. Er schüttelte ungläubig den Kopf, dann sagte er mit dem Ausdruck dumpf-abgöttischer Verehrung: »Caspar liebt die Sonne.«

Auf dem Heimweg war er ganz stumm; auch die übrigen, selbst die immer wohlgelaunte Anna, waren in einer wunderlich gedrückten Stimmung, als wären sie nie zuvor durch einen spätsommerlichen Abend gewandert, oder als fühlten sie den Auftritt voraus, der ihnen das Beisammensein dieser Stunden unvergeßlich machen sollte.

[58]Kurz vor dem Stadttor nämlich blieb Anna stehen und deutete mit einem Zuruf an alle in das herrlich gestirnte Firmament. Auch Caspar blickte hinauf, er erstaunte maßlos. Kleine, jähe, wirre Laute eines leidenschaftlichen Entzückens kamen aus seinem Mund. »Sterne, Sterne,« stammelte er, das gehörte Wort von Annas Lippen raubend. Er preßte die Hände gegen die Brust, und ein unbeschreiblich seliges Lächeln verschönte seine Züge. Er konnte sich nicht sattsehen; immer wieder kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurück, und aus seinen seufzerartig abgebrochenen Worten war vernehmbar, daß er die Sterngruppen und die ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte. Er fragte mit einem Ton des Außersichseins, wer die vielen schönen Lichter da hinaufbringe, anzünde und wieder verlösche.

Daumer antwortete ihm, daß sie beständig leuchteten, jedoch nicht immer gesehen würden; da fragte er, wer sie zuerst hinaufgesetzt, daß sie immerfort brennten.

Plötzlich fiel er in tiefe Grübelei. Er blieb eine Weile mit gesenktem Kopf stehen und sah und hörte nichts. Als er wieder zu sich kam, hatte sich seine Freude in Schwermut verwandelt, er ließ sich auf den Rasen nieder und brach in langes, nicht zu stillendes Weinen aus.

Es war weit über neun Uhr, als sie endlich nach Haus gelangten. Während Caspar mit den Frauen hinaufging, nahm Herr von Tucher am Gartentor von Daumer Abschied. »Was mag in ihm vorgegangen sein?« meinte er. Und da Daumer schwieg, fuhr er sinnend fort: »Vielleicht spürt er schon die Unwiederbringlichkeit der Jahre; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit schon ihre wahre Gestalt.«

[59]»Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz, das beglänzte Gewölbe zu schauen,« antwortete Daumer; »nie zuvor hat er den Blick zum nächtlichen Himmel erheben können. Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz, und von ihrer sogenannten Güte hat er wenig erfahren.«

Eine Zeitlang schwiegen sie, dann sagte Daumer: »Ich habe für morgen nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten. Es handelt sich um eine Reihe von höchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an Caspar gemacht habe. Ich würde mich freuen, wenn Sie dabei sein wollten.«

Herr von Tucher versprach zu kommen. Zu seiner Verwunderung ward er, als er am andern Tag etwas verspätet erschien, in eine vollständig verfinsterte Kammer geführt. Die Produktion hatte schon begonnen. Von irgendeinem Winkel her vernahm man Caspars eintönige Stimme lesend. »Es ist eine Seite aus der Bibel, die der Herr Stadtbibliothekar aufgeschlagen hat,« flüsterte Daumer Herrn von Tucher zu. Die Dunkelheit war so groß, daß die Zuhörer einander nicht gewahren konnten, trotzdem las Caspar unbeirrt, als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes seien.

Man war erstaunt. Man wurde es noch mehr, als Caspar in der gleichen Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstände unterscheiden konnte, die bald der eine, bald der andre von den Anwesenden – um jeden Verdacht einer Verabredung oder Vorbereitung auszuschließen – ihm auf eine Entfernung von fünf oder sechs Schritten vorhielt.

»Ich will jetzt die Weinprobe machen,« sagte Daumer und öffnete die Läden. Caspar preßte die Hände vor die Augen und brauchte lange Zeit, [60]bis er das Licht ertragen konnte. Jemand brachte Wein im undurchsichtigen Glas, und Caspar roch es nicht nur sogleich, sondern es zeigten sich auch die Merkmale einer leichten Trunkenheit: seine Blicke flimmerten, sein Mund verzog sich schief. Konnte das mit rechten Dingen zugehen? War solche Empfindlichkeit denkbar oder möglich? Man wiederholte den Versuch zweimal, dreimal, und siehe, die Wirkung verstärkte sich. Beim viertenmal wurde draußen Wasser ins Glas gegossen, und nun sagte Caspar, er spüre nichts.

Doch viel wunderbarer war zu beobachten, wie er sich gegen Metalle verhielt. Ein Herr versteckte, während Caspar das Zimmer verlassen hatte, ein Stück Kupferblech. Caspar ward hereingerufen, und alle verfolgten mit Spannung, wie er zu dem Versteck förmlich hingezogen wurde; es sah aus, wie wenn ein Hund ein Stück Fleisch erschnuppert. Er fand es, man klatschte Beifall, man achtete nicht darauf, daß er blaß war und mit kühlem Schweiß bedeckt. Nur Herr von Tucher bemerkte es und mißbilligte das Treiben.

Es hatte natürlich nicht bei diesem einen Mal sein Bewenden. Die Sache redete sich schnell herum, und das Haus wurde zum Museum. Alles, was Namen und Ansehen in der Stadt hatte, lief herzu, und Caspar mußte immer bereit sein, immer tun, was man von ihm haben wollte. Wenn er müde war, durfte er schlafen, aber wenn er schlief, untersuchten sie die Festigkeit seines Schlafes, und Daumer schwamm in Glück, wenn der Herr Medizinalrat Rehbein behauptete, eine derartige Versteinerung des Schlummers habe er nie für möglich gehalten.

Selbst gewisse krankhafte Zustände seines [61]Körpers gaben Daumer Anlaß zur Vorführung oder wenigstens zum Studium. Er suchte durch hypnotische Berührungen und mesmeristische Streichungen Einfluß zu nehmen, denn er war ein glühender Verfechter jener damals nagelneuen Theorien, die mit der Seele des Menschen hantierten wie ein Alchimist mit dem wohlbekannten Inhalt einer Retorte. Oder wenn auch dies nichts half, wandte er Heilmittel von einer besonderen Kategorie an, erprobte die Wirkungen von Arnika und Akonitum und Nux vomica; immer beflissen, immer erfüllt von einer Mission, immer mit dem Notizenzettel in der Hand, immer in rührender Obsorge.

Was für seriöse Spiele! Welch ein Eifer, zu beweisen, zu deuten, das Sonnenklare dunkel zu machen, das Einfache zu verwirren! Das Publikum gab sich redliche Mühe im Glauben, nach allen Windrichtungen wurden die anscheinenden Zaubereien ausposaunt – nicht zum Vorteil unsers Caspar, keineswegs zu seinem Heil, wie sich bald herausstellen sollte –, aber leider gibt es überall verwerfliche Kreaturen, die noch zweifeln würden und wenn man ihnen die Skepsis überm Essenfeuer ausräuchern würde. Vielleicht wollten sie jedesmal etwas Neues vorgesetzt bekommen, schraubten ihre Erwartungen zu hoch und fanden, daß der Wundermann nur in seinen eingelernten Paradestückchen exzellierte, in denen er allerdings, so drückten sie sich aus, etwas von der Fertigkeit eines dressierten Äffchens an den Tag legte.

Mit einem Wort, das Programm wurde ein wenig einförmig, höchstens Neulinge konnten ihm noch Geschmack abgewinnen. Die andern erblickten in Daumer etwas wie einen Zirkusdirektor oder einen Literaten, der seine Freunde mit der beständig [62]wiederholten Vorlesung eines mittelmäßigen Poems langweilt, während über Caspar sich zu amüsieren sie immerhin noch genug Gelegenheit fanden.

Oder war es nicht amüsant, wenn er zum Beispiel einen hohen Offizier tadelte, daß sein Rockkragen bestäubt war, wenn er mit dem Finger das Haupt eines ehrwürdigen Kammerdirektors berührte und mitleidig-verwundert sagte: »Weiße Haare, weiße Haare?« Wenn er während der Anwesenheit einer vornehmen Standesperson nur darauf achtete, wie diese den Stock zwischen den Fingern baumeln ließ und es auch so machen wollte, wenn er seinen Ekel gegen den schwarzen Bart des Magistratsrats Behold äußerte oder sich weigerte, einer Dame die Hand zu küssen, indem er sagte, man müsse ja nicht hineinbeißen?

Durch solche kleine Zwischenfälle hielten sie sich für belohnt. Wenn man lachen konnte, war alles gut. Hingegen Daumer ärgerte sich darüber und suchte ihm die Pflichten der Höflichkeit begreiflich zu machen. »Du vergißt stets, die Ankömmlinge zu begrüßen,« sagte Daumer. In der Tat blickte Caspar, in ein Buch oder Spiel versenkt, erst empor, wenn man ihn anrief, bisweilen, wenn er ein bekanntes oder liebgewordenes Gesicht sah, mit einem berückend schelmischen Lächeln, und fing dann ohne Einleitung an zu fragen und zu plaudern. Mochten noch so wichtige Personen zugegen sein, er verließ nie seinen Platz, ohne alle Dinge, mit denen er beschäftigt gewesen, sorgfältig in Ordnung zu bringen und mit einem kleinen Besen den Tisch von Papierschnitzeln oder Brotkrumen zu reinigen. Man mußte warten, bis er fertig war.

Er war ohne Schüchternheit. Alle Menschen [63]schienen ihm gut, fast alle hielt er für schön. Er fand es selbstverständlich, wenn sich irgendein Herr vor ihn hinstellte und ihm aus einem bereitgehaltenen Zettel endlos viele Namen oder endlos viele Zahlen vorlas. Sein Gedächtnis ließ ihn nicht im Stich, er konnte in der gleichen Reihenfolge Namen für Namen, Zahl für Zahl, und waren es hundert, wiederholen. Am Erstaunen der Leute merkte er wohl, daß er Staunenswertes geleistet, aber kein Schimmer von Eitelkeit zog über sein Gesicht, nur ein wenig traurig wurde es, wenn immer dasselbe kam, wenn sie nie zufrieden schienen.

Er konnte es nicht verstehen, daß ihnen wunderbar war, was ihm so natürlich war. Aber was ihm wunderbar war, darum kümmerte sich keiner. Er vermochte es nicht zu sagen, es wurzelte im verborgensten Gefühl. Es war eine kaum gespürte Frage, am Morgen, beim Erwachen etwa, ein hastiges, stummes, verzweifeltes Suchen, wofür es keine Bezeichnung gab. Es lag weit zurück; es war mit ihm verknüpft und er besaß es doch nicht. Es war etwas mit ihm vorgegangen, irgendwo, irgendwann, und er wußte es nicht. Er tastete an sich herum, er fand sich selber kaum. Er sagte ›Caspar‹ zu sich selbst, aber das dort in der Ferne hörte nicht auf diesen Namen. So band sich die Erwartung an ein Äußeres; wenn die Uhr im andern Zimmer tönte, welch sonderbare Erwartung von Schlag zu Schlag! Als ob eine Mauer sich auflösen, zu Luft vergehen müßte. Die eben vergangene Nacht war voll ungreifbarer Vorgänge gewesen. Hatte es am Fenster gepocht? Nein. War jemand dagewesen, hatte gesprochen, gerufen, [64]gedroht? Nein. Es war etwas geschehen, doch Caspar hatte nichts damit zu tun.

Unergründliche Sorge. Man mußte lernen, vielleicht wurde es dann klar. Lernen, wie alles bestand, lernen, was in der Nacht verborgen war, wenn man nicht lebte und dennoch spürte, das Unbekannte lernen, erhaschen, was so fern, wissen, was so dunkel war, die Menschen fragen lernen. Sein Eifer bei den Büchern wurde glühend. Er begann Ungeduld zu zeigen, wenn er von den fremden Besuchern sich immer wieder empfindlich gestört fand, denn jetzt kamen die Leute schon von auswärts, weil allenthalben im Land über Caspar Hauser geredet und geschrieben wurde. Auch Daumer konnte sich der Ansprüche, die an ihn gestellt wurden, kaum erwehren. Er war oft mißgelaunt und matt, und es gab Stunden, wo er bereute, Caspar der Welt preisgegeben zu haben.

Es gab Stunden, wo er, allein mit dem Jüngling, sich seiner besseren Würde erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen, Seeleneigenen sich tiefer anschloß, als der anfängliche Zweck gewollt. Es gab eine Stunde, wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten, auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Füßen, ein Schmetterling ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick, und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten? Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden?

Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten großer Lärm. Ein bissiger Hund hatte [65]seine Kette zerrissen und raste, Schaum vor dem Maul, in wilden Sprüngen umher, überrannte ein Kind, schlug einem Knecht, der ihn verfolgte, die Zähne ins Fleisch und stürzte gegen den Zaun des Daumerschen Gartens. Eine Latte krachte unter dem Anprall, das Tier schlüpfte herüber und richtete die blutunterlaufenen Augen wild auf die kleine Gesellschaft, die unter der Linde saß: Daumer selbst, dessen Mutter, der Bürgermeister Binder und Caspar. Alle standen ängstlich auf, Binder erhob den Stock, das Tier machte einige Sätze, blieb aber auf einmal stehen, schnupperte, trabte auf Caspar zu, der bleich und stille saß, wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhängende Hand des Jünglings. Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an, voll Ergebenheit fast, eine Zärtlichkeit erwartend, und es war, als erbitte es Verzeihung. Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch Caspar im Auge; ihn jammerte der Hund, er wußte nicht warum.

Man erzählte sich, daß Daumer nach diesem Auftritt geweint habe.

Zwei Tage später, an einem regnerischen Oktoberabend, war es, daß sich Daumer mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand. Anna war zu einer Unterhaltung in die Reunion gegangen, die alte Dame saß strickend im Lehnstuhl am offenen Fenster, denn trotz der vorgerückten Jahreszeit war die Luft warm und voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen. Da wurde an die Türe geklopft, und der Glasermeister brachte einen großen Wandspiegel, den die Magd in der vergangenen Woche zerbrochen hatte. Frau Daumer hieß ihn den Spiegel gegen [66]die Mauer lehnen, das tat der Mann und entfernte sich wieder.

Kaum war er draußen, so fragte Daumer verwundert, warum sie den Spiegel nicht gleich an seinen Platz habe hängen lassen, man hätte dann doch die Arbeit für morgen erspart. Die alte Dame erwiderte mit verlegenem Lächeln, am Abend dürfe man keinen Spiegel aufhängen, das bedeute Unheil. Daumer besaß nicht genug Humor für derlei halbernste Grillen; er machte der Mutter Vorwürfe wegen ihres Aberglaubens, sie widersprach, und da geriet er in Zorn, das heißt er sprach mit seiner sanftesten Stimme zwischen die geschlossenen Zähne hindurch.

Caspar, der es nicht sehen konnte, wenn Daumers Gesicht unfreundlich wurde, legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher Schmeichelei zu begütigen. Daumer schlug die Augen nieder, schwieg eine Weile und sagte dann, völlig beschämt: »Geh hin zur Mutter, Caspar, und sag ihr, daß ich im Unrecht bin.«

Caspar nickte; ohne recht zu überlegen, trat er vor die Frau hin und sagte: »Ich bin im Unrecht.«

Da lachte Daumer. »Nicht du, Caspar! Ich!« rief er und deutete auf seine Brust. »Wenn Caspar im Unrecht ist, darf er sagen: ich. Ich sage zu dir: du, aber du sagst doch zu dir: ich. Verstanden?«

Caspars Augen wurden groß und nachdenklich. Das Wörtchen Ich durchrann ihn plötzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank. Es nahten sich ihm viele Hunderte von Gestalten, es nahte sich eine ganze Stadt voll Menschen, Männer, Frauen und Kinder, es nahten sich die Tiere auf dem Boden, die Vögel in der Luft, die Blumen, die Wolken, die Steine, ja die Sonne selbst, und [67]alle miteinander sagten zu ihm: Du. Er aber antwortete mit zaghafter Stimme: Ich.

Er faßte sich mit flachen Händen an die Brust und ließ die Hände heruntergleiten bis über die Hüften: sein Leib, eine Wand zwischen Innen und Außen, eine Mauer zwischen Ich und Du!

In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel, dem gegenüber er stand, sein eignes Bild empor. Ei, dachte er ein wenig bestürzt, wer ist das?

Natürlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen, aber sein von den vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war mitvorbeigegangen, ohne zu weilen, ohne zu denken, und er hatte sich daran gewöhnt wie an den Schatten auf der Erde. Ein Ungefähr, das ihn nicht hemmte, konnte nicht zum Erlebnis werden.

Jetzt war sein Auge reif für diese Vision. Er sah hin. »Caspar,« lispelte er. Das Drinnen antwortete: Ich. Da waren Caspars Mund und Wangen und die braunen Haare, die über Stirn und Ohren gekräuselt waren. Nähertretend, schaute er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den Spiegel gegen die Mauer; dort war nichts. Dann stellte er sich wieder davor, und nun schien ihm, als ob hinter seinem Bild im Spiegel sich das Licht zerteile und als ob ein langer, langer Pfad nach rückwärts lief, und dort, in der weiten Ferne stand noch ein Caspar, noch ein Ich, das hatte zugeschlossene Augen und sah aus, als wisse es etwas, was der Caspar hier im Zimmer nicht wußte.

Daumer, gewohnt, das Betragen des Jünglings zu beobachten, lauerte gespannt herüber. Da – ein seltsames Geräusch; es surrte etwas in der Luft und fiel neben dem Tisch zu Boden. Es war ein Stück Papier, das von draußen [68]hereingeflogen war. Frau Daumer hob es auf; es war wie ein Brief zusammengefaltet. Unschlüssig drehte sie es zwischen den Fingern und reichte es dem Sohn.

Der riß es auf und las folgende, mit großer Schrift geschriebene Worte: »Es wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der Fremde.«

Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit; ein Frösteln lief über ihre Schultern. Daumer jedoch, indes er schweigend auf den Zettel starrte, hatte das Gefühl, als sei vor seinen Füßen ein Schwert, die Spitze nach oben, aus der Erde gewachsen.

Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen. Er verließ den Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden vorüber zum Fenster. Dort stand er besinnend, beugte sich besinnend vor, immer weiter, völlig selbstvergessen, ganz vom Willen des Suchens erfüllt, bis die Brust auf dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht hinaus tauchte.

Caspar träumt

Am andern Morgen übergab Daumer das unheimliche Papier der Polizeibehörde. Es wurden Nachforschungen angestellt, die aber natürlich fruchtlos blieben. Der Vorfall wurde auch amtlich an das Appellationsgericht gemeldet, und nach einiger Zeit schrieb der Regierungsrat Hermann, der mit dem Baron Tucher befreundet war, an diesen einen Privatbrief, in welchem er unter anderm die Meinung vertrat, man solle [69]nicht ablassen, den Hauser scharf zu bewachen und auszuforschen, denn es sei wohl möglich, daß er durch eine tiefeingepflanzte Furcht gezwungen sei, manches ihm bekannte Verhältnis zu verschweigen.

Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor. Daumer konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. »Ich bin mir wohl bewußt, daß ein Mysterium, von Menschenhand gewoben, hinter allem dem liegt, was mit Caspar zusammenhängt,« sagte er mit leisem Widerwillen, »ganz abgesehen davon, daß mir auch der Präsident Feuerbach unlängst darüber geschrieben hat, und zwar in höchst eigentümlichen Wendungen, die auf etwas Besonderes schließen lassen. Aber was heißt das: ihn ausforschen, ihn bewachen? Hat man darin nicht schon das Äußerste versucht? Ärztliche Vorsicht und menschliches Gefühl befehlen mir jetzt ohnehin die äußerste Behutsamkeit gegen ihn. Ich wage es ja kaum, ihn von der einfachen Kost zu entwöhnen und ihn so zu ernähren, wie es durch die veränderte Lebenslage bedingt ist.«

»Warum wagen Sie das nicht?« fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt. »Wir sind doch übereingekommen, ihn endlich zum Genuß von Fleisch oder wenigstens von andern gekochten Speisen zu bringen?«

Daumer zögerte mit der Antwort. »Milchreis und warme Suppe verträgt er schon ganz gut,« sagte er dann, »aber zur Fleischkost will ich ihn nicht ermuntern.«

»Warum nicht?«

»Ich fürchte Kräfte zu zerstören, die vielleicht gerade an die Reinheit des Blutes gebunden sind.«

[70]»Kräfte zerstören? Was für Kräfte vermöchten ihn und uns für die Gesundheit des Leibes und die Frische seines Gemüts zu entschädigen? Wäre es nicht vielmehr ratsam, ihn von der Richtung des Außerordentlichen abzulenken, die ihm früher oder später verhängnisvoll werden muß? Ist es gut, einen andern Maßstab an ihn zu legen als es einer natürlichen Erziehung entspricht? Was wollen Sie überhaupt, was haben Sie mit ihm vor? Caspar ist ein Kind, das dürfen wir nicht vergessen.«

»Er ist ein Mirakel,« entgegnete Daumer hastig und ergriffen; dann, in einem halb belehrenden, halb bitteren Ton, der für einen Weltmann wie Tucher verletzend klingen mußte, fuhr er fort: »Leider leben wir in einer Zeit, in der man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den plumpen Alltagsverstand beleidigt. Sonst müßte jeder an diesem Menschen sehen und spüren, daß wir rings von geheimnisvollen Mächten der Natur umgeben sind, in denen unser ganzes Wesen ruht.«

Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang; sein Gesicht hatte den Ausdruck abwehrenden Stolzes, als er sagte: »Es ist besser, eine Wirklichkeit völlig zu ergreifen und ihr völlig genugzutun, als mit fruchtlosem Enthusiasmus im Nebel des Übersinnlichen zu irren.«

»Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht, auf die ich mich berufen kann?« versetzte Daumer, dessen Stimme leiser und schmeichelnder wurde, je mehr das Gespräch ihn erhitzte. »Muß ich Sie an Einzelheiten erinnern? Sind nicht Luft, Erde und Wasser für diesen Menschen noch von Dämonen bevölkert, mit denen er in lebendiger Beziehung steht?«

[71]Baron Tuchers Gesicht wurde düster. »Ich sehe in allem dem nur die Folgen einer verderblichen Überreiztheit,« sagte er kurz und scharf. »Das sind die Quellen nicht, aus denen Leben geboren wird, in solchen Formen kann sich keine Brauchbarkeit bewähren!«

Daumer duckte den Kopf, und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung, doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit: »Wer weiß, Baron. Die Quellen des Lebens sind unergründlich. Meine Hoffnungen wagen sich weit hinauf und ich erwarte Dinge von unserm Caspar, die Ihr Urteil sicherlich verändern werden. Aus diesem Stoff werden Genien gemacht.«

»Man tut einem Menschen stets unrecht, wenn man Erwartungen an seine Zukunft knüpft,« sagte Herr von Tucher mit trübem Lächeln.

»Mag sein, mag sein, ich aber halte mich an die Zukunft. Mich kümmert nicht, was hinter ihm liegt, und was ich von seiner Vergangenheit weiß, soll mir nur dienen, ihn davon zu lösen. Das ist ja das hoffnungsvoll Wunderbare: daß man hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat, die ungebundene, unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten, noch nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge für das Walten der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender Jahrhunderte ist. Mag sein, daß ich mich täusche, dann aber würde ich mich in der Menschheit getäuscht haben und meine Ideale für Lügen erklären müssen.«

»Der Himmel bewahre Sie davor,« antwortete Herr von Tucher und nahm eilig Abschied.

[72]Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht, daß Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst. Als Caspar am andern Morgen ziemlich unerfrischt zum Frühstück kam, fragte ihn Daumer, ob er schlecht geschlafen habe.

»Schlecht geschlafen nicht,« erwiderte Caspar, »aber ich bin einmal aufgewacht und da war mir angst.«

»Wovor hattest du denn Angst?« forschte Daumer.

»Vor dem Finstern,« entgegnete Caspar, und bedächtig fügte er hinzu: »In der Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brüllt.«

Den nächsten Morgen kam er halbangekleidet aus seinem Schlafgemach in das Zimmer Daumers und erzählte bestürzt, es sei ein Mann bei ihm gewesen. Zuerst erschrak Daumer, dann wurde ihm klar, daß Caspar geträumt habe. Er fragte, was für ein Mann es denn gewesen sei, und Caspar antwortete, es sei ein großer schöner Mann gewesen mit einem weißen Mantel. Ob der Mann mit ihm gesprochen? Caspar verneinte; gesprochen habe er nicht, er habe einen Kranz getragen, den habe er auf den Tisch gelegt, und als Caspar danach gegriffen, habe der Kranz zu leuchten angefangen.

»Du hast geträumt,« sagte Daumer.

Caspar wollte wissen, was das heiße. »Wenn auch dein Körper ruht,« erklärte Daumer, »so wacht doch deine Seele, und was du am Tag erlebt oder empfunden, daraus macht sie im Schlummer ein Bild. Dieses Bild nennt man Traum.«

Nun verlangte Caspar zu wissen, was das sei, die Seele. Daumer sagte: »Die Seele gibt [73]deinem Körper das Leben. Leib und Seele sind einander vermischt. Jedes von beiden ist, was es ist, aber sie sind so untrennbar gemischt wie Wasser und Wein, wenn man sie zusammengießt.«

»Wie Wasser und Wein?« fragte Caspar mißbilligend. »Damit verderbt man aber das Wasser.«

Daumer lachte und meinte, das sei nur ein Gleichnis gewesen. In der Folge nahm er wahr, daß es mit Caspars Träumen eigen beschaffen war. Sonst sind Träume an ein Zufälliges geknüpft, sagte er sich, spielen gesetzlos mit Ahnung, Wunsch und Furcht, bei ihm ähneln sie dem Herumtasten eines Menschen, der sich im finsteren Wald verirrt hat und den Weg sucht; da ist etwas nicht in Ordnung, ich muß der Sache auf den Grund gehen.

Das Auffallende war, daß gewisse Bilder sich allmählich zu einem einzigen Traum sammelten, der von Nacht zu Nacht vollständiger und gestalthafter wurde und mit immer größerer Deutlichkeit regelmäßig wiederkehrte. Im Anfang konnte Caspar nur abgebrochen davon erzählen, so stückhaft wie die Bilder sich ihm zeigten, dann eines Tages, wie der Maler den Vorhang von einem vollendeten Gemälde zieht, vermochte er seinem Pflegeherrn eine ausführliche Beschreibung zu geben.

Er hatte über seine Gewohnheit lange geschlafen, deshalb ging Daumer in sein Zimmer, und kaum war er ans Bett getreten, so schlug Caspar die Augen auf. Sein Gesicht glühte, der Blick ruhte noch im Innern, war aber voll und kräftig und der Mund war zu sprechen ungeduldig. Mit langsamer, ergriffener Stimme erzählte er.

[74]Er ist in einem großen Haus gewesen und hat geschlafen. Eine Frau ist gekommen und hat ihn aufgeweckt. Er bemerkt, daß das Bett so klein ist, daß er nicht begreift, wie er darin Platz gehabt. Die Frau kleidet ihn an und führt ihn in einen Saal, wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande hängen. Hinter gläsernen Wänden blitzen Silberschüsseln und auf einem weißen Tisch stehen feine kleine, zierlich bemalte Porzellantäßchen. Er will bleiben und schauen, die Frau zieht ihn weiter. Da ist ein Saal, wo viele Bücher sind, und von der Mitte der gebogenen Decke hängt ein ungeheurer Kronleuchter herab. Caspar will die Bücher betrachten, da verlöschen langsam die Flammen des Leuchters eine nach der andern und die Frau zieht ihn weiter. Sie führt ihn durch einen langen Flur und eine gewaltige Treppe hinab, sie schreiten im Innern des Hauses den Wandelgang entlang. Er sieht Bilder an den Wänden, Männer im Helm und Frauen mit goldenem Schmuck. Er schaut durch die Mauerbogen der Halle in den Hof, dort plätschert ein Springbrunnen; die Säule des Wassers ist unten silberweiß und oben von der Sonne rot. Sie kommen zu einer zweiten Treppe, deren Stufen wie goldene Wolken aufwärts steigen. Es steht ein eiserner Mann daneben, er hat ein Schwert in der Rechten, doch sein Gesicht ist schwarz, nein, er hat überhaupt kein Gesicht. Caspar fürchtet sich vor ihm, will nicht vorbeigehen, da beugt sich die Frau und flüstert ihm etwas ins Ohr. Er geht vorbei, er geht zu einer ungeheuern Tür und die Frau pocht an. Es wird nicht aufgemacht. Sie ruft und niemand hört. Sie will öffnen, die Tür ist [75]zugeschlossen. Es scheint Caspar, daß sich etwas Wichtiges hinter der Tür ereignet, er selbst beginnt zu rufen, doch in diesem Augenblick erwacht er.

Seltsam, dachte Daumer, da sind Dinge, die er nie zuvor gesehen haben kann, wie den gerüsteten Mann ohne Gesicht. Seltsam! Und sein Wortesuchen, seine hilflosen Umschreibungen bei solcher Klarheit des Geschauten. Seltsam.

»Wer war die Frau?« fragte Caspar.

»Es war eine Traumfrau,« entgegnete Daumer beschwichtigend.

»Und die Bücher und der Springbrunnen und die Tür?« drängte Caspar. »Waren’s Traumbücher, war’s eine Traumtür? Warum ist sie nicht aufgemacht worden, die Traumtür?«

Daumer seufzte und vergaß zu antworten. Was bekam da Gewalt über seinen Caspar, sein Seelenpräparat? Sehr an Welt und Stoff gebunden war dieser Traum.

Caspar kleidete sich langsam an. Plötzlich erhob er den Kopf und fragte, ob alle Menschen eine Mutter hätten? Und als Daumer bejahte, ob alle Menschen einen Vater hätten. Auch dies mußte bejaht werden.

»Wo ist dein Vater?« fragte Caspar.

»Gestorben,« antwortete Daumer.

»Gestorben?« flüsterte Caspar nach. Ein Hauch des Schreckens lief über seine Züge. Er grübelte. Dann begann er wieder: »Aber wo ist mein Vater?«

Daumer schwieg.

»Ist es der, bei dem ich gewesen? Der Du?« drängte Caspar.

»Ich weiß es nicht,« antwortete Daumer und fühlte sich ungeschickt und ohne Überlegenheit.

[76]»Warum nicht? Du weißt doch alles? Und hab’ ich auch eine Mutter?«

»Sicherlich.«

»Wo ist sie denn? Warum kommt sie nicht?«

»Vielleicht ist sie gleichfalls gestorben.«

»So? Können denn die Mütter auch sterben?«

»Ach, Caspar!« rief Daumer schmerzlich.

»Gestorben ist meine Mutter nicht,« sagte Caspar mit wunderlicher Entschiedenheit. Plötzlich flammte es über sein Gesicht und er sagte bewegt: »Vielleicht war meine Mutter hinter der Tür?«

»Hinter welcher Tür, Caspar?«

»Dort! im Traum ...«

»Im Traum? Das ist doch nichts Wirkliches,« belehrte Daumer zaghaft.

»Aber du hast doch gesagt, die Seele ist wirklich und macht den Traum –? Ja, sie war hinter der Tür, ich weiß es; das nächste Mal will ich sie aufmachen.«

Daumer hoffte, das Traumwesen würde sich verlieren, doch dem war nicht so. Dieser eine Traum, Caspar nannte ihn den Traum vom großen Haus, wuchs immer weiter, umschlang und krönte sich mit allerlei Blüten- und Rankenwerk gleich einer zauberhaften Pflanze. Immer wieder schritt Caspar einen Weg entlang und immer wieder endete der Weg vor der hohen Türe, die nicht geöffnet wurde. Einmal zitterte die Erde von Tritten, die innen waren, die Türe schien sich zu bauschen wie ein Gewand, durch einen Spalt über der Schwelle brach Flammengeloder, da erwachte er, und die nicht zu vergessende Traumnot schlich durch die Stunden des Tages mit.

[77]Die Gestalten wechselten. Manchmal kam statt der Frau ein Mann und führte ihn durch die Bogenhalle. Und wie sie die Treppe hinaufgehen wollten, kam ein andrer Mann und reichte ihm mit strengem Blick etwas Gleißendes, das lang und schmal war und das, als Caspar es fassen wollte, in seiner Hand zerfloß wie Sonnenstrahlen. Er trat nahe an die Gestalt heran, auch sie ward zu Luft, doch sprach sie lautschallend ein Wort, welches Caspar nicht zu deuten verstand.

Daran hingen sich wieder besondere kleine Träume, Träume von unbekannten Worten, die er im Wachen nie gehört und deren er, wenn der Traum vorüber war, vergebens habhaft zu werden suchte. Sie hatten meist einen sanften Klang, bezogen sich aber, so fühlte er, nie auf ihn selbst, sondern auf das, was hinter der verschlossenen Türe vor sich ging.

Traumboten waren es, Vögeln des Meeres gleich, die in beständiger Wiederkehr Gegenstände eines halbversunkenen Schiffes an die ferne Küste tragen.

In einer Nacht lag Daumer schlaflos und hörte in Caspars Zimmer ein dauerndes Geräusch. Er erhob sich, schlüpfte in den Schlafrock und ging hinüber. Caspar saß im Hemde am Tisch, hatte ein Blatt Papier vor sich, einen Bleistift in der Hand und schien geschrieben zu haben. Ein matter Mondschein schwamm im Zimmer. Verwundert fragte Daumer, was er treibe. Caspar richtete den bis zur Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und antwortete leise: »Ich war im großen Haus; die Frau hat mich bis zum Springbrunnen im Hof geführt. Sie hat mich zu einem Fenster [78]hinaufschauen lassen; droben ist der Mann im Mantel gestanden, sehr schön anzuschauen, und hat etwas gesagt. Danach bin ich aufgewacht und hab’s geschrieben.«

Daumer machte Licht, nahm das Blatt, las, warf es wieder hin, ergriff beide Hände Caspars und rief halb bestürzt, halb erzürnt: »Aber Caspar, das ist ja ganz unverständliches Zeug!«

Caspar starrte auf das Papier, buchstabierte murmelnd und sagte: »Im Traum hab’ ich’s verstanden.«

Unter den sinnlosen Zeichen, die wie aus einer selbsterdachten Sprache waren, stand am Ende das Wort: Dukatus. Caspar deutete auf das Wort und flüsterte: »Davon bin ich aufgewacht, weil es so schön geklungen hat.«

Daumer fand sich verpflichtet, den Bürgermeister von den Beunruhigungen Caspars, wie er es nannte, in Kenntnis zu setzen. Was er befürchtet hatte, geschah. Herr Binder legte der Sache eine große Wichtigkeit bei. »Zunächst ist es geboten, dem Präsidenten Feuerbach einen möglichst ausführlichen Bericht zu geben, denn aus diesen Träumen können sicherlich ganz bestimmte Schlüsse gezogen werden,« sagte er. »Dann mache ich Ihnen den Vorschlag, mit Caspar einmal in die Burg hinaufzugehen.«

»In die Burg? Warum das?«

»Es ist so eine Idee von mir. Da er immer von einem Schlosse träumt, wird ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrütteln und uns bestimmtere Anhaltspunkte geben.«

»Ja, glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Träume?«

»Ganz unbedingt. Ich bin davon überzeugt, [79]daß er bis zu seinem dritten oder vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung gelebt hat und daß mit dem neuen Erwachen zum Leben und zum Selbstbewußtsein die Erinnerungen an die frühere Existenz auf dem Weg der Träume Form und Inhalt gewinnen.«

»Eine sehr naheliegende, sehr nüchterne Erklärung,« bemerkte Daumer gallig. »Also der Hintergrund dieses Schicksals wäre nichts weiter als eine gewöhnliche Räubergeschichte.«

»Eine Räubergeschichte? Mir recht, wenn Sie es so nennen. Ich verstehe nicht, weshalb Sie sich dagegen wehren. Soll der Jüngling aus dem Mond heruntergefallen sein? Wollen Sie irdische Verhältnisse für ihn nicht gelten lassen?«

»O gewiß, gewiß!« Daumer seufzte. Dann fuhr er fort: »Ich schmeichelte mir mit andern Hoffnungen. Das Grübeln und Verlangen nach rückwärts ist eben das, was ich Caspar ersparen wollte. Gerade das Freie, Freischwebende, Schicksallose war es ja, was mich so stark an ihm ergriffen hat. Außerordentliche Umstände haben diesen Menschen mit Gaben bedacht, wie kein andrer Sterblicher sich ihrer rühmen kann; und das soll nun alles verkümmern, abgelenkt werden in das Gleis von Erlebnissen, die ja an sich tragisch genug sein mögen, aber doch nichts Ungemeines an sich haben.«

»Ich verstehe, Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstören,« versetzte der Bürgermeister mit etwas pedantischer Geringschätzung. »Aber wir haben größere Pflichten gegen den Mitmenschen als gegen das Unikum Caspar Hauser. Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein, lieber Professor. Es erscheinen heutzutage keine Engel [80]mehr und wo Unrecht geschehen ist, muß Sühne sein.«

Daumer zuckte die Achseln. »Glauben Sie denn, daß Sie damit etwas zum Heile Caspars tun?« fragte er mit einem Ton von Fanatismus, der dem Bürgermeister lächerlich erschien. »Nur Erdenschwere und Erdenschmutz heften Sie ihm an. Schon jetzt erhebt sich ja ein Gezänke um ihn, daß mir mein Anteil an seiner Sache verbittert wird. Es werden böse Geschichten zutage kommen.«

»Das sollen sie; wenn sie nur zutage kommen,« erwiderte Binder lebhaft. »Im übrigen tue jeder, was seines Amtes.«

Am nächsten Vormittag stellte sich der Bürgermeister in Daumers Wohnung ein und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf. Herr Binder läutete an der Pförtnerwohnung; der Pförtner kam mit einem großen Schlüsselbund und geleitete sie hinüber.

Als sie vor dem mächtigen zweiflügeligen Tor standen, war es, als ob sich Caspars Gesicht plötzlich entschleiere. Er reckte sich auf, sein Oberleib bog sich nach vorn und er stammelte: »So eine Tür, genau so eine Tür.«

»Was meinst du, Caspar, was schwebt dir vor?« fragte der Bürgermeister liebevoll.

Caspar antwortete nicht. Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer Langsamkeit schritt er durch die Halle. Die beiden Männer ließen ihn vorangehen. Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann. Seine Erschütterung wuchs zusehends, als er die breite Steintreppe hinaufstieg. Oben blickte er sich seufzend um; sein Gesicht war bleich, die Schultern zuckten. Daumer hatte Mitleid [81]mit ihm und wollte ihn seiner Hingenommenheit entreißen, doch wie er zu sprechen begann, sah ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an, lispelte: »Dukatus, Dukatus« und lauschte dabei, als wolle er dem Wort einen heimlichen Sinn abhorchen.

Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wänden, er schaute durch die Flucht der offenen Säle, er stand in der Galerie und schloß die Augen, und endlich, auf eine leise Frage des Bürgermeisters, wandte er sich um und sagte mit erstickter Stimme, es sei ihm so, als habe er einmal ein solches Haus gehabt, und er wisse nicht, was er davon denken solle.

Der Bürgermeister sah Daumer schweigend an.

Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in Gemeinschaft mit ihm den Bericht an den Präsidenten Feuerbach. Das ausführliche Schreiben wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben.

Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch überhaupt ein Zeichen, daß der Präsident das Schriftstück erhalten habe. Der Brief mußte verloren gegangen oder gestohlen worden sein. Baron Tucher ließ unter der Hand und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen, und man erfuhr wirklich, daß dieser von nichts wisse. Unruhe und Bestürzung bemächtigte sich der drei Herren. »Sollte da ein unsichtbarer Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel, den man mir ins Fenster geworfen hat?« meinte Daumer ängstlich. Nachforschungen bei der Post hatten kein Ergebnis, und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefaßt und durch einen sicheren Boten dem Präsidenten persönlich eingehändigt.

Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art, daß er die Sache im Auge behalten wolle [82]und sich aus naheliegenden Gründen einer schriftlichen Meinungsäußerung enthalte. »Ich entnehme aus dem Gesundheitsattest des Amtsarztes, worin bei einem sonst befriedigenden Befund von Caspars bleicher Gesichtsfarbe die Rede ist, daß es dem jungen Menschen an regelmäßiger Bewegung in freier Luft fehlt,« schrieb er; »hier ist Abhilfe dringend nötig. Man lasse ihn reiten. Es ist mir der Stallmeister von Rumpler dortselbst empfohlen worden. Hauser soll dreimal wöchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen, die Kosten soll der Stadtkommissär auf Rechnung setzen.«

Vielleicht waren es die Träume, die Caspar blaß machten. Fast jede Nacht befand er sich in dem großen Haus. Die gewölbten Hallen waren von silbernem Licht durchflutet. Er stand vor der geschlossenen Tür und wartete, wartete ...

Endlich eines Nachts, die dämmernden Räume des großen Hauses dehnten sich schweigend und leer, tauchte vom untersten Gang her eine schwebende Gestalt auf. Caspar dachte zuerst, es sei der Mann im weißen Mantel; aber als die Gestalt näherkam, gewahrte er, daß es eine Frau war. Weiße Schleier umhüllten sie und flogen bei den Schultern durch den Hauch eines unhörbaren Windes empor. Caspar blieb wie festgewurzelt stehen; sein Herz tat ihm wehe, als hätte eine Faust danach gegriffen und es gepackt, denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen Ausdruck des Kummers, wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt. Je näher sie kam, je furchtbarer schnürte sein Herz sich zusammen; ernst schritt sie vorbei; ihre Lippen nannten seinen Namen, es war nicht der Name Caspar, und doch wußte er, daß es sein Name war oder daß [83]ihm allein der Name galt. Sie hörte nicht auf, denselben Namen zu nennen, und als sie schon wieder in weiter Ferne war und die Schleier wie weiße Flügel um ihre Schultern flatterten, hörte er immer noch den Namen; da wußte er, daß die Frau seine Mutter war.

Er wachte auf, in Tränen gebadet; und als Daumer kam, stürzte er ihm entgegen und rief: »Ich hab’ sie gesehen, ich habe meine Mutter gesehen, sie war es, sie hat mit mir gesprochen!«

Daumer setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sieh mal, Caspar,« sagte er nach einer Weile, »du darfst dich solchen Wahngebilden nicht gläubig hingeben. Es bedrückt mich aufrichtig und schon lange. Es ist, wie wenn jemand in einem Blumengarten lustwandeln darf und, statt freudigem Genuß sich zu überlassen, die Wurzeln ausgräbt und die Erde durchhöhlt. Versteh mich wohl, Caspar; ich will nicht, daß du auf das Recht verzichtest, alles zu erfahren, was auf deine Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen, das an dir verübt wurde. Aber bedenke doch, daß Männer von reicher Erfahrung, wie der Herr Präsident und Herr Binder, dafür am Werke sind. Du, Caspar, solltest vorwärts schauen, dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit; im Lichte ruht dein Dasein, dort ist das Glück. Jeder Mensch von Vernunft kann, was er will; tu mir die Liebe und wende dich ab von den Träumen. Nicht umsonst heißt es ja: Träume sind Schäume.«

Caspar war bestürzt. Der Gedanke, daß in seinen Träumen keine Wahrheit sein solle, wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten, aber zum erstenmal war die eigne Gewißheit von einer [84]Sache fester als die Meinung seines Lehrers. Das zu empfinden, bereitete ihm keine Genugtuung, sondern Bedauern.

Religion, Homöopathie, Besuch von allen Seiten

So war es Dezember geworden und eines Morgens fiel der erste Schnee des verspäteten Winters.

Caspar wurde nicht müde, dem lautlosen Herabgleiten der Flocken zuzuschauen; er hielt sie für kleine beflügelte Tierchen, bis er die Hand zum Fenster hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen. Garten und Straße, Dächer und Simse glitzerten, und durch das Flockengewühl kroch lichter Nebeldampf wie Hauch aus einem atmenden Mund.

»Was sagst du dazu, Caspar?« rief Frau Daumer. »Erinnerst du dich, daß du mir nicht glauben wolltest, als ich dir einmal vom Winter erzählte? Siehst du, wie alles weiß ist?«

Caspar nickte, ohne einen Blick von draußen zu wenden. »Weiß ist alt,« murmelte er, »weiß ist alt und kalt.«

»Um elf Uhr hast du Reitstunde, Caspar, vergiß es nicht,« mahnte Daumer, der in seine Schule ging.

Eine überflüssige Sorge; das vergaß Caspar nicht, allzulieb war ihm schon das Reiten geworden seit der kurzen Zeit, wo er damit begonnen.

Er liebte Pferde, war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut. Es kam vor, daß abendliche [85]Schatten als schwarze Rosse vorüberstürmten, erst am feurigen Rand des Himmels Halt machten und ihn mit zurückschauendem Blick aufforderten, sie in die unbekannte Ferne zu geleiten. Auch im Wind sausten Rosse, auch die Wolken waren Rosse, in den Rhythmen der Musik hörte er das taktbemessene Traben ihrer Hufe, und wenn er in glücklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes dachte, sah er zuerst das Bild eines stolzen Rosses.

Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandtheit gezeigt, die das größte Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte. »Wie der Bursche sitzt, wie er den Zügel hält, wie er das Tier versteht, das muß man sich anschauen,« sagte Herr von Rumpler; »ich will hundert Jahre in der Hölle braten, wenn das mit rechten Dingen zugeht.« Und alle, die etwas von der Sache verstanden, redeten ähnlich.

Ei, wie selig war Caspar beim Trab und Galopp! Dies Ziehen und Fliehen, dies leichte Getragensein, hinaus und vorwärts, dies sanfte Auf und Ab, das Lebendigsein auf Lebendigem!

Wenn nur nicht die Leute so lästig gewesen wären. Beim ersten Ausritt mit dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pöbelhaufen verfolgt und selbst gesetzte Bürger blieben stehen und lachten erbittert vor sich hin. »Der versteht’s,« höhnten sie, »der hat sich ein Bett gemacht, so muß man’s anfangen, damit einem warm wird.«

Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen. Der Himmel hatte sich geklärt und die Sonne schien, als sie durch die Engelhardtsgasse ritten. Eine Rotte von Knaben zog hinter ihnen [86]drein und rechts und links wurden die Fenster aufgerissen. Der Stallmeister gab seinem Tier die Sporen und trieb Caspars Pferd mit der Peitsche an. »Man kommt sich ja, parbleu, wie ein Zirkusreiter vor,« rief er zornig.

Sie sprengten bis zum Jakobstor. »He! Holla!« rief da eine Stimme, und aus einer Seitengasse kam, ebenfalls zu Pferde, Herr von Wessenig auf sie zu. Rumpler begrüßte den Offizier und der Rittmeister gesellte sich an Caspars Seite.

»Prächtig, lieber Hauser, prächtig!« rief er mit übertriebener Verwunderung, »wir reiten ja wie ein Indianerhäuptling. Und das alles hat man erst bei den braven Nürnbergern gelernt? Nicht zu glauben.«

Caspar hörte nicht den verfänglichen Unterton der Rede; er blickte den Rittmeister dankbar und geschmeichelt an.

»Aber denk dir, Hauser, was ich heute bekommen habe,« fuhr der Rittmeister fort, den es juckte, mit Caspar einen Spaß zu haben. »Ich hab’ etwas bekommen, was dich höchlichst angeht.«

Caspar machte ein fragendes Gesicht. Vielleicht war es der edel-ruhige Ausdruck seiner Züge, der den Rittmeister zögern ließ. »Ja, ich hab’ etwas bekommen,« wiederholte er dann eigensinnig, »ein Brieflein hab’ ich bekommen.« Er hatte den einfältigen Ton, den die Erwachsenen annehmen, wenn sie mit Kindern scherzen, und der lauernde Blick in seinen Augen besagte etwa: wollen mal sehen, ob er Angst kriegt.

»Ein Brieflein?« entgegnete Caspar, »was steht denn drinnen?«

»Ja,« rief der Rittmeister und lachte knallend, [87]»das möchtest du wohl wissen? Wichtige Sachen stehen drin, wichtige Sachen!«

»Von wem ist es denn?« fragte Caspar, dem das Herz erwartungsvoll zu pochen anfing.

Herr von Wessenig zeigte seine Zähne und stellte sich vor Vergnügen in die Steigbügel. »Nun rate mal,« sagte er, »wir wollen mal sehen, ob du raten kannst. Von wem kann das Brieflein sein?« Er zwinkerte Herrn von Rumpler verständnisinnig zu, indes Caspar den Kopf senkte.

Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne und eine Hoffnung liebkoste ihn, die den kargen Tag verleugnete. Aus ihren Schleiern erhob sich die kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen dahin. Jäh blickte er empor und sagte mit zögernden Lippen: »Ist vielleicht von meiner Mutter der Brief?«

Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn, als ob es ihm bedenklich schiene, den Schabernack zu weit zu treiben, doch entäußerte er sich schnell der ernsten Regung, klopfte Caspar auf die Schulter und rief: »Erraten, Teufelskerl! Erraten! Mehr sag’ ich aber nicht, Freundchen, sonst könnt’ es mir übel bekommen.« Und mit dem letzten Wort setzte er sich fester in den Sattel und sprengte davon.

Eine Viertelstunde später kam Caspar atemlos nach Hause. Daumers saßen schon bei Tisch, sie schauten dem Ankömmling gespannt entgegen und Anna erhob sich unwillkürlich, als Caspar mit schweißbedeckter Stirne neben den Sessel ihres Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte: »Der Herr Rittmeister hat einen Brief bekommen von meiner Mutter!«

[88]Daumer schüttelte erstaunt den Kopf. Er versuchte Caspar begreiflich zu machen, daß ein Mißverständnis oder eine Täuschung obwalten müsse; Mutter und Schwester unterstützten ihn darin nach Kräften. Es war umsonst. Caspar faltete flehentlich die Hände und bat, Daumer möge mit ihm zu Herrn von Wessenig gehen. Dessen weigerte sich Daumer entschieden, doch als Caspars Aufregung wuchs, erklärte er sich bereit, allein zu Herrn von Wessenig zu gehen. Er aß schnell seinen Teller leer, nahm Hut und Mantel und ging.

Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach. Er wollte sich nicht zu Tisch begeben, ehe Daumer wieder da war. Er zerknüllte das Taschentuch in der Hand, rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte: Wenn ich dich liebhaben soll, Sonne, mach, daß es wahr ist. So wurde es ein Uhr und Daumer kam zurück. Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt. Herr von Wessenig hatte die Sache zuerst humoristisch genommen, damit lief er aber bei Daumer übel ab, dem ohnehin das hämische Gerede, das ihm täglich zugetragen wurde, Verdruß genug erregte. Erst gestern hatte man ihm erzählt, auf einer Assemblee bei der Magistratsrätin Behold habe sich ein angesehener Aristokrat über ihn lustig gemacht als über den Meister somnambuler und magnetischer Geheimkunst, der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel unter die Füße breite, aber statt in den Äther zu entschweben, wie jedermann erwarte, bleibe der gute Caspar gemächlich sitzen und lasse sich ausfüttern.

Solches nagte an Daumer und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht gesagt, daß ihn das [89]scheele Geschwätz der nichtstuenden eleganten Welt gleichgültig lasse. »Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf Verteidigung und Abwehr gefaßt gewesen, so weiß ich doch genau, daß das erstarrte Herz von Ihnen und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag gefühlvoller schlagen wird,« rief er aus. »Das aber kann ich fordern, daß man den Jüngling, der unter meinem Schutz und dem des Herrn Staatsrats steht, wenigstens mit böswilligen Scherzen verschont.«

Sprach’s und ging. Einen Freund ließ er nicht zurück.

Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drängen wahrnehmend, sagte er mit mühsamer Milde: »Er hat dich zum Narren gehabt, Caspar. Es ist natürlich kein Wort wahr. Solchen Leuten mußt du auch nicht glauben.«

»O!« machte Caspar voll Schmerz. Dann war er still.

Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte, entriß sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verändertem Ton: »Der Herr Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt?«

»Nein, er hat gelogen,« versetzte Daumer kurz.

»Das ist schlecht von ihm, sehr schlecht,« sagte Caspar.

Erstaunlich schien ihm zunächst die Tatsache des Lügens, erstaunlicher noch, daß sich ein so großer Herr ihm gegenüber der Lüge schuldig gemacht. Warum hat er das mit dem Brief gesagt, grübelte er, und stundenlang war er damit beschäftigt, sich des Rittmeisters Worte immer wieder von neuem vorzusagen und sich das Gesicht [90]zurückzurufen, in welchem, von ihm nicht gewußt, die Lüge wohnte.

Es war da etwas nicht in Ordnung. Er sann und sann und kam zu keinem Ende. Um sich auf andre Gedanken zu bringen, schlug er die Rechenfibel auf und ging an sein Tagespensum. Als auch dies nichts half, nahm er die Glasharmonika, die ihm eine Dame aus Bamberg geschenkt, und übte sich eine halbe Stunde lang in den simpeln Melodien, die er darauf zu spielen erlernt hatte.

Plötzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel. Starr blickte er sein eignes Gesicht an: er wollte sehen, ob Lüge darin sei. Trotz der Beklommenheit, die er dabei empfand, reizte es ihn, einmal selber zu lügen, nur um zu prüfen, wie nachher sein Gesicht aussehen würde. Ängstlich schaute er sich um, blickte dann wieder in den Spiegel und sagte leis: »Es schneit.«

Er hielt das für eine Lüge, weil ja die Sonne schien.

Nichts hatte sich in seinem Gesicht verändert: man konnte also lügen, ohne daß es jemand bemerkte. Er hatte geglaubt, die Sonne würde sich verfinstern oder verstecken, aber sie schien ruhig weiter.

Am Abend kam Daumer mit einem neuen Ärger nach Hause. Von der Mutter gefragt, was es denn schon wieder gebe, zog er ein kleines Zeitungsblättchen aus der Tasche und warf es auf den Tisch. Es war der »Katholische Wochenschatz«; auf der ersten Seite stand eine Epistel über Caspar Hauser, die mit den fettgedruckten Lettern begann: Warum läßt man den Nürnberger Findling nicht der Segnungen der Religion teilhaftig werden?

[91]»Ja, warum läßt man denn nicht?« spottete Anna.

»Und das wagt man in einer protestantischen Stadt,« sagte Daumer mit finsterem Gesicht. »Wenn diese Herren nur wüßten, was für eine unmäßige Furcht der Jüngling vor ihren Geistlichen hat. Während er noch auf dem Turm war, sind eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen. Glaubt ihr vielleicht, sie hätten zu seinem Herzen geredet oder seine Andacht zu wecken gesucht? Weit gefehlt. Sie schwatzten vom Zorn Gottes und von der Vergeltung der Sünden, und als er immer furchtsamer dreinsah, fingen sie an zu wettern und zu drohen, als ob der arme Mensch am nächsten Tag zum Galgen geführt werden sollte. Zufällig kam ich dazu und forderte sie höflich auf, ihre Bemühungen einzustellen.«

Da Caspar ins Zimmer trat, wurde das Gespräch abgebrochen.

Aber der Appell des »Katholischen Wochenschatzes« verhallte nicht ungehört. »Mit der Religion ist nicht zu spaßen,« sagten die Herren auf dem Magistrat, und einer drückte sogar den Zweifel aus, ob der Jüngling überhaupt getauft sei. Darüber ward eine Weile hin und her debattiert, doch ließ man die Frage schließlich fallen und die Taufe ward als selbstverständlich angenommen, da man ja unter Christen in einem christlichen Lande lebe und der Jüngling auf keinen Fall aus der Tatarei kommen könne.

Nicht so leicht war die Entscheidung über die katholische oder evangelische Konfession. Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht besaßen, mußte man doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms entreißen, anderseits [92]war man zu zaghaft für ein rauhes Zugreifen, weil es möglich war, daß eine einflußreiche Person über kurz oder lang ein Anrecht andrer Art geltend machen konnte.

Der Bürgermeister wandte sich an Daumer und verlangte, Caspar solle einen Religionslehrer erhalten, man überlasse es Daumer, einen vertrauenswürdigen Mann zu bestimmen. »Wie wäre es mit dem Kandidaten Regulein?« meinte Binder.

»Ich habe nichts dagegen,« erwiderte Daumer gleichgültig. Der Kandidat wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und genoß den Ruf eines soliden und fleißigen Mannes.

»Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin,« sagte der Bürgermeister, »so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen zuwider, und ich wünschte nicht, daß unser Caspar in ein ehrfurchtsloses Weltwesen gerät. Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen.«

Aha, ein Stich, dachte Daumer stillergrimmt, man beleidigt, verdächtigt mich schon wieder, ich bin niemand bequem, sehr ehrenwert, ihr Herren, sehr ehrenwert. Laut antwortete er: »Gewiß nicht. Ich habe es auch nicht fehlen lassen, in meiner Art auf ihn zu wirken. Und meine Art mag sein, wie sie will, sie ist nicht schlechter als jede andre. Leider haben mir allerhand Unberufene beständig hineingepfuscht. So war es mir in der ersten Zeit mit großer Mühe gelungen, den starren Eigensinn seines Schauens zu brechen und ihm einen Begriff von dem allmächtigen Trieb des Wachstums in der Natur zu geben. Kommt da ein Frauenzimmer an, während Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem unschuldigen [93]Staunen die über Nacht aufgesproßten Schößlinge betrachtet. Nun, Caspar, fragt sie einfältig, wer hat denn das wachsen lassen? Es ist von selbst gewachsen, erwidert er stolz. Aber, Caspar, ruft jene, es muß doch jemand sein, der es hat wachsen lassen? Er würdigte sie keiner Antwort mehr, aber die wohlwollende Dame ging hin und erzählte überall, Caspar werde zum Atheisten gemacht. Da hat man eben einen schweren Stand.«

»Es handelt sich doch am Ende nur darum, ihm das Gefühl einer höheren Verpflichtung einzuimpfen,« sagte Binder.

»Die hat er, die hat er, aber sein Verstand anerkennt eben in seinen Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein,« fuhr Daumer leidenschaftlich fort. »Gestern abend besuchten ihn zwei protestantische Geistliche, der eine aus Fürth, der andre aus Farnbach, der eine dick, der andre mager, alle beide eifrig wie kleine Paulusse. Sie machten mir erst allerlei Elogen, ich lasse sie zu Caspar hinein, und ehe man drei zählen kann, fangen sie eine Disputation mit ihm an. Ach, es war komisch, es war höchst komisch. Es kam die Rede auf die Erschaffung der Welt, und der Dicke aus Fürth sagte, Gott habe die Welt aus dem Nichts geschaffen. Und als nun Caspar wissen wollte, wie das zugegangen, stibitzten sie ihm die Erklärung vor der Nase weg, indem sie alle zwei händefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden, der bei seinem Götzen schwört. Endlich beruhigten sie sich, und da sagte mein guter Caspar zutulich, wenn er etwas machen wolle, müsse er doch etwas haben, woraus er es mache, sie möchten ihm doch sagen, wie das bei Gott möglich sei. Da [94]schwiegen sie eine Weile, flüsterten untereinander, und endlich antwortete der Magere, bei Gott sei alles möglich, weil er nicht ein Mensch sei, sondern ein Geist. Da lächelte mich Caspar an, denn er dachte, sie wollten sich über ihn lustig machen, und er stellte sich, als glaube er ihnen, was die beste Manier war, um sie loszuwerden.«

Der Bürgermeister schüttelte mißbilligend den Kopf. Daumers Sarkasmus gefiel ihm ganz und gar nicht. »Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von Gott als die, die sich so mühelos verspotten läßt,« wandte er ruhig ein.

»Eine gedachtere Ansicht? Ohne Zweifel. Vergessen Sie nur nicht, daß die der gemeinen durch und durch widerspricht. Und wenn ich sie ihm beizubringen suche, setze ich mich Vorwürfen und Mißkennungen aus. Nächstes Jahr soll er in die öffentliche Schule gehen, für einen Menschen von wenigstens achtzehn Jahren ohnedies eine Schwierigkeit, da würden nun meine Lehren wieder zunichte gemacht und die Folge ist Konfusion. Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise ihn mit bequemen Antworten ab. Neulich konnte er eingetretener Augenschwäche halber nicht arbeiten, und er fragte mich, ob er von Gott etwas erbitten dürfe und ob er es dann erhalten werde. Ich sagte, zu bitten sei ihm gestattet, doch müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er die Bitte gewähren wolle oder nicht. Er entgegnete, er wolle die Genesung seiner Augen erbitten und dawider könne ja Gott nichts einzuwenden haben, denn er gebrauche die Augen, um seine Zeit nicht in unnützen Gesprächen und Spielereien vergeuden zu müssen. Ich sagte darauf, Gott habe bisweilen [95]unerforschliche Gründe, etwas zu versagen, wovon wir glaubten, daß es heilsam wäre, er wolle uns oft durch Leiden prüfen, in Geduld und Ergebung üben. Da ließ er traurig den Kopf hängen. Gewiß dachte er, ich sei auch nicht besser als die Frommen, deren Gründe er nur für Ausreden nimmt.«

»Was ist jedoch zu tun?« fragte der Bürgermeister mit sorgenvoller Stirn. »Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens muß die Fähigkeit zum Guten verkümmern.«

»Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum,« versetzte Daumer unwillig. »Gott ist kein Bewohner des Himmels, er haust nur in unsrer Brust. Der reiche Geist birgt ihn im umfassenden Gefühl, der arme wird durch die Not des Lebens seiner gewahr und nennt es Glauben; er könnte es auch Angst nennen. In Schönheit und Freude gestaltet sich der wahre Gott, im Schaffen. Was Sie Zweifel und Leugnen heißen, ist das aufrichtige Zagen der ihrer selbst noch ungewissen Seele. Man gebe der Pflanze so viel Sonne, wie sie braucht, und sie besitzt einen Gott.«

»Das ist Philosophie,« erwiderte Binder, »und zudem Philosophie, die einem Alltagsmenschen wie mir frivol klingen muß. Jeder Bauer hat für seine Ernte mit Sturm und Unwetter zu rechnen, und nur ein überheblicher Mensch kann sich einfallen lassen, von selber etwas zu gelten. Doch genug davon. Waren Sie eigentlich mit Caspar schon einmal in der Kirche?«

»Nein, ich habe das bis jetzt vermieden.«

»Morgen ist Sonntag. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn ich ihn zum Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme?«

[96]»Nicht im geringsten.«

»Gut, ich werde ihn um neun Uhr abholen.«

Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch versprochen hatte, so wurde er darin sehr enttäuscht. Als Caspar die Kirche betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm, fragte er, warum der Mann schimpfe. Die Kruzifixe erregten seinen tiefsten Schauder, weil er die angenagelten Christusbilder für gemarterte lebendige Menschen hielt. Beständig schaute er, beständig verwunderte er sich, das Spiel der Orgel und der Gesang des Chors betäubten sein empfindliches Ohr dermaßen, daß er die Harmonie der Klänge gar nicht spürte, und zum Schluß brachte ihn die Ausdünstung der Menschenmenge einer Ohnmacht nahe.

Der Bürgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein, doch ließ er nicht ab, auf einen regelmäßigen Besuch der Kirche zu dringen, obwohl sich Caspar jedesmal hartnäckig dagegen sträubte. Wenn der Kandidat Regulein Herrn Binder seine Not klagte, erwiderte dieser: »Nur Geduld, die Gewohnheit wird ihn schon zur Andacht nötigen.« – »Ich glaube nicht,« versetzte der Kandidat darauf mutlos, »gebärdet er sich doch, als ob er sein Leben lassen sollte, wenn ich ihn zum Kirchgang auffordere.« – »Macht nichts, es ist Ihr Beruf, seinen Widerstand zu brechen,« lautete der Bescheid.

Der gute, hilflose Kandidat Regulein! Ein junges Männlein, das nie jung gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dünner Beschaffenheit war wie seine Beine. Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden, die er Caspar erteilen mußte, und sooft ihn eine Frage [97]in Verlegenheit setzte, was gar nicht selten geschah, verschob er die Auskunft auf das nächste Mal, wobei er sich vornahm, in gewissen Büchern nachzuschlagen, um nicht gegen die Theologie zu verfehlen. Caspar wartete treuherzig, aber in der folgenden Stunde kam nichts oder wenig. Der Kandidat, der im stillen hoffte, sein Schüler habe vergessen, erschrak und wich aus. Das half nicht; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus einer Verschanzung in die andre, bis das verzweifelte Argument aufgestellt werden mußte, es sei unrecht, über dunkle Gegenstände des Glaubens zu forschen.

Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter, daß er keine Aufschlüsse erhalte. Daumer fragte, was er zu wissen begehrt habe. Er hatte zu wissen verlangt, warum Gott nicht mehr wie in früheren Zeiten zu den Menschen herabkomme, um sie über so vieles, was verborgen sei, zu belehren. »Ja sieh mal, Caspar,« sagte Daumer, »es gibt Geheimnisse in der Welt, die sich eben beim besten Willen nicht verstehen lassen. Da muß man Vertrauen haben, daß Gott eines Tages unser Herz darüber erleuchtet. Wir alle wissen ja auch nicht, woher du kommst und wer du bist, und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und Allwissenheit Gottes, daß er uns eines Tages darüber Aufschluß gewährt.«

»Aber Gott hat doch nichts damit zu tun, daß ich im Kerker war,« erwiderte Caspar sanft, »das haben doch die Menschen getan.« Und ratlos setzte er hinzu: »So ist’s eben. Das eine Mal sagt der Kandidat, Gott lasse den Menschen ihren freien Willen, das andre Mal sagt er, Gott strafe sie für ihre bösen Handlungen. Da werd’ ich ganz zum Narren.«

[98]Diese Unterhaltung fand an einem stürmischen Nachmittag Ende März statt und Daumer geriet durch sie in eine so trübe Stimmung, daß er eine angefangene schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte. Man raubt ihn mir, man bricht ihn mir zu Stücken, dachte er. Voll Traurigkeit nahm er ein dickes Heft zur Hand, das seine Aufzeichnungen über Caspar enthielt, und blätterte drin herum. Er schrak zusammen, als seine Schwester ziemlich hastig eintrat, noch mit Pelzkappe und Umhang, wie sie von der Straße kam. Ihr Gesicht verriet Aufregung, und sie wandte sich mit der schnell hervorgestoßenen Frage an Daumer: »Weißt du schon, was man in der Stadt spricht?«

»Nun?«

»Man erzählt sich, Caspar Hauser sei von fürstlicher Abkunft, ein beiseitegeschaffter Prinz.«

Daumer lachte gezwungen. »Das fehlte noch,« entgegnete er abschätzig. »Was denn noch alles!«

»Du glaubst nicht daran? Das hab’ ich mir gleich gedacht. Aber woher mögen solche Gerüchte stammen? Irgend etwas muß doch dahinter sein.«

»Gar nichts muß dahinter sein. Sie schwatzen eben. Laß sie schwatzen.«

Eine halbe Stunde später erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors Wurm aus Ansbach. Es war dies ein kleiner, etwas verwachsener Mann, der nie lächelte; es hieß von ihm, daß er sehr befreundet mit Herrn von Feuerbach und die rechte Hand des Regierungspräsidenten Mieg sei. Von ersterem bestellte er Grüße an Daumer und sagte, der Staatsrat werde in allernächster [99]Zeit nach Nürnberg kommen, er beschäftige sich angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers.

Nach einem kurzen, wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der Archivdirektor plötzlich in die Rocktasche, brachte ein kleines broschiertes Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer. Dieser nahm es und las den Titel: »Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger. Vom Polizeirat Merker in Berlin.«

Daumer besah das Büchlein mit feindseligen Augen und sagte matt: »Das ist deutlich. Was will der Mann? Was ficht ihn an?«

»Es ist ein gehässiges Pamphlet, tritt aber höchst plausibel auf,« erwiderte der Archivdirektor. »Es sind da mit Fleiß und Geschick alle Verdachtsgründe, die schon längst in mißtrauischen Gemütern spuken, gegen den Findling zusammengetragen. Der Verfasser prüft alle Angaben Caspars auf ihre Verdächtigkeit hin, auch gibt er Beispiele aus der Vergangenheit, wo ähnliche Lügenkünste, wie er sich ausdrückt, zu verspäteter Enthüllung gelangt sind. Sie, lieber Professor, und Ihre hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg.«

»Natürlich; kann ich mir denken,« murmelte Daumer, und mit der flachen Hand auf das Buch schlagend, rief er aus: »Nicht unwahrscheinlich ein Betrüger! Da sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und wagt es, wagt es –! Himmelschreiend! Man sollte ihm diesen nicht unwahrscheinlichen Betrüger vorführen, man sollte ihn zwingen, dem Engelsblick standzuhalten, ach, schändlich! Der einzige Trost dabei ist, daß doch niemand das Zeug lesen wird.«

[100]»Sie irren sich,« versetzte der Archivdirektor ruhig, »das Heft findet reißenden Absatz.«

»Nun gut, ich werde es lesen,« sagte Daumer, »ich werde damit zum Redaktor Pfisterle von der ›Morgenpost‹ gehen, der ist der richtige Mann, um dem famosen Polizeirat Widerpart zu halten.«

Der Archivdirektor maß den aufgeregten Daumer mit einem gleichgültig-schnellen Blick. »Ich möchte eine solche Maßregel nicht ohne weiters gutheißen,« bemerkte er diplomatisch; »ich glaube auch im Sinn des Herrn von Feuerbach zu sprechen, wenn ich Ihnen davon abrate. Wozu das Zeitungsgeschreibe? Was soll es nützen? Man muß handeln, in aller Vorsicht und Stille handeln, das ist es.«

»In aller Vorsicht und Stille? Was wollen Sie damit sagen?« fragte Daumer ängstlich und argwöhnisch.

Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden. Dann erhob er sich, sagte, er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen, um Caspar zu sehen, und reichte Daumer die Hand. Als er schon auf der Treppe war, eilte ihm Daumer nach und fragte, ob es ihn nicht störe, wenn er morgen fremde Leute hier im Hause treffe, es hätten sich einige Herrschaften zu Besuch angesagt. Der Archivdirektor verneinte.

Es gehörte zu den Charaktereigentümlichkeiten Daumers, daß er sich in einmal gefaßte Ideen bis zur offensichtlichen Schädlichkeit verrannte. Trotz der Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich, kaum daß er das Buch des Berliner Polizeirats gelesen hatte, was weniger denn eine Stunde Zeit brauchte, voll Erbitterung [101]in die Redaktion der ›Morgenpost‹. Der Redaktor Pfisterle war ein hitziges Blut; wie der Geier aufs Aas stürzte er sich auf diese Gelegenheit, seine immer in Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen. Er wollte Material haben, und Daumer bestellte ihn für den Mittag des folgenden Tages zu sich in die Wohnung.

Am Abend herrschte eine sonderbar schwüle Luft im Daumerschen Haus. Während des Nachtessens wurde wenig geredet, und Caspar, der von all dem, was rings um ihn vorging, nicht im mindesten etwas ahnte, war verwundert über manchen prüfenden Blick oder über das düstere Schweigen auf eine herzliche Frage. Er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen noch ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen; das tat er auch heute, und es geschah nun, daß sein Blick, als er das Buch aufgemacht, auf eine bestimmte Stelle fiel, die ihn veranlaßte, entzückt in die Hände zu schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen. Daumer fragte, was es gebe; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief: »Sehen Sie nur, Herr Professor!« Seit einiger Zeit hatte er aufgehört, Daumer zu duzen, und zwar ganz von selbst und eigentümlicherweise fast an demselben Tag, an welchem er zum ersten Male Fleisch genossen und danach krank geworden war.

Daumer blickte ins Buch. Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten: »Die Sonne bringt es an den Tag.«

»Was gibt’s dabei zu staunen?« fragte Anna, die über die Schulter des Bruders gleichfalls in das Buch schaute.

»Wie schön, wie schön!« rief Caspar aus. [102]»Die Sonne bringt es an den Tag. Das ist wunderschön.«

Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefühle in die Augen.

»Überhaupt ist es schön, wenn man so liest: die Sonne!« fuhr Caspar fort. »Die Sonne! Das hallt so.«

Als er gute Nacht gewünscht hatte, sagte Frau Daumer: »Man muß ihn doch lieb haben. Es wird einem ordentlich wohl, wenn man ihn in seiner artigen Geschäftigkeit beobachtet. Wie ein Tierchen webt er für sich hin, niemals langweilt er sich, nie fällt er durch Launen zur Last.«

Wie verabredet, kam Pfisterle am nächsten Tag kurz nach Tisch, blieb jedoch über Gebühr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen Andeutungen Daumers, der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten Gäste losgeworden wäre. Als diese um drei Uhr erschienen, saß er noch immer auf seinem Fleck und blieb auch da. Wahrscheinlich hatte es seine Neugierde gereizt, daß ihm Daumer den Namen einer der drei Personen mitgeteilt hatte; es war dies ein damals vielgelesener Schriftsteller aus dem Norden des Reichs. Die andern beiden waren eine holsteinische Baronin und ein Leipziger Professor, der auf einer Romreise begriffen war; ein Unternehmen, welches zu jener Zeit, wenigstens in Nürnberg, einem Mann den Nimbus eines kühnen Forschers verlieh.

Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswürdig, und nachdem er Caspar herbeigeholt hatte, zündete er trotz der frühen Stunde die Lampe an, denn der Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern. Der Leipziger Professor [103]zog Caspar in eine Unterhaltung, aber er sprach mit ihm wie von Turmeshöhe herunter. Auch ließ er keinen Blick von ihm, und die gelblichen Augen hinter den kreisrunden Brillengläsern schimmerten bisweilen boshaft. Währenddem kamen noch Herr von Tucher und der Archivdirektor, ließen sich den Fremden vorstellen und nahmen auf dem Sofa Platz.

»In deinem Kerker war es also immer dunkel?« fragte der Romfahrer und strich langsam seinen Bart.

Caspar antwortete geduldig: »Dunkel, sehr dunkel.«

Der Schriftsteller lachte, worauf ihm der Professor vielsagend mit dem Kopf zunickte.

»Haben Sie den Unsinn gehört, der hier in der Stadt über seine fürstliche Abkunft geredet wird?« ließ sich jetzt die holsteinische Baronin hören, deren Stimme wie aus einem Kellerloch kam.

Der Professor nickte wieder und sagte: »In der Tat, es werden hier starke Zumutungen an die Leichtgläubigkeit des Publikums gestellt.«

Eine Zeitlang schwiegen alle, wie von einem Schuß erschreckt. Endlich entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Höflichkeit eines schlechten Komödianten: »Was veranlaßt Sie, meine Ehre zu beschimpfen?«

»Was mich veranlaßt?« prasselte der cholerische Herr auf. »Diese Gaukelfuhr veranlaßt mich dazu. Der Umstand, daß man ein ganzes Land skrupellos mit einem albernen Märchen füttert. Muß denn der gute Deutsche immer wieder das Opfer von Abenteurern à la Cagliostro werden? Es ist eine Schmach.«

[104]Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so unverhohlener Geringschätzung ins Gesicht, daß dieser plötzlich schwieg.

»Wir sind natürlich überzeugt,« mischte sich der Schriftsteller, ein klapperdürrer Herr mit kahlem Schädel, vermittelnd ein, »daß Sie, Herr Daumer, im besten Glauben handeln. Sie sind Opfer, wie wir alle.«

Jetzt konnte sich Pfisterle, den die Wut förmlich aufgeschwellt hatte, nicht länger halten. Mit geballten Fäusten sprang er vom Stuhl empor und schrie: »Ja, zum Teufel, warum sollen wir uns denn das gefallen lassen? Da kommen sie her, niemand hat sie gerufen, kommen her, um dagewesen zu sein und mitreden zu können, haben von Anfang an alles besser gewußt, und wenn sie blind wie die Maulwürfe sind, werfen sie sich noch stolz in die Brust und rufen: Wir sehen nichts, also ist nichts da. Warum soll denn das ein Unsinn sein, geehrte Dame, was man von seiner Abstammung erzählt? Warum denn, bitte? Leugnen Sie etwa, daß hinter den Mauern, wo unsre Großen wohnen, sich Dinge ereignen, die das Tageslicht zu scheuen haben? Daß dort die Verträge des Bluts für nichts geachtet und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wenn der Vorteil eines Einzelnen es erheischt? Soll ich mit Tatsachen dienen? Sie können es nicht leugnen. Bei uns wenigstens sind die paar Dutzend Männer noch nicht vergessen, die ihre mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen und mit brennenden Fackeln in die Lügendämmerung der Paläste geleuchtet haben.«

»Genug, genug!« unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann. »Mäßigen Sie sich, Herr!«

[105]»Ein Demagoge!« sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen auf. Der Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und kühlen Blick auf Daumer, der den Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen hatte. Als er emporschaute, blieb sein Auge mit gerührtem Ausdruck auf Caspar ruhen, der frei und arglos dastand, den lächelnden klaren Blick von einem zum andern gleiten ließ, nicht als ob von ihm gesprochen würde und er daran teilhätte, sondern als ob das bewegte Spiel der Mienen und Gebärden lediglich seine Schaulust erwecke. In der Tat verstand er kaum, wovon die Rede war.

Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch einmal, an Pfisterle vorübersprechend, gegen Daumer. »Was ist denn bewiesen von den Mutmaßungen törichter Köpfe?« fragte er gellend. »Nichts ist bewiesen. Fest steht nur, daß aus irgendeinem gottverlassenen Dorf in den fränkischen Wäldern sich ein Bauerntölpel in die Stadt verirrt, daß er nicht ordentlich sprechen kann, daß ihm alle Werke der Kultur unbekannt sind, das Neue neu, das Fremde fremd erscheint. Und darüber geraten einige kurzsichtige, sonst ganz wackere Männer außer sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen Landstreichers für bare Münze. Wunderliche Verschrobenheit!«

»Ganz wie der Polizeirat Merker,« konnte sich der Archivdirektor nicht enthalten zu bemerken. Auch Pfisterle wollte dawiderreden, wurde aber durch eine energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen gebracht.

Plötzlich wurde von der Straße draußen das Rollen einer Kutsche hörbar. Direktor Wurm ging [106]zum Fenster, und nachdem der Wagen vor dem Haus gehalten hatte, sagte er: »Der Staatsrat kommt.«

»Wie?« entgegnete Daumer rasch. »Herr von Feuerbach?«

»Ja, Herr von Feuerbach.«

In seiner Benommenheit versäumte Daumer die Pflicht des Hausherrn, und als er sich aufraffte, um den Präsidenten zu empfangen, stand dieser schon auf der Schwelle. Mit seinem Imperatorenblick überflog er die Gesichter aller Anwesenden, und als er den Archivdirektor gewahrte, sagte er lebhaft: »Gut, daß ich Sie treffe, lieber Wurm, ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen.«

Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes, und außer einem kleinen Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei Schmuck an ihm zu sehen. Die außerordentlich stolze Haltung des gedrungenen, massigen Körpers und das steif Aufrechte, soldatisch Gebietende seines stets etwas zurückgeworfenen Hauptes erweckten ehrfurchtsvolle Scheu; sein Gesicht, auf den ersten Anblick dem eines verdrießlichen alten Fuhrmanns ähnlich, wurde durch die dunkelglühenden Augen, in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag, und durch die festgeschlossenen, kühngebogenen Lippen geadelt.

Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der viel Zeit hat. Trotz der Würde, die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte, hatte sein Auftreten etwas Heftiges, und in der Art, wie er die im Zimmer Versammelten begrüßte, war Förmlichkeit und Strenge enthalten. Es wirkte darum erschreckend auf alle, als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und ihm von [107]selbst die Hand hinstreckte, die Feuerbach auch ergriff, ja sogar eine Zeitlang in der seinen behielt.

Caspar war es wunderlich wohl geworden, seit der Präsident eingetreten war. Er hatte oft an ihn gedacht, seit er mit ihm auf dem Gefängnisturm gesprochen hatte, und seit dem ersten Händedruck liebte er besonders die Hand des Präsidenten, eine warme, harte, trockene Hand, die sich wohlverschloß beim Gruß, als ob sie glaubwürdige Versprechungen gäbe, und die eigne Hand ruhte dabei so sicher in ihr wie der müde Körper abends im Bett.

Daumer geleitete den Präsidenten und den Direktor Wurm in sein Studierzimmer und kehrte dann zurück. Die fremden Gäste schickten sich an zu gehen, sie hatten durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von ihrer überlegenen Haltung verloren. Caspar wollte der Dame in den Mantel helfen, doch sie machte eine abwehrende Geste und folgte eilig ihren Begleitern. Herr von Tucher und Pfisterle entfernten sich ebenfalls.

Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe, um seine lateinische Arbeit anzufertigen, da kamen der Präsident und Direktor Wurm wieder ins Zimmer. Feuerbach ging auf Caspar zu, legte die Hand auf sein Haar, bog den Kopf des Jünglings leicht zurück, so daß der Lampenschein voll in Caspars Gesicht fiel, betrachtete seltsam lange und mit bohrender Aufmerksamkeit das seinem Blick stillhaltende Antlitz und murmelte endlich, gegen Wurm gewendet, tief atmend: »Keine Täuschung. Es sind dieselben Züge.«

Der Archivdirektor nickte stumm.

[108]»Das und die Träume ... zwei wichtige Indizien,« sagte der Präsident mit dem gleichen Ton von Vertieftheit. Er schritt zum Fenster, die Hände auf dem Rücken, und sah eine Weile hinaus. Darauf wandte er sich zu Daumer und fragte unvermittelt, wie es mit Caspars Ernährung stehe.

Daumer erwiderte, er habe in letzter Zeit versucht, ihn an Fleischkost zu gewöhnen. »Zuerst hat er sich sehr gewehrt, auch hat es den Anschein nicht, als ob die veränderte Diät ihm sehr zuträglich sei. Es ist sogar zu befürchten, daß sie seine inneren Kräfte wesentlich vermindert. Er wird zusehends stumpfer.«

Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar. Daumer verstand den Wink und forderte Caspar auf, zu den Frauen hinüberzugehen. Er wartete nicht ab, bis der Jüngling das Zimmer verlassen hatte, sondern fuhr mit beklommenem Eifer fort: »An demselben Tag, wo Caspar zum erstenmal Fleisch genoß, schnappte der Hund unsers Nachbars, der ihm bis dahin höchst zugetan war, nach ihm und bellte ihn wütend an. Das war mir eine wunderbare Lehre.«

Der Präsident entgegnete finster: »Dem mag sein, wie ihm wolle. Aber ich mißbillige die zahllosen Experimente, die Sie mit dem jungen Menschen vornehmen. Wozu das alles? Wozu magnetische und andre Kuren? Man berichtet mir, daß Sie gegen gewisse krankhafte Zustände homöopathische Heilmittel anwenden. Wozu? Das muß einen so zarten Organismus aufreiben. Die Jugend ist es, die die Krankheiten heilt.«

»Ich bin erstaunt, daß Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben,« versetzte Daumer [109]kalt und demütig. »Der menschliche Körper wird oft von vorübergehenden Leiden befallen, denen auf homöopathischem Weg am besten beizukommen ist. Erst vorigen Montag hat, wie ich bestimmt versichern kann, eine kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt. Kennen Eure Exzellenz nicht den schönen, alten Spruch:

Ein kluger Arzt, der nimmt da seine Hilfe her, von wo der Schaden kömmt,
Löst Salzsucht auf durch Salz, löscht Feuer aus durch Flammen.
Ihr Kinder der Natur, ihr zieht die Kunst zusammen,
Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig.«

Feuerbach mußte unwillkürlich lächeln. »Mag sein, mag sein,« polterte er, »aber damit ist nichts bewiesen, und wenn auch, so trifft es die Sache nicht.«

»Meine Sache steht auch nicht darauf.«

»Um so besser. Vergessen Sie nicht, daß hier ein Recht durchzusetzen ist, das Recht eines Lebens. Ist es nötig, deutlicher zu sein? Ich glaube kaum. Gar bald, ich hoffe es, wird das Dunkel sich lüften, das über den rätselhaften Menschen gebreitet ist, und der Dank, den ich und andre Ihnen schon jetzt schulden, lieber Daumer, wird nicht durch ein Mißvergnügen geschmälert sein, das sich an Ihre vielleicht schädlichen Irrtümer heften muß.«

Das klang feierlich.

Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben, dachte Daumer erbittert, als der Präsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten; was ist mir doch in den Kopf gefahren, daß ich die Sache des heimatlosen Findlings zu meiner eignen machen mußte? Wär’ ich nur bei meinem Leisten geblieben, in meiner Einsamkeit.

[110]Es geht mich wenig an, was sie da über sein Schicksal fabeln, fuhr er in seinen verdrossenen Überlegungen fort; allerdings, der Ton des Präsidenten läßt auf etwas Ungewöhnliches schließen; das seltsame Gerede über Caspars Herkunft, sollte es wirklich einen Bezug haben? Gleichviel, was wäre das mir? Ob eines Bauern, ob eines Fürsten Sohn, was würde es besagen? Freilich, wenn so ein hoher Herr einem in den Weg läuft, gibt man sich als beflissenen Diener; verbriefter Adel und erlauchte Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Bürgers. Doch ein andres ist das Leben und ein andres die Idee; ein andres, den Mächtigen zu willfahren, weil es zwecklos ist, ihnen zu trotzen, und ein andres, ihrer zu vergessen, eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung der Philosophie. Zwischeninne führt die Grenze, die den Menschen aus Staub von dem Menschen aus Geist trennt. Sollte ich in meinem Optimismus zu weit gegangen sein, wenn ich in Caspar den Menschen aus Geist sah? Noch steht es zu bezweifeln.

Ein Gedankengang, der nicht frei von ahnungsvoller Betrübnis war.

Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe

Der Präsident blieb länger als eine Woche in der Stadt. Während dieser Zeit kam er entweder ins Daumersche Haus, um Caspar zu sprechen, oder er ließ den Jüngling zu sich in den Gasthof rufen. Feuerbach liebte nicht Zeugen [111]seines Zusammenseins mit Caspar. Seit er an einem der ersten Tage mit ihm durch die Straßen gegangen war (wo der früh gealterte, doch mächtig anzuschauende Mann neben dem zarten, ein wenig gebückt gehenden jungen Menschen allenthalben Aufsehen erregt hatte) und an einer Ecke, an der die beiden vorüber mußten, ein Kerl wie aus der Erde gewachsen plötzlich neben ihnen hergeschlichen war, verzichtete der Präsident darauf, sich mit seinem Schützling öffentlich zu zeigen.

Seine Gespräche mit Caspar, so geschickt sie auch eine Beziehungslosigkeit bisweilen vortäuschen mochten, verfolgten natürlich einen ganz bestimmten Zweck. Caspar, der davon wenig merkte, teilte sich seinem hohen Gönner ohne Befangenheit mit, und durch sein unschuldiges Geplauder wurde Feuerbachs Herz oft sonderbar bewegt, so daß er, dem Wort und Sprache in Fülle gegeben waren, sich nicht selten zum Schweigen verurteilt fand. Ja, er verlor an Sicherheit; »Caspars Blick gleicht dem Glanz eines morgendlich reinen Himmels, bevor die Sonne aufgeht,« schrieb er an eine altvertraute Freundin, »und manchmal ist mir unter diesem Blick zumute, als hielte der rasend dahinstürmende Schicksalswagen zum ersten Male still; die ganze Vergangenheit steht auf, erlittene Willkür und der Trug des Rechts, die Kränkungen des Neides und manche Tat, deren Früchte faul und ekel am Wege liegen. Dazu kommt, daß ich in betreff seiner unbekannten Herkunft auf einer Spur bin, die mich, ich fürchte sehr, an den Rand eines verderblichen Abgrunds führt, wo es gilt, sich den Göttern zu vertrauen, denn Menschen werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein.«

[112]Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine Stunde vor Abend zum Ausgehen an, da der Präsident ihn zu sich bestellt hatte. Er trat ins Wohnzimmer, um zu sagen, daß er gehe, und fand Anna Daumer allein. Sie saß am Fenster und las gerade das Büchlein des Polizeirats Merker. Kaum daß Caspar die Tür geöffnet, versteckte sie das Heft rasch und erschreckt unter der Schürze. »Was lesen Sie denn da und warum verbergen Sie es denn?« fragte Caspar lächelnd.

Anna errötete und stotterte etwas. Darauf schaute sie mit feuchten Augen empor und sagte: »Ach, Caspar, die Menschen sind doch gar zu schlecht.«

Er entgegnete nichts, sondern lächelte noch immer. Das erschien Anna auffallend, aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei. Es war eine seiner Seltsamkeiten, daß er sich nie entschließen konnte, eine Frauensperson ganz ernst zu nehmen; Frauenzimmer können nichts als dasitzen und ein wenig nähen oder stricken, pflegte er zu sagen; sie essen und trinken unaufhörlich und alles durcheinander und deswegen sind sie immer krank; auf andre Weiber schmähen sie und wenn sie dann mit ihnen beisammen sind, tun sie schön und lieb. Als er einmal in solcher Weise redete, beklagte sich Frau Daumer, doch er antwortete ihr: »Sie sind kein Frauenzimmer, Sie sind eine Mutter.« Auch ereignete es sich einst, daß er bei einem Paradezug von Seiltänzern einem zu Pferd sitzenden Mädchen, dessen bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit erweckt hatte, ein paar Straßen weit folgte; darüber ärgerte er sich nachher gewaltig, und er [113]meinte, nun sei ihm doch auch einmal geschehen, was bei andern, wie er höre, zuweilen der Fall sei, er sei einem Weibe nachgelaufen.

Er sagte, daß er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde, aber Anna erwiderte, das sei wohl zu spät, ihr Bruder habe davon gesprochen, daß er den Abend mit Caspar bei der Magistratsrätin Behold verbringen wollte; die Rätin habe schon einige Male darum gebeten, sie sei eine einflußreiche Person, und wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr machen wolle, müsse er der Einladung folgen.

»Der Herr Präsident geht vor,« sagte Caspar verdrossen und ging.

Es war mildes Wetter, der Schnee war längst verschwunden, weiße Wolken zogen über die spitzgiebligen Dächer hin. Als Caspar in das Zimmer trat, das der Präsident bewohnte, saß dieser am Schreibtisch und blickte mit zurückgelehntem Körper düster sinnend ins Leere. Erst nach einer Weile wandte er sich zu Caspar und redete ihn, aus seinem dunkeln Nachdenken heraus, ohne Begrüßung an. »Ich kehre morgen nach Ansbach zurück, Caspar, wie Sie ja wissen,« begann er und verdeckte die Augen mit der Hand; »Sie werden mich einige Wochen, ja vielleicht monatelang nicht sehen. Ich möchte hie und da von Ihnen Nachricht haben, von Ihnen selbst, will Sie aber nicht auffordern, mir regelmäßig zu schreiben, damit Ihnen nicht eine ungern erfüllte Pflicht daraus erwachse. Nun dachte ich mir, Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben, bei der Sie mehr auf sich selbst als an andre gewiesen sind. Sie sollen nicht zur Rechenschaft befohlen sein, aber was Sie einem Freund oder [114]sagen wir Ihrer Mutter vertrauen würden, das sollen Sie hier bewahren.«

Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes Schreibheft. Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weißen herzförmigen Schildchen: Tagebuch – Stundenbuch für Caspar Hauser. Er schlug es auf und gewahrte, auf der ersten Seite eingeklebt, das Bild Feuerbachs und darunter, von der Hand des Präsidenten geschrieben, die Worte: Wer die Stunde liebt, der liebt Gott; der Lasterhafte entflieht sich selbst.

Caspar schaute den Präsidenten mit großen Augen ängstlich an. Er wiederholte für sich im stillen, mit sichtbarer Bewegung der Lippen, die geschriebenen Worte und dann, was der Präsident zu ihm gesagt; alles verfloß im Nebel und, des feierlichen Tones halber, in eine Ahnung von Gefahr.

Es pochte an der Tür und auf das Herein des Präsidenten brachte ein Eilbote einen Brief. Kaum hatte Feuerbach, ohne das Schreiben zu öffnen, einen Blick auf das Siegel geworfen, als er die Handglocke läutete und dem eintretenden Diener den Befehl gab, es solle sogleich angespannt werden. »Ich muß noch diesen Abend reisen,« sagte er zu Caspar.

In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen. Der Postillon im Hof knallte mit der Peitsche. Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar, er spürte plötzlich etwas von der Größe der Welt, und die Wolken am Himmel schienen Arme herunterzustrecken, um ihn emporzuheben. Als ihm der Präsident die Hand zum Abschied reichte, bat er schmeichelnd, mit verlangendem Lächeln: »Möcht’ auch mitfahren.«

[115]»Wie, Caspar!« rief der Präsident in gespielter Überraschung, und plötzlich wieder das frühere Du der Anrede wählend, »willst du denn fort von den Nürnbergern? Hast du denn vergessen, was du deinem gütigen Pflegevater schuldig bist? Was würde Herr Daumer sagen, wenn du ihn so undankbar verließest? und viele andre wackere Männer, die sich deiner angenommen haben? Es erstaunt mich, Caspar. Bist du denn nicht gern hier?«

Caspar schwieg und senkte die Augen. Hier ist immer dasselbe, dachte er. Er sehnte sich fort; er dachte, einmal könne man fortgehen, man könnte in der Nacht das Tor öffnen und könnte gehen, ohne den Weg zu wissen. Vielleicht käme dann einer, um zu fragen: wohin, Caspar? Und er führte ihn zu einem Schloß, vor dem viel Volks versammelt ist; drinnen ruft eine Stimme Caspars Namen, die Leute machen Platz und viele Arme deuten auf das Tor, dem er zuschreitet.

»Sprich!« mahnte der Präsident barsch.

»Sie sind alle gut mit mir,« flüsterte Caspar mit zuckenden Lippen.

»Nun also!«

»Es ist nur –«

»Was? Was ist –? Heraus mit der Sprache!«

Caspar schlug langsam die Augen auf, machte mit dem Arm eine weite Geste, als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und sagte: »Die Mutter.«

Feuerbach wandte sich weg, ging zum Fenster und blieb schweigend stehen.

Eine Viertelstunde später schritt Caspar durch die engen Gassen beim Rathaus und kam alsbald [116]auf den menschenverlassenen Egydienplatz. Es war schon dunkel geworden, vor der Kirche brannte eine Öllaterne, und während er nach links abbog, wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage den Platz gegen die Laufergasse schloß, gewahrte er einen ruhig stehenden Mann, der gebeugten Kopfes nach ihm hersah. Caspar ging ein wenig langsamer, plötzlich sah er, daß der Mann den Arm erhob und mit dem Finger winkte.

Caspars Herz klopfte laut. Irgend etwas zwang ihn, der stummen Aufforderung des Unbekannten zu folgen. Der Mann fuhr fort, mit dem Finger zu winken, und wie hingezogen tat Caspar ein paar Schritte auf ihn zu. Da ging der Mann tiefer in das Gehölz, hörte aber nicht auf zu winken. Caspar konnte sein Gesicht nicht sehen, das unter dem weit in die Stirn gedrückten Hut versteckt war.

Er folgte dem Menschen, obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten, mit Grauen fühlte er sich Schritt um Schritt gezogen, seine Augen waren aufgerissen, Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht, und die Hände hielt er mit gespreizten Fingern von sich gestreckt.

Schon war er dem Unbekannten so nahe, daß er dessen gelbe Zähne zwischen den Lippen schimmern sah, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn sich nicht in diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebüsches ein Trupp betrunkener junger Leute hätte hören lassen; der fremde Mann stieß einen gurrenden Laut aus, bückte sich rasch und war unter dem Schutz des Laubwerks im Nu verschwunden.

Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche; er lief geradeswegs mitten in die Schar [117]der Lärmmacher hinein, die ihn aufzuhalten suchten, und so vermischte sich ein Schrecken mit dem andern. Nur mit Mühe riß er sich los, einige folgten ihm schreiend, er verdoppelte seine Eile, der Hut fiel ihm vom Kopf, er ließ ihn liegen, rannte, so schnell er konnte, durch die Judengasse und weiter und ging erst wieder langsamer, als er sich auf der Brücke zur Insel Schütt befand.

Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor. Betroffen hörte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an, und nach einiger Überlegung meinte er, er glaube nicht recht an das Abenteuer; »da hat dir wohl deine allweil erregte Phantasie einen törichten Streich gespielt,« sagte er ungewöhnlich streng. »Nein, es ist wirklich wahr,« beteuerte Caspar. Dann klagte er, daß er den Hut verloren habe, und schließlich zeigte er, auf einmal ganz heiter geworden, das Heft, das ihm der Präsident geschenkt und das er während der ganzen Zeit krampfhaft in der Hand festgehalten hatte.

Zerstreut besah es Daumer. »Hat dir Anna nicht gesagt, daß wir zur Magistratsrätin gehen?« fragte er mißgelaunt. »Es ist höchste Zeit; mach flink und zieh dir den Sonntagsrock an.«

Caspar schaute ihn mit schrägem Blick von unten an und ging zögernd ins Haus. Daumer, der schon im Gesellschaftskleid war, wandelte zweimal bis zum Pegnitzufer und wieder zurück; eine halbe Stunde verfloß und Caspars langes Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig. Er eilte die Stiege hinan und betrat Caspars Zimmer, wo eine Kerze brannte. Zu seinem Ärger nahm er wahr, daß Caspar angekleidet auf dem Bette lag und schlief. Er rüttelte ihn an der [118]Schulter, ließ aber plötzlich ab, durchmaß ein paarmal das Zimmer, ohne seines Mißmuts Herr zu werden, dann stieß er zornig hervor: »Ach was, soll die Neugier der guten Leute um ihren Schmaus betrogen werden!«

Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester, die vor dem Klavier saß und spielte. Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne weiteres recht, daß er Caspar zu Hause lasse. »Dann muß jemand zur Rätin und unser Ausbleiben entschuldigen,« sagte Daumer in einem Ton, als ob das Versäumnis sonst schlecht ausgelegt werden könne und er Unannehmlichkeiten zu befürchten habe. Anna erwiderte, die Magd sei nicht da, und nach einigem Besinnen erklärte sie sich bereit, den Gang selbst zu tun.

Als sie fort war, setzte sich Daumer zu den Büchern, rückte die Lampe zurecht und las. Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei jedem Laut zusammen. Nach einer geraumen Weile hörte er Schritte; Anna trat hinter seinen Stuhl und sagte hastig, die Magistratsrätin sei mitgekommen, um Caspar zu holen. Daumer sprang auf; »das heiße ich den Spaß zu weit getrieben,« murmelte er entrüstet. Anna legte ihm die Hand auf den Mund, denn schon stand die Rätin in der Türe; reich geschmückt, im Seidenmantel, ein kostbares Spitzentuch um den Kopf.

Sie war eine nicht mehr ganz junge, aber sehr stattliche Frau, ungewöhnlich groß gewachsen, mit ungewöhnlich kleinem Kopf. In ihrem Betragen vermischte sich das Modisch-Französische und das Nürnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht immer ganz einwandfreie Weise, und wo jenes zur Geltung kommen sollte, guckte dieses [119]wie der Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer brokatenen Tunika hervor.

Sie rauschte auf Daumer zu, majestätisch wie eine schaumige Woge, und der gute Mann, niedergeschmettert von so viel Glanz, vergaß seinen Groll und führte die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen. »Muß ich selbst Sie an Ihr Versprechen erinnern?« rief sie mit einer sonoren, kräftigen Stimme. »Was soll’s bedeuten, Professor? Was ist vorgefallen? Weshalb die Absage? Sie sehen, ich verlasse meine Gäste, um ein Wort einzulösen, das Ihnen zu brechen so leicht wird. Keine Ausflucht, lieber Daumer, Caspar muß mit, wo ist er?«

»Er schläft,« erwiderte Daumer zaghaft.

»Nom de Dieu! Er schläft! Daß dich das Mäusle beißt! So wird man ihn halt wecken. Marsch, marsch, voran!«

Daumer hatte nicht den Mut, zu widersprechen, dies zupackende Gebaren beraubte ihn der gegenständlichen Gründe. Er nahm die Lampe und schritt voraus. Anna, die zurückblieb, räusperte sich empört, dies beirrte aber Frau Behold keineswegs, als Antwort zuckte sie nur verächtlich die Achseln.

Daumer stand so versonnen an Caspars Lager, daß er die Lampe wegzustellen vergaß. In der Tat mochte es schwerlich etwas Schöneres zu sehen geben als den Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit, die auf dem Gesicht des Schläfers leuchteten. Frau Behold schlug unwillkürlich die Hände zusammen, und darin lag Wahrheit und Gefühl.

»Bestehen Sie noch darauf, ihn zu wecken?« fragte Daumer richterlich. »Der Schlaf ist heilig. [120]Die seligen Geister werden fliehen, sobald unsre Hand ihn berührt.«

Frau Behold klappte die Lider auf und zu, als wolle sie das bißchen Rührung davonjagen, wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt. »Schön gesagt,« spottete sie, und ihre Stimme surrte wie das Rädchen einer Spindel. »Aber ich bestehe auf meinem Schein. Ich will dem Buben was dafür schenken, und was die seligen Geister betrifft, die kommen wieder, zum Schlafen gibt’s Nächte genug.«

Während Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch zärtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien, zeigte sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche Erregung. Sie blinzelte mit den Augen, ihre Unterlippe wurde schlaff und entblößte eine schmale, feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier. »Pauvré diable,« murmelte sie, »armes Herzle,« und erfaßte Caspars Hand.

Davon erwachte Caspar völlig, befreite die Hand mit einem Ruck und schüttelte sich. Sein trunken-müder Blick fragte, was man mit ihm vorhabe, Daumer erklärte es, schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm zu trinken, nahm den Sonntagsrock, der schon bereitlag, und hielt ihn zum Anziehen hin.

Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig: »Ich will nicht zu der Frau.«

»Wie, Caspar?« rief Daumer erstaunt und verletzt. Zum erstenmal vernahm er dies »ich will nicht«, zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn auf. Caspar war selber erschrocken, sein Blick war schon wieder gefügig, als Daumer [121]mit ernsthaftem Ton fortfuhr: »Ich aber will es. Ich will auch, daß du die Dame um Verzeihung bittest. Es geht nicht an, daß du eine Laune über dich Herr werden läßt. Wenn wir uns der Rücksichten gegen die Menschen entbinden würden, stünden wir alle so hilflos da wie du am ersten Tag.«

Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar, was ihm befohlen worden. Frau Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer. Sie tätschelte Caspars Wange und fand den Professor Daumer ziemlich komisch.

Eine halbe Stunde später waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern der Rätin. Caspar, von Menschen umdrängt, mußte die gewöhnliche Flut der Fragen über sich ergehen lassen. Frau Behold wich nicht von seiner Seite, sie lachte beinahe zu allem, was er sagte, und er wurde allmählich verwirrt und unruhig, empfand Angst vor den Worten; es schien ihm gefährlich, zu sprechen, es war, als ob alle Worte zweifach vorhanden wären, einmal offenbar, das andre Mal verhüllt, und so wie die Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches, und unwillkürlich suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite, die lauernd hinterherging und verführerisch mit dem Finger winkte.

Es war ihm unverständlich, was sie von ihm wollten, ihre Kleidung, ihre Gebärden, ihr Nicken, ihr Lächeln, ihr Beisammensein, alles war ihm unverständlich, und auch er selbst, er selbst fing an, sich unverständlich zu werden.

Indessen verlebte Daumer eine böse Stunde. Frau Behold, die stolz darauf war, ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen, [122]hatte heute einen Herrn zu Gast, der, wie man sich erzählte, unter falschem Namen reiste, da er in wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im Osten des Landes unterwegs sei. Man raunte sich auch zu, daß der hohe Fremde großes Interesse an dem Findling Hauser nehme und daß er vielen einflußreichen Personen gegenüber sich abfällig und tadelnd über die unsinnigen Gerüchte geäußert habe, die Caspars Herkunft zum Gegenstand hatten. Und man muß gestehen, daß die einflußreichen Personen sich dem Gewicht einer solchen Meinung nicht verschlossen, aber das Treiben des vornehmen Herrn gab auch Anlaß zu mancherlei Verdacht, und der Redakteur Pfisterle, Querulant wie immer, behauptete sogar, der diplomatische Herr sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter Spion.

Wie dem auch war, von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner Weltverlorenheit nichts erfahren. Der Fremde gesellte sich nach kurzer Weile zu ihm, und sie kamen ins Gespräch, wobei es jener leicht anzustellen wußte, daß sie sich von den übrigen Gästen absonderten. Daumer, eingeschüchtert durch die Manieren, die delikate Zwanglosigkeit des hohen Herrn, dessen Rockbrust voller Orden hing, wußte zuerst kaum etwas zu sagen, antwortete bloß wie ein Schüler mit nein und ja. Allmählich gab er sich freier und erzählte seinem Zuhörer vieles von Caspar, kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte wie zur Erläuterung das Benehmen des Jünglings, als er heute abend, vor einem eingebildeten, ohne Zweifel eingebildeten, Verfolger flüchtend nach Hause gekommen war.

Der Fremde hörte aufmerksam zu. »Vielleicht [123]hat er sich aber gar nicht getäuscht,« entgegnete er vorsichtigen Tons, »es mag sich da mancherlei in der Verborgenheit abspielen. Meines Wissens haben ja auch Sie, lieber Professor, vor längerer Zeit eine Art von Warnung erhalten. Sie dürfen sich daher nicht wundern, wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird.«

Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswürdiger Offenheit, scheinbar harmlos plaudernd, fort: »Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen, daß da Mächte im Spiel sind, die vor nichts zurückschrecken, um ihre Maßregeln mit Nachdruck durchzuführen. Das unruhige Gemunkel wird vielleicht als störend empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem Kerbholz und möchte die Öffentlichkeit vermeiden. Vorläufig mag es der Gewalt, die da im Hintergrund ist, darum zu tun sein, die Dinge möglichst in Verborgenheit abzumachen, aber sie könnte wohl auch offenes Spiel treiben, sie könnte der Polizei und den Gerichten mit Gemütsruhe die Hände binden. Einstweilen begnügt man sich aber, die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen.«

Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenüber schienen einen genauen Bezug zu haben; doch der Fremde ließ ihm keine Zeit zu überlegen, er fuhr mit heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort: »Ich glaube vor allem, daß man die Verbreitung all des hirnlosen Geschwätzes durch das bequeme und naheliegende Mittel der Druckschrift fürchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben ungern, noch weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht auf den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten zu sehen; [124]das ist begreiflich. Der Staatsbürger hat Freiheiten genug; in seinem Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden finden.«

Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er beschloß, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon seine eigne Freiwilligkeit zuvorgekommen.

»Ich möchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor,« begann der Fremde wieder; »sind Sie wirklich überzeugt, daß der hergelaufene Knabe, an dem ich auf meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses äußeres Interesse nehme, die ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter Männer verdient und rechtfertigt? Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit seiner zweifelhaften Sache zu beschäftigen? Was bleibt für die großen Angelegenheiten der Nation, der Wissenschaft, der Kunst, der Religion, des Lebens überhaupt, wenn ein Mann wie Sie die besten Geisteskräfte an ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man rühmt die außergewöhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemühe mich umsonst, solche Gaben zu entdecken; ich bin kühn genug, zu behaupten, daß ich damit nur an Ihre eigne Ungewißheit rühre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen und wir werden über diesen Punkt eine betrübende Sicherheit gewinnen. Innerhalb der menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von Wesen, die, mit ebensogroßen oder noch größeren Eigenschaften geboren, gleichwohl einem ungleich elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte Tugend müßte sich auch für sie entflammen, denn in der Idee darf dem Erbarmen mit der menschlichen Not keine Grenze gesetzt sein. Aber wo endete der Mann, der sein Herz nach allen [125]Seiten hin zerrisse und in Fetzen austeilte? Er stünde leer da an dem Tage, wo ein würdiger Gegenstand ein würdiges Opfer von ihm forderte. Denken Sie sich von Caspars Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg und das vermeintliche Wunder ist enthüllt bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben als die beschämende Selbstverständlichkeit einer natürlichen Tatsache. Bestenfalls bleibt ein Kuriosum, mit welchem man ein Tischgespräch würzen kann. Ein Kuriosum und das bißchen Geheimnis, das allen unreifen Köpfen so aufregend dünkt.«

Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zügen; sein umherschweifender Blick suchte nach Caspar, aber alles, was er zu sagen wußte, war: »Nicht durch Worte kann die Seele für sich zeugen.«

Der Fremde lächelte bitter. »Die Seele! die Seele!« erwiderte er spöttisch. »Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort wie jedes andre. Das Auge schaut, der Finger spürt, jedes Härchen lebt auf eigne Weise, das Blut durchspritzt die Adern, jeder Sinn macht den Raum lebendig, den Tod fühlbar, was ziert ihr euch da und wollt ein Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei die Seele wie ein Schmuckstück, das eine eitle Frau im Kästchen verschließt und gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glänzen! Jeder ist im allgemeinen ausgeteilt und sein Zuschuß von Kräften ist kein Privileg, sondern nur eine Hoffnung. Oder dürfte der Adler die Seele für sich in Beschlag nehmen, weil er besser zu fliegen vermag als die Gans? Die Seele! Ihr Herren beleidigt den Schöpfer damit, ob ihr sie leugnet oder ob ihr Bücher schreibt, um sie zu beweisen.«

[126]Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und als er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit höflicher Eindringlichkeit zuvor. »Ich weiß, Sie lieben Caspar,« sagte er mit veränderter Stimme, ernst und herzlich, »Sie lieben ihn brüderlich, und nicht Mitleid nährt diesen Trieb, sondern die schöne Begierde, die stets den Gott in der Brust des andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst erkennen will. Aber Sie möchten eine Ausrede haben für Ihre Liebe, das ist es. Muß ich Ihnen sagen, daß es keine tieferen Wunden gibt als die Enttäuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate Ihnen, fliehen Sie den Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts mehr zu bieten hat als Enttäuschung.«

»Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben wie wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten!« rief Daumer verzweifelt.

Der Fremde verzog sein faltig-altes Gesicht zu einer Grimasse des Bedauerns. Eine leichte Gebärde verriet, daß das Gespräch für ihn erschöpft sei, und sie mischten sich wieder unter die übrigen Gäste. Daumer, völlig aus der Fassung gebracht, wünschte nichts weiter, als den lärmenden Kreis zu verlassen. Er suchte Caspar und bemerkte ihn, blaß und schweigsam, mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen Fräcken; Frau Behold saß auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen Füßen, und ihr Gesicht sah hart und düster aus.

Der Abschied war umständlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen schweigend ein Stück Wegs zurückgelegt hatten, schlang Daumer den [127]Arm um Caspars Schulter und sagte: »Ach, Caspar, Caspar!« Es klang wie eine Beschwörung.

Caspar, den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfließen voll von Fragen war, seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in wiedererwachtem Vertrauen zu. Sei es nun, daß Blick und Lächeln Daumer an einer Stelle seines Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig fühlte, sei es, daß die Nacht, die Einsamkeit, die quälenden Zweifel, das wunderliche Gespräch, das er eben geführt, seinen Geist zu übertriebener Inbrunst entzündeten, er blieb stehen, umarmte Caspar noch fester und rief mit emporgewandten Augen: »Mensch, o Mensch!«

Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als eröffne sich ihm auf einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschöpf, tief unten verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd sich selbst, fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch.

Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas Weihevolles für ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein Tagebuch zur Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren die drei Worte: Mensch, o Mensch – für jeden andern natürlich eine sinnlose Hieroglyphe, für ihn aber ein deutungsvoller Hinweis, ein entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl- und Zauberspruch zur Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen Wesen, daß er von derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete, welches nur in [128]Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war, und in einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn häufig befielen, faßte er den sonderbaren und folgenschweren Entschluß, daß kein andrer Mensch außer seiner Mutter jemals Einblick in dieses Heft erlangen, jemals lesen sollte, was er darin aufschreiben würde. Solche Vorsätze starrsinnig zu halten, dazu war er durchaus imstande.

Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus kamen, die mit Feuerbach befreundet waren und große Teilnahme für Caspar hegten, kam zufälligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Präsident seinem Schützling gemacht, und da Daumer erzählte, es befände sich in dem Büchlein ein sehr gutes Stahlstichporträt des Präsidenten, wünschten die Damen das Heft gern zu sehen. Zu aller Erstaunen weigerte sich Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm erschrocken seine Unhöflichkeit vor, aber er blieb hartnäckig. Die Damen bestanden nicht weiter darauf, ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung, aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jüngling ins Gebet und fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. »Und würdest du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorenthalten?« fragte Daumer. Caspar sah ihn groß an und antwortete treuherzig: »Sie werden es gewiß nicht verlangen, bitte schön!«

Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still.

Gegen Abend kam Herr von Tucher, bat Daumer um eine Unterredung unter vier Augen, und als sie allein waren, sagte er ohne weitere [129]Einleitung: »Ich muß Sie leider davon in Kenntnis setzen, daß ich unsern Caspar zweimal beim Lügen ertappt habe.«

Daumer schlug stumm die Hände zusammen. Das fehlte nur noch, dachte er.

Beim Lügen! Zweimal beim Lügen ertappt! Ei du gütiger Himmel, wie war das zugegangen!

Die Sache verhielt sich so: Am Sonntag sei er mit dem Bürgermeister in Caspars Zimmer getreten, erzählte Herr von Tucher, und habe den Jüngling ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da habe Caspar, der bei den Büchern gesessen, erwidert, er dürfe nicht, Daumer habe ihm verboten, das Haus zu verlassen. Dem Bürgermeister sei das gleich bedenklich erschienen, besonders da ihn Caspar kaum anzusehen gewagt, er habe sich unauffällig bei Daumer erkundigt, wie dieser sich wohl erinnern werde, und seinen Verdacht bestätigt gefunden. Am andern Tag seien beide, Herr Binder und Herr von Tucher, während Daumer vom Hause fortgewesen, zu Caspar gekommen und hätten ihm seine Unwahrheit vorgehalten. Unter Erglühen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden, habe aber, wie ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten Ausweg ergreifend, albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame, die bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen, weshalb er auf sie gewartet habe.

»Auf unser mehr bestürztes als strenges Zureden bekannte er sich auch dieser Unwahrheit schuldig,« fuhr Herr von Tucher mit unerschütterlichem Ernst fort. »Er gab zu, daß er nur in Ruhe habe studieren wollen und daß ihm kein andres Mittel eingefallen sei, um die lästigen [130]Störungen abzuwenden. Inständig flehte er uns an, Ihnen nichts von seinem Fehltritt zu erzählen, er wolle es nie wieder tun. Ich hab’ mir’s aber überlegt und bin zu dem Schluß gelangt, daß es besser ist, wenn Sie alles wissen. Es ist vielleicht noch Zeit, um das böse Laster mit Erfolg zu bekämpfen. Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen, doch ich glaube noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemüts, wenngleich ich überzeugt bin, daß uns nur die äußerste Wachsamkeit und unerbittliche Maßnahmen vor gröberen Enttäuschungen bewahren können.«

Daumer sah vollkommen vernichtet aus. »Und das von einem Menschen, auf dessen heiliges Wahrheitsgefühl ich Eide geschworen hätte,« murmelte er. »Wenn Sie es nicht wären, der mir das erzählt, ich würde lachen. Noch vor einer Stunde hätte ich jeden für einen Schurken erachtet, der mir gesagt hätte, Caspar sei einer Lüge fähig.«

»Auch mir ist es nahgegangen,« versetzte Herr von Tucher. »Aber wir müssen Geduld haben. Sehen Sie zu, halten Sie die Augen offen, warten Sie auf den nächsten gegründeten Anlaß, dann greifen Sie ein, und zwar mit wuchtiger Hand.«

Eine Lüge; nein, zwei Lügen auf einmal! Der arme Daumer, er wußte sich keinen Rat. Er ging hin und überlegte. Herr von Tucher nimmt den ganzen Vorgang zu schwer, sagte er sich; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte Natur, aber ohne Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen, die ihn dazu verführen, eine Lüge mit allen verfehmenden Zeichen der Übeltat auszustatten; Herr von Tucher kennt das tägliche Leben [131]nicht, das unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem, was schlecht ist und was der Andrang gebieterischer Umstände auch dem Redlichsten entpreßt. Aber was geht mich Herr von Tucher an, hier handelt es sich um Caspar. Ich glaubte einst, von ihm fordern zu dürfen, was keiner sonst von keinem fordern darf. War es eine Verblendung, eine Anmaßung von mir? Wir wollen sehen; ich muß jetzt herausbekommen, ob er schon zu den Gewöhnlichen gehört oder ob sein Wille noch einer unhörbar rufenden Stimme zu gehorchen fähig ist. Hat sich sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall schon verschlossen, dann ist seine Lüge eine Lüge wie jede andre, kann ich aber noch übersinnliche Kräfte des Verstehens in ihm wecken, dann will ich die Philister verachten, die immer gleich mit dem Bakel erscheinen.

Es bedurfte einer schlaflosen Nacht, um dem sonderbaren Plan Daumers, der eine Art Gottesurteil in sich schließen sollte, auf die Beine zu helfen. Die Weigerung Caspars, sein Tagebuch zu zeigen, gab den Anstoß. Ich will ihn bewegen, mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen, kalkulierte Daumer; ich will etwas wie eine metaphysische Kommunikation zwischen mir und ihm herstellen; ich werde ihn, ohne ein Wort zu sprechen, mit meinem geistigen Verlangen zu erfüllen trachten und werde eine Stunde festsetzen, innerhalb deren das nur Gewünschte zu geschehen hat. Kann er folgen, so ist alles gut; wenn nicht, dann ade, Wunderglaube, dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt, mir die Seele wegzudisputieren.

Am Morgen, so gegen neun Uhr, kam Anna zu ihrem Bruder und sagte, Caspar gefalle ihr [132]heute ganz und gar nicht; er sei schon um fünf aufgestanden und es sei eine Unruhe in ihm, die sie noch nie wahrgenommen; beim Frühstück habe er fortwährend ängstlich um sich herumgeschaut und keinen Bissen gegessen.

Daumer lächelte. Sollte er jetzt schon spüren, was ich mit ihm vorhabe? dachte er, und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich.

Ein schicklicher Vorwand, die Frauen aus dem Haus zu schaffen, fand sich ungezwungen; Frau Daumer mußte ohnehin auf den Markt, Anna wurde überredet, einige Besuche zu machen. Um elf Uhr machte sich Caspar an seine Schularbeiten, Daumer ging ins Nebenzimmer, ließ aber die Tür offen. Er setzte sich, das Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet, ein wenig hinter der Schwelle auf ein Stühlchen, und es gelang ihm alsbald, mit erstaunlicher Energie all seine Gedanken auf das eine Ziel zu richten, auf dem einen Punkt zu sammeln. Im Haus war es sehr still, kein Laut störte das wunderliche Beginnen.

Bleich und gespannt saß er also und beobachtete, daß Caspar häufig aufstand und zum Fenster trat. Einmal öffnete er das Fenster, das andre Mal schloß er es wieder. Dann begab er sich zur Tür und schien zu überlegen, ob er hinausgehen solle. Sein Auge war ohne Stetigkeit und sein Mund eigentümlich gramvoll verzogen. Aha, es rumort in ihm, frohlockte Daumer, und immer, wenn Caspar sich dem Schränkchen näherte, in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag, bekam der unglückliche Magier vor Erwartung Herzklopfen.

Wie weit war Caspar davon entfernt, auch nur zu ahnen, was in Daumer vorging! zu [133]ahnen, daß in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein Tribunal gestellt wurde!

Es war ihm ungeheuer bang heute. Es war ihm so bang, daß er ein paarmal die ganz bestimmte Vorstellung hatte, es würde ihm etwas Schlimmes zustoßen. Ja, er hatte das unabweisbare Gefühl, daß einer unterwegs sei, der ihm etwas zuleide tun werde. Erstickend lag die Luft im Raum, die Wolken am Himmel blieben lauernd stehen; wenn durch die Baumkronen vor dem Fenster eine Schwalbe strich, sah es aus, als ob eine schwarze Hand pfeilschnell auf- und niedertauche; das Deckengebälk bog sich niedriger, hinter dem Getäfel der Wand knackte es unheimlich.

Caspar ertrug es nicht mehr. Sein Blick stach, eine kühlschaurige Angst floß ihm durch die Haare, die Brust wurde eng, es trieb ihn hinaus, hinaus ... Plötzlich verließ er mit fliehenden Gebärden das Zimmer.

Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus dem Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die spielerische Willkür dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden.

Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft, verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. Er faßte den unerschütterlichen Vorsatz, sein Leben wie ehedem dem Beruf, der Einsamkeit und den Studien zu widmen und die Kräfte des Geistes [134]nur dort zu opfern, wo im Frieden der Erkenntnis und des Forschens jede Gabe sichtbar bezahlt wird.

Eine vermummte Person tritt auf

Caspar war in den Garten gegangen. Er lief über den feuchten Boden bis zum Zaun und schaute gegen den Fluß hinüber. Ein bleifarbener Dunst umkleidete die Türmchen und ineinander geschobenen Dächer der Stadt, nur das bunte Dach der Lorenzerkirche glänzte hell, doch glich alles zusammen mehr einem Spiegelbild im Wasser als einer greifbaren Wirklichkeit.

Caspar fröstelte, und es war doch warm. Er wandte sich wieder gegen das Haus. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, machte ihn der leer daliegende Flur betroffen. Ein breiter Streifen Sonne, der über die Steinfliesen kam und zitternd die weißen Stufen der Wendeltreppe hinauflief, verstärkte den Eindruck der Verlassenheit. Hinter einer Tür des Flurs, aus der Wohnung des Kandidaten Regulein, tönten Geigenklänge; der Kandidat übte. Den einen Fuß schon auf der Treppe, blieb Caspar stehen und lauschte.

Da! Da war es! Da kam er! Ein Schatten erst, dann eine Gestalt, dann eine Stimme. Was sagte die Stimme, die tiefe Stimme?

Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte: »Caspar, du mußt sterben.«

Sterben? dachte Caspar erstaunt, und seine Arme wurden steif wie Hölzer.

Er sah einen Mann vor sich stehen, der ein seidig-schwarzes, langhängendes, vom Zugwind [135]ein wenig geblähtes Tuch vor dem Gesicht hatte. Er hatte braune Schuhe, braune Strümpfe und einen braunen Anzug. Über seinen Händen trug er Handschuhe, und in seiner Rechten funkelte etwas Metallenes, funkelte schnell und erlosch. Er schlug Caspar damit. Während Caspar den gelähmten Blick nach oben zwang, spürte er einen donnernden Schmerz im Hirn.

Auf einmal hörte der Kandidat Regulein auf, die Geige zu spielen. Es erschallten Schritte, die wieder verklangen, doch mochte der Vermummte stutzig geworden sein und die Furcht ihn verhindern, zum zweitenmal auszuholen. Als Caspar die Augen auftat, über die von der Mitte der Stirn herunter eine brennende Nässe floß, war der Mann verschwunden.

Ei, hätte er nur nicht Handschuhe gehabt, unter tausend Händen wollte ich seine Hand erkennen, dachte Caspar, indem er zur Seite torkelte. An der Schmalseite des Flurs fand er keinen Halt; er probierte die Stiege hinaufzuklimmen, aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder Strom Feuers. Er glitt nieder, umklammerte die Steinsäule und blieb eine halbe Minute lautlos sitzen, bis ihn die Angst packte, der Vermummte könne wieder zurückkommen. Mit aller Kraft hielt er das fliehende Bewußtsein noch fest, richtete sich auf, taumelte vorwärts und tastete sich an der Wand entlang, als suche er ein Loch, um sich zu verkriechen.

Als er bei der Kellertreppe war, gab die nur angelehnte Tür dem Druck seiner Hand nach, so daß er fast hinuntergestürzt wäre. Kaum sehend und ohne zu überlegen tappte er so schnell wie möglich die finsteren Stufen hinunter, denn schon [136]glaubte er den Vermummten hinter sich. Als er im Keller war, spritzte Wasser von seinen Schritten auf; es war Regenwasser, das bei schlechtem Wetter hier unten Pfützen bildete. Endlich fand er einen trockenen Winkel; während er sich niederließ und sich, voller Furcht und Grauen, förmlich zusammenrollte, hörte er noch von den Turmuhren zwölf schlagen, danach sah und fühlte er nichts mehr.

Um viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurück. Anna, die im Flur voranging, gewahrte die große Blutlache vor der Stiege und schrie auf. Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte: »Na, was ist denn das für eine Bescherung!« Die alte Frau, die an nichts Schlimmes dachte, äußerte sich, wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten gehabt. Anna jedoch, mehr und mehr voll Ahnung, wies auf die blutigen Fingerabdrücke hin, die an der Mauer bis zur Kellertür sichtbar waren. Sie sprang hinauf, ihr erster Gedanke war Caspar, sie suchte ihn in allen Zimmern und sagte zum Bruder: »Du, da unten ist alles voll Blut.« Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf vom Schreibtisch und eilte hinaus.

Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt. Mit heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fügte gellend hinzu: »Da unten ist er, da liegt der Hauser! Hilfe, Hilfe, schnell!«

Alle drei Daumers stürzten in den Keller, Anna kam keuchend wieder zurück, um die Kerze zu holen, die andern versuchten, den verkauerten Körper Caspars aufzurichten, und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf. »Zum Arzt, zum Arzt!« kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden [137]Anna zu, die das Licht ausblies, zu Boden warf und davonsprang.

Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag, wuschen sie das gestockte Blut von seinem Gesicht, und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten der Stirn zum Vorschein. Daumer lief mit gerungenen Händen im Zimmer auf und ab und stöhnte fortwährend: »Das muß mir passieren! Das muß in meinem Haus passieren! Ich hab’s ja gleich gesagt, ich hab’s immer gewußt!«

Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen, als Anna mit dem Arzt zurückkam. Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute. Ein wenig später erschien auch der Gerichtsarzt; beide Doktoren versicherten, daß die Wunde ungefährlich sei, ob aber das Gemüt des Jünglings nicht eine bedenkliche Erschütterung erlitten habe, ließen sie dahingestellt.

Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden, Caspar war immer nur kurze Zeit bei Besinnung; er stammelte dann ein paar Worte, die allerdings das, was mit ihm geschehen war, wie unter Blitzesleuchten erkennbar machten, sprach von dem Vermummten, von seinen glänzenden Stiefeln und gelben Handschuhen, fiel aber danach in heftige Wahn- und Fieberdelirien. Bei der Besichtigung der Lokalität wurde der Weg entdeckt, auf dem der Unbekannte ins Haus gedrungen war: unter der Stiege befand sich nämlich gegen den Baumannschen Garten ein kleines Türchen, dessen Vorlegeschloß zersprengt war.

Die Vernehmung Daumers war fruchtlos, er stand kaum Rede. Gegen Abend kam Herr von Tucher und teilte mit, daß man einen Eilboten an den Präsidenten Feuerbach abgefertigt habe.

[138]Das Bürgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen veranstaltet. An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache zu erhöhter Aufmerksamkeit verpflichtet; die Wirtshäuser und Herbergen, wo Leute gemeinen Schlags sich aufzuhalten pflegten, wurden sorgfältig durchsucht, auch wurden die Gendarmerie und die benachbarten Landgemeinden zu tätiger Vigilanz aufgefordert. An die Amtstafel des Rathauses wurde eine öffentliche Bekanntmachung angeschlagen, und zwei Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der Verfolgung des Frevlers betraut.

Die Untat geschah an einem Montag; eine zu leitende Gerichtsverhandlung hinderte unglücklicherweise den Präsidenten, sofort nach Nürnberg zu kommen, erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und begab sich unverzüglich aufs Rathaus. Er ließ sich vom Magistratsvorstand über die polizeilichen Maßregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten, zeigte sich aber mit allem so unzufrieden und geriet über eine Reihe von Mißgriffen in solchen Zorn, daß die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor. Über die vom Aktuar ihm vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte er sarkastische Bemerkungen; da war eine Hallwächtersfrau, welche am Schießgraben beim Hauptspital einen wohlgekleideten Herrn gesehen hatte, der sich in einer Feuerkufe die Hände wusch; da war ein Öbstnerweib, die in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war, welcher sich bei ihr erkundigt hatte, wer am Tiergärtner Tor Examinator sei und ob man, ohne angehalten zu werden, in die Stadt gelangen könne; da waren [139]verdächtige Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden; da hatte man zwei Kerle beobachtet, den einen im hellen Schalk, den andern im dunkeln Frack, die auf der Fleischbrücke zusammengekommen waren und einander Zeichen gegeben hatten.

»Zu spät, zu spät,« knirschte der Präsident. »Warum hat man nicht die Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gasthöfen kontrolliert?« fuhr er den zitternden Aktuar an.

»Die Spuren laufen nach vielen Richtungen,« bemerkte schüchtern der Unglückliche.

»Gewiß, die Unfähigkeit hat viele Wege,« antwortete der Präsident beißend, und mit Bedeutung fügte er hinzu: »Hören Sie, Mann Gottes! Der Übeltäter, auf den wir da fahnden, wäscht seine Hände nicht auf offener Straße, er läßt sich mit keinem Öbstnerweib in Gespräche ein und braucht keinen Examinator zu fürchten. Zu niedrig habt ihr gegriffen, viel zu niedrig.«

Er nahm einen Schreiber mit, um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus nochmals selbst vorzunehmen. Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und ward ihm durch mannigfaches Reden lästig; unter anderm äußerte Behold, er habe gehört, Professor Daumer wolle Caspar nicht länger behalten, und machte sich erbötig, dem Jüngling in seinem Haus Obdach zu gewähren. Feuerbach hielt dies für leeres Geschwätz und entledigte sich des Mannes, indem er ihn mit einem Auftrag zu Herrn von Tucher schickte.

Aber als er dann mit Daumer sprach, erregte dessen Zerfahrenheit sein Befremden. Um ihn nicht noch mehr zu verwirren, legte Feuerbach das Verhör mit ihm so an, daß es mehr einer [140]freundschaftlichen Unterhaltung glich. Daumer erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung, die Caspar vor der Egydienkirche gehabt hatte, und rückte damit heraus.

»Und davon erfährt man jetzt erst?« brauste der Präsident auf. »Und hatte die Sache keine unmittelbaren Folgen? Haben Sie nachher nichts Verdächtiges beobachtet?«

»Nein,« stotterte Daumer, in Furcht gesetzt durch den stählern durchdringenden Blick des Präsidenten. »Das heißt, eines fällt mir noch ein: ich traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn, der sich mir gegenüber in ganz seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel, wie man es auffassen soll, weiß ich nicht.«

»Was war der Mann? Wie hieß er?«

»Man sagte, es sei ein zugereister Diplomat, des Namens entsinne ich mich nicht. Oder doch, jawohl: Herr von Schlotheim-Lavancourt; er soll sich aber unter falschem Namen hier aufgehalten haben.«

»Wie sah er aus?«

»Dick, groß, ein wenig pockennarbig, ein hoher Fünfziger.«

»Schildern Sie mir das Gespräch mit ihm.«

Daumer gab, so gut er es vermochte, den Inhalt der Unterredung. Feuerbach versank in langes Nachdenken, dann schrieb er einige Notizen in sein Taschenbuch. »Lassen Sie uns zu Caspar gehen,« sagte er, sich erhebend.

Caspars Stirn war noch verbunden; das Gesicht war beinahe so weiß wie das Tuch; auch das Lächeln, womit er den Präsidenten empfing, war gleichsam weiß. Er hatte bereits drei oder vier Verhöre überstanden; schon beim ersten hatte er alles Erzählenswerte erzählt; das hielt den [141]guten Amtsschimmel nicht ab, immer wieder von neuem anzutraben, man fragte die Kreuz und Quer, um das Opfer auf einem Widerspruch zu erwischen; mit Widersprüchen kann man arbeiten, wenn einer jedesmal dasselbe sagt, wird die Geschichte aussichtslos. Der Präsident unterließ das Fragen; er fand einen veränderten Menschen in Caspar; es war etwas Beklommenes an ihm, sein Blick war weniger frei, nicht mehr so tiefstrahlend und seltsam ahnungslos, näher an die Dinge gekettet.

Während die Frauen sich über Caspars Befinden befriedigt äußerten, kam auch der Arzt und bestätigte gern, daß von irgendwelcher Gefahr keine Rede mehr sein könne. In einem Ton, der mehr Befehl als Wunsch enthielt, sagte der Präsident, er hoffe, daß in diesen Tagen fremde Besucher ohne Ausnahme abgewiesen würden. Daumer erwiderte, das verstehe sich von selbst, erst diesen Morgen habe er einem betreßten Lakaien abschlägigen Bescheid geben lassen.

»Es war der Diener eines vornehmen Engländers, der im Gasthof zum Adler wohnt,« fügte Frau Daumer hinzu; »er war übrigens nach einer Stunde noch einmal da, um sich ausführlich zu erkundigen, wie es Caspar ginge.«

Es klopfte an die Tür, Herr von Tucher trat ein, begrüßte den Präsidenten und machte nach kurzer Weile eine überraschende Mitteilung: derselbe Engländer, ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord, habe dem Bürgermeister einen Besuch abgestattet und ihm hundert Dukaten überreicht als Belohnung für denjenigen, dem es gelingen würde, den Urheber des an Caspar verübten Überfalls zu entdecken.

Ein erstauntes Schweigen entstand, welches [142]der Präsident mit der Frage unterbrach, ob man wisse, weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte. Herr von Tucher verneinte. »Man weiß nur, daß er vorgestern abends angekommen ist,« antwortete er; »ein Rad seines Wagens soll in der Nähe von Burgfarrnbach gebrochen sein, und er wartet hier, bis der Schaden ausgebessert ist.« Der Präsident zog die Brauen zusammen, Argwohn umdüsterte seinen Blick; so wird der Jagdhund stutzig, wenn sich abseits von verwirrenden Fährten eine neue Spur zeigt. »Wie nennt sich der Mann?« fragte er scheinbar gleichgültig.

»Der Name ist mir entfallen,« entgegnete Baron Tucher, »doch soll es in der Tat ein hoher Herr sein, Bürgermeister Binder preist seine Leutseligkeit in allen Tönen.«

»Hohe Herren gelten schon für leutselig, wenn sie einem auf den Fuß treten und sich nachher freundlich entschuldigen,« ließ sich Anna, die an Caspars Bett saß, naseweis vernehmen. Daumer warf ihr einen strafenden Blick zu, doch der Präsident brach in eine schmetternde Lache aus, die auf alle ansteckend wirkte; noch minutenlang kicherte er vor sich hin und zwinkerte vergnügt mit den Augen.

Bloß Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil, sein Blick war nachdenklich ins Freie gerichtet, er wünschte jenen Mann zu sehen, der aus weiter Ferne kam und so viel Geld hergab, damit der gefunden werde, der ihn geschlagen. Aus weiter Ferne! Das war es; nur aus weiter Ferne konnte kommen, wonach Caspar Verlangen trug, vom Meere her, von unbekannten Ländern her. Auch der Präsident kam aus der Ferne, aber doch nicht von so weit, daß seine Stirn gefärbt war von fremdem Schein, daß ein süßer [143]Wind an seinen Kleidern hing oder daß seine Augen wie die Sterne waren, ohne Vorwurf, ohne das ewige Fragen. Der aus der Ferne kam, im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen, der brauchte nicht zu fragen, er wußte alles von selbst, die andern aber, alle die Nahen, die immer da waren, immer hereingingen und immer wieder fort, sie sahen niemals aus, als ob sie von schäumenden Rossen gestiegen wären, ihr Atem war dumpf wie Kellerluft, ihre Hand müde wie keines Reiters Hand; ihr Antlitz war vermummt, nicht schwarz vermummt wie das Gesicht dessen, der ihn geschlagen und der ihm so nah gewesen wie keiner sonst, sondern undeutlich vermummt; darum redeten sie mit unreiner Stimme und in verstellten Tönen, und darum war es auch, daß Caspar sich jetzt verstellen mußte und nicht mehr imstande war, ihnen fest ins Auge zu sehen und alles zu sagen, was er hätte sagen können. Er fand es heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden, besonders wenn sie darauf warteten, daß er reden solle; ja, er liebte es, ein wenig traurig zu sein, viele Träume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben zu bringen, daß sie ihm doch nicht nahkommen könnten.

Daumer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu bedrückt von der bevorstehenden Ausführung eines unabänderlichen Entschlusses, um darauf zu achten, ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise entgegenkomme wie sonst. Erst Herr von Tucher war es, der auf gewisse Sonderbarkeiten in Caspars Betragen hinwies, und er ließ auch gegen den Präsidenten einige Andeutungen darüber fallen, als sie zusammen aus dem Daumerschen Haus gingen. [144]Der Präsident zuckte die Achseln und schwieg. Er bat den Baron, ihn nach dem Gasthof zum Adler zu begleiten; dort erkundigten sie sich, ob der englische Herr zu Hause sei, erfuhren jedoch, daß Seine Herrlichkeit Lord Stanhope, so drückte sich der Kellner aus, vor einer knappen Stunde abgereist war. Der Präsident war unangenehm überrascht und fragte, ob man wisse, welche Richtung der Wagen genommen habe; das wisse man nicht genau, ward geantwortet, doch da er das Jakobstor passiert, sei zu vermuten, daß er die Richtung nach Süden, etwa nach München, eingeschlagen habe.

»Zu spät, überall zu spät,« murmelte der Präsident. »Ich hätte gern gewußt,« wandte er sich an Herrn von Tucher, »was Seine Herrlichkeit bewogen hat, so viel Dukaten aufs Rathaus zu tragen.« Das Gesicht Feuerbachs war dermaßen zerarbeitet von Gedanken und Sorgen, von der Anstrengung einer beständigen Wachsamkeit wie von der Glut eines zehrenden Temperaments, daß es dem eines Kranken oder eines Besessenen glich.

Und so war es seit Monaten. Die ihm unterstellten Beamten fürchteten seine Gegenwart; die geringste Pflichtverletzung, ja, der geringste Widerspruch brachte ihn zur Raserei, und waren die Ausbrüche seines Zornes schon von jeher furchtbar gewesen, so zitterten sie jetzt um so mehr davor, als der unbedeutendste Anlaß einen solchen Sturm heraufbeschwören konnte. Dann gellte seine Stimme durch die Hallen und Korridore des Appellgerichts, die Bauern auf dem Markt unten blieben stehen und sagten bedauernd: »Die Exzellenz hat das Grimmen,« und vom Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann saß alles blaß und artig auf den Stühlen.

[145]Vielleicht hätten sie williger dies Joch getragen, wenn sie gewußt hätten, welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward, wie sehr er, besiegt durch sein eignes Wüten, Scham und Reue litt, so daß er bisweilen, wie um durch irgendeine Handlung sich loszukaufen, dem erstbesten Bettler auf der Gasse eine Silbermünze hinwarf. Sie ahnten freilich nicht, daß die trüben Nebel dieser Laune ein bewegtes Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und daß hier ein Genius am Werk war, um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein Wunderwerk der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hölle von Verworfenheit und Missetat zu durchdringen.

Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen, aus den dunkeln Fäden, die das Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden, ein Gewebe zu knüpfen, auf welchem jählings wie in Brandlettern flammte, was durch die Fügung der Umstände und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt war.

Voll Schrecken stand er vor seiner Schöpfung, denn der Boden seiner Existenz wankte unter ihm. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr. Aber durfte er es wagen, mit der fürchterlichen Wahrheit auf den Plan zu treten und die Rücksicht hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das Vertrauen seines Königs auferlegt war? Schien es nicht besser, das Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu betreiben, um den ränkevollen Gewalten, tückisch wie sie selbst, erst bei gelegener Stunde in den Rücken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht einmal Dank, aber alles war zu verlieren.

O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nächten, [146]sonderbare Qual, dem rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen zu müssen, groß und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen, die Feder auf den Buchstaben zu spießen, indes das Leben seine Bahn läuft und Form auf Form gebiert, zerstört, niemals Herr der Taten zu sein, immer Spürhund der Täter und nie zu wissen, was zu verhüten sei, was zu befördern!

Er wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte, der seiner Selbstachtung Genüge tat. Er richtete ein ausführliches Memorial an den König, worin er mit bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall darlegte, frei und kühn vom Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder Satz.

Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung, daß Caspar Hauser kein uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein müsse.

Wäre er ein uneheliches Kind, hieß es, so wären leichtere, weniger grausame und weniger gefährliche Mittel angewendet worden, um seine Abstammung zu verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer eines der Eltern war, desto müheloser konnte das Kind entfernt werden, und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verräterischen Anstalten hätten Leute geringen Standes und geringen Vermögens gehabt; das Brot und Wasser, welches Caspar im verborgenen verzehren mußte, hätte man ihm auch vor aller Welt reichen dürfen. Denkt man sich Caspar als uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer Eltern, in [147]keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck. Und wer übernimmt grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei die angstvolle Plage hat, es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und wieder verüben zu müssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der unerbittliche Ankläger fort, daß sehr mächtige und sehr reiche Personen an dem Verbrechen beteiligt sind, welche über gemeine Hindernisse unschwer hinwegschreiten, welche durch Furcht, außerordentliche Vorteile und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen, Zungen fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund legen können. Ließe es sich sonst erklären, daß die Aussetzung Caspars in einer Stadt wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden konnte; daß durch alle seit vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand entdeckt werden konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen bestimmten Menschen führte, daß selbst hohe Belohnungen keine einzige befriedigende Anzeige veranlaßten?

Deshalb muß Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod weittragende Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache und nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er wurde beseitigt, um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm allein gebührten. Er mußte verschwinden, damit andre ihn beerben, damit andre sich in der Erbschaft behaupten konnten. Er muß von hoher Geburt sein, dafür sprechen merkwürdige Träume, die er gehabt und die sonst nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus früher Jugend, [148]dafür sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich ergebenden Schlüsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und spärlich ernährt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in böswilliger, sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu verderben, sondern um sie gegen diejenigen zu schützen, die ihnen nach dem Leben getrachtet. Vielleicht auch, daß durch sein bloßes Dasein ein Druck ausgeübt werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu erheben. Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar geübt; warum? Warum hat ihn der Geheimnisvolle nicht getötet? Warum nicht einen Tropfen Opium mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen betäuben sollte? Das Verließ für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für den Toten.

Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre, ohne daß man über dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung brachte, so müßte doch längst öffentlich bekannt sein, in welcher Familie dies Unglück vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das mindeste davon verlautet hat, so ist Caspar unter den Gestorbenen zu suchen. Das will heißen: ein Kind wurde für tot ausgegeben und wird noch jetzt dafür gehalten, welches in Wirklichkeit am Leben ist, und zwar in der Person Caspars; das will heißen, ein Kind, in dessen Person der nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte, wurde beiseitegeschafft, [149]um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder sterbendes Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben und so Caspar in die Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte er Befehl, das Kind zu morden, fand er jedoch in seinem Herzen oder in seiner Klugheit Gründe, den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind zu retten, so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden. Hier handelte jeder auf höhere Weisung, aber wo war der gebietende Mund? Wo der mächtige Geist, der ein solches Gewicht von Verantwortung für ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das Unerhörte geschah?

An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten, – tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten, hieß das nicht, die Majestät auch des eignen Königs beleidigen, geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt.

Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, daß das alte Geschlecht jählings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe [150]hatte sich dies Aussterben ereignet, und nur die Söhne starben, die Töchter aber lebten weiter. So wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe, doch traf Apollos tötendes Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter, hier aber ging der Würgengel an den Töchtern vorüber und erschlug die Söhne. Und nicht bloß auffallend, sondern einem Wunder ähnlich, daß der Würgengel schon an der Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe blühender Schwestern. Wie wäre es erklärbar, fragte Feuerbach, daß eine Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter Sterblinge? Darin ist kein Zufall, behauptete er furchtlos, sondern System, oder man muß glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan, um einen politischen Streich auszuführen. Nicht lange nach dem Erscheinen Caspars hat sich in Nürnberg das Gerücht verbreitet, Caspar sei ein für tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts, und immer wieder redeten die dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde, wie öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung gewagt, daß die gegenwärtigen Regenten den Thron durch Usurpation besäßen und daß noch ein echter Prinz am Leben sei. Gerüchte sind freilich nur Gerüchte; aber sie fließen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen gibt, häufig ihre Entstehung darin, daß ein Mitschuldiger geplaudert, oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine Unvorsichtigkeit begangen, oder sein Gewissen erleichtern wollte, oder seine getäuschten Hoffnungen zu rächen sich vorgesetzt, oder im stillen die Entdeckung [151]der Wahrheit herbeizuführen gesucht, ohne die Rolle des Verräters spielen zu müssen.

Der Präsident nannte nicht bloß die Dynastie mit Namen und das Land, das ihr erbeigen war, er nannte auch den Fürsten, dessen plötzlicher Tod vor mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Fürstin, die, von hocherlauchter Abkunft, in selbsterwählter Einsamkeit ein unfaßbares Geschick betrauerte; er nannte diejenigen, die so über Leichen hinweg zum Thron geschritten, und neben dem Bild eines schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf, voll von dämonischem Wesen, der regierende Wille über dem grausen Geschehen.

Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen Hinweisen des Präsidenten. Denn er kannte die höfische Welt, in der Tücke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt; er hatte ihre Luft geatmet, er hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift genossen, den besten Teil seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem Dienst vergeudet und war für die reinste Hingebung mit Schmach und Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer, er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet als eine Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen fluchwürdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe, Menschenrechte ein Pfänderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen Größe, das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen aberwitziger Toren. Die unersetzlichen Jahre schrien hinter [152]seinen Worten hervor, erlittene Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist. Er wollte seiner selbst nicht gedenken, doch die Worte entschleierten seinen Gram, wenn auch nicht für das Auge des Königs, der nur zu lesen brauchte, was geschrieben stand.

Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit sie in keine andern Hände als in die des Regenten gerate, und der Präsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf einen Bescheid, auf irgendein Zeichen. Da kam die Kunde von dem Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach Nürnberg; seine eignen Maßnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am zehnten Tag seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen Privatkanzlei, worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns in der Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war, das aber in allen wesentlichen Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte; man werde prüfen; man werde überlegen; man müsse abwarten; gewichtige Rücksichten seien zu beachten; leicht erklärliche Beziehungen legten unbequeme Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur Verwunderung, zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen; doch verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen, unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach außen dringen: man erwarte über den Punkt Verständigung und Unterwerfung.

[153]Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich, worin der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt längst geahnt und gefürchtet war. Feuerbach schäumte. Er zertrat das Sendschreiben mit den Füßen; er rannte mit keuchender Brust, die Fäuste gegen die Schläfen gedrückt, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann stürzte er aufs Bett, das Sausen seiner Pulse beängstigte ihn und er erlöste sich schließlich in einem lauten, langen Gelächter voll Wut und Zorn.

Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen.

An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im Gasthof gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht. Der Kellner war stets mit dem Bescheid zurückgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden. Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den Präsidenten in ein Aktenheft vertieft, und seine Entschuldigung wurde mit der verletzend kurzen Bitte erwidert, er möge zur Sache kommen.

Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz, er wisse nicht, wodurch er sich das Mißfallen Seiner Exzellenz zugezogen haben könne, doch wie dem auch sei, er müsse eine derartige Behandlung zurückweisen. Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: »Ums Himmels willen, Mann, lassen Sie das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat einigen Grund, wenn er die Regeln der Höflichkeit vergißt!«

[154]Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklärte er den Zweck seines Besuchs. Daß Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem Haus zu entfernen, sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun der Jüngling soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen, damit nicht hinzuwarten, sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen zu bringen, die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten. Alles dies sei genügend besprochen und man wünsche nur, den Präsidenten zu unterrichten, und bitte um seine Gutheißung.

»Ja, ich weiß, daß Daumer die Geschichte satt hat,« antwortete Feuerbach verdrießlich. »Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust, sein Haus zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen, obwohl dagegen Maßregeln ergriffen werden können, werden müssen. Von heute ab soll Caspar unter genauer polizeilicher Überwachung stehen; die Stadt haftet mir für ihn. Doch warum hat Daumer solche Eile? Und warum gibt man Caspar in die Familie Behold, warum nicht zu Herrn von Tucher oder zu Ihnen?«

»Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen, seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen, und ich –« der Bürgermeister zögerte, und sein Gesicht wurde vorübergehend bleich, – »was mich betrifft, mein Haus ist kein Ort des Friedens.«

Rasch schaute der Präsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder stumm die Rechte. »Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es für Leute?« fragte er ablenkend.

»O, es sind gute Leute,« versetzte der Bürgermeister etwas unsicher. »Der Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau ... darüber [155]sind die Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen, verschwendet viel Geld. Böses kann man ihr nicht nachsagen. Da es für Caspar, wie wir ja verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die öffentliche Schule besucht, genügt schließlich die bloße Beaufsichtigung in einem Kreis anständiger Menschen.«

»Haben die Leute Kinder?«

»Ein dreizehnjähriges Mädchen.« Der Bürgermeister, dem es wie aller Welt wohlbekannt war, daß Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte, wollte noch etwas hinzufügen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da wurden Daumer und der Magistratsrat Behold gemeldet. Der Präsident ließ bitten. Alsbald zeigte sich das freundlich-grinsende Gesicht des Rats; der feierliche schwarze Kinnbart stand in einem komischen Gegensatz zu dem schon ergrauten Kopfhaar, das in feuchten Strähnen pomadeduftend über die Stirn hing.

Unter beständigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur eines flüchtigen Grußes würdigte und sich sogleich an Daumer wandte. Dieser wagte kaum dem forschenden Auge des Präsidenten zu begegnen, und die Frage, ob man Caspar die innere und äußere Anstrengung eines so durchgreifenden Wechsels schon zumuten dürfe, beantwortete er durch verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold ins Gespräch mischte und versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein leiblicher Sohn betrachtet werden, unterbrach ihn der Bürgermeister mit den fast widerwillig hervorgepreßten Worten, darauf halte er nichts, wie man an Caspar selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder verkümmern ließen. Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine [156]ausgemergelten Finger an der Stuhlkante und stotterte, er könne nichts weiter sagen, was an ihm läge, wolle er tun.

Der Präsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah die beiden Männer abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin, legte die Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: »Muß es denn sein?«

Daumer seufzte und entgegnete bewegt: »Exzellenz, wie hart mein Entschluß mich ankommt, das weiß nur Gott.«

»Gott mag es wissen,« versetzte der Präsident grollend, und seine untersetzte feiste Gestalt schien plötzlich drohend zu wachsen, »aber wird er es darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl zusammenschlägt, gibt es Funken; wehe aber, wenn bloß Schmutz und Krümel vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer und keine Tüchtigkeit der Natur.«

Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Röte des Unwillens stieg ihm ins Gesicht. »Ich habe getan, was in meinen Kräften stand,« sagte er hastig und mit Trotz. »Ich verschließe Caspar nicht mein Haus. Und mein Herz schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich keine Gewähr für seine Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand kann es. Wie ist es möglich, Säemann zu sein auf einem Acker, unter dem ein verderbliches Feuer gloset und jeden Samen verbrennt? Und dann, was mehr ist, ich bin enttäuscht, ich gestehe es, ich bin enttäuscht. Nie will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer könnte ihn auch vergessen! Aber das Wunder ist vorüber, die Zeit hat es aufgefressen.«

[157]»Vorüber, ja vorüber,« murmelte Feuerbach düster, »das Wort mußte fallen. Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Söhne werden verstoßen, wenn sie unsrer Liebe ein Übermaß abnötigen. Aber der Bettler kriegt seine Bettelsuppe. Meine geschätzten Herren,« fuhr er laut und förmlich fort, »tun Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien Sie eingedenk, bleiben Sie mir für das Wohl Caspars verantwortlich.«

Als Daumer auf der Straße war, ärgerte er sich noch immer über den Ton und die Worte des Präsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verödeten Straßen nahe der Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh, eine Ansprache zu haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne. Von Anfang an lenkte der Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und Daumer bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß die Gesprächigkeit des Rittmeisters einen hohnvollen Beigeschmack hatte.

»Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten,« meinte Herr von Wessenig, plötzlich deutlicher werdend. »Sollte es Leute geben, die daran ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit Handschuhen, bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hängt sich einen Schleier übers Gesicht und zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er das Beil vorher offen über die Straße getragen haben? Mit Handschuhen, wie? Beim heiligen Tommasius, das ist eine gewaltige Räuberhistorie!«

Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: »Nehmen wir einmal an, der [158]famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den Burschen zu töten. Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur ein bißchen kräftiger zuzuschlagen und alles war aus, der Mund, der ihn verraten mußte, war stumm. Man muß rein glauben, der behandschuhte Mörder hat sein Opfer einstweilen nur ein bißchen kitzeln wollen. Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine Bekannten, parole d’honneur, lieber Professor, sind empört über die Leichtgläubigkeit, die sich von so albernem Spuk zum besten halten läßt.«

Daumer hielt es für unter seiner Würde, Zorn oder Entrüstung zu zeigen. Er stellte sich, als hätte er nicht übel Lust, dem Rittmeister beizustimmen, und fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang zu denken habe. Herr von Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er mochte heftiges Aufbrausen und scharfe Zurechtweisung erwartet haben, und weil dies nicht eintraf, legte er sein verhalten-feindseliges Wesen ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in allgemeinen Vermutungen zu äußern. »Vielleicht ist der gute Hauser betrunken gewesen und auf der Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt, um sich interessant zu machen. Das wäre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem schwärzer; man traut dem Halunken schon zu, daß er seine Wohltäter durch einen feingefädelten Streich hinters Licht geführt hat.«

Jetzt vermochte Daumer nicht mehr an sich zu halten. Er blieb stehen, wehrte mit beiden Händen ab, als drängen die Reden seines Begleiters wie giftige Fliegen auf ihn ein, und stürzte ohne Wort noch Gruß davon.

[159]Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestürzt; das zu denken, ist möglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer Caspar! Wenn du auch nicht der Himmelszeuge bist, den ich wähnte, über ihnen schwebst du doch wie der Adler über Koboldsgezücht. Freilich, sie werden dir die Flügel brechen; vergebens wird die Schuldlosigkeit aus deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen; vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein, angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen und Verrat führt dich auf den verderblichsten von allen ...

Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt; man kennt die Menschen, man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht, und daß der Hase, wenn er angeschossen wird, ins Gras fällt und stirbt; man kennt die Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa ein Grund, den Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein Grund. Oder ist es nur Grund, ein kleines Entschlüßchen rückgängig zu machen? Nein, es ist kein Grund. Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern.

Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am gestrigen, reichlich verstimmten Abend.

[160]

Das Amselherz

Vierundzwanzig Stunden später hält eine Kutsche vor dem Daumerschen Haus, und Frau Behold selber kommt, um Caspar zu holen. Wirklich, Frau Behold hat sich’s etwas kosten lassen, eine schwarzlackierte Kutsche mit zwei Pferden und einen Mann mit goldenen Knöpfen auf dem Bock.

Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet, auch der Kandidat Regulein verläßt seine Junggesellenklause. Anna kann sich der Tränen nicht erwehren, Daumer blickt finster vor sich hin, Frau Behold gibt dem Kutscher ein Zeichen, die Rosse schnauben, die Räder rollen und die Zurückbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit, die das Gefährt verschlingt.

Das war der Abschied, und Caspar war’s, als gehe es weit fort. Aber es ging nur von einem Haus auf der Schütt zu einem Haus am Markt. Es war dies ein schmales, hohes Haus, welches so eingepreßt stand zwischen zwei andern, daß es aussah, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Es hatte einen gezinnten Giebel, steilabhängend wie die Schultern eines verhungerten Kanzlisten, die Fenster hatten nichts Freischauendes, sondern etwas Blinzelndes, das Tor war seltsam versteckt und innen wand sich eine dunkle Treppe in vielen Biegungen, gleichsam in vielen Ausreden durch die Stockwerke; die alten Treppen knarrten und stöhnten bei jedem Schritt, und wenn die Türen geöffnet wurden, floß nur ein dämmeriges Licht aus den Stuben.

Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof; vor den Fenstern lief eine Holzgalerie [161]mit verschnörkeltem Geländer, auf jeder Seite waren grünverhangene Glastüren, und unten stand ein eiserner Brunnen, aus dem kein Wasser floß.

Das Wunderliche lag darin, daß draußen der Markt war, wo viele Menschen laut redeten, wo die Händler ihre kleinen Läden und Verkaufszelte hatten, wo von morgens bis abends Frauen feilschten, Kinder kreischten, Rosse wieherten, das Geflügel gackerte, und daß man bloß das Tor hinter sich zu schließen brauchte und es wurde so still, als ob man in die Erde hineingestiegen sei.

Dies machte Caspar im Anfang Spaß. Es glich einem Versteckenspiel, er fand es lustig, sich zu verstecken, und gelegentlich sah er es darauf ab, ein andres Gesicht zu zeigen, als ihm zu Sinn war, oder andre Dinge zu sagen, als man von ihm erwartete. An einem der ersten Tage verlor Frau Behold ein silbernes Kettchen; Caspar behauptete, es im Vorplatz gesehen zu haben, obwohl er es keineswegs gesehen hatte.

Es wurde ihm verboten, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Er fragte, wer es verboten habe, da wurde ihm geantwortet, Frau Behold habe es verboten, und als er sich an Frau Behold wandte, sagte sie, der Magistratsrat habe es verboten, und als er sich an den Magistratsrat wandte, sagte der, der Präsident habe es verboten. Dermaßen war alles verzwickt und versteckt in diesem Haus.

Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen; sie fand es versperrt, er hatte von innen zugeriegelt. »Was sperrst du dich denn ein am hellichten Tag?« fragte sie und schnüffelte auf dem Tisch herum, wo seine Bücher und Schularbeiten [162]lagen. »Fürchtest du dich vielleicht?« fuhr sie zungengeläufig fort. »Bei mir brauchst du dich nicht zu fürchten, bei mir gibt es keine vermummten Spitzbuben.« Er gab zu, daß er sich fürchte, und das schmeichelte Frau Behold, sie nahm eine grimmige Beschützermiene an und lächelte herausfordernd.

Jeden Vormittag, wenn er von der Schule kam – er besuchte jetzt zwei Stunden täglich die dritte Klasse des Gymnasiums –, erkundigte sich Frau Behold, wie es ihm gegangen sei. »Schlecht ist’s gegangen,« entgegnete er dann trübselig, und in der Tat, er hatte wenig Freude davon. Die Lehrer klagten, daß seine Gegenwart die andern Schüler der Aufmerksamkeit beraube; der Umstand, daß auf der Gasse stets ein Polizeidiener hinter ihm herging und daß die Polizei Tag und Nacht das Haus bewachte, in dem er wohnte, dünkte die Knaben aufregend sonderbar, und sie belästigten ihn mit den albernsten Fragen. Seine Schweigsamkeit wurde natürlich ganz falsch gedeutet, und wenn er von selbst unbefangen das Wort an sie richtete, wichen sie entweder scheu zurück oder höhnten ihn, denn er war in ihren Augen nichts weiter als ein großer dummer Teufel, der, fast doppelt so alt als sie, noch in den Anfangsgründen der Wissenschaft steckte. Es kam häufig vor, daß er während des Unterrichts aufstand und eine seiner kindischen Fragen stellte; da brach dann die ganze Klasse in Gelächter aus, und der Lehrer lachte mit. Einmal, während eines gewaltigen Sturmwinds, der draußen heulte, verließ er seinen Platz und flüchtete in die Ofenecke; da kannte das Vergnügen der andern keine Grenze, und als ihn der dicke Lehrer hervorzog [163]und zu den Bänken schob, begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik.

Am eigentümlichsten war es aber anzusehen, wenn er auf dem Nachhauseweg mitten unter der Knabenschar ging, still, verschlossen und sorgenvoll unter den Lärmenden und Unbekümmerten, männlich unter den Halbwüchslingen – und ihm zur Seite beständig der Wächter des Gesetzes.

Sehr häufig sprach Daumer vor, um bei den Kollegen Auskunft über Caspar einzuholen. »Ach,« hieß es da, »er hat freilich den besten Willen, aber leider nur einen mittelmäßigen Kopf. Er erweist sich anstellig, aber es bleibt nicht viel haften. Wir können ihn nicht tadeln, aber zu loben ist auch nichts.«

Daumer war gekränkt. Ihr könnt nicht tadeln, ihr Herren, ei, und tadelt doch, dachte er; Tadel ist leicht, besonders wenn er den Tadler lobt, wie es sein Merkmal ist. Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte ihm eine Lobpreisung auf Caspar förmlich abzulisten, aber Herr Behold war kein Freund von offenen Meinungen. Er war ein einschichtig lebender Mensch, der seine Tage in einem düstern Kontor am Zwinger verbrachte, und wer von ihm etwas haben wollte, erhielt gewöhnlich die Antwort: »Da müssen Sie sich an meine Frau wenden.«

Daumer glich fast einem unglücklichen Liebhaber darin, wie er jetzt achtsam und bekümmert den Wegen seines früheren Pfleglings folgte, wobei er aber gern vermied, Caspar zu sehen und zu sprechen. Mit großem Mißtrauen verfolgte er insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold, und er zerbrach sich den Kopf darüber, [164]weshalb diese so gierig getrachtet hatte, den Jüngling in ihre Nähe zu bekommen. »Was willst du,« meinte Anna, die ebensoviel gesunden Menschenverstand besaß wie ihr Bruder phantastischen Pessimismus, »es ist ja ganz klar, sie braucht eine Spielpuppe, eine Unterhaltung für ihren Salon.«

»Eine Spielpuppe? Sie hat doch ein Kind, und sie vernachlässigt sogar dieses Kind, wie man hört.«

»Freilich; aber daran ist nichts Merkwürdiges, ein Kind zu haben wie alle andern Leute; es muß etwas sein, wovon man redet, was Interessantes muß es sein; man kann dabei die große Dame spielen und liest hie und da den eignen Namen in der Zeitung. Auch gilt man nebenher für eine Wohltäterin, der Herr Gemahl kann einen hohen Orden bekommen, und was die Hauptsache ist, man vertreibt sich die Langeweile. Die Person kenn’ ich, als ob ich’s selber wäre. Der Caspar tut mir leid.«

Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause, wenn sie Gäste hatte. Sie mußte immer Menschen sehen, sie liebte wohlgekleidete, gutgelaunte Menschen, Männer mit Titeln und Frauen von Rang, liebte Feste, Schmuck und prächtige Gewänder. Man hätte sie eine joviale Natur nennen dürfen, wenn der Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht hätte; sie wäre bisweilen behäbig, ja gemütlich erschienen ohne eine gewisse ziellose Neugierde, von der sie bis ins Innerste, bis in den Schlaf der Nächte behaftet war. Sie hatte eine Unmasse französischer Romane verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig geworden, und das gute Teil Phlegma, das ihrem Temperament [165]beigemischt war, machte diese Eigenschaften nur um so hintergründiger. Wer sie so nahm, wie sie sich gab, war im voraus betrogen.

Was Caspar betrifft, so sah sie ihn zunächst bloß humoristisch und am meisten dann, wenn er ernst und nachdenklich war. »Nein, was er heute wieder Komisches gesagt hat,« war ihre beständige Phrase. Es hatte oft den Anschein, als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen. »Also, mein liebes Mondkälbchen, sprich,« forderte sie ihn vor den Gästen auf. Wenn sie ihn gar eifrig beflissen sah, lateinische Vokabeln auswendig zu lernen, lachte sie aus vollem Hals. »Wie gelehrt, wie gelehrt!« rief sie und fuhr ihm mit der Hand wüst durch das Lockenhaar. »Laß es sein, laß es sein,« tröstete sie ihn, wenn er über die Schwierigkeit einer Rechnung klagte, »bringst’s ja doch zu nichts, ist genau so, wie wenn ich seiltanzen wollte.«

Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr. Eines Morgens kam sie dazu, als er in der Küche stand und Zeuge war, wie der Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm und auf die Anrichte legte. Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars Zügen, er wich zurück, zitterte und war keines Lautes fähig, dann floh er mit bedrängten Schritten. Frau Behold war betroffen und wollte ihrer Rührung nicht nachgeben. Was ist das? dachte sie; er verstellt sich wohl; was ist ihm das Blut der Tiere?

Um ihm gefällig zu sein, tat sie mehr, als ihre Bequemlichkeit ihr sonst verstattet hätte. Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fühlen. »Sapperment, was ist dir übers Leberlein [166]gekrochen?« fuhr sie ihn an, wenn sie ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte. »Wenn du nicht lustig bist, führ’ ich dich in die Schlachtbank und du mußt zuschauen, wie man den Kälbern den Hals abschneidet,« drohte sie ihm einmal und wollte sich ausschütten vor Lachen über die Miene des Entsetzens, die er darüber zeigte.

Nein, Caspar fühlte sich keineswegs wohl. Frau Behold war ihm ganz und gar unverständlich, ihr Blick, ihre Rede, ihr Gehaben, alles das stieß ihn aufs äußerste ab. Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken, um seinen Widerwillen nicht merken zu lassen, gleichwohl war er krank und elend, wenn er nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte. Es fehlte ihm dann jegliche Arbeitslust, und die Schule zu besuchen, die ihm ohnehin verhaßt war, unterließ er ganz. Die Lehrer beschwerten sich beim Magistrat; Herr von Tucher, der jetzt wieder in der Stadt weilte und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden war, stellte ihn zur Rede. Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus, ein Betragen, das Herr von Tucher als Verstocktheit auffaßte und das ihm zu schlimmen Befürchtungen Anlaß bot.

Und da war noch eines, was Caspar zu denken gab. Manchmal begegnete ihm auf der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds Tochter, ein Mädchen, halb erwachsen und bleich von Gesicht. Ihre Augen waren feindselig auf ihn gerichtet. Wenn er sie anreden wollte, lief sie davon. Einmal schaute er von der Galerie in den Hof und sah sie am Brunnen stehen, hinter dessen eisernem Rohr ein Brett weggeschoben war, so daß der [167]Blick in die Tiefe offen lag. Das Mädchen stand unbeweglich und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das schwarze Loch. Caspar verließ leise die Galerie und schlich hinunter; er betrat jedoch kaum den Hof, so flüchtete das Mädchen mit bösem Gesicht an ihm vorüber. Als Caspar ihr zaudernd folgte, begegnete ihm der Herr Rat, und Caspar erzählte voll Eifer, was er mitangeschaut. Herr Behold zog die Stirn kraus und sagte beschwichtigend: »Ja, ja, gewiß; das Kind ist nicht gesund. Kümmer’ Er sich nicht darum, Caspar, kümmer’ Er sich nicht darum.«

Caspar kümmerte sich aber doch darum. Er fragte die Mägde, was mit dem Kind sei, und eine von ihnen erwiderte bissig: »Sie kriegt nichts zu essen, der Findling frißt ihr alles weg!« Darauf eilte er spornstreichs zu Frau Behold, wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte, ob das wahr sei. Frau Behold bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der Stelle davon. Als jedoch Caspar sie auch dann noch in seiner ungeschickten und altklugen Weise ermahnte, daß sie mehr auf ihre Tochter achten möge als auf ihn und daß er sonst fortgehen werde, schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz. »Wie willst du denn fortgehen?« fuhr sie auf. »Wohin denn? Wo bist du denn daheim, wenn man fragen darf?«

Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung, daß Caspar in ihre Tochter verliebt sei. Sie legte es darauf an, ihn über den Punkt auszuholen. Auf ihre Fragen antwortete er jedoch so blöde, daß sie sich beinahe ihres Verdachts geschämt hätte. »Grand Dieu,« sagte sie laut [168]vor sich hin, »mir scheint, der Einfaltspinsel weiß nicht einmal, was Liebe ist!« Ja, noch mehr, sie spürte, daß er sich nicht einmal im entferntesten einen Gedanken darüber machte. Das war der guten Dame doch überaus seltsam, ihr, deren Begierden und Gelüste immer im trüben Gewässer halb romanhafter, halb schlüpfriger Leidenschaften plätscherten, so tugendhaft sie auch vor ihren Mitbürgern sich halten mußte.

Er ist doch aus Fleisch und Blut, kalkulierte sie, und wenn schon der närrische Daumer in allen Tönen von seiner Engelsunschuld schwärmt, als erwachsener Mensch weiß man, was der Hahn mit den Hühnern treibt. Er heuchelt, er hält mich zum besten; warte, Kerl, ich will dir den Gaumen trocken machen.

Auf dem Markt, zur Rechten vor dem Beholdschen Haus, stand der sogenannte schöne Brunnen, ein Meisterwerk mittelalterlich-nürnberger Kunst. Seit grauen Zeiten erzählte man den Kindern, daß der Storch die Neugeborenen aus der Tiefe des Brunnens hole. Frau Behold fragte Caspar, ob er davon vernommen habe, und als er verneinte, sah sie ihn mit schlauem Augenzwinkern an und wollte wissen, ob er daran glaube. »Ich seh’ nur nicht, wo der Storch da hinunterfliegen kann,« antwortete er harmlos, »es ist ja alles mit Gittern vermacht.«

Frau Behold staunte. »Ei du Tropf!« rief sie aus, »schau mich einmal aufrichtig an!«

Er schaute sie an. Da mußte sie die Augen senken. Und plötzlich erhob sie sich, eilte zur Kredenz, riß eine Lade auf, schenkte sich ein Glas Wein voll und trank es auf einen Zug leer. Sodann ging sie ans Fenster, faltete die Hände [169]und murmelte mit einem Ausdruck von Stumpfsinn: »Jesus Christus, bewahre mich vor Sünde und führe mich nicht in Versuchung.«

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß sie sonst eine höchst aufgeklärte Dame war, die sich das ganze Jahr nicht in der Kirche sehen ließ.

Es war schon Mitte August und große Hitze herrschte. An einem Sonntag veranstaltete der Bürgermeister ein Waldfest im Schmausenbuk; Caspar war am Morgen mit dem Stallmeister Rumpler und einigen jungen Leuten bis Buch geritten und war so müde, daß er nach Tisch in seinem Zimmer einschlief. Frau Behold weckte ihn selbst und hieß ihn sich ankleiden, da der Wagen warte, der sie zum Festplatz bringen sollte. Auf Caspars Frage, ob noch wer mitgehe, erwiderte sie, zwei Knaben führen mit hinaus, die Söhne des Generals Hartung. Da sagte Caspar enttäuscht, er wünschte, daß Frau Behold ihre Tochter mitgehen lasse, denn die werde sich grämen, wenn sie zu Hause bleiben müsse. Frau Behold stutzte und wollte zornig werden, nahm sich aber zusammen. Sie beugte sich vor, ergriff mit der Hand einen Bündel Locken auf Caspars Kopf und sagte boshaft: »Ich schneide dir die Haare ab, wenn du wieder davon anfängst.«

Caspar entwand sich ihr. »Nicht so nahe,« flehte er mit aufgerissenen Augen, »und nicht schneiden, bitte!«

»Hab’ ich dich!« drohte Frau Behold, gezwungen scherzend. »Hab’ ich dich, furchtsames Menschlein? Noch ein Widerpart, und ich komme mit der Schere!«

Während der Fahrt blieb Caspar schweigsam. Die beiden Knaben, die vierzehn und fünfzehn [170]Jahre alt waren, neckten ihn und suchten etwas aus ihm herauszulocken, da sie stets wie über eine Art Wundertier über ihn sprechen gehört hatten. Nach Schuljungengewohnheit fingen sie an, prahlerische Reden zu führen, als ob es keine gelehrteren und scharfsinnigeren Menschen gäbe. Weit auf der Landstraße draußen rief der eine, er höre schon die Musik aus dem Wald, da entgegnete Caspar, ärgerlich über das Wesen, das die beiden von sich machten, das wundre ihn, er höre nichts, dagegen sehe er auf einer hohen Stange fern über den Bäumen eine kleine Fahne. »O die Fahne,« meinten jene geringschätzig, »die sehen wir schon lang!« Auch hierüber wunderte sich Caspar, denn er hatte sie erst im Augenblick wahrgenommen, ein schmales Streifchen, das nur im Wehen des Windes sichtbar war.

»Gut,« sagte er, »wenn sie wieder weht, will ich euch fragen, ob ihr es bemerkt.« Er wartete eine Weile und stellte dann, während die Fahne ruhig war, die irreführende Frage: »Also, weht sie jetzt oder nicht?«

»Sie weht!« antworteten die Knaben wie aus einem Mund, doch Caspar versetzte ruhig: »Ich sehe daraus, daß ihr nichts seht.«

»Oho!« riefen jene, »dann lügst du!«

»So sagt mir doch,« fuhr Caspar unbekümmert fort, »was für eine Farbe sie hat.«

Die Knaben schwiegen und guckten, dann riet der eine ziemlich kleinlaut: »rot,« der andre, etwas kühner: »blau.« Caspar schüttelte den Kopf und wiederholte: »Ich sehe, daß ihr nichts seht; weiß und grün ist sie.«

Daran war schwer zu mäkeln, eine Viertelstunde später konnten sich alle von der Wahrheit [171]überzeugen. Aber die Knaben blickten Caspar voll Haß ins Gesicht; sie hätten gern vor Frau Behold geglänzt, die die ganze Unterhaltung wortlos mitangehört hatte.

Caspars Gegenwart beim Fest zog, wie immer, eine Anzahl Gaffer herbei, darunter waren einige Bekannte, junge Leute, die sich seiner annehmen zu sollen glaubten und ihn Frau Behold unerachtet ihres Widerspruchs entrissen. Es war anfangs nur eine kleine Gesellschaft, die sich aber allgemach vergrößerte und, indem einer den andern anfeuerte, lauter Tollheiten beging. Sie warfen Tische und Bänke um, schreckten die Mädchen, kauften die Krämerbuden leer, verübten ein wüstes Geschrei und stellten sich dabei an, als ob Caspar ihr Gebieter sei und sie kommandiere. Das Treiben wurde immer ausgelassener; als es Abend geworden war, rissen sie die Lampions von den Bäumen und zwangen ein paar Musikanten, ihnen vorauszuziehen, um den Tumult mit ihren Trompeten zu begleiten. Zwei junge Kaufleute hoben Caspar auf ihre Schultern, und er, dem schon Hören und Sehen verging, wünschte sich weit weg und kauerte mit dem unglücklichsten Gesicht von der Welt auf seinem lebendigen Sitz.

Unter Gesang und Gelächter kam die entfesselte Schar vor die Estrade, wo der Tanz begonnen hatte; hier konnte sie nicht weiter, die angesammelte Menge versperrte den Weg nach rückwärts und seitwärts. Plötzlich sah Caspar ganz nahe die beiden Knaben, die in Frau Beholds Kutsche mitgefahren waren; sie standen auf der Treppe zum Tanzpodium und trugen einen langen Baumzweig mit einem weißen Pappendeckel [172]an der Spitze, worauf in großen Lettern die Worte gemalt waren: »Hier ist zu sehen Seine Majestät Casperle, König von Schwindelheim.« Sie hielten die Tafel so, daß die Aufschrift Caspar zugekehrt war, auch alle Umstehenden gewahrten sie alsbald, und es erhob sich ein schallendes Gelächter. Die Trompeter gaben einen Tusch, und der Zug setzte sich wieder, am Wirtshaus vorbei, gegen den illuminierten Wald in Bewegung.

Caspar rief, man solle ihn herunterlassen, aber niemand achtete darauf. Nun zog er mit der einen Hand am Ohr des einen, mit der andern an den Haaren des zweiten seiner Träger. »Au, was zwickst du mich!« schrie dieser und der andre: »Au, mich zebelt er!« Wütend traten sie beiseite, wodurch Caspar herunterglitt. Die beiden Schildträger standen vor ihm und grinsten höhnisch. »Wir haben auch ein Fähnlein für dich,« sagte der ältere, »sieh mal zu, ob es weht.« Im selben Augenblick schraken sie zusammen, denn eine gebieterische Stimme schrie dröhnend ihren Namen. Es war der Vater der beiden, der General, der mit einigen andern Herren und mit Frau Behold in geringer Entfernung an einem abseits stehenden Tisch saß. Diese alle erhoben sich, denn am Himmel waren schwere Wolken aufgezogen, und man hörte schon den Donner grollen.

Frau Behold empfing Caspar mit den Worten: »Du machst ja schöne Streiche, schämst dich nicht? Allons! Wir fahren heim.« Mit überlautem Wesen verabschiedete sie sich von den Herren und eilte zum Ausgang des Festplatzes, wo sie mit kreischender Stimme ihren Kutscher rief. »Setz dich!« herrschte sie Caspar an, als sie den Wagen [173]erreicht hatten. Sie selbst stieg zum Kutscher auf den Bock, ergriff die Zügel, und nun begann ein tolles Fahren, erst durch den Wald, dann die staubschäumende Chaussee entlang. Sie trieb die Tiere an, daß sie nur so hüpften und von jedem Kieselstein, den ihr Huf traf, Funken spritzten. Kein Stern war zu sehen, die Landschaft breitete sich düster hin, häufig zuckten Blitze auf und der Donner rollte näher.

In wenig mehr denn einer halben Stunde waren sie in der Stadt, und als die Pferde am Marktplatz hielten, dampfte der Schweiß von ihren Flanken. Frau Behold sperrte das Haustor auf und ließ Caspar vorangehen. Er tastete sich in der Dunkelheit bis zu seiner Zimmertür, doch die Frau ergriff ihn am Arm, zog ihn weiter und trat mit ihm in den sogenannten grünen Salon, einen großen Raum, wo die Fenster geschlossen waren und eine muffige Luft herrschte. Frau Behold zündete eine Kerze an, warf Hut und Mantille auf das Sofa und setzte sich in einen Ledersessel. Sie summte leise vor sich hin, plötzlich unterbrach sie sich und sagte in derselben singenden Weise: »Komm einmal her zu mir, du unschuldiger Sünder.«

Caspar gehorchte.

»Knie nieder!« gebot die Frau.

Zögernd kniete er auf den Boden und sah Frau Behold ängstlich an.

Wie am Nachmittag näherte sie wieder ihr Gesicht dem seinen. Ihr schmales, langes Kinn zitterte ein wenig, und ihre Augen lachten sonderbar. »Was sträubst du dich denn so?« gurrte sie, da er den Kopf zurückbäumte. »Ma foi, er sträubt sich, der Jüngling! Hast wohl noch kein lebendiges Fleisch gerochen? He, du Strick, [174]wer’s glaubt! Was Teufel, fürchtest dich am Ende? Hab’ ich dir nicht die besten Bissen auftragen lassen? Hab’ ich dir nicht gestern erst eine schöne Amsel geschenkt? Ich hab’ ein gutes Herz, Caspar, da horch, wie’s schlägt, wie’s tickt ...«

Mit großer Kraft zog sie seinen Kopf gegen ihre Brust. Er dachte, sie wolle ihm ein Leids tun, und schrie, da drückte sie die Lippen auf seinen Mund. Ihm wurde eiskalt vor Grauen, sein Körper sank zusammen, wie wenn die Knochen aus den Gelenken gelöst wären, und als Frau Behold dieser jähen Erschlaffung inne ward, erschrak sie und sprang auf. Ihr Haar hatte sich gelockert, und ein dicker Zopf lag wie eine Schlange auf der Schulter. Caspar hockte auf dem Boden, krampfhaft umklammerte seine Linke die Rücklehne. Frau Behold beugte sich noch einmal zu ihm und schnupperte seltsam, denn sie liebte den Geruch seines Leibes, der sie an Honig erinnerte. Aber kaum spürte Caspar ihre abermalige Nähe, als er emportaumelte und ans andre Ende des Zimmers floh. Die Seite gegen die Tür geschmiegt, den Kopf vorgeduckt, die Arme halb ausgestreckt, so blieb er stehen.

Die ferne Ahnung von etwas Ungeheuerm dämmerte in ihm auf. Kein jemals gehörtes Wort gab einen Hinweis, doch er ahnte es, wie man auf eine Feuersbrunst, die hinter den Bergen wütet, aus der Röte des Himmels schließt. Schändlich war ihm zumut, insgeheim fühlte er sich an, ob er denn auch seine Kleider am Körper trüge, und dann schaute er auf seine Hände nieder, ob sie nicht voll Schmutz seien. Er schämte sich, er schämte sich, vor den Wänden, vor dem Sessel, vor der brennenden Kerze schämte er sich; [175]er wünschte, die Tür möchte von selber sich öffnen, damit er unhörbar verschwinden könne.

Es war wie das entsetzliche Aufleuchten von Augen, als ein rosiger Blitzstrahl ins Zimmer fuhr; der Donner folgte wie ein enormer Schrei. Caspar drückte die Schultern zusammen und fing an zu zittern.

Mittlerweile ging Frau Behold mit wahren Mannesschritten auf und ab, lachte ein paarmal kurz vor sich hin, plötzlich ergriff sie die Kerze und trat auf Caspar zu. »Du Aas, du verdorbenes, was hast du denn geglaubt,« sagte sie erbittert, »glaubst du vielleicht, mir liegt etwas an dir? Ja, einen alten Stiefel! Mach, daß du weiterkommst, und untersteh dich nicht, darüber zu sprechen, sonst massakrier’ ich dich!«

Sie lachte dabei, als solle es im Grunde doch nur Scherz sein, aber Caspar erschien sie übergroß, ihr schwarzer Schatten erfüllte den ganzen Raum, außer sich vor Furcht, rannte er hinaus, die Frau hinter ihm her, er, die Treppe hinab zum Tor, rüttelte an der Klinke; es war zugesperrt. Er hörte draußen den Regen aufs Pflaster prasseln, zugleich vernahm er hastig trippelnde Schritte, ein Schlüssel drehte sich im Schloß und der Magistratsrat erschien auf der Schwelle. Die unaufhörlichen Blitze beleuchteten Caspars schlotternde Gestalt und das Donnergeschmetter verschlang die Fragen des bestürzten Mannes.

Oben an der Stiege stand Frau Behold, der nahe Kerzenschein durchfurchte ihr Gesicht mit verwildernden Lichtern, und ihre Stimme übertönte den Donner, als sie ihrem Manne zuschrie: »Er hat sich betrunken, der Kerl! Auf dem Schmausenbuk haben sie ihn betrunken gemacht! Laß Er sich heute [176]nur nicht mehr blicken! Marsch, ins Bett mit ihm!«

Der Magistratsrat schloß das Tor und klappte den triefenden Parapluie zu. »Nun, nun ... aber, aber,« machte er, »so schlimm wird’s doch nicht gleich sein.«

Frau Behold antwortete nicht. Sie schlug eine Tür zu, dann war es still und finster.

»Komm Er nur mit, Caspar,« sagte der Rat, »wir wollen mal Licht anzünden und nachsehen, was es denn da gibt. Reich Er mir den Arm, so.« Er geleitete Caspar in dessen Zimmer, machte Licht und murmelte fortwährend kleine, beschwichtigende Sätzchen vor sich hin. Dann beroch er Caspars Atem, um zu sehen, ob er wirklich getrunken habe, schüttelte den Kopf und meinte verwundert: »Nichts dergleichen. Die Rätin ist da sicherlich im Irrtum. Aber mach Er sich nichts draus, Caspar, empfehl Er Seine Sache dem Herrn, und es wird wohl enden. Gute Nacht!«

Als Caspar allein war, irrte sein scheues Auge von Blitz zu Blitz. Bei jedem Aufflammen hatte er unter den Lidern Schmerzen wie von Nadelstichen, bei jedem Donnerschlag war ihm, als ob alles in seinem Leibe locker sei. Hände und Füße waren ihm eiskalt. Er wagte sich nicht ins Bett zu begeben, sondern blieb wie angewurzelt stehen, wo er stand. Er erinnerte sich mit Grauen des ersten Gewitters, das er im Turm auf der Burg erlebt hatte. Er war in einen Mauerwinkel gekrochen, und die Frau des Wärters war gekommen, ihn zu trösten. Sie sagte: »Man darf nicht hinausgehen, es ist ein großer Mann draußen, der zankt.« Immer wenn es donnerte, bückte er sich ganz zur Erde, und die Frau [177]sagte: »Hab keine Angst, Caspar, ich bleib’ bei dir.«

Auch jetzt war es ihm, als sei ein großer Mann draußen, der zankte. Aber es war niemand da, um ihn zu trösten. Die Amsel, die in einem Käfig beim Fenster geduckt auf dem Holzstäbchen hockte, ließ bisweilen piepsende kleine Laute hören. Er hätte sie schon längst freigelassen, weil ihn das Tier erbarmte, doch fürchtete er Frau Beholds Zorn.

Als das Gewitter im Wegziehen war, entledigte er sich schnell der Kleider, kroch ins Bett und deckte sich bis zur Stirn hinauf zu, um das Blitzen nicht sehen zu müssen. In der Eile vergaß er sogar, die Türe abzuriegeln, und dieser Umstand hatte ein gar sonderbares Geschehnis zur Folge.

Am Morgen beim Aufwachen spürte er einen durchdringenden Geruch. Ja, es roch nach Blut im Zimmer. Schaudernd blickte er sich um, und das erste, was er sah, war, daß der Vogelbauer am Fenster leer war. Caspar suchte nach dem Tierchen und gewahrte, daß die Amsel auf dem Tisch lag, tot, mit ausgebreiteten Flügeln, in einem Blutgerinnsel. Und daneben, auf einem weißen Teller, lag das blutige kleine Herz.

Was mochte dies bedeuten? Caspar verzog das Gesicht, und sein Mund zuckte wie bei einem Kind, bevor es weint. Er kleidete sich an, um in die Küche zu gehen und die Leute zu fragen, doch als er das Zimmer verließ, erschrak er, denn Frau Behold stand im Flur neben der Tür. Sie hatte einen Kehrbesen in der Hand und sah unordentlich aus. Caspar schaute in ihr fahles Gesicht, er sah sie lange an, fast so matt und bewegt, wie er den toten Vogel angesehen.

[178]

Botschaft aus der Ferne

Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold. Wahrscheinlich bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare Gemütszustand vor, der späterhin ihr Schicksal verhängnisvoll beschloß. Jedermann scheute sich, mit ihr zu tun zu haben. Kaum hatte sie sich irgendwo hingesetzt, so sprang sie auch schon wieder auf, um fünf Uhr früh war sie schon munter, lärmte in den Zimmern und auf den Stiegen und klopfte Caspar aus dem Schlaf, wobei sie ein solches Gepolter an seiner Tür machte, daß er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen Tag zu keiner Arbeit fähig war. Bei Tisch sollte er nicht reden, und wenn er einmal Widerspruch hielt, drohte sie, ihn beim Gesinde in der Küche essen zu lassen. Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen, so erging sie sich in bissigen Wendungen. »Ich bin neugierig, ob Sie aus dem Stockfisch etwas herausbringen,« sagte sie etwa; »man hat Ihnen sicherlich weisgemacht, daß Sie ein Unikum von Klugheit an ihm finden werden. Überzeugen Sie sich doch; sehen Sie zu, ob die arme Seele ein vernünftiges Wort hergibt.« Solches machte den Gast, wer er auch war, verlegen, und Caspar stand da und wußte nicht, wohin er schauen sollte.

Wie früher mußten Menschen her, um die Räume des Hauses zu füllen, Gelächter sollte über die morschen Stiegen hallen und knisternde Schleppen den Staub der Jahrzehnte abfegen. Aber die Tage waren von den Nächten so verschieden wie der Ballsaal, wenn die Lichter brennen und dann, wenn die Leute gegangen sind, der Pförtner die Kerzen auslöscht und Mäuse [179]über die befleckten Teppiche huschen. In einem solchen Dasein wächst Schuld wie das Unkraut auf nichtgepflügtem Acker. Große Schuld kann reinigen in Buße oder Leiden; die kleinen Versäumnisse und unnennbaren Missetaten, die an vielen Stunden vieler Tage hängen, zermürben die Seele und fressen das Mark des Lebens auf.

Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur, weil sie dem Menschen nicht verzeihen konnte, der ihre Tugend ins Wanken gebracht hatte, wenngleich nur für eine schwüle Gewitterstunde. Aber lag es bloß daran? War ihr nicht vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch das unerwartete Bild der Unschuld, das ihr der Jüngling dargeboten hatte? Eine solche umgedrehte Welt war ihr nicht erträglich, um darin zu leben. Es war ein Raub an ihr geschehen und sie verlangte nach Rache.

Den Freunden Caspars blieb der veränderte Zustand im Hause Behold nicht verborgen. Bürgermeister Binder war der erste, der mit Nachdruck erklärte, Caspar dürfe nicht länger dort verbleiben. Daumer unterstützte diese Meinung lebhaft, und der Redakteur Pfisterle, hitzig und unbequem wie immer, beschimpfte in seiner Zeitung den Magistratsrat und äußerte den Verdacht, man wünsche den Findling unschädlich zu machen und die Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, welche die Anrechte seiner geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten. »Da lebt er, der rätselhafte Knabe, dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn glänzt, wie ein einsames Tier, das sich nur mit ein paar schüchternen Sprüngen ans Licht getraut und, während es über den Acker hüpft, possierlich mit Schwanz [180]und Ohren wackelt, um seine Feinde zu ergötzen, dabei aber ängstlich nach allen Seiten spitzt, um bald wieder ins erste beste Loch zu kriechen.«

So der aufgeregte Schreibersmann. Danach entschlossen sich die Stadtväter nach mancherlei Beratungen, wie vordem einen Erziehungs- und Kostbeitrag aus der Gemeindekasse auszusetzen, und weil niemand so wie Herr von Tucher geeignet schien, dem Elternlosen ein Obdach zu bieten, legte man ihm die Sache beweglicherweise ans Herz, appellierte an seine Großmut und an die ausgezeichnete Stellung seiner Familie, deren Name allein genügen würde, den Jüngling vor gemeinen Verfolgungen zu schützen.

Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken. Das plötzliche Gezeter gegen die Beholdschen verdroß ihn. »Erst seid ihr froh gewesen, für den jungen Menschen einen Unterschlupf zu finden, und auf einmal wird hohes Kammergericht gespielt,« sagte er; »soll ich annehmen, daß es mir besser ergeht? Ich will nicht Gefahr laufen, daß mein Privatleben von oben bis unten beschnüffelt wird, ich will nicht jedem müßigen Hahn erlauben, sein Kikeriki in meinen Frieden zu krähen.«

Auch die Familie, besonders seine Mutter, erhob Einspruch und warnte ihn, sich in Abenteuer zu begeben. Es hieß sogar, die alte Freifrau habe dem Sohn einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt, wenn er den Hauser zu sich nehmen wolle, möge er nur dessen Unterhalt aus Gemeindekosten bestreiten, sie gebe keinen Groschen dafür her.

Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch. Er fand, daß es seine Pflicht sei, Caspar aufzunehmen. Da er in ihm schon einen halb Verlorenen [181]sah, stellte er sich vor, daß er damit einen unglücklich Irrenden wieder auf die gebahnten Wege des Lebens führen könne. Der gute Caspar ermangelt vielleicht nur einer männlich-kräftigen Hand, sagte er sich; die Faseleien von Übernatur und Ausnahmswesen, das beständige Bestarrt- und Bewundertwerden, alles das war ihm verderblich; Einfachheit, Ordnung, überlegte Strenge, kurz, die Prinzipien einer gesunden Zucht werden ihm heilsam sein. Probieren wir’s!

Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt, und das war das wichtigste. Er erklärte: »Ich bin bereit, den Findling zu betreuen, knüpfe jedoch die Bedingung daran, daß man mich in allen Dingen gewähren und daß niemand, wer es auch sei, sich einfallen läßt, mich in meinen Plänen zu beeinträchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich und Caspar zu treten.«

Natürlich wurde das zugesagt und versprochen.

Kaum hatte Frau Behold gehört, was sich hinter ihrem Rücken abspielte, so beschloß sie, den Ereignissen zuvorzukommen. Sie wartete eine Nachmittagsstunde ab, während welcher Caspar nicht zu Hause war, ließ alles, was sein Eigentum war, Kleider, Wäsche, Bücher und sonstige Gegenstände, in eine Kiste werfen und diese ohne Deckel auf die Straße stellen. Dann sperrte sie selber das Tor zu und lehnte sich befriedigt lächelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus, um auf Caspars Rückkehr zu harren und die Verblüffung des angesammelten Volkes zu genießen.

Caspar kam bald; er wurde von seinem Leibpolizisten über das Vorgefallene belehrt, und indes [182]der Mann von Amts wegen aufs Rathaus trollte, um Meldung zu erstatten, lehnte sich Caspar gegen seine Kiste und schaute hin und wieder verwundert zu Frau Behold hinauf. Es dauerte gute zwei Stunden, bis man sich auf dem Rathaus entschieden hatte, was zu tun sei, und Herr von Tucher benachrichtigt worden war. Währenddem fing es an zu regnen, und hätte nicht ein gutmütiges Marktweib einen Hopfensack herbeigebracht, mit dem sie die Kiste bedeckte, so wäre Caspars ganzes Hab und Gut durchnäßt worden. Endlich zeigte sich der Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten; sie brachten ein Handwägelchen mit und schleppten die Kiste hinauf. Nun ging’s fort, und ein einfältig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die Hirschelgasse ans Tucherhaus.

Es begann nun wieder ein ganz neues Leben für Caspar. Vor allem hörte der Besuch der Schule auf und anstatt dessen kam zweimal täglich ein junger Lehrer ins Haus, ein Studiosus namens Schmidt. Sodann wurde jedem unberufenen Fremden die Tür verriegelt. Ferner wurde das Reiten nicht mehr gestattet. »Derlei Übungen sind für Aristokraten und reiche Leute, nicht aber für einen Menschen, der zu bürgerlichem Brotverdienst erzogen werden muß und sicherlich einst darauf angewiesen sein wird, sich mit seiner Hände Arbeit durchzuschlagen,« sagte Herr von Tucher.

Daraus war ersichtlich, daß er den Redereien von vornehmer Abstammung, die im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren, nicht die mindeste Bedeutung zumaß. »Die gegebenen Verhältnisse sind schwierig genug,« erwiderte Herr [183]von Tucher, wenn man ihn nur auf eine Möglichkeit dieser Art hinwies; »ich bin durchaus nicht gesonnen, einem solchen Phantom, und mehr ist es nicht, meine Grundsätze zu opfern.«

Herr von Tucher war ein Mann, der unerschütterlich an seine Grundsätze glaubte. Grundsätze zu haben, war für ihn das erste Element des Lebens, nach ihnen zu handeln, ein selbstverständliches Gebot. Es gehörte zu diesen Grundsätzen, daß er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich und Caspar schuf, die den Respekt sicherte. Vertrauliche Beziehungen waren ohnehin seine Sache nicht; Gefühle zu zeigen, war ihm verhaßt; die aufrechte Haltung, der gemessene Gang, der kühle Blick, die Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren kennzeichneten auch ganz und gar sein Inneres.

Strenge erschien ihm wichtig; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht. Die oberste Maxime war: sich nicht rühren lassen. Daneben war es billig, für erfüllte Pflicht Anerkennung zu gewähren. Die Stunden vom Morgen bis zum Abend waren aufs genaueste eingeteilt. Am Vormittag der Unterricht, dann ein Spaziergang unter Aufsicht des Dieners oder Polizisten, am Nachmittag beschäftigte sich Caspar allein. Neben seiner Stube war eine kleine Kammer als Werkstätte eingerichtet, und wenn er die Aufgaben beendigt hatte, verfertigte er allerlei Tischler- und Papparbeiten, wozu er viel Geschick bewies. Auch an Uhren und deren Zerlegung und Zusammensetzung fand er Freude. Sein Betragen befriedigte Herrn von Tucher vollkommen. Er konnte nicht umhin, den eisernen Fleiß des Jünglings und seinen hartnäckigen Lern- und Bildungseifer zu bewundern. [184]Es gab nicht Widerspruch noch Auflehnung, niemals tat Caspar weniger, als von ihm gefordert wurde. Ganz klar, man hat mich falsch berichtet, dachte Herr von Tucher, die Leute, die bisher um ihn waren, haben ihn nicht zu behandeln gewußt, zum erstenmal erfährt er den Segen einer folgerechten Leitung.

Die Grundsätze triumphierten.

Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im Verlauf der Zeit wurde ihm doch fühlbar, daß dem ein Zwang obwaltete, und er hörte auf, die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und Unterhaltung versprachen. Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm entstand, riß er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll über den Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten nur zwei alte Weiber schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem Posten und lauschte. Er wußte genau, um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen vom Webersplatz herkamen, und ergötzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit und seine Augen glänzten. So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern des weitläufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tür, öffnete den Spalt und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen hatte, die unbekannt klang. Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam; sie sagten, er sei ein Türenhorcher und lege es darauf an, sie dem Baron zu verklatschen.

Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er schritt fast auf Zehen über die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart [185]eines vornehmen Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit thronte der Bau abseits vom Getriebe, und wer Einlaß heischte, mußte sich von einem langbärtigen Pförtner besichtigen und befragen lassen. Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt, Fassade, Dach und Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen, als hätten altverbriefte Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge gern am Abend, wenn die feinverschnörkelten Formen, durchglüht von bläulichem Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen.

Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen Scheitel über einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die sich sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, daß sie von schwacher Gesundheit sei und ängstlich das Zimmer hüte. Dies Fremdsein Wand an Wand erregte sein Nachdenken. Allmählich wurde es ihm klar, daß er unter lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschüssel speiste. Einer nahm ihn und nährte ihn; da kam ein Wagen, und er wurde geholt. Ein andres Haus; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse: wieder woandershin.

Wie ging das zu? Andre lebten ständig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett von Kindheit an, keiner durfte sie losreißen, sie hatten Rechte. Das war es, sie hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um Geld dienten, die zu den Füßen derer lagen, welche man als reich bezeichnete, selbst die standen irgendwo fest [186]auf der Erde, hielten irgend etwas fest in den Händen, sie verrichteten eine Arbeit, man bezahlte sie für die Arbeit und sie konnten hingehen und sich ihr Brot kaufen. Der eine machte Röcke, der zweite Schuhe, der dritte baute Häuser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz und Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie nicht wegreißen von der Stelle, wo sie hausten?

Darum war es, ja, darum war’s: weil sie eines Vaters und einer Mutter Sohn waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er gekommen sei und was er sein wollte.

Das war es, Caspar wußte nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er mußte es herausbringen, warum. Er mußte zu erfahren suchen, wer und wo sein Vater und seine Mutter waren, und vor allem mußte er hingehen und sich seinen Platz erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte.

An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn tief in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen, um sich ein wenig mit ihm zu unterhalten. Es lag dies im Schema des Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher, daß er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre; das Prinzip zwang ihn, auf die Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten. Und wenn es ihm auch manchmal schwer wurde, solche Überwindung [187]zu üben, sei es durch ein eignes Bedürfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender Blick Caspars an sein Herz faßte, es gab kein Schwanken, das Prinzip, grimmig wie ein Vitzliputzli, verstattete nicht, daß man die Grenze der Zurückhaltung mehr als nützlich überschreite.

Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff ihn der Anblick doch und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen Klang an, als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens befragte.

Caspar überlegte, ob er sich aufschließen dürfe. Wie bei jeder Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch durchzuckt. Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit einem Ton aus innerster Brust: »Was soll ich denn eigentlich werden?«

Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene, als wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darüber habe er auch schon nachgedacht, erwiderte er; Caspar möge ihm doch sagen, wozu er am meisten Lust habe.

Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin.

»Wie wäre es mit der Gärtnerei?« fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort. »Oder wie wäre es, wenn du Tischler würdest oder Buchbinder? Deine Papparbeiten sind ganz vortrefflich, und du könntest das Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen.«

»Dürft’ ich dann alle Bücher lesen, die ich einbinden soll?« fragte Caspar versonnen, der so geduckt saß, daß sein Kinn die Tischplatte berührte.

[188]Herr von Tucher runzelte die Stirn. »Das hieße eben den Beruf vernachlässigen,« antwortete er.

»Ich könnte ja auch Uhrmacher werden,« sagte Caspar; er hatte in diesem Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er sah einen Mann, der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu läuten befiehlt, der goldene Rädchen ineinander fügt und durch einen Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse bannt. Überhaupt mit solchen Namen war es schwer; nicht sein Wollen lag dahinter, sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens. Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle in dem Gehaben Caspars doch kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er werde sich die Sache überlegen.

Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. »Ich bin nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluß gelangt,« sagte der Baron; »du bleibst das Frühjahr und den Sommer über noch in meinem Haus. Wenn du fleißig bist, kann deine Ausbildung in den Elementarfächern bis zum September beendet sein, dessen versichert mich auch Herr Schmidt. Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für dich wird, sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen, sondern alle Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich werde bald mit einem anständigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann, woran wir sind. Bist du’s zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wünsche? Nur frisch heraus mit der Sprache, du kannst noch immer wählen.«

[189]Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken. Er schüttelte sich ein wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn nicht weiter bedrängen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er hin und her, dann nahm er vor dem Flügel Platz und spielte einen langsamen Sonatensatz. Es geschah dies nicht aus zufälliger Laune; am Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr soeben sechs gekrächzt hatte, wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen.

Es war eine ziemlich schwermütige Melodie. Für Caspar war dergleichen eine Qual; so gern er Märsche, Walzer und lustige Lieder hörte – die Anna Daumer, die kann spielen, sagte er immer –, so unbehaglich war ihm bei solchen Tönen. Als Herr von Tucher den Schlußakkord des Stückes angeschlagen hatte, sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend anschaute, dachte er, er solle sich äußern, wie es ihm gefalle, und er sagte: »Das ist nichts. Traurig kann ich von alleine sein, dazu brauch’ ich keine Musik.«

Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe. »Was maßest du dir an?« entgegnete er ruhig. »Ich habe kein musikalisches Urteil von dir verlangt, und ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser Hinsicht zu veredeln. Im übrigen geh auf dein Zimmer.«

Caspar war es ganz lieb, daß er nicht mehr mit dem Baron zu essen brauchte. Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig und lästig. Vieles entzückte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe und sein sachtes Sprechen, das überaus Reinliche seines Körpers, [190]die porzellanweißen Zähne und vor allem die rosigen gewölbten Nägel der langen Hände. Er kannte viele Leute mit blassen Nägeln und mißtraute ihnen; blasse Nägel erweckten ihm die Vorstellung des Neides und der Grausamkeit.

Doch immer hatte Caspar das Gefühl, als ob Herr von Tucher auf irgendwelche Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon betören lasse; es war ihm manchmal, als müsse er ihm zurufen: es ist ja alles nicht wahr! Aber was? Was sollte nicht wahr sein? Das wußte Caspar nicht zu sagen.

In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner überdrüssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war voller Ahnungen, voller Unruhe. In Nächten, wo der Mond am Himmel stand, verlöschte er die Lampe früher als sonst, setzte sich ans Fenster und verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er häufig unwohl, es fror ihn am ganzen Leibe, erst der Anblick des Mondes selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er wußte, von welchem Dach oder zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen müsse, hob sie wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus, und wenn Wolken da waren, zitterte er davor, daß sie den Mond berühren könnten, weil er glaubte, das strahlende Licht müsse befleckt werden.

Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu lauschen. Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich, ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der Studiosus, ließ ihn gewähren, als es aber zu lange dauerte, rief er [191]ihn zurück. Caspar richtete sich auf und schloß das Fenster, sein Gesicht war so bleich, daß der Studiosus besorgt fragte, was ihm sei.

»Mir war, wie wenn jemand käme,« versetzte Caspar.

»Wie wenn jemand käme? Wer denn?«

»Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen hätte.«

Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und hätte gern eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von einer seltsamen Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn gedeutet wurde und die in allen Journalen, auch draußen im Reich, des langen und breiten durchgehechelt wurde. Aber weil Herr von Tucher dem Studiosus aufs strengste verboten hatte, mit Caspar jemals über solche Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und schwieg.

Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsblätter, die ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen wußte – denn Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her Beeinflussungen mit gutem Grund –, aufs genaueste durchzulesen. Hin und wieder geschah es, daß er irgendeine Nachricht, eine Mitteilung über sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie etwas Wesentliches gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur seinen Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der »Morgenpost« in die Hände, und beim Lesen fand er folgende eigentümliche Erzählung:

[192]Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche enthielt einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: »In einem unterirdischen Kerker bin ich begraben. Nicht weiß der von meinem Kerker, der auf meinem Thron sitzt. Grausam bin ich bewacht. Keiner kennt mich, keiner vermißt mich, keiner rettet mich, keiner nennt mich.« Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren.

Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in Vergessenheit geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa irgendein ungenannter Schnüffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der ›Magdeburger Zeitung‹ neuerdings ans Licht gebracht. Andre Journale bemächtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach viel Staub aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, daß seinerzeit ein Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die Flasche in den Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus, daß derselbe Mönch plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im Elsaß, in einem Wald der Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den Täter hatte man nie entdeckt.

»Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das über dem Findling schwebt, nicht endlich gelüftet wird,« rief der Querulant in der ›Morgenpost‹, nachdem er die Geschichte also ausführlich berichtet hatte, »dann gebe ich keinen Pfifferling für unsre ganze Justizpflege!«

[193]Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne Wort zu überlegen. Dabei überraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte sich, daß es eben dieselbe Affäre sei, von der er neulich nicht sprechen gewollt, und sagte hastig: »Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen Sie übrigens dazu? Die meisten Leute halten es für Quark, trotzdem es ein unwiderlegliches Faktum ist, daß die Sache damals in der ›Magdeburger Zeitung‹ gestanden hat. Was sagen Sie dazu, Hauser?«

Caspar hörte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise: »Ich hab’ es nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.«

»Vom Kerker und vom Throne,« fügte der Studiosus mit sonderbarem und begierigem Lächeln hinzu. »Daß Sie es nicht geschrieben haben, glaub’ ich schon, Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.«

»Aber wer kann es geschrieben haben?«

»Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein verborgener Freund vielleicht.«

»Vom Kerker und vom Throne,« lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er begab sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und versank in tiefe Grübelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten ihn zu wecken, und der Studiosus, der sich schuldig fühlte, blieb, um kein Aufsehen zu machen, die Stunde über sitzen und entfernte sich dann still.

Am selben Abend war eine Assemblee im [194]Tucherschen Haus, alle Freunde der Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das Wagengerassel vor dem Haus. Als die ersten Tanzweisen vom Saal heraufschallten, begab sich Caspar in den Korridor und horchte. Er hatte nicht mehr Zutritt zu solchen Festen.

Während er noch stand, ans Geländer gepreßt, den Kopf vorgebeugt, und er sich so recht verstoßen vorkam, berührte eine Hand seine Schulter. Es war der Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Süßigkeiten brachte. Caspar schüttelte den Kopf und sagte: »Süßes mag ich nicht,« worauf der Diener ihn mürrisch mit den Blicken maß und sich zu gehen anschickte.

Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener Haarschärpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die des Jünglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: »Süßes mag er nicht? Warum mag er denn Süßes nicht?«

Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren Gewändern. Es war ihre Art, sich früh zurückzuziehen. Bevor sie zur Ruhe ging, pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern, um nachzusehen, ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe.

Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf. Es ist anzunehmen, daß seine Phantasie ungewöhnlich erregt war. Plötzlich spürte er eine lähmende Furcht. Schwärze stieg um seine Augen, es war ihm, als habe er die Stimme des Vermummten gehört, und den Arm ausstreckend, schrie er bittend: »Nicht schlagen, nicht schlagen!«

[195]Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt, die im unteren Flur auf und ab spazierten. Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die Treppe empor, gefolgt von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal verbreitete sich das Gerücht, es sei etwas passiert, und da Caspars Aufenthalt im Hause natürlich bekannt war, dachten alle an ein Ereignis wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein Schweigen, die Tanzmusik verstummte, viele drängten hinaus, besonders die jungen Damen waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb schauend stehen.

Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn jedes unnütze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede zu stellen, wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings abgeschreckt, auch machte ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter stutzig.

Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle riß es ihn zurück, und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau, fürstlich geschmückt und majestätisch anzusehen; wie, glich sie nicht einem Weib, das einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war, und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen? Da war der Diener, der eine silberne Platte in Händen hielt; war das [196]nicht alt? Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke brachte oder Süßes oder Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Männer, die auf einen Befehl zu harren schienen, darauf warteten, daß einer käme, noch festlicher angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen mußten? Und diese schlanken weißen Mädchen in weißen Schleiern, deren Blicke tief und bang waren? Und hier oben die Dämmerung, die sich über zahllose Marmorstufen hinab ins Licht verlor? Caspar hätte jauchzen mögen, denn er erschien sich fremd und zugleich von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie erkannten den Herrn in ihm; ja, er ahnte, was er war und von wo er kam, er spürte, was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte; ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen.

Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst stilles Ende. Er führte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett zu begeben, wartete, bis er lag, verlöschte dann selbst das Licht und sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen wegen seiner ungehörigen Aufführung zur Rechenschaft ziehen.

Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der gedrohten Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, daß den Grundsätzen eigentlich nichts zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen Ton der Prophezeiung, Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal aufs Dach steigen und herunterstürzen. Herr von Tucher konnte den Mond nicht abschaffen; da der Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen schien, durfte man ihn für gewisse Fehltritte [197]nicht verantwortlich machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle, war noch immer unentschieden. Es mußte hierzu die Meinung des Präsidenten Feuerbach eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April nach Ansbach zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen.

Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen mußte, auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu ihm suchte, und so fest war der Glaube an diesen Kommenden, daß er jeden Morgen dachte: heute, und jeden Abend: morgen. Er lebte in einem beständigen innerlichen Spähen, und seine ahnungsvolle Freude glich einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlägt, wenn er seine häßlichen Füße gewahrt, so machte seine eigne Stimme, sein eigner Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wie viel mehr erst der Anblick von Menschen, die täglich seine Erwartung enttäuschen mußten.

Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war außergewöhnlich, und die aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von Wahnwitz. Freilich, zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot sie ein andres Gesicht und hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen Stoff für seine Ideen geliefert.

Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es überlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel. Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er oftmals erwachte und die Finsternis ihn quälte, bat er, daß man neben seinem Bett ein Öllämpchen brennen lasse. Dies geschah.

[198]Einstmals in einer Nacht spürte er, noch schlummernd, ein eigentümliches Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein kühler Atem streife. Jählings richtete er sich auf, blickte über Bett und Wand und gewahrte eine große Spinne, die an einem Faden in der Nähe seines Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem Bett, und unfähig, sich zu regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen niederließ und über das weiße Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich herschleppend.

Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut bedeckt. Er preßte die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und seltsam schmeichelnd: »Spinne! Was spinnst du, Spinne?«

Die Spinne duckte den gelblichen Leib.

»Was spinnst du, Spinne?« wiederholte er flehend.

Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. »Was schickst du dich denn so, Spinne?« hauchte Caspar. »Warum so eilig? Suchst du was? Ich tu’ dir nichts ...«

Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den Stuhl, wo die Kleider hingen. »Spinne, Spinne!« sagte er tonlos vor sich hin. Es schlug vier Uhr draußen und er hatte sich noch immer nicht ins Bett zurückgetraut. Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und Wand eifrig mit dem Taschentuch ab.

Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon, die ihn mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war er schon müde. Obwohl ihm schließlich nichts mehr fehlte, hatte er keine Lust, [199]das Zimmer zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand für ein hypochondrisches Zwischenspiel; als er sich jedoch überzeugte, daß sowohl seine vorsätzliche Gleichgültigkeit wie sein gütiger Zuspruch fruchtlos blieben und daß da eine unverstellte seelenvolle Betrübnis waltete, ward er besorgt.

Nun geschah es an einem dieser Tage, daß ein auswärtiger Bote im Haus vorstellig wurde, der zu Caspar geführt zu werden verlangte, um ihm einen Brief auszuhändigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis dazu. Nach einigem Bedenken überließ ihm der Mann das Schreiben und entfernte sich wieder. Herr von Tucher hielt sich für berechtigt, den Brief zu öffnen. Er war von rätselhafter Fassung; noch rätselhafter dadurch, daß ihm ein kostbarer Diamantring beilag, den Caspar damit als Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlüssig, was er tun solle. Brief und Ring dem Gericht oder dem Präsidenten Feuerbach auszuliefern, erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem Rechtsgefühl. Eine flüchtige Stimmung von Weichheit gegenüber Caspar ließ ihn den Vorsatz völlig vergessen; er hoffte, den Jüngling aus seiner Niedergeschlagenheit aufzurütteln, und diesen Zweck erreichte er vollkommen. Er brachte Brief und Ring herbei.

Caspar las: »Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen, vertrau dem Freund, der in der Ferne für dich wirkt. Bald wird er vor dir stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen seiner Treue und bete für sein Wohlergehen, wie er für das deine zu Gott fleht.«

[200]Als Caspar dies gelesen hatte, drückte er das Gesicht gegen den Arm und weinte still für sich hin. Herr von Tucher saß am Tisch und ließ den schönen Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen.

Der englische Graf

In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein vornehmer Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann, und alsbald verließ ein hochgewachsener Herr den Schlag und begrüßte leutselig den herbeistürzenden Wirt, der eines solchen Gastes nicht gewärtig war, da in seinem Hause fast nur Kaufleute und Handlungsreisende verkehrten. Der Fremde forderte die besten Zimmer, und ohne sich nach dem Preis zu erkundigen, schritt er durch das Spalier von Gaffern in das weitbogige Tor. Diener und Kutscher trugen die Koffer, den Nachtsack und sonstige Reisegegenstände in die Halle. Der Ankömmling verlangte von selbst das Fremdenbuch, und bald konnte jeder ehrfürchtig-schaudernd die mit Riesenschrift geschriebenen Worte lesen: »Henry Lord Stanhope, Earl of Chesterfield, Pair von England.«

Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend, daß noch spät abends Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten, hinter denen der erlauchte Herr logierte. Am nächsten Morgen gab der Lord in der Wohnung des Bürgermeisters sowie bei einigen Notabilitäten der Stadt seine Karte ab, und schon [201]wenige Stunden darauf erhielt er in seinem Quartier die Gegenbesuche, vor allem denjenigen Binders, der sich der früheren Anwesenheit des Lords natürlich wohl erinnerte.

In der ziemlich langen Unterredung mit dem Bürgermeister gestand Graf Stanhope ohne Umschweife, daß wie jenes erste Mal so auch heute die Person des Caspar Hauser den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt bilde. Er hege für den Findling die größte Teilnahme, sagte er und ließ durchblicken, daß er etwas Entscheidendes für ihn zu unternehmen gesonnen sei.

Der Bürgermeister erwiderte, er verstatte Seiner Herrlichkeit, soweit es die Vorschriften erlaubten, freien Spielraum.

»Was für Vorschriften?« fragte der Lord rasch.

Binder versetzte, Herr von Tucher sei Kurator des Findlings, habe weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht freundlich gegenüberstehen; außerdem könne man ohne Wissen des Staatsrats Feuerbach keine Veränderung befürworten, die das Leben Caspar Hausers betreffe.

Der Lord machte ein bekümmertes Gesicht. »Da werde ich einen schweren Stand haben,« bemerkte er. Hierauf erkundigte er sich, ob man wegen des Überfalls im Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob die seinerzeit von ihm ausgesetzte Prämie keinen Empfänger habe finden können. Dies mußte Binder verneinen; er entgegnete, die so großmütig zur Verfügung gestellte Summe liege unangetastet auf dem Rathaus und Seine Lordschaft könne sie zu beliebiger Stunde zurückerhalten, da doch jede Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei.

[202]Die nächsten Tage verbrachte der Lord ausschließlich mit der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten. Zu Mittag, zum Tee und zu Abend war er eingeladen oder gab kleine, aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel, wozu er eigens einen französischen Koch in Dienst nahm. Wenn es seine geheime Absicht war, sich auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu verschaffen, so blieb ihm darin nichts zu wünschen übrig. Wenn er den Zweck verfolgte, all die guten Leute und ihre Gesinnungen kennen zu lernen, so fiel ihm das nicht sonderlich schwer; man gab sich rückhaltlos, man fühlte sich geehrt durch seine Gegenwart, man bestaunte seine geringsten Handlungen.

Jeder Anlaß war ihm recht, um das Gespräch auf Caspar Hauser zu lenken; er wollte wissen, immer Neues wissen, schwelgte in den rührenden Einzelheiten, die man zu berichten wußte, fand es aber dabei doch nicht notwendig – eine Unterlassung, die allerdings auffallend gefunden wurde –, den Professor Daumer zu besuchen, sondern begnügte sich damit, den Gefängniswärter Hill zu sich kommen zu lassen und ihn auszufragen.

Hill, von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, schilderte so beweglich, daß es von einem unter Verbrechern ergrauten Mann wunderbar zu hören war, jenes hold verlorene Weben und ergreifende Darniedersinken Caspars während seines Aufenthalts im Turm; zum Schluß rief er, glühend vor Eifer, er, was an ihm liege, er werde die Unschuld des Jünglings bezeugen, und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte. Graf Stanhope war sichtbar erschüttert; er lächelte, sagte, hier sei ja nicht von [203]Schuld die Rede, und entließ den Mann fürstlich belohnt.

Nun endlich entschloß er sich, Herrn von Tucher und damit auch Caspar selbst gegenüberzutreten. Wenn man ihn verwundert gefragt hatte, weshalb er dies so lang verzögere, hatte er erwidert, er bedürfe dazu seiner ganzen Sammlung und Seelenkraft, denn vor dem Augenblick, wo er Caspar zum erstenmal sehen werde, sei ihm bange, freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend.

Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer, als man ihm die Karte des Engländers brachte. Es versteht sich von selbst, daß er von der Anwesenheit Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen Umtrieben unterrichtet war. Da er in jedem Fall einen Friedensstörer in ihm sah, war er nicht zugunsten des Mannes voreingenommen.

Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswürdige und gewinnende Erscheinung zu finden erwartet; gleichwohl war er überrascht, als er den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah, und im Nu schwand seine durch das Hörensagen und trübe Vorgefühle entstandene Abneigung.

Es war allerdings etwas Gefährliches um den Mann, das spürte Herr von Tucher auf den ersten Blick, doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz von Weltlichkeit und geistreicher Anmut über seiner Person. Da seine Haltung stolz war, erschien die Zartheit der schlanken Gestalt nicht weibisch; die Züge, durchaus englisch markant, waren edel geschnitten und ließen die fahle Färbung der Haut vergessen; das wechselnde Feuer [204]der durchsichtigen Augen erinnerte bald an die sanfte Gazelle, bald an die Ruhe des Tigers, kurz, Herr von Tucher wurde in einen Zustand angenehmer Spannung und Erregung versetzt, der durch das schnell in Fluß gebrachte Gespräch nicht im mindesten betrogen wurde.

Die bloßen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger Verfassung bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und Kenntnis des Lebens, und was er sagte, eroberte die Zustimmung des Hörers mühelos.

Auf die Beweggründe des Hierseins kam er von selbst zu sprechen. Was er vorbrachte, klang unbestimmt genug; er war augenscheinlich ein Meister in der Kunst, seine wahren Absichten zu verschleiern, aber kein Argwohn konnte Herrn von Tucher beifallen. Der Name Stanhope gab ausreichende Bürgschaft. Was konnte einen Lord Stanhope verhindern, deutlich zu sein? War es nicht Feingefühl und angestammter Takt, so war es eine Verschwiegenheit, die zugleich das Gelöbnis enthielt, zur gebotenen Stunde alles schicklich offenbar zu machen. Herr von Tucher fand sich dadurch eher verpflichtet als enttäuscht; ohne die ausgesprochene Bitte des Lords abzuwarten, fragte er höflich, ob es ihm genehm sei, Caspar zu sehen. Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes lächelnd abwehrte, läutete er und gab Auftrag, daß man den Jüngling hole.

Es entstand nun eine Stille; Herr von Tucher verblieb in unwillkürlichem Lauschen an der Tür, und der Lord saß mit übergeschlagenen Beinen, den Kopf in die behandschuhte Linke gestützt, das Gesicht dem offenen Fenster zugekehrt. Es war ein sonniger Sonntagnachmittag; der Himmel lag [205]blaustrahlend über dem fächrigen Geschiebe der roten Dächer, zwitschernde Schwalben schossen längs der grauen Häuserfronten hin. Als Caspar in das Zimmer trat, veränderte Stanhope langsam die Richtung seines Blickes, und ohne jenen eigentlich anzusehen, schien er doch das ganze Bild des Menschen in sich festzuketten. Noch während Caspar, durch ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher über die Person des illustern Mannes belehrt, auf den Grafen zuging, erhob sich dieser und sagte mit überraschender Erregung und sichtlich tiefberührt: »Caspar! Also endlich! Gesegnete Stunde!« Dann streckte er die Arme nach ihm aus, und wie zu einem Tor, das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden, begab sich Caspar in diese geöffneten Arme, ein heller, scharfer, kühler Strahl der Freude durchfuhr ihn von oben bis unten, und er vermochte weder zu sprechen noch sich zu regen.

Das war er, der aus weiter Ferne kam. Von ihm der Ring, von ihm die Botschaft. Schon oben, als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten gehört, war eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen, und als der Diener ihn rief, war es, als ob ein Morgenschein das Haus durchglühe. Als er die Schwelle des Zimmers erreicht hatte, sah Caspar nur ihn, den Fremden, Fremdvertrauten, und wie wenn ihm bisher die Hälfte seines Herzens gefehlt hätte, fühlte er sich auf einmal ganz geworden, rund und neu: mit gebadetem Auge sah er sich selbst, zweckvoll erschaffen. Mild an ihre Glocke schlug die Uhr und das Licht des Nachmittags war wie Honig und süß zu schmecken.

[206]Auf den Lord übte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend große Wirkung. Für die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig bewegt und die Augen trübten sich wie in peinvollem Erstaunen. Er war ohne Zweifel verwirrt, die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm, und bei der ersten zärtlichen Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme rauh. Mit der Hand streichelte er Caspars Haare, preßte die Wange des Jünglings gegen seinen Busen, und ein verlorener Blick traf den stumm abseits stehenden Herrn von Tucher, der mit Verwunderung die ungewöhnliche Szene beobachtete. Stanhope bat ihn dann, weil das Verhüllte des Vorgangs zu irgendeiner Klärung drängte, ob er Caspar für einige Stunden mit sich nehmen dürfe, ein Ansuchen, dem Herr von Tucher nicht widerstehen konnte.

Bald darauf saß Caspar an der Seite des Lords im Wagen; der Polizist mußte natürlich mit und saß hintenauf. Während das Gefährt zum Tor hinaus gegen die Maxfeldgärten rollte, entspann sich langsam ein Gespräch.

Caspar klagte, zum erstenmal durfte er klagen. Doch war er schon versöhnt mit dem Augenblick, wo geschehenes Unrecht als solches erkannt und verstanden wurde. Die Welt schien schlecht bis auf diesen Tag, jetzt tat sich ihr Himmel auf und es zeigte sich ein waltender Arm.

Doch nicht so sehr um das Nahgeschehene handelte sich’s: hier war einer, der wissen mußte! Caspar fragte. Kühn und leidenschaftlich fragte er: wer bin ich? wer war ich? was soll ich? wo ist mein Vater? wo meine Mutter? Und die Antwort des Grafen? Verlegenheit. [207]Eine Umarmung. »Geduld, Caspar; bis morgen nur Geduld: das läßt sich nicht in einem Atemzug abtun, allzuviel ist zu sagen. Erzähl mir lieber: wie hast du gelebt? Erzähl von deinen Träumen. Man sagt mir, du habest wunderbare Träume. Erzähl!«

Caspar ließ nicht lange bitten. Die wesensvollen Gebilde machten den Lauscher stutzig, er umschloß Caspar fester und verbarg so sein Gesicht vor ihm; bei der geschilderten Erscheinung der Mutter fuhr er wie vor Schreck zusammen, und abermals suchte er abzulenken, wollte Einzelheiten über das Leben Caspars im Daumerschen, im Beholdschen Hause wissen; der Gegenstand war gefahrlos. Stanhope fand sich ergötzt durch Caspars ursprüngliche und bezeichnende Ausdrucksweise, die komische Anwendung von Sprichwörtern und Nürnberger Redensarten. Auf dem Rückweg fragte er, wo Caspar den Ring habe, den er ihm geschickt. »Hab’ mich nicht getraut, ihn an den Finger zu tun,« antwortete Caspar.

»Warum denn nicht?«

»Weiß nicht warum.«

»War er dir nicht schön genug?«

»O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schön war er mir. Hab’ immer Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.«

»Aber jetzt wirst du ihn tragen?«

»Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt weiß ich, er gehört wirklich mir.«

Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zärtlichen Abschied von Caspar und bestellte ihn für den nächsten Vormittag in den Gasthof. »Auf Wiedersehen, Liebling!« rief er ihm noch zu.

[208]Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder träge. Jeder Schritt ins Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des herrlichen Mannes; was jetzt die Hand, der Blick berührte, war alt, war tot.

Schon um zehn Uhr morgens war er im »Wilden Mann«. Der Unterrichtsstunde war er einfach entlaufen; hätte ihn jemand abzuhalten versucht, er wäre an einem Strick vom Fenster heruntergeklettert.

Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, küßte ihn vor vielen Zuschauern auf die Stirn und führte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem Tischlein Geschenke für Caspar lagen: eine goldene Uhr, goldene Hemdknöpfe, silberne Schuhschnallen und feine weiße Wäsche. Caspar traute seinen Augen nicht, der Überschwang des Dankes versperrte ihm die Kehle, er wußte nichts andres, als immer nur die freigebige Hand des Spenders in der seinen festzuhalten.

Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerührtem Schweigen auf. Aber nachdem sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt waren und Caspar noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen seiner Erkenntlichkeit rang, ermahnte ihn Stanhope sanft, er möge doch jeden Dank unterlassen. »Diese Dinge sind ja nur geringfügige Merkmale meiner Liebe zu dir,« sagte er; »das Wirkliche, das Große, was ich für dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen bleibe du so, wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht geräuschvoll in Worten, aber zuverlässig in deinem Herzen. Zuverlässig und treu sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.«

[209]Caspar seufzte. Das war zu viel des Glücks. Nie hätte er geglaubt, daß ein Menschenmund so sprechen könne. Zur Beteuerung war er ohnmächtig, nur sein Auge gab Kunde in einem schwärmerischen Blick.

Stanhope öffnete eine Tür und geleitete den Jüngling zu einer kleinen Frühstückstafel, die im Nebenzimmer bloß für sie beide gedeckt war. Sie nahmen Platz, der Lord füllte Wein in die Gläser und lächelte sonderbar, als Caspar erklärte, er trinke niemals Wein. »Wie wird es dann werden, Caspar, wenn wir zusammen in die Länder des Südens reisen? Auf allen Hügeln glüht dort der Wein und die Luft ist voll davon. Was schaust du mich so an? Glaubst du mir nicht?«

»Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen?« fragte Caspar jubelnd.

»Gewiß werden wir das. Denkst du denn, daß ich mich von dir trennen will? Oder denkst du, daß ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel Übles widerfahren ist?«

»Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne!« rief Caspar, preßte wie außer sich beide Hände vor den Mund und zog in freudigem Krampf die Schultern bis an die Ohren. »Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen? Und der Herr Bürgermeister? Und der Herr Präsident?« fügte er hinzu, vor lauter Hast plappernd, während sich in seinem Gesicht die ganze Betrübnis malte, die er bei der Vorstellung empfand, jene Männer könnten die Pläne des Grafen mißbilligen oder zunichte machen.

»Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr über dich haben, dein Weg führt dich über sie empor,« antwortete Stanhope [210]ernst und sah Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an.

Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefühl überwältigt. Während in seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Kräfte der Seele an sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das Bild der Frau aus dem Traumschloß. Mit einer ergreifenden Gebärde des Flehens wandte er sich zu Stanhope und fragte: »Herr Graf, werden Sie mich zu meiner Mutter bringen?«

Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und stützte den Kopf in die Hand. »Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar,« flüsterte er dumpf. »Ich werde reden und ich muß reden, aber du mußt schweigen, keinem andern Menschen darfst du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein Gelöbnis! Herzensmensch! Unglücklich-Glücklicher, ja, ich will dich zu deiner Mutter bringen, die Vorsehung hat mich erwählt, dir zu helfen!«

Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen löste die ungeheure Spannung seiner Brust. »Wie soll ich denn zu dir reden?« fragte er mit der Kühnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen man sonst zu Menschen spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner dankbaren Liebe nicht genug.

Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zärtlich: »Recht so, das traute Du soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob ich dein Bruder wäre.«

In so inniger Nähe erblickte sie der eintretende Bediente, der den Bürgermeister und den [211]Regierungskommissär anmeldete. Durch die geöffnete Tür forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus, als wünsche er, daß die beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar würden. Er tat, als könne er sich nicht von ihm trennen; da die Besucher nach ehrfürchtigem Gruß Platz genommen, schritt er, noch leise plaudernd und ihn bei der Schulter umschlungen haltend, mit Caspar auf und ab, sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurück, ging ans Fenster, beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem Taschentuch. Die Verwunderung seiner Gäste wohl bemerkend, mäßigte er sich trotzdem nicht, im Gegenteil, er gebärdete sich wie ein Verliebter, der seine Empfindungen ohne Scheu preisgibt.

Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche Haus gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen Gaben war groß. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen und aufbewahren,« äußerte er zu Caspar nach einigem Nachdenken; »es steht einem zukünftigen Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus zu treiben.«

Da hätte man Caspar sehen sollen! »O nein,« rief er aus, »das gehört mir! Das ist mein, und ich will’s haben, das darf mir keiner nehmen!« Seine Haltung war geradezu drohend, und sein Blick funkelte.

Aus Herrn von Tuchers Zügen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu erwidern, verließ er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter, ein Undankbarer! Einer, der eigensüchtig die Gelegenheit nutzt und den einen Wohltäter verleugnet, wenn der andre besser zahlt!

Die Grundsätze hörten auf zu triumphieren. [212]Sie machten ein zerknirschtes Gesicht und hüllten sich in Sack und Asche.

Nachgiebigkeit wäre in diesem Fall eine unwürdige Schwäche, deren ich mich schämen müßte, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich Gewalt anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope und trug ihm die Sache vor. Der Graf hörte ihn freundlich an, er gab sich Mühe, die Vergehung Caspars als eine kindische Maßlosigkeit zu verteidigen, und versprach, ihn dahin zu bringen, daß er dem Vormund die Geschenke freiwillig überreiche.

Herr von Tucher war von der Liebenswürdigkeit des Lords bezaubert und verließ ihn in bester Zuversicht. Auf den verheißenen Gehorsam Caspars wartete er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mühe des Lords war ohne Erfolg geblieben; kein Zweifel, Caspar verstand es, den gütigen Mann zu beschwatzen. Kein Zweifel, dieser Bursche war mit allen Salben geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit und List. Viel zu stolz, um einen Dritten zum Mitwisser seiner niederschmetternden Erfahrungen zu machen, begnügte sich Herr von Tucher vorläufig, den Ereignissen ruhig zuzusehen, wenn auch mit dem Verdruß eines Mannes, der sich hintergangen fühlt. Daß Caspar sich nicht ein einziges Mal bewogen fand, über die Art seiner Beziehung zu dem Lord, über den Gegenstand ihrer Gespräche sich zu äußern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an zutraulicher Mitteilsamkeit hätte er zum allerwenigsten erwartet.

In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschränkt, Caspar im Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn höchstens nach förmlich erbetener [213]Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmählich änderte sich das, und er bestellte den Jüngling an fremde Orte, wo Caspars unvermeidliche Leibwache sich fünfzig Schritte entfernt halten mußte. Herr von Tucher führte beim Bürgermeister Beschwerde; er behauptete, der Lord handle damit seiner ausdrücklich gegebenen Zusage entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte er den vornehmen Herrn zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schüchterne Andeutung. Der Lord beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht für wortbrüchig zu gelten, war es leicht, den Verstoß auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben.

So sah man die beiden auffallenden Gestalten häufig am Abend durch die Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gespräch achteten sie der Blicke nicht, die sie verfolgten. Meist gingen sie über den Stadtgraben und dann auf die Burg; hier durfte sich Caspar wehmütiger Erinnerung überlassen; der düstere Turm barg die größten Schrecknisse seines Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute, wo zwinkernde Lichter aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr belebten, vernahm er mit ganz andern Gefühlen die Stundentöne der Glocke; jetzt band und einte die Zeit ihre Schläge und zerriß sie nicht mehr zu Pausen des Grauens.

Der Lord wurde nicht müde zu erzählen. Er erzählte von seinen Reisen. Er verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen. Caspar erfuhr von den Alpen und daß dort Berge mit ewigem Schnee seien und glückliche Täler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien – das Wort war schon ein Rausch –, [214]geschmückte Kirchen, enorme Paläste, Gärten mit wunderbaren Statuen, voller Rosen, Lorbeer und Orangen, einen märchenhaft blauen Himmel und die schönsten Frauen. Er sah das Meer und Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine Sehnsucht wurde so groß, daß er manchmal plötzlich lachen mußte. Einmal wirklich dort sein dürfen in den Ländern der Sonne und der unbekannten Früchte, dort sein dürfen, und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine Freude, die weh tat.

An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord öffnete eine Truhe und zeigte einiges von den Schätzen, die er auf seinen Reisen gesammelt. Da waren seltene Münzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten, Gemmen, Kameen, Perlen und altertümliches Geschmeide; ein geweihter Rosenkranz aus dem Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll gravierten Figuren; eine Bibel mit den herrlichsten Initialen und Malereien, ein Damaszenerdolch mit goldenem Griff, der Siegelring eines Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt mit Sternen; ein pompejanisches Lämpchen und altfranzösische Porzellanväschen und vieles andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von weiter Welt und großem Schicksal.

»Das habe ich vom Kurfürsten von Mainz bekommen,« sagte der Lord etwa, »und dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schöne Miniature habe ich bei einem Händler in Barcelona gekauft, und dies Tonfigürchen stammt aus Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik Abderrahman verehrt, und diese orientalischen Stoffe hat mir meine Base aus [215]Syrien geschickt; sie ist eine wunderliche Person, zieht mit Arabern und Beduinen durch die Wüste, schläft in Zelten und treibt Alchimie und Astrologie.«

Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schürte der Graf das Feuer des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen Verheißungen ernst. Vielleicht bereitete es ihm bloß eine Wonne, Wunsch und Lüste aufzupeitschen. Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede. Vielleicht aber das furchtbare Vergnügen, dem Vogel im Bauer, im nie zu öffnenden, so lange vom Flug durch den goldnen Äther zu erzählen, bis endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine Kehle bricht.

Wie er sprach, wie er die Worte besaß! Zwischen den Lippen und den weißen Zähnen spielte das Lächeln wie ein listiges Tierchen. Er war nicht gleichmäßig heiter. Was war das? Oft zog Finsternis über sein Gesicht. Bisweilen pflegte er aufzustehen und wie ein Lauscher an die Tür zu treten. Seine Liebkosungen waren nicht selten voll Schwermut, dann saß er wieder schweigend da, und sein suchender Blick glitt düster an dem Jüngling vorüber. Da faßte Caspar einmal Mut und fragte: »Bist du denn eigentlich glücklich, Heinrich?«

»Glücklich, Caspar? O nein. Glücklich, was sprichst du da? Hast du schon von Ahasver gehört, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als der unglücklichste aller Menschen. Ach, ich möchte mein Leben vor dir aufblättern, denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich darf nicht, ich kann nicht. Später vielleicht, wenn dein eignes Geschick sich entschieden hat, wenn du mit mir in meine Heimat gehst ...«

[216]»Ist denn das möglich, wird denn das sein?«

Es schüttelte den Lord plötzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab oder wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte Lebendigkeit ergriff ihn, er begann von Caspars künftiger Größe zu sprechen, doch wie stets nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der feierlichen Ermahnung zur Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars Reich, von seinen Untertanen, und das zum erstenmal, wie einem Zwang gehorchend, selber schaudernd, selbst zitternd, immer von neuem das Gelöbnis des Schweigens betonend, hingerissen von einem Phantom gleichsam und alle Gefahr vergessend. »Ich will dich führen; ich will deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne von ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Süden, um sie irrezuführen, dann fliehen wir zu mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die Verfolger zu treffen sind, wo man Kräfte sammeln kann für den entscheidenden Schlag.«

Wieder zur Tür; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt sei. Dann, ängstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den Frieden eines englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhängigkeit auf erbgesessenem Gebiet; die tiefen Wälder und klaren Flüsse, die balsamische Luft, das behagliche Weilen überall, Frühling, Herbst und Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger Genüsse.

In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem Schmerz eines auf immer Verstoßenen. Zum andern Teil aber enthielten sie viel von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhärtetste Gemüt unter [217]Umständen davon schwärmen ließ, seine selbstgeschaffene Unrast am Busen der Natur zu besänftigen. Und dann sprach er doch von seinem Leben. Er wußte sich als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit Ehren und Ämtern und greifbaren Glücksgütern beladen, gleichwohl das Opfer feindlicher Mächte ist. Das Schicksal trat in romantischer Verkleidung auf und jagte den Sohn eines verfluchten Geschlechts unstet von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige Freunde gegen den edeln Sproß des Hauses verschworen und er, ein Mann von fünfzig Jahren, ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver!

Derlei Enthüllungen öffneten wie nichts sonst Caspars Herz der Freundschaft. Denn da war endlich einer, der sich gab, sich öffnete, die Vermummung abwarf. Es war bittersüße Lust, die angebetete Gestalt den Sockel verlassen zu sehen, auf dem sie für alle übrigen thronte.

Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden Menschen; außen und innen ruhend, gelöst von hemmender Fessel, Blick und Gebärde gelöst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert, die Lippen geschwellt von einem beständigen Lächeln.

Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er ein Baum und seine Hände wie Zweige voller Blüten. Ihm schien, als ströme sein Blut einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das Land schrie nach ihm, alles war voll von ihm, alles nannte seinen Namen.

Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei überrascht wurde, lachte [218]er. Die Leute, die mit ihm in Berührung kamen, waren bezaubert; sie fanden kein Ende, die über alles liebliche Erscheinung zu preisen, in der Kind und Jüngling zu rührendem Verein gediehen waren. Es gab junge Frauen, die ihm zärtliche Briefchen schrieben, und Herr von Tucher wurde vielfach mit Bitten belästigt, ihn von einem Maler konterfeien zu lassen.

Das üble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten sich, die ganze Stadt warf sich plötzlich zu seinem Beschützer auf. Es hieß mit immer kühnerer Deutlichkeit, man müsse ihn gegen die Machenschaften des englischen Grafen in Schutz nehmen.

Eines Tages mußte Stanhope zu seiner größten Bestürzung wahrnehmen, daß er von allen Seiten peinlich überwacht und behorcht war. Er mußte sich entschließen zu handeln.

Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht

Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni den förmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen, er wünsche für seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat ließ durch den Bürgermeister erwidern: zum ersten, daß ein solches Ersuchen in pleno vorgetragen werden müsse; zum zweiten, daß der [219]Lord vor allem den Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse, damit die Stadt eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe.

Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister, zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluß des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können.

Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantisch-überhebliche Bürgerpack zu äußern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte, in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen Ärgers hinzustellen, machte die Sache doch böses Blut. Der Argwohn war einmal geweckt. Man wollte wissen, daß er in seinem Hotel häufig Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es überhaupt, fragte man sich, daß der angeblich so reiche und vornehme Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie sie im »Adler« oder im »Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel, wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei.

[220]Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen Geschäften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den geforderten Vermögensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschließlich für die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei. Der Bürgermeister wandte ein, daß eigentlich Herr von Tucher die Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefaßte Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden. »Seien wir doch eingedenk, daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar abzutragen hat und daß es engherzig ist, immerfort hemmen und beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.«

Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten großen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern darüber aus, daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht werden konnten, und versicherte, daß die Stadt es sich stets zur Ehre rechnen würde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.

Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch Caspar sei ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu warten geruhen. [221]Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab. Er nahm die Brieftasche heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker. Er stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich aufgerissen, der Blick glitzerte. »Gottverdammte Bestien,« murmelte er, und auf den schmalen Lippen lag eine wilde Verachtung.

Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. O, Herr Graf, muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der gutgelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit verändere? Schade, daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war, vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen, und das Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor und macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes Höhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit getroffen wurden.

Es scheint, daß der Lord ein schlechter Rechner war, denn die aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne Posten auf ihre Richtigkeit prüfte. [222]»Für Popularitätszwecke entschieden zu wenig,« sagte er mürrisch, eine Äußerung, deren Unbedachtsamkeit dadurch gemildert war, daß sie in englischer Sprache getan wurde. Dann noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht wie aus einem geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn der Graue sich wieder blicken läßt, will ich ihn in den Schwanz kneifen; seine Beute ist wahrhaftig groß genug. Kronen sind keine Marktware, er mag ehrlicher im Teilen sein.«

Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich zusammen, und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter. Zudem war Graf Stanhope abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fuß ein Zimmer betrat, wurde ihm übel und ängstlich. Dies war hier geschehen; er nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr als er vom Flur herauf Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in seine Rolle, die Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte einen Band Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich in den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.

Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem Dämmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde verwirrt, er lenkte [223]den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen, aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam aufgebaute Pläne zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefaßt, so daß er das Werk wieder von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei Nacht wieder in seine Fäden trennte.

Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht beschwichtigt durch den Hinweis, daß sein eignes Wohl diese Trennung erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, daß er sobald als möglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats, zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter Stimme, die Welt sei gar zu groß; er umklammerte den Freund und bat flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen, er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er unter Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?«

Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings. Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und verlieh seinen Worten größeres Gewicht. »Daß [224]du so kleinmütig bist, Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir,« sagte er, »wie kannst du nur glauben, daß Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder voneinander reißen wird? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen. Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest, so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewißheit der Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird nicht ungeduldig. Auch mußt du dich beherrschen lernen, Caspar; Fürstensöhne weinen nicht.«

Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen.«

Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, daß Caspar nachdenklich wurde und, feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander stickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen und der Damm, der den Strom der Sehnsucht hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht; ein starkes Wort; der leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach.

[225]Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, daß er Eile habe, er wolle der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken gefüllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehör zu leihen.

Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, daß Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf, und er würde Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschüchtert durch Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher außer sich. »Ich werde dich aus dem Haus stoßen,« rief er, nicht mehr fähig, sich zu beherrschen, »ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich endlich kennen lernen, du Schlack!«

Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu sollen. »Ach, wenn das der Graf wüßte, der würde Augen machen!« sagte er erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des Grafen läge, jedes Unrecht zu sühnen.

»Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig,« versetzte Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen Wohltätern keinen [226]Anlaß zur Klage zu geben. Du aber mißachtest sein Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig.«

Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts, eher vom Gegenteil; er bestritt daher, daß der Lord dergleichen gesagt habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner, woraus ersichtlich ist, daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls hintanzuhalten.

Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher war des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht länger zu behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur Rückkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein der Enttäuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen; er empfahl ihm fleißiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse, ließ ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des Hauses überlassend.

Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der die Sonne brütete, ließen ihm das Alleinsein [227]stetig fühlbar werden. Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen, zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust.

Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art, sie zu fassen, erhellte klar, daß er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen. Er verstand nicht den Bau der Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen Gesellschaft. Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum: da wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch, dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte; erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen, wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden.

Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen, die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war groß, doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als könne es zwischen ihm und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete [228]endlich erschien, war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so und griff um sich, wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord veränderte Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung, in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch vielleicht, dem er Macht über sein Inneres zugestehen mußte und dessen Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das erbeutete Wild.

Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter mißgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?« erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes: »Viel, immer.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich geschrieben, Heinrich.«

»An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wußtest doch meinen Aufenthalt nicht!«

Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab’ ich’s geschrieben,« sagte er.

Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich’s nicht lesen?«

Caspar schüttelte den Kopf.

»Also Heimlichkeiten, Caspar?«

»Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dir’s nicht.«

[229]Stanhope brach das Gespräch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Er war wieder im »Wilden Mann« abgestiegen, doch lebte er anders als vorher. Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und trieb den größten Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu zeigen. Er brachte seine eigne Equipage mit, deren Räder vergoldet waren, während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten. Als Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge, und diese drei Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger.

Er säumte nicht, sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu erneuern. Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er, scheinbar nur nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rückkunft beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine Gebärde von Prahlerei, als seien so geringfügige Summen kaum der Rede wert; in der Tat aber waren die Akkreditive, von deutschen Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt, von riesiger Höhe.

Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche des Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage aufgeworfen: ja warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der Zuschrift des Grafen vor, worin es hieß: »Der Unterzeichnete fühlt um so mehr den Beruf, sich des unglücklichen Findlings anzunehmen, als er bei langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung [230]gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.«

»Fragen wir also den Hauser selber,« hieß es, »man muß wissen, ob er Lust hat, dem Grafen zu folgen.«

Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklärte er, er sei überzeugt, daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal nehme, erklärte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch führen werde.

Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände, die aber nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich schließlich in einer einzelnen Stimme Gehör verschafften, welcher niemand zu widerstehen wagte.

Der übermäßige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern, rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein pomphaftes Auftreten mißfiel dem Bürger, der einer bescheidenen Lebensführung, auch bei Großen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer Verschwendungssucht, die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte. Es erbitterte, wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links Kupfermünzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Würde bar, vor dem in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte.

Man sprach davon, daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er gesichert schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es [231]lief das Gerücht, der Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer vorgeschriebenen Grenze.

Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt. Die Entwicklung der Dinge war ihm bekannt; er wollte für seinen Teil ein klares Ende herbeiführen. Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief, in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte: entweder den Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn, den Baron, damit seiner Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder einen jährlichen Beitrag auszusetzen, welcher es ermögliche, Caspar einem verständigen und gebildeten Mann vollständig zu übergeben; in letzterem Falle müsse Seine Herrlichkeit allerdings die Güte haben, jedem Verkehr mit Caspar schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er seinerseits würde sich dafür gern verbinden, dem Lord regelmäßigen Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten.

In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene Devotion vor. »Mit dem wärmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr, die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben,« hieß es unter anderm; »aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte Verehrung an den Tag zu legen, zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr seltener Edelmut zwingen. Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft aufgefordert haben, und so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen Sinnes auf mit der Zuversicht, daß Sie meinen Worten ein [232]geneigtes Ohr schenken werden. Caspar ist nicht der, für den Sie ihn zu halten scheinen. Wie konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennen lernen, da ihn ja im Umgang mit Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles erwartet, was sein Sinn begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht zu leuchten. Herr Graf! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man sie nur einem Gleichgestellten schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit, mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde, haben Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird jemals wieder daraus entfernen können. Ich bin von nichts weiter entfernt, als Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie inständig, auch nicht einen solchen finden zu wollen. Sie sind außer Schuld. Aber feststellen muß ich, daß während der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte, kein Anlaß war, mit ihm unzufrieden zu sein, während er seit Ihrem Aufenthalt dahier, ich sage es mit blutendem Herzen und mit der Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie, vortrefflicher Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.«

Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln. Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein, durch den Brief des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch überall in Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in Ansbach, die sich als notwendig erwiesen und worin er seine Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur [233]während seines Lebens für Caspar Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines Todes zu sichern, erwähnte er, daß zwischen ihm und Herrn von Tucher Verhältnisse eingetreten seien, die ihm für jetzt und künftig jeden Verkehr unmöglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, daß Caspar tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde.

Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war außer sich. Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief wörtlich mit, schilderte noch einmal und in düsteren Farben den unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm, wie er sich ausdrückte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht, schrieb er zurück, er habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten Eigenschaften kennen gelernt. Das Gerücht bezeichne ihn als sehr vermöglich, er selbst behaupte, eine jährliche Rente von zwanzigtausend Pfund Sterling, also dreimalhunderttausend Gulden, zu genießen, welches Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze. »Vorausgesetzt, daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit erlangt,« schloß er sein mächtig langes Schreiben, »auch solche, die über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt, habe ich als Vormund [234]gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope, sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.«

Ein umständliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope zappelte schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle Hindernisse beseitigt, und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer Zähigkeit verfolgten Ziele nahe, als plötzlich alles wieder vernichtet wurde. Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die Entfernung Caspars aus Nürnberg. Er schickte einen Privatboten an den Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen, daß er soeben von seiner Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene Neuigkeit vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die auszuführenden Schritte gutgeheißen habe.

Der Bürgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das Briefchen Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte. Er stieß den Bader beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem Seifenschaum auf seiner Wange, heftig erregt durch das Zimmer. Es dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder erinnerte; er zerriß den Zettel, den ihm Binder geschickt, in hundert kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so voll Haß und Galle, daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.

[235]Zu spät bedachte der Graf, daß er sich vergessen habe; aber wie empfindlich mußte der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert werden konnte!

Mit fliehender Hand schrieb er einige Zeilen, schloß und siegelte den Brief, ließ den Jäger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug ihm auf, die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle zu bringen, kost’ es, was es wolle.

Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wußte, daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte, Liebeshändeln und kleinen Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten Wettläufers, diese krampfhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mußte eine verschwiegene Zunge haben, um die unbehaglichen Zutaten solcher Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können, denn es hatte nicht selten den Anschein, als ob man der Mittler lichtscheuer Geschäfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets zurecht, doch jenes »Kost’ es, was es wolle« war ein bißchen aufschneiderisch, man erhielt nicht immer seinen Lohn, man mußte oft wochenlang warten und heimlich nach den Brocken haschen, die von der gräflichen Tafel abgetragen wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend, [236]daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet wurde, der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken.

Woran hing das alles? Wohin liefen die Fäden, die dieses über den Pöbel erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften? Der edle Abkömmling eines edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke fristend, einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhängig von der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten, das strenge Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben, wofür? Woran hing das alles?

Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die Trümmerstätte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Träger selbst nur noch wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war, als er reich gewesen und den Reichtum benutzt hatte, um seine maßlose Jugend damit zu sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und Gastmähler waren berühmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von Köchen, Sekretären, Kammerdienern, Handwerkern und Spaßmachern. Er hatte bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an die Frauen verteilen lassen. Er hatte während des Wiener Kongresses die Könige und [237]Fürsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein Vermögen verschlangen, und Oratorien und Opern für eigne Rechnung aufführen lassen. Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der Timon des Kontinents gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte, die alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war sprichwörtlich geworden, seine Art, mit immer gefüllten Händen Gold um sich her zu streuen, achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche fiel, glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche Habgier.

Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten den unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais Bourbon, man hatte hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut seines Geistes. Der Gesandte, Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte ihm eine hastige Mitteilung. Man sah ihn erblassen, ein Lächeln von eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen, andern Tags reiste er. Er glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines Landedelmannes führen zu können, dies mißlang. Die Güter waren überschuldet, von allen Seiten drängten Gläubiger, außerdem graute ihm vor der Einsamkeit, haßte er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten mußte Fetzen borgen für ein Dasein, das allmählich von innen ausgehöhlt [238]wurde durch die Angst um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine Wanderzüge waren eine Jagd nach den früheren Freunden und Genossen, aber auf einmal gab es keinen mehr, der nicht alles vorher gewußt hätte und aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte. In einem römischen Hotel nahm er, verzweifelt, erschöpft, aller Hoffnung bar, Strychnin. Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn. Das Gift, das seinen Körper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen. Er rang mit dem Dämon, der ihn niedergestoßen; er wurde wild und kalt; seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die Schwächen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer Hintertreppen. Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent Metternichs. Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt, die an den Grenzbezirken der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen. Die außerordentlichen Talente, die er besaß, machten ihm keine Aufgabe schwer; der unablässige Zwang zu handeln, die Vielfältigkeit der Beziehungen erstickten die Stimmen des Gewissens und die Empfindung dunkler Schmach. Oben geächtet und bei aller Nützlichkeit gemieden, war er in den Niederungen noch immer der erlauchte Mann; er wurde ein geübter Menschenjäger und Seelenfänger; was dem Druck des Unglücks entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte Lächeln: Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende Konversation, die [239]treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der Wimpern, jede Verbeugung war Geschäft; alles hatte Folgen, alles Ursache, ein nachlässiges Wort konnte das Mißlingen einer Aufgabe bedeuten – und doch, wie entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie jämmerlich der Lohn! Und wie ging es bei alldem langsam bergab, ins Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog, von selber und ohne daß sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in den Abgrund zu zerren.

Eines Tages hieß die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war deutlich, seine Quelle klar, die Umstände finster wie nichts zuvor. Man sagte: Du bist der rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber einträglich, es scheint von geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht auf dem Spiel. Die Verhandlungen wurden nicht von Gesicht zu Gesicht geführt, alles war hinter Vorhängen versteckt, jeder Mittler trug das Wort eines namenlosen Gebieters. Das Gespenstertreiben reizte die Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das Ausspinnen des Plans hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel mußte meisterlich beschlichen werden.

Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fuß. Du hast den Findling aus dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfängt für uns gefährlich zu werden, lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit in ein Land, wo niemand von ihm weiß; laß ihn verschwinden, stürze ihn ins Meer oder wirf ihn in eine Schlucht oder miete das Messer eines Bravo oder laß ihn unheilbar krank werden, wenn du dich auf Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk gründlich, sonst ist uns nicht gedient. Unsers Dankes [240]bist du versichert; wir notieren unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X.

Was war zu überlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zögern machte schon mitschuldig; den untätigen Wisser zu beseitigen war für jene ein Zwang. Es gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurück; schon damals, wo man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte Stanhope Befehl, einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber unbeteiligt war, nicht gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der angewandten Mittel schreckten ihn, beleidigten seinen guten Geschmack, rüttelten sein besseres Wesen auf. Er floh, er verbarg sich. Das Elend und drohender Hunger lockten ihn wieder ins Garn, und so machte er sich auf »aus weiter Ferne«, um sein Opfer zu betören.

Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch eine Stimme! Welch ein Auge! Was erschütterte den Verderber und riß ihn hin? Er wurde betört, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das hatte der Netzeknüpfer nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt. Nicht wie Frauen lieben, das hatte er erfahren, das kann gewürdigt und auch vergessen werden, es liegt im Fluß der Dinge begründet, Zufall und Trieb haben gleichen Anteil daran; auch nicht wie Männer lieben oder Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt; Gesetz und Aneignung, Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen; doch im tiefsten Grund ruht Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders, ungeahnt und wundersam rührte die Schönheit einer Seele an das ummauerte Herz.

[241]Es gibt eine Sage, die von einem Land erzählt, wo nicht Tau noch Regen fiel, daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger Brunnen war, der Wasser erst in großer Tiefe enthielt; wie nun die Leute zu verschmachten anfingen, da kam ein Jüngling zu dem Brunnen, der die Zither spielte und seinem Instrument so süße Melodien entlockte, daß das Wasser bis zur Mündung des Brunnens heraufstieg und im Überfluß dahinströmte.

So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jüngling Caspar bei ihm weilte und die süßen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg aus der Tiefe, ein jammernder Blick flog rückwärts, Scham entzündete das bebende Gemüt, leicht schien es das Übel ungeschehen zu machen, er fand sich selbst wieder, es strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der eignen noch unbefleckten Jugend entgegen, und so, wie er hätte sein können, wenn das Schicksal nicht sein Edelstes zermalmt hätte, so sah er sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und so wahr, so reich, so grundlos schenkend, daß der verruchteste Geizhals und Bösewicht seine Truhe nach Kostbarkeiten durchwühlt hätte, nur um sich der Qual der Verschuldung zu entledigen.

Aber er gab – nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine Person war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt, denen er diente, bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue, sein Unfrieden, sein schlechtes Gewissen. Er führte eine Tat im Schilde, die jede Falte seines Gesichts mit Lüge bemalte, aber bisweilen dachte er in Wirklichkeit daran, mit Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es [242]eine Ruhestatt für den Geächteten eines Erdteils? Ach, wenn er die stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses Antlitz ihm zugeneigt war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fühlte er, daß auch er noch ein Mensch war, und er konnte in unermeßlicher Wehmut vor sich hintrauern. Dann vergaß er Zweck und Sendung und rächte sich an jenen, deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren Geheimnissen wußte, und doppelten Verrat beging. Er erfüllte Caspar mit Erwartungen auf Macht und Größe, das war seine Gegengabe, das Geschenk des Geizhalses. Ein Glück, daß der Zauber an Kraft verlor, wenn er von dem Jüngling entfernt war und er nicht mehr jenen fragenden Blick auf sich lasten fühlte, bei dem ihm zumute war, als sei ein Gesandter Gottes neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern Überlegung und im Verfolg der furchtbaren Pläne schrieb er gleichwohl kurze leidenschaftliche Briefchen an den Umgarnten, wie dies: »In der ersten Woche, da ich dich kennen lernte, hieß ich mich deinen Vasall; solltest du je für eine Frau dasselbe fühlen, was du für mich empfindest, so bin ich verloren.« Oder: »Wenn du einmal Kälte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer Herzlosigkeit zu, sondern nimm es für den Ausdruck jenes Schmerzes, den ich bis ans Grab in mich verschließen muß; meine Vergangenheit ist ein Kirchhof, als ich dich fand, hatte ich Gott schon halb verloren, du warst der Glöckner, der mir die Ewigkeit einläutete.« Es waren Wendungen im Geschmack der Zeit, beeinflußt durch Modepoeten, aber sie bekundeten doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste verworrenen Gemüts.

[243]So hin- und hergerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung. Er ließ geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse, denn sie waren mächtiger als seine Entschlüsse. Er wußte, daß er sein schändliches Werk enden würde und enden müsse, aber er zauderte, und dies Zaudern gab ihm Zeit, sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich eine Ausrede vor dem Himmel zu schaffen, indem er betete, und vor dem Richter in sich selbst, indem er aus seinem Dasein ein Fatum machte. Den an Genuß und Wohlleben hängenden Geist beschwichtigte er durch den Sophismus, daß die Notwendigkeit stärker sei als Liebe und Erbarmen, und das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit einem billigen: es wird ja so schlimm nicht werden!

Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jägers die Unsicherheit seiner Lage immer größer, die Kosten des Aufenthalts wuchsen beständig, die Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen nur ein Aushängeschild, die Bedrängnis zwang ihn zu Taten, und er faßte den Entschluß, nach Ansbach zu reisen und mit dem Präsidenten Feuerbach persönlich zu unterhandeln.

An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen instand zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, daß Caspar sogleich zu ihm kommen möge. Er aber begab sich, nachdem er Auftrag erteilt, Caspar bis zu seiner Wiederkehr zurückzuhalten, auf einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu begegnen fürchten mußte, selbst dorthin, ließ sich in Caspars Zimmer führen, gab vor, auf ihn warten zu wollen, und als er allein war, durchstöberte er in gehetzter Eile alle Schubläden, [244]Bücher und Hefte des Jünglings, um einen vor Wochen von ihm selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm höchst unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezügliche Bemerkungen entschlüpft waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon hatte man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang gedroht.

Sein Suchen war vergeblich.

Da öffnete sich auf einmal die Tür, und Herr von Tucher stand auf der Schwelle. In seinem ängstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden Schritte überhört. Herr von Tucher sah mächtig groß aus, da sein Scheitel den oberen Pfosten der Türe berührte; in seiner Haltung lag ein schmerzliches Erstaunen, und nach einem langen Schweigen sagte er mit heiserer Stimme: »Herr Graf! Das sind doch nicht etwa die Geschäfte eines Spions?«

Stanhope zuckte zusammen. »Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir wohl mit Schweigen zu übergehen,« entgegnete er mit gelassenem Hochmut.

»Aber was soll das,« fuhr Herr von Tucher fort, »wie soll ich den Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrät es mir, daß hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.«

Der Lord geriet in Verwirrung; er preßte die eine Hand an die Stirn, und mit flehendem Ton sagte er: »Ich bedarf mehr des Mitleids und der Nachsicht, als Sie denken, Baron.« Er zog das Taschentuch aus der Brusttasche, drückte es vor die Augen und begann plötzlich zu weinen, wirkliche, unverstellte Tränen. Herr von Tucher war sprachlos. Seine erste Regung war ein düsterer Argwohn und der Verdacht, daß alle trüben und [245]versteckten Redereien über Caspars Schicksal eines ernstlichen Grundes doch nicht entbehren mochten.

Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, faßte sich schnell und sagte: »Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich tappe im Dunkeln. Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an Caspar! Ich vermag ihn nicht loszusprechen von gewissen Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Künsten ...«

»Auch Sie also!« konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen.

»Und ich fahnde nach Beweisen.«

»Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken, Herr Graf?«

»Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorenthielt.«

»Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.«

»Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.«

»Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Präsidenten erhalten hat?«

Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation halbwegs rettete, mit Vergnügen auf. »Ja, gerade dieses, ohne Frage dasselbe,« beteuerte er rasch, indem er sich zugleich gewisser verräterischer Andeutungen Caspars darüber entsann.

»Ich weiß nicht, wo er es aufbewahrt,« sagte Herr von Tucher; »ich würde auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im übrigen weiß ich zufällig, daß er vor einiger Zeit aus demselben Tagebuch das Bildnis des Präsidenten, das sich auf der ersten Seite befand, herausgeschnitten und das Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle gesetzt hat.« Damit [246]langte Herr von Tucher nach einer Mappe, die auf dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte es Stanhope. Es war Feuerbachs Porträt.

Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser jupiterhaften Züge beschlich ihn eine niegekannte Furcht. »Das ist also der berühmte Mann,« murmelte er; »ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen, ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht.« Doch alles, was er plante, der Weg dorthin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser Augen standhalten zu sollen, versetzte ihn in eine Befangenheit, deren er nicht Herr werden konnte.

»Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte Baron Tucher höflich, und da Stanhope sich anschickte zu gehen, bat er ihn, dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüße zu übermitteln.

Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstraße dahin. Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krümmte sich der Staub empor, der Lord kauerte, in Tücher eingehüllt, in der Ecke des Gefährts und wandte keinen Blick von der herbstlich-trübseligen Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch Wälder, sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu durchspähen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings. Als kurz vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde, drückte er die Hände gegen die Ohren, wandte sich ab und stöhnte seine zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens. Danach saß er wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlächeln um die dünnen Lippen.

[247]Zweiter Teil

[248]Gespräch zwischen einem, der maskiert bleibt, und einem, der sich enthüllt

Es regnete in Strömen, als die Kalesche des Lords am späten Abend über den Ansbacher Schloßplatz donnerte. Dazu scheuten die Pferde plötzlich vor einem über den Weg trottenden Hund, und der elsässische Kutscher fluchte in seinem greulichen Dialekt so laut, daß sich hinter den dunkeln Fensterquadraten ein paar weiße Zipfelmützen zeigten. Die Zimmer im Gasthof zum Stern waren vorausgemietet, der Wirt tänzelte mit einem Parapluie vors Tor und begrüßte den Fremdling mit unzähligen tiefen Komplimenten und Kratzfüßen.

Stanhope schritt an ihm vorüber zur Treppe, da trat ihm ein Herr in der Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen, sehr eilfertig, mit regentriefendem Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel vor, der die Ehre gehabt habe, Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim Rittmeister Wessenig in Nürnberg flüchtig, »leider allzu flüchtig«, begegnet zu sein. Er nehme sich die Freiheit, dem Herrn Grafen seine Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten, und bitte um Vergebung für die einem Überfall ähnliche Störung, aber es sei zu vermuten, daß Seine Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschäfte habe, darum wolle er nicht versäumen, in erster Stunde nachzufragen.

Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an. Er sah ein frisches, volles Gesicht mit eigentümlich kecken und dabei zärtlich ergebenen Augen. Unwillkürlich zurücktretend, hatte Stanhope das Gefühl, daß hier [249]einer seine ganze Person als Werkzeug antrug, gleichviel zu welchen Zwecken; nichts Neues war ihm der begehrlich streberische Glanz solcher Blicke, schon glaubte er seinen Mann in- und auswendig zu kennen. Aber woher wußte der Dienstbeflissene davon? Wer hatte ihn auf die Fährte gebracht? Eine feine Nase war ihm jedenfalls zuzutrauen. Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich für eine bestimmte Stunde seinen Besuch, worauf der Polizeileutnant militärisch grüßte und ebenso eilig, wie er gekommen war, wieder in den Regen hinausrannte.

Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und ließ sogleich in allen Zimmern Kerzen aufstellen, da ihm unbeleuchtete Räume verhaßt waren; während der Kammerdiener den Tee bereitete, nahm er ein in Saffian gebundenes Andachtsbüchlein aus der Reisetasche und begann darin zu lesen. Oder wenigstens hatte es den Anschein, als lese er, in Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute Gedanken, die Ruhe des kleinen Landstädtchens war ihm unheimlicher als Kirchhofsstille. Nach dem Imbiß ließ er den Wirt rufen, befragte ihn über dies und jenes, über die Verhältnisse im Ort, über den ansässigen Adel und die Beamtenschaft. Der Wirt zeigte sich den neuen Läuften gründlich überlegen. Er hatte noch die selige Markgrafenzeit erlebt, und mit dem Tag, wo Höfling und Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalästchen die Flucht vor dem heransausenden Kriegssturm ergriffen hatten, war es aus mit dem Glanz der Welt; ein stinkendes Rattennest war sie geworden, ein Aktentrödelmarkt mit dem hochtrabenden Namen Appellationssenat, eine Tintenhöhle, ein Paragraphenloch.

[250]Damals, ach, damals! Wie verstand man zu schäkern, wie heiter war das Treiben, man spielte, man parlierte, man tanzte – und der dicke Mann fing vor den Augen des Lords an, einige gravitätische Menuettposen und Pas de deux zu illustrieren, wozu er eine verschollene Melodie trällerte und mit zwei Fingern jeder Hand schelmisch die Rockschöße hob.

Der Lord blieb vollkommen ernsthaft. Er fragte auch beiläufig, ob Herr von Feuerbach in der Stadt sei, doch bei diesen Worten zog der Dicke ein säuerliches Gesicht. »Die Exzellenz?« grollte er. »Ja, die ist da. Wohler wäre uns, sie wär’ nicht da. Wie ein brummiger Kater lauert sie uns auf und faucht uns an, wenn wir ein bißchen pfeifen. Er kümmert sich um alles, ob die Straßen gekehrt sind, ob die Milch verwässert ist; überall ist er hinterher, aber Galanterie hat er keine im Leib. Nur eines versteht er gründlich, er ist ein scharfer Esser, und halten zu Gnaden, Herr Graf, wenn Sie mit ihm zu tun haben, müssen Sie alles loben, was auf seinen Tisch kommt.«

Stanhope entließ den Schwätzer huldvoll, dann bezeichnete er dem Diener die Kleider, die für morgen instand zu setzen seien, und begab sich zur Ruhe. Am andern Morgen erhob er sich spät, schickte den Lakaien in die Wohnung Feuerbachs und ließ um eine Unterredung bitten. Der Mann kam mit der Botschaft zurück, der Herr Staatsrat könne heute und wohl auch in den nächsten Tagen nicht empfangen, er ersuche Seine Lordschaft, ihm das Anliegen schriftlich mitzuteilen. Stanhope war wütend. Er begriff, daß er sich überstürzt habe, und fuhr sogleich zum Hofrat Hofmann, der ihm empfohlen war.

[251]Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet, und nach weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine Person geflochten. Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefüllte Säcke seien auf dem Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen, hieß es, und er wolle das Markgrafenschloß samt dem Hofgarten kaufen, er führe ein Bett mit Schwanendaunen mit sich und gestickte Wäsche, er sei ein Vetter des Königs von England und Caspar Hauser sein leiblicher Sohn. Stanhope, kühl bis in die Nieren, sah sich als Mittelpunkt kleinstädtischen Schwatzes und war es zufrieden.

Der Hofrat hatte ihm keine Erklärung über das Verhalten des Präsidenten zu geben vermocht. Um die dienstlichen Schritte zu beraten, suchten sie den Archivdirektor Wurm auf, der bei Feuerbach großes Vertrauen genoß. Stanhope spürte, daß man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging; die amtssässigen Herren konnten sich keines freien Verhältnisses zu einem Manne rühmen, dessen Hand wie Eisenlast auf ihnen ruhte.

Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis. Als er hier die Rede auf den Präsidenten brachte, wurde eine Reihe von Anekdoten erzählt, die teils lächerlich, teils bizarr klangen, oder man berichtete, wie um den Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch Umstände zu verdecken, welche das Mitleid herausforderten, von dem Unglück, welches Feuerbach an zweien seiner Söhne erlebe, von einer zerrütteten Ehe, von der menschenhassenden Einsamkeit, in welcher der Alte hauste, und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle Verschuldung sehen wollte. »Er ist ein Fanatiker,« [252]ließ sich ein kahlköpfiger Kanzleivorstand vernehmen, »er würde, wie Horatius, seine eignen Kinder dem Henkersknecht ausliefern.«

»Er vergibt niemals einem Feind,« sagte ein andrer klagend, »und dies beweist keine christliche Gesinnung.«

»Das alles wäre nicht so schlimm, wenn er nicht in jedem Menschen eine Art von Übeltäter sehen würde,« meinte die Dame des Hauses, »und bei jeder Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren ließe. Neulich ging ich um die Dämmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer Straße spazieren, und wir waren unbedachtsam genug, ein paar Äpfel von den Bäumen zu pflücken; auf einmal steht die Exzellenz vor uns, schwingt den Stock in der Luft und schreit mit einer fürchterlich krähenden Stimme: Oho, meine Gnädige, das ist Diebstahl am Gemeindegut! Nun bitt’ ich einen Menschen, Diebstahl! Was soll denn das heißen?«

»Du mußt aber auch sagen, Mama,« fügte die Tochter hinzu, »daß er dabei ganz pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeißen konnte, als wir, vor Schrecken zitternd, die Äpfel in den Graben warfen.«

Der bloße Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom, vor dem das Wasser staut und aufprallt. Stanhope machte kein Hehl aus seiner Bewunderung für den Präsidenten. Er zitierte Stellen aus seinen Schriften, schien selbst die trockensten juristischen Abhandlungen zu kennen und pries die von Feuerbach durchgeführte Abschaffung der Folter als eine Tat, die über die Jahrhunderte leuchten würde. Es war ein Mittel zu blenden, wie irgendein andres.

[253]Auf allen Gassen, in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen Gesprächsstoff, und das war Lord Stanhope. Lord Stanhope, der Held und die Zuflucht der unschuldig Verfolgten; Lord Stanhope, der Gipfel der Eleganz, Lord Stanhope, der Freigeist, Lord Stanhope, der Liebling des Glücks und der Mode, Lord Stanhope, der Melancholische, und Lord Stanhope, der Strengreligiöse. So viel Tage, so viel Gesichter; heute ist Lord Stanhope kalt, morgen ist er leidenschaftlich; zeigt er sich hier heiter und ungebunden, dort wird er tiefsinnig und würdevoll sein; Gelehrsamkeit und leichte Tändelei, die Stimme des Gemüts und sittliche Forderung: es kommt nur auf das Register an, das der geschickte Orgelspieler braucht. Wie interessant sein Aberglauben, wenn er in einem Zirkel bei Frau von Imhoff seine Furcht vor Gespenstern bekennt und schildert, daß er dabei gewesen, wie ein Landsmann in den Krater des Vesuv zur Hölle gefahren sei; wie entzückend die Ironie, mit der er bei andrer Gelegenheit gottlose Gedichte von Byron zu rezitieren versteht.

Die Elemente mischen sich, man weiß nicht wie. Es ist eine Lust, die Welle zu Schaum zu schlagen und den kleinen provinzlichen Sumpf im vergoldeten Kahn zu durchfahren.

Am fünften Tag kam der Jäger zurück. Er brachte erweiterte Vollmachten; Befehle, denen Stanhope durch seine Reise nach Ansbach zum Teil zuvorgekommen war, aus denen als bemerkenswert etwas wie Furcht vor den Maßnahmen Feuerbachs auffiel. Es wurde ihm geboten, sich dem Präsidenten in jedem Fall zu fügen, da Widerstand Verdacht erweckt hätte; [254]das Äußerste zu versuchen, aber sich zu fügen und neue Minen zu graben, wenn die alten wirkungslos geworden. Von einem gefährlichen Dokument war die Rede, das einstweilen beiseitegebracht oder unschädlich gemacht werden müsse, von dessen Inhalt aber jedenfalls Abschrift zu nehmen sei.

Das überreichte Schreiben sollte im Beisein des Jägers zerrissen und verbrannt werden. Dies geschah. Vor allem brachte der Bursche Geld, herrliches bares Geld. Stanhope atmete auf.

Am nächsten Abend lud er einige der vornehmsten Familien der Stadt zu einem geselligen Beisammensein in die Räume des Kasinos. Man raunte sich zu, daß er die Speisen nach besonderen Rezepten habe bereiten lassen und die Musikpiecen mit dem Kapellmeister selbst durchprobiert habe. Vor Beginn des Tanzes erhielt jede Dame ein ebenso sinniges wie kostbares Angebinde: ein kleines Schildchen von Gold, auf welchem in emaillierter Schrift die Devise stand: »Dieu et le cœur.« Danach nahm der Lord sein Glas und forderte die Anwesenden auf, mit ihm das Wohl eines Menschen auszubringen, der ihm so teuer sei, daß er den Namen vor so vielen Ohren gar nicht auszusprechen wage, wüßten doch alle, wen er meine: jenes wunderbare Geschöpf, vom Schicksal wie auf eine Warte der Zeit hingestellt: Dieu et le cœur, dies gelte ihm, dem Mutterlosen, dessen die Mütter gedenken möchten, welche Kinder geboren, und die Jungfrauen, die sich der Liebe weihten.

Man war gerührt; man war außerordentlich gerührt. Ein paar weiße Taschentücher flatterten in sanften Händen, und eine ergriffene Baßstimme [255]murrte: »Seltener Mann.« Der seltene Mann, als ob er seine eigne Bewegung nicht anders meistern könne, begab sich auf den anstoßenden Balkon und schaute sinnend auf das Volk, das teils in ehrfürchtig flüsternden Gruppen stand, teils in der Dunkelheit auf und ab promenierte. Viele auch hatten sich, der Musik lauschend, an die gegenüberliegende Mauer gedrängt, und eine ganze Reihe von Gesichtern glänzte fahl in dem aus den Fenstern flutenden Lichtschein.

Da gewahrte Stanhope den Uniformierten, der sich ihm bei seiner Ankunft in der Stadt präsentiert. Er hatte ihn seitdem völlig aus dem Gedächtnis verloren, der Mann war zur festgesetzten Stunde im Hotel gewesen, doch hatte Stanhope die Verabredung nicht gehalten, und jener hatte nur die Karte zurückgelassen. Jetzt stand er wenige Schritte entfernt unter einem Laternenpfahl, und sein Gesicht schien auffallend böse.

Ein Unbehagen überlief den Lord. Er verbeugte sich höflich nach der Richtung, wo der Regungslose stand. Darauf hatte der nur gewartet; er trat näher, und dicht am Balkon stehend, war sein Gesicht etwa in Brusthöhe des Grafen.

»Polizeileutnant Hickel, wenn ich nicht irre,« sagte Stanhope und reichte ihm die Hand; »ich hatte das Unglück, Ihren Besuch zu versäumen, ich bitte mich zu entschuldigen.«

Der Polizeileutnant strahlte vor Ergebenheit und heftete den Blick andächtig auf den redenden Mund des Grafen. »Schade,« versetzte er, »ich hätte sonst gewiß den Vorzug, den heutigen Abend [256]in Mylords Gesellschaft zu verbringen. Man rechnet meine Wenigkeit hier gleichfalls zu den oberen Zehntausend, haha!«

Stanhope rückte kaum merklich den Kopf. Was für ein unangenehmer Geselle, dachte er.

»Waren Eure Herrlichkeit schon beim Staatsrat Feuerbach?« fuhr der Polizeileutnant fort. »Ich meine heute. Die Exzellenz war nämlich bis jetzt starrköpfig, wollte mit Eurer Herrlichkeit nur schriftlich unterhandeln. Es ist mir endlich gelungen, den eigensinnigen Mann andern Sinnes zu machen.«

All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte ein befremdetes Gesicht. »Wie das?« fragte er stockend.

»Nun ja, ich kann bei dem guten Präsidenten manches durchsetzen, woran andre sich umsonst die Zähne ausbeißen,« erwiderte Hickel, ebenfalls mit dem heitersten und gefälligsten Ausdruck. »Solche Hitzköpfe sind um den Finger zu wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist lustig: um den Finger gewickelte Hitzköpfe, haha!«

Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen. Der Polizeileutnant ließ sich nicht beirren. »Mylord sollten keinesfalls lange überlegen,« sagte er. »Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht gerade sonderlich drängt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem Zustand von Unentschlossenheit, dünkt mich, der auszunutzen ist. Und was das bedrohliche Dokument anbelangt ...« Er hielt inne und machte eine Pause.

Stanhope fühlte, daß er bis in den Hals erbleichte. »Das Dokument? Von welchem Dokument sprechen Sie?« murmelte er hastig.

[257]»Sie werden mich vollständig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine halbe Stunde Gehör schenken wollen,« antwortete Hickel mit einer Unterwürfigkeit, die sich beinahe wie Spott ausnahm. »Was wir uns zu sagen haben, ist nicht unwichtig, muß aber keineswegs noch heute gesagt werden. Ich stehe zu jeder beliebigen Zeit zur Verfügung.«

Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgültigkeit zeigen zu sollen. Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht überhören durfte, verschanzte er sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. »Ich werde mich sicherlich an Sie wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr Polizeileutnant,« sagte er kurz und wandte sich stirnrunzelnd ab.

Hickel biß sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblüffung dem Grafen nach, der durch die offene Saaltür verschwunden war, und ging dann leise pfeifend über die Straße. Plötzlich drehte er sich um, verbeugte sich höhnisch und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie wenn Stanhope noch vor ihm stünde: »Der Herr Graf sind im Irrtum; auch bei dero Gnaden wird mit Wasser gekocht.«

Als Stanhope wieder unter seine Gäste getreten war, zog er den Generalkommissär von Stichaner ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung äußerte er, er habe sich entschlossen, dem Präsidenten morgen seinen Besuch zu machen; wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen Starrsinn verbleibe, werde er es als vorsätzlichen Affront auffassen und abreisen.

Er sagte das mit so lauter Stimme, daß einige danebenstehende Herren und Damen es [258]hören mußten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff, die mit Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord offenbar wenden wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie blickte herüber und sagte etwas verwundert: »Wenn ich mich nicht täusche, Mylord, so hat Exzellenz ja Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich traf ihn spät nachmittags in seinem Garten, als er eben im Begriff war, zum ›Stern‹ zu gehen. Sie waren wohl nicht zu Hause?«

»Ich verließ mein Hotel um acht Uhr,« antwortete Stanhope.

Eine Stunde später schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach Hause zu bringen. Da sie der Weg vorüberführte, ließ Stanhope beim »Stern« halten und erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand vorgesprochen habe. In der Tat hatte Feuerbach seine Karte abgegeben.

Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die gräfliche Karosse in der Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit aristokratisch gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt unnachahmlich gestreckt, näherte sich Stanhope dem landhausähnlichen Gebäude, indem er genau die Mitte der kahlen Baumallee einhielt. Sein Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem Knopfloch des braunen Gehrocks glühte ein rotes Ordensbändchen, die Krawatte war durch eine Diamantschließe gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein müdes Lächeln die glattrasierten Lippen. Als er ungefähr zwei Drittel des Wegs zurückgelegt hatte, hörte er [259]eine brüllende Stimme aus dem Haus, zugleich rannte eine Katze vor ihm über den Kies. Ein böses Omen, dachte er, verfärbte sich, blieb stehen und schaute unwillkürlich zurück. Es war so neblig, daß er seinen Wagen nicht mehr sah.

Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne daß geöffnet wurde. Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Männerstimme in Tönen wilder Wut. Stanhope drückte endlich auf die Klinke, fand den Eingang unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug Bedenken, weiterzugehen. Plötzlich wurde eine Tür aufgerissen, ein Frauenzimmer stürzte heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine gedrungene Gestalt mit mächtigem Schädel, in welcher Stanhope sofort den Präsidenten erkannte. Doch erschrak er dermaßen vor dem zornverzerrten Gesicht, den gesträubten Haaren und der durchdringenden Stimme, daß er wie angewurzelt stehen blieb.

Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zu Tag gekommen? Nichts von alledem. Bloß ein stinkender Qualm zog durch den Korridor, weil ein Topf mit Milch in der Küche übergelaufen war. Die Frauensperson hatte sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es denn ein gar würdeloser Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er mit den Armen fuchtelte und bei jeder jammernden Widerrede der Gescholtenen von neuem raste, die Zähne fletschte, mit den Füßen stampfte und sich vor Bosheit überschrie.

Ein komisches Männlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! [260]Sich vornehm räuspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von dem lächerlichen Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach blitzschnell um. Der Lord verneigte sich tief, nannte seinen Namen und bat nachsichtig lächelnd um Entschuldigung, wenn er störe.

Schnelle Röte überflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner jähen, fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und Mund, und auf einmal brach er in ein Gelächter aus, in welchem Beschämung, Selbstironie und irgendeine gemütliche Versicherung lag, kurz, es hatte einen befreienden, wohltuenden und überlegenen Klang.

Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen in ein großes wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von außerordentlicher Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich über sein bisheriges Verhalten gegen den Lord zu sprechen, und ohne Gründe anzuführen, sagte er, die Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei stärker als die gesellschaftliche Pflicht. Doch habe er eingesehen, daß er einen Mann von solchem Rang und Ansehen nicht verletzen könne, zumal ihm schätzenswerte Freunde so viel Anziehendes berichtet hätten, deshalb habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht.

Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, daß er Seiner Exzellenz nicht habe aufwarten können, und fügte bescheiden hinzu, er müsse diese Stunde zu den höchsten seines Lebens rechnen, vergönne sie ihm doch die Bekanntschaft eines Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und über die Grenzen der Sprache wie der Nation hinausgedrungen sei.

[261]Von neuem der jähe, scharfe Blick des Präsidenten, ein schamhaft satirisches Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast rührend, ein Strahl naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits stellte vollendet einen Mann der großen Welt dar, der vielleicht zum erstenmal befangen ist.

Sie nahmen Platz, der Präsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem Rücken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte, eine der Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern eingetroffener Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege, Caspar zu sich ins Haus zu nehmen. Diese plötzliche Sinnesänderung sei ihm um so merkwürdiger erschienen, als er ja wisse, daß Herr von Tucher den Absichten des Grafen geneigt gewesen; er habe den Faden verloren, die ganze Geschichte sei ihm verschwommen geworden, er habe nun sehen und hören wollen.

Im Tone größten Befremdens erwiderte Stanhope, er könne sich das Vorgehen Herrn von Tuchers durchaus nicht erklären. »Man braucht den Menschen nur den Rücken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht,« sagte er geringschätzig.

»Das ist nun so,« versetzte der Präsident trocken. »Ich will übrigens Ihre Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem Bürgermeister Binder mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, daß Ihnen Caspar überlassen werde. Ein solches Ansinnen muß ich gänzlich und ohne Bedenken abweisen.«

Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zügen. Er blickte unablässig [262]auf die Füße des Präsidenten, und als ob ihn das Sprechen Überwindung koste, sagte er endlich: »Lassen Sie mich Ihnen, Exzellenz, vor Augen führen, daß Caspars Lage in Nürnberg unhaltbar ist. Aufs sonderbarste angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine Schützer nennen, verstanden; mit dem Druck einer Dankesschuld beladen, die das Schicksal selbst für ihn aufgenommen hat und die er niemals wird bezahlen können, da ihm ja sonst jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer wucherischen Zinsenabgabe würde und er, ein Junger, ein Wachsender, der er ist, sein Dasein für sich verzehren muß, ist er waffenlos ausgesetzt. Zudem will die Stadt, wie mir ausdrücklich versichert wurde, nur noch bis zum nächsten Sommer für ihn sorgen und ihn dann einem Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dünkt mich schade.« (Hier erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) »Es dünkt mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt zerstampften Rasen setzen zu lassen.«

Der Präsident hatte aufmerksam zugehört. »Gewiß, das alles ist mir bekannt,« antwortete er. »Eine seltene Blume, gewiß. War doch sein erstes Auftreten derart, daß man einen durch ein Wunder auf die Erde verlorenen Bürger eines andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen Menschen des Plato, der, im Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter der Reife auf die Oberwelt und zum Licht des Himmels gestiegen ist.«

Stanhope nickte. »Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil übertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hörensagen über seine [263]Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts etwas wie eine atavistische Rechtfertigung,« fuhr er in kühlem Plauderton fort. »Einer meiner Ahnen wurde unter Cromwell geächtet und floh in ein Grabgewölbe. Die eigne Tochter hielt ihn verborgen und nährte ihn, bis die Flucht gelang, kümmerlich mit erstohlenen Brocken. Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die Nachgeborenen. Ich bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch ein Traum oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.«

Feuerbach warf den Kopf zurück. Die Linie seines Mundes zuckte in die Länge wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Plötzlich lag Größe in seiner Gebärde. »Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu willfahren, Herr Graf,« sagte er. »Hier steht so Ungeheures auf dem Spiel, daß jeder Gnadenbeweis und jedes Liebesopfer daneben gar nicht mehr in Frage kommt. Hier ist den in Abgründen kauernden Dämonen des Verbrechens ein Recht zu entreißen und dem bangen Auge der Mitwelt, wenn nicht als Trophäe, so doch als Beweis dafür entgegenzuhalten, daß es auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem Purpurmantel bedeckt werden.«

Der Lord nickte wieder – doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte er. Es wurde ihm schwül vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust dieses Mannes zu ihm redete, und die selbst das Pathos verzehrte, das ihm anfangs unbehaglich war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fühlte, daß gegen diesen Willen zu kämpfen, der sich wie Unwetter verkündigte, ein aussichtsloses Mühen sein würde, und wenn es ein Beschluß über ihm [264]war, durch den er in das Labyrinth lichtscheuer Verrichtungen mehr geglitten als geschritten war, so fand er sich jetzt ratlos und ohnmächtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen Anschein von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte sich vor und fragte sanft: »Und ist das Recht, das Sie jenen entreißen wollen, die Leiden dessen wert, dem es zukommt?«

»Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten müßte!«

»Und wenn er verblutet, ohne daß Sie Ihr Ziel erreichen?«

»Dann wird aus seinem Grab die Sühne wachsen.«

»Ich ermahne Sie zur Vorsicht, Exzellenz, um Ihretwillen,« flüsterte Stanhope, indem sein Blick langsam von den Fenstern zur Tür wanderte.

Feuerbach sah überrascht aus. Es war etwas Verräterisches in dieser Wendung, in irgendeinem Sinn verräterisch. Aber die blauen Augen des Lords strahlten durchsichtig wie Saphire, und eine frauenhafte Trauer lag in der Neigung des schmalen Hauptes. Der Präsident fühlte sich hingezogen zu dem Manne, und unwillkürlich nahmen seine Worte einen milden, ja fast liebreichen Klang an, als er sagte: »Auch Sie? Auch Sie sprechen von Vorsicht? Meine Sprache scheint Ihnen kühn; sie ist es. Ich bin es satt, auf einem Schiff zu dienen, das durch die Verblendung seiner Offiziere in den schmählichen Untergang rennt. Aber ich könnte mir denken, daß es einem Bürger des freien England unbegreiflich ist, wenn ein Mensch wie ich seine Ruhe und die Sicherheit der Existenz aufgeben [265]muß, um das Gewissen des Staats für die primitivsten Forderungen der Gesellschaft wachzurütteln. Es ist überflüssig, mich zur Vorsicht zu mahnen, Mylord. Ich würde alles das auch demjenigen ins Ohr schreien, der sich mir als Denunziant bekennte. Ich fürchte nichts, weil ich nichts zu hoffen habe.«

Stanhope ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er versonnen antwortete: »Mein Unkenruf wird Sie weniger verwundern, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich nicht uneingeweiht in die Verhältnisse bin, auf die Sie hindeuten. Ich bin nicht das Werkzeug des Zufalls. Ich bin nicht ohne äußeren Antrieb zu dem Findling gekommen. Es ist eine Frau, es ist die unglücklichste aller Frauen, als deren Sendboten ich mich betrachte.«

Der Präsident sprang empor, als ob ein Blitz im Zimmer gezündet hätte. »Herr Graf!« rief er außer sich. »Sie wissen also –«

»Ich weiß,« versetzte Stanhope ruhig. Nachdem er mit düsterer Miene beobachtet hatte, wie der Präsident krampfhaft die Stuhllehne gepackt hielt, so daß die Arme sichtbar zitterten, und wie das große Gesicht sich verfaltete und bewegte, fuhr er mit monotoner Stimme und einem matten, seltsam süßlichen Lächeln fort: »Sie werden mich fragen: Wozu die Umwege? Was wollen Sie mit dem Knaben? Ich antworte Ihnen: Ich will ihn in Sicherheit bringen, ich will ihn in ein andres Land bringen, ich will ihn verbergen, ich will ihn der Waffe entziehen, die fortwährend gegen ihn gezückt ist. Kann man klarer sein? Wollen Sie noch mehr? Exzellenz, ich habe Kenntnis von Dingen, die mein Blut gefrieren lassen, selbst wenn ich nachts erwache und in der [266]Pause zwischen Schlaf und Schlaf daran denke, wie man an ein Fieberbild denkt. Ersparen Sie mir die Ausführlichkeit. Rücksichten, bindender als Schwüre, machen meine Zunge lahm. Auch Sie scheinen ja, es ist mir rätselhaft, auf welche Weise, Einblick gewonnen zu haben in diesen grauenhaften Schlund von Schande, Mord und Jammer; so darf ich Ihnen wohl sagen, daß ich, der den Königen und Herren der Erde sehr genau und sehr nah ins Gesicht geschaut hat, niemals ein Antlitz sah, dem Geburt und Geist einen gleich hohen Adel und der Schmerz eine ergreifendere Macht verliehen haben als dem jener Frau. Ich ward ihr Sklave mit dem Augenblick, wo das Bild ihrer tragischen Erscheinung zum erstenmal mein Gemüt belud. Es wurde meine Lebensidee, die ihr vom Schicksal zugefügten Wunden in ihrem Dienst zu mildern. Ich will schweigen darüber, wie ich Gewißheit über den Zustand der gemarterten und am Rand des Todes hinsiechenden Seele gewann und wie sich mir von denen, die ein Jahrzehnte hindurch fortgesponnenes Gewebe von Leiden um das unbeschützte Dasein der Unglücklichen flochten, langsam Stirn um Stirn entschleierte. Das Haupt der Meduse kann nicht gräßlicher sein. Genug damit, daß ich meine wahre Natur unterdrücken und mich harmlos geben mußte; ich mußte lügen, schmeicheln, schleichen und Ränke durch Ränke schlagen, ich habe mich verkleidet und täuschungsvolle Aufgaben übernommen. Dabei fraß mir der Zorn am Mark und ich fragte mich, wie es möglich sei, weiterzuleben mit solcher Wissenschaft in der Brust. Aber das ist es ja eben: man lebt weiter. Man ißt, man trinkt, man schläft, [267]man geht zu seinem Schneider, man promeniert, man läßt sich die Haare scheren, und Tag reiht sich an Tag, als ob nichts geschehen wäre. Und genau so ist es mit jenen, von welchen man glaubt, daß das böse Gewissen ihre Sinne verwüsten und ihre Adern verdorren müsse, sie essen, trinken, schlafen, lachen, amüsieren sich, und ihre Taten rinnen von ihnen ab wie Wasser von einem Dach.«

»Sehr wahr! Das ist es, so ist es!« rief Feuerbach leidenschaftlich bewegt. Er eilte ein paarmal durch das Zimmer, dann blieb er vor Stanhope stehen und fragte streng: »Und weiß die Frau von allem –? Weiß sie von ihm? Was ist ihr bekannt? Was erwartet, was hofft sie?«

»Aus persönlicher Erfahrung kann ich darüber nichts melden,« entgegnete der Lord mit derselben traurigen und matten Stimme wie bisher. »Vor kurzem wurde bei der Gräfin Bodmer erzählt, sie habe laut aufgeweint, als man den Namen Caspar Hauser vor ihr genannt. Mag sein, ganz glaubwürdig ist es nicht. Hingegen ist mir ein andrer Vorfall bekannt, der auf eine fast übersinnliche Beziehung schließen läßt. Eines Mittags vor zwei Jahren befand sich die Fürstin allein in der Schloßkapelle und verrichtete ihr Gebet. Nachdem sie geendet und sich erheben wollte, sah sie plötzlich über dem Altar das Bild eines schönen Jünglings, dessen Gesicht einen unendlichen Kummer ausdrückte. Sie rief den Namen ihres Sohnes, Stephan hieß er, der Erstgeborene, dann fiel sie in Ohnmacht. Später erzählte sie die Vision einer vertrauten Dame, und diese, die Caspar selbst in Nürnberg gesehen [268]hatte, war von der Ähnlichkeit tief berührt. Und das Wunderbare ist, daß die Erscheinung sich am selben Tag und zur selben Stunde gezeigt hatte, wo der Mordanfall im Hause Daumers stattfand. So viel ist klar, daß sich auf beiden Seiten ein geheimnisvolles Zusammenstreben offenbart. Ferner ist es klar, Exzellenz, daß jedes Zaudern Gefahr bedeutet und ein leichtfertiges Vergeuden günstiger Gelegenheit. Ich rufe Ihnen das in ernster Not entgegen. Es könnte kommen, daß unsre Versäumnisse vor einen Richterstuhl gefordert werden, wo keine Reue das Geschehene ausgleicht.«

Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren gerötet, sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er? Seine Auftraggeber? Den Jüngling, den er an sich gekettet? Den Präsidenten? Sich selbst? Er wußte es nicht. Er war erschüttert von seinen eignen Worten, denn sie erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles das erschien ihm wahr, als ob er der Retter wirklich sei. Er liebte sich in diesen Minuten und hätschelte sein Herz. Eine Finsternis des Vergessens kam über ihn, und sofern er Müdigkeit und Ekel zu erkennen gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er löschte zwanzig Jahre Vergangenheit von der Tafel seines Gedächtnisses hinweg und stand da – reingewaschen durch eine Halluzination von Güte und Mitleid.

Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in die Hand gestützt, schaute er sinnend in die Luft. »Wir sind die Diener unsrer Taten, Mylord,« begann er nach [269]langem Schweigen, und die sonst polternde oder schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen Klang. »Vor dem schlimmen Ende zittern, hieße jede Schlacht aufgeben, bevor sie geschlagen. Offenheit gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen Posten des Landes. Mein Leben war für eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte ich es wenigstens, als in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu werden. Ich habe meinem König Dienste geleistet, die gewürdigt worden sind und die vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des Gerechten zu verleihen. Noch größere wollte ich leisten, sein Volk erhöhen, die Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies scheiterte. Ich ward zurückgestoßen. Freilich, man hat mich belohnt, aber nicht anders als wie Domestiken belohnt werden.«

Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrücken und knirschte mit den Zähnen. Dann fuhr er fort: »Von früher Jugend an habe ich mich dem Gesetz geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu veredeln. Der Mensch war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben war darauf gerichtet, die Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung scheidet. Ich habe das Laster studiert wie ein Botaniker die Pflanze. Der Verbrecher war mir ein Gegenstand der Obsorge; in seinem erkrankten Gemüt wog ich ab, was von seinen Sünden auf die Verirrungen des Staates und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den Meistern des Rechts und bei den großen Aposteln der Humanität in die Lehre gegangen, ich wollte das Zeitalter der überlebten Barbarei entreißen und Pfade zur [270]Zukunft bauen. Überflüssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bücher, meine Erlässe, meine ganze Vergangenheit, das heißt eine Kette ruheloser Tage und arbeitsvoller Nächte, sind Zeugen. Ich lebte nie für mich, ich lebte kaum für meine Familie; ich habe die Vergnügungen der Geselligkeit, der Freundschaft, der Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter Gunst; kein Erfolg schenkte mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war arm, ich blieb arm, geduldet von oben, begeifert von unten, mißbraucht von den Starken, überlistet von den Schwachen. Meine Gegner waren mächtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel gewissenlos; sie waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein räudiger Hund; Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit Schmutz. Es war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Straßen der Residenz gehen, ohne die gröblichsten Insulten des Pöbels fürchten zu müssen. Als ich, durch widerwärtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein Professorenamt in Landshut aufgeben mußte, als man den studentischen Janhagel gegen mich in Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat floh, Weib und Kind im Stich lassend, da trachteten mir bezahlte Schergen nach dem Leben. Es war der große Krieg, alle Ordnung war zerrüttet; von der österreichischen Partei wurde ausgesprengt, daß ich mit der französischen Partei im Bündnis stehe, die dem Kaiser Napoleon zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg bahnen und die souveränen Fürsten stürzen wolle, die Franzosen verdächtigten umgekehrt meine Beziehungen zu Österreich. Es gab einen Mann, einen Amts- und Berufsgenossen, einen [271]Gelehrten, berühmt und angesehen – o, ein feiger Poltron, die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfähle des Jahrhunderts heften! –, der sich nicht entblödete, mich öffentlich als Spion zu bezeichnen, und mein Protestantentum zum Vorwand nahm, den König gegen mich mißtrauisch zu machen. Ich erlag nicht. Die Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Fürst nahm mich wieder in Gnaden auf, freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Thron, ich blieb in Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer in Gnaden. Auch meine Feinde sind besänftigt oder sie stellen sich so, auch sie sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Große und Allgemeine gerichtete Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des Geistes, der sie trug und nährte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden nicht jene, das weiß nur ich.«

Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur Schnupftabaksdose, nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das Gesicht zu, und unter den barschen Brauen blitzte ein rührend-ängstlicher und dankbarer Blick hervor, während er sagte: »Herr Graf, ich bin mir nicht ganz klar darüber, was mich bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es erstaunt mich selbst. Sie sind der erste, der zu hören bekommt, was so verzweifelt den Klagen eines Zurückgesetzten ähnelt und doch nur die Erklärung für eine unabänderliche Notwendigkeit bieten soll. Es ist mir in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschluß stärkt. An mich tritt der härteste Zwang heran, der einen [272]Mann von grauen Haaren treffen kann, und nötigt mich zu der Frage an das Schicksal: ob denn alles Geopferte und Gewirkte umsonst gewesen, ob es mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht gezeitigt hat als Ohnmacht hier und Gleichgültigkeit dort. Ich muß die Probe machen, ich muß es durchführen, komme, was da wolle; ich muß wissen, ob ich in Wind geredet und auf Sand geschrieben habe; ich muß wissen, ob die Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils versüßt hat, nur wohlfeile Lockspeise waren; ich muß und will wissen, ob man es ernst meint mit mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen furchtbare Indizien vor; ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil und kann das Wetter machen, alles ist von mir fixiert und in einem besonderen Dokument dargestellt; man weiß es, man wird es nicht zum Äußersten treiben, denn zum Äußersten bin ich entschlossen, um das kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den Menschen als Hüter bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, große Dinge brauchen viel Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die lebendige Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets erreichbarer Nähe. Verlöre ich ihn, so wäre das Fundament meines letzten Werks dahin, ich spür’ es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch auf Gehör würde wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlören Sie? Wollen Sie eine Tat der Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der Gerechtigkeit nicht gedenken? Das hieße Gold wegwerfen, um Häckerling zu erhalten.«

Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl [273]geworden, als flösse kein Blut mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie wenn er sich verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen Augen gebrochen wie wilde Tiere, die ihren Käfig zertrümmert haben, dann rief er sie wieder zurück, saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an, nestelte mit den Fingern am Kettchen des Lorgnons, und als der Präsident am Ende war, richtete er sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung auf. Er hatte Mühe, sich zu finden, er hatte Mühe, Worte zu finden, in heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er lachen oder einen körperlichen Schmerz verbeißen wollte, und als er die Hand des Präsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgänger stand an seiner Seite, dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versäumten, und zischelte ihm das Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren feucht, als er sagte: »Ich verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag, ist: nehmen Sie mich als Freund, Exzellenz, betrachten Sie mich als Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein Wink von oben. Doch welche Bürgschaft haben Sie? Welche Gewähr, daß Sie Ihr Herz nicht einem Unwürdigen eröffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als alle andern? Ich hätte Caspar entführen können, ich könnte es noch –«

»Wenn dies Antlitz lügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann will ich es meinetwegen für ein Hirngespinst erklären, Wahrheit auf Erden zu suchen,« unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. »Entführen, Caspar entführen?« fuhr er gutmütig lachend fort. »Sie scherzen; ich möchte das jedem Manne widerraten, der noch [274]Wert darauf legt, im Sonnenschein spazierenzugehen.«

Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grübeln, dann fragte er hastig: »Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin mit Caspar?«

»Er soll hierher nach Ansbach,« versetzte Feuerbach kategorisch.

»Hierher? Zu Ihnen?«

»Zu mir, nein. Das ist leider unmöglich, aus vielen Gründen unmöglich. Ich muß viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf Reisen, meine Gesundheit ist erschüttert, mein Charakter eignet sich schlecht zu der Rolle, die ich dabei übernehmen müßte, und außerdem verbietet es die Sache, ein allzu persönliches Band zu knüpfen.«

Stanhope atmete auf. »Wohin also mit ihm?« beharrte er.

»Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und geistige wie sittliche Unterstützung findet,« sagte der Präsident. »Noch heute will ich mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie kennt die hiesigen Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, daß ich über den Jüngling wachen werde wie über mein eignes Kind. Die Nürnberger Schwabenstreiche sind zu Ende. Daß ich Ihrem Verkehr mit Caspar keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der Erwähnung. Herr Graf, mein Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der Hülle des Beamten und Richters schlägt ein für Freundschaft empfängliches Herz. Man wird in diesem Land der Kleingeisterei nicht verwöhnt durch den Umgang mit Männern.«

Nachdem sie noch flüchtig über die an Herrn [275]von Tucher und den Nürnberger Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten, verabschiedete sich Stanhope.

Der Präsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und ab. Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Mißtrauen stieg in seiner Brust empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen hatte, je mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu gewiegter Menschenkenner, um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die ihn bedenklich stimmten. Plötzlich schlug er sich mit der Hand vor die Stirn, begab sich an den Schreibtisch und schrieb in großer Hast drei Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten englischen Freund, einen an den bayrischen Geschäftsträger nach London und einen dritten an den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in München. In jenen beiden zog er genaue Erkundigungen über die Person des Grafen Stanhope ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der Residenz und ersuchte um Reiseurlaub.

Alle drei Briefe ließ er zur Stunde mit expresser Post aufgeben.

Nacht wird sein

Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fuß durch die menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer Kirche widerhallte. Er war verstört, zerschlagen und außerstande, eine vernünftige Überlegung [276]anzustellen. Im Gasthof angelangt, schloß er sich ein und machte eine halbe Stunde lang Fechtübungen mit dem Florett.

Er unterbrach sich erst, als er von draußen eine Stimme vernahm, die mit dem Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen. Stanhope lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgültig, und mit dem Degen noch in der Hand öffnete er. Es war Hickel, der auch sofort eintrat und den ihn schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen begrüßte.

Nach seinem Begehr gefragt, räusperte er sich und stotterte ein paar unzusammenhängende Floskeln, aus denen hervorging, daß er um den Besuch Stanhopes bei Feuerbach wußte. Sein Benehmen verriet trotz einer unangenehm wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche Vertraulichkeit.

Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der kleidsamen Uniform. »Was hatte es eigentlich zu bedeuten, daß Sie mir zu einer Zusammenkunft mit dem Herrn Präsidenten Ihre Hilfe anboten?« fragte er frostig.

»Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen,« erwiderte Hickel. »Wer weiß, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen wäre, er versteht es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das nicht anzuerkennen. Je nun,« fügte er achselzuckend hinzu, »große Herren haben ihre Launen.«

»Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, sich zum Zwischenträger anzubieten?«

»Zwischenträger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit ein zu großes Gewicht bei.«

[277]»Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie gefielen sich in einigen Wendungen, um deren Aufklärung ich höflichst gebeten haben möchte.« Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Würde die Unsicherheit, die er diesem Menschen gegenüber empfand.

»Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten,« versetzte Hickel. »Darf ich meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu eröffnen gedenken werden?«

»Zu eröffnen? Wem zu eröffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu eröffnen.«

»Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit vor sich.«

»Was soll das heißen?« fuhr Stanhope auf. »Wollen Sie mir Scharaden zu lösen geben?«

»Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer vertrauenswürdigen Persönlichkeit umgesehen,« sagte Hickel plötzlich mit eisiger Ruhe. »Meine langjährigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach empfahlen mich mehr als einige bescheidene Fähigkeiten.«

Stanhope entfärbte sich und sah zu Boden. »Sie haben also direkte Aufträge?« murmelte er.

Der Polizeileutnant verbeugte sich. »Aufträge? Nein,« entgegnete er zögernd. »Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde angewiesen, mich Eurer Lordschaft zur Verfügung zu stellen.«

Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben wäre, und zwar einen bußfertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben aufgestanden und ein für allemal seiner Bestimmung übergeben sei.

Er wollte um fünf Uhr bei Frau von Imhoff [278]zum Tee erscheinen und fragte den Polizeileutnant, ob er ein Stück Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage der Wunsch einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war, mit dem Lord öffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an.

Die Straßen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten und Pensionisten machten um diese Stunde ihren täglichen Spaziergang über die Promenade. Viele blieben stehen und grüßten gegen das Innere der hocherlauchten Kutsche.

Nun passierte es, daß an einer Straßenecke der Mann auf dem Bock wieder einmal sein welsches Geschrei ertönen ließ; es stand nämlich mitten auf dem Fahrdamm ein träumerisch wolkenwärts guckender Herr, der von dem Herannahen der gräflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Höchst erschrocken sprang er beiseite, als der Elsässer zu fluchen begann, doch nicht schnell genug, daß nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt wurden, der von den Hufen der Pferde und den Rädern aufspritzte.

Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte stand mit einem verdutzten und unglücklichen Gesicht, hielt die Arme vom Leib und sah sich die Bescherung an.

»Wer ist der ungeschickte Mann?« erkundigte sich Stanhope, den die Schadenfreude des Polizeileutnants verdroß.

»Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.«

Eigner Zufall; eine halbe Stunde später wurde bei Frau von Imhoff derselbe Name genannt. Der Präsident und seine Freundin waren nach langen Beratungen übereingekommen, [279]Caspar in die Obhut des Lehrers Quandt zu geben.

»Er ist ein aufgeklärter und gebildeter Kopf und genießt als Bürger wie als Mensch allgemeine Achtung,« sagte Frau von Imhoff.

»Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu übernehmen?« fragte der Lord zerstreut. Doch darüber konnte Frau von Imhoff keine Auskunft geben.

Als Stanhope sich am andern Morgen beim Präsidenten melden ließ, traf er Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn Feuerbach zeigte sich sehr aufgeräumt, und als sich der Lord wegen des gestrigen Zwischenfalls mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte der Präsident seinen Spaß an der Verlegenheit des Lehrers, die er durch harmlose Witzchen über zerstreute Denker und dergleichen noch steigerte. Sein Gelächter trieb einen wahren Angstschweiß auf Quandts Stirn, er verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem Kalifen, und es hatte den Anschein, als müsse er sich geschmeichelt fühlen, daß der Kot der gräflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden.

»Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig,« mahnte der Präsident belustigt, »ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tüchtig den Marsch geblasen und sich gemüht, das Röcklein wieder sauber zu kriegen.«

»Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz,« erwiderte Quandt lächelnd und von so viel Leutseligkeit beglückt.

Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des Präsidenten, und [280]drei hohe Fenster gewährten Aussicht gegen den Garten. Der Raum war wohnlich geschmückt, auch hier alles von der größten Nettigkeit. In einer Art von vertiefter Nische hing ein gutes Ölbild Napoleon Bonapartes im Krönungsornat; Stanhope betrachtete es mit vorgeblichem Interesse; in Wirklichkeit prüfte er aufmerksam das Wesen und Gehaben des Lehrers.

Quandt war mittelgroß und hager; über der hohen Stirn waren tabaksgelbe Haare mit Hilfe von Pomade ganz lächerlich glatt zurückgekämmt. Die Augen blickten schüchtern, fast betrübt, und blinzelten bisweilen, die Hakennase stach ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt unter demütigen und zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen säuerlichen Zug, der die Berufsgewohnheit vielen Nörgelns verriet.

Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er fragte den Präsidenten, ob die Verhandlungen zum gewünschten Ziel geführt hätten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt, reichte ihm stumm dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am Nachmittag seinen Besuch abstatten. Sehr benommen von solcher Huld, verbeugte sich der Lehrer abermals tief, machte sein Kompliment gegen den Präsidenten und ging.

Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung mußte. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben eines Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jäger damit ab. Um halb zwei stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie aßen zusammen und gingen hernach zu Quandt.

[281]Das Häuschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag, war auf den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefällige junge Frau, mit dem rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit angetan, stand knicksend am Eingang, in der guten Stube war der Tisch mit Konditorkuchen beladen, und das feine Porzellanservice blinkte einladend auf dem schneeweißen Tuch.

Der Lord war gegen die Lehrerin von väterlicher Freundlichkeit; da sie guter Hoffnung war, wünschte er Glück, ein Händedruck bekräftigte seine zarte Teilnahme; er fragte, ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde purpurrot, schüttelte den Kopf und sagte, sie habe schon einen dreijährigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war, gab ihr Quandt einen Wink, sie ging still hinaus und die drei Männer blieben allein.

Stanhope sagte, noch könne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung von Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und geordneten Häuslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling hier untergebracht zu wissen. So dürfe man denn endlich hoffen, daß der Unglückliche, an dem schon so viele Pfuscherhände herumprobiert und der dabei an Leib und Seele Schaden erlitten, einen rettenden Port erreicht habe.

Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust.

»Ja,« mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrücken abwischte, »das wohl; und es muß nun einmal Licht werden um dieses Kind der Dunkelheit.«

[282]Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel nicht entging; er lächelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende Miene an.

»Leider ist ja Anlaß zum Argwohn vorhanden,« fuhr Stanhope fort, und seine Stimme war tonlos und kalt; »wohin man sich auch wendet und wie man es auch betrachtet, überall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein Wunder, wenn die ursprüngliche Neigung von Bitterkeit durchtränkt ist. Will ich mich gleich dem liebenden Gefühl hingeben, so melden sich doch immer wieder Stimmen, deren Urteil oder Gewicht zu verdächtigen sinnlos wäre, und der schlummernde Funke des Mißtrauens löscht nicht aus.«

»Nun also,« ließ sich Hickel wieder vernehmen, »so hab’ ich doch recht! Man muß reinen Tisch machen. Man muß den hinterlistigen Burschen endlich Mores lehren. Man muß ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.«

Stanhope erblaßte; über Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend: »Herr Polizeileutnant, ich muß mich gegen einen solchen Ton verwahren. Was immer auch gegen den Jüngling zeugen mag, so ist er doch nur als die mißleitete Kreatur eines unbekannten Frevlers zu betrachten.«

Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lächeln über sein Gesicht. »Verzeihen Eure Lordschaft,« entgegnete er hastig und ziemlich erschrocken, »aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des aufgeklärten und vernünftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie der Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich über den Findling und die Dummheit der Nürnberger geäußert haben. Das hätten [283]der Herr Graf nur hören sollen. Wir wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen bekannt geworden, was der Herr von Tucher über den Undank und die moralische Verderbtheit des Findlings an Eure Lordschaft geschrieben hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons und er wird sich überzeugen, daß ich nur gesagt habe, was jeder anständige und vorurteilslose Mann darüber denkt.« Und Hickel heftete auf den Grafen einen befremdet-forschenden Blick.

»Dem ist nicht ganz so,« versetzte Stanhope abweisend und nippte mechanisch von der Kaffeetasse. »Herr von Tucher spricht in seinem Brief nur von einigen übeln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein liebendes Herz ist niemals blind; versteht es nicht abzuwägen, so ist ihm doch die Gabe der Ahnung eigen. Im übrigen wollen wir unserm würdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es sein, zu richten. Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir die häßlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt, will ich’s ihm fürstlich danken.«

Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter Aufmerksamkeit das Gespräch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er; als ob es nicht die leichteste Sache von der Welt wäre, zu erkennen, ob einer ein Spitzbube ist. Man muß die Augen offen halten, das ist alles; der Gute ist gut, der Böse ist bös, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein Übel auszurotten, wenn es sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur eine Frage der Tatkraft und Umsicht. Aber mir scheint, mir scheint, meditierte der Lehrer in seinem [284]stillen Sinne weiter, da sind noch ganz andre Dinge verborgen, die Herren reden nicht von der Leber weg.

Und damit traf er wohl das Richtige, wie sich bald erweisen sollte. Er entwickelte dem höflich zuhörenden Lord seine Anschauungen über Moral, über den Verkehr mit Menschen, den Umgang mit Schülern, die Notwendigkeit der Aufmunterung, den Wert der Zensur; alles ein wenig umständlich und verklausuliert, aber einfach, staunenswert einfach; nur die sorgenvolle Miene gab einen Anschein von Schwierigkeit und Philosophie. Der Lord nickte ein paarmal mit dem Kopf, während Hickel entschiedene Zeichen von Ungeduld von sich gab. Dann beim Fortgehen, während Stanhope sich von der Frau verabschiedete, zog Hickel den Lehrer beiseite und flüsterte ihm zu: »Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen durch die Reden des Grafen, lieber Quandt. Der gute Graf betrügt sich selber und möchte das Sonnenklare nicht wahr haben. Die Teufelsgeschichte nimmt ihn absonderlich her. Sie leisten ihm einen gewaltigen Dienst, wenn Sie den Schwindler entlarven.«

Das war das Merkwort und der Anschlag. Es barg den Kern des Komplotts. Nun, Caspar, sollst du in ein kleines Städtchen gehen und in ein kleines Haus, sollst in Verborgenheit leben, und die Wände der Welt sollen sich verengen, bis sie wieder zum Kerker werden. Gewalt hat sich der List verbrüdert; der Richter wird richten, was er sieht, und nicht wissen, was er fühlt. Niedrig sollst du werden, damit die Freunde sich in Feinde verwandeln und deine Einsamkeit leichtere Beute des Verfolgers sei. Das Blut soll gegen [285]sich selber zeugen, Licht soll verweslich werden, Frucht soll nicht mehr wachsen, die Stimme des Himmels soll verstummen, und auf die Nacht – denn Nacht wird sein – soll keine Frühe folgen.

Ein Kapitel in Briefen

Freiherr von Tucher an Lord Stanhope:

Seit geraumer Zeit bin ich ohne Nachricht von Eurer Herrlichkeit. Die unsichere Lage, in der ich mich Caspar gegenüber befinde, veranlaßt mich, zudringlicher zu sein, als es Ihnen, verehrter Herr, genehm sein mag, und Sie um eine rasche Erledigung der schwebenden Angelegenheit zu bitten, um so mehr, da meine Teilnahme an dem Findling nicht mehr die gleiche wie ehedem ist, und er selbst wiederum durch den gezwungenen Aufenthalt in meinem Hause sich mehr als ein Gefangener, denn als Gast und zugehöriges Glied erscheinen muß. Ein endgültiger Zustand wäre dem Jüngling ehestens zu wünschen; seine aufgeregten Hoffnungen enthalten seinem Geist jede Ruhe vor, und Tag für Tag glüht er in einer so fieberhaften Erwartung, daß an ein vorgesetztes Studium nicht mehr zu denken ist und auch dem blödesten Auge die Unruhe seines Gemüts nicht entgeht. Die Abende bringt er mit unnützen Schreibereien hin, und sein Hauptvergnügen ist, mit der Spitze eines Bleistifts auf einer großen Landkarte die Straßen zu verfolgen, die er bald mit Eurer Lordschaft zu fahren hofft, jedenfalls eine praktische, wenn auch einseitige Art, Geographie [286]zu treiben. Er spricht, denkt und träumt von nichts anderm als von der bevorstehenden Reise, und wenn Ihnen, Mylord, noch ein Geringes an dem Wohl des unglücklichen Jünglings gelegen ist, so vermag ich keinen stärkeren Appell an Ihre Güte zu erheben als den, ein so drängendes und fruchtloses Hinweben in möglichster Bälde zu beenden. Sie sind der einzige Mensch auf Erden, dessen Wort und Name noch Gewicht in seinen Ohren hat, und sein grenzenloses Vertrauen gegen Sie muß auch das Herz desjenigen bewegen, der sonst durch die Launen, die Unverläßlichkeit und Zwitterhaftigkeit des rätselvollen Wesens eines ehemals intensiven Attachements für ihn beraubt wurde.

Daumer an den Präsidenten Feuerbach:

Eure Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, mich um Auskunft über Caspar Hausers nunmehrige Verfassung zu ersuchen. Ich muß gestehen, daß mich dies einigermaßen in Verlegenheit gesetzt hat. Ich habe mich in den letzten anderthalb Jahren wohl gehütet, dem so sorgfältig Abgeschlossenen nahezutreten, weil ja hierzulande jeder ängstlich bedacht ist, sein kleinstes Privileg vor fremdem Einspruch zu wahren, und so wird ein Interesse, das die Menschheit angeht und jeden freien Geist in Mitleidenschaft ziehen muß, unversehens zur Angelegenheit einer Partei. Eure Exzellenz möge diese Insinuation entschuldigen, sie möge lediglich für meine unerloschene Teilnahme an dem Los des Findlings zeugen, das seinen Freunden heute weniger als je Anlaß zu übertriebenen Hoffnungen gibt. Die vertrauensvolle Zuschrift Eurer Exzellenz hat meine Bedenklichkeit [287]besiegt, ich habe Caspar letzter Tage im Tucherschen Haus aufgesucht, er ist auch, zum erstenmal seit langer Zeit, bei mir gewesen, und ich gebe Ihnen hier einige Mitteilungen über ihn, die, wiewohl allgemeiner Natur, doch das Besondere seiner gegenwärtigen Lage erhellen.

Caspar ist ein hochaufgeschossener junger Mann geworden, der jetzt gut und gern den Eindruck eines etwa Zweiundzwanzigjährigen macht. Träte er, der nun den gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden muß, unerkannt in eine Gesellschaft, so würde er doch als eine befremdliche Erscheinung auffallen; sein Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden und Vorsichtigen einer Katze; seine Züge sind weder männlich noch kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und jung zugleich, besonders auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen seltsam ein vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sproßt heller Bartflaum, dies scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften Mädchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter hängenden braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist herzgewinnend, sein Ernst bedächtig, über beiden schwebt stets ein Hauch von Melancholie. Sein Benehmen ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz ungezwungene Gravität. Tölpelhaft und schwerfällig sind bloß noch manche seiner Gebärden, auch seine Sprache ist hart und die Worte sind ihm nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und in anmaßendem Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern läppisch klängen, aus seinem Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lächeln erzwingen; so ist es höchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplänen [288]spricht, von der Art, wie er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und wie er es mit seiner Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als notwendigen Hausrat, als etwas wie eine Obermagd, die man behält, solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie die Suppe versalzt oder die Hemden nicht ordentlich flickt.

Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemüt ähnelt einem spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unf