The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. by Alexander von Humboldt This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org/license Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. Author: Alexander von Humboldt Release Date: , March 3, 2008 [Ebook #24746] Language: German Character set encoding: US-ASCII ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.*** Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. by Alexander von Humboldt Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008) In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. ------------------ 1859 ------------------ Zweiter Band INHALT Neuntes Kapitel. Zehntes Kapitel. Elftes Kapitel. Zwoelftes Kapitel. Dreizehntes Kapitel. Vierzehntes Kapitel. Fuenfzehntes Kapitel. Sechzehntes Kapitel. Siebzehntes Kapitel. Liste explizit genannter Werke Anmerkungen des Korrekturlesers NEUNTES KAPITEL. Koerperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen. Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich keine allgemeinen Betrachtungen ueber die Staemme der Eingeborenen, welche Neu-Andalusien bewohnen, ueber ihre Sitten, ihre Sprache und ihren gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von dem wir ausgegangen, moechte ich alles diess, das fuer die Geschichte des Menschengeschlechts von so grosser Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen, desto mehr wird uns das Interesse fuer diese Gegenstaende, den Erscheinungen der physischen Natur gegenueber, in Anspruch nehmen. Der nordoestliche Theil des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Voelkerschaften, die sie bewohnen, den Thaelern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem noerdlichen Ende Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Muendung des Lena hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht, ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck urspruenglicher voelliger Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Voelkern, die einst auf bedeutend hoeherer Culturstufe standen, und wie soll man ein Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches ueberhaupt vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was sich auf die urspruenglichen Zustaende des Menschen und auf die aelteste Bevoelkerung eines Festlandes bezieht, an und fuer sich der Geschichte angehoerte, so wuerden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen wird, nach der die Wilden aus der buergerlichen Gesellschaft ausgestossene, in die Waelder getriebene Staemme sind. Das Wort _'Barbar'_, das wir von Griechen und Roemern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen versunkenen Horde. Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden grosse gesellschaftliche Vereine unter den Eingeborenen nur auf dem Ruecken der Cordilleren und auf den Asien gegenueber liegenden Kuesten. Auf den mit Wald bedeckten, von Fluessen durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwaerts ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende Voelkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten, zerstreut gleich den Truemmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen und die Beobachtung der Koerperbildung dazu dienen koennen, die verschiedenen Staemme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu verfolgen und ein paar jener Familienzuege aufzufinden, durch die sich die urspruengliche Einheit unseres Geschlechtes verraeth. Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Laendern, deren Gebirge wir vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva Barcelona, beinahe noch die Haelfte der schwachen Bevoelkerung. Ihre Kopfzahl laesst sich auf 60,000 schaetzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenueber der Staerke der Jaegervoelker in Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien dagegen haelt, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht, z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zaehlt aber ueber 400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in Cumana leben nicht alle in den Missionsdoerfern; man findet sie zerstreut in der Umgegend der Staedte, auf den Kuesten, wohin sie des Fischfangs wegen ziehen, selbst auf den kleinen Hoefen in den Llanos oder Savanen. In den Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein 15,000 Indianer, die fast saemmtlich dem Chaymasstamm angehoeren. Indessen sind die Doerfer dort nicht so stark bevoelkert, wie in der Provinz Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fuenf- bis sechshundert, waehrend man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu indianische Doerfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000 schaetzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die Guaiqueries auf der Insel Margarita und die grosse Masse der Guaraunos, die auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhaengigkeit behauptet haben. Diese schaetzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; diess scheint mir aber zu viel. Ausser den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Cano Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken lassen, gibt es seit dreissig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden Indianer mehr. Ungern brauche ich das Wort _'wild'_, weil es zwischen dem *unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder unabhaengigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die Erfahrung haeufig widerspricht. In den Waeldern Suedamerikas gibt es Staemme Eingeborener, die unter Haeuptlingen friedlich in Doerfern leben, auf ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus letzterer ihre Haengematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren. Die irrige Meinung, als waeren saemmtliche nicht unterworfene Eingeborene umherziehende Jaegervoelker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europaeer; er besteht noch jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der Waelder, wohin nie ein Missionaer den Fuss gesetzt hat. Das verdankt man allerdings dem Regiment der Missionen, dass der Eingeborene Anhaenglichkeit an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewoehnt und ein ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer voellig von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche Vorstellungen vom gegenwaertigen Zustand der Voelker in Suedamerika, wenn man einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits *heidnisch*, *wild* und *unabhaengig* fuer gleichbedeutend haelt. Der unterworfene Indianer ist haeufig so wenig ein Christ als der unabhaengige Goetzendiener; beide sind voellig vom augenblicklichen Beduerfnis in Anspruch genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Masse vollkommene Gleichgueltigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die Natur und ihre Kraefte goettlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst gehoert dem Kindesalter der Voelker an; er kennt noch keine Goetzen und keine heiligen Orte ausser Hoehlen, Schluchten und Forsten. Wenn die unabhaengigen Indianer noerdlich vom Orinoco und Apure, d. h. von den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht schliessen, dass es jetzt in diesen Laendern weniger Eingeborene gibt, als zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomaeus Las Casas. In meinem Werke ueber Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race ist auf beiden Festlaendern Amerikas noch ueber sechs Millionen stark, und obgleich unzaehlige Staemme und Sprachen ausgestorben sind oder sich verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass zwischen den Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend zugenommen hat. Zwei caraibische Doerfer in den Missionen von Piritu oder am Carony zaehlen mehr Familien als vier oder fuenf Voelkerschaften am Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustaende der unabhaengig gebliebenen Caraiben an den Quellen des Esquibo und suedlich von den Bergen von Pacaraimo thun zur Genuege dar, wie sehr auch bei diesem schoenen Menschenschlag die Bevoelkerung der Missionen die Masse der unabhaengigen und verbuendeten Caraiben uebersteigt. Uebrigens verhaelt es sich mit den Wilden im heissen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese beduerfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein kleines Stueck Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die Beruehrung mit den Weissen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die, nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi zurueckgedraengt, sich den Lebensunterhalt in dem Maasse abgeschnitten sehen, in dem man ihr Gebiet beschraenkt. In der gemaessigten Zone, in den _provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Beruehrung mit den europaeischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden, weil die Beruehrung dort eine unmittelbare ist. Im groessten Theil von Suedamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weissen breiten sich langsam aus. Die Moenchsorden haben ihre Niederlassungen zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer gegruendet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschraenkt, aber fast aller Orten ist durch sie eine Zunahme der Bevoelkerung herbeigefuehrt worden, wie sie beim Nomadenleben der unabhaengigen Indianer nicht moeglich ist. Im Maass als die Ordensgeistlichen gegen die Waelder vorruecken und den Eingeborenen Land abgewinnen, suchen ihrerseits die weissen Ansiedler von der andern Seite her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der weltliche Arm fortwaehrend die unterworfenen Indianer dem Moenchsregiment zu entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmaehlich Pfarrer an die Stelle der Missionaere. Weisse und Mischlinge lassen sich, beguenstigt von den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu spanischen Doerfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, dass sie eine Volkssprache gehabt haben. So rueckt die Cultur von der Kueste ins Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten, aber sichern, gleichmaessigen Schrittes. Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen _Govierno de Cumana_ begreift, zaehlen in ihrer gegenwaertigen Bevoelkerung mehr als vierzehn Voelkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas, Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas, Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn Voelkerschaften glauben selbst, dass sie ganz verschiedener Abstammung sind. Man weiss nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Huetten an der Muendung des Orinoco auf Baeumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Koepfe. Unter den uebrigen Voelkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf den suedlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, dass sie demselben Sprachstamm anzugehoeren scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit. Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben, Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Voelker zu betrachten. Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, dass ihre Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind Kuestenvoelker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Staemme betrifft, die gegenwaertig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben, so laesst sich ueber ihre urspruengliche Abstammung und ihr Verhaeltniss zu andern, ehemals maechtigeren Voelkern schwer etwas aussagen. Die Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen von Indianern von Cumana und von der Kueste von Paria, als ob die Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie sogar die Staemme nach ihren Haeuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die sie bewohnen. Dadurch haeuft sich die Zahl der Voelkerschaften ins Unendliche und werden alle Angaben der Missionaere ueber die ungleichartigen Elemente in der Bevoelkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben und der Chaymas im suedlichen und oestlichen? Durch die grosse Uebereinstimmung in der Koerperbildung werden Untersuchungen der Art sehr schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung voellig verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit von Sprachen bei Voelkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer Koerperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen sprechen koerperlich ungemein verschiedene Voelker, Lappen, Finnen und Esthen, die germanischen Voelker und die Hindus, die Perser und die Kurden Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die groesste Aehnlichkeit mit einander haben. Die Indianer in den Missionen treiben saemmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewaechse; ihre Huetten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhaeltniss zu den Missionaeren und den aus ihrer Mitte gewaehlten Beamten, Alles ist nach Vorschriften geordnet, die ueberall gelten. Und dennoch -- und diess ist eine hoechst merkwuerdige Beobachtung in der Geschichte der Voelker -- war diese grosse Gleichfoermigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die individuellen Zuege, die Schattirungen, durch welche sich die amerikanischen Voelkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zaehes Festhalten an den bei jedem Stamm wieder anders gefaerbten Sitten und Gebraeuchen, das der ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrueckt. Diesen Charakterzuegen begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische Organisation der Eingeborenen, aber die moenchische Zucht leistet ihnen wesentlich Vorschub. Es gibt in den Missionen nur wenige Doerfer, wo die Familien verschiedenen Voelkerschaften angehoeren und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu regieren. Meist haben die Moenche ganze Nationen, oder doch bedeutende Stuecke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Doerfern untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes; denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben, Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthuemlichkeiten um so mehr, da sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualitaet des Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf Gedanken und Empfindung zurueck. Durch diesen innigen Verband zwischen Sprache, Volkscharakter und Koerperbildung erhalten sich die Voelker einander gegenueber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthuemlichkeit, und diess ist eine unerschoepfliche Quelle von Bewegung und Leben in der geistigen Welt. Die Missionaere konnten den Indianern gewisse alte Gebraeuche bei der Geburt eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten; sie konnten es dahin bringen, dass sie sich nicht mehr die Haut bemalten oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim grossen Haufen die aberglaeubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebraeuche abzustellen und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in bestaendigem Kampfe mit feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und fuehrt so dem wilden, unabhaengigen Indianer gegenueber ein einfoermigeres, unthaetigeres, der Entwicklung der Geistes- und Gemuethskraft weniger guenstiges Leben. Wenn er gutmuethig ist, so kommt diess nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil er gefuehlvoll ist und gemuethlich. Wo er ausser Verkehr mit den Weissen auch all den Gegenstaenden ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Beduerfniss bestimmt zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist ernst, geheimnissvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an das Aussehen der Eingeborenen nicht gewoehnt ist, haelt ihre Traegheit und geistige Starrheit leicht fuer den Ausdruck der Schwermuth und des Tiefsinns. Ich habe die Charakterzuege des Indianers und die Veraenderungen, die sein Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas, deren ueber 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Sued die Caraiben zu Nachbarn. Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Cano de Caripe. Nach der genauen statistischen Aufnahme des Paters Praefekten zaehlte man im.Jahr 1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn *Missions*doerfer; das aelteste ist von 1728, und sie zaehlten 6433 Einwohner in 1465 Haushaltungen; sechzehn Doerfer _de doctrina_; das aelteste ist von 1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien. Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden; die damals noch unabhaengigen Caraiben machten Einfaelle und brannten ganze Doerfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevoelkerung zurueck in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weissen. Viele Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Suempfe. Vierzehn alte Missionen blieben wueste liegen oder wurden nicht wieder aufgebaut. Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; diess faellt namentlich auf, wenn man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen, sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die Mittelgroesse eines Chaymas betraegt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuss 10 Zoll. Ihr Koerper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit, die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und Neugrenadas bis herab zu den heissen Tieflaendern am Amazonenstrom. Die climatischen Unterschiede aeussern keinen Einfluss mehr auf dieselbe; sie ist durch organische Verhaeltnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten unabaenderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird die gleichfoermige Hautfarbe roether, dem Kupfer aehnlicher; bei den Chaymas dagegen ist sie dunkelbraun und naehert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck "kupferfarbige Menschen" zur Bezeichnung der Eingeborenen waere im tropischen Amerika niemals aufgekommen. Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewoelbt; daher heisst es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schoenen Weibe, "sie sey fett und habe eine schmale Stirne." Die Augen der Chaymas sind schwarz, tiefliegend und stark in die Laenge gezogen; sie sind weder so schief gestellt noch so klein wie bei den Voelkern mongolischer Race, von denen Jornandes sagt, sie haben "vielmehr Punkte als Augen," _magis puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schlaefen zu dennoch merklich in die Hoehe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder dunkelbraun, duenn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schlaefrig niederzuschlagen, gibt dem Blick der Weiber etwas Sanftes und laesst das verschleierte Auge kleiner erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie ueberhaupt alle Eingeborenen Suedamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gaenzlich mangelnden Bart sich der mongolischen Race naehern, so unterscheiden sie sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang ist, der ganzen Laenge nach vorspringt und bei den Nasloechern dicker wird, welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Voelkern caucasischer Race. Der grosse Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat haeufig einen gutmuethigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden Geschlechtern zwei Furchen von den Nasloechern gegen die Mundwinkel. Das Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und breit. Die Zaehne sind bei den Chaymas schoen und weiss, wie bei allen Menschen von einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensaeften und Aetzkalk die Zaehne schwarz zu faerben; gegenwaertig weiss man nichts mehr davon. Die Voelkerstaemme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den Einfaellen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her geschoben worden, dass die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas. Ich bezweifle sehr, dass der Brauch des Schwaerzens der Zaehne, wie Gomara behauptet, mit seltsamen Schoenheitsbegriffen zusammenhaengt(1), oder dass es ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die Indianer so gut wie nichts; auch die Weissen in den spanischen Colonien, wenigstens in den heissen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichfoermig ist, leiden selten daran. Auf dem Ruecken der Cordilleren, in Santa-Fe und Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt. Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Voelker, die ich gesehen, kleine, schmale Haende. Ihre Fuesse aber sind gross und die Zehen bleiben beweglicher als gewoehnlich. Alle Chaymas sehen einander aehnlich wie nahe Verwandte, und diese gleichfoermige Bildung, die von den Reisenden so oft hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen zwischen dem zwanzigsten und fuenfzigsten Jahr das Alter nicht durch Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfaelligkeit des Koerpers verraeth. Tritt man in eine Huette, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen Momenten, auf den oertlichen Verhaeltnissen der indianischen Voelkerschaften und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Voelker zerfallen in eine Unzahl von Staemmen, die sich toedtlich hassen und niemals Ehen unter einander schliessen, selbst wenn ihre Mundarten demselben Sprachstamme angehoeren und nur ein kleiner Flussarm oder eine Huegelkette ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Staemme sind, desto mehr muss sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander verbinden, eine gewisse gleichfoermige Bildung, ein organischer, recht eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhaelt sich unter der Zucht der Missionen, die nur Eine Voelkerschaft unter der Obhut haben. Die Vereinzelung ist so stark wie frueher; Ehen werden nur unter Angehoerigen derselben Dorfschaft geschlossen. Fuer diese Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Voelkerschaft ein Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Waeldern spanisch gelernt haben, einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme gehoeren, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten. Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren Einfluss sich ja auch bei den europaeischen Juden, bei den indischen Kasten und allen Gebirgsvoelkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher weniger beachtete. Ich habe schon frueher bemerkt, dass es vorzueglich die Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht. Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie als eine, die diesem oder jenem Individuum zukaeme. Der wilde Mensch verhaelt sich hierin dem gebildeten gegenueber wie die Thiere einer und derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, waehrend die andern in der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Koerperbau und Farbe kommen nur bei den Hausthieren haeufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Zuege und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den Zuegen ab, und die Zuege werden desto beweglicher, je haeufiger, mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen Beduerfniss bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast muehelos befriedigt, fuehrt er ein traeges, einfoermiges Leben. Unter den Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese Einfoermigkeit, diese Starrheit der Verhaeltnisse drueckt sich auch in den Gesichtszuegen der Indianer aus. Unter der Zucht der Moenche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Waeldern lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemuethsbewegungen ueberlaesst, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorueber, je staerker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen, aber er haelt laenger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher Entwicklung nicht die Staerke oder die augenblickliche Entfesselung der Leidenschaften, was den Zuegen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in bestaendiger Beruehrung mit der Aussenwelt erhaelt, Zahl und Maass unserer Schmerzen und unserer Freuden steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurueckwirkt. Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Zuege das belebte Naturreich verschoenern, so ist auch nicht zu laeugnen, dass beide zwar nicht allein Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der grossen Voelkerfamilie kommen diese Vorzuege keiner Race in hoeherem Maasse zu als der caucasischen oder europaeischen. Nur beim weissen Menschen tritt das Blut ploetzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemuethsbewegungen so bedeutend verstaerkt. "Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden koennen?" sagt der Europaeer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den Indianer. Man muss uebrigens zugeben, dass diese Starrheit der Zuege nicht allen Racen mit sehr dunkel gefaerbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern. Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine Bemerkungen ueber ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen, waehrend meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren Charakter durchgaengig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionaeren erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten. Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Voelker in sehr heissen Laendern, eine entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen Schriftstellern hoeren wir, dass im noerdlichen Europa die Hemden und Beinkleider, welche die Missionaere austheilten, nicht wenig zur Bekehrung der Heiden beigetragen haben. In der heissen Zone dagegen schaemen sich die Eingeborenen, wie sie sagen, dass sie Kleider tragen sollen, und sie laufen in die Waelder, wenn man sie zu fruehe noethigt, ihr Nacktgehen aufzugeben. Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Moenche, Maenner und Weiber im Innern der Haeuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Maennern hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten, zwoelften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei. Das Hemd ist so geschnitten, dass Vorderstueck und Rueckenstueck durch zwei schmale Baender auf der Schulter zusammenhaengen. Es kam vor, dass wir Eingeborenen ausserhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm trugen. Sie wollten sich lieber auf den blossen Leib regnen, als ihre Kleider nass werden lassen. Die aeltesten Weiber versteckten sich dabei hinter die Baeume und schlugen ein lautes Gelaechter auf, wenn wir an ihnen vorueber kamen. Die Missionaere klagen meist, dass Schaam und Gefuehl fuer das Anstaendige bei den jungen Maedchen nicht viel entwickelter seyen als bei den Maennern. Schon Ferdinand Columbus erzaehlt, sein Vater habe im Jahr 1498 auf der Insel Trinidad voellig nackte Weiber angetroffen, waehrend die Maenner den _'Guayuco'_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als eine Schuerze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Kueste von Paria die Maedchen von den verheiratheten Weibern dadurch, dass sie, wie Cardinal Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, dass sie einen anders gefaerbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den Chaymas und allen nackten Voelkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Maedchen heirathen haeufig mit zwoelf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionaere, nackt, das heisst ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht daran zu erinnern, dass bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen und indianischen Doerfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener, der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem Kopf ackern sah, und er glaubte "in einem armseligen Lande zu seyn, wo sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen." Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schoenheitsbegriffen nicht huebsch; indessen haben die jungen Maedchen etwas Sanftes und Wehmuethiges im Blick, das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zoepfe geflochten. Die Haut bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck als Hals- und Armbaender aus Muscheln, Voegelknochen und Fruchtkernen. Maenner und Weiber sind sehr musculoes, aber der Koerper ist fleischigt mit runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, dass mir nie ein Individuum mit einer natuerlichen Missbildung aufgestossen ist; dasselbe gilt von den vielen tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fuenf Jahren gesehen. Dergleichen Missbildungen sind bei gewissen Racen ungemein selten, besonders aber bei Voelkern, deren Hautgewebe stark gefaerbt ist. Ich kann nicht glauben, dass sie allein Folgen hoeherer Cultur, einer weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniss sind. In Europa heirathet ein buckligtes oder sehr haessliches Maedchen, wenn sie Vermoegen hat, und die Kinder erben haeufig die Missbildung der Mutter. Im wilden Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts einen Mann vermoegen, eine Missbildete oder sehr Kraenkliche zum Weibe zu nehmen. Hat eine solche das seltene Glueck, dass sie das Alter der Reife erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man moechte glauben, die Wilden seyen alle so wohlgebildet und so kraeftig, weil die schwaechlichen Kinder aus Verwahrlosung fruehe wegsterben und nur die kraeftigen am Leben bleiben; aber diess kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfaehigkeit, vom urspruenglichen Typus abzuweichen, so muessen wir darin doch wohl grossentheils angeborene Anlage erblicken, das, worin eben der eigenthuemliche Racencharakter besteht. Ich sage absichtlich: grossentheils, weil ich den Einfluss der Cultur nicht ganz ausschliessen moechte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weissen, wird der Koerper durch Luxus und Weichlichkeit geschwaecht, und aus diesem Grunde waren frueher Missbildungen in Couzco und Tenochtitlan haeufiger; aber unter den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der groessten Sitteneinfalt leben, haette Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah. Die Sitte des fruehzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen bezeugen, der Zunahme der Bevoelkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese fruehe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heissen Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestkueste von Amerika, bei den Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriaeken, wo haeufig zehnjaehrige Maedchen Muetter sind. Man kann sich nur wundern, dass die Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei keiner Race und in keinem Klima veraendert. Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere Voelker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reissen sie aus; aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur desshalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch waeren die Indianer groesstentheils ziemlich bartlos. Ich sage groesstentheils, denn es gibt Voelkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben den andern stehen und desshalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher gehoeren in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in Suedamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den duennen Kinnbart auszuraufen, sich haeufig rasiren, so waechst der Bart staerker. Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Messdiener lebhaft wuenschten den Vaeter Kapuzinern, ihren Missionaeren und Meistern zu gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Masse verhasst, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille fliesst aus derselben Quelle wie die Vorliebe fuer abgeflachte Stirnen, die an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise zu Tage kommt. Den Voelkern gilt immer fuer schoen, was ihre eigene Koerperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine rothbraune Haut gegeben hat, so haelt sich jeder fuer desto schoener, je weniger sein Koerper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut mit _'Roucou'_, _'Chica'_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist. Die Lebensweise der Chaymas ist hoechst einfoermig. Sie legen sich regelmaessig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb fuenf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Haengematte. Die Weiber sind so frostig, dass ich sie in der Kirche vor Kaelte zittern sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im Innern sind die Huetten der Indianer aeusserst sauber. Ihr Bettzeug, ihre Schilfmatten, ihre Toepfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und Pfeile, Alles befindet sich in der schoensten Ordnung. Maenner und Weiber baden taeglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Laendern vorzugsweise von den Kleidern herruehrt. Ausser dem Haus im Dorfe haben sie meist auf ihren _'Conucos'_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblaettern gedeckte Huette von geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten sie sich doch dort auf, so oft sie nur koennen. Schon oben gedachten wir ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben in der Wildniss zurueckzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten ihren Eltern und ziehen vier, fuenf Tage in den Waeldern herum, von Fruechten, von Palmkohl und Wurzeln sich naehrend. Wenn man in den Missionen reist, sieht man haeufig die Doerfer fast ganz leer stehen, weil die Einwohner in ihren Gaerten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den civilisirten Voelkern fliesst wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen Unabhaengigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur ueberall auf den Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenueber sieht. Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen Voelkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit faellt ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen Weg durch das Gestraeuch bahnt. Das Weib ging gebueckt unter einer gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere sassen nicht selten oben auf dem Buendel. Trotz dieser gesellschaftlichen Unterordnung schienen mir die Weiber der suedamerikanischen Indianer gluecklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem Mississippi werden ueberall, wo die Eingeborenen nicht groesstentheils von der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kuerbisse nur von den Weibern gebaut; der Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heissen Zone gibt es nur sehr wenige Jaegervoelker, und in den Missionen arbeiten die Maenner im Felde so gut wie die Weiber. Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weissen nicht in Beruehrung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte Indianer zu heissen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrueckt, _'latinisirte'_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich spaeter besucht, am meisten auffiel, das ist, dass es den Indianern so ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf spanisch auszudruecken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie fuer noch einfaeltiger halten als Kinder, wenn ein Weisser sie ueber Gegenstaende befragt, mit denen sie von Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionaere versichern, dieses Stocken sey nicht Folge der Schuechternheit; bei den Indianern, die taeglich ins Haus des Missionaers kommen und bei der oeffentlichen Arbeit die Aussicht fuehren, sey es keineswegs natuerliche Beschraenktheit, sondern nur Unvermoegen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt, Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen, Mulatten und Weissen in der Naehe der Staedte in Pfarrdoerfern wohnen. Ich war oft erstaunt, mit welcher Gelaeufigkeit in Caripe der _'Alcalde'_, der _'Governador'_, der _'Sargento mayor'_ stundenlang zu den vor der Kirche versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten fuer die Woche, schalten die Traegen, drohten den Unanstelligen. Diese Haeuptlinge, die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionaers der Gemeinde zur Kenntniss bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Zuege bleiben dabei unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch. Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausfluegen in der Naehe des Klosters begleiteten und wir durch die Moenche Fragen an sie richten liessen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage stellte; und ihre Traegheit und nebenbei auch jene schlaue Hoeflichkeit, die auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, liess sie nicht selten ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen wollen, koennen sie vor diesem gefaelligen Jasagen sich nicht genug in Acht nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der Hoehle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu besinnen und sagte dann zur Unterstuetzung meiner Annahme: "Freilich, wie waere auch sonst vorne in der Hoehle immer Wasser im Bett?" Alle Zahlenverhaeltnisse fassen die Chaymas ausserordentlich schwer. Ich habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fuenfhundert Jahren civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich grosse Zahlen ausdruecken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im Verkehr mit den Missionaeren dazu genoethigt sind, so zaehlen die faehigsten spanisch, aber so, dass man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf 30 oder 50. In der Chaymassprache zaehlen dieselben Menschen nicht ueber 5 oder 6. Es ist natuerlich, dass sie sich vorzugsweise der Worte einer Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen gelernt haben. Seit die europaeischen Gelehrten es der Muehe werth halten, den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt, schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus Rechnung der Rohheit der Voelker kommt. Man erkennt an, dass fast ueberall die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als man nach der Culturlosigkeit der Voelker, die sie sprechen, vermuthen sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schoensten Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen hat ein klareres, regelmaessigeres und einfacheres Zahlsystem als das Oquichua und das Aztekische, die in den grossen Reichen Couzco und Anahuac gesprochen wurden. Duerfte man nun sagen, in diesen Sprachen zaehle man nicht ueber vier, weil es in den Doerfern, wo sich dieselben unter den armen Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen gibt, die nicht weiter zaehlen koennen? Die seltsame Ansicht, nach der so viele Voelker Amerikas nur bis zu fuenf, zehn oder zwanzig sollen zaehlen koennen, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wussten, dass die Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heisst nach den Fingern Einer Hand, beider Haende, der Haende und Fuesse zusammen) einen Abschnitt machen, und dass 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fuenf eins, zehn drei und "Fuss zehn" ausgedrueckt werden. Kann man sagen, die Zahlen der Europaeer gehen nicht ueber zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe von zehn Einheiten beisammen ist? Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die Toechtersprachen des Lateinischen, dass die Jesuiten, welche Alles, was ihre Anstalten foerdern konnte, aufs Sorgfaeltigste in Betracht zogen, bei den Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr regelmaessige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das Guarani, einfuehrten. Sie suchten durch diese Sprachen die aermeren, plumperen, im Satzbau nicht so regelmaessigen Mundarten zu verdraengen. Und der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener Staemme liessen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel zwischen den Missionaeren und den Neubekehrten. Mit Unrecht wuerde man glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluss zweier auf einander eifersuechtiger Gewalten, der Bischoefe und der Statthalter, zu entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere Gruende, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Laendern bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form oder doch das Aussehen von Ursprachen. Wenn es heisst, ein Daene lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man zunaechst, diess ruehre daher, dass alle germanischen Sprachen oder alle Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein haben; man vergisst, dass es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere gibt, die Voelker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die Sprache ist keineswegs ein Ergebniss willkuehrlicher Uebereinkunft; der Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Moeglichkeit der Inversionen, Alles ist ein Ausfluss unseres Innern, unserer eigenthuemlichen Organisation. Im Menschen lebt ein unbewusst thaetiges und ordnendes Princip, das bei Voelkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder am Meeresufer, die ganze Lebensweise moegen die Laute umwandeln, die Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen unberuehrt. Die Einfluesse des Klimas und aller aeussern Verhaeltnisse sind ein verschwindendes Moment dem gegenueber, was der Racencharakter wirkt, die Gesammtheit der dem Menschen eigenthuemlichen, sich vererbenden Anlagen. In Amerika nun -- und dieses Ergebniss der neuesten Forschungen ist fuer die Geschichte unserer Gattung von der hoechsten Bedeutung -- in Amerika haben vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heissen Ufern dieses Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem grammatischen Bau die ueberraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren Wurzeln einander um nichts aehnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit, Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast ueberall in der neuen Welt, dass die Zeitwoerter eine ganze Menge Formen und Tempora haben, ein kuenstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder durch Flexion der persoenlichen Fuerwoerter, welche die Wortendungen bilden, oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhaeltnisse des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder leblos, maennlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben (z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung uebereinkommen und von den Toechtersprachen des Lateinischen durchaus abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine amerikanische Sprache als die des europaeischen Mutterlandes. In den Waeldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen sprechen hoeren. Haeufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem andern als ihrem eigenen Idiom mit einander. Haette man das System der Jesuiten befolgt, so waeren bereits weit verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am Orinoco spraeche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Sueden und Suedwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionaere koennten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen hoechst regelmaessig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit, und wuerden so den Eingeborenen, ueber die sie herrschen, weit naeher kommen. Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus einem Dutzend Voelkerschaften bestehen, verschwaenden mit der Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten wuerden todte Sprachen; aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine Individualitaet und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus in die neue Welt eingefuehrt, mit Waffengewalt durchzufuehren begonnen. Wie mag man sich auch wundern, dass die Chaymas, die Caraiben, die Saliven oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man bedenkt, dass fuenf-, sechshundert Indianern Ein Weisser, Ein Missionaer gegenuebersteht, und dass dieser alle Muehe hat, einen Governador, Alcalden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Koennte man statt der Zucht der Missionaere die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre Sitten saenftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten, ohne desshalb gebildeter zu seyn), koennte man die Weissen, statt sie ferne zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben lassen, so waeren die amerikanischen Sprachen bald von den europaeischen verdraengt, und die Eingeborenen ueberkaemen mit den letzteren die gewaltige Masse neuer Vorstellungen, welche die Fruechte der Cultur sind. Dann brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder das Guarany, einzufuehren. Aber nachdem ich mich in den Missionen des suedlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzuege und die Missbraeuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die Ansicht aussprechen, dass dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern laesst und das als Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von buergerlicher Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Roemer haben in Gallien, in Baetica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft schnell auch ihre Sprache eingefuehrt; aber die eingeborenen Voelker dieser Laender waren keine Wilde. Sie wohnten in Staedten, sie kannten den Gebrauch des Geldes, sie hatten buergerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in unmittelbare Beruehrung gekommen. Dagegen sehen wir der Einfuehrung der Sprachen der Mutterlaender ueberall fast unueberwindliche Hindernisse entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder roemische Colonien auf wirklich barbarischen Kuesten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem civilisirten Menschen gegenueber. Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_, _ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, dass diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten selbst einverleibt sind. Mit Unrecht wuerde man diese Rauheit des Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind urspruenglich diesem gemaessigten Klima fremd. Sie sind erst durch die Missionaere dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie allen Bewohnern heisser Landstriche, die Kaelte in Caripe, wie sie es nennen, Anfangs sehr zuwider. Waehrend unseres Aufenthalts im Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniss von Chaymasworten angelegt. Ich weiss wohl, dass der Bau und die grammatischen Formen fuer die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute und der Wurzeln, und dass diese Analogie der Laute nicht selten in verschiedenen Dialekten derselben Sprache voellig unkenntlich wird; denn die Staemme, in welche eine Nation zerfaellt, haben haeufig fuer dieselben Gegenstaende voellig verschiedene Benennungen. So kommt es, dass man sehr leicht irre geht, wenn man, die Flexionen ausser Augen lassend, nur nach den Wurzeln, z. B. nach den Worten fuer Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei Idiome allein wegen der Unaehnlichkeit der Laute fuer voellig verschieden erklaert. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugaenglich ist. Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben fuer sich kennen. Die Woerterverzeichnisse sind nicht zu vernachlaessigen; sie geben sogar ueber den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluss, wenn der Reisende Saetze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender Weise geschieht, die persoenlichen und possessiven Fuerwoerter bezeichnet werden. Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona sind gegenwaertig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische. Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat ihr Woerterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfasst von den Patres Tauste, Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die Missionen gekommen und in den Waeldern zu Grunde gegangen. Wegen der grossen Feuchtigkeit und der Gefraessigkeit der Insekten lassen sich in diesen heissen Laendern Buecher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller Vorsichtsmassregeln sind sie in kurzer Zeit gaenzlich verdorben. Nur mit grosser Muehe konnte ich in den Missionen und Kloestern die Grammatiken amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner Rueckkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu Koenigsberg uebermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem schoenen grossen Werk ueber die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals versaeumt meine Notizen ueber die Chaymassprache aus meinem Tagebuch abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch der Abt Hervas dieser Sprache erwaehnen, gebe ich hier kurz das Ergebniss meiner Untersuchungen. Auf dem rechten Ufer des Orinoco, suedoestlich von der Mission Encaramada, ueber hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in mehrere Dialekte zerfaellt. Diese einst sehr maechtige Nation ist auf wenige Koepfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den Orinoco, durch die grossen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine noch schwerer zu uebersteigende Schranke, durch Voelker von caraibischem Staemme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen oertlichen Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der Tamanacusprache. Die aeltesten Missionare in Caripe wissen nichts von dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast nie an das suedliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rueckkehr nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer Grammatik verglich, die ein alter Missionaer am Orinoco in Italien drucken lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili vermuthet, dass die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu verwandt seyn muesse. Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die persoenlichen Fuerwoerter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_, ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder _an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu. +---------------------+-----------------+ | Chaymas | Tamanacu | +---------------------+-----------------+ |_Ure_, ich. | _ure._ | +---------------------+-----------------+ |_Tuna_, Wasser. | _Tuna._ | +---------------------+-----------------+ |_Conopo_, Regen. | _Canepo._ | +---------------------+-----------------+ |_Poturu_, Wissen. | _Puturo._ | +---------------------+-----------------+ |_Apoto_, Feuer. | _U-apto._ | +---------------------+-----------------+ |_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._ | +---------------------+-----------------+ |_Je_, Baum. | _Jeje._ | +---------------------+-----------------+ |_Ata_, Haus. | _Aute._ | +---------------------+-----------------+ |_Euya_, dir. | _Auya._ | +---------------------+-----------------+ |_Toya_, ihm. | _Iteuya._ | +---------------------+-----------------+ |_Guane_, Honig. | _Uane._ | +---------------------+-----------------+ |_Nacaramayre_, er | _Nacaramai._ | |hat's gesagt. | | +---------------------+-----------------+ |_Piache_, Zauberer, | _Psiache._ | |Arzt. | | +---------------------+-----------------+ |_Tibin_, eins. | _Obin._ | +---------------------+-----------------+ |_Aco_, zwei. | _Oco._ | +---------------------+-----------------+ |_Oroa_, drei. | _Orua._ | +---------------------+-----------------+ |_Pun_, Fleisch. | _Punu._ | +---------------------+-----------------+ |_Pra_, nicht. | _Pra._ | +---------------------+-----------------+ *Seyn* heisst im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persoenliche Fuerwort *ich* (_u_ von _u-re_), so laesst man des Wohlklangs wegen vor dem _u_ ein _g_ hoeren, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; "_muerepuec araquapemaz,_", " warum bist du traurig?" woertlich: "das fuer traurig du seyn?" "_punpuec topuchemaz,_" "du bist fett von Koerper;" woertlich: "Fleisch (_pun_) fuer (_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_)." Die zueignenden Fuerwoerter kommen vor das Hauptwort zu stehen: "_upatay,_" "in meinem Hause;" woertlich: "ich Haus in." Alle Praepositionen wie die Negation _pra_ werden nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: "_ipuec,_ mit ihm," woertlich "er mit;" "_euya,_ zu dir, oder dir zu;" "_epuec charpe guaz_" "ich bin lustig mit dir;" woertlich: "du mit lustig ich seyn;" "_ucarepra,_ nicht wie ich;" woertlich: "ich wie nicht;" "_quenpotupra quoguaz_ ich kenne ihn nicht;" woertlich: "ihn kennend nicht ich bin;" "_quenepra quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen," woertlich: "ihn sehend nicht ich bin." Im Tamanacu sagt man: "_acurivane,_ schoen," und "_acurivanepra,_ haesslich, nicht schoen;" "_uotopra,_ es gibt keinen Fisch," woertlich: "Fisch nicht;" "_uteripipra,_ ich will nicht gehen;" woertlich: "ich gehen wollen nicht;" und diess ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen, und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrueckt: "_amoyenlenganti,_ es ist sehr kalt;" "_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt." In aehnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht angehaengt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B. _taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen. Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmaessig ist, lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloss zur Bildung des Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwoerter angehaengt. Diese Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Huelfszeitwoerter _as_ und _bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan, ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die einander unaehnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten, offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen. Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_ bezeichnet: "_teure,_ er selbst," "_teurecon,_ sie selbst;" "_taronocon,_ die hier;" "_montaonocon,_ die dort," wenn der Sprechende einen Ort meint, an dem er sich selbst befand; "_miyonocon,_ die dort," wenn er von einem Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen Adverbe _aqui_ und _ala (alla),_ deren Sinn sich in den Sprachen von germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung wiedergeben laesst. Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Diess schien mir um so auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Voelkern besondere Worte fuer Gott und fuer Sonne findet. Der Caraibe wirft "_tamoussicabo,_ den Alten des Himmels," und "_veyou,_ die Sonne," nicht zusammen. Sogar der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heisst die Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) waehrend Gott _Vinay Huayna_, der ewig Junge, genannt wird. Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente, die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persoenliche Fuerwort. Der Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck faellt, geht Allem voran, was sonst ausgesagt wird. Der Amerikaner wuerde sagen: "Freiheit voellige lieben wir," statt: wir lieben voellige Freiheit; "dir nicht gluecklich bin ich," statt: mit dir bin ich gluecklich. Diese Saetze haben eine gewisse Unmittelbarkeit, Bestimmtheit, Buendigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel fehlt. Ob wohl diese Voelker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst ueberlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen waeren? Man koennte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Roemer in ihren bestimmten, klaren, aber etwas schuechternen Toechtersprachen umgewandelt worden ist. Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen, fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache, in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in den Worten so haeufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_ weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im franzoesischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_ erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu _choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen Mundarten fehlen, so kommt diess vom innigen Verwandtschaftsverhaeltniss zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_, _frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Buerde, _pous_, Fuss. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani, aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Buechse). Trotz der erwaehnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, dass das Chaymas als ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano, Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und die beiden Sprachen scheinen mir hoechstens in dem Grade verwandt, wie das Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehoeren derselben Unterabtheilung der grossen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen Sprachen an. Da es fuer die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maass gibt, so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch und Sanskrit. Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, dass alle Sprachen in zwei grosse Classen zerfallen, indem die einen, mit vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, waehrend die andern, plumperen, weniger bildungsfaehigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie fuer sich braucht, ihre eigenthuemliche Physiognomie beibehalten. Diese hoechst geistreiche Auffassung waere unrichtia, wenn man annaehme, es gebe vielsylbige Sprachen ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus organisch entwickeln, kennen gar keinen aeusserlichen Zuwachs durch *Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon oefters als Agglutination oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt fuer Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht urspruenglich Affixe, von denen nur ein oder zwei Consonanten uebrig geblieben sind. Es ist mit den Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz fuer sich, nichts ist dem Andern voellig unaehnlich. Je weiter man in ihren innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden Eigenthuemlichkeiten. "Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem scharf umrissen scheinen." [Wilhelm v. Humboldt] Lassen wir aber auch fuer die Sprachen keinen durchgreifenden Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, dass im gegenwaertigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern zur aeusserlichen Aggregation. Zu den ersteren gehoeren bekanntlich die Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber ein ziemlich entwickeltes Gefuehl fuer Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhaeltnisse bezeichnet. Betrachtet man den eigenthuemlichen Bau der amerikanischen Sprachen naeher, so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete Ansicht ruehrt, dass die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem Hebraeischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hoerte ich diesen Gedanken aeussern, besonders Geistliche, die vom Hebraeischen und Baskischen einige oberflaechliche Kenntniss hatten. Liegen etwa religioese Ruecksichten einer so seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas, haben etwas leichtglaeubige Reisende das Hallelujah der Hebraeer singen hoeren, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertoenen. Ich will nicht glauben, dass die Voelker des lateinischen Europa Alles hebraeisch oder baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles, was nicht im griechischen oder roemischen Styl gehalten war, egyptische Denkmaeler nannte. Ich glaube vielmehr, dass das grammatische System der amerikanischen Sprachen die Missionaere des sechzehnten Jahrhunderts in ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Voelker der neuen Welt bestaerkt hat. Einen Beweis hiefuer liefert die langweilige Compilation des Paters GARCIA: "_Tratad del origen de los indios._" Dass die possessiven und persoenlichen Fuerwoerter hinter Substantiven und Zeitwoertern stehen, und dass letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthuemlichkeiten des Hebraeischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden es nun sehr merkwuerdig, dass die amerikanischen Sprachen dieselben Formen aufzuweisen haben. Sie wussten nicht, dass die Uebereinstimmung in verschiedenen einzelnen Zuegen fuer die gemeinsame Abstammung der Sprachen nichts beweist. Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine Familienaehnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles diess konnte die Taeuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgaengig von einander abweichen. *Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, woertlich: wissend nicht ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna aichi_, er wird nicht tragen, woertlich: tragend nicht wird seyn; _patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu; _Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier; _ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen; _teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich kehre zurueck; _Maypur butke_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutke_, ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein boeser Maypure-Indianer; _aicataje_ ein boeses Weib. *Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, woertlich: ich liebend ihn bin; _beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen; _ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges kindisches Benehmen.(8) Diesen Beispielen moegen einige beschreibende Composita folgen, die an die Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetaet des Ausdrucks ueberraschen. *Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, woertlich: Vater (_im-de_) des Honigs (_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, woertlich: die Soehne des Fusses; die Finger, _amgna-mucuru_, die Soehne der Hand; die Schwaemme, _jeje-panari_, woertlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_, woertlich: veraestete Wurzeln; die Blaetter, _prutpe-jareri_, woertlich: die Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, woertlich: gerade oder senkrechte Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, woertlich: das Feuer des Donners oder des Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, woertlich: was zum Auge gehoert; _odotsa_, Getoese der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, woertlich: der lebendige Stein. Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwoerter eine Unzahl Tempora, ein doppeltes Praesens, vier Praeterita, drei Futura. Diese Haeufung ist selbst den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des Baskischen zaehlt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch blosse Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Fuer sich geben diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen. Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Raederwerk. Man erkennt die Kuenstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man koennte sie fuer sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedaechte, dass der menschliche Geist unverrueckt einem einmal erhaltenen Anstoss folgt, dass die Voelker nach einem urspruenglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und dass es Laender gibt, wo Sprache, Verfassung, Sitten und Kuenste seit vielen Jahrhunderten wie festgebannt sind. Die hoechste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Voelkern stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehoeren. Die hauptsaechlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein natuerliches Hinderniss der Culturentwicklung; es geht ihnen grossentheils die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz geben. Wir duerfen indessen nicht vergessen, dass ein schon im hohen Alterthum hochberuehmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau unwillkuerlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein- oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder Hauptwort angehaengt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen, haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen fuer Groesse, Neid, Leichtsinn, _cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit, _metrepherpeton_, aus fuenf leicht zu unterscheidenden Elementen zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes (_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) boese (_on_). Und dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an einander gerueckt sind und sich gar nicht unmittelbar beruehren. So viel ist gewiss, sind einmal die Voelker aus ihrem Schlummer aufgeruettelt und auf die Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudruecken und Seelenregungen zu schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich uebertragen, und man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere Literaturprodukt ins Peruanische uebersetzen. Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der Eroberung hat zur natuerlichen Folge gehabt, dass nicht wenige amerikanische Worte in die spanische Sprache uebergegangen sind. Manche dieser Worte bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung (z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehoeren der Sprache der grossen Antillen au, die frueher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hiess. Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu besuchen, hatten sie bereits Worte fuer die nutzbarsten Gewaechse, die auf den Antillen, wie auf den Kuesten von Cumana und Paria vorkommen. Sie behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei, durch sie wurden dieselben ueber ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Voelkern, die von der Existenz der Antillen gar nichts wussten. Manchen Worten, die in den spanischen Colonien in taeglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache, _Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schuerze, _perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist tamanakisch, _Chinchorro_ (Haengematte) und _Tutuma_ (die Frucht der _Crescentia Cujete_, oder ein Gefaess fuer Fluessigkeiten) sind Chaymaswoerter. Ich habe lange bei Betrachtungen ueber die amerikanischen Sprachen verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke bespraeche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der Art sind. Es verhaelt sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmaelern halb barbarischer Voelker zukommt. Man beschaeftigt sich mit ihnen nicht, weil sie fuer sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen koennen, sondern weil die Untersuchung fuer die Geschichte unseres Geschlechts und den Entwicklungsgang unserer Geisteskraefte nicht ohne Belang ist. Ehe Cortes nach der Landung an der Kueste von Mexico seine Schiffe verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war Europa auf die Laender, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Diess faellt alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest, namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen Bemerkungen ueber Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle Begeisterung fuer die grossen Entdeckungen eines an ausserordentlichen Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine naehere Beschreibung der Sitten der Voelker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier (_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklaeren, den ich im spanischen Amerika haeufig habe besprechen hoeren. Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, dass die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten Besucher haben am Vorgebirge Paria weisse Menschen mit blonden Haaren gesehen? Waren diess Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Staemme mit dunklerer Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man frueher auf der Landenge von Panama gefunden? Aber Faelle dieser Missbildung sind bei der kupferfarbigen Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den Einwohnern von Paria ueberhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9) beschreiben sie wie Voelker germanischen Stammes: sie seyen weiss mit blonden Haaren. Ferner sollen sie aehnlich wie Tuerken gekleidet gewesen seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach muendlichen Berichten, die sie gesammelt. Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, naeher ansehen. Da heisst es bloss, "der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena conversacion_) und weisser gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin gesehen." Damit ist doch wohl nicht gesagt, dass die Pariagotos weiss gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kuehlen Morgen sah der grosse Mann eine Bestaetigung seiner seltsamen Hypothese von der unregelmaessigen Kruemmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit den *tartarischen* Voelkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben. Gab es aber zu Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts auf den Kuesten von Cumana so wenig als jetzt Menschen mit weisslichter Haut, so darf man daraus desshalb nicht schliessen, dass bei den Eingeborenen der neuen Welt das Hautsystem durchgaengig gleichfoermig organisirt sey. Wenn man sagt, sie seyen alle kupferfarbig, so ist diess so unrichtig, als wenn man behauptet, sie waeren nicht so dunkel gefaerbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth aussetzten oder nicht von der Luft gebraeunt wuerden. Man kann die Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur einen gehoeren die Eskimos in Groenland, in Labrador und auf der Nordkueste der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstrasse, der Halbinsel Alaska und des Prinz-Williams-Sunds. Der oestliche und der westliche Zweig dieser Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich sogar, wie in neuerer Zeit ausser Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter, zu den Bewohnern des nordoestlichen Asiens; denn die Mundart der Tschuktschen an der Muendung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die Sprache der Eskimos auf der Europa gegenueberliegenden Kueste von Amerika. Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt diese hyperboraeische Race nur am Meeresufer. Sie naehren sich von Fischen, sind fast durchgaengig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind lebhaft, beweglich, geschwaetzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und schwarz; aber (und diess zeichnet die Race, die ich die Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist urspruenglich weisslicht. Es ist gewiss, dass die Kinder der Groenlaender weiss zur Welt kommen; bei manchen erhaelt sich diese Farbe, und auch bei den dunkelsten (den von der Luft am meisten gebraeunten) sieht man nicht selten das Blut auf den Wangen roth durchschimmern. Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfasst alle Voeller ausser den Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluss bis zur Magellanschen Meerenge, von den Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und Tehuelhets in der suedlichen Halbkugel. Die Voelker dieses zweiten Zweiges sind groesser, staerker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru, in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms, im ganzen Strich von Suedamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei, drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Dass die Eingeborenen nur von Luft und Sonne gebraeunte Weisse seyn moechten, ist einem Spanier in Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Staemme, bei denen die Kinder weiss sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Haeuptling der Miamis Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten Koerpertheile fast weiss. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich fast bestaendig in ihren Haeusern aufhalten. Westwaerts von den Miamis, auf der gegenueberliegenden asiatischen Kueste, bei den Koluschen und Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Maedchen, wenn sie angehalten werden sich zu waschen, so weiss wie Europaeer. Diese weisse Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvoelkern in Chili zukommen.(11) Diess sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr verbreiteten Ansicht von der ausserordentlichen Gleichfoermigkeit der Koerperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu, dass die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstaemme zu gruppiren, so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschliessend zu Werke geht. Wir wollten hier darthun, dass, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet, mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Staemme vorkommen, bei denen die Kinder weiss zur Welt kommen, ohne dass sich, bis zur Zeit der Eroberung zurueck, darthun liesse, dass sie sich mit Europaeern vermischt haetten. Dieser Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der Mexicaner und die weissen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heissesten Erdstrich ihr Leben lang und bei voller Kraft die weisslichte Hautfarbe der Mestizen behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen unmoeglich gemacht. Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Koerperbau, als die Farbe. Bei den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe haeufiger als solche nach dem Koerperbau. Das Haar der Saeugethiere, die Federn der Voegel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach den Hitze- und Kaeltegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen guten Beobachtungen geht hervor, dass sich die Hautfarbe wohl beim Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen Race aendert. Die Eskimos in Groenland und die Lappen sind gebraeunt durch den Einfluss der Luft, aber ihre Kinder kommen weiss zur Welt. Ob und welche Veraenderungen die Natur in Zeitraeumen hervorbringen mag, gegen welche alle geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darueber haben wir nichts zu sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt, sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Fuehrern hat. Die Voelker mit weisser Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weissen Menschen; nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Voelker durch die uebermaessige Sonnengluth geschwaerzt oder gebraeunt worden. Diese Ansicht, die schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch, hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was Theodectes zweitausend Jahre frueher poetisch ausgesprochen: "die Nationen tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen." Waere die Geschichte von schwarzen Voelkern geschrieben worden, sie haetten behauptet, was neuerdings sogar von Europaeern angenommen worden ist, der Mensch sey urspruenglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle Faerbung in eine hellere uebergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, bestaendig geworden und haben sich unveraendert fortgepflanzt; aber nichts weist darauf hin, dass, unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen der menschlichen Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe, kupferfarbige und weisse, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den Einfluss des Klimas, der Nahrung und anderer aeusserer Umstaende vom urspruenglichen Typus bedeutend abweichen. Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen zurueckzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen, die vier- und fuenfmal hoeher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe mich hier vorlaeufig nur auf das Zeugniss ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heissen Kuesten von Panama, und wiederum in Louisiana, im noerdlichen gemaessigten Erdstrich. Er hatte den Vortheil, dass er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, dass der Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den heissen Ufern des Orinoco Indianern mit weisslichter Haut begegnen: _est durans originis vis._ ------------------ 1 Die Voelker, welche die Spanier auf der Kueste von Paria antrafen, hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablaetter oder Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Kueste, nur weiter ostwaerts, bei den Guajiros an der Muendung des Rio la Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, fuehren das Pulver von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als Kapsel dient, am Guertel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein Handelsartikel, wie frueher, nach Gomara, das der Indianer in Paria. In Europa werden die Zaehne vom uebermaessigen Tabakrauchen gleichfalls gelb und schwarz. Waere der Schluss richtig, man rauche bei uns, weil man gelbe Zaehne schoener finde als weisse? 2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4. 3 So uebertrieben die Griechen bei ihren schoensten Statuen die Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu gross annahmen. 4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._ _ 5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heisst ein Spanier, woertlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen Gegenstaenden zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum, _jejecne_ Baeume. 6 In der Sprache der Incas heisst Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ gross _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, gross _vipulo_. Es sind diess die einzigen Faelle von Lautaehnlichkeit, die man bis jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen voellig verschieden. 7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch gebildet, dass man _butke_ das Ende des Wortes _cujuputke_, klein, beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_. 8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit. _ 9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Muendung des Flusses Cumana gesehen: "_Las donzellas eran amorosas, desnudas y __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan negros del sol._" 10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz fuer einen Turban angesehen? Dass ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit merkwuerdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die Kueste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d'Anghiera beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: "_Incolas omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum, insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._" Was soll man aus diesen Voelkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel getragen, wie man auf dem Ruecken der Anden traegt, und auf einer Kueste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen gesehen? 11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas am Uruguay glauben, die wie Voelker vom Stamme Odins geschildert werden? (Azzara, _Reise._) 12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Zuege Alexanders scheinen viel dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die grosse Frage nach dem Einfluss des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden vernommen, dass in Hindostan die Voelker im Sueden dunkelfarbiger seyen, als im Norden in der Naehe der Gebirge, und sie setzten voraus, dass beide derselben Race angehoeren. 13 "Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den Einfluss von Sonne und Luft dunkler. Ich muss darauf aufmerksam machen, dass weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar veraendern, so dass man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und die auf den heissesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen, die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten noerdlichen und suedlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann." _Noticias americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwaertig von der Verschiedenheit benachbarter Voelker nach Farbe und Gesichtszuegen Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem Einfluss des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der gewiss weiss, dass wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts wissen."Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli corporibus habitum dedit." _Agricola._ cap. 11 ZEHNTES KAPITEL. Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewoehnliche Meteore. Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem Orinoco und Rio Negro erforderte Zuruestungen aller Art. Wir mussten die Instrumente auswaehlen, die sich auf engen Canoes am leichtesten fortbringen liessen; wir mussten uns fuer eine zehnmonatliche Reise im Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Kuesten steht, mit Geldmitteln versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war, so war es mir von grossem Belang, dass mir die Beobachtung einer Sonnenfinsterniss nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schoen und heiter ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von Caracas war fuer meinen Zweck minder guenstig wegen der Duenste, welche die nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Laenge von Cumana genau bestimmte, so hatte ich einen Ausgangspunkt fuer die chronometrischen Bestimmungen, auf die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt, um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten. Fast haette ein Unfall mich genoethigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der Sonnenfinsterniss, gingen wir, wie gewoehnlich, am Ufer des Meerbusens, um der Kuehle zu geniessen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll betraegt. Es war acht Uhr Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war bedeckt und bei der Windstille war es unertraeglich heiss. Wir gingen ueber den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries. Ich hoerte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Guertel. Er hielt fast ueber meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten keulenfoermig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging, war nicht so gluecklich; er hatte den Zambo spaeter bemerkt als ich, und erhielt ueber der Schlaefe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer weiten Ebene an der See. Der Zambo kuemmerte sich nicht mehr um mich, sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeusserste erschrocken, da ich meinen Reisegefaehrten zu Boden stuerzen und eine Weile bewusstlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stuerzten auf den Zambo zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist, oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und baumartigen Avicennien. Zufaellig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunaechst an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der aeussersten Gefahr aus. Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen Kampfe waeren wir sicher verwundet worden, waeren nicht biscayische Handelsleute, die auf dem Strande Kuehlung suchten, uns zu Huelfe gekommen. Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus nachgelaufen, schluepfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig herausholen und ins Gefaengniss fuehren liess. Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kraeftiger Mann, voll der Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut gequetscht und er spuerte die Nachwehen mehrere Monate waehrend unseres Aufenthaltes in Caracas. Beim Buecken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befuerchten liess, dass im Schaedel etwas ausgetreten seyn moechte. Zum Glueck war diese Besorgniss ungegruendet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die ruehrendste Theilnahme. Wir hoerten, der Zambo sey aus einem der indianischen Doerfer gebuertig, die um den grossen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem Capitaen, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Kueste zurueckgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen lassen, um die Hoehe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, dass er, nachdem er einen von uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnuegen schien? Im Verhoer waren seine Antworten so verworren und albern, dass wir nicht klug aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung ueber die schlechte Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns eines zu versetzen, nicht widerstehen koennen, sobald er uns habe franzoesisch sprechen hoeren. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam ist, dass die Verhafteten, von denen die Gefaengnisse wimmeln, sieben, acht Jahre auf ihr Urtheil warten muessen, so hoerten wir wenige Tage nach unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem Schlosse San Antonio entsprungen. Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am 28. October um fuenf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur Beobachtung der Sonnenfinsterniss zu ruesten. Der Himmel war klar und rein. Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schoenen Tag um so mehr Glueck zu wuenschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der Gewitter, die regelmaessig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian in Sued und Suedost aufzogen, die Uhren nicht nach correspondirenden Hoehen hatte richten koennen. Ein roethlichter Dunst, der in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt, verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr ungewoehnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der Sonnenfinsterniss vollstaendig beobachten. Das Ende der Finsterniss war um 2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniss meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im neunten Jahrgang) veroeffentlicht. Dieses Ergebniss wich um nicht weniger als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Laenge ab, die der Chronometer mir ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt stimmten Sonnenfinsterniss und Chronometer bis auf 10 Secunden ueberein. Ich fuehre diesen merkwuerdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen, wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstaende bei ihren einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle ueberzeugt, hatten mir grosses Zutrauen zu Louis Berthoud's Uhr gegeben, so oft sie nicht auf den Maulthieren starken Stoessen ausgesetzt war. Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniss boten sehr auffallende atmosphaerische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter, das heisst in der Jahreszeit des bewoelkten Himmels und der kurzen Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der Nacht ein roethlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten einen mehr oder minder dichten Schleier ueber das blaue Himmelsgewoelbe. Der Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs groessere Feuchtigkeit an, sondern ging vielmehr oft von 90 deg. auf 83 deg. zurueck. Die Hitze bei Tag war 28--32 deg., also fuer diesen Strich der heissen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weisse Wolken im Zenith und dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so auffallend durchsichtig, dass man noch Sterne der vierten Groesse dadurch sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, dass es war, als stuende die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten Streifen, die, wie durch elektrische Abstossung, in gleichen Abstaenden fortliefen. Es sind diess dieselben kleinen weissen Dunstmassen, die ich auf den Gipfeln der hoechsten Anden ueber mir gesehen, und die in mehreren Sprachen *Schaefchen*, _moutons_ heissen. Wenn der roethliche Nebel den Himmel leicht ueberzog, so behielten die Sterne der ersten Groessen, die in Cumana ueber 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Hoehen, wie nach einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den Hygrometer an der Erdoberflaeche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen grossen Theil des Horizonts uebersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel Anziehendes fuer mich, bei heiterem Himmel ein grosses Sternbild ins Auge zu fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstblaeschen sich bilden, wie um einen Kern anschiessen, verschwinden und sich von neuem bilden. Zwischen dem 28. October und 3. November war der roethlichte Nebel dicker als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der Thermometer nur auf 26 deg. stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun Uhr Abends die Luft abkuehlt, liess sich gar nicht spueren. Die Luft war wie in Gluth; der staubigte, ausgedoerrte Boden bekam ueberall Risse. Am 4. November gegen zwei Uhr Nachmittags huellten dicke, sehr schwarze Wolken die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rueckten allmaehlich bis ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an ueber uns zu donnern, aber ungemein hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schlaege. Im Moment, wo die staerkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten, erfolgten zwei Erdstoesse, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut auf der Strasse. Bonpland, der ueber einen Tisch gebeugt Pflanzen untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spuerte den Stoss sehr stark, obgleich ich in einer Haengematte lag. Die Richtung des Stosses war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Sued. Sklaven, die aus einem 18--20 Fuss tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schoepften, hoerten ein Getoese wie einen starken Kanonenschuss. Das Getoese schien aus dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die uebrigens in allen Laendern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, haeufig vorkommt. Einige Minuten vor dem ersten Stoss trat ein heftiger Sturm ein, dem ein elektrischer Regen mit grossen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die Elektricitaet der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kuegelchen wichen vier Linien auseinander; die Elektricitaet wechselte oft zwischen positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im noerdlichen Europa zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke Wolkenschleier zerriss dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die Wolken waren vergoldet und Strahlenbuendel in den schoensten Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem grossen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das Erdbeben, der Donnerschlag waehrend desselben, der rothe Nebel seit so vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniss zugeschrieben. Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoss, weit schwaecher als die ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen Geraeusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewoehnlich, aber der Gang der stuendlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphaerischen H Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im Moment, wo der Erdstoss eintrat, eben auf dem Minimum der Hoehe; es stieg wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der roethlichte Nebel so dick, dass ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schoenen Hof von 12 Grad Durchmesser erkennen konnte. Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana durch ein Erdbeben fast gaenzlich zerstoert worden. Das Volk sieht die Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei Nacht fuer sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stoesse fuer den andern Tag anzeigten. Besonders gross und allgemein wurde die Unruhe, als am 5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat, dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es liess sich kein Stoss spueren. Sturm und Gewitter kamen fuenf oder sechs Tage zur selben Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung gemacht, dass scheinbar ganz zufaellige atmosphaerische Veraenderungen wochenlang mit erstaunlicher Regelmaessigkeit nach einem gewissen Typus eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemaessigten Erdstrich vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Haeufig sieht man naemlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung fortziehen und sich in derselben Hoehe wieder aufloesen, bald vor, bald nach dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten zur selben *wahren Zeit*. Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um so staerkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufaellig, von so auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenfoermiger Stoss. Ich haette damals nicht geglaubt, dass ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen von Quito und an den Kuesten von Peru mich selbst an ziemlich starke Bewegungen des Bodens so sehr gewoehnen wuerde, wie wir in Europa an das Donnern gewoehnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran, bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebruelle (_bramidos_) das immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen 7--8 Minuten vorher) einen Stoss ankuendigte, dessen Staerke nur selten mit dem Grad des Getoeses im Verhaeltniss steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner, die wissen, dass in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstoert worden ist, theilt sich bald selbst dem aengstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist es nicht so sehr die Besorgniss vor Gefahr, als die eigenthuemliche Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur einen ganz leichten Erdstoss empfindet. Von Kindheit auf praegen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein; das Wasser gilt uns fuer ein bewegliches Element, die Erde fuer eine unbewegliche, traege Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der taeglichen Erfahrung und haengen mit allen unsern Sinneseindruecken zusammen. Laesst sich ein Erdstoss spueren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir fuer unerschuetterlich gehalten, so ist eine langjaehrige Taeuschung in einen Augenblick zerstoert. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes Erwachen; man fuehlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geraeusch, man misstraut zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuss gesetzt. Wiederholen sich die Stoesse, treten sie mehrere Tage hinter einander haeufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784 waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewoehnt, unter ihren Fuessen donnern zuhoeren, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch fasst sehr schnell wieder Zutrauen, und an den Kuesten von Peru gewoehnt man sich am Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stoesse, die das Fahrzeug von den Wellen erhaelt. Der roethlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog, hatte seit dem 7. November aufgehoert. Die Luft war wieder so rein wie sonst und das Himmelsgewoelbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den Klimaten eigen ist, wo die Waerme, das Licht und grosse Gleichfoermigkeit der elektrischen Spannung mit einander die vollstaendigste Aufloesung des Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen. Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstaerke der schoenen Sterne am suedlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See sorgfaeltige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie spaeter bei meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphaeren fort. Es war ueber ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die Sterne nahe am Suedpol werden meist so oberflaechlich und so wenig anhaltend beobachtet, dass in ihrer Lichtstaerke und in ihrer eigenen Bewegung die groessten Veraenderungen eintreten koennen, ohne dass die Astronomen das Geringste davon erfahren. Ich glaube Veraenderungen der Art in den Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach einem Mittel aus sehr vielen Schaetzungen habe ich die relative Lichtstaerke der grossen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius, Canopus, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Centauren, Achernar, {~GREEK SMALL LETTER BETA~} des Centauren, Fomalhaut, Rigel, Procyon, Beteigeuze, {~GREEK SMALL LETTER EPSILON~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER DELTA~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Kranichs, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich anderswo veroeffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je 50--60 Jahren Reisende die Lichtstaerke der Sterne von Neuem beobachten und darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgaengen an der Oberflaeche der Himmelskoerper oder von ihrem veraenderten Abstand von unserem Planetensystem herruehren. Hat man in unsern noerdlichen Himmelsstrichen und in der heissen Zone lange mit denselben Fernroehren beobachtet, so ist man ueberrascht, wie deutlich in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren Schwaechung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man bessere Instrumente unter den Haenden zu haben, so viel deutlicher, so viel schaerfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstaende unter den Tropen. So viel ist sicher, wird einst Suedamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten Cultur, so muss die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen, sobald man einmal anfaengt im trockenen, heissen Klima von Cumana, Coro und der Insel Margarita den Himmel mit vorzueglichen Werkzeugen zu beobachten. Des Rueckens der Cordilleren erwaehne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich duerre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus, auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der Meeresflaeche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veraenderlich ist. Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit fast bestaendig vorkommt, bietet vollen Ersatz fuer die hohe Lage und die verduennte Luft auf den Plateaus. Die Nacht vom 11. zum 12. November war kuehl und ausnehmend schoen. Gegen Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost hoechst merkwuerdige Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kuehle zu geniessen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung war sehr regelmaessig von Nord nach Sued; sie fuellten ein Stueck des Himmels, das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Sued reichte. Auf einer Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost ueber den Horizont aufsteigen, groessere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Sued niederfallen. Manche stiegen 40 Grad hoch, alle hoeher als 25--30 Grad. Der Wind war in der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der Erscheinung kein Stueck am Himmel so gross als drei Monddurchmesser, das nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt haette. Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Groessen sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmoeglich eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore liessen 8--10 Grad lange Lichtstreifen hinter sich zurueck, was zwischen den Wendekreisen haeufig vorkommt. Die Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Groesse der Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die groessten, von 1--1 deg. 13{~PRIME~} Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und liessen leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_'trabes'_) hinter sich. Das Licht der Meteore war weiss, nicht roethlicht, wahrscheinlich weil die Luft ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter den Tropen die Sterne erster Groesse beim Aufgehen ein auffallend weisseres Licht als in Europa. Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor vier Uhr aus den Haeusern gehen, um die Fruehmesse zu hoeren. Der Anblick der Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgueltig; die aeltesten erinnerten sich, dass dem grossen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz aehnliches Phaenomen vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf den Beinen; sie behaupteten, "das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurueckgekommen, haben sie schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen." Sie versicherten zugleich, auf dieser Kueste seyen nach zwei Uhr Morgens Feuermeteore sehr selten. Von vier Uhr an hoerte die Erscheinung allmaehlich auf; Feuerkugeln und Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weissen Licht und dem raschen Hinfahren erkennen. Diess erscheint nicht so auffallend, wenn ich daran erinnere, dass im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das Innere der Haeuser durch einen ungeheuer grossen Meteorstein stark erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein ueber die Stadt weg. Am 26. September 1800, waehrend unseres zweiten Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich die Sonnenscheibe ueber den Horizont erhoben, den Planeten mit blossem Auge deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewoelk, aber Jupiter stand auf blauem Grunde. Diese Faelle beweisen, wie rein und durchsichtig die Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist desto kleiner, je vollstaendiger der Wasserdunst aufgeloest ist. Dieselbe Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert auch die Schwaechung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht. Der 12. November war wieder ein sehr heisser Tag und der Hygrometer zeigte eine fuer dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der roethlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch herauf. Es war das letztemal, dass man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke hier, dass derselbe unter dem schoenen Himmel von Cumana im Allgemeinen so selten ist, als er in Acapulco auf der Westkueste von Mexico haeufig vorkommt. Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so versaeumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns ueberall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner groesstentheils im Freien schlafen, konnte eine so ausserordentliche Erscheinung nur da unbemerkt bleiben, wo sie sich durch bewoelkten Himmel der Beobachtung entzog. Der Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Faellen des Orinoco und in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das Himmelsgewoelbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen suedwestlich von Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phaenomen mit einem schoenen Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewaehrt. Einige Geistliche hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben nach den naechsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Hoehe. Nach der Lage der Berge und dichten Waelder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das kleine Dorf Maroa liegen, moegen die Feuerkugeln noch 20 Grad ueber dem Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Suedende von spanisch Guyana, im kleinen Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14) Ich wunderte mich sehr ueber die ungeheure Hoehe, in der die Feuerkugeln gestanden haben mussten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie staunte ich aber, als ich bei meiner Rueckkehr nach Europa erfuhr, die selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Laengegrade grossen Stueck des Erdballs, unter dem Aequator, in Suedamerika, in Labrador und in Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach Bordeaux fand ich zufaellig in den Verhandlungen der pennsylvanischen Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder nach Berlin ging, auf der Goettinger Bibliothek den Bericht der maehrischen Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana, die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben Gegenstand betreffen. Ich gebe im Folgenden eine gedraengte Zusammenstellung der Beobachtungen: 1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad ueber dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10 deg. 27{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~}, Laenge 66 deg. 30{~PRIME~}), in Porto-Cabello (Breite 10 deg. 6{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~}, Laenge 67 deg. 5{~PRIME~}) und an der Grenze von Brasilien in der Naehe des Aequators unter 70 deg. der Laenge vom Pariser Meridian. 2) In franzoesisch Guyana (Breite 40 deg. 56{~PRIME~}, Laenge 54 deg. 35{~PRIME~}) "sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden lang schossen unzaehlige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten ein so starkes Licht, dass man die Meteore mit den spruehenden Funkengarben bei einem Feuerwerk vergleichen konnte." Fuer diese Thatsache liegt ein hoechst achtungswerthes Zeugniss vor, das des Grafen Marbois, der damals als ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhaenglichkeit an verfassungsmaessige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und 81 deg. 50{~PRIME~} der Laenge. Er sah am ganzen Himmel "so viel Meteore als Sterne; sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff herabkommen." Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30 deg. 43{~PRIME~} der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56 deg. 55{~PRIME~}) und Hoffenthal (Breite 58 deg.,4{~PRIME~}), in Groenland zu Lichtenau (Breite 61 deg. 5{~PRIME~}) und Neu-Herrnhut (Breite 64 deg. 14{~PRIME~}, Laenge 52 deg. 20{~PRIME~}) erschraken die Eskimos ueber die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Daemmerung nach allen Himmelsgegenden niederfielen, "und von denen manche einen Schuh breit waren." 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstaedt bei Weimar, Zeising (Breite 50 deg. 59{~PRIME~}, oestliche Laenge 9 deg. 1{~PRIME~}), am 12. November zwischen 6 und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige Sternschnuppen mit sehr weissem Licht. "Kurz darauf erschienen gegen Sued und Suedwest 4--6 Fuss lange, roethliche Lichtstreifen, aehnlich denen einer Rakete. In der Morgendaemmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu Zeit den Himmel durch weisslichte, in Schlangenlinien am Horizont hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kaelter geworden und der Barometer war gestiegen." Sehr wahrscheinlich haette das Meteor noch weiter ostwaerts in Polen und Russland gesehen werden koennen. Ohne die umstaendliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstaedt entnommen, haetten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen ausserhalb der Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden. Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach Herrnhut in Groenland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt diess fuer dieselben eine Hoehe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen gegen Sued und Suedwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man koennte desshalb glauben, zahllose Aerolithen muessten zwischen Afrika und Suedamerika westwaerts von den Inseln des gruenen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn. Wie kommt es aber, dass die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten angestellten Beobachtungen fehlt. Ich moechte fast glauben, dass die Chaymas in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen in Brasilien und die Missionaere in Labrador; immer aber bleibt es unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir hoechst merkwuerdig), dass in der neuen Welt zwischen 46 deg. und 82 deg. der Laenge, vom Aequator bis zu 64 deg. der Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flaechenraum von 921,000 Quadratmeilen erschienen die Meteore ueberall gleich glaenzend. Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit ueber die Sternschnuppen und ihre Parallaxen so muehsame Untersuchungen angestellt haben, betrachten sie als Meteore, die der aeussersten Grenze unseres Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der leichtesten Wolken(15) angehoeren. Es sind welche beobachtet worden, die nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die hoechsten scheinen nicht ueber 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben haeufig ueber 100 Fuss Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, dass sie in wenigen Secunden zwei Meilen zuruecklegen. Man hat welche gemessen, die fast senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen. Aus diesem sehr merkwuerdigen Umstand hat man geschlossen, dass die Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich Himmelskoerpern durch den Raum gezogen, sich entzuenden, wenn sie zufaellig in unsere Atmosphaere gerathen, und zur Erde fallen. Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben moegen, so haelt es schwer, sich in einer Region, wo die Luft verduennter ist als im luftleeren Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Hoehe) das Quecksilber im Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stuende, sich eine ploetzliche Entzuendung zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichfoermige Gemisch der atmosphaerischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Hoehe, folglich nicht ueber die hoechste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man koennte annehmen, bei den fruehesten Umwaelzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, dass eine oberste, von den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die gasfoermigen Koerper mischen sich und durchdringen einander bei der geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte haette sich ein gleichfoermiges Gemisch herstellen muessen, wenn man nicht eine abstossende Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Koerper etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugaenglichen Regionen der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts eigenthuemliche luftfoermige Fluessigkeiten an, wie will man es erklaeren, dass sich nicht die ganze Schicht dieser Fluessigkeiten zumal entzuendet, dass vielmehr Gasausstroemungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen? Wie soll man sich ohne die Bildung von Duensten, die einer ungleichen Ladung faehig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250 deg. unter Null betraegt, und die so verduennt ist, dass die Compression durch den elektrischen Schlag so gut wie keine Waerme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten wuerden grossentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in der sie sich bewegen, als Koerper mit festem Kern, als *kosmische* (dem Himmelsraum ausserhalb unseres Luftkreises angehoerige), nicht als *tellurische* (nur unserem Planeten angehoerige) Erscheinungen betrachten koennte. Hatten die Meteore in Cumana nur die Hoehe, in der sich die Sternschnuppen gewoehnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310 Meilen aus einander liegen, ueber dem Horizont gesehen werden. Wie ausserordentlich muss nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am Aequator, in Groenland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht die scharfsinnige Bemerkung, dass dieselbe Ursache, aus der das Phaenomen haeufiger eintritt, auch auf die Groesse der Meteore und ihre Lichtstaerke Einfluss aeussert. In Europa sieht man in den Naechten, in denen am meisten Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch interessanter. In manchen Monaten zaehlte Brandes in unserem gemaessigten Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter, so kann man sicher darauf rechnen, dass hinter diesem glaenzenden Meteor viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so ist es hoechst wahrscheinlich, dass diess mehrere Wochen anhaelt. In den hohen Luftregionen, an der aeussersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten. Haengt die Periodicitaet dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der Atmosphaere ab, oder von etwas, das der Atmosphaere von auswaerts zukommt, waehrend die Erde in der Ekliptik fortrueckt? Von alle dem wissen wir gerade so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras. Was die Sternschnuppen fuer sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen haeufiger zu seyn als in gemaessigten Landstrichen, ueber den Festlaendern und an gewissen Kuesten haeufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberflaeche des Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich aendert, ihre Einfluesse noch in Hoehen aeussern, wo ewiger Winter herrscht? Dass in gewissen Jahreszeiten und ueber manchen duerren, pflanzenlosen Ebenen der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf hinzudeuten, dass dieser Einfluss sich wenigstens bis zur Hoehe von 5--600 Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der Hochebene der Anden ist vor dreissig Jahren eine aehnliche Erscheinung wie die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an Einem Stueck des Himmels, ueber dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in solcher Menge aufsteigen, dass man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer. Dieses ausserordentliche Schauspiel dauerte ueber eine Stunde; das Volk lief auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die hoechsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, dass das Feuer am Horizont von Feuermeteoren herruehrte, die bis zur Hoehe von 12 bis 15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schossen. ------------------ 14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der suedlichen Halbkugel in Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen haette. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphaere, der in diesen westlichen Laendern sehr veraenderlich ist, daran Schuld. 15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Ruecken der Anden in mehr als 2700 Toisen Meereshoehe ueber die *Schaefchen* oder kleinen weissen, gekraeuselten Wolken schaetzte ich die Hoehe derselben zuweilen auf mehr als [] Toisen ueber der Kueste. ELFTES KAPITEL. Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas. Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um laengs der Kueste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die Einwohner von Venezuela den groessten Theil ihrer Produkte ausfuehren. Es sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt waehrt meist nur 36--40 Stunden. Den kleinen Kuestenfahrzeugen kommen Wind und Stroemungen zumal zu gut; letztere streichen mehr oder minder stark von Ost nach West laengs den Kuesten von Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa. Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsbloecke und einer wuchernden Vegetation zu kaempfen; man muss unter freiem Himmel schlafen, die Thaeler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und ueber Stroeme setzen, die wegen der Naehe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende laeuft, weil das Land sehr ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Kuestenkette und dem Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die von einem ungeheuren Gehoelz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem duerren Boden und dem Mangel an Regen. Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas nach Cumana zurueckgeht und nicht gerne gegen die Stroemung faehrt. Der Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen haeufig Leute, die sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel gegen diese Fieber ist, waechst in denselben Thaelern, am Saume derselben Waelder, deren Ausduenstungen so gefaehrlich sind. Der kranke Reisende macht Halt in einer Huette, deren Bewohner nichts davon wissen, dass die Baeume, welche die Thalgruende umher beschatten, das Fieber vertreiben. Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort ueber die grossen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen ungeheuren Strom suedlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur Grenze von Brasilien hinauffahren und ueber die Hauptstadt des spanischen Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpass geheissen, nach Cumana zurueckkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen, wovon wir ueber zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen wuerden, liess sich unmoeglich bestimmen. Auf den Kuesten kennt man nur das Stueck des Orinoco nahe an seiner Muendung; mit den Missionen besteht lediglich kein Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist fuer die Einwohner von Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Sued fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in Verbindung; andere halten wegen der grossen Sterblichkeit unter den Truppen Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land suedlich von den Katarakten von Amtes fuer aeusserst ungesund. In einem Lande, wo man so wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenueber die Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu uebertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht gewoehnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefassten Entschlusse fest. Wir konnten auf die Theilnahme und Unterstuetzung des Statthalters der Provinz, Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der Franziscanermoenche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen Herren sind. Zum Glueck fuer uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in Cumana. Dieser junge Moench war nur ein Laienbruder, aber sehr verstaendig, gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Kueste hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer grosse Aufregung herrscht, das Missfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei uebte eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern Orinoco, beruechtigt durch die Unzahl boesartiger Insekten, welche Jahr aus Jahr ein die Luft erfuellen. Fray Juan Gonzales war mit den Waeldern zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt. Eine andere Umwaelzung im republikanischen Regiment der Moenche hatte ihn seit einigen Jahren wieder an die Kueste gebracht und er stand bei seinen Obern in verdienter Achtung. Er bestaerkte uns in unserem Verlangen, die vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns guten Rath fuer die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnuegen auf der Rueckreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte, uebernahm er es gefaellig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines Ordens grosse Dienste haette leisten koennen, kam im Jahr 1801 in einem Sturm an der afrikanischen Kueste ums Leben. Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von denen, die zum Handel an den Kuesten und mit den Antillen gebraucht werden. Sie sind dreissig Fuss lang und haben nicht mehr als drei Fuss Bord ueber Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewoehnlich 200 bis 250 Centner. Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie ein ungeheures dreieckiges Segel fuehren, was bei den Windstoessen, die aus den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit dreissig Jahren kein Beispiel, dass eines dieser Fahrzeuge auf der Ueberfahrt von Cumana an die Kueste von Caracas gesunken waere. Die indianischen Schiffer sind so gewandt, dass selbst bei ihren haeufigen Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den daenischen Inseln, die mit Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehoert. Diese 120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Kueste mehr sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne Beobachtung der Sonnenhoehe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compass unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen und des grossen Baeren zu finden wussten, und es kam mir vor, als steuerten sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so gluecklich. Wenn sich die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande naehern, kommen sie gegen Ost gegen Wind und Stroemung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des Octanten schwer zu buessen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen, welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen, in Sicht bekommen muessen, um ihres Weges gewiss zu seyn. Wir fuhren rasch den kleinen Fluss Manzanares hinab, dessen Kruemmungen Cocosbaeume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf dem anstossenden duerren Strande schimmerten auf den Dornbueschen, die bei Tag nur staubigte Blaetter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man wird unter den Tropen des Schauspiels nicht muede, wenn diese hin und her zuckenden roethlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre Bilder und die der Sterne am Himmelsgewoelbe unter einander wimmeln. Wir schieden vom Kuestenlande von Cumana, als haetten wir lange da gelebt. Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach dem ich mich seit meiner fruehesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der Natur im indischen Klima ist so maechtig und grossartig, dass man schon nach wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In Europa hat der Nordlaender und der Bewohner der Niederung selbst nach kurzem Besuch eine aehnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von der koestlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von der wilden, grossartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenaeen scheidet. Ueberall in der gemaessigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens haben Familienaehnlichkeit mit denen, die unter dem schoenen Himmel Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den Tieflaendern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur. Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa mahnt; denn von der Vegetation haengt der Charakter einer Landschaft ab; sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und maechtiger die Eindruecke sind, desto mehr loeschen sie fruehere Eindruecke aus, und durch die Staerke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich auf alle, die mit mehr Sinn fuer die Schoenheiten der Natur als fuer die Reize des geselligen Lebens lange in der heissen Zone gelebt haben. Das erste Land, das ihr Fuss betreten, wie theuer und denkwuerdig bleibt es ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins hoechste Alter, regt sich in ihnen ein dunkles Sehnsuchtsgefuehl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein staubigter Boden stehen noch jetzt weit oefter vor meinem inneren Auge als alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schoenen suedlichen Himmel wird selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht allein, sie faerbt die Gegenstaende, sie umgibt sie mit einem leichten Duft, der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und ueber die Natur eine Ruhe ausgiesst, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kaerglich bewaldeter Kuestenstriche zu begreifen, bedenke man nur, dass von Neapel dem Aequator zu der Himmel in dem Verhaeltniss immer schoener wird, wie von der Provence nach Unteritalien. Wir liefen waehrend der Fluth ueber die Barre, welche der kleine Manzanares an seiner Muendung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die Gewaesser des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber der Theil der Milchstrasse zwischen den Fuessen des Centauren und dem Sternbild des Schuetzen schien einen Silberschimmer auf die Meeresflaeche zu werfen. Der weisse Fels, auf dem das Schloss San Antonio steht, tauchte zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht lange, so erkannten wir die Kueste nur noch an den zerstreuten Lichtern fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und das schmerzliche Gefuehl, scheiden zu muessen. Vor fuenf Monaten hatten wir dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit Zagen den Fuss setzend. Jetzt, da diese Kueste unsern Blicken entschwand, lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt duenkten. Boden, Gebirgsart, Gewaechse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden. Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel Araya zuhielten; dann fuhren wir dreissig Meilen nach West und West-Sued-West. In der Naehe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und bis zu den Bergoelquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in diesem Klima so haeufig bietet. Schwaerme von Tummlern zogen unserem Fahrzeug nach. Ihrer fuenfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf die Wasserflaeche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war, als braeche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm liess beim Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurueck. Diess fiel uns um so mehr auf, da ausserdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag eines Ruders und der Stoss des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken gaben, so muss man wohl annehmen, dass der starke Lichtschein, der von den Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herruehrte, sondern auch von der gallertartigen Materie, die ihren Koerper ueberzieht und vom Stoss der Wellen abgerieben wird. Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerkluefteten, kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land. Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Truemmer der alten Kueste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die sicher eines Tages stark besuchte Haefen werden. Das zerrissene Land, die zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine grosse Umwaelzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom Gneiss des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht man in Cumana von den flachen Daechern, und dort zeigen sich an ihnen in Folge der verschiedenen Temperatur der ueber einander gelagerten Luftschichten die sonderbarsten Verrueckungen und Luftspiegelungen. Diese Felsen sind schwerlich ueber 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht scheinen sie von sehr bedeutender Hoehe. Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heissen, so weit von der Stadt dieses Namens, der Kueste der Cumanagotos gegenueber zu finden; aber Caracas bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale Wasserfaeden in der Stroemung auf Boracha zu, das groesste der Eilande. Da die Felsen fast senkrecht aufsteigen, so faellt der Meeresgrund steil ab und auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, dass sie beinahe ans Land stiessen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen, seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Waerme durch Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne ueber den Horizont stieg, desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die Meeresflaeche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde, braune, sehr grosse, schnellfuessige Ziegen mit -- wie unser Steuermann versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreissig Jahren hatte sich eine weisse Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc gebaut. Der Vater ueberlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und diess ward sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen verwilderten, nicht so die Kulturgewaechse. Der Mais in Amerika, wie der Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu erhalten, an den sie seit seinen fruehesten Wanderungen gekettet sind. Wohl wachsen diese naehrenden Graeser hin und wieder aus verstreuten Samen auf; wenn sie sich aber selbst ueberlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die Voegel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; fuer ein an so einsamem Ort begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, dass er alle Verhafteten aufknuepfte, gegen die laengst das Todesurtheil gefaellt war. Man sollte kaum glauben, dass es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Haenden diejenigen abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben. Wir verliessen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knuepfen, und ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Muendung des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen Inipiricuar lautet. Der Fluss wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehoeren zu der Art, die im Orinoco so haeufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so sehr gleicht, dass man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht ein, dass ein Thier, dessen Koerper in einer Art Panzer steckt, fuer die Schaerfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta sah, wie er in seinem kuerzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzaehlt, auf der Kueste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am Lande leben. Diese Beobachtungen werden fuer die Geologie von Bedeutung, seit man in dieser Wissenschaft die Suesswasserbildungen naeher ins Auge fasst, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See- und Suesswasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen. Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden groesstentheils die Produkte der weiten Steppen ausgefuehrt, die sich vom Suedabhang der Kuestenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die Handelsindustrie dieser Laender gruendet sich auf den Bedarf der grossen und kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden. Da die Kuesten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von 15--18 Tagereisen gegenueber liegen, so beziehen die Handelsleute in der Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona, als dass sie das Wagniss einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur Muendung des Rio de la Plata uebernaehmen. Von der schwarzen Bevoelkerung von 1,300,000 Koepfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zaehlt, kommen auf Cuba allein ueber 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemuessen, gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma fuehrt, ladet 20 bis 30,000 Arobas, deren Handelswerth ueber 45,000 Piaster betraegt. Barcelona ist besonders fuer den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei Tagen aus den Llanos in den Hafen, waehrend sie wegen der Gebirgskette des Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und 1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere nach den spanischen, englischen und franzoesischen Inseln eingeschifft. Wie viele aus Burburata, Coro und aus den Muendungen des Guarapiche und Orinoco ausgefuehrt werden, weiss ich nicht genau; aber trotz der Einfluesse, durch welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas herabgebracht worden ist, muessen, nach meiner Schaetzung, diese unermesslichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jaehrlich in den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster (Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen 3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da er als Agent der franzoesischen Regierung sich fortwaehrend in der Stadt Caracas aufhalten musste, so moegen die Besitzer der *Hatos* bei den Schaetzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben. Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen ueber dem Meere liegt. Es ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Sued von einem weit hoeheren Berge beherrscht, und Sachverstaendige behaupten, es koennte dem Feind, nachdem er zwischen der Muendung des Flusses und dem Morro gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden Hoehen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht ueber die englischen Kreuzer, die laengs der Kuesten stationirt waren. Zwei unserer Reisegefaehrten, Brueder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus Spanien, wo sie in der koeniglichen Garde gedient hatten. Es waren sehr gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurueck. Ihnen musste noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica gefuehrt zu werden. Ich hatte keine Paesse von der Admiralitaet; aber im Vertrauen auf den Schutz, den die grossbritannische Regierung Reisenden gewaehrt, die bloss wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Laendern suchte. Die Antwort, die mir ueber den Meerbusen von Paria zukam, war sehr befriedigend. Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich Mondshoehen auf, um die Laenge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden aus einander. Ich habe mich ueber diese Entfernung, ueber die damals viele Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der Magnetnadel fand ich gleich 42 deg.,20; 224 Schwingungen gaben die Intensitaet der magnetischen Kraft an. Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und zieht sich gegen Sueden zurueck; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser 25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberflaeche war 25 deg.,9, als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24 deg.,5. Der Unterschied zeigte sich bestaendig; er waere vielleicht bedeutender, wenn die Stroemung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbraechte, und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhoehung der Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Baenken, die bei der Ebbe ueber Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll ueber den mittleren Wasserstand. Ihre Oberflaeche ist voellig eben und mit Gras bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben. Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball ueber der Grasflur zu haengen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte. Wenn aber auch in der heissen Zone an tiefen, feuchten Orten Graeser und Riedgraeser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen, die nur eben ueber die Graeser emporragen und sich vom ebenen gruenen Grunde abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den Tropen ein solcher Trieb in den Gewaechsen, dass die kleinsten dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Straeuchern werden. Man koennte sagen, die Liliengewaechse, die unter den Graesern wachsen, vertreten unsere Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhaeltniss nicht aufkommen, das zwischen den Gewaechsen besteht, die bei uns den Rasen und die Wiese bilden. Die guetige Natur verleiht unter allen Zonen der Landschaft einen ihr eigenthuemlichen Reiz des Schoenen. Man darf sich nicht wundern, dass fruchtbare Inseln so nahe der Kueste gegenwaertig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Kuesten waren, gruendeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald die Eingeborenen unterworfen oder suedwaerts den Savanen zu gedraengt waren, liess man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter Laendereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Laegen die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel der Antillen, so waeren sie nicht unangebaut geblieben. Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der suedlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren, sehr gefuerchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der Muendung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still gewesen, immer unruhiger, je naeher wir Cap Codera kamen. Der Einfluss dieses grossen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen weithin fuehlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra haengt davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt. Jenseits dieses Caps ist die See bestaendig so unruhig, dass man nicht mehr an der Kueste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stuermen weiss. Der Stoss der Wellen wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefaehrten litten sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glueck, nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht ueber. Bei Sonnenaufgang am 20. November waren wir so weit, dass wir hoffen konnten das Cap in wenigen Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im kleinen Hafen Higuerote, ueber den wir schon hinaus waren, vor Anker zu gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiss man zum voraus, wofuer sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man musste nachgeben, und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in der Bucht von Higuerote, westwaerts von der Muendung des Rio Capaya. Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen Fischern, Mestizen, bewohnte Huetten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, dass diese Gegend eine der ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Kueste ist. Die See ist hier so seicht, dass man in der kleinsten Barke nicht landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Waelder ziehen sich bis zum Strande herunter, und diesen ueberzieht ein dichtes Buschwerk von sogenannten Wurzeltraegern, Avicennien, Manschenillbaeumen und der neuen Art der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _'Romero de la mar'_ heisst. Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausduenstungen der Wurzeltraeger oder Manglebaeume, schreibt man es hier, wie ueberall in beiden Indien, zu, dass die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein fader, suesslicher Geruch entgegen, aehnlich dem, den in verlassenen Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verloeschen anfangen, das mit Schimmel ueberzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in Folge der Reverberation des weissen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk und den hochgipfligten Waldbaeumen hinzog. Da der Boden einen ganz unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebaeume bald unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten Blaetter und die im angeschwemmten Seetang haengenden Weichthiere gleichsam in Gaehrung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schaedlichen Gase, die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Kueste zeigt das Seewasser da, wo es mit den Manglebaeumen in Beruehrung kommt, eine braungelbe Faerbung. Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in Caracas mit dem Aufguss des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der Aufguss mit heissem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den natuerlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben Eigenschaften. Der Aufguss des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwoelf Tage lang mit atmosphaerischer Luft in Beruehrung gebracht; die Reinheit derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein kleiner flockigter, schwaerzlichter Bodensatz, aber eine merkbare Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei nachahmen, was in der Natur auf der Kueste bei steigender Fluth taeglich vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff und Kohlensaeure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an. Endlich liess ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stoepsel eine bestimmte Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphaerische Luft einwirken. Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur 0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch fluechtigen Untersuchung war ich der Ansicht, dass die Luft in den Manglegebueschen durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark gelb gefaerbte Schichte Seewasser, die laengs der Kueste einen deutlichen Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie, auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche Reisende den eigenthuemlichen Geruch unter den Manglebaeumen zuschreiben. Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen Strand- und Seegewaechsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff entbunden; ich glaube aber vielmehr, dass Rhizophora, Avicennia und Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Straeucher gehoeren zu den drei natuerlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, dass dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nussbaeume mit Gallerte verbunden ist. Uebrigens wuerde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schaedliche Ausduenstungen Verbreiten, wenn es auch aus Baeumen bestaende, die an sich keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo Manglebaeume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter ueber dem Wasser steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Staemme, der Tang, den Wind und Fluth an die Kuesten treiben, bleibt an den sich zum Boden niederneigenden Zweigen haengen. Auf diese Weise, indem sich der Schlamm zwischen den Wurzeln anhaeuft, wird durch die Kuestenwaelder das feste Land allgemach vergroessert; aber waehrend sie so der See Boden abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maass, als sie vorruecken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebaeume und die andern Gewaechse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Staemme bezeichnen nach Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen. Die Bucht von Higuerote ist sehr guenstig gelegen, um das Vorgebirge Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch seine Hoehe, die mir nach Hoehenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht ueber 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West faellt es steil ab, und man meint an diesen grossen Profilen die fallenden Schichten zu unterscheiden. Die Schichten zunaechst bei der Bucht strichen Nord 60 deg. West und fielen unter 80 deg. nach Nordwest. Am grossen Berge Silla und oestlich von Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben, und daraus scheint hervorzugehen, dass die Urgebirgskette dieser Landenge, die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera wieder auftritt und gegen West als Kuestenkette fortstreicht. Meinen Reisegefaehrten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern unseres kleinen Schiffes so bange, dass sie beschlossen, den Landweg von Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe fuehrt durch ein wildes, feuchtes Land, durch die Montana de Capaja noerdlich von Caucagua, durch das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, dass auch Bonpland diesen Weg waehlte, auf dem er trotz des bestaendigen Regens und der ausgetretenen Fluesse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus den Augen zu lassen. Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr guenstig und wir hatten viele Muehe, um Cap Codera herum zu kommen; die Wellen waren kurz und brachen sich haeufig in einander; es gehoerte die Erschoepfung durch einen furchtbar heissen Tag dazu, um in einem kleinen, dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu koennen. Die See ging um so hoeher, als der Wind bis nach Mitternacht der Stroemung entgegen blies. Der zwischen den Wendekreisen ueberall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen ist an diesen Kuesten nur waehrend zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu spueren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor, dass die Stroemung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon oefter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die Stroemung, die von West nach Ost ging, nicht bewaeltigen, obgleich sie den Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmaessigkeiten ist bis jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stuermen aus Nordwest im Golf von Mexico zu, aber diese Stuerme sind im Fruehjahr weit staerker als im Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, dass die Stroemung nach Osten geht, bevor der Seewind sich aendert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach einigen Tagen geht auch der Wind der Stroemung nach und blaest bestaendig aus West. Waehrend dieser Vorgaenge bleiben die kleinen Schwankungen des Barometers auf und ab in ihrer Regelmaessigleit durchaus ungestoert. Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwaerts vom Cap Codera dem Curuao gegenueber. Der indianische Steuermann erschrack nicht wenig, als sich nordwaerts in der Entfernung einer Seemeile eine englische Fregatte blicken liess. Sie hielt uns wahrscheinlich fuer eines der Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete Lizenzscheine fuehrten. Sie liess uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Kueste felsigt und sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und malerisch. Wir waren so nahe am Land, dass wir die zerstreuten von Cocospalmen umgebenen Huetten unterschieden und die Massen von Gruen sich vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge drei, viertausend Fuss hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite Schlagschatten ueber das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und geschmueckt mit frischem Gruen daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen grossentheils die tropischen Fruechte, die man auf den Maerkten von Caracas in so grosser Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thaeler hinauf, die Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und Schatten. Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die hoechsten Gipfel dieser Kuestenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenaeen; es ist als stiegen die Pyrenaeen oder die Alpen, von ihrem Schnee entbloest, gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Huegel mit sanftem Abhang erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel Zuckerrohr und die barmherzigen Brueder haben daselbst eine Pflanzung und 200 Sklaven. Die Gegend war frueher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man behauptet, die Luft sey gesuender geworden, seit man um einen Teich, dessen Ausduenstungen man besonders fuerchtete, Baeume gepflanzt hat, so dass das Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda laeuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das huebsch gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken ueber einander und in duftiger Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelfoermigen, blendend weissen Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnussbaeume saeumen das Ufer und geben ihm unter dem gluehenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit. Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehoert hatte, sondern ueber dem Dorfe Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhoehe, das dem kuehlen Luftzug mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier Tage frueher als meine Reisegefaehrten, die auf dem Landweg zwischen Capaya und Curiepe durch die starken Regenguesse und die ausgetretenen Bergwasser viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht oefters auf dieselben Gegenstaende zurueckzukommen, schliesse ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des merkwuerdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas fuehrt, alle Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat, sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich mich auf eine naehere Beschreibung der Gegenstaende, die er ausfuehrlich behandelt hat, nicht ein. Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbaenken, vom schlechten Ankergrund und den Bohrwuermern(18) zumal gefaehrdet. Das Laden ist mit grossen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwuerdig ist, sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so haeufig sind, nichts zu fuerchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie die Beobachtung, die ich unter den Tropen haeufig an Thieren aus andern Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe. In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, dass die von gewissen Inseln leicht zu zaehmen sind, waehrend Affen derselben Art, die auf dem benachbarten Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, waehrend die aus einer andern Lache aeusserst unerschrocken angreifen. Aus den aeussern Verhaeltnissen der Oertlichkeiten waere diese Verschiedenheit in Gemuethsart und Sitten nicht leicht zu erklaeren. Mit den Haifischen im Hafen von Guayra scheint es sich aehnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenueber der Kueste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefaehrlich und blutgierig, waehrend sie Badende in den Haefen von Guayra und Santa Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklaerung der Naturerscheinungen zu vereinfachen, ueberall zum Wunderbaren, und so glaubt es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen ertheilt. Guayra ist ganz eigenthuemlich gelegen; es laesst sich nur mit Santa Cruz auf Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem hochgelegenen Thal von Caracas stuerzt fast unmittelbar in die See ab und die Haeuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Strassen, die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes, Truebseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Waeldern bedeckten Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und Pflanzenwuchs. Ausser Cabo Blanco und den Cocosnussbaeumen von Maiquetia, besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen Himmelsgewoelbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht fuer heisser als das von Cumana, Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwaecher ist und durch die Waerme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt, die Luft erhitzt wird. Man machte sich uebrigens von der Luftbeschassenheit dieses Ortes und des ganzen benachbarten Kuestenlandes eine unrichtige Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Beruehrung stehende Luft wirkt auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muss aber doch bemerken, dass ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg von den Haeusern und ueber 300 Toisen von den Gneissfelsen, mehrere Tage lang kaum schwache Spuren von positiver Elektricitaet bemerken konnte, waehrend in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkuegelchen 1--2 Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten ueber die regelmaessigen taeglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der Luft unter den Tropen, ein Verhaeltniss, das mit den Schwankungen in der Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht. Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese Laender besuchen, ein unerschoepflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in diesem Falle das Zeugniss der Sinne ungemein leicht taeuscht, so laesst sich ueber die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhaeltnissen urtheilen. Die vier eben genannten Orte gelten fuer die heissesten auf dem Kuestenstrich der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon oefters von uns gemachte Bemerkung zu bestaetigen, dass im Allgemeinen nur das lange Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die uebermaessige Hitze oder die absolute Waermemenge den Bewohnern der heissen Zone laestig wird. Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November war in Guayra 31 deg.,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29 deg.,3, in Vera Cruz 28 deg.,7, in der Havana 29 deg.,5. Die taeglichen Abweichungen betrugen zur selben Stunde nicht leicht ueber 0 deg.,8--1 deg.,4. Waehrend dieser ganzen Zeit regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Diess ist der Zeitpunkt, wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhoert, sobald die Tagestemperatur auf 24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heissesten Monats war in Guayra etwa 29 deg.,3, in Cumana 29 deg.,1, in Vera Cruz 27 deg.,7, in Cairo, nach Rouet, 29 deg.,9, in Rom 25 deg.,0. Vom 16. November bis 19. December war die mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24 deg.,3, bei Nacht 21 deg.,6. Um diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube uebrigens, dass man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21 deg. fallen sieht; in Cumana faellt er zuweilen auf 21 deg.,2, in Vera Cruz auf 16 deg., in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8 deg. und selbst darunter. Die mittlere Temperatur des kaeltesten Monats ist an diesen vier Orten: 23 deg.,2, 26 deg.,8, 21 deg., 21 deg.,0; in Cairo 13 deg.,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur ist, nach guten, sorgfaeltig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefaehr 28 deg.,1, in Cumana 27 deg.,7, in Vera Cruz 25 deg.,4, in der Havana 25 deg.,6, in Rio Janeiro 23 deg.,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28 deg. 28{~PRIME~} der Breite, aber wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21 deg.,9, in Cairo 22 deg.,4, in Rom 15 deg.,8.(19) Aus diesen Beobachtungen geht hervor, dass Guayra einer der heissesten Orte der Erde ist, dass die Summe der Waerme, welche derselbe im Laufe eines Jahres erhaelt, etwas groesser ist als in Cumana, dass sich aber in den Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei Durchgaengen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra staerker abkuehlt. Sollte diese Abkuehlung, die weit unbedeutender ist, als die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht von der westlicheren Lage von Guayra herruehren? Das Luftmeer, das fuer den oberflaechlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Stroemungen bewegt, deren Grenzen durch unabaenderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur desselben aendert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Laender und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken abtheilen, die sich in einander ergiessen, und wovon die unruhigsten (wie das ueber dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluss auf Erkaeltung und Bewegung der benachbarten Luftsaeulen aeussern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im suedwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und Gegenstroemungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma hin herabdruecken. Waehrend meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geissel des gelben Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Kueste von Caracas weit weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, ploetzlich an gewissen unregelmaessig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren meist Menschen, die das anstrengende Geschaeft des Holzfaellens trieben, zum Beispiel in den Waeldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte haeufig in Staedten, die fuer sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europaeer in Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Kuesten von Terra Firma war der eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen) und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und beschrieben hat. Die kuerzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man beklagte sich nur ueber die drueckende Hitze, die einen grossen Theil des Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man hoechstens die Haut- und Augenentzuendungen zu befuerchten, die fast ueberall in der heissen Zone vorkommen und die haeufig von Fieberbewegungen und Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kuehlen, aber aeusserst veraenderlichen Klima von Caracas das heisse, aber bestaendige von Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die Rede. Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geoeffnet. Matrosen aus kaelteren Laendern als Spanien, und daher empfindlicher fuer die klimatischen Einfluesse der heissen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den spanischen Spitaelern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf die Rhede gekommen. Der Capitaen der Brigantine stellte solches in Abrede und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgaengen in Cadix im Jahr 1800 weiss man, wie schwer es ist, ueber Faelle ins Reine zu kommen, die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren ueber das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, dass der Typhus von aussen gekommen, die andern, dass er im Lande selbst entstanden. Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, dass das Austreten des Rio de la Guayra eine Veraenderung der Luftbeschaffenheit herbeigefuehrt habe. Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach sechzigstuendigem Regen im Gebirge so furchtbar an, dass es Baumstaemme und ansehnliche Felsbloecke mit sich fortriss. Das Wasser wurde 30--40 Fuss breit und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Haeuser wurden von der Fluth weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfliessen konnte, sich zufaellig geschlossen hatte. Man musste in die Mauer der See zu ein Loch schiessen; mehr als dreissig Menschen kamen ums Leben und der Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewoelben des Gefaengnisses mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als praedisponirende Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben koennen; indessen glaube ich, dass das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir, des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigefuehrt haben. Ich habe das Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als duerren Boden und Bloecke von Glimmerschiefer und Gneiss mit eingesprengtem Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts, was die Luft haette verunreinigen koennen. Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein gross war) hat das gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wuethete nicht allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch unter denen, die fern von der Kueste in den Llanos zwischen Calabozo und Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiss als Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand wuerde uns noch mehr auffallen, wenn wir nicht wuessten, dass sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro (in 476 Toisen Meereshoehe), wo mit den Eichen ein kuehles, koestliches Klima beginnt, eine unuebersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber nicht leicht ueber den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas hinueber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine treffliche Schutzwehr fuer die Stadt Caracas, die etwas hoeher liegt als der Encaro, die aber eine hoehere mittlere Temperatur hat als Xalapa. Bonplands und meine Beobachtungen ueber die physischen Verhaeltnisse der Staedte, welche periodisch von der Geissel des gelben Fiebers heimgesucht werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue Vermuthungen ueber die Veraenderungen in der pathogonischen Constitution mancher Staedte zu aeussern. Je mehr ich ueber diesen Gegenstand nachdenke, desto raethselhafter erscheint mir alles, was auf die gasfoermigen Effluvien Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _'Keime der Ansteckung'_ nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kaelte zerstoert werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Waenden der Haeuser haften sollen. Wie will man erklaeren, dass in den achtzehn Jahren vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von "Vomito" vorkam, obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europaeern und Mexicanern aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen ueberliessen, ueber die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich war, als sie seit dem Jahr 1800 ist? Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heissen Erdstrichs, der bis jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele in kaelterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist hier eine Veraenderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform entwickelt? Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in suedlicheren Laendern geborenen Europaeern. Theilt er sich durch Ansteckung mit, so ist es zu verwundern, dass er in den Staedten des tropischen Festlandes keineswegs sich an gewisse Strassen haelt, und dass die unmittelbare Beruehrung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein, namentlich an kuehlere, hoehere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa, stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die praedisponirenden Ursachen, die sich an der Kueste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur bedeutend ab, so hoert die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewoehnlich auf. Mit Eintritt der heissen Jahreszeit, zuweilen weit frueher, faengt sie wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen und kein Schiff eingelaufen ist. Der amerikanische Typhus scheint auf den Kuestenstrich beschraenkt, sey es nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier die Waaren aufgehaeuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthuemliche gasfoermige Effluvien bilden. Das aeussere Ansehen der Orte, wo der Typhus wuethet, scheint oft die Annahme eines oertlichen oder endemischen Ursprungs voellig auszuschliessen. Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Laendern, deren Klima frueher fuer sehr gesund galt. Die Faelle von Verschleppung des gelben Fiebers ins Binnenland sind in der heissen Zone sehr zweideutig; die Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt worden seyn. In der gemaessigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der praedisponirenden Ursachen, nach der laengeren oder kuerzeren Dauer, nach den Graden der Boesartigkeit muss uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt, den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre 1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat, ist mit mir der Ansicht, dass der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber nicht immer. Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet, hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu uebertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt, fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar Tropfen Regen fallen, koennen der Ursachen der sogenannten schaedlichen Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Strassen von Guayra schienen mir im Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die Schlachtbaenke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich zersetzte Tange und Weichthiere anhaeufen, aber die benachbarte Kueste nach Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist aeusserst ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und Caravalleda haeufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine mit faulen Duensten geschwaengerte Luft auf die Kueste von Guayra. Da die Reizbarkeit der Organe bei den noerdlichen Voelkern so viel staerker ist als bei den suedlichen, so ist nicht zu bezweifeln, dass bei groesserer Handelsfreiheit und staerkerem und innigerem Verkehr zwischen Laendern mit verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich ueber die neue Welt verbreiten wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, koennen moeglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der Lebenskraefte sich ausbilden. Es ist diess eines der nothwendigen Uebel im Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wuenscht darum keineswegs die Barbarei zurueck; ebensowenig theilt er die Ansicht der Leute, die dem Verkehr unter den Voelkern gerne ein Ende machten, nicht um die Haefen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem Eindringen der Aufklaerung zu wehren und die Geistesentwicklung aufzuhalten. Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen Meerbusen fuehren, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der grossen Bestaendigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befuerchten, der Typhus moechte dort einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs sehr boesartig aufgetreten ist. Gluecklicherweise hat sich die Sterblichkeit vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen Stadien der Krankheit, die Periode der entzuendlichen Erscheinungen, und die der Ataxie oder Schwaeche, besser kennt und auseinander haelt. Es waere sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, dass die neuere Medicin gegen dieses schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hoert ziemlich allgemein die Aeusserung, "die Aerzte wissen jetzt den Hergang der Krankheit befriedigender zu erklaeren als frueher, sie heilen sie aber keineswegs besser; frueher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei, ausser einem Tamarindenaufguss; gegenwaertig fuehre ein eingreifenderes Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode." Wer so spricht, weiss nicht ganz, wie man frueher auf den Antillen zu Werke ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, dass zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so ruhig sterben liessen, als man meint. Man toedtete damals nicht durch uebertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlaesse und uebermaessiges Purgiren. Die Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, dass sie, sehr treuherzig, "gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar am Krankenbett erschienen." Gegenwaertig bringt man es in reinlichen, gut gehaltenen Spitaelern dahin, dass von 100 Kranken nur 15--20 und selbst etwas weniger sterben; aber ueberall, wo die Kranken zu sehr auf einander gehaeust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Haelfte, wohl gar (wie im Jahr 1802 bei der franzoesischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile der Kranken. Ich fand die Breite von Guayra 10 deg. 36{~PRIME~} 19{~DOUBLE PRIME~}, die Laenge 69 deg. 26{~PRIME~} 13{~DOUBLE PRIME~}. Die Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42 deg. 20, die Declination nach Nordost 4 deg. 30{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}; die Intensitaet der magnetischen Kraft = 237 Schwingungen. Geht man an der aus Granit gebauten Kueste von Guayra gegen West, so kommt man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschuetzte Rhede ist, und dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die Schiffe vortrefflich ankern koennen. Es sind die kleinen Buchten Catia, los Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata und Patanebo. Alle diese Haefen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem man Maulthiere nach Jamaica ausfuehrt, werden gegenwaertig nur von kleinen Kuestenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter Blickenden, legen einen grossen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich von Cabo Blanco. Diesen Kuestenpunkt untersuchten Bonpland und ich waehrend unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Laengst geht man mit dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte Strasse von Guayra, die beinahe dem Uebergang ueber den St. Gotthard gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan koennte der Hafen von Catia, der so geraeumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist dieser ganze Kuestenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbaeumen bewachsen und hoechst ungesund. Fast nirgends auf der Kueste ist es so heiss als in der Naehe von Cabo Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des duerren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die uebermaessige Einwirkung des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen fuer uns. In Guayra fuerchtet man die Insolation und ihren Einfluss auf die Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber sich zu zeigen anfaengt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdraengen, den er fertig in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit einer halben Stunde in blossem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er versicherte mich, da ich ein hoher Nordlaender sey, muesse ich nach der Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Praeservativ nehme. Diese Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da ich mich laengst fuer acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet. Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen wir die Kueste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rueckkehr von den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000 Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Paessen in den Alpen, dem Weg ueber den St. Gotthard oder den grossen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von Caracas liegen moege. Man hatte laengst bemerkt, dass es von der Cumbre und las Vueltas, dem hoechsten Punkt der Strasse, nach Pastora am Eingang des Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von Caracas kann man sich von der Hoehe desselben unmoeglich einen richtigen Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftstroeme abgekuehlt, sowie einen grossen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel, welche den hohen Gipfel der Silla einhuellen. Ich habe den Weg von Guayra nach Caracas mehrere male zu Fuss gemacht und nach zwoelf Punkten, deren Hoehe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich haette gerne gesehen, dass meine Vermessung durch einen unterrichteten Reisenden, der nach mir dieses malerische und fuer den Naturforscher so interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden waere; mein Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfuellung gegangen. Wenn man zur Zeit der staerksten Hitze die gluehende Luft Guayras athmet und den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, dass in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine Bevoelkerung von 40,000 Seelen einer Fruehlingskuehle geniessen soll, einer Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Dass auf diese Weise verschiedene Klimate einander nahe gerueckt sind, kommt in den ganzen Cordilleren der Anden haeufig vor; aber ueberall, in Mexico, in Quito, in Peru, in Neu-Grenada muss man weit ins Binnenland reisen, entweder ueber die Ebenen oder auf Stroemen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die grossen Staedte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstaedten des spanischen Amerika, die mitten in der heissen Zone ein koestlich kuehles Klima haben, liegt Caracas am naechsten an der Kueste. Nur drei Meilen in einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind bedeutende Vortheile. Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schoener als der von Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser unterhalten als die alte Strasse, die aus dem Hafen von Vera Cruz am Suedabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote fuehrt. Man braucht mit guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas und zum Rueckweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fuss Vier bis fuenf Stunden. Man kommt zuerst ueber einen sehr steilen Felsabhang und ueber die Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem grossen Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen ueber dem Meere liegt. Der Name "verbrannter Thurm" bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhaelt, wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswaende und vollends die duerre Ebene zu den Fuessen ausstrahlen, ist drueckend zum Ersticken. Auf diesem Wege und ueberall, wo man auf starken Abhaengen in ein anderes Klima gelangt, schien mir das Gefuehl von gesteigerter Muskelkraft und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in kuehlere Luftschichten ueber einen kommt, nicht so stark als umgekehrt die laestige Mattigkeit und Erschlaffung, die einen befaellt, wenn man in die heissen Kuestenebenen hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, dass der Genuss, wenn uns irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso. Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten Strasse ueber den Mont Cenis. Der Salto, "der Sprung," ist eine Spalte, ueber die eine Zugbruecke fuehrt. Auf der Hoehe des Bergs sind foermliche Werke angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19 deg.,3, in Guayra zur selben Zeit auf 26 deg.,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit in den spanischen Haefen zugelassen wurden, Fremde haeufiger nach Caracas gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schoenen Lage beruehmt. Und allerdings hat man hier bei unbewoelktem Himmel eine prachtvolle Aussicht ueber die See und die nahen Kuesten. Man hat einen Horizont von mehr als zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der Masse Licht, die der weisse, duerre Strand zurueckwirft; zu den Fuessen liegen Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit ueberraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen, die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der unermesslichen Meeresflaeche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Hoehen bilden Mittelgruende zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen, und durch eine leicht erklaerliche Taeuschung wird dadurch die Scenerie grossartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom Winde gejagten und sich ballenden Wolken Baeume und Wohnungen zum Vorschein, und die Gegenstaende scheinen dann ungleich tiefer unten zu liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa) in derselben Hoehe befindet, ist man noch zwoelf Meilen von der See entfernt; man sieht die Kueste nur undeutlich, waehrend man auf dem Wege von Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf einen machen muss, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum erstenmal das Meer und Schiffe sieht. Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt, um die Entfernung derselben von der Kueste genauer angeben zu koennen. Die Breite ist 10 deg. 33{~PRIME~} 9{~DOUBLE PRIME~}; die Laenge des Orts schien mir nach dem Chronometer etwa 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~} im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser Hoehe die Inclination der Magnetnadel 41 deg.,75, die Intensitaet der magnetischen Kraft = 234 Schwingungen. Von der Venta, auch _'Venta grande'_ genannt zum Unterschied von drei oder vier andern kleinen Wirthshaeusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle zerstoert.], geht es noch ueber 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Diess ist beinahe der hoechste Punkt der Strasse, ich ging aber mit dem Barometer noch weiter, etwas ueber die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla. Da ich keinen Pass hatte (in fuenf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der Landung), so waere ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden. Um die alten Soldaten zu besaenftigen, uebersetzte ich ihnen in spanische Vares, wie viel Toisen der Posten ueber dem Meere liegt. Daran schien ihnen sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen liessen, so verdanke ich es einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel hoeher als alle Berge in der Provinz Caracas. Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa 150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei einander liegen, haetten Bonpland und ich gerne ein paar Tage hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der Meereskueste beobachtet; aber die Luft war waehrend unseres Aufenthaltes an diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besass ich auch nicht den dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen, empfehlen moechte. Als ich zum erstenmal ueber diese Hochebene nach der Hauptstadt von Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen liessen. Es waren Einwohner von Caracas; sie stritten ueber den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz zuvor stattgefunden. Joseph Espana hatte auf dem Schaffot geendet; sein Weib schmachtete im Gefaengniss, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der Gemuether, die Bitterkeit, mit der man ueber Fragen stritt, ueber die Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein auf. Waehrend man ein Langes und Breites ueber den Hass der Mulatten gegen die freien Neger und die Weissen, ueber den Reichthum der Moenche und die Muehe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte, huellte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo ueberall Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, ueber politische Gegenstaende zu verhandeln. Diese in der Bergeinoede gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten. In Europa, wo die Voelker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten, steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwoelftausend Fuss Meereshoehe bewohnt. Die Menschen tragen ihre buergerlichen Zwiste, wie ihre kleinlichen, gehaessigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Ruecken der Anden, wo die Entdeckung von Erzgaengen zur Gruendung von Staedten gefuehrt hat, stehen Spielhaeuser, und in diesen weiten Einoeden, fast ueber der Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste hoeheren Schwung geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, dass der Hof ein Ordenszeichen oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glueck der Familien gestoert. Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Suedost, nach dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet, waehrend die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, ueberall bewundert man den grossartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine halbe Stunde ueber ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses Stueck des Wegs heisst der vielen Kruemmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa, waehrend der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr ausschliessliches Monopol war, an einem sehr kuehlen Ort hatte errichten lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebaeumen und europaeischen Obstbaeumen ueppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewoehnlich Halt bei einer schoenen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf fallenden Gneissschichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die Temperatur derselben 16 deg.,4, was fuer eine Hoehe von 726 Toisen bedeutend kuehl ist. Dieses klare Wasser muesste denen, die davon trinken, noch kaelter vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemaessigten Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entspraenge. Ich habe aber die Bemerkung gemacht, dass an diesem, dem Nordabhang des Bergs die Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest, sondern nach Suedost fallen, was Schuld daran seyn mag, dass die unterirdischen Gewaesser dort keine Quellen bilden koennen. Von der kleinen Schlucht Sanchorquiz an geht es bestaendig abwaerts bis zum Kreuz von Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen ueber dem Meere steht, und von da an, bei den Zollhaeusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in die Stadt Caracas. ------------------ 16 Die _'cortex Angosturae'_ unserer Pharmacopoeen, die Rinde der _Bonplandia trifolia_ 17 Man bezahlt 120 Piaster fuer die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot zur Verfuegung hat. _ 18 La broma; teredo navalis_, Linne 19 In Paris ist das Mittel des heissesten Monats 19--20 deg., demnach um 3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kaeltesten Monats in Guayra. ZWOeLFTES KAPITEL. Allgemeine Bemerkungen ueber die Provinzen von Venezuela. -- Ihre verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima. Die Wichtigkeit einer Hauptstadt haengt nicht allein von ihrer Volkszahl, von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermassen richtig zu beurtheilen, muss man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist, die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die Verhaeltnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einfluss unterworfenen Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstaende modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so gross und die Handelsinteressen sind so zaeh, dass sich voraussagen laesst, der Einfluss der Hauptstaedte auf das Land umher, auf die unter den Namen _'Reinos'_, _'Capitanias generales'_, _'Presidencias'_, _'Goviernos'_ verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der Trennung der Provinzen vom Mutterland ueberdauern. Man wird nur da Stuecke losreissen und anders verbinden, wo man, mit Missachtung natuerlicher Grenzen, willkuerlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru), verbreitete sie sich von den Kuesten ins Binnenland, bald einem grossen Flussthal, bald einer Gebirgskette mit gemaessigtem Klima nach. Sie setzte sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder Koenigreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen, geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar beruehrten. Wuest liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die von der europaeischen Cultur eroberten Laender. Sie trennen diese Eroberungen von einander, wie schwer zu uebersetzende Meeresarme, und meist haengen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen. Die Umrisse der Seekuesten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation, undurchdringliche Waelder und bebautes Land an einander stossen und einander begrenzen. Weil sie die Zustaende der erst in der Bildung begriffenen Staaten der neuen Welt ausser Acht lassen, liefern so viele Geographen so sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern durchaus zusammenhingen. Die Localkenntniss, die ich mir aus eigener Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang der grossen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die wuesten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr oder minder bedeutenden politischen Einfluss, den sie als Regierungs- und Handelsmittelpunkte aeussern, zu schaetzen. *Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so gross ist als das heutige Peru und an Flaechengehalt dem Koenigreich Neu-Grenada wenig nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heisst, hat gegen eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfasst laengs den Kuesten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita), Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die Provinzen Barinas und Guyana, erstere laengs den Fluessen St. Domingo und Apure, letztere laengs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro. Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht man, dass sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen. Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der Kuestengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Stroeme, die hindurch laufen, zugaenglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Waeldern ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, koennte man sagen, die drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen ein Bild der drei Zustaende und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in den Waeldern am Orinoco das rohe Jaegerleben, auf den Savanen oder Llanos das Hirtenleben, in den hohen Thaelern und am Fuss der Kuestengebirge das Leben des Landbauers. Die Missionaere und eine Handvoll Soldaten besetzen hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Staerkeren und der Missbrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die Eingeborenen liegen in bestaendigem blutigem Krieg mit einander und fressen nicht selten einander auf. Die Moenche suchen sich die Zwistigkeiten unter den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdoerfer zu vergroessern. Das Militaer, das zum Schutz der Moenche daliegt, lebt im Zank mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Staedter als Naturzustand preisen, naeher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und Weiden, ist die Nahrung einfoermig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander liegenden Staedten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit Haeuten und Leder gedeckten Haeuser, so meint man, sie haben sich auf den ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und Mensch enger knuepft, herrscht in der dritten Zone, im Kuestenstrich, besonders in den warmen und gemaessigten Thaelern der Gebirge am Meer. Man koennte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und portugiesischen Amerika, ueberall, wo man die allmaehlige Entwicklung der Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und diess ist fuer alle, welche die politischen Zustaende der verschiedenen Colonien genau kennen lernen wollen, von grossem Belang, dass die drei Zonen, die Waelder, die Savanen und das bebaute Land, nicht ueberall im selben Verhaeltniss zu einander stehen, dass sie aber nirgends so regelmaessig vertheilt sind wie im Koenigreich Venezuela. Bevoelkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen keineswegs ueberall von der Kueste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und Quito findet man die staerkste ackerbauende Bevoelkerung, die meisten Staedte, die aeltesten buergerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Koenigreich Buenos Ayres liegt die Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen von Buenos Ayres und der grossen Masse ackerbauender Indianer, welche in den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand macht, dass sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner des Binnenlandes und der Kuesten sehr verschiedenartig gestalten. Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhaengige Staaten von Vicekoenigen oder Generalcapitaenen regiert wurden, so muss man mehrere Punkte zumal ins Auge fassen. Man muss die Theile des spanischen Amerika, die Asien gegenueber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean bespuelt; man muss, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse der Bevoelkerung befindet, ob in der Naehe der Kuesten, oder concentrirt im Innern auf kalten und gemaessigten Hochebenen der Cordilleren; man muss die numerischen Verhaeltnisse zwischen den Eingeborenen und den andern Menschenstaemmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europaeischen Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weissen in jedem Theil der Provinzen angehoert. Die andalusischen Canarier in Venezuela, die _'Montanneses'_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen Beschaeftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Staemme haben in der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten zukommt, die rauhe oder sanfte Gemuethsart, die Maessigkeit oder die ungezuegelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum einsamen Leben. In Laendern, deren Bevoelkerung grossen Theils aus Indianern von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europaeern und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die heisse Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das Mutterland fast entfremdet, mussten sich ganz anders umwandeln, als die Griechen, welche sich auf den Kuesten von Kleinasien oder Italien niederliessen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder Corinth. Dass der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstaedte auf den Hochebenen oder in der Naehe der Kuesten, durch die Beschaeftigung mit dem Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewoehnung an das Speculiren im Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich veraendert hat, ist unleugbar; aber ueberall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht sich dennoch etwas geltend, was auf die urspruengliche Stammeseigenheit zurueckweist. Betrachtet man die Zustaende der Capitanerie von Caracas nach den oben angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, dass der Ackerbau, die Hauptmasse der Bevoelkerung, die zahlreichen Staedte, kurz alles, was durch hoehere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Naehe der Kueste findet. Der Kuestenstrich ist ueber 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der Antillen bespuelt, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle europaeischen Nationen Niederlassungen gegruendet haben, das an zahlreichen Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im oestlichen Theil des tropischen Amerika sehr bedeutenden Einfluss geaeussert hat. Die Koenigreiche Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Haefen von Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Laender kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Kuesten und der Zusammendraengung der Bevoelkerung auf dem Ruecken der Cordilleren, mit Fremden wenig in Beruehrung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen der gefaehrlichen Nordstuerme wenig besucht. Die Kuesten von Venezuela dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine Menge Haefen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land kommen, und so koennen sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den grossen Inseln und selbst mit denen unter dem Wind staerker seyn als durch die Haefen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo, nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu halten. Ist es da zu verwundern, dass bei diesem leichten Handelsverkehr mit den freien Amerikanern und mit den Voelkern des politisch aufgeregten Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen Einrichtungen zur Aeusserung kommt, gleichmaessig zugenommen haben? Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevoelkerung, wo die Spanier bei der Eroberung ordentliche Regierungen, eine buergerliche Gesellschaft, alte, meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien suedlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevoelkerung des bebauten Landstrichs, wenigstens ausserhalb der Missionen, unbetraechtlich. Zur Zeit grosser politischer Zerwuerfnisse floessen die Indianer den Weissen und Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die Gesammtbevoelkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen schaetzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, waehrend sie in Mexico fast die Haelfte ausmachen. Unter den Racen, aus denen die Bevoelkerung von Venezuela besteht, ist die schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Ungluecks und mit Furcht wegen einer moeglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendraengung auf einen kleinen Flaechenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, dass in der ganzen Capitanerie die Sklaven nur ein Fuenfzehntheil der ganzen Bevoelkerung ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weissen gegenueber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhaeltniss wie 1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000 Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehoert, als ein Binnenmeer mit mehreren Ausgaengen, so ist es wichtig, die politischen Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung des neuen Continents zwischen Laendern entstehen, die um dasselbe Becken gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterlaender ihre Colonien abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die Elemente der Zerwuerfnisse sind ueberall die gleichen, und wie instinktmaessig bildet sich ein Einverstaendniss zwischen Menschen derselben Farbe, auch wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Kuesten wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Kuesten von Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die Antillen gebildet wird, zaehlt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, dass es im Sueden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in grossen Massen finden sie sich nur auf den Nord- und Ostkuesten. Es ist diess gleichsam das afrikanische Stueck dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgemaess auf die Kuesten von Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestoerten Besitz dieser schoenen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstaende leicht unterdrueckt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der fuer die Unabhaengigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenueberstehenden Parteien furchtbar, und in verschiedenen Laendern des spanischen Amerika wurde die allmaehlige oder ploetzliche Aufhebung der Sklaverei verkuendigt, nicht sowohl aus Gefuehlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewoehnten und fuer sein eigenes Wohl kaempfenden Menschenschlags versichern wollte. Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwuerdige Stelle gestossen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind, welche die Zunahme der schwarzen Bevoelkerung einfloesst. Diese Besorgnisse werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern, welche durch mildere Sitten, durch die oeffentliche Meinung und durch religioese Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht, ihrerseits durch die Gesetzgebung unterstuetzen. "Die Neger," sagt Benzoni, "haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, dass ich im Jahr 1545, als ich auf Terra Firma (an der Kueste von Caracas) war, viele Spanier gesehen habe, die gar nicht zweifelten, dass jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der Schwarzen seyn werde." Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in Erfuellung gehen und eine europaeische Colonie in Amerika sich in einen afrikanischen Staat verwandeln sehen. Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so ungleich vertheilt, dass auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen, worunter ein Fuenftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und Barcelona kaum 6000. Um den Einfluss zu wuerdigen, den die Neger und die Farbigen auf die oeffentliche Ruhe im Allgemeinen aeussern, ist es nicht genug, dass man ihre Kopfzahl kennt, man muss auch ihre Zusammendraengung an gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Kueste und einer Linie, die (12 Meilen von der Kueste) ueber Panaquire, Yare, Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua laeuft. Auf den Llanos, den weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zaehlt man nur 4--5000, die auf den Hoefen zerstreut und mit der Hut des Viehs beschaeftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr betraechtlich, denn die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet, die Freiheit nicht versagen, haette der Sklave auch wegen des besondern Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Faelle, dass jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit schenkt, sind in der Provinz Venezuela haeufiger als irgendwo. Kurz bevor wir die fruchtbaren Thaeler von Aragua und den See von Valencia besuchten, hatte eine Dame im grossen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern aufgegeben, ihre Sklaven, dreissig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergnuegen spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schoenem Lichte zeigen. Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der weissen Creolen, die ich _'Hispano-Amerikaner'_(22) nenne, und der in Europa gebuertigen Weissen zu kennen. Es haelt schwer, sich ueber einen so kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist auch in der neuen die Zaehlung dem Volk ein Graeuel, weil es meint, es sey dabei auf Erhoehung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt, statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Ruecksichten einer argwoehnischen Staatsklugheit. Diese muehsam herzustellenden Ausnahmen sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten und von Zeit zu Zeit genaue Berichte ueber den zunehmenden Wohlstand der Colonien verlangten, die Lokalbehoerden haben diese guten Absichten in den seltensten Faellen unterstuetzt. Nur auf den ausdruecklichen Befehl des spanischen Hofes wurden den Herausgebern des "_peruanischen Merkurs_" die vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen ueberlassen, die dieses Blatt mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Vicekoenig Grafen Nevillagigedo tadeln hoeren, weil er ganz Neuspanien kundgethan, dass die Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700 nur 2300 Europaeer, dagegen ueber 50,000 Hispano-Amerikaner zaehlte. Die Leute, die sich darueber beklagten, betrachteten auch die schoene Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien befoerdert, als eine der gefaehrlichsten Neuerungen des Grafen Florida Blanca; sie riethen (gluecklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureissen. Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszaehlungen wecke man in den Colonisten das Bewusstseyn ihrer Staerke! Nur in Zeiten des Unfriedens und des Buergerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative Staerke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schaetzte. Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem Koenigreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annaehernd die Zahl der weissen Creolen, selbst die der Europaeer. Erstere, die Hispano-Amerikaner, sind in Mexico ein Fuenftheil, auf Cuba, nach der genauen Zaehlung von 1811, ein Drittheil der Gesammtbevoelkerung. Bedenkt man, dass in Mexico drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den Zustand der Kuesten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weisse im Verhaeltniss zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca wohnen, so laesst sich nicht zweifeln, dass, wenn nicht in der _Capitania general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhaeltniss staerker ist als 1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weissen sogar zahlreicher sind als in Chili, gibt uns fuer die _Capitania general_ von Caracas eine "Grenzzahl", das heisst das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000 Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevoelkerung von 900,000 Seelen anzunehmen. Innerhalb der weissen Race scheint die Zahl der Europaeer (die Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht ueber 12,000--15,000 zu betragen. In Mexico sind ihrer gewiss nicht ueber 60,000, und nach mehreren Zusammenstellungen finde ich, dass, saemmtliche spanische Colonien zu 14--15 Millionen Einwohnern angenommen, hoechstens 3 Millionen Creolen und 200,000 Europaeer darunter sind. Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmaessigen Erben des Reiches der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befuerchtungen aller Weissen auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fuehlten so gut wie die in Europa geborenen Spanier, dass der Kampf ein Racenkampf zwischen dem rothen und weissen Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der europaeischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er aenderte sein Verfahren. Aus einem Aufstand fuer die Unabhaengigkeit wurde ein grausamer Krieg zwischen den Racen; die Weissen blieben Sieger, es kam ihnen zum Bewusstseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an fassten sie das Zahlenverhaeltniss zwischen der weissen und der indianischen Bevoelkerung in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit kam es nun dahin, dass die Weissen diese Aufmerksamkeit auf sich selbst richteten und sich misstrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhaengigkeit und Freiheit trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland Heruebergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von Espana angezettelten Aufstand fuer sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden Missvergnuegens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch strenge Massregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander gegenueber. Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so starken Widerstand leisten konnten, und man vergisst, dass in allen Colonien die europaeische Partei nothwendig durch eine grosse Menge Einheimischer verstaerkt wird. Familienruecksichten, die Liebe zur ungestoerten Ruhe, die Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann, halten diese ab, sich der Sache der Unabhaengigkeit anzuschliessen, oder fuer die Einfuehrung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhaengigen Repraesentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment allgemach weniger drueckend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der Einfuehrung einer religioesen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der herrschende Cultus sich unmoeglich in seiner Reinheit erhalten koenne. Andere gehoeren den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft waere ihnen lieber, als eine Regierung in den Haenden von Amerikanern, die im Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte gegruendete Verfassung; vor Allem fuerchten sie den Verlust der Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Muehe erworben, und die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres haeuslichen Gluecks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem Lande vom Ertrag ihrer Grundstuecke und geniessen der Freiheit, deren sich ein duenn bevoelkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprueche auf Amt und Wuerden, und so fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin waere ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das alte Colonialwesen, aber diese Wuensche sind gegenueber der Liebe zur Ruhe und der Gewoehnung an ein traeges Leben keineswegs so lebhaft, dass sie sich desshalb zu schweren, langwierigen Opfern entschliessen sollten. Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Staenden entworfenen Skizze der verschiedenen Faerbung der politischen Ansichten in den Colonien habe ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes ueber Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war diess die Folge der Gewohnheit, des grossen Einflusses einer gewissen Zahl maechtiger Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegruendete Sicherheit muss erschuettert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privathass eine Weile ruhen laesst und im Gefuehl eines gemeinsamen Interesses sich verbuendet, sobald dieses Gefuehl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten der Einfluss der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert. Wir haben oben gesehen, dass die indianische Bevoelkerung in den vereinigten Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind alle Staedte derselben von den spanischen Eroberern gegruendet. Diese konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fussstapfen der alten Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstaedten des tropischen Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemaessigten Klimas geniessen [Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten gelegene. Da die Hauptmasse der Bevoelkerung von Venezuela den Kuesten nahe gerueckt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben parallel laeuft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_ vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte abfliessen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den grossen Antillen, die Richtung der Gebirge und den Lauf der grossen Fluesse betrachten, um einzusehen, dass Caracas auf die Laender, deren Hauptstadt es ist, niemals einen bedeutenden politischen Einfluss haben kann. Der Apure, der Meta, der Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewaesser aus den Llanos oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana muss nothwendig einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten vorzieht. Es ist ein grosser Vorzug der Provinzen von Venezuela, dass nicht ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfliesst, wie der von Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern dass sie eine Menge ziemlich gleich bevoelkerter Staedte haben, die eben so viele Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden. Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der acht Erzbisthuemer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die Bevoelkerung war, nach meinen Erkundigungen ueber die Zahl der Geburten, im Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu 45,000 an, worunter 12,000 Weisse und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778 hatte man bereits 30--32,000 geschaetzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766 hatte die Bevoelkerung von Caracas und des schoenen Thals, in dem es liegt, durch eine boesartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwuerdigen Zeitpunkt ist die Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu meiner Zeit seit fuenfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, waehrend man in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit bestaendig bange hatte, weil sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphaerischen Zustaende und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende Periodicitaet gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einfuehrung der segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit meiner Rueckkehr nach Europa hat die Bevoelkerung von Caracas bestaendig zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das grosse Erdbeben am 26. Maerz 1812 gegen 12,000 Menschen unter den Truemmern ihrer Haeuser begrub. Durch die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden bald wieder eingebracht seyn, wenn das aeusserst fruchtbare und handelsthaetige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre Ruhe geniesst und verstaendig regiert wird. Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach Ost gegen Caurimare und Cuesta d'Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fliesst. Sie liegt 414 Toisen ueber dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und faellt stark von Nord-Nord-West nach Sued-Sued-Ost ab. Um eine richtige Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, muss man die Richtung der Kuestengebirge und der grossen Laengenthaeler zwischen denselben ins Auge fassen. Der Guayrefluss entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhaelt bei las Ayuntas nach der Vereinigung der Fluesschen San Pedro und Macarao seinen Namen und laeuft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d'Auyamas und dann nach Sued, um sich oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige Fluss von Bedeutung im noerdlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er laeuft 30 Meilen lang, von denen ueber drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus von West nach Ost. Auf diesem Stromstueck betraegt nach meinen barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis zur Muendung 295 Toisen. Dieser Fluss bildet in der Kuestenkette eine Art Laengenthal, waehrend die Gewaesser der Llanos, das heisst von fuenf Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Sueden nach, sich in den Orinoco ergiessen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklaert sich die natuerliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte auf verschiedenen Wegen auszufuehren. Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen Bergzug getrennt, ueber den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen Savanen von Ocumare ueber le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Sued fast bestaendig bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den noerdlichsten und hoechsten Zug der Kuestenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa und Villa de Cura den suedlichsten Zug. Wir haben schon oefter bemerkt, dass die Schichten dieses gewaltigen Kuestengebirges fast durchgaengig von Suedost nach Suedwest streichen und gewoehnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich daraus, dass die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der ganzen Kette unabhaengig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann Gneiss, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und Conglomerate mit Seemuscheln. Es ist zu bedauern, dass Caracas nicht weiter ostwaerts liegt, unterhalb der Einmuendung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal breit, und wie durch stehendes Gewaesser geebnet, ausdehnt. Als Diego de Losada die Stadt gruendete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Kueste. Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals zwischen zwei schoenen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich haette anbauen koennen, wenn man die alten indianischen Bauten haette wollen liegen lassen. Vom Zollhaus la Pastora ueber den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwaerts. Nach meinen barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen ueber dem Platze Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe, letzterer 8 Toisen ueber dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem grossen Platz, und dieser 32 Toisen ueber dem Guayrefluss bei la Noria. Trotz des abschuessigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber selten. Drei Baeche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und Caraguata, laufen von Nord nach Sued durch die Stadt; sie haben sehr hohe Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die beruehmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine Meile weit suedwaerts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus dem Gamboa gelten fuer sehr gesund, weil sie ueber Sassaparillwurzeln(25) laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden koennen; das Wasser von Valle enthaelt keinen Kalk, aber etwas mehr Kohlensaeure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Bruecke ueber den letzteren Fluss ist schoen gebaut und belebt von den Spaziergaengern, welche gegen Candelaria zu die Strasse von Chacao und Petara aufsuchen. Man zaehlt in Caracas acht Kirchen, fuenf Kloester und ein Theater, das 15 bis 1800 Zuschauer fasst. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Maenner und Frauen gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Strassen von Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten Winkeln, wie in allen Staedten, welche die Spanier in Amerika gegruendet. Die Haeuser sind geraeumig und hoeher, als sie in einem Lande, das Erdbeben ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Plaetze Alta Gracia und San Francisco sehr huebsch: ich sage im Jahr 1800, denn die furchtbaren Erderschuetterungen am 26. Maerz 1812 haben fast die ganze Stadt zerstoert. Sie ersteht langsam aus ihren Truemmern; der Stadttheil la Trinidad, in dem ich wohnte, ward ueber den Haufen geworfen, als ob eine Mine darunter gesprungen waere. Durch das enge Thal und die Naehe der hohen Berge Avila und Silla erhaelt die Gegend von Caracas einen ernsten, duestern Anstrich, besonders in der kuehlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind dann ausnehmend schoen; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de Avila vor sich. Aber gegen Abend truebt sich die Luft; die Berge umziehen sich, Wolkenstreifen haengen an ihren immergruenen Seiten und theilen sie gleichsam in uebereinanderliegende Zonen. Allmaehlich verschmelzen diese Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen Thal und verdichtet die leichten Duenste zu grossen flockigten Wolken. Diese Wolken senken sich oft bis ueber das Kreuz von Guayra herab und man sieht sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem gemaessigten Thale der heissen Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn. Aber dieser duestere, schwermuethige Charakter der Landschaft, dieser Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Naechte hell und ausnehmend schoen; die Luft behaelt fast bestaendig die den Hochebenen und hochgelegenen Thaelern eigenthuemliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schoener Beleuchtung gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla erscheinen in Caracas fast unter demselben Hoehenwinkel(26) wie der Pic von Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Haelfte des Bergs ist mit kurzem Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergruenen Straeucher, die zur Bluethezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform empor. Sie sind voellig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im gemaessigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, hoeher, als er wirklich ist. Mit diesem grossartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast. Man hoert das Klima von Caracas oft einen ewigen Fruehling nennen, und dasselbe findet sich ueberall im tropischen Amerika auf der halben Hoehe der Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen ueber dem Meer, wenn nicht sehr breite Thaeler und Hochebenen und duerrer Boden die Intensitaet der strahlenden Waerme uebermaessig steigern. Was laesst sich auch Koestlicheres denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht zwischen 16 und 18 Grad haelt, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum, der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Baechen die vier Fluesse desselben. Leider ist in diesem so gemaessigten Klima die Witterung sehr unbestaendig. Die Einwohner von Caracas klagen darueber, dass sie an Einem Tage verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergaenge von einer Jahreszeit zur andern sehr schroff sind. Haeufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht mit einer mittleren Temperatur von 16 deg. ein Tag, an dem der Thermometer im Schatten acht Stunden lang ueber 22 deg. steht. Am selben Tage kommen aber Waermegrade von 24 und von 18 deg. vor. Dergleichen Schwankungen sind in den gemaessigten Landstrichen Europas ganz gewoehnlich, in der heissen Zone aber sind selbst die Europaeer so sehr an die Gleichfoermigkeit der aeusseren Reize gewoehnt, dass ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In Cumana und ueberall in der Niederung aendert sich die Temperatur von 11 Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends gewoehnlich nur um 2--3 Grad. Zudem aeussern diese atmosphaerischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus staerkeren Einfluss, als man nach dem blossen Thermometerstande glauben sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, waehrend der andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heisst der "Wind von Catia," weil er von Catia, westwaerts von Cabo Blanco, durch die Schlucht Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen Strasse und eines neuen Hafens, statt der Strasse und des Hafens von Guayra, erwaehnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind, meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark blaest, sich in der Quebrada de Tipe faengt. Von den hohen Bergen Aguas Negras zurueckgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser schlaegt sich auf ihm nieder, im Maasse als er sich abkuehlt; der Gipfel der Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal dringt. Die Einwohner von Caracas fuerchten sich sehr vor ihm; Personen mit reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte waehrend meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, dass der Wind von Catia reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich meinte auch, seine reizende Wirkung moechte eben von dieser Reinheit herruehren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverlaessig. Der Wind von Petare kommt von Ost und Suedost, vom oestlichen Ende des Guayrethals herein und fuehrt die trockenere Luft des Gebirgs und des Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und laesst den Gipfel der Silla in seiner ganzen Pracht hervortreten. Bekanntlich sind die Veraenderungen, welche die Mischung der Luft an einem gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu unterscheiden, von denen die eine waehrend des Sirocco oder des Catia mit Luft gefuellt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist mir jetzt wahrscheinlich, dass der auffallende Effekt des Catia und aller Luftstroemungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen Mischungsveraenderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von der ungesunden Seekueste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr begreiflich, dass Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewoehnt sind, es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die Beruehrung mit kaelteren Schichten sich abkuehlt und einen bedeutenden Theil ihres Wassers niederschlaegt. Diese Unbestaendigkeit der Witterung, diese etwas schroffen Uebergaenge von trockener, heller zu feuchter, nebligter Luft, sind Uebelstaende, die Caracas mit der ganzen gemaessigten Region unter den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshoehe von 4--800 Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Bestaendig heiterer Himmel einen grossen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Hoehen, auf den weiten Hochebenen, wo die gleichfoermige Strahlung des Bodens die Aufloesung der Dunstblaeschen zu befoerdern scheint. Die dazwischen liegende Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich ueber der Erdoberflaeche lagern. Unbestaendigkeit und viele Nebel bei sehr milder Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region. Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewoehnlich weniger blau als in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgeloest, und wie in unserem Klima wird durch die staerkere Zerstreuung des Lichts die Farbe der Luft geschwaecht, indem sich Weiss dem Blau beimischt. Die Intensitaet des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis Januar im Durchschnitt 18, nie ueber 20 Grad, an den Kuesten dagegen 22--25 Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, dass der Wind von Petare das Himmelsgewoelbe zuweilen auffallend blass faerbt. Am 23. Januar war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der heissen Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald der starke Wind von Petare nachliess, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad. Zur See habe ich haeufig, wenn auch in geringerem Grade, einen aehnlichen Einfluss des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel beobachtet. Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen darthun zu koennen, dass sie nicht viel ueber oder unter 21--22 deg. betraegt. Nach eigenen Beobachtungen fand ich fuer die drei sehr kuehlen Monate November, December und Januar als Durchschnitt des taeglichen Maximum und Minimum der Temperatur 20 deg.,2, 20 deg.,1, 20 deg.,2. Nach dem aber, was wir jetzt ueber die Vertheilung der Waerme in den verschiedenen Jahreszeiten und in verschiedenen Meereshoehen wissen, laesst sich annaehernd aus der mittleren Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres berechnen, ungefaehr wie man auf die Hoehe eines Gestirns im Meridian aus Hoehen, die ausserhalb des Meridians gemessen werden, einen Schluss zieht. Das Ergebniss, das ich fuer richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von der mittleren Jahrestemperatur nur um 0 deg.,2 ab; in Mexico, also der gemaessigten Zone schon sehr nahe, betraegt der Unterschied im Maximum 3 deg.. In Guayra bei Caracas weicht der kaelteste Monat vom jaehrlichen Mittel um 4 deg.,9 ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia) durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so erhaelt dasselbe dagegen einen groesseren Theil des Jahrs hindurch die Ost- und Suedostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach unmittelbaren Beobachtungen, dass in Guayra und Caracas die Temperatur der kaeltesten Monate 23 deg.,2 und 20 deg.,1 betraegt. Diese Unterschiede sind der Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome) und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigefuehrt wird. Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Naehe der Hauptstadt, angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22 deg., bei Nacht zwischen 16 und 17 deg..(27) In der heissen Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei Tag auf 25--26 deg., bei Nacht auf 22--23 deg..(28) Diess ist der gewoehnliche Zustand der Atmosphaere, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21 deg.,5. Eine solche kommt aber im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem 36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl ueberfluessig zu bemerken, dass dieser Vergleich sich nur auf die Summe von Waerme bezieht, die sich an jedem Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf's *Klima*, das heisst auf die Vertheilung der Waerme unter die verschiedenen Jahreszeiten. Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden lang auf 29 deg. [23, deg.2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach Sonnenaufgang schon auf 11 deg. [8 deg.,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25 deg. und 12 deg.,5. Die Kaelte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhoehen messen. Der Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur voelligen Dunkelheit erfolgt so rasch, dass nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine naechste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der gemaessigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichfoermiger als in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied zwischen den mittleren Temperaturen der waermsten und der kaeltesten Monate 17 deg.,3, waehrend derselbe unter der naemlichen Breite beinahe am Meeresspiegel 20--21 deg. betraegt. Die Kaelte nimmt auf unsern Bergen nicht so rasch zu, wie die Waerme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren naeher kommen, werden wir sehen, dass in der heissen Zone das Klima in den Niederungen gleichfoermiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man darf keine Orte anfuehren, wo die Nordwinde einige Monate lang das Gleichgewicht der Atmosphaere stoeren) steht der Thermometer das ganze Jahr zwischen 21 und 35 deg.; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3 und 22 deg. vor, wenn man, nicht die kaeltesten und heissesten Tage, sondern Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4 deg.; in Quito fand ich diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus 4--5 Beobachtungen) gleich 7 deg.. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und December noch um 5--5 deg.,5 waermer als die Naechte. Diese Erscheinungen von naechtlicher Abkuehlung moegen auf den ersten Anblick ueberraschen; sie modificiren sich durch die Erwaermung der Hochebenen und Gebirge den Tag ueber, durch das Spiel der niedergehenden Luftstroeme, besonders aber durch die naechtliche Waermestrahlung in der reinen, trockenen Luft der Cordilleren. In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel. Die Gewitter kommen immer aus Ost und Suedost, von Petare und Valle her. In den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat sogar in noch tieferen Thaelern hageln sehen, und diese Erscheinung macht dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei uns nicht so selten als im heissen Erdstrich, trotz der haeufigen Gewitter, Hagel unter 300 Toisen Meereshoehe. Im kuehlen, koestlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die tropischen Gewaechse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch hoeheren Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht viele, aber ausgezeichnet gute Fruechte gibt. In der Bluethezeit des Strauchs gewaehrt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der grosse _Platano harton_ sondern die Varietaeten Camburi und Dominico,(29) die weniger Waerme noethig haben. Die grossen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den Haciendas von Turiamo an der Kueste zwischen Burburata und Porto-Cabello. Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den Hoehen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm ueberrascht, neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Kuechenkraeuter, Erdbeeren, Weinreben und fast alle Obstbaeume der gemaessigten Zone zu finden. Die gesuchtesten Pfirsiche und Aepfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fuenf Fuss hoch wird, ist dort so gemein, dass er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint, ehe man Wasser trinkt, muesse man durch Suessigkeiten den Durst reizen. Je staerker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den Pflanzungen, die nicht aelter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemuesebau die zerstreuten Apfel- und Quittenbaeume aus den Savanen verdraengt. Der Reisfelder, die man bewaessert, waren frueher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Laendern der heissen Zone, die Bemerkung gemacht, dass da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die ausgezeichnet guten Aepfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei Caracas auf ungeimpften Staemmen. Kirschbaeume gibt es nicht; die Olivenbaeume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind gross und schoen; aber eben wegen des ueppigen Wachsthums tragen sie keine Fruechte. Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein guenstig ist, so laesst sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das aeusserst unbestaendige Wetter und die haeufige Unterdrueckung der Hautausduenstung erzeugen catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten. Hat sich der Europaeer einmal an die starke Hitze gewoehnt, so bleibt er in Cumana, in den Thaelern von Aragua, ueberall, wo die Niederung unter den Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den Gebirgslaendern, wo der gepriesene bestaendige Fruehling herrschen soll. Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein verbreiteten Meinung, dass diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig von der Kueste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Kueste von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung stuetzt sich auf die Erfahrung der letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun, wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht ueberzeugt, dass der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf der Kueste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische Verhaeltnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten koennte. Denn die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, dass der Thermometer sich in den heissesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad [17--20 deg. R] haelt. Wenn sich nicht wohl bezweifeln laesst, dass dieser Typhus in der gemaessigten Zone durch Beruehrung ansteckend ist, wie sollte man da sicher seyn, dass er bei grosser Boesartigkeit nicht auch in der heissen Zone in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Kueste die Sommertemperatur die Disposition des Koerpers noch steigert? Die Lage von Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fuenfmal weiter von der See entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen hoeher liegt und ihre mittlere Temperatur 3 Grad weniger betraegt. Im Jahre 1696 weihte ein Bischof von Venezuela, Diego de Banos, eine Kirche (_ermita_) der heiligen Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen, _vomito negro_, erloest, nachdem es sechzehn Monate gewuethet. Ein Hochamt, das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen Colonien auch die Tage, an denen grosse Erdbeben stattgefunden, durch Prozessionen im Gedaechtniss erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und also die sehr kuehle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13 Grade faellt, ueberdauert haette? Sollte der Typhus im hohen Thale von Caracas aelter seyn als in den besuchteren Haefen von Terra Firma? In diesen war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich, dass die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der aechte amerikanische Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern haeufig vor und sind an und fuer sich so wenig als das Blutspeien fuer die schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwaertig in der Havana und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, dass der amerikanische Typhus in Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist es leider nur zu gewiss, dass diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr 1802 eine Menge junger europaeischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke ist beunruhigend, dass mitten in der heissen Zone ein 450 Toisen hoch, aber sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer Seuche schuetzt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Kueste zu Hause ist. ------------------ 20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist diess das Ergebniss von Oltmanns Berechnung, wobei die Veraenderungen zu Grunde gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine astronomischen Bestimmungen erlitten haben. 21 So heissen in Spanien die Bewohner der Gebirge von Santander. 22 Nach dem Vorgang von *Anglo-Amerikaner*, welcher Ausdruck in alle europaeischen Sprachen uebergegangen ist. In den spanischen Colonien heissen die in Amerika geborenen Weissen *Spanier*, die wirklichen Spanier aus dem Mutterland *Europaeer*, *Gachupins* oder *Chapetons* 23 1567, spaeter als Cumana, Coro, Nueva Barcelona und Caravalleda. 24 S. Bd. I. Seite 238. 25 In ganz Amerika glaubt man, das Wasser nehme die Eigenschaften der Gewaechse an, in deren Schatten es fliesst. So ruehmt man an der Magellanscheu Meerenge das Wasser, das mit den Wurzeln der _Winterana Canella_ in Beruehrung kommt. 26 Ich fand auf dem Platze Trinidad die scheinbare Hoehe der Silla 11 deg. 12{~PRIME~} 49{~DOUBLE PRIME~}. Ihr Abstand betraegt etwa 4500 Toisen. 27 Nach Reaumur bei Tag 16 deg.,8--18 deg., bei Nacht 12 deg.,8-13 deg.,6. 28 Nach Reaumur bei Tag 20 deg.--20 deg.,8, bei Nacht 17 deg.,6--18 deg.,4. 29 S. Bd. I, S. 80 DREIZEHNTES KAPITEL. Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des Gipfels der Silla. Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem grossen, fast ganz frei stehenden Hause im hoechsten Theil der Stadt. Auf einer Galerie uebersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen ueppiger Anbau von den finstern Bergwaenden umher absticht. Es war in der trockenen Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zuendet man die Savanen und den Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese grossen Braende bringen, von weitem gesehen, die ueberraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo die Savanen laengs der aus- und einspringenden Felsgehaenge die von den Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfuellen, nehmen sich die brennenden Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavastroeme aus, die ueber dem Thale haengen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht faerbt sich roethlich, wenn der Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzuege ins Thal niedertreibt. Andere male, und dann ist der Anblick am grossartigsten, sind die Lichtstreifen in dickes Gewoelk gehuellt und kommen nur da und dort durch Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre Raender glaenzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie unter den Tropen haeufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form der Berge, durch die Stellung der Abhaenge und die Hoehe der mit Alpenkraeutern bewachsenen Savanen. Den Tag ueber jagt der Wind von Petare von Osten her den Rauch ueber die Stadt und macht die Luft weniger durchsichtig. Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern aller Staende zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitaen der Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward mir das Glueck zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu besuchen, und in diesen sechs Hauptstaedten des spanischen Amerika brachten mich meine Verhaeltnisse mit Leuten aller Staende in Verbindung; dennoch erlaube ich mir nicht, mich ueber die verschiedenen Stufen der Cultur auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen. Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen laesst. In Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr Sinn fuer schoene Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas groessere Bildung hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhaeltnisse, umfassendere Ansichten ueber die Zustaende der Colonien und der Mutterlaender. Der starke Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein Mittelmeer mit mehreren Ausgaengen beschrieben, haben auf die gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schoenen Provinzen von Venezuela gewaltigen Einfluss geaeussert. Nirgends sonst im spanischen Amerika hat die Civilisation eine so europaeische Faerbung angenommen. Die Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada gibt diesen grossen Laendern einen eigenthuemlichen, man koennte sagen exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevoelkerung glaubt man sich in der Havana und in Caracas naeher bei Cadix und den Vereinigten Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt. Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevoelkerung nicht so beweglich ist als auf den Inseln, haben sich die volksthuemlichen Gebraeuche mehr erhalten als in der Havana. Sehr geraeuschvolle und sehr mannigfaltige Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie ueberall, wo eine grosse Umwaelzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man koennte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr sehr zahlreiche, haelt fest an den alten Braeuchen und hat die alte Sitteneinfalt und Maessigung in Wuenschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklaerung des Jahrhunderts und hegt sorgfaeltig, wie einen Theil ihres Erbguts, die ueberlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe fuer neue Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich gruendlich zu bilden, wird sie von einem kraeftigen, hellblickenden Geiste gezuegelt und gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft erspriesslich. Ich habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten und grossartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Maenner kennen gelernt, die dieser zweiten Generation angehoerten; aber auch andere, die auf alles Schoene und Achtungswuerdige im spanischen Charakter, in der Literatur und Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalitaet einbuessten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe ueber die wahren Grundlagen des oeffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der Corporationsgeist und der Municipalhass aus dem Mutterland in die Colonien uebergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstaedten von Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprueche der vornehmsten Familien in Caracas, der sogenannten _'Mantuanos'_, mit Uebertreibung zu schildern. Wie sich diese Ansprueche frueher geaeussert, weiss ich nicht; es schien mir aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgaengig den gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weissen alles Verletzende benommen haetten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine besteht aus Creolen, deren Vorfahren in juengster Zeit bedeutende Aemter in Amerika bekleidet haben; er gruendet seine Vorrechte zum Theil auf das Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch ueber dem Meere festhalten zu koennen, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heisst der Spanier, die bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehoerten den vornehmsten Familien der pyrenaeischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender Zug des fruehen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe oben daran erinnert,(30) dass in der Geschichte dieser Zeit der religioesen und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der grossen Anfuehrer mehrere redliche, schlichte, grossmuethige Maenner auftraten. Sie eiferten wider die Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht entgehen. Der Name "Conquistadores" ist desto verhasster geblieben, als die wenigsten, nachdem sie. friedliche Voelker misshandelt und im Schoosse des Ueberflusses geschwelgt, dafuer am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren Umschlag des Gluecks gebuesst haben, der den Hass der Menschen saenftigt und nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert. Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung noethigt die privilegirten Staende ihre Ansprueche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter den Weissen hat sich das Gefuehl der Gleichheit aller Gemuether bemaechtigt. Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewusstseyn, dass man nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die Hautfarbe das wahre aeussere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfuss geht, sagen hoeren: "Will der reiche weisse Mann weisser seyn als ich?" Da Europa so grosse Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, dass der Satz: jeder Weisse ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den altadeligen europaeischen Familien mit ihren Anspruechen sehr unbequem ist. Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner Biederkeit, seines Fleisses und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten Volksstamm laengst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der Halbinsel, so haben die Weissen von diesem Volksstamm nicht wenig dazu beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu bringen. Zudem sind die Laender, wo man, auch ohne Repraesentativregierung und ohne Pairschaft, auf Stammbaeume und Geburtsvorzuege so sehr viel haelt, keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten auftritt. Vergebens sucht man bei den Voelkern spanischen Ursprungs das kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung im uebrigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien wie im Mutterlande knuepfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und grosse Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Staenden. Ja, man kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich mit einer gewissen Offenheit und Naivitaet aussprechen. Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn fuer Bildung; man kennt die Hauptwerke der franzoesischen und italienischen Literatur, man liebt die Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknuepft, wie die Pflege aller schoenen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Fuer Naturwissenschaften und zeichnende Kuenste bestehen hier keine grossen Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und dem patriotischen Eifer der spanischen Bevoelkerung verdanken. In einer so wundervollen, ueberschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser Kueste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster fand ich einen ehrwuerdigen Alten, der fuer alle Provinzen von Venezuela den Kalender berechnete und vom gegenwaertigen Stand der Astronomie einige richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm hoechst merkwuerdig, und eines Morgens kamen uns saemmtliche Franciscaner ins Haus und verlangten zu unserer grossen Ueberraschung einen Inclinationscompass zu sehen. In Laendern, die vom vulkanischen Feuer unterhoehlt sind, und in einem Himmelsstrich, wo die Natur so grossartig und dabei so geheimnissvoll unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische Erscheinungen, und damit die Neubegier. Wenn man daran denkt, dass in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in kleinen Staedten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man sich, wenn man hoert, dass Caracas mit einer Bevoelkerung von 40--50,000 Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von ein paar Seiten oder ein bischoefliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der Personen, denen Lesen ein Beduerfniss ist, sind nicht sehr viele, selbst in denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten ist; es waere aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk einer argwoehnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehoert, hat sich durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient gemacht. Es ist in unserer Zeit gewiss eine auffallende Erscheinung, dass das kraeftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen Umwaelzung eingefuehrt wird, sondern erst nachher. In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der Aufstandsversuche die grosse Mehrzahl der Einwohner nur an materielle Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Duerre, an den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt waeren; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben, der je auf dem Gipfel der Silla gewesen waere. Die Jaeger kommen in den Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Laendern geht kein Mensch hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einfoermiges Leben zwischen seinen vier Waenden gewoehnt, man scheut die Anstrengung und die raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens zu geniessen, sondern eben nur, um fortzuleben. Wir kamen auf unsern Spaziergaengen haeufig auf zwei Kaffeepflanzungen, deren Eigenthuemer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen der Silla von Caracas gegenueber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die schroffen Abhaenge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kaempfen haben wuerden, um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Hoehenwinkeln, die ich auf unserem Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch ueber dem Meere zu liegen, als der grosse Platz in der Stadt Quito. Diese Schaetzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des Thals. Die Berge, welche ueber grossen Staedten liegen, erhalten eben dadurch in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Hoehe zu, die man nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu verstossen. Der Generalcapitaen Guevara verschaffte uns Fuehrer durch den *Teniente* von Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der ueber den Bergkamm an der westlichen Spitze der Silla vorbei zur Kueste fuehrt, etwas bekannt war. Dieser Weg wird von den Schleichhaendlern begangen; aber weder unsere Fuehrer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die Schleichhaendler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der oestlichen Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Waehrend des ganzen Decembers war der Berg, dessen Hoehenwinkel mich das Spiel der irdischen Refraction beobachten liessen, nur fuenfmal unumwoelkt gewesen. Da in dieser Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, ueber der ersten gleichfoermig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schoene Faelle bildet. Die Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen haetten, harrten wir, Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein boeser Stern waltete ueber den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen fuer December und Januar: man hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt. Dieses Missgeschick machte mir grossen Verdruss, und nachdem ich vor Sonnenaufgang die Intensitaet der magnetischen Kraft am Fusse des Berges beobachtet, brachen wir um fuenf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf schmalem Fusspfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad laeuft ueber einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel eines Huegels zu erreichen, der gegen Suedwest hin eine Art Vorgebirge der Silla bildet. Derselbe haengt mit der Masse des Berges selbst durch einen schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend "die Pforte", _Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der Morgen war schoen und kuehl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben zu beguenstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14 deg. (11 deg.,2 R.). Nach dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen ueber dem Meer, das heisst gegen 80 Toisen hoeher als die Venta, wo man die praechtige Aussicht auf die Kueste hat. Unsere Fuehrer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs Stunden brauchen. Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser fuehrte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des grossen Berges. Man blickt zu beiden Seiten in zwei Thaeler nieder, die vielmehr dicht bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herablaeuft; links hat man unter sich die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewaesser am Hofe Gallego vorbeifliessen. Man hoert die Wasserfaelle rauschen, ohne den Bach zu sehen, der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen Feigenbaeume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fliesst. Nichts malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewaechse grosse, glaenzende, lederartige Blaetter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen. Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man musste sich stark vorueber beugen, um vorwaerts zu kommen. Der Winkel betraegt haeufig 30--32 Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr glatt geworden. Gerne haetten wir Fusseisen oder mit Eisen beschlagene Stoecke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneissfelsen und man kann sich weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden. Dieses mehr muehsame als gefaehrliche Ansteigen wurde den Leuten aus der Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewoehnt waren, bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der ueber uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in duennen, geraden Streifen auf. Es war, als waere an mehreren Punkten des Waldes zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese Dunststreifen zusammen, loesten sich vom Boden ab und streiften, vom Morgenwind gejagt, als leichtes Gewoelk um den runden Gipfel des Gebirgs. Diess war fuer Bonpland und mich ein untruegliches Zeichen, dass wir bald in dichten Nebel gehuellt seyn wuerden. Da wir besorgten, unsere Fuehrer moechten sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, liessen wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns hergehen. Fortwaehrend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu, aufwaerts. Das vertrauliche Geschwaetz der schwarzen Creolen stach merkwuerdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen von Charipe unsere bestaendigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich ueber die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange geruestet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam, dass die europaeischen Spanier aller Staende an Koerperkraft und Muth den Hispano-Amerikanern denn doch weit ueberlegen sehen. Er hatte sich mit weissen Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und ausgeworfen werden sollten, um den Nachzueglern die einzuschlagende Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbruedern versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um ganz Caracas zu verkuenden, dass ein Unternehmen gluecklich zu Ende gefuehrt worden, das ihm, und ich muss sagen, nur ihm, vom hoechsten Belang schien. Er hatte nicht bedacht, dass seine lange, schwere Kleidung ihm beim Bergsteigen hinderlich werden muesse. Er hatte lange vor den Creolen den Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorraethe uebernommen. Die Sklaven, die zu uns stossen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten, dass sie erst sehr spaet anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod zubrachten. Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist die oestliche die hoechste, und auf diese sollten wir mit unsern Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht, deren wir bereits erwaehnt, laeuft von dieser Einsenkung ins Thal von Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende naehert sie sich der westlichen Spitze. Man kann dem oestlichen Gipfel nur so beikommen, dass man zuerst westlich von der Schlucht ueber das Vorgebirge der Puerta gerade auf den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat. Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst gegebenen, denn die Felsen oestlich von der Schlucht sind so steil, dass es schwer halten duerfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt ueber die Puerta gerade auf den oestlichen Gipfel zuginge. Vom Fusse des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Hoehe fanden wir nur Savanen. Nur zwei kleine Liliengewaechse mit gelben Bluethen erheben sich ueber den Graesern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europaeischen Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie spaeter auf dem Ruecken der Anden, neben den Himbeerbueschen nach einem Rosenstrauche um. In ganz Suedamerika haben wir keine einheimische Rosenart gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heissen Zone und das unseres gemaessigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch scheint der ganzen suedlichen Halbkugel diesseits und jenseits des Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so gluecklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch zu entdecken. Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehuellt und fanden uns dann ueber die Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Hoehe besteht kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Haenden nach, wenn einen auf dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fuss maechtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese schneeweisse Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich uebergab dem Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es nicht an Brennmaterial fehlt, laesst sich durch Beimischung feuerbestaendiger Erden das Toepfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12 deg. (9 deg.,6 R.), bei hellem Himmel stieg er auf 21 deg.. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht; aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten Abhaengen faellt es schwer, den Einfluss der strahlenden Waerme auszuschliessen. Wir waren in 940 Toisen Hoehe und dennoch sahen wir in gleicher Hoehe ostwaerts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen, sondern ein ganzes Palmenwaeldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur Gattung _Oreodoxa_ gehoerig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Hoehe war eine seltsame Erscheinung gegenueber den Weiden [Wildenows _Salix Humboldtiana_], die im gemaessigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder wachsen; so sieht man hier Gewaechse mit europaeischem Typus tiefer als solche der heissen Zone vorkommen. Nach vierstuendigem Marsch ueber die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus Straeuchern und niedrigen Baeumen, _'el Pejual'_ genannt, wahrscheinlich wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewaechses mit wohlriechenden Blaettern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde sanfter und mit unsaeglicher Lust untersuchten wir die Gewaechse dieser Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschraenktem Raum so schoene und fuer die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend Toisen Meereshoehe stossen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von Straeuchern, die durch den Habitus, die gekruemmten Aeste, die harten Blaetter, die grossen schoenen Purpurbluethen an die Vegetation der *Paramos* oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt. Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden, die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blaettern, die wir schon oefters mit dem Rhododendrum der europaeischen Alpen verglichen haben. Wenn auch die Natur in aehnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus isothermen Parallelen (von gleicher Waerme), sey es auf Hochebenen, deren Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Laender uebereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwuerdigsten in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte, denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen ueber den Ursprung der Dinge sind, das unloesbare Problem, wie sich die Organismen ueber die Erde verbreitet, laesst uns dennoch keine Ruhe. Eine schweizerische Grasart(32) waechst auf den Granitfelsen der Magellanschen Meerenge. Neuholland hat ueber vierzig europaeische phanerogame Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewaechse, die den gemaessigten Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gaenzlich in dem dazwischen liegenden Landstrich, das heisst in der aequinoctialen Zone, sowohl auf den Ebenen als auf dem Ruecken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten Blaettern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa gleichsam abschliesst, und von der man lange glaubte, sie gehoere der Insel eigenthuemlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwaerts am beschneiten Gipfel der Pyrenaeen vor. Graeser und Riedgraeser, die in Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an den heissen Ufern des Orinoco und in der suedlichen Halbkugel auf dem Ruecken der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, dass Gewaechse ueber Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwaertig vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, dass die Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau gleichen, sich in ungleichen Abstaenden von den Polen und von der Meeresflaeche ueberall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der Temperatur einigermassen ueberein kommen? Trotz des Einflusses des Luftdrucks und der staerkeren oder geringeren Schwaechung des Lichts auf die Lebensthaetigkeit der Gewaechse ist doch die ungleiche Vertheilung der Waerme unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der Vegetation anzusehen. Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln gleichmaessig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben der aeltesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkraeuter, Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer Physiognomie mit den europaeischen verwechseln koennte; sie sind aber alle specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in den Niederungen des gemaessigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas bietet ein auffallendes Beispiel hiefuer) sind nicht Arten europaeischer Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heissen Zone heruebergekommen, es treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten einander ersetzen. Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben, bis zu den Bergen von Caracas sind es ueber zweihundert Meilen, und doch zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen Bergkette, dieselbe merkwuerdige Zusammenstellung von Befarien mit purpurrothen Bluethen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blaettern, wie sie fuer die Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die Kuestenkette von Caracas haengt unzweifelhaft (ueber den Torito, die Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so niedrig, dass fuer die oben erwaehnten Straeucher aus der Familie der Ericineen das Klima nicht kuehl genug ist. Und wenn auch, wie wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein Felskamm, der hoch genug waere, dass diese Gewaechse auf ihm nach der Silla von Caracas haetten wandern koennen. Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der Erdoberflaeche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen ausreichenden Erklaerungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden theilt der Laenge nach ganz Suedamerika in zwei ungleiche Stuecke. Am Fusse dieser Kette, ostwaerts und westwaerts, fanden wir in grosser Anzahl dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergaenge der Cordilleren sind aber der Art, dass nirgends Gewaechse der heissen Zone von den Kuesten der Suedsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn koennen. Wenn, sey es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein Berggipfel zu einer grossen Hoehe ansteigt, so ist sein Gipfel mit Alpenkraeutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf andern Bergen mit aehnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise zeigen sich im Allgemeinen die Gewaechse vertheilt und man kann den Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhaeltnisse nicht dringend genug empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich es keineswegs ueber mich, befriedigendere dafuer aufzustellen. Ich halte vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, fuer unloesbar, und nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt hat. Man sagt, ein Berg sey so hoch, dass er die Grenze des Rhododendrum und der Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus, dass unter dem Einflusse gewisser Waermegrade sich nothwendig gewisse vegetabilische Formen entwickeln muessen. Streng genommen ist nun diese Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico's fehlen auf den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Hoehe findet. Die Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in analogen Klimaten koennen die Arten bedeutend von einander abweichen. Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem 4--7. Grad noerdlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der Silla so wenig bekannt, dass sie sich fast in keinem Herbarium in Europa fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch verschieden. In der Naehe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden die Berge bis in die hoechsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen Meereshoehe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie weit tiefer, in etwas ueber 1000 Toisen Hoehe; die kuerzlich in Florida unter dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria waechst sogar auf niedrigen Huegeln. So ruecken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese Straeucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator sie vorkommen. Ebenso waechst die lapplaendische Alpenrose 8--900 Toisen tiefer als die der Alpen oder Pyrenaeen. Wir wunderten uns, dass wir in den Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden. Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei bis vier Fuss hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele zerbrechliche, fast quirlfoermig gestellte Aeste. Die Blaetter sind eifoermig, zugespitzt, an der Unterflaeche graugruen und an den Raendern aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schoenen, purpurrothen Bluethen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind. Das Rhododendrum der Schweiz waechst, in 800--1100 Toisen Meereshoehe, in einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2 deg. und -1 deg., also aehnlich dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kaeltesten Monate +4 deg. und -10 deg., die waermsten Monate +12 deg. und 7 deg.. Nach thermometrischen Beobachtungen in denselben Hoehen und unter denselben Parallelen betraegt im Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich noch 17--18 deg. und steht der Thermometer in der kuehlsten Jahreszeit bei Tag zwischen 15 und 20 deg., bei Nacht zwischen 10 und 12 deg.. Beim St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist die groesste Waerme im August um Mittag (im Schatten) gewoehnlich 12--13 deg.; Nachts kuehlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der Waermestrahlung des Bodens auf +1 oder -1 deg.,5 ab. Unter demselben barometrischen Druck, also in derselben Meereshoehe, aber um dreissig Breitegrade naeher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag haeufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht faellt dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehoerende Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshoehe wachsen; das Ergebniss waere ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen haetten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie liegen. Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Bluethen eine _Hedyotis_ mit Heidekrautblaettern, die acht Fuss hoch wird, die _Caparosa_ ein grosses baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem virginischen identisch scheint, endlich Baerlappenpflanzen und Moose, welche Felsen und Baumwurzeln ueberziehen. Am beruehmtesten ist aber dieses Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fuss hohen Strauches aus der Familie der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*. Seine lederartigen, gekerbten Blaetter und die Spitzen der Zweige sind mit einer weissen Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart; die Bluethen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas gegenueberliegen. Man mengt zuweilen den "Weihrauch" von der Silla mit den Bluethen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter Bluethe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops aehnelt. Die _Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf, sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen ein sehr angenehmes Riechwasser daraus. Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schoenen harzigten und wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der Thermometer sank unter 11 deg.. Es ist diess eine Temperatur, bei der man in diesem Himmelsstrich zu frieren anfaengt. Tritt man aus dem Gebuesch von Alpstraeuchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stueck am westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des ueppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht leicht darauf, dass das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von einem Gewaechs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder Bananengewaechse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder _Heliconia_; die Blaetter sind breit, glaenzend; sie wird 14--15 Fuss hoch und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf feuchten Gruenden im oestlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen mussten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die baumartigen Graeser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder Bluethe noch Frucht des Gewaechses. Man ist ueberrascht, in 1100 Toisen Hoehe, weit ueber den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren, einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehoere ausschliesslich den heissen Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso hohen und noch noerdlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten. Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen Kraeutern immer dem oestlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenriss zu sehen; auf einmal aber waren wir in dicken Nebel gehuellt und wir konnten uns nur nach dem Compass richten; gingen wir aber weiter nordwaerts, so liefen wir bei jedem Schritt Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast senkrecht 6000 Fuss hoch zum Meer abfaellt. Wir mussten Halt machen; und wie so die Wolken um uns her ueber den Boden wegzogen, fingen wir an zu zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die oestliche Spitze gelangen koennten. Gluecklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, dass der Pater Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder dass die Sklaven sich ueber den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein stillsitzender, studirender Poet saettigen, fuer Bergsteiger waren sie eine kaergliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu haben. Unsere Fuehrer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Muehe zurueck. Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta'schen Elektrometer. Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedraengten Heliconien stand, erhielt ich deutliche Spuren von Luftelektricitaet. Sie wechselte oft zwischen negativ und positiv und ihre Intensitaet war jeden Augenblick anders. Diese Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftstroemungen, die den Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir untruegliche Zeichen, dass das Wetter sich aendern wollte. Es war erst zwei Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die oestliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden Gipfeln herabkommen zu koennen. Hier wollten wir von den Negern aus den breiten duennen Blaettern der Heliconia eine Huette bauen lassen, ein grosses Feuer anzuenden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Haelfte unserer Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven, sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen. Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12 deg.,5. Es war ohne Zweifel ein aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhoehte und damit die Duenste aufloeste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir oeffneten den Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man sumpfigte Stellen in bedeutenden Hoehen, nicht weil das bewaldete Gebirge die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkuehlung bei Nacht, in Folge der Waermestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewaechse, der Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien. Wir gingen jetzt gerade auf den oestlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs hielt uns nachgerade weniger auf; zwar musste man immer noch Heliconien umhauen, aber diese baumartigen Kraeuter waren jetzt nicht mehr hoch und standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon oefter erwaehnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariastraeuchern bewachsen. Aber nicht wegen ihrer Hoehe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser Zone noch um 400 Toisen hoeher; denn nach andern Gebirgen zu schliessen, befaende sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Hoehe. Grosse Baeume scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur desshalb zu fehlen, weil der Boden so duerr und der Seewind so heftig ist, und die Oberflaeche, wie auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt. Um auf den hoechsten, oestlichen Gipfel zu kommen, muss man so nahe als moeglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Kueste zu hingehen. Der Gneiss hatte bisher sein blaetteriges Gefuege und seine urspruengliche Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in Granit ueber. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der Pyramide. Dieses Stueck des Wegs ist keineswegs gefaehrlich, wenn man nur prueft, ob die Felsstuecke, auf die man den Fuss setzt, fest liegen. Der dem Gneiss aufgelagerte Granit ist nicht regelmaessig geschichtet, sondern durch Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden. Prismatische, einen Fuss breite, zwoelf Fuss lange Bloecke ragen schief aus dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob ungeheure Balken ueber dem Abgrund hingen. Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren Himmel. Wir genossen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich nach Norden ueber die See weg, nach Sueden in das fruchtbare Thal von Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur der Luft war 13 deg.,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshoehe. Man ueberblickt eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in grosse Tiefen schwindligt wird, muss mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch seine Hoehe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100 Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenaeen; aber er unterscheidet sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen die See zu. Die Kueste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von der Spitze der Pyramide auf die Haeuser von Caravalleda hinab, so meint man, in Folge einer oefter erwaehnten optischen Taeuschung, die Felswand sey beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der Neigungswinkel 53 deg.,28{~PRIME~}; am Pic von Teneriffa betraegt die Neigung im Durchschnitt kaum 12 deg. 30{~PRIME~}. Ein 6--7000 Fuss hoher Absturz wie an der Silla von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man in den Bergen reist, ohne ihre Hoehen, ihre Massen und ihre Abhaenge zu messen. Seit man sich in mehreren Laendern Europas von Neuem mit Versuchen ueber den Fall der Koerper und ihre Abweichung gegen Suedost beschaeftigt, hat man in den Schweizer Alpen sich ueberall vergeblich nach einer senkrechten, 250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc gegen die _allee blanche_ betraegt keine 45 Grad, obgleich man in den meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Sued senkrecht ab. Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure noerdliche Abhang, trotz seiner grossen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabuesche haengen an der Felswand. Das kleine suedwaerts gelegene Thal zwischen den Gipfeln zieht sich der Meereskueste zu fort; die Alppflanzen fuellen diese Einsenkung aus, ragen ueber den Kamm des Berges empor und folgen den Kruemmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten muesse Wasser fliessen, und die Vertheilung der Gewaechse, die Gruppirung so vieler unbeweglicher Gegenstaende bringt Leben und Bewegung in die Landschaft. Es war jetzt sieben Monate, dass wir auf dem Gipfel des Vulkans von Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdflaeche ueberblickt, so gross als ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt und verschwamm nicht mit den anstossenden Luftschichten. Auf der Silla, die um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den naeher gerueckten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen. Blickten wir ueber die Meeresflaeche weg, die einem Spiegel glich, so fiel uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhaeltniss abnahm. Wo die Gesichtslinie die aeusserste Grenze der Flaeche streift, verschwamm das Wasser mit den darueber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen, und statt dass man in dieser Hoehe eine scharfe Grenze zwischen den beiden Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst aufzuloesen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich, nicht an einem einzigen Stueck des Horizonts, sondern auf einer Strecke von mehr als 160 Grad, am Ufer der Suedsee, als ich zum erstenmal auf dem spitzen Fels ueber dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der hoeher ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder nicht, das haengt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge, welche der Theil des Oceans empfaengt, auf den die Gesichtslinie zulaeuft, und von der Schwaechung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von 35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunaechst der Oberflaeche koennen das Licht bedeutend schwaechen, indem sie die durchgehenden Strahlen absorbiren. Selbst vorausgesetzt, die Refraktion aeussere gar keinen Einfluss, sollte man auf dem Gipfel der Silla bei schoenem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila, Roques und Aves sehen, von denen die naechsten 25 Meilen entfernt sind. Wir sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12 deg. 1{~PRIME~} der Breite gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10 deg. 31{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} der Breite.]. Wenn die umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschraenkten, muesste man von der Silla die Kueste ostwaerts bis zum Morro de Piritu, westwaerts bis zur Punta del Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Suedwaerts, dem innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in der Richtung eines Parallelkreises hinlaeuft. Haette dieser Wall eine Oeffnung, eine Luecke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger Landes und der Schweiz haeufig vorkommen, so genoesse man hier des merkwuerdigsten Schauspiels. Man saehe durch die Luecke die Llanos, die weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Hoehe mit dem Auge des Beobachters aufstiegen, so uebersaehe man vom selben Punkte zwei gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont. Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunaechstliegenden Haeuser, die Doerfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des Guayre, einen silberglaenzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten Landes stach angenehm ab vom duestern, wilden Aussehen der umliegenden Gebirge. Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man kaum, dass kein Bild vergangener Zeiten den Einoeden der neuen Welt hoeheren Reiz gibt. Ueberall wo in der heissen Zone der von Gebirgen starrende, mit dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein urspruengliches Gepraege behalten hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schoepfung. Weit entfernt, die Elemente zu baendigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberflaeche seit Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen Stroeme, die tobenden Stuerme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Waeldern der Niederungen oder auf dem Ruecken der Cordilleren gelebt, hat man in Laendern so gross wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Huetten stehen sehen; so hat eine weite Einoede nichts Schreckendes mehr fuer die Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei oder die Klagelaute seines Schmerzes hoeren liess. Wir konnten die guenstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher ueberragt, nicht lange fuer unsere Zwecke nuetzen. Waehrend wir mit dem Fernrohr den Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den Hoehen herauf. Zuerst fuellte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben beleuchtete Wasserdunst war gleichfoermig milchweiss gefaerbt. Es sah aus, als staende das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den Sklaven, der den grossen Ramsdenschen Sextanten trug; ich musste den Zustand des Himmels benutzen und entschloss mich, einige Sonnenhoehen mit einem Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Laengenunterschied zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem oestlichen Gipfel der Silla scheint kaum groesser als 0 deg. 3{~PRIME~} 22{~DOUBLE PRIME~}. Waehrend ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel beobachtete, sah ich, dass sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner als die Honigbiene des noerdlichen Europa, auf meine Haende gesetzt hatten. Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren traegen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor Kaelte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht wahr, dass diese dem neuen Continent eigenthuemlichen Bienen gar keine Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwaecher und sie brauchen denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos nicht vollkommen ueberzeugt ist, kann man sich einiger Besorgniss nicht erwehren. Ich gestehe, dass ich oft waehrend astronomischer Beobachtungen beinahe die Instrumente haette fallengelassen, wenn ich spuerte, dass mir Gesicht und Haende voll dieser haarigten Bienen sassen. Unsere Fuehrer versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen der Fuesse reize. Ich fuehlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst zu machen. Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die Barometerhoehe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und diess scheint zu beweisen, dass der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit ueber 1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht, dass auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der noerdlichen Grenze der Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshoehe, meist ein Gegenwind (_vent de remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften hatte die Physiker, welche den ungluecklichen La Peyrouse begleiteten, aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberflaeche bleibt. Die kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte Gewoelk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Hoehe zeigt, wie z. B. die sogenannten *Schaefchen*, stehen still oder ruecken so langsam fort, dass sich ihre Richtung nicht bestimmen laesst. Waehrend der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Kueste. Es war gleich 26 deg.,5 des Saussure'schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung zwischen der Kueste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten ueberraschte, war die anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc'schen) Fischbeinhygrometer aus dem Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87 deg. nach Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc'sche Hygrometer ging auf 49 Grad (85 deg. nach Saussure) zurueck. Eine halbe Stunde spaeter huellte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die naechsten Gegenstaende nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, dass das Instrument fortwaehrend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84 deg. Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13 deg.. Obgleich beim Fischbeinhygrometer der Saettigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad ist, sondern bei 84 deg.,5 (99 deg. S.), so schien mir doch dieser Einfluss einer Wolke auf den Gang des Instrumentes im hoechsten Grade auffallend. Der Nebel dauerte lang genug, dass der Fischbeinstreifen durch Anziehung der Wassertheilchen sich haette verlaengern koennen. Unsere Kleider wurden nicht feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen geuebter Reisender versicherte mich kuerzlich, er habe auf der _Montagne pelee_ auf Martinique eine Wolke aehnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet, zumal wenn er nichts versaeumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu vermeiden. Saussure sah waehrend eines heftigen Regengusses, wobei sein Hygrometer nicht nass wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der Wolke) auf 84 deg.,7 (48 deg.,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter, dass die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollstaendig gesaettigt wird, als dass der Wasserdunst, der den hygroscopischen Koerper unmittelbar beruehrt, denselben nicht dem Saettigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand befindet sich Wasserdunst, der nicht nass macht und doch sichtbar ist? Man muss, glaube ich, annehmen, dass sich eine trockenere Luft mit der, in der sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und dass die Dunstblaeschen, die ein weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die glatte Flaeche des Fischbeinstreisens nicht nass gemacht haben. Die durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt. Es waere unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines 7--8000 Fuss hohen Abhangs laenger zu verweilen. Wir gingen wieder vom Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu unserer grossen Ueberraschung, spaeter auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha in der suedlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden [_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im noerdlichen Europa ueberall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gestraeuche nieder. Waehrend ich die Moose untersuchte, welche den Gneiss im Grunde zwischen beiden Gipfeln ueberziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung aechte Geschiebe, gerollte Quarzstuecke. Man sieht leicht ein, dass das Thal von Caracas einmal ein Landsee seyn kann, ehe der Guayrefluss gegen Ost bei Caurimare, am Fuss des Huegels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen Catia und Cabo Blanco zu geoeffnet hatte; aber wie koennte das Wasser je bis zum Fuss des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenueber liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, dass das Wasser ueber sie in die Llanos haette abfliessen muessen? Die Geschiebe koennen nicht von hoeheren Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Hoehe ringsum die Silla ueberragt. Soll man annehmen, dass sie mit der ganzen Bergkette. laengs des Meeresufers emporgehoben worden sind? Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig waren. In der Freude ueber den gluecklichen Erfolg unserer Reise dachten wir nicht daran, dass der Weg abwaerts im Finstern ueber steile, mit kurzem glattem Rasen bedeckte Abhaenge gefaehrlich seyn koennte. Wegen des Nebels konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den Doppelhuegel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstaende, die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerueckt. Wir gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu uebernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Straeucher. Die herrlichen Befarien, ihre mit grossen Purpurbluethen bedeckten Zweige nahmen uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen fuer Herbarien sammelt, ist man um so waehlerischer, je ueppiger die Vegetation ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie einem nicht so schoen vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte. Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Ruecken, so will es einen fast reuen, dass man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns so lange im Pejual auf, dass die Nacht uns ueberraschte, als wir in 900 Toisen Hoehe die Savane betraten. Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Daemmerung gibt, sieht man sich auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterniss versetzt. Der Mond stand ueber dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken bedeckt, die ein heftiger kalter Wind ueber den Himmel jagte. Die steilen, mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhaenge lagen bald im Schatten, bald wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgruende, in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander; man suchte sich mit den Haenden zu halten, um nicht zu fallen und den Berg hinab zu rollen. Von den Fuehrern, welche unsere Instrumente trugen, fiel einer um den andern ab, um auf dem Berg zu uebernachten. Unter denen, die bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er trug einen grossen Inclinationscompass auf dem Kopf und hielt die Last trotz der ungemeinen Steilheit des Abhangs bestaendig im Gleichgewicht. Der Nebel im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir tief unter uns sahen, taeuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien der Abhang noch gefaehrlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in den sechs Stunden, in denen wir bestaendig abwaerts gingen, den Hoefen am Fusse der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hoerten ganz deutlich Menschenstimmen und die schrillen Toene der Guitarren. Der Schall pflanzt sich von unten nach oben meist so gut fort, dass man in einem Luftballon bisweilen in 3000 Toisen Hoehe die Hunde bellen hoert.(38) Erst um zehn Uhr Abends kamen wir aeusserst ermuedet und durstig im Thale an. Wir waren fuenfzehn Stunden lang fast bestaendig auf den Beinen gewesen; der rauhe Felsboden und die duerren harten Grasstoppeln hatten uns die Fusssohlen zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen muessen, weil die Sohlen zu glatt geworden waren. An Abhaengen, wo weder Straeucher, noch holzige Kraeuter wachsen, an denen man sich mit den Haenden halten kann, kommt man barfuss sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, fuehrte man uns von der Puerta zum Hofe Gallegos ueber einen Fusspfad, der zu einem Wasserstueck, el Tanque genannt, fuehrt. Man verfehlte den Fusspfad, und auf diesem letzten Wegstueck, wo es am allersteilsten abwaerts ging, kamen wir in die Naehe der Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserfaelle erhielt das naechtliche Bild einen wilden, grossartigen Charakter. Wir uebernachteten am Fusse der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns durch Fernroehren auf dem oestlichen Berggipfel sehen koennen. Mit Theilnahme hoerte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der hoechste Pyrenaeengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer moechte sich ueber eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo von Denkmaelern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale haengt? Kann man sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit Jahrhunderten die Hoehe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der Cordilleren ueberragt? ------------------ 30 S. Bd. 1. Seite 283. 31 Diese Worte sind oben Bd. I. Seite 255 erklaert. _ 32 Phleum alpinum_ von Brown untersucht. Nach den Beobachtungen dieses grossen Botanikers unterliegt es keinem Zweifel, dass mehrere Pflanzen beiden Continenten und den gemaessigten Zonen beider Halbkugeln zugleich angehoeren. _Potentilla anserina_, _Prunella vulgaris_, _Scirpus mucronatus_, und _Panicum Crus Galli_ wachsen in Deutschland, in Neuholland und in Pennsylvanien. _ 33 Viola chiranthifolia_ die Bonpland und ich beschrieben haben (s. Bd. I. Seite 123), ist von Kunth und Leopold von Buch unter den Alpenpflanzen gefunden worden, die Joseph de Jussieu aus den Pyrenaeen mitgebracht hat. _ 34 Rhododendrum laponicum_, _R. caucasicum_, _R. ferrugineum_, _R. hirsutum_ _ 35 Befaria glauca_, _B. ledifolia_ _ 36 Befaria aestuans_, _B. resinosa_ _ 37 Oden_, Buch I, 31 38 So Gay-Lussac bei seiner Luftfahrt am 16. September 1803. 39 Man glaubte frueher, die Silla von Caracas sey so ziemlich so hoch als der Pic von Teneriffa. VIERZEHNTES KAPITEL. Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung und den vulkanischen Ausbruechen auf den Antillen. Wir verliessen Caracas am 7. Februar in der Abendkuehle, um unsere Reise an den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen Buergerkriegen, die jenen fernen Laendern die Freiheit jetzt brachten, jetzt wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenflaeche umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An derselben Stelle, auf diesem zerkluefteten Boden, erhebt sich allmaehlich eine neue Stadt. Die Truemmerhaufen, die Graeber einer zahlreichen Bevoelkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung. Die grossen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rueckkehr nach Europa. Ueber die politischen Stuerme, ueber die Veraenderungen, welche in den gesellschaftlichen Zustaenden eingetreten, gehe ich hier weg. Die neueren Voelker sind bedacht fuer ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen sorgfaeltig die Geschichte der menschlichen Umwaelzungen, und damit die Geschichte ungezuegelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den Umwaelzungen in der aeussern Natur ist es anders; man kuemmert sich wenig darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten buergerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrueche wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei grossen allgemeinen Unfaellen, wie beim Unglueck des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstaende erkennen liesse. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich an zuverlaessiger Kunde ueber die Erdstoesse zusammengebracht, die am 26. Merz 1812 die Stadt Cararas zerstoert und in der Provinz Venezuela fast in Einem Augenblick ueber zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die Verbindungen, die ich fortwaehrend mit Leuten aller Staende unterhalten, setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen und Fragen ueber Punkte an sie zu richten, an deren Aufklaerung der Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur hat der Reisende die Zeit des Eintritts grosser Catastrophen festzustellen, ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhaeltnisse zu untersuchen, und im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich draengender Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere Catastrophen verglichen werden moegen. In der unermesslichen Zeit, welche die Geschichte der Natur umfasst, ruecken alle Zeitpunkte des Geschehenen nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und ueberhaupt von keinem grossen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den Vortheil, dass sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA CONDAMINE bewogen, die denkwuerdigen Ausbrueche des Vulkans Cotopaxi [Am 30. November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von Quito stattgefunden, in seiner "_Reise zum Aequator_" zu beschreiben. Ich glaube dem Beispiel des grossen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend welchem Vorwurf folgen zu duerfen, da die Ereignisse, die ich zu beschreiben gedenke, fuer die Theorie von den *vulkanischen Reactionen* sprechen, das heisst fuer den Einfluss, den ein *System von Vulkanen* auf einen weiten Landstrich umher ausuebt. Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, dass die am weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Kuesten den verheerenden Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, veraenderlichen Klimas, wegen des umzogenen, truebseligen Himmels. Die Bewohner dieses kuehlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr aus Jahr ein eine erstickend heisse Luft athme und wo der Boden periodisch von heftigen Erdstoessen erschuettert werde. Selbst Gebildete dachten nicht an die Verwuestung von Riobamba und andern hochgelegenen Staedten; sie wussten nicht, dass die Erschuetterung des Kalksteins an der Kueste von Cumana sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt, und so waren sie der Meinung, dass Caracas sowohl wegen des Baus seines Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe. Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei naechtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, dass von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im Jahr 1811 sollte eine graessliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und den Volksglauben ueber den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei Grade westlich von Cumana, fuenf Grade westlich vom Meridian der vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Stoesse, als man je auf den Kuesten von Paria und Neu-Andalusien gespuert. Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstoerung von Cumana am 14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen, aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch bei der Verwuestung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Kueste von Cumana reagirt zu haben; fuenfzehn Jahre spaeter wirkte, wie es scheint, ein dem Festland naeher liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberflaeche, bis zu welchen die Bewegung sich fortpflanzte. Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein betraechtliches Stueck der Erdflaeche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von Neu-Grenada, den Kuesten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Stoesse erschuettert, die man einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zaehle hier die Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, dass auf ungeheure Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels ueber den Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie diess auch bei den Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstaegiger Ausbruch, durch den die Klippe immer groesser und nach und nach 50 Toisen ueber dem Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitaen Tillard alsbald im Namen der grossbritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte, hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder verschlungen zu haben. Es ist diess das dritte mal, dass bei der Insel St. Michael unterseeische Vulkane so ausserordentliche Erscheinungen hervorbringen, und als waeren die Ausbrueche dieser Vulkane an eine gewisse Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Fluessigkeiten bis zu einem bestimmten Grade angehaeuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91 oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, dass trotz der Naehe keine europaeische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung naeher untersuchen zu lassen, durch welche fuer die Geschichte der Vulkane und des Erdballs ueberhaupt so viel gewonnen werden konnte. Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen Antillen, 800 Meilen suedwestwaerts von den Azoren gelegen, haeufig von Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 spuerte man auf der Insel St. Vincent, einer der drei Antillen mit thaetigen Vulkanen, ueber zweihundert Erdstoesse. Die Bewegungen beschraenkten sich aber nicht auf das Inselgebiet von Suedamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den Thaelern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhoerlich. Im Osten der Alleghanys waren die Schwingungen schwaecher als im Westen, in Tennesee und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getoese begleitet, das von Suedwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little Prairie, wie beim Salzwerk noerdlich von Cincinnati unter dem 34 deg. 45{~PRIME~} der Breite, spuerte man mehrere Monate lang taeglich, ja fast stuendlich Erdstoesse. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813. Die Stoesse waren Anfangs auf den Sueden, auf das untere Mississippithal beschraenkt, schienen sich aber allmaehlich gegen Norden fortzupflanzen. Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese lange Reihe von Erderschuetterungen anhob, im December 1811 spuerte man in der Stadt Caracas den ersten Erdstoss bei stiller, heiterer Luft. Dieses Zusammentreffen war schwerlich ein zufaelliges, denn man muss bedenken, dass, so weit auch die betreffenden Laender auseinander liegen, die Niederungen von Louisiana und die Kuesten von Venezuela und Cumana demselben Becken, dem Meere der Antillen angehoeren. Dieses *Mittelmeer mit mehreren Ausgaengen* ist von Suedost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich frueher ueber die weiten, allmaehlich 30, 50 und 80 Toisen ueber das Meer ansteigenden, aus secundaeren Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri, Arcansas und Mississippi durchstroemten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Suedens die Kuestenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden Hoehenzuege zwischen den canadischen Seen und den Nebenfluessen des Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt. Zwei Reihen thaetiger Vulkane fassen es ein: ostwaerts auf den kleinen Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwaerts in den Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und 20. Grad. Bedenkt man, dass das grosse Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 fast im selben Augenblick an der Kueste von Schweden, am Ontariosee und auf Martinique gespuert wurde, so kann die Annahme nicht zu keck erscheinen, dass das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Stoesse erschuettert werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen. Auf den Kuesten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben werden haeufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas die Beobachtung gemacht haben, dass seit dem Jahr 1792 die Regenguesse nicht so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war schnell bei der Hand, sowohl die gaenzliche Zerstoerung von Cumana im Jahr 1799 als die Erdstoesse, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto Cabello und Caracas gespuert, "einer Anhaeufung der Elektricitaet im Innern der Erde" zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, dass zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit der Erdoberflaeche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die Vorgaenge in grossen Tiefen Einfluss zu aeussern, und wenn man einen Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Haeufigkeit der Erdbeben bemerkt haben will, so gruendet sich diess, meiner Meinung nach, keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen koennen zufaellig zusammentreffen. Den auffallend starken Stoessen, die man am Mississippi und Ohio zwei Jahre lang fast bestaendig spuerte, und die im Jahr 1812 mit denen im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast gewitterloses Jahr voran, und diess fiel wieder allgemein auf. Es kann nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklaerung von Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricitaet herbeizieht. Der Stoss, den man im December 1811 in Caracas spuerte, war der einzige, der der schrecklichen Katastrophe vom 26. Maerz 1812 voranging. Man wusste in Terra Firma nichts davon, dass einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich ruehrte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in der Provinz Venezuela grosse Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in die Runde war in den fuenf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein Tropfen Regen gefallen. Der 26. Maerz war ein sehr heisser Tag; die Luft war still, der Himmel unbewoelkt. Es war Gruendonnerstag, und ein grosser Theil der Bevoelkerung in den Kirchen. Nichts verkuendete die Schrecken dieses Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends spuerte man den ersten Erdstoss. "Er war so stark, dass die Kirchenglocken anschlugen, und waehrte 5--6 Sekunden. Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, waehrend dessen der Boden in bestaendiger Wellenbewegung war, wie eine kochende Fluessigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorueber, als sich unter dem Boden ein furchtbares Getoese hoeren liess. Es glich dem Rollen des Donners; es war aber staerker und dauerte laenger als der Donner in der Gewitterzeit unter den Tropen. Diesem Getoese folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas laengere wellenfoermige Bewegung. Die Stoesse erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach Sued, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas wurde voellig ueber den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen 9 und 10,000) wurden unter den Truemmern der Kirchen und Haeuser begraben. Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen war so gross, dass drei bis viertausend Menschen von den einstuerzenden Gewoelben erschlagen wurden. Die Explosion war am staerksten auf der Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am naechsten liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die ueber 150 Fuss hoch waren und deren Schiff von 10--12 Fuss dicken Pfeilern getragen wurden, lagen als kaum 5--6 Fuss hohe Truemmerhaufen da. Der Schutt hat sich so stark gesetzt, dass man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Saeulen findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die noerdlich von der Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag, verschwand fast voellig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen, um sich der Procession anzuschliessen; es wurde, wenige Mann ausgenommen, unter den Truemmern des grossen Gebaeudes begraben. Neun Zehntheile der schoenen Stadt Caracas wurden voellig verwuestet. Die Haeuser, die nicht zusammenstuerzten, wie in der Strasse San Juan beim Kapuzinerkloster, erhielten so starke Risse, dass man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im suedlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem grossen Platz und der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern stehen."(41) Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Ungluecklichen nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum Charfreitag bot ein Bild unsaeglichen Jammers und Elends. Die dicke Staubwolke, welche ueber den Truemmern schwebte und wie ein Nebel die Luft verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdstoss war mehr zu spueren: es war die schoenste, stillste Nacht. Der fast volle Mond beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz anders aus als auf der mit Truemmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah Muetter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wusste und die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man draengte sich durch die Strassen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren. Alle Schrecken der grossen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und Riobamba wiederholten sich am Unglueckstage des 26. Maerz 1812. "Die unter den Truemmern begrabenen Verwundeten riefen die Voruebergehenden laut um Huelfe an, und es wurden auch ueber zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich das Mitleid ruehrender, man kann sagen sinnreicher bethaetigt, als hier, wo es galt, zu den Ungluecklichen zu dringen, die man jammern hoerte. Es fehlte voellig an Werkzeugen zum Graben und Wegraeumen des Schuttes; man musste die noch Lebenden mit den Haenden ausgraben. Man brachte die Verwundeten und die Kranken, die sich aus den Spitaelern gerettet, am Ufer des Guayre unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Baeume. Betten, Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles Unentbehrliche lag unter den Truemmern begraben. Es fehlte an Allem, in den ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsroehren der Brunnen zertruemmert und Erdstuerze hatten die Quellen verschuettet. Um Wasser zu bekommen, musste man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war, und es fehlte an Gefaessen." "Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Pietaet, als bei der Besorgniss vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu unmoeglich war, so viele tausend halb unter den Truemmern steckende Leichen zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man errichtete zwischen den Truemmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer fluechtete das Volk zur Andacht und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen hoffte. Die einen traten zu Bittgaengen zusammen und sangen Trauerchoere; andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Strasse. Da geschah auch hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom 4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche fuer ihre Verbindung zu suchen, schlossen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen sie bis jetzt verlaeugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in Feindschaft gelebt, versoehnten sich im Gefuehl des gemeinsamen Ungluecks." Wenn dieses Gefuehl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz fuer das Mitleid ausschloss, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur noch hartherziger und unmenschlicher. In grossen Unfaellen geht in gemeinen Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im Unglueck wie bei der wissenschaftlichen Beschaeftigung mit der Natur: nur auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefuehl mehr Waerme, den Gedanken hoeheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde. "So heftige Stoesse, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas ueber den Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes beschraenken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich ueber die Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Kueste entlang, besonders aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la Vega, San Felipe und Merida wurden fast gaenzlich zerstoert. In Guayra und in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier bis fuenftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Sued-West den hohen Gebirgen von Niquitao und Merida zulaeuft, scheint das Erdbeben am staerksten gewesen zu seyn. Man spuerte es im Koenigreich Neu-Grenada von den Auslaeufern der hohen Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom, 180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gneiss und Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fuss staerker als in der Ebene. Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklaert sich dieser Unterschied leicht.) In den Thaelern von Araguas zwischen Caracas und der Stadt San Felipe waren die Stoesse ganz schwach. Victoria, Maracay, Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche Wassermassen aus, dass sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro fuehlte man keine Erschuetterung, und doch liegt die Stadt an der Kueste, zwischen Staedten, die gelitten haben." Fischer, die den 26. Maerz auf der Insel Orchila, 30 Meilen nordoestlich von Guayra, zugebracht hatten, spuerten keine Stoesse. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung des Stosses ruehren wahrscheinlich von der eigenthuemlichen Lagerung der Gesteinsschichten her. Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwaerts von der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die Erschuetterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera; es ist aber hoechst merkwuerdig, dass sie an den Kuesten von Nueva Barcelona, Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Kuesten eine Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafuer bekannt sind, dass sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Liesse sich annehmen, die gaenzliche Zerstoerung der vier Staedte Caracas, Guayra, San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel St. Vincent oder in der Naehe ausgegangen, so wuerde begreiflich, wie die Bewegung sich von Nordost nach Suedwest auf einer Linie, die ueber die Eilande los Hermanos bei Blanquilla laeuft, fortpflanzen konnte, ohne die Kuesten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu beruehren. Ja der Stoss konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne dass die dazwischen liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschuetterung empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico haeufig bei Erdbeben vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck fuer einen Landstrich, der an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, "er mache eine Bruecke" (_que hace puente_), wie um anzudeuten, dass die Schwingungen sich in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen. Fuenfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der grossen Katastrophe blieb der Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schoen und still, und erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Stoesse wieder an, und zwar begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen Getoese (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der Umgegend; da aber Doerfer und Hoefe so stark gelitten hatten wie die Stadt, fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thaelern von Aragua und in den Llanos Obdach. Man spuerte oft fuenfzehn Schwingungen an Einem Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang wellenfoermig auf und ab. In den Gebirgen gab es grosse Erdfaelle; ungeheure Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung stuetzt sich auf keine Messung. Wie ich gehoert, bildet man sich auch in der Provinz Quito nach allen grossen Erschuetterungen ein, der Vulkan Tunguragua sey niedriger geworden. In mehreren aus Anlass der Zerstoerung von Caracas veroeffentlichten Nachrichten wird behauptet, "die Silla sey ein erloschener Vulkan, man finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das Gestein sey dort nirgends regelmaessig geschichtet und zeige ueberall Spuren des unterirdischen Feuers." Ja es heisst weiter, "zwoelf Jahre vor der grossen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und physikalischen Untersuchungen erklaert, die Silla sey ein sehr gefaehrlicher Nachbar fuer die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Stoesse von Nordost her kommen muessten." Es kommt selten vor, dass Physiker sich wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte es aber fuer Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten. Ueberall wo der Boden Monate lang fortwaehrend erschuettert worden, wie auf Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808, ist man darauf gefasst, einen Vulkan sich oeffnen zu sehen. Man vergisst, dass man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberflaeche zu suchen hat; dass, nach zuverlaessigen Aussagen, die Schwingungen sich fast im selben Moment tausend Meilen weit ueber die tiefsten Meere weg fortpflanzen; dass die groessten Zerstoerungen nicht am Fuss thaetiger Vulkane, sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der Umgegend von Caracas sind keineswegs staerker zerbrochen oder unregelmaessiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und ueberall, wo Urgebirge rasch zu bedeutender Hoehe ansteigen; ich habe daselbst weder Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden, kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu aeussern, die Silla und der Cerro de Avila seyen fuer die Hauptstadt gefaehrliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, waehrend meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem grossen Erdbeben in Quito scheine am oestlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu seyn, dass man besorgen muesse, mit der Zeit duerfte die Provinz Venezuela starke Erderschuetterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land lange von Erdstoessen heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe neue Verbindungen mit benachbarten Laendern herzustellen, und die in der Richtung der Silla nordoestlich von der Stadt gelegenen Vulkane der Antillen seyen vielleicht Luftloecher, durch welche bei einem Ausbruch die elastischen Fluessigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Kuesten des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf die Kenntniss der Oertlichkeiten und auf blosse Analogien gruenden, und einer durch den Lauf der Naturereignisse bestaetigten Vorhersagung ist ein grosser Unterschied. Waehrend man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdstoesse spuerte, wurde man am 30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch ein unterirdisches Getoese erschreckt, das wiederholten Salven aus Geschuetzen vom groessten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es war von keinen Stoessen begleitet, und, was sehr merkwuerdig ist, es war auf der Kueste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen unterirdischen Donner zu denken, dass man in Caracas wie in Calabozo militaerische Massregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu setzen, da der Feind mit seinem groben Geschuetz anzuruecken schien. Beim Uebergang ueber den Apure unterhalb Orivante, beim Einfluss des Rio Rula, hoerte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die "Kanonenschuesse" eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra noerdlich von der Kuestenkette gehoert. Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches Getoese erschreckt wurden, erfolgte ein grosser Ausbruch des Vulkans auf der Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im Mai 1811 haeufige Erdstoesse verkuendeten, dass sich das vulkanische Feuer entweder von Neuem entzuendet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am 30. floss die Lava ueber den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die See. Das Getoese beim Ausbruch glich "abwechselnd Salven aus dem schwersten Geschuetz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe schien weit staerker auf offener See, weit weg von der Insel, als im Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans." Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einfluss des Rula sind es in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden demnach in einer Entfernung gehoert gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses Phaenomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden anschliessen, beweist, wie viel groesser die unterirdische Wirkungssphaere eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Veraenderungen, die er an der Erdoberflaeche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hoert, gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrueche des Vulkans von St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie eine ungeheuer grosse Kanone, so muesste der Schall im umgekehrten Verhaeltniss der Entfernung staerker werden; aber die Beobachtung zeigt, dass diess nicht der Fall ist. Noch mehr: in der Suedsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die Kueste von Mexico, fuhren Bonpland und ich ueber Striche, wo alle Matrosen an Bord ueber ein dumpfes Geraeusch erschracken, das aus der Tiefe des Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger als 145 Meilen, und doch hoerte man waehrend der grossen Ausbrueche jenes Vulkans in Honda ein unterirdisches Getoese, das man fuer Geschuetzsalven hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Geruecht, Carthagena werde von den Englaendern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr ueber dem Becken von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500 Toisen mehr Meereshoehe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan, zahllose Thaeler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umstaenden laesst sich nicht annehmen, dass der Ton durch die Luft oder durch die obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und dass er von da ausgegangen sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man muss es wahrscheinlich finden, dass der hochgelegene Theil des Koenigreichs Quito und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von Sued nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm ueber 600 Quadratmeilen Oberflaeche hat. Auf diesem Gewoelbe, auf diesem aufgetriebenen Erdstueck stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser Gipfel aus. Die ausgefuellten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane; wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein- oder zweimal auswerfen, so laesst sich doch annehmen, dass das unterirdische Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in bestaendiger Thaetigkeit ist. Nordwaerts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von Popayan. Dass diese Systeme unter sich zusammenhaengen, geht unzweifelhaft aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von der gaenzlichen Zerstoerung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November 1796 an stiess der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsaeule aus. Die Muendungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsaeule drei Monate lang so hoch ueber den Gebirgskamm empor, dass die Einwohner der Stadt Pasto sie fortwaehrend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer grossen Ueberraschung sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne dass man einen Erdstoss spuerte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter gegen Sued zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar (Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstoert, furchtbarer als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse laesst wohl keinen Zweifel darueber, dass die Daempfe, welche der Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Muendungen oder _'ventanillas'_ ausstiess, am Druck elastischer Fluessigkeiten theilnahmen, welche den Boden des Koenigreichs Peru erschuetterten und in wenigen Augenblicken dreissig bis vierzigtausend Menschen das Leben kosteten. Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklaeren, um darzuthun, dass die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschuettern kann, musste ich mich auf die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schluesse bauen, und wo auf dem Erdball faende man grossartigere und mannigfaltigere vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen Bergkette, in dem Lande, wo die Natur ueber jeden Berggipfel und jedes Thal die Fuelle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschaetzen, so stellt sich die vulkanische Wirksamkeit an der gegenwaertigen Erdoberflaeche weder als sehr gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je frueher wir den Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermoege ihres Zusammenhangs in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschuettern. Das Studium der Vulkane zerfaellt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein mineralogische, beschaeftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so zugaengliche und auch mehr vernachlaessigte Theil hat es mit den gegenseitigen physikalischen Verhaeltnissen der Vulkane zu thun, mit dem Einfluss, den die Systeme auf einander ausueben, mit dem Zusammenhang zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Stoessen, welche den Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung erschuettern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thaetigkeit genau verzeichnet, ferner die Richtung, Ausdehnung und Staerke der Erschuetterungen, ihr allmaeliges Vorruecken in Landstrichen, die sie frueher nicht erreicht hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem unterirdischen Getoese, das so stark ist, dass die Bewohner der Anden es ausdrucksvoll *unterirdisches Gebruelle* und *unterirdischen Donner* (_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehoeren dem Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt, die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Grossartigkeit und Gewaltsamkeit weit ueber das Mass unserer Vorstellungen hinausgeht. Man hat sich lange darauf beschraenkt, die Geschichte der Natur nach den alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmaelern zu studiren; aber wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen Umwaelzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschraenktem Raum, stuermische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefasst, ueber die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten koennen. Im Innern des Erdballs hausen die geheimnissvollen Kraefte, deren Wirkungen an der Oberflaeche zu Tage kommen, als Ausbrueche von Daempfen, gluehenden Schlacken, neuen vulkanischen Gesteinen und heissen Quellen, als Auftreibungen zu Inseln und Bergen, als Erschuetterungen, die sich so schnell wie der elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den man Monate lang, und ohne Erschuetterung des Bodens, in grossen Entfernungen von thaetigen Vulkanen hoert. Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevoelkerung zunehmen werden, je fleissiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird, desto mehr muss der Zusammenhang zwischen Ausbruechen und Erdbeben, welche den Ausbruechen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die ungeheure Hoehe von 2500 Toisen und darueber erreichen, bieten dem Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrueche sind merkwuerdig scharf bezeichnet. Dreissig, vierzig Jahre lang werfen sie keine Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen dieses kleinen Vulkans gewoehnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die Schlackenauswuerfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdstoss verspuert, staerker gewesen sind. Auf dem Ruecken der Cordilleren hat Alles einen bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft zehnjaehrige Ruhe. Unter diesen Umstaenden wird es leicht, Epochen zu verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit zusammenfallen. Die Zerstoerung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen darauf hin, dass die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den Erschuetterungen, welche die Kuesten von Terra Firma erleiden, im Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es haeufig vor, dass die Stoesse, welche man im vulkanischen Archipel spuert, sich weder nach der Insel Trinidad, noch nach den Kuesten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen Antillen selbst beschraenken sich die Erschuetterungen oft auf eine einzige Insel. Der grosse Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hoerte, wie in Venezuela, starke Schlaege, aber der Boden blieb ruhig. Diese Donnerschlaege, die nicht mit dem rollenden Geraeusch zu verwechseln sind, das ueberall auch ganz schwachen Erdstoessen vorausgeht, hoert man an den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater Morello erzaehlt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getoese zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinboellern (_pedreros_) dass es gewesen sey, als wuerde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October 1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschuetterungen in einer ganz granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie von heftigen Donnerschlaegen begleitet waren. Am Paurari erfolgten grosse Bergstuerze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco. Die wellenfoermigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschuetterungen, welche die Kuesten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Waeldern leben und kein anderes Obdach haben als Huetten aus Rohr und Palmblaettern, fuerchten sich nicht vor den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber darueber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem Wasser ans Ufer. Naeher bei der See, wo die Erdstoesse sehr haeufig sind, fuerchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres. Alles weist darauf hin, dass im Innern des Erdballs nie schlummernde Kraefte walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer Fluessigkeiten fuer uns in Dunkel gehuellt sind, desto groessere Aufforderung hat der Physiker, den Zusammenhang naeher zu beobachten, der zwischen diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in sehr gleichfoermiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen Beziehungen und Verhaeltnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet, wenn man sie ueber ein grosses Stueck der Erdoberflaeche durch die verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine lokale Ursachen haben koennten, wie Schichten von Schwefelkiesen und brennende Steinkohlenfloeze. Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschuetterungen beschaeftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit erleidet, und die unermesslichen Jammer ueber ein Land bringen, das die Natur mit ihren koestlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe herrscht in der obern Atmosphaere, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen Atmosphaere*, in diesem Gemisch elastischer Fluessigkeiten, deren gewaltsame Bewegungen wir an der Erdoberflaeche empfinden, rollt haeufig der Donner. Wir haben von der Zerstoerung so vieler volkreichen Staedte erzaehlt und damit das hoechste Mass menschlichen Elends geschildert. Ein fuer seine Unabhaengigkeit kaempfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung und allen Lebensbeduerfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Truemmern ihrer Haeuser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefuehl des Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Buergern zu befestigen, untergraebt es vollends; die aeussern Uebel steigern noch die Zwietracht, und der Anblick eines mit Thraenen und Blut getraenkten Bodens beschwichtigt nicht den Grimm der siegreichen Partei. Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, laesst man die Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als in den Vereinigten Staaten das grosse Unglueck von Caracas bekannt wurde, beschloss der zu Washington versammelte Congress einstimmig, fuenf Schiffe mit Mehl zur Vertheilung unter die Duerftigsten an die Kueste von Venezuela zu senden. Diese grossmuethige Unterstuetzung ward mit dem lebhaftesten Danke aufgenommen, und dieser feierliche Beschluss eines freien Volks, dieser Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur des alten Europa in juengster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat, erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das auf immer die Voelker des gedoppelten Amerikas verknuepfen soll. ------------------ 40 Z. B. die naechtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das grosse Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr 1778. Andere sehr starke Erdstoesse kamen vor in den Jahren 1641, 1703 und 1802. 41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_. (Manuscript) 42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenfoermigen und stossenden Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare Katastrophe vom 26. Maerz 1812 herbeifuehrten, wurde von den einen auf 50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschaetzt. FUeNFZEHNTES KAPITEL. Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. -- Victoria. -- Thaeler von Aragua. Der kuerzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco haette uns ueber die suedliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von Ocumare, und ueber die Steppen oder Llanos von Orituco gefuehrt, worauf wir uns bei Cabruta, an der Einmuendung des Rio Guarico, haetten einschiffen muessen; aber auf diesem geraden Wege haetten wir unsere Absicht nicht erreicht, die dahin ging, den schoensten und kultivirtesten Theil der Provinz, die Thaeler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich der Kueste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem Einfluss in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der Gestaltung und den natuerlichen Schaetzen des Bodens bekannt machen will, richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das die zu bereisenden Laender bieten. Diese entscheidende Ruecksicht fuehrte uns in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und ueber die ungeheuren Steppen von Calabozo nach San Fernando am Apure im oestlichen Theil der Provinz Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Sued und am Ende Ost-Sued-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7 deg. 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} in den Orinoco zu gelangen. Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Laengen durch Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, musste nothwendig die Lage beider Staedte genau und durch absolute Beobachtungen ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der noerdliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10 deg. 30{~PRIME~} 50{~DOUBLE PRIME~} der Breite und 69 deg. 25{~PRIME~} 0{~DOUBLE PRIME~} der Laenge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar 1800 ausserhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4 deg. 38{~PRIME~} 45{~DOUBLE PRIME~} gegen Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universitaet 4 deg. 39{~PRIME~} 15{~DOUBLE PRIME~}, also um 26{~PRIME~} staerker als in Cumana. Die Inclination der Nadel war 42 deg. 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensitaet der magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden: sie sind das Ergebniss dreimonatlicher Arbeit. Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verliessen, die seitdem durch ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, uebernachteten wir am Fusse der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Suedwest schliessen. Wir zogen am rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schoenen, zum Theil in den Fels gehauenen Strasse. Man kommt durch la Vega und Carapa. Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht bewachsenen Huegelzug ab. Zerstreute Haeuser, von Dattelbaeumen umgeben, deuten auf guenstige Verhaeltnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe Bergkette trennt den kleinen Guayrefluss vom Thale *de la Pascua*,(43) das in der Geschichte des Landes eine grosse Rolle spielt, und von den alten Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwaerts nach Carapa hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine gewaltige, gegen das Meer jaeh abstuerzende Kuppel darstellt. Dieser runde Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gneiss und Glimmerschiefer, die der Landschaft Charakter geben; die uebrigen Hoehen sind sehr einfoermig und langweilig. Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgaerten voll bluehender Pfirsichbaeume. Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge Pfirsiche, Quitten und anderes europaeisches Obst auf den Markt in Caracas. Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal ueber den Guayre. Der Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Strasse zu bauen, thaete man vielleicht besser, dem Fluss ein anderes Bett anzuweisen, der durch Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Kruemmung bildet eine groessere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht gleichgueltig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme des Strichs zwischen der See und der Kuestenbergkette von Mariara und Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche. Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80 deg. geneigt und fallen meist nach Nordwest, so dass die Wasser entweder im Gebirg versinken oder nicht suedlich, sondern noerdlich an den Kuestengebirgen von Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus, dass die Gneiss- und Glimmerschieferschichten gegen Sued ausgerichtet sind, scheint sich mir groesstentheils die grosse Duerre des Kuestenstrichs zu erklaeren. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der Kaffeebaum koennen nur da gedeihen, wo Wasser fliesst, mit dem man waehrend der grossen Duerre kuenstlich bewaessern kann. Die ersten Ansiedler haben unvorsichtigerweise die Waelder niedergeschlagen. Auf einem steinigten Boden, wo Felsen ringsum Waerme strahlen, ist die Verdunstung ungemein stark. Die Berge an der Kueste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die feuchte Kuestenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See aufliegen und am meisten Wasser ausgeloest haben, nicht ins innere Land kommen. Es gibt wenige Luecken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Laengenthaeler hinauffuehren. Da ist kein grosses Flussbett, kein Meerbusen, durch die der Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Baeume im Januar und Februar die Blaetter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich naehert. Nur die Gewaechse mit glaenzenden, stark lederartigen Blaettern halten die Duerre aus. Unter dem schoenen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Gruen erscheint wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die grossen Waelder im Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schuetzen ihn vor der verzehrenden Sonnengluth. Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das Flussufer ist mit *Lata* bewachsen, der schoenen Grasart mit zweizeiligen Blaettern, die gegen dreissig Fuss hoch wird und die wir unter dem Namen Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Huette stehen ungeheure Staemme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien, Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhaeuten am Bodens. In jedem Gemach waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die laermende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen des bewoelkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war truebselig einfoermig, alle Huegel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem kleinen Kanal, der ueber 70 Fuss hoch das Wasser des Rio San Pedro in den Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden der Hacienda nur 50 Toisen ueber dem Bett des Guayre bei Noria in der Naehe von Caracas. Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im Allgemeinen einen Begriff zu machen, genuegt die Angabe, dass die ganze Provinz Caracas zur Zeit ihrer hoechsten Bluethe vor den Revolutionskriegen bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, muss desto bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Buerger, Don Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Kueste von Terra Firma gemacht hatte. Die schoensten Kaffeepflanzungen sind jetzt in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von den drei letztgenannten, ostwaerts von Caracas gelegenen Orten ist von vorzueglicher Guete; aber die Straeucher tragen dort weniger, was man der hohen Lage und dem kuehlen Klima zuschreibt. Die grossen Pflanzungen in der Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804 10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener fuer die Colonisten so unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch ueber zwei Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in den englischen Magazinen. Die grosse Vorliebe, die man in dieser Provinz fuer den Kaffeebau hat, ruehrt zum Theil daher, dass die Bohne sich viele Jahre haelt, waehrend der Cacao, trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen verdirbt. Waehrend der langen Kriege zwischen den europaeischen Maechten, wo das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schuetzen, musste sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht schnell abgesetzt werden muss und bei dem man alle politischen und Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen Pflanzen, die zufaellig unter den tragenden Baeumen aufwachsen; man laesst vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblaettern fuenf Tage lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande gewoehnlich 5300 Baeume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen. Ein solches Grundstueck kostet, wenn es sich bewaessern laesst, im noerdlichen Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blueht erst im zweiten Jahr und die Bluethe waehrt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejaeteten und bewaesserten Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Baeume, die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur 1--11/2 Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist schon groesser als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Bluethezeit faellt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewaechs, eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten grossen Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000 Staemmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse organischen Stoffs, und man muss sich wundern, dass man nie versucht hat Alkohol daraus zu gewinnen. Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der Colonialwaaren und die Auswanderung der franzoesischen Pflanzer den ersten Anlass zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs bloss das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, dass die franzoesischen Antillen nichts mehr ausfuehrten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die Bevoelkerung und bei veraenderter Lebensweise der Luxus bei den europaeischen Voelkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 fuehrte St. Domingo gegen 76 Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist nicht so muehsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba, Surinam, Demerary, Barbice, Curacao, Venezuela und der Insel Java weit mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen. Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa uebersteigt jetzt 106 Millionen Pfund franzoesischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5 Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus Arabien und Java, so ergibt sich, dass der Gesammtverbrauch von Europa im Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen Untersuchungen ueber die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus China in den letzten fuenfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil staerker geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana koennte Thee so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in Stockwerken ueber einander, und dieser neue Culturzweig wuerde eben so gut gedeihen, wie in der suedlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer Regierung, die grosssinnig die Industrie und die religioese Duldung in ihren Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo's Glaubenssaetze zumal eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam und auf den Antillen die ersten Kaffeebaeume gepflanzt wurden, und bereits hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet. Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um ueber den Higuerote zu gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Laengenthaelern von Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Fluesse San Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, ueber das Wasser gegangen waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo ein paar einzelne Haeuser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur Stadt Caracas, gegen Sued bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshoehe, also fast so hoch als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich hoeher als 17--18 deg. [13 deg.,6--14 deg.,4 Reaumur]. Die Strasse ueber diese Berge ist sehr belebt; jeden Augenblick begegnet man langen Zuegen von Maulthieren und Ochsen; es ist die grosse Strasse von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thaeler von Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gneiss gehauen. Ein mit Glimmerblaettern gemengter Thon bedeckt drei Fuss hoch das Gestein. Im Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein Morast. Abwaerts von der Ebene von Buonavista, etwa fuenfzig Toisen gegen Suedost, kommt man an eine starke Quelle im Gneiss, die mehrere Faelle bildet, welche die ueppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle hinunter ist so steil, dass man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fuss hoch wird, mit der Hand beruehren kann. Die Felsen ringsum sind mit Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schiesst im Schatten von Heliconien hin und entbloesst die Wurzeln der Plumeria, des Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen heimgesuchte Ort gewaehrt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea, von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, traegt oft vier bis fuenfhundert purpurrothe Bluethen in einem einzigen Strausse. Jede Bluethe hat fast immer 11 Staubfaeden, und das prachtvolle Gewaechs, dessen Stamm 50--60 Fuss hoch waechst, wird selten, weil sein Holz eine sehr gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden zwischen Baeumen, deren Hierseyn bekundet, wie kuehl das Klima in diesen Bergen ist. Dahin gehoeren die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die _Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schoenen Region der Baumfarn (_region de los helechos_) eigenthuemlichen Gewaechsen erheben sich in den Lichtungen hie und da Palmbaeume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia mit silberfarbigen Blaettern, deren duenner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, dass ein so schoener Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn Kronblaetter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das Zellgewebe im Innern zerstoeren, scheinen das Wachsthum des Baums zu hemmen. Wir hatten in diesen kuehlen Bergen von Higuerote schon einmal botanisirt, im December, als wir den Generalcapitaen Guevara auf dem Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar Staemme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schoenen Farbe beruehmtes Holz einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_. Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Suedwest zum kleinen Dorfe San Pedro herunter (Hoehe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo mehrere kleine Thaeler zusammenstossen, und fast 300 Toisen tiefer als die Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut. Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht angestellte Hispano-Europaeer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr verschieden. Vom Marsche ermuedet, brachen sie in Klagen und Verwuenschungen aus ueber das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben muessten. Wir dagegen konnten die wilde Schoenheit der Gegend, die Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug ruehmen. Das Thal von San Pedro mit dem Fluesschen dieses Namens trennt zwei grosse Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen West wieder aufwaerts ueber die kleinen Hoefe las Lagunetas und Garavatos. Es sind diess nur einzelne Haeuser, die als Herbergen dienen; die Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetraenk, *Guarapo*, gegohrenen Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Strasse hin und her ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas oeffneten wir den Barometer und fanden, dass wir hier in derselben Hoehe waren wie auf Buonaviste, kaum 10 Toisen hoeher. Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einfoermig. Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und des Tuy ist ueber 25 Quadratmeilen gross. Es gibt darin sein einziges elendes Dorf, los Teques, suedoestlich von San Pedro. Der Boden ist wie durchfurcht von unzaehligen kleinen Thaelern, und die kleinsten, neben einander herlaufenden muenden unter rechtem Winkel in die groesseren aus. Die Berggipfel sind eben so einfoermig wie die Thalschluchten; nirgends eine pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang. Nach meiner Ansicht ruehrt das fast durchgaengig flache, wellenfoermige Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneisses, als vielmehr davon, dass das Wasser lange darueber gestanden und die Stroemungen ihre Wirkungen geaeussert haben. Die Kalkberge von Cumana, noerdlich vom Turimiquiri, zeigen dieselbe Bildung. Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche Abhang der Berggruppe los Teques heisst las Cocuyzas; er ist mit zwei Pflanzen mit Agaveblaettern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de Cocuy* bewachsen. Letzterer gehoert zur Gattung Yucca (unsere _Yucca acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein gebrannt, auch habe ich die jungen Blaetter essen sehen. Aus den Fasern der ausgewachsenen Blaetter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Doerfern, unter denen welche sind, die in Europa Staedte hiessen. Von Ost nach West, auf einer Strecke von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay, die zusammen ueber 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der oestliche Auslaeufer der Thaeler von Aragua zu betrachten, die sich von Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fuss der Berge las Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen ueber dem Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, laeuft Anfangs gegen West, wendet sich dann nach Sued und Ost laengs der hohen Savanen von Ocumare, nimmt die Gewaesser des Thals von Caracas auf und faellt unter dem Winde des Cap Codera ins Meer. Wir waren schon lange an eine maessige Temperatur gewoehnt, und so kamen uns die Ebenen am Tuy sehr heiss vor, und doch stand der Thermometer bei Tag zwischen elf Uhr Morgens und fuenf Uhr Abends nur auf 23--24 deg.. Die Naechte waren koestlich kuehl, da die Lufttemperatur bis auf 17 deg.,5{~PRIME~} [14 deg. Reaumur] sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto staerker schienen die Wohlgerueche der Blumen die Luft zu erfuellen. Aus allen heraus erkannten wir den koestlichen Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Bluethe 8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy waechst. Wir verlebten zwei hoechst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Russland gewesen war. Als Zoegling und Guenstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten von Caracas, wollte er sich, als der beruehmte Staatsmann ins Ministerium getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz fuerchtete Manterolas Einfluss und liess ihn im Hafen verhaften, und als der Befehl von Hof anlangte, der die eigenmaechtige Verhaftung aufhob, war der Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es haelt schwer, auf 1500 Meilen, von der suedamerikanischen Kueste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen. Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine huebsche Zuckerplantage. Der Boden ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlaengelt sich durch Gruende, die mit Bananen und einem kleinen Gehoelz von _Hura crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbaeumen mit Nymphaeenblaettern bewachsen sind. Das Flussbett besteht aus Quarzgeschieben, und ich wuesste nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das crystallhelle Wasser behaelt selbst bei Tag die Temperatur von 18 deg.,6. Das ist sehr kuehl fuer dieses Klima und fuer eine Meereshoehe von 300 Toisen, aber der Fluss entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des Eigenthuemers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Huegel und ringsum stehen die Huetten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst fuer ihren Unterhalt. Wie ueberall in den Thaelern von Aragua weist man ihnen ein kleines Grundstueck an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Huehner, zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr ruehmt, wie gut sie es haben, wie im noerdlichen Europa die gnaedigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern ruehmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich fuerchtete Zeuge einer der Pruegelscenen sein zu muessen, die einem ueberall, wo die Sklaverei herrscht, das Landleben verbittern; gluecklicherweise wurden die Schwarzen menschlich behandelt. Auf dieser Pflanzung, wie ueberall in der Provinz Venezuela, unterscheidet man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat ein dunkleres Blatt, einen duenneren Stengel und die Knoten stehen naeher bei einander; es ist diess das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingefuehrt wurde. Die zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Gruen aus; der Stengel ist hoeher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verraeth ueppigeres Wachsthum. Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres ist fuer die Antillen von grossem Werth, da die Pflanzer dort wegen der Ausrodung der Waelder schon lange die Kessel mit ausgepresstem Rohr heizen muessen. Ohne dieses neue Gewaechs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf dem Festland des spanischen Amerika und die Einfuehrung des indischen und Javazuckers, haetten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstoerung der dortigen grossen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen Einfluss auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geaeussert. Nach Caracas kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta und San Gil im Koenigreich Neu-Grenada. Gegenwaertig, nach fuenfundzwanzigjaehrigem Anbau, ist die Besorgniss verschwunden, die man Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr moechte allmaehlig ausarten und so duenn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist, so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr, _Cana de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut. Es hat purpurfarbige, sehr breite Blaetter; in der Provinz Caracas verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstuecken laufen Hecken aus einer gewaltig grossen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blaettern. Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Waesserungskanal gespeist werden sollte. Der Eigenthuemer hatte fuer das Unternehmen 7000 Piaster an Baukosten und 4000 fuer die Processe mit seinen Nachbarn ausgegeben. Waehrend die Sachwalter sich ueber einen Kanal stritten, der erst zur Haelfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache ueberhaupt ausfuehrbar seh. Ich vermass das Terrain mittelst eines Probirglases auf einem kuenstlichen Horizont und fand, dass das Wehr acht Fuss zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen Colonien fuer Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen angelegt waren! Das Tuythal hat sein "Goldbergwerk", wie fast jeder von Europaeern bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr 1780 habe man hier fremde Goldwaescher Goldkoerner sammeln sehen, und die Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Waescherei angelegt. Der Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und siehe, man fand in seinem Nachlass ein Wamms mit goldenen Knoepfen, und nach der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die Schuerfung durch einen Erdfall verschuettet worden war. So bestimmt ich auch erklaerte, nach dem blossen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen in der Richtung des Ganges, koenne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut worden sey -- es half nichts, ich musste den Bitten meiner Wirthe nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen Bezirk tagtaeglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schoosse der Erde graebt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das Gold, das der Fleiss des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden Klima gesegneten Boden erntet. Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im noerdlichen Zuge der Kuestengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_ genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie ueberall, wo die Hoehen in die Wolkenregion reichen und die Wasserduenste auf ihrem Zug von der See her freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Gruen, das uns in den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Baeume im Winter ihre Blaetter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, faellt einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so trocken, dass der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40 deg. steht. Weit ab vom Fluss sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges Pfeffergewaechs das entblaetterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum erreicht; sie ruehrt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, dass "die Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heissen Erdstrich herueber wirken." Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewaechse bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Blaetter- und Bluethenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen Baeume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmaehlich feuchter, wenn sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blaesser und hoch oben in der Luft sammeln sich leichte, gleichfoermig verbreitete Duenste. In diese Jahreszeit faellt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein Fruehling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48) Winters Anfang verkuendigt und auf die Sommerhitze folgt. In der _Quebrada Seca_ wurde frueher Indigo gebaut; da aber der dichtbewachsene Boden nicht so viel Waerme abgeben kann, als die Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am noerdlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der ueber die fallenden Gneissschichten niederstuerzt; man arbeitete hier an einer Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene fuehren sollte; ohne Bewaesserung ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft moeglich. Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, ueber dem Hause des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, haette umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertruemmern muessen, so hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefaellt, dass er zwischen ungeheure Feigenbaeume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter rollen konnte. Wir massen den gefuellten Baum: der Wipfel war abgebrannt, und doch mass der Stamm noch 154 Fuss; er hatte an der Wurzel 8 Fuss Durchmesser und am obern Ende 4 Fuss 2 Zoll. Unsern Fuehrern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Baeume sind, und sie trieben uns vorwaerts, dem "Goldbergwerk" zu. Wir wandten uns nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am Abhang eines Huegels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz veraendert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits wuchsen grosse Baeume auf dem Fleck, wo die Goldwaescher vor zwanzig Jahren gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass sich hier im Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen, goldhaltige Gaenge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagerstaette bauwuerdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto seltener, je reicher es ist? Um uns fuer unsere Anstrengung zu entschaedigen, botanisirten wir lange im dichten Wald ueber dem Hato, wo Cedrela, Brownea und Feigenbaeume mit Nymphaeenblaettern in Menge wachsen. Die Staemme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen bedeckt, die meist erst im April bluehen. Auch hier fielen uns wieder die Holzauswuechse auf, die in der Gestalt von Graeten oder Rippen den Stamm der amerikanischen Feigenbaeume bis zwanzig Fuss ueber dem Boden so ungemein dick machen. Ich habe Baeume gesehen, die ueber der Wurzel 221/2 Fuss Durchmesser hatten. Diese Holzgraeten trennen sich zuweilen acht Schuh ueber dem Boden vom Stamm und verwandeln sich in walzenfoermige, zwei Schuh dicke Wurzeln, und da sieht es aus, als wuerde der Baum von Strebepfeilern gestuetzt. Dieses Geruestwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die Seitenwurzeln schlaengeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fuss vom Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums hervorquellen und sofort, da er der Lebensthaetigkeit der Organe entzogen ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von Zellen und Gefaessen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen Riesenbaeumen der heissen Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fuss hoch aufsteigt und wieder zum Boden rueckfliesst, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens bergen! Ich benuetzte die hellen Naechte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39{~PRIME~} 14{~DOUBLE PRIME~} Laenge; nach dem Chronometer fand ich 4h 39{~PRIME~} 10{~DOUBLE PRIME~}. Diess waren die letzten Bedeckungen, die ich bis zu meiner Rueckkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben wurde das oestliche Ende der Thaeler von Aragua und der Fuss der Berge las Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhoehen von Canopus fand ich die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}, am 10. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 34{~DOUBLE PRIME~}. Trotz der grossen Trockenheit der Luft flimmerten die Sterne bis zu 80 Grad Hoehe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt und jetzt vielleicht das Ende der schoenen Jahreszeit verkuendete. Die Inclination der Magnetnadel war 41 deg. 60{~PRIME~}, und 228 Schwingungen in 10 Minuten Zeit gaben die Intensitaet der magnetischen Kraft an. Die Abweichung der Nadel war 4 deg. 30{~PRIME~} gegen Nordost. Waehrend meines Aufenthalts in den Thaelern des Tuy und von Aragua zeigte sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten nach Sonnenuntergang, ohne dass der klare Himmel sich getruebt haette. Schon La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen, wie schoen sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl weil es weniger geneigt ist, als wegen der grossen Reinheit der Luft. Man muesste es auch auffallend finden, dass nicht lange vor Childrey und Dominic Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wuesste, wie wenig sie bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kuemmerten, was nicht unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte. So glaenzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es doch noch weit schoener auf dem Ruecken der Cordilleren von Mexico, am Ufer des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshoehe. Auf dieser Hochebene geht der Delucsche Hygrometer auf 150 zurueck, und bei einem Luftdruck von 21 Zoll 8 Linien ist die Schwaechung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60 Grad ueber den Horizont herauf. Die Milchstrasse erschien blass neben dem Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Woelkchen gegen West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen. Ich muss hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in meinem an Ort und Stelle gefuehrten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet. Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwaecher, jetzt wieder staerker. Bald war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstrasse im Schuetzen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im Innern, weit von den Raendern. Waehrend dieser Schwankungen des Zodiacallichts zeigte der Hygrometer grosse Trockenheit an. Die Sterne vierter und fuenfter Groesse erschienen dem blossen Auge fortwaehrend in derselben Lichtstaerke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen, und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeintraechtigen. In andern Jahren, in der suedlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe Stunde, ehe es verschwand, staerker werden. Nach Dominic Cassini sollte "das Zodiacallicht in manchen Jahren schwaecher und dann wieder so stark werden wie Anfangs." Er glaubte, dieser allmaehliche Lichtwechsel "haenge mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe periodisch Flecken und Fackeln erscheinen;" aber der ausgezeichnete Beobachter erwaehnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger Minuten erfolgenden Wechsel in der Staerke des Zodiacallichtes, wie ich denselben unter den Tropen oefters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich sehe man in den Monaten Februar und Maerz ziemlich oft mit dem Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte* nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, dass in den von mir beobachteten Faellen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der Wechsel in der Lichtstaerke erfolgte in bedeutenden Hoehen, das Licht war weiss, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter den Tropen so selten sichtbar, dass ich in fuenf Jahren, so oft ich auch im Freien lag und das Himmelsgewoelbe anhaltend und sehr aufmerksam betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte. Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so moechte ich glauben, dass diese Veraenderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen Vorgaengen in der Atmosphaere abhaengen. Zuweilen, in ganz heitern Naechten, suchte ich das Zodiacallicht vergebens, waehrend es Tags zuvor sich im groessten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, dass Emanationen, die das weisse Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwaecher sind? Die Untersuchungen ueber den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit die Mathematiker uns bewiesen haben, dass uns die wahre Ursache der Erscheinung unbekannt ist. Der beruehmte Verfasser der _mecanique celeste_ hat dargethan, dass die Sonnenatmosphaere nicht einmal bis zur Merkursbahn reichen kann, und dass sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen koennte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben muss. Es lassen sich zudem ueber das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie ueber das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen wichtigen Punkt zu erledigen. Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola auf. Der Weg fuehrt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war kuehl und feucht, und die Luft durchwuerzt vom koestlichen Geruch des _Pancratium undulatum_ und anderer grosser Liliengewaechse. Man kommt durch das huebsche Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthaetigen Muttergottesbildes beruehmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe der Familie Monteras Halt. Eine ueber hundert Jahre alte Negerin sass vor einer kleinen Huette aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. "Ich halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_)", sagte ihr Enkel; "die Waerme erhaelt sie am Leben." Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Voelker mit dunkler Haut, die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heissen Zone ein hohes, glueckliches Alter. Ich habe anderswo von einem eingeborenen Peruaner erzaehlt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90 Jahre verheirathet gewesen war. Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen. Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schoenen Thaelern von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besassen, und sie wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Waelder am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe Cultur Schoenes und Gutes bietet. Der Weg von Mamon nach Victoria laeuft nach Sued und Suedwest. Den Tuy, der am Fuss der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu seyn. Die Kalktuffhuegel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse deuten das alte Seegestade an. Das oestliche Ende des Thals ist duerr und nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten Gebirge nicht benuetzt, aber in der Naehe der Stadt betritt man ein gut bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur fuer ein Dorf (_pueblo_) galt. Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schoenen Gebaeuden, einer Kirche mit dorischen Saeulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich nicht leicht als Dorf denken. Laengst hatten die Einwohner von Victoria den spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen Cabildo, einen Gemeinderath, waehlen zu duerfen. Das spanische Ministerium willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Huetten den vornehmen Titel _Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Buerger seyn; aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie ausgeartet. Die Leute, welche die unumschraenkte Gewalt in Haenden haben, koennten so leicht den Einfluss von ein paar maechtigen Familien ihren Zwecken dienstbar machen; statt dessen fuerchten sie den sogenannten Unabhaengigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskoerper gelaehmt und kraftlos bleiben, als dass sie Mittelpunkte der Regsamkeit aufkommen liessen, die sich ihrem Einfluss entziehen, als dass sie der lokalen Lebensthaetigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub leisteten, nur weil diese Thaetigkeit vielmehr vom Volk als von der obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die Municipalverfassung vom Hose klugerweise beguenstigt. Maechtige Maenner, die bei der Eroberung eine Rolle gespielt, gruendeten Staedte und bildeten die ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehoerigen des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht so argwoehnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich, misstrauisch, ausschliessend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weissen eine Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung fuer Indien nichts gewusst hatte. Allmaehlich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einfluss der Gemeinden herabgedrueckt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und 17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof fuer gefaehrliche Hemmnisse der koeniglichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Doerfer trotz der Zunahme ihrer Bevoelkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, dass die neueren Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_ die Artikel von den Verhaeltnissen der nach Amerika uebersiedelten Spanier, von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderaethe nachliest. Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein ganz eigenthuemlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen Meereshoehe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee- und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europaeischen Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Hoehe der Weizenbau stark betrieben, und nur selten geht er ueber 400 Toisen herab. Wir werden bald sehen, dass, wenn man Lagen von verschiedener Hoehe mit einander vergleicht, der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide bauen kann, haengt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit faellt, ob der Wind fortwaehrend aus Ost blaest oder von Norden her kalte Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend oertlichen Verhaeltnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs als die Vertheilung derselben Waermemenge auf verschiedene Jahreszeiten bedingen. Es ist eine merkwuerdige Erscheinung, dass das europaeische Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Laendern mit einer mittleren Waerme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo die Sommertemperatur ueber 9--10 Grad betraegt. Man kennt das *Minimum* von Waerme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; ueber das *Maximum*, das diese sonst so zaehen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen. Wir wissen nicht einmal, welche Verhaeltnisse zusammenwirken, um unter den Tropen den Getreidebau in sehr geringen Hoehen moeglich zu machen. Victoria und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man saeet ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fuenfundsiebzigsten Tag. Das Korn ist gross, weiss und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist duenner, nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen. Bei Victoria ertraegt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen, also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den noerdlichen Laendern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, waehrend der Boden von Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fuenfte bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen traegt. Trotz dieser Fruchtbarkeit des Bodens und des guenstigen Klimas ist der Zuckerbau in den Thaelern von Aragua eintraeglicher als der Getreidebau. Durch Victoria laeuft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy, sondern in den Rio Aragua ergiesst, woraus hervorgeht, dass dieses schoene Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken des Sees von Valencia gehoert, zu einem System von Binnenfluessen, die mit der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio Calanchas heisst _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht man Waaren ausgestellt, und die Strassen bestehen aus Budenreihen, Zwei Handelsstrassen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_ genannt. Es sind im Verhaeltniss mehr Weisse hier als in Caracas. Wir besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr schoene Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thaeler von Aragua, ein weites, mit Gaerten, Bauland, Stuecken Wald, Hoefen und Weilern bedecktes Gelaende. Gegen Sued und Suedost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere Bergkette streicht nach West laengs des Sees von Valencia fort bis Villa de Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist steil und fortwaehrend in den leichten Dunst gehuellt, der in heissen Laendern ferne Gegenstaende stark blau faerbt und die Umrisse keineswegs verwischt, sondern sie nur staerker hervortreten laesst. In dieser innern Kette sollen die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des 11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10 deg. 13{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}, die Inclination der Magnetnadel 40 deg.,80, die Intensitaet der magnetischen Kraft gleich 236 Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4 deg.,40 nach Nordost. Wir zogen langsam weiter ueber die Doerfer San Matheo, Turmero und Maracay auf die Hacienda de Cura, eine schoene Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmaehlig weiter; zu beiden Seiten desselben stehen Huegel von Kalktuff, den man hier zu Lande _tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswuerdigen und gebildeten Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen Buechersammlung steht auf einer Anhoehe und ist mit Kaffe- und Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebuesch von Balsambaeumen (_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Kuehlung und Schatten. Mit reger Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Haeuser, die von Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten beguenstigen in den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den uebrigen europaeischen Nationen. San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Doerfer, wo Alles den groessten Wohlstand verraeth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und die letzten Muehlen mit wagerechten Wasserraedern. Man rechnete bei der bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als waere diess noch ein maessiger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preussen und Polen mehr ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher. Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, weiss man, dass nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt als auf den Nordkuesten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada, Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche der "Vegetationscyclus" des Getreides faellt, so findet(50) man fuer drei Sommermonate im noerdlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Hoehe, 14--25 Grad. Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thaelern von Aragua und im Innern von Cuba beweisen zur Genuege, dass Zunahme der Waerme die Ernte des Weizens und der andern naehrenden Graeser nicht beeintraechtigt, wenn nicht mit der hohen Temperatur uebermaessige Trockenheit oder Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, dass ostwaerts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_, diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, waehrend westlich von der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen Hoehe, die Vegetation noch so ueppig ist, dass der Weizen keine Aehren ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europaeische Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt fuer zu heiss oder zu feucht dafuer haelt. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier waren noch nicht so an den Mais gewoehnt, man hielt noch fester an den europaeischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Saemereien aller Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die Kuestenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend der Stadt Tocuyo werden jaehrlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls ausgefuehrt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, dass dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine grosse Bedeutung erlangen wird. Die gemaessigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshoehe ist nicht so bedeutend, dass die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter faenden, Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwaertig bezieht Caracas sein Mehl entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der Herstellung der oeffentlichen Ruhe auch fuer den Gewerbfleiss bessere Zeiten kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro eine Strasse gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen. Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwaehrend durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der regelmaessigen Bauart der Doerfer erkennt man, dass alle den Moenchen und den Missionen den Ursprung verdanken. Die Strassen sind gerade, unter einander parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem grossen viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen ueberladenes Gebaeude. Seit die Missionaere den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weissen Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden nach und nach als besondere Race, das heisst sie werden in der Gesammtmasse der Bevoelkerung durch die Mestizen und die Zambos repraesentirt, deren Anzahl fortwaehrend zunimmt. Indessen habe ich in den Thaelern von Aragua noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die Chaymas; ihr Auge verraeth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge der Stammverschiedenheit als der hoeheren Civilisation ist. Sie arbeiten, wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie arbeiten, ruehrig und fleissig; was sie aber in zwei Monaten verdient, verschwenden sie in einer Woche fuer geistige Getraenke in den Schenken, deren leider von Tag zu Tag mehr werden. In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es den Leuten an, dass diese Thaeler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen Friedens genossen hatten. Der Generalcapitaen wollte das Militaerwesen wieder in Schwung bringen und hatte grosse Uebungen angeordnet. Da hatte in einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht muede, uns zu schildern, wie gefaehrlich ein solches Manoever sey. "Rings um ihn seyen Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier Stunden in der Sonne stehen muessen, und seine Sklaven haben ihm nicht einmal einen Sonnenschirm ueber den Kopf halten duerfen." Wie rasch doch die scheinbar friedfertigsten Voelker sich an den Krieg gewoehnen! Ich laechelte damals ueber eine Hasenfuessigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit kundgab, und zwoelf Jahre darauf wurden diese selben Thaeler von Aragua, die friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defile von Cabrera und die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten, hartnaeckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des Mutterlandes. Suedlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und trennt zwei schoene Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere gehoert der Familie des Grafen Tovar, der ueberall in der Provinz Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt. Noerdlich von Turmero, in der Kuestencordillere, erhebt sich ein Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den reichen Cacaopflanzungen auf dem Kuestenstrich bei Choroni, Turiamo und Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Haefen an der Kueste fuehrt. Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Huegel, wie ein gruen bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Huegel, noch ein Klumpen dicht beisammen stehender Baeume, sondern ein einziger Baum, der beruehmte _'Zamang de Guayre'_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fuss im Umfang bilden. Der Zamang ist eine schoene Mimosenart, deren gewundene Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen Gewoelbe. Der Stamm ist nur sechzig Fuss hoch und hat neun Fuss Durchmesser, seine Schoenheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich ueberall dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fuss abstehen. Der Umriss der Krone ist so regelmaessig, dass ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und 186 Fuss lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit ganz entblaettert; an einer andern Stelle standen noch Blaetter und Bluethen neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere Schmarotzergewaechse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde derselben. Die Bewohner dieser Thaeler, besonders die Indianer, halten den Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden haben moegen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet, ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst veraendert. Dieser Zamang muss zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei Orotava. Der Anblick alter Baeume hat etwas Grossartiges, Imponirendes; die Beschaedigung dieser Naturdenkmaeler wird daher auch in Laendern, denen es an Kunstdenkmaelern fehlt, streng bestraft. Wir hoerten mit Vergnuegen, der gegenwaertige Eigenthuemer des Zamang habe einen Paechter, der es gewagt, einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur Verhandlung und der Paechter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so gross. Je naeher man gegen Cura und Guacara am noerdlichen Ufer des Sees kommt, desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zaehlt in den Thaelern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten Landstrich ueber 52,000 Einwohner. Diess gibt auf die Quadratmeile 2000 Seelen, also beinahe so viel wie in den bevoelkertsten Theilen Frankreichs. Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war frueher, als der Indigobau in hoechster Bluethe stand, der Hauptort fuer diesen Zweig der Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zaehlte man daselbst bei einer Bevoelkerung von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Haeuser sind alle von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbaeume, deren Krone ueber die Gebaeude emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar hoeher geschaetzt. Seit 1772 schloss sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist wieder aelter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe, aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der ausserordentlichen Ertragsfaehigkeit des Bodens in den spanischen Colonien, wenn man einem sagt, dass der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fuenf Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jaehrlich vier bis fuenftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn. Der Anil erschoepft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt der Boden fuer ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwaehrend abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die ostindische Compagnie verkauft jetzt in London ueber 5,500,000 Pfund Indigo, waehrend sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000 Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathaelern abnahm, einen desto groesseren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den heissen Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberuehrte Boden am Rio Tachira ein aeusserst farbreiches Produkt in Menge liefert. Wir kamen sehr spaet nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fuehlt immer wieder das Beduerfniss es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbfleiss und Handel Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben. Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswuerdigsten Herzlichkeit auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfaeltig alles, was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro Gonzales, war in Handelsgeschaeften auf der Reise, und seine junge Frau genoss seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war ausser sich vor Vergnuegen, als sie hoerte, dass wir auf dem Rueckweg vom Rio Negro an den Orinoco nach Angostura kommen wuerden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er erfahren, dass ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Laendern gelten, wie bei den Alten, wandernde Gaeste fuer die sichersten Boten. Es gibt Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, dass Privatleute durch sie selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf gesehen, am Morgen mussten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem Vater Zug fuer Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Buecher und Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, "auf einer langen Reise und bei so vielen anderweitigen Geschaeften koennten wir leicht vergessen, was fuer Augen ihr Kind habe." Wie liebenswuerdig ist solche Gastfreundschaft! wie koestlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja auch ein Charakterzug frueherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung ist! Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Kueste laeuft ein Ast suedwaerts in die Ebene hinaus; es ist diess das Vorgebirge *Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen wuerde, wenn nicht ein schmaler Pass zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine traurige Beruehmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um diesen Pass, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchfuehrt. Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwaehrend sinkt. Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage aeusserst angenehm zu, und zwar in einem kleinen Hause in einem Gebuesch, weil im Hause auf der schoenen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den Sklaven in diesen Thaelern haeufig vorkommende Hautkrankheit. Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal, schliefen dreimal und assen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes, sehr kuehles, koestliches Bad im Schatten von Ceibabaeumen und grossen Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor Insektenstichen zu fuerchten, wohl aber vor den kleinen roethlichen Haaren an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem vom Winde zugefuehrt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend _picapica_ nennt, sich an den Koerper haengen, so verursachen sie ein sehr heftiges Jucken: man kuehlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie ruehren. Bei Cura sahen wir die saemmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen, Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um mehr Areal fuer den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, dass die Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild waechst. Wir fanden 8--10 Fuss hohe Straeucher, mit Bignonien und andern holzigten Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jaehrlich kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Haefen der _Capitania general_ stieg sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf mehr als 22,000 Centner. Es ist diess fast die Haelfte dessen, was der ganze Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thaelern von Aragua ist von guter Qualitaet; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt fuer besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen. Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die grossen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jaehrlich. Bedenkt man, dass in den Vereinigten Staaten, also ausserhalb der Tropen, in einem unbestaendigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima, die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815) von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Massstab dieser Handelszweig sich entwickeln muss, wenn einmal in den vereinigten Provinzen von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der Gewerbfleiss nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen erzeugen nach Brasilien die Kuesten von hollaendisch Guyana, der Meerbusen von Cariaco, die Thaeler von Aragua und die Provinzen Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Suedamerika. Waehrend unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausfluege auf die Felseninseln im See von Valencia, zu den heissen Quellen von Mariara und auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefaehrlicher Pfad fuehrt an den Hafen Turiamo und zu den beruehmten Cacaopflanzungen an der Kueste. Auf allen diesen Ausfluegen sahen wir uns angenehm ueberrascht nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das Wachsthum einer freien Bevoelkerung, die fleissig, an Arbeit gewoehnt und zu arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu koennen. Ueberall hatten kleine Landbauer, Weisse und Mulatten, zerstreute Hoefe angelegt. Unser Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einkuenfte hat, besass mehr Land, als er urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thaelern von Aragua unter arme Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, dass sich um seine grossen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen bald fuer sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der Ernte ihm als Tageloehner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle Ziel, die Negersklaverei im Lande allmaehlig auszurotten, und er hegte die doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger noethig zu machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Paechter zu werden. Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Laendereien bei Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstuecke zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika kam, fand er daselbst schoene Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30 bis 40 Haeusern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben. Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie Neger. Mehrere grosse Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling betraegt zehn Piaster auf die Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Paechter sind oft in Bedraengniss und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschuesse reicher Nachbarn geraeth der Schuldner in eine Abhaengigkeit, in Folge deren er seine Dienste als Tagloehner oefter anbieten muss. Der Taglohn ist nicht so hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thaelern von Aragua und in den Llanos einem freien Tageloehner vier bis fuenf Piaster monatlich, neben der Kost, die beim Ueberfluss an Fleisch und Gemuese sehr wenig ausmacht. Gerne verbreite ich mich hier ueber den Landbau in den Colonien, weil solche Angaben den Europaeern darthun, was aufgeklaerten Colonisten laengst nicht mehr zweifelhaft ist, dass das Festland des spanischen Amerika durch freie Haende Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und dass die ungluecklichen Sklaven Bauern, Paechter und Grundbesitzer werden koennen. ------------------ 43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada, nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt Caracas gruendete. 44 S. Bd. II, Seite 150. 45 S. Humboldt, _Essay politique sur le Mexique._ T. II, pag. 435. 46 S. Bd. I, Seite 294. 47 An der Uhr in der Hauptkirche von Caracas trug ein 5 Linien dicker Maqueystrick seit 15 Jahren ein Gewicht von 350 Pfund. * 48 Winter* heisst die Zeit im Jahr, wo es am meisten regnet, daher in Terra Firma die mit der Winter-Tag-und Nachtgleiche beginnende Jahreszeit Sommer genannt wird und man alle Tage sagen hoert, im Gebirge sey es Winter, wahrend es in den benachbarten Niederungen Sommer ist. 49 Mairan ist dieselbe Erscheinung in Europa aufgefallen. 50 Die mittlere Sommertemperatur ist in Schottland (bei Edinburgh unter dem 56. Grad der Breite) dieselbe wie auf den Hochebenen von Neu-Grenada, wo in 1400 Toisen Meereshoehe und unter dem vierten Grad der Breite so viel Getreide gebaut wird. Auf der andern Seite entspricht die mittlere Temperatur der Thaeler von Aragua (10 deg. 15{~PRIME~} der Breite) und aller nicht sehr hoch gelegenen Ebenen in der heissen Zone der *Sommertemperatur* von Neapel und Sicilien (39 deg. 40{~PRIME~} der Breite). Die obigen Zahlen bezeichnen die Lage der *isotheren* (der Linien der gleichen Sommerwaerme), nicht der *isothermen* Linien (der Linien der gleichen Jahreswaerme). Hinsichtlich der Waermemenge, welche ein Punkt der Erdoberflaeche im Lauf eines ganzen Jahres empfaengt, entsprechen die mittleren Temperaturen der Thaeler von Aragua und der Hochebenen von Neu-Grenada in 300--1400 Toifen Meereshoehe den mittleren Temperaturen der Kuesten unter dem 23--45. Grad der Breite. SECHZEHNTES KAPITEL. Der See von Valencia. -- Die beissen Quellen von Mariara. -- Die Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Kueste von Porto Cabello hinab. Die Thaeler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Hoehe in der Mitte liegt. Nordwaerts trennt die Sierra Mariara sie von der Meereskueste, gegen Sueden dient ihnen die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die gluehende Luft der Steppen. Huegelzuege, hoch genug, um den Lauf der Gewaesser zu bestimmen, schliessen das Becken gegen Ost und West wie Querdaemme. Diese Huegel liegen zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthuemlichen Gestaltung des Bodens bilden die Gewaesser der Thaeler von Aragua ein System fuer sich und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergiessen sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee, unterliegen hier dem maechtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich gleichsam in der Luft. Durch diese Fluesse und Seen wird die Fruchtbarkeit des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thaelern bedingt. Schon der Augenschein und eine halbhundertjaehrige Erfahrung zeigen, dass der Wasserstand sich nicht gleich bleibt, dass das Gleichgewicht zwischen der Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestoert ist. Da der See 1000 Fuss ueber den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fuss ueber dem Meere liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abfluss oder versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel fortwaehrend sinkt, so meinte man, der See koennte voellig eintrocknen. Das Zusammentreffen so auffallender Naturverhaeltnisse musste mich auf diese Thaeler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der liebliche Eindruck fleissigen Anbaus und der Kuenste einer erwachenden Cultur sich vereinigen. Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist groesser als der Neuenburger See in der Schweiz; im Umriss aber hat er Aehnlichkeit mit dem Genfer See, der auch fast gleich hoch ueber dem Meere liegt. Da in den Thaelern von Aragua der Boden nach Sued und West faellt, so liegt der Theil des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunaechst der suedlichen Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von Ocumare zustreicht. Die einander gegenueberliegenden Ufer des Sees stechen auffallend von einander ab. Das suedliche ist wueste, kahl, fast gar nicht bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einfoermiges Ansehen; das noerdliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und andern immer bluehenden Straeuchern eingefasste Wege laufen ueber die Ebene und verbinden die zerstreuten Hoefe. Jedes Haus ist von Baeumen umgeben. Der Ceiba mit grossen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Bluethen, deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthuemlichen Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben sticht wirkungsvoll vom eintoenigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst ueber dem gluehenden Boden schwebt, wird das Gruen und die Fruchtbarkeit durch kuenstliche Bewaesserung unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage; ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren nackten, zerkluefteten Waenden wachsen einige Saftpflanzen und bilden Dammerde fuer kommende Jahrhunderte. Haeufig ist oben auf diesen einzeln stehenden Huegeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blaettern aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren duerren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer steilen Kueste. An der Gestaltung dieser Hoehen erraeth man, was sie frueher waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fuss der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und die Kuestenbergkette bespuelten, waren diese Felshuegel Untiefen oder Eilande. Diese Zuege eines reichen Gemaeldes, dieser Contrast zwischen den beiden Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des Waadtlands, wo der ueberall angebaute, ueberall fruchtbare Boden dem Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Muehen sicher lohnt, waehrend das savoyische Ufer gegenueber ein gebirgigtes, halb wuestes Land ist. In jenen fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen Natur, gedachte ich mit Lust der hinreissenden Beschreibungen, zu denen der Genfer See und die Felsen von Meillerie einen grossen Schriftsteller begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr Schaerfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft genug sagen: unter jedem Himmelsstriche traegt die Natur, sey sie wild oder vom Menschen gezaehmt, lieblich oder grossartig, ihren eigenen Stempel. Die Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig, gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Groesse und aeussere Formverhaeltnisse koennen eigentlich verglichen werden; man kann den riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserfaelle der Pyrenaeen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich foerderlich seyn moegen, erfaehrt man wenig vom Naturcharakter des gemaessigten und des heissen Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem grossen Walde, am Fuss mit ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Groesse, was uns mit dem heimlichen Gefuehle der Bewunderung erfuellt. Was zu unserem Gemuethe spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft, entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschoenheiten recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem Charakter gar nicht vergleichen; man wuerde fuerchten sich selbst im Genuss zu stoeren. Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer malerischen Reize im Lande beruehmt; das Becken bietet verschiedene Erscheinungen, deren Aufklaerung fuer die Naturforschung und fuer den Wohlstand der Bevoelkerung von gleich grossem Interesse ist. Aus welchen Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwaertig rascher als vor Jahrhunderten? Laesst sich annehmen, dass das Gleichgewicht zwischen dem Zufluss und dem Abgang sich ueber kurz oder lang wieder herstellt, oder ist zu besorgen, dass der See ganz eingeht? Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva Valencia und Guigue ist der See gegenwaertig von Cagua bis Guayos 10 Meilen oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten an der Einmuendung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, betraegt sie nirgends ueber 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die Maasse, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man koennte meinen, um das Verhaeltniss der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die gegenwaertige Groesse des Sees mit der zu vergleichen, welche alte Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 veroeffentlichten "_Geschichte der Provinz Venezuela_," angeben. Dieser Geschichtschreiber laesst in seinem hochtrabenden Styl "dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso cuerpo de la laguna de Valencia_", 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund mehr, und grosse schwimmende Inseln bedecken die Seeflaeche, die fortwaehrend von den Winden aufgeruehrt werde. Unmoeglich laesst sich auf Schaetzungen Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_ ausgedrueckt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550 Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch die Thaeler von Aragua gekommen seyn muss, Beachtung, dass er behauptet, die Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See erbaut worden, und dass sich bei ihm die Laenge des Sees zur Breite verhaelt wie 7 zu 3. Gegenwaertig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb Meilen angeschlagen haette, und die Laenge des Seebeckens verhaelt sich zur Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens zwischen Valencia und Guigue, die Huegel, die auf der Ebene oestlich vom Cano de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heissen, beweisen zur Genuege, dass seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurueckgewichen ist. Was die Veraenderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir nicht sehr wahrscheinlich, dass er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur Haelfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Sued rascher steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermassen gegen diese Annahme. Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewaesser zur Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden. Wenn man die Flussthaeler und die Seebecken genau betrachtet, findet man ueberall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand laeugnet wohl jetzt mehr, dass unsere Fluesse und Seen in sehr bedeutendem Maasse abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch darauf hin, dass dieser grosse Wechsel in der Vertheilung der Gewaesser vor aller Geschichte eingetreten ist, und dass sich seit mehreren Jahrtausenden bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der Zufluesse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestoert ist, thut man gut, sich umzusehen, ob solches nicht von rein oertlichen Verhaeltnissen und aus juengster Zeit herruehrt, ehe man eine bestaendige Abnahme des Wassers annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugniss einiger beredten Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, haette man in der Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis fuer den Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand. Um darzuthun, dass Amerika spaeter als Asien und Europa aus dem Wasser emporgestiegen, haette man wohl auch den See von Tacarigua angefuehrt, als eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch unausgesetzte allmaelige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, dass in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fuss des Gebirges Cocuysa bis zum Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand. Ueberall laesst die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte Ufer eines Alpsees, aehnlich den Steiermaerker und Tyroler Seen, erkennen. Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch sind, kommen in 3 bis 4 Fuss dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings, dass das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafuer vor, dass es seit jener weit entlegenen Zeit fortwaehrend abgenommen habe. Die Thaeler von Aragua gehoeren zu den Strichen von Venezuela, die am fruehesten bevoelkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen, die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevoelkerung die weisse noch weit ueberwog und das Seeufer schwaecher bewohnt war, eben nicht bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreissig Jahren faellt es Jedermann in die Augen, dass dieses grosse Wasserbecken von selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die frueher unter Wasser standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Huette baut, sieht man das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und die Cabrera suedoestlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in Gestalt zerstreuter Huegel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt, liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die merkwuerdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem Gestraeuch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen ueber dem jetzigen Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten Spuren vom allmaeligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung wird von der Bevoelkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen drei neue Inseln oestlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los nuevos Penones_ oder _las Aparecidas_ heissen, bilden eine Art Untiefen mit voellig ebener Oberflaeche- Sie waren im Jahr 1800 bereits ueber einen Fuss hoeher als der mittlere Wasserstand. Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia, gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems von Fluessen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die meisten dieser Gewaesser koennen nur Baeche heissen; es sind ihrer zwoelf bis vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet, und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug, durch den eben so viel abfliesse, als die Baeche hereinbringen. Die einen lassen diesen Abzug mit Hoehlen, die in grosser Tiefe liegen sollen, in Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fliesse durch einen schiefen Canal in das Meer. Dergleichen kuehne Hypothesen ueber den Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hoert man von unterirdischen Schluenden und Canaelen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen ueber und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut man auch weiss, dass Fluessigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung stehen, sich in dasselbe Niveau setzen. Einerseits die Verringerung der Masse der Zufluesse, die seit einem halben Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Waelder, der Urbarmachung der Ebenen und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die Abnahme des Sees von Valencia zur Genuege erklaeren. Ich theile nicht die Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Laender besucht hat,(53) der zufolge man "zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik" einen unterirdischen Abfluss soll annehmen muessen. Faellt man die Baeume, welche Gipfel und Abhaenge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und Wassermangel. Die Baeume sind vermoege des Wesens ihrer Ausduenstung und der Strahlung ihrer Blaetter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwaehrend mit einer kuehlen, dunstigen Lufthuelle umgeben; sie aeussern wesentlichen Einfluss auf die Fuelle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat, die in der Luft verbreiteten Wasserduenste anziehen, sondern weil sie den Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schuetzen und damit die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstoert man die Waelder, wie die europaeischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flussbetten liegen einen Theil des Jahres ueber trocken, und werden zu reissenden Stroemen, so oft im Gebirge starker Regen faellt. Da mit dem Holzwuchs auch Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmaelige Sickerung die Baeche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken Regenniederschlaege die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort und verursacht ploetzliches Austreten der Gewaesser, welche nun die Felder verwuesten. Daraus geht hervor, dass das Verheeren der Waelder, der Mangel an fortwaehrend fliessenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind, die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Laender in entgegengesetzten Hemisphaeren, die Lombardei am Fusse der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende Beweise fuer die Richtigkeit dieses Satzes. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die Thaeler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Grosse Baeume aus der Familie der Mimosen, Ceiba- und Feigenbaeume beschatteten die Ufer des Sees und verbreiteten Kuehlung. Die damals nur sehr duenn bevoelkerte Ebene war voll Strauchwerk, bedeckt mit umgestuerzten Baumstaemmen und Schmarotzergewaechsen, mit dichtem Rasenfilz ueberzogen, und gab somit die strahlende Waerme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben desshalb gegen die Sonnengluth nicht geschuetzte Boden. Mit der Ausrodung der Baeume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus nahmen die Quellen und alle natuerlichen Zufluesse des Sees von Jahr zu Jahr ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure Wassermassen durch die Verdunstung in der heissen Zone aufgesogen werden, und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist, wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftstroemungen auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir haben schon oben erwaehnt, dass die Waerme, welche das ganze Jahr in Cura, Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der staerksten Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur der Luft in den Thaelern von Aragua ist ungefaehr 25 deg.,5 [20 deg.,4 Reaumur]; die hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir fuer den Monat Februar im Durchschnitt aus Tag und Nacht 71 deg.,4 am Haarhygrometer. Da die Worte: grosse Trockenheit oder grosse Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben, und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken nennt, in Europa fuer feucht gaelte, so kann man ueber diese klimatischen Verhaeltnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der Luft gleich 86 deg., entsprechend der mittleren Temperatur von 27 deg.,7. Rechnet man die Regenmonate ein, das heisst schaetzt man den Unterschied zwischen der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs, wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so ergibt sich fuer die Thaeler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von hoechstens 74 deg., bei einer Temperatur von 25 deg.,5. In dieser warmen und doch gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge verdunsteten Wassers. Nach der Dalton'schen Theorie berechnet sich die Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwaehnten Umstaenden in einer Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemaessigten Zone, z. B. fuer Paris, die mittlere Temperatur zu 10 deg.,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82 deg. an, so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses unzuverlaessigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer Beobachtung halten, so bedenke man, dass in Paris und Montmorency von Sedileau und Cotte die jaehrliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1 Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im suedlichen Frankreich haben zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, dass der Canal von Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, ueber Abzug des Betrags der Versickerung, jaehrlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen Suempfen hat de Prony ungefaehr das gleiche Ergebniss erhalten. Aus allen diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer mittleren Temperatur von 10 deg.,5 und 16 deg. ergibt sich eine mittlere Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heissen Zone, z. B. auf den Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal staerker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit staerker mit Feuchtigkeit geschwaengert ist als in den Thaelern von Aragua, sah ich oft in zwoelf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber das eben Angefuehrte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein gross die Masse des Wasserdunstes seyn muss, der aus dem See von Valencia und auf dem Gebiet aufsteigt, dessen Gewaesser sich in den See ergiessen. Ich werde Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurueckzukommen: in einem Werke, das die grossen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen zur Anschauung bringt, muss auch der Versuch gemacht werden, das Problem von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdaempfe unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshoehen zu loesen. Das Maass der Verdunstung haengt von einer Menge oertlicher Verhaeltnisse ab: von der staerkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Grossen aber wird die Verdunstung nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung der in der Luft enthaltenen Daempfe, durch den Widerstand, den die Luft, je nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der Verbreitung der Daempfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesaettigten Zustand aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthaelt. Es folgt daraus, dass (wie schon d'Aubuisson bemerkt, der meine hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heissen Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur glauben sollte, weil in den heissen Himmelsstrichen die Luft gewoehnlich sehr feucht ist. Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thaelern von Aragua kommen die Fluesschen, die sich in den See von Valencia ergiessen, in den sechs Monaten nach December als Zufluesse nicht mehr in Betracht. Im untern Stueck ihres Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewaessern. Noch mehr: ein ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fuss des _la Galera_ genannten Huegelzugs entspringt, ergoss sich frueher in den See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de Cambury aufgenommen. Der Fluss lief damals von Sued nach Nord. Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Gelaendes ein neues Bett zu graben. Er leitete den Fluss ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewaesserung seines Grundstuecks und liess ihn dann gegen Sued, dem Abhang der Llanos nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Sued nimmt der Rio Pao drei andere Baeche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua, und ergiesst sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine nicht uninteressante Erscheinung, dass in Folge der eigenthuemlichen Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Suedwest der Rio Pao sich vom kleinen *inneren Flusssystem*, dem er urspruenglich angehoerte, trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand geschah, thut die Natur haeufig selbst entweder durch allmaehliche Anschwemmung oder durch die Zerruettung des Bodens in Folge starker Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Fluesse im Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen laufen, sich einen Weg zur Meereskueste bahnen. So viel ist wenigstens sicher, dass es auf beiden Continenten innere Flusssysteme gibt, die man als *noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur bei Hochgewaesser oder bestaendig durch Gabelung unter sich zusammenhaengen. Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, dass, wenn in der Regenzeit der _Cano grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von Guigue ueberschwemmt, das Wasser dieses Cano und das des Sees von Valencia in den Rio Pao selbst zuruecklaufen, so dass dieses Fluesschen, statt dem See Wasser zuzufuehren, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen den grossen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete Bergkette angeben. Bei Hochgewaesser stehen die Fluesse, die den Seen, und die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man faehrt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Faelle scheinen mir von Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen. Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll faellt, ein grosser, mit fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken gelegt. Im Maasse, als der See sich zurueckzieht, rueckt der Landbau gegen das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, fuer die Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten zehn Jahren, in denen ganz Amerika an grosser Trockenheit litt, ungewoehnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthuemern im Land, statt die jeweiligen Kruemmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst Granitsaeulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren Wasserstand beobachten koennte. Der Marques del Toro will die Sache ausfuehren und auf Gneissgrund, der im See haeufig vorkommt, auf dem schoenen Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen. Unmoeglich laesst sich im voraus bestimmen, in welchem Maasse dieses Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht zwischen dem Zufluss einerseits und der Verdunstung und Einsickerung andererseits voellig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegruendet. Wenn in Folge starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklaerten Ursachen zehn nasse Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit Wald bedeckten, wenn grosse Baeume das Seeufer und die Thaeler beschatteten, so wuerde im Gegentheil das Wasser steigen und den schoenen Pflanzungen, die gegenwaertig das Seebecken saeumen, gefaehrlich werden. Waehrend in den Thaelern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See moechte ganz eingehen, die andern, er moechte wieder zum verlassenen Gestade heraufkommen, hoert man in Caracas alles Ernstes die Frage eroertern, ob man nicht, um mehr Boden fuer den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht zu laeugnen, dass solches moeglich waere, namentlich wenn man Canaele unter dem Boden, Stollen anlegte. Dem allmaehligen Ruecktritt des Wassers verdankt das herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick bezweifeln, dass nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die ungeheure Dunstmasse, welche Tag fuer Tag von der Wasserflaeche in die Luft aufsteigt, waeren die Thaeler von Aragua so trocken und duerr, wie die Berge umher. Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Diess ist das Ergebniss der sorgfaeltigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei. Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so dass, obgleich sie in hohen Thaelern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, dass der Boden des Sees von Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat. Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der Landspitze Cana Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenueber; im Ganzen aber ist der suedliche Theil des Sees tiefer als der noerdliche. Es ist nicht zu vergessen, dass jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der suedliche Theil des Beckens aber doch am naechsten bei einer steil abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, dass auch das Meer bei einer hohen, senkrechten Felskueste meist am tiefsten ist. Die Temperatur des Sees an der Wasserflaeche war waehrend meines Aufenthalts in den Thaelern von Aragua im Februar bestaendig 23 deg.--23 deg.,7, also etwas geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Waerme entzieht, oder weil die Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer grossen Wassermasse nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Baeche aufnimmt, die aus kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40 Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor, dass zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshoehe von 190--274 Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150 Fuss Tiefe bestaendig eine Temperatur von 4 deg.,3 bis 6 deg. zeigen; aber diese Versuche sind noch niemals auf Seen in der heissen Zone wiederholt worden. In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer maechtig. Im Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberflaeche, dass die Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fuss Tiefe um einen Grad abnahm, also achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der Luft. In der gemaessigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt und weit drunter sinkt, muss der Boden eines Sees, waere er auch nicht von Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen enthalten, die im Winter an der Oberflaeche das Maximum ihrer Dichtigkeit (zwischen 3 deg.,4 und 4 deg.,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0 deg.,5 sinken aber keineswegs unter die Schicht mit 4 deg. Temperatur, sondern finden das hydrostatische Gleichgewicht nur ueber derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn sich ihre Temperatur durch die Beruehrung mit weniger kalten Schichten um 3--4 Grad erhoeht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so faende man in sehr tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhaengen, *welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren Temperatur dem Maximum der Erkaltung ueber dem Frierpunkt, der jaehrlich die umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich kaeme. Nach dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, dass auf den Ebenen der heissen Zone und in nicht hochgelegenen Thaelern, deren mittlere Waerme 25 deg.,5 bis 27 deg. betraegt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22 deg. Temperatur haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7 deg., das also um 12--13 deg. kaelter ist als das Minimum der Luftwaerme ueber dem Meer, so ist diese Erscheinung, nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafuer, dass eine Meeresstroemung in der Tiefe die Gewaesser von den Polen zum Aequator fuehrt. Wir lassen hier das schwierige Problem uneroertert, wie unter den Tropen und in der gemaessigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen, diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekuehlten Wasserschichten auf die Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie diese Schichten, deren urspruengliche Temperatur unter den Tropen 27 deg., am Genfer See 10 deg. betraegt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden der Seen und des tropischen Oceans zurueckwirken? Diese Fragen sind von der hoechsten Wichtigkeit sowohl fuer die Lebensprocesse der Thiere, die gewoehnlich auf dem Boden des suessen und des Salzwassers leben, als fuer die Theorie von der Vertheilung der Waerme in Laendern, die von grossen, tiefen Meeren umgeben sind. Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der Landschaft erhoehen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fuenfzehn Inseln, die in drei Gruppen zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserduenste, die aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die groesste, 2000 Toisen lange, der Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten. Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See duenkt ihnen unermesslich gross, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas Fische. Eine Rohrhuette, ein paar Haengematten aus Baumwolle, die nebenan waechst, ein grosser Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht des Tutuma zum Wasserschoepfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr huebsche Tochter. Unser Fuehrer erzaehlte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwoehnisch gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden waere. Tags zuvor waren Jaeger auf der Insel gewesen; die Nacht ueberraschte sie und sie wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo zurueckfahren. Darueber entstand grosse Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen Boden nicht weit von der Huette steht. Er selbst legte sich unter den Baum und liess die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jaeger abgezogen waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch argwoehnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge. Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Baechen in den See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll lang, 31/2 Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina des Gronovius. Sie hat grosse, silberglaenzende, gruen geraenderte Schuppen; sie ist sehr gefraessig und laesst andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie habhaft werden, um es naeher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fuss lang und gilt fuer unschaedlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die eigentlichen Monitors gehoeren nur der alten Welt an), noch Sebas *Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt. Reisende moegen nach uns darueber entscheiden, ich bemerke nur noch, als ziemlich auffallend, dass es im See von Valencia und im ganzen kleinen Flussgebiet desselben keine grossen Kaimans gibt, waehrend dieses gefaehrliche Thier wenige Meilen davon in den Gewaessern, die in den Apure und Orinoco, oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer laufen, sehr haeufig ist. Die Insel Chamberg ist durch ihre Hoehe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fuss hoher Gneissfels mit zwei sattelfoermig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des Felsen ist kahl: kaum dass ein paar Clusiastaemme mit grossen weissen Bluethen darauf wachsen, aber die Aussicht ueber den See und die ueppigen Fluren der anstossenden Thaeler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende von Wasservoegeln, Reiher, Flamingos und Wildenten ueber den See ziehen, um auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsguertel am Horizont in Feuer steht. Wie schon erwaehnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den Gipfeln der Bergkette waechst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die oefters ueber tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie wenn Lavastroeme aus dem Bergkamm quoellen; Wenn man so an einem herrlichen tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Kuehle geniesst, betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das Bild der rothen Feuer rings am Horizont. Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen, kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst nirgends gefunden. Hieher gehoeren die See-Melonenbaeume (_Papaya de la laguna_) und die Liebesaepfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem _Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, ueberall in den Thaelern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel Cura und auf Cabo Blanco sehr haeufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Haelfte kleiner und voellig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die leeren Zwischenraeume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein suess; ich weiss nicht, ob es eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat. Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist. Das von Gebueschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen Liliengewaechsen geschmueckte Gestade erinnert durch den Typus der Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europaeischen Seen. Man findet hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fuss hohe Teichkolben, die man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Suempfe kaum unterscheiden kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewaechsen der neuen Welt eigenthuemliche Arten. Wie viele Pflanzen von der Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind frueher wegen der grossen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit Gewaechsen der noerdlichen gemaessigten Zone zusammengeworfen worden! Die Bewohner der Thaeler von Aragua fragen haeufig, warum das suedliche Ufer des Sees, besonders aber der suedwestliche Strich desselben gegen las Aguacates, im Ganzen staerker bewachsen ist und ein frischeres Gruen hat als das noerdliche. Im Februar sahen wir viele entblaetterte Baeume bei der Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, waehrend suedoestlich von Valencia Alles bereits darauf deutete, dass die Regenzeit bevorstand. Nach meiner Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Sueden abweicht, die Huegel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze ausgebrannt, waehrend dem suedlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugefuehrt wird, die sich ueber dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem suedlichen Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schoensten Tabaksfelder in der ganzen Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera fundacion_. Nach dem drueckenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der Provinz Caracas nur in den Thaelern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa) und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag belaeuft sich auf 5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, dass sie gegen 230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas koennte vermoege ihrer Groesse und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie Cuba, saemmtliche europaeischen Maerkte, versorgen; aber unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen erhaelt sie im Gegentheil durch den Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den Fortschritt des Landbaus laehmt, den natuerlichen Reichthum des Landes schmaelert und sich vergeblich abmueht, Laender abzusperren, durch welche dieselben Fluesse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich verwischen. Unter den Zufluessen des Sees von Valencia entspringen einige aus heissen Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Kuestencordillere zu Tag, bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordoestlich von der Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia nach Porto Cabello. Nur die heissen Wasser von Mariara und las Trincheras konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen. Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters, das aus senkrecht abfallenden Felswaenden besteht, ueber denen sich Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters fuehrt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den beiden Fluegeln derselben heisst der oestliche *el Chaparro*, der westliche *las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie bestehen aus einem sehr grobkoernigen, fast porphyrartigen Granit, in dem die gelblich-weissen Feldspathkrystalle ueber anderthalb Zoll lang sind; der Glimmer ist ziemlich selten darin und von schoenem Silberglanz. Nichts malerischer und grossartiger als der Anblick dieses halb gruengewachsenens Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als staenden Basaltsaeulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit stuerzt eine bedeutende Wassermasse ueber diese steilen Abhaenge herunter. Die Berge, die sich oestlich an die Teufelsmauer anschliessen, sind lange nicht so hoch und bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gneiss und granithaltigem Glimmerschiefer. In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordoestlich von Mariara, liegt die Schlucht der heissen Wasser, _Quebrada de aguas calientes_. Sie streicht nach Nord 75 deg. West und enthaelt mehrere kleine Tuempel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhaengen, nur 8 Zoll, die drei untern 2--3 Fuss Durchmesser haben; ihre Tiefe betraegt zwischen 3 und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist 56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind heisser als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhoehe nicht mehr als 7--8 Zoll betraegt. Die heissen Wasser laufen zu einem kleinen Bache zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreissig Fuss weiter unten nur 48 deg. Temperatur zeigt. Waehrend der groessten Trockenheit (in dieser Zeit besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heissen Wassers nur ein Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend groesser. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Waerme nimmt ab, denn die Temperatur der heissen Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern laesst sich nur ganz nahe bei den Quellen spueren. Nur in einem der Tuempel, in dem mit 56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in ziemlich regelmaessigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, dass die Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und dass man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umruehren des Bodens mit einem Stock nicht merklich veraendern kann. Diese Stellen entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Loechern oder Spalten im Gneiss; auch sieht man, wenn ueber einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich auch ueber den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas anzuzuenden, weder die kleinen Mengen in den an der Flaeche des heissen Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche ueber den Quellen gesammelt, wobei mir uebel wurde, nicht sowohl vom Geruch des Gases als von der uebermaessigen Hitze in der Schlucht. Ist das Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensaeure oder mit atmosphaerischer Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so haeufig es auch bei heissen Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barege). Das in der Roehre eines Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschuettelt worden. Auf den kleinen Tuempeln schwimmt ein feines Schwefelhaeutchen, das sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff der Luft niederschlaegt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man das Wasser von Mariara in einem offenen Gefaess erkalten laesst, ohne Zweifel weil die Quantitaet des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Aufloesung von salpetersaurem Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es je einige Salze enthaelt, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure Bittererde, so koennen sie nur in sehr geringer Quantitaet darin seyn. Da wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so fuellten wir nur zwei Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), ueber Porto Cabello und Havana, an Furcroy und Vauquelin nach Paris. Dass Wasser, die unmittelbar aus dem Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwuerdigsten Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Ruehrt es von Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her, die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthaelt? In der Schlucht der heissen Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine haeutige, die Luftblasen enthaelt, und eine mit parallelen Fasern [_Conferva_?]. Erstere hat grosse Aehnlichkeit mit der _Ulva labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europaeischen warmen Quellen vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_] Buesche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des Bodens noch weit hoeher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe der Gewaechse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man findet Froesche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind und den Tod gefunden haben. Suedlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt, kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser laeuft, liegt sechs Toi