The Project Gutenberg eBook, Der Sozialismus einst und jetzt, by Eduard Bernstein

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Title: Der Sozialismus einst und jetzt

Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart

Author: Eduard Bernstein

Release Date: February 5, 2008 [eBook #24523]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SOZIALISMUS EINST UND JETZT***

 

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Der Sozialismus einst und jetzt

Streitfragen des Sozialismus
in Vergangenheit und Gegenwart

Von

Eduard Bernstein

„Es hat nichts auf sich, wenn die Erinnerung, die mit Vorliebe das festhält, was erfreute, uns die Vergangenheit schöner erscheinen läßt, als sie war, und es ist nur berechtigt, wenn unser Wollen und Wünschen uns durch den Ausblick auf eine Zukunft, wie sie sein kann, zum Kampf für sie begeistert. Die Gegenwart aber will erkannt sein, wie sie ist.“

 

 

1922

J. H. W. Dietz Nachfolger Stuttgart / Buchhandlung Vorwärts Berlin


Inhalt.

Vorwort 3
Erstes Kapitel.
Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre 5
Begriffsbestimmung. – Das Alter des spekulativen Sozialismus. – Der Widerstreit zwischen Radikalismus und Rationalismus in der Spekulation. – Der theoretisierende Utopismus. – Vom Utopismus des Ziels zum Utopismus der Mittel. – Die Grundgedanken des marxistischen wissenschaftlichen Sozialismus. – Sozialismus und Klassenkampf.  
Zweites Kapitel.
Die naturrechtliche Begründung des Sozialismus 11
Naiver Begriff und wissenschaftliche Theorie des Naturrechts. – Naturrecht. – Vernunftrecht. – Rechtsphilosophie. – Naturrechtsspekulation in der Geschichte. – Das Naturrecht in den großen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts. – Das Naturrecht und die kommunistische Lehre Babeufs. – Das Naturrecht am Grunde aller Utopien. – Die Unzulänglichkeiten und das Recht des Naturrechts.  
Drittes Kapitel.
Die Bedeutung der Werttheorien für den wissenschaftlichen Sozialismus 24
Die Werttheorie Ricardos. – Die Marxsche Werttheorie und ihre Rolle in der Marxschen Gesellschaftslehre. – Marx über die utopistische Auslegung von Ricardos Formel. – Die utopistische Auslegung und das Naturrecht. – Das sogenannte Recht auf den vollen Arbeitsertrag. – Marx und das Recht des Mehrwerts. – Mehrwert und Ausbeutung. – Der Mehrwert und der Klassenkampf.
 
Viertes Kapitel.
Das Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus 38
Der Sinn des Begriffs Kapitalismus. – Sein vielfältiger Inhalt und seine einfältige Ausdeutung. – Der Kapitalismus als Träger des Fortschritts in der Produktion. – Die Konzentration der Unternehmungen und der Betriebe. – Die Raumverteilung der Betriebsklassen. – Die Konzentration verhindert nicht die Vielheit der Unternehmungen. – Die Zähigkeit der bäuerlichen Unternehmung. – Die Klassenbildung und Klassengliederung. – Die rasche Zunahme der Abhängigen und die langsame Verminderung der Selbständigen. – Die Verstadtlichung des sozialen Lebens. – Die gelernten und die ungelernten Arbeiter. – Die Einkommens- und Vermögensklassen. – Der nichtverengerte Flaschenhals. – Die Beweglichkeit des Kapitals als Konservierer der Mittelklassen. – Die Theorie der Wirtschaftskrisen und die Umkehr der Spirale. – Die Rückwirkungen des Krieges auf die Wirtschaftsentwicklung und ihre Probleme.  
Fünftes Kapitel.
Der Sozialismus und die Lehre vom Klassenkampf 59
Das Kommunistische Manifest als Kundgebung des Klassenkampfes. – Adolphe Blanqui und Karl Marx. – Der Begriff der Klasse: Stand und Klasse. – Marx über die Zersplitterung der Klassen. – Der Klassenkampf der Nichtproletarier. – Der Klassenkampf der Arbeiter und seine Formen. – Der Klassenkampf und die materielle und geistige Hebung der Arbeiterklasse. – Die Entwicklung der Gewerkschaften und die Ausbildung der Tarifverträge. – Der Klassenkampf und die rechtliche Hebung der Arbeiter.  
Sechstes Kapitel.
Die Staatstheorie und der Sozialismus 75
Der Einfluß der Theorie auf die Praxis. – Der Streit um den Begriff des Staates. – Staatsfeindschaft und Staatskultus in der Geschichte. – Der romantisch-reaktionäre und der demokratische Staatskultus. – „Das Vestafeuer aller Zivilisation.“ – Die kritische Staatsidee bei Marx und Engels. – Die Lehre vom Absterben des Staates. – Der Staat als Auswuchs oder Schmarotzer am Gesellschaftskörper. – Marx und Proudhon über die staatsfreie Gesellschaft. – James Ramsay Macdonald und die Erhaltung des Staates.
 
Siebentes Kapitel.
Der Sozialismus als Demokratie und der Parlamentarismus
91
Die sozialistische Bewegung mit Notwendigkeit demokratische Bewegung. – Begriff des Parlamentarismus. – Der Parlamentarismus in der Geschichte. – Das Budgetrecht, das Fundamentalrecht der Parlamente. – Die Krone und das Parlament. – Die Auswüchse des Parlamentarismus. – Wilhelm Liebknechts Gegnerschaft gegen die Teilnahme am Parlament. – Friedrich Engels’ Würdigung der parlamentarischen Aktion. – Die qualitative Steigerung der parlamentarischen Arbeit. – Der Streit um die Budgetbewilligungen. – Der Streit um die Teilnahme an der Regierung: Jean Jaurès und August Bebel. – Der Beschluß von Amsterdam. – Der Streit um die Bewilligung der Kriegskredite. – Die Selbstverwaltung als Korrektiv des Parlamentarismus.  
Achtes Kapitel.
Die bolschewistische Abart des Sozialismus 113
Das Kommunistische Manifest und die Formel von der Diktatur des Proletariats. – Das Aufkommen des Bolschewismus. – Seine Vorgänger, die Utopisten der sozialistischen Revolution. – Das reformistische Element im Marxismus. – Marx bindet den Sieg des Sozialismus an eine ökonomische Reife. – Der Bolschewismus will die Reife mit der Gewalt erzwingen. – Sein Aberglauben an die Schöpferkraft der Gewalt. – Trotzkis Reitenlernen auf dem Rücken der Nation. – Der Marxismus zeigt die Grenzen des Willens auf, der Bolschewismus ignoriert sie. – Stümpernde Experimentiererei. – Die Nachahmung des zarischen Despotismus. – Die Blutschuld des Bolschewismus.
 
Neuntes Kapitel.  
Die nächsten möglichen Verwirklichungen des Sozialismus 126
Die Welt, die Marx kannte, und die heutige Welt. – Das Proletariat zur Zeit von Marx und die Arbeiterklasse am Vorabend des Weltkriegs. – Durch Gesetz und Organisation erlangte Verbesserungen. – Die Organisationen der Unternehmer. – Die Volkswirtschaft im Kriege. – Der sogenannte Kriegssozialismus. – Die deutsche Revolution und die Zwangslage der deutschen Volkswirtschaft. – Die neue Republik im Daseinskampf. – Die Anstürme der Verführten des Bolschewismus lähmen die Schöpferkraft der Republik. – Die Wahlergebnisse nötigen die Sozialisten zur Koalition mit bürgerlichen Parteien. – Trotzdem sind sozialistische Verwirklichungen möglich. – Die verschiedenen Wege der Sozialisierung durch die Finanznot erzwungen. – Die Sozialisierung durch die Sozialpolitik. – Kein großer Sprung, aber viele bedeutsame Übergänge. – Ökonomie des Wollens verbürgt Erreichung des Gewollten.  

[3]

Vorwort.

Die vorliegende Schrift gibt, von ihrem Schlußkapitel abgesehen, den Inhalt von Vorlesungen wieder, die ich im Sommerhalbjahr 1921 in der Universität Berlin gehalten habe. In Antwort auf ein ohne mein Wissen aus akademischen Kreisen ergangenes Gesuch, mir das Vorlesen in der Universität zu ermöglichen, hatte das Ministerium mir das Halten von Gastvorlesungen freigestellt, und die Erlaubnis hieß für mich unter den gegebenen Verhältnissen das Pflichtgebot, von der Möglichkeit, zu Studierenden in den Räumen der alma mater zu sprechen, nun auch Gebrauch zu machen. Und zwar erschien es mir angezeigt, in einem Zeitpunkt, wo die große Partei des Sozialismus, der ich seit nun bald fünfzig Jahren angehöre, zu maßgebendem Einfluß im Republik gewordenen Reich gelangt ist, über die Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart zu reden, das heißt die Meinungsverschiedenheiten zu kennzeichnen, die unter den Vertretern des Sozialismus über dessen Grundideen und deren Anwendung obwaltet haben und in einigen Fällen obwalten.

Leider ist es mir jedoch nicht möglich gewesen, mehr als einen Teil der einschlägigen Fragen abzuhandeln. Meine außerordentlich knapp bemessene Zeit erlaubte mir nur eine Stunde in der Woche für diese Vorlesungen, und noch weniger als die akademische Stunde sich mit der astronomischen Stunde deckt, deckt sich das akademische Halbjahr mit dem Kalenderhalbjahr. So war ich genötigt, eine Auswahl zu treffen und manche Frage von Bedeutung, die mir am Herzen liegt, beiseite zu lassen. Indes glaube ich trotzdem in den Vorträgen genug des Wissenswerten über die Grundfragen des Sozialismus gesagt zu haben, um ihre Herausgabe als Schrift zu rechtfertigen.

In bezug auf die Form der Vorlesungen ist zu bemerken, daß ich meine Aufgabe nicht dahin aufgefaßt habe, Lehrvorträge im schulmäßigen Begriff des Wortes zu halten, sondern je nach der Natur des Gegenstandes die Behandlungsart gewechselt, den einen mehr deduktiv, andere mehr induktiv-genetisch zur Anschauung zu bringen gesucht habe. Daher auch die Ungleichheiten im Umfang der hier der Anredeform entkleideten und als Kapitel vorgeführten Vorträge. Der Umstand, daß diese zum Teil Fragen behandeln, mit denen ich mich in früher von mir veröffentlichten Arbeiten schon beschäftigt habe, machte es ferner unvermeidlich, daß hier[4] und dort einzelnes von dem dort Gesagten nun wiederholt wird. Es wegzulassen hätte mir unnötige, wenn nicht unzulässige Pedanterie geschienen.

Das Schlußkapitel, das die nächsten möglichen Anwendungen des Sozialismus behandelt, ist, wie oben angedeutet, in den Vorlesungen nicht mehr zur Behandlung gekommen. Wenn ich es hier angefügt habe, so geschah dies nicht nur in dem Wunsche, einer Schrift, die zu einem großen Teil kritisch gehalten ist, einen möglichst positiven Abschluß zu geben. Es lag und liegt mir auch daran, zu zeigen, daß die Anschauungsweise, die ihr zugrunde liegt und die ich nun seit ziemlich einem Vierteljahrhundert verfechte, durchaus nicht, wie manche befürchtet haben, zu pessimistischer Betrachtung der Dinge und aus ihr erwachsendem indifferenten Verhalten führt. Dem Pessimismus fällt nur der anheim, der von den Menschen mehr erwartet, als sie leisten können, und an die Dinge den Maßstab seiner Wünsche legt. Mit dieser Bemerkung ist jedoch durchaus nicht gesagt, daß man sich nicht große Ziele setzen soll – was wäre die Sozialdemokratie ohne solche? – Man wird aber nichts Großes erreichen, wenn man die Dinge nicht so betrachtet, wie sie sind, und, wo Millionen von Menschen in Betracht kommen, ihnen zumutet, wozu außergewöhnliche Charaktere gehören.

Ende November 1921.
Ed. Bernstein.

[5]

Erstes Kapitel.

Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre.

Bevor man an die Aufgabe herangeht, Streitfragen des Sozialismus zu erörtern, wird man sich darüber zu äußern haben, was man überhaupt unter Sozialismus versteht, wie weit man den Rahmen des Begriffs gezogen wissen will. Das Wort Sozialismus ist sehr verschiedentlich gedeutet worden. Vielfach wird es als der Ausdruck für einen vorgestellten Zustand gebraucht, dem eine bestimmte Eigentums- und Wirtschaftsordnung zugrunde liegt, und der sich in einem ganzen Idealstaat verkörpern soll. Andere setzen es als gleichbedeutend mit einer Bewegung oder einem Kampf von Gesellschaftsklassen zur Verwirklichung solcher Wirtschaftsordnung, und wieder anderen ist es der Sammelbegriff für eine Summe von Forderungen oder Einrichtungen, denen bestimmte Rechtsgedanken und ethische Begriffe zugrunde liegen. Alle diese Deutungen haben insofern ihre Berechtigung, als sie auf bestimmte Formen des Sozialismus sich beziehen oder bestimmte Seiten der sozialistischen Bewegung kennzeichnen. Aber keine davon erschöpft den Gegenstand.

Auch in den Lehrbüchern oder Kompendien der Sozialwissenschaftler stoßen wir auf sehr unterschiedliche Definitionen des Begriffs. Um nicht weiter in der Geschichte zurückzugehen und uns auf Deutsche zu beschränken, so finden wir bei Schmoller eine andere Deutung als bei Roscher, bei Sombart eine andere als bei Schmoller, bei Oppenheimer eine andere als bei Sombart, und so noch weiter. Es wäre nicht uninteressant, sie vergleichend gegeneinander zu halten und festzustellen, was ihnen gemeinsam ist und zu sehen, ob sie sich nicht sozusagen auf einen Generalnenner bringen lassen. Mir scheint jedoch ein anderer Weg ratsamer, nämlich der Weg der Betrachtung der geschichtlichen Erscheinungsformen. Vermöge ihrer werden wir uns, glaube ich, am besten darüber unterrichten können, was wir heute unter Sozialismus zu verstehen haben.

Der allgemeinste und darum allerdings auch der oberflächlichste Begriff von Sozialismus ist die Vorstellung von einem Gesellschaftszustand, wo es weder Reiche noch Arme gibt, wo vieles allen gemeinsam ist und eine starke Brüderlichkeit herrscht. Wo diese Merkmale fehlen, wo weitgehende sachliche Gemeinschaft, weitgehende ethische Gemeinschaftlichkeit und Abwesenheit großer Vermögensunterschiede fehlen, fehlen die wesentlichen Attribute des Sozialismus. So begriffen nun ist er sehr viel älter[6] als sein Name. Während dieser erst im 19. Jahrhundert aufkommt, findet man die Sache als Idee oder Bewegung schon in dem Zeitalter, das wir Altertum nennen. Überall dort, wo die Menschen nicht mehr in einfachen, ihren Wohnsitz wechselnden Stammesverbänden leben, sondern sich seßhaft gemacht haben und staatliche, beziehungsweise territorial gegliederte Gemeinwesen geschaffen haben, die der Bildung großer Vermögensunterschiede und Rechtsungleichheiten Vorschub leisten, stellt sich früher oder später bei Individuen oder Schichten der Wunsch nach Beseitigung dieser Ungleichheiten ein und findet in der Ausmalung von besseren Gesellschaftszuständen seinen ideologischen, in Kämpfen für solche seinen politischen Niederschlag. Die Geschichte der asiatischen und vorderasiatischen Kulturvölker, die Geschichte der Griechen und Römer gibt uns zwar nur lückenhaft, aber doch unmißverständlich Kunde von solchen Bewegungen. Als Quelle dafür sei auf Robert Pöhlmanns Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus verwiesen, ein Werk, gegen dessen kritische Aufstellungen ich mancherlei starke Einwände zu erheben habe, aus dem man aber ersehen kann, wie sehr nicht nur die sozialen Kämpfe, von denen uns die Geschichte der Alten erzählt, sondern auch die mehr oder weniger phantastischen Konstruktionen oder Ausmalungen von Idealstaaten, die uns – leider oft nur sehr skizzenhaft – überliefert sind, einer geschichtswissenschaftlichen Würdigung fähig sind und einer solchen daher auch bedürfen. Ob man das Urchristentum, das in Rom seine eigentliche Ausbildung erfahren hat, als eine sozialistische Bewegung auffassen darf, mag dahingestellt bleiben. Bekannt ist, daß ihm diese Eigenschaft vielfach bestritten wird und man es lediglich als eine ethische Bewegung aufgefaßt wissen will. Aber wenn es als Gesamterscheinung nicht auf die Bezeichnung sozialistisch Anspruch haben soll, so ist es doch unbestreitbar die Nährquelle vieler sozialistischer Theorien und Bewegungen gewesen. Zeugnis legen ab allerhand Kapitel aus der großen Literatur der Kirchenväter und der Scholastik, und Beispiele sind eine Reihe noch dem Altertum angehöriger kommunistischer und halbkommunistischer christlicher Sekten, denen solche des Zeitalters der Renaissance und der Reformation gefolgt sind.

Dem letzteren Zeitalter gehört auch die Entstehung des Buches an, dessen Titel zum Sammelbegriff für die ganze Gruppe der Beschreibungen spekulativ konstruierter Gemeinwesen oder Idealstaaten wird, nämlich die Abhandlung Utopia des Thomas More. Man kann von dieser Schrift des charaktervollen Staatskanzlers Heinrichs VIII. von England sagen, daß sie einer ganzen Literatur Leben gegeben hat. Denn sie machte für ihre Zeit Sensation und wurde in die verschiedensten Sprachen übersetzt. Das 16., 17. und 18. Jahrhundert sind voll von Beschreibungen vorgestellter Idealgemeinwesen, von Staatsromanen, wie man sie auch im Hinblick auf die Form der Beschreibung nennt. Nicht alle davon haben auf die Bezeichnung als sozialistisch Anspruch, es fehlt durchaus nicht an Utopien, die nach unseren heutigen Begriffen bürgerlicher Natur sind. Das gilt z. B. von der unvollendeten Utopie „Die[7] neue Atlantis“, die einen der Amtsnachfolger des Thomas More, den berühmten Philosophen der empirischen Methode, Francis Bacon, zum Verfasser hat.

Nach zwei Seiten hin läßt sich in den sozialistischen Utopien des mit der Reformation einsetzenden Zeitalters eine abgestufte Entwicklung feststellen: erstens eine Tendenz der Überbietung in phantastischen Ausmalereien, und zweitens eine Tendenz zum größtmöglichen Rationalismus in der Spekulation. Diese letzte Tendenz ist für unsere Betrachtung die wichtigere, denn sie war ein Hebel zur Förderung der sozialen Erkenntnis und führte schrittweise zur wissenschaftlichen Behandlung der sozialistischen Bestrebungen. Die Verfasser rationalistischer Utopien des Sozialismus suchen ihre Vorgänger zu korrigieren, und wenn das lange Zeit ohne die Form der Polemik vor sich geht, so läßt sich doch bei verschiedenen Autoren eine unausgesprochene Bekämpfung von Ideen des oder der Vorgänger feststellen.

Es handelt sich schon um ernst aufgefaßte Streitfragen, der Nachfolger widerlegt den Vorgänger, ohne ihn zu nennen.

Was aber den Utopien gemeinsam war, was das eigentliche Merkmal der Utopie ist, ist die entscheidende Rolle, die bei ihnen der Zufall und der noch vom Zufall abhängige Wille spielen. Lange Zeit ist in diesen Beschreibungen der geschilderte Idealzustand hergestellt worden durch das Eingreifen einer ungewöhnlich weisen Persönlichkeit, eines Gesetzgebers oder anordnenden Fürsten, so daß, wenn dieser Fürst oder Gesetzgeber zufällig nicht geboren oder vor der Zeit gestorben wären, das betreffende Volk oder Land den Idealzustand nicht zu kosten bekommen hätten. Später, im Zeitalter der französischen Revolution, tritt an die Stelle des individuellen Willens oder Schaffensdranges von Wohltätern in der Konstruktion der Utopie als schöpferische Kraft der Kollektivwille von Anhängern einer bestimmten Idee. Dieser Kollektivwille ist aber, selbst wo er als der Wille eines ganzen Volkes gedacht wird, immer noch Zufallssache. Ob die Gruppe oder die Volksmasse für die Idee kämpfen, hängt lediglich davon ab, wie weit und wie stark sie von der Propagierung dieser Idee erfaßt sind, das Aufkommen der Idee aber selbst ist noch wesentlich vom Zufall abhängig.

An der Wende zum 19. Jahrhundert und in dessen erstem Drittel tritt hier ein wesentlicher Fortschritt ein. Es ist in der Geschichte des Sozialismus die Epoche der großen, kritisch gerichteten Utopisten, der Robert Owen, Charles Fourier und Henri Saint-Simon und ihrer Schulen. Das Merkmal dieser Sozialisten, das sie von den Utopisten des 18. Jahrhunderts unterscheidet, ist die Rolle, die bei ihnen der Entwicklungsgedanke spielt, und das Bestreben, an das Gegebene anzuknüpfen, die Welt, die sie vor sich haben, weiterzubilden. Robert Owen verweist in seinen sozialistischen Abhandlungen auf die in England aufgekommene kapitalistische Fabrik und die Zustände, die sie geschaffen hat, und nimmt sie zum Ausgangspunkt sozialistischer Reformpolitik. Charles Fourier im noch stark kleinbürgerlichen Frankreich sucht den Sozialismus als Ideal[8] psychologisch zu fundieren, in der Praxis auf dem Wege der Genossenschaften zu verwirklichen, wobei sein Plan kommunaler Genossenschaftspolitik auf besonderes Interesse Anspruch hat. Saint-Simon ist so sehr Entwicklungstheoretiker, daß es fraglich wird, ob man ihn überhaupt noch einen Utopisten nennen kann, wie er zugleich so sehr Wirklichkeitsmensch ist, daß man befugt ist, seinen Anspruch auf Einreihung in die Geschichte des Sozialismus zu bestreiten. Wenn Fourier stark von Morelly, dem geistreichen Verfasser der Utopie „Die Basiliade“, beeinflußt ist, so Saint-Simon von Condorcet, dem Enzyklopädisten und Verfasser der wissenschaftlichen Abhandlung über den Fortschritt des menschlichen Geistes und die Vervollkommnungsfähigkeit der Menschheit. Bei den Saint-Simonisten finden wir unter anderem schon die Einteilung der Geschichte der sich fortschrittlich entwickelnden Nationen in organische und kritische Perioden, d. h. Perioden relativ ruhiger Entwicklung und Perioden revolutionärer Umwälzungen.

Aber bei allen dreien, bei Owen, bei Fourier und bei Saint-Simon und ihren Schülern spielt trotz ihres Strebens nach Wissenschaftlichkeit und Anknüpfung an das Gegebene die Erfindung der Mittel zur Verwirklichung des Sozialismus die entscheidende Rolle; wo sie praktisch sein wollen, arbeiten sie Rezepte aus, und immer wieder sind sie in Gefahr, auf die Utopie zurückzugreifen. An die Stelle des Utopismus des Ziels tritt ein Utopismus des Mittels. Die Literatur des Sozialismus im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ist voller Schriften, die utopistisch im Mittel sind, wobei man wieder einen utopistischen Reformismus und einen utopistischen Revolutionarismus unterscheiden kann. Der eine versteift sich auf ökonomische Experimente, die wegen ihrer unzulänglichen Voraussetzungen notwendig fehlschlagen müssen, der andere huldigt einem Wunderglauben an die schöpferische Allmacht der Revolutionsgewalt.

Hier nun bewirken einen grundlegenden Wandel in den Anschauungen die beiden großen Männer, die heute als Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus weithin anerkannt sind: Karl Marx und Friedrich Engels.

Warum trägt ihre Lehre diesen Namen, hat sie den besonderen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit? Weil sie tiefer und systematischer als alle vor ihr aufgestellten sozialistischen Theorien eindringt in das Wesen der Kräfte und Entwicklungsgesetze des gesellschaftlichen Fortschritts, den Kampf für den Sozialismus auf eine durchgearbeitete Entwicklungstheorie stützt, in der der Gedanke von der organischen Natur der sozialen Entwicklung zum Unterschied von der Auffassung dieser Entwicklung als eines mehr mechanischen oder chemisch bestimmten Vorgangs zu seinem Rechte kommt.

Wille und Idee, die von den Utopisten in der einen oder anderen Weise überschätzt werden, werden in der Marx-Engelsschen Lehre zwar nicht, wie vielfach angenommen worden ist, als Triebkräfte der sozialen Entwicklung gering eingeschätzt oder gar ignoriert – ohne Idee kein[9] Wille und ohne Wille keine Aktion –, aber sie werden in ihrer sozialen Bedingtheit gekennzeichnet. Es wird gezeigt, wie sie abhängig sind von den materiellen Bedingungen und Formen des gesellschaftlichen Daseins der Menschen, für die der maßgebende Faktor ist die Art und Weise der Produktion der Lebensgüter der Menschen.

Denn diese Produktion wird entscheidend bestimmt vom Werkzeug, über das der Mensch verfügt; vom Werkzeug aber, das die Arbeitsweise vorschreibt, hängt zugleich ab das Eindringen des Menschen in die Gesetze der Natur und damit zuletzt auch der Höhegrad seiner Welterkenntnis.

Sozial betrachtet ist es das Werkzeug, das bestimmt, ob individualistisch oder kollektivistisch produziert wird.

Im Altertum und auch noch bis zum Ausgang des Mittelalters ist die Produktion überwiegend individualistisch; erst die Steigerung des Weltverkehrs und Welthandels in der Periode der großen Entdeckungen führt zu kollektivistischer Arbeit in der Produktion. Es breitet sich die Wirtschaftsform aus, die den Namen Manufaktur erhält, Produktion unter Leitung von Großkaufleuten, welche Arbeit an Handwerker ausgeben, dann aber Arbeiter in großen Werkstätten, Fabriken genannt, beschäftigen. Aus dem Kaufmann wird so ein Fabrikant, und in der Fabrik werden vervollkommnete Werkzeuge verwendet, für die als technischer Antrieb die Naturkraft verwendet wird. Das Werkzeug wird zur Maschine und aus dem Handwerker ein Fabrikarbeiter. Die Produktion in der Fabrik wird in steigendem Grade Kollektivarbeit, und da zur Einrichtung und zum Unterhalt der Fabrik Kapital gehört, beherrscht zunehmend das Kapital die Produktion.

Beim Aufkommen der kapitalistischen Produktion und im Wettbewerb der Kapitalisten untereinander wirkt als objektive Triebkraft der Kampf um die Mehrarbeit, das heißt um den Teil des Bruttowerts der Produktion über die Kosten von Anlage, Rohstoff, Hilfsstoffe und Werkzeuge, bzw. Maschinen hinaus, der nicht den Arbeitern als Lohn gezahlt werden muß. Dieser Kampf um den Mehrwert, wie Marx ihn nennt, hat im weiteren Verlauf zur Folge eine steigende Vergrößerung der Fabriken, weil diese eine größere Ökonomie der Kräfte erlaubt, damit die Unterbietung der Konkurrenz ermöglicht und zur Steigerung des Absatzes führt. Die weitere soziale Folge der Vergrößerung bzw. Konzentration der Unternehmungen ist die Verdichtung der Bevölkerung in Städten und Ländern. Die Industriezentren, die Städte wachsen; es tritt allmählich das ein, was man die Verstadtlichung des Landes nennen kann; mehr als in irgendeinem früheren Zeitalter ergreift die städtische Kultur auch die Bevölkerung des platten Landes und drückt der ganzen Gesellschaft ihren Stempel auf.

Alles das schafft die materiellen Vorbedingungen für eine neue Gesellschaftsordnung; denn es ist verbunden mit einer neuen Gliederung der Gesellschaftsklassen, als deren wichtigstes Moment zu nennen ist das Aufkommen und Wachstum der Klasse ständiger Lohnarbeiter, des industriellen[10] Proletariats. Die ökonomische Umwälzung macht eine neue Rechtsordnung, neue soziale Einrichtungen und Gesetze notwendig. Es handelt sich nun für den sozialen Reformer nicht mehr um die Erfindung von Idealgesellschaften und die Ausklügelung von Rezepten, sondern um die Entdeckung von sozialen Notwendigkeiten. Die stärkste subjektive Triebkraft bei der Verwirklichung dieser aber ist die Arbeiterklasse, das Proletariat. Seine materiellen und geistigen Bedürfnisse treten immer mehr in den Vordergrund, seine Rechtsauffassungen erobern die öffentliche Meinung. Und die Summe der Forderungen der Arbeiterklasse unseres Zeitalters stellt sich der genaueren soziologischen Betrachtung dar als die Zusammenfassung des rationellen Inhalts der sozialistischen Ideologie früherer Epochen.

Und so gelangen wir an der Hand der Marx-Engelsschen Theorie zu einer neuen Definition des Sozialismus, die etwa so formuliert werden kann:

Der moderne Sozialismus ist

„die Zusammenfassung des geistigen Inhalts der politischen, wirtschaftlichen und allgemein kulturellen Bestrebungen der zur Erkenntnis ihrer Klassenlage gelangten Arbeiter sowie der ihnen gleichgestellten Gesellschaftsschichten in den Ländern kapitalistischer Entwicklung, und der Kampf zur Verwirklichung dieser Bestrebungen.“

An die Herausarbeitung dieser Theorie in der sozialistischen Welt und an ihre Ausdeutung und praktische Anwendung im einzelnen knüpfen sich an die bemerkenswertesten Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart.


[11]

Zweites Kapitel.

Die naturrechtliche Begründung des Sozialismus.

Es lag in der Natur der Dinge, daß der Sozialismus in den vergangenen Jahrhunderten bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein fast ausschließlich naturrechtlich begründet wurde. Die Tatsache des Zusammenhanges der sozialistischen Theorien mit dem Naturrecht ist außerordentlich interessant. Sie ist auch verschiedentlich von Gelehrten oder Schriftstellern, die sich mit der Theorie des Sozialismus befaßt haben, hervorgehoben worden; aber es fehlt meines Wissens doch noch an einer systematischen, ihn geschichtlich wie begrifflich behandelnden Darstellung dieses Zusammenhanges. Es würde das eine außerordentlich fruchtbare Untersuchung sein, durchaus der Vornahme wert, und ich glaube sogar auch ein gutes Thema etwa für eine Dissertation. Dieser Zusammenhang nämlich zieht sich durch die ganze Geschichte des Sozialismus, von den Zeiten an, wo es überhaupt etwas gab, was auf diesen Namen Anspruch hat, bis in die neueste Zeit hinein. Noch im Jahre 1875 hat eine Kommission der damals sich vereinigenden sozialistischen Parteien Deutschlands bei Ausarbeitung eines Entwurfs zum Parteiprogramm dem Sozialismus eine vollkommen naturrechtliche Begründung gegeben und sich dadurch eine außerordentlich scharfe Kritik von Karl Marx zugezogen. Die Begründung lautete nämlich:

„Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt und nach gleichem Recht allen Gesellschaftsgliedern.“

Das ist, wie jeder leicht sehen kann, naturrechtlich und nicht wissenschaftlich gesprochen.

Was versteht man unter Naturrecht? Nach meiner Ansicht werden da bei den meisten Definitionen zwei ganz verschiedene Dinge durcheinandergeworfen. Zwei Auffassungen streiten darüber in der Geschichte des Gedankens: eine naive, urwüchsige Auffassung, die statt mit dem Wort „Naturrecht“ besser ausgedrückt würde mit „natürliches Recht“. Die Franzosen sagen auch „droit naturel“ und die Engländer „natural law“, also immer natürliches Recht. Der Begriff ist da abgeleitet von[12] einem vermeintlichen Naturzustand oder wird auf die Natur des Menschen bezogen und ist nur in diesem Sinne naturphilosophisch. Dann gibt es aber eine wissenschaftlich rechtstheoretische Auffassung des Begriffs Naturrecht, nach der es verstanden wird als die Zusammenfassung von allgemeinen Rechtsgrundsätzen, die unabhängig von den Grundsätzen und Bestimmungen der örtlich und zeitlich wechselnden positiven Gesetzgebung gewonnen werden mittels der von äußeren Einwirkungen, von Machtverhältnissen und Interessen unbeeinflußten Erforschung der Natur und Zwecke der Gesetzgebung überhaupt sowie der Grundbedingungen der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit und des möglichst harmonischen Zusammenlebens der Menschen, – Erkenntnisse, die Anspruch darauf erheben, der positiven Gesetzgebung die Wege zu weisen, und die man wissenschaftlich begründen kann. Das Naturrecht in diesem Sinne will also über dem positiven Recht stehen. Die Forschung kann selbstverständlich die Aufgabe nur lösen mittels der prüfenden Vernunft, und zwar wenn sie ausschließlich und vorbehaltlos den Gesetzen der Vernunft folgt. Daher hat man für das so wissenschaftlich aufgefaßte Naturrecht in neuerer Zeit den Namen „Vernunftrecht“ gewählt. Er zeigt an, was aus den ursprünglichen Naturrechtsideen im Laufe der Entwicklung geworden ist. Er läßt aber die Rolle nicht erkennen, die der Begriff des Naturrechts in der Geschichte gespielt hat. Vernunftrecht kann etwas ganz anderes sein als das, was die Menschen jahrhundertelang unter Naturrecht verstanden haben. Einwandfrei ist dagegen der andere umfassende Begriff „Rechtsphilosophie“, denn das Vernunftrecht will eben das höchste Recht, das Wesen dessen feststellen, was Recht sein soll, das Recht, das aus dem Begriff der Gerechtigkeit sich ergibt.

Die Frage nach einem solchen Recht taucht auf, wo das positive Recht als ungerecht erkannt oder empfunden wird. Dort greifen alsdann die Menschen naturgemäß auf andere Wegweiser zurück für das Recht, das sie haben wollen. Es sind die verschiedensten Faktoren, auf die sie sich dabei berufen, meist zunächst metaphysische, übersinnliche Mächte, die auch in Naturbegriffen aufgefaßt werden; immer aber greifen sie zurück auf eine jenseits der positiven Gesetzgebung stehende höhere Macht, sei es die Vernunft überhaupt, die Gerechtigkeit, die Gottheit oder die Natur. Infolgedessen hat das Naturrecht von jeher eine humanitäre Tendenz, ist es Recht für die Sache der Unterdrückten oder jeweilig Enterbten. Im weiteren Sinne ist es damit zugleich revolutionär und ist demgemäß gewöhnlich offiziell verpönt worden. In der Geschichte ist es häufig von Religionsstiftern verkündet worden.

Wenn wir die orientalischen Völker übergehen und nach dem Volke fragen, das wohl in der alten Welt am meisten geleistet hat in Feststellung natur- oder vernunftrechtlicher Grundsätze, so sind das unzweifelhaft die Griechen gewesen. In der Philosophie der Griechen spielen naturrechtliche Spekulationen eine sehr bedeutende Rolle. Sie sind die Begleiterscheinung der politischen Kämpfe, die sich in den vorgeschritteneren Stadtstaaten Griechenlands abspielen, vor allem in Athen.[13] Auch das ist bemerkenswert, daß, wenn eine bisher anerkannte Philosophie erschüttert, übersehen oder vernachlässigt wird – ein Vorgang, der uns meist nur in lückenhaften Berichten überliefert wird und daher abstrakt erscheint –, dies oft tatsächlich einen ganz realen Hintergrund hat in politischen Kämpfen, die sich etwa gleichzeitig oder kurz vorher abgespielt haben. Wie die religiösen Überlieferungen werden die Staatseinrichtungen schon in der alten Welt vor den Richterstuhl der Vernunft gezogen und darauf geprüft, wie sie den natürlichen Bedürfnissen der Bürger eines vollkommenen Gemeinwesens entsprechen. Wir finden das bei Plato und seinen Vorgängern, bei Aristoteles, vor allem aber in der Geschichte der Stoa, bei Zeno und seinen Schülern. Die Stoa hat darin am meisten geleistet, die naturrechtliche Seite der Gesetzgebung zu betonen und das Ansehen des positiven Rechts zu erschüttern. Das ist auch geschehen seitens der Schüler der Stoa im späteren Rom. Hier brauche ich nur an Seneka zu erinnern. Bei den christlichen Sekten ist es der Begriff der Gotteskindschaft beziehungsweise der Gleichheit vor Gott, der zu naturrechtlichen Folgerungen Anlaß gibt oder für sie ausgedeutet wird. Augustinus, wohl der bedeutendste der Kirchenväter, ergeht sich in naturrechtlichen Betrachtungen, und der große Scholastiker Thomas von Aquino hat ein ganzes System eines Naturrechtes entworfen, das er in Einklang zu bringen sucht mit den Grundsätzen des kanonischen Rechtes. Aber die zur Zeit des Thomas auf der Höhe ihrer weltlichen Macht angelangte römische Kirche witterte in diesen naturrechtlichen Theorien und Ausführungen die umstürzlerische Tendenz und hat sie demgemäß verworfen. Um so stärkere Pflege finden sie aber in der Geschichte bei den ketzerischen Sektierern des Vorreformations- und Reformationszeitalters. Im Begriff des Wortes „Ketzer“, das abgeleitet ist von Katharer, Reiniger, liegt schon die naturrechtliche Tendenz angedeutet, das Zurückgreifen auf die kritisierende Vernunft, allerdings beschränkt auf die Auslegung der Bibel. Diese wichtige Epoche im einzelnen zu beleuchten, muß ich mir versagen, so interessant es wäre, die ganze Entwicklung der christlichen Sekten unter unserem Gesichtspunkt bis zur Reformation zu verfolgen.

Nachdem der Protestantismus in einer Reihe von Staaten gesiegt hatte, ist es in Holland der berühmte Rechtslehrer und Staatsmann Hugo de Groot, nach damaliger Sitte latinisiert in Grotius, der in seinem Werk „De jure belli ac pacis“ die erste erschöpfende systematische Darstellung des Völkerrechts gibt und sie in der Einleitung stützt auf eine naturrechtliche Begründung, die für die Wissenschaft des Naturrechts grundlegende Bedeutung erhalten hat. Heute schätzt man Grotius als den eigentlichen wissenschaftlichen Begründer des Naturrechts. Noch eindringlicher aber berufen sich auf das Naturrecht – und dieses eben als natürliches Recht aufgefaßt – die kommunistischen und halbkommunistischen Sektierer der späteren Reformationszeit und der folgenden Jahrhunderte. Ich brauche nur allgemein auf diese großen Kampfperioden zu verweisen, auf die Bauernkriege, die Kämpfe der Wiedertäufer[14] usw. Da findet man immer wieder die Berufung auf das Naturrechtliche als Begründung von Forderungen.

Hier ist es am Ort, eine Bemerkung einzuflechten. Man kann die ganze Bewegung des Sozialismus zurückführen auf zwei große Stämme oder Wurzeln, aus denen sie ihre Kraft zieht. Die eine Wurzel und der sich daraus entwickelnde Stamm sind die realen Kämpfe jeweilig unterdrückter, zurückgesetzter Klassen oder Schichten der Gesellschaft. Der andere Stamm aber ist die Ideologie, die vorwiegend von Gelehrten, Denkern, Priestern usw. vertreten ist und anscheinend keinen direkten Zusammenhang mit den Kämpfen hat. Es ist sogar Tatsache, daß vielfach solche Ideologen, die weit umfassende kommunistische Theorien ausgearbeitet haben, den praktischen Kämpfen kühl, gleichgültig, beinahe ablehnend gegenüberstanden. Denn die Kämpfe werden meist nicht um große weitumfassende Ziele, sondern um bestimmte begrenzte Forderungen geführt, die nicht immer gut formuliert sind und einer größeren Sache schädlich zu sein scheinen. So kommt es, daß, wenn auch die Ideologen gar manchesmal beeinflußt sind von den Kämpfen, ohne es zu wissen, und wenn umgekehrt die Kämpfer, ohne es zu wissen, von ihnen manches empfangen haben, wenn also auch die Fäden hinüber und herüber laufen, doch die beiden Stämme lange Zeit getrennt ihren Weg gehen. Erst in neueren Jahrhunderten finden sie sich zusammen oder wachsen sie zusammen. Karl Kautsky und meine Wenigkeit haben einmal einen solchen Stammbaum des Sozialismus entworfen – er ist auch reproduziert worden –, wo wir zeigten, wie die beiden Stämme sich verzweigten und schließlich im 19. Jahrhundert zusammenwuchsen und daß, wie wir glauben, das Zusammenwachsen auf seine Höhe gebracht worden ist durch die marxistische Begründung des Sozialismus.

Die Berufung auf das Naturrecht findet auf die verschiedenste Weise statt. Kennzeichnend ist der Spruch, der, wenn nicht schon in den deutschen Bauernkriegen, so jedenfalls in der Englischen Revolution ausgespielt worden ist:

Als Adam grub und Eva spann,
Wer war denn da der Edelmann?

Das Volk suchte sein Naturrecht aus der Bibel zu beweisen, die ja zuerst keine Klassenunterschiede kennt. Sie spielt eine große Rolle in der Englischen Revolution des 17. Jahrhunderts. England war, nachdem es die „Rosenkriege“ überwunden hatte, als Inselland von den Kriegen verschont, die den Kontinent verheerten. Die politische Entwicklung konnte sich hier ungestörter vollziehen, und so hatte es schon Mitte des 17. Jahrhunderts seine große politische Revolution. Früher nannten die Engländer diese große Revolution die „Rebellion“, und erst die Erhebung, die ein Menschenalter später, 1688, stattfand und den Sturz der Stuart-Dynastie besiegelte, die glorreiche „Revolution“. Heute ist allgemein anerkannt, daß die erste Bewegung den Namen „Revolution“ verdient. Schon die großen Führer der bürgerlich-adligen Klasse nun, die gegen[15] die absolute Monarchie Karls I. kämpften, stützten sich in ihrer Argumentation unter anderem auch auf das Naturrecht. Noch mehr aber nahmen die hinter ihnen stehenden Klassen, die Independenten, es für sich in Anspruch, und am stärksten kommt es zum Ausdruck in der Lehre derjenigen Sekte, die sich die „wahren Leveller“ nannte. Eine Sekte der Independenten wurde von den Gegnern „die Gleichmacher“ – Leveller – genannt und nahm alsdann diesen Namen an. Es waren im wesentlichen politische Radikale. Dann aber kam eine Gruppe, die noch weiter ging, kommunistische Ideen aufstellte und sich „die wahren Leveller“ nannte. Bei ihr findet man die naturrechtlichen Gedanken am klarsten ausgedrückt. Ihr bedeutendster Verfechter war Gerard Winstanley, von dem wir auch eine interessante Utopie, das Idealbild eines kommunistischen Staates, haben, die lange unbeachtet geblieben war, bis sie mir bei meinen Arbeiten in der Bibliothek des Britischen Museums auffiel. Von diesem Winstanley existiert eine Schrift, die den Titel trägt: „Die Erhebung der Fahne der wahren Leveller“. Sie erschien 1649 und beginnt mit folgendem Satz, der sehr charakteristisch ist:

„Im Anfang der Zeit erschuf der große Schöpfer Vernunft die Erde als Gemeingut aller.“

Man beachte, wie rationalistisch hier nicht „die Gottheit“, sondern „die Vernunft“ als Schöpfer hingestellt wird. Winstanley führt dann weiter aus, erst durch die Gewalt sei die Knechtschaft in die Welt gelangt, und das sei der Adam, der Vater der Erbsünde. Er treibt politische Etymologie und erklärt: „Adam, das ist also ein Damm – a dam – gegen die Freiheit.“ Die Vernunft aber rechtfertige die Forderungen der wahren Leveller.

Überhaupt ist die Englische Revolution außerordentlich reich an politischer Literatur. Man wird eigentümlich berührt durch eine darauf bezügliche Bemerkung der berühmtesten der Flugschriften, die zur Ermordung Cromwells aufforderten. Das fast ergreifend geschriebene Pamphlet stammt von einem früheren Anhänger Cromwells und hat den Titel: „Töten heißt nicht morden!“ Es kam heraus im Jahre 1856, wo man nur erst die kleinen Handpressen hatte, und beginnt mit den Worten:

„Es ist nicht der Wunsch, mich gedruckt zu sehen in einer Zeit, wo so wenige die Presse verschonen.“

Unter den Broschüren der wahren Leveller, deren Kommunismus wesentlich ein Bodenkommunismus war, findet sich auch eine Broschüre mit dem Titel: „Das Licht, das in Buckinghamshire scheint“, in der sehr energisch jede übersinnliche Religion verworfen wird. Das gleiche geschieht in der Schrift Winstanleys, in der er seine Utopie entwickelt: „Die Freiheit als ein Programm dargelegt“. Auch dort bekämpft er auf das entschiedenste die übersinnliche Religion. Wie der größte Teil der damaligen radikalen Literatur ist die ganze Schrift rationalistisch gehalten, und der kommunistische Gedanke wird auf das Naturrecht als Vernunftrecht[16] begründet. Diese Bewegung der wahren Leveller ist der Vorläufer der großen Bewegung der Quäker, die 1653 von George Fox eingeleitet wird. Die Quäker sind Rationalisten, wenn auch mit einem Stück Mystik. Das innere Licht, das die Vernunft ist, die aus dem Menschen spricht, soll alles entscheiden.

Bürgerliche Schriftsteller von Bedeutung der damaligen Zeit, die gleichfalls naturrechtlich argumentiert haben, sind vor allem der Dichter Milton und der sehr interessante Staatsmann James Harrington, der Verfasser der „Oceana“, und ebenso der Theoretiker des Obrigkeitsstaates, Thomas Hobbes. Von England aus, das nun der Vorläufer war für die Revolution auf dem Kontinent, geht diese Auffassung und Denkweise nach Frankreich über. Frankreich hat schon im Anfang des 18. Jahrhunderts seinen radikalen Kommunisten in dem bekannten atheistischen Pfarrer Jean Meslier, der zwar nicht als Pfarrer seine Lehre verkündete, aber sie sehr scharf in der Schrift niederlegte, die nach seinem Tode als sein Testament zuerst auszugsweise von Voltaire veröffentlicht wurde. Die Schrift ist ganz und gar atheistisch und begründet absolut naturrechtlich einen radikalen Kommunismus, das „gleiche Recht aller auf die Benutzung der Erde“.

Als Gesellschaftslehre ist Mesliers Kommunismus noch ziemlich roh. Sehr viel bedeutender ist als Kommunist der Abbé Nicola Morelly, von dem man persönlich wenig weiß. Er hatte um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein Heldengedicht, die Basiliade, veröffentlicht und schrieb dann zur Verteidigung der darin ausgesprochenen Gedanken die Schrift mit dem bezeichnenden Titel „Code de la nature“ – Gesetzbuch der Natur. Sie erschien 1750 und wurde lange Zeit dem großen Enzyklopädisten Diderot zugeschrieben. Morelly entwickelt darin eine vollkommene Naturphilosophie: Die Natur hat die Bedürfnisse des Menschen so eingerichtet, daß sie die Grenzen seiner Kräfte immer um ein Geringes übersteigen. Andernfalls würde der Mensch nicht geselliger sein als das Tier. Bei den Menschen sollen, so will es die Natur, Wünsche und Besorgnisse die moralische Anziehung zueinander steigern, und aus der Spannung dieser Triebfedern soll eine wohlwollende Gesinnung für alle hervorgehen. Es ist außerordentlich charakteristisch, wie da der Natur Absichten, Zwecke und Ziele unterstellt werden. Dabei spielt die Naturphilosophie allerdings in die spekulative Phantasie über. Aber diese Art zu argumentieren beherrscht lange die allgemeine Sprach- und Denkweise. Auf die Natur bezieht sich nun alles, alle möglichen Zwecke werden der Natur als gewollt unterstellt. Die Natur hat dies und das so eingerichtet, damit die Menschen jenes machen. Sie hat absichtlich Bedürfnisse und Kräfte der Menschen in ein solches Verhältnis gesetzt, daß der einzelne Mensch seine Bedürfnisse gar nicht erfüllen kann und gezwungen ist, gesellig zu leben. Alles wird, wie bei Winstanley, auf die Natur zurückgeführt. Morelly sagt weiter: „Deshalb hat die Natur unter den Menschen die Kräfte so verteilt. Allen aber hat sie das fruchtbringende Feld, den Boden also, in gleicher Weise als unbestrittenes Eigentum zugeteilt. Die[17] Welt ist ein Tisch für alle, der für alle gedeckt ist“, und Morelly stellt das Problem, eine solche Lage, eine solche Verfassung zu finden, in der der Mensch so glücklich und wohltätig sein wird, wie es überhaupt nur möglich sei. Das ist der leitende Gedanke für die Utopie, die er entwickelt. Nicht etwa nur, daß für ihn das Maßgebende ist, den möglichst vollkommenen Staat zu bilden, sondern vollkommen sei nur ein solcher Staat, wo die Menschen naturgemäß, d. h. durch die Natur der Dinge so glücklich und wohlwollend oder, wie man später sagte, brüderlich seien, wie überhaupt nur möglich. Das ist die Grundlage seines Kommunismus, der lange Zeit einen großen Eindruck machte und, wie gesagt, Diderot zugeschrieben wurde. Von Morelly ist sicher der berühmte Abbé Gabriel de Mably beeinflußt worden, dessen Schriften zum Teil gleichfalls kommunistisch sind, z. B. die Schrift von den Rechten und Pflichten des Bürgers, und die Schrift: Zweifel der Ökonomie gegenüber. In bezug auf die Kritik der Wirtschaft ist Mably sogar viel radikaler noch als Morelly.

Aber auch die rein bürgerliche Schule der Physiokraten weist, wie schon der Name anzeigt, auf die Natur als den berufenen Regulator der menschlichen Gesellschaft hin. Es ist die Zeit, wo die Idee des wirtschaftlichen Liberalismus aufkommt, die in England vertreten wird durch Adam Smith und dessen Anhänger. Es galt der Grundsatz: Laisser faire, laisser passer! Lasset gehen, lasset geschehen, die Welt regelt sich von selber! Macht so wenig wie möglich Vorschriften! Das war die Doktrin der physiokratischen Schule, und eine Mittelstellung zwischen ihr und den Kommunisten nimmt Jean Jacques Rousseau ein, der Verfasser des „Contrat social“, den als Volksvertrag, d. h. demokratisch aufgefaßten Gesellschaftsvertrag, auch er naturrechtlich begründet.

Man weiß, welche ungeheure radikale Literatur in Frankreich der Revolution vorausging, wie viele Schriftsteller vor ihr an allen Überlieferungen rüttelten, die es gab, nicht nur Kommunisten und Sozialisten, sondern auch Liberale wie Voltaire und die ganze Schule der Enzyklopädisten usw. Dann tritt die Revolution ein, und eine ihrer ersten gesetzgeberischen Handlungen ist die Verkündung der Menschenrechte, eine durchaus naturrechtliche Aufstellung, die Geltung haben soll über alle Gesetzgebung hinaus, das heißt, die der Gesetzgebung, welche die Französische Revolution nun schaffen soll, die Wege weist. Sie hatte ihre Vorgängerin 1774 in Amerika bei der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Kolonien, die damals sich gegen die englische Herrschaft auflehnten, stellten eine Formulierung ihrer Rechte auf, die als allgemeine Rechte des Menschen und Bürgers beansprucht wurden. Auch als die Holländer sich von Spanien befreiten, sprachen sie so. Und selbst die „Bill of rights“, die das englische Parlament 1688 aufstellte, enthielt Elemente allgemeiner Rechtsgedanken. Menschenrechte als Naturrechte finden aber den schärfsten Ausdruck in der Verfassung von 1793, die der radikale französische Konvent nach dem Sturz der Girondisten schuf, und der er die Erklärung der Menschenrechte voranstellte. In der Einleitung dieser Erklärung liest man:[18]

„Das französische Volk, in der Überzeugung, daß das Unglück der Welt nur durch das Vergessen und Mißachten der natürlichen Menschenrechte verursacht wird, hat beschlossen, in einer feierlichen Erklärung seine heiligen und unveräußerlichen Rechte zu erläutern.“

Im dritten Artikel heißt es:

„Alle Menschen sind gleich durch die Natur und vor dem Gesetz“,

und im sechsten Artikel:

„Das Recht hat als Grundsatz die Natur und als Regel das Gesetz.“

Dies die beiden wichtigsten Artikel, die die naturrechtliche Auffassung betonen. Daß sie als theoretische Begründung vor der Kritik nicht standhält, braucht nicht mehr nachgewiesen zu werden. Aber von dieser Auffassung werden die demokratischen Rechte abgeleitet und empfängt drei Jahre später, nachdem die Verfassung beschworen, die Verschwörung Babeufs ihre geistige Anregung. Die Verschwörung Babeufs und der Gleichen ist das klassische Beispiel der Ableitung des Sozialismus aus dem Naturrecht.

François Noël Babeuf, der sich nach der damaligen Sitte den Vornamen Gracchus beilegte und auch dem von ihm geschaffenen Organ den Namen „Der Volkstribun“ gab, kann als der konsequenteste Vertreter der Ableitung des Kommunismus aus der Idee eines von der Natur bestimmten Rechts betrachtet werden. Die Verschwörung der Gleichen genauer zu schildern, gehört in eine Abhandlung, die sich mit der Geschichte des Sozialismus im einzelnen befaßt, ist daher hier nicht am Platze. Die Gleichen waren die äußersten Ausläufer der Revolution, und es ist bezeichnend, daß ihre führenden Mitglieder sämtlich der Schicht der Intellektuellen angehörten. Es ist vollkommen irrig, ihre Bewegung als eine Klassenbewegung des Proletariats aufzufassen. Die Gleichen agitierten zwar im Volke, sie schickten ihre Sendboten in die damals existierenden Fabriken, die größeren Werkplätze und Werkstätten von Paris, suchten dadurch auf die Arbeiter Einfluß zu gewinnen und fanden ihn auch anscheinend. Es ward sogar erzählt, daß die Verschwörung der Gleichen, die schließlich einige tausend Mitglieder angeworben hatte, alle Aussichten des Erfolges für sich hatte. So hat sich der französische radikale Schriftsteller Georges Avenel im Pariser „Siècle“ ausgedrückt, und von da ist dieser Satz durch eine ganze Reihe sozialistischer Abhandlungen über sie übergegangen. Auch findet man eine solche Äußerung schon bei Philipp Buonarotti, dem Mitglied und klassischen Geschichtschreiber der Verschwörung. Es ist das aber der Ausfluß einer ganz naiven Auffassung. Sie hatte gar keine Aussichten des Erfolges für sich. Die Form der Organisation war eine solche, daß sie über die Möglichkeiten täuschen konnte; aber beim ersten Versuch, den ausgeklügelten Plan in die Praxis umzusetzen, schlug er ganz jämmerlich fehl. Das hat indes natürlich noch nichts[19] zu tun mit der Würdigung der dem Kommunismus Babeufs zugrunde liegenden Idee. Babeuf hat sie in verschiedenen Artikeln seiner Zeitschrift entwickelt, und in einem seiner berühmten Artikel, der im „Volkstribun“ vom 30. November 1795 erschien, wird die absolute Gleichheit kategorisch als Naturrecht aufgestellt. Es heißt da:

„Wir haben den Satz aufgestellt, daß die volle Gleichheit ein natürliches Recht ist, und daß der gesellschaftliche Vertrag (die Idee des „Contrat social“, die von Rousseau aufgestellt war und eine so große Rolle in der Französischen Revolution gespielt hat), weit entfernt, dieses Naturrecht zu beeinträchtigen, lediglich jedem einzelnen die Garantie gewähren wird,“ usw. usw.

Später finden wir im April 1796 im Manifest der Gleichen, das von Sylvain Maréchal verfaßt war und den wunderlichen Satz enthält: „Möge alle Kultur zugrunde gehen, wenn nur die Gleichheit hergestellt ist“, als Einleitung den Satz:

Die Gleichheit, der erste Wunsch der Natur ...

Die Natur hat also nicht nur einen Willen, sondern auch Wünsche. In einem andern Manifest, das die Erklärung der Lehren Gracchus Babeufs gibt, lautet der erste Satz:

„Die Natur hat allen Menschen ein gleiches Recht auf den Genuß aller Güter gegeben.“

Aber die Natur ist nicht imstande, dieses Recht selbst zu verwirklichen. Daher lautet der zweite Satz:

„Der Zweck der Gesellschaft ist es, diese Gleichheit, die im rohen Naturzustande oft durch die Starken und Schwachen gefährdet wird, zu verteidigen und durch tätige Mitwirkung aller die gemeinsamen Lebensgenüsse zu vermehren.“

Und der dritte Satz sagt:

„Die Natur hat jedem die Pflicht zur Arbeit auferlegt. Keiner hat sich ohne Verbrechen je dieser Pflicht entziehen können.“

Von neuem wird die Natur angerufen, die Natur mit ihrem Willen. Zu erwähnen ist noch der Satz Nr. 10:

„Zweck der Revolution ist die Beseitigung der Ungleichheit und die Wiederherstellung des allgemeinen Wohlstandes.“

Alles wird zurückgeführt auf den Willen und die Absichten der Natur und einen vorgestellten Naturzustand, auf dem allgemeiner Wohlstand geherrscht habe. In bezug auf letzteren verrät aber Babeuf doch schon Zweifel, wenn er sagt, im rohen Naturzustande haben Schwache und Starke die natürliche Gleichheit gefährdet.

Die Verschwörung der Gleichen war die letzte große Regung in der Französischen Revolution, die ausging vom Naturrecht. Es finden nach[20] ihr noch kleinere Aufstände und Attentate demokratisch gesinnter Elemente statt, aber die Bewegung selbst geht rückläufig. Auf die Epoche des Direktoriums folgt die des Konsulats, und dann führen die imperialistischen Kriege Bonapartes – die ersten Jakobinerkriege waren ja Verteidigungskriege – dazu, daß Verteidigungskrieg und Eroberungskrieg sich vermischten, daß Kriege, die in der Vorstellung der Nation der Befreiung galten, zu neuer Beherrschung führten. Erst gegen Ende der Restauration, zwei Jahre bevor im Juli 1830 auch die Legitimisten gestürzt waren, veröffentlichte Buonarotti in Brüssel die Geschichte der Verschwörung der Gleichen, die einen sehr tiefen Eindruck machte und bald neue Verschwörungen von Sozialisten zur Folge hatte. Buonarotti war ohnehin Carbonari, und unter seinem Einfluß entstand eine Verschwörersekte, die den Namen „die Babouvisten“ bekam und deren Anhänger sich später „Partei der Blanquisten“ nannten, nach ihrem hervorragenden Führer Auguste Blanqui. Neben dieser Bewegung zeitigte der sozialistische Gedanke eine Reihe Abarten in Frankreich, und man kann sagen, daß der ganze französische Sozialismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wenn man ihn schärfer untersucht, zuletzt naturrechtlich begründet ist. Das ist z. B. auch der Fall bei Charles Fourier, dessen Lehre im Grundgedanken zurückgeht auf Morelly, der, wie wir gesehen haben, Naturanlagen maßgebend sein läßt für die Struktur des sozialistischen Systems. Bei Morelly schon findet man den Gedanken, daß die natürlichen Anlagen und Neigungen die Möglichkeit geben, einen Gesellschaftszustand zu errichten, der auf voller Freiheit und Gleichheit beruht. Alle natürlichen Neigungen und Leidenschaften seien von Hause aus berechtigt und keine Laster, sofern man ihnen nur die Möglichkeit gebe, sich richtig zu betätigen. Fourier läßt auch Neigungen als gleichberechtigt gelten, die gemeinhin für unschön erachtet werden, so die Abwechslungssucht, den Ehrgeiz, die Streitsucht usw., und hat ein ganzes System aufgestellt, wie diese Neigungen zum Besten der Gesellschaft geleitet werden können. Er hat nach Newton ein zweites Gesetz der Attraktion zu formulieren geglaubt.

Auch in anderen Ländern, auch in Deutschland, finden wir die Gleichheitsidee in den verschiedensten Formen von Sozialisten verfochten und naturrechtlich begründet, in England bei Robert Owen und seiner Schule, in Deutschland beim „Bund der Gerechten“ und dessen zeitweise hauptsächlichsten Vertreter Wilhelm Weitling, dessen Buch „Garantien der Harmonie und Freiheit“ in hohem Grade beruht auf babouvistischen Ideen, die er in Paris kennengelernt hatte. Dadurch aber, daß diese Systeme, soviel richtige Gedanken sie sonst enthalten, sich bewußt oder unbewußt auf die naturrechtliche Betrachtungsweise stützen, sind sie doch ihrem Wesen nach utopistisch. Denn es wird bei ihnen vergessen, daß der Mensch nicht nur ein Produkt der Natur, sondern im Laufe der Zeit auch ein Produkt der Geschichte und der gesellschaftlichen Zustände geworden ist, die in ihm vielfach erst Neigungen und Bedürfnisse entwickelt haben, die er von Natur aus nicht hat. Als Produkte der Natur haben[21] alle Menschen allerdings gewisse gleiche Bedürfnisse mit auf den Weg bekommen. Alle Menschen haben von Natur aus gleichermaßen, wenn auch nicht in gleicher Beschaffenheit Nahrungsbedürfnisse, das Bedürfnis nach Obdach usw.; eine Reihe grober Bedürfnisse sind allen gemeinsam. Aber wenn man eine Gesellschaft konstruieren will von Menschen, die man vorfindet, dann muß man auch prüfen: was sind ihre sozialen, ihre geschichtlich gewordenen Bedürfnisse, welche Zustände hat die geschichtliche Entwicklung geschaffen, und was ist unter diesen Verhältnissen zu ändern notwendig und möglich?

Mit diesem Einwand soll nun durchaus nicht etwa die Bedeutung naturrechtlicher oder vernunftrechtlicher Erwägungen irgendwie unterschätzt und herabgesetzt werden. Wollte man das tun, so liefe es darauf hinaus, das sogenannte positive Recht, die geschichtlichen Zustände, die in einer Epoche eingetreten sind und sich fortgepflanzt haben, schon bloß weil sie geschichtlich sind, für gut erklären und ihnen eine Ewigkeitsdauer, eine Art Heiligkeit zusprechen. Das würde natürlich vollständig falsch sein. Die Idee eines Naturrechts hat in der Geschichte und Wissenschaft zu den verschiedenen Zeiten eine ungeheuer große Bedeutung gehabt.

Die Idee eines Rechtes, das über dem geschriebenen Recht steht, das unabhängig ist von gegebener geschichtlicher Entwicklung und positiven Machtverhältnissen, war unter Umständen der Protest des vorwärtsstrebenden Geistes gegen die Fortdauer überlebter, Unrecht gewordener Einrichtungen, Zustände und Anschauungen, sie war die Auflehnung sozusagen des jeweiligen Zeitgeistes gegen die Herrschaft der Tradition, gegen die Herrschaft des Unrecht gewordenen Rechtes, der Gedanke an sie die Zuflucht der jeweilig Unterdrückten und in der Gesellschaft Zurückgesetzten. Es fällt mir also gar nicht ein, etwa zu bestreiten, daß das Nachdenken über eine Rechtstheorie, die höher steht als das geschichtlich gewordene positive Recht, seine Berechtigung habe. Die rechtstheoretische Betrachtung, die Forschung nach einem richtigen Recht, wie man es nun nennt, ist ein sehr bedeutsames Streben, das durch die ganze Geschichte namentlich der liberalen Rechtsschule geht, wobei ich das Wort „liberal“ hier nicht im Parteisinne, sondern im weiten geschichtlichen Sinne anwende, als den großen Freiheitsgedanken, der in der Französischen Revolution seine rechtliche Formulierung gefunden hat und in sich die Grundidee aller Fortschrittsbewegungen einschließt, die sich weiterhin im Laufe der Geschichte vollziehen, nämlich das Recht des werdenden Neuen gegen das überlebte Alte. Der Gedanke dieses Rechts ist der liberale Rechtsgedanke – nicht im Parteisinne, sondern im großen geschichtlichen Sinne. Man kann ihn auch den revolutionären Rechtsgedanken nennen.

Es gibt eine ganze Literatur des Vernunftrechts. Fast alle Rechtstheoretiker haben sich mit ihm auseinanderzusetzen versucht, fast alle Dichter und Denker sich mit ihm beschäftigt. Die Worte, die Goethe im „Faust“ in der Schülerszene dem Mephisto in den Mund legt, diese oft zitierten Verse:[22]

„Es erben sich Gesetz und Rechte
Wie eine ew’ge Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
Weh’ dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist – leider! – nie die Frage.“

sie sind der Aufschrei der naturrechtlichen Betrachtung, der Protest des unter der Überlieferung Leidenden gegenüber dem positiven Recht, das Zurückgreifen auf ein Recht, das höher steht als das jeweilig anerkannte. Das hat ja auch Schiller im „Tell“ in der berühmten, nach meiner Ansicht schönsten Szene dieser Dichtung, der Verschwörungsszene auf dem Rütli, dem Stauffacher in den Mund gelegt. Nachdem er alle die Unbill aufgezählt hat, die die Schweizer erlitten haben, ruft Stauffacher aus:

„Ist keine Hilfe gegen solchen Drang?
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last, – greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew’gen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich
Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst.“

Die unveräußerlichen Menschenrechte werden angerufen, und Stauffacher sagt weiter: „Der alte Urstand der Natur kehrt wieder.“ Ebenfalls um die Anrufung des Naturrechts gegenüber dem geschichtlichen oder dem alten Unrecht. Indes handelt es sich, wie gesagt, wenn wir das Naturrecht kritisieren, nicht darum, daß jedes Rückgreifen auf ein über dem positiven Recht stehendes Recht verworfen werden soll, sondern nur darum, daß man sich klar darüber werden soll, wo die Grenzen solchen Rechts liegen. Was kann das Naturrecht schaffen, was kann es beweisen? Beweisen kann es wohl die Richtigkeit bestimmter Rechtsbegriffe, je nachdem diese zeitgemäß geworden sind, aber was das Naturrecht nicht allein beweisen kann, ist, daß eine ganze Gesellschaftsorganisation hinfällig geworden ist, reif geworden ist, durch eine andere ersetzt zu werden, während den Sozialisten jener Epoche die Vorstellung vorschwebte, sie könnten durch das Naturrecht allein die Notwendigkeit der Beseitigung der gegebenen Gesellschaftsordnung nachweisen.

Die naturrechtliche Ableitung des Sozialismus wurde aber mit Notwendigkeit Ursache von allerhand Streit unter Sozialisten und dann selbst zu einer Streitfrage des Sozialismus. Polemik über ihre Anwendung zieht sich in verschiedenen Formen durch die ganze sozialistische Literatur. Die naturrechtliche Auffassung selbst aber ist mit der größten Schärfe kritisiert worden von den beiden großen Denkern Marx und Engels in[23] ihrer Auseinandersetzung mit der nachhegelschen Philosophie und den von ihr wie von den französischen Utopisten beeinflußten deutschen Sozialisten. Ganz besonders gilt dies von einem Manuskript, das leider nur erst zur Hälfte veröffentlicht ist, nämlich die Kritik von Marx und Engels an der Schrift Max Stirners: „Der Einzige und sein Eigentum.“ Stirner galt als der radikalste Sozialphilosoph seiner Tage. Die ersten Abschnitte der Auseinandersetzung von Marx und Engels mit ihm sind in den „Dokumenten des Sozialismus“ veröffentlicht worden, die von mir herausgegeben wurden und 1905 ihr Erscheinen einstellten. Das Manuskript mit dem unveröffentlichten Teil ist noch in meinen Händen. Stirner nun, der alles Heilige geleugnet hatte, wird, weil er doch wieder auf Naturrechtsideen in seinen Beweisführungen zurückgreift, überführt, daß er mit seiner Übertreibung des Ich selbst Ideologe ist und von Marx und Engels ironisch „der heilige Max“ genannt, das Schlimmste, was ihm passieren konnte.

Aber auch von den Sozialisten, die wissenschaftlich vorzugehen glaubten, indem sie sich auf die Ökonomie beriefen, sind ein großer Teil im naturrechtlichen Denken hängen geblieben.


[24]

Drittes Kapitel.

Die Bedeutung der Werttheorien für den wissenschaftlichen Sozialismus.

Die Ableitung des Sozialismus von naturrechtlichen Betrachtungen steht in engem Zusammenhang mit der Ableitung des Sozialismus von der Lehre vom Arbeitswert, das heißt von der Werttheorie, wie sie von Ricardo aufgestellt und von Marx weiter entwickelt worden ist. David Ricardo geht in seiner Werttheorie aus von dem Wert der Waren, die auf dem Markt gehandelt werden und nicht ein Seltenheitsmonopol haben, sondern verhältnismäßig – auch da gibt es ja Grenzen – beliebig vermehrt werden können. Der Markt- oder Tauschwert dieser Waren, weist er nach, besteht in der zu ihrer Herstellung erforderten menschlichen Arbeit, gemessen nach der Zeit, die auf die Arbeit verwandt wird. Die Feststellung ist das Bedeutende an der Werttheorie Ricardos. Auch sie ist nicht völlig neu aus seinem Haupt entsprungen. Man kann Sätze, die den Gedanken annähernd aussprechen, schon bei Vorgängern Ricardos im 17. Jahrhundert finden. Aber mit der wahrhaft klassischen Klarheit hat erst Ricardo ihn formuliert. Es gibt zwei Arten Wert, stellt er fest: Gebrauchswert oder Nützlichkeitswert und Tauschwert oder Marktwert der Ware. Die Nützlichkeit ist die Voraussetzung des Tauschwertes, aber sie bestimmt ihn nicht. Soweit Waren beliebig produziert werden können, ist die Aufwendung von Arbeit das für ihren Tauschwert Maßgebende, wobei die Konkurrenz auf dem Markt den Ausgleich bewirkt. Selbstverständlich ist nicht alle Arbeit gleich. Qualifizierte Arbeit löst sich auf in verschiedene Bestandteile einfacher Arbeit. Nicht jede Arbeit ist ferner gleich wertbildend. Die Arbeit muß auf der Höhe der Technik der allgemeinen Produktionsentwicklung stehen.

Bei Ricardo nun, dessen Grundsätze der Volkswirtschaftslehre 1817 erschienen, kehrt diese Werttheorie ihre Spitze gegen das Grundeigentum, beziehungsweise gegen die Ansprüche der Grundeigentümer auf besondere Bodenrente. Das Werk erschien zu einer Zeit, wo England sehr hohe Kornzölle erhob, und wo der Kampf darum ging, ob sie fortdauern oder gar erhöht werden sollten. An die vollständige Abschaffung des Kornzolles wurde damals kaum gedacht. In diesem Kampfe bestritt Ricardo den Anspruch auf Grundrente, indem er ausführte, daß diese kein konstituierendes Element des Wertes sei, sondern ein Abzug vom Wert, der dem Besitzer des Grundeigentums[25] gegeben wird, während ein naturrechtlicher Anspruch auf Grundrente überhaupt nicht bestehe. Der Kampf zwischen Grundeigentümer und kapitalistischem Unternehmer, der im ersten Teile des 19. Jahrhunderts eine große Bedeutung hatte, war bewußt oder unbewußt das Motiv, das Ricardo veranlaßte, seine Theorie aufzustellen.

Aber dabei blieb es nicht. Die Theorie Ricardos wurde bald gegen die Unternehmer überhaupt, auch gegen die industriellen Kapitalisten gekehrt. Es begann ein Streit um die Definition des Begriffs „Arbeit“. Ricardo begreift in ihn ein die Tätigkeit des Unternehmers, der Lohnarbeiter und der Angestellten, so daß der Wert bestimmt wird bei ihm eigentlich nicht durch die Arbeit des Lohnarbeiters, des physischen und geistigen Arbeiters, sondern das Produkt ist von dieser Arbeit und dem Unternehmerprofit zusammen. Sehr bald kehrten aber Sozialisten die Spitze gegen Ricardo als einen Verteidiger der Kapitalisten. Sie erklärten: nein, für den Wert ist die Arbeit allein maßgebend, die Arbeit der wirklich Arbeitenden, nicht der Anspruch des Kapitalisten. Der Unternehmerprofit ist auch nur ein Abzug vom Arbeitswert.

In dieser Argumentierung – und das ist sehr interessant – erblicken viele das große Werk von Karl Marx. Wenn man herumfragt, um welche bedeutsame Erkenntnis Karl Marx die Wissenschaft der Ökonomie bereichert habe, so wird man von den meisten hören, es sei das eben diese Theorie des Wertes, daß die aufgewendete Arbeit allein den Wert der Waren bestimme. Es geht Marx da so, wie fast jedem großen bahnbrechenden Denker. Es wird etwas als sein Werk erklärt, was er schon fertig vorfand, als er anfing zu arbeiten. Fragt man z. B. eine Anzahl Leute nach dem Werke Kants, so werden neun von zehn antworten, er habe die Theorie vom Ding an sich aufgestellt, das heißt eine Theorie, die tatsächlich schon über 2000 Jahre vorher in der Philosophie lebte, ehe Kant geboren war. Er hat vielmehr die Folgerungen, die man aus dem Ding an sich gezogen hatte, begrenzt, das ist sein großes Werk; aber nicht, daß er die Idee selbst zuerst aufgestellt habe. Und Marx’ Werk besteht darin, die Ableitungen aus der Idee vom Arbeitswert sehr vertieft, sie zu weiteren Zwecken der Untersuchung fruchtbar verwendet zu haben. Was Marx bei seinem großen Werk „Das Kapital“ sich zur Aufgabe stellte, war nicht der Nachweis, daß den Arbeitern das Produkt der Arbeit gehöre, weil Arbeit den Wert der Ware bestimmt, sondern das Streben, die großen Bewegungsgesetze der modernen kapitalistischen Wirtschaft zu erkennen, zu formulieren und festzustellen. Dazu brauchte er allerdings die Theorie vom Arbeitswert, weil sie ihm die Grundlage der Theorie vom Mehrwert über den Preis hinaus ist, des Mehrwerts, um den in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sich der Kampf der Klassen vollzieht. Der Kampf um den Mehrwert zwischen Unternehmer und Grundbesitzer, der Kampf um den Mehrwert zwischen Arbeiter und Unternehmer – der Lohnkampf –, der Kampf um den Mehrwert der Unternehmer untereinander in der freien[26] Konkurrenz, das sind die großen Triebkräfte, die auf die Entwicklung der Wirtschaften nach den verschiedensten Seiten hin den allergrößten Einfluß haben.

Der Streit um den Mehrwert, der in der Grundrente steckt, ist nicht ein rein theoretisches Spiel, sondern der Niederschlag des Kampfes um die Bestimmung fast der ganzen Agrargesetzgebung einschließlich der Zollgesetzgebung in bezug auf Agrarprodukte. Der Kampf in der freien wirtschaftlichen Konkurrenz um den Mehrwert ist es wiederum, der dahin führt, daß, wenn der Druck auf die Löhne nicht möglich ist, um die Produktion zu verbilligen, die technische Herstellungsweise immer mehr vervollkommnet wird. Er führt ferner dazu, daß der Unternehmer, um andere Unternehmer aus dem Felde zu schlagen, sich genötigt sieht, die Unternehmung immer mehr zu vergrößern, damit ein relativ kleinerer Anteil an den Kosten auf den Lohn entfällt und ein relativ größerer Mehrwert verbleibt. Hierum aber spielt auch der Kampf der Unternehmer und Arbeiter selber, und als solcher spitzt er sich nach verschiedenen Seiten hin zu. So ist der Kampf um den Mehrwert in der kapitalistischen Gesellschaft gewissermaßen die zuletzt bestimmende Triebkraft aller großen wirtschaftlichen Bewegungen, hinter denen, durch sie hervorgerufen, die großen politischen Kämpfe, die Klassenkämpfe, stehen.

Die Umkehrung der Lehre vom Arbeitswert gegen Ricardo und die ganze bürgerliche Ökonomie setzt in England schon um das Jahr 1821 ein. Marx zitiert selbst eine in jenem Jahre erschienene kleine anonyme Schrift, deren Titel, ins Deutsche übersetzt, ungefähr lautet: „Die Quelle und das Abhilfsmittel unserer nationalen Schwierigkeit. Ein Brief an Lord John Russell“. Sie ward also 26 Jahre früher verfaßt, bevor Marx seine erste ökonomische Abhandlung schrieb, die gegen Proudhon gerichtete Streitschrift „Das Elend der Philosophie“, und 45 Jahre vor seinem „Kapital“. In dieser Schrift, was ganz interessant ist, heißt es:

„Was auch dem Kapitalisten zukommen möge, er kann immer nur die Mehrarbeit (hier haben wir schon diesen Begriff) des Arbeiters sich aneignen, denn der Arbeiter muß leben. Wenn das Kapital nicht an Wert abnimmt im Verhältnis, wie es an Masse zunimmt, so wird der Kapitalist dem Arbeiter das Produkt jeder Arbeitsstunde abpressen über das Mindestmaß dessen, wovon der Arbeiter leben kann.“

Da haben wir auch den Gedanken der Theorie des ehernen Lohngesetzes, wie Lassalle es seiner Agitation zugrunde legte, und wie es lange Jahre von der deutschen Arbeiterbewegung gleich einem Heiligtum hochgehalten wurde. Die zwanziger und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts sind ja die Blütezeit, auch die geistige Blütezeit des Sozialismus in England. Sie zeitigte eine außerordentlich interessante sozialistische Literatur, sozialistische Schriften Robert Owens selbst, der William Thompson, John Gray, T. R. Edmonds, J. F. Bray und noch einer ganzen Reihe Schriftsteller aus der Schule Robert Owens. Sie alle fußen darauf: Der Arbeiter bekommt nicht den vollen Ertrag seiner[27] Arbeit, die Arbeit und nicht der Arbeitslohn bestimmt den Wert der Ware, infolgedessen hat der Arbeiter auf den vollen Wert des Produkts Anspruch.

Karl Marx hatte sein großes Werk über politische Ökonomie schon um 1849 in Angriff genommen, ging aber erst 1859 daran, es zu veröffentlichen. Es sollte in Lieferungen bzw. Heften erscheinen. Aber nur das erste Heft ist damals erschienen, nämlich die Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, und in ihr wird vom Verhältnis des Arbeitslohns zum Arbeitswert noch gar nicht näher gehandelt.

Es ist beiläufig ein bemerkenswertes Zusammentreffen, daß dieses Buch von Marx, in dessen Vorwort er die Grundgedanken seiner Geschichtstheorie entwickelt, die wir als soziologische oder sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre kennen, in demselben Jahre herauskam, wo das erste bahnbrechende Buch von Charles Darwin erschienen ist: „Der Ursprung der Arten“, das grundlegend war für die biologische Entwicklungslehre, die Wissenschaft von der Metamorphose der Lebewesen. Wenn die Darwinschen Aufstellungen heute auch in vielen Punkten umgeworfen sind, so ist der Grundgedanke seiner Theorie doch beibehalten; er bleibt der Vater der biologischen Entwicklungslehre. Und ebenso mit Marx. Was bei Darwin für die Entstehung und Entwicklung der Arten der Kampf ums Dasein in der Natur ist, ist bei Marx für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften der Kampf der Klassen in der Gesellschaft. Beider Theorien sind grundsätzlich auf den Kampf gestützte Entwicklungslehren.

In dem Buche „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ nun findet man von Marx an einer Stelle, wo er die damaligen Angriffe auf die Ricardosche Werttheorie auseinandersetzt und die aus ihr sich ergebenden Probleme formuliert, folgenden Satz:

„Wenn der Tauschwert eines Produktes gleich ist der in ihm enthaltenen Arbeitszeit, dann ist der Tauschwert eines Arbeitstages gleich seinem Produkt, oder der Arbeitslohn muß dem Produkt der Arbeit gleich sein. Nun ist das Gegenteil der Fall.“

Und dazu setzt Marx die Fußnote:

„Dieser von ökonomischer Seite gegen Ricardo beigebrachte Einwand ward später von sozialistischer Seite aufgegriffen. Die theoretische Richtigkeit der Formel vorausgesetzt, wurde die Praxis des Widerspruches gegen die Theorie bezichtigt und die bürgerliche Gesellschaft angegangen, praktisch die vermißte Konsequenz ihres theoretischen Prinzips zu ziehen. In dieser Weise kehrten wenigstens englische Sozialisten die Ricardosche Formel des Tauschwertes gegen die politische [bürgerliche. Ed. B.] Ökonomie.“

Marx nennt dann weiterhin an dieser Stelle diese Ableitung des Sozialismus von Ricardo die utopistische Auslegung der Ricardoschen Formel, und man hat geglaubt, sie sei das große Werk von Marx! Eine Auslegung, die er gerade als utopistisch bezeichnet hat! Sie aber zieht sich durch die ganze sozialistische Literatur des 19. Jahrhunderts. Sie gipfelt, wie hier schon angedeutet wird, in[28] der Forderung des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag. Die Frage dieses Rechtes hat gleichfalls eine ganze Literatur erzeugt. Unter anderem hat sie eingehend behandelt Anton Menger, der verstorbene, sehr gelehrte österreichische Sozialist. Aber noch ein anderer hat die Idee aufgegriffen, und das war Ferdinand Lassalle, der sie anscheinend zum Angelpunkt seiner sozialistischen Agitation machte. Auch bei Proudhon finden wir sie in seinen ersten großen sozialistischen Schriften behandelt, die am meisten Sensation erregten. Seine erste sozialistische Schrift hieß: „Was ist das Eigentum?“, in ihr hat er das bekannte Paradoxon aufgestellt: „Das Eigentum ist Diebstahl“. Und wie beweist er den Satz? Er stützt ihn darauf, daß das Eigentum es ermöglicht, den Ertrag der Arbeit des Arbeiters diesem zu verkürzen, ihm im Lohn einen großen Anteil vorzuenthalten. Und so gründet er seine sozialistische Theorie auf das Recht auf den vollen Arbeitsertrag, auf das Ricardosche Wertgesetz. Dasselbe ist der Fall bei Karl Rodbertus, dem berühmten deutschen, mehr konservativ gerichteten Nationalökonomen. Auch dieser beruft sich für seine sozialistische Theorie auf das Wertgesetz Ricardos, und ebenso tut es Ferdinand Lassalle in seinen Agitationsschriften. Ferdinand Lassalle geht hierbei zuletzt zurück auf das Naturrecht, begründet den Sozialismus naturrechtlich. Er befindet sich damit, ohne es zu wissen, auf demselben Boden wie Proudhon. Ja, das bedeutende, hochinteressante wissenschaftliche Hauptwerk Lassalles: „Das System der erworbenen Rechte“, ist im letzten Grunde auch nur ein Eintreten für das Naturrecht gegen das erworbene Recht, denn sein leitender Grundgedanke ist die Anwendung eines aus dem Naturrecht abgeleiteten Satzes der Erklärung der Menschenrechte der großen französischen Revolution, nämlich daß keine Generation spätere Generationen an ihre Gesetze binden kann, auf das öffentliche wie auf das Privatrecht.

Ganz anders Marx. Er hat die Werttheorie, die er bei Ricardo vorfand, konsequent weitergebildet, aber nicht, um aus der Lehre vom Mehrwert Rechtsansprüche herzuleiten, sondern um die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaft schärfer zu erfassen und darzustellen. Das unterscheidet ihn von fast allen anderen Sozialisten, die an Ricardo angeknüpft haben, und nicht zum wenigsten von Rodbertus und Lassalle.

Rodbertus hat schon in seiner 1842 erschienenen Schrift „Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände“ und später in seinen „Sozialen Briefen“ an die Werttheorie von Ricardo angeknüpft und sie ganz in der naturrechtlichen Auffassung der französischen und englischen Sozialisten so ausgelegt, daß dem Arbeiter schon dadurch, daß er Lohn statt den vollen Ertrag erhält, etwas weggenommen wird, was ihm von Rechts wegen zukommt. Lassalle legt die Idee seinem im Jahre 1863 erschienenen „Offenen Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses“ zugrunde und entwickelt sie ein Jahr später sehr eingehend in seiner Streitschrift: „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian“. Er steht da vollständig auf den Schultern von Ricardo und vermeintlich auch auf den[29] Schultern von Marx. Schon im Briefe vom 12. Mai 1851 an Marx nennt er diesen den „Sozialist gewordenen Ricardo“, und in demselben Briefe sagt er: „Ricardo ist unser unmittelbarer Vater!“ und rühmt die Definition der Grundrente, die Ricardo gegeben hat, als die „gewaltigste kommunistische Tat“. Ihm, der vor allem Rechtstheoretiker war, lag es eben ganz besonders nahe, den Sozialismus aus der Mehrwertstheorie juristisch abzuleiten. In der Agitation diente ihm diese Ableitung zur Unterstützung des von ihm als ehern bezeichneten Lohngesetzes Ricardos, wonach der Lohn des Arbeiters nie viel höher über dessen notwendige Lebensbedürfnisse steige und nie lange Zeit wesentlich darunter bleiben könne, beiläufig eine Deduktion, die mehr malthusianisch als ökonomisch ist. Auf sie beriefen sich aber, ihm folgend, dann jahrzehntelang die Agitatoren beider Richtungen der deutschen Sozialdemokratie, die spezifischen Lassalleaner wie auch die Sozialisten der Eisenacher Richtung von Bebel und Liebknecht, die im übrigen sich gegen Lassalles Mittel wandten, das darauf hinauslief, die Mehrarbeit zu beseitigen durch die Schaffung von Produktivgenossenschaften der Arbeiter mit Staatskredit. Diese Idee der Produktivgenossenschaften stammte gleichfalls von den englischen Sozialisten. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind in England große Versuche mit einem verhältnismäßig ziemlich bedeutenden Aufwand von Kapital mit ihr gemacht worden. Wohlmeinende christliche Sozialisten Englands haben über eine Million Mark hergegeben für Produktivgenossenschaften. Aber diese Schöpfungen sind entweder zugrunde gegangen oder sie haben ihren Charakter geändert und sind kapitalistische Unternehmungen geworden. In Deutschland war man darüber nicht genauer unterrichtet, und als 1875 die beiden sozialistischen Parteien sich vereinigten, fand sich in dem Entwurf des Programms für die neue Partei im Anschluß an die Forderung der „Zerbrechung des ehernen Lohngesetzes“ der Satz:

„Die Befreiung der Arbeit erfordert die Erhebung der Arbeitsmittel zum Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der Gesamtarbeit mit gerechter Verteilung des Arbeitsertrages.“

Wie Marx den ganzen Entwurf in einem Briefe an August Bebel und Genossen äußerst abfällig kritisierte, so auch speziell diesen Satz von der gerechten Verteilung des Arbeitsertrages, der nach seiner Meinung gar nichts besagte. Die Ableitung vom ehernen Lohngesetz bezeichnet er als utopistisch. Über die Forderung der gerechten Verteilung sagt er:

„Was ist „gerechte“ Verteilung? Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung „gerecht“ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzig „gerechte“ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen?“

Über das letztere, den Grundgedanken der ökonomischen Geschichtsauffassung, eingehender zu sprechen, ist hier nicht der Ort. Aber[30] es geschieht in ihrem Sinne, wenn Marx scharf gegen den Gedanken polemisiert, agitatorisch in das Programm das Schlagwort gerechte Verteilung des Arbeitsvertrages hineinzuwerfen. Er führt aus, die Form, wie der Arbeitsertrag verteilt wird, werde bestimmt durch die jeweilige Produktionsweise, und auf dem Boden der jeweiligen Produktionsweise sei sie dann, ökonomisch betrachtet, gerecht. Ob auch die Lohnhöhe gerecht ist, ist etwas anderes; aber daß der Arbeiter Lohn bekommt und nicht den Ertrag der Arbeit, das entspreche der gegebenen Produktionsweise, und auf dem Boden dieser Produktionsweise könne daran nichts Wesentliches geändert werden. Des weiteren legt Marx dar, welche Widersprüche in der Forderung des vollen Arbeitsertrages liegen. Er erklärt, daß das gleiche Recht bei der Verteilung des Arbeitsertrags auf die Leistung bezogen seinem Inhalte nach gleiches Unrecht sei, denn die Arbeitsleistungen seien ja verschieden. Wenn der Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit bekomme, so bekomme er gegenüber anderen Arbeitern Ungleiches, weil er ungleich arbeitet, und so werde das gleiche Recht hier ein Recht der Ungleichheit. Er sagt:

„Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und die dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft“,

und er tadelt es auf das schärfste, daß man im Programm Vorstellungen Ausdruck gebe, die einmal obwaltet und deshalb einen gewissen Sinn hatten, aber im Angesicht der neugewonnenen Erkenntnis zum veralteten Phrasenkram gehören. Der Brief ist ungemein interessant, aber er ist zu jener Zeit bei der endgültigen Fassung des sozialdemokratischen Programms wenig berücksichtigt worden. Ohne den Namen zu nennen, richtete er sich wesentlich gegen Wilhelm Liebknecht, den hochverdienten Vorkämpfer der Sozialdemokratie, der lange Jahre hindurch in Deutschland als der berufene Interpret von Karl Marx galt. Das war er aber auf theoretischem Gebiet ganz und gar nicht. Er war vielmehr wesentlich naturrechtlicher Sozialist im Geiste der Franzosen, und daher wenig in den Sinn der Marxschen Lehre eingedrungen. Der Brief, der, wie gesagt, nur wenig auf die Gestaltung des damals vereinbarten Programms der Sozialdemokratie eingewirkt hat, geriet in Vergessenheit, bis im Jahre 1890, als die Sozialdemokratie von neuem vor der Aufgabe stand, ein Programm zu schaffen, Friedrich Engels ihn mit allen seinen Schärfen in der „Neuen Zeit“ veröffentlichte.

Die Frage aber, um die es sich hier dreht, blieb eine Streitfrage des Sozialismus. Und zwar nicht so sehr eine Streitfrage über den Mehrwert und dergleichen, denn der war ja eine nachweisbare Tatsache. Daß der Arbeiter im allgemeinen einen höheren Wert erarbeiten muß, als er im Lohn bekommt, das ließ sich sehr leicht nachweisen. Will man es sich heute greifbar veranschaulichen, so lese man die Statistik der Aktionäre. Die Aktionäre sind eigentlich der herumwandelnde Mehrwert, ob sie nun sozialrechtlich Anspruch auf ihn haben oder nicht. Wie man die Aktionäre, d. h. die Leute, die ihr Geld in den Aktien von[31] gewerblichen Unternehmungen anlegen, sozialrechtlich beurteilt, ob man auf sie als Schmarotzer verächtlich zu blicken hat, oder ob man sagen kann, sie sind zeitweise eine große Notwendigkeit gewesen und auch heute noch nicht entbehrlich, das ist eine Frage für sich. Zu ihrer Beleuchtung sei hier eine kleine Episode erwähnt. Der deutsche Reichstag verhandelte im Jahre 1906 über die vom damaligen Reichsschatzsekretär ausgearbeitete Finanzaufbesserung. Sie schlug zum ersten Male eine Reichserbschaftssteuer vor, und die Sozialdemokratische Partei, deren Mitglied ich bin, hatte, weil sie Gegnerin aller indirekten Steuern und Zölle war, höhere Sätze als der Minister für die Erbschaftssteuer beantragt. Mir fiel die Aufgabe zu, diese Forderung zu vertreten, und ich wies dabei darauf hin, daß damals schon eine Verteilung des Eigentums eingetreten sei, welche die Möglichkeit biete, die für die notwendige Entwicklung der Großproduktion erforderten Betriebskapitale auf genossenschaftlichem Wege aufzubringen, und verwies hierfür auf die starke Verbreitung des Aktienwesens. Der große Kapitalist habe eine notwendige Funktion erfüllt in der Beschaffung der Mittel für die Erweiterung der Produktion zu der Zeit, wo eine andere Form der Kapitalbildung nicht da war. Das sei aber zum Teil schon überwunden, und man könne infolgedessen schon dreister zugreifen bei der Besteuerung der großen Vermögen und Erbschaften. Da antwortete mir ein nationalliberaler westfälischer Abgeordneter, das klinge sehr schön, aber es sei doch falsch, denn wenn kleine Leute die Mittel zusammenschießen, würden sie nie den Unternehmergeist und den Wagemut aufbringen, der erforderlich sei, sich auf so weitschichtige Unternehmungen einzulassen, wie die Großkapitalisten es täten. Wer bemüht ist, objektiv zu urteilen und sich nicht durch seine eigenen Parteianschauungen den wissenschaftlichen Blick blenden läßt, der muß zugeben, daß ein Stück an dieser Antwort richtig war. Namentlich wenn man anerkennt, daß zur fortschreitenden Entwicklung der Volkswirtschaft – solange nicht der Staat und die Allgemeinheit dafür sorgen, daß ihre Organe nicht im Bureaukratismus versumpfen –, daß zum Fortschritt der Gesellschaft in entscheidender Linie die Fortentwicklung der Produktion durch beständige Verbesserung der Maschinerie und großzügige, weitblickende Versuche gehören, muß man sich sagen, daß ein Stück von jener Antwort wahr ist, und der Streit könnte nur darum gehen: Wieviel davon ist noch wahr, und wieviel überlebt?

Wir haben kürzlich einen Kongreß der deutschen Chemiker gehabt, auf dem ein Vertreter lebhaft gegen die Sozialisierung der chemischen Industrie polemisierte. Er wies hin auf die wichtigen, wertvollen Leistungen dieser Industrie, von denen er fürchtete, daß sie nicht in gleicher Weise gemacht würden bei der Sozialisierung. Ich halte das in dieser Allgemeinheit für sehr übertrieben, aber gerade weil ich Sozialist bin und der Erkenntnis der Wahrheit nachstrebe, verschließe ich nicht vor Tatsachen die Augen, sondern suche zu prüfen, wieviel an solchen Behauptungen wahr ist. Man kann nun nicht bestreiten, daß auch noch[32] in neuerer Zeit die kapitalistische Unternehmung auf verschiedenen Gebieten in bezug auf wertvolle Neuerungen Bedeutendes geleistet hat. Gerade Sozialisten dürfen sich nicht das verhehlen, weil sie der sozialisierten Produktion zur Aufgabe stellen müssen, in der Produktion das zu leisten, was der Kapitalismus geleistet hat. Ein Beispiel sind unter anderem die großartigen Neuerungen auf dem wichtigen Gebiete nicht nur der Gewinnung, sondern der Weiterverarbeitung der Kohle, der chemischen Verarbeitung ihrer Nebenprodukte, der Extrahierung von Ölen aus der Kohle, was für Deutschland, das seine Einfuhren einschränken muß, eine sehr wesentliche wirtschaftliche Frage ist. Aus alledem geht hervor, wie recht Marx hatte, wenn er es für irreführend erklärte, die Form der Verteilung des Arbeitsertrages bei der Begründung des Sozialismus als maßgebend hinzustellen. Der Sozialismus ist in erster Linie gebunden an die Fortentwicklung der Produktion.

Marx, der dies bald erkannte, trat daher, so seltsam dies klingen mag, dem Kapital viel objektiver gegenüber, ließ seiner geschichtlichen Bedeutung viel mehr Gerechtigkeit angedeihen, als die meisten Sozialisten vor ihm und viele, die gleichzeitig mit ihm schrieben. Ähnlich Friedrich Engels in seiner Streitschrift wider den Wirklichkeitsphilosophen Eugen Dühring, der seinerzeit an der Berliner Universität gelesen hat und 1877 removiert wurde wegen Angriffen auf Kollegen, die allerdings erheblich über das Zulässige hinausgingen, sich aber dadurch erklären, daß der Mann erblindet war. Dühring war gleichfalls naturrechtlicher Sozialist und im Grunde Nichtökonom. Die Kritik, die Friedrich Engels in seiner Schrift „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ an ihm übt, tut ihm nun zwar hier und da Unrecht – Engels hieb stark zurück auf die ungerechten Ausfälle, die Dühring gegen Marx und andere Sozialisten gerichtet hatte –, aber bei alledem ist dieses Buch unbestritten das bedeutendste Werk des modernen Sozialismus nach Marx’ „Kapital“. In ihm nun finden wir eine Reihe von Kapiteln, die auch für unseren Gegenstand wichtig sind, weil Engels da gründlich mit der naturrechtlichen Lehre abrechnet. Ferner knüpfte sich an es eine Polemik, die für die Bedeutung der Mehrwertslehre für den Sozialismus Aufklärung gibt.

Engels bemerkt in der Schrift, daß erst durch Marx’ Enthüllung des Mehrwerts der Sozialismus eine Wissenschaft geworden sei. Das hat den österreichischen Gelehrten Anton Menger, seinerzeit Professor an der Wiener Universität, auf die Bühne gerufen. In seinem Buche: „Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag“, das 1886 erschienen ist, nimmt er gegen Marx und Engels Stellung und sucht nachzuweisen, daß Engels für Marx und andere für Rodbertus eine Entdeckung reklamierten, die schon lange vor jenen von englischen und französischen Sozialisten gemacht war. Menger gibt dafür die ganze Literatur an, und man findet bei ihm auch sehr interessante Darlegungen über die naturrechtliche Auffassung des Sozialismus. Aber, weil er selbst wesentlich juristischer Sozialist ist, wie er in einer Polemik genannt wurde, hat Menger vollständig das[33] Problem verkannt, um das es sich bei der Mehrwertslehre handelt. Er bezieht sie auf die Frage des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag, eine Sache, um die sich Marx im „Kapital“ gar nicht gekümmert hat. Warum nicht, entwickelt nun Engels im Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Das Elend der Philosophie“, eine Streitschrift von Karl Marx gegen Proudhon. Er erwähnt dort den von Rodbertus gegen Marx erhobenen Vorwurf, daß er den Nachweis des Mehrwerts erst nach ihm geliefert habe, zeigt, wie schon in jener zuerst 1847 erschienenen Schrift gegen Proudhon Marx diese Ableitung des Mehrwerts aus Ricardo behandelt und 1859 die Nutzanwendung der englischen Sozialisten aus ihr, daß den Arbeitern als den alleinigen Produzenten die ganze gesellschaftliche Produktion gehöre, als falsch hingestellt habe, und sagt dann:

„Die obige Nutzanwendung führt direkt in den Kommunismus. Sie ist aber, wie Marx an der obigen Stelle auch andeutet, ökonomisch formal falsch, denn sie ist einfach eine Anwendung der Moral auf die Ökonomie. Nach dem Gesetze der bürgerlichen Ökonomie gehört der größte Teil des Produktes nicht den Arbeitern, die es erzeugt haben. Sagen wir nun: das ist unrecht, das soll nicht sein, so geht das an sich die Ökonomie zunächst nichts an. Wir sagen nur, daß diese Tatsache unserem sittlichen Gefühl widerspricht. Marx hat daher nie seine kommunistischen Forderungen hierauf begründet, sondern auf den notwendig sich vor unseren Augen täglich mehr und mehr vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise. Er sagt nur, daß der Mehrwert aus unbezahlter Arbeit besteht, was eine einfache Tatsache ist.“

Dann fährt Engels fort:

„Was aber ökonomisch formell falsch ist, kann darum doch weltgeschichtlich richtig sein. Erklärt das sittliche Bewußtsein der Masse eine ökonomische Tatsache, wie seinerzeit die Sklaverei oder Fronarbeit, für unsittlich, so ist das ein Beweis, daß die Tatsache selbst sich schon überlebt hat, daß andere ökonomische Tatsachen eingetreten sind, kraft deren jene unerträglich und unhaltbar geworden ist. Hinter der formellen ökonomischen Unrichtigkeit kann daher ein sehr wahrer ökonomischer Inhalt verborgen sein.“

Engels sagt also ausdrücklich, die Anwendung der Moral – und das Naturrecht ist Moral – auf die Ökonomie in dieser Frage ist ökonomisch falsch, die Ökonomie gehe das nichts an, was das sittliche Bewußtsein sagt. Er erkennt nur an, daß, wenn das sittliche Bewußtsein der Massen eine ökonomische Tatsache für unrecht erkläre, dies eine Anzeige sei, daß inzwischen Verhältnisse eingetreten seien, wonach diese Tatsache nicht mehr erträglich und haltbar sei. Das aber muß doch immer erst ermittelt werden, und wie führt man den Beweis? Engels zeigt es an, wenn er fortfährt:

„Marx hat seine kommunistischen Forderungen nie darauf begründet, sondern auf den sich vor unseren Augen täglich mehr und mehr vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise.“

Das schrieb Engels 1877, und wenigstens bis zum Ausbruch des Weltkrieges war die kapitalistische Produktionsweise nicht zusammengebrochen, sondern hatte im Gegenteil einen gewaltigen weiteren Aufschwung genommen.[34] Es lassen sich verschiedene Tatsachen anführen, aus denen hervorgeht, daß eine Reihe von Folgerungen, die man aus der alten Theorie geschöpft hatte, sich nicht bewahrheitet haben. So z. B. der Satz „Die Maschine schlägt den Arbeiter tot“. Der Ansicht, daß die Maschine in größerem Maße Arbeiter überflüssig mache, als durch sie zur Produktion herangezogen werden, steht die Tatsache entgegen, daß bis zum Kriege die Zahl der industriellen Arbeiter, des industriellen Proletariats, in allen Ländern moderner Entwicklung erheblich zugenommen hat, nicht nur in den neuen, sondern auch in den alten Ländern. Diese Frage bedarf also gleichfalls einer Nachprüfung und genauen Untersuchung. Ganz besonders aber nötigt der Satz von Engels, Marx habe seine kommunistischen Forderungen auf dem mit Notwendigkeit sich vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise gegründet, genauer zu untersuchen, wie es sich mit diesem Zusammenbruch verhält.

Inzwischen liegt die Frage der Verteilung des Arbeitsertrages auf einem anderen Gebiete. Die Geschichte der Entlohnung der Arbeiter kennt ganz verschiedene Lohnraten, nicht bloß der absoluten Höhe, sondern auch dem Anteil am Produkt nach. Sie verzeichnete zu gewissen Zeiten bei einem wesentlichen Tiefstand der Entwicklung eine furchtbare Ausbeutung von Arbeitern. Wir wissen von dem Elend, das lange Zeit in England und Deutschland existiert hat und vielfach noch und wieder existiert, daß oft der Lohn ganz bedeutend zurückbleibt hinter dem Mehrwert. Es fehlt aber auch nicht an Beispielen eines anderen Verhältnisses von Lohn und Mehrwert. Im allgemeinen wird in der marxistischen Literatur die Mehrwertrate auch Ausbeutungsrate genannt. Aber an einer bestimmten Stelle polemisiert Engels dagegen, daß man den Begriff „Ausbeutung“ in diesem Zusammenhang moralisch auffaßt, er soll nur ökonomisch genommen werden als eine reine Tatsache, wie man etwa von der Ausbeutung eines Bergwerks oder eines Patents spricht. Ich muß indes sagen, daß dann doch das Wort ein wenig zu Unrecht angewandt wird. Ausbeutung kann natürlich eine rein ökonomische Tatsache sein ohne jeden Zusammenhang mit moralischen Beziehungen. Aber wenn wir in bezug auf Menschen von Ausbeutung sprechen, so können wir kaum jemals den moralischen Sinn des Wortes davon trennen, und daß im Lohnverhältnis oft eine wirkliche Ausbeutung im moralischen Sinne des Wortes stattfindet, läßt sich gar nicht bestreiten. Die Anschauung, daß das ganze Lohnsystem ein Ausbeutungssystem im moralischen Sinne des Wortes sei, hat unzweifelhaft der Arbeiterschaft in ihrem Emanzipationskampf einen großen moralischen und ethischen Antrieb gegeben. Bei den politischen Kämpfen der Arbeiterbewegung hat überall die Forderung: Abschaffung des Lohnsystems, und zwar von der Arbeiterseite aus gesehen: Abschaffung des Lohnsystems zur Sicherung des vollen Arbeitsertrages eine große Rolle gespielt. Aber freilich nur als Idee. Denn wie sollte es für die Gesamtheit der Arbeiter verwirklicht werden? Es könnte nur[35] dadurch geschehen, daß man zum Kommunismus übergeht und gar keine Bezahlung der Arbeit, sondern eine einfache Verteilung des Reichtums vornimmt oder, wie Krapotkin es will, die Benutzung des ganzen gesellschaftlichen Reichtums allen zur freien Verfügung stellt. Solange man noch mit Leistungswert der Arbeit rechnet, und im Übergangsstadium wird man das sicher nicht umgehen können, wird allerdings auch noch immer eine Art Lohnsystem aufrechterhalten werden müssen, und die Forderung: Abschaffung des Lohnsystems, hat denn auch in der Praxis eine ganz andere Anwendung gefunden. Nicht die Form Arbeitslohn ist es, die in Wirklichkeit bekämpft wird. Die Arbeiterklasse hat in der Praxis sich ganz anders zu ihr gestellt. Gegen nichts haben sich die Arbeiter aus guten Gründen schärfer gewandt als gegen eine andere Art Bezahlung als durch den Lohn, gegen eine Ausgleichung der Arbeit, die etwa bestand in der Zuwendung von Lebensmitteln, Wohnung usw. Sie betrachten ein auf ihr beruhendes Verhältnis als eine Sklaverei oder Hörigkeit, den Lohn aber betrachten sie dieser altmodischen patriarchalischen Arbeitsabgeltung gegenüber, wie sie bei Fleischern, kleinen Kaufleuten und manchen anderen Handwerkern noch bestand, als einen Fortschritt. Es handelte sich bei ihren praktischen Kämpfen niemals darum, die Lohnform überhaupt grundsätzlich abzuschaffen, sondern erstens jedesmal um die Lohnhöhe überhaupt und zweitens um die Art, wie die Lohnhöhe bestimmt wird. Das ist vorläufig der eigentliche Kampf der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft, auch dem Staate gegenüber, in Hinsicht auf den Entgelt der Arbeit, daß der Lohn nicht bestimmt wird durch die freie Konkurrenz, nicht willkürlich festgesetzt wird vom Unternehmer, sondern daß die Arbeiterklasse selbst in ihren Organisationen einen gesetzlichen Status erhält und mitwirkenden Einfluß ausübt auf die Lohnbestimmung. Dahin geht zunächst die Entwicklung. Von einem Naturrecht auf den ganzen Mehrwert ist da kaum noch die Rede.

Was aber die Deutung des Sinns der Marxschen Werttheorie selbst anbetrifft, so hat der Umstand, daß man in Deutschland Wilhelm Liebknecht, den sehr hervorragenden und verdienten Führer der Sozialdemokratie, für den Schüler und Interpreten von Marx hielt, während seine Auslegungen tatsächlich von Marx äußerst scharf kritisiert wurden, sein Gegenstück in anderen Ländern. Hinsichtlich der französischen Sozialisten wissen wir, daß Marx unter Bezugnahme auf seinen eigenen Schwiegersohn, den übrigens sehr geistreichen Paul Lafargue, der in Frankreich als der orthodoxeste Marxist angesehen wurde, einmal sagte: „Was mich betrifft, so weiß ich nur das eine, daß ich kein Marxist bin“ – will sagen, kein Marxist in solchem Sinne. Dasselbe spielte sich in England ab, wo der geistige Führer des marxistischen Flügels der dortigen Sozialisten, H. M. Hyndman, schon von Marx ähnlich beurteilt wurde. Da Hyndman sehr doktrinär auftrat und, wie Engels ihm vorwarf, aus dem Marxismus ein Sektendogma machte, so wurde das zum Anlaß, daß andersdenkende Sozialisten, wie die Fabianer, durch diese falsche Deutung der Marxschen Wertlehre veranlaßt, sich auf den[36] Boden einer anderen Werttheorie stellten, die Grenznutzentheorie, die auf dem Kontinent hauptsächlich ausgearbeitet ist von hervorragenden österreichischen Ökonomen wie Böhm-Bawerk, Wieser, Karl Menger, und auch in Deutschland ihre Vertreter gefunden hat. In England hatte sie zum wissenschaftlichen Ausarbeiter den als mathematischen Logiker berühmten Henry Stanley Jevons. Die Fabianer nahmen diese Theorie auf unter Verkennung oder nicht genügender Berücksichtigung der Tatsache, daß in der Ökonomie der Begriff „Wert“ gar nicht eine einfache Eigenschaft ausdrückt, sondern verschiedene Elemente zusammenfaßt. Marx bezeichnete seinerzeit Tauschwert und Gebrauchswert als die Grundelemente. Später hat man allgemein Nutzwert für Gebrauchswert gesetzt. Im Begriff Nutzwert liegen aber wieder zwei Elemente: der unmittelbar individuelle Nutzwert und der soziale Nutzwert, der das Quantitätsverhältnis der Kauflust für die Ware umfaßt. Diesen Nutzwert hat die Grenznutzentheorie im Auge. Auf den Streit zwischen ihren sozialistischen Anhängern und den Verfechtern der Marxschen Wertlehre will ich hier nicht näher eingehen, ich will nur eins dabei erwähnen. Marx berücksichtigt zwar den Nutz- oder Gebrauchswert, nennt ihn die Grundbedingung des Wertes, läßt ihn aber bei seinen weiteren Untersuchungen über die Wertbestimmung zunächst außer Betracht. Das führt ihn zu bemerkenswerten Schlüssen, die jedoch einseitiger Natur sind. Seine Wertlehre wurde genauer so formuliert, daß der Wert bestimmt sei durch die in der Ware steckende Arbeit, gemessen an der zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. In dem Begriff gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit liegen wieder zwei Elemente eingeschlossen: erstens die Arbeitszeit, die gesellschaftlich notwendig ist, um jedes einzelne Exemplar der in Frage kommenden Ware herzustellen, das heißt, gesellschaftlich notwendig nach der Höhe der erreichten Technik. Aber es kommt auch darauf an, welche Arbeitszeit gesellschaftlich notwendig ist, um die Ware in derjenigen Masse herzustellen, die erfordert ist, um die für sie vorhandenen Käufer zu befriedigen. Die Höhe des Verbrauches bestimmt sich in der modernen Gesellschaft nicht danach, wie viele Menschen eine Ware brauchen, sondern wie viele sie kaufen können und zu kaufen Lust haben. Wirft man beide Momente durcheinander, so hebt eine Definition die andere auf, und wir kommen dann doch zur Grenznutztheorie. Soviel hierüber.

Was in der Marxschen Theorie Ausbeutung genannt wird, ist der Mehrwert, der von dem in den Preis umgesetzten Wert der Ware abzüglich der Sachkosten der Produktion nicht dem Arbeiter zufließt. Ich kann nicht sagen, dem Kapitalisten zufließt, denn er spaltet sich in Rente für den Grundbesitzer, den Profit für den Unternehmer und den Zins für den Geldkapitalisten. Liegt nun aber in der Tatsache, daß der Arbeiter nicht den vollen Ertrag der Arbeit bekommt, ein Ausbeutungsverhältnis? Wir haben gesehen, daß im objektiven Sinne man das Wort Ausbeutung anwenden kann, daß aber, wenn man es moralisch deutet, wie das bei vielen Sozialisten der Fall ist, man zu vollkommen[37] falschen Schlüssen gelangt. Es würde nämlich danach in hochentwickelten Industrien, wo die Arbeiter am besten entlohnt werden und überhaupt sozial am höchsten stehen, die Ausbeutung, weil da am meisten sogenanntes konstantes Kapital im Unternehmen angelegt ist, als die höchste, und in solchen Industrien, wo die Arbeiter sehr schlecht bezahlt werden, weil wenig Maschinen angewandt werden, die Ausbeutung weniger hoch erscheinen. So erweckt die Gleichsetzung der Begriffe Mehrwertsrate und Ausbeutungsrate einen durchaus falschen Eindruck.

Wie wenig Marx den Sozialismus davon ableitet, daß der Arbeiter nicht den vollen Ertrag seiner Arbeit bekommt, geht auch daraus hervor, daß er gerade feststellt, es sei schon vor der kapitalistischen Periode so gewesen. Im achten Kapitel des ersten Bandes „Kapital“ schreibt er ausdrücklich: „Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden“. Und in der Tat ist sie sogar unter dem Kapital vielfach geringer als in Zweigen der vorkapitalistischen Wirtschaft. Marx leitet vielmehr die Forderung des Sozialismus ab aus dem sich mit Notwendigkeit vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise. Dieser Zusammenbruch nun kann verschieden aufgefaßt werden. Er kann begriffen werden als rein ökonomisches Phänomen dergestalt, daß die mit dieser Produktionsweise untrennbar verbundenen Wirtschaftskrisen immer größer werden, bis schließlich eine so große Krisis eintritt, daß in ihrer Folge der völlige Zusammenbruch erfolgt. Ich bemerke ausdrücklich, es handelt sich hierbei nicht um Krisen, die durch äußere Ereignisse, Kriege usw. herbeigeführt werden – denn das sind keine rein ökonomischen Erscheinungen –, sondern um solche, die hervorgebracht werden durch die Konkurrenzkämpfe der kapitalistischen Welt, die immanent sind der Wirtschaftsweise der kapitalistischen Produktion. Aber der Zusammenbruch kann auch aufgefaßt werden als Resultat der Klassenkämpfe, die sich auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft als unvermeidliche Rückwirkung der ihr innewohnenden und von ihr zunehmend gesteigerten Klassengegensätze vollziehen. Nach der Theorie von Marx treten diese Klassenkämpfe in immer stärkerem Maße auf, und das nötigt uns dazu, nun einmal das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt zu betrachten und darüber hinaus das Wesen ihrer Klassenkämpfe zu ermitteln.


[38]

Viertes Kapitel.

Das Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus.

Um ein Bild vom Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus zu geben, was natürlich nur in großen Umrissen geschehen kann, muß ich die Materialien unserer deutschen Statistik entnehmen. Ich könnte sie freilich auch aus verschiedenen anderen Ländern haben, Marx nahm sie aus England, das ja seinerzeit das vorgeschrittenste Land der kapitalistischen Produktion und Wirtschaft war. Inzwischen ist aber Deutschland England sehr nahegekommen und hat vor dem Kriege eine sehr entwickelte Berufs- und Gewerbestatistik gehabt. Auch bietet es der Untersuchung gewissermaßen ein reineres Bild dar, weil die englische Volkswirtschaft durch das ungeheure Kolonialreich stark beeinflußt war, während Deutschlands Kolonialbesitz in den Jahren, um die es sich hier handelt, erst in seinen Anfängen war und auf die Gestaltung seiner Volkswirtschaft einen sehr geringen Einfluß geübt hat. Aber wenn wir von kapitalistischer Wirtschaft sprechen, dann müssen wir uns – was leider heute nicht so geschieht, wie es sein sollte – darüber klar werden, daß in dem Begriff „Kapitalismus“, sehr verschiedenartige Inhalte eingeschlossen sind, daß das Wort „Kapitalismus“, das heute so leicht hingeworfen wird, als ob es eine ganz einfache Sache ausdrücke, die eines Tages beseitigt werden könne, sehr viele Dinge zusammenfaßt. Um die Hauptsache zu erwähnen, so bezeichnet der Begriff kapitalistisch zunächst die Tatsache einer bestimmten Höhe der Produktion, die Zusammenfassung der Arbeit in großen Betrieben, die Anwendung von Maschinerien usw., die nur durch große Kapitalaufwendung möglich ist. So ist einmal der Begriff kapitalistisch Ausdruck für eine bestimmte Produktionsform. Der Kapitalismus ist aber noch etwas anderes; er ist auch ein Verteilungssystem, ein Verteilungssystem eben der Ergebnisse der Produktion unter der Herrschaft des Kapitals, das ein ganz anderes Verteilungssystem ist, als wir es auf früheren Stufen der Produktion, im Feudalismus, im Handwerk usw. vorfinden. Der Begriff umfaßt ab