The Project Gutenberg EBook of Quer Durch Borneo, by A.W. Nieuwenhuis This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Quer Durch Borneo Ergebnisse seiner Reisen in den Jahren 1894, 1896-97 und 1898-1900; Erster Teil Author: A.W. Nieuwenhuis Editor: M. Nieuwenhuis-von Üxküll-Güldenban Release Date: December 23, 2005 [EBook #17379] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH BORNEO *** Produced by Jeroen Hellingman Quer durch Borneo Ergebnisse seiner Reisen In den Jahren 1894, 1896-97 und 1898-1900 Von Dr. A.W. Nieuwenhuis Unter Mitarbeit Von Dr. M. Nieuwenhuis-von Üxküll-Güldenbandt Erster Teil Mit 97 Tafeln in Lichtdruck und zwei Karten Buchhandlung und Druckerei Vormals E.J. Brill Leiden--1904 VORWORT. Bevor noch die Ergebnisse meiner ersten Durchquerung der Insel Borneo unter dem Titel "In Centraal Borneo" veröffentlicht waren, trat ich eine neue Reise an, die zwei Jahre und acht Monate dauerte und mir Gelegenheit bot, die bereits erlangte Kenntnis von den Bewohnern dieser bisher völlig unbekannten Gegenden wesentlich zu bereichern. Da die Forschungen, die ich über den Charakter der Dajak und die Verhältnisse, unter denen sie leben, anstellte, eine weitere Ausbreitung des niederländischen Einflusses im Herzen Borneos zur Folge hatte, erschien mir eine Vereinigung der früher erworbenen Resultate mit den neuen und deren Veröffentlichung in umgearbeiteter Form nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern auch aus praktischem Interesse wünschenswert. Das Werk besteht aus zwei Teilen. Der erste behandelt die Reise von Pontianak nach Samarinda, quer durch Borneo, und enthält eine Schilderung von den Zuständen unter den Bahau am Kapuas und Mahakam, der zweite beschreibt die Expedition zu den Kenja im Stammland der Bahau, ferner die Industrie, den Handel, den Häuserbau und die Kunst bei diesen Stämmen. Wie in meinem vorigen Werke habe ich mich auch in diesem darauf beschränkt, fast ausschliesslich eigene Beobachtungen zu geben, und die anderer Autoren nicht zur Vergleichung herbeigezogen. Abgesehen davon, dass das Werk sonst zu umfangreich geworden wäre, ist es auch sehr schwierig, in allem, was die Reisenden bis jetzt über Borneo geschrieben haben, sorgfältige Beobachtungen von flüchtigen Eindrücken zu unterscheiden. Überdies bin ich der Ansicht, dass eine einfache Wiedergabe eigener Beobachtungen, von deren Richtigkeit man sich im Laufe vieler Jahre hat überzeugen können, für die Ethnographen besonders wertvoll ist. In dieses neue Werk habe ich, soweit sie nicht in Fachzeitschriften gehören, alle Resultate meiner Reisen in Mittel-Borneo aufgenommen; desgleichen haben diejenigen Photographien der vorigen Reisen, die ich für wissenschaftlich interessant hielt, auch ins neue Buch Aufnahme gefunden. In die Reiseerzählung, die das Werk auch für Laien geniessbar machen soll, sind noch Beobachtungen allerlei Art, die anderswo keinen Platz fanden, und einige charakteristische Erlebnisse meiner vorigen Reisen verflochten worden. Zur Verzierung des Einbands wurden ausschliesslich dajakische Muster verwendet. Die vordere Seite des Einbands ist mit den Randfiguren eines Frauenrockes geschmückt, die hintere Seite und der Rücken tragen Tätowiermuster. Die Herausgabe des vorliegenden Werkes konnte in dieser Form nur dank einer bedeutenden Subvention seitens des Kolonialministeriums stattfinden. Diese Subvention ermöglichte auch eine Reproduktion der Tafeln in Licht- und Farbendruck, durch welche erst die vom ethnographischen Standpunkt wichtigen Einzelheiten der photographischen Aufnahmen zur vollen Geltung gelangten. Während meiner Arbeit habe ich von verschiedener Seite Unterstützung genossen. In erster Linie fühle ich mich der "Maatschappij tot bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche Koloniën", die meine ersten Reisen veranlasste und mir gestattete, die von ihr herausgegebene Karte von Borneo für dieses Werk zu reproduzieren, zu Dank verpflichtet. Ferner spreche ich den Herren Professoren Dr. _A.E.J. Holwerda_ und Dr. _K. Martin_ und Herrn Dr. _J.D.E. Schmeltz_, die sich stets hilfsbereit gezeigt haben, besonders aber Herrn Professor Dr. _F. Schwend_ in Stuttgart, der mir durch seine Hilfe bei der Korrektur einen grossen Dienst geleistet hat, meinen herzlichsten Dank aus. Leiden, Dezember 1903. Dr. A.W. Nieuwenhuis. INHALT. Kapitel I. 1-22 Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo (1893-1894)--Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897) und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise (Mai 1898-Dezember 1900)--Ausrüstung--Dampfschiffahrt nach Pontianak--Fahrt auf dem Kapuas bis Putus Sibau--Zustände in Putus Sibau. Kapitel II. 23-42 Aufenthalt in Putus Sibau--Aussichten für die Mahakamreise--Besuch der Batang-Lupar--Aufbruch nach Tandjong Karang Einrichtung des Kajan Hauses--Ärztliche Praxis unter der Bevölkerung--Vorbereitungen für den Zug nach dem Mahakam Rückkehr nach Putus Sibau--Einkauf von Ethnographica und Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak Zurücksendung eines Jägers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus Sibau--Befragen der Vögel--Aufbruch nach dem Mahakam. Kapitel III. 43-68 Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam und dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des oberen Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer Charakter des Apu Kajan Äussere Gestaltung Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische Verhältnisse--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak Sesshafte Stämme: Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und Beketan--Herkunft der Bahau und Kenja Legende vom Wasser und Feuer--Auswanderungen und Vermischungen der Stämme--Organisation eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes--Geschichte der Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: Häuptlinge, Freie und Sklaven--Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder--Abstammung des Häuptlings _Akam Igau_. Kapitel IV. 69-95 Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung des Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawaat_)--Verpflegung des Kindes--Erste Namengebung--Zweite Namengebung--Namenänderungen--Das Kind bis zur Pubertät--Junge Männer und Mädchen--Tätowierung--_utang_--Künstliche Verunstaltungen--Beschäftigungen und Verkehr der jungen Leute--Mahlzeiten Heirat--Stellung von Mann und Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden. Kapitel V. 96-115 Religiöse Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Götter--Einteilung des Weltalls--Gute und böse Geister--Seelen der Bahau--Charakter und Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere, Pflanzen und Gesteine--Vorzeichen--Erklärung der _pemali_--Priester und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der _dajung_--Erklärung der _mela_--Das Ei als Opfergabe. Kapitel VI. 116-132 Opfergaben der Ballon: _kawit_--Die _pemali:_ bei der _mela_, beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim Säen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der _mela_ gegen Krankheit, bei der Rückkehr von grossen Reisen--Das _legén_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religiösem Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan. Kapitel VII. 133-155 Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken der Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und Festkleidung der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der Toten--Waffen der Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung der Blasrohre--Pfeile und Pfeilgifte--Schilde. Kapitel VIII. 156-185 Rolle des Ackerbaus bei der Bahau und Kenja--Religiöse Vorstellungen beim Ackerbau--Legende von der Entstehung der Ackerbauprodukte--Art der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen bei der Wahl der Felder--Bestimmung der Saatzeit--Perioden des Reisbaus--Bedeutung der Ackerbaufeste--Saatfest: religiöse Zeremonien; Masken- und Kreiselspiel--Neujahrsfest--Festgebräuche--Zweite Namengebung der Kinder--Darbietung der Opfer--Tänze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron uting_ = Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap = Festtag_ des Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest. Kapitel IX. 186-199 Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigerätschaften--Fang des _tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Erträgnisse der Jagd--Vogelfang--Haustiere. Kapitel X. 200-219 Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak-Verlust eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Geröllbank Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strömung--Aufenthalt wegen des _telaradjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug auf einen Berg--Eigentümliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur Gung-Mündung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan-Mündung--_Bier_ und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mündung--Aufschlagen der Lagers--Nächtlicher Überfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_ Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_ Howong--Kalkberge am Bulit. Kapitel XI. 220-243 Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam Igau_ zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur Wasscherscheide--Erscheinen von Bungan Dajak--Besuch im Lagerplatz, der Bungan--Rückkehr der Träger--Verschwinden des Reises--Landzug in Eilmärschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb der Wasserscheide. Kapitel XII. 244-268 Auf der Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam--Opfer der Kajan--Längs des Howong zu den Pnihing--_Amun Lirung_--Nahrungsmangel und Schwierigkeiten mit dem Transport des Gepäckes--_Kwing Irang_--Löhnung der Träger--Besuch bei den Bukat--Reise zu _Belarè_--Einkauf von Böten am Tjehan--Fahrt zu _Kwing Rang_ am Blu-u. Kapitel XIII. 269-294 Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf--Bewohner des Mahakamgebietes--Vorgeschichte der Stämme--Stellung und Einfluss der Fremden--Ursprüngliche Bewohner am oberen Mahakam--Vorherrschaft der Long-Glat--_Kwing Irang_ und dessen Stellung unter den übrigen Häuptlingen--Verkehr und Handel unter den Stämmen--Selbständigkeit der Stämme--Verteilung der Ländergebiete--Bestimmungen in bezug auf Feld- und Waldfrüchte, Buschprodukte, Jagd- und Fischfang--Industrie--Verkehr mit den Nachbarländern--Handel und Handelswege. Kapitel XIV. 295-315 Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln und Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und Untersuchungen auf geologischem Gebiet--Topographische Aufnahmen--Photographie. Kapitel XV. 316-350 Verhältnisse bei den Mahakam Kajan--Zeitrechnung-Beschäftigungen während der Verbotszeit--Besteigung des Batu Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Akam Igau_ und _Jung_--Fahrt zum Merasè--Tod des Häuptlings _Bo Li_--Begegnung mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkämpfe. Kapitel XVI. 351-385 Besuch bei den Ma-Suling am Merasè--In Batu Sala, Napo Liu und Lulu Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Böten und Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten auf einem Baumgipfel--Rückkehr nach Lulu Sirang--Symbolische Heiratserklärung--Hochzeitsgebräuche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem Blu-u--Besuch bei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung des Liang Karing--Bei den Pnihing am Pakatè--Begräbnisstätte der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurücksendung einer Batang-Lupar Gesellschaft--Beratung wegen des Hausbaus--Besuch von _Hinan Lirung_. Kapitel XVII. 386-417 Bau des Häuptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung einer Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung neuer Leute--Krankenbesuch am Merasè--Reisevorbereitungen--_Bang Joks_ politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue Haus--Allerhand Schwierigkeiten--Wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod eines kleinen Mädchens--Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse. Kapitel XVIII. 418-449 Äusseres der Bahau--Körperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentümlichkeiten ihrer Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische Krankheiten, Intestinalkrankheiten, Rheumatismus; Kropf; Infektionskrankheiten verschiedener Art, Augenkrankheiten, parasitäre Hautkrankheiten--Wert einer ärztlichen Praxis unter den Eingeborenen--Vorstellungen der Bahau von ihrem Körper, ihrem Geist; dem Schlaf und den Krankheiten--Heilmethoden der Priester--Diätetische Mittel-Befolgung ärztlicher Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage, Dampfbäder. Kapitel XIX. 450-468 Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und den Kenja. Kapitel XX. 469-493 Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren der westlichen Wasserfälle--Flössen des Rotang--In Long Deho bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--Über Uma Mehak, Udju Halang, Ana und Tengaron nach Samarinda. BEMERKUNGEN ÜBER DIE AUSSPRACHE. Alle einheimischen Wörter, die keine geographischen Namen oder Personennamen bedeuten, liess ich kursiv drucken. Während die Zeichen auf den gerade gedruckten Wörtern keiner weiteren Erklärung bedürfen, gelten in Bezug auf die Aussprache der Vokale in den kursiv gedruckten Wörtern die folgenden Regeln des allgemeinen linguistischen Alphabets [1]. _a_ in dem Deutschen Tat, hat. _e_ in dem Deutschen Bär, fett; _e_ in dem Deutschen Weh; _i_ in dem Deutschen wir, mit; _o_ in dem Deutschen Mond; _o_ in dem Deutschen Sonne; _ö_ in dem Deutschen Hörner; _ö_ in dem Deutschen König; _u_ in dem Deutschen Mut; _u_ in dem Deutschen Tür; _ai_ in dem Deutschen Kaiser. _au_ in dem Deutschen Haut. _au_ in dem Deutschen Häute. _e_ bezeichnet den dumpfen Vokal der deutschen Vor- und besonders Endsilben, z.B. begraben. In den Inhaltsangaben und in den Überschriften der Seiten sind obige Zeichen bei den kursiv gedruckten Wörtern fortgelassen worden. Um die Länge und die Kürze der Vokale und die Betonung anzugeben, sind die üblichen Zeichen [-]; [u]; und ['] verwendet worden. LISTE DER KARTEN UND TAFELN. Karte der Insel Borneo Anhang. Karte des Bungan-Gebietes gegenüber Seite 226 Tafel. Gegenüber Seite 1. Die Expedition in Long Bagung (Mai 1899) Titelbild. 2. Tandjong Karang 26 3. Geschnitzte Haustür des Häuptlings _Akam Igau_ 28 4. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung A 28 5. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung B 28 6. _Usun_, Oberpriesterin in Tandjong Karang 40 7. Die Salzquelle Sepan Dingei mit Brunnenvorrichtung 46 8. Landschaft von Mittel-Borneo (oberer Mahakam) 48 9. Greis der Kajan vom Mahakam. Kajan vom Mahakam 52 10. Junge Frauen der Mahakam Kajan. Junge Mädchen der Mahakam 56 11. Ältere Frau der Mahakam Kajan 60 12. Pnihing 64 13. Bewaffnete Ma-Suling vom Merasè mit ihrem Häuptling Ibau Li 68 14. Kindertragbrett (_hawat_) der Kajan am Mendalam 72 15. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 116 16. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 118 17. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 120 18. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 122 19. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 124 20. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 124 21. _Legen_ 126 22. Gut gekleideter junger Kajan 136 23. Bahau in Kriegskostüm 136 24. Hüte der Bahau 138 25. Schmucksachen der Mendalam Kajan 140 26. Frau der Bahau in Trauerkleidung 144 27. Totenausrüstung 144 28. Schwerter der Mendalam Kajan 146 29. Schwerter der Bahau 148 30. Schwertscheiden der Bahau 148 31. Schwerter mit Scheiden der Stämme von Nord- und West-Borneo 148 32. Pfeilköcher, Giftbrett u.s.w. 150 33. Auszug aufs Feld mit Tragkorb, Schwert, Ruder und Speer 162 34. Neu angelegtes Reisfeld der Bahau 162 35. _Dangei_-Hütte 172 36. _Lasa_, Opfergerüst mit Opfergaben 176 37. Landschaft am oberen Kapuas 188 38. Aufwärtsziehen der Böte mittelst Rotangtaue im Gurung Delapan 212 39. Gurung Bakang 214 40. Mündung des Bulit 216 41. Befördern der Böte über einen Wasserfall im Bulit 216 42. Stalaktiten am Liang Bubuk 218 43. Inneres einer Kuli-Hütte 222 44. Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam 246 45. Zwei aus verflochtenen und verwachsenen Lianen entstandene Bäume 254 46. Haus des Pnihinghäuptlings _Belarè_ 260 47. Massenkalk mit undeutlicher Schichtung 264 48. Unvollendete Niederlassung der Kajan an der Mündung des Blu-u 268 49. Unsere Wohnung in Long Blu-u 272 50. Zwei Kajanfrauen vom oberen Mahakam 274 51. Junger Mann und Frau der Kajan am oberen Mahakam 284 52. Kajanknaben vom oberen Mahakam 296 53. Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam 308 54. Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der Saatzeit 316 55. Der Batu Mili bei Long Blu-u 320 56. _Hudo Kajo_, als Geister verkleidete Männer 324 57. Holzmasken 324 58. Landung der Geistermasken 326 59. Tanz der Geistermasken 326 60. Maskerade der Frauen 328 61. Frauen in Festkleidung. Als Männer verkleidete Frauen 328 62. Als Punan verkleidete Kajan 328 63. Kreiselspiel 330 64. Napo Liu 332 65. Gruppe der Murung Malaien in Napo Liu 334 66. Grabmal des Ma-Suling-Häuptlings _Bo Long_ 354 67. Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses 360 68. Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den Long-Glat 364 69. Der Liang Karing an der Mündung des Tjehan 370 70. Aufwärtsziehen der Böte im Kiham Tukar Anang 372 71. Niederlassung der Pnihing am Long Pakatè 374 72. Mit Figuren verzierter Stein im Tjehan 374 73. Begräbnisstätte der Pnihing am Fuss des Liang Nanja 376 74. Särge der Pnihing 376 75. Achtjähriger Kajan mit Tinea imbricata bedeckt 440 76. Symmetrisch verbreitete Tinea imbricata bei einer jungen Kajanfrau am oberen Mahakam 442 77. Tätowieren einer Hand bei den Kajan am oberen Mahakam 450 78. Frau der Long-Glat mit vollständiger Tätowierung 452 79. _Dahei Kwing_, achtzehnjährige Kajanfrau vom oberen Mahakam mit tätowierten Händen 452 80. Junger Bukathäuptling mit Brust- und Armtätowierung 452 81. Tätowierter Dajak vom Kahájan 452 82. Tätowiermuster der Mendalam Kajan 456 83. Schenkeltätowierung einer _panjin_ 460 84. Schenkeltätowierung von _Tipong Igau_ 460 85. Hand- und Fusstätowierung der Mendalam Kajan 460 86. Schenkeltätowierung einer Long-Glat-Frau 461 87. Muster für Schenkeltätowierungen 462 88. Muster für Schenkeltätowierungen 464 89. Muster für Schenkeltätowierungen 464 90. Seitenstücke für Schenkeltätowierungen 464 91. Schlussstücke für Schenkeltätowierungen 466 92. Handtätowierungen der Long-Glat 466 93. Handtätowierungen der Uma Luhat; Kajan am Blu-u 466 94. Handtätowierungen der Uma Luhat 466 95. Tätowierung der Kenja Uma Tow 468 96. Schenkeltätowierung der Kenja 468 97. Schenkeltätowierung der Kenja 468 KAPITEL I. Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo (1893-1894)--Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897) und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise (Mai 1898-December 1900)--Ausrüstung--Dampfschiffahrt nach Pontianak--Fahrt auf dein Kapuas bis Putus Sibau--Zustände in Putus Sibau. In den Jahren 1893 und 1894 rüstete die "Maatschappij tot bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche Koloniën" (Gesellschaft zur Beförderung der naturwissenschaftlichen Forschung in den niederländischen Kolonieen) ihre erste grosse wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo aus; wesentlich unterstützt wurde sie dabei durch den damaligen Residenten _S.W. Tromp_ [2] der "Wester-Afdeeling" von Borneo, der sehr wohl begriff, dass eine Erweiterung der Kenntnis von Land und Volk auch in politischer Hinsicht von grosser Bedeutung sein musste. Den Teilnehmern an der Expedition war zur Aufgabe gestellt worden, von der Westküste durch die bisher ganz unbekannten Gebiete des oberen Kapuas und oberen Mahakam bis zur Ostküste vorzudringen und während der Reise, so weit als möglich, naturwissenschaftliches Material zu sammeln und die Bevölkerung zu studieren. In Kutei erhoben sich aber bald warnende Stimmen, welche auf die grossen Gefahren einer derartigen Unternehmung aufmerksam machten; daher nahm man von dem anfänglichen Plan Abstand und beschränkte sich auf die Erforschung des Flussgebietes des oberen Kapuas, in welchem vom November 1893 bis zum Oktober 1894 reiche Sammlungen auf botanischem, zoologischem, geologischem und ethnologischem Gebiete angelegt wurden. Dank der Unterstützung der Regierung durch Schutz- und Transportmittel konnten die Forscher, jeder in seinem Fache, gesondert tätig sein; während der Zoologe Dr. _J. Büttikofer_ und der Botaniker Dr. _H. Hallier_ sich im Urwalde niederliessen, durchzog der Geologe Prof. _G.A.F. Molengraaff_ ausgedehnte Landstrecken, um deren Formation kennen zu lernen und beendete seine Reise durch einen gelungenen Zug von Bunut südlich nach Bandjarmasin. Indessen jeder auf diese Weise die nötige Forschungsfreiheit genoss, lag mir, als dem Expeditionsarzte, die Verwaltung des Ganzen ob. Da meine ärztliche Hilfe von den Teilnehmern der Expedition selten beansprucht wurde, konnte ich in den Dörfern der Eingeborenen wohnen bleiben und von dort aus für die Zufuhr neuer Vorräte und die Anwerbung von Kuli Sorge tragen. Teils aus Neugier, teils um ärztlichen Beistand zu erbitten, kamen bald ununterbrochen Eingeborene in meine Nähe, so dass ich Gelegenheit hatte, die Bevölkerung eingehend zu studieren und Ethnographica zu sammeln. Nach zweimonatlichem Aufenthalt am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, machten der Geologe, Prof. _Molengraaff_, und ich den Versuch, in das Gebiet des oberen Mahakam vorzudringen; wir mussten jedoch, obgleich wir bereits die Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam überschritten hatten, auf Grund von Gerüchten, die der uns begleitende Kontrolleur über ernstliche feindliche Rüstungen seitens der Eingeborenen vernommen hatte, den Rückzug antreten. Auf dieser letzten sechswöchentlichen Expedition hatten die am Mendalam wohnenden Kajan, ein bis dahin so gut wie unbekannter Stamm, die Träger und Ruderer geliefert. Die Kajan am Mendalam sind nämlich mit denen am Mahakam verwandt und in ständigem Verkehr, daher sind sie auch die besten Kenner dieser dunklen Gebiete von Mittel-Borneo. Ich war somit, um zuverlässige Auskunft über die Verhältnisse am oberen Mahakam zu gewinnen, hauptsächlich auf diesen Stamm der Kajan angewiesen. Zwar hatte schon im Jahre 1825 ein Europäer, _Georg Müller_, von der Ostküste aus den oberen Mahakam erreicht, aber sein Geleite von Pnihing und Kajan ermordete ihn nach dem Überschreiten der Wasserscheide im Flussbett des Bungan; mit dem kühnen Forscher gingen auch seine Aufzeichnungen zu Grunde, und die innersten Gebiete Borneos blieben unbekannt wie zuvor. Während Prof. _Molengraaff_ seine Reise nach Bandjarmasin antrat, liess ich mich also für zwei Monate bei diesem Stamm der Kajan am Mendalam in Tandjong Karang nieder und zwar mit demselben Resultat, wie sonst überall, dass ärztliche Hülfe, das Einkaufen von Ethnographica und viel Geduld mit ihrer Eigenart mir alles Vertrauen gewanden, das eingeborene Stämme einem Fremden überhaupt schenken können. Als wichtigsten Vertrauensbeweis betrachtete ich ihre Erklärung, mich in das Gebiet des oberen Mahakam begleiten zu wollen, falls ich auf ihre Bedingungen zur Unternehmung der Reise eingehen wollte. Eine der für beide Teile wichtigsten war, dass ich, um nicht das Misstrauen ihrer Verwandten am Mahakam zu erregen, ohne bewaffnetes Geleite gehen sollte, was für mich so viel bedeutete, als dass ich mich ihnen vollständig ausliefern sollte. Ich fand eine teilweise Erklärung für diese Bedingung in dem Gefühl, das alle Eingeborenen in Mittel-Borneo bei der Begegnung mit etwas Neuem und Fremdem beherrscht, nämlich: der Angst. Da ich ausserdem wusste, dass es im eigenen Interesse der Dajak lag, der niederländisch-indischen Regierung keinen Anlass zur Unzufriedenheit zu geben, indem sie mir ein Leid zufügten, so beunruhigte mich diese Bedingung durchaus nicht. Unter den interessanten Beobachtungen, die ich in dieser Zeit über den Charakter der Stämme von Mittel-Borneo machte, ist diejenige sicher die bedeutendste, dass die blutgierigen, wilden, Köpfe jagenden Dajak im Grunde zu den sanftesten, friedliebendsten und ängstlichsten Bewohnern dieser Erde gehören. Meine Erfahrungen stehen in dieser Hinsicht nicht nur in schroffem Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Auffassung über die Dajak seitens der Europäer an den Küsten Borneos, sondern seltsamer Weise auch aller Reisenden, die bis jetzt Gelegenheit hatten, mit den mehr im Innern der Insel wohnenden Stämmen in Berührung zu kommen. Da meine neuen Kajanfreunde mir allmählich auch zu verstehen gaben, dass es mit der feindlichen Gesinnung der Mahakambewohner nicht so schlimm bestellt sei, fasste ich auf meiner Rückreise nach Batavia den Plan, wenn irgend möglich, aufs neue den Versuch zu wagen, in das Gebiet des oberen Mahakam einzudringen und den Fluss bis zur Ostküste hinabzufahren. In Batavia angelangt wurde ich jedoch sogleich als Arzt nach Lombok abkommandiert, wo die Bestürmung von Tjakra Negara (1894) und alle traurigen Folgen dieses entsetzlichen Kriegszuges uns Ärzte bald alle eigenen Pläne vergessen liessen. Auch im Anfang des folgenden Jahres fanden wir selten Zeit, an etwas anderes, als an unsere Kranken zu denken, bis endlich der Westmonsun uns weniger Patienten und mehr Kollegen brachte und es mir glückte, eine Versetzung nach Batavia zu erlangen. Dankbar für die mir erhaltene Gesundheit und alles, was ich auf der prachtvollen Insel Lombok gesehen hatte, bestieg ich im Juli ein Schiff der "Paketfahrtgesellschaft", welches mich nach Java brachte, und sechs Tage darauf führte mich die Bahn von Surabaja an den Ort meiner Bestimmung. Vier im idyllischen Garut verbrachte Tage verwischten den Eindruck aller Lomboker Schrecknisse, und bei meiner Ankunft in Batavia traten meine Borneopläne mir deutlicher als je vor den Geist. Nach einigen Unterhandlungen mit dem Ausschuss der oben genannten niederländischen Gesellschaft in Batavia, zeigte sich diese bereit, meine Pläne zu unterstützen, und als dann auch der finanzielle Teil erledigt und die Zustimmung der Regierung erlangt war, konnte ich mit der Ausrüstung beginnen und im Februar des Jahres 1896 von Batavia über Pontianak mit der Expedition aufbrechen. Überzeugt, dass die Unterhandlungen mit den Kajan Monate dauern würden, liess ich zwei Europäer: _Demmeni_ und _von Berchtold_, von denen sich jener mit dem Photographieren, dieser mit der Erwerbung einer zoologischen Sammlung beschäftigen sollte, vorläufig in Batavia zurück; sie trafen mit mir erst im Mai am oberen Kapuas zusammen. Hier war es mir nach monatelangem Zusammenleben mit den Kajan am Mendalam endlich geglückt, diese ihrem Versprechen gemäss zur Teilnahme am Zuge nach dem Mahakam zu bewegen und die vorläufigen Vorbereitungen, wie das Einkaufen von Böten und grossen Quantitäten Reis, zu beenden; jedoch dauerte es noch bis zum 3. Juli, bis wir von Putus Sibau, dem wichtigsten Handelsplatz am oberen Kapuas, aufbrechen konnten. Im Laufe von zwei Monaten fuhren wir den Kapuas und darnach seine beiden Nebenflüsse Bungan und Bulit hinauf, zogen auf 800 m Höhe über die Wasserscheide und stiegen dann zum Penaneh, einem Nebenfluss des Mahakam, hinunter. Der erste Empfang bei den dort ansässigen Pnihing liess nichts zu wünschen übrig, und auch während unseres achtmonatlichen Aufenthaltes bis zum April 1897 bei den anderen Stämmen am oberen Mahakam fiel nichts vor, was unser freundschaftliches Verhältnis gestört hätte. Es war anfangs mein Plan gewesen, nur zwei Monate bei ihnen zu bleiben, aber die herrschende Hungersnot liess uns nur die Wahl, uns ohne Unterbrechung von einem Stamme zum anderen führen zu lassen, oder die Hungersnot am oberen Mahakam bis zum Eintritt der neuen Ernte mitzumachen. Wir wählten letzteres, da nur ein längerer Aufenthalt bei den Stämmen ein Ergebnis der Reise versprach, und es gelang uns, mit den Tauschartikeln bis zum letzten Augenblick hauszuhalten. Im April brachen wir mit _Kwing Irang_, dem obersten Häuptling der Mahakam-Kajan, bei dem wir uns niedergelassen hatten, nach dem unteren Mahakam auf, passierten die grossen Wasserfälle, die den Ober- und Mittellauf des Mahakam scheiden, und wurden vom Häuptling dem Sultan von Kutei übergeben, der uns mit dem Assistent-Residenten _van Assen_ entgegengereist war. Der langdauernde Aufenthalt im Herzen vom Borneo hatte uns in Stand gesetzt, unsere Umgebung eingehend zu studieren und so brachte ich, ausser bedeutenden Sammlungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, eine gründliche Kenntnis der Zustände, Sitten und Sprachen der Stämme am Mahakam mit nach Java. Statt in einem Dorado der Wilden, wie es sich die Europäer gewöhnlich vorstellen, hatten wir unter Zuständen gelebt, von denen man sich in Europa schwer einen Begriff machen kann. Ausser den ungünstigen hygienischen Verhältnissen, welche eine Zunahme der Bevölkerung verhindern, hatten mich die Angst und Unruhe, in der diese Menschen ihr Dasein führen, betroffen. Jene sind, als Folgen des Klimas und der Eigenart der Bevölkerung, schwer zu bekämpfen, diese, hauptsächlich durch die Fehden der Stämme untereinander verursacht, sind sehr leicht zu beseitigen, sobald sich eine über diesen Stämmen stehende Macht mit der Schlichtung ihrer Zwistigkeiten befasst und Selbstwehr verhindert. Die Bahau fühlten, dass ihnen (lies vor allem fehlte; denn _Kwing Irang_ wandte sich durch meine Vermittelung im Namen aller Stämme am oberen Mahakam an die niederländisch-indische Regierung mit der Bitte um Beschirmung. Hierdurch wurde die indische Regierung veranlasst, eine neue Expedition auszurüsten, um festzustellen, auf welche Weise in den Gebieten des oberen Mahakam Ruhe und Sicherheit am besten herzustellen seien. Als Leiter dieser Expedition wurde ich gewählt, ferner der Kontrolleur 1. Kl. _J.P.J. Barth_ und einige europäische und malaiische Gehilfen. Obgleich politische Interessen bei diesem neuen Zuge das Leitmotiv bildeten, war es mir doch klar, dass seine Organisation aus verschiedenen Gründen die gleiche wie bei der früheren, so wohl gelungenen Expedition von Pontianak nach Samarinda sein musste. Es handelte sich im wesentlichen darum, die Stimmung der Bevölkerung in bezug auf die Einsetzung einer festen Verwaltung auszukundschaften und auf die Schlichtung ihrer Zwistigkeiten mit benachbarten Stämmen Einfluss zu gewinnen. Hierzu war es, wie auch auf der vorigen Reise, notwendig, das Vertrauen der ängstlichen Bahau zu erwerben und sie durch ein monatelanges Leben und Arbeiten in ihrer Mitte an die Gegenwart von Weissen zu gewöhnen. Da wir möglicherweise mit feindlich gesinnten Stämmen von Serawak in Berührung kommen konnten, musste das gut bewaffnete Geleite so zahlreich sein, dass es im Notfall kräftigen Widerstand leisten konnte. Um zu verhindern, dass dieses, hauptsächlich aus Malaien bestehende Geleite während eines längeren Aufenthaltes in einem Stamme Anstoss errege und um es stets bei guter Stimmung zu erhalten, musste für seine ständige Beschäftigung gesorgt werden; das Gleiche galt auch für die Europäer. Ich wählte die Malaien daher derart, dass sie, ausser als Schutzsoldaten, auch auf wissenschaftlichem und praktischem Gebiet von Nutzen sein konnten, als Pflanzensammler, Jäger, Präparatoren, Ruderer u.s.w. Eine grosse Menge Tauschartikel zu unserem täglichen Unterhalt, zum Einkauf von Ethnographica und zur Bezahlung der Kuli wurde wiederum mitgenommen. Wir mussten nämlich nicht nur trachten, unsere dajakischen Gastherren nicht zu verletzen, sondern auch, durch Einkaufen von allerhand Dingen, vielen im Stamme einen Vorteil und uns ihre Gunst zu verschaffen. Zur Erreichung dieses Ziels war auch, wie wir auf der letzten Reise erfahren hatten, ein gründlicher ärztlicher Beistand von grosser Bedeutung; daher gehörte ein reichlicher Vorrat an Arzneimitteln zu unseren wichtigsten Reiseartikeln. Mit Rücksicht auf die oben erwähnten Verhältnisse setzte sich meine Reisegesellschaft aus folgenden Gliedern zusammen: dem Kontrolleur _J.P.J. Barth_, der sich hauptsächlich mit dem Studium der allgemeinen Umgangssprache der Bahau, dem Busang, befasste; dem Photographen der vorigen Expedition, _J. Demmeni;_ dem Topographen _H.W. Bier_; zwei Javanen aus dem botanischen Garten in Buitenzorg (Java) für die botanischen Sammlungen; dem Jäger und Präparator _Doris_ für das Präparieren von Vögeln und Säugetieren und sechs anderen Javanen, die bereits Naturforscher auf Reisen begleitet hatten und im stande waren, als Mechaniker, Jäger, Fischer u.s.w. die verschiedensten Dienste zu leisten. Zu meiner persönlichen Bedienung nahm ich _Midan_, meinen javanischen Diener der vorigen Reise, mit. An Vierfüsslern begleiteten uns zwei Jagdhunde; in Pontianak kaufte ich später noch zwei Wachthunde hinzu. Überzeugt, dass uns die Küstenmalaien in Kutei Schwierigkeiten verursachen würden, falls wir auf dem eigentlichen Wege, den unteren Mahakam hinauf, zum oberen gelangen wollten--den Malaien ist nämlich selbst viel daran gelegen, ihren eigenen Einfluss im Hinterlande auszubreiten und den der Niederländer zurückzudrängen--mussten wir unsere Reise wiederum von Pontianak, an der Westküste, beginnen und uns von den Kajan wieder durch das unbewohnte Quellgebiet der grossen Flüsse zum oberen Mahakam geleiten lassen. Auf der Reise im Jahre 1896 hatte, um den Landtransport mit einer kleinen Anzahl Leute möglich zu machen, die Ausrüstung so viel als möglich eingeschränkt werden müssen. Jetzt war die Besorgnis, durch ein grosses Geleite bei den Mahakamstämmen Misstrauen zu erwecken, zwar geringer, aber, in Anbetracht des Umstandes, dass die Verpflegung so vieler Menschen unterwegs an und für sich schon schwierig genug war, musste das mitzunehmende Gepäck auch diesmal auf ein Minimum reduziert werden. Was die Kleidung betraf, so galt es, sie so zu wählen, dass sie sowohl dem Klima als den Strapazen standhalten konnte. Eine gute wollene Unterkleidung und eine warme Bedeckung nachts sind die besten Schutzmittel gegen Moskitos und Erkältungen; die Hauptursachen für das Entstehen der Malaria. Auch musste dafür gesorgt werden, dass die verpackten Kleidungsstücke und dass Bettzeug so wenig als möglich Gefahr liefen, nass zu werden. Als Packkisten sind die bekannten Stahlköfferchen die geeignetsten. Sie halten, ausser unter Wasser, die Feuchtigkeit fern, zerbrechen nicht beim Fall auf Felsen und werden durch die Termiten nicht angetastet; sie dürfen jedoch sammt Inhalt nicht mehr als 20-25 kg wiegen. Für die Nacht besassen wir starke Reiseklambu (Moskitonetze) aus fester Java-Gaze 1: 1: 2 m gross und so eingerichtet, dass sie mittelst Seilen in jedem beliebigen Raum ausgespannt werden konnten. Der untere Rand der Gaze war, ausgenommen an der Eingangsöffnung, wo das Zeug 1 m über einander schlug, an ein Stück double waterproof sheeting festgenäht. Sorgte man dafür, dass die Gazeenden am Eingang dicht auf einander lagen, so war die Möglichkeit eines nächtlichen Besuchs von Ameisen, Schlangen, Skorpionen und Blutegeln so gut wie ausgeschlossen, und ich bin auch wirklich auf der ganzen Reise durch dergleichen Gäste nicht gestört worden. Die grosse Dichte der Gaze hielt auch die Moskitos und sehr kleinen _aga_ oder _murutu_ fern, welch letztere sehr empfindlich stechen, obgleich sie nicht grösser sind als eine Nadelspitze. Die undurchlässige Unterlage schützte nachts vor Bodenfeuchtigkeit und bildete tagüber eine wasserdichte Umhüllung für das Klambu, ein kleines Kopfkissen und zwei Decken, die in sie eingepackt und mit Riemen festgeschnürt wurden. Zur Bettausrüstung gehörte ferner noch eine dünne, mit Lederimitation überzogene Matratze, aus drei Teilen bestehend und daher leicht transportierbar. Als Oberkleidung sind ein Anzug aus Khaki, Schuhwerk aus Leinwand und ein Korkhelm sehr geeignet. Zum Schutz gegen Blutegel, die lästigste Plage der feuchten Tropenwälder, ist es geraten, die Kleidung fest am Körper anschliessen zu lassen und die Beinkleider an den Knöcheln festzubinden oder zu knöpfen. Eine besondere Sorgfalt muss auf die Wahl des Schuhwerkes verwendet werden; das Gehen mit blossen Füssen ist sehr unzweckmässig. Für schwieriges und unebenes Gelände sind, als Stütze für die Knöchel, hohe Schnürstiefel sehr empfehlenswert und zwar müssen sie, um das Wasser nach dem Durchwaten von Morästen und Lachen schnell abfliessen zu lassen, aus Leinwand hergestellt sein. Dünne, starke, nicht zu schwer beschlagene Sohlen verhindern am besten ein Gleiten auf Felsen und umgefallenen Baumstämmen. Lederne Gamaschen bewähren sich gut auf Märschen; hohe Wasserstiefel dagegen sind zu schwer. Auch als Dachbedeckung eignet sich double waterproof sheeting seht gut, nur darf man es nicht lange der Sonne aussetzen, oder man muss es in diesem Falle mit Matten bedecken. Zur Aufrichtung eines Zeltes lehrte mich die Erfahrung, nichts anderes mitzunehmen als Stücke dieses Zeuges, die genügten, eine Fläche von 4 × 6 m zu überdecken. Der Tropenwald liefert stets viel dünnes Holz für Pfähle und Fussboden, so dass das Gerüst zu einer Hütte von den Dajak innerhalb einer Stunde im Walde gefällt und aneinander gebunden werden kann. Soll das Zelt nur einige wenige Nächte gebraucht werden, so sind Wände nicht erforderlich, da der Regen im Urwalde selten schräg niederfällt. Wegen der Unmöglichkeit, grössere Mengen von Lebensmitteln über Land mitzuführen, mussten auch die Europäer am Mahakam von dem leben, was die Bahauumgebung lieferte; nur für die Kranken wurden Konserven mitgenommen. Das Hauptnahrungsmittel bildete für alle der Reis-. für die Eingeborenen kamen am Kapuas noch getrocknete und später frische, im Fluss gefangene Fische hinzu; daher wurden auch einige Wurfnetze mitgenommen. Was die mitzuführenden Tauschartikel betraf, so hatte ich mich bereits früher davon überzeugt, welche Arten von Glasperlen und Zeug bei den einzelnen Stämmen besonders beliebt waren. Auch viele Kleinigkeiten wie: Fingerringe, Nadeln, Spiegeldöschen u.a. nahm ich mit, um sie zu gelegentlichen kleinen Geschenken zu verwenden. Die Kisten, welche im Laufe der Reise geleert wurden, waren zur Aufnahme von Ethnographica und trockenen naturwissenschaftlichen Gegenständen bestimmt, während die zahlreichen Arzneiflaschen später zum Aufbewahren der Spirituspräparate verwendet wurden. Obgleich Formol als Konservierungsmittel einige Nachteile aufweist, war es doch zum Mitführen deshalb am geeignetsten, weil man es beim Gebrauch mit Wasser stark verdünnen kann; daher wurde nur wenig Alkohol mitgenommen. Für das Konservieren kleiner Tiere leisteten uns kleine Kisten voll zylinderförmiger Gläser mit abschraubbaren metallenen Deckeln gute Dienste. Es konnte beinahe die ganze Ausrüstung in Batavia angeschafft werden, mit Ausnahme einiger Apparate für Höhenmessungen und Photographie, welche in Europa bestellt werden mussten, und einiger Tauschartikel, die nur in Singapore, von wo aus europäische Produkte hauptsächlich in Borneo eingeführt werden, zu erhalten waren. In allen Teilen des indischen Archipels besitzen die Eingeborenen in bezug auf Tauschartikel ihre besonderen Liebhabereien, so dass nur solche unter ihnen gangbar sind, welche an dem Ort gekauft wurden, von dem aus sie für gewöhnlich eingeführt werden. Bei den Stämmen von Borneo finden hauptsächlich bestimmte Arten von Glasperlen Beifall, die in Java nicht beliebt und daher auch nicht käuflich sind, obgleich sämmtliche Glasperlen in Europa verfertigt werden. Da sowohl diese Perlen als auch bestimmte Elfenbeinarmbänder, die von den Chinesen speziell für die Bahau- und Kenjastämme von Nord-Ost-Borneo gearbeitet werden, nur in Singapore zu haben waren, musste ich, zur Vervollständigung unserer Ausrüstung, erst noch eine Reise nach dieser Stadt unternehmen. Einen Teil des Proviantes und der Tauschartikel sandte ich von Batavia aus direkt an die Ostküste von Borneo an den Residenten von Samarinda zur Aufbewahrung; ich hatte mir nämlich vorgenommen, wenn unser Zug von West nach Ost glücklich beendet sein würde, nochmals ins Innere der Insel zurückzukehren, um in das nordöstlich gelegene gänzlich unbekannte Stammland aller Bahau und Kenja, das Quellgebiet des Bulungan, vorzudringen. Zu meinem Verdruss musste ich, wegen der zu langen Dauer der Reisevorbereitungen, die beste Reisezeit verstreichen lassen. Die kleinen Quellflüsse des Kapuas sind nämlich nur in der Trockenzeit, der Zeit nach der Ernte, befahrbar und so kann man die Kajan auch nur zwischen Juni und September zur Teilnahme an einer Expedition bewegen. Endlich, am 18. Mai, schiffte ich mich in einem kleinen Dampfer der "Paketfahrtgesellschaft" in Batavia nach Pontianak ein. Am folgenden Tage fand meine Reiseungeduld einige Ablenkung durch den Aufenthalt unseres Dampfers in Billiton; das Aus- und Einladen von Gütern mit Hilfe von Fähren der sehr eigenartigen Seka (schwärmende Fischerbevölkerung) bot manches interessante Bild. Von ihren schwimmenden und lebhaft bewegten Wohnungen aus tauchten die Seka ins kristallklare Wasser nach Geldstücken, die wir hineinwarfen, und schienen sich in der blau-grünen Tiefe ebenso sicher zu fühlen, wie andere auf dem Festlande. Jedoch, trotz allem Schönen, was ich sah, und allem Interessanten, was mir der Steuermann über das Leben dieser Fischerbevölkerung erzählte, war es für mich doch eine Erlösung, als Borneo beim Erwachen am anderen Morgen in Sicht war und das Schiff bereits kehrte, um sich zwischen dem für Uneingeweihte unentwirrbaren Labyrinth von Grün, das in Form von Inseln und weit ins Meer hineinragenden Landzungen buchstäblich aus dem Wasser hervorstieg, hindurchzuwinden. Auch zur Ebbezeit ist hier kein festes Land zu sehen; die hie und da braune Farbe des Wassers deutet nur auf ausgedehnte Moderbänke. Der höchsten Erhebungen dieser Bänke hat sich eine eigentümliche Vegetation bemächtigt, die, mit Hilfe eines mächtigen Gerüstes von zahllosen Luft- und Stützwurzeln, nicht wenig dazu beiträgt, die vorhandenen Untiefen zu befestigen und weitere Anschwemmungen zu befördern. Nur sehr langsam näherten wir uns diesen trügerischen grünen Streifen, die mit zweifelhaftem Recht den Namen Küste führten; als Verkünder des weit in der Ferne in einzelnen undeutlichen Bergspitzen sichtbaren Festlandes begrüssten wir sie aber doch mit Freuden. Still glitt unser Fahrzeug über die spiegelglatte dunkle Wasserfläche, während die strahlende, aber noch nicht lästig warme Sonne mit ihrem leuchtenden Glanz das ernste Bild in eintönig grüner Umrahmung zu beleben trachtete. Weder Mensch noch hier waren anwesend, um den ersten überwältigenden Eindruck dieses grossen aequatorialen Landes in seiner beklemmenden Majestät zu brechen. Zwischen den vielen, aus dem Wasser emporsteigenden Wäldchen steuerte der Kapitän sein Schiff, nach einigen nur ihm bekannten Kennzeichen, in der Richtung der Kubu, der südlichsten und schiffbarsten Mündung des Kapuas. Auch diese Einfahrt liess viel zu wünschen übrig; denn wir mussten einige Zeit warten, bis die Flut so hoch gestiegen war, dass sie uns über die Moderbank in die noch immer durch eine grüne Mauer verborgene Flussmündung tragen konnte. Mehr die Zeit, als die Tiefe des Wassers, gaben endlich das Zeichen zum Weiterdampfen; als wir uns nach einer scharfen Biegung vor der ungefähr 40 m breiten Öffnung in der grünen Mauer befanden, sah das aufgewühlte Wasser verdächtig moderfarbig aus. Da es sich aber darum handelte, ob wir hier noch zwölf Stunden warten sollten, oder nicht, wollten wir doch lieber probieren, ob unser Dampfer nicht ebenso gut durch den Moder als durch das Wasser dringen konnte. Mit vollem Dampf wurde die Schraube durch das braune Wasser getrieben, aber gleich darauf fühlten wir den Kiel durch eine teigige Masse gleiten, die Schnelligkeit verminderte sich, und plötzlich befand sich der ganze Vorderteil des Dampfers in einem Wald von Nipapalmen. Zum Glück war dieser unbeabsichtigte Abstecher nicht verhängnisvoll, denn von einem festen Ufer war auch hier keine Rede, so dass das völlig auf die Moderbank geschobene Schiff. nach eigenen Drehungen der Schraube in umgekehrter Richtung, bald wieder mitten in der Kubu schwamm und seine Fahrt wieder aufnehmen konnte. Bald begann sich zu beiden Uferseiten der Reichtum der tropischen Vegetation zu entfalten; die federförmigen Blätter der Nipapalmen (Nipa fruticans Thb.) bildeten dabei stets einen lichtgrünen Saum um den dunkleren Urwald. Das Fahrwasser machte viele Krümmungen und wurde hie und da so eng, dass es nur für einen kleinen Dampfer mit kräftigem Steuerruder passierbar war. Bisweilen fuhren wir, um besser wenden zu können, so dicht unter den Bäumen hindurch, dass wir vor ihren über das Verdeck streichenden Ästen flüchten mussten. In einigen Stunden befanden wir uns endlich in einer breiten Flussverzweigung, an deren Ufern festes Land und Spuren von Kultur sichtbar waren. Kokospalmen erhoben ihre hohen Federkronen über die niederen Uferbäume, und für Eingeweihte wurde ein Fusspfad zu den malaiischen Wohnungen, die nach alter Gewohnheit sorgfältig hinter dem schützenden Wall von Uferbäumen verborgen lagen, sichtbar. Erst später erschienen auch einige Malaien in langen, schmalen, kaum über die Wasserfläche hervorragenden Böten; sie ruderten, um die Strömung zu vermeiden, unter dem Ufergebüsch. Je weiter wir fuhren, desto zahlreicher wurden die den Reichtum dieser Gegenden bildenden Kokosnusspflanzungen. Die Eingeborenen waren hier weniger scheu; die Kinderschar geriet sogar beim Erblicken des Dampfbootes in fröhliche Erregung. In wenigen Augenblicken waren alle Nachen mit kleinen Ruderern in Paradieseskostüm besetzt, die mit Rudern, Stöcken und Händen so schnell als möglich in die Mitte des Stromes zu gelangen suchten, wo ihre äusserst ranken Fahrzeuge von den Wellen unseres Dampfers so lange umhergeschleudert wurden, bis sie Wasser fassten und umschlugen. Dann plätscherte die braune Bemannung unter fröhlichem Gelichter im Flusse herum, kehrte das Boot wieder um, entfernte mit einigen geschickten Bewegungen das Wasser und schwang sich wieder in den Nachen. Als wir uns gegen Mittag dem Hauptstrome näherten, erlangte die Wasserfläche eine Breite, wie sie im indischen Archipel nur die stolzen Ströme von Borneo aufweisen. Auf der spiegelblanken Fläche war, bis wir Pontianak, den Hauptort an Borneos Westküste, erreichten, kein lebendes Wesen zu sehen. Jetzt belebten sich aber die Ufer. Die Häuser standen dicht bei einander und vereinigten sich, besonders am linken Ufer, zu einem langen malaiischen _kampong_ (Dorf). Nach ihrer Bauart zu urteilen, hatten die Malaien auch hier den Begriff des Festlandes noch nicht zu fassen vermocht; denn vom erkennbaren Ufer aus erstreckten sich ihre Pfahlbauten bis weit in den Fluss hinein, wo noch einzelne, auf grossen treibenden Baumstämmen gebaute Häuser den Übergang von festen Wohnhäusern zu Fahrzeugen vervollständigten. Aus der Ferne war der Anblick der unregelmässig bei einander liegenden Gebäude mit der grau-braunen _atap_ (Dachbedeckung von Palmblättern) und den schwarzen Holzdächern recht hübsch, und die vielen, den Verkehr vermittelnden Ruderbötchen gaben dem Ganzen ein besonders lebhaftes Gepräge. In der Nähe jedoch machten sich die unschönen Farben der schlecht unterhaltenen Wände und Dächer zu sehr geltend; das Gleiche war auch beim Palast (_dalam_) des malaiischen Sultans der Fall, von dem ein Europäer etwas anderes als ein Durcheinander grosser, unansehnlicher Hütten erwartete. Wir fuhren jetzt am anderen Ufer einer Reihe buginesischer Behausungen entlang, hinter welchen die hässlichen Hinterhäuser des sehr grossen chinesischen _pasar_ (Markt) zum Vorschein kamen. Keines dieser Gebäude war auf den Grund gebaut; alle standen auf Pfählen im Morast; selbst die bis 10 m breiten Strassen bestanden aus Planken, die auf Pfählen ruhten. Einen freundlicheren Eindruck machte der europäische Teil der Ortschaft; er dehnte sich mit seinen netten weissen Häusern und grossen Gärten zwischen dem üppigen Grün des Ufers aus. Verglichen mit Batavia ist Pontianak ein kleiner Ort; als wir uns dem Anlegeplatz näherten, erinnerte ich mich aber, wie einst, nach dreijährigem Aufenthalt auf meinem nördlicher gelegenen Posten Sambas, dieser Anblick einen ganz anderen Eindruck auf mich machte. Damals, an kleine, graue, malaiische oder schmutzige, dunkle, chinesische Häuser gewöhnt, dachte ich unwillkürlich: "wie ist Pontianak doch gross und schön!" Die Bewunderung schwand aber, bei näherer Überlegung, auch damals schnell, und ich musste über die Veränderung lachen, die der Mensch unter dem Einfluss seiner Umgebung unmerklich erleidet. Erklärlicher ist die Stimmung eines Offiziers, der mir erzählte, dass ihm Tränen in die Augen traten beim Gedanken, dass er hier einige Jahre verbringen sollte. Und doch--hat man hier längere Zeit gelebt--so nehmen die meisten mit Wehmut Abschied. Der "erste Posten" wird stets besonders lange in treuer Erinnerung bewahrt. Ist man an die Unstätigkeit einer indischen Laufbahn einmal gewöhnt, so fällt es einem leichter, angeknüpfte Bande wieder zu lösen, aber die beim Abschied vom ersten Posten vergossenen Tränen sind wahr, und die herzlichen Abschiedsworte, die man den das Geleite gebenden Bekannten zuruft, sind im. Augenblicke wirklich empfunden. Bei Ankunft unseres Postdampfers stand, obgleich niemand erwartet wurde, "ganz Pontianak" in der Mittagsglut auf dem Stege, umgeben von zahlreichen Eingeborenen mit und ohne Uniform. Was das Hotel in Pontianak betraf, so hatte es seit meinem letzten Aufenthalt ebenfalls den Wechsel alles Irdischen erfahren, zum Glück aber nicht dabei verloren, Der frühere Besitzer, der, obwohl etwas braun, doch bei jedermann unter dem echt holländischen Namen _Piet_ bekannt war, hatte sich mehr für seinen vorteilhaften Handel in Orang-Utanen und Orchideen als für den Gang seines Hotels interessiert, so dass dieses, nach dem Urteil von Kennern indischer Gasthäuser, unter seinem Interesse und Wirken auf zoologischem und botanischem Gebiet etwas zu leiden hatte. Ob ihm nun seine vermittelnde Rolle zwischen europäischen Wissenschaftlern und Liebhabern und den Dajak des Inneren auf die Dauer nicht mehr gefiel, oder ob ein Wink des Residenten, der durch Erteilung einer Regierungsunterstützung auf die Führung des Gasthauses Einfluss hatte, das Seine dazu beigetragen, konnte ich aus der Ortschronik nicht sicher feststellen; so viel aber war gewiss, dass _Piet_ jetzt am jenseitigen Flussufer in einer neu errichteten Ölfabrik tätig war und dass wir bei dem neuen Wirt auf reinerem Tisch und besser speisten, als es früher der Fall gewesen. Der Einfluss der sich immer mehr ausbreitenden europäischen Industrie, der auch Pontianak aus dem Schlaf zu wecken drohte, hatte leider noch nicht zu eingreifenden und sehr notwendigen Verbesserungen seines Hotelgebäudes geführt. Das auf Pfählen in einer Schlammgrube errichtete Holzgebäude schien nämlich mit einem grossen Teil der Ortschaft im Einsinken begriffen zu sein. Bei dieser ständigen Abwärtsbewegung hatte der vor den Häusern dem Ufer entlang laufende Griessweg immer den Vorsprung; denn, nach dem was die Leute erzählten, musste er jedes Jahr mindestens um einen halben Meter erhöht werden, damit er nicht mehrere Male im Jahre unter den braunen Wassern des Kapuas verschwinde und ein Jagdgebiet der Krokodile werde, denen bereits etliche Menschen und Hunde zum Opfer gefallen waren. Um meinen Aufenthalt nach Möglichkeit abzukürzen, hatte ich schon von Batavia aus an den Residenten von Pontianak die Bitte gerichtet, grössere Mengen gesalzener Eier, gedörrter Fische, Tabak u. dergl. für mich einkaufen zu lassen. Zu meiner angenehmen Überraschung hatte der Resident auch bereits das Salz, welches wir für den Selbstgebrauch vor allem aber als kostbaren Tauschartikel für die Bahau in grossen Mengen nötig hatten, luftdicht in verlötete Blechkisten zu je 20 kg Gewicht verpacken lassen. Wir nahmen 40 dieser Kisten mit und gebrauchten deren 30 am Mahakam. An anderen notwendigen Artikeln entdeckte ich auf dem chinesischen Markt nicht viel Brauchbares; nur selten fand ich eine Partie Glasperlen, Tücher oder schwarzen Kattuns in der erforderlichen Verpackung. Die erleichterte Dampferverbindung mit den höher am Kapuas gelegenen Ortschaften hatte auch hier zur Folge gehabt, dass die Zwischenhändler verschwanden und die kleinen Händler von oben ihre Bestellungen direkt nach Singapore richteten. Weit besser bediente man uns mit _kadjang_ (Palmblattmatten) und allem, was mein Küchenjunge Midan, um mir in einer Gegend ohne _toko_ (Läden) und _pasar_ (Markt) eine gute Mahlzeit bereiten zu können, für nötig hielt. Da er hierin am meisten Sachkenntnis besass, konnte ich ihm die Küchensorgen getrost überlassen. Der Resident hatte uns, gleich nach meiner Ankunft, seine Jacht "Karimata" zur Verfügung gestellt, so dass wir schon am 24. Mai nach Putus Sibau, unserem nächsten Halteplatz, weiterreisen konnten. Dank der Zuvorkommenheit des Residenten durften wir die mitzunehmenden Leute unter den bewaffneten eingeborenen Schutzmannschaften selbst wählen; wir suchten diejenigen zu gewinnen, welche bereits bei der topographischen Aufnahme des Kapuasgebietes und bei den militärischen und wissenschaftlichen Expeditionen der letzen 10 Jahre als Geleite gedient hatten und an das Leben in der Wildnis, fern von ihrer Familie und der vertrauten Umgebung, gewöhnt waren. Zur Anwerbung dieser Soldaten begab sich _Barth_ später von Sintang nach seinem früheren Wohnplatz am Melawie, Nanga Pinoh, und holte uns nachher am oberen Kapuas wieder ein. Ich nahm also von Pontianak Abschied und zwar mit dem stillen Wunsch, dass mich die Westküste vor der Hand nicht wiedersehen sollte. Auf dem Flusse zeigte sich die gleiche Aussicht, wie einige Tage zuvor, nur wurden die Ufer eintöniger, weil die Nipa nur so weit wächst, als das Brackwasser reicht, also etwas über Pontianak hinaus. Die breiten stillen Ströme bieten nur wenig Abwechslung; das Dampfschiff vertreibt Krokodile und Affen, die sich sonst zu zeigen pflegen, und der Waldrand ist zu weit entfernt, als dass man seine Schönheit wirklich geniessen könnte. Jetzt war er nur als schmaler Saum längs der Wasserfläche bemerkbar; auf der vorigen Reise hatte ich aber einen unvergesslichen Eindruck von ihm erhalten. Damals machte ich die Fahrt mit einem ausgedienten Regierungsdampfer; infolge der starken Anspannung brach eine Maschinenstange, so dass wir lange liegen bleiben und mit einer kleinen, an Bord befindlichen Schmiede den Bruch zu heilen suchen mussten. Als die Schmiede an Land gebracht wurde, bekam ich, durch den Vergleich mit den am Ufer arbeitenden Menschen, einen Begriff von den riesenhaften Dimensionen der Urwaldbäume. Für gewöhnlich verliert man in der Beurteilung der Tropennatur gar bald jeden Massstab. Die Landschaftsbilder, die sich auf der weiteren Fahrt vor uns entrollten, hatten viel Europäisches an sich; mit der Nipa waren nämlich die charakteristischsten Repräsentanten des Pflanzenreichs im indischen Archipel, die Palmen, verschwunden; sie zeigen sich in den aequatorialen Wäldern Borneos, mit wenigen Ausnahmen, nur da, wo der Mensch sie hinpflanzte. Gewöhnlich geben ihre Federkronen den Ort an, an dem Menschen wohnen oder gewohnt haben. Erblickt man daher einen Tropenwald aus der Ferne, von oben oder von der Seite, so sieht man nur Laubbäume; aus der Nähe betrachtet verschwindet jedoch dieses europäische Äussere; das einfarbige Bild löst sich nach der grossen Verschiedenheit der tropischen Baumarten, die hier neben, über und durch einander wachsen, in eine unendliche Mannigfaltigkeit grüner Schattierungen auf. Während der beinahe zwei mal 24 Stunden dauernden Fahrt nach Sintang verändert sich die Gegend nur wenig; der Strom wird breiter und breiter, bis bei Tajan, dem Wohnplatz eines Kontrolleurs, die Ufer 1500 m von einander entfernt sind, so weit, dass man die Bäume der gegenüberliegenden Seite schwer unterscheiden kann. Der Dampfer hielt nicht an, um dem Beamten Nachrichten von der Aussenwelt zukommen zu lassen, die ihm in seinem Einsiedlerleben, als einzigem europäischen Repräsentanten der Regierung, einige Abwechslung gebracht hätten. Der Kontrolleur verwaltet ein Gebiet von der Grösse einer Provinz seines Vaterlandes, auf dem sich jedoch nur hie und da eine Niederlassung von Dajak oder Malaien unter dem _panembahan_ (Fürst) von Meliau befindet. Endlich brachten einige Hügelreihen mit unregelmässigen Formen etwas Abwechslung in das Bild; sie waren aber nicht hoch genug, um die majestätische Wasserfläche zu beherrschen. In der ersten Nacht passierten wir Sanggau, an dem wir vorbei dampften, um so schnell als möglich Sintang zu erreichen. Am 26. Mai erwachten wir dort; um unsere Nachtruhe nicht zu stören, hatte der Kapitän kein Signal mit der Dampfpfeife ertönen lassen. An der Mündung der Melawie erbaut, hat Sintang, wie alle grossen malaiischen Wohnplätze, eine vorzügliche Lage, um auf den Handel der im Gebiet der Melawie wohnenden Dajak einen beherrschenden Einfluss auszuüben, d.h., nach malaiischer Auffassung, so viel Steuern als möglich zu erpressen. Diesem erhebenden Streben der malaiischen Fürsten ist nun durch die indische Regierung Zaum und Zügel angelegt worden; aber sie haben doch stets eine starke Festung mit 150 Mann Besatzung vor Augen nötig, um sich in ihre Beschränkung zu fügen. Zu meiner Freude konnte ich in Sintang verschiedene alte Bekannte begrüssen; im übrigen hatte ich aber keinen Grund, mich hier lange aufzuhalten, denn auf dem Markt fand ich nur einen einzigen für den oberen Kapuas brauchbaren Artikel. Ich setzte jetzt alle Hoffnung auf den Markt von Bunut und auf die Chinesen, die von dort aus in grossen, verdeckten Magazinböten ihre Handelsartikel nach Putus Sibau hinaufrudern. Nachdem wir in Semitau, einer Station auf unserer ersten Expedition im Jahre 1894, den Kontrolleur besucht hatten, ging es schnell den Fluss aufwärts bis nach Bunut, das wir am 28. Mai abends erreichten. Weiter aufwärts wurde die Fahrt nachts gefährlich wegen der grossen abwärts treibenden Baumstämme und der im Fluss versunkenen Stämme (einige Eisenholzarten haben ein sp. Gewicht von etwa 1.2), die bei Hochwasser durch den starken Strom immer weiter verschoben werden. Oberhalb Semitau trugen die Ufer des Kapuas einen anderen Charakter; die ununterbrochene Buschvegetation war verschwunden, man sah nur niedriges Strauchwerk, das auf den von Malaien und Dajak verlassenen _ladang_ (trockenen Reisfeldern) aufgeschossen war. Der chinesische Markt in Bunut enttäuschte mich, was seinen Vorrat an Perlen und seidenen Tüchern betraf, zum Glück nicht; wir waren aber doch schon um 8 Uhr morgens mit unseren Einkäufen fertig und konnten sogleich weiter nach Putus Sibau hinauf fahren. Unterwegs hatte ich aufs neue Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, mit welcher enormen Schnelligkeit sich das Pflanzenreich eines verlassenen Kulturbodens wieder bemächtigt. Vor zwei Jahren hatte ich mich über die grosse Zahl der am linken Ufer angelegten Reisfelder gewundert, jetzt war von diesen wenig mehr übrig; das Ufer war überall gleichmässig von derselben Strauchvegetation von 10-15 m Höhe bedeckt. Dank dem hohen Wasserstande, konnten wir unsere Fahrt über Untiefen und versunkene Baumstämme ungehindert fortsetzen, bei den letzten Strahlen der untergehenden Sonne Putus Sibau erreichen und bei der mir wohlbekannten _kubu_ (Blockhaus) auf dem Floss anlegen. Diese _kubu_, deren es am oberen Kapuas zahlreiche giebt, sind viereckige, ungefähr 2 m über dem Boden errichtete und rund herum mit Palisaden umgebene Gebäude, die etwa 10-20 mit Beaumontgewehren bewaffneten Eingeborenen als Wohnhaus dienen. Unter Aufsicht des Kontrolleurs stehend haben diese Soldaten für die Aufrechterhaltung der Ruhe zu sorgen, zugleich müssen sie dem Beamten auf seinen Reisen, die hier stets zu Wasser ausgeführt werden, als Ruderer dienen. Putus Sibau liegt am Kapuas vor der Mündung seines rechten Nebenflusses Sibau und ist der höchste Punkt, den Dampfer bei hohem Wasserstande noch erreichen können. Weiter oberhalb engen grosse Geröllbänke das Flussbett in Trockenzeiten stark ein und verursachen in Regenzeiten wiederum so heftige Stromschnellen, dass auch kleine Dampfbarkassen nur in den günstigsten Fällen weiter hinauffahren können. Lange bevor man in Putus Sibau an eine Dampferverbindung dachte, hatten die Malaien die grosse Bedeutung dieses Ortes bereits begriffen und hier ihre letzte Niederlassung im Binnenlande gebaut. Bis vor kurzem waren sie hier Alleinherrscher; ihren Hauptunterhalt bildete der Handel mit den wichtigsten der benachbarten Dajak Stämme: den Kajan-, Taman-, Kantu- und Sibau-Dajak; einen Nebenerwerb bildete das Sammeln von Buschprodukten. Als nach Einsetzung der niederländischen Verwaltung den ständigen Fehden der Stämme untereinander und besonders den Einfällen der Batang-Lupar aus Serawak ein Ende gemacht wurde, wagten sich sehr bald auch die Chinesen bis Putus Sibau hinauf. In langen Ruderröten fuhren sie in 3-4 Tagen den Kapuas von Bunut aufwärts, um ihre Waren vom Markt in Bunut hier an den Mann zu bringen. Die niederländische Regierung verweigerte ihnen aber das Niederlassungsrecht, das sie sich wohl auch nicht sonderlich wünschten, da der Kontrolleur weit ab, in Semitau, wohnte und die Malaien ihre Konkurrenten, durch deren Gegenwart ihrem Monopol auf den betrügerischen Handel mit den Dajak ein Ende gemacht wurde, mit scheelen Augen ansahen. Das Wohnen in Böten bietet den Chinesen ausserdem den grossen Vorteil, dass sie sich bei drohender Gefahr schnell aus dem Staube machen können, was in dieser Gegend, wie es sich in den letzten Jahren erwiesen, oft sehr wünschenswert war. Wenige Jahre vor unserer ersten Expedition 1894 waren, auf das Gerücht eines grossen Einfalls der Dajak aus Serawak hin, alle Händler aus Putus Sibau nach Bunut geflüchtet; die Bevölkerung selbst lebte seit dem grossen Plünderungszug der Batang-Lupar am oberen Mahakam 1885 in ständiger Angst. Bei meiner Ankunft jedoch waren alle schreckenerweckenden Gerüchte längst vergessen und seit meinem ersten Besuch in Putus Sibau hatten viele Veränderungen stattgefunden. Der Resident hatte es nach der ersten wissenschaftlichen Expedition für ratsam gehalten, den malaiischen Distriktsaufseher von Putus Sibau durch einen Kontrolleur, den Herrn _Westenenk_, zu ersetzen und dieser hatte dafür gesorgt, dass das Äussere des malaiischen Dorfes, das, wie überall am Kapuas, aus einer Reihe niedriger Häuser am Flussufer bestand, wesentlich verbessert worden war; ausserdem hatte er den chinesischen Händlern das Niederlassungsrecht gewährt. Auf dem rechten Ufer, das hoch gelegen war, und nicht, wie das steile linke, bei jedem Hochwasser ein Stück Boden durch Absturz verlor, waren eine Reihe chinesischer Häuser im Bau begriffen; sie schlossen sich dicht an einander und waren durch eine lange Galerie unter ihrem gemeinsamen Dache verbunden. Hier war also der Grund zu einem neuen festen Handelsplatze mit ansässiger. Bevölkerung gelegt, für die umliegenden Gebiete ein Ereignis von grösster Bedeutung, da die Aufsicht eines europäischen Beamten den allzueifrigen Bemühungen der Händler, sich auf Kosten der harmlosen Eingeborenen zu bereichern, eine Grenze setzte. Eine weitere wichtige Folge der Gewährung des Niederlassungsrechtes war, dass die chinesischen Handelsdampfer jetzt nicht mehr in Bunut Halt machten, sondern direkt bis Putus Sibau hinauffuhren, wodurch die Preise der eingeführten Waren sanken und die der Buschprodukte stiegen. So konnte auch ich meine Einkäufe jetzt ebensogut in Putus Sibau als in Bunut machen, was mir, besonders später beim Zuge an den Mahakam, sehr zu statten kam. Ein Teil der kleineren malaiischen und chinesischen Händler hatte jetzt gerade schwere Zeiten zu bestehen, da einige andere, reiche, von weit unten heraufgekommene Konkurrenten sich besonders des Handels mit Buschprodukten zu bemächtigen suchten. Eine wichtige Rolle bei dieser Art von Handel spielt das Vorschusswesen: ein Malaie oder Dajak, der in den Urwald zieht, um Buschprodukte zu suchen, erhält von einem anderen Malaien oder Chinesen auf Kredit eine Ausrüstung an Kleidern, Werkzeugen und besonders an Reis unter der Bedingung, dass er später mit dem, was die Expedition an Rotang, Guttapercha und Kautschuk liefern wird, das Geliehene reichlich zurückbezahlt. Sind die Buschproduktensucher einmal fort, so ist eine Überwachung ihrer Arbeit oder eine Bestimmung des Termins ihrer Rückkehr fast unmöglich, da sie wochenlang in unbewohntem Lande die Flüsse hinauffahren und man sie in den Bergen des Urwaldes schwer erreichen kann. Meistens sind es Malaien, die sich ganz dem Sammeln von Buschprodukten widmen; ihr angeborener Hang zum Nomadenleben und die eingebildete Freiheit, die sie im Urwalde geniessen, treibt viele dazu, ihre Dörfer am unteren und mittleren Kapuas für Jahre zu verlassen; ihnen schliessen sich auch manche, von bösem Gewissen geplagte Leute an, um dem Gefängnis zu entgehen. In Gegenden, die reich an Rotang und Guttapercha sind, trifft man daher eine sehr zweifelhafte Gesellschaft malaiischer Abenteurer an; sie wissen sich jedoch auch das Leben im Urwalde gemütlich zu machen. So bildete 1896 der Oberlauf des Kréhau, des linken Quellflusses des Kapuas, das Zentrum des Buschverkehres; man baute dort, in nächster Nähe der Buschprodukte, Wohnungen. Händler brachten die nötigen Waren, die wegen des schwierigen Transportes sehr teuer wurden; aber die Möglichkeit, die man dort genoss, der Leidenschaft für Kartenspiel und Hahnengefechte ungestraft fröhnen zu können, wog manche Nachteile auf. Aus Mangel an Frauen vergriffen sich die Malaien an denjenigen der in der Nachbarschaft schwärmenden Punan und Bukatstämme; das kostete ab und zu allerdings einen Kopf--aber was riskiert man nicht alles der goldenen Freiheit wegen! Unternehmendere Malaien dingen bisweilen für einige Monate zu einem bestimmten Lohn Kajan- oder Taman-Männer und ziehen mit ihnen in den Wald. Wird eifrig gesammelt, so bildet das Buschproduktesuchen eine lohnende Beschäftigung, der am Kapuas viele einen gewissen Wohlstand zu danken haben. Die Malaien sind aber im Busch wie zu Hause einer regelmässigen Arbeit abgeneigt. Haben sie eine so grosse Menge Guttapercha und Rotang beisammen, dass sie von ihrem Ertrag einige Zeit leben und geniessen können, so tritt ihre Sucht zum Faulenzen und ihre Leidenschaft für Würfelspiel und Frauen so sehr in den Vordergrund, dass die Arbeit im Stich gelassen wird, bis die Not sie wieder zu ihr treibt. Unter diesen Umständen regt auch der Gedanke an die fernen Gläubiger nicht zur Arbeit an. Auf viele wirken diese Verhältnisse geradezu lähmend; denn sie machen stets neue Schulden, deren Tilgung immer schwieriger wird. Begreiflicher Weise ist unter derartigen Verhältnissen das Ausleihen auf Kredit für die Händler mit grossem Risiko verbunden und bietet nur denjenigen Vorteil, die im Stande sind, mit auf den Arbeitsplatz zu ziehen und ihre Schuldner zu beaufsichtigen. In dieser Beziehung sind die kleinen Händler den grossen gegenüber im Vorteil. Geld spielt bei diesen Handelskontrakten selten eine Rolle. Sowohl Malaien als Dajak lassen sich ihre Produkte mit Kattun, javanischem Tabak, Salz und allerhand Nahrungsmitteln bezahlen. Auch die Dajak kaufen gern auf Schulden und bezahlen diese bei der folgenden Reisernte. Von einer Zinszahlung in unserem Sinne ist hier keine Rede; aber die Händler entschädigen sich, indem sie die Quantität des zu empfangenden Reises erhöhen. Auch hierin bringen geregeltere Zustände Veränderungen hervor; so erzählte mir der Kajanhäuptling _Akam Igau_, der in seinem Leben viele Handelszüge unternommen hatte, dass er seine ersparten Dollars in Bunut nach malaiischer Weise gegen 3% monatlichen Zinses unterzubringen beabsichtige. In auffallendem Gegensatz hierzu werden europäische Industrieprodukte, die aus den Fabriken direkt nach Singapore und von dort durch Chinesen nach Putus Sibau eingeführt werden, zu kaum höheren Preisen als in Europa verkauft. Wir wunderten uns nicht wenig, hier für fl 1.37 europäische Regenschirme kaufen zu können, die wegen ihres dünnen Überzuges zwar besser gegen Sonne als gegen Regen schützten, im übrigen aber hübsch gearbeitet waren. Einfache Schmucksachen, wie vergoldete Armbänder, waren zu Bazarpreisen käuflich und nette Glasdöschen mit einem Dutzend Fingerringe mit bunten Steinen zu fl. 1 lieferten den traurigen Beweis, dass in Europa viel Arbeit gegen geringe Belohnung geleistet werden muss. Da die Bedürfnisse und das Kaufvermögen der Dajak sehr gering sind, kann ein Handel mit ihnen auch nur wenige unterhalten und die vielen Malaien, die langsam flussaufwärts gezogen sind, sehen sich genötigt, hauptsächlich vom Ertrag der Buschprodukte zu leben. Jedoch auch die Buschprodukte müssen schon seit Jahren aus sehr entfernten Gegenden geholt werden und der Vorrat ist so beschränkt, dass er nicht mehr allen einen Verdienst liefern kann. Um der dringenden Not abzuhelfen, wurde, bei meinem früheren Aufenthalt am Mendalam, der Kapuas freigegeben, um aus dein Flussand Gold zu waschen. Die Goldwäscherei ist hier zwar nicht sehr lohnend, reicht jedoch zum Unterhalt einer Familie aus, da auch Frauen und Kinder sich an der Arbeit beteiligen. In Anbetracht des Umstandes, dass sich die benachbarten Dajakstämme dadurch in ihren Rechten verkürzt glaubten, verlangte diese Massregel viel Umsicht und Geschicklichkeit seitens des Kontrolleurs, und die Goldwäscherei wurde auch nicht weiter als bis zur Mündung des Kréhau gestattet. Dergleichen Rechte der Dajak auf die Erzeugnisse des Landes werden übrigens auch beim Sammeln von Buschprodukten berücksichtigt und die Sitte verlangt, dass dem betreffenden Dajakhäuptling 10% des Ertrages abgeliefert werden. Am oberen Kapuas sind durch das Hin- und Herziehen der Stämme die Ansprüche auf Ländergebiete so kompliziert geworden, dass die holländische Verwaltung sich in diesem Stromgebiet mit der Einnahme und Verteilung der Steuern unter den Häuptlingen hat befassen müssen. Auch die ausserhalb wohnenden Pnihinghäuptlinge vom Mahakam kommen hierbei in Betracht, da auch sie früher am Kapuas lebten. KAPITEL II. Aufenthalt in Patus Sibau--Aussichten für die Mahakamreise--Besuch der Batang-Lupar Aufbruch nach Tandjong Karang--Einrichtung des Kajan Hauses--Ärztliche Praxis unter der Bevölkerung--Vorbereitungen für den Zug nach dein Mahakam--Rückkehr nach Putus Sibau Einkauf von Ethnographica und Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak.--Zurücksendung eines Jägers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus Sibau--Befragen der Vögel--Aufbruch nach dem Mahakam. Der Kontrolleur von Putus Sibau, dein schon von Batavia aus die Bestellung von Böten aufgetragen worden war, hatte uns bereits erwartet und die Kaserne seiner Schutzsoldaten zur Aufnahme unserer Mannschaften und Güter vorbereitet. Nachdem wir uns in der alten Umgebung wieder eingerichtet hatten, erkundigten wir uns, wie es mit der Aussicht auf eine Expedition zum Mahakam stehe. Vorläufig waren die Aussichten noch nicht glänzend; die Kajan am Mendalam waren noch mit der Ernte beschäftigt; ihr Häuptling _Akam Igau_, der mich bereits auf der vorigen Reise begleitet hatte, befand sich eben am Embálau, um mit den Erbfeinden der Kajan, den Batang-Lupar (auch Hiwan genannt) aus Serawak, zu beraten; endlich lauteten auch die Berichte vom Mahakam beunruhigend. Wie bei allen bösen Gerüchten aus diesen Gegenden, standen auch jetzt wieder begangene Mordtaten im Vordergrund: die Bungan Dajak sollten einen Malaien _Adam_, der 1896 meinen Zug zum Mahakam zu verhindern gesucht hatte, getötet haben und am _Boh_ sollten fünf Batang-Redjang, welche am Flussufer nach Buschprodukten suchten, ermordet worden sein. Bald stellte sich auch heraus, dass die Kajan die bestellten Böte noch nicht fertig hatten, so dass die wenigen Monate günstiger Reisezeit, die uns noch übrig blieben, sicher mit Vorbereitungen verstreichen mussten. Sobald _Akam Igau_, den der Kontrolleur mit dem kleinen Dampfer "de Punan" vom Embälau zurückholen liess, unsere Pläne gehört und sich überlegt hatte, erklärte er sich bereit, uns zu begleiten. Seine Zusage war für uns eine grosse Beruhigung; wir ersahen aus ihr, dass er, der die Denkweise seiner Verwandten am Mahakam besser als irgend jemand kannte, die Aussicht auf Erfolg für genügend gross hielt, um mit uns die Reise zu wagen. Seine Zusage bezog sich jedoch nur auf ihn und einige seiner Leibeigenen; um aber eine rationelle und ausgiebige Unterstützung zu erlangen, musste ich selbst mit den verschiedenen Niederlassungen der Kajan am Mendalam Unterhandlungen anknüpfen. Auf meiner letzten Reise hatte ich einen jungen, _Akam Igau_ feindlich gesinnten Häuptling, namens _Tigang Aging_, vorn Zuge ausschliessen müssen, weil ich Zwistigkeiten zwischen beiden fürchtete; jetzt aber hatte ich so viel mehr Personal bei mir, dass auch mehr Träger und Ruderer erforderlich waren, als eine einzige Niederlassung liefern konnte; es war mir daher sehr willkommen, dass auch Tigang zum Mitgehen bereit war. Die Unterhandlungen begannen wiederum mit einer Diskussion über die Zeit des Aufbruchs. Obgleich die Ernte noch nicht beendet und das grosse Neujahrsfest noch nicht gefeiert worden, zu den Reisevorbereitungen also noch ein Überfluss an Zeit vorhanden war, lautete der Vorschlag seitens der Kajan doch, dass nicht vor der folgenden Saatzeit aufgebrochen werden sollte, was einen Aufschub von fünf Monaten und ein Reisen zu ungünstiger Jahreszeit bedeutete. Ich appellierte jedoch an ihren gesunden Verstand und suchte ihnen begreiflich zu machen, warum dieser Vorschlag unausführbar war; im übrigen überliess ich diese wichtige Frage jedoch der Zukunft, da ein erwarteter Versöhnungsbesuch der Batang-Lupar, die sich noch am Embálau aufhielten, die Gemüter sehr erregte und für andere Interessen unzugänglich machte. Diese Batang-Lupar kamen nämlich, etwa 100 Mann stark, aus dem Gebiete von Serawak und standen unter Führung von zweien der grössten Häuptlinge am mittleren Batang-Redjang, _Kanjan_ und _Rawing_. Beide hatten sich als Anführer des grossen Feldzuges der Batang-Lupar gegen die Kenjastämme im Quellgebiet des Balui oder oberen Batang-Redjang einen grossen Ruf erworben. Schon seit alter Zeit lebten die Batang-Lupar mit den Taman und Kajan am Mendalam auf dem Kriegsfuss, jetzt kamen ihre Häuptlinge, wie sie sagten, um Frieden zu schliessen. Nach ihrer Art und Weise zu reisen waren diese Batang-Lupar schon seit sechs Monaten unterwegs; ihre wahrsagenden Vögel hatten sie stets wieder gezwungen Halt zu machen und sie selbst hatten jede Gelegenheit benutzt, um im Gebirge Buschprodukte zu sammeln. Auch hatte ihnen im Urwald die Herstellung von Böten zum Befahren des Embálau viel Zeit gekostet. In Borneo ist jeder Fremdenbesuch verdächtig, da nach Landessitte eine gute Gelegenheit Köpfe zu jagen auch auf Gäste sehr verlockend wirkt. Bedenkt man, dass der Kontrolleur in Putus Sibau mit seinen 8 Schutzsoldaten keine starke Festung zur Verfügung hatte, so nimmt es nicht Wunder, dass man auch dort sehr auf der Hut war. Sicherheitshalber hatte der Kontrolleur _Kanjan_ und _Rawing_ nur mit 30 Mann Gefolge nach Putus Sibau zu kommen gestattet, auch sollten die beiden Häuptlinge nur eine Nacht in jeder Kajan Niederlassung verbringen und zwar ohne ihr Geleite. Um ihnen diesen Beschluss mitzuteilen, war _Akam Igau_, der als weitgereister Mann auch diese Stämme kannte, zum Embálau gesandt worden. Ich erlebte noch die Ankunft der Batang-Lupar in Putus Sibau und hörte ihre indirekten Berichte vom Mahakam. Da empfing ich von den Mendalam Kajan aus Tandjong Karang die Nachricht, dass sie mich, ihrer vielen Kranken wegen, mit Ungeduld erwarteten. Obgleich die Friedensfeier sehr interessant zu werden versprach, beschloss ich doch, der Bitte meiner Kajanfreunde bald Folge zu leisten. An Vorräten und Tauschartikeln nahm ich nur das Notwendigste mit, alles übrige liess ich unter der Obhut des Kontrolleurs in Putus Sibau zurück. _Demmeni_ und _Bier_ sollten während meines Aufenthaltes bei den Kajan ihre Zeit dazu verwenden, ihre Ausrüstung in Ordnung zu bringen. Ersterer sollte ausserdem die Aufsicht über einige Leute aus Buitenzorg führen, die Kisten und Blechsachen zu reparieren oder herzustellen hatten. _Doris_ der Präparator begann sogleich seine Tätigkeit auf zoologischem Gebiet, während die beiden Javanen, _Sekarang_ und _Hamja_, hier gute Gelegenheit hatten, sich im Sammeln und Lebendkonservieren von Urwaldpflanzen zu üben. Obgleich beide nur im botanischen Garten von Buitenzorg gearbeitet hatten, zeigten sie sich doch bald, in noch höherem Grade als ihre Kollegen im Jahre 1896, zur Erfüllung ihrer Aufgabe befähigt. Wegen der Schwierigkeit, die Kajan auch nur für einen Tag zur Unterbrechung ihrer Arbeit zu bewegen, um mich und mein Gepäck nach Tandjong Karang abholen zu lassen, mietete ich einige Malaien, die sich nie durch anderweitige Pflichten daran verhindert sehen, einen Extralohn zu verdienen. Böte lieh mir der Kontrolleur und so konnte ich bereits am 7. Juni zum Mendalam aufbrechen. Als wir, nach fünfstündiger Fahrt, um die letzte Flussbiegung fuhren, trat mir das wohlbekannte Tandjong Karang wieder vor Augen: hinter einem Vordergrunde von dunkelgrünen Fruchtbäumen und zahlreichen kleinen, zerstreuten Reisscheunen kam das hohe, gerade Dach der langen Kajanwohnung zum Vorschein. Das Haus dehnte sich parallel dem Ufer über eine 250 m lange Strecke aus; sein 15 m hoher First, der sich gegen den hellen Himmel besonders scharf und geradlinig abhob, war nur in der Mitte, über der Wohnung des Häuptlings, um einige Fuss erhöht. Mit Stangen das Boot längs dem Ufer vorwärtstreibend, erreichten wir bald die Steinbank vor dem Hause und ich verliess mein Fahrzeug, umringt von Kindern, von denen mich einige mit dem Finger im Munde verlegen anstarrten; durch meinen vorigen Besuch waren sie jedoch schon zu sehr an mich gewöhnt, um fortzulaufen. Ein vielbetretener Pfad führte mich das hohe Ufer hinauf; weiter diente ein langer Baumstamm als Brücke über einen 5 m tiefen Graben, den der Strom seit meinem letzten Aufenthalt hatte entstehen lassen. Hieran schloss sich ein aus 1 m breiten Brettern bestehender Steg, der in 1 1/2 m Höhe über dem Erdboden auf Eisenholzquerbalken ruhte, die wiederum in die Öffnungen senkrecht stehender Pfähle eingefügt waren. Dergleichen Pfähle werden gewöhnlich mit grotesken Menschenfiguren verziert, hier war man aber noch nicht so weit. Dieser 40 m lange Steg führte zu einer kleinen Plattform am Fuss der Haustreppe. Wir hatten bei diesem Gang den mit Fruchtbäumen und Reisscheunen besetzten Vorderplatz passiert, der ausserdem viele kleine mit Sirih (Piper betle) und Gemüse bepflanzte Gärtchen enthielt, welche gegen die vielen frei herumlaufenden Schweine und Hühner mit festen flecken umgeben waren. Am Fuss der Treppe stand _Akam Igau_; er empfing mich sehr erfreut und forderte mich auf, ins Haus einzutreten. Auf der Galerie des 5 m über dem Erdboden auf einem Wald von Pfählen ruhenden Hauses hatte sich bei meiner Ankunft eine Menge brauner Gestalten aus den verschiedenen Wohngemächern versammelt, vor allem Frauen und Kinder, die ihre Neugier am wenigsten zu beherrschen schienen. Die gute Kajansitte forderte jedoch, dass sich keiner unsere frühere Bekanntschaft merken liess, bevor ich ihn mit einem Kopfnicken begrüsst hatte, d.h. auch das Kopfnicken entsprach eigentlich nicht der Sitte; denn unter einander begrüssen sich die Kajan überhaupt nicht. Besuchen sie einander, so machen sie es sich erst bei ihren Gastherren gemütlich, bevor sie für diese zu sprechen sind. Die Frauen trugen offenes Haar, blossen Oberkörper und verschiedene Halsketten; von unterhalb der Hüften bis zu den Füssen bekleidete sie ein Röckchen, das mittelst zweier Perlenschnüre am Körper festgebunden war. Von den Kindern liefen nur die kleinsten nackt umher, die ungefähr zweijährigen trugen bereits ein Röckchen oder Lendentuch. Die Kleidung der Männer bestand bei den meisten nur in einem Lendentuch, einige erfreuten sich auch des Besitzes einer bunten malaiischen Hose. Nachdem sich die Menge etwas verlaufen hatte, liess sich die mächtige Galerie des Hauses in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken. Bei allen Dajak herrscht die Sitte, dass der ganze Stamm in einem einzigen langen Hause (_uma_) wohnt; sie tun dies der Sicherheit wegen. Aus dem gleichen Grunde bauen sie ihre Häuser auch auf Pfählen, mehrere Meter über dem Erdboden; jedes Haus dient bei Überfällen zugleich auch als Festung gegen den Feind. Von der Galerie (_awa_) führen an der durchlaufenden, mittleren Hauswand (_liding_) in Abständen von 4-6 m Türen mit 1/2 m hohen Schwellen in die dahinter gelegenen Wohngemächer (_amin_) der einzelnen Kajanfamilien. Vor der Häuptlingswohnung (_amin aja_), wo das Dach etwas erhöht war, erreichte auch die Galerie eine grössere Breite und ragte mit erhöhtem 2 m breitem Fussboden nach aussen vor. Dieser Ausbau, auf dem ein Herdplatz angebracht war, diente als Gastgemach und war auch mir als solches angewiesen. Bau, Ausführung und Reinheit der Galerie fielen angenehm auf; der Fussboden bestand aus gut bearbeiteten aneinanderschliessenden Planken, auf denen man auch abends, ohne seine Gliedmassen zu riskieren, ruhig umhergehen konnte. Vor jeder Wohnung bzw. jedem Wohngemache stand neben der Tür ein zum Reisstampfen bestimmter Block, (_lesong)_. An der Aussenseite, wo das schräge Schindeldach nur t m über dem Fussboden hing, war die Galerie durch eine Reihe horizontaler Latten abgeschlossen. Während meine Leute das Gepäck nach oben ins Gastzimmer brachten, lud mich _Akam Igau_ zur Begrüssung seiner Familie in seine Wohnung ein. In gebückter Haltung über die Türschwelle steigend gelangte ich in einen schmalen langen Gang, der mitten in ein 8 × 12 m grosses Gemach führte. Männer, Frauen, Kinder und Hunde bewegten sich in dem rauchgeschwärzten Raume durcheinander. Beim Lichtschein, der spärlich durch das grosse, mittelst einer Palmblattklappe geschlossene Dachfenster (_huwábw_) hereindrang, bemerkte ich längs den Wänden verschiedene gesonderte Räumlichkeiten, welche den verheirateten Familiengliedern, die im übrigen alle zusammenlebten, als Nachtquartier dienten. Längs der Galeriewand erhob sich ein 5 m breiter Herd auf dem etliche eiserne Töpfe (_taring_) auf Dreifüssen zum Kochen gestellt waren. Auf Wandgestellen über dein Feuer befanden sich, durch den Rauch vor Feuchtigkeit und Insekten geschützt, die Küchenvorräte: das sehr kostbare Salz, Bataten, Mais und trockene Zuspeisen für den Reis. Die Kochgerätschaften bestanden ausschliesslich aus flachen Eisenpfannen verschiedener Grösse, während zum Wasserholen grosse Bambusgefässe und Kalabasse dienten. Über den Gestellen mit Esswaren befanden sich andere mit sorgfältig gestapeltem Brennholz, das hier zum Trocknen ausgebreitet war. Während ich die Umgebung musterte, hatten die Hausbewohner Zeit gehabt, sich von der Erregung, welche meine Ankunft verursacht hatte., zu erholen, und ich begann die Hauptpersonen der Gesellschaft zu begrüssen. Die Töchter des Häuptlings und deren Ehemänner kamen zuerst an die Reihe, die jüngeren Söhne waren zum Glück nicht allzu schüchtern. Auch verschiedene Sklavenfamilien, die bei der Hausarbeit behilflich sein mussten, hausten in diesem Gemache. An der Aussenwand gegenüber der Tür (_betamen_), wo der Zimmerboden etwas erhöht war, standen in langer Reihe grosse Gonge und Tempajan (chinesische Töpfe); die älteren und kostbareren waren mit den übrigen Familienstücken wie: alte Schwerter, Speere und Perlen, in den gesonderten Räumlichkeiten geborgen. Um die Anwesenden baldmöglichst von meiner beängstigenden Gegenwart zu befreien, ging ich wieder auf die Galerie hinaus und sorgte dort, dass mein Gepäck geschickt gestapelt wurde, damit für mein Klambu (Moskitonetz) noch Platz übrig blieb. Mittelst einiger Matten wurde der Raum schnell in ein Zimmer verwandelt, das mir nach der langen Reise sehr willkommen war. Sobald konnte jedoch von Ruhe keine Rede sein, denn die Malaien aus Putus Sibau mussten ihren Lohn erhalten, um noch am selben Tage zurückzukehren, und bald strömten auch besorgte Eltern mit kranken Kindern und besorgte Kinder mit kranken Eltern herbei, die alle von meinen allmächtigen Arzneien Hilfe erwarteten. Nachdem ich etwas geruht und von dem genossen hatte, was mein Diener auf dajakischem Herde für mich bereitet hatte, reichte das Tageslicht noch gerade zu einem Spaziergang in der Galerie; absichtlich beschäftigte ich mich mehr mit den leblosen als mit den allzu schreckhaften lebenden Wesen meiner Umgebung. Das lange Haus enthielt ungefähr 50 verschiedene Räume, jeder von einer mehr oder minder zahlreichen Familie bewohnt und von nahezu gleicher Grösse; nur die Einrichtung der Zimmer war, je nach der Wohlhabenheit ihrer Bewohner, verschieden. Über jeder Haustür standen auf horizontalen Balken der Vorwand grosse Körbe mit Rotang und Fischerei- und Ackerbaugerätschaften. Auch in diesen kleineren Wohnräumen der gewöhnlichen Leute herrschte wie bei der Häuptlingsfamilie das Prinzip der gesonderten Schlafkammern für Verheiratete und junge Mädchen. Die jungen, unverheirateten Männer schlafen vom achten Jahre an in der Galerie. Am folgenden Tage setzten mit Hilfe des Häuptlings einige Männer das Gerüst für eine Hütte von 4 × 6 m Bodenfläche zusammen; mit den mitgeführten Palmblattmatten wurden die Wände belegt und mit Segeltuch das Dach gedeckt, so dass ich bereits abends mein Klambu im neuen Palast aufstellen konnte; hier belästigte ich die Bewohner des langen Hauses nicht und war auch selbst in ruhigerer Umgebung. In den ersten Tagen erneuerte ich die Bekanntschaft mit einstigen Freunden und Freundinnen; bei allen hatte ich anfangs eine gewisse Zurückhaltung zu überwinden, die aber nur ihrer Sitte entsprang; denn sie schwand bei einem freundlichen Blick oder Wort oder kleinen Geschenk. Obgleich ich fast alle bekannten Gesichter wiederfand, war es doch Zeit, dass ich mit meinen Arzneien den Kampf gegen die bösen Geister, die Urheber aller Krankheiten, wieder aufnahm. Einen kleinen Jungen, der, durch Syphilis erschöpft, seinen Eltern schon monatelang Angst und Sorgen bereitet hatte, konnte ich nicht mehr retten, er starb drei Tage nach meiner Ankunft; das verzweifelte Jammern seiner Mutter tönte mir noch lange Zeit in den Ohren. Kleine, infolge leichter Malariaanfälle anämisch aussehende Patienten wurden mir in grosser Zahl gebracht; in den ersten 14 Tagen kamen sie regelmässig zu bestimmter Zeit, um ihre Chinindosis einzunehmen. Obgleich die Rosen, die auf ihre Wangen zurückkehrten, einen etwas bräunlichen Ton hatten, so war doch das Schwinden der graugelben Hautfarbe, die wiederkehrende Fröhlichkeit und das gesündere Aussehen erfreulich zu beobachten. Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hatte ich die Leute nur mit Mühe dazu bringen können, mir irgendwelche Gegenstände für meine ethnographische Sammlung abzutreten; jetzt brachte man mir bereits von selbst allerhand Sachen. Ich suchte aber nur einige besonders schöne Schnitzereien in Horn und Holz zu erlangen, da es mir nur darum zu tun war, meine beiden früheren Sammlungen zu vervollständigen. Mein Hauptinteresse galt aber der Vorbereitung für die Expedition, d.h. dem Einkauf von Böten und Reis. Zwar waren, wie erwähnt, bereits vor langer Zeit 25 Böte bestellt worden, aber aus Ungewissheit und Sorglosigkeit hatten die Kajan die Arbeit noch nichtbeendet, obgleich sie dieses Mal zum Glück mehr zu Stande gebracht hatten, als vor meiner früheren Reise. Um den Leuten zu zeigen, dass es mir Ernst war, suchte ich auch nach alten brauchbaren Böten und zwar mit gutem Erfolge. Sobald der eine Kajan sah, dass sein Nachbar an seinem Boote arbeitete, machte auch er sich, um nicht im Rückstande zu bleiben, ans Werk; so half die Konkurrenz mehr als alle Worte. Der Konkurrenz verdankte ich es auch, dass ich die Böte zu den gleichen Preisen wie früher erhielt. Da ich für meine Vogel- oder mexikanischen Dollars, die in West-Borneo noch stets neben dem holländischen Gelde zirkulieren, in Singapore nur fl. 1.10 bezahlt hatte und die Chinesen sie den Dajak immer noch zu fl. 1.50 berechnen, kaufte ich sehr vorteilhaft ein. Noch mehr Schwierigkeiten als das Herbeischaffen von Böten bereitete der Einkauf von Reis; ich hatte ihn in grosser Menge nötig und der Reisvorrat der Kajan war beinahe erschöpft. Es lag mir daran, von dem Gelde, das für Reis ausgegeben werden musste, besonders viel den Kajan selbst zukommen zu lassen, daher verabredete ich mit _Akam Igau_, dass er unter den Familien von Tandjong Karang 100 Dollar verteilen sollte, für die sie mir nach der Ernte Reis zu liefern hatten. _Akam Igau_ behielt jedoch einen guten Teil des Geldes für sich und seine Leibeigenen und folgte bei der Verteilung so sehr seinen Sympathieen, dass einige, die auch etwas beitragen wollten, aber nicht in seiner Gunst standen, leer ausgingen. Als man mit Klagen zu mir kam, konnte ich mich durch einige Dollars Vorschuss einer weiteren Quantität Reis versichern. Leider war dieses Verfahren nicht auch in den höher gelegenen Niederlassungen anwendbar; die Ernteaussichten waren dort sehr schwach, und viele Männer beteiligten sich nur deshalb an der Expedition, um später mit dem verdienten Lohn für sich selbst Reis einkaufen zu können. Kaum hatten die Chinesen und Malaien in Putus Sibau gemerkt, dass es etwas zu verdienen gab, als auch sie mir anboten, nach der Ernte, sobald die benachbarten Dajakstämme ihnen ihre Schuld in Reis bezahlt haben würden, einige Tausende von Kilo zu liefern. Inzwischen kam auch wieder die Frage nach dem Termin des Aufbruchs zur Sprache. Bald nach der Abreise der Batang-Lupar kam _Tigang_ nochmals zu mir und erklärte, dass seine Leute nicht vor der nächsten Reissaat aufbrechen wollten. Glücklicher Weise sind die Kajan Beweisgründen zugänglich, so dass mir _Tigang_ auf meine Bemerkung, dass nach dem langen Warten eine ungünstige Reisezeit angebrochen sein würde, nichts anderes erwidern konnte, als dass die Beteiligung an der Expedition den Kajan viele Opfer kostete. Nach langem Hin- und Herreden wurde beschlossen, dass die Männer nach dem Erntefest einige neue Grundstücke für die Anlage der Reisfelder suchen sollten und dass wir, wenn auch das Fällen des Waldes beendet sein werde, die Reise antreten sollten. _Akam Igau_ war zwar bei dieser Verhandlung nicht gegenwärtig gewesen, ich wusste aber doch, dass auch er für einen beschleunigten Aufbruch war und fragte ihn daher nicht um seine Meinung. Wir hatten zugleich überlegt, dass es unmöglich sein würde, für die 140 Mann, die sich am Zuge beteiligen sollten, auch den Proviant in den Böten gleich mitzuführen; es sollte daher ein Vorrat Reis und Salz so schnell und so weit als möglich den Kapuas aufwärts transportiert und dort bewacht werden, bis wir nachkamen und ihn über Land Weiterschaffen konnten. Als die Zeit des Aufbruchs ungefähr bestimmt war, erkundigten sich die verschiedenen Häuptlinge nach der Zahl der Dorfgenossen, die mitgehen konnten. Bald trat die alte Eifersucht zwischen _Akam Igau_ und _Tigang_ wieder zu Tage; letzterer erzählte triumphierend, dass er in Tandjong Kuda, seinem Dorf, 50 Mann aufstellen konnte, Tandjong Karang dagegen nur 30, Pagong nur 10 und die Ma Suling ebenfalls nur 10 Mann. Da _Tigang_ der Schwiegersohn von _Akam Lasa_, dem Ma Suling Häuptling, war, der selbst nicht mitziehen konnte, so fügte sich der Anführer der Ma Suling mehr _Tigang_ als _Akam Igau_. Dieser wusste jedoch, dass ich ihn, den erprobten Führer, doch als Leiter des Ganzen behandeln würde und nahm sich die geringere Anzahl seiner Männer nicht zu Herzen. Inzwischen war die Ernte vorüber und das Erntefest mit gewohnter Freude und Feierlichkeit begangen worden; ich hatte mich wiederum davon überzeugen können, in wie hohem Masse die ganze Bevölkerung von den für Europäer so unbegreiflichen und unsinnigen religiösen Zeremonien ergriffen wurde. So verging der ganze Monat Juni; da er sehr trocken, also zum Reisen äusserst geeignet gewesen und ich ausserdem überzeugt war, dass es noch lange dauern würde, bevor wir uns in Bewegung setzen konnten, machte mich das Warten sehr ungeduldig. Es war mir noch ein Trost, dass ich, nachdem ich erst 12 Böte mit einer grossen Menge Reis nach Putus Sibau hatte bringen lassen, einige Tage darauf eine zweite Truppe Kajan aus Tandjong Karang mit 2000 kg Reis und 14 Blechgefässen Salz den Kapuas aufwärts schicken konnte. Sie sollte versuchen, den Kapuas, Bungan und Bulit bis zu dem Ort hinaufzufahren, von wo aus der Landweg beginnen sollte; zwei bewaffnete Schutzsoldaten, von denen der eine, Korporal _Suka_, bereits auf einer Expedition am oberen Melawie sich ausgezeichnet hatte, und ein Kajan, der die Punansprache kannte, wurden als genügende Bewachung im unbewohnten Berglande angesehen. In Putus Sibau war es dem Kontrolleur inzwischen gelungen, die tüchtigsten der bewaffneten malaiischen Schutzsoldaten dazu zu bringen, uns zum Mahakam zu begleiten. Zu unserem Erstaunen war auch ein malaiischer Häuptling, Raden _Inu_, sein Bruder, _Abang Ganda_, und ein Untergebener, _Persat_, aus dem Pinaugebiet am Melawie nach Putus Sibau gekommen; diese hatten zufälliger Weise gehört, dass der Kontrolleur, den sie von früher her kannten, eine grosse Reise antreten sollte, und wollten sich nun aus alter Anhänglichkeit an derselben beteiligen. Ein Zuwachs der Gesellschaft erschien uns anfangs zwar nicht sehr erwünscht, weil die Leute aber so viel Eifer an den Tag legten, beschlossen wir doch, sie mitzunehmen, und haben es später auf der Reise nicht zu bereuen gehabt. Mein Aufenthalt am Mendalam war nun nicht mehr unbedingt notwendig und auch _Akam Igau_ drang darauf, man solle sich zur Reise vorbereiten, damit man nach der Rückkehr der Gesandtschaften gleich aufbrechen könne; ich nahm daher zum Leidwesen meiner vielen Freunde und Bekannten von Tandjong Karang Abschied und kehrte nach Putus Sibau zurück. Hier waren unterdessen aus Pontianak nachbestellte Güter angekommen, auch allerhand nützliche Dinge, wie Kisten für Lampen und andere tägliche Gebrauchsartikel, verfertigt und ein Vorrat Segeltuchs zugeschnitten, besäumt und mit Seilen versehen worden. Ferner hatte _Demmeni_ auf seine photographische Ausrüstung viel Arbeit verwandt; ebenso _Bier_ für eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes alles vorbereitet. Um alles hatte sich der Kontrolleur _Barth_ bekümmert, und ich sah zu meiner Befriedigung, dass er auch mit den Eingeborenen sehr gut umzugehen verstand. Da die allgemeine Verkehrssprache der Bahau, das Busang, ihm noch unbekannt war, hatte er sich alle Mühe gegeben, sie vor dem Beginn des Zuges zu erlernen. Ich hatte bereits 1894 dem ältesten Sohne _Akam Igaus_, namens _Ju_, das Lesen und Schreiben mit lateinischen Buchstaben beigebracht; nun hatte er den Kontrolleur gebeten, auch seinen jüngeren Sohn, _Adjang_, im Lesen und Schreiben des Malaiischen, das er nur notdürftig sprach, zu unterrichten. _Adjang_ war studienhalber nicht nur monatelang beim Kontrolleur in Putus Sibau geblieben, sondern zog auch mit uns zum Mahakam. Während unserer Reise durch den Urwald lernte er abends im Lager seine Lektionen ebenso eifrig wie in Putus Sibau, und am Mahakam angekommen las und schrieb er bereits befriedigend. Da an der Ausrüstung nichts mehr zu tun übrig blieb und das für die Reise so günstige trockene Wetter anhielt, hätte mich die Ungeduld, endlich fortzukommen, sehr gequält, wenn die Bewohner der Niederlassungen ober- und unterhalb von Putus Sibau meine ärztliche Hilfe nicht ständig in Anspruch genommen und mich gezwungen hätten, mich um ihre Interessen zu bekümmern. Unterhalb Putus Sibau waren in den letzten Jahren Niederlassungen der Kantu Dajak entstanden. Dieser mit den Batang-Lupar verwandte Stamm aus dem Seengebiet war von diesen aus seinem alten Wohnplatz nach Südwesten vertrieben worden. Seit der Zeit hatten sich die Kantu bald hier bald da in sehr kleinen Niederlassungen weiter oben am Kapuas verteilt. Sie waren viel zugänglicher als die Kajan und interessierten mich auch durch ihre Kunstfertigkeit in der Herstellung von Webereien und Perlenarbeiten, so dass ich es lebhaft bedauerte, mich mit ihnen aus Zeitmangel nicht mehr abgeben zu können. Da sie mehr als die anderen Stämme geneigt waren, ihre seltenen Produkte um hohen Preis loszuschlagen, gelang es mir, in kurzer Zeit allerlei anzuschaffen, was mir von ihrer sehr hoch stehenden Webe- und Färbeindustrie eine Vorstellung geben konnte. Auch mit den weiter oben wohnenden Taman Dajak kam ich dadurch in Berührung, dass sie mir ihre Kranken brachten und durch vorteilhaften Verkauf ihrer eigenartigen Kleidungsstücke von mir zu profitieren trachteten. Verschiedene Personen boten mir auch ihre aus bunten Perlen und Muscheln (Nassa callosa) verfertigten Jäckchen und Röckchen an, die sie früher bei ihren religiösen Festen trugen, jetzt aber, wegen der Ausbreitung des Islam in ihrem Stamm, nur selten mehr gebrauchten. Diese in schönen farbigen Mustern ausgeführten Kleidungsstücke sind in jeder Familie altes Erbgut, dessen Herstellung viel Zeit und Geld gekostet hat; unter gewöhnlichen Umständen sind sie auch beinahe nicht zu erlangen. In dieser Erwägung kaufte ich die schönsten dieser Kleidungsstücke und rettete sie so vor dem Untergang. Die meisten kosteten 20 bis 26 Dollar; für ein besonders schönes Röckchen musste ich sogar 35 Dollar bezahlen. Die Besitzerin dieses Kleinods, eine Taman Frau am Mendalam namens _Litong_, war anfangs durchaus nicht geneigt, mir diesen ihren schönsten Schmuck abzutreten und ich hatte bereits alle Versuche, sie zu erweichen, aufgegeben, als ihr Vater, von einem Handelszuge aus Bunut zurückkehrend, den hohen Preis erfuhr, den ich geboten. So kam er eines schönen Tages nach Putus Sibau und übergab mir sehr erfreut für die 35 Dollar das Röckchen. Hätte ich geahnt, dass er ganz gegen den Wunsch seiner Tochter handelte und dass diese, wie ich später durch Kajan erfuhr, vor Kummer heisse Tränen vergossen, so hätte ich meine Sammellust vielleicht bezwungen. Auch die Taman Dajak, die am Sibau wohnten, der neben unserer Wohnung in den Kapuas strömte, trugen dazu bei, uns die erzwungene Ruhe nicht allzu fühlbar werden zu lassen. Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Putus Sibau holten vier dieser Sibau Dajak mich in einem Boot in ihre Niederlassung ab, wo einer der Ihren, der sich beim Holzhacken mit dem Schwerte das Bein verletzt hatte, heftig blutend darniederlag. Den Verwundeten nach Putus Sibau zu bringen schien unmöglich; so blieb mir nichts anderes übrig, als mit den nötigsten Hilfsmitteln und einem unserer Malaien zum Kranken zu reisen. Nach dreistündiger Fahrt in schwankendem Nachen erreichten wir das lange Haus, auf dessen grosser Galerie vor der Häuptlingswohnung eine Menge Männer, Frauen und Kinder um eine Gruppe herumhockte, die sich mit der Pflege des Kranken beschäftigte. Dieser schien ein kräftiger junger Mann zu sein; auf dem Rücken zwischen seinen jammernden Angehörigen liegend zeigte er bereits eine verräterische graubraune Leichenfarbe, auch hatte er schon das Bewusstsein verloren und sein Puls war nicht mehr fühlbar. Sein rechter Fuss war an der Innenseite, unterhalb des Knöchels, verwundet und mit alten Lappen voll geronnenen Blutes verbunden. Fortwährend tröpfelte noch Blut aus dem Verbande, was hauptsächlich wohl einem zweiten Verbande zugeschrieben werden musste, den man um die Wade angebracht hatte und der, gleichwie auch die horizontale Lage des Beines, einen Abfluss des venösen Blutes verhinderte. Während ich den zweiten Verband abnehmen und das Bein hoch halten liess, erzählte man mir, wie sich der junge Mann die Wunde beigebracht hatte. Die Abwesenheit des Pulsschlags bewies, dass die Blutung auch während des Transportes nach Hause sehr heftig gewesen sein musste. Man hatte, um die Blutung zu stillen, das gebräuchliche Mittel, gekaute Sirihblätter mit Kalk, auf die Wunde gelegt, welch letzterer adstringierend wirkt und durch das starke Anpressen mittelst der Blätter zugleich als Tampon dient. Da der Patient augenscheinlich nicht mehr viel Blut zu verlieren hatte und seine Herztätigkeit sehr schwach war, musste ich einen neuen Bluterguss bei der Untersuchung zu vermeiden trachten und hielt daher den Kautschukschlauch am Schenkel bereit. Zum grossen Erstaunen der Taman kam, da ich das Bein hoch halten liess, beim Wegnehmen der schmutzigen Lappen und Sirihballen kein Tropfen Blut mehr aus der Wunde; doch war die bis tief hinter den maleolus internus reichende Wunde durch die falsche Behandlung bereits so infiziert, dass an einen aseptischen Heilverlauf nicht zu denken war. Vor allem musste der Patient wieder zu Kräften kommen, dann konnte man ihn, zwecks einer rationellen Behandlung, nach Putus Sibau bringen lassen. Ich desinfizierte daher die Wunde so weit als möglich, bestreute sie mit Jodoform, tamponierte sie gründlich und empfahl den Taman, das Bein ständig hoch liegen zu lassen und gut für den Patienten zu sorgen. Dank seiner kräftigen Konstitution war der Mann nach zwei Tagen bereits so weit, dass seine Familie ihn mir zur weiteren Behandlung nach Putus Sibau bringen konnte. Nachdem ich schon gehofft, dass keine Nachblutung den Heilprozess stören würde, rief man mich doch sechs Tage darauf nachts, weil der Verband ganz mit Blut durchtränkt war. Es blieb nun nichts anderes übrig, als die Galerie unserer Kaserne zum Operationszimmer zu machen und den gewandtesten meiner Gehilfen zum Assistenten zu promovieren. Zum Glück gelang es mir bald, die Blutungsquelle zu entdecken. Ich hatte bereits vorher versucht, die Wunde von dem nekrotischen Gewebe zu reinigen, aber die Infektion hatte sich bereits zu sehr verbreitet. Sobald die Schlinge um den Schenkel etwas gelockert wurde, quoll in rhythmischen Stössen eine Blutmenge, augenscheinlich aus der arteria tibialis postica, hervor. Beim Schein einiger Lampen entfernte ich so lange nekrotisches Gewebe, bis die Arterie bloss lag; es zeigte sich, dass diese auf die ungünstigste Weise beschädigt war, nämlich halb durchgeschnitten, so dass die Enden sich nicht zurückziehen konnten und wegen der Retraktion der Ränder ständig offen gehalten wurden. Mit einigen Bedenken, wegen der stark entzündeten und infizierten Umgebung, entschloss ich mich doch, das Gefäss zu durchschneiden und die beiden Enden zu unterbinden. Glücklicher Weise schlossen sich die Gefässe und eine Blutung trat nicht mehr ein, trotzdem sich die Entzündung über den ganzen Unterschenkel verbreitete. Einige Einschnitte bis in das subkutane Gewebe, zur Entfernung des Eiters, und eine Ausspülung mit Borwasser übten eine gute Wirkung. Infolge unserer sorgsamen Pflege kam der Taman bald wieder zu Kräften, und nachdem der Kontrolleur von Putus Sibau nach unserer Abreise noch einige Zeit für ihn gesorgt hatte, konnte er wieder nach Hause gebracht werden, wo er bald völlig genas. Der langdauernde Aufenthalt in Putus Sibau hatte noch den grossen Vorteil, dass wir uns über die aus Java mitgenommenen und uns grösstenteils fremden Leute ein Urteil bilden konnten. Bereits als ich sie in Dienst nahm, hatte ich dafür gesorgt, dass jeder von ihnen einen Kameraden oder Verwandten bei sich hatte, damit er sich nicht einsam fühlen sollte. Da eine gute Stimmung unter den Teilnehmern einer Expedition deren guten Erfolg wesentlich beeinflusst, freute es mich sehr, zu bemerken, dass Zwistigkeiten unter unseren Leuten wenig vorkamen. Nur der zweite Jäger, _Djumat_, erregte zu meiner Verwunderung bei seinen mohammedanischen Glaubensgenossen durch seine ständigen religiösen Übungen Anstoss. Wie ich bei meiner Rückkehr von den Kajan hörte, war er, ein europäisches Halbblut, zum Islam übergetreten. Obgleich beinahe mein ganzes Geleite mohammedanisch war, hatte ich doch von Beten und von anderen religiösen Verrichtungen nie etwas gemerkt; nur _Djumat_ war hierin sehr eifrig und ärgerte dadurch die anderen so sehr, dass einer der Schutzsoldaten zuletzt auf seiner Violine zu spielen begann, sobald _Djumat_ seine Gebete anfing. Wahrscheinlich geschah dies nicht wegen der Andachtsübungen selbst, dazu waren meine Javaner und Malaien zu friedliebend, sondern weil sie ihn besser kannten als ich. Bald hörte ich auch einige Bemerkungen über _Djumat_, der sich viel mit den Chinesen auf dem Markte abgab, und eines Morgens fand ich auf der Galerie einen zusammengefalteten chinesischen Brief, den ich aber nicht lesen konnte. Etwas Besonderes vermutend, wollte ich meine farbigen Begleiter doch nicht in die Angelegenheit einweihen, und da auch unsere Europäer das Schreiben nicht lesen konnten, liess ich es unbeachtet. Der Schreiber schien aber die Sache ernst zu nehmen; denn zwei Tage darauf erhielt ich ein anderes Briefchen, diesmal malaiisch geschrieben. Der Inhalt des Briefes war der, dass _Djumat_ den chinesischen Frauen auf dem _pasar_ auf brutale Weise nachstellte und dass ein derartiges Betragen meines Personals mir am Mahakam gefährlich werden konnte. Für mich war diese Tatsache zu wichtig, um ihr nicht Rechnung zu tragen. Mit dem Kontrolleur _Barth_ und dessen Kollegen von Putus Sibau kam ich überein, dass wir gleich die Ankunft des kleinen Dampfers "de Punan", der uns die letzte Post und noch einige Güter bringen sollte, benützen mussten, um uns dieses lästigen Reisegenossen zu entledigen. Sobald denn auch der Dampfer angekommen war, erhielt _Djumat_ zu seiner Verwunderung den Befehl, sich bereit zu halten, um sich zwei Stunden später nach Java einzuschiffen. Diese plötzliche Entlassung musste ihn umsomehr in Erstaunen versetzen als er, wie auch seine Kameraden, bereits in Java 75 fl. Vorschuss von seinem Lohn erhalten hatte. Sein Betragen, das in seiner javanischen Umgebung nicht viel Anstoss erregte, war jedoch in unserer künftigen Lage, mitten unter den eingeborenen Stämmen, viel zu gefährlich, als dass ich die übrigen Männer nicht auf den Ernst eines solchen Vergehens hätte aufmerksam machen müssen. Bereits seit langem wusste ich, dass eine grosser Teil der Morde und Unglücksfälle von Malaien unter den Dajak hauptsächlich daher kam, dass die malaiischen Männer darauf ausgingen, die dajakischen Frauen zu verführen. Obgleich es nämlich bei den Bahau, nach längerem Aufenthalt in ihrer Mitte, wohl gestattet ist, mit einem der jungen Mädchen, die in ihrem Tun und Lassen fast gänzlich unabhängig sind, ein Verhältnis anzuknüpfen, geschieht es doch häufig, dass die Malaien, mit Hilfe von Geschenken und anderen Mitteln, mit der ersten besten Frau, die sich hierfür empfänglich zeigt, einen intimen Verkehr anzubahnen versuchen. Da aber die eheliche Treue bei diesen Stämmen sehr streng gehalten wird, laden sich die Malaien durch ihr leichtsinniges Betragen die Rache des beleidigten Gatten auf den Hals. Ich suchte daher, wenn wir irgendwo bei den Bahau längere Zeit bleiben mussten, tun ihr Vertrauen zu gewinnen, alles daranzusetzen, um ein derartiges Betragen zu verhindern. So hatte ich von Anfang an getrachtet, etwas ältere Männer für unseren Zug anzuwerben und habe auch später durch leichtsinniges Betragen meiner Leute nicht viel Unannehmlichkeiten gehabt. Nach meiner Abreise von Tandjong Karang nahmen die Kajan noch öfters jede Gelegenheit wahr, um uns in Putus Sibau zu besuchen, teils aus persönlicher Anhänglichkeit, teils um noch einiges vorteilhaft zu verkaufen, teils um noch allerhand Neues und Schönes von unserer Ausrüstung zu sehen. Selten vergingen einige Tage, ohne dass ich Besuch bekam, und jetzt waren es nicht nur, wie in früherer Zeit, erwachsene Männer und einzelne Frauen, die sich aus dem Mendalamgebiet herauswagten, sondern es kamen auch viele Knaben und Mädchen und sahen sich zum ersten Mal in ihrem Leben Putus Sibau mit seinen vielen Malaien, Chinesen und seinem Markt an. Auch viele 18-20 jährige Frauen erklärten, noch nie hier gewesen zu sein; zum Übernachten konnten sie sich aber nicht entschliessen, sie sorgten vielmehr alle, vor Einbruch der Nacht aus dieser fremden Umgebung wieder fortzukommen. Besonders meine Freundin _Usun_, die älteste und oberste Priesterin von Tandjong Karang, benützte jede Gelegenheit, um nach Putus Sibau zu kommen, und es zeigte sich, dass aufrichtiges Interesse sie dazu trieb. Bereits bei meinen Besuchen 1894 und 1896 hatte sie mir allerhand, nach ihren Begriffen schöne Geschenke gemacht, auch war sie die einzige Frau ihres Stammes gewesen, die es gewagt hatte, sich photographieren zu lassen. Auch jetzt wieder gab sie uns einen starken Beweis ihres Vertrauens, indem sie einmal mit einer Gesellschaft vom Mendalam ankam, mehrere Tage allein bei uns blieb und erst mit einer zweiten Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. _Usun_ äusserte oft ihre Besorgnis aller Gefahren wegen, die uns auf den weiten Reisen bedrohten, besonders beunruhigte sie mein Plan, in das ferne Gebiet des Apu Kajan, das Stammland ihrer Vorfahren, einzudringen, ein Land, das in ihrer priesterlichen Wissenschaft einen mythischen Charakter angenommen hatte und von dem sie wusste, dass es von den so gefürchteten Kenjastämmen bewohnt wurde. Wenige Tage vor unserer Abreise kam _Usun_ mit einigen Männern und Frauen von Tandjong Karang zu uns herunter und bat um die Erlaubnis, bis zu unserer Abfahrt bei uns bleiben zu dürfen. Zugleich gab sie zu verstehen, dass sie, da es nun doch zum Scheiden kam, beschlossen hatte, ihren kostbarsten, oder besser gesagt, ihren heiligsten Besitz zwischen ihrem Enkel und mir zu teilen, damit diese geweihten Gegenstände mich vor allen Gefahren, denen ich entgegen ging, beschützten. Sie übergab mir ein sehr altes Schwert, das, nach der Aussage meiner 70 jährigen Freundin, bereits in ihrer Jugend sehr alt gewesen war, ferner Kieselsteine von aussergewöhnlicher Form in einem kleinen Säckchen und ein steinernes Fläschchen mit etwas Kokosnussöl. In diesen ernsten Abschiedstagen wurde _Usun_ gestattet, ihre Schlafmatte in der kleinen Kammer auszubreiten, in welcher der Kontrolleur _Barth_ auf einer Seite und ich auf der anderen unsere Moskitonetze aufgehängt hatten. Beim Erwachen am anderen Morgen sah ich, dass _Usun_ bereits alle ihre Vorbereitungen getroffen hatte an der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lagen auf einer kleinen Matte neben einander die für mich bestimmten Schätze, ausserdem das Geldstück und die Perlen, die ich ihr als _usút_ gegeben hatte, d.h. damit diese Dinge in gleicher Weise in ihre Hände übergehen könnten, wie ihre Talismane in die meinen und der Geist, der in letzteren steckte, nicht erzürnt würde. Darauf sprach sie, vor der Matte hockend, die Geister an, die in den Gegenständen hausten und trug ihnen auf, mich gegen alle Angriffe böser Geister zu schützen, mich vor Anstrengungen sowie vor einem Fall in den Bergen oder Tälern zu behüten und zu verhindern, dass meine Seele sich von mir entfernte. Weiter berichtete sie den Geistern der geweihten Gegenstände, dass ich die Absicht habe, sie zum Mahakam und weiter bis zum Apu Kajan zu bringen. Auch erzählte sie ihnen, dass ich ihr das Geldstück und die Perlen gegeben, damit sie an Stelle der alten Gegenstände in ihren Händen zurückblieben. Ich schenkte _Usun_ zuletzt noch, da meine Vorräte es zu erlauben schienen, einen Satz schöner Armbänder aus Elfenbein. Bis zum letzten Augenblick blieb _Usun_ bei uns und, während ich des Morgens mit dem Verteilen von Menschen und Gütern in die Böte viel zu tun hatte, strengte sie sich an, mir mit ihren alten Beinen wie mein Schatten zu folgen und hörte nicht auf, mir unter heissen Tränen Segenswünsche auf die Reise mitzugeben. Mit _Akam Igau_ hatte ich abgemacht, dass er seine Leute dazu bringen sollte, gleich nach der Rückkehr der vorausgeschickten Gesandtschaften die wahrsagenden Vögel zu befragen. Am 24. Juli kehrten die Gesandtschaften endlich gemeinsam zurück; ihre Reisen waren ohne Unfall verlaufen, nur hatten sie, wegen des sehr hohen Wasserstandes, lange gedauert; auch war es ihnen nicht geglückt, den Bulit aufwärts bis zum Landweg zu gelangen; sie hatten aber den Reis an der Mündung des Bulit unter dem Schutze von Korporal Suka und zwei anderen zurückgelassen. Den folgenden Tag kam _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda mit dem Bericht, dass in seinem Dorf für sechs Tage "_melo njaho_" ein "Stillsitzen wegen der Vorzeichen" angesagt war, weil man ein Reh über ein eben bearbeitetes Feld hatte laufen sehen (ein böses Omen) und dass man erst nach dieser Ruhezeit, unter Anführung des Ma-Suling namens _Obet Lata_, zur Beobachtung der Vorzeichen aufbrechen würde. Nach Ablauf dieser sechs Tage kam _Tigang Aging_ abermals nach Putus Sibau, diesmal mit dem Vorschlag, wiederum einen Teil unseres Gepäckes unter Aufsicht der zwei alten Häuptlinge _Seniang_ und _Akam Lasa_, je mit zehn Mann; vorauszuschicken. Diese Leute waren nämlich nicht im stande, den Zug mitzumachen, wollten aber, wie es schien, auch noch etwas verdienen. Nachdem ich diesem Vorschlage in der Überlegung zugestimmt hatte, dass wir dadurch später um so schneller flussaufwärts fahren konnten und ich, um nur endlich fortzukommen, möglichst viel Freunde gewinnen musste, verpflichtete sich wiederum _Tigang_, den _Obet Lata_ bereits am folgenden Tage auf die Vogelschau auszusenden. Auf diese Weise suchte sich _Tigang_ als Herrn der Mendalambewohner aufzuspielen, obwohl er sehr gut wusste, dass _Akam Igau_ von mir als Führer angesehen wurde. Mein Hauptziel war jedoch die Abreise, der ich mit Ungeduld entgegensah, da die Trockenzeit bereits zwei Monate gedauert hatte und jeder Tag uns Regen und ungünstig hohen Wasserstand bringen konnte; daher fand ich alles gut, was uns einen Schritt weiter brachte. Es verging aber ein Tag nach dem andern, ohne dass wir etwas anderes hörten, als dass die Vögel noch immer nicht alle erforderlichen Zeichen gegeben hatten, bis endlich am 16. August _Akam Igau_ seinen Sohn _Adjang_ abholte, um gemeinschaftlich mit den übrigen Teilnehmern an der Expedition ein _melo njaho_ zu feiern, da die Vögel jetzt genügende Auskunft gegeben hatten. Zwei Tage darauf sollte die ganze Gesellschaft bei uns eintreffen. Um _Akam Igaus_ Oberherrschaft wieder einzuschränken, kam auch _Obet Lata_ im Auftrage _Tigangs_ am folgenden Tage und meldete, dass man aus Tandjong Kuda aufbrechen werde, dass man sich aber, wie auch auf der vorigen Reise, noch einen Tag an der Mündung des Mendalam aufhalten wolle, um noch einen besonderen Vogel zu befragen. Am 18. August schlug endlich unsere Befreiungsstunde; denn bereits des Morgens kam ein bemanntes Boot nach dem anderen hinter der Flussbiegung zum Vorschein. Auch _Seniang_ und _Akam Lasa_ brachten ihre eigenen Böte und Leute mit; gegen ihren Vorschlag, bereits am selben Tage weiterzufahren, hatte ich nichts einzuwenden. Ich gab ihnen eine gute Ladung Reis und Salz mit und so fuhren sie bereits mittags den Kapuas aufwärts. Die Leute, welche die Mahakamreise selbst mitmachen sollten, übernachteten, der Übereinkunft gemäss, unter _Akam Igaus_ und _Tigangs_ Aufsicht an der Mendalam Mündung, trafen aber schon früh am folgenden Morgen vor unserer Wohnung ein. Im Ganzen erschienen aus den verschiedenen Niederlassungen am Mendalam ungefähr 110 Mann, die sich in so viel Gruppen verteilten, als die Zahl der Dörfer und Stämme, denen sie angehörten, betrug. Die Kajan aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda waren die zahlreichsten, ihnen folgten die Ma-Suling und Uma-Pagong, und schliesslich noch Glieder der Bukat und Punan, der meist nur zeitweise am Mendalam lebenden Nomadenstämme. Jede Gruppe hatte einen eigenen Häuptling oder angesehenen Mann zum Anführer; ich betrachtete aber, wie bereits gesagt, _Akam Igau_ aus Tandjong Karang als Oberhaupt aller, da er als alter weitgereister Mann am meisten Einfluss besass, während sein viel jüngerer Nebenbuhler _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda nur durch seine hohe Geburt sich Ansehen zu verschaffen trachtete. Ihm völlig ergeben war nur _Obet Lata_, der Anführer der Ma-Suling, ein alter unbedeutender Mann, der _Tigang_ als den Schwiegersohn des Ma-Sulinghäuptlings _Akam Lasa_ fürchtete. Die Männer von Uma-Pagong standen, wie auch auf der vorigen Reise, unter Anführung von _Jung_, einem Adoptivsohn des weiblichen Häuptlings _Bulan_. Es war dies eine junge energische Persönlichkeit, die uns auf der Reise viele Dienste erwies. Die Gruppe der Punan und Bukat bestand aus 12 Männern sehr verschiedener Abkunft, auch befanden sich unter ihnen einige Leute eines anderen Jägerstammes, der Beketan. _Ludang_, der Punanhäuptling, konnte an der Expedition nicht teilnehmen, liess sich aber durch seinen jungen Sohn _Kwing_ vertreten, dem ein schwächlicher, aber intelligenter Mann namens _Tetuhè_ zur Seite stand. Um keine Zeit zu verlieren, hatten wir bereits am Tage zuvor alles Gepäck so geordnet, dass die Ladung auf die schnellste Weise von statten gehen konnte. Nun galt es, Menschen und Güter auf die praktischste Weise in die 25 Böte zu verteilen, was insofern seine Schwierigkeit hatte, als die Leute sich bereits in Gruppen verteilt und in den Böten da Platz genommen hatten, wo es ihnen gerade am besten gefiel; dadurch war das eine Boot überladen, das andere beinahe leer; ausserdem nahm jedes Boot so wenig als möglich Gepäck mit, so dass ich das Einladen genau regeln und überwachen musste. Das, erforderte alles viel Hin- und Herreden, Ermahnungen und bisweilen ernstes Auftreten und dauerte bis 10 Uhr morgens. Die ganze Zeit über hatte ich die alte _Usun_ an meinen Fersen. Endlich war alles geregelt, jeder Mann an seinem Platze und wir nahmen vom Kontrolleur Abschied, der uns mit seinen zwei kleinen Kanonen noch eine gute Reise nachdonnerte. KAPITEL III. Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam und dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des oberen Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer Charakter des Apu Kajan--Äussere Gestaltung Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische Verhältnisse.--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak--Sesshafte Stämme: Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und Beketan--Herkunft der Bahau und Kenja--Legende vom Wasser und Feuer-Auswanderungen und Vermischungen der Stämme.--Organisation eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes--Geschichte der Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: Häuptlinge, Freie und Sklaven-Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder--Abstammung des Häuptlings _Akam Igau_. Die Insel Borneo ist mit ihrer Oberfläche von 734.000 quad. km nach Neu-Guinea die grösste der Welt; sie ist mehr als zweieinhalb Mal so gross als England, Schottland und Irland zusammen. Betrachtet man eine in grossem Massstab gehaltene Karte von Borneo, so bemerkt man, dass vom Zentrum der Insel aus mächtige Ströme nach allen Richtungen hin den Küsten zuströmen; sie durchziehen in ihrem Unterlauf weite Ebenen, die sie mit der Zeit selbst gebildet haben. Die Entstehung so grosser Flüsse und Ebenen ist nur da möglich, wo starke Regenfälle herrschen. Die durchschnittliche jährliche Regenmenge in Borneo ist in der Tat eine sehr bedeutende, sie kann bis über 5 m betragen, doch machen sich auf dem ausgedehnten Gebiet grosse lokale Abweichungen bemerkbar. Wegen ihrer aequatorialen Lage bestreichen die Passatwinde die Insel Borneo lange nicht so regelmässig wie Java, daher ist der Regenfall dort gleichmässiger auf das ganze Jahr verteilt. In scharfem Gegensatz zu den Nachbarinseln hat man auf Borneo bis jetzt keine tätigen Vulkane gefunden. Zwar entdeckte Prof. _Molengraaff_ im Jahre 1894 südlich vom oberen Kapuas ein ausgedehntes vulkanisches Gebiet, das hauptsächlich aus riesigen Tufflagern besteht, Spuren einer Eruption jüngeren Datums fand er jedoch nicht. Die südlichen Nebenflüsse des oberen Kapuas haben daher auch Zeit gehabt, diese Tufflager durch Erosion in ein höchst eigenartiges Bergland umzuformen, dessen eigentümliche terrassenförmige Erhebungen bisweilen mehr als 1000 m Höhe erreichen. Dem 1825 verunglückten Forschungsreisenden _Georg Müller_ zu Ehren nannte Prof. _Molengraaff_ dieses Gebirge: Müller-Gebirge. Die zahlreichen Petrefakten, welche diese Tufflager enthalten, deuten darauf hin, dass das Müller-Gebirge hauptsächlich in der Tertiärzeit gebildet sein muss. An der Ostküste, gegenüber der Insel Miang und auf dieser selbst, liegen 100 m hohe Hügel, die in späteren geologischen Perioden durch negative Strandverschiebung entstanden sein müssen; denn man findet auf ihnen die Riesenmuschel (Tridacna). Das ganze flache Gebiet von Kutei wird durch diese auf die Ostküste beschränkte Hügelreihe gegen das Meer hin abgegrenzt. Die vielen Seeen, welche die grosse eingeschlossene Ebene aufweist, lassen vermuten, dass sie früher ein Becken gewesen, das durch den Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich angefüllt worden ist. Bereits seit langer Zeit werden in den Hügeln an der Mahakammündung Steinkohlenlager ausgebeutet; vor einigen Jahren sind dort auch reiche Petroleumquellen angebohrt worden. Das Kettengebirge, welches sich von dem an der Westküste gelegenen Tandjong Dato an quer durch die Insel nach Osten, wahrscheinlich bis zum Kap Mangkalihat, erstreckt und die Wasserscheide zwischen zahlreichen Flüssen bildet, besteht grösstenteils aus stark gefalteten Schieferschichten. Nach den Untersuchungen von Prof. _Molengraaff_ ist dieses Gebirge, nördlich von dem grossen Seeengebiet der Batang-Lupar, aus stark abgetragenen Schiefern zusammengesetzt und erhebt es sich nur ungefähr 200 m über den Meeresspiegel. An der Südseite traf er zum ersten Mal die für Mittel-Borneo charakteristische Danau-Formation [3], deren obere, aus Kieselschiefer, Jaspis und Hornstein bestehende Schichten Radiolarien enthalten und daher Tiefseeablagerungen sein müssen. Nördlich vom oberen Kapuas und Mahakam, nach Osten zu, steigt dieses Gebirge immer mehr an, behält jedoch stets denselben Charakter bei. Vom Bukit Tjondong aus konnte _Molengraaff_ das Gebirge, das er Ober-Kapuri-Kettengebirge nannte, übersehen; es erwies sich auch später, vom Liang Tibab aus gesehen, als typisches Kettengebirge, das ganz aus zahlreichen, scharfen, in gleichen Entfernungen neben einander sich erhebenden Rücken zu bestehen schien. Wie gesagt, steigt das Gebirge in östlicher Richtung an: der Lawit ist bereits 1767 m hoch, die höchsten Gipfel bei den Kapuas-Quellen erreichen 1900 m und diese Höhe bleibt ungefähr konstant bis zum oberen Mahakam, wo das Kettengebirge vom Batu Tibang durchbrochen wird. Dem Geröll seiner Flüsse nach zu urteilen, scheint dieser letztere Teil des Gebirges eruptiven Ursprungs zu sein. Östlich vom Batu Tibang setzt sich das Kettengebirge, das jetzt den Namen Bawui Gebirge trägt, weiter fort; in westlicher Richtung, bis zum Batu Okang, dem grossen Bergmassiv, auf dem der Boh entspringt, verschmälert es sich und bildet dort die Wasserscheide zwischen Kajan und Mahakam. Östlich vom Batu Okang ist das Kettengebirge noch unerforscht; künftige Untersuchungen werden aber voraussichtlich ergeben, dass es sich ununterbrochen bis zum Kap Mangkalihat fortsetzt. Im Flussbett des Selirong und Seliku, der beiden Quellflüsse des Mahakam, beobachtete ich im Hangenden der fast senkrecht aufgerichteten, alten Schiefer beinahe horizontal gelagerte Sandsteinschichten, die im übrigen Teil des Gebirges bereits weggespült sein müssen. Auch dieser mittlere Teil des Kettengebirges ist also nach seinem Entstehen untergetaucht gewesen. Am oberen Seliku befanden sich diese Sandsteinschichten am Fuss des Lasan Tujan in 720 in Höhe, am Selirong, etwas oberhalb des Landweges nach Serawak, in 650 m Höhe. Der Sandstein, aus dem die 5-10 cm dicken Schichten bestanden, war an beiden Orten grobkörnig. Die Schichten fallen unter 26º nach Norden ein und das Streichen ist 236º. Die Danauformation, die _Molengraaff_ im Seeengebiet der Batang-Lupar, im Bungan und Bulit, an der Südseite des Kettengebirges antraf, stellte ich auch am oberen Mahakam, unterhalb der Mündung des Sikè und im Boh in der Nähe der Ogamündung fest. Weitere Hornsteinschichten beobachtete ich im Mahakam und zwar in seiner westlichen Reihe von Wasserfällen bei Long Tepai, wo beim Fall des Lobang Kubang die Lagen eine Dicke von 3 dm bis 1 m erreichen. Der hier weisse Hornstein wird von den Sandsteinschichten des grossen Gebirgszuges überlagert, der die Wasserscheide zwischen dem oberen Mahakam und oberen Barito bildet. In seinem von West nach Ost sich erstreckenden Teil heisst dieser Gebirgszug Batu Lesong, seine südliche Fortsetzung heisst bis zur Quelle des Rata: Batu Ajo. Dieses ganze Gebirge erscheint als ein schmaler, sehr steiler, oben abgeflachter Rücken. Seine grobkörnigen Sandsteinschichten erreichen eine Mächtigkeit von 5-50 m und haben eine Neigung von 8º nach Süden. Der 1800 m hohe Batu Lesong wird seiner regelmässigen Form wegen von den Eingeborenen mit einem Reisblock, _lesong_, verglichen. Bei einer Besteigung des Batu Lesong im Quellgebiet des Blúu konstatierte ich, dass er sich mit senkrechten 4-500 m hohen Wänden aus den Flussbetten, welche das Wasser nach Norden in den Mahakam, nach Süden in den Busan und Belatung wegführen, erhebt. Der Hauptrücken ist nur 1-2 km breit und sendet nach Norden eine Reihe von Querrücken, welche die Täler der Nebenflüsse des Mahakam von einander scheiden. Zum Mahakam hin fallen diese Querrücken oft sehr steil ab, zwischen dem Blúu und Danum Parei mit einer Höhe von 1000 m; dazu sind sie oft so schmal, dass sie kaum für einen Pfad Platz lassen. Eine starke Abtragung wird durch die üppige Vegetation verhindert. Nach Osten hin nimmt die Höhe des Batu Lesong immer mehr ab; seine Fortsetzung, Batu Ajo, ist nur noch 1000-1200 m hoch. Das Gebirge, welches den gleichen Charakter stets beibehält, kehrt sich mit einer scharfen Wendung nach Süden; es scheint das vulkanische Müller-Gebirge nach Osten zu begrenzen. Die nördlichen, zwischen dem Sumwé und Merásè gelegenen Nebenflüsse des Mahakam, sowie der betreffende Teil des Hauptstromes selbst, haben sich ebenfalls ihre Betten aus beinahe horizontalen Sandsteinlagern erodieren müssen. Diese gehören dem ursprünglich augenscheinlich mit dem Batu Lesong zusammenhängenden Ong Dia (ong = Gebirge) der Bahau an. Der Ong Dia ist nicht über 900 m hoch, läuft in Form eines schmalen Rückens dem Batu Lesong parallel, fällt dem Mahakam zu steil ab und dehnt sich in nördlicher Richtung bis zu dem hoch aufragenden Kalksteingebirge Batu Matjan aus. An die steilen Wände des Ong Dia lehnen sich auf der Mahakam Seite eine Reihe von Hügeln in Gestalt von 200-500 m hohen steilen Kalkbergen, welche die Erosion des Sandsteins aufzuhalten scheinen. Das eben erwähnte nördliche Kalksteingebirge liegt zwischen dem Serata und oberen Tepai und erhebt sich mit seinen eigentümlichen Formen bis zu einer Höhe von 1900 m; es giebt dem Serata, Sumwe, Merásè, Tepai, Glat und anderen Flüssen den Ursprung, während südlich von ihm der obere Mahakam einen mächtigen Bogen nach Westen macht, bevor er den Weg nach Süden einschlägt. Die höchsten Berge dieser Kalkformation heissen: Batu Matjan, Batu Brok und Batu Ulu. Diesem grossen Kalkgebirge schliesst sich eine Reihe schmaler, sehr steiler, freier Kalkberge von 300-900 m Höhe an, welche ich längs den Ufern des Tjehan unterhalb des Pakatè und weiter östlich längs dem Mahakam bis an den Blúu entdeckte. Der Kalk hat eine dichte Struktur und findet sich teils massig, teils in Schichten bis zu 40 m Mächtigkeit. Diese fallen am Mahakam sowohl als am Tjehan ungefähr gleich unter 44° nach Süden und das Streichen ist 242°, also im wesentlichen gleich dem der oben erwähnten Sandsteinschichten. Zu den höchsten Erhebungen dieser Kalkberge gehört der Liang Karing an der Mündung des Tjehan, der Liang Nanja im Flusstal selbst und der Batu Baung am Mahakam. In den zahlreichen Höhlen dieser Berge bewahren die Eingeborenen ihre Kostbarkeiten auf und setzen sie ihre Toten bei. Ähnliche grosse Felsenhöhlen sollen auch im grossen Kalksteingebirge z.B. im Batu Matjan, Batu Brok u.a. vorkommen. Ausser den eben besprochenen beiden Gebirgsgliedern kommt im Gebiet des oberen Mahakam noch eine Reihe vulkanischer Andesitkegel vor, die sich im Tal des Blúu von Süden nach Norden hinzieht. Der nördlichste dieser Kegel ist der Batu Mili 840 m, ihm gegenüber an der Mündung des Blúu liegt der Batu Kasian 650 m, weiter südlich der Moang 900 m. Am Fuss dieser Hügel kommen Quellen vor, die gleichzeitig Salz und Kohlensäure liefern; die Bevölkerung benutzt sie zur Salzgewinnung. Bei einer dieser Quellen, der Span Dingei am Fuss des Moang, glückte es mir im Jahre 1896 mit _Kwing Irang_, dem Häuptling der Mahakam Kajan, eine alte Vorrichtung zur Salzgewinnung auszugraben. Als auf Anweisung von _Kwing Irang_ neben einer Reihe Felsen von glasigem Eruptivgestein die Erde fortgeschafft wurde, kam der Rand eines ausgehöhlten Baumstammes von 6 dm Durchmesser zum Vorschein, der senkrecht in den Boden gerammt war. Etwas tiefer bemerkten wir einen zweiten hohlen Baumstamm, der in den ersten hineingesteckt war und aus dem das Wasser kräftig hervorsprudelte. Die Baumstämme dienten dazu, das Wasser vor Verunreinigung durch hineinfallende Erde zu schützen. Gegenwärtig wird die Quelle ihres geringen Salzgehaltes wegen nicht mehr ausgebeutet, in früherer Zeit jedoch wurde das Salzwasser aufgefangen und in grossen Töpfen verdampft. Trotz der Einfuhr von Salz von der Küste her benutzten die Ma-Suling am Merásè noch bis vor kurzem eine andere, salzhaltigere Quelle, Sepan Daja, am Fuss des Ong Dia zur Salzgewinnung. Eine Analyse des mitgenommenen Wassers ergab folgende Bestandteile per Liter Wasser (neutral). Kieselsäure (Si O2) 0.068 g Chlor (Cl) 3.592 g Kalk. (Ca O) 0.202 g Magnesia. (Mg O) 0.098 g Kali (K2 O) 0.095 g Natron (Na2 O) 3.260 g Was das Gestein am Grunde des Mahakambettes betrifft, so sah ich unterhalb der Mündung des Kaso, bis oberhalb der westlichen Wasserfälle, jüngere Schiefer in dünnen Schichten mit 1-10 cm dicken sandsteinartigen Schichten abwechseln. Alle diese Schichten streichen von West nach Ost, im Grossen und Ganzen mit der Richtung des Flusslaufes übereinstimmend. Von der Vereinigung des Selíku und Selírong an bis zur Mündung des Blúu fällt der Mahakam von 550 auf 200 in Höhe; bei der Fahrt den Boh, Oga, Temha und Meseai aufwärts steigt man von 150 bis 600 m Höhe, wo der Landweg zum oberen Kajan beginnt. Von hier aus kann man die Wasserscheide längs einem ins Tal des Laja, eines Duellflüsschens des Kajan, hinabführenden Querrücken in einem Tage überschreiten. Der Kajan entspringt in der Nähe auf dem Batu Telunjôn und strömt in nördlicher Richtung, in 600 m Höhe, durch ein ausgedehntes Hügelland, das die Bahau Apu Kajan nennen. Die Erhebungen bestehen hier hauptsächlich aus Rücken, die sich von der Wasserscheide aus nach Norden erstrecken; sie sind, wie die Wasserscheide selbst, aus altem Schiefergestein gebildet, das unter der allgemeinen Büschbedeckung verborgen, fast nur in den Flussbetten zum Vorschein kommt. Diese Schiefer sind schwach gefaltet und fallen im allgemeinen unter 45°-70° nach Süden; das Streichen ist 245°-275°. An einigen Stellen werden die Schiefer von Sandsteinschichten bedeckt. Diese sind 1-6 dm dick und liegen horizontal den älteren, geneigten Schieferschichten auf. Die Schiefer werden von Basaltgängen durchbrochen. Nach Auffassung der Bevölkerung dehnt sich das Gebiet des Apu Kajan bis zu der Stelle aus, wo der Kajan eine lange Reihe unüberwindlicher Wasserfälle, Baröm, bildet. Der Beschreibung zufolge muss der Fluss dort über eine grosse Strecke hin von sehr hohen Bergen eingeschlossen sein. Etwas Näheres wissen auch die Eingeborenen nicht über dieses ihnen selbst unbekannte und mystische Gebiet; künftige Forschungsreisen werden hoffentlich auch dorthin Licht bringen. Nach diesem kurzen geologischen Überblick über Mittel-Borneo betrachten wir uns im folgenden das Land, wie es sich dem Beschauer in seiner äusseren Gestalt darbietet. Man kann sich Mittel-Borneo am besten als ein mit Urwald bedecktes Gebirgsland vorstellen, dessen bedeutendste Flussläufe unter 200 m Höhe liegen und dessen höchste Bergspitzen 2000 m nicht überragen. So grosse Erhebungen kommen jedoch in der Nähe menschlicher Wohnungen nicht vor; Niederlassungen finden sich stets nur an den Flüssen und höher als 250 m liegen sie in Mittel-Borneo überhaupt nicht. Das ganze Land ist mit ununterbrochenen, Jahrhunderte alten Wäldern bedeckt, die, je nach der Höhe ihrer Lage, von einander verschieden sind. Diejenigen Wälder, mit denen der Mensch in Berührung kommt, zeigen eine äusserst üppige Vegetation, die zwischen einem Gerüst von Riesenstämmen mit alles überdeckendem Blätterdache eine Menge kleinerer Bäume, Sträucher und Kräuter gebildet hat, so dicht, wie sie hohe Temperatur und ständige Feuchtigkeit auf humusreichem Boden allein zu schaffen vermögen. Auf dieses alles überwuchernde Pflanzenkleid übt die menschliche Tätigkeit wenig Einfluss aus. Für seine relativ geringen Bedürfnisse fällt der Mensch stellenweise den Wald, dessen Boden für 1-2 Jahre als _ladang_ (trockenes Reisfeld) gebraucht wird; aber unmittelbar darauf wird diese kleine Lücke in der Buschbedeckung von der alles beherrschenden Vegetation wieder ausgeglichen, so dass binnen weniger Jahre nur der Eingeweihte die Spuren früherer menschlicher Arbeit erkennen kann. So wurde in früherer Zeit ein grosser Teil der tiefer gelegenen Wälder durch seine Bewohner gefällt, aber, wenn nicht hie und da steinerne Gerätschaften zurückgeblieben wären, käme man schwerlich auf die Vermutung, dass an Stelle dieser sogenannten Urwälder einst Reisfelder gestanden. Die ungestörte Ruhe, welche die verlassenen Reisfelder geniessen, gestattet dem Gestrüpp und Busch, sogleich wieder ihr Reich einzunehmen, und noch keine einzige Grasart, nicht einmal das im übrigen Indien so häufige und verbreitete _alang-alang_ hat sich im Gebirgslande von Mittel-Borneo entwickeln können. Erst seit ungefähr dreissig Jahren ist am oberen Mahakam Gras aufgetreten, zum grossen Verdruss der Bewohner, die es nun aus ihren Reisfeldern jäten müssen. Die Buschvegetation findet in der aequatorialen Lage des Landes eine mächtige Stütze, da der Einfluss der Passatwinde, der in höheren Breiten den Wechsel von Regen- und Trockenzeit hervorruft, sich hier nur in geringem Masse geltend macht. Daher erleidet die Vegetation von Mittel-Borneo niemals die Nachteile einer langdauernden Dürre, die den Graswuchs öfters begünstigt; auch schafft die grosse Ausdehnung der Wälder selbst, ausser der Zufuhr von Wasserdampf aus dem Meere, einen Überschuss an Feuchtigkeit in der Luft, während in den kühlen Räumen unter dem Blätterdache und im Boden beständig ein grosser Feuchtigkeitsvorrat angehäuft bleibt. Durch diese das ganze Jahr anhaltende Feuchtigkeit und den übermässigen Regen ist die Temperatur dieser Gegenden niemals besonders hoch und nur da, wo die Bevölkerung zum Bau der Wohnungen einen kleinen Teil des schützenden Pflanzenkleides zerstört hat, steigt um die Mittagszeit die Temperatur unter einem _kadjang_- (Palmblatt-) Dache auf 30°-31° C, sinkt aber auch nachts selten unter 20° C. In unmittelbarer Nähe der Berge, mehr am Mandai und Mahakam als im Tale des Mendalam, ist der Himmel oft bewölkt, und nachts bedecken tief hängende Wolken und Nebel den Wald. In der Regel beginnt die Bewölkung gleich nach Sonnenuntergang und verschwindet bei Sonnenaufgang; daher gehört ein klarer Sternhimmel in vielen Gegenden zu den Seltenheiten. Die Gipfel der Berge bleiben oft auch an heiteren Tagen bis zum Abend mit Wolken bedeckt. Das Gleiche gilt, mit geringen Ausnahmen, auch für die Küstengebiete, nur bewirken hier die Seewinde bisweilen kühlere Nächte. In höheren Regionen verändert sich der Charakter der Vegetation unter dem Einfluss häufiger und regelmässiger Regen auffallend schnell. Gegen die Berge aufsteigend, lassen die mit Wasserdampf stark geschwängerten Luftströme ihre Wassermassen in Form von Regen anhaltend niederfallen und ihre Wolken widerstehen der Sonnenwärme; dadurch kühlen die höheren Stellen so stark ab, dass man auf einer Höhe von 1000 m an, abgesehen von wenigen kleinen Bäumen und niedrigem Gestrüpp, eine dicke, alles überdeckende Moosvegetation antrifft, der man in Java nur auf einer Höhe von 2500-3000 m begegnet. Die Bewohner Borneos wurden bisher in Dajak (die ursprünglichen Inselbewohner) und Malaien (die eingewanderte Bevölkerung) eingeteilt; jene, sagte man, bewohnen das Binnenland, diese die Küsten. Im allgemeinen ist diese Einteilung richtig, aber hie und da, z.B. in Serawak, bewohnt die heidnische Bevölkerung das Land bis zur Küste, andrerseits leben Stämme, die sich auch Malaien nennen, bis tief ins Innere an den grossen Flüssen. Diese zwei Hauptgruppen sind ausserdem nirgends scharf geschieden, sondern haben sich stark vermischt, was zur Folge gehabt hat, dass sich die Bewohner vieler Orte zwar Malaien und Mohammedaner nennen, in Wirklichkeit aber beinahe oder ganz rein dajakischer Abstammung sind und sich zu einer Religion bekennen, die dem heidnischen Dajaktum viel mehr ähnelt als dem Mohammedanismus. Auch findet man, allerdings weniger häufig, Dajak, in deren Adern malaiisches Blut fliesst. Diese Vermengung wird durch die grossen Flüsse, die für Fahrzeuge der Eingeborenen bis tief ins Innere des Landes zugänglich sind, stark befördert. Die vorzugsweise seefahrenden Malaien konnten sich längs diesen Strömen leicht verbreiten. Wie sehr sich die Malaien an einen Verkehr zu Wasser gebunden fühlen, erkennt man überall daran, dass sie sich hauptsächlich an den grossen Strömen niederlassen und die Dajak in das Bergland an die Nebenflüsse zurückdrängen. Auch die allgemeine Bezeichnung der eingeborenen Bevölkerung Mittel-Borneos als Dajak ist nicht ganz zutreffend, da diese aus verschiedenen, ethnologisch scharf von einander geschiedenen Gruppen zu bestehen scheinen. Nach meinen im Jahre 1894 an 135 Dajak im Gebiete des oberen Kapuas ausgeführten anthropologischen Messungen scheinen sich diese Gruppen auch körperlich sehr verschieden zu verhalten. Dr. _Kohlbrügge_, der die Freundlichkeit hatte, meine Messungen zu bearbeiten, kam, ohne von den ethnologischen Verschiedenheiten der Stämme etwas zu wissen, auf Grund der Ergebnisse der Schädelmessungen und anderer Körpermerkmale zu der Vermutung, dass Mittel-Borneo von zwei Völkergruppen bewohnt wird, von denen die eine brachyzephal, die andere dolichozephal ist; diese kann zu den Indonesiern gerechnet werden [4]. Zu den Brachyzephalen gehören die Kajan; zu den Dolichozephalen die Ulu-Ajar Dajak am Mandai. Auch vom ethnographischen Gesichtspunkte aus sind diese zwei Gruppen durch ihre sehr verschiedenen Sitten und Gewohnheiten geschieden. Ausserdem sind sie geschichtlich getrennt, denn die Kajan gehören zur grossen Gruppe der Bahau- und Kenjastämme von Ost-Borneo, während die Ulu-Ajar zu den Stämmen gerechnet werden müssen, die als Ot-Danum und Siang am oberen Melawi, oberen Kahájan und oberen Barito wohnen. Dass Dr. _Kohlbrügge_ die Kajan auf Grund der Messungen für ein Mischvolk ansieht, ist sehr richtig, denn dieser Stamm ist seit 150 Jahren von seinem Stammland Apu Kajan am weitesten, bis in das Kapuasgebiet, fortgezogen, wo viele Sklaven, Abkömmlinge von Kriegsgefangenen verschiedenen Ursprungs und Individuen benachbarter Stämme durch Heirat in den Stamm aufgenommen wurden. Neben diesen zwei grossen Gruppen, welche die ackerbautreibenden Stämme umfassen, giebt es in Mittel-Borneo, in geringerer Zahl, auch Jägerstämme, die unter den Namen von Punan, Bukat und Beketan in den hohen Gebirgen, den Quellgebieten der grossen Ströme, ein Nomadenleben führen. Diese Stämme betreiben wenig oder gar keinen Landbau, sondern leben von Jagd, Fischfang oder Waldfrüchten. Sie scheinen älter als die beiden anderen Gruppen zu sein und gehören vielleicht zu den ältesten Bewohnern Borneos. Sowohl die Bahau- als die Kenjastämme haben zum gemeinsamen Stammland das Quellgebiet des Kajan bzw. Bulunganflusses, welches Apu Kajan oder Po Kedjin genannt wird. Früher wurden alle Stämme der Bahau und Kenja unter den Namen Paristämme zusammen gefasst. Augenblicklich bewohnen diese Stämme die Stromgebiete des ganzen Mahakam bis zum Mujub, des Berau und des Kajan, die alle an Borneos Ostküste ins Meer münden; ferner die Gebiete des Oberlaufs der Flüsse, die nach Norden strömen: des Limbang, des Baram und des Balúi oder Batang-Rèdjang. Von hieraus drang ein kleiner Teil der Bevölkerung in die Kapuasebene ein, wo er jetzt am Mendalam wohnt. Die Bewohner dieser Ländergebiete nennen sich, wie oben gesagt, teils Bahau teils Kenja. Zu den Bahau rechnen sich die Stämme am Mahakam bis zum Mujub. Oberhalb der Wasserfälle gehören also zu ihnen die: Seputan im Gebiet des Kasoflusses; Pnihing vom Howong bis zum Sumwé; Kajan vom Sumwé bis zum Dini; Long-Glat vom Dini bis zu den Wasserfällen; Ma-Suling am Merasè. Unterhalb der Wasserfälle des Mahakam gehören zu den Bahau die: Hwang-Sirow; Long-Wai; Uma-Lohat in Udju Halang; Hwang-Ana; Hwang-Tring in Tepu. Am oberen Batang-Rèdjang oder Balui fasst man die Bahaustämme unter dem Namen Kajan, der wieder verschiedene Stämme begreift, zusammen. Ebenso wohnen am Mendalam, dem nördlichen Nebenfluss des Kapuas, Bahau: die Kajan Uma-Aging zu Tandjong Karang und Tandjong Kuda, die Ma-Suling und Uma-Pagong weiter flussaufwärts. Zu den Kenja rechnen sich vor allen die Stämme, die augenblicklich noch im Apu Kajan wohnen, ferner die, welche sich an den nach Osten strömenden Flüssen niedergelassen haben, nämlich die am Tawang, Brau und Kajan. Auch die Stämme am oberen Limbang und oberen Baram gehören zu den Kenja. Die Kenjastämme, die gegenwärtig den Apu Kajan bewohnen, haben ihre Heimat an dem östlich gelegenen Iwan, einem linken Nebenfluss des Kajan. Neben diesem Nebenflusse befindet sich ein anderer, der Bahau, von dem wahrscheinlich der Name der Bahau herrührt, so dass diese also ursprünglich ebenfalls aus dem Osten herstammen. Es entspricht nämlich der Gewohnheit der Kenja und Bahau, den Stämmen den Namen des Flusses, an dem sie lebten oder leben, zu geben. So setzt sich der Name "Long-Glat" zusammen aus: "_long_" = Mündung und "Glat" = Name eines Nebenflusses des Oga. Ma-Suling = Uma Suling = Haus am Suling; Uma-Mehak = Haus am Mehak (Nebenflüsschen des Boh); Uma-Tepai =- Haus am Tepai (Nebenfluss des Mahakam); Hwang-Tring = Stamm vom Tring (Berg im Gebiet des Boh). Am Kajan wohnen von seinem Ursprung flussabwärts folgende Kenjastämme, die: Uma-Tow; Uma-Bom; Uma-Djalan; Uma-Tokong; Uma-Kulit; Uma-Baka; Uma-Bakong; Uma-Leken (unmittelbar oberhalb des Baröm). Die Bahau- und Kenjastämme wissen noch sehr wohl, dass sie vom Apu Kajan herstammen und die meisten können auch noch die Zeit ihrer Auswanderung angeben. Auch gegenwärtig finden solche Auswanderungen noch statt. Vor ungefähr dreissig Jahren sind die Kenja Uma-Time, die jetzt am Tawang wohnen, vom Kajan dorthin übergesiedelt; der Stamm der Uma-Bom hat jetzt den Plan, in das Tal des Boh zu ziehen und sich dort niederzulassen. Im Lauf der Zeit wandert ein solcher Stamm immer weiter flussabwärts, den Weg der meisten Bahaustämme, die jetzt am Mahakam wohnen, folgend. Obgleich die Geschichte ihrer Auswanderung den Stämmen sehr wohl bekannt ist, hat doch auch die Legende die Tatsache, dass alle vom Apu Kajan gebürtigen Stämme jetzt nach allen Himmelsgegenden zerstreut wohnen, zu erklären versucht: In alten Zeiten, heisst es, entstand zwischen dem Feuer (_apui_) und dem Wasser (_ata_) ein Zwist, der sich so steigerte, dass beide im Kampfe die Kräfte aufs äusserste anspannten. Wind und Regen kamen dem Wasser zu Hilfe, welches infolgedessen so sehr stieg, dass es alles Land mit Wäldern und allem überflutete. Dadurch erlosch das Feuer, aber auch alle Menschen bis zum Apu Kajan hinauf kamen um. Nur einige wenige, die in Böten sassen, blieben am Leben. Diese sahen keine andere Möglichkeit, das Wasser zum Sinken zu bringen, als eine der Ihren, _Hillo_, die Tochter eines Häuptlings, zu töten, indem sie ihr die Schulter durchhieben. Da fiel das Wasser plötzlich vom hohen Bergland hinunter und führte zugleich die in den Böten überlebenden Menschen nach verschiedenen Seiten auseinander. So wurden die Bewohner von Apu Kajan in alle Himmelsrichtungen zerstreut und sprechen heute so viele verschiedene Sprachen. Wenn irgend möglich, wohnen die Stämme im Mahakam- und Kajangebiete am Hauptfluss selbst; nur wenn der Wohnplatz für unsicher gehalten wird, wie nach dem Einfall der Batang-Lupar im Jahr 1885 am Mahakam, oder wenn eine starke Zunahme der Bevölkerung es gebietet, wie am Kajan, lassen sich Bahau und Kenja auch an Nebenflüssen, häufig hoch im Gebirge, nieder. Das Gleiche sehen wir am oberen Barito oder Murung, wo sich die Dajak vor den am Hauptfluss sich ansiedelnden Malaien an die Ufer der Nebenflüsse zurückgezogen haben. Eine Eigentümlichkeit aller Bahau besteht darin, dass sich ihre selbständigen Stämme, obgleich sie einander nicht bekriegen, doch auch nur wenig vermischen. Heiraten zwischen Pnihing, Kajan und Long-Glat kommen, beispielsweise, nur selten vor, noch viel seltener sind Verbindungen zwischen Bahau und Kenja. Demnach müssen Heiraten zwischen Gliedern von Stämmen, die verschiedenen Gruppen angehören, wie Bahau und Ot-Danum, früher eine grosse Seltenheit gewesen sein. Man sollte daher erwarten, dass sich das Blut der Stämme von Mittel-Borneo sehr rein erhalten habe, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bahau haben nämlich alle ihre gegenwärtigen Wohnplätze erst erobern müssen; am Mahakam fanden sie Stämme vor, die mit den Ot-Danum vom Kahájan und Melawie und den Siang vom oberen Barito verwandt waren. Die Bewohner wurden teils vertrieben, teils zu Sklaven gemacht und den Häuptlingen der Stämme zugeteilt. Diese Sklaven lebten anfangs in Familien, getrennt von den freien Gliedern des Stammes, aber allmählich wurden sie durch Heirat in den Stamm selbst aufgenommen, bei den Long-Glat z.B. beinahe vollständig. Daher bestehen die Bahaustämme am Mahakam gegenwärtig aus einer Mischung der dolichozephalen Ot-Danum mit den ursprünglichen Bahau, die wahrscheinlich brachyzephal waren. Ähnlich verhält es sich mit den Kajan am Mendalam. Die Kenjastämme im Apu Kajan jedoch müssen den ursprünglichen Charakter der Bewohner dieses Stammlandes noch sehr rein erhalten haben, und dürften daher für künftige anthropologische Untersuchungen einen ausgezeichneten Ausgangspunkt bilden. Noch ein anderer Faktor zwingt uns bei der Beurteilung der Reinheit eines Stammes zur Vorsicht und zwar folgender: in Anbetracht, dass die Zahl seiner Glieder für die Macht und den Einfluss eines Stammes auf die anderen von grösster Wichtigkeit ist, streben die meisten Häuptlinge danach, diese Zahl nach Möglichkeit zu vergrössern. Vor allem suchen sie Heiraten ihrer Stammesgenossen in fremde Stämme zu verhindern; sobald sie sich aber stark genug dazu fühlen, wie die Long-Glat im Anfang des 19. Jahrhunderts, bekriegen sie schwächere Stämme und zwingen sie, mit ihnen zusammen zu wohnen und zwar als ihre Untergebenen, nicht als Sklaven. Es leben jetzt noch unter den bereits getrennten Long-Glat die Stämme der Ma-Tuwan, Manok-Kwe, Uma-Tepai, Uma-Wak und Batu-Pala, die wahrscheinlich auch vom Apu Kajan gebürtig sind. Merkwürdiger Weise haben diese oft nur 100 Individuen zählenden Stämme sich ihre eigenen Sprachen und Sitten erhalten; Heiraten mit den Long-Glat kommen jedoch häufig vor. So kann auch auf diesem Wege Vermischung stattfinden. In letzter Zeit ist in Borneo ein neues Moment entstanden, das die scharfen Gegensätze zwischen den verschiedenen Völkergruppen und die grosse Feindschaft, die früher zwischen ihnen herrschte, zum Verschwinden bringt: es ist die europäische Nachfrage nach den Buschprodukten Borneos, vor allem nach Guttapercha und Rotang. Infolge dieser Nachfrage vereinigen sich Männer aus den entlegensten Gegenden der Insel in Gruppen und ziehen als Buschproduktensucher überall hin, wo diese Artikel noch zu finden sind. Diese Banden sind stark genug, um den Widerstand einzelner Stämme, die sie nicht aufnehmen wollen, zu brechen und sich allmählich auf freundschaftlichen Fuss mit ihnen zu stellen. Daher erscheinen jetzt Ot-Danum und Siang, die sich früher, wegen der feindlichen Gesinnung der Bahau, nie in das Gebiet des Mahakam wagten, scharenweise bei ihnen und gehen nicht selten sogar eine vorübergehende Eheverbindung mit deren Frauen ein. Auch die Malaien der Küste haben begonnen, sich an dem Sammeln von Buschprodukten stark zu beteiligen; in grosser Zahl ziehen die Männer aus ihren Dörfern am Unterlauf der Flüsse nach deren Quellgebieten, um in ihren noch unberührten Wäldern nach Rotang und Guttapercha zu suchen. Man findet daher gegenwärtig in ganz Borneo Malaien, was für die einheimische Bevölkerung neben einigen Vorteilen sehr grosse Nachteile mit sich bringt. Bei sämmtlichen Bahau und Kenja ist die Organisation der Gemeinwesen in der Hauptsache die gleiche, was sich aus der Verwandtschaft dieser beiden Stammgruppen sehr wohl erklären lässt. Ich beschränke mich daher darauf, hier nur die Verfassung des Stammes der Mendalam Kajan ausführlich zu besprechen und bei anderen Stämmen vorkommende Abweichungen gelegentlich zu erwähnen. Es sei mir gestattet, einige geschichtliche Bemerkungen über diese Kajan vorauszuschicken. Der Stamm der Kajan bewohnt die Ufer des Mendalam gemeinsam mit dem der Ma-Suling und Uma-Pagong, mit denen sie, nach ihren geschichtlichen Überlieferungen, gemeinsame Abstammung aus dem Quellgebiet des Kajanflusses verbindet. Eine Hauptursache der Auswanderung bildete die zu starke Zunahme der Bevölkerung; den unmittelbaren Anstoss gab aber ein unter den Stämmen ausgebrochener Zwist. Die Vorfahren der eben erwähnten Bahaustämme durchzogen damals das zwischen dem Berge Batu Tibang und der Oga-Quelle gelegene Land, in dessen ausgedehntem Urwald sich noch heute Spuren ihrer früheren grossen Niederlassungen finden. Von hier wanderten sie nach dem Njangéjan, einem Nebenfluss des Batang-Rèdjang, den sie später wieder verliessen, um nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander zu gehen. Der eine Teil zog an den oberen Mahakam, wo er heute noch im Tal seines Nebenflusses, des Merasè, wohnt; der andere Teil begab sich in das Gebiet des oberen Kapuas, wo er jetzt am Mendalam lebt. Bevor er sich jedoch hier niederliess, bewohnte er lange Zeit das Tal des Sibau, in welches er längs dem Batang-Rèdjang, auf dem heute noch gebräuchlichen Wege, gelangt war. Obgleich es sicher 150 Jahre her sind, seit die Mendalam Kajan dort wohnten, machen ihre Häuptlinge doch jetzt noch auf diese Gebiete und besonders auf die damals gepflanzten Fruchtbäume Ansprüche geltend. Während ihres Aufenthaltes am Sibau trennte sich auch dieser Zweig nochmals; ein Teil blieb am oberen Kapuas, der andere fuhr den Fluss hinunter und liess sich an verschiedenen Orten des Hauptstromes bis unterhalb Semitau nieder. Aus verschiedenen Ursachen nahmen seine Glieder hier aber so stark an Zahl ab, dass ihre Häuptlinge beschlossen, zum alten Zweig am oberen Kapuas zurückzuziehen. Sie wurden dort aufgenommen, nachdem sie sich eidlich verpflichtet hatten, nicht wieder fortzuziehen. Als sie später trotz ihres Eides wiederum den Kapuas abwärts auswanderten, gingen sie dort aus unbekannten Ursachen völlig zu Grunde. Die drei überlebenden Kinder aus der Häuptlingsfamilie wurden von dem alten Stamm wieder aufgenommen und verbanden sich durch Heirat mit ihren früheren Stammesgenossen. Auch dieser sesshaftere Teil der Bahaustämme wechselte seinen Wohnplatz, sei es aus Mangel an geeignetem Boden für seine Reisfelder, sei es, weil er an einem bestimmten Ort zu stark von Krankheiten, die von den vielen dort hausenden Geistern ausgehen sollen, heimgesucht wurde. Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erhielten die Kajan den unerwünschten Besuch von Scharen ihrer Verwandten aus dem Gebiet des oberen Mahakam. Diese waren damals sehr mächtig und zogen unter Anführung zweier grosser Long-Glathäuptlinge, _Ledju_ und _Ibau_, durch ganz Mittel-Borneo brandschatzend umher. Während aber das Haus der Taman am Mendalam und viele andere am Kapuas von ihnen verwüstet wurden, blieb das der Kajan am Mendalam verschont und zwar, der Überlieferung nach, aus dem Grunde, dass Ledju, durch das Erscheinen eines aussergewöhnlich grossen und starken Kajan, namens _Bang_, erschreckt den Kampf einstellte. Im Friedensschluss kam man überein, dass Tipong Aging, die Tochter des vornehmsten Kajanhäuptlings, _Ledju_ als Gattin an den Mahakam folgen sollte. Fährt man heute den Mendalam einige Stunden weit aufwärts, so trifft man zuerst die Niederlassung von Tandjong Karang, bewohnt von dem Stamm, genannt Kajan Uma-Aging; etwas weiter oben, in Tandjong Kuda, wohnt ein anderer Teil des gleichen Kajanstammes, während noch weiter oben am Fluss die Ma-Suling und der Stamm Uma-Pagong gemeinsam wohnen. Der Rest des Tamanstammes, der vor der Ankunft des _Ledju_ sehr stark war, lebt jetzt teils mit den Ma-Suling und Uma-Pagong, teils mit den Kajan in Tandjong Karang zusammen. Die Kajan Uma-Aging haben sich erst vor wenigen Jahren infolge von Zwistigkeiten in der Häuptlingsfamilie getrennt. Sie wohnten früher gemeinsam in Tandjong Karang, aber neben _Seniang_, dem Manne der _Bulan_, die eigentlich allein erbberechtigter Häuptling war, hatte auch _Akam Igau_, der Gatte von _Seniangs_ verstorbener Schwester, viel Einfluss und Ansehen gewonnen; die beiden Schwäger konnten sich jedoch nicht vertragen. Als _Seniangs_ Sohn _Tigang_ einst einen heftigen Streit herbeiführte, zog _Akam Igau_ mit einem grossen Teil der freien Kajan und Leibeigenen an das gegenüberliegende Ufer und. baute sich dort ein neues Tandjong Karang. Auch _Seniangs_ Familie zog später mit dem Rest der Kajan weiter den Fluss hinauf und liess sich in dem jetzigen Tandjong Kuda nieder. Seit ungefähr zehn Jahren wohnen diese Häuser oder Stämme nun getrennt in kleinem Abstand von einander und die gegenseitigen Eifersüchteleien und Zwistigkeiten haben in dieser Zeit nicht abgenommen. Trotz des vielen Herumschweifens haben die Kajan die ursprüngliche Organisation ihres Gemeinwesens nicht verändert. Ein Stamm der Kajan besteht aus folgenden Gliedern: einem Häuptling (hipui), Freien (_panjin_) und Sklaven (_dipen)_. Während der Häuptling stets einer bestimmten, bevorrechteten Familie angehört, setzen sich die Freien aus lauter Familien von der gleichen Rangstufe und den gleichen Rechten zusammen. Die Leibeigenen sind meistens Nachkommen von Kriegsgefangenen und Eigentum des ganzen Stammes; ihre Arbeit kommt dem Häuptling zu Gute, der sie dafür zu unterhalten hat. Ab und zu werden Sklaven von den nomadisierenden Jägerstämmen, die sie auf ihren Kopfjagden erbeuteten, gekauft. Die eingeborenen Sklaven und auch die, welche einmal das Haus ihrer Herren betreten haben, dürfen nie mehr verkauft und auch nie auf den Gräbern der Häuptlinge geopfert werden; zu letzterem Zweck wurden früher die gekauften Sklaven verwendet. Wegen Schulden oder Missetaten wird bei den Bahau nie jemand zum Sklaven gemacht. Das Ansehen eines Häuptlings hängt im allgemeinen von der Höhe seiner Geburt ab. Die Häuptlingswürde ist erblich. Bei der Nachfolge wird aber nicht nur auf das Alter der Kinder, sondern auch auf deren Befähigung für das Häuptlingsamt Rücksicht genommen: Der Häuptling bestimmt oft schon bei Lebzeiten den Nachfolger und ist dieser einmal erwachsen, so spielt er häufig eine grössere Rolle als sein Vater. Zu den physischen Gebrechen, die einen Sohn an der Nachfolge hindern, gehören Taubheit und Blindheit. So konnte _Adjang_, der älteste Sohn _Seniangs_, seiner Taubheit wegen, nicht Häuptling von Tandjong Kuda werden; es erbte daher sein jüngerer Bruder, _Tigang_, die Häuptlingswürde. Charakterfehler können die Nachfolge nicht verhindern, sie geben aber öfters zu heftigem Widerspruch seitens der Untertanen und nicht selten auch zu einer Spaltung des Stammes Anlass. Die grössten Tugenden eines Häuptlings sind: Uneigennützigkeit und Rechtschaffenheit; neben diesen werden auch Tapferkeit und Redegewandtheit geschätzt, aber in geringerem Masse. Der Häuptling gewinnt sich die Gunst der Seinen hauptsächlich durch Milde und Freigebigkeit und diese Eigenschaften sind auch für alle, die mit den Bahau in Berührung kommen, eine Grundbedingung zu einem guten Empfang. Die Häuptlingswürde kann auch auf die Töchter übergehen, die Söhne werden aber bevorzugt. Ist eine Frau jedoch einmal zum Häuptling gewählt, so geniesst sie alle Ehren, die ihrer Stellung zukommen. Der Häuptling vertritt seinen Stamm nach aussen, übt durch Auferlegung der Strafen die richterliche Gewalt im Stamm, hat die Nutzniessung der Leibeigenen und ist Inhaber des allgemeinen Eigentums, wie alter, halb heiliger Erbstücke (_dawan una)_. Nicht nur weltlichen, sondern auch geistigen Mächten gegenüber muss ein Häuptling die Interessen der Seinen vertreten; daher leitet er alle bei den Ackerbaufesten stattfindenden religiösen Zeremonien ein. Da jedes Verfahren, das der Reisbau erfordert, mit einer religiösen Feier begonnen werden muss, giebt der Häuptling das Zeichen für den Anfang jeder neuen Periode. Obgleich der Häuptling nicht zur eigentlichen Priesterschaft gehört, muss er doch die Verbotsbestimmungen, gleich wie die Priester, strenger als alle übrigen befolgen. Ferner fallen dem Häuptling grösstenteils die Kosten der öffentlichen Festmahlzeiten und der Sold für die Priester zur Last; auch hat er für die Entrichtung der Bussen, die dem Stamm durch Feinde oder die Regierung auferlegt werden, zu sorgen. Alle innerhalb des Stammes ausgebrochenen Zwistigkeiten werden bei den Kajan durch den eigenen Häuptling geschlichtet, sehr im Gegensatz zu den benachbarten Stämmen der Taman-, Sibau- und Kantu Dajak, die keine andere Autorität als die des holländischen Beamten anerkennen und ihn daher ständig mit kleinlichen Angelegenheiten belästigen. Die Mendalam Kajan wenden sich nur dann an den Kontrolleur, wenn Häuptlinge untereinander in Streit geraten und eire entscheidende Macht somit fehlt. Erhält der Stamm Besuch von fremden Gästen, so nimmt der Häuptling die Gastherrnpflichten auf sich, auch wenn der Besuch einen Monat lang bleibt; sind die Gäste jedoch zu zahlreich, so werden sie unter die verschiedenen Familien verteilt, die in der Hilfe, die ihnen die Fremden bei ihrer Arbeit leisten, einigermassen Entschädigung finden. Ein Besuch kann sich nämlich, durch plötzliches Eintreten einer Verbotszeit bei Erntefesten oder beim Tode angesehener Personen, sehr in die Länge ziehen, da Fremde in dieser Zeit das Haus nicht verlassen dürfen. Hat sich ein Glied eines Stammes etwas zu Schulden kommen lassen, so wird sein Vergehen dem Häuptling vorgetragen und diesem liegt die Rechtsprechung ob; er fällt sein Urteil jedoch nicht nach persönlicher Überzeugung oder Willkür, sondern nach den überlieferten, dem Stamme eigenen Gesetzen, die als Gewohnheitsrechte (_adat_) bezeichnet werden. Da die _adat_ sehr verwickelt ist, ruft der Häuptling vor jeder Rechtsprechung die tüchtigsten, angesehensten und ältesten Männer der Freien, _mantri_ genannt, zusammen und berät mit ihnen die Angelegenheit. In gleicher Weise wie die Priester für die Erfüllung der religiösen _adat_ zu sorgen haben, müssen die _mantri_ auf die Befolgung der weltlichen _adat_ achten; sie bilden die ausführende Macht im Gemeinwesen der Kajan, üben aber auch auf jeden Beschluss grossen Einfluss aus. Vor jeder Rechtshandlung werden nicht nur die _mantri_, sondern mit deren Hilfe auch die betroffenen Parteien und sämmtliche Bewohner des Hauses, Leibeigene und Frauen inbegriffen, zu einer öffentlichen Versammlung einberufen, und jedem steht das Recht zu, sich frei zu äussern. Derartige Versammlungen werden häufig abends oder an Tagen, an denen schwere Arbeit oder ein Verlassen des Hauses verboten ist, abgehalten und dauern oft eine ganze Nacht, bisweilen auch noch den folgenden Tag. Lässt sich ein Kajan einem anderen gegenüber Diebstahl, Ehebruch oder Mord zu Schulden kommen, so kann sein Vergehen mit einer Busse gesühnt werden. Körperliche Strafen, Gefängnisstrafe und vorgeschriebene Blutrache kommen in diesem Falle nicht zur Anwendung. Den unmittelbaren Tod heischt die _adat_ nur für Personen, die dem öffentlichen Interesse gefährlich sind oder zu sein scheinen. Die Bussen werden teils der geschädigten Partei, teils dem Häuptling ausbezahlt, der bei der Auferlegung der Strafen vorsichtig zu Werke gehen muss; denn zeigt er einen Schimmer von Habsucht, so läuft er Gefahr, die Volksgunst zu verlieren. Die Busse trägt den Charakter einer Schadloshaltung. Hat z.B. ein frei herumlaufendes Schwein einen Teil eines Reisfeldes vernichtet, so steht es dem Besitzer des Ackers frei, das Tier zu töten. Dessenungeachtet ist er aber verpflichtet, dem Besitzer des Schweines ein anderes Tier als Ersatz zu liefern. Der Eigentümer des Schweines wiederum muss den auf dem Reisfelde verursachten Schaden vergüten. Auch Mordtaten werden mit Bussen gestraft; nur wenn die Bussen nicht bezahlt werden oder nicht auferlegt werden können, weil der Täter entflohen ist oder einem feindlichen Stamme angehört, tritt die Rache in den Vordergrund. Sie trifft jedoch nicht immer die schuldige Person, sondern auch deren Stammesgenossen, wenn die Gelegenheit sich gerade dazu bietet. Handelt es sich um den Mord mehrerer Personen, der häufig durch Geisteskranke geübt wird, so wissen sich die Bahau nicht anders zu helfen, als indem sie den Mörder töten. In einzelnen Fällen, wenn der Mord nicht vollständig ausgeführt wurde, werden dergleichen Personen auch in kleinen Häuschen oder in gesonderten Räumen des grossen Hauses eingesperrt und verpflegt. Steht ein Stammesglied im Verdacht, Gift (_puli_) zu besitzen, mit dem es Menschen tötet oder krank macht, so riskiert es, von dem einen oder anderen niedergemacht zu werden, natürlich oft unschuldiger Weise. Bei Ehebruch kommt es vor, dass der betrogene Ehemann die Schuldigen, wenn er sie überrascht, tötet; er ist jedoch verpflichtet, für die getötete Person Schadenersatz zu bezahlen. Nicht immer hat der Ehebruch eine Scheidung der Gatten zur Folge. Frauen, welche ausserehelich schwanger werden, und die schuldigen Männer haben nach Anschauung der Bahau eine Missetat begangen, welche die Geister erzürnt und dem Stamme Unglück bringt. Die Strafe, die man ihnen auferlegt, gleicht daher einem Opfer an die Geister. Die Long-Glat am Mahakam lassen die Schuldigen mit einem Schwein als Opfergabe auf einem Floss mit der Strömung flussabwärts treiben. Das Schwein ertrinkt in den Wasserfällen, während sich das schuldige Paar durch Schwimmen rettet. Zur Entdeckung des Schuldigen sah ich die Bahau von folgendem Mittel Gebrauch machen: Der Bestohlene liess jeden ein Ei anrühren in der Überzeugung, dass der Schuldige das Ei nicht zu berühren wagen würde, aus Furcht krank zu werden. Die Bahau schwören auf den Zahn des Königstigers; in ernsten Fällen jedoch geschieht die Eidesleistung unter gleichzeitigem langsamem Töten eines Hundes. Dem Tiere werden mittelst eines Schwertes Stichwunden beigebracht und derjenige, der den Eid leistet, bestreicht sich mit dem ausströmenden Blute. Bei Meineid wird der Schuldige, nach dem Glauben der Bahau, später durch den Hund, d.h. durch den Geist, der in ihm steckte, verfolgt, gebissen und getötet. Die Vollziehung der Strafen ist für die _mantri_ keine leichte Aufgabe, denn sie besitzen keine Zwangsmittel und im Kajanstaat geniesst jeder die grösste Freiheit. Die _mantri_ finden aber für die Aufrechterhaltung der Ordnung in zwei Faktoren eine wesentliche Stütze: erstens in der Achtung der Kajan vor der öffentlichen Meinung, zweitens in ihrer Furcht, bei Übertretung der _adat_ zur Strafe krank zu werden, dem sog. "_takut parid_." Dass Menschen, die ihr ganzes Leben gemeinsam in einem Hause, in unmittelbarer Nähe von einander, verbringen, doch ein so ausgesprochenes Gefühl der Eigenwürde und beinahe eine Überempfindlichkeit für die Meinung ihrer Umgebung besitzen, setzt uns in Erstaunen. Die _adat_ und die Art ihrer Handhabung ist überhaupt nur bei einem Stamm mit derartigem Charakter denkbar. Wird in einer öffentlichen Versammlung oder durch den Häuptling und die _mantri_ einem Schuldigen eine Busse auferlegt, so wagt er es nur in seltenen Fällen, sich zu widersetzen. Es kommt noch hinzu, dass sich seine ganze Familie bei der Angelegenheit betroffen fühlt. Nicht minder als die öffentliche Meinung trägt das "_takut parid_" dazu bei, im Staate und in der Familie der Kajan Ordnung und Sitte aufrecht zu erhalten. Der Aberglaube _parid_, krank, kachektisch zu werden, sobald man dieses oder jenes Verbot übertritt, übt auf das Tun und Lassen von alt und jung den grössten Einfluss aus. Im allgemeinen wird bei den Kajan jemand _parid_, wenn er etwas tut oder anrührt, das nur Älteren oder Höherstehenden zukommt. Das _takut parid_ gilt somit nicht für sämmtliche, sondern nur für besondere Übertretungen. Kindern ist es verboten, Gegenstände, die älteren Männern oder dem Häuptling gehören, hauptsächlich aber Kriegswaffen, anzurühren. Junge Männer dürfen keine Schwertgriffe aus Horn schnitzen oder eiserne Schwerter und Speere gravieren oder Gestelle für Reiskörbe mit Rotang umflechten oder endlich sich nicht mit den Schwanzfedern des Nashornvogels schmücken--alle diese Dinge sind nur alten, tapferen Männern gestattet. In bezug auf alles, was den für die Borneobewohner mystischen Tiger (_ledjo_) betrifft, ist jeder in hohem Masse _takut parid_; nur einige der vornehmsten Häuptlinge wagen es, den Zahn eines Königstigers anzurühren. Als ich daher auf meiner letzten Reise als grosses Geschenk für die obersten Häuptlinge am Mahakam einige Tigerzähne aus Java mitnahm, hütete ich mich davor, zu verraten, in welcher Kiste sie sich befanden, da sonst kein Kajan sie hätte tragen wollen. Aus dem gleichen Grunde musste ich auch einen Tigerschädel in Putus Sibau zurücklassen. Jeder fürchtete sich davor, auch nur mit dem Staub des Tigerzahnes in Berührung zu kommen, den _Demmeni_ für den Pnihinghäuptling _Belarè_ einst feilte. Auch in allem, was den Gottesdienst angeht, seien es Gebräuche, Verbote oder religiöse Gegenstände, ist jeder Laie _takut parid_. Selbst die jungen Priesterinnen können _parid_ werden und nur die ältesten, wie _Usun_ in Tandjong Karang, wagten es, über ihre Wissenschaft zu sprechen und religiöse Gegenstände (_barang lali_) für mich nachzumachen. Dass in einem Gemeinwesen, das, wie wir gesehen haben, mehr durch die öffentliche Meinung und abergläubische Furcht als durch Gesetz und Recht zusammengehalten wird, einzelne Individuen mit ausgesprochener Persönlichkeit; leichter als wo anders, eine leitende Rolle zu übernehmen im stande sind, ist selbstverständlich. Daher hat der Häuptling auch hauptsächlich diesen einzelnen Rechnung zu tragen, die grosse Menge folgt von selbst. Treten jedoch aussergewöhnliche Ereignisse ein, wie z.B. meine Expedition zum Mahakam, so fühlt sich auch eine Persönlichkeit wie _Akam Igau_ auf unsicherem Boden; denn sobald das Gewohnheitsrecht, keine Bestimmungen getroffen hat, ist der Häuptling seinen Untergebenen gegenüber machtlos. Zwar wagen diese ohne des Häuptlings Hilfe nichts zu beginnen, aber er hat kein Mittel, seine Leute zu zwingen, sich an einem besonderen Unternehmen zu beteiligen, sondern jeder beschliesst selbst, ob er mithält oder nicht. In Anbetracht, dass sein Ansehen zum grossen Teil von der Wohlgesinntheit seiner Untergebenen abhängt, zieht sich ein Häuptling, sobald es darauf ankommt, etwas Aussergewöhnliches durchzusetzen, gern zurück und schiebt die Entscheidung am liebsten einem anderen zu: Der freie Kajan (_panjin_) hat dem Häuptling gegenüber keine andere Verpflichtung, als ihm bei jedem neuen Verfahren, das der Reisbau erfordert, einen Arbeitstag zu leisten, ferner ihm bei der Ausführung grösserer Arbeiten, wie bei der Herstellung und beim Transport von Böten durch den Wald, sowie beim Bau seiner Wohnung behilflich zu sein. Wird für den ganzen Stamm ein neues Haus gebaut, so liefert jede Familie, ausser dem Material für die eigene Wohnung, noch einen Pfahl, einige Planken und 100 Schindeln zum Bau der Häuptlingswohnung (_amin aja)_. Der Häuptling wiederum ist verpflichtet, mit seinen Sklaven demjenigen zu helfen, der aus irgend einem Grunde sein Feld nicht bebauen kann oder sonst der Unterstützung bedürftig ist. Ein derartiges gegenseitiges Hilfeleisten ist bei den. Kajan sehr üblich; bei jeder besonderen Ausgabe oder Unternehmung wendet man sich um Leistung von Geld oder Arbeitskraft an die Opferwilligkeit der Verwandten und Dorfgenossen. Heiratet z.B. ein Kind des Häuptlings, so beteiligen sich alle Stammesgenossen an den Festkosten; für öffentliche Festmahlzeiten liefert jeder etwas gewöhnlichen Reis oder Klebreis; hat ein Häuptling eine ansehnliche Busse zu bezahlen, wie _Akam Igau_, als er sich zu bald nach dem Tode der ersten Frau. wieder verheiratete, so trägt jeder seines. Anteil bei. Befindet sich ein Kajan in Not, so sind in erster Linie seine Anverwandten, in zweiter der Häuptling verpflichtet ihm zu helfen. Nicht nur bei öffentlichen, sondern auch bei privaten Festen hat der Häuptling eine besondere Rolle zu erfüllen: die Kinder, die zu Neujahr einen Namen erhalten, werden ihm zugetragen, damit er sie mit Wasser besprenge; will ein junger Mann in eine andere Niederlassung hineinheiraten, so muss ihm der Häuptling hierzu seine Bewilligung erteilen und der neue Häuptling erhält ein Geschenk; sind keine Angehörigen vorhanden, so fällt dem Häuptling die Vormundschaft und die Vermögensverwaltung der Waisen bis zu deren Volljährigkeit zu. Was die Verpflichtungen der Leibeigenen (_dipen_) gegenüber dem Häuptling betrifft, so liegt ihnen, wie erwähnt, alle Arbeit in Wald, Feld und Haus ob. Oft tritt auch Arbeitsteilung ein, so dass Männer und Frauen ohne kleine Kinder mehr ausserhalb des Hauses arbeiten, die anderen dagegen das Reisstampfen, Kochen, Reinigen der Wohnung und dergleichen übernehmen. Die Sklaven arbeiten unter Aufsicht der Häuptlingsfamilie oder unter der bestimmter, von dem Häuptling erwählter Personen. Das Verhältnis von Herr und Knecht ist jedoch derart, dass man lange unter den Kajan gelebt haben muss, um zu wissen, wer eigentlich Leibeigener ist. Besonders fähige Sklaven schickt der Häuptling oft für Monate auf Reisen, um unter verwandten Stämmen am Mahakam oder Batang-Rèdjang Handel zu treiben. Da den Sklaven hierbei ein Teil des Gewinnstes zufällt, bringen sie es oft zu grösserer Wohlhabenheit als die freien Kajan. Die Leibeigenen dürfen ausserdem noch für ihren unmittelbaren Vorteil arbeiten; früher scheint der Häuptling regelmässig einen bestimmten Prozentsatz ihres Gewinnes für sich beansprucht zu haben, gegenwärtig macht _Akam Igau_ nur selten von diesem Recht Gebrauch. Anders verhält es sich in Tandjong Kuda, wo der Häuptling arm ist. Für 100 Dollar kann sich ein Leibeigener am Mendalam loskaufen; ich habe aber nie von einem solchen Fall gehört. Ebenso ungewöhnlich sind Fluchtversuche Leibeigener aus Unzufriedenheit über ihr Los. Die meisten der gegenwärtigen Sklaven sind im Stamme geboren und können sich nirgends anders niederlassen, wenn ein anderer Häuptling sie nicht unter seinen Schutz nimmt. Wie die freien Kajan, haben auch die Leibeigenen mannigfach Gelegenheit, sich durch persönliche Eigenschaften eine einflussreiche Stellung zu verschaffen; sie können sogar in die Priesterschaft aufgenommen werden und sich durch ihr Amt ein bedeutendes Einkommen erwerben; auch können sie es im Kriege bis zum Anführer bringen. In der Häuptlingswohnung essen die Leibeigenen gesondert, auch schlafen sie in besonderen Abteilungen. Die Sklaven heiraten meist unter einander, aber eine Verbindung mit freien Kajan gehört nicht zu den Seltenheiten. Die Freien übernehmen durch eine Heirat mit Sklaven deren Verpflichtungen, sie "heiraten in die grosse Wohnung" = "_ngahawa halam amin aja_," wie der offizielle Ausdruck lautet. In Wirklichkeit aber zieht das junge Paar nur selten in die Häuptlingswohnung, meist erhält es eine selbständige Wohnung im grossen Hause. Erfolgt Scheidung, so tritt der Freie in seinen früheren Stand zurück und die Kinder folgen teils dem Vater teils der Mutter; eine besondere Bestimmung hierüber habe ich nicht ausfindig machen können. Als allgemeines Eigentum des Stammes dürfen die Sklaven nie verkauft, bei Erbschaft verteilt oder bei der Heirat eines Häuptlings von ihm in eine andere Niederlassung mitgeführt werden. Den Sklaven wird nur selten gestattet, in ein anderes Dorf zu heiraten. Man sollte nicht erwarten, dass in einem Staate, in welchem, dank seiner freien Organisation, der niederste Sklave durch persönliche Eigenschaften zu Einfuss und Ansehen gelangen kann, das Gefühl für Standesunterschiede sehr ausgeprägt ist--und doch ist dies bei den Kajan in hohem Masse der Fall. Sie unterscheiden in ihrem Gemeinwesen nicht nur Häuptlinge, Freie und Sklaven, sondern zwischen diesen noch verschiedene Übergangsstufen und zwar in der Art, dass eine bestimmte Stellung ihren Familien zwar rechtlich, aber nicht gesellschaftlich, zukommt. Dem Häuptling wird z.B. nachgerechnet, ob unter seinen Vorfahren Freie vorkommen und wie viele, ob Fremde oder nur Glieder verwandter Stämme in seine Familie hineingeheiratet haben; von allen diesen Verhältnissen ist sein Ansehen abhängig. Unter den _panjin_ wiederum giebt es Familien, die seit alters zum Stamme gehören, in die womöglich Glieder der Häuptlingsfamilie durch Heirat aufgenommen worden sind, die sich nicht mit Fremden oder Sklaven vermischten und die überdies reich sind; man nennt sie _Panjin saju_ = schöne Freie. Ihre ältesten Glieder üben einen besonderen Einfluss im Staate. Dagegen giebt es andere _panjin_, denen alle diese günstigen Umstände fehlen und die daher eine viel tiefere gesellschaftliche Stufe einnehmen. Sind diese Familien lange arm gewesen oder haben sie öfters Sklaven oder Glieder fremder Stämme durch Heirat aufgenommen, so geniessen sie unter ihren Dorfgenossen oft viel weniger Ansehen als wohlhabende Sklavenfamilien, die kluge und einflussreiche Glieder zu den Ihrigen zählen. Die Kajan dichten ihren Häuptlingen gern eine besonders hohe Herkunft an, so lassen sie _Akam Igau_, dessen Vater vom Mahakam gebürtig war, von den guten Geistern des Apu Lagan abstammen. Die Legende lautet folgendermassen In alten Zeiten feierte das Haus der Uma-Aging am oberen Kajan einst das Saatfest (_tugal_). Nachdem der Häuptling _Ledjo Aging_ mit den Priesterinnen auf dem heiligen Reisfelde (_luma lali_) alle Zeremonien ausgeführt und einen _pelale_ (Opfergerüst mit Opferspeisen) errichtet hatte, bemerkte er beim Nachhausekommen, dass er sein Messer, das er bei der Arbeit gebraucht hatte, auf dem Opferplatze hatte liegen lassen. Als _Ledjo_ allein auf das Feld zurückkehrte, fand er dort zu seinem Erstaunen eine Schar weiblicher Geister aus dem _Apu Lagan_ (Aufenthaltsort der guten Geister), die die Aufforderungen der Priesterinnen er hört hatten und sich an den auf dem _pelale_ niedergelegten Opferspeisen gütlich taten. Bei _Ledjos_ Kommen entflohen die Jungfrauen bis auf eine, die mit ihrem langen, prachtvollen Haar am Opfergerüst hängen blieb und so dem Häuptling in die Hände fiel. _Ledjo_ nahm das schöne Mädchen mit der heller Hautfarbe nach Hause und überredete es, als seine Gattin bei ihm zu bleiben. In damaliger Zeit war es aber im Kajanlande immer hell, daher schämte sich Jungfrau _Mang_ vor innigeren Beziehungen und stieg zu ihrem Himmel hinauf, um von dort den Schutz des nächtlichen Dunkels in ihre neue irdische Heimat herniederzubringen. _Mang_ brachte die Finsternis in einem _samit_ (Palmblattsack) mit, den sie, zu Hause angekommen, im Gemache niederlegte, worauf sie sich nach der langen Reise etwas Erholung und Erfrischung gönnte. Ein neugieriges Kind, das wissen wollte, was sich in dem Sacke befand, schnitt ein Loch hinein; da entfloh die Finsternis und breitete sich zum Schrecken des Stammes über das ganze Land aus. Die Kajan wussten in ihrer Angst nicht, was sie beginnen sollten und entwarfen allerhand Pläne, um dem Unglück zu wehren, als die Hähne zu krähen anfingen und es wieder Licht wurde. Seit der Zeit kehren Nacht und Tag regelmässig zu den Menschen zurück. Nun war _Mangs_ Eheglück vollkommen und bald darauf wurde sie schwanger. Als sie nach etlichen Monaten mit vielen anderen ihres Stammes auf einer Geröllbank mit Fischen beschäftigt war, fühlte sie, dass ihre Stunde gekommen sei. Sie zog sich daher zurück und hockte in der Ferne nieder, um ihr Kind zur Welt zu bringen. _Ledjo_ und die Seinen dachten aber, dass sie nur einem Bedürfnis nachkommen wolle; denn bis dahin war es bei den Kajan üblich gewesen, wenn ein Kind geboren werden sollte, der schwangeren Frau den Leib aufzuschneiden. Von Mang lernten die Kajan nun ein besseres Verfahren; denn bald brachte sie ihrem Gatten ein Töchterchen, _Do Neha_ (_neha_ = Geröllbank). Als _Do Neha_ erwachsen war, konnte Mang ihre Sehnsucht nicht länger bezwingen und kehrte zum _Apu Lagan_ zurück. Ihre Tochter vermählte sich mit _Tigang Aging_, dem sie einen Sohn, _Batang Huwang_, schenkte. Bald nach der Geburt schnitt sich die junge Mutter, um ihr Söhnchen zu trocknen, einen Teil ihres langen Haares ab. Kaum hatte sie diese weggeworfen, als sie aus ihren Haaren so stark zu bluten begann, dass sie starb. Seither dürfen die Häuptlinge von dem Stamme Aging ihre Haare nicht schneiden lassen. Da das Kind den Tod der Mutter veranlasst hatte, brachten es die Dorfbewohner in den Wald, um es dort umkommen zu lassen. Niemand wagte das Kind aufzunehmen. Endlich kam eine gute Frau, die das Kind aufhob und mit ihm an den Fluss Kaso zog. Dort liess sich _Batang Huwang_, der keine Lust mehr verspürte, nach seinem Stamm zurückzukehren, nieder. Seine Nachkommen blieben ebenfalls im Mahakamgebiet wohnen, nur _Akam Igaus_ Vater zog an den Mendalam und heiratete in den Stamm der Ma-Aging (= Uma-Aging). Durch diese Erzählung erhält _Akam Igau_ eine Abstammung von den Himmelsgeistern und wird gleichzeitig zu einem Glied der Häuptlingsfamilie der Uma-Aging gemacht. KAPITEL IV. Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung des Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawat_)--Verpflegung des Kindes--Erste Namengebung--Zweite Namengebung--Namenänderungen--Das Kind bis zur Pubertät--Junge Männer und Mädchen--Tätowierung--_utang_--Künstliche Verunstaltungen--Beschäftigungen und Verkehr der jungen Leute--Mahlzeiten--Beirat--Stellung von Mann und Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden. Bevor ein junger Kajan das Licht der Welt erblickt, haben sich seine künftigen Eltern zahlreichen Vorschriften der _adat_ zu unterwerfen. Die Mutter darf keine Tiere töten und keine zu jungen Fische essen. Auch einige ausgewachsene Fische, das Fleisch des Schuppentieres (Manis javanica) und verschiedene Arten von Früchten und Gemüsen sind ihr verboten. Ferner muss sie sich hüten, während des Regens zu schlafen, geschieht dies doch, so wird sie geweckt. Der Gatte darf vor und nach der Entbindung seiner Frau nicht auf die Jagd gehen, keine Pfähle einrammen und keine jungen Fische essen. Um die Geburt zu erleichtern, legt ein sorgsamer Ehemann während der Schwangerschaft seiner Frau seine Schnitzarbeit in Hirschhorn bei Seite; auch reisst er keinen Kattun, um sich ein Kleidungsstück herzustellen. In der ersten Zeit ihrer Schwangerschaft geht die Kajanfrau ihrer gewohnten Arbeit im Hause und auf dem Felde nach. Sobald ihre Körperform im dritten oder vierten Monat auffallend wird, bedeckt sie zuerst den Leib und dann auch die Brust mit einem Tuche (_djat butit_). Bei der Entbindung dürfen nur Frauen zugegen sein. Die Männer werden schon beim Beginn der Wehen aus dem Gemache entfernt und mit ihnen auch alle eisernen und schneidenden Gegenstände--wahrscheinlich um die Kindesseele nicht zu erschrecken. Die Mutter gebiert in hockender Stellung. Ist das Kind zur Welt gekommen, so schneidet ihm eine der Hilfe leistenden Alten mit einem Schwerte den Nabelstrang durch, nachdem er in einer Entfermung von 4 cm vom Kinde unterbunden worden ist. Dieses Schwert, das nie verkauft werden darf, wird als altes Familienstück pietätvoll bewahrt. Die Nachgeburt wird in den Wald geworfen und dort in der Regel von Schweinen und Hunden aufgefressen. Da die Kajanfrauen alle gut gebaut sind und Rhachitis nicht vorkommt, verläuft eine Entbindung gewöhnlich normal. Die Geburtshelferinnen sind auch nicht im stande, bei anormaler Kindeslage öder bei Blutungen Hilfe zu leisten; nur das Reiben des Leibes ist gebräuchlich. Als grosse Merkwürdigkeit wurde mir erzählt, dass eine Frau aus Pagong einst den prolabierten Uterus einer Wöchnerin mit gutem Erfolge zurückgestülpt hatte. Einige bei den Kajan verbreitete Krankheiten, gonorrhoeische Endometritides und Lises, können jedoch dem Verlauf der Geburt eine ernste Wendung geben. Hilft sich die Natur nicht selbst, so hat jede Abweichung Tod oder schweres Leiden zur Folge. Berücksichtigt man, dass die Kajan den bei der Geburt sterbenden Frauen kein ehrenvolles Begräbniss und glückliches Leben im Jenseits zugestehen, so ist die Angst, mit welcher diese ihrer Entbindung entgegensehen, begreiflich. (Näheres f. Kap.). Tot- und Frühgeburten sind so häufig, dass die Frauen nicht wissen, wie lange eine normale Schwangerschaft eigentlich dauert. Nach dem siebente und achten Monat sah ich besonders viele unausgetragenen Kinder zur Welt kommen. Abortus ist ebenfalls eine häufige Erscheinung, aber nur als Folge von Krankheit. Für künstliche Fruchtabtreibung besitzen die Kajan und, wie es scheint, auch die übrigen Dajak, im Gegensatz zu den Malaien, absolut kein Mittel. Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt oder schwer erkrankt oder böse Träume die Eltern erschrecken, setzt der Vater das Kind im Walde aus; es wird aber häufig von anderen Kajan oder Malaien aufgenommen und erzogen. Unmittelbar nachdem das Kind gewaschen ist, werden seine Ohrläppchen von einer alten Frau mittelst scharf zugespitzter Bambusstäbchen durchstochen. Die Hölzchen bleiben bis zur Heilung der Wunde in der Öffnung, werden dann aber durch einen Zinnring, dessen Schwere das junge Gewebe ausrecken soll, ersetzt. Je grösser die Öffnung wird, desto mehr Ringe werden angebracht, so dass fünf- bis sechsmonatliche Kinder bereits 200 g Zinn an jedem Ohre tragen. Um ein Durchreissen der Ohrläppchen zu verhindern, ist den Müttern in der ersten Zeit verboten, Fische zu essen, die mit einem Angelhaken gefangen worden sind. Weitere Verbildungen werden mit den Neugeborenen nicht vorgenommen. Gleich nach der Geburt erhält das Kind ein Armband (_leku lali =_ geweihtes Armband) aus _bua djele_, den hellbraunen und schwarzen Früchten von Coix-Arten, welche auf die bösen Geister abschreckend wirken sollen. Beim Abfallen des Nabelstranges wird dieses Armband durch ein zweites ersetzt und dieses wiederum nach Ablauf eines Monats bei der ersten Namengebung durch ein drittes. Die abgelegten Armbänder des Kindes werden von der Mutter bis zur ersten und zweiten Namengebung an einer Halskette getragen, nach Schluss der betreffenden Verbotszeiten aber in einem Säckchen aus Kattun an das Kindertragbrett gebunden (pag. 72). Die Kinder werden nicht gewickelt, sondern liegen völlig nackt auf einer mit Tüchern oder einer kleinen Matratze bedeckten Matte. Ein langes schmales Tuch, dessen Enden über einem Balken geknüpft werden, dient als Wiege, indem man das Kind in dem Bausch, welchen das Tuch bildet, schlafen legt. Zum Herumtragen der Kinder besitzen die Kajan die sehr praktische _hawat_, die am Mendalam aus einem Liegebrett in Form eines beinahe völlig aufgeschlagenen Buches und eines senkrecht dazu angebrachten Sitzbrettes besteht. Solange das Kind sehr klein ist, trägt es die Mutter mittelst zweier um die Schultern gehängter Schnüre liegend vor sich auf der _hawat;_ ist das Kind grösser, so trägt es die Mutter sitzend auf dem Rücken. Als weiche Unterlage für das Kind werden auf den Boden der _hawat_ einige Tücher gelegt. In Anbetracht, dass das Kind einen grossen Teil des ersten Lebensjahres auf der _hawat_ verbringt, nehmen die Bahau an, dass auch dessen Seele (_bruwa_) mit dem Tragbrett eng verbunden ist und dieses ötters als Aufenthaltsort wählt. Um nun eine ständige Verbindung mit dem Kinde und dessen Seele zu unterhalten, versäumen die Mütter niemals, ihre Kleinen morgens und abends in innige Berührung mit der _hawat_ zu bringen. Sie tun dies, indem sie einen Finger des Kindes in eine Schlinge aus Lianenfasern, welche an der _hawat_ befestigt ist, stecken, ihn hin- und herbewegen und einige Worte dazu murmeln. Die Kindesseele wird durch diese Handlung aufgefordert, in ihren eigentlichen Wohnsitz zurückzukehren; eine längere Abwesenheit oder ein gänzliches Fortbleiben der Seele hat nämlich Krankheit bzw. Tod des Kindes zur Folge. Der Vorgang wird mit _njina_ bezeichnet. An jeder _hawat_ hängen drei bis vier derartiger Schlingen und zwar sind sie alle an Häkchen aus dem Holz von Fruchtbäumen befestigt, für die die Seelen und Geister eine grosse Vorliebe haben sollen. Verschiedene andere Gegenstände, welche ebenfalls an der _hawat_ angebracht werden, haben den Zweck, die guten Geister für das Kind günstig zu stimmen und die bösen zu vertreiben. Wie an der _hawat_ auf nebenstehender Tafel zu sehen, hängt an ihrer Aussenseite eine Schnur mit vielen, kleinen, runden Päckchen; sie werden _kawit_ (Kap. VI) genannt und enthalten allerhand Esswaren zur Anlockung der guten Geister. Bei jeder wichtigen religiösen Zeremonie, die im Laufe des Jahres stattfindet, wird ein derartiges Opferpäckchen an der _hawat_ befestigt und hängen gelassen. Neben diesen _kawit_ befinden sich fünf verschiedene Schalen von Schnecken und Seetieren, die alle an Schnüren mit Perlenverzierungen hängen und ein beliebtes Mittel zur Vertreibung böser Geister bilden. Dem gleichen Zweck dient auch ein Bündel _blehiding_, der Bast einer beim Verbrennen entsetzlich riechenden Anonacee. Die zwei in der Mitte an der _hawat_ hängenden Läppchen stellen die ersten Kleidungsstücke des Kindes vor. An der zweiten, über der ersten hängenden Schnur sind, als Lockmittel sowohl für die Seele des Kindes als für die guten Geister, an Perlenschnüren zwei aus Muschelschalen geschliffene Knöpfe und ein europäischer weisser Porzellanknopf befestigt, ausserdem eine Reihe kleiner Geschenke (_usut)_, bestehend aus kleinen Schnüren aus Lianenfasern mit Perlen von verschiedenem Werte; letztere sollen besonders zur Beruhigung der Kindesseele dienen. An der gleichen Schnur hängen ferner: ein Hundezahn zur Abwehr böser Geister; das erste Armband des Kindes und zwei aus Pandanusblättern (_tika_) geflochtene Streifchen (pag. 74). Endlich werden an die _hawat_ auch noch die vorhin erwähnten geweihten Armbänder des Kindes und die Halsketten, welche die Mutter nach Ablauf der Verbotszeiten, gelegentlich der ersten und zweiten Namengebung, ablegt, gebunden. Die Kajan freuen sich über die Geburt von Mädchen mehr als über die von Knaben; denn diese verlassen die Eltern, wenn sie heiraten oder weite Reisen unternehmen, jene dagegen helfen häufig während ihres ganzen Lebens bei der Arbeit und bringen ausserdem einen Schwiegersohn ins Haus. Die Neugeborenen werden in den ersten Monaten ausschliesslich mit Muttermilch genährt; kann die Mutter diese nicht geben, so hilft eine andere Frau. Aus Gesundheitsrücksichten ist der Stillenden nur weich gekochter Reis als Nahrung erlaubt; scharfe Speisen darf sie nicht geniessen und im ersten Jahr auch nicht rauchen oder Betel kauen. Die ersten zehn Tage ist der Wöchnerin jede Arbeit verboten; dann beginnt sie sich innerhalb des Hauses mit dem Haushalt und der Pflege des Kleinen zu beschäftigen. Wöchnerin und Kind werden in den ersten Tagen zum Schutz gegen Krankheit mit dem Russ von Damaraharz eingerieben. Ausserdem darf, solange der Nabelstrang noch nicht abgefallen ist, ausser den Hausbewohnern niemand das Gemach betreten, da das Kind sonst krank werden könnte; als Warnungszeichen hängen zwei gekreuzte Holzstückchen vor der Tür. Der abgefallene Nabelstrang wird sorgfältig in ein Tuch gewickelt und in einem Bambusbehälter aufbewahrt; er bildet mit den Gerätschaften, die zum Durchstechen der Ohrläppchen und Durchschneiden der Nabelschnur dienten, den Grundbestandteil des _legén_, einer Sammlung aller Gegenstände, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben. Das _legén_ wird nach dem Tode des Besitzers unter dem Wohnungsdache verborgen und als _lalí_ (geweiht) seinem Schicksal überlassen. (Siehe Kap. VI). In den ersten Monaten dürfen die neugeborenen Kinder nicht aus dem Hause gebracht oder im Fluss gebadet werden, eine Sitte, die für die unbekleideten Wichte nur zuträglich sein kann. Vor Ablauf des ersten Jahres geht die Mutter nicht aufs Reisfeld; während dieser Zeit setzt sie das Stillen fort, bis die Milchabscheidung von selbst oder infolge einer neuen Schwangerschaft aufhört. Im dritten oder vierten Monat beginnt die Mutter dem Kinde etwas Bananen und dann weich gekochten Reis zu essen zu geben. Die Mutter muss sich, hauptsächlich während des ersten Monats, solange das Kind noch keinen Namen erhalten hat, einer langen Reihe von Verbotsbestimmungen unterwerfen, welche sich vor allem auf Essen und Trinken, Arbeiten u.s.w. beziehen. Auch dürfen Mutter und Kind keinen Putz und besonders nichts Rotes tragen. Für die Ausstattung der Kleinen wird vorzugsweise gebrauchtes Material benutzt, selbst die hängende Decke aus Palmblättern über dem Schlafplatz muss bereits gedient haben. Weiter verlangt die _adat_, dass bei jeder Mahlzeit dem Kinde etwas Speise auf dem _uwit lali_ (geweihten Teller) gespendet werde; auch muss die Mutter sich nach dem Essen stets für kurze Zeit entfernen. Auch die Väter haben nach der Geburt ihres Kindes verschiedene Vorschriften zu befolgen, sie dürfen sich in der ersten Zeit z.B. nicht weit vom Hause entfernen. Um ihr Kind vor bösen Geistern zu schützen, trägt die Mutter verschiedene Amulette: um den Kopf ein schlichtes Band aus den Blättern einer Pandanusart, an denen _long_, Stückchen des Wurzelstockes von _daun long_ (Aroïdeae spec.) befestigt sind; letztere Pflanze gilt als sicherstes Schreckmittel gegen böse Geister. Um den Hals trägt sie eine Kette aus den Früchten von drei Pflanzen (Coix-Arten) und aus verschiedenen Muschelarten. Begiebt sich die Mutter mit dem Kinde auf die Galerie oder in den folgenden Monaten ausserhalb des Hauses, so nimmt sie stets ein brennendes Bündel _plehiding_ mit, dessen unangenehmer Geruch die bösen Geister in die Flucht schlägt. Nach Ablauf des ersten Monats findet die erste Namengebung des Kindes statt; sie ist nur provisorisch, denn den eigentlichen Namen erhält das Kind erst bei dem nächsten _dangei_ (Neujahrsfeste). Ein namenloses Kind heisst _hapang;_ stirbt es, so wird ihm nicht öffentlich nachgetrauert. Mit der ersten Namengebung endet die erste, strengste Verbotszeit; die Mutter darf jetzt ihre früheren Tätigkeiten, wie z.B. das Mattenflechten, wieder aufnehmen; als symbolisches Zeichen hierfür flicht sie einen Streifen, der an die _hawat_ gebunden wird. Man findet bei allen Stämmen von Mittel-Borneo die Eigentümlichkeit, dass sie Fremde nur mit Angst in die Nähe kleiner Kinder kommen sehen; bei den Punan darf niemand, der die Sprache des Stammes nicht kennt, ein Kind anrühren, da dieses sonst dumm werden muss. Bei den Kajan bringt jeder Fremde bei seinem ersten Eintritt in eine Wohnung, in der sich ein kleines Kind befindet, ein Geschenk (_usut_) von Perlen oder etwas Zeug mit; augenscheinlich liegt dieser Sitte die Überzeugung zu Grunde, dass die Seele des Kindes, die durch die neue Erscheinung erschreckt worden ist, durch etwas Schönes wiederum beruhigt werden muss; geschieht dies nicht, so entflieht die Seele und das Kind wird krank. Bei der zweiten Namengebung wird den Geistern durch die Priester ein Opfer von Schweinen und Hühnern gebracht; das Fleisch der Tiere wird bei fröhlichem Festmahl mit Freunden und Bekannten verzehrt. Darauf bringt man den jungen Weltbürger in die Wohnung des Häuptlings. Die sehr schlicht gekleidete Mutter trägt auf dem Kopfe einen schmucklosen und mit _kawit_ versehenen Hut, _haung lali_ (geweihter Hut); in der Hand hält sie eine Bambusklapper und ein Bambusgefäss mit Wasser, in dem von dem Häuptling die Füsse des Kindes gebadet werden. Das Kind erhält hierbei den Namen, mit dem es weiter genannt werden soll. Bei der Wahl der Namen vermeidet man diejenigen kürzlich verstorbener Familienglieder, wahrscheinlich um deren Seelen nicht zu beunruhigen und auf das Kind abzulenken, was diesem schaden könnte. Gewöhnlich nennt man das Kind nach sehr alten oder bereits vor langer Zeit verstorbenen Verwandten. Leidet ein Kind öfters an Krankheit, so verändert man seinen Namen, sobald es ihm wieder besser geht, um die bösen Geister, die es so häufig besuchen und dadurch krank machen, irre zu leiten. Einige allgemeine Bemerkungen über Namengebung und Namenänderung bei den Bahau mögen hier eingeflochten werden. Familiennamen existieren bei den Bahau nicht. Will man eine bestimmte Person bezeichnen, so fügt man ihrem eigenen Namen denjenigen von Vater oder Mutter bei; eine besondere Bestimmung hierüber ist mir nicht bekannt. Tipong Igau z.B. bedeutet: Tipong, die Tochter des Igau (Name des Vaters); Adjang Song bedeutet: Adjang, der Sohn der Song (Name der Mutter). Die Kinder behalten die Namen der Eltern auch nach deren Tode. Wird bei den Bahau ein Mann Vater eines Sohnes, der Bang oder einer Tochter, die Kehad genannt wird, so verliert er meistens seinen eigenen Namen und man bezeichnet ihn fortan als: Vater des Bang bzw. Vater der Kehad. Bei den Mendalam Kajan z.B.: Amei (Vater) Bang oder Amei Kehad. Die Mutter wird dementsprechend Inei (Mutter) Bang bzw. Inei Kehad genannt. Bei den Pnihing heissen die Eltern in diesem Fall: Amun (Vater) Bang bzw. Kehad und Hinan (Mutter) Bang bzw. Kehad; am Mahakam in der Busang Sprache: Taman (Vater) Bang bzw. Kehad. Sobald jedoch das erstgeborene Kind stirbt, nehmen die Eltern wieder ihren früheren Namen an; so wurde der Kenjahäuptling Taman Kuling (= Vater der Kuling) nach dem Tode seiner Tochter Kuling wieder Djalong genannt und zwar mit dem Beinamen "Bui", der die gleiche Bedeutung wie "Ujung" (siehe unten) bei den Mendalam Kajan hat. Gewisse Familienereignisse werden bei den Bahau durch bestimmte Beiworte, welche den Eigennamen der Personen vorangesetzt werden, angedeutet. Bei den Mendalam Kajan sind die folgenden gebräuchlich: Balo, wenn der Mann gestorben ist, z.B. Balo Paja = Wittwe Paja; Hawal, wenn die Frau gestorben ist, z.B. Hawal Igau = Wittwer Igau; Akam, wenn ein kleines Kind gestorben ist, z.B. Akam Igau; Ujung, wenn ein fast erwachsenes Kind gestorben ist, z.B. Ujung Igau; Hiat, wenn ein jüngerer Bruder oder eine jüngere Schwester gestorben ist, z.B. Hiat Bang; Abel, wenn ein älterer Bruder oder eine ältere Schwester gestorben ist, z.B. Abel Imu. Für die gleichen Familienverhältnisse findet man bei den verschiedenen Stämmen verschiedene Bezeichnungen. Sobald Männer und Frauen alt und grau werden, erhalten sie vor ihrem eigentlichen Namen die Bezeichnung "Bo", z.B. Bo Belarè, Bo Uniang. Eigentümlicher Weise erhalten besonders vornehme Häuptlinge nach ihrem Tode ganz andere Namen, als sie zu Lebzeiten getragen. Man bezeichnet diese Namenänderungen mit "_gelön_". So nannte man am Mahakam den Long-Glathäuptling Ding nach seinem Tode Bo Kulè und seinen Sohn Ngau nach dem Tode Bo Langit. Die Kajan am Mahakam sprechen jetzt von dem Häuptling Kwing Irang, unter dessen Anführung sie vor 150 Jahren an den Mahakam zogen, stets nur als von Singa Melön. Nach der zweiten Namengebung dürfen die Kinder schön gekleidet werden, auch geniessen sie bis zur Pubertät das Vorrecht, den zahlreichen Verbotsbestimmungen, welche für Erwachsene bestehen, nicht unterworfen zu sein. Sie dürfen z.B. Hirsche, graue Affen, Schlangen und Nashornvögel essen; auch werden ihnen bei religiösen Festen keine Beschränkungen auferlegt. Sie brauchen sich auch nicht die Wimpern und Augenbrauen zur Verschönerung ausziehen zu lassen, kurz, sie geniessen in jeder Beziehung einer grossen Freiheit. Vater und Mutter widmen sich der Erziehung ihrer Kinder mit viel Liebe. Sobald die Sprösslinge einmal zur Welt gekommen sind, machen sie sich zum Mittelpunkt des ganzen Kajanhaushaltes. Die elterliche Zuneigung wird von den Kindern übrigens erwidert und es ist auffallend, wie selten sie zu Züchtigungen Anlass geben; man hört sie eigentlich nur bei Krankheit schreien. Treibt die Jugend es gar zu arg, so halten die Eltern eine Bestrafung der Schuldigen mit ein paar Schlägen oder einer Strafrede wohl auch für angebracht. In einigen Fällen, die ich miterlebte, kam es jedoch nicht bis zum Weinen; die Wirkung der Strafe zeigte sich nur in einem etwas erschreckten Gesichtsausdruck der Kleinen. Schon die 1 1/2-2 jährigen Kinder gehen, wenn sie im Freien spielen, gewöhnlich bekleidet umher: die Knaben tragen das Lendentuch, die Mädchen das Röckchen; die meisten halten jedoch Kleidungsstücke fair unnützen Ballast und ziehen im Hause und nach dem Bade Adams Kostüm vor. Die Hauptbeschäftigung der Knaben bilden Spiele im Freien und im Wasser; Ringkampf, Wettlauf und Schwimmen sind am beliebtesten; den Kampf in zwei Parteien üben sie nur in der Art, dass sie sich gegenseitig mit Lanzen aus Grashalmen bewerfen. Dem Kreiselspiel, Blasrohrschiessen und ähnlichen Vergnügungen widmen sich die Knaben, im Gegensatz zu den erwachsenen Männern, auch ausserhalb der Zeit der Ackerbaufeste. Ein beliebtes Spiel ist auch das Zielen mit platten Flusssteinen nach Erdgruben. Bei keinem dieser Spiele macht sich Ehrgeiz oder Neid geltend; die Knaben spielen um zu spielen, nicht um als Sieger aus dem Spiel hervorzugehen. In den ersten Jahren spielen Knaben und Mädchen zusammen; später unterhalten sich die Mädchen mehr innerhalb des Hauses, wo sie schon früh der Mutter an die Hand gehen. Puppen scheinen nur zum Stillhalten sehr kleiner Kinder benutzt zu werden. Weder Knaben noch Mädchen erhalten einen systematischen Unterricht in irgend einem Fache. Während diese allmählich den Haushalt besorgen lernen, ziehen jene vom zehnten Lebensjahr an mit aufs Feld, helfen beim Bau von Böten, beim Fischen und bei allen sonstigen Arbeiten, mit denen sich die Männer beschäftigen. Je nach ihrer eigenen Anlage und nach der Haupttätigkeit ihrer Eltern, beginnen die Kinder in der einen oder anderen Richtung allmählich eine gewisse Fertigkeit zu erlangen. Da bei den Kajan keine erblichen Berufe bestehen, kann sich jeder nach eigener Wahl ausbilden, wenn nicht besondere Umstände, wie Krankheit, gezwungene Arbeit zum Unterhalt der Familie u.s.w., ein Hindernis bilden. Die Pubertät tritt bei den Mädchen ungefähr mit zwölf Jahren, bei den Knaben etwas später ein und bringt in ihre Lebensverhältnisse wichtige Veränderungen. Vor allem sind sie nun den Vorschriften, welche die _adat_ den Erwachsenen auferlegt, hauptsächlich Verbotsbestimmungen bezüglich des Essens verschiedener Speisen, unterworfen. Ferner beginnen sie sich in diesem Lebensalter mit eigenartigen Verzierungen und Verbildungen des Körpers zu schmücken. Beide Geschlechter lassen sich die Schneidezähne vorn hohl ausfeilen; einige treiben sich ausserdem, nach Sitte einiger Punan, goldene Stifte durch die Zähne. Die meisten fangen jetzt auch mit dem Schwärzen der Zähne und dem Betelkauen an. Mit eintretender Geschlechtsreife wird an Knaben und Mädchen die eigentliche Tätowierung vorgenommen; jene lassen sich anfangs nur einen Stern auf der Schulter oder eine einfache Figur auf dem Arm ausführen; die übrigen Verzierungen erhalten sie erst, wenn sie durch weite Reisen oder durch Teilnahme an einer Kopfjagd Beweise ihrer Tapferkeit geliefert haben. Für die Frauen bildet die Tätowiersitte eine wahre Marter, der sie sich aber mit staunenswerter Opferwilligkeit unterwerfen. Die Kajanfrauen am Mendalam lassen sich den unteren Teil des Unterarms, die Hand, den ganzen Schenkel bis unterhalb des Knies und den Fussrücken mit prachtvollen Tätowiermustern bedecken. Die tätowierten Teile erscheinen wie mit einem dichten, dunkel blauen Netz überzogen. In der Entfernung verschwinden die Einzelheiten der oft künstlerisch schönen Muster, man erhält dann den. Eindruck, als trügen die Frauen blaue Trikots. Bei Frauen mit lichtgelber Hautfarbe treten die Figuren auf den der Sonne weniger ausgesetzten und daher helleren Schenkeln besonders schön hervor. Die jungen Männer haben zwar durch die Tätowierung; weil sie bei ihnen nur in beschränktem Masse ausgeführt wird, viel weniger als die Frauen zu leiden, dafür müssen sie sich aber, um ihre volle Männlichkeit zu erlangen, einer anderen Prüfung unterwerfen, nämlich der Durchbohrung der glans penis. Bei dieser Operation wird folgendermassen verfahren: Zuerst wird die glans durch Pressen zwischen den beiden Armen eines umgeknickten Bambusstreifens blutleer gemacht. An jedem dieser Arme befinden sich einander gegenüber an den erforderlichen Stellen Öffnungen, durch welche man, nachdem die glans weniger empfindlich geworden, einen spitzen kapfernen Stift hindurchpresst; früher benutzte man hierfür ein zugespitztes Bambushölzchen. Die Bambusklemme wird entfernt und der mittelst einer Schnur befestigte Stift in der Öffnung gelassen, bis der Kanal verheilt ist. Später wird der kupferne Stift (_utang_) durch einen anderen, meist durch einen zinnernen, ersetzt, der ständig getragen wird, nur in schwerer Arbeitszeit oder bei anstrengenden Unternehmungen macht der metallene Stift einem hölzernen Platz. Besonders tapfere Männer geniessen mit dem Häuptling das Vorrecht, um den penis einen Ring tragen zu dürfen, der aus den Schuppen des Schuppentieres geschnitten und mit stumpfen Zacken besetzt ist; bisweilen lassen sie sich auch, gekreuzt mit dem ersten Kanal, einen zweiten durch die glans bohren. Ausser den Kajan selbst, üben auch viele Malaien vom oberen Kapuas diese Kunst aus. Die Schmerzen bei der Operation scheinen keine sehr heftigen zu sein, auch hat sie nur selten schlimme Folgen, obgleich bis zur Genesung oft ein Monat vergeht. Mit den Genitalien der Frauen werden keine Veränderungen vorgenommen. Die jungen Männer lassen sich ferner, um ihre Unempfindlichkeit gegen Schmerz zu beweisen, Stückchen Damaraharz auf der Haut verbrennen. Diese Feuerproben hinterlassen eigentümliche runde Narben; sie werden in der Regel in einer Reihe angebracht und betragen im Durchmesser bis zu 1 cm. Die jungen Leute beginnen zu dieser Zeit auch mehr Sorgfalt auf ihre Kleidung und auf ihr sonstiges Äussere zu verwenden; die jungen Mädchen ziehen sich bis auf das Kopfhaar alle Haare am Körper aus; die jungen Männer entfernen Wimpern, Augenbrauen und Bart (Siehe Kap. VII). Auch mit dem Erlernen der Künste fangen Männer und Frauen erst nach der Pubertät an; diese legen sich auf das Flechten von Matten und das Ausführen von Perlenarbeiten; jene erlernen die Holz- und Knochenschnitzerei, das Entwerfen von Mustern für Verzierungen aller Art u.s.w. Gleichzeitig mit den körperlichen Veränderungen, welche mit beiden heranwachsenden Geschlechtern vor sich gehen, wächst auch ihr Streben, das gegenseitige Wohlgefallen zu erregen. Das Verfertigen von Geschenken nimmt einen grossen Teil der freien Zeit der jungen Leuten in Anspruch; die Mädchen arbeiten aus Perlen Halsketten, Schwertgürtel und Zierate für die Schwertscheiden und führen auf Palmblättern Stickereien für Hüte und kleine Gegenstände aus; die Männer erwidern die Geschenke mit schön geschnitzten Bambusgefässen, Flöten, Rudern und Messergriffen, oder sie schneiden den Mädchen aus Zeug hübsche Figuren als Belege für Hüte und Kleider aus. So haben beide Teile Gelegenheit, bei ihren Liebesbestrebungen in Kunstfertigkeit zu glänzen. Geld oder Wertgegenstände schenken sie sich nur selten. Die erwachsenen jungen Mädchen verlassen die elterliche Wohnung nur, um aufs Reisfeld zu gehen oder Verwandte in benachbarten Niederlassungen zu besuchen; weitere Reisen unternehmen sie nicht. Für die erwachsenen jungen Männer dagegen beginnt jetzt die Zeit, wo sie ihre Eltern verlassen, um lange Reisen zu Handelszwecken, zum Buschproduktesammeln oder zum Besuch von Familiengliedern bei verwandten Stämmen zu unternehmen. Die Kajan sind im Gegensatz zu den Malaien und benachbarten Stämmen von einem lebhaften Arbeitsdrang erfüllt. Ihre Arbeitsamkeit fiel nicht nur mir, sondern auch _Akam Igau_ auf, denn er bemerkte mir gegenüber, dass die Lebhaftigkeit und der Tatendrang der Kajan zum Unterschied von den benachbarten Taman die Aufmerksamkeit der Geister zu sehr auf sich zögen und dass sie deshalb von Krankheit mehr heimgesucht würden als jene. Der Unterschied zwischen den beiden Stämmen ist allerdings auffallend. Für die Frauen bildet das Reisstampfen (_tepa_) die wichtigste der häuslichen Arbeiten; Männer nehmen nur selten an ihr Teil. Gewöhnlich stampfen zwei Frauen gleichzeitig in dieselbe Vertiefung des Reisblockes (_lesong)_, welcher deren zwei bis sechs besitzt. Bei den Mendalam Kajan stehen die Frauen beim Stampfen auf dem Block selbst und schieben den bespelzten Reis mit den Füssen allmählich in das Loch; bei anderen Stämmen, wie den Pnihing, stehen die Frauen neben dem Block und gebrauchen die zweite Hand, um den Reis in das Loch zu schieben. Der Reis wird öfters zweimal gestampft; die Körner bleiben dabei heil und werden mittelst einer Art Schwinge von den Spelzen befreit. Ausgenommen vor grösseren Unternehmungen, wird des Reis nur in kleinen Mengen für einige Tage gestampft, damit er nicht verderbe. Am beliebtesten sind die feinen Reisarten mit langem schmalem Korn; die groben Arten werden an die Händler verkauft. Es werden viele verschiedene Arten und Varietäten des Reises gebaut. Ichselbst beobachtete 18 Arten des gewöhnlichen Reises, _parei_ (Oryza sativa) und 12 Arten von Klebreis, _púlut_ (Oryza sativa var. glutinosa). Die Zubereitung der Speisen ist ebenfalls ausschliesslich Arbeit der Frauen, doch verstehen auf Reisen auch die Männer sehr gut mit dem Kochtopf umzugehen. _Kanen_, in Wasser ohne Salz gekochter Reis, bildet bei jeder Mahlzeit das Hauptgericht und wird jedem gesondert auf einem Bananenblatt gereicht. Bei Festmahlzeiten geniessen die Kajan statt des gewöhnlichen Reises Klebreis, den sie auf verschiedene Weise zubereiten. Entweder wickeln sie ihn in bestimmte Bananen- oder Palmblätter und kochen ihn in Wasser oder sie rösten ihn. Der geröstete und nachher zu grobem Mehl gestampfte Klebreis wird _kertap_ genannt und bildet, besonders in Verbindung mit rohem oder eingedampftem Zuckerrohrsaft, einen geschätzten Leckerbissen. Am Mendalam, wo grosser Fischreichtum herrscht, wird Fischfleisch stets als Zuspeise zum Reis genossen. Meist werden die Fische in Wasser gekocht; die Suppe wird in besondere Schälchen oder hölzerne Teller (_uwit_) gegossen und mit einem gefalteten Bananenblatt als Löffel gegessen. Falls ein Kessel nicht vorhanden ist, werden die Fische geröstet. Alle Fleischarten werden auf die gleiche Weise wie der Fisch zubereitet; der Bratprozess ist gänzlich unbekannt, obgleich das hierfür geeignete Tengkawang Fett vielfach vorkommt und auch als Zuspeise verwendet wird. Zahme Schweine und Hühner werden nur bei religiösen Festmahlzeiten genossen, während Wild auch an gewöhnlichen Tagen als Zuspeise gegessen wird. Salz wird niemals beim Kochen hinzugefügt, sondern stets nur als Leckerbissen in kleinen Stückchen nebenbei gereicht. Als Würze für die Speisen dienen verschiedene essbare Blätter; am beliebtesten sind die Blätter der Bataten (Ipomoea Batatas) und die jungen Farnspitzen von Polypodium nigrescens Bl. Für lange Reisen, oder wenn Zeit und Gelegenheit zum Kochen fehlen, nimmt man in Bambusgefässen oder in Palmblättern gerösteten Klebreis, unverändert oder in Form von grobem Mehl, mit; er kann wochenlang aufbewahrt werden, ohne zu verderben. Die Kajan essen in gewöhnlichen Zeiten zweimal täglich und zwar, je nach Umständen, vor oder nach dem Gang zum Reisfeld und mittags nach der Heimkehr um vier oder fünf Uhr. Bei Nahrungsmangel oder wenn sie still zu Hause sitzen, begnügen sie sich bisweilen mit einer einzigen Mahlzeit gegen zwölf Uhr; bei Überfluss an Reis oder schwerer Arbeit dagegen wird ihr Magen anspruchsvoller und verlangt dreimal täglich Zufuhr. Bei den Mahlzeiten sitzen alle Familienglieder im Kreise neben einander; eine Rangordnung wird nicht beobachtet. Die Kajan sind, wie alle Bahau und Kenja, sehr mässig im Essen und Trinken. Das tägliche Getränk besteht in Wasser und nur bei grossen Versammlungen und Festen wird _tuwak_, gegohrener Reiswein, getrunken. Die Stämme am Mendalam geniessen den Branntwein überhaupt nur an einem Tage des Jahres, beim Neujahrsfest; sie stellen ihn aus gekochtem Klebreis her, den sie zwei bis drei Tage in grossen Töpfen gähren lassen. Am oberen Mahakam machte ich kein Neujahrsfest mit und sah daher auch keinen _tuwak_ trinken, ich vermute jedoch, dass auch diese Bahau das Getränk kennen, da ich bei ihren Verwandten, den Kenja Uma-Tow, zur Begrüssung bei öffentlichen Zusammenkünften öfters grosse Töpfe _tuwak_ leeren sah. Die Kenja bereiten auch aus Zuckerrohrsaft ein alkoholisches Getränk; ausserdem trinken sie den Honig von wilden Bienen. Der häufigere oder seltenere Gebrauch derartiger Getränke scheint mit dem grösseren oder geringeren Überfluss an Lebensmitteln, dessen sich die verschiedenen Stämme erfreuen, im Zusammenhang zu stehen. Jedenfalls aber werden alkoholische Getränke weder bei den Bahau noch bei den Kenja regelmässig genossen und Missbrauch wird mit ihnen nie getrieben, auch scheinen ihnen die Alkoholika, nach den verzerrten Mienen zu urteilen, die ich beim Trinken beobachtete, nicht einmal sonderlich zu munden. Eigentümlicher Weise ist das Tabakrauchen der Bevölkerung von Mittel-Borneo schon längst bekannt, während das Betelkauen erst vor kurzem durch die Malaien bei einigen Bahaustämmen eingeführt worden ist. Die Erscheinung ist um so auffallender, als das Betelkauen bei der Küstenbevölkerung das grösste Genussmittel bildet. Bei den Mendalam Kajan wird die Sitte des Tabakrauchens immer mehr durch die des Betelkauens verdrängt. Der Tabak, den sie hierzu gebrauchen, stammt aus Java; zwar pflanzt die Bevölkerung auch eigenen Tabak, sie versteht ihn aber nur durch Trocknen und Schneiden zuzubereiten und verwendet ihn nur zum Rauchen in Zigaretten. Unter den Mahakamstämmen kaut bei den Long-Glat jung und alt Betel und raucht Tabak; bei den Kajan rauchen alte Männer und Frauen noch ausschliesslich, während die jüngeren auch Betel kauen; die Pnihing, bei denen nur das Rauchen gebräuchlich ist, bauen den Tabak selbst und lassen ihn, indem sie ihn feingeschnitten lange Zeit in Bambusgefässen fest zusammengepresst aufbewahren, gähren. Auch bei den Kenja, die nur das Rauchen kennen, legen sich Männer und Frauen von früher Jugend an auf die feinere Zubereitung des selbst gebauten Tabaks. Erwähnenswert ist wohl auch noch die Tatsache, dass es auch die Eingeborenen Mittel-Borneos bisweilen nach einem besonderen Genussmittel gelüstet; so beobachtete ich, dass Männer und Frauen, hauptsächlich aber Schwangere, bisweilen im Uferboden nach einem gelblichen oder rötlichen Lehm suchten, der aus verwittertem Schiefer bestand; sie nannten ihn _batu keröp_ oder_ tana keröp_. Die jungen Männer und Mädchen geniessen bei den Kajan im Verkehr mit einander die grösste Freiheit. Bemerkenswerter Weise stellt ihre gesellschaftliche Sitte an den männlichen Teil in moralischer Hinsicht die gleichen Anforderungen, wie an den weiblichen; dieses Verhalten stimmt mit der hohen Stellung, welche die Frau auch sonst im Gemeinwesen der Kajan einnimmt, überein. Die jungen Leute haben daher vor der Ehe alle Gelegenheit, einander kennen zu lernen und sich selbst zu prüfen; sie tun dies um so mehr, als eine Heirat bei ihnen als ernsthafte Verbindung aufgefasst wird, die von beiden Seiten Treue heischt. Vor der Heirat dagegen haben beide Geschlechter volle Freiheit, in ihrem Verkehr so weit zu gehen, als ihnen beliebt. Die Eltern versuchen wohl ab und zu ihren Einfluss geltend zu machen, aber meist mit schlechtem Erfolge. Fassen zwei junge Leute eine Zuneigung zu einander, so bietet ihnen die Sitte für ein ungestörtes Beisammensein zahlreiche Gelegenheiten. Am beliebtesten sind gemeinsame Fischpartieen. Vor Anbruch der milden Tropennacht, wenn das Mondlicht die Landschaft gerade genügend erhellt, um ihr das Unheimliche der Dunkelheit zu nehmen, schmückt sich der junge Mann mit seiner besten Kleidung, einem breiten blauen Lendentuch und einem bunten, bisweilen seidenen Kopftuch; eine besondere Zierde bilden schwarze Armbänder und Büschel Riechgras, welche er am Kopf und an den Armen befestigt. Sein schönstes, oft mit Geschenken seiner Angebeteten verziertes Schwert an der Seite, mit Ruder und Wurfnetz bewaffnet, eilt der Jüngling zum Flusse, wo er mit kräftigen Ruderschlägen den Kahn bald in die Nähe der Harrenden bringt. Die gleichfalls schön gekleidete Geliebte steigt mit wohlgefüllter Beteldose ins Fahrzeug und setzt sich an das Hinterende des Bootes, um es mit ihrem Ruder zu steuern. Der junge Mann steht mit dem Wurfnetz (_djala_) vorn im Kahn und schleudert es da, wo er Fische vermutet, mit kräftigem Schwunge ins Wasser. Ein grosses Netz misst im Durchschnitt 8 m und da es am Rande mit einer Zinn- oder Eisenkette beschwert ist, bedarf es ausser grosser Kraft auch grosser Gewandtheit, wenn das Netz gut ausgebreitet gleichmässig auf die Wasserfläche niederfallen soll. Gar mancher Wurf wird unter den aufmerksamen Blicken der Schönen mit besonderer Anspannung ausgeführt und, beim Fischreichtum dieser Gewässer, selten ohne Erfolg. So treibt das Pärchen den Fluss hinunter; liefert der Fang genügend Fische für eine Mahlzeit, so wird gelandet. In der Regel bildet eine leerstehende Hütte auf dem Reisfeld oder ein trautes Plätzchen unter den hohen Uferbäumen das Endziel der Bootfahrt. Dort stört niemand die Liebenden im Genuss aller Herrlichkeiten, welche die Kunstfertigkeit des Mädchens auf kulinarischem und musikalischem Gebiet zu liefern im stande ist. Die weichen Töne der Nasenflöte geben dem Ganzen einen besonderen Reiz; denn in der Stille der Nacht erwecken diese klagenden, aber lieblichen Laute Empfindungen, für die das sanfte Gemüt der Kajan sehr empfänglich ist. In Zeiten, wo es am Mendalam unsicher ist, wie z.B. bei meinem Besuche im Jahre 1894, als die Bukat von der Serawakschen Grenze um die Niederlassungen der Kajan herumschwärmten, halten Freunde nachts in der Nähe des Pärchens Wacht. Die Freunde helfen auch später beim Aufrichten eines treppenartig behauenen Pfahls, den der glückliche Jüngling zur Erinnerung an die schöne Nacht beim Häuschen zurücklässt. Einer meiner gewandtesten, aber leichtsinnigsten jungen Leute zeigte mir einst seinen Schlupfwinkel für derartige Liebesfeste mit grossem Selbstbewusstsein; denn er hatte vier solcher Gedenkpfähle aufrichten können. Eine derartige Unbeständigkeit der Gefühle wird aber bei den Kajan, trotz aller Freiheit, welche die jungen Leute geniessen, von der öffentlichen Meinung streng gerügt. Bisweilen vereinigen sich auch mehrere Pärchen, lassen sich fischend und kosend den Fluss abwärts treiben und kehren nicht vor dem folgenden Mittag zurück. Auch die gemeinsame Arbeit auf dem Felde bietet den jungen Leuten günstige Gelegenheit, sich kennen zu lernen, besonders wenn die Eltern mit dem Verkehr ihrer Kinder einverstanden sind. Wenn dies nicht der Fall ist, wird die Standhaftigkeit der Liebenden oft auf harte Probe gestellt. So erlebte ich einst, dass ein jungen Mädchen, mit ebenso schönem Äusseren als kräftig entwickeltem Willen, ihren Eltern einen Verlobten ins Haus brachte, der diesen nichts weniger als willkommen war, weil er für schwere Feldarbeit und den Bau von Böten noch keine genügende Leistungsfähigkeit besass. Auch nach der mit viel Aufwand von Energie durchgesetzten Heirat, hatte der junge Ehemann alle Mühe, im Hause der Schwiegereltern seinen Platz zu behaupten. Bei allen Bahau herrscht nämlich die Sitte, dass der junge Gatte zuerst in die Wohnung seiner Schwiegereltern zieht und erst nach drei bis vier Jahren mit der Frau in sein eigenes Haus oder das seiner Eltern übersiedelt. Ist die Frau jedoch im Hause ihrer Eltern einmal entbunden worden, so darf sie dem Manne schon vor Ablauf dieses Termins folgen. Eine Übertretung dieser Sitte gestattet die _adat_ dem jungen Paar nur gegen Bezahlung einer recht bedeutenden Busse. Nur wenn der einzige Sohn des Hauses ein Mädchen aus einer zahlreichen Familie heiratet, kommen die Eltern oft überein, dass die Schwiegertochter von Anfang = an in das Haus des jungen Mannes zieht. Hie und da findet ein Pärchen in dem Zustand der jungen Frau, bei der die Folgen des freien Verkehrs nicht ausgeblieben, eine etwas unerwünschte Hilfe für die Erlangung der Heiratszustimmung der Eltern. Unter solchen Umständen wird das Verhältnis der jungen Leute baldmöglichst durch eine Heirat besiegelt; denn die Schwangerschaft einer Unverheirateten wird allgemein verurteilt. Ein Mann, der ein Mädchen sitzen lässt, wird sehr schief angesehen. So etwas kommt daher nur höchst selten vor und wird, wenn besondere Umstände eine Heirat unmöglich machen, mit einer ansehnlichen Busse an die Eltern der Verlassenen und den Häuptling gestraft. Einen derartigen Fall erlebte ich bei meinem zweiten Besuch am Mendalam, als die beiden Häuptlinge in Tandjong Karang und Tandjong Kuda aus persönlicher Feindschaft ihren jungen Untertanen nicht gestatteten, sich mit einem Gliede des anderen Dorfes zu vermählen. Eines der Opfer, ein junges Mädchen, das ich gern hatte und das früher häufig zu mir kam, um sich in meiner Hütte auszuruhen, zeigte sich zwei Monate lang nicht mehr bei mir und als sie zum ersten Mal wieder erschien, wagte sie kaum die Augen aufzuschlagen, obgleich ich mir alle Mühe gab, ihr aus der Verlegenheit zu helfen; auch später besuchte sie mich nur noch einige Male. Da die Frauen bei der Eheschliessung eine Hauptstimme haben, gehören Verlobungen in kindlichem Alter zu den Seltenheiten. Obwohl Unverheiratete die grösste Freiheit geniessen und Verheirateten viele Beschränkungen und Pflichten auferlegt werden, nehmen die Kajan auffallender Weise gern das Ehejoch auf sich. Daher sind junge Männer, wenn sie nicht durch weite Reisen daran verhindert werden, mit 25 Jahren beinahe alle verheiratet; Mädchen verheiraten sich meist vor dem zwanzigsten Jahr. Bei jeder Eheschliessung finden zwischen den beiderseitigen Eltern über die Mitgift und die Summe, welche der junge Mann seinen Schwiegereltern bei der Heirat ausbezahlen muss, Unterhandlungen statt. Leben die Eltern nicht mehr, so werden sie durch Angehörige oder den Häuptling vertreten. Der Betrag, den der junge Gatte bezahlen muss, ist meist nicht hoch, mit einem Schwert oder einem Gong sind die Schwiegereltern gewöhnlich zufrieden; reiche Häuptlinge dagegen haben bis zu 300 Dollar zu bezahlen. Polygamie ist am Mendalam nicht Sitte, sie kommt nur bei einigen Häuptlingen am Mahakam vor, die sie kürzlich von den Malaien übernommen haben. Man sieht es gern, dass beide Teile, die eine Heirat mit einander eingehen, dem gleichen Stande angehören. Häuptlinge verlieren viel an Ansehen, wenn sie sich mit gewöhnlichen Kajan verheiraten und ihre Kinder haben wenig Aussicht, ihre Nachfolger zu werden; dass sie sich jemals mit Leibeigenen verheirateten, hörte ich nie. Bei den Kajan sind nicht nur Ehen zwischen nahen Blutsverwandten, sondern auch Ehen zwischen angeheirateten Verwandten, wie den gegenseitigen Geschwistern von Eheleuten, verboten. Daher müssen die wenigen Häuptlinge am Mendalam, die aus Standesrücksichten auf Heiraten unter Verwandten angewiesen sind, bei der Eheschliessung eine Busse für die Übertretung der _adat_ bezahlen. Heiraten zwischen benachbarten, nicht verwandten Stämmen sind zwar nicht verboten, kommen aber so selten vor, dass Taman und Kajan z.B. länger als ein Jahrhundert neben einander leben, ohne sich zu vermischen. Die meisten fremden Männer einer Niederlassung gehören verwandten Stämmen an und halten sich ihrer Heirat wegen für längere oder kürzere Zeit dort auf. Für die Heirat, insbesondere für die Zeit von der Hochzeit bis zu dem folgenden Neujahrsfeste, bestehen so zahlreiche Verbotsbestimmungen, dass die Kajan, um diese lästige Periode abzukürzen, vorzugsweise kurz vor diesem Feste heiraten. Bei den gewöhnlichen Kajan verläuft eine Hochzeit sehr schlicht; die Häuptlinge dagegen veranstalten bei der Heirat ihrer Kinder grosse Feste, die zwei bis drei Tage dauern und an denen sich alle angesehenen Dorfbewohner beteiligen. Die Hochzeit wird im Hause der Braut gefeiert, in welches der Bräutigam durch seine Freunde geleitet wird. Die Wohnung, aus der aller Hausrat vorher entfernt wurde, ist mit Grün und bunten Tüchern festlich geschmückt und die Wände sind mit allem, was die Eltern der Braut dem Geleite des Schwiegersohnes schenken, behängt. Die Freunde haben denn auch das Recht, alles Schöne, das ihnen durch die Freigebigkeit des Häuptlings und die Beiträge der Dorfgenossen angeboten wird, mit sich heim zu nehmen. Unter den Geschenken, die Braut und Bräutigam einander geben und auch unter denen der Familienglieder, spielen Perlen eine wichtige Rolle. Von dem Bräutigam erhält die Braut zuerst einen _taksa hawa_ (Gürtel für die Ehefrau), bestehend aus einer Schnur mit vier alten Perlen; beim Hochzeitsmahl findet sie zwei weitere Perlen im Reis; ausserdem erhält sie noch eine besonders schöne Perle, die "_koho guman" (kuman = essen)_. Die Verwandten und Bekannten schenken eine Perlenschnur (_dje)_, die so lang als die Braut sein muss und die, je nach der Wohlhabenheit der Geber, einen höheren oder geringeren Wert besitzt. Mann und Frau sind in der Ehe gleichberechtigt; die Leitung des Hauses gelangt aber auch bei den Kajan in die Hände der stärkeren Persönlichkeit. Wie bereits gesagt, wird von beiden Teilen vollkommene Treue verlangt, auch für den Fall, dass der Mann langdauernde Reisen unternimmt. Ein Treubruch wird schwer bestraft, scheint übrigens selten vorzukommen. Der Mann hat eine höhere Busse zu bezahlen als die Frau. Der schuldige Teil hat die Busse an die Familie des beleidigten Teils zu entrichten; weigert er sich, der Strafe nachzukommen, so ist die öffentliche Meinung stark genug, um seine Halzstarrigkeit zu brechen. Ist er durchaus nicht im stande, die Busse aufzubringen, so helfen ihm die Verwandten und Bekannten. Wenn sich nach dem Tode von Mann oder Frau der überlebende Teil wieder verheiraten will, muss er nach dem Gebot der _adat_ mindestens 1 1/2 Jahre warten; eine Übertretung erfordert Busse. Daher hatte _Akam Igau_, als ihm die Trauerzeit nach denn Tode seiner ersten Frau zu lang vorgekommen war und er sich vor Ablauf derselben mit _Tipong_, der Schwester seines Schwiegersohnes _Sigau_, verheiratet hatte, seinen Kindern eine bedeutende Entschädigung auszubezahlen. Die Busse wurde teilweise von den verschiedenen Familien in Tandjong Karang aufgebracht. Im Ganzen waren zur Sühnung der Schuld zwanzig Gonge erforderlich gewesen; ausserdem empfing jedes Kind eine kostbare alte Perle und ein Stück schwarzen Kattuns. Dieses sollten die Kinder, wie man mir erklärte, abends als Binde vor den Augen gebrauchen, bildlich, um die Schuld des eigenen Vaters nicht zu sehen. In der Ehe herrscht Gütertrennung. Vater und Mutter sorgen gemeinschaftlich für den Unterhalt der Kinder. Sind diese einmal erwachsen, so bleiben sie zwar im Elternhause wohnen, bebauen aber mit Hilfe von Freunden und Freundinnen ihre eigenen Reisfelder. Sie leben von dem Ertrag des Ackerbaus und von den Nebenverdiensten, die sie sich als Kunsthandwerker, Schmiede, Tätowierkünstler, Priester u.s.w. erwerben. Müssen einige Artikel, wie Salz, Tabak und Kattun, in grösseren Mengen von Händlern an Ort und Stelle gekauft oder von der Küste herbeigeschafft werden, so wird die erforderliche Kaufsumme von allen Familiengliedern gemeinsam zusammengebracht; von dem Vorrat gebraucht jeder nach Bedürfnis. In allen derartigen Angelegenheiten hat der Vater die Hauptstimme. Kommen Eheleute überein, dass sie sich auf gutwillige Weise trennen wollen, so behält bei der Scheidung jeder Teil sein Heiratsgut. Widersetzt sich dagegen der eine Teil einer Scheidung, so muss ihm der andere als Entschädigung sein Heiratsgut überlassen. Die Kinder dürfen selbst entscheiden, mit welche Partei sie es halten wollen; die kleinen folgen gewöhnlich der Mutter, meist stehen sie aber mit beiden Eltern auf gutem Fuss. So lange die Kinder im Elternhause leben, haben sie auf nichts anderes als die Geschenke, die sie ab und zu erhalten, und ihren eigenen Verdienst Anspruch. Auch nach dem Tode der Eltern wird, wenn die Kinder noch beisammen bleiben, das Erbe nicht geteilt. Gehen sie auseinander, so erben Söhne und Töchter gleich viel. Speziell bei den Mendalam Kajan erben die Töchter mehr als die Söhne, mit der Begründung, dass diese leichter ihren Unterhalt verdienen können. Die Familienerbstücke (_dawan una_) fallen gewöhnlich dein ältesten Kinde zu; die übrigen Kinder werden durch andere Wertgegenstände schadlos gehalten. Mann und Frau erben nicht von einander. Im Falle dass keine Kinder da sind, geht der Besitz des verstorbenen Teils an dessen Familie zurück. Ein Todesfall in der Familie veranlasst so viel Arbeit, dass die Angehörigen kaum Zeit haben, sich der Trauer hinzugeben. Wenn der Tod infolge von Krankheit eintrat, siedelt die Seele des Verstorbenen nach dem Kajanhimmel, _Apu Kesio_, über und jeder beeilt sich, ihr alles für die Reise Erforderliche zu beschaffen. Die Vorbereitungen für das Begräbnis gewöhnlicher Kajan dauern zwei bis drei Tage, für Häuptlinge bis zu acht Tagen. Die Leiche wird zuerst gewaschen, dann mit Blumen eingerieben und mit schönen Kleidern geschmückt. Die Totenkleidung besteht aus weissem Kattun und wird mit schwarzen Arabesken und Menschen- und Tiergestalten verziert. Als Kopfbedeckung erhält der Tote eine altmodische Baumbastmütze. Den Schmuck, den die Kajan im Jenseits tragen wollen, wählen sie sich schon bei Lebzeiten aus; er ist in bezug auf Material und Arbeit von der besten Qualität. (Näheres über Totenkleidung siehe Kap. VII). Zur Besänftigung der bösen Geister, die sich der Leiche des Verstorbenen bemächtigen könnten, versehen die Hinterbliebenen diese in liebevoller Sorgfalt mit Perlen. Nur die Reichen geben dem Toten alte Perlen mit, die Unbemittelteren begnügen sich mit neueren. Die Perlen haben, je nach dem Körperteil auf dem sie angebracht werden, verschiedene Namen: _kali mata_, 2 × 4 an ungedrehte Pflanzenfasern gereihte Perlen, werden auf jedes Auge gelegt. _kali pro_, eine Perle, die in die Kehle gesteckt wird. _kali djela_, eine Perle, die auf die Zunge gelegt wird. _kali lo-ong_, eine grössere Perle, die mitten auf den Leib gebunden wird. _usut usu_, Perlen, die um die Finger gebunden werden. _tewel buwa awong to_, eine Perle, die an jedem Daumen befestigt wird. _usut tudak_, 2 × 4 Perlen, die an jedes Bein gebunden werden. _aaset udjong halöbw_, Eisen, das auf die Kniee gelegt wird. Einem Häuptling wird ausserdem als weiterer Schutz ein hölzerner _rimau_ oder _ledjo_ (Tiger) mitgegeben. Bei allen diesen Vorbereitungen helfen Freunde und Bekannte; sie sind die Zeit über Gäste der Leidtragenden. Nach Beendung der Ausstattung wird der aus zwei Hälften ausgehöhlter Baumstämme bestehende Sarg ins Haus gebracht und die Leiche hineingelegt; die Ritzen werden mit Guttapercha luftdicht verschlossen. In den folgenden Tagen wird die Ausrüsting, die dem Toten ausserhalb des Sarges mitgegeben wird, in Ordnung gebracht. Dann wird der Sarg von Männern auf den Begräbnisplatz getragen und, je nach dem Stande des Verstorbenen, einfach auf dem Boden niedergesetzt oder auf ein hölzernes Gerüst gestellt, das oft mit einem schön geschnitzen hölzernen Dache überdeckt wird. An die Bäume und Sträucher ringsherum werden bunte Tücher und Wimpel gehängt und neben dem Sarge werden die übrigen für den Aufenthalt in _Apu Kesio_ notwendigen Gegenstände, die im Sarge selbst keinen Platz fanden, niedergelegt; es sind dies: Waffen, Ruder, Gonge, Tempajang (grosse irdene Gefässe), Kleidungsstücke, Hausgerät und dergleichen. Die kostbaren Gegenstände werden oft zum Schutz gegen Diebstahl seitens der Malaien durch Zerbrechen wertlos gemacht. Wenn es sich um einen vornehmen Häuptling handelt, wird der Sarg in einem _salong_, einem nach allen Seiten geschlossenen Häuschen aus Eisenholz, beigesetzt. Der _salong_ ist oft mit künstlerisch schönen Malereien und einem prachtvoll gearbeiteten Dache verziert. In dem _salong_ werden noch so lange andere Leichen der Familie beigesetzt, bis er gefüllt ist oder verfällt. Leibeigene ohne Familie werden nach dem Tode einfach zum Begräbnisplatz getragen, in eine Matte gewickelt und niedergelegt. Einst sahen wir, wie die Leiche eines wenige Stunden vorher verstorbenen Sklaven von einem anderen auf dem Rücken zum Flusse getragen und in einem Boote weggeführt wurde; bereits nach einer Stunde kehrten die Männer wieder zurück. Während die Bekannten beim Tode eines freien Kajan die Rolle von Klageweibern übernehmen und das Weinen der Familie verstärken, hatte für den Sklaven nur eine einzige Frau kurze Zeit ihr Jammern ertönen lassen. Alle, die auf andere Weise als durch Krankheit ums Leben kommen, geniessen weder das Vorrecht eines ehrenvollen Begräbnisses noch ist ihnen, nach der Überzeugung ihrer Hinterbliebenen, ein künftiges Leben in _Apu Kesio_ beschieden. Die Seelen der Ermordeten, Selbstmörder, Verunglückten, im Kampfe Gefallenen, bei der Entbindung Gestorbenen und Totgeborenen gelangen auf zwei verschiedenen Wegen nach zwei anderen Orten, wo sie mit ähnlichen Unglücklichen, wie sie selbst, weiterleben müssen. Die Leichen dieser Armen flössen den Kajan Abscheu ein, daher werden sie nur in eine Matte gerollt und verscharrt. Ein besonderes Grauen erregen die Leichen von Wöchnerinnen; kein Mann und keine jüngere Frau darf sie berühren; sie werden auch nicht durch die Galerie vorn aus dem Hause hinausgetragen, sondern nach Entfernung einiger Bretter aus der hinteren Wand der Wohnung hinausgeworfen, in Matten gewickelt und an Rotangseilen zur letzten Ruhestätte geschleift. Bei Begräbnissen von Personen, die eines ehrenvollen Todes gestorben sind, geben sowohl Männer als Frauen das letzte Geleite, letztere müssen der allgemeinen Trauer durch lautes Weinen Ausdruck verleihen. Die eigentliche Trauer beginnt erst nach der Beisetzung des Verschiedenen und dauert vierzehn bis fünfzig Tage. Während der Trauerzeit ist es Besuchern von auswärts verboten, die Wohnung oder die Reisfelder der Leidtragenden zu betreten. Beim Tode eines Häuptlings wird der ganze Mendalam für verboten (_lali_) erklärt. Das Verbot wird durch Spannen eines Rotangseiles über den Fluss angezeigt; zerreisst jemand das Seil, so muss er Busse bezahlen, aber das _lali_ ist damit zu Ende. Während der Trauerzeit darf nur Baumbastkleidung ohne jeden Schmuck getragen werden; die Frauen setzen sich ausserdem eine grosse Trauermütze mit hängenden Zipfeln auf. (Siehe Kap. VII). Kommt ein Todesfall in der Zeit vor, wo eine Familie der Feldarbeit wegen auf dem Reisfeld wohnt, so darf sie vor Ablauf des Neujahrfestes das grosse Haus nicht wieder betreten und baut sich daher in dessen Nähe zwischen den Reisscheunen eine zeitweilige Hütte. Am Ende der Trauerzeit feiert die Familie mit Hilfe einer Priesterin eine _mela_ (siehe f. Kap.), bei der Schweine und Hühner geopfert und von den Hausgenossen und Gästen bei einem Festmahl verspeist werden. Nach der _mela_ muss sich die Familie noch einen, Tag still verhalten, _melo_, dann darf sie ihr Alltagsleben wieder aufnehmen. Die Priesterin erhält für ihre Dienste ein Schwert, zwei Mass Reis und vier bis fünf mehr oder minder wertvolle Perlen. In früheren Zeiten war zum Ablegen der Trauer ein frisch erbeuteter Schädel oder irgend ein anderer menschlicher Körperteil erforderlich gewesen, der, wenn es Häuptlinge galt, wahrscheinlich auf Kopfjagden (_ajo_) erlangt wurde. Gegenwärtig werden zu diesem Zwecke am Kapuas überhaupt keine Kopfjagden mehr unternommen; selbst alte Schädel werden nur noch in besonders ernsten Fällen bei benachbarten Stämmen geliehen; in der Regel begnügt man sich jetzt mit etwas Menschenhaar. Sehr wahrscheinlich ist die Bedeutung dieser Sitte die, dass man dein Verstorbenen einen Menschen opfert, damit er ihm als Diener ins Jenseits folge. Da bei den Bahau nur Häuptlinge sich Diener halten, wurden begreiflicherweise auch nur für diese Köpfe gejagt. Dass bei anderen wichtigen Lebensereignissen, wie bei der Geburt eines Kindes und bei Hochzeiten, die Erbeutung eines Kopfes augenblicklich oder in früheren Zeiten jemals notwendig gewesen, habe ich während meines Aufenthaltes unter den Bahau und Kenja nie ermitteln können. Ich glaube mit Sicherheit erklären zu können, dass die _adat_ diese Sitte nicht fordert. Auch herrschte bei ihnen nie der Gebrauch, das Schlachtopfer auf dem Häuptlingsgrabe langsam zu Tode zu martern, wie dies die Stämme am Barito und Kahájan und die Batang-Lupar noch jetzt zu tun scheinen. Es war selbst verboten, einen Haussklaven zu opfern und auch ein Kriegsgefangener oder eine gekaufte Person waren gerettet, sobald sie das Haus erblickt hatten. Dies geschah, beispielsweise, im Jahre 1893 am Mahakam, als _Bang Jok_, ein Häuptling in Long Deho, beim Ablegen der Trauer nach dem Tode seines Vaters _Jok Bang_, einen Menschen opfern wollte. Der Sklave hatte damals, wahrscheinlich durch Zufall, das Haus bemerkt und durfte daher nicht getötet werden. Wir sehen somit, dass die Religion bei den Kajan am Kapuas auch früher nur beim Tode des Häuptlings die Opferung eines Menschen erforderte und dass gegenwärtig eine Erinnerung an diesen Brauch genügt. Dagegen besteht noch jetzt bei ihnen die Sitte, die Schädel ihrer erschlagenen Feinde aufzubewahren; man findet daher in einigen ihrer Häuser, besonders aus früheren Zeiten, derartige Trophäen in grosser Zahl. Trotzdem bei den friedliebenden Bahau Tapferkeit und Stärke nicht zu den geschätztesten Eigenschaften gehören (Siehe f. Kap. Schöpfungsgeschichte: die Stärksten und Gewandtesten werden zu Sklaven), ist es doch für Häuptlingssöhne wünschenswert, wenn auch nicht unerlässlich, dass sie irgend welche Beweise ihres Mutes liefern. Daher hat sich jetzt noch die Sitte bei ihnen erhalten, dass erwachsene Häuptlingssöhne die Gelegenheit, die sich ihnen bietet, eine gefahrvolle Reise zu unternehmen oder einen Menschen zu töten, wahrnehmen. Selbst das Töten gekaufter alter Frauen wird nicht verschmäht; denn das Vergiessen von Menschenblut an und für sich sehen die Bahau schon als eine mutvolle Tat an, eine Auffassung, die mit ihrem furchtsamen Charakter völlig übereinstimmt. Auch suchen die jungen Häuptlinge stets auf eine für sie selbst ungefährliche Weise ihr Opfer zu treffen. Besonders geeignet zur Erbeutung eines Kopfes sind Handelszüge, hauptsächlich die zu den im Norden wohnenden nichtverwandten Stämmen; hierauf beruht auch die alte Feindschaft der Bahau mit den Batang-Luparstämmen am mittleren und unteren Batang-Rèdjang. In früheren Zeiten unternahmen die Bahau auch Züge zu dem alleinigen Zwecke, Köpfe zu erbeuten; sie jagten hauptsächlich bei ihren Feinden am oberen Kahájan und Miri oder Mengiri, die sie früher aus dein Gebiet des oberen Mahakam vertrieben hatten. Bei den Mendalam Kajan können Kopfjagden seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben; am oberen Mahakam haben die Kajan am Blu-u ihre letzte Kopfjagd vor 13 Jahren am Kahájan unternommen. Obgleich sich nur 15 Mann an dem Unternehmen beteiligten und keine Köpfe, sondern nur ein Gefangener erbeutet wurden, betrachtete man diesen Zug doch als einen richtigen Kriegszug. Der gefangene Kahájan Dajak lebte noch bei meiner Ankunft am Blu-u, war mit einer der hübschesten Sklavinnen verheiratet und besass vier Kinder. Ein anderer Sklave, _Sorong_, trug auf seinen Waden eine Ot-Danom Tätowierung und war augenscheinlich in beinahe erwachsenem Alter erbeutet worden; er was Vater von elf Knaben, besass als Ratgeber des Häuptlings _Kwing Irang_ eine bevorrechtete Stellung und war durch seinen Handel zu Wohlstand gelangt. Da Kopfjagden unter grossen Anstrengungen und Entbehrungen mit viel Vorsicht unternommen werden und viele Monate, bisweilen ein ganzes Jahr, dauern, Arbeitskräfte in einem Dorfe in der Regel aber nicht entbehrt werden können, ist es begreiflich, dass sie nur selten stattfinden. Bemerkenswerter Weise trifft man weder bei den Bahaustämmen am Kapuas noch am Mahakam auf der Galerie ihrer Häuser die Schädeltrophäen, die den Eintretenden an anderen Orten so unangenehm berühren. Auch in den vier Niederlassungen der Bahau am Mendalam und in denen der Kajan, Long-Glat, Ma-Suling und anderer Stämme unterhalb der Mahakamfälle bemerkte ich keine Schädel. Nur in der Niederlassung des Pnihinghäuptlings _Belarè_, der selbst halber Punan ist und dessen Stamm wahrscheinlich nicht zu den Bahau gehört, fand ich Schädel hängen. Indessen besitzen auch alle anderen Häuptlinge Schädel, sie bewahren sie aber an einem Ort, wo sie nicht sogleich ins Auge fallen. So bemerkte ich einen Teil eines Schädels in Batu Sala, einer Long-Glat Niederlassung, an der Aussenwand des Hauses, er war aber hinter einem Büschel Palmblätter kaum sichtbar. Bahau und Kenja trocknen die Köpfe über dem Feuer, ohne die Fleischteile von den Schädeln zu entfernen; auch werden diese nie mit Figuren verziert. Ich glaube die Tatsache, dass die Bahau keine Schädel auf die Galerie hängen, dem Umstande zuschreiben zu können, dass ihnen die Schädel selbst Abscheu und Angst einflössen. Sogar sehr alte Männer, denen die _adat_ die geweihtesten Dinge zu berühren gestattet, fassen einen Schädel nur sehr ungern an. Als Beweis für diese Auffassung mag auch das folgende Begebnis dienen, das ich selbst am oberen Mahakam erlebte. Dort war nämlich das alte Haus der Ma-Suling am Merasè so baufällig geworden, dass der Stamm sich einen neuen Wohnplatz suchen musste. Aller Besitz und die noch brauchbaren Materialien wurden mitgenommen, nur die Schädel wagte man nicht aus dem alten Hause zu entfernen. Man rief daher den Pnihinghäuptling _Belarè_ zu Hilfe, der die Schädel vorläufig in einer Hütte vor dem alten Hause unterbrachte und selbst als Belohnung für seine Mühe die Hälfte der Schädel mitnahm, um seine Galerie mit ihnen zu verzieren, was ihm sehr zu statten kam, da ihm bei der Brandschatzung seines Hauses im Jahre 1885 seine eigenen Trophäen verloren gegangen waren. Dieses geschah im Jahre 1897 und noch im Jahre 1900 standen die Schädel auf dem inzwischen verwilderten Platze vor dem verfallenen Hause, wo wilde Rinder, Hirsche und Schweine den ganzen Boden aufgewühlt hatten. _Belarè_ sollte damals noch einmal kommen, um die Schädel in dem inzwischen vollendeten Hause der Ma-Suling aufzuhängen. Die Schädel, die man bei den Stämmen in Mittel-Borneo antrifft, sind so verschiedenen und unsicheren Ursprungs, dass es keinen Wert hat, sie aus anthropologischem Interesse anzukaufen. Wie aus Obenstehendem hervorgeht, werden Schädel auf Kopfjagden erbeutet oder gekauft oder als Belohnung oder aus weit entfernten Gebieten als Geschenk erhalten. Der Sultan von Kutei schenkte z.B. dem Häuptling _Kwing Irang_ zwei Köpfe, die im Gebiete des unteren Bulungan erbeutet worden waren. Bedenkt man, dass die Kopfjäger in ihrer Eile und Erregung oft nicht wissen, wessen Kopf sie eigentlich erbeutet haben, so nimmt es nicht Wunder, dass die Besitzer der Schädel selbst nicht immer angeben können, von wo oder von welchem Stamme diese herrühren; ausserdem teilen die Bahau den Fremden, aus Furcht vor Rache, nicht gern mit, auf welche Weise sie zu ihren Schädeln gelangt sind. KAPITEL V. Religiöse Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Götter--Einteilung des Weltalls--Gute und böse Geister--Seelen der Bahau--Charakter und Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere, Pflanzen und Gesteine--Vorzeichen--Erklärung der _pemali_--Priester und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der _dajung_--Erklärung der _mela_--Das Ei als Opfergabe. Um die Höhe der geistigen Entwicklung und die Eigenart eines Volkes beurteilen zu können, muss man vor allen Dingen die Vorstellungen kennen lernen, die dieses sich von seiner Stellung gegenüber der umgebenden Natur bildet. In höherem oder geringerem Masse sind diese Vorstellungen, die wir als Religion bezeichnen, jedem denkenden Wesen eigen. Je widerstandsfähiger ein Volk sich seiner Umgebung gegenüber fühlt, desto verschiedener und erhabener wird es sich ihr gegenüber vorkommen. Ein Volk gewinnt aber nur dann eine gewisse Furchtlosigkeit und Unabhängigkeit gegenüber den auf sein Dasein einwirkenden Naturkräften, wenn es bewusst oder unbewusst so viel Kenntnis von der Natur erlangt, dass es sein Leben mit deren Forderungen in Übereinstimmung zu bringen im stande ist. Berücksichtigen wir, dass die Bahau und Kenja von Borneo ackerbautreibende Stämme sind, deren Lebensunterhalt von der Witterung und anderen sichtbaren Naturänderungen unmittelbar abhängig ist, dass ausserdem die schädlichen Einflüsse des Klimas ihr körperliches Befinden durch Krankheit so stark beeinträchtigen, dass sie an Zahl wenig zunehmen, so kann es uns nicht wundern, in den religiösen Überzeugungen dieser Stämme das Gefühl der Abhängigkeit von der sie umgebenden Natur stark ausgeprägt zu finden. In der Tat ist die Stellung, die sich die Bewohner von Mittel-Borneo im Reiche der Natur anweisen, eine sehr bescheidene; denn sie kommen sich selbst von den Pflanzen, Tieren und Gesteinen ihrer Umgebung nicht wesentlich, sondern nur graduell, verschieden vor. Charakteristischer Weise schreiben die Bahau nicht mir sich selbst, sondern auch allen belebten und unbelebten Wesen den Besitz von Seelen (_bruwa_) zu. Nach ihrer Auffassung reagieren die Seelen eines Baumes, eines Hundes oder eines Felsens auf dieselbe Art wie die eines Menschen, sie werden von denselben Empfindungen der Lust und Unlust bewegt. Daher suchen die Bahau die erzürnten Seelen der Tiere, Pflanzen und Steine, welche sie zu verletzen oder zu vernichten gezwungen sind, durch Opfer zu besänftigen; im übrigen aber empfinden sie vor ihnen keine besondere Angst. Die Wirkungen der Naturkräfte erscheinen ihnen dagegen für das Wohl und Wehe des Menschen viel bedeutungsvoller und auch gefährlicher. Die wahren Ursachen von Donner, Blitz, Regen und Wind nicht kennend stellen sich die Bahau diese als. Äusserungen von Wesen oder Geistern (_to_) vor, die zwar mächtiger sind als sie selbst, sonst aber Angenehmes und Unangenehmes auf die gleiche Weise wie die Menschen empfinden. Die Geister können daher einerseits durch Geschenke und Opfer von lebenden oder toten Wertgegenständen günstig gestimmt werden, andererseits durch diejenigen Dinge, die auch den Menschen Abscheu und Angst einflössen, in die Flucht geschlagen werden. Ich beobachtete einige Male, dass der Sohn _Kwing Irangs_, des Häuptlings der Mahakam Kajan, bei heftigem Sturme aus dem Hause stürzte und, um den Geistern zu imponieren und sie gleichzeitig zu besänftigen, das erste beste Tier, das ihm in den Weg kam, einmal ein Schwein, einmal ein Huhn, mit Schwertschlägen tötete. Ein anderes Mal stürzte ein Mann, in der einen Hand ein gezogenes Schwert in der andern einen Schädel haltend, während eines Sturmes aus dem Hause, um den Sturmgeist in die Flucht zu schlagen. Auch durch Schreien suchen die Bahau die Wind- und Regengeister zu vertreiben; hilft dieses Mittel nicht, so stellen sie zur Abschreckung einen Schädel vor das Haus. Als wir auf einer Reise mit den Mendalam Kajan von einem heftigen Gewitter überfallen wurden und sehr nahe Donnerschläge uns erschreckten, zogen die Kajan sogleich ihre Schwerter halb aus der Scheide, um die gewaltigen Geister zu verjagen. Diese Naturgeister üben auch direkten Einfluss auf das Leben der Menschen aus; so werden bestimmte Vergehen durch die _to belare_, Donnergeister, bestraft. Das Lachen über Tiere z.B., das bei den Bahau als Verbrechen gilt, wird durch die _to belare_ sogleich gestraft, indem sie dem Schuldigen den Hals umdrehen. Es ist daher sehr unvorsichtig, mit einem Huhn, Hund oder Schwein etwas vorzunehmen, was die Leute zum Lachen bringen könnte. Als am Mahakam plötzlich ein kleines Mädchen, wahrscheinlich an Vergiftung, starb, schrieben die Dorfbewohner ihren Tod dein Umstand zu, dass sie über irgend ein Tier gelacht haben sollte. Ausser diesen Naturgeistern, die sich als Blitz, Donner, Wind und Regen äussern, kennen die Bahau noch eine Schar anderer _to_, die, je nachdem wie sie sich den Menschen gegenüber verhalten, als gute und böse bezeichnet werden. An jene wendet man sich bei Krankheit, Unglücksfällen und bösen Träumen um Hilfe, diese, als die Unglücksträger, sucht man durch Gewaltmittel zu vertreiben oder durch Opfer zu beschwichtigen. Die _to_ werden, je nach der geistigen Entwicklungsstufe, welche die einzelnen Bahau einnehmen, verschieden aufgefasst. Während man die gewöhnlichen Leute nur von den _to_, als den Urhebern ihrer Freuden und Leiden, sprechen hört, betrachten die höher Stehenden, wie die Häuptlinge und Priester, die _to_ nur als die direkten oder indirekten Werkzeuge eines obersten Gottes _Tamei Tingei_ (= unser hoher Vater). Wenden wir uns, bevor wir näher auf die _to_ eingehen, im folgenden den höheren geistigen Mächten der Bahau zu. Ihr ganzes Weltall wird von dem eben genannten _Tamei Tingei_, dem Allvater, beherrscht, der mit seiner Gemahlin _Uniang Tenangan_ über allen anderen von Geistern und Menschen bewohnten Regionen lebt. Ausser dem Allvater erkennen die Bahau noch andere hohe Götter an, die unter _Tamei Tingeis_ Oberherrschaft im Weltall bestimmte Rollen zu erfüllen haben. Es sind dies: _Djaja Hipui_ (= alter Häuptling), die Mutter der Kajanwelt und Beherrscherin der guten Geister, jetzt mit _Howong Hwan_ vermählt und _Amei Awi_ (= Vater Awi) und dessen Gemahlin _Buring Une_, welche die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen. Götter, Geister, Menschen und Seelen der Verstorbenen wohnen im Weltall nicht durcheinander, sondern in bestimmten Schichten oder Regionen, die zum Teil besondere Namen tragen; es existieren deren fünf, nämlich: 1. oberste Region, bewohnt von _Tamei Tingei_ und dessen Gemahlin _Uniang Tenangan;_ 2._ Abu Lagan_, bewohnt von _Djaja Hiwi_ und dessen Gemahl _Howong Hwan;_ 3. _Apu Kesio_, bewohnt von den Seelen der Verstorbenen; 4. die Erde, bewohnt von den Menschen; 5. unterirdische Region, bewohnt von _Amei Awi_ und dessen Gemahlin _Buring Une_. Für die gebildeteren Bahau ist _Tamei Tingei_ derjenige Gott, welcher das Lebenslos der Menschen beherrscht, der bereits hier auf Erden denjenigen straft, der sich Übertretungen der _adat_ und andere Übeltaten zu Schulden kommen lässt, und denjenigen belohnt, der sich durch gute Werke auszeichnet. Er ist allwissend und hat zur Vollstreckung seines Willens eine Schar böser, die Erde bewohnender Geister zur Verfügung. Man sollte vom Allvater, der nicht nur straft, sondern auch belohnt, erwarten, dass ihm ausser den bösen Geistern auch gute direkt zu Diensten stehen. Ich habe aber letztere nie erwähnen hören; es ist daher wahrscheinlich, dass _Tamei Tingei_ sich für seine Zwecke der im _Apu Lagan_ unter _Diaja Hiwis_ spezieller Aufsicht stehenden guten _to_ bedient. _Amei Awi_ und _Buring Une_ beherrschen die Erde und den Ackerbau. Da das Gelingen der Ernte von ihnen abhängt, wird ihnen besonders bei den Saatfesten und beim Beginn der Erntefeste geopfert. Sie leben in aller Herrlichkeit auf einer Erde, die unter derjenigen der Menschen liegt und so fruchtbar ist, dass sie nahrhaften Reis und Früchte aller Art in Hülle und Fülle hervorbringt. Während _Tamei Tingei, Amei Awi_ und ihre Gemahlinnen von Anbeginn an Gottheiten gewesen sind, lebte _Djaja Hiwi_, die Beherrscherin der guten Geisterwelt _Apu Lagan_, einst als menschliches Weib auf Erden und zwar im Stammland aller Bahau, im Apu Kajan, als Ehefrau von _Tamei Angoi_, einem Häuptling am Kajanufer. _Djaja Hipuis_ Vorgeschichte ist folgende: Im Apu Kajan, wo für gewöhnlich ein Überfluss an Reis und herrlichen Früchten herrschte, trat einst Hungersnot ein. Daher begab sich _Tamei Angoi, Djaja Hipuis_ Gatte, mit seinem Sohne _Tekwan_, auch wohl _Sunung Kule_ genannt, in das Land _Lagan Pau_, um dort für Gonge, Schwerter und Perlen Reis einzukaufen. Aber auch dort herrschte Reisnot, so dass sie sich unverrichteter Sache auf den Rückweg machen mussten. Zum Übermass des Unglücks ertrank _Tekwan_ unterwegs in den Wasserfällen des Flüsschens Lirong. Tief gebeugt kehrte der Vater in sein langes Haus am Kajan zurück; sein Kummer wurde von _Djaja Hiwi_ und dem ganzen Volke geteilt. Als _Tamei Angoi_ nach Ablauf der Trauerzeit zufällig auf eine Leiter stiess, die nach oben in die Geisterwelt _Apu Lagan_ führte, beschloss er in seiner Not, von dort mit Hilfe seiner Tauschartikel Reis für seine hungernden Untertanen zu holen. So stieg er denn voller Hoffnung die Leiter hinauf und gelangte vor _Buring Bango_, die Frau, die damals den _Abu Lagan_ beherrschte. _Tamei Angoi_ wurde für seinen Mut belohnt; denn er fand hier nicht nur einen Überfluss an Reis, sondern feierte auch Wiedersehen mit seinem Sohne _Tekwan_. Leider durfte ihm dieser aus der Geisterwelt nicht wieder auf die Erde folgen, was die Freude des Vaters, der im übrigen sehr befriedigt von dem Erfolg seiner Unternehmung in sein Land zurückkehrte, etwas beeinträchtigte. Kaum hatte _Djaja Hipui_ erfahren, dass ihr ältester Sohn im _Apu Lagan_ wohnte, als sie sich auf Erden nicht mehr halten liess; trotzdem weder _Tamei Angoi_ noch ihr jüngerer Sohn _Imu Djoatut_ das Land, in dem sie bis jetzt so glücklich gelebt hatten, verlassen wollten, beschloss die Mutter dennoch, zu ihrem _Tekwan_ überzusiedeln. Ein grosser Teil der Dorfbewohner schloss sich _Djaja Hipui_ an und so stiegen sie gemeinsam auf der Leiter nach oben, worauf sie diese zerbrachen. _Buring Bango_ jedoch wollte die Neuangekommenen in ihrem Reiche nicht aufnehmen, daher entbrannte ein heftiger Kampf. _Buring Bango_ wurde besiegt und gezwungen, nach _Pu-u Siu_ zu flüchten und ihr Reich _Djaja Hipui_ zu überlassen. Von_ Tamei Angoi_ und _Imu Djoatut_, den auf Erden Zurückgebliebenen, stammen sämmtliche Bahau ab. _Djaja Hipui_ lebt mit den Ihren im _Apu Lagan_ nach der Weise der Bahau auf Erden, in langen Häusern, an einem Flussufer. Ober- und unterhalb von _Djaja Hipuis_ Hause stehen je zwölf dieser langen Häuser und zwar heissen die zwölf ersten, von oben gerechnet: _Ingan I; Bua Kudja; Ulo Lawing; Paren Tingin; Paren Balui; Batang; Uniang Awang; Utan; Ingan II; Bua Kaping; Tijung_ und _Apu Lagan_. Die Namen der flussabwärts gelegenen Häuser sind mir nicht bekannt. _Djaja Hipui_ greift auch in das Lebenslos der Menschen ein; wird sie z.B. zu häufig oder zu ungelegener Zeit, besonders durch Fluchen, angerufen, so straft sie. Die guten Geister des _Apu Lagan_ sind den Bahau günstig gesinnt: sie beseelen die Priester und helfen ihnen dadurch, die in Krankheitsfällen entflohenen Seelen der Menschen zurückzurufen; sie beseelen auch die Tätowierkünstler, Hirschhornschnitzer; Schmiede und ähnliche Leute; auch sind sie es, die mit Hilfe von Tieren, Träumen und Begebnissen aller Art die Bahau auf das, was sie tun und lassen müssen, aufmerksam machen. Über die Vorstellung, die sich die Bahau von dem Aussehen der guten _to_ machen, habe ich nie etwas vernommen. Dagegen schreiben sie den strafenden Geistern, die sie daher als die "bösen (_dja-ak_)" bezeichnen, alle Körpereigenschaften zu, die sie selbst an ihren Nebenmenschen unangenehm und hässlich finden. Die bösen_ to_ sind menschenähnliche Wesen mit grossen, dicken Leibern, riesigen Augen in grossen Köpfen, schweren Hauern, dichter langer Behaarung und aussergewöhnlicher Stärke. Die den Donner und Blitz verursachenden _to belare_ sind z.B. so stark, dass man glaubt, vom Blitz getroffene Bäume seien von ihnen auseinander gerissen. Das Blitzen erzeugen sie durch das Funkeln ihrer Augen, das Donnern durch das Tönen ihrer Stimmen. Sie bewohnen gewöhnlich Höhlen an Bergabhängen und bilden ähnliche Gemeinwesen wie die Bahau. Auch die übrigen bösen Geister suchen sich als Wohnplätze die Orte aus, die auf das Gemüt der Menschen einen beängstigenden Eindruck hervorbringen, wie stark bewachsene Berge, dunkle Waldgebiete, Felshöhlen und eigentümlich geformte Felsen und Steinklumpen. Viele Berge werden von den Eingeborenen wegen der dort hausenden Geister gemieden und auch mir gestatteten sie öfters nicht, in die Nähe einer Berghöhle zu gehen. Bei der Besteigung des Batu Kasian hörte ich den Häuptling _Kwing Irang_ unseren Pflanzensucher fragen, ob er nicht die Höhle des dort lebenden _belare_ entdeckt habe. Während der Reise warfen meine Träger mit Steinen und Holzstücken nach allen Höhlen und Felsen, die für Wohnsitze von Geistern galten. Einst sah ich einen Mann den Mond anspeien, ich weiss nicht aus welchem Grunde. Als weitere Abschreckungsmittel für böse Geister dienen auch menschliche Phantasiegestalten, deren Genitalien übertrieben gross dargestellt werden. Derartige Figuren, mit Schild, Schwert und Speer bewaffnet, werden, besonders wenn Krankheiten im Lande herrschen, an den Pfaden längs des Flussufers aufgestellt. Auch Genitalien an und für sich sind im stande, andringende Geister zu verscheuchen; sie werden daher in roher Form aus Holz geschnitzt häufig auf Treppen und Bretterstegen angebracht. Wie im Kapitel über Kunst gezeigt werden wird, hat dieser Glaube den Bahau die eigenartigsten Motive für die Verzierung ihrer Häuser, Waffen und Gerätschaften geliefert. Aus der Schöpfungsgeschichte der Kajan geht hervor, dass ihre Götter und Geister vor geschlechtlichen Beziehungen ein Grauen empfinden; hieraus erklärt sich die abschreckende Wirkung, die der Anblick von Genitalien auf die bösen Geister übt. Dass auch das Pflanzenreich zur Abwehr böser Geister vielerlei Mittel liefert, ist bereits im vorhergehenden Kapitel gezeigt worden, ebenso dass die Zähne von Hunden, Wildkatzen, Bären und Panthern, besonders geformte Steine u.s.w. als Schreckmittel benutzt werden. Die bösen sowie die guten Geister besitzen einen viel weiteren Blick als die Menschen und sind, wie wir gesehen haben, auch viel mächtiger als diese; sie bilden für die meisten Bahau das religiöse Element, mit dem sie sich bei ihrem Gottesdienst hauptsächlich befassen. Da die guten Geister nicht nur an sich ungefährlich sind, sondern den Menschen auch alles erdenkliche Gute anzutun bestrebt sind, die bösen Geister dagegen den Menschen, als Strafe für ihre Missetaten, alles Unglück übermitteln, haben diese für die Bahau begreiflicher Weise mehr Interesse als jene. Man hört sie daher viel häufiger von den gefürchteten bösen als von den harmlosen guten _to_ sprechen. Obgleich die Bahau an eine wenn auch beschränkte Unsterblichkeit der Seele glauben, sind sie doch der Überzeugung, dass _Tamei Tingei_ ihnen durch seine Diener schon hier auf Erden das Los zuerteilt, das sie sich durch ihre Lebensweise selbst verdient haben. Diejenigen, welche die menschliche oder göttliche _adat_ übertreten, erleiden Missgeschick oder werden krank; sind die Geister sehr erzürnt, so lassen sie die Schuldigen im Kampfe fallen, verunglücken, sich selbst töten oder, wenn es Frauen betrifft, bei der Geburt sterben. Alle auf diese Weise Umgekommenen sind _matei dja-ak_, d.h. eines schlechten Todes gestorben. Es wird ihnen kein ehrenvolles Begräbnis zu Teil; auch gelangen ihre Seelen nicht in den Himmel _Apu Kesio_, sondern an einen anderen Ort; aber von einer weiteren Vergeltung ihrer auf Erden begangenen Missetaten im künftigen Leben ist keine Rede. Den guten Menschen sendet Allvater Glück und Wohlergehen; auch lässt er sie durch Krankheit eines schönen Todes (_matei saju_) sterben. Ihre Seelen gelangen nach _Apu Kesio_, wo sie in einem Überfluss an Nahrungsmitteln schwelgen und nicht zu arbeiten brauchen. Im Anfang dieses Kapitels ist bereits gesagt worden, dass die Bahau nicht nur sich selbst, sondern auch allen belebten und unbelebten Wesen auf Erden den Besitz von Seelen zuschreiben; sie glauben, dass die Menschen und deren Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner, ferner die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine von zwei Seelen, die übrigen Tiere, Pflanzen und toten Gegenstände dagegen nur von einer Seele bewohnt werden. Betrachten wir zuerst die Seelen der Menschen, ihren Charakter und ihr Schicksal. Alle Leiden, von Angstgefühlen und quälenden Träumen an bis zu Missgeschicken und Krankheiten, schreibt der Bahau dem Umstande zu, dass ein Teil seiner Persönlichkeit zeitweise seinen Körper verlässt; er nennt diesen nur locker mit seinem Körper verbundenen Teil: _bruwa_ (malaiisch: _mata kanan_ = rechtes Auge). Einen zweiten Teil seiner Persönlichkeit, der zeitlebens mit seinem Körper verbunden bleibt, nennt der Bahau: _ton luwa_ (malaiisch: _mata kiba_ = linkes Auge). Diese beiden geistigen Teile des Bahau, seine beiden Seelen, spielen sowohl in seinem Leben als nach seinem Tode eine wichtige Rolle. Die stets unruhige _bruwa_ entflieht dem menschlichen Körper, nach Aussagen der Priesterinnen, in Gestalt eines Tieres: eines Fisches, Vogels oder einer Schlange. Die Fischform verspricht ein langes, die Schlangenform ein kurzes Erdenleben. Der wichtigste Wohnsitz der _bruwa_ liegt im Haupte des Menschen, sie verlässt den Leib durch den Scheitel. Schlägt man ein Kind daher aufs Haupt, so entflieht seine _bruwa_ leicht. Eine der wichtigsten Aufgaben der Priesterinnen besteht darin, die _bruwa_, die den Menschen schon bei geringen Anlässen, wie Schreck und Verstimmung, besonders aber bei Krankheit, verlässt, wieder in den Körper zurückzulocken. Sie tun dies mit Hilfe der Geister aus dem _Apu Lagan_ und zwar auf sehr verschiedene Weise. Bisweilen lässt sich die _bruwa_ schon dadurch besänftigen, dass ein schönes Stück Zeug auf das Haupt des Patienten gelegt wird; sonst spaltet die Priesterin in der Dunkelheit das Haupt zum Schein und lässt die entflohene Seele wieder in ihren alten Wohnsitz zurückkehren. Bei dem Tode des Menschen verlässt die _bruwa_ den Körper für immer und zieht nach Aras Kesio. So viel ich habe erfahren können, verweilt die Seele auch hier nicht ewig, sondern begiebt sich später an einen anderen Ort, _Langit Mengun_, und wird erst dort zu einem wirklichen, ewig fortlebenden Geiste. Der Weg, den die _bruwa_ zum Apu Kesio zurückzulegen hat, ist äusserst mühe- und gefahrvoll; daher giebt man dem Verstorbenen alles mit, was seiner Seele auf der Reise und auch später beim Aufenthalt im Jenseits von Nutzen sein könnte. Hierzu gehören: eine vollständige und prächtige Kleiderausrüstung nach altem Muster; schöne Schmucksachen; Waffen; Gerätschaften aller Art; Gonge, die neben dem Grabe aufgestellt oder bei Häuptlingen in die Prachtgräber (_salong_) gelegt werden; ferner eine winzige Leiter, um der Seele zu ermöglichen, Felsen zu erklimmen und Abgründe zu überschreiten und ein Vorrat von Nahrungsmitteln. Um die _bruwa_ gegen Anfälle böser Geister unterwegs zu schützen, giebt man ihr in einem Tragkorbe (_briut_) seltsam geformte Steine und Tierzähne mit, zur Anlockung der guten Geister dagegen ein Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft. Die _bruwa_ begiebt sich nicht sogleich nach dem Tode des Menschen auf die Wanderung, sondern hält sich, solange die Angehörigen die Trauer noch nicht abgelegt haben, in der Nähe des Leichnams auf. Die Seelen der Kapuas Dajak wählen für diese Zeit den Berg Batu Tilung am Mandai als Aufenthaltsort. Beim Ablegen der Trauer ist es daher Aufgabe der Priesterin, durch Abhalten einer _mela_ dafür zu sorgen, dass die Seele sicher nach _Apu Kesio_ befördert (_anter_) wird. Die _bruwa_ beginnt ihre Reise unterhalb der Erde und Flüsse und hat ausser den gewöhnlichen Terrainschwierigkeiten auch noch Brücken aus heftig wippenden Baumstämmen und Wege von der Schärfe der Schwerter zu überwinden. Kommt sie über diese Hindernisse nicht hinweg, so geht sie zu Grunde; stürzt sie z.B. von der Brücke in den Fluss, so fressen sie die Fische und sie ist vernichtet. Die Unsterblichkeit der _bruwa_ ist somit eine begrenzte. Die Seelen der _matei saju_, eines schönen Todes Gestorbenen, und der _matei dja-ak_, eines schlechten Todes Gestorbenen, wandern zuerst auf gemeinschaftlichem Pfade, dann aber findet Dreiteilung des Weges statt: rechts führt ein Weg zum _Apu Kesio_, links führen zwei Wege, von denen der eine durch Schwerter, der andere durch Gonge bezeichnet ist, zu anderen Anfenthaltsorten, die für die eines gewaltsamen Todes Gestorbenen bestimmt sind. Die Verunglückten, Erschlagenen, Selbstmörder u.s.w. schlagen den Weg der Schwerter, die Frauen und Kinder, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, dagegen den der Gonge ein. Was die zweite Seele der Bahau, die _ton luwa_, betrifft, so ist sie zeitlebens mit seinem Körper fest verbunden. Erst wenn der Leib gestorben ist, verlässt auch diese Seele die stoffliche Hülle. Die _ton luwa_ bleibt jedoch auf dem Begräbnissplatz, wo sie solange herumirrt, bis sie endlich zu einem bösen Geiste wird. Gehen die Bahau daher an einem Begräbnisplatz vorüber, so werfen sie den _ton luwa_, um sie zu beruhigen, Stückchen Esswaren, Tabak u. dergl. zu, auch weisen sie nicht nach ihnen und sprechen nicht von ihnen. Die _ton luwa_ haben die Fähigkeit, während ihres Aufenthaltes auf der Totenstätte in Tiergestalt, als Hirsche und graue Affen, zu erscheinen. Desshalb essen die Bahau diese Tiere nur dann, wenn der Hunger sie dazu zwingt. Da die Malaien keine Schweine essen, glauben die Bahau, dass deren Seelen nach dem Tode bisweilen in Schweine übergehen. Als Beweise für den gelegentlichen Aufenthalt der _ton luwa_ in Tieren führten mir die Mendalam Kajan die folgenden Erzählungen an Ein Mann zog aus um zu_ silem_, d.h. mit einem Blasrohr zu jagen. Obgleich er den ganzen Tag umherlief, hatte er doch keinen Erfolg, und so schlief er endlich müde und verstimmt auf einem Begräbnisplatze ein. Da erschien ihm ein wunderschönes Mädchen, mit der er den Rest der Nacht verbrachte. Beim Erwachen in der Frühe bemerkte der Mann, dass ein Hirsch, der neben ihm lag, eiligst aufstand und entfloh. Hieraus ersah er, dass die Seele des Mädchens sich tagsüber in einem Hirsch aufhielt. Ein anderer Jäger stiess an einer Stelle des Waldes, wo er lange Zeit nicht gewesen war, auf ein Haus, das von grossen, dunklen Menschen bewohnt wurde; etwas weiter stand ein zweites Haus, in dem schöne Frauen lebten, und in einem dritten Hause fand er Menschen noch anderer Art. Mit allen diesen Leuten plauderte der Jäger, ass mit ihnen, kaute Betel und schlief endlich an der Seite einer der Frauen ein. Als er in der Nacht vor Kälte erwachte und sich zur Erwärmung ein Feuer anzündete, bemerkte er, dass sich ein Waffenhalter an der Wand in einen Baumast und die Hausbewohner in graue Affen verwandelten. Darauf ergriff er eiligst die Flucht. Im Vorüberlaufen sah er noch, dass sich die Menschen in den beiden anderen Häusern in Hirsche verwandelten. Wenden wir uns jetzt den Seelen der Tiere, Pflanzen und leblosen Wesen zu. Die Bahau bezeichnen diejenigen Tiere, die nur eine einzige Seele besitzen, als _tular lan_ (wirkliche Tiere); die Haustiere, ferner die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine dagegen sind im Besitze der gleichen Seelen wie die Menschen, einer _bruwa_ und einer _ton luwa;_ sie können daher auch zeitweilig als Menschen leben und wie diese Häuser bewohnen. Auch hierfür lieferten mir die Kajan durch eine Erzählung den Beweis: Ein Mann, der sich mit seinem Blasrohr auf die Jagd begeben hatte, irrte lange im Walde umher, bis er an ein Haus gelangte, das von schönen Frauen bewohnt wurde. Mit einer dieser Frauen lebte er mehrere Monate zusammen; eines Morgens erklärte sie ihm jedoch, dass sie eigentlich ein _bawui_ (Wildschwein) sei und dass sie von nun an nicht länger in ihrer menschlichen Gestalt weiterleben dürfe, sondern in den Wald zurückkehren müsse. Sie hatte den Mann aber inzwischen sehr lieb gewonnen und legte ihm ans Herz, stets dabei zu sein, wenn die Jäger seines Stammes Wildschweine erlegten, da es leicht geschehen könne, dass auch sie sich unter den Jagdopfern befinde. Darauf nahm sie Abschied und begab sich mit vielen anderen Frauen an das Ufer eines Weihers, der vor dem Hause lag; in diesen tauchten sie unter und kamen am gegenüberliegenden Ufer in Gestalt von Wildschweinen wieder zum Vorschein. Die Tiere liefen einen Hügel hinan und verschwanden im dichten Walde. Bald nachdem der Mann in sein Dorf zurückgekehrt war, erlegten seine Stammesgenossen wirklich ein Wildschwein. An einer Narbe an der Seite des Tieres erkannte der Mann seine frühere Geliebte und bemächtigte sich daher der Leiche. Gross war sein Erstaunen, als er beim Aufschlitzen von Brust und Bauch das ganze Tier mit Gold gefüllt fand. So wurde er zum reichsten Manne im ganzen Dorfe. Die Bahau jagen daher nie mehr Wildschweine, ohne deren Seelen zuvor ein Opfer gebracht zu haben. Haben die Bahau einen _kule_, den gefürchteten borneoschen Panther geschossen, so sind sie für ihr Seelenheil sehr besorgt; denn die Pantherseele ist beinahe mächtiger als die ihre. Sie schreiten daher acht Mal über das getötete Tier unter der Beschwörungsformel: "_kule, bruwa ika hida bruwa akui_" = "Panther, Seele deine unter Seele meine". Zu Hause angelangt werden Jäger, Hunde und Waffen mit Hühnerblut eingerieben, um ihre Seelen zu beruhigen und am Entfliehen zu verhindern. Die Bahau essen nämlich Hühnerfleisch so gern, dass sie den gleichen Geschmack auch bei ihrer Seele voraussetzen, auch glauben sie, dass ihr schon der Genuss des Blutes allein genüge. Ausserdem müssen die Männer acht Tage lang sowohl tags als nachts baden. Nach Verlauf dieser acht Tage müssen sie sich aufs neue auf die Jagd begeben. Haben die Jäger bei der Wildschweinjagd der Beute den Schwanz abgehauen, so müssen sie vorschriftsgemäss ebenfalls nach acht Tagen wieder jagen gehen; haben sie einen Bären erlegt, so gehen sie bereits nach sechs Tagen wieder auf die Jagd. Die Pflanzen besitzen nach Auffassung der Bahau zwar nur eine Seele, diese ist aber oft sehr anspruchsvoll und rächt sich für jede Verletzung oder Vernachlässigung an den Menschen. Daher tun die Kajan nach dem Bau eines Hauses, wobei sie zahlreiche Bäume haben misshandeln müssen, ein Jahr lang Busse, d.h. es folgt eine Zeit, in der ihnen vieles verboten (_lali_) ist, unter anderem das Töten von Bären, Tigerkatzen, Schlangen u.s.w. Bei den Ulu-Ajar Dajak am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, bestehen ähnliche, aber noch strengere Vorschriften für den Häuserbau. Dort hängt die Dauer der Busse von den hauptsächlich gebrauchten Baumarten ab; für ein Haus aus wertvollem Eisenholz muss man sich drei Jahre lang verschiedener Leckerbissen enthalten; die Seelen geringerer Baumarten machen dagegen bescheidenere Ansprüche. Eine derartige Verbotszeit wird durch eine Festlichkeit abgeschlossen (_bet lali)_. Dabei spielt die Kopfjägerei, allerdings nur pro forma, auch noch eine Rolle; man entlehnt nämlich einen alten Schädel bei einem benachbarten Stamme. Sehr verschieden geartet sind auch die Seelen der die Pfeilgifte liefernden Bäumeder Täsembaum (Antiaris toxicaria Lesch.) scheint schwer zu befriedigen zu sein; denn nur selten ist das Kernholz dieses Baumes wohlriechend; dies ist nur dann der Fall, wenn derjenige, der ihn fällt, die richtigen Opfer zu bringen versteht. Das Gleiche gilt für den in Ost-Borneo vorkommenden Kampferbaum. Auch der Reis ist beseelt und die gute Gesinnung seiner Seele ist für den Ernteausfall von grosser Bedeutung, daher müssen die Priesterinnen, wie wir in der Folge sehen werden, beim Reisbau ein sehr kompliziertes Zeremoniell erfüllen. Eigentümlicher Weise stellen sich die Bahau, wie schon gesagt, auch die toten Wesen ihrer Umgebung beseelt und mit menschlichen Eigenschaften begabt vor. Aus diesem Grunde wirft ein Kajan, der schwer dazu zu bewegen ist, einen Gegenstand durch Verbrennen zu vernichten, ihn anstandslos in den Fluss, in der Überzeugung, dass er sich im Wasser doch noch durch Schwimmen retten könne. Eine besonders rücksichtsvolle Behandlung erfahren bei den Mendalam Kajan und allen Busang sprechenden Stämmen am Mahakam die Seelen derjenigen Gegenstände, die im Leben des Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben; sie werden zu Lebzeiten gesammelt und auch nach dem Tode ihres Eigentümers in einem grossen Packen, _legen_ genannt, aufbewahrt. Zwar kümmert sich keiner weiter um den Packen, auch lässt man ihn beim Verlassen des Hauses unter dem Dache zurück; niemand würde jedoch wagen, ihn zu vernichten. (Siehe folg. Kap.) Im vorhergehenden haben wir die Vorstellungen kennen gelernt, die sich die Bahau von sich selbst, ihrer irdischen Umgebung und den über ihnen stehenden Mächten gebildet haben; betrachten wir jetzt die Beziehungen, die zwischen der Geister- und Menschenwelt bestehen. Das Bedürfnis, für ihren Lebenswandel eine Richtschnur und über ihre Zukunft einige Gewissheit zu erlangen, hat in den Bahau die Überzeugung entstehen lassen, dass ihnen die guten Geister des _Apu Lagan_ durch die Vermittlung von Tieren und auffallenden Ereignissen den Willen und die Pläne Allvaters mitteilen. Aus dieser Überzeugung hat sich ein ausgebreitetes System von Vorzeichen entwickelt, das nicht nur bei wichtigen Unternehmungen, sondern auch im täglichen Leben, und zwar bei den verschiedenen Stämmen in verschiedenem Masse, eine grosse Bedeutung erlangt hat. Die Zahl dieser Vorzeichen ist eine sehr grosse und ihre Arten sind sehr verschieden; die wichtigsten, welche unter allen Umständen bei den Bahau Gültigkeit haben, werden dem Vogelkluge entnommen. Es handelt sich hierbei hauptsächlich darum, ob gewisse Vögel rechts oder links vom Beobachter auffliegen oder ihre Stimme hören lassen. Die beiden massgebendsten der wahrsagenden Vögel der Bahau sind der _hisit_ oder _sit_ (Anthreptes malaccensis) und der _telandjang_ (Platilophus coronatus), beides auf Borneo sehr verbreitete Honigvögel. Die Kenjastämme legen ausserdem viel Gewicht auf das Erscheinen einer roten Trogonart (Trogon elegans) und eines verbreiteten braunen Falken mit milchweissem Kopf (Habiastur intermedia). Zu den wahrsagenden Tieren gehören ferner auch das Reh, _kidjang_ (Cervulus muntjac) und eine schwarze Schlange mit 4 weissen Längsstreifen und einem lackroten Kopf, Bauch und Schwanz (Doliophis bivirgatus Boie). Da auch ein sorgfältiges Befragen und Befolgen der Vorzeichen den Bahau nicht genügend erschien, um sich _Tamei Tingeis_ Wohlwollen und somit ein glückliches Leben ohne Krankheit und Unglück zu verschaffen, erfanden sie ein System von Verbotsbestimmungen, eine religiöse _adat_, die ihnen zwar jede Freiheit des Handelns benimmt, ihren ängstlichen Gemütern jedoch eine grosse Beruhigung gewährt. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf die zahlreichen Arten der Verbotsbestimmungen näher einzugehen; sie durchziehen das ganze Leben der Bahau derart, dass der Leser mit den Bewohnern von Mittel-Borneo gleichzeitig auch diese religiöse _adat_ kennen lernen wird. Einige Beispiele mögen aber erläutern, was die Bahau im allgemeinen mit den ständig bei ihnen wiederkehrenden Worten "_pemali_" und "_lali_" bezeichnen. Unter _pemali_ (Hauptwort) und _lali_ (Eigenschaftswort) wird in der Busangsprache alles, was sich auf religiöse Verbote bezieht, verstanden. Das Wort _lali_ hat die gleiche Bedeutung wie das polynesische _tabu_, wie das malaiische _pantang_ und das _buling_ im Kapuas-Malaiisch. Die Dajak legen dein _lali_ einen doppelten Sinn bei: das eine Mal bedeutet es "verboten" im allgemeinen, so wird z.B. beim Tode eines Häuptlings die Niederlassung und der Flusslauf für _lali_ erklärt, d.h. sie dürfen von keinem Fremden betreten werden; ferner ist es _lali_, zu bestimmten Zeiten etwas Bestimmtes zu essen, zu tun, zu sagen. Das andere Mal wird _lali_ in dem Sinne von "geweiht" gebraucht, z.B.: "_luma lali_" = "geweihtes Reisfeld", das nur für religiöse Zwecke benutzt werden darf; "_haureg lali_" = "geweihter Hut", der nur bei religiösen Zeremonien aufgesetzt werden darf u.s.f. Wie dem Eigenschaftswort "_lali_" kommt auch dem zugehörigen Hauptwort "_pemali_" eine doppelte Bedeutung zu. Mit "_pemali_" werden sowohl alle durch die religiöse _adat_ vorgeschriebenen Verbotsbestimmungen als auch geweihte Gegenstände bezeichnet. Alle symbolischen Gegenstände, durch welche die Priesterinnen den Geistern ihre Wünsche vortragen, heissen "_pemali_", desgleichen alle Gegenstände, die überhaupt beim Gottesdienst gebraucht werden. Obgleich die Bahau mit Hilfe der guten Geister und der Vorzeichen selbständig mit Allvater in Verbindung treten können, halten sie unter Umständen doch noch eine besondere Vermittlung durch berufene Personen für notwendig. Durch die Erfahrung belehrt, dass auch eine gewissenhafte Beobachtung der Vorzeichen und Verbotsbestimmungen nicht im stande ist, sie vor Krankheit und Unglück zu schützen, wenden sie sich in schwierigen Fällen lieber an Menschen, die ihrer Meinung nach der Geisterwelt näher stehen als sie selbst, um Rat und Hilfe. Eine eigentliche Priesterkaste existiert bei den Bahau nicht; die Personen, die eine Vermittlung zwischen Volk und Geisterwelt übernehmen, behalten ihre sonstigen Berufe als Ackerbauer, Hausfrauen u.s.w. stets bei. Die Zahl der weiblichen Priester ist eine weit grössere als die der männlichen; sie alle werden _dajung_ (singen _= dajung_) genannt. Die Pflichten der _dajung_ sind sehr mannigfaltig; ihre Hilfe wird bei bösen Träumen, Krankheit, Tod und Unglücksfällen von ihren Stammesgenossen beansprucht; eine wichtige Rolle spielen sie auch; wie wir später sehen werden, bei den Ackerbaufesten. Die _dajung_ sind zugleich auch die Gebildeten und Weisen des Stammes; denn sie sind es hauptsächlich, welche die Überlieferungen des Stammes bewahren, ausser der göttlichen auch die weltliche _adat_ kennen, sich stets auf der Höhe der medizinischen Wissenschaft erhalten und diese auch praktisch anwenden. Die _dajung_ halten Versammlungen und Lehrstunden, in welchen die Jüngeren zwei Jahre lang unterwiesen werden. Die jungen Priester haben eine Probezeit zu überstehen, in welcher sie allerhand unangenehme Dinge tun müssen, wie z.B. Erde essen. Während der Lehrzeit tragen die Priesterinnen bei Festen Röckchen mit weissem Mittelfelde. Trotzdem ich alle Ackerbaufeste bei den Mendalam Kajan mitmachte, beobachtete ich exaltierte Zustände der _dajung_ nur in rudimentärer Form. Es war beim Neujahrsfeste, als eine der Hauptpriesterinnen, _Tipong Igau_, den Geistern die auf einem Opfergerüst (_lasa_) ausgebreiteten Geschenke als Opfer anbot. Sie umkreiste in immer schneller werdendem Tanze das Opfergerüst, bis sie zuletzt an ihm emporkletterte und es schüttelte, als wollte sie die Opfer gen Himmel steigen lassen. (Siehe Kap. VIII). Um ihr priesterliches Amt antreten zu können muss die junge _dajung_ zuvor durch einen guten Geist beseelt werden. Der Vorgang der Beseelung wurde mir erst bei den Mahakamstämmen klar; ich beobachtete indessen bereits bei den Mendalam Kajan, dass einer jungen Priesterin eine am Opfergerüst befestigte Schnur in die Hand gegeben wurde, längs welcher der Geist sich auf sie herablassen sollte; eine ältere Priesterin weihte sie unterdessen in die Geheimnisse der priesterlichen Wissenschaft ein. Bei den Bahau fehlt es zwar nicht an Frauen mit allerhand Nervenkrankheiten wie Epilepsie, sie gehörten aber nie zu den _dajung_, die alle als brave Hausmütter und -väter ihren Pflichten auf ruhige Weise nachkamen. Die _dajung_ geniessen seitens des Volkes grosse Achtung; selbst wenn die Ungeschickteren unter ihnen bei den religiösen Tänzen oft unverständliche und komische Sprünge und Bewegungen ausführen, erregen sie doch nie die Heiterkeit der Zuschauer. In sexueller Hinsicht spielen die _dajung_ auch durchaus nicht die Rolle der _blian_ (Priesterin) und des _basir_ (Priester) am Barito, ihr sittliches Leben ist untadelhaft. Das Priesteramt verschafft an und für sich keine besonderen Vorrechte und Vorteile. Die eifrigen und gewandten _dajung_ können allerdings, trotzdem sie einen Teil ihrer Einnahmen den sie beseelenden Geistern und höheren Göttern opfern müssen, sich durch ihr Amt eine reiche Erwerbsquelle erschliessen. Die Priesterinnen sind verpflichtet, den Verbotsbestimmungen strenger als die Laien nachzukommen. Äusserlich unterscheiden sich die _dajung_ von den Laien nur, wenn sie ihres Amtes walten, durch ein bis mehrere besondere Armbänder und bei festlichen Gelegenheiten durch schöne, auf besondere Weise geschlungene Schale. Jede Niederlassung am Mendalam besitzt ihre eigenen _dajung_, die mit einander in keiner Verbindung stehen; auch sind die religiösen Gebräuche selbst bei benachbarten, verwandten Stämmen von einander etwas verschieden. Die _dajung_ bedienen sich während ihrer Amtshandlungen einer besonderen, älteren Sprache, die von der gegenwärtigen verschieden ist und _dahaun to_ (Geistersprache) genannt wird. Ausser durch die Sprache treten die _dajung_ mit den Geistern auch durch Herstellung verschiedener Gegenstände in Verbindung, die sie selbst teils als Ausdruck ihrer Wünsche, teils als Opfergaben betrachten. Diese symbolischen Gegenstände sind alle aus sehr einfachem, dem Pflanzenreiche entnommenem Material verfertigt und werden, wie weiter oben bereits ausgeführt ist, mit allen Gegenständen, Vorschriften und Verbotsbestimmungen, die auf den Gottesdienst Bezug haben, als _pemali_ zusammengefasst. Sobald die Priesterschaft mit der Geisterwelt in Verbindung treten will, benachrichtigt sie diese durch Schläge auf alte, kupferne Becken oder runde, kupferne Platten, die 3-4 dm Durchmesser haben und mit einem 5 cm hohen Rande versehen sind. Die vibrierenden Töne dieses Instrumentes begleiten jede religiöse Handlung, man hört sie aber nie bei anderen Gelegenheiten. In der Wirksamkeit der _dajung_ lassen sich zwei Hauptaufgaben unterscheiden: die erste besteht darin, die _bruwa_ des Menschen zu dessen Lebzeiten am Entfliehen zu hindern oder, wenn sie bereits entflohen ist, sie zurückzuholen und sie nach dem Tode des Menschen sicher nach _Apu Kesio_ zu geleiten (_anter);_ die zweite verlangt eine Vermittelung zwischen der Menschen- und Geisterwelt in allen Dingen, die den Ackerbau, die eigentliche Lebensquelle der Bahau, betreffen. Betrachten wir zunächst, wie sich die Priester ihrer ersten Aufgabe entledigen. Unter einer _mela_ verstehen die Bahau eine religiöse Handlung, die den Zweck hat, die beunruhigte Seele eines Menschen, die im Entfliehen begriffen oder bereits entflohen ist, durch besänftigende Mittel und mit Hilfe der guten Geister zum Bleiben bzw. zur Rückkehr in den Menschen zu bewegen. Sobald ein Familienglied schlecht geträumt hat, sich krank fühlt oder Unglück erlitten hat, wird eine _dajung_ zur Vornahme einer solchen _mela_ herbeigerufen. Auch mit gesunden Menschen wird eine _mela_ vorgenommen, wenn es sich darum handelt, ihre Seele für ein bevorstehendes, beunruhigendes Ereignis, wie z.B. eine Reise, feierliche Handlungen u.s.w. vorzubereiten. Soll ein körperlich oder geistig Kranker geheilt werden, so findet die _mela_ stets in seiner Wohnung statt. Der gewichtige Tag wird morgens gegen acht Uhr mit einer besonders guten Mahlzeit, an der sowohl die Familie als auch die Priesterin teilnimmt, eingeleitet. Die Mahlzeit besteht aus Huhn, Fisch, Reis, Ei und einer Gemüsesuppe. Von allen diesen Herrlichkeiten wird für die Geister etwas auf die Seite gelegt und später zu einer Geisterspeise verarbeitet, welche, je nachdem es sich um Krankheit, böse Träume. oder einen Unglücksfall handelt, mit besonderen Zutaten versehen zu einer _blaka_, dem materiellen Ausdruck des von dem leidenden Teil Gewünschten, vereinigt wird. Einige dieser Geisterspeisen werden an die Kindertragbretter und die Dachfenster, durch welche die guten Geister eintreten sollen, gehängt. Ausser durch Leckerbissen erfreuen die _dajung_ die guten Geister auch durch Geschichtenerzählen; am Boden hockend berichten sie ihnen stundenlang die Stammesgeschichte oder sie erzählen ihnen allerlei Sagen, wie die von _Belawan Buring_, von denen sie annehmen, dass auch die _to_ sie mit Interesse und Vergnügen anhören. Mit allerhand derartigen Vorbereitungen verstreicht der Vormittag; nachmittags schlachtet einer der männlichen Hausgenossen ein Ferkel, dessen Blut auf Bananen- und _sawang_-Blättern (Cordyline javanica Bl. [beta].) aufgefangen wird, um später bei der eigentlichen _mela_ als Geistertrank zu dienen. Unterdessen hat sich die Priesterin auf einer schönen Rotangmatte vor dem offenen Dachfenster, durch welches die Geister eintreten sollen, niedergelassen und zwar nach Kajanweise mit gekreuzten Beinen hockend, das Haupt auf die rechte Hand gestützt. Vor ihr stehen allerhand schöne Dinge: hübsche Zeugstücke, Perlenketten, alte Schwerter und Gonge, ausserdem die _blaka_. Am Dachfenster hängt die _alan bruwa_, der Seelenweg, eine Schnur mit Lockmitteln, welche der entflohenen Seele bei der Rückkehr den Abstieg durch das Fenster erleichtern soll. Die singende Priesterin sucht nun mit Hilfe der Geister von _Apu Lagan_ die verirrte Seele des Patienten längs des _alan bruwa_ zurückzuholen. Glaubt sie ihr Ziel erreicht zu haben, so befördert sie die Seele in ein Körbchen mit Geisterspeise und setzt dieses, nachdem es sorgfältig geschlossen worden, in einer dunklen Ecke der Wohnung nieder. Hierauf geniesst die Familie wieder ein kräftiges Mahl, bei dem das Ferkelchen das Hauptgericht ausmacht. Der Einbruch der Dunkelheit giebt das Zeichen für den Beginn der eigentlichen _mela_. Türe und Fenster werden geschlossen, ein altes Schwert und eine Speerspitze werden mit der Geisterspeise und den mit Ferkelblut besprengten Blättern versehen und der Patient niedergesetzt. Er stützt den einen Fuss auf das Schwert, während ihm die Priesterin den Arm von oben nach unten mit der Speerspitze streicht. Die Handlung hat den Zweck, die verirrte Seele, welche die Priesterin vorher aus dem Korbe genommen und in das Haupt des Kranken geblasen, in dessen Körper fest zu halten. Nachdem der Patient wieder in den Besitz seiner _bruwa_ gelangt ist, werden auch seine Angehörigen auf die gleiche Weise behandelt, um für ihr Gesundbleiben zu sorgen. Hiermit ist die _mela_ zu Ende und die Priesterin kehrt beim, belohnt mit einem Schwert und vier bis fünf Perlen, deren Wert, wenn die behandelte Familie reich ist, 7 1/2 fl das Stück betragen kann. Wie im folgenden Kapitel gezeigt werden wird, führen die _dajung_ die _mela_, je nach dem Zweck, den sie erfüllen soll, auf verschiedene Weise aus; das Prinzip ist aber stets das gleiche: eine Beruhigung der Seele mittelst ihr angenehmer Dinge. An dem Tage nach der _mela_ ist den Hausbewohnern jede Arbeit verboten, auch dürfen sie mit den Dorfgenossen nicht verkehren, ihre Wohnung ist _lali_. Als Zeichen hiervon legen sie sich ein besonderes Perlenarmband (_leku mela_) um, in dessen Mitte sich acht rote Perlen, an den Seiten je vier gelbe, vier blaue und vier schwarze, kleinere Perlen befinden; abgeschlossen wird die Kette durch zwei braune Früchte einer Coïx-Art, welche die bösen Geister zu vertreiben im stande ist. Dieses Armband wird erst am Ende des zweiten Tages abgelegt. Ungefähr auf die gleiche Weise wird die _mela_ vorgenommen, wenn es sich um jemand handelt, der sich beunruhigt fühlt, der schlecht geträumt oder Missgeschick erlebt hat. Gilt es das Wohlsein eines Häuptlings oder das des ganzen langen Hauses, so genügt eine Priesterin für die _mela_ nicht, sondern es vereinigen sich drei bis vier der ältesten, um ihren Einfluss auf die Geisterwelt geltend zu machen. Sowohl bei der _mela_ als bei anderen Gelegenheiten spielt das Ei als Opfer eine besondere Rolle. Augenscheinlich liegt der Grund darin, dass ein Ei einen leicht zu beschaffenden und billigen Opfergegenstand bildet; die Kajan jedoch leiten den Ursprung dieses Gebrauches von folgendem Begebnis ab: _Umwo_, das Kind eines Elternpaares_ Tedjulong Apong_ und _Buro Ling_, fiel einst in den Fluss und kam nicht wieder zum Vorschein. Darüber entstand so viel Jammer und Verzweiflung im Hause, dass selbst die Geister oben aufmerksam wurden und untersuchten, was eigentlich geschehen war. Zwei grosse Geister, _Belarè Kingan Tuman Tana_ und _Belarè Tuman Langit_, sandten mitleidsvoll aus ihrem Himmel ein Ei herab, um mit dessen Hilfe die entflohene Seele des Kindes zurückzurufen. Die Eltern wussten jedoch nicht, was mit dem Ei zu beginnen sei, wickelten es in ein Tuch und legten es unter ihre Schlafstätte. Nachts träumte ihnen, dass es gut sei, das Ei an den Fluss zu bringen und ins Wasser zu werfen. Das taten sie denn auch in aller Feierlichkeit und, als sie nach Hause zurückkehrten, fanden sie zu ihrer Freude das Kind auf der Galerie sitzen. Als die Eltern ihr Kind badeten, trat das Ei an die Oberfläche des Wassers und trieb den Fluss hinab, sie erkannten es jedoch nicht und stiessen es weg. Das Ei schwamm aber langsam den Fluss wieder hinauf; da nahmen die Eltern es als Spielzeug für das Kind mit nach Hause und bewahrten es in Tüchern. Nach Verlauf einiger Zeit, während welcher das Kind immer gesunder wurde, krochen aus dem Ei ein Hahn und eine Henne hervor. Da merkten die Eltern, dass das Ei ihnen von den Geistern gesandt worden war und eine besondere Bedeutung hatte, und seit der Zeit bringen die Kajan den _to_ Eier und Hühner als Opfer dar. KAPITEL VI. Opfergaben der Bahau: _kawit_--Die _pemáli:_ bei der _mela_, beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim Säen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der _mela_ gegen Krankheit, bei der Rückkehr von grossen Reisen--Das _legén_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religiösem Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan. Ihre zweite wichtige Tätigkeit, die Vermittlung zwischen dem Volke und der Geisterwelt, von welcher der Ausfall der Ernte abhängig ist, entwickeln die Priesterinnen bei den Ackerbaufesten; diese liefern daher die beste Gelegenheit, um in den Gottesdienst der Bahau einen Einblick zu gewinnen. Betrachten wir im folgenden die Art und Weise, in welcher die Priesterinnen ihre vermittelnde Rolle auszuführen suchen. Als das wirksamste Mittel zur Anlockung der Geister betrachtet man das Anbieten verschiedener Esswaren. Schweine, Hühner, Eier, Fische und Reis werden als die wahren Götter- und Geisterspeisen angesehen. Bei einer gewöhnlichen _mela_ werden nur Ferkel und Hühner geschlachtet, während die grossen Schweine, und zwar nur die männlichen, für die grossen Festlichkeiten aufbewahrt werden. Ungeteilt werden den Geistern nur Ferkel, Küchlein und Eier angeboten, von den Schweinen und anderen Speisen erhalten sie nur kleine Teile. Die Geister begnügen sich nämlich mit dem geistigen Teil, der in dein Opfer steckt, das nach Auffassung der Bahau auch beseelt ist, und überlassen den körperlichen dem Genuss des Menschen. Die Opfergaben werden in Form von _kawit_ gereicht, die bei keiner religiösen Handlung fehlen dürfen. Es sind dies kleine Rollen aus Bananenblättern, in welche Esswaren eingewickelt werden. Jede Rolle enthält, der bei den Bahau heiligen Zahl acht entsprechend, acht Lagen. Jede dieser Lagen wiederum besteht aus einem viereckigen, handgrossen Blattstück, auf welches ein zweites, kleineres, ausgefranstes Blatt und dann etwas Hühner- oder Schweinefleisch, Fisch, Reis oder Mais gelegt wird; das Ganze wird mit einem fingerbreiten Blattstreifen bedeckt. Liegen acht derartiger Schichten aufeinander, so werden sie in Form einer Zigarre zusammengerollt und mit ungedrehten Bastfasern, deren Enden nicht geknüpft, sondern nur verschlungen werden dürfen, gebunden und die _kawit_ ist fertig. Flüssige Opferspeisen werden den Geistern gewöhnlich in Bambusgefässen gereicht. Eine gleich wichtige Rolle wie die _kawit_ spielen bei religiösen Handlungen die anderen _pemali_, mittelst derer die Priesterinnen den Göttern und Geistern die Wünsche des Volkes auszudrücken suchen. Die Herstellung dieser _pemali_ kostet den Priesterinnen viel Zeit; denn sie sind, je nach der Gelegenheit, für welche sie verwendet werden sollen, verschieden, ausserdem oft sehr kompliziert und zahlreich. Befassen wir uns zunächst ausführlich mit den _pemali_ und deren Anwendung. Bevor der Reis geerntet (_ngeluno_) wird, lässt jeder Bahau in seinem Hause eine _mela_ stattfinden und sich und die Seinen für die bevorstehende gewichtige Arbeit vorbereiten; tut er dies nicht, so darf er an der gemeinsamen Festmahlzeit nicht teilnemen. Die Sorge für die Vorbereitungen zum Erntefest überlässt er dem Häuptling. Die Priesterin hat für diese _mela_, die abends stattfindet, tagsüber drei _pemali_ zu verfertigen: das _kahe parei_, das _tuhe lali_ und das _ao lali_. Das _kahe parei_ ist ein Stück einer Fruchtschale, an der zwei _kawit_ und einige _usut_, jede aus zwei an eine Schnur gereihten Perlen bestehend, befestigt sind. Die _usut_, fünf an Zahl, heissen: _usut parei_ (Reis), _usut baha_ (entspelzter Reis), _usut kanen_ (gekochter Reis), _usut ata_ (Wasser) und _usut apui_ (Feuer); für alle diese _usut_ verwendet man am liebsten alte Perlen. Unter _usut_ wird im allgemeinen ein Geschenk oder eine Busse zur Besänftigung einer erzürnten Seele verstanden; man bringt z.B. ein _usut_ mit, wenn man als Fremder zu einem kleinen Kinde kommt (Siehe pag. 74.). _Tuhe lali_ heisst ein aus einem Kürbis verfertigter Löffel von altmodischer Form, an den vier _kawit_ mit Mehl, Ei, Fisch und gekochtem Reis gehängt werden. _Ao lali_ ist ein hölzerner Spatel, wie man ihn beim Reiskochen stets gebraucht; auch er wird mit einer _kawit_ versehen. Mit dem _kahe parei_ werden bei der stattfindenden _mela_ alle Familienglieder von der Priesterin berührt, erst ihr Gesicht, dann ihre Brust. Der Vorgang wird mit _pelesat_ bezeichnet. Darauf ist jeder mit dem _ao lali_ ein paar Reiskörner und trinkt mit dem _tuhe lali_ etwas Wasser. Dann beginnt die Festmahlzeit. Wie alle Gegenstände, welche bei religiösen Handlungen gedient haben, werden auch diese _pemali_ sorgfältig aufbewahrt. Der eben erwähnte Reis ist der erste der neuen Ernte. Er muss, nach alter Sitte, in einer auf Backsteinen ruhenden Pfanne gekocht werden. Die Backsteine, drei an Zahl, zwei grosse (_angan banga_) und ein kleiner (_angan tepa)_, werden für diese Gelegenheit besonders hergestellt. Die zwei grossen Steine stehen, auf eine Kante gestützt, auf dem Herde und tragen die Pfanne; der kleinere Stein wird an einen der grösseren gelehnt und trägt eine _kawit_. Zur Abwehr böser Geister dient ein mit Haken versehener Bambusstab (_udak awak)_, der beim Gebrauch an den kleinen Stein gelehnt wird. Diese Backsteine sind so ziemlich das einzige Überbleibsel der früheren Töpferkunst, die bei den verwandten, aber von den malaiischen Händlern seltener besuchten Stämmen jetzt noch im Schwange ist. Bei der Festmahlzeit wird der neue Reis für alte tapfere Männer auf besondere Weise zubereitet; man kocht ihn, in Bananenblätter eingewickelt, in Form von länglichen Päckchen, welche aufgerollt werden. Jeder der Tapferen erhält acht solcher an einer Schnur befestigten Rollen. Auch das erste Einbringen des Reises in die Scheune findet mit Hilfe der _dajung_ statt, welche mit den Reisseelen unterhandeln muss, um sie für ihren künftigen Aufenthalt in der Scheune günstig zu stimmen. Die hierfür verwendeten _pemali_ sind bei den verschiedenen Stämmen verschieden. Die _dajung_ von Tandjong Karang gebrauchen das _barang bulit_, die von Tandjong Kuda den _telu_ mit _hiköp bulit_ und die der Ma-Suling den _san lali_. Alle diese _pemali_ dienen dem gleichen Zweck, dem Anlocken; Auffangen und Aufbewahren der Reisseelen. Zum _barang bulit_ gehört eine winzige Leiter, ein Spatel, beide mit _kawit_ versehen, und ein geschlossenes Körbchen. In diesem befinden sich, ausser einer _kawit_, Haken und Dornen von Pflanzen und Schnüre aus Pflanzenfasern, um die Reisseele nötigenfalls gewaltsam festzuhalten. Bei der Handlung streift die Priesterin die Reisseele mit dem Spatel längs der Treppe in den Korb, soll heissen: sie bringt die Seelein die auf Pfählen ruhende Reisscheune. Das _telu_ mit dem _hiköp bulit_ ist eine mit einem weissen Kattunstreifen gebundene Bambusdose, in der sich einige _kawit_, eine Schnur und eine winzige Leiter befinden. Auf dieser Leiter wird die Reisseele mit dem _hiköp bulit_ (Schöpfnetz) in das Bambusgefäss befördert, hier von der _dajung_ mit der Schnur festgebunden und das Ganze in der Scheune aufgehängt. Netz und Leiter sind ebenfalls mit _kawit_ versehen. Neben dieser Form existiert in Tandjong Kuda noch eine andere: zwei Bambusgefässe mit _kawit_, die neben einander an einer Schnur in der Scheune hängen; man unterscheidet an diesen die: _tawe_ (Schnur) _lepo_ (Scheune), _parei_ (Reis), welche als Seelenweg dient, und das _teha hato toko hawo_, Gefäss für die Aufbewahrung der eingefangenen Seele. Die _san_ (Leiter) _lali_ der Ma-Suling besteht aus einer Leiter, einem Bambusgefäss und einer Hühnerfeder, die zur Überführung der Seele in das Gefäss dient. Das Bambusgefäss enthält die _kawit_ und wird, mit weissen Kattunstreifen umwickelt, man nennt es: _njina bruwa parei_ wörtlich: Beruhigung der Reisseele. Unter _njina_ wird das tägliche Anlocken, Liebkosen und Beruhigen der Kinderseelen durch die Mütter verstanden. Eine genaue Wiedergabe des Wortes ist unmöglich (Über den Vorgang siehe pag. 72). Um sich auch für das folgende Jahr eine gute Ernte zu sichern, halten es die Bahau für notwendig, nicht nur in den Besitz der Seelen des augenblicklich vorhandenen Reises zu gelangen, sondern auch der Seelen des auf den Boden gefallenen, von Hirschen, Affen und Schweinen gefressenen Reises habhaft zu werden. Auch hierfür haben die Priester ein Mittel erfunden: sie stellen ein _telu hina_ (Hauptwort zu _njina =_ beruhigen) her, das ist ein Bambusgefäss (_telu_) mit _kawit_, an welches vier Haken aus Fruchtbaumholz befestigt werden, mit deren Hilfe die verlorenen Reisseelen, falls solche vorhanden, aus der Ferne herbeigelockt werden können. Nachdem die Seelen im Behälter geborgen worden, hängt man ihn in der Wohnung auf. Die _Ma-Suling_ haben für den gleichen Zweck ein anderes _pemali_, die _usu bruwa_ = Seelenhände. Es sind zwei aus Fruchtbaumholz geschnitzte Hände, zwischen welche acht _kawit_ gesteckt werden; man umwickelt sie mit Kattun und bindet sie mit einer Perlenschnur fest. Die Hände haben die gleiche Bedeutung wie die Gefässe, sie sollen die herbeigelockten Reisseelen festhalten. Auch dieses _pemali_ wird im Wohngemach aufgehängt. Ein anderes _pemali_, das _barang usut_, wird erst dann in die Reis scheune gebracht, wenn diese bereits gefüllt worden ist; es ist ein Korb, dessen Inhalt die Reisseelen, falls diese erzürnt sind, beruhigen soll. In dem Korbe befinden sich noch drei andere, kleinere Körbe, in denen kleine und grosse rote Perlen als eigentliches _usut_ (Geschenk) liegen; ausserdem enthält das Körbchen noch die Endtriebe eines Krautes und als Symbol für das Festhalten der Seele einige gekrümmte Dornen. Wenn eine Kajanhausfrau für den täglichen Gebrauch Reis aus der Scheune holt, sorgt sie dafür, dass die Reisseelen hierüber nicht in Zorn geraten. Zu diesem Zweck hat sie das _barang lali_ stets in der Scheune hängen; seine wesentlichen Bestandteile sind ein Bündel Spähne aus Fruchtbaumholz und ein viereckiges Körbchen aus _tika_. Mitten zwischen die Spähne wird ein Ei gesteckt und unten am Bündel ein kleines Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft (_telang tewo_) als Opfergabe angehängt. Das Körbchen enthält eine geweihte Matte für das Holen des Reises: _brat_ (Matte) _lali_ (geweiht) _ala_ (holen) _parei_ (Reis) und vier _kawit_, die besondere Namen tragen: barang _bal ok; pakan lepo halam; pakan lepo parei; bal ok a desak;_ ausserdem einen Reishalm. Die Frau beginnt damit, als Opfer für die _bruwa parei_, etwas Zuckerrohrsaft auf das Ei zwischen den Spähnen zu giessen. Während sie den Deckel des Korbes abhebt, die kleine Matte herausnimmt, auf den Boden breitet und einen Reishalm darauf legt, erklärt sie den Reisseelen den Zweck ihres Kommens. Darauf kniet sie, einige Sprüche murmelnd, vor der Matte nieder und isst ein einziges Korn von dem Reishalm. Nachdem sie das _barang lali_ sorgfältig geborgen, geht die Frau mit der erforderlichen Menge Reis ruhig nach Hause. Matten spielen beim Trocknen und Stampfen des Reises eine wichtige Rolle, es ist daher wahrscheinlich, dass das _barang lali_ und das Verzehren des Reiskorns den Reisseelen die bevorstehende Behandlung andeuten sollen. Beim Beginn einer neuen Ernte werden die gebrauchten _pemali_ durch andere ersetzt, nur das _bararg lali_ und _kahe parei_ werden sorgfältig mit einer mit Reis gefüllten Eierschale bewahrt und bei jeder neuen Jahreszeit wieder zum Vorschein geholt. Wenn diese _pemali_ verloren gehen, ist eine _mela_ der _dajung_ erforderlich, um die Reisseelen wieder anzulocken. Beim Beginn des Reisschnitts stimmt man die Geister dadurch günstig, dass man ihnen Esswaren und Wasser, vielleicht einen Aufguss auf Gemüseblätter, darbietet. Das Opfer, _tawe lali luno_ genannt, wird von Kindern auf das Reisfeld getragen. Die Esswaren: gekochter Reis, Fisch und Huhn, befinden sich in drei von den _dajung_ mit einfacher Schnitzerei verzierten Bambusbehältern, das Wasser in einem vierten, niedrigeren Behälter; an alle Gefässe werden _kawit_ gehängt. Abends werden die Reishalme des ersten Schnittes in einem geweihten Korbe (_ingan lali_) unter Beckenschlag feierlich ins Haus getragen. Aus der Wohnung sind Hunde und Katzen vorher entfernt worden, auch hat man die _amin_ gereinigt und den Eingang mittelst einer Tür aus Rotanggeflecht verschlossen. Die Tür (_bilet_) besteht aus zwei durch eine Rotangschlinge verbundenen Hälften und einem hölzernen Handgriff. Soll der Korb in die Wohnung getragen werden, so streift man die Schlinge mit dem Handgriff ab, die beiden Flügel des Pförtchens springen auf und der Reis kann seinen Einzug halten. Die mit dem Saat- und Neujahrsfest verbundenen Festlichkeiten haben auf die Verehrung der Götter _Tamei Tingei_ und _Djaja Hipui_ Bezug, daher besitzen die bei dieser Gelegenheit gebrauchten _pemali_ teilweise eine allgemeinere und wichtigere Bedeutung als die vorhin angeführten; denn nun gilt es nicht allein, die betreffenden Geister zufrieden zu stellen, sondern man verlangt von ihnen auch eine gute Ernte, Gesundheit und Wohlfahrt. Die _dajung_ verfertigen für das Neujahrsfest ein besonderes _pemali_, das sie auf dem geweihten Reisfeld (_luma lali_), das als Ort der heiligen Handlung dient, aufrichten. Mit geringen gelegentlichen Abweichungen besteht dieses _pemali_ aus Stücken von Fruchtbaumholz, die durch ihre Form den Geistern die Bitten des Kajanvolkes übermitteln sollen. Die Konstruktion ist die folgende: Mitten im Reisfeld werden, mit ihren zugespitzten Enden in die Erde gebohrt, vier etwa 20 cm lange runde Pfähle dicht neben einander in einer Reihe aufgestellt. Die beiden mittelsten tragen oben je einen Kranz von acht kleinen, in das Holz eingesenkten Häkchen, während zu den seitlichen Pfählen je eine Treppe führt. Die Pfähle sind oben mit zwei schmalen Brettern gedeckt; vor und hinter ihnen stecken etwas längere Hölzer mit ihren hakenförmigen Enden schräg im Boden. Die Bedeutung des Ganzen ist diese: die vier aufrechten Pfähle bitten die Götter um langes Leben, die beiden Hakenkränze um ein Ansammeln von Reichtümern, die beiden Treppen um ein Übersteigen aller Schwierigkeiten, die schief im Boden steckenden Hölzchen um einen Boden, aus dem sich Reichtümer heben lassen. Dieses _pemali_, als _pelale_ bezeichnet, wird beim Saatfest und später beim Neujahrsfest am Fuss des _dangei_ aufgerichtet, nachdem man die Erde vorher mit dem Blut eines Küchleins als Opferspeise befeuchtet hat (Siehe Kap. VIII). Das _pemali bliang_ unterscheidet sich vom _pelale_ hauptsächlich dadurch, dass die Hakenkränze durch acht längere Haken, die man rings um die vier Pfähle steckt, ersetzt werden. Zwischen die Haken werden als Opfergaben kleine Fische gelegt. Die Pfähle und Haken des _pemali_ bliang stecken nicht, wie beim _pelale_, in der Erde, sondern in einem Körbchen mit Klebreis, das mit einem Deckel verschlossen wird. Nachdem das Körbchen mit einem Streifen weissen Kattuns umwickelt worden, befestigt man an ihm ein winziges _tekok_, zwei Bambusstäbe und eine Matte, mit denen beim Neujahrsfest die Geister angerufen werden; augenscheinlich ein Mittel, um die Aufmerksamkeit der Geister des _Apu Lagan_ zu erregen. Jede _dajung_ verfertigt am dritten Tage des Neujahrsfestes ihr eigenes _pemali bliang_ und stellt es am folgenden Tage mit denen der anderen Priesterinnen gemeinschaftlich an den Fuss des Opfergerüstes (_lasa_); nach dem Feste bewahrt jede ihr _pemali_. Für das grosse Neujahrsfest werden ausserdem auch noch andere _pemali_ verfertigt. Das eben erwähnte _tekok_ wird dann täglich an Stelle eines Gongs zum Anrufen der Geister gebraucht. Es besteht aus einer geweihten Matte (_brat lali_) aus _tika_ und zwei Bambusstäben von 3 dm Länge, welche am unteren Ende durch einen Halmknoten geschlossen sind. Beim _dangei_-Feste ruft die Priesterin morgens und abends die Geister an, indem sie in bestimmtem Rhythmus mit den Bambusstäben abwechselnd auf die Matte schlägt und den Geistern halb singend, halb rezitierend die Leiden und Wünsche des Stammes zu kennen giebt. An das Gestell (_lasa_), an welches die Opfergaben gehängt werden, wird stets eine Rotangschnur und an diese wiederum eine _tawe nangan_ (Leitbahn) befestigt, welche als _alan to_ (Weg der Geister) dienen soll. Der _alan to_ hängt an einem kupfernen Haken und besteht aus einem weissen Kattunstreifen, der in einige rote und blaue Streifen ausläuft, an welche jede der anwesenden _dajung_ ein Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft, eine Art Halskette aus Perlen und verschiedene _usut_ (Geschenke) und Schleifen, von mir unbekannter Bedeutung, bindet. Neben dem weissen Kattunstreifen hängt eine Perlenschnur mit kawit, die mit einer Schlinge endet. Bei der Beseelung kommt der gute Geist längs dieser Schnur auf die darunter stehende _dajung_ herab. Die Art und Weise, in welcher die Bahau ihren Dorfgenossen ihre Neujahrswünsche ausdrücken, ist sehr eigentümlich. Die _dajung_ verfertigen nämlich vor Beginn des Festes für die ganze Bevölkerung das _hato kawit bruwa_, ein Bündel von acht Haken aus Fruchtbaumholz und drei _kawit_, die zusammengebunden in einem Säckchen aus weissem Kattun stecken. In eine Schlinge aus ungedrehten Pflanzenfasern, welche aus dem Säckchen hervorragt, muss der Nachbar bei der Begrüssung seinen Finger stecken, der dann hin- und herbewegt wird; bisweilen wird auch der gute Einfluss, der von der Schlinge ausgeht, auf das Haupt des Betreffenden geblasen. Indem man die Seele des Freundes mittelst der Schlinge mit dem wohlschmeckenden Inhalte des Sackes in Berührung bringt, erweist man ihr etwas Angenehmes, ausserdem wünschen die hölzernen Haken ein Sammeln von Reichtümern für das folgende Jahr. Beim _marong uting_ (Schweinefleischessen, siehe Kap. VIII) verfertigen die _dajung_ in der Wohnung des Häuptlings das _bowo nangan_, ein Gestell, auf welchem den Geistern das Schweinefleisch in kawit angeboten wird. Das _bowo nangan_ ist ein mit Schnitzwerk etwas verziertes Bambusrohr, das horizontal an einer Perlenschnur hängt, innen und aussen mit _kawit_ versehen ist und in der Mitte acht _usut_ trägt, deren Bedeutung mir nicht klar ist. Zu beiden Seiten des Bambusrohres hängen gekreuzte Stöckchen mit kleinen Schnüren, an welche die _kawit_ mit Schweine- und Hühnerfleisch gebunden werden. Tagsüber hängt das _bowo nangan_ in der _dangei_-Hütte, abends wird es aber stets in die _amin_ des Häuptlings zurückgebracht. Statt der Speerspitze und des Schwertes, welche die _dajung_ bei einer gewöhnlichen _mela_ gebraucht, verwendet sie bei der gelegentlich des marong uting stattfindenden _mela_ die _telingan uting_, eine geschliffene Muschelschale (_hulo)_, an der eine alte Perlenschnur und eine _kawit_ hängen. Diese von Nautilus-Arten stammenden Schalen und die alten Perlen werden bei den Bahau sehr geschätzt und sind daher, gleich wie alte Waffen, sehr geeignet, die Seele in gute Stimmung zu versetzen, besonders in Verbindung mit dem geliebten Schweinefleisch. Nach der Sitte aller Stämme von Mittel-Borneo wechseln auch die Kajan am Mendalam ihren Wohnsitz, sobald für den Reisbau kein geeigneter Boden in der Nähe mehr vorhanden ist. Bein Einzug in das neue Haus erbittet die Oberpriesterin den Segen _Tamei Tingeis_ und zwar drückt sie ihre Bitte durch das _betungul_, ein für den Häuptling bestimmtes _pemali_ aus. Dieses befindet sich, wie das _pemali bliang_, in einem Körbchen aus _tika_ und besteht aus einem selbst gebrannten irdenen Töpfchen (_taring ladang_) mit unregelmässigen Vertiefungen am Böden, in welche 2 × 8 Haken aus Fruchtbaumholz gesteckt werden; auch diese bitten um eine Anhäufung von Schätzen. Zwischen den Haken werden in geknickte Bambushölzer kleine Fische als Opfer geklemmt. Das Töpfchen bittet _Tamei Tingei_ wahrscheinlich um Nahrungsmittel. Mit den Backsteinen, die beim Kochen des ersten Reises verwendet werden (pag. 118), bildet es das einzige Überbleibsel der alten Töpferkunst. Beim Umzug bleibt das _betungul_, wie auch das _legen_ der Verstorbenen, im verlassenen Hause zurück. Ein wichtiges _pemali_, das speziell für die _dajung_ bestimmt ist, heisst _hlen lali_ und ist ein längliches Kissen aus weissem Kattun. Das Kissen wird von den Frauen bei ihrer Aufnahme unter die _dajung_ hergestellt und bei jedem Saatfest zum Vorschein geholt und mit einer _kawit_ versehen. Neben den _kawit_, welche die Zahl der Amtsjahre der Priesterin angeben, sind verschiedene Perlenschnüre angebracht. Ein Armband (_kamang tukan_ oder _laku dajung_) wird nur auf dem Kissen der ältesten Priesterin befestigt und darf nie entfernt werden. Auf jedem Kissen findet man drei _usut:_ eine rote, eine gelbe Perle und einen Knopf (_hulo_). Die Besitzerin trägt diese usut, sobald sie ihres Amtes waltet. Die gelbe Perle dient zugleich für die _mela_ der Priesterin selbst; fühlt diese sich nämlich krank oder fürchtet sie ein Entfliehen ihrer Seele, so sucht sie ihre _bruwa_ zu beruhigen, indem sie die gelbe Perle fest in die Hand drückt. Neben den erwähnten drei _usut_ wird das _usut lali_ angebracht, das aus kleinen Perlen besteht und während des Saatfestes täglich angefasst werden muss. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Hausgenossen gesegnet, indem die _dajung_ ihr Haupt mit dem Kissen, das für gewöhnlich sorgfältig in einer Kiste bewahrt wird, in Berührung bringt. Je nach der Gelegenheit, bei welcher eine _mela_ vorgenommen wird, benützt die _dajung_ zur Beruhigung der Seele verschiedene Gegenstände. Bei der _mela_, welche während des Saatfestes bei der zweiten Namengebung des Kindes stattfindet, streicht die Priesterin dieses in Tandjong Kuda mit einem durch _kawit_ und Perlen geweihten Kürbis. Gleich wie auch in Tandjong Karang, werden die Füsse des Kindes in Wasser gebadet, das in zwei hierfür bestimmten Bambusgefässen mit _kawit_ mitgebracht worden ist. Kürbis und Bambusgefässe heissen zusammen: _tawe anak ok =_ Seelenbefriediger eines kleinen Kindes. Wenn die Kajan durch Vermittlung der Priesterinnen die Hilfe der Geister anrufen, stellen die Priesterinnen für die _mela_ folgende Gegenstände her: _pemali kaja, kawit mela_ und _malat kadja_. Der _pemali kaja_ ist eine besondere Art von Seelenweg, welchen die _dajung_ benützt, wenn es eine verirrte Seele mit Hilfe der guten Geister zurückzurufen gilt. Dieser Seelenweg, welcher an dem offenen Dachfenster angebracht wird, besteht in einer kostbaren Perlenschnur mit zwei gelben Perlen als _usut_. Auf die Schnur folgt ein aus acht Schlingen zusammengesetzter Knoten, der mit einem Päckchen von acht Haken aus Fruchtbaumholz vier Perlen, vier kleinen _kawit_, einer Hühnerfeder und einem Stück _daun hugul_ (Dracaena-Blatt) verbunden ist. Die Perlen, die _kawit_ und das in Schweineblut getauchte Blattstück dienen als Beruhigungsmittel für die herankommende Seele; die Haken bitten um Reichtum; die Hühnerfeder wird bei der eigentlichen _mela_ verwandt. Die Priesterin streift bei der _mela_ die zurückkehrende Seele längs des Seelenweges auf den Knoten, den sie in einem Säckchen und dieses wieder in einem Körbchen bis zum Abend aufbewahrt. Mit der Hühnerfeder bestreicht die Priesterin den Patienten, nachdem sie ihm vorher im Dunkeln die Seele in das Haupt geblasen hat. _Kawit mela_ wird das alte Speereisen genannt, mit dem die _dajung_ den Aren des Patienten streicht; vier _kawit_ und zwei mit Schweineblut bestrichene Blätter von _hugul_ werden an ihm befestigt. _Malat kadja_ ist der Name des alten Schwertes, auf welches der Patient während der _mela_ seinen Fuss setzen muss; auch dieses ist mit _kawit_ versehen. Die _blaka_, die, wie die anderen pemali, morgens vor der eigentlichen _mela_ hergestellt wird, bittet die aufgerufenen Geister um alles, was dem Menschen not tut; sie besteht im wesentlichen aus einem dünnen Flechtwerk in Form einer 1 1/2 quad. dm grossen Matte, welche um folgenden Inhalt geschlagen wird: acht sorgfältig hergestellte _kawit_, ein Päckchen von vier Hühnerfedern (_ukur manok)_, ein gewundenes Stück Rotang (_ukur uting_) und zwei Bambusstäbe (_tawe)_. Die drei letzten Gegenstände haben folgende Bedeutung: _ukur manok_ = Mass für Hühner, bittet die Geister um viele Hühner und giebt zugleich die gewünschte Grösse derselben an; _ukur uting_ = Mass für Schweine, bittet um viele Schweine, ebenfalls mit Grössenangabe; _tawe_ bittet um langes Leben. Kehren die Bahaumänner von einer langen Reise zurück, so müssen sie, bevor sie das Haus betregen dürfen, vier Tage lang in einer für diesen Zweck besonders hergerichteten Hütte abgesondert leben. Der Anführer der Gesellschaft lässt für diese Zeit durch die _dajung_ eine _blaka ajo_ herstellen; sie besteht aus einer 2 quad. dm grossen Rotangmatte, auf welcher mittelst eines Rotangstückes 2 × 8 Blätter von _daue Jong_ befestigt werden; diese dienen zur Abwehr böser Geister. Zwischen die Blätter wird Reis gestreut. Die _blaka ajo_ wird später in der Galerie (_awa_) afgehängt. Einen wichtigen Gegenstand für die Zeit dieser Absonderung bildet ferner ein alter Feuermacher der Bahau, der im täglichen Leben schon längst durch Stähl und Feuerstein ersetzt worden ist. Zwischen den Zähnen einer Gabel aus leichtem trockenem Holz wird ein halbiertes Stück Rotang hin- und herbewegt. Durch die bei der Reibung entstehende Wärme werden die abgeriebenen Holzteilchen zum Glühen gebracht und entzünden die feinen Baumbastteile, welche unter der geriebenen Stelle auf eine Matte aus _tika_ gelegt werden. Die Gabel wird mit den Füssen festgehalten. Mit dem bereits mehrmals erwähnten _legen_ möge die Reihe der _pemali_ abgeschlossen werden. Das _legen_, ein aus _tika_ geflochtenes Körbchen, enthält alle Gegenstände, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben und nicht vernichtet werden dürfen, weil ihre Seelen sich sonst an dem Menschen rächen könnten. Man findet im Körbchen folgende Gegenstände: 1. Einen Bambusbehälter mit dem abgefallenen Nabelstrang (_obut_) und einen zweiten mit einem _habung awut_, einem _pemali_, das verhindern soll, dass das Kind zu viel isst und dadurch eine zu schnelle Verdauung erhält. 2. Ein Messerchen aus Bambus (_haling obut_) und eine hölzerne Unterlage, die für das Abschneiden des Nabelstranges benützt wurden. 3. Die _tewesing_, eine Halskette der Mutter, welche aus Perlen und 2 × 4 Früchten zur Abwehr böser Geister besteht und an welcher die _hina ana_, die Schlinge vom Kindertragbrett, hängt. Ferner sind an der Halskette befestigt: das _laku krawa_, das Armband, das gegen Krämpfe schützen soll und das _leku pela_, das Armband, welches das Kind zwischen der ersten und zweiten Namengebung trägt. 4. Das _tol_, ein Stöckchen, mit dem das Kind zum ersten Mal für die Reissaat Löcher in die Erde bohrte. 5. Ein Kreisel (_asing_), mit dem das Kind zum ersten Mal beim Saatfest spielte. 6. Die Eierschalen (_telo lali_), mit welchen das Kind gelegentlich der ersten Namengebung bei der _mela_ gestrichen worden ist. 7. Das Röckchen (_ta-a_) und 8. Das Jäckchen (_basong)_, welche bei der ersten Namengebung zum ersten Mal angelegt wurden. 9. _hapin hawat_, ein Zeugstück, das als Unterlage in dem Tragbrett benützt wurde. 10. Ein Tellerchen aus Kürbisschale (_uwit lali_), auf welchem dem Kinde bei der Mahlzeit von Vater und Mutter einige Reiskörner gegeben wurden. 11. Ein Instrument zum Durchbohren der Ohrläppen (_natap telinga)_. 12. Ein Stückchen Baumbast mit den ersten Exkrementen des Kindes. 13. Das _lawong tika akar_, das Kopfband, welches die Mutter während des ersten Lebensjahres des Kindes trug. 14. Das Bambusgefäss, in welchem das erste Badewasser für das Kind geholt wurde. Aus allem, was im vorhergehenden über die religiösen Vorstellungen der Bahau gesagt worden ist, ersieht der Leser, dass die Besorgnis um die Ruhe ihrer Seelen ihr Tun und Lassen während ihres ganzen Lebens beherrscht. Da die _bruwa_ durch alles, was dem Menschen selbst fremd, unbegreiflich und gefahrvoll erscheint, erschreckt und zum Fliehen gebracht werden kann, was Krankheit oder Tod zur Folge hat, stösst derjenige, der mit Hilfe der Bewohner von Mittel-Borneo in unerforschten Gegenden wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen will, auf bisweilen unüberwindliche Hindernisse. Das Betreten eines unbekannten Gebietes, das Besteigen eines gefürchteten Berges, die Photographie, die anthropologischen Messungen u.s.w. erschienen meinem Geleite als gefährliche Experimente, die Wohlsein und Gesundheit aufs ernsteste bedrohten. Eine besondere Seelenunruhe veranlassten meine Nachforschungen nach ihren Überlieferungen und ihrem Gottesdienst; die Hindernisse, die man mir auf diesen Gebieten daher in den Weg legte, waren sehr grosse. Zum Glück liessen sich die beängstigten Seelen der Baliau meist mit allem, was diese selbst schön fanden, wie hübsches Zeug, Perlen und Geld, beschwichtigen. In bezug auf Mitteilsamkeit in religiösen Angelegenheiten machte sich übrigens, je nach Veranlagung und Höhe der geistigen Entwicklung bei den einzelnen Personen, Verschiedenheiten geltend. Während die einen sich völlig unzugänglich zeigten, konnte ich von den anderen doch mit Hilfe von allerhand Mitteln einiges erfahren. Indessen wären mir die religiösen Vorstellungen der Kajan am Mendalam auch nach elfmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, wenn nicht gerade die Oberpriesterin von Tandjong Karang, _Usun_, eine rühmliche Ausnahme gemacht und sich in allem, was ihre heilige Wissenschaft betraf, zugänglicher gezeigt hätte. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaften meiner alten Freundin kann ich nicht umhin, gerade an dieser Stelle mit Dankbarkeit ihrer zu gedenken. _Usun_ gehörte zu den wenigen Bewohnern des langen Hauses, die den ganzen Schatz der Überlieferungen von der Geisterwelt und der Stammesgeschichte kannten. Nach der Überzeugung der Kajan war ihr Tun und Lassen daher für die Gesinnung der Geister, somit für das Wohlergehen und den Gesundheitszustand des ganzes Stammes, massgebend. Durch aussergewöhnliche Handlungen, wie es ihre Unterhaltungen mit meiner profanen Person über Religionsangelegenheiten waren, schadete Usus also nicht nur sich selbst, sondern ihrer ganzen Umgebung; begreiflicher Weise sah man unseren Verkehr daher nur sehr ungern. _Usun_ selbst stand ihren Stammesgenossen durchaus nicht furchtlos gegenüber, auch spielte die Besorgnis um das Wohl und Wehe ihrer eigenen Seele bei ihr eine grosse Rolle; ich musste daher jedesmal, wenn sie mir etwas Besonderes erzählt oder gebracht hatte, ihre _bruwa_ mit etwas Geld, Kattun oder Perlen besänftigen, um bösen Träumen oder gar Krankheiten zuvorzukommen. Den Geldstücken schien dabei eine besonders beruhigende Wirkung eigen zu sein, auch wurden sie, um in innige Berührung mit ihrer Seele gebracht zu werden von der Alten beim Abschied gebissen. Auch ihr Enkel, ein ungezogener zwölfjähriger Knabe, beängstigte ihr Gemüt; denn er wollte, wie die übrigen Kajan, nichts von ihrem gefährlichen Umgang mit mir wissen. Gegen alle diese Schwierigkeiten kämpften in _Usuns_ Seele eine sehr entwickelte Habgier und Eitelkeit auf ihre Wissenschaft und Stellung und, wenn ich mir schmeicheln darf, eine grosse Eingenommenheit für meine Person. Unter diesen Verhältnissen entwickelte sich unser Verkehr derart, dass _Usun_, um ihre Umgebung irre zu führen, abends, wenn alle Hausbewohner schliefen, zu mir schlich. Dann packte sie ihre _pemali_, die heiligen Gerätschaften, die sie für mich verfertigt hatte, aus und steckte die erhaltene Belohnung ein. Wenn sie sich im Dunkeln hie und da fürchtete, nahm sie den Enkel mit, der für die ausgestandene Seelenangst stets auch etwas bekam. In der Stille meiner Hütte, nur unterbrochen von einzelnen Lauten, die von dem schlummernden Kajanhause herüberdrangen und von dem Gezirp der ewig munteren Grillen, vernahm ich in einem entsetzlichen Gemengsel von Kapuas-Malaiisch und Busang die Geschichte von _Usuns_ Geisterwelt. Das energische Gesicht der alten Dajakfrau gab dem Bilde noch ein besonderes Gepräge. Wurden wir durch Neugierige gestört, so hatte die Alte sogleich ein harmloses Thema bei der Hand und fand sie bei ihrem Kommen meine Hütte besetzt, so schob sie das Mitgebrachte von aussen durch die Mattenwand der Hütte auf meinen Schlafplatz--die Rechnung blieb später nicht aus. Tagsüber liess _Usun_ ihren Gefühlen freieren Lauf, sprach öfters beim Doktor vor und liess sich zum Gaudium der ringsherum stehenden Jugend bald hier bald da auf allerhand Leiden untersuchen. Der pekuniäre Vorteil, den _Usun_ aus ihrem Handel mit ihrer priesterlichen Wissenschaft zog, weckte den Neid und die Konkurrenz ihrer Kolleginnen und diesem Umstande habe ich es zu verdanken, dass mir auch von anderer Seite religiöse Gegenstände geliefert wurden, von deren Existenz ich sonst nie etwas erfahren hätte. Die Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan, wie ich sie aus dein Munde der alten _Usun_ vernommen, möge dieses Kapitel abschliessen. _Die Schöpfung der Erde, Geister und Menschen_. Eine Spinne liess sich einst vom Himmel an einem Faden herab. Diese Spinne wob ein Netz, in welches ein Steinchen von der Grösse einer sehr kleinen Perle fiel. Das Steinchen wurde grösser und grösser, erst wie eine _ower ane_ (besondere Perlenart), dann wie eine _ketobong apo parei_ (besondere Perlenart), dann wie eine kleine Muschel, wie ein Nagel (_hulo_), wie eine aus einer Muschelschale geschnittene Scheibe (_barang hulo_), wie ein Fussrücken, wie ein runder Teller (uwit), wie eine Sitzmatte, wie ein Sieb, dann wie eine grosse Matte u.s.f., bis es den ganzen Raum unter dem Himmel einnahm. Auf diesen Stein fiel eine Flechte (_oro napon_) vom Himmel, die auf ihm kleben blieb; dann fiel ein Wurm (_halang_) hernieder, aus dessen Exkrementen die ersten Erdteilchen entstanden. Auch diese Erde nahm immer mehr zu, bis sie den ganzen Stein bedeckte. Da fiel der grosse Baum, _kajo aja_ auch wohl _kajo nangei_ (beim Neujahrsfest verwendet) genannt, vom Himmel; der Baum war anfangs nicht höher als ein Messerchen (_nju_) dick ist, dann wurde er so gross, als ein Beil (_ase_) dick ist, schliesslich erreichte er die Höhe eines Bananenstammes u.s.f. Darauf fiel eine Krabbe vom Himmel und begann mit ihren vielen Gliedmassen in der Erde zu graben, wodurch Berge, Täler und Flussbetten entstanden, unter anderen der Kajan, Pengian, Danum Pè (Flüsse im Apu Kajan Gebiet beim Batu Tibang) und schliesslich alle übrigen Flüsse von Borneo. Aus dem Boden wuchsen jetzt allerhand Pflanzen hervor, zuerst die verschiedenen Bambusarten: _bulu buring; bulu pusa; bula tengun_ und _bulu tan_; dann die Bäume, die das rote zähe Holz für Schilde liefern und die Fruchtbäume. (Alle diese Baumarten werden beim Neujahrsfest zum Bau der _dangei_-Hütte verwendet). Schliesslich erschienen die Rotangarten: _uwe nga; uwe haring; -bohong; -hawon; -kudjo; -ngelawáto; -peselilit; -selat; -seputan_ und _uwe maling_, die alle im Haushalt ihre verschiedene Verwendung finden. Der Rotang wand sich an dem grossen Baum _kajo aja_ hinauf und der Wind trieb ihn derart, dass er in die vulva des Baumes gelangte, wodurch dieser sehr gross wurde. Zwei Geister, ein Mann, _Belare Adje Awe_, und eine Frau_, Ketot Era Pode_, kamen jetzt vom Himmel herab und liessen sich auf dem grossen Baum nieder; sie konnten sich aber als Geister nicht begatten. Als der Mann einst einen Schwertgriff schnitzte und die Frau am Webstuhl sass, fielen der Schwertgriff und das Weberschiffchen neben einander auf die Erde und paarten sich. Aus ihrer Vereinigung ging ein menschenähnliches Wesen, _Kelower Ga-aï_ (= schiebend sich vorwärts bewegen) hervor, dem aber Arme und Beine fehlten. Die Paarung und ihr Resultat erschreckten die beiden Geister jedoch derart, dass sie eiligst in den Himmel zurückflogen. Das gliederlose Monstrum bekam zwei Kinder verschiedenen Geschlechtes: _Huwar Ane_ und _Uti_; deren beide Kinder: _Klobe Ange_ und _Klobe_ konnten sich auch noch kaum bewegen, sie hatten aber ebenfalls zwei Nachkommen: _Ngujer Bawe_ und _Lahnde_, die beide nur sitzen (_ngujer_) konnten. Diese jedoch zeugten richtige Menschen: einen Mann _Paren Keliter Pulut Luwe_ und eine Frau _Udjung Malen Leke_. Die Tochter dieser ersten Menschen, _Lahei Lalau_, hatte so lange Arme und Beine, dass sie den Himmel berühren konnte. Sie bekam zwei Kinder: _Amei Awi_ und _Buring Une_, die hauptsächlich die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen und daher als die wichtigsten Götter des Ackerbaus verehrt werden. Sie besitzen 2 × 8 Kinder, nämlich: Frauen: Männer: _Usun Keten Apui_ _Bang Alang Tui_ _Usun Keten Apui Lawan_ _Bang Alweg Lawar_ _Hanja Ata Tere_ _Bang A lang Nje_ _Hanja Ata Tujan_ ... _Husun Djulu Djele_ _Jok Une_ ... _Hang Pidang Le_ ferner noch vier Kinder, die als die wichtigsten Mondphasen am Himmel stehen: _Kerebso_ = aufgehender Mond; _Kelo-ong Pajang_ = Halbmond; _Kamat_ = Vollmond und _Penjeröm Döm_ = dunkler Mond. _Amei Awi_ und _Buring Une_ liessen ihre Kinder, um darüber zu entscheiden, wer von ihnen Häuptling, wer Freier und wer Sklave werden sollte, einen Berg hinauflaufen. Die Stärksten, die die Spitze zuerst erreichten, machten sie zu Sklaven, die minder Starken, welche sich halbwegs befanden, machten sie zu Freien und einen Mann mit einem kranken Bein und eine schwangere Frau, die am Fuss des Berges zurückgeblieben waren, machten sie als die Schwächsten zu Häuptlingen. Sämmtliche Kinder waren jedoch mit der Entscheidung ihrer Eltern unzufrieden und gingen daher nach den verschiedensten Orten im Weltall auseinander, wo sie jetzt als Monde und ähnliche Gebilde ein glückliches Dasein geniessen. Die Eltern dagegen, die einsam zurückblieben, nahmen ein weisses Tuch und eine Matte und begaben sich zu dem grossen Baum _kajo aja. Amei Awi_ kratzte von dein Baum eine grosse Menge Rinde ab und holte aus dem Walde ein langes Stück Rotang. Nachdem er die beiden Enden über dem Boden befestigt hatte, baute er darauf ein Haus und streute mit seiner Gattin die Baumrinde auf den Fussboden, worauf Schweine, Hühner, Hunde und Menschen aus den Rindenteilchen entstanden. Die Menschen blieben jedoch stumm, obgleich sie ihnen Ohrringe (_isang)_, Ruder (_bese)_, und andere Dinge gaben. Daher begab sich _Amei Awi_ auf den Fischfang, kochte die Fische und ass einen Teil mit _Buring Une_. Als sie darauf auch den Menschen von den Fischen zu essen gaben, begannen diese zu sprechen. Von diesen echten Menschen stammen die Bahau ab, die krank werden und sterben können, da sie, wie auch ihre Haustiere, eigentlich aus vergänglicher Rinde (_kul kajo_) bestehen. KAPITEL VII. Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken der Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und Festkleidung der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der Toten--Waffen der Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung der Blasrohre--Pfeile und Pfeilgifte--Schilde. Stämme, welche stets nackt gehen, kommen auf Borneo nicht mehr vor; dagegen findet man sehr nahe verwandte Stämme, welche, je nachdem sie viel oder wenig mit Fremden in Berührung gekommen sind, über ein zeitweiliges Nacktgehen sehr verschieden denken. Es scheint übrigens, dass die Fremden bei den ursprünglichen Bewohnern Borneos nicht nur auf die Entwicklung der Kleidung, sondern auch auf die Auffassung der Eingeborenen, ob und wann diese überhaupt erforderlich ist, einen starken Einfluss geübt haben. In Sambas, im Sultanat an der Westküste, beobachtete ich, dass bei den mehr landeinwärts und gesondert lebenden Siding Dajak beim gemeinsamen Baden sowohl Männer als Frauen ihre Kleidung gänzlich ablegten, während ihre Verwandten, die in malaiischer Umgebung an der Küste leben, beim Baden stets alte Kleidungsstücke anlegten. Ähnliche Unterschiede zeigen sich im Innern der Insel bei den grossen Stammgruppen der Bahau und Kenja, von denen diese nur wenig, jene dagegen mehr von Malaien beeinflusst werden. Obgleich nämlich sowohl die Bahau als die Kenja stets völlig nackt baden, kleiden sich erstere doch unmittelbar nach dem Bad gleich vollständig an, während letztere unbekleidet in ihr Haus zurückkehren und sich erst dort anziehen. Auch um Wasser zu holen und ihre Kinder zu baden, begeben sich die Kenjafrauen vorzugsweise nackt zum Flusse. In Stromschnellen und Wasserfällen nehmen die Kenjamänner ihr Lendentuch ab, die Bahaumänner dagegen tun das nie. Dass das Schamgefühl und die Begriffe von Anstand sich bei diesen beiden Stammgruppen unter malaiischem Einfluss verändert haben und noch verändern, ersah ich daraus, dass sich die Kenja in Gegenwart von uns Fremden in dieser Hinsicht bald wie die Bahau betrugen. So begaben sich die Mädchen und Frauen der Kenja nur nachts, wenn wir schliefen, nackt aus ihrer Wohnung zum Flusse. Als _Demmeni_ einmal spät abends seine Platten entwickelte, bemerkte er sechs unbekleidete junge Mädchen, die zum Flusse gingen; kaum hatten sie aber den roten Schein der photographischen Laterne bemerkt, als sie erschreckt und lachend ins Haus zurückeilten. Auch die Kenjamänner schämten sich vor uns Europäern, ihre Kleidung in den Wasserfällen gänzlich abzulegen. Ihr Betragen war nur eine Folge davon, dass unser Geleite von Malaien und Bahau den Kenja erzählt hatte, wir Weissen nehmen an dem nackten Erscheinen der Eingeborenen Anstoss, was übrigens gar nicht mit unserer europäischen Auffassung übereinstimmte. Man sieht hieraus, welch eine grosse Rolle angelerntes Schamgefühl bei der Entwicklung der Kleidung spielt. Da Stämme, die stets völlig nackt gehen, in Borneo nicht mehr vorkommen, ist es jetzt schwer festzustellen, ob der Gebrauch einer Körperbedeckung überhaupt fremdem Einfluss zugeschrieben werden muss. Augenblicklich dient die Kleidung der Dajak nachweisbar folgen den Zwecken: als Schutz gegen Sonnenwärme bei sämmtlichen Stämmen, als Schutz gegen Kälte nur bei den im rauhen Gebirgsklima lebenden Kenjastämmen, als Schutz gegen Einbrennen und Dunkelwerden der Haut, als Schmuck und als Schreckmittel gegen Feinde. Um sich gegen die Sonnenwärme zu schützen, bedecken sich Männer und Frauen bei der Feldarbeit und bei ihren Reisen auf offenen, der Sonne ausgesetzten Flüssen auch den Oberkörper. Die Frauen, bei denen eine helle Hautfarbe für besonders schön gilt, suchen mehr als die Männer durch Kleidung ein Einbrennen und Dunkelwerden zu verhindern; ihre flachen konischen Sonnenhüte (_haung_) sind daher viel grösser als die der Männer. (Siehe Taf. Hüte der Bahau). Eigentliche Kleidungsstücke werden als Schmuck nur selten, bei festlichen Gelegenheiten, getragen. Die Kajan am Mendalam z.B. legen ihre schönsten Kostüme nur einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, an; dann tragen die Männer schöne Jacken und die Frauen schlingen sich Schale um die Schultern; Lendentücher und Röckchen bestehen dann auch aus den schönsten Stoffen. Rechnet man zur Kleidung, wozu man nach der Auffassung der Dajak berechtigt ist, auch Tätowierungen, Umbildungen von Zähnen und Ohren, Hals und Armbänder u.s.w., so findet die Kleidung als Schmuck allerdings eine viel ausgedehntere Verwendung. Wenn die Bahau ihre Festkleider auch nur selten anlegen, verwenden sie doch auf ihre tägliche Toilette sehr viel Sorgfalt. Besonders ist dies bei unverheirateten jungen Männern und Mädchen und bei Jungverheirateten der Fall. Sind Männer und Frauen erst einige Jahre verheiratet, so tritt die praktische Seite der Kleidung mehr in den Vordergrund. Eine besondere Tracht für Verheiratete und Unverheiratete giebt es nicht. Die Bahau bekleiden ihre Kinder, sobald sie gehen können. Die Kleinen zeigen aber für die Notwendigkeit und Schönheit von Kleidungsstücken meist gar kein Verständnis und einzelne leisten daher beim ersten Anlegen des Lendentuchs oder Röckchens heftigen, oft Jahre dauernden Widerstand. Die Eltern schreiben diesen Widerstand, wie alles Aussergewöhnliche, dem Einfluss böser Geister zu; daher baten mich die Mütter öfters, ihr eigensinniges Kind zu "belesen," d.h. durch Lesen in einem Buche den bösen Geist aus ihm zu vertreiben. Durch den ständigen Verkehr mit den Malaien, die auswärtige Stoffe, hauptsächlich billigen europäischen Kattun, bei ihnen einführen, ist die ursprüngliche Kleidung der Bahau am Mendalam viel stärker beeinflusst worden als die der Stämme am oberen Mahakam und Bulungan. In früheren Zeiten verfertigten, wie es die Kenja und Bahau am Mahakam jetzt noch tun, auch die Mendalam Kajan die Stoffe für ihre Kleidungsstücke selbst; sie webten sie aus Baumwolle oder Lianenfasern oder stellten sie aus geklopftem Baumbast her. Die gewebten Stoffe wurden bei Festlichkeiten oder von den Reicheren getragen, während der Baumbast für die gewöhnliche Arbeitskleidung diente. Auf die Herstellung dieser Kleidungsstücke verwandten besonders die Frauen viel Sorgfalt und Kunstfertigkeit. Sie webten sowohl prächtige Stoffe als auch einfachere, die dann, wie auch der Baumbast, durch schöne farbige Stickereien verziert wurden. Die Stickereien wurden in hübschen, farbigen Mustern, hauptsächlich im Kettenstich, ausgeführt und legen noch heute von dem Geschmack und Fleiss der damaligen Frauen ein gutes Zeugnis ab. Den Männern fiel die Bearbeitung der verschiedenen Arten von Baumbast zu, auch schnitten sie aus Zeug Figuren aus, welche von den Frauen als Verzierung auf die Kleider genäht wurden. Während die eben erwähnten Verzierungen und die schön bestickten Baumbastkleider am oberen Mahakam jetzt noch gebräuchlich sind, findet man am Mendalam Figurenverzierungen nur noch an der Totenkleidung und Baumbast, einfach bearbeitet, wird nur noch bei der Feldarbeit oder als Zeichen von Trauer getragen. An Stelle des Baumbasts wird bei der Trauerkleidung jetzt auch weisser Kattun angewandt, den man vor dem Gebrauch in den Morast legt und dann auswäscht, um ihm den braunen Ton zu geben, der dem Baumbast gewöhnlich eigen ist. Seitdem der weniger dauerhafte aber billige Kattun am Mendalam eingeführt worden ist, webt man dort überhaupt nicht mehr. Merkwürdiger Weise ist mit der Qualität der Stoffe auch die ihrer Bearbeitung gesunken; denn statt des früheren sorgfältigen Nähens ist jetzt nur noch das Heften gebräuchlich und das Sticken hat ganz aufgehört. Bei sämmtlichen Stämmen von Mittel-Borneo bekleiden sich die Männer mit einem Lendentuch, die Frauen mit einem Röckchen. Während dieses bei den verwandten Bahau- und Kenjastämmen hinsichtlich der Form völlig übereinstimmt, trägt es bei den übrigen Dajak, z.B. den Batang-Lupar, Taman und Ot-Danum, einen ganz anderen Charakter. Beschäftigen wir uns im folgendem speziell mit der Kleidung der Mendalam Kajan. Das wichtigste und einfachste Kleidungsstück der Männer bildet das Lendentuch (_ba_). Bei schwerer Arbeit und auf Expeditionen durch Urwald und über Wasserfälle gebraucht man ein kurzes (huch, das nur einmal um die Hüften geschlungen wird; im Hause und bei Festlichkeiten dagegen tragen besonders die Reicheren bis zu 12 m lange Lendentücher. Ein derartiges Tuch wird stets nur einmal zwischen den Beinen durchgezogen und der Rest dann um die Hüften geschlungen. Gegenwärtig ist weisser, roter und blauer Kattun hierfür am beliebtesten, falls aber die Feldarbeit einen dauerhafteren Stoff erfordert, wählt man Baumbast. Die grosse Haltbarkeit des Baumbasts ist wohl die Ursache, dass er noch nicht gänzlich durch den beim Tragen viel angenehmeren Kattun verdrängt worden ist. In der Regel wird das Lendentuch nicht verziert; seine Schönheit hängt von seiner Länge und vom angewandten Stoff ab. Zur Alltags kleidung der Männer gehört ferner eine Sitzmatte (_tabin_) in Form eines 3 × 4 1/2 dm grossen Rechtecks, das oben, an einer der schmalen Seiten, in ein 1 1/2 dm hohes Dreieck verläuft. An der Dreieckspitze sind zwei Schnüre angebracht, mittelst deren die Sitzmatte über den Hüften an den Körper gebunden wird und zwar so, dass die Matte hinten an der Verlängerung des Rückens zu hängen kommt. Die Matte hat den Zweck, die blosse Haut beim Sitzen auf schmutzigem oder nassem Boden vor Verunreinigung zu schützen; sie wird daher beinahe ständig getragen und häufig auch auf Reisen nicht abgelegt. In der Regel werden die Matten aus Rotang geflochten und oft mit roten oder schwarzen Figuren oder mit Knöpfen und Zeugstreifen verziert. In neuerer Zeit tragen die Männer an Festtagen gern eine lange, bunte, malaiische Hose, falls sie einer solchen habhaft werden können. Auf Jacken (_basong_) aus Kattun sind die Kajanmänner sehr erpicht; ihre Frauen stellen aber für die Feldarbeit auch sehr gute Jacken aus Baumbast her. Um eine Trennung der Fasern zu verhindern, wird der Bast mit festem Zwirn oder dünner Schnur durchzogen. Bisweilen fassen die Frauen die Bastkleider mit rotem Kattun ein; die Arbeit lässt aber an Schönheit viel zu wünschen übrig. Weiter unterscheidet sich die Festkleidung der Männer von der Alltagskleidung hauptsächlich durch die bessere Qualität des angewandten Materials. Hinzu kommt nur noch ein _sarong_ aus _batik_ [5] oder ein anderes schönes Stück Zeug, das quer über der linken Schulter getragen wird. Am Mahakam gebrauchen die jungen Leute diesen Schal, falls sie nicht arbeiten, täglich. Zum Kriegskostüm der Männer gehört hauptsächlich eine dicke ärmellose Jacke (_basong kapai_), die aus zwei mit Kapok gefüllten Lagen Kattun besteht, welche in rechtwinklig sich schneidenden Linien durchsteppt ist; sie schützt den Oberkörper vor Speerstichen und Schwerthieben. Als eine Ergänzung dieses ärmellosen Waffenrockes müssen wahrscheinlich zwei Ärmel betrachtet werden, die nur durch den obersten, nicht mehr als 2 dm betragenden Teil eines Jäckchens mit einander verbunden sind. Dieses eigenartige Kleidungsstück ist aus gewöhnlichem Stoff verfertigt und dient als Armbedeckung. Die Kajan und alle übrigen Stämme auf Borneo tragen über den eben erwähnten Kleidungsstücken einen Kriegsmantel (_sunung_) aus Tierfellen. Ein Pantherfell (_sunung kule_) gilt als das schönste; aber wegen seiner Kostbarkeit und Seltenheit begnügt man sich auch mit einem langhaarigen Ziegenfell (_sunung kading)_. In früheren Zeiten scheinen mit Tierfiguren bestickte Baumbastmäntel in Form einer Tierhaut gebräuchlich gewesen zu sein, wenigstens wurde mir ein solcher, mit einer Reihe von 8 Schwanzfedern des Nashornvogels verziert, zum Kauf angeboten. Man nannte ihn _sunung kapuwa_. Ein Kopftuch (_lawong_) wird von den gewöhnlichen Männern nur gelegentlich, von den Häuptlingen jedoch, um ihre Würde anzuzeigen, täglich getragen. Der Kajan schlingt das Tuch in Form eines Wulstes um den Kopf und zieht seine für gewöhnlich offen hängenden Haare derart hindurch, dass sie unter dem Wulst eine auf die Schultern herabhängende Schlinge bilden und über demselben mit ihren Enden aufliegen. Ausser Baumbast wird besonders bunter Kattun und europäischer _batik_ für Kopftücher gebraucht. Hüte (_haung_) benützen die Männer nur gegen Sonnenbrand und heftigen Regen; sie werden aus Pandanusblättern verfertigt und haben die gleiche Form wie die der Frauen, ihr Durchmesser beträgt aber selten mehr als 50 cm (Fig. 5 u. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau). Die Frauen, welche die Hüte herstellen, legen bisweilen viel Formen- und Farbensinn an den Tag, indem sie bei besonders schönen Exemplaren in der Mitte einen Beleg, bestehend aus einer Stickerei oder Perlenarbeit, anbringen und das Feld mit hübschen Figuren aus schwarzem Kattun verzieren. Derartige Hüte dürfen indessen nur von hochgestellten Personen getragen und Toten ins Jenseits mitgegeben werden (Fig. 6). Auch ist nur alten Männern gestattet, die Schwanzfedern des Nashornvogels (_Buceros rhinoceros_) auf ihre Hüte zu heften; häufig werden diese Federn an Perlenschnüren befestigt (Fig. 5). Eine weitere Kopfbedeckung der Männer bildet die Kriegsmütze. Sie wird in Form eines runden Körbchens aus festem Rotang geflochten und von den Frauen mit besonderer Sorgfalt verziert. Mitten auf dem Boden werden Perlenstickereien und am Rande eigenartige Verzierungen--vorn meist glänzende Metallplatten oder Tiermasken--angebracht. Oben auf die Mütze werden lange Federn gesteckt; die beliebtesten sind die des Nashornvogels, des Argusfasans (_Argusianus Grayi_) und des Hahns. Für die Mützen gilt, wie für die Hüte, dass die mit breiten schwarzen Streifen gezeichneten weissen Schwanzfedern des Nashornvogels nur von angesehenen Personen oder bewährten Kriegern getragen werden dürfen und dass nur wenigen Auserwählten gestattet ist, deren acht in der Mitte der Mütze von vorn nach hinten anzubringen. Zu den wichtigsten Schmucksachen der Männer gehören: Bein- (am Mah. _sekhad_) und Armringe (_leku_), Halsketten (_tewesing, tewe-ang_) und Ohrringe (_isang)_. Die Armringe werden oberhalb der Ellenbogen, die Beinringe unterhalb der Knie getragen und von den Punan oder auch den Kajan selbst aus Rotang oder _kebalan_, dem dunkelbraunen oder schwarzen, sehr biegsamen Kernholz einer farnartigen Gebirgsliane, sehr fein geflochten. Bisweilen wird die Farbenwirkung dieser Ringe, die, je nach dem Material, aus dem sie bestehen, _leku kebalan_ oder _leku uwe_ (Rotang) genannt werden, durch Einflechten goldgelber Pflanzenfasern erhöht. Häufig trägt eine Person bis zu 200 solcher Ringe gleichzeitig. Diejenigen jungen Leute, welche mit den Batang-Lupar im Serawakschen Gebiet zusammengekommen sind, bringen von diesen Holz- oder Elfenbeinringe mit, die sie dann selbst mit schönen Schnitzereien verzieren. Auch die jungen Mädchen stellen für die Jünglinge Armverzierungen her und zwar aus Glasperlen, welche sie mit viel Geschmack zu zierlichen, farbenprächtigen Mustern in Form schmaler Bänder aneinanderreihen (Fig. 1 auf Tafel: Schmucksachen der Bahau). Die Halsketten der Männer bestehen alle aus neuen oder alten und dann bisweilen sehr wertvollen Glasperlen. Die schmalen, fest am Halse anliegenden Ketten (_tewesing_, Fig. 6) sind in der Regel aus bunten kleinen Perlen zusammengesetzt und enden vorn in einer Rosette. Die frei auf die Brust herabhängenden Ketten (_teweang_, Fig. 11 u. 8) dagegen bestehen aus mehreren Reihen grösserer--bis erbsengrosser Perlen. Bei der Zusammenstellung dieser Perlen wird auf eine gewisse Regelmässigkeit geachtet; sind es jedoch alte Perlen, welche selten in genügender Anzahl und gleicher Form vorhanden sind, so kann eine bestimmte Regel nicht eingehalten werden. Aus gleichartigen alten Perlen bestehende Ketten haben daher einen hohen Wert. Die Kapuasstämme unternehmen monatelange Reisen zum Mahakam, um diese Perlen, die dort noch in grösserer Anzahl vorhanden sind, zu kaufen. Ausser der Tätowierung fällt bei den Männern am meisten die Umformung, welche die Ohren erlitten haben, auf; im Ausrecken der Ohrläppchen wetteifern sie nämlich mit den Frauen. Mit der Durchbohrung der Ohrläppchen wird daher, wie im Kapitel IV berichtet worden ist, schon gleich nach der Geburt des Kindes begonnen. Die Zinnringe (_isang temha)_, welche das Kind anfangs ausschliesslich trägt, werden später häufig durch dicke Kupferringe (_hisang tembaga_) ersetzt, deren Zahl so weit vermehrt wird, als, ohne Schmerzen und Entzündung zu verursachen, möglich ist. Um die Dehnbarkeit der Ohren zu erhöhen, wird bei Kindern ausserdem öfters innen an der Oberseite der Öffnung ein Einschnitt gemacht. Die Eltern achten sorfältig darauf, dass bei diesen Operationen keine Entzündungen entstehen, da die dünnen Ohrläppchen sonst Gefahr laufen, durchgescheuert zu werden, was bei sehr kleinen Kindern bisweilen auch vorkommt. Die Ringe erreichen oft ein so hohes Gewicht, dass die Kleinen sie bei jeder lebhaften Bewegung mit der Hand stützen müssen. Durchgerissene Ohrläppchen werden als ernsthafter Schönheitsfehler aufgefasst. Obwohl die Kajan es in der Chirurgie nicht weit gebracht haben, verstehen es einige ihrer Männer doch, die beiden zerrissenen Enden wieder aneinanderwachsen zu lassen; sie erzeugen mit ihrem gewöhnlichen Messer an jedem der Enden eine wunde Oberfläche, legen sie übereinander, wickeln einen weichen Blattstreifen herum und befestigen das Ganze mit einem Faden. Ich sah verschiedene auf diese Weise geheilte Ohren, die vom aesthetischen Standpunkt zwar viel zu wünschen übrig liessen, deren 6-8 mm übereinander gelegte Enden jedoch wieder kleine Ringe zu tragen vermochten. Wenn die Ohrläppchen durch Verwundung oder Hautkrankheit öfters entzündet werden, entstehen Verdickungen des Bindegewebes (Keloide), welche die Schönheit sehr beeinträchtigen. Ein übrigens hübsches Mädchen sah ich einst ihre derart verunzierten Ohren ängstlich verbergen. Während die Frauen sich mit diesen Umformungen begnügen, lassen sich die Männer in späterem Alter ausserdem noch oben in der Ohrmuschel eine Öffnung von der Grösse eines Pfennigstückes und häufig auch noch eine zweite über dem Hinterende des ausgereckten Ohrläppchens, anbringen. In diesen Öffnungen dürfen alte, tapfere Männer die Eckzähne (_ipen_) des seltenen borneoschen Panthers (_kule_) tragen; häufig begnügt man sich auch mit geschliffenen oder ungeschliffenen Bärenzähnen. Diese Zähne werden oft, wahrscheinlich um ein Verlieren zu verhindern, mit einer um Hinterhaupt und Hals geschlungenen Perlenschnur verbunden. In den grossen Ohrlöchern tragen die Mendalam Kajan gewöhnlich Ringe (_isang_) aus eingeführtem Zinn oder Kupfer (Fig. 2); in letzter Zeit schinücken sie sich auch, nach der Sitte der Mahakamstämme, mit einer grossen Anzahl dünner silberner Ringe. Statt dieser Ringe werden bei festlichen Gelegenheiten auch noch hölzerne oder metallene Ohranhängsel angebracht; sie sind birnförmig und greifen mit einem grossen Haken um das Ohrläppchen herum (Fig. 3). Während die Ringe beinahe ausnahmslos unverziert sind, werden diese eigentlichen Ohrgehänge, sowohl was ihre Form als was ihre Bearbeitung betrifft, mit viel Sorgfalt und Kunstsinn hergestellt. Weniger auffallend als die Umformung der Ohren ist die der Zähne. Die Schneidezähne werden am Ober- und Unterkiefer von vorn hohl ausgeschliffen; einige lassen sich auch nach Sitte der Punan goldene Stifte durch einen oder mehrere Zähne treiben. Über den menschlichen Haarwuchs haben sowohl Bahau als Kenja sehr eigenartige Anschauungen, die sich zum Teil aus der Tatsache erklären lassen, dass sie selbst gewöhnlich sehr schwach behaart sind. Es flösst ihnen nämlich, da sie selbst an den Anblick stark behaarter Wesen nicht gewöhnt sind, eine Person mit starkem Voll- oder Knebelbart fast Abscheu und Schreck ein. Aus Rücksicht für unsere Gastherren rasierten wir Europäer und einer der Javaner uns daher, so lange der Besitz von Seife es gestattete, regelmässig. Da die Kajan nur das Haupthaar schön finden, herrscht bei ihnen die Sitte, dass sich sowohl Männer als Frauen alle Haare im Gesicht, in den Achselhöhlen und an der pubis ausziehen. Die jungen Frauen der Mahakam- und Kenjastämme halten sich besonders streng an diese Vorschrift; die am Mendalam lassen einen schmalen Streifen an den Augenbrauen stehen. Alte Männer lassen sich bisweilen, um auf ihre Umgebung Eindruck zu machen, ihren Bart nach Belieben wachsen; junge Leute dagegen sorgen dafür, dass von ihren Barthaaren möglichst wenig sichtbar wird. Die Männer rasieren sich ohne Seife mit dem gewöhnlichen Messer (_nju_); die Achsel- und Pubishaare entfernen sie weniger sorgfältig als die Frauen. Zum Ausziehen der Wimpern dienen kleine, kupferne oder silberne Zangen (_tsöp_), die stets zu einer vollständigen Toilettenausstattung von Mann oder Frau gehören. In vorgerücktem Alter oder während der strengen Arbeitszeit verfährt man häufig weniger sorgfältig mit der Entfernung der Haare. Das Haupthaar, das Männer und Frauen sich lang wachsen lassen, wird schlicht zurückgestrichen; zum Kämmen dient ein geschnitzter Bambuskamm. Bei Frauen gilt langes Haar für sehr schön und, wenn sie sich etwas Kokosnussöl--am Mendalam eine grosse Seltenheit--verschaffen können, versäumen sie nie, ihre Frisur damit einzureiben. Ebenso nehmen sie, sobald sie eines Stückchens Seife habhaft werden, sogleich eine Extrareinigung des Haares vor; gewöhnlich gebrauchen sie dafür Citronensaft. Die Männer lassen das Haar am Hinterhaupt lang wachsen; vorn schneiden sie es gerade und kurz ab und kämmen es glatt auf die Stirn, während sie an den Schläfenstellen über den Ohren einen 5 cm hohen Streifen rasieren. Betrachten wir jetzt die Kleidung der Frauen. Das wichtigste Kleidungsstück der Frauen besteht aus einem rechteckigen Stück Zeug, an dessen oberen Ecken Bänder befestigt sind. Dieses Tuch (_ta-a_) wird in der Beckengegend um den Körper geschlungen und derart festgebunden, dass es unterhalb der Darmbeinkämme zu liegen kommt. Bei den Frauen am Mendalam schlagen die seitlichen Kanten der _ta-a_ rechts am Körper, bei denen am Mahakam dagegen hinten über einander. Dieses Röckchen reicht bei den Kajanfrauen bis zu den Füssen herab, bei den Frauen der anderen Kapuasstämme bedeckt das Röckchen, das sie geschlossen tragen, kaum noch die Kniee. Beim Laufen oder wenn sie am Boden hocken, kommen die Beine der Frauen und zugleich die schönen Tätowierungen ihrer Schenkel zum Vorschein. Die _ta-a_ ist, je nach dem Vermögen ihrer Besitzerin und nach der Gelegenheit, bei welcher sie gebraucht wird, mehr oder minder hübsch-. sie besteht jedoch immer aus einem Mittelfeld mit 4 ungefähr 1 dm breiten Rändern. Für Feströckchen wählt man als Mittelstück einfarbigen Kattun oder Seide und für die Ränder meist roter. Flanell oder, falls diese zu kostbar ist, roten oder geblümten Kattun. Der obere Rand des Röckchens (_kohong ta-a_) ist meist etwas breiter als die übrigen und wird in Fällen besonderer Eleganz durch eine Silberborte von dem Mittelstück abgegrenzt. Einfache Jacken (_basong_) aus Baumbast oder Kattun werden von den Frauen als Schutz gegen Sonnenbrand bei der Feldarbeit oder auch sonst getragen. Es giebt Jacken mit und auch ohne Ärmel; diese enden hinten in einem ungefähr 1 dm langen Zipfel. Besonders hübsche Jacken werden in den Neujahrstagen getragen; bei häuslichen Festen dagegen werden sie selten angezogen. Statt der Jacken werden an Festtagen auch Schale gebraucht. Die, Frauen, die keine Priesterinnen sind, bedecken sich dann den Oberkörper derart mit einem langen Stück Zeug von ungefähr 1/2 m Breite, dass die beiden Enden vorn und hinten bis zur Mitte der Schenkel gerade herunterhängen und der mittlere Teil rechts unter der Achsel liegt, während zwei Falten der linken Tuchhälfte oberhalb der linken Schulter aneinander genäht werden. In Tandjong Karang waren hauptsächlich Schale aus rotbrauner, golddurchwirkter Seide beliebt. Ähnliche Schale tragen auch die Priesterinnen, wenn sie an Festtagen ihres Amtes walten; sie schlingen sie jedoch nur einmal um den Körper und zwar so, dass die Mitte des Tuches über der Brust zu liegen kommt und die unter den Armen hindurchgezogenen Enden auf dem Rücken festgebunden werden. Nur die Oberpriesterin _Usun_ bedeckte sich den Oberkörper nicht. Frauen, welche die Würde einer Priesterin noch nicht völlig erreicht haben, unterscheiden sich von diesen durch die weissen Felder ihrer _ta-a_. Alle Frauen der Bahau tragen, sobald ihre Schwangerschaft äusserlich sichtbar wird, ein Tuch (_djad butit_), das sie auf gleiche Weise wie die Priesterinnen um Brust und Leib schlingen. Durch straffes Anziehen dieses Tuches erhält der Leib, besonders in den letzten Monaten, eine gute Stütze. Nach der Entbindung wird das _djad butit_ bald abgelegt und durch ein schmäleres Tuch (_djad usok_) ersetzt, welches nur die Brüste bedeckt und noch während mehrerer Monate getragen wird. Die Frauen schmücken sich mit den gleichen Ohrgehängen wie die Männer, nur lassen sie sich in der eigentlichen Ohrmuschel keine Löcher bohren. In noch höherem Masse als die Männer, lieben sich die Frauen mit Perlenschnüren, Armbändern und Fingerringen zu zieren. Sie sind es auch, die für den Wert alter Perlen am meisten Verständnis haben, die jede Art beim Namen kennen; für den Besitz mancher dieser Perlen sind sie im stande, sehr viel aufzuopfern. Die neuen Glasperlen, Nachahmungen der alten Formen, werden in Europa verfertigt und über Singapore eingeführt. Sogar über dem Alltagsröckchen trägt die Kajanfrau einen Gürtel, (_taksa_), bestehend aus einer doppelten Reihe oft sehr kostbarer alter Perlen (Fig. 12 u. 13) und dazu zahlreiche Halsketten aus kleineren Perlen (Fig. 11 u. 8). Zu den Kostbarkeiten der Frau gehört auch ein Satz elfenbeinerner Armbänder (_leku tulang_). Es sind 16-60 glatte Elfenbeinringe, die, in der Grösse aufeinanderfolgend, zusammen einen stumpfen Kegel bilden, der den Unterarm vom Puls bis 1 dm unterhalb des Ellen bogens bedeckt. Sowohl diese Armbänder als auch die beliebtesten Seidenstoffe werden in China verfertigt und von dort bezogen, vielleicht im Zusammenhang mit den früheren chinesischen Niederlassungen an Borneos Nordküste. Fingerringe. werden von den Kajan nie selbst hergestellt; besonders beliebt sind die europäischen Ringe aus unechtem Golde mit glänzenden bunten Steinen; sie haben die von den Taman Dajak stammenden kupfernen Ringe fast gänzlich verdrängt. Sobald in einer Kajanfamilie ein Trauerfall stattfindet, müssen alle Schmuckgegenstände abgelegt werden; auch bunte Kleidungsstücke dürfen dann nicht mehr getragen werden. Die veraltete Baumbastkleidung (_kapua_) wird wieder hervorgeholt und, falls man diese nicht mehr besitzt, muss alles aus- weissem Kattun hergestellt werden. Nach Ablauf der Trauerzeit (_bet lali_) steht es jedem frei, seine frühere Kleidung wieder anzulegen; es kommt jedoch häufig vor, dass die nächsten Angehörigen durch das Tragen dieser Trauerkleidung ihrem Schmerz über den erlittenen Verlust noch Monate und Jahre lang Ausdruck geben. Wittwen zeigen dadurch an; dass sie sich nicht wieder verheiraten wollen. Zu der eigentlichen Trauerkleidung der Frauen gehört eine besondere Baumbastmütze, bestehend aus einem langen breiten Streifen, der wie ein Tuch von hinten nach vorn um das Haupt geschlungen wird, wo die Enden über einander geschlagen und dann frei von vorn über den Kopf nach hinten bis zum halben Rücken herab hängen gelassen werden; Männer tragen nichts dergleichen. Als Zeichen der Trauer das Haupthaar abzuschneiden, scheint bei den Mendalam Kajan nicht üblich zu sein; ich weiss auch nicht, ob die Sklaven nach dem Tode des Häuptlings hierzu verpflichtet sind, wie dies am Mahakam der Fall ist. Die Liebe zu ihren Verstorbenen äussern die Kajan dadurch, dass sie diese für die Reise in den Himmel und. den dortigen Aufenthalt so gut als möglich auszurüsten suchen. In erster Linie handelt es sich hierbei um eine Aussteuer von schönen Kleidungsstücken. Interessanter Weise giebt man sich alle Mühe, diese Kleider nach der Mode der Vorfahren zu verzieren, eine Mode, die sich bis heute noch bei den Stämmen am oberen Mahakam erhalten hat (Tafel: Totenausrüstung). Das Charakteristische dieser Totenkleidung besteht in einer Applikation von Figuren, die aus schwarzem Kattun geschnitten sind, auf weiss kattunenen Röcken und Jacken. Von der schwarzen Farbe glauben die Kajan, dass sie auf die bösen Geister, die die Seele des Verstorbenen unterwegs bedrohen könnten, schreckenerregend wirkt. Die Figuren werden von den Männern entworfen und ausgeschnitten und von den Frauen auf die von ihnen verfertigten Kleider geheftet. Gleichfalls von Männern entworfen und von den Frauen angebracht werden auch die mit schwarzer Farbe auf Pandanusblätter gemalten oder aus schwarzem Kattun geschnittenen Figuren für die Hüte und Tragkörbe der Toten. Den Verzierungen der Totenkleidung liegen bei den Kajan als beliebte Kunstmotive der Hund (_aso_, Fig. 3 b), der Mensch (_kelunan_, Fig. 3 a) und Stilisierungen beider zu Grunde. Beim Hunde tritt dabei der Kopf stets am deutlichsten hervor; die übrigen Körperteile verlaufen in so zierlich gebogenen Linien, dass man deren Bedeutung im ersten Augenblick meist nicht erkennen kann. Die Hüte der Toten (Fig. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau) werden viel schöner verziert als die der Lebenden; so dürfen, wie bereits gesagt, mit schwarzen Figuren belegte Kopfbedeckungen bei Lebzeiten nur Abkömmlinge der vornehmsten Häuptlingsgeschlechter tragen, nach dem Tode jedoch werden sie neben dem Grabe viel niedrigerer Personen niedergelegt. Der Leiche selbst wird im Sarge eine eigenartige Mütze aus Baumbast, die nicht mit Zwirn, sondern mit den früher gebräuchlichen umgedrehten Pflanzenfasern genäht werden muss, aufgesetzt. Die Form dieser Mütze ist für Männer und Frauen verschieden; jenen ist eine Zipfelmütze, diesen eine anschliessende, nach hinten etwas verlängerte Mütze vorgeschrieben. Einen wichtigen Gegenstand der Totenausrüstung bildet ein Tragkorb (_adjat_, Fig. 1), in dem sich ausser Armbändern (Fig. 1 d) und einem Palmblattsack (_samit_, Fig. 1 e) mit Handarbeiten auch noch Gegenstände befinden, die zur Überwindung aller Gefahren auf dem Wege zum _Apu Kesio_ dienen. Der Korb enthält eine _kawit_ (Fig. 1 c) und zwei kleine Bambusgefässe (Fig. 1 b) mit Speise für die guten Geister, für die auch das Barnbusgefäss (Fig. 1 g) mit Zuckerrohrsaft, das am Tragkorb hängt, bestimmt ist. Drei Säckchen (Fig. 1 h) enthalten eigentümlich geformte Steinchen, die zur Abwehr böser Geister dienen. Zum gleichen Zweck werden auch Tierzähne am Tragkorbe befestigt. Um auf wilden Flüssen das Wasser aus dem Boot schöpfen zu können, wird dem Toten eine halbe Kalabasse (Fig. 1 a) mitgegeben. Schliesslich hängt am Tragkorbe noch eine Leiter (Fig. 1 f), um über Felsen und Abgründe klimmen zu können (Siehe pag. 104). Den Toten werden auch die schönsten und kostbarsten Armbänder, Halsketten und Ringe für den Aufenthalt im Jenseits in den Sarg gelegt. Daher übt das Grab eines Vornehmen eine so grosse Anziehung auf die raubgierigen Malaien, dass selbst die am Kapuas errichteten Prunkgräber aus Eisenholz nicht fest genug sind, um ihren kostbaren Inhalt vor diesem Gesindel zu schützen. So wurde das Grab von _Akam Igaus_ erster Frau bereits kurz nach deren Begräbnis von Malaien erbrochen und geplündert. Auch in Serawak ist Grabschänderei nichts Unbekanntes. Die Hauptwaffen der Kajan sind Schwert (_malat_) und Speer (_bakir_); das Blasrohr (_seput_) spielt als Waffe nur eine nebensächliche Rolle; nur wenige verstehen überhaupt mit ihm umzugehen und kein eigentlicher Kajan ist im stande, das Pfeilgift zu sammeln und zu bereiten. Hauptsächlich sind es Abkömmlinge der Punan unter ihnen, die sich mit Vorliebe des Blasrohrs, der ursprünglichen Waffe der Nomadenstämme, bedienen. Das Schwert dagegen ist für den Kajan nicht nur im Kriege. die wichtigste Waffe, sondern auch im täglichen Leben der wichtigste Gebrauchsgegenstand und wetteifert hierin nur mit dem kleinen Messer (_nju_, Fig. h, Taf.: Schwerter der Mendalam Kajan), das an der Innenseite der Schwertscheide in einem besonderen Behälter stets mitgetragen wird. Alle Arbeit, die mit Messer oder Beil nicht ausgeführt werden kann, verrichtet der Kajan mit seinem Schwert, das ihn daher nie verlässt. Bei der Feldarbeit verwendet er zum Abhacken von Zweigen und Gestrüpp allerdings ein für diesen Zweck hergestelltes einfaches Schwert; befindet er sich aber auf weiten Reisen, so benützt er sein Kriegsschwert sowohl gegen den andringenden Feind als auch zum Behauen von Brettern und zum Hacken von Brennholz. Kein Kajan nimmt auf Expeditionen zweierlei Schwerter mit, aber jeder sorgt dafür, dass sein Exemplar alle Zwecke erfüllen kann. Daher werden sowohl am Kapuas als am Mahakam für ernsthafte Kriegszüge meist einfache, aber gut gearbeitete Klingen vorgezogen, während die schönen, mit eingelegtem Kupfer und Silber verzierten Exemplare nur als sehr geschätzte Prunkgegenstände dienen. Nur ein kriegerischer Häuptling, wie der Pnihinghäuptling _Belarè_, nahm auch auf Expeditionen schön gearbeitete Kriegsschwerter mit, aber gelegentlich wird er mit ihnen wohl auch Bäumchen gefällt haben. Ebenso unzertrennlich wie von seinem Schwerte ist der Kajan von seinem Speer; in den Wohnungen findet man selbst ganze Reihen von Speeren aufgestellt. In früherer Zeit wurden die Speerspitzen (_tite bakir_) sehr sorgfältig bearbeitet, gegenwärtig aber begnügt man sich mit sehr schlichten Speeren und auf gute Herstellung der Schäfte wird in der Regel gar nicht geachtet. Einen mit Schnitzwerk verzierten Speerschaft sah ich niemals bei den Bahau, höchstens hatte man ihn rund und glatt poliert. Die Spitzen der Speere, die täglich aufs Feld mitgenommen werden, gleichen einem länglichen, scharf zugespitzten, zweischneidigen, eisernen Blatte; dagegen haben die wirklichen Kriegsspeere die Form eines ausgehöhlten Meissels; sie sind besonders zum Durchbohren der Schilde sehr geeignet, werden aber nie auf die Jagd mitgenommen. Zum Werfen dient ein kurzer Speer mit kurzer Spitze. Das Schwert wird, nach der grösseren Sorgfalt, die auf seine Herstellung verwandt wird, zu urteilen, dem Speere bei weitem vorgezogen. Beim Verzieren der Schwerter nebst Zubehör entwickeln die Kajan viel Geschmack und Kunstfertigkeit; die Männer beim Schnitzen der Griffe (_haupt_, Fig. b) und Scheiden (_bukar_, Fig. c), die Frauen beim Verfertigen von Gürtelquasten (Fig. d) und Belegen (_tap_) aus Wolle oder Perlen. (Siehe Tafel: Schwerter der Mendalam Kajan. u.s.w.). Die Bestandteile eines Kajanschwertes sind genügend bekannt, weniger ist dies vielleicht mit den Anhängseln der Fall, welche ein gut ausgerüsteter Krieger stets am Schwertgürtel hängen hat. Die wichtigsten sind zwei Bambusdöschen mit Feuerstein (_batu tekik_) und Rauchmaterial: Tabak und Bananenblättern; ferner einige Fläschchen mit Arzneien, meist malaiischen Ursprungs, und endlich allerhand Amulette zur Abwehr böser Geister: Flusssteinchen von besonders auffälliger Form, z.B. länglich und stark gebogen oder mit einem auf natürliche Weise entstandenen Loch in der Mitte; Eckzähne von Hunden und Bären, die an alten Perlenschnüren in einem Bündel beieinander hängen; auch Glöckchen (_anhing)_, besonders solche aus altem Eisen, üben eine schutz bringende Wirkung. Unter all diesen Merkwürdigkeiten fiel mir noch etwas Besonderes auf: ein sogenanntes Hahnenei, ein kleines Exemplar des letzten unfruchtbaren Eies einer Henne. Kein Najan beginnt einen Kriegszug ohne ein solches Ei, das bisweilen Jahrzehnte alt ist und in ein Tüchlein eingewickelt in einem besonderen Bambusdöschen (Fig. e) mitgenommen wird. Sonderbarer Weise glauben auch die Bahau, dass ein derartiges Ei von einem Hahn gelegt wird; am Mahakam verteidigte ein Kajanjüngling mir gegenüber mit grossem Ernst diese Überzeugung. Alle diese Anhängsel sind an der rechten Seite, wo der Gürtel (Fig. f ) mit einer scheibenförmigen Schnalle (_hulo bukar_, Fig. g) geschlossen wird, befestigt. Das Schwert hängt für gewöhnlich an der linken Seite, ist sein Träger jedoch linkhändig, was ziemlich häufig vorkommt, so hängt es rechts und auch die Klinge (_tite_, Fig. a) ist dann rechts und nicht, wie sonst, links ausgeschweift geschmiedet. Auch gewöhnliche Arbeitsschwerter werden für Linkhändige angefertigt. Hauptsächlich der eigentümlichen Art ihrer Herstellung wegen von Interesse sind die Blasrohre (_seput_): 2 m lange hölzerne Rohre mit gleichmässig weitem Kanal; ist dieser bisweilen nach einer Seite etwas gekrümmt, so wird die Unregelmässigkeit durch Beschweren mit einer Speerspitze (_tite seput_) ausgeglichen. Oft sind die Rohre auch tadellos gerade; unregelmässig gekrümmte sah ich nie. Die meisten Stämme von Mittel-Borneo verfertigen die Blasrohre selbst aus einem harten Stück Holz, das sie zuerst mit einem 2 m langen Eisen bearbeiten, dessen eines, meisselförmiges Ende schart geschliffen ist. Das Holzstück wird zu diesem Zweck in horizontaler Lage gut befestigt und das Eisen, das stets dünner sein muss als der gewünschte Kanal, wird in dessen Richtung gelegt und durch etliche gekreuzte Bambusstücke gegen den Block gestützt. Durch fortwährendes Stossen mit diesem Meissel wird langsam ein Weg durch den Block gebohrt. Bei ununterbrochener Arbeit kann ein Mann einen solchen Kanal innerhalb eines Tages herstellen, bevor das Blasrohr aber fertig ist, hat es noch manche Prozedur zu erleiden. Zuerst schneidet man das überschüssige Holz an der Aussenseite fort und giebt dann der Wand eine gleichmässige Dicke. Das Glätten des Kanals wird durch Schaben bewirkt. Man benützt hierzu ein Reibeisen (_tossok seput_, Fig. a, Taf.: Pfeilköcher), bestehend aus einem doppelt gefalteten Eisenstab, in den man mit einem Schwert oder Meissel Einschnitte gehackt hat. Mittelst eines langen, dünnen Stieles aus festem Holz oder Rotang wird dieses Reibeisen so lange im Kanal herumgedreht und hin- und hergezogen, bis keine Splitter mehr zum Vorschein kommen. Zur feineren Bearbeitung verwendet man die harten, scharfen Ränder zweier ungefähr 2 dm langer Bambusstücke, die, an den gleichen Stab zusammengebunden, gerade in die Öffnung passen; durch Hin- und Herdrehen dieser Stäbe erhält der Kanal beinahe die gewünschte Glätte. Den letzten Schliff giebt man ihm durch an einen Stab gebundene Blätter, die unter der Epidermis soviel Kieselsäurekristalle angehäuft enthalten, dass sie sich wie feines Reibpapier anfühlen. Auf ähnliche Weise wird die Aussenfläche des Blasrohrs behandelt: wenn das Messer nichts mehr verbessern kann, kommt eine Art _Bambusreibe (kasa seput_, Fig. b) an die Reihe, bestehend aus dünnen Bambusspähnen, die an 2 Schnüren so nah aneinander gereiht sind, dass sie in gleichen Entfernungen den scharfen, kieselhaltigen Rand nach innen kehren. Diese scharfen Ränder umschliessen das Blasrohr und scheuern, wenn man sie einen Tag lang um die Oberfläche bewegt, alle Unebenheiten ab. Zum Schluss poliert man die Aussenseite mit den gleichen Blättern wie die Innenseite. Der Kanal hat bei allen Blasrohren ungefähr den gleichen Durchmesser, nur seine Länge variiert innerhalb bestimmter Grenzen. Gute Exemplare besitzen ein Mundstück aus Horn, Zinn oder Kupfer und ein aufrechtes Eisenstäbchen am andern Ende dient dazu, dem Schützen das Zielen zu erleichtern. Die Pfeile (Fig. c und d), welche mit dem Blasrohr abgeschossen werden, besitzen, je nach dem Zweck, für den sie bestimmt sind, eine verschiedene Form und sind ausnahmslos vergiftet. Ihr Schaft wird aus Palmblattstielen, in der Regel aus denen der Sagopalme (Eugeisonia tristis), verfertigt. Die Pfeile tragen, damit sie im Kanal dicht anschliessen, an ihrem Ende ein kegelförmiges, sehr leichtes Holzstückchen. Ihre Spitze wird, zum Töten kleiner Tiere, durch Einschrumpfenlassen am Feuer gehärtet und dann mit einer Lage schwarzen Giftes bestrichen (Fig. c.) Sollen mit den Pfeilen Menschen, Hirsche oder Wildschweine getötet werden, so fügt man in einen Einschnitt der Schaftspitze eine feine, dünne Spitze aus Bambus oder am liebsten aus Blech und bestreicht diese mit einer dickeren Lage Gift, die sie zugleich auch im Schaft befestigt, jedoch nur so weit, dass sie, wenn sie einmal durch die Haut gedrungen ist, mit ihren Widerhaken in der Wunde stecken bleibt und sich vom Schafte leicht lösen kann (Fig. d). Bisweilen bewirkt man auch das Abbrechen eines Teiles des Schaftes selbst, indem man ihn mit einem ringförmigen Einschnitt versieht. Die Pfeile werden in grösserer Anzahl in einem besonderen Bambusköcher (_telanga_, Fig. e und f) von ungefähr 9 cm Durchmesser aufbewahrt. Der Bambus ist 30 cm oberhalb des Halmknotens, der den Boden des Köchers bildet, abgeschnitten und am oberen Teil rings um die Öffnung etwas beschnitten, um bequem mit einem Bambusstöpsel (am Kapuas, Fig. e) oder mit einem runden, kegelförmigen, hölzernen Stöpsel (am Mahakam, Fig. f) geschlossen werden zu können. Am Köcher wird ein oft hübsch geschnitzter hölzerner Haken (Fig. g) befestigt, den die Jäger, wenn sie sich auf die Jagd oder in den Krieg begeben, an der rechten Seite in ihr Lendentuch stecken. In einem Köcher befinden sich ungefähr 24 Pfeile von verschiedener Form und zwar sitzt jeder gesondert in einem dünnen Bambusbehälter (Fig. h), damit sie einander auf langdauernden Reisen nicht beschädigen. Da die Pfeile und ihre Behälter viel kürzer als der _telanga_ selbst sind, werden sie noch gesondert in Stückchen Fell (Fig. k) des grossen Eichhörnchens oder des kleinen Hirsches gehüllt, an welchen sie bequem hervorgeholt werden können. Durch verschiedene Farben oder an das Ende aufgeschobene kleine Perlen unterscheidet man die Pfeile für grössere und kleinere Tiere. Neben diesen fertigen Pfeilen stecken im Köcher noch mehrere Päckchen (Fig. i und l) unvollendeter Pfeilschäfte, deren noch stumpfe Spitzen meistens bereits im Feuer gehärtet worden sind (Fig. m). Jedes dieser Päckchen wiederum befindet sich in einer besonderen ledernen Hülle. Der Köcher enthält ausserdem noch ein Stöckchen mit scharfer Spitze (Fig. n), auf die man beim Schneiden die konischen Hölzchen steckt, welche hinten an die Pfeilschäfte befestigt werden. Die Bahau und Punan nehmen stets einen Vorrat dieser Hölzchen in einer flaschenförmigen Kalabasse (Fig. o) mit hölzernem Stöpsel mit, die sie an den Köcher hängen; da sie überdies auf dem Grunde des Köchers immer ein bis mehrere Stücke Pfeilgift mitnehmen, können sie auch im Walde stets neue Pfeile herstellen. Neben der Kalabasse hängt noch ein Bambusbehälter mit Zunder und Feuerstein (Fig. p), die auf Reisen stets mitgeführt werden. Die Gifte, welche die Stämme von Mittel-Borneo für ihre Pfeile benützen und durch welche unbedeutende Wunden oft tötlich wirken, sind sehr verschiedenen Ursprungs. Die Bahau unterscheiden 6 verschiedene Arten von Pfeilgiften, die sich von ebenso vielen verschiedenen Bäumen und Lianen herleiten; sie heissen: _tasem; tasem telang; ipu kajo; ipu aka; ipu tana_ und_ ipu seluwang_. Die zwei _tasem_-Arten werden aus den Giften verschiedener Pflanzen, welche in ganz Mittel-Borneo, sowohl am oberen Kapuri, oberen Barito und oberen Mahakam als am oberen Kajan vorkommen, zusammengesetzt; daher können die _tasem_-Gifte von allen Stämmen, die diese Flussgebiete bewohnen, hergestellt werden. Dagegen wachsen die die _ipu_-Gifte liefernden Pflanzen nur am oberen Kapuas und oberen Barito, so dass sie nur von den in diesen Gebieten umherschwärmenden Punan und Bukat gesammelt und den anderen Stämmen verkauft werden. können. Die _ipu_-Gifte werden nämlich, als die wirksameren, den _tasem_-Giften vorgezogen. Da die _ipu_ liefernden Pflanzen auch am Kapuri nur an bestimmten Stellen vorkommen, müssen die Sammler oft weite Züge unternehmen, um die Gifte zu finden. Eine gute Fundstelle für die betreffenden Pflanzen bilden die Wälder am Fuss des Bukit Tilung im Mandaigebiet. Die Herstellung der Pfeilgifte und die sie liefernden Pflanzen sind in Mittel-Borneo nur den Jägerstämmen der Bukat und Punan oder deren Abkömmlingen unter den ackerbautreibenden Dajakstämmen bekannt; daher ist es nur unter besonders günstigen Umständen möglich, sich Pfeilgifte von bekannter Herkunft und die dazu gehörigen Pflanzen zu verschaffen. Auf meinen drei Reisen in Borneo glückte es mir nur im Jahre 1894, in den Besitz einer einigermassen vollständigen Sammlung der _ipu_-Gifte und des dazugehörigen Herbariums zu gelangen. Bei meiner zweiten Reise 1896 waren die Bukatsöhne, die früher bei den Mendalam Kajan wohnten und mir zu der Sammlung verholfen hatten, fortgezogen und ich konnte in vier Monaten keine zweite zuverlässige Sammlung zu Stande bringen. Im Jahre 1898 erhielt ich zwar die verschiedenen Gifte und das Holz und die Blätter der _ipu_-Pflanzen, aber man führte mich mit den Blüten und Früchten, für die die richtige Zeit augenscheinlich noch nicht gekommen war, irre. Diese letzte Sammlung wurde von Dr. _Boorsma_ im botanischen Institut zu Buitenzorg untersucht; die erlangten Resultate sind in "Mededeeling uit 's Lands Plantentuin" (deel 52) veröffentlicht worden; ihnen entnehme ich auch die weiter unten angeführten Bestandteile der Pfeilgifte. Die beiden Gifte: _tasem und tasem telang_, werden gewonnen, indem man die gleichnamigen Bäume anzapft und den ausfliessenden Milchsaft auffängt. Der _tasem_-Baum erreicht eine bedeutende Grösse, der _tasem telang_ dagegen wird nicht über 1 dm dick. Der Milchsaft wird mit dem wässerigen Auszug aus dem geriebenen Bast einer Liane, _aka kia_, vermengt. Die Mischung wird in einem alten eisernen Topf, der für andere Zwecke nicht mehr gebraucht wird, bis zu Sirupdicke eingedampft; die Masse erhärtet beim Abkühlen. Das Gift wird vor dem Gebrauch fein gerieben und mit den Blättern von _gambir utan_ (Euphorbiacee) gemengt, ein Verfahren, für welches besondere, oft schön verzierte Brettchen (Fig. q) und Reib stöcke (_ligan_, Fig. r) verwendet werden. Die _tasem_-Gifte werden auf weite Expeditionen in viereckigen Körbchen aus Palmblattscheiden (_takong_, Fig. s) mitgeführt und vor dem Gebrauch in der Nähe des Feuers aufgehängt, um sie zäh-flüssig werden zu lassen. Eine Analyse des Pfeilgiftes, das einen zähen, schwarzen Extrakt mit intensiv bitterem Geschmack liefert, stellte folgende Bestandteile fest: Antiarin, das giftige Glycosid, das im Saft von Antiaris toxicaria Lesch. enthalten ist; die zwei Alkaloide: Strychnin und Brucin; Upaïn, das durch _Wefers Bettink_ aus dem Milchsaft von Antiaris gewonnen wurde, und Antiaretin, das von _Mulder_ und _Lewin_ als Bestandteil des _antjar_-Milchsaftes angegeben wurde; ferner eine schwach giftige pflanzliche Säure, die ein Aufschäumen verursacht. Derrid, das hauptsächlich in den aus Malakka stammenden Pfeilgiften enthalten ist, fehlte. Die giftige Wirkung der _tasem_-Gifte muss somit den in Antiaris vorkommenden Stoffen und den Strychnos-Alkaloiden zugeschrieben werden; der hohe Antiaringehalt spielt hierbei zweifellos die Hauptrolle. Auf Grund der in den _tasem_ anwesenden aufschäumenden Säure nimmt Dr. _Boorsma_ an, dass nicht nur der Milchsaft, sondern wahrscheinlich auch ein Auszug aus dem Bast des _tasem_-Baumes (höchst wahrscheinlich Antiaris toxicaria) bei der Zubereitung verwendet werden. Das in viel geringerer Menge vorkommende Strychnin und Brucin liess sich in kleinen Quantitäten auch in den Holz- und Bastteilen der Liane _aka kia_ nachweisen; diese gehört, wie auch eine mikroskopische Untersuchung feststellte, zu den Strychnosarten. Was die _ipu_-Gifte betrifft, so bildet: _ipu tana_ eine teils zähe, teils brüchige, dunkelbraune Masse; _ipu kajo_ einen weichen, schwarzen Extrakt; _ipu aka_ eine zähe, braune, von aussen schwarze und bröckelnde, teilweise auch steinharte Masse; _ipu seluwang_ einen zähen, schwarzen Extrakt. Alle diese _ipu_-Arten haben einen intensiv bitteren Geschmack. Sie enthalten sämmtlich Strychnin und _ipu tana_ ausserdem auch Brucin. Derrid fehlte auch bei diesen Giften. Augenscheinlich stammen alle _ipu_-Gifte von Strychnosarten ab. Die Holz- und Bastteile der diese Gifte liefernden Pflanzen ergaben bei der Untersuchung alle als giftige Bestandteile Alkaloide. Nicht nur der Bast, sondern hauptsächlich auch das Holz erwiesen sich als strychninreich, während das Holz von _ipu seluwang_ ausserdem auch noch Brucin enthielt. Es ist daher wahrscheinlich, dass _ipu tana_ und _ipu seluwang_ oder die dazu gehörigen Holzproben aus Versehen verwechselt worden sind. Da bei _ipu kajo_ hauptsächlich in den Holzteilen viel Strychnin gefunden wurde, ist es wahrscheinlich, dass bei der Herstellung dieses Giftes nicht nur geschabter Bast, sondern auch geschabtes Holz verwendet wird. Man bereitet sämmtliche _ipu_-Pfeilgifte, indem man den Bast, vermutlich auch das Holz der betreffenden Pflanzen, fein zerreibt, mit Wasser auszieht und die Lösung vorsichtig eindampft, bis sie eine dicke, zähe, schwarzbraune Masse bildet. Diese wird in kleinen Mengen in den Palmblättern einer Licula-Art aufbewahrt. Beim Gebrauch erweicht man das Ende eines Stückchens _ipu_ über Wasserdampf und bestreicht damit die Pfeilspitzen, welche sodann in einiger Entfernung vom Feuer getrocknet werden. Den Wasserdampf lässt man durch die Öffnung eines trichterförmig gewundenen Bananenblattes, das über ein Bambusgefäss mit kochendem Wasser gestülpt worden, hindurchstreichen. Dass die Wirkung des _ipu_ mit derjenigen des Strychnins übereinstimmt, davon überzeugte ich mich einst, als ein Hund von einem Pfeile nicht sogleich tötlich getroffen wurde. Das Tier lag mit Bewusstsein auf der Seite, die Zunge aus dem Maule hängend und litt, wie die schnellen, kurzen Atemzüge andeuteten, an Atemnot. Ab und zu stellten sich spontan Konvulsionen ein, bei denen sich der ganze Körper streckte; sie wechselten mit tonischen Krämpfen. Erschütterte man das eine Ende des freiliegenden Fussbodenbrettes, auf dem das Tier lag, so wurden die Zuckungen so heftig, dass der Hund bis auf 1/2 m Höhe aufsprang; er gab dabei keinen Laut von sich. Das Schiessen mit dem Blasrohr hat auf der Jagd und im Kriege den grossen Vorteil, dass man auf das Opfer, ohne es zu verscheuchen, so lange Pfeile abschiessen kann, bis einer trifft. Übrigens sind auch viele Nachteile damit verbunden, besonders bei der Jagd auf grosse Tiere, für die die Wunde niemals sofort tötlich ist und die auch durch die Giftwirkung nicht sogleich bewegungslos werden. Sie behalten daher immer noch genug Kraft, um bedeutende Abstände zurückzulegen, was den Jägern viel Schwierigkeiten bereitet, da bereits ganz in der Nähe gefallenes Wild in dem dichten Walde, auf dem mit Blättern, Ästen und Gestrüpp bedeckten Boden, schwer zu finden ist. Die Pfeile erfahren ferner, ihres geringen Gewichtes wegen, leicht eine Ablenkung, hauptsächlich auf freier Fläche bei Wind. Unter den sesshaften Dajak begegnete ich nie einem, der im Schiessen mit dem Blasrohr eine besondere Geschicklichkeit an den Tag legte; die Punan verstanden sich hierauf viel besser. In den Proben, die sie vor mir ablegten, schossen sie zwar auf 40-50 m Abstand, aber die Treffsicherheit liess viel zu wünschen übrig und war mit derjenigen eines Gewehrschusses mit Kugel nicht zu vergleichen. Für die Jägerstämme jedoch, die in den fast windstillen Wäldern leben, bildet das Blasrohr, weil es mehrere Pfeile auf das gleiche Tier abzuschiessen gestattet, eine praktische Waffe, der sie sich auch Menschen gegenüber gut zu bedienen verstehen. Die Schilde (_klebit_) der Bahau haben die bekannte länglich viereckige Form mit dreieckiger Verlängerung nach oben und unten. Die mit Menschen- und Tierfiguren und Masken stark verzierten Exemplare, die bisweilen nach Europa ausgeführt werden, traf ich bei den Stämmen von Mittel-Borneo nur selten; sie bedienen sich auf ihren Zügen stets einfacher, glatter Schilde aus leichtem, festem, braunem Holze, die in der Mitte und an den Seiten, der Breite nach, mit Rotangschnüren verstärkt werden. Ich fand bei den Kajan noch eine alte, viereckige, eiserne Platte mit zwei Spitzen, die, als Schutz für die an der Rückseite befindliche Hand, vorn in der Mitte der Aussenfläche befestigt wurde. Die einfachen Schilde werden nie mit Haar verziert; dies geschieht nur mit den bemalten Schilden, die daher _klebit bok_ (Haarschild) genannt werden. Gegenwärtig wird am Kapuas nicht mehr das Haar erschlagener Feinde als Zierat gebraucht, auch ist es verboten, als Waffenverzierung Menschenhaar aus dem eigenen Stamm zu verwenden. Das Haar für die Schilde wird jetzt hauptsächlich von den Taman Dajak gekauft, die mit ihrem eigenen Haar Handel treiben. Für die Schwerter benützt man vielfach eingeführte, gefärbte Tierhaare. Nur die Punan und Bukat gebrauchten ursprünglich und zum Teil auch noch jetzt keine Schilde. KAPITEL VIII. Rolle des Ackerbaus bei den Bahau und Kenja--Religiöse Vorstellungen beim Ackerbau Legende von der Entstehung der Ackerbauprodukte--Art der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen bei der Wahl der Felder--Bestimmung der Saatzeit-Perioden des Reisbaus--Bedeutung der Ackerbaufeste--Saatfest: religiöse Zeremonien; Masken- und Kreiselspiel--Neujahrsfest Festgebräuche--Zweite Namengebung der Kinder--Darbietung der Opfer--Tänze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron uting_ = Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap_ = Festtag des Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest. Die Bahau und Kenja sind Ackerbauer; sie widmen sich hauptsächlich dem Bau ihres wichtigsten Nahrungsmittels, des Reises; alle übrigen Bodenerzeugnisse spielen daneben eine untergeordnete Rolle. Der Ackerbau beherrscht im Grunde das ganze Leben dieser Stämme: ihr Jahr ist das Jahr des Reisbaues, das sie in die verschiedenen Perioden einteilen, welche die Bearbeitung des Reisfeldes und die Behandlung des Reises selbst bedingen. Die Herstellung von Wohnung, Kleidung und sonstigen Artikeln nehmen die Kajan in der Zeit vor, die der Reisbau ihnen gerade übrig lässt, vor allem nach dem Jäten der neuangelegten Felder und in der letzten Ernteperiode. Dinge, die sie jetzt nicht mehr selbst verfertigen oder gewinnen, wie Salz und einige Arten Zeug, werden den malaiischen Händlern mit Bodenprodukten bezahlt. Bei Stämmen, deren Denken so stark vom Ackerbau in Anspruch genommen wird, nimmt es nicht Wunder, dass sie ihre Vorstellungen von den ihr Wohl und Wehe beherrschenden Mächten mit diesem in engen Zusammenhang bringen. Die Geisterwelt steht mit dem Ackerbau der Bahau in inniger Verbindung, ohne ihre Zustimmung kann eine Feldarbeit überhaupt nicht vorgenommen werden. Auch fallen alle grossen Volksfeste mit den verschiedenen Perioden des Reisbaus zusammen. Da nach der Ernte ein besonderer Wohlstand herrscht, werden, schon aus praktischen Gründen, auch alle Familienfeste, die einen grossen Aufwand erfordern, auf das Neujahrsfest am Schluss der Ernte verlegt. Die beiden mächtigen Geister, _Amei Awi_, und dessen Gattin, _Buring Une_, die nach der Überzeugung der Kajan in einer Welt leben, die unter dem Erdboden liegt, beherrschen den ganzen Ackerbau und lassen den. Ausfall der Ernte grösstenteils vom Benehmen des Feldeigentümers abhängen, und zwar nicht nur von dessen sittlichem Betragen, sondern vor allem davon, ob er alle ihnen zukommenden Opfer und ihre Warnzeichen genügend beachtet hat. Dem Häuptling fällt eine wichtige Rolle beim Ackerbau zu: er muss bei den Festen im Namen des ganzen Stammes die vorgeschriebenen Beschwörungen durch die Priesterinnen ausführen lassen. Alle religiösen Zeremonien, die der Ackerbau erfordert, finden auf einem kleinen, besonders zu diesem Zweck angelegten Reisfeld (_luma lali_) statt; hier leitet auch die Häuptlingsfamilie jedes neue Verfahren des Reisbaus, wie das Säen, Jäten, Ernten ein; die feierlichen Handlungen, die dabei vorgenommen werden, haben symbolische Bedeutung. Die Geister walten nicht nur über dem Gelingen oder Misslingen der ganzen Ernte, sondern sie haben auch die angebauten Produkte: Reis, Mais, süsse Erdäpfel, Tabak u.s.w. besonders für die Bahau auf Erden entstehen lassen. Nach der Überlieferung der Mendalam Kajan lebte nämlich in alten Zeiten, als sie noch das Stammland Apu Kajan bewohnten, ein Ehepaar: _Batang Timong Nangei_ und seine Frau _Uniang Bulan Batang Ngaui Ingan_ (ihre Namen stehen mit dem Ackerbau in Verbindung, denn _nangei_ bedeutet das Feiern des neuen Jahres am Ende der Reisernte, _ingan_ ist ein Reiskorb u.s.f.). Das Ehepaar hatte zu seinem Kummer keine Kinder und, um sie zu erlangen, ging der Mann, auf Anraten der Geister, darauf aus, eine bestimmte Art Rotang zu suchen. Nach mehr als einem Jahr kehrte der Mann ohne Erfolg und völlig erschöpft heim. Seine Gattin _Uniang_ war aber inzwischen gestorben, weil sie während einer Verbotszeit des Säens genäht und hierdurch den Zorn der Geister erregt hatte. Ihr Tod hatte sich folgendermassen zugetragen: Als _Uniang_ einmal wieder zu verbotener Zeit bei der Arbeit sass, fiel durch das Dach eine Nadel vom Himmel gerade auf ihren kleinen Finger, der zu bluten begann. Die Blutung war nicht zu stillen und so musste die Frau allmählich verbluten; aus ihrem hervorquellenden Blute entstand aber Reis (_parei_) und nach ihrem Tode aus dem Rumpf Bananen (_pute_), aus ihren Haaren Zuckerrohr (_tewo_), aus ihren Oberarmen _kladi_, aus ihren übrigen Körperteilen andere mit dem Reis zugleich gebaute Gewächse wie: Gurken, süsse Erdäpfel (_obe_) u.s.w., aus den Schamteilen ging Tabak (_bako_) hervor, daher geben die Frauen ihren Liebhabern Zigarren zu rauchen. Sowoht Bahau als Kenja legen trockene Reisfelder (_luma_ im Busang _ladang_ im Malaiischen) an. Ein Stück Wald, jung (_talon_) oder alt (_tuwan)_, wird einige Meter oberhalb des Erdbodens gefällt, das Holz liegen gelassen, bis die Sonne es etwas getrocknet hat und das Ganze dann in Brand gesteckt. Ohne den Boden weiter zu bearbeiten, werden mit einem hierfür bestimmten Stocke (_tol_) Löcher in die Erde bzw. die Asche gebohrt, in welche man dann den Reis (_parei_) sät. Jede Familie besitzt ein eigenes Reisfeld; sobald erwachsene Kinder da sind, erhalten sowohl Söhne als Töchter ein eigenes Feld. Hier bauen sie neben Reis auch Mais, Bataten, Tabak, Zuckerrohr und _kladi_ (Colocasia antiquorum); ein besonderes Feld wird nur für die das Fischgift (_tuba_) liefernden Schlingpflanzen angelegt. Da man das Reisfeld jedes Jahr oder spätestens nach zwei Jahren wieder verlässt, werden nur selten Fruchtbäume ausser Bananen und Papaya (Carica Papaya) darauf gepflanzt; diese werden vielmehr von jeder Familie dicht vor oder hinter dem langen Hause mit Betel und Ähnlichem in kleinen Gärten gezogen, die, zum Schutz gegen die frei umherlaufenden Schweine, mit festen Hecken umgeben werden. Unter den Fruchtbäumen sind die wichtigsten: _duku_ (Lansium domesticum), _durian_ (Durio zibethinus), verschiedene Citrusarten, Papaya (Carica Papaya), _djambu_ (Jambosa) und _blimbing_ (Capura Zollingeriana T. et B.). Die Kokospalme kommt selten vor, trägt wenig Früchte und ist nur, insofern sie Leckerbissen liefert, von Bedeutung. Obgleich die Frauen sowohl bei der Feldarbeit als bei den zugehörigen religiösen Handlungen eine wichtige Rolle spielen, wird der Boden für ein neu anzulegendes Feld doch ausschliesslich von Männern ausgesucht. Das männliche Haupt des Dorfes trachtet zuerst von den Vögeln und anderen wahrsagenden Tieren zu vernehmen, ob das von ihm gewählte Grundstück auch einen guten Ertrag verspricht. Handelt es sich darum, Urwald (_tuwan_) oder jungen Wald (_talon_) zu fällen, so benützen die Bahau am Mendalam den _telandjang_ (Platylophus coronatus) als wahrsagenden Vogel; wegen des Urwaldes wird auch noch das Reh (Cervulus muntjac) befragt. Der Häuptling begiebt sich zu diesem Zwecke in das gewählte Waldstück und klopft an den Bäumen, bis er den _telandjang_ hört oder sieht. Zeigt sich der Vogel rechts von ihm, so ist das Grundstück gut gewählt, zeigt er sich jedoch links, so muss ein anderes Stück Wald gesucht werden. Hat der Häuptling das gewünschte Vorzeichen gefunden, was oft 2-3 Tage dauert, so beginnen die übrigen Männer ebenfalls die Tiere zu befragen. Ist dies geglückt, so muss das ganze Dorf 4 Nächte "_melo njaho_" d.h. "stillsitzen wegen der Vorzeichen". Es darf dann kein Dorfbewohner mit der Aussenwelt in Berührung kommen oder mit einem Vorübergehenden sprechen; es darf auch kein Fremder das Dorf betreten. Dann verwendet man 3 Tage darauf, das Unterholz mit dem Schwerte wegzuräumen, _meda_, worauf wiederum ein _melo njaho_ von 4 Nächten folgt. Die Bahau rechnen nämlich nach Nächten statt nach Tagen. Auch der Schrei des _kidjang_ (Reh), rechts oder links vom Beobachter, zeigt an, ob ein Stück Urwald gefällt werden darf oder nicht. Hat das Reh die Wahl gebilligt, so muss das ganze Dorf 8 Nächte _melo njaho_. Man darf dann das Haus wohl verlassen, aber keinen Reis als Proviant mitnehmen und keine Nacht ausserhalb des Hauses verbringen (_san)_. Obgleich im Innern von Borneo nur eine geringe Anzahl Menschen wohnt, ist doch alles Land so unter den verschiedenen Stämmen verteilt, dass jeder nur in einem bestimmten Gebiete seine Reisfelder anlegen darf. Wenn ein Stamm aus einer Gegend fortzieht, hat ein anderer das Recht, sie zu bebauen; auf die herangewachsenen Fruchtbäume jedoch machen die früheren Besitzer noch viele Jahre Anspruch. Auf noch nie bebaut gewesene Grundstücke haben alle Glieder eines Stammes gleiche Rechte und dürfen sich daher ihren Teil nach Belieben wählen. Ein einst bebaut gewesener Boden bleibt aber, auch wenn er seit Jahren verlassen ist, stets das Eigentum desjenigen, der ihn zuerst bearbeitete. Am Mahakam werden derartige Grundstücke nicht verkauft, wohl aber verpachtet oder gegen andere eingetauscht. Als Grenzzeichen benützt man Bäume, grosse Steine oder Bäche. In Anbetracht, dass für das Trocknen und Verbrennen des gefällten Waldes die trockenste Jahreszeit erforderlich ist, sucht man, unter normalen Verhältnissen, diese Arbeiten während des Juli und August, wo die grösste Aussicht auf Trockenheit vorhanden ist, zu Ende zu führen. Dass die Ernte dann auf die Regenzeit zwischen Dezember und März fällt, ist für die Stämme von Mittel-Borneo von geringerer Bedeutung. Den Beginn der verschiedenen Perioden des Reisbaus lässt man von den Umständen abhängen, nur für das Säen sucht man bestimmte Tage einzuhalten. Wenn irgend möglich, beginnt man mit der Saat an dem Tage, wo die Sonne an einem bestimmten Punkte des Horizontes untergeht. Bei den Kajan am Mahakam richtete der Oberpriester neben dem neuen Hause am _Blu-u_ zwei längliche Steine von verschiedener Höhe auf und stellte sie so, dass das Zeichen für die Saat gegeben war, wenn die Sonne in der Verlängerung ihrer Verbindungslinie unterging. Man erzählte mir, dass die Höhlungen in einem Felsblock bei Batu Sala, im Flussbett des oberen Mahakam, dadurch entstanden seien, dass die Priesterinnen der umliegenden Stämme von alters her jedes Jahr auf dem Stein gesessen hätten, um zu beobachten, wann die Sonne hinter einem bestimmten Gipfel des gegenüberliegenden Gebirges untergehen würde; dieser Zeitpunkt war dann für den Beginn der Saat massgebend. Ausser bei zu grosser Nässe wird mit dem Reisbau auch dann noch mit einer Verspätung angefangen, wenn die letzte Ernte besonders günstig ausgefallen war. In solchen reichen Zeiten begeben sich die Männer auf Handelsreisen, bauen Böte, bessern das Haus aus, oder verrichten sonstige Arbeiten, die sie während der Zeit drückender Feldarbeit nicht vornehmen können. Herrscht dagegen Reismangel im Stamme, so beginnt man baldmöglichst mit der Saat. Jede umfangreichere Arbeit, so auch die Bearbeitung der Reisfelder, wird bei den Bahau stets durch die gemeinsame Arbeit verschiedener Gesellschaften von 4-6 Personen besorgt. Es sind nicht immer Familienglieder, sondern, vor allem bei jungen Männern, häufig Freunde, die einander Hilfe leisten und diese später mit einer gleichen Anzahl von Arbeitstagen heimzahlen. Nur Söhne und Töchter sind ausdrücklich verpflichtet, ihre Eltern bei der Arbeit zu unterstützen. Dieses gemeinschaftliche Verrichten einer Arbeit nennen die Bahau: _pala dow_, wörtlich: tagweise. Derjenige, bei dem gearbeitet wird, muss seinen Gehilfen am betreffenden Tage das Essen liefern; am Mendalam wird aber, besonders in Zeiten von Reismangel, nicht immer während der Arbeit eine Mahlzeit gehalten. In der drückendsten Arbeitszeit geht jeder, der arbeiten kann, aufs Feld; im Hause bleiben nur Kinder unter 8-10 Jahren, Frauen, die Kinder unter zwei Jahren zu versorgen haben, Greise und Kranke zurück. Der Auszug aufs Feld findet am Mendalam bei Sonnenaufgang, um 6 Uhr, statt. Ausgerüstet mit den augenblicklich gerade erforderlichen Ackergerätschaften, z.B. Schwertern und Beilen zur Zeit des Waldfällens, Schaufeln zur Zeit des Jätens, dazu stets mit einem Speer bewaffnet, begeben sich die Trüppchen zum _paladow_ in einem Boot oder längs einem Waldpfad auf das Arbeitsfeld. Hat man zu Hause noch nicht gefrühstückt, so macht sich einer von der Gesellschaft, meist eine Frau, an die Zubereitung des Morgenimbisses. Nicht immer erreicht die Gesellschaft ihr Arbeitsfeld; begegnet sie unterwegs einem links auffliegenden Vogel, der gerade zu den wahrsagenden gehört, oder bemerkt sie eine rotköpfige Schlange (Doliophis bivirgatus Boie), die den Kopf in die Richtung des Hauses dreht, oder hört sie den Schrei eines Rehs, so kehren sämmtliche Teilnehmer unverrichteter Sache wieder nach Hause zurück. Auch wenn die Gesellschaft in dem Häuschen, das oft auf dem Felde errichtet wird, eine beliebige Schlange erblickt, macht sie sich schleunigst auf den Heimweg. Bei den verschiedenen Stämmen sind auch die Warnzeichen, welche einen Aufschub der Feldarbeit verlangen, einigermassen verschieden. Die Bahau beschäftigen sich an den Tagen, an denen die Tiere ihnen die Arbeit auf dem Reisfelde verbieten, zu Hause mit Flechtarbeit, Nähen und dergl. Das Wahrnehmen schlechter Vorzeichen ist am ersten Tage der beginnenden Feldarbeit besonders verhängnisvoll; begegnet man nämlich morgens beim ersten Auszug einem ungünstigen Zeichen, so darf man ein ganzes Jahr lang überhaupt keinen Reis bauen, nur Bataten, Mais u.a. dürfen dann gepflanzt werden. Um derartigen Zuständen vorzubeugen, geht man das erste Mal, kluger Weise, nachts aufs Feld. Sieht man in der Zeit der Vorarbeiten ein Reh übers Feld laufen, so darf dieses ebenfalls nicht im gleichen Jahre bearbeitet werden, sondern man beschränkt sich auch in diesem Falle auf den Anbau anderer Bodenprodukte. Die Jahreseinteilung richtet sich bei den Bahau, wie bereits erwähnt, nach den verschiedenen Arbeiten, die auf dem Reisfelde vorgenommen werden. Das Jahr zerfällt demnach in 8 Perioden: _nebas = meda_ = Fällen des Unterholzes. _newang_ = Fällen der Bäume. _nutung_ =Verbrennen des gefällten Holzes. _nugal_ = Säen;_ tugal_ = Saatfest; _nugal_ = Feiern von _tugal_. _nawo_ = Jäten. _ngeluno_ = Ernten. _newuko_ = Beenden der Ernte. _nangei_ = Feiern des neuen Reisjahres; _dangei_ = Neujahr. Will ein Kajan an einer Stelle, wo im Laufe von 15 Jahren ein ungefähr 100 Fuss hoher Wald gewachsen ist, sein Feld anlegen, so beginnt er damit, die kleineren Pflanzen und Gebüsche mit einem eigens für diesen Zweck hergestellten Schwerte umzuhauen. Wenn alles Unterholz am Boden liegt, kommt das Fällen der Bäume an die Reihe, die einzige ausschliesslich von Männern verrichtete Arbeit; sie wird mit kleinen, selbst hergestellten oder auch eingeführten Beilen aus hartem Stahl bewerkstelligt. Die Bäume werden 1-4 m über dem Boden gefällt, worauf auch die Zweige abgehackt werden, so dass die Stämme flach auf dem Boden zu liegen kommen. Auch nach einmonatlicher Dürre lassen sich die Stämme und dicksten Äste nur teilweise verbrennen; man räumt sie jedoch nicht fort, sondern sät den Reis einfach zwischen und neben dem Holz hin. Mit einem Teil dieses Holzes wird übrigens, um Hirschen und wilden Rindern den Eintritt zu wehren, das Reisfeld eingezäunt. In wildärmeren Gegenden unterlässt man die Herstellung dieser Hecke, weil sie viel Arbeit erfordert und opfert lieber einen Teil der Ernte. Auch den Vögeln, von denen bei beginnender Reife drei Arten Reisdiebe (Padda oryzivora; Munia fuscans; Munia bruneiceps) in grossen Schwärmen das Feld heimsuchen, und den Affen muss ein Teil des, Bodenertrages abgetreten werden. Bisweilen verursachen auch Insekten und deren Larven einen so grossen Schaden, dass von der ganzen Ernte beinahe nichts übrig bleibt. Allen diesen Schädlingen gegenüber sind die Bahau viel wehrloser als die Malaien; nur durch Schreien und Schlagen auf Bambusgefässe gelingt es ihnen mit viel Anstrengung, einige der Räuber zu vertreiben. Befindet sich ein Reisfeld in der Nähe des Hauses, so wird es von diesem aus bewirtschaftet, hat man es aber in grösserer Entfernung anlegen müssen, so wird das tägliche Hin- und Herziehen zu mühsam; man baut daher auf dem Felde selbst ein Häuschen (_lepo luma_) auf Pfählen, in welches die ganze Familie einzieht. In sicheren Gegenden wohnen die Familien oft weit auf den Feldern zerstreut, wodurch der Stammverband oft gelockert wird. Die den Reisbau begleitenden religiösen Feste sind bei allen Stämmen etwas verschieden, nur die ihnen zu Grunde liegenden Vorstellungen sind überall die gleichen. Im wesentlichen handelt es sich stets darum, die Geister und die Seelen des Reises durch Opfer aller Art zu versöhnen und günstig zu stimmen. Die Mendalam Kajan erfreuen sich eines ziemlich regelmässigen Ernteertrages; ihre Ackerbaufeste finden daher auch jedes Jahr statt; die Mahakam Kajan dagegen können wegen häufiger Missernten nur alle 2-3 Jahre ein Neujahrsfest (_dangei_) feiern. Trotzdem diese Festlichkeiten am Mendalam regelmässiger gefeiert werden, folgt man ihnen am Mahakam doch mit lebhafterem Interesse und die Bedeutung aller Zeremonien und Spiele lässt sich hier auch viel besser verfolgen. Am Mendalam kam ich zu der falschen Vorstellung, dass die Volksspiele, die bei den Festen stattfinden, rein willkürlich zur Saat- oder Erntezeit vorgenommen werden; am Mahakam dagegen merkte ich, dass selbst dem Maskenspiel beim Saatfest eine gleich tiefe Bedeutung wie irgend einer durch die Priesterinnen verrichteten Handlung zukommt. Für die Denkweise der Kajan ist die Tatsache charakteristisch, dass bei den Erntefesten nicht nur die Menschen im Überfluss schwelgen dürfen, sondern dass auch ihre Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner, die für gewöhnlich vom Abfall leben, in der Festzeit sich gut gekochten Reises erfreuen dürfen. Als ich einst _Akam Igau_ fragte, warum sich die Kajan aller geistigen Getränke enthielten, gab er mir als einen der Gründe an, dass sie sonst nicht genügend Reis hätten, um auch die Tiere an den Festmahlzeiten teilnehmen zu lassen. Ausserdem wies er auf die traurigen Folgen hin, die der Genuss von Reisbranntwein (_tuwak_) für seine Nachbarn, die Taman Dajak, hatte. Bei allen religiösen Handlungen fürchten die Kajan die Anwesenheit Fremder, weil diese die angerufenen Geister erschrecken und verstimmen könnten; daher dürfen die malaiischen Händler in Tandjong Karang auch nie Festlichkeiten beiwohnen. Obgleich ich mich nun stets davor hütete, meinen Gastherren meine Gegenwart, falls sie nicht gewünscht wurde, aufzudrängen, erschien mir das Saatfest doch so interessant, dass ich es mitzumachen beschloss, auch auf die Gefahr hin, den Unwillen der Dorfbewohner zu erregen. Ich hatte daher auf die schüchternen Fragen, ob ich bei den Festlichkeiten zugegen sein wolle, bejahend geantwortet. Am Morgen des Festtages war aber ein guter Teil der Häuptlingsfamilie mit der Priesterschaft bereits aufs geweihte Feld (_luma lali_) gezogen, als _Akam Igau_ mich noch mit dem Versprechen hinhielt, mir später das Boot seines ältesten Sohnes zur Verfügung stellen zu wollen, das mich an das jenseitige Ufer zum Schauplatz der Festlichkeit bringen sollte. Nachdem ich vergeblich auf dieses Boot gewartet hatte, bestieg ich dasjenige, in dem _Akam Igaus_ älteste Tochter, _Tipong Igau_, zum Festplatz fahren sollte. _Tipong_ besass im grossen Hause von Tandjong Karang die einflussreichste Stellung; auch gehörte sie zu den obersten Priesterinnen und legte als solche meinen Nachforschungen nach den Lebensverhältnissen und religiösen Überzeugungen der Kajan die grössten Hindernisse in den Weg. Aber obwohl fanatisch, war _Tipong Igau_ doch nicht boshaft und wies daher auch meine Begleitung nicht ab, trotzdem sie diese durchaus nicht zu schätzen schien. Sie hatte übrigens gleich einen Grund gefunden, um ihr religiöses Gewissen zu beschwichtigen; denn als ihr mitten auf dem Flusse ein vorüberfahrender Malaie zurief, dass ich, als Fremder, nicht zur Feier gehöre, gab sie ihm sofort zur Antwort, dass ich Kajanisch spreche und folglich auch zu den Kajan gehöre. Dass meine Anwesenheit als etwas Aussergewöhnliches betrachtet wurde, merkte ich auch später, bei der Rückkehr von dem Feste. Ein zum Islam übergetretener Kajan fragte mich nämlich, ob ich bei der Feier zugegen gewesen sei. Auf meine bestätigende Antwort ergriff er schweigend meine Hand, lächelte mich von der Seite an und ging weiter--ein Ausdruck seiner Bewunderung, dass ich es in der Volksgunst bereits so weit gebracht hatte. Durch _Tipong Igaus_ Auffassung beruhigt, bestieg ich mit ihr das hohe Ufer und befand mich sogleich auf dem _luma lali_, das unmittelbar hinter den Trümmern eines früheren Kajanhauses angelegt worden war. Neben dem _luma lali_ der Häuptlingsfamilie lagen die geweihten Felder der übrigen Familien, die das Fest am folgenden Tage begehen sollten. Diese kleinen Felder werden niemals des Ertrages wegen bebaut, sie dienen nur als Schauplatz religiöser Handlungen, auch werden auf ihnen symbolisch alle Arbeiten eingeleitet, die später auf den wirklichen Reisfeldern vorgenommen werden müssen. Bei meiner Ankunft bemerkte ich zuerst, unter einem auf vier Pfählen ruhenden Baldachin aus Palmblättern, zwei weibliche und zwei männliche Priester, die sich mit der Zubereitung der Opfer beschäftigten; die Frauen stellten _kawit_ her, während die Männer aus Fruchtbaumholz die erforderlichen Stücke für das Opfergerüst (_pelale_) schnitzten. Inzwischen befasste sich der profanere Teil der Familie und Sklaven mit deren irdischen Interessen, indem er in einigen grünen Bambusgefässen Klebreis und in anderen Hühner- und Schweinefleisch kochte. Die Kinder umringten alle diese Herrlichkeiten, während Jünglinge und Jungfrauen, im Schatten abgelegenerer Gebüsche sitzend, bei süssem Minnespiel die Welt um sie her zu vergessen schienen. Um die Stelle, wo das Opfergerüst aufgestellt werden sollte, bauten zwei Männer aus dickem Holze eine feste, ungefähr 1 m hohe pyramidenförmige Hülle mit seitlicher Öffnung, worauf die älteste _dajung_ um die Hülle etwas Reis säte und dann die jungen Leute herbeirief, um das ganze Feld weiter zu besäen. Während die jungen Männer mit ihrem Pflanzstock (_tol_) Löcher in den Boden bohrten, streuten die jungen Mädchen, hinter ihnen hergehend, den Reis in die Gruben; die gegenseitigen Sympathieen der Pärchen blieben dabei nicht verborgen. Unterdessen waren die Bambusgefässe teilweise schon verkohlt, ein Zeichen, dass ihr Inhalt bereits gar geworden war und dass das Festmahl beginnen konnte. Höflicher Weise bot man mir zuerst meinen Anteil an der Mahlzeit an, den ich, mit Rücksicht auf die in Ungeduld harrende Jugend, so schnell als möglich zu bewältigen trachtete. Der Anblick der Gesellschaft, die jetzt in festem Klebreis und dem so seltenen Schweine- und Hühnerfleisch förmlich schwelgte, erheiterte mich nicht wenig. Nach beendetem Mahl fragte mich _Tipong_, ob ich nun, da alles vorüber sei, nicht nach Hause fahren wollte; da aber niemand sonst sich zum Aufbruch rüstete, glaubte ich ihre Langmut noch weiter auf die Probe stellen zu müssen und erklärte, noch etwas warten zu wollen. Da holte _Tipong_ mit den anderen Priesterinnen einen grossen Behälter mit _kawit_ herbei, erwärmte sie zum Schein, steckte sie in kleine Bambusgefässe und stellte diese zerstreut auf dem Felde auf. An jeder Stelle, wo ein solches Opferpäckchen niedergelegt wurde, blieb _Tipong_ mit zwei Oberpriesterinnen stehen und redete halblaut mit den Geistern. Leider konnte ich wegen der lauten Schläge der Gonge nichts von ihrem Gemurmel verstehen. Darauf folgte die Aufrichtung des Opfergerüstes unter der pyramidenförmigen Hülle: fünf _dajung_ knieten vor der Öffnung; die älteste nahm aus einem Behälter die von den Männern geschnitzten Hölzer und stellte sie so zu einem _pelale_ auf, wie es in dem Kapitel über Gottesdienst beschrieben worden ist. Über das Ganze setzte sie ein Dach, das gleichzeitig dazu diente, zwischen den vier, oben herausragenden, kleinen Stützbalken eine grosse Anzahl _kawit_ zu tragen. Rings um das Gestell wurde etwas Hühnerblut gegossen und einige Reiskörner gesät, worauf die Öffnung der Hülle mit ein paar Holzstücken geschlossen wurde. Auch hierbei musste die Priesterin den Geistern eine lange Rede halten, die erst beendigt wurde, nachdem ein paar Bambushalme und Fruchtbaumzweige rings herum in den Boden gepflanzt worden waren. Einige geschlachtete Küchlein, einige Eier und kleine Bambusgefässe mit Schweineblut wurden als weitere Opfer für die Geister an die Zweige gehängt. Hiermit war die eigentliche Zeremonie beendigt; die Teilnehmer waren aber noch nicht befriedigt; besonders trachteten die Mütter kleiner Kinder von dem aussergewöhnlichen Einflusse, der von dem Opfergestell ausströmen musste, für ihre Kleinen Nutzen zu ziehen. Zuerst wurde uns der Behälter mit den übriggebliebenen _kawit_ gereicht, um unsere Hand hineinzustecken und darauf eine Schüssel mit Wasser. Durch beide Handlungen sollte unseren Seelen etwas Angenehmes erwiesen werden. Hierauf verteilte man _kawit_ unter die Frauen, die sich mit den Kindern auf den Tragbrettern oder mit diesen allein zum Opfergerüst begaben; unter Hersagen einiger Worte liessen sie den guten Einfluss des _pelale_ auf die am Tragbrett hängende Schlinge übergehen und legten dann eine _kawit_ neben ihm auf den Boden nieder. Mit dem Befestigen einer _kawit_ am Tragbrett erreichte die Zeremonie ihr Ende. Erst im letzten Augenblick traf _Ju_, der älteste Sohn des Häuptlings (_Akam Igau_ hatte ihn seltsamer Weise, wie er angab, um ihm ein glücklicheres Dasein zu verschaffen, in Bunut Malaie, d.h. Mohammedaner werden lassen), mit seiner Frau ein, so dass ich, sehr befriedigt über meine Beharrlichkeit, mit der Gesellschaft heimkehrte. Am ersten Tage des Saatfestes darf die ganze Bevölkerung, die sehr jugendliche und sehr alte abgerechnet, von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends nicht baden (_pongan);_ hierauf folgt eine 8 nächtliche Ruhezeit (_melo)_, in der man weder arbeiten noch mit seiner Umgebung verkehren darf. Am 10ten Tage, dem ersten einer zweiten Periode von einem Tage und acht Nächten, folgt, wie am ersten, das _pongan_, das Badeverbot. In der folgenden, achtnächtlichen Periode wird das grosse, eigentliche Reisfeld besät. Am roten Tage gilt wieder das _pongan_, diesmal ohne folgendes _lali_, und mit einem weiteren _pongan_ am loten Tage ist die Zeit der Reissaat abgelaufen. Ausser dem grossen Festmahl am ersten Tage des Saatfestes und dem zweiten für die geringeren Leute am folgenden Tage haben die Kajan in der ersten Periode der Abgeschlossenheit noch allerlei andere Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Sie lassen sich durch das erzwungene Niederlegen von Hammer und Beil, durch das Verbot, abends oder nachts ausser dem Hause zu verweilen, und durch die Abwesenheit von Fremden die Laune nicht verderben. Die Männer finden auch zu Hause in ihren Schnitz- und Flechtarbeiten, die Frauen in ihren geliebten Perlenarbeiten angenehme Beschäftigung. Ausserdem haben die jüngeren Leute mit den Vorbereitungen zu der am Ende der ersten Verbotszeit stattfindenden Maskerade viel zu tun. Die Masken der Männer und die der Frauen sind ganz verschieden, stellen aber alle die bösen Geister dar. Die entsetzlichen Köpfe und lang behaarten Leiber, welche sie den Dämonen zuschreiben, veranschaulichen die Männer durch hölzerne Gesichtsmasken (_hudo kajo_) und fein zerschlitzte Bananenblätter, die sie sich um den Leib wickeln. Die Frauen verfertigen sich Masken aus Tragkörben (_hudo adjat)_, indem sie diese cylinderförmigen, aus feinem Rotang geflochtenen Körbe mit weissem Kattun, auf den mit grossen Stichen ein menschliches Antlitz genäht ist, überziehen; zu beiden Seiten des Korbes befestigen sie die grossen Ohrgehänge der Kajan. Der Korb wird mit der Öffnung nach unter auf den Kopf der Trägerin gestülpt und diese bis zur Unkenntlichkeit mit Zeug umwickelt. Während des Saatfestes unterhalten sich die Männer auch öfters mit dem Kreiselspiel (_pasing_). Die Kreisel sind oval, abgeplattet, glatt und 2 bis 3 kg schwer. Das Spiel besteht darin, dass einer den Kreisel (_asing_) seines Vorgängers mit dem seinigen aus dem Wege zu räumen versucht und zwar so, dass der eigene Kreisel sich dabei stets weiter fortdreht, bis auch er das Opfer des folgenden wird. Die älteren Männer benützen bisweilen mehrere Kilo schwere Kreisel aus Eisenholz; meist werden für die Festlichkeit neue Kreisel geschnitzt. Stets fand sich abends auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung eine Gesellschaft junger, bis 30 Jahre alter Männer ein, die vor den weiblichen Zuschauern auf der Galerie in Kraftentfaltung und Geschicklichkeit mit einander wetteiferten. Der achte Tag bot den Kajanmägen wieder etwas Besonderes, nämlich ein Festmahl mit dem beliebten Klebreis als Hauptgericht. Am folgenden Tage sammelten die Frauen allerhand essbare Blätter in ihren Gärtchen und auf den Feldern. Wie bei allen religiösen Festen, dienten zum Kochen auch dieser Blätter frische grüne Bambusgefässe. Gegen Abend fuhren die Frauen ans jenseitige Ufer und besprengten die Erde des geweihten Reisfeldes mit dem Wasser, in welchem die Blätter gekocht worden waren. Nachdem sie die geleerten Bambusgefässe zerschlagen und die Trümmer neben dem Opfergestell niedergelegt hatten, kehrten sie befriedigt nach Hause zurück. Der Tag des zweiten _pongan_ war der Maskerade gewidmet. Gegen Abend begannen sich die Hausbewohner auf der Galerie vor der Häuptlingswohnung zu versammeln und sich ein Plätzchen, von dem aus sie die kommenden Dinge gut beobachten konnten, auszusuchen. Zuerst erschienen einige in grüne Massen zerschlitzter Bananenblätter verwandelte Männergestalten mit Holzmasken und Kriegsmützen und begannen schweigend, nach dem Rhythmus der Gonge, in der Weise der Javaner beim "_tandak_", einen Tanz auszuführen. Es folgten noch mehr solcher Gestalten, von denen einige auch Kriegstänze nachahmten; infolge des grossen Gewichtes der Blättermassen ermüdeten sie jedoch bald, auch begleiteten sie ihre hohen Sprünge nicht mit Kreischen, wie bei den eigentlichen Kriegstänzen. Bei Einbruch der Dunkelheit wurden diese Tänze von der aufregenden Vorstellung einer Wildschweinjagd abgelöst. Das Schwein stellte ein Mann dar, der sich einen aus Holz geschnitzten Schweinekopf aufgesetzt und einige Tücher umgebunden hatte; mit seinen gut nachgeahmten Bewegungen und Lauten machte er auch wirklich einen sehr schweineähnlichen Eindruck. Einige junge Leute funktionierten als Hunde, die den alten Eber zum Stehen gebracht hatten, und verursachten durch Anfallen, Zurückweichen und Kläffen einen entsetzlichen Lärm auf dem kleinen Platze. Die für gewöhnlich so ruhigen Kajan nahmen an dem Geschick des _bawui_ (Wildschwein) lebhaften Anteil; es herrschte ein buntes Durcheinander, das sich bei gelegentlichen Seitensprüngen des Schweines mitten unter die weibliche Jugend noch erheblich steigerte. Trotz der Wildheit des seltenen Schauspiels war auch bei den jüngsten bis einjährigen Zuschauern von Angst und Schrecken nichts zu merken; aus aller Mund klang mir lautes, herzliches Lachen entgegen. Dem Auftreten der jungen Mädchen mit ihrem _hudo adjat_ ging eine obszöne Vorstellung eines Mannes voraus. Mittags hatten mir bereits _Paja_, die zweite Tochter _Akam Igaus_, und deren Freundin mit viel Grazie vorgetanzt, um mich bei Tageslicht alles gut sehen zu lassen. Jetzt erschienen aber acht auf gleiche Weise verkleidete junge Mädchen. Beim trüben Schein der wenigen Harzfackeln und unter den sanften Tönen einer Art Mundharmonika, welche einer der Zuschauer spielte, gingen die Mädchen im Tanzschritt mit begleitenden Armbewegungen langsam hinter einander her. Nur zwei oder drei der Mädchen zeigten wirkliche Begabung zum Tanz und führten, für einen Kenner indischer Tänze, gefällige Bewegungen aus; die übrigen liefen mit eckigen, unverständlichen Gebärden nur so mit. Mit einem letzten _pongan_ wurde die Zeit der Reissaat abgeschlossen und zugleich die des Jätens eingeleitet. Wir liessen uns nochmals, von der Wohnung des Häuptlings aus, mit einigen Priestern zum geweihten Reisfeld übersetzen. Dort wurden wiederum _kawit_ verfertigt und unter dröhnendem Geläut der Gonge und Gemurmel in altem Kajanisch auf dem Opfergerüst zu den alten, bereits vertrockneten, hinzugefügt. Inzwischen hatte die älteste Priesterin _Usun_ mit einer Schaufel, an welche eine _kawit_ gebunden worden war, auf dem Platze rings um den _pelale_ gejätet, und nun begann auch die übrige Gesellschaft auf dem anderen Teil des Feldes zu jäten. Hierauf wurde das Feld nochmals mit einem Dekokt essbarer Blätter, in das wir vorher unsere Finger hatten tauchen müssen, besprengt und die Bambusgefässe zertrümmert zu den anderen gefügt. Nachdem die Kindertragbretter wieder mit _kawit_ versehen worden waren, konnten wir befriedigt das andere Ufer aufsuchen, Opfer und Feld den Sorgen der aufgerufenen Geister überlassend. Gleichwie diese an den Herrlichkeiten auf dem _pelale_, konnten wir uns zu Hause an einer Extramahlzeit von Klebreis, den die Frauen der Häuptlinge selbst gestampft hatten, erquicken. So wurde jede weitere Behandlung des Reisfeldes mit religiösen und kulinarischen Zeremonien eingeleitet, während welcher der Gemeinde stets einige Nächte Verbotszeit und bestimmte Spiele vorgeschrieben waren. Wie wir gesehen haben, wurde während des Saatfestes Kreisel- und Maskenspiel vorgenommen; beim ersten Einbringen des Reises (_lali parei_) beschoss man einander mit Lehmpfropfen aus kleinen Blasrohren--früher fanden dabei auch noch Scheingefechte mit hölzernen Schwertern statt--; während des Neujahrsfestes sind bei den Männern Wettkämpfe im Ringen, Hoch- und Fernspringen und Laufen im Schwange. Auch mit den Frauen wird unter grosser Fröhlichkeit gekämpft, wobei mit Wasser gefüllte Bambusgefässe die Hauptwaffen darstellen. Den Glanzpunkt des Jahres bildet bei den Kajan das _dangei_, das Neujahrsfest; die Ernte ist dann völlig eingebracht und in allen Familien herrscht Überfluss. Die schönsten Kleider, die während des ganzen Jahres sorgfältig aufbewahrt liegen, werden hervorgeholt und die ganze Bevölkerung lebt 8 Tage lang nur ihrem Vergnügen. Beim _nangei_ herrscht auch keine Verbotszeit, fremde Gäste sind im Gegenteil bei den Festen sehr willkommen. Alle wichtigen Familienereignisse, welche das Herrichten einer Festmahlzeit erfordern, werden in dieser Zeit des Wohllebens gefeiert: alle im Laufe des Jahres geborenen Kinder erhalten nun ihren endgültigen Namen; die bis dahin verschobenen Hochzeiten finden nun statt. Die _adat_ hat Jungverheirateten übrigens für die ganze Zeit vor dem gemeinsamen Neujahrsfeste so viel Verbotsbestimmungen vorgeschrieben, dass junge Leute, schon um allen diesen Unbequemlichkeiten in den Flitterwochen zu entgehen, erst kurz vor dem Neujahrsfest heiraten. Begreiflicher Weise wurde im langen Kajanhause bereits lange vor dem Feste von nichts anderem als von den kommenden Tagen gesprochen, und mancher opferte viele Mass Reis, um von den Malaien noch etwas besonders Schönes zur Ergänzung seiner Festkleidung zu erhandeln. In grossen Mengen wurde alles, was für die Mahlzeiten und religiösen Handlungen erforderlich war, aus Wald und Feld zusammengebracht; die Männer holten in Böten Brennholz und frischen Bambus herbei, die Frauen gingen gebückt unter der Last grosser Körbe mit Bananenblättern, welche als Unterlage für den zu stapelnden Reis und als Material für die _pemali_ dienen sollten. Am 2. Juni wurde es Ernst: aus der Wohnung des Häuptlings, der die ganze Leitung und die Hauptkosten des Festes auf sich zu nehmen hatte, zogen 4 Mann aus, um einen Fruchtbaum zu fällen und 4 Planken daraus zu hacken, welche den Priestern bei den heiligen Handlungen als Diele (_tasu nangei_) dienen sollten. Diese 2,5 m langen Bretter tragen an den beiden zugespitzten Enden roh geschnitzte Menschenfiguren und werden von dem Häuptling bis zum folgenden _dangei_-Fest, wo sie durch andere ersetzt werden, aufbewahrt. Die _dajung_, welche über die ganze Dauer des Festes Gäste der Häuptlingsfamilie sind, zogen, zehn an Zahl, bereits am Vorabend des _nangei_ in die Wohnung _Akam Igaus_ und verkündeten den Geistern aus _Apu Lagan_, dass das Neujahrsfest angebrochen sei. Als Willkommgruss und zur Anlockung der Geister hatte man vor dem noch geschlossenen Dachfenster (_huwabw_) in der Häuptlingswohnung ein Bambusgefäss mit Esswaren befestigt und darunter alte Schwerter und Speerspitzen aus dem sehr geschätzten Eisen vom Balui oder Batang Rèdjang, von wo die Kajan es in früheren Zeiten mitgebracht hatten, aufgehängt. Aber nicht nur der Häuptling bereitete den Geistern einen festlichen Empfang, sondern aus allen Wohnungen der Wohlhabenderen wurden Tragkörbe mit kostbaren Gegenständen geholt und neben einander vor dem Fenster niedergesetzt, wo sie während der ganzen Festdauer verblieben. Meine alte Freundin _Usun_ gab jedesmal an, bei welcher Familie ein solcher Korb geholt werden musste; sie schien aber trotz ihrer priesterlichen Würde profane Empfindungen nicht ablegen zu können. Sie lebte nämlich mit einer ihrer Nachbarinnen, _Anjè Do_, in Unfrieden, weil diese ihr im Handel mit religiösen Gegenständen mir gegenüber stark Konkurrenz machte, und suchte sich jetzt dadurch an ihrer Feindin zu rächen, dass sie deren Korb nicht holen liess. _Tipong Igau_ jedoch durchschaute den Gemütszustand der Alten und kam ihrem Gedächtnis zu Hilfe, so dass auch _Anja Do_s Korb zu seinem Rechte gelangte und wie die übrigen von den Frauen bei Fackellicht und unter Beckenschlag in die _amin_ des Häuptlings getragen wurde. Nachdem alle Körbe mit ihren Herrlichkeiten beisammen waren, bedeckten sich die Priesterinnen die Brust mit einem Tuche, öffneten das Dachfenster und hielten alle gleichzeitig an die Geister von _Apu Lagan_ eine lange Ansprache, bei der _Usun_ immer den Anfang machte. Das Gleiche geschah aussen auf der Galerie unter dem zweiten, ebenfalls geöffneten Dachfenster. Die Bedeutung dieser Rede war die, dass die guten Geister von _Apu Lagan_, angelockt durch alles Schöne, das man ihnen in den Körben zum Opfer brachte (natürlich nur zum Schein), den Bitten der _dajung_ Gehör geben und durch das geöffnete Fenster in die Wohnung des Häuptlings eintreten und während der ganzen Festzeit im Stamme verweilen sollten. Hierauf begannen die Priesterinnen um eine Kriegsmütze und einen Kriegsmäntel, die sie mitten auf eine Matte gelegt hatten, herumzulaufen; leider konnte ich wegen des ständigen Schlagens auf kupferne Becken nichts von ihrem Gemurmel verstehen. Am 3. Juni fand das eigentliche Fest statt. Die Frauen begannen beizeiten für eine genügende Menge Klebreis zu sorgen, der in gedörrter Form als _kertap_, mit oder ohne Palmzucker, mit geräuchertem _tapa_ als Zuspeise, eines der beliebtesten Gerichte bildet. Die Männer beschäftigten sich inzwischen mit dem Aufrichten des _djehe nangei_ (Neujahrspfahl), den sie aus einem Fruchtbaum hergestellt hatten. Hierbei verfuhren sie folgendermassen: sie gruben auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung ein Loch, in welches die Priesterinnen Reis, Fisch und Hühnerfleisch legten. Um diese Grube legten sie die vier _tasu nangei_ als Diele für die Priesterinnen, die während der heiligen Handlungen den Erdboden nicht berühren durften. Nachdem die Oberpriesterin acht Mal (der heiligen Zahl entsprechend) um die anderen, die zusammengedrängt ebenfalls auf den Brettern standen, herumgelaufen war, fing sie durch eine Bewegung mit einem Stück weissen Kattuns eine Seele, wahrscheinlich die des Fruchtbaumes, warf sie schleunigst in die Grube und schloss diese mittelst eines mit Bananenblättern überzogenen Rotangringes von der Grösse der Grubenöffnung; das Blatt hatte sie zuvor mit einem alten Schwerte durchstossen. Unterdessen liess eine zur Seite kauernde _dajung_, um die Geister auf die wichtige Handlung aufmerksam zu machen, zwei Bambusstäbe rhythmisch auf eine Matte niederfallen. Bei den Tönen dieses _tekok_ berichtete die Priesterin den Geistern von den Festplänen ihres Stammes, von seinen Nöten und Wünschen. Die zwei männlichen Priester hoben hierauf das Bäumchen, stellten es mit dem Gipfel voran in die Grube und pflanzten es fest, so dass seine etwas bekappten Wurzeln 3-4 m über dem Boden zu stehen kamen. Zu diesem Bäumchen fügten andere Männer, in gleicher Reihe und in gleichen Abständen, noch 7 andere Bäumchen hinzu und pflanzten dann eine zweite Reihe von 8 Bäumchen dieser gegenüber, in ungefähr 1 1/2 m Entfernung. Beide Reihen wurden auf halber Höhe durch kleine Querbalken mit einander verbunden. An allen Bäumchen hatte man, etwas unterhalb der Wurzeln, eine Fläche mit 8 Einschnitten, deren Bedeutung mir unbekannt geblieben ist, angebracht. Auf die Querbalken wurden vier weitere Balken und auf diese die vier Bretter (_tasu nangei)_, die vorher den Boden bedeckten, gelegt; so entstand oben, zwischen den zwei Reihen Pfählen, ein gedielter Raum. Das ganze Gerüst war so gestellt worden, dass man mittelst einer Treppe bequem aus der Häuptlingswohnung in diese kleine Kammer gelangen konnte. Die Wände der Kammer wurden mit meterlangen, kunstvoll hergestellten Spähnen aus besonderem Fruchtbaumholze gefüllt und der Raum schliesslich mit Bambuszweigen leicht beschattet. Zum Schluss wurde das Opfergerüst, _dangei_ genannt, noch an den vier Seiten durch gekreuzte Balken gestützt und stand jetzt fix und fertig da. So bleibt das Gerüst nicht nur während der ganzen Festzeit, sondern auch während des ganzen folgenden Jahres stehen, bis Wind und Wetter es zum grössten Teil zerstören und sein Nachfolger es beim nächsten _nangei_ völlig verdrängt. Nachmittags wurde unter dem _dangei_, bei dem zuerst errichteten Pfahl, ein gleicher _pelale_ (Opfergestell), wie der auf dem geweihten Reisfelde beim Saatfest, aufgestellt, diesmal mit weniger _kawit_. Statt dessen opferte man gegen 4 Uhr ein Ferkel, befestigte es an einem Querbalken und liess es dort hängen, bis es verweste. Auch jetzt brachten die Mütter ihre Kleinen zum _pelale;_ zuerst erschienen die zwei ältesten Enkelkinder des Häuptlings, der jüngste auf seinem Tragbrett, schön geputzt mit einem Kopftuch aus chinesischer Seide; ebenso schön gekleidet war das junge Mädchen, das die _hawat_ auf dem Rücken trug. Der andere Enkel wurde, als zu gross, nur durch seine _hawat_ vergegenwärtigt, deren heilsamen Einfluss man später auf die übliche Weise auf ihn übertrug, indem man seinen Zeigefinger in einer am Tragbrett hängenden Schlinge hin- und herbewegte (_njina)_. Die beiden Trägerinnen der _hawat_ hatten, wie beim Saatfest, den von den vielen Opfergaben am _pelale_ ausströmenden guten Einfluss in den Schlingen aufgefangen, um den _bruwa_ der Knaben etwas Angenehmes zu erweisen. Nach Sonnenuntergang fand für alle, die augenblicklich in der _amin_ des Häuptlings wohnten, also für Familienglieder im engeren Sinne, Leibeigene und Priesterinnen, eine gemeinsame _mela_ statt. Hinter ein ander begaben sich erst Männer, dann Frauen, dann Leibeigene und zuletzt die _dajung_ von der Galerie des Hauses auf die kleine Plattform des _dangei_, auf der eine Priesterin mit einem alten Schwerte stand. Die betreffende Person, mit der die _mela_ vorgenommen wurde, stellte einen Fuss auf einen alten Gong und die Priesterin bestrich ihren Arm von oben nach unten mit dem Schwerte. Je älter und vornehmer die Person war, desto länger wurde sie gestrichen. Alle hatten sich für diese Gelegenheit besonders schön gekleidet; die _dajung_ trugen ihre hübschen Brusttücher umgeschlungen. Als die _mela_ mit ihnen selbst vorgenommen wurde, setzten sie sich eine Kriegsmütze aufs Haupt, die vorn mit dem Kopfe des Rhinozerosvogels und hinten mit dessen Schwanzfedern geschmückt war. Den Priesterinnen wurden hauptsächlich Handflächen und Fusssohlen gestrichen. Zuletzt nahm auch die diensttuende _dajung_ auf dem Gong Platz und liess sich von einer anderen streichen. Am Morgen des 4. Juni erklangen vom _dangei_ herab wiederum die Töne des _tekok_, unter denen eine _dajung_ den Geistern ungefähr 3/4 Stunden lang erzählte, wer die Kajan eigentlich seien, von wem die Häuptlingsfamilie abstamme, was der Stamm in dem betreffenden Augenblick vornehme und was er sich wünsche. Auch mit der Züchtigung der Batang-Lupar, der Erzfeinde der Kajan, wurden die Geister beauftragt. Die ganze Erzählung wurde in Reimform in singendem Tone vorgetragen, wobei das Reimwort lange Zeit die gleiche Endsilbe behielt. An den folgenden Festtagen wiederholte die Priesterin morgens und abends das _tekok_. Unterdessen herrschte auf der Galerie reges Leben; die jungen Mädchen stampften Klebreis und fanden während des Entspelzens und Beutelns der Reiskörner immer noch Zeit, auf die in der Nähe zuschauenden Jünglinge Geschosse aus Mehl und Wasser abzufeuern. Natürlich wurden diese Angriffe seitens der jungen Männer mit fröhlichen Racheakten beantwortet. Einige sehr ausgelassene junge Mädchen hatten sogar ein kleines Boot auf die Galerie heraufgetragen, um es als Wasserfass zu benützen, und machten den Vorübergehenden, besonders uns bekleideten Europäern, den Weg sehr unsicher. Das Mehl wurde in der Galerie vor der Häuptlingswohnung auf einen Haufen geschüttet und ein Teil desselben von Knaben mittelst breiter Pandanusblätter in dreieckige Päckchen gebunden und ebenfalls in Dreieckform auf dem Boden aufgestapelt. Nachdem der Vorrat für genügend erachtet worden war, traten die Priesterinnen nach ihrer Altersfolge aus der Häuptlingswohnung auf die Galerie, fassten einander bei der Hand und bildeten einen Kreis um den Mehlhaufen. _Usun_ stand dabei vor den Mehlpäckchen, über welche hin sie wiederum eine _mela_ vornahm: die Glieder der Häuptlingsfamilie reichten ihr der Reihe nach über dem Haufen Mehlpäckchen hin die Hand, die sie mit ihrem alten Schwerte berührte. Dann kamen die Leibeigenen und kleinen Kinder, voran die beiden Enkel des Häuptlings, wiederum von jungen Mädchen getragen, an die Reihe. Schliesslich traten auch die Mütter der übrigen Familien mit ihren Kleinen heran; diejenigen, deren Kinder bereits zu gross waren, um getragen zu werden, brachten deren alte Tragbretter in die Nähe des Mehlhaufens, um dessen segensreichen Einfluss aufzufangen. Auch die Priesterinnen selbst liessen zum Schluss die _mela_ mit sich vornehmen. Alle Anwesenden bekamen einige Mehlpäckchen mit nach Hause, der Rest wurde unter der Häuptlingsfamilie und den _dajung_ verteilt. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die im Laufe des Jahres geborenen Kinder zum ersten Mal öffentlich gezeigt; sie wurden, wie die Häuptlingskinder, von jungen Mädchen auf dem Rücken getragen. Abends gaben die Mütter den Kleinen zu Ehren ein Familienmahl. Der Vormittag des 5. Juni verlief nach dem _tekok_ des Morgens sehr still. Erst gegen 2 Uhr mittags ertönte der Gong der Priesterinnen, als Zeichen, dass wieder etwas Besonderes vor sich gehen sollte; ich eilte daher aus meiner Hütte in die Wohnung des Häuptlings, wo die _dajung_ mit dem Verfertigen ihrer _pemali_ beschäftigt waren, was stundenlang dauerte. Nachdem die grösste Hitze vorüber war, wurde den grösseren Kindern ein Fest gegeben; die kleinen, ungefähr 6 Jahre alten Mädchen trugen jetzt zum ersten Mal einen kleinen, leeren, mit _kawit_ versehenen Reiskorb (_ingan);_ sie zeigten sich hie und da auf der Galerie, schienen aber beim Eintritt in die neue Lebens- und Arbeitsperiode recht verlegen zu sein. Abends ging es in der Galerie besonders feierlich zu: Priester und Laien fassten sich an der Hand und schritten langsam um eine Bambusmatte, auf der wiederum die priesterliche Kriegsmütze (_haung lali_) und ein Stück Zeug lagen, herum. Die alte _Usun_ marschierte mit unbedecktem Oberkörper, aber schönem Röckchen, voran, die anderen Priesterinnen folgten mit bedeckter Brust, ausser den beiden jüngsten, die ihre zweijährige Lehrzeit noch nicht hinter sich hatten; diese trugen ein langes, rotes Gewand, das vorn und hinten gerade herunterhing und in der Mitte eine Öffnung für den Kopf frei liess; ihre Röckchen hatten, zur Unterscheidung von den anderen, ein weisses Feld. Die _dajung_ leiteten den Rundgang ein, bis allmählich immer mehr junge Männer und Frauen herbeikamen und, erst mit Zeugstreifen zwischen einander, später ohne diese, sich in den Kreis fügten. Die schliesslich ermüdeten Priesterinnen liessen sich jetzt abwechselnd auf der Matte nieder. Sowohl Priester als Laien stimmten während des Rundganges (_nangeian_) halb rezitierend, halb singend, ein geistliches Lied an; _Usun_ sagte die Verse, die übrigen wiederholten den Refrain. Nach einigen Stunden stellten sich die Laien längs den Wänden der Galerie auf, um die Beseelung der jüngsten _dajung_ zu beobachten. Die Betreffende stand zu diesem Zwecke vor der Matte und hielt eine Art Kette fest (_alan to_ = Geisterweg), längs welcher der Geist zu ihr herabkommen sollte. Neben ihr stand eine der ältesten Priesterinnen, um sie in die Geheimnisse ihrer Wissenschaft einzuweihen, während _Usun_, die Kriegsmütze auf dem Kopfe, deklamierend und tanzend um sie herumlief; zu beiden Seiten führten männliche _dajung_ Kriegstänze auf. Wahrscheinlich hatten diese letzten Vorstellungen den Zweck, böse Geister abzuwehren. Die Szene dauerte nur eine Viertelstunde, worauf die Laien ihren Marsch bis nach 1 Uhr nachts fortsetzten. In den Familien mit Täuflingen herrschte bis in den Morgen fröhliches Beisammensein. Der 6. Juni war für Priester und Priesterinnen ein Tag der Erquickung; denn bis jetzt hatten sie unter allerhand Verbotsbestimmungen, von denen nicht baden und kein Wasser trinken zu dürfen die schlimmsten waren, geschmachtet. An diesem Tage war es den Priestern endlich erlaubt, ihren auswendigen Menschen durch ein Bad zu erquicken; den inwendigen erfrischte ich ihnen bereits seit mehreren Tagen, indem ich in ihre Wasserflaschen einige Tropfen Salzsäure goss, wodurch, nach Auffassung der _dajung_, das Wasser so verändert wurde, dass sie es mit reinem Gewissen trinken konnten. Nach den grossen Mengen so präparierten Wassers, die von mir verlangt wurden, liess sich die Grösse des priesterlichen Durstes bemessen. Nach dem _tekok_ des Morgens folgte der Glanzpunkt des Festes--die Opferung der Schweine. Zuerst begann unter dem Hause eine Jagd nach den frei herumlaufenden Tieren- der Häuptling lieferte deren fünf; jede Familie, in der ein kleines Kind bei diesem Neujahrsfest einen Namen erhielt, lieferte eines. Als ich mich bald nach dem Ertönen des priesterlichen Gongs auf die Galerie begab, fand ich die Schweine des Häuptlings gebunden neben einander niedergelegt und die Priesterinnen vor den Tieren knieend, die sie in Geistersprache den Bewohnern von _Apu Lagan_ als Opfer anboten. Hinter den Opfertieren, schräg unter dem Galeriefenster und dem als Geisterweg dienenden Rotangseil vom vorigen Tage, hatte man aus 4 senkrechten und 4 horizontalen Hölzern ein Gerüst (_lasa_) aufgestellt und dieses mit schönen Stoffen, einem Kriegsmantel und einigen Gürteln aus alten Perlen, alles Opfergaben des Häuptlings, behängt; ebenfalls Opfergaben waren die schönen kupfernen Gonge am Fusse des Gerüstes. Durch symbolische Gegenstände (_pemali_) in einem danebenstehenden Korbe suchten die Priesterinnen den Geistern die Wünsche des Stammes zu erkennen zu geben. Die Priesterinnen begannen nun, um das Opfergerüst langdauernde Tänze auszuführen, die, besonders da sie bei Tageslicht stattfanden, viel Interessantes boten. Sämmtliche Priesterinnen beteiligten sich an dem Tanze; jede deutete durch ihre Bewegungen den Geistern droben das Darbringen der Opfer auf dem Gerüst und der fünf Schweine an. Erst schmückte sich die oberste Priesterin, dann jede der übrigen mit dem Kriegsmantel aus Pantherfell und der Kriegsmütze, während zu beiden Seiten zwei mit Schwertern bewaffnete Priester, zur Abwehr böser Geister, Kriegstänze aufführten. Hie und da veränderten die Priesterinnen den Charakter ihrer Bewegungen; sie zeigten viel Individualität beim Tanze und nach der Art seiner Ausführung liess sich die Höhe der erreichten priesterlichen Entwicklung bemessen. Nur den drei obersten Priesterinnen: _Usun, Tipong Igau_ und einer gewissen _Uniang_ gelang es, durch Pantomimen das Anbieten der Opfer an die Himmelsbewohner wirklich verständlich auszudrücken. _Usun_, mit einer Speerspitze tanzend, erweckte den Eindruck, als wolle sie mit ihr das ganze Opfergerüst den Geistern droben entgegenreichen. _Tipong_ dagegen führte einen ruhigen Tanz aus, mit gefälligen Bewegungen die Seelen der Opfer auffordernd, himmelwärts zu steigen. Ihre korpulente Gestalt bewegte sich dabei mit bewundernswerter Weichheit, welche die anderen; günstiger Gebildeten, bei weitem nicht erreichten. Diese sprangen und hüpften unbeholfen um die Opfer herum und verstanden nur selten Ausdruck in ihre Bewegungen zu bringen. Einige Priesterinnen liessen sich sogar, um recht deutlich zu sein, zu den absonderlichsten Vorstellungen verleiten. Während z.B. _Tipong_ sich zu den nahebei liegenden Opfertieren beugte, scheinbar einen Teil von ihnen ergriff und mit einigen Bewegungen in die Höhe schwang, gingen andere, in der Meinung, dass eine bloss symbolische Bewegung nicht genüge, hüpfend, mit der Kriegsmütze auf dem Kopfe, auf die Schweine zu, packten das kleinste an den Hinterbeinen und trugen das quiekende Tier, mit Anspannung aller Kräfte, im Tanzschritt zum Opfergestell und wieder zurück. Zum Schluss wurde auch _Tipong_ zu grösserer Lebhaftigkeit hingerissen, schüttelte einige Male das Gestell, bestieg es sogar und bewegte es hin und her, um die Seelen der Opfer hinaufsteigen zu lassen. Im allgemeinen waren die Bewegungen bei diesen Tänzen viel lebhafter als bei denen der Javaner und erforderten grosse Kraftanspannung; die alte _Usun_ leistete in dieser Beziehung Bewundernswertes. Die Priesterinnen wurden jetzt von jungen Männern und Frauen abgelöst, welche mit dem gleichen Gesang wie am vorhergehenden Tage den Tanz um das Opfergerüst in ruhigerer Weise bis zum Abend fortsetzten. Man hatte sich für diesen Tanz besonders schön geschmückt; die Männer mit prächtigem Kopf- und Lendentuch und einer Art _selendang_ (langer, schmaler, malaiischer Schal) als Bandelier um die Schultern. Auch die Frauen trugen derartige Schale und zwar in der Weise, wie es im vorigen Kapitel beschrieben worden ist. Beinahe alle hatten Elfenbeinarmbänder und Fingerringe angelegt; ausserdem hatten sie sich für diese festliche Gelegenheit Augenbrauen und Wimpern besonders sorgfältig ausgezogen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schlachteten die Männer die Schweine und zwar auf der Galerie vor der Tür der verschiedenen Wohnungen; sie schnitten ihnen jedoch nicht, wie die Ulu-Ajar Dajak, den Hals durch, sondern schächteten sie. Da man das Schreien der Tiere nicht gern hörte, hatte man ihnen nicht nur die Schnauze zugebunden, sondern hielt diese ausserdem noch fest. Der älteste, ungefähr zehnjährige Enkel des Häuptlings machte den Anfang beim Schlachten; man gab ihm ein Messer in die Hand, welche von einem älteren Manne geführt wurde. Auch in den Wohnungen der Familien mit Täuflingen wurden die Opfer geschlachtet, worauf man ihnen den Bauch durch einen Querschnitt öffnete, um zu sehen, ob die Unterseite der Leber hell oder dunkel war, d.h. ob sie eine günstige oder ungünstige Farbe zeigte und ob die Gallblase und andere Teile durch ihr normales gegenseitiges Verhalten dem Kinde eine gute Zukunft versprachen. Ebenfalls auf der Galerie versengte man den Tieren in hochflammendem Feuer die Borsten, weidete sie aus und zerstückelte sie, was bei der inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit einen sehr phantastischen Anblick bot. In der darauf folgenden Nacht durften sich weder Männer noch Frauen zur Ruhe begeben, obgleich der Tag für alle sehr anstrengend gewesen war. Nicht minder anspannend war der folgende Tag, genannt "_aron uting_" = "Festtag des Schweinefleischessens", an dem der Häuptling bereits früh morgens im Freien in grossen, eisernen Kesseln das Schweinefleisch kochen liess. Das _tekok_ datierte diesmal besonders lange. Die Mütter fingen an diesem Morgen mit ihren Täuflingen einen Rundgang durch alle Wohnungen an, um sie bei allen Hausbewohnern als neue Stammesglieder vorzustellen. Die Kinder wurden dabei wieder von schön geputzten und mit dem geweihten Hut geschmückten jungen Mädchen in ihren _hawat_ auf dem Rücken getragen, begleitet von den ebenso schön gekleideten Müttern, welche zwei geweihte Bambusgefässe mit Wasser und eine Klapper für eine _mela_ in die Wohnung des Häuptlings trugen; von dort aus begaben sie sich zu allen übrigen Hausbewohnern. Auch aus der Wohnung des Häuptlings begann jetzt ein Kinderauszug: voran gingen die beiden Enkel, gleich hinter ihnen wurden die in der _amin_ im verflossenen Jahre geborenen Kinder der Leibeigenen von ihren Müttern geträgen. Zwar waren die Häuptlingskinder bereits viel zu alt für den Umzug, aber als Söhne des Häuptlings mussten sie ihn noch etliche Jahre mitmachen. Dem ältesten, _Tingè_, wurde von einem Mädchen ein winziger Schild und ein hölzernes Schwert nachgetragen. Eine Sklavin begleitete den Zug mit einem Gong. Mittags wurde, nachdem man aus gekochtem Schweinefleisch und Klebreis gesonderte Päckchen gebunden und diese in Dreieckform auf der Galerie aufgestapelt hatte, in gleicher Weise wie früher, mit allen Familiengliedern des Häuptlings und den Müttern, welche ihrer Täuflinge wegen den Geistern geopfert hatten, eine _mela_ vorgenommen, genannt "_mela uting_" = "Seelenberuhigung durch Schweinefleisch". Nach der heiligen Handlung erhielt jeder wiederum seinen Anteil an den Päckchen mit nach Hause. Der grosse Festtag verlief, wahrscheinlich wegen des tags zuvor erfolgten Todes eines kleinen Kindes, sehr ruhig. Die Kajan behaupteten zwar, Arak getrunken zu haben, ihr stilles, besonnenes Betragen und die nur zwei Tage lang dauernde Bereitung des Trankes sprachen aber mehr dafür, dass sie Zuckerwasser genossen hatten. Vor der "_mela uting_" hatte ich noch einem interessanten Ringkampfe (_pajow_) der jungen Männer beigewohnt. Bereits einige Tage zuvor hatten sich die Jünglinge hie und da mit einander gemessen, jetzt waren alle auf der Galerie versammelt und ein Paar nach dem anderen betrat den Ringplatz. Die Kämpfer waren nur mit dem Lendentuch bekleidet, das sie straff anzogen, um dem Gegner einen festen Angriffspunkt zu bieten. Die Partner umfassten einander, packten sich gegenseitig hinten am Gürtel fest und suchten einander emporzuheben und rücklings auf den Boden zu werfen. In Anbetracht, dass ein Fall auf die Eisenholzbretter nicht ungefährlich war, suchten einige Mütter ihre Söhne von dem gefährlichen Spiele abzuhalten. In Gegenwart der Kameraden blieben diese mütterlichen Mahnungen leider erfolglos, und so mancher hatte bereits mit heftigem Anprall den Boden berührt, als ein stämmiger Sklave als Sieger des Tages hervorzugehen schien. Dem jungen Manne waren die vielen Siege so zu Kopfe gestiegen, dass er nach seinem letzten Triumph mit herausfordernden Gebärden einen lauten Juchzer erschallen liess. Auch bei den Kajan kommt Hochmut vor dem Fall: einer der bis dahin unbeteiligt gewesenen Zuschauer betrat jetzt den Kampfplatz. Überlegen durch seine frischen Kräfte und durch seinen ansehnlicheren Wuchs, gelang es ihm bald, seinen Partner vom Boden zu erheben und ihn, den rechten Arm gestützt auf das rechte Knie, in die Höhe zu halten. Auf dem gleichen Bein hatte der zappelnde Gegner aber einen Stützpunkt für seine Füsse gefunden und so wurde das Umdrehen nicht leicht. Mit Anspannung aller Kräfte gelang es dem Neuen endlich, den hochmütigen Helden mit hartem Aufschlag zu Boden zu werfen. Die gebräuchliche Revanche brachte dem Besiegten keinen besseren Erfolg. Am 8. Juni wurde der "_aron kertap_" = "Festtag des Klebreisessens" gefeiert; er begann wieder mit einer _mela_, nach welcher diesmal Päckchen mit Reis und Klebreis ohne Schweinefleisch verteilt wurden. Abends war es, wegen des Todes des kleinen Kindes, sehr still im Hause; man begrub es, um das Fest nicht durch Trauerfeierlichkeiten zu unterbrechen, erst nach beendetem Fest. Die eigene Mutter hatte den Heimgang des kleinen Kranken nach _Apu Kesio_ dadurch beschleunigt, dass sie ihn morgens beim Rundgang zur _mela_ mitgenommen hatte. Der 9. Juni bildete den letzten Festtag. Acht _dajung_ begaben sich morgens auf die kleine Plattform des _dangei_, bildeten einen Kreis, reichten einander die Hände und begannen gemeinsam im Tonfall des _tekok_ eine Ansprache an die Geister; der Rhythmus wurde dabei durch Bewegen der Hände angegeben. Nachdem sie sich über eine Stunde lang von der warmen Sonne hatten bescheinen lassen, brachte man ihnen einen geschlossenen Korb (_ingan)_, in dem sich verschiedene _kawit_, acht aneinander gereihte Eierschalen und einige Küchlein befanden. _Usun_ öffnete den Korb und begab sich mit ihm nach einer Ecke des _dangei_, in welcher täglich auf einem trichterförmig gespaltenen Pflanzenstengel Esswaren für die Geister niedergelegt wurden, und forderte diese auf, in den Korb überzugehen. Der Korb wurde darauf geschlossen und von den Priesterinnen in die _amin_ des Häuptlings getragen. Nach einer kleinen Erholung und einem kräftigen Trunk von dem von mir präparierten Wasser versammelten sich die _dajung_ auf der Galerie, legten acht unverletzte Bananenblätter auf und neben einander auf den Boden und stapelten darauf die Esswaren, welche sie aus dem erwähnten Korbe hervorgeholt hatten. Durch Auseinanderschieben der Schindeln hatte man zuvor eine Öffnung im Dache hergestellt. Wiederum murmelten die Priesterinnen eine Zeitlang über dem Haufen, bildeten ihren phantastischen Kreis und begannen, wie früher, zuerst mit den Gliedern der Häuptlingsfamilie, dann mit den Müttern und kleinsten Kindern eine _mela_ vorzunehmen Darauf verteilten sie einen kleinen Teil der _kawit_, Eierschalen und Küchlein an die Teilnehmer. Es folgte jetzt eine Szene, die mich aufs lebhafteste interessierte aus der _amin_ des Häuptlings wurde eine Sammlung alter _hawat_ und geweihter Hüte herausgetragen. Die Tragbretter und dann auch die Hüte wurden ehrfurchtsvoll über dem Haufen Opferspeisen hin- und herbewegt und dann ins Haus zurückgetragen. Jetzt durften auch die gewöhnlichen Kajanfrauen mit ihren alten _hawat_ und Hüten herantreten und den wohltätigen Einfluss der Opfergaben auffangen. Diese Zeremonie bot mir die seltene Gelegenheit, die alten, ehrwürdigen Familienstücke zu sehen, die mir einen Begriff von der früheren Kunstfertigkeit der Kajan gaben. Es lagen auf den _hawat_ noch Zeugstücke, die früher von den Kajan mit ähnlichen Figuren bemalt worden waren, wie man sie jetzt in den Webearbeiten der Batang-Luparstämme findet; derartige Arbeiten werden längst nicht mehr von den Kajan ausgeführt. Diejenigen, die diese Tragbretter und Hüte einst benützt hatten, waren entweder längst gestorben oder bereits betagte Leute; so wurde z.B. auch _Akam Igaus_ Kindertragbrett hervor geholt. Augenscheinlich sollte die neue Weihe, die die _hawat_ empfingen, rückwirkend noch auf die Seelen der Verstorbenen und Betagten einen guten Einfluss üben. Kaum hatten sich die Priesterinnen entfernt, so suchte jeder noch etwas von dem Rest der Opferspeisen zu erwischen. Die offizielle Schlussfeier des ganzen Festes erfolgte vor dem Hause beim _dangei_, wo man den Erdboden, den die Priesterschaft auch jetzt nicht berühren durfte, mit den Brettern des _tasu nangei_ belegt hatte. Wiederum waren alle aufs schönste gekleidet. Mit Kriegsmütze und Kriegsmantel geschmückt umkreiste _Usun_ etliche Male tanzend den Fuss des _dangei_ und führte mit ihrem alten Schwerte Bewegungen aus, als wollte sie den ganzen _dangei_ gen Himmel heben. Die übrigen Priesterinnen, von denen die ältesten gleich wie die männlichen Priester mit Speeren bewaffnet waren, unterstützten _Usun_s Bemühungen und wehrten, indem sie in die Luft schlugen und stachen, ausserdem die bösen Geister ab, die ihre Handlungen stören konnten. Die Priesterinnen setzten ihren Tanz bis gegen Mittag fort, dann aber verschwand, von der jüngsten beginnend, die eine nach der anderen. Schliesslich waltete nur noch die alte _Usun_ ihres heiligen Amtes und verliess den Tanzplatz erst, nachdem die Sonne ihren Höhepunkt bereits erreicht hatte. Nach drei anstrengenden Tagen durften die _dajung_ nun zum ersten Mal wieder ihr wohlverdientes und heissersehntes Bad nehmen. Abends sollte wiederum ein _nangeian_ um das Opfergerüst, das in gleicher Weise wie früher (pag. 177) aufgestellt worden war, stattfinden. Die Häuptlingsfamilie begann sich gegen 6 Uhr abends auf den Rundgang, der nach alter Sitte bis zum Anbruch des folgenden Tages dauern musste, vorzubereiten, indem sie auf der Plattform des _dangei_ ein symbolisches Bad nahm. Die Familienglieder und darauf auch die _dajung_ wurden der Reihe nach, den Fuss auf einen alten Gong gestützt, mit Weihwasser aus einem Bambusgefäss übergossen. Unter den Tönen eines Gongs wurden gleichzeitig alle Speiseabfälle, welche von der Herstellung der _pemali_ übrig geblieben und bis jetzt sorgfältig bewahrt worden waren, in grossen Körben von der Höhe des _dangei_ herabgeworfen. Gegen 9 Uhr abends erklängen die Gonge von neuem, als Zeichen, dass die Priesterinnen den _nangeian_ mit Singen und Tanzen begonnen hatten; sie setzten den Rundgang fort, bis der Zustrom der Laien so gross geworden war, dass sie von diesen abgelöst werden konnten. Die Beteiligung am _nangeian_ war jetzt eine viel regere als früher; selbst bejahrtere Personen scharten sich in den Kreis der Jungen und stimmten in den eintönigen aber melodischen Gesang ein. Alle hatten ihre schönsten Festkleider angetan; die Frauen trugen ausserdem ihre prächtigen Schale und die Männer ihre Schwerter. Unterdessen hockten die Priesterinnen auf einer Matte und unterhielten sich mit Betelkauen und Singen, bis die Reihe an sie kam, unter verstärkter Begleitung der Gonge wieder in den Kreis einzutreten. Auf uns Fremde machte die ganze Zeremonie, des schlichten Ernstes wegen, mit dem sie vorgenommen wurde, einen feierlicheren Eindruck, als wir ihn in dieser seltsamen und ungewohnten Umgebung erwartet hätten. Bis zur Dämmerung setzten alle unermüdlich den Rundgang fort. Nachdem ich mich zur Ruhe begeben hatte, wurde ich stets wieder durch ein besonders starkes Einsetzen der Gonge geweckt. Bei Tagesanbruch erschallte aus der Häuptlingswohnung lauter Gesang. Auf den Schluss des Festes begierig eilte ich nach oben und fand alle Festteilnehmer in der noch dunklen _amin aja_ versammelt; sie standen unter dem noch geschlossenen Dachfenster um die _dajung_ herum und stimmten unter deren Vorgang einen Gesang an, der an Ernst und Feierlichkeit nichts zu wünchen übrig liess. Nach beendigtem Gesang zogen sich alle still in ihre Wohnungen zurück. Der 10. Juni begann für alle mit dem, nach den Anstrengungen der letzten Tage, so nötigen Schlaf. Die Priesterinnen sollten erst nach genossener Ruhe in ihre eigenen Wohnungen zurückkehren, wo sie noch 8 Tage lang nach Vorschrift leben mussten. Die aussergewöhnliche Stille auf der Galerie benützten wir sogleich, um einige photographische Aufnahmen zu machen. Die Tür der Häuptlingswohnung wurde zuerst photographiert. Da ich auch gern eine Aufnahme von dem noch danebenstehenden _lasa_ gemacht hätte, fragte ich, allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg, _Akam Igau_, ob dies gestattet sei. Obgleich sehr aufgebracht, wagte er doch nicht, nein zu sagen, und so machte ich denn von dieser halben Zustimmung und dem Schlaf der noch abergläubischeren Frauen Gebrauch, um auch von dem _lasa_ ein Cliché anzufertigen. Was ich jedoch gefürchtet, traf ein, denn bereits abends kam _Akam Igau_ mit verstörtem Gesicht zu mir und erzählte, dass unsere Aufnahmen einen Sturm der Entrüstung seitens der erwachten Priesterinnen auf sein armes Haupt beschworen hatten. Da eine günstige Stimmung der Kajan kurz vor unserem Zuge zum Mahakam von der grössten Bedeutung wir, glaubte ich den Häuptling mit ein paar Dollar entschädigen zu müssen. Ob nun die photographischen Aufnahmen oder dies Geldgeschenk beunruhigend gewirkt hatte, weiss ich nicht, aber am folgenden Morgen erschienen _Usun_ und _Tipong Igau_, setzten sich mit ernster Miene zu mir auf den Boden und erklärten, dass böse Träume ihnen in der vergangenen Nacht die Entrüstung der Geister verkündet hätten. _Tipong_ hatte geträumt, dass man sie nach dem Ritus der Kajan in ihren Sarg gelegt hatte; _Usun_, dass ihr Boot aufs Land gezogen war: beide Träume deuteten auf ihren bevorstehenden Tod. Ich fürchtete anfangs, dass man die Vernichtung der Clichés verlangen würde, aber ihr dajakisches Gewissen zeigte sich zum Glück mit dem Bezahlen einer Busse zufrieden gestellt. Mir gegenüber wollte _Tipong_ jedoch noch Nachsicht üben und verlangte daher eine Seelenberuhigung von nur 3 Dollar. So waren die Schwierigkeiten beiderseits fortgeräumt, aber ich rechnete in Zukunft doch auf weniger kostspielige Aufnahmen. Die Priesterinnen waren nach dem Fest, wie gesagt, noch nicht frei: den ersten Tag mussten sie _melo bruwa_, (= ruhen für die Seele); den zweiten Tag begaben sie sich alle in grosser Gala mit Kriegsmütze und Schwert aufs geweihte Reisfeld ans jenseitige Ufer, um die Verbotszeit abzuwerfen (_bet lali_); am dritten Tage mussten sie wieder ruhen; am vierten Tage versammelten sie sich wieder alle in der _amin aja_, wo morgens und abends bei geschlossener Tür eine grosse _mela_ stattfand; am fünften und sechsten Tage wurde wieder geruht. Auch für die übrigen Bewohner war alles Aussergewöhnliche in dieser Zeit verboten. Als in diesen Tagen ein von der Regierung mit der Impfung der Kajan betrauter Malaie aus Putus Sibau ankam, um hier seines Amtes zu walten, liess sich keiner von ihm impfen, obgleich man ihn selbst herbeigewünscht hatte. Erst einige Tage später kamen die Kajan, dann aber in Haufen heran. Am siebenten Tage mussten die _dajung_ in Gruppen von vieren in der eigenen Wohnung eine _mela_ abhalten, worauf am achten wieder ein _melo_ folgte, nach welchem sie endlich ihr Armband der Verbotszeit (_leku lali_) endgültig ablegen durften. Diese Armbänder bestanden aus vier Reihen grosser, wertvoller Perlen, welche sie von der Häuptlingsfamilie als wichtigste Belohnung erhalten hatten. KAPITEL IX. Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigerätschaften--Fang des _tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Erträgnisse der Jagd--Vogelfang--Haustiere. Die Bahau am Mendalam erfreuen sich, wie auch die anderen Stämme am oberen Kapuas, eines grossen Fischreichtums ihrer Gewässer. Fische bilden daher auch nach Reis ihr Hauptnahrungsmittel. Nicht nur der Kapuas und seine Nebenflüsse, sondern auch alle Seeen, die ihm ihr Dasein verdanken, sind reich an Fischen. Der Fluss schlängelt sich nämlich in zahlreichen Windungen durch das flache Land, verlegt bei Hochwasser öfters sein Bett, hier seinen eigenen Bogen abschneidend, dort wiederum einen neuen bildend, und lässt als Folge hiervon zu beiden Uferseiten zahlreiche Seeen von länglicher Form zurück. Bei Hochwasser, wenn ihnen die Flüsse schwerer zugänglich sind, fischen die Kajan vorzugsweise in diesen Flussseeen. Die Kajan gebrauchen für den Fischfang folgende Gerätschaften die Angel (_pese);_ das Schöpfnetz (_hiköp);_ das Wurfnetz (_djala);_ den Speer mit einer Spitze (_bakir);_ den Speer mit mehreren Spitzen (_serapang_) und verschiedene Arten von Reusen; ausserdem fischen sie mit Fischgift (_tuba_). Die Angel und das runde Wurfnetz werden täglich gebraucht; jene hauptsächlich von Kindern und alten Männern, dieses von erwachsenen, kräftigen Männern. Je nachdem, ob es sich um den Fang grosser oder kleiner Fische handelt, gebrauchen die Bahau verschiedene Angelhaken. Die kleinsten stellen sie mit einem Widerhaken aus Kupferdraht her. Als ich ihnen Stecknadeln mitbrachte, die sie bis dahin noch nicht kannten, verwandelten die Kinder diese, indem sie sie umbogen, bald in Angelhaken. Auf meinen folgenden Reisen bildeten Fischangeln verschiedener Grösse für alt und jung sehr geschätzte Geschenke. Die grossen bis sehr langen Angelhaken werden geschmiedet; man benützt sie hauptsächlich für Setzangeln, die man, mit Köder und Schwimmer versehen, den Fluss abwärts treiben lässt, während man selbst, beispielsweise, eine weiter unten gelegene Niederlassung besucht. Als Schwimmer dient ein trockener, hohler Kürbis. An Wurfnetzen gebraucht man, nach der Grösse der zu fangenden Fische, drei verschiedene Arten. Sie bestehen aus einem runden Netz, das rings herum eine Kette aus Zinn oder Eisen (_awit tite_ = Eisenkette) trägt; letztere wird am liebsten aus grossen Nägeln, die man durch Klopfen in Kettenglieder verwandelt, hergestellt. Die Netze für kleine Fische (_djala seluwang_) haben 2 1/2-4 qcm grosse Maschen und einen Durchmesser von 3-4 m; sie werden gegenwärtig meist aus eingeführtem, grobem Strickgarn verfertigt. Für grössere Fische gebraucht man Netze mit 4-9 qcm grossen Maschen und einem Durchmesser von 5-6 m. Die Netze werden aus den zu einer Schnur gedrehten Fasern der Liane _aka tengang_ hergestellt. Die grossen Wurfnetze, deren Durchmesser bis zu 8 m beträgt, haben bis zu 16 qcm grosse Maschen; sie bestehen aus den gleichen Lianenfasern wie die kleineren Arten, nur verwendet man für sie dickere Schnüre. Die Bahau imprägnieren ihre Netze nicht und verstehen sie nach dem Gebrauch vor Fäulnis nur durch Trocknen an der Sonne zu schützen. Beim Auswerfen nimmt der Fischer das Netz über beide Arme und sucht es, durch drehende Bewegung, so ausgebreitet als möglich auf die Wasserfläche zu schleudern; die schwere, in zentrifugaler Richtung auseinander getriebene Kette bewirkt, dass das Netz flach niederfällt. Zum Herausziehen des Netzes dient eine im Mittelpunkt befestigte Schnur, während die Fische durch die am Boden schleifende Kette gefangen gehalten und mit heraufgezogen werden. Ist der Boden jedoch durch Gestein, Baumwurzeln und Zweige sehr uneben, so lässt der Fischer das Netz liegen, taucht unter und holt die Fische, aus Furcht, dass sie sonst entfliehen könnten, mit der Hand hervor. Bisweilen werden die Fische auch, bevor man das Netz über sie wirft, mit gekochtem Reis an eine bestimmte Stelle gelockt. Das Auswerfen der Netze erfordert viel Kraft und Gewandtheit; um die grossen Netze gleichmässig niederfallen zu lassen, nimmt der Fischer den mittleren Teil oft in den Mund. Ausser diesen sind auch lange Netze den Dahau bekannt; sie gebrauchen sie, um ein Flüsschen abzusperren, besonders beim Fischen mit Gift. Zugnetze jedoch sind ihnen unbekannt. Beim Fischen mit dem _serapang_ ist, um die Fische anzulocken und sichtbar zu machen, Licht erforderlich. Der Fischer lässt sich nachts in aller Stille flussabwärts treiben und hält vorn im Boot das _tapong hirui_, das Brettchen, unter dem die Harzfackel (_damat hirui_) brennt, die ihm auf diese Weise nicht hinderlich wird. Am Brettchen ist, um es bequemer zu handhaben, ein Griff (_tagin_) angebracht. Sobald sich, vom Fackelschein angelockt, Fische zeigen, sucht sie der Fischer zu spiessen. Reusen werden besonders bei Hochwasser ausgesetzt und zwar an Stellen, wohin sich die Fische vor der heftigen Strömung geflüchtet haben. Diese Reusen haben meist die gewöhnliche malaiische Form; nur eine Art ähnelt einem runden Vogelbauer mit rundlicher Öffnung, in welcher ein am Aussenende geschlossenes Bambusrohr mit ebenfalls runder Öffnung oben steckt. Kleine Fische, durch den im Bambus befindlichen Reis angelockt, lassen sich dazu verleiten, in den Bauer zu schwimmen. Der Rückzug wird ihnen durch zusammeneigende Ästchen an der inneren Bambusöffnung abgeschnitten. Auch der _hiköp_, ein kreisförmiges Stück Rotang von 1/2 m Durchmesser mit eingespanntem Garnnetz, wird hauptsächlich bei Hochwasser angewendet, um zwischen das Ufergras geflüchtete Fische zu fangen. _hiköp_ und Reusen werden vorzugsweise von Frauen und Kindern benützt. Die Kajan ziehen zwar grosse Fische vor, verschmähen aber auch die kleinsten nicht; diese werden auch vielfach zu Opferzwecken verwendet. Da Salz auch am Mendalam sehr teuer ist, werden grössere Mengen Fische durch Trocknen und Räuchern über dem Feuer für längeres Aufbewahren präpariert. Während bei allen vorhin besprochenen Arten von Fischfang nur wenige Personen beteiligt sind, vereinigen sich zum Fischen des _tapa_ die Bewohner eines oder mehrerer Häuser. Der _tapa_ ist ein grosser, bis 1 m langer, dunkelbrauner Fisch mit sehr breitem, plattem Kopf und weit klaffendem Maul, bewaffnet mit mehreren Reihen scharfer Zähne. Gegen August zieht der Fisch aus dem Hauptstrom in kleine Nebenflüsse, um dort zu laichen; die Kajan benützen diesen Augenblick, um hinter den bisweilen grossen Schwärmen das Flüsschen mittelst eines Heckwerks oder Netzes abzuschliessen. Einem derartigen _tapa_-Fang wohnte ich während meines ersten Aufenthaltes in Tandjong Karang bei, wo es einem Manne aus Tandjong Kuda glückte, einen Fischschwarm im Samus, einem rechten Nebenfluss des Mendalam, einzuschliessen. Am ersten Tage hatten die Hausgenossen des glücklichen Finders, unsere Nachbarn oben am Fluss, das Recht, so viel Fische zu fangen als sie gelüstete; den folgenden Tag sollten wir uns zum Feste aufmachen. Man hatte auch mich zur Teilnahme aufgefordert, und, wie immer mit Stock und Revolver bewaffnet, nahm ich anderen Morgens früh in einem schmalen Nachen Platz, dessen Wände nur wenige Centimeter über das Wasser herausragten; ich musste mich daher sehr ruhig verhalten, wenn ich das Boot nicht zum Umkippen bringen wollte. Zwei junge Kajan ruderten, und so ging es schnell den Mendalam hinauf. Die Samusmündung lag weiter unten, aber das eigentliche Jagdgebiet befand sich am Oberlauf des Flüsschens, so dass wir, um zeitig das Ziel zu erreichen, erst ein anderes Nebenflüsschen hinauffahren und dann eine Strecke über Land gehen mussten. Der Weg führte, nach dajakischer Weise, mehr über liegende Bäume als über mit Gras und Gestrüpp bedeckten Boden. Bald bildeten die Bäume den einzigen passierbaren Weg; zu meinem Erstaunen lagen sie aber nicht, wie gewöhnlich, der Äste beraubt am Boden, sondern teilweise über einander und zwar so, dass der nur wenig abgekappte Gipfel des einen Baumes auf dem Fussende des folgenden ruhte und der so entstandene Baumpfad bis zu 4 m hoch über dem Erdboden lag. Er führte nämlich zu früheren Reisfeldern durch einen Wald, der so nass und morastig war, dass man mit bewundernswerter Geschicklichkeit den einen Baum über den anderen hatte fallen lassen und, nachdem die hinderlichsten Äste entfernt waren, einen Pfad geschaffen hatte, auf dem man niemals den Boden berührte. Es lagen hier Baumriesen von mehreren Metern Durchmesser, auf denen man mühelos 40 m weit gehen konnte; dann trat man aber auf andere, deren glatte, hellgraue Stämme zwar sehr schön anzusehen waren, in dieser beträchtlichen Höhe von einem beschuhten Europäer jedoch nur mit einer gewissen Kaltblütigkeit begangen werden konnten. Besonders kritisch wurde die Situation beim Überschreiten der oberen, dünnsten Stammenden, an denen Äste gesessen hatten; da die hinter mir gehenden Kajan ihren Schritt dann etwas mässigen mussten, wurden die Schwingungen unseres Pfades unregelmässiger und wir liefen Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. Letzteres war jedoch nicht wünschenswert, denn unter uns lagen zwischen dornigem Gesträuch die abgehackten Äste übereinander, so dass ein Fall bedenkliche Folgen gehabt hätte. Glücklicher Weise betrat ich hier nicht zum ersten Mal einen Baumpfad im Morastwalde, aber 1 1/2 Stunden hintereinander, wie hier, war ich noch nicht auf solchem Wege marschiert und so hielt ich mich vor Ermüdung kaum noch auf den Füssen, als wir endlich wieder den Boden betraten. An meinen Begleitern bemerkte ich jedoch keine Ermattung, sie wären auch zu sehr von der freudigen Erwartung des bevorstehenden Fischfangs erfüllt, um sich in die Schwierigkeiten hineinzudenken, die ein solcher Gang über glatte Baumstämme ohne stützendes Geländer dem schuhbedeckten Fusse eines Europäers bereiten musste. Der Marsch durch ein verlassenes, dicht bewachsenes Reisfeld zählte für gewöhnlich schon zu den Prüfungen, jetzt jedoch erschien er mir wie eine Erholung. Zeitig genug langten wir am Ufer des Samus an; die hier versammelte Gesellschaft hatte ihre Reismahlzeit noch nicht begonnen. An den sandigen, weissen Ufern des Samus, mitten im hohen Urwald, boten die geschäftigen Männer, Frauen und Kinder eine Reihe anmutig wechselnder Bilder. Auch die Ma-Suling hatten diesen Tag zum Fischen gewählt und ich bemerkte unter ihnen fremde Gestalten, die ihre Scheu jedoch bald ablegten, als sie die anderen sich so frei in meiner Gegenwart bewegen sahen. Während des Essens kam die Nachricht, dass sich die Fische, diesmal in geringerer Zahl als sonst, weiter oberhalb im Bache befanden. Sogleich machten sich die Männer auf, durchwateten das Flüsschen und verschwanden im Walde. Nur mit Mühe konnte ich einige Knaben bestimmen, bei mir zu bleiben und mir den Weg zu weisen. Dieser führte gleich anfangs quer durch den Fluss, den meine braunen Führer einfach durchschwammen, während ich ihn, um nicht gleich durch und durch nass zu werden, watend zu passieren versuchte. Diese Vorsicht erwies sich aber als unnütz, da ich doch bis an die Brust ins Wasser musste; die Erfrischung war übrigens angenehm und bei der ständigen Bewegung nicht schädlich. Nachdem wir ein Stück Wald und mehrmals den gleichen Bach durchquert hatten, erreichten wir den Schauplatz des grossen Ereignisses: einige Meter unter uns zwischen steilen Uferwänden standen die Kajanmänner im Wasser, bewaffnet mit grossen Fischhaken, die so lose an langen Stöcken befestigt waren, dass sie beim Zurückziehen im Fischkörper haften blieben. Da der Haken ausserdem an eine Schnur gebunden war, konnte der Fischer die erfasste Beute bequem heranholen. Bei meiner Ankunft hatten die Leute bereits viele Fische gefangen; zwar waren die Tiere diesmal nicht, wie es früher vorgekommen sein soll, in solch gedrängter Masse erschienen, dass ihre Rücken an der Wasseroberfläche sichtbar wurden, vielmehr musste man sie aus Uferhöhlen und unter Baumstämmen, die im Bache umherlagen, hervorstöbern, doch gelang es, eine grosse Anzahl aus diesen Schlupfwinkeln aufzuscheuchen. Es ging sehr lebhaft beim Fischen her. Der Fang eines besonders schönen Exemplars erfüllte jeden mit Genugtuung und, wenn ein aufgejagter Fisch mit kräftigen Schlägen zwischen den Fischern hindurchschoss, stürzten alle voll Eifer auf ihn zu, da jeder den ersten Speerwurf tun wollte, selbst auf die Gefahr hin, einen Menschen statt des Fisches zu spiessen. Die Männer beeilten sich, sobald ein Fisch am Haken zappelte, das wütende Tier mit dem schrecklichen Gebiss durch einen kräftigen Schwertschlag hinter dem Kopfe unschädlich zu machen; auf dem Trocknen wurde der Kopf gänzlich vom Rumpf geschieden und dieser ausgeweidet. Wenn die Fische sehr zahlreich erschienen, wagte man sich, aus Furcht gebissen zu werden, nicht ins Wasser. Dass diese Furcht nicht unbegründet war, bewiesen einige grosse Narben an den Beinen der Kajan. Diesmal schienen nur grosse Fische den Samus hinaufgeschwommen zu sein; denn die gefangenen Exemplare waren mindestens 10 kg schwer. Nach einigen Stunden besassen alle einen genügenden Vorrat an Fischen und, da der Weg noch weit war, begann man an den Rückzug zu denken. Die Knaben hatten bereits die Fische an den Platz vor ausgetragen, wo die Frauen schon seit dem Morgen mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit beschäftigt waren; geröstete _tapa_ bildeten nun das Hauptgericht und es schmeckte so gut, dass keiner Lust zum Aufbruch verspürte, was mir, in der Voraussicht auf eine Wiederholung der Expedition vom Morgen, sehr angenehm war. Unter einem hohen Uferbaum hielten einige mir wohl bekannte Frauen der Ma-Suling Siesta, und ich nahm mir die Freiheit, mich in ihrer Nähe im Schatten des gleichen Baumes niederzulegen; ihr Schlaf schien aber durch meine Anwesenheit gestört zu werden; denn sie begannen zu schwatzen. Eine von ihnen war ihres Gesanges wegen berühmt und liess sich zum Glück nicht lange nötigen, einige Proben ihrer Kunst zum besten zu geben. Auf dein Rücken liegend, die Hände unter dem Haupte gekreuzt, trug sie, teils rezitierend, teils wirklich singend, einige Stücke vor; in dieser Umgebung klang es sehr lieblich und, wenn es auch kein europäischer Gesang war, machte er doch einen viel besseren Eindruck als der der Javaner oder Malaien. Die Melodieen glichen am meisten den unsrigen. Leider konnte ich die Worte nicht verstehen; sie erweckten die Heiterkeit der Zuhörer und, da ich einige Mal meinen Namen unterscheiden konnte, improvisierte die Sängerin augenscheinlich. Auch diese Idylle nahm ein Ende; das Mahl war eingenommen, die Fische in Körbe gepackt, und so zogen Männer, Frauen und Kinder beutebeladen in langer Reihe auf dem gleichen halsbrecherischen Wege heimwärts. Auch jetzt wieder beschützten reich die Urwaldgeister der Kajan und ich kam mit heilen Gliedmassen, aber mit etwas labilem Gleichgewichte nach Hause. Was die Fischerei mit der _tuba_, dem Fischgift, betrifft, so nimmt auch an ihr die ganze Bevölkerung Anteil. Am oberen Kapuas wird nur in den kleineren Nebenflüssen mittelst Gift gefischt, am oberen Mahakam auch im Hauptfluss. "_tuba_" ist ein Sammelname für verschiedene Wurzeln und Baumrindenarten, deren narkotisch wirkende Milchsäfte zum Betäuben der Fische benützt werden. Die für die _tuba_-Fischerei erforderlichen Pflanzen werden teils gebaut, teils aus dem Walde geholt. Haben die Bewohner eines Kajandorfes beschlossen, einen Fluss mit _tuba_ abzufischen, so wird alles lebendig; denn um eine für alle genügende Menge Fische zu fangen, muss auch jede Familie ihren Teil _tuba_ liefern. Man zieht daher in grossen Scharen zur _ladang_ und sammelt dort die schwarzen, fingerdicken Wurzeln, die man zu Bündeln von 1 Fuss Länge und 2 dm Dicke vereinigt. Binnen weniger Tage, wenn ungefähr 200 Bündel zusammengebracht worden sind, kann der Fischzug in einem Flüsschen beginnen. So fuhren eines Tages bei Sonnenaufgang viele Männer mit der _tuba_ in Böten an den Platz voraus, wo der Fang stattfinden sollte. Etwas später begaben sich auch die Frauen, Mädchen und Knaben zum Fluss und auch ich nahm in einem der schwankenden Fahrzeuge Platz, in welchem mich einige Männer flussaufwärts ruderten. Der Schauplatz der Jagd war ein kleines Flüsschen, in dem unser Nachen bald hier bald dort über eine Geröllbank geschoben werden musste. Das nur 20 m breite Gewässer schlängelte sich, von den Uferbäumen völlig überdacht, zwischen urwaldbedeckten Hügeln hindurch. Nach einstündiger Fahrt, als das Boot nicht weiter konnte, führte uns ein Waldpfad längs dem Ufer weiter hinauf. An einer buchtartig verbreiterten Stelle des Flusses stiessen wir zu den Männern, die damit beschäftigt waren, die _tuba_ durch Klopfen in eine weissliche, faserige Masse mit scharfem, betäubenden Geruch zu verwandeln. Inzwischen hatten sich die übrigen Teilnehmer in malerischen Gruppen auf den Uferfelsen gelagert. Die erfreuliche Aussicht, die Fische auf bequeme Weise überlisten und verspeisen zu können, schien vor allem die Frauen und Mädchen fröhlich zu stimmen. Sie hatten alle Schöpfnetze (_hiköp_) mitgenommen, während die Männer, ausser mit ihren gewöhnlichen Waffen, auch mit den gleichen Harpunen wie bei der _tapa_-Fischerei ausgerüstet waren. Jedem hing ein Rotangkorb über der Schulter; im übrigen waren sie in ihren Bewegungen nicht durch übermässig viele Kleider gehindert: die Männer trugen nur ein kleines Lendentuch, die Frauen nur ein Röckchen. Nachdem das Klopfen beendet war, begaben sich die Männer mit den gefüllten Körben reihenweise in den Fluss und spülten, den Bach durchquerend, die geklopften _tuba_-Wurzeln im Wasser aus. Das milchweiss aus der faserigen Masse strömende Wasser färbte den Fluss in seiner ganzen Breite, während der betäubende Geruch des _tuba_-Giftes sich doppelt stark in der Umgebung fühlbar machte. In dem breiteren und zugleich sehr tiefen Teil des Flussbettes strömte das Wasser nur langsam und das Gift hatte Zeit, sich bis auf den Grund mit der ganzen Wassermasse zu vermengen. Die Wirkung zeigte sich schon nach wenigen Minuten bei den kleinen Fischen, die nach oben kamen, aus dem Wasser zu springen suchten und gleich darauf ihren weissen Bauch statt ihres oft prächtig metallglänzenden Rückens sehen liessen. Dies war für alle ein Zeichen, sich mit Schöpfnetzen und Harpunen in Bewegung zu setzen; man verteilte sich im Fluss, die Jugend längs dem Ufer, die Älteren in der Mitte. Doch nach kurzer Zeit war von der anfänglichen Ordnung nichts mehr zu merken. Die allerdings etwas betäubten, aber durchaus nicht bewegungslosen Fische konnten nur mit viel Gewandtheit gefangen werden und so musste man sich bald ihnen vorsichtig nähern, bald ihnen nachtauchen oder über Flussgeschiebe nachsetzen. Alles lief, fiel und tauchte durcheinander; hier holte einer ein schönes Exemplar mühelos zwischen Flussgestein hervor, dort sahen drei andere etwas Weisses sich im Wasser bewegen und warfen sich von allen Seiten auf die erschreckte Beute, die gerade noch Zeit hatte, unterzutauchen und durch eine rasche Wendung den dreien zu entschlüpfen, um etwas weiter unten in das Netz eines ruhigeren Fischers zu geraten, der sich das Tier bedächtig zutreiben liess. Anfangs kamen nur wenig grössere Fische nach oben; entweder waren sie nur in geringer Zahl vorhanden oder sie widerstanden besser der Wirkung des Giftes und entschlüpften den zahlreichen Verfolgern. Langsam zog das vergiftete Wasser abwärts und gleichzeitig mit ihm die fröhliche Schar, der auch ich mich angeschlossen hatte. Ans Fischen konnte ich jedoch nicht denken; denn bekleidet und beschuht durch einen Bergstrom zu waten ist ohnehin schon eine schwierige Aufgabe; zudem wurde der Fluss hie und da so tief, dass ich bis zur Brust einsank und mich auf dem schlüpfrigen Geröll nur mit Mühe aufrecht hielt. Zum Glück strömte das vergiftete Wasser, aufgehalten durch die vielen Steinblöcke, nur langsam weiter und man hatte Zeit, ihm zu folgen. 1 1/2 Stunden lang gingen wir so weiter, geleitet vom _tuba_-Geruch, den wir bis zuletzt wahrnahmen. Ober- und unterhalb des vergifteten Wasserstreifens verschwand der lästige Reiz in der Nase, der übrigens keinem gefährlich zu sein schien. Endlich wurde das Wasser zu tief, um darin waten zu können, und ich schwang mich in ein am Ufer liegendes Boot und liess mich abwärts treiben. Das Schauspiel gewann immer mehr an Lebhaftigkeit, denn jetzt kamen die grossen Fische zum Vorschein, deren Fang bisweilen viele Schwierigkeiten bereitete. Mit erstaunlicher Schnelligkeit und Sicherheit tauchten die Männer den Tieren nach, trafen sie im klaren Wasser mit dein Speer und brachten die Beute im Triumph nach oben. Die Frauen und Mädchen gaben übrigens dem stärkeren Geschlechte an Geschicklichkeit nichts nach und tauchten mit dem gleichen Erfolge auch unter den Böten durch, um ihre Schlachtopfer zu erjagen. Nicht leicht werde ich das liebliche Bild vergessen, das mir ein Kajanmädchen bot, als es plötzlich neben meinem Nachen aus dem Wasser auftauchte. Ich hatte die Kleine nicht verschwinden sehen und erblickte nun unversehens ihr liebes Gesichtchen mit den freudestrahlenden Augen, umgeben vom lang herabhängenden, schwarzen Haar, das ihr wie ein triefender Mantel über dem Rücken hing und das helle Braun der wohlgeformten Schultern und des Busens um so schöner hervortreten liess. Nicht ohne Koketterie erhob sich das Mädchen halb aus dem Wasser und eilte darauf mit dem erbeuteten Fisch dem Ufer zu. An der Einmündung in den Hauptfluss schien sich das langsam herbeiströmende Wasser zu stauen; wenigstens kamen eine Menge grosser Fische betäubt an die Oberfläche und gaben den Männern mit ihren Harpunen genug zu tun. Auf einer verhältnismässig kleinen Fläche mehrere Meter tiefen Wassers schwammen und tauchten alle durcheinander und warfen in ihrer Verfolgungswut die Harpunen mit solcher Schnelligkeit, dass nur wie durch ein Wunder keine Verwundungen vorkamen. An diesem letzten gefährlichen und anstrengenden Spiel beteiligten sich die Frauen nicht mehr, sie suchten befriedigt vom Erfolg des Tages die Böte auf und legten sich triefend und ermüdet, aber doch fröhlicher Stimmung, neben ihren Fischen nieder. Während des ganzen Fischzugs hatte ich mich an der allgemeinen Heiterkeit und Einigkeit erfreut; durch keinen einzigen Misston war die Harmonie unterbrochen worden. In dieser günstigen Gemütsverfassung zeigten sie mir auf Wunsch des Häuptlings ihre Schätze, so dass ich bald 30 verschiedene Fischarten für die zoologische Sammlung beieinander hatte. Die Exemplare waren zwar meist klein, aber bei keiner Gelegenheit so bequem zu erlangen als bei dieser. Dass ein Flüsschen durch eine derartige _tuba_-Fischerei gänzlich ausgefischt wird, kann man sich vorstellen; die jüngsten Fischchen leiden am meisten unter dem Gift und es dauert daher lange, bis sich der Fischstand wieder erholt. Darum bekümmerten sich die Dajak jedoch nicht, sondern fuhren allgemein befriedigt den Fluss hinab. Zu Hause angekommen kleidete ich mich schnell um und vergass bald, dass ich einen halben Tag in triefenden Kleidern gesteckt hatte. Sind die abzufischenden Flüsse grösser und tiefer, so schliesst man ihre Mündung mit einem hohen Bambusgitter, dessen Stäbe eng beieinander stehen, ab, um die grossen, nur halb betäubten Fische aufzuhalten. Dann spielt sich die Jagd wegen der Gefahr, durch Fische oder zufällig aufgejagte Krokodile verwundet zu werden, in Böten ab. Zum Schluss sammeln sich alle Fischer vor dem Gitter, das hinten mit Bambuskörben und Netzen versehen ist, um die Fische, welche hinüberzuspringen versuchen, aufzufangen. Bei dieser Gelegenheit sah ich einzelne Fische unglaublich hoch springen. Exemplare von etwa 1 Fuss Länge und auch einige grosse Arten schnellten plötzlich zwischen den Böten empor und verschwanden hinter der mehr als 2 m hohen Bambuswand. Die weniger guten Springer fielen in die Körbe und Netze. Die Jagd spielt bei den Bahau am Mendalam nur eine nebensächliche Rolle: begeben sich die Männer aufs Reisfeld oder in den Wald, so werden die Hunde stets mitgenommen und zeigt sich Wild, so wird darauf Jagd gemacht. Aus dem Begriff "Wild" schliessen die Bahau alle Tiere aus, die sie nicht essen dürfen, wie Horntiere, graue Affen und Schlangen. Als Wildpret kommen daher hauptsächlich Wildschweine, verschiedene Wildkatzen, kleinere Säugetiere und hühnerartige Vögel in Betracht. Besonders erstere sind als Wild sehr beliebt, auf meiner ersten Reise waren sie aber noch selten; eine heftige Epidemie in den Jahren 1888 und 1889 hatte nicht nur die wilden, sondern auch die zahmen Schweine in Mittel-Borneo fast ausgerottet. Eine wichtige Rolle spielen bei der Jagd die Hunde, die sich trefflich zum Aufspüren und Stellen des Wildes eignen. Sie wagen sich aber nur an kleinere Tiere heran, da sie nicht über 1 Fuss hoch werden; grössere Schweine bellen sie nur aus einiger Entfernung an oder sie bemächtigen sich ihrer Jungen. In allen Gegenden, die ich besuchte, fand ich bei den Dajak die gleiche Hunderasse: kurzhaarige, schlank aber kräftig gebaute Tiere mit aufrecht stehenden Ohren und langem, spitzen Kopf. Die männlichen Tiere, besonders die guten Jagdhunde, werden häufig kastriert, um sie anhänglicher an den Herrn und gleichgültiger gegen die Weibchen werden zu lassen. Die Bahau bilden sich ein, dass die Kastration dem Fortpflanzungsvermögen nicht schade, doch ist die Hunderasse bei ihnen durch dieselbe stark zurückgegangen. Von den Punan, die ihre Jagdhunde nicht kastrieren, beziehen die Häuptlinge der sesshaften Stämme ihre guten Exemplare. Eigentümlicher Weise bestimmen die Bahau auch bei den männlichen Tieren hauptsächlich nach der Zahl und Entwicklung der Zitzen, ob es gute Jagdhunde sind oder nicht. Vor allem wird ihr Mut hiernach beurteilt. Bei Stämmen, wie die Pnihing, die sich für die Jagd interessieren und daher nicht, wie es meist geschieht, die Hunde selbst für ihren Unterhalt sorgen lassen, besitzen die Häuptlinge schöne, kräftige Hunde. Überall im Innern haben die Hunde die Eigenschaft, wenig, Fremden gegenüber überhaupt nicht, zu bellen. Begegnen sie letzteren, so ergreifen sie entweder mit eingezogenem Schwanz die Flucht oder sie beachten sie gar nicht. Auf der Jagd stossen sie ein kurzes Kläffen aus, für gewöhnlich aber machen sie sich durch ein höchst unangenehmes Heulen bemerklich, in welches, wenn einer den Anfang gemacht hat, alle übrigen im grossen Dajakhause einstimmen. Aus der Ferne erinnert ein derartiges Konzert an das Lärmen einer Menschenmenge. Auf die gleiche Weise heulten die einheimischen Hunde auf der Insel Lombok, was in der ersten Nacht auf dem Kriegsschauplatze einen unheimlichen Eindruck machte. Bei den Dajak wurde man durch das Heulen nur im Schlaf gestört und zwar hauptsächlich in mondhellen Nächten, die auf das Hundegemüt eine besondere Wirkung auszuüben schienen. Nur wenige Häuptlinge, besonders eifrige Jäger, behandeln ihre Hunde gut, füttern sie reichlich und halten sie nicht, wie die übrigen Bahau, für gänzlich gefühllos. Für gewöhnlich sind die Hunde infolge schlechter Behandlung mager, sehr scheu und für Freundlichkeiten unempfindlich. Doch hängen auch bei den Dajak Herr und Hund auf ihre Weise aneinander und sobald ein Hund auf einem Zug mit darf, giebt er seine Zufriedenheit durch Springen und Heulen deutlich zu erkennen. Die Kajan bedienen sich bei der Jagd keiner besonderen Waffen; sie gebrauchen Schwert und Speer, die sie stets bei sich tragen; nur gegen Vögel und kleine Säugetiere verwenden sie das Blasrohr mit vergifteten Pfeilen. Mit diesen schienen die Jäger, so viel ich beobachtete, nur schlecht umgehen zu können; sie trafen selbst in kleinen Abständen nur selten. Wie an einem anderen Ort bereits gesagt ist (pag. 154), handhaben nur wenige Leute das Blasrohr wirklich gewandt; es sind dies mit Kajanfrauen verheiratete Punan und Bukat, die ihrer Gewohnheit, in Wäldern herumzuschwärmen, getreu bleiben. Diese verbringen die meiste Zeit auf der Jagd statt auf dem Reisfeld und unterhalten auch ihre Familien mit dem, was die Jagd ihnen liefert. Besonders geschätzt sind die Hörner der Hirsche, die als Material zu Schnitzarbeiten dienen; die Gallenblase (_ömpedu_) und Klauen der Bären, welche die Chinesen zur Bereitung von Arzneimitteln verwenden, die Zähne des borneoschen Panthers, aus denen Ohrschmuck für Männer und sein Fell, aus dem Kriegsmäntel hergestellt werden; einen wichtigen Artikel bilden auch die Bezoare, die runden oder ovalen Steine aus dem Darm oder der Leber der genannten Tiere, sowie der Affen, Stachelschweine und Schlangen, die unter dem Namen _gliga_ oder _guliga_ einen hohen Wert besitzen und vor allem an chinesische Apotheken verkauft werden. Zum Erlegen der Tiere wird meistens der Speer gebraucht; nur selten findet man bei den Mendalam Kajan Gewehre und noch seltener das notwendige Pulver. Da die Gewehre in der Regel von schlechter Beschaffenheit sind und recht häufig Unglück mit ihnen angestiftet wird, schiessen die Dajak meist mit abgewandtem Gesicht, was nicht gerade zur Erhöhung der Treffsicherheit dient. Im Fangen der Vögel mittelst Schlingen zeigen sich die Kajan auffallend ungeschickt und das Stellen von Fallen, mit denen andere Stämme grössere Tiere erbeuten, scheint ihnen gänzlich unbekannt zu sein. Während meines ersten Besuches am Mendalam wünschte ich, in den Besitz einiger Argusfasanen zu gelangen, deren schöner Ruf mir öfters aus dem Walde entgegenklang, die ihrer Scheuheit wegen jedoch beinahe nur mit Schlingen zu fangen sind. Nur wenige Kajan waren zu dieser Jagd geneigt und in den ersten Wochen hatte keiner Erfolg. Erst als ich sehr hohe Preise aussetzte, 10 Dollar für ein Männchen, 5 für ein Weibchen, begab sich der Schwiegersohn des Häuptlings mit zwei Leibeigenen, Söhnen von Punan, für einige Tage in den Wald. Mit dem Blut schienen diese auch die Geschicklichkeit ihrer Väter geerbt zu haben, denn nach 3 Tagen brachten sie mir einige prachtvolle Exemplare zurück; nur sie waren auch im stande, mir die verschiedenen Sorten von Pfeilgift mit den verschiedenen Pflanzenarten, aus denen es gewonnen wird, aus dem Walde zu holen. Bei meinem zweiten Besuch 1896 waren diese beiden Jäger auf weiten Reisen und von einer ferneren Sammlung von Pfeilgiften oder Argusfasanen war keine Rede mehr. Zu den gewöhnlichen Haustieren der Bahau und Kenja gehören Schweine, Hühner, Hunde und Katzen; Pferde, Kühe, Ziegen und Schafe besitzen sie nicht. Nur seit kurzer Zeit kommen bei einigen Stämmen einzelne eingeführte Ziegen und Schafe vor, sie werden aber von den Bahau, wie alle anderen wilden und zahmen Horntiere, noch nicht gegessen. Bei den Kenjastämmen essen nur die Priester keine Horntiere. Die Schweine bilden in Mittel-Borneo eine einheitliche Rasse und stammen wahrscheinlich von den einheimischen wilden Schweinen ab oder sind doch wenigstens stark mit diesen vermischt; da die Schweine ständig frei um das Haus herumlaufen und bisweilen tief in den Wald eindringen, ist eine Vermischung mit wilden Schweinen durchaus nicht ausgeschlossen. Die Bahau behaupten auch, dass eine Vermischung wirklich stattfindet. Die jungen Schweine sind braun und schwarz gestreift wie die wilden Schweine; die älteren Tiere sind meist weiss, bisweilen auch schwarz. Die Bahau füttern ihre Schweine so lange gut, als ihre eigenen Nahrungsmittel es zulassen. Sie werden des Morgens früh, hauptsächlich aber gegen 4 Uhr nachmittags, nach dem Reisstampfen, gefüttert, da die Reisspelzen mit Wasser vermengt das Hauptnahrungsmittel für die Tiere bilden. Ausserdem werden auch unreife Früchte, besonders Papaya, in Wasser gekocht, als Futter verwendet. Einige wohlhabende Familien halten sich bisweilen ein Schwein, das stets frei auf der Galerie des Hauses umherläuft und ausschliesslich mit Reis-, Früchte- und Gemüseabfällen genährt wird. Diese Tiere werden oft sehr dick, einige Exemplare wogen sicher 150 kg. Die unter dem Hause frei herumlaufenden Schweine erreichen niemals diese Grösse und dieses Gewicht. Die Hühner Mittel-Borneos gehören zu einer Rasse, die sich in nichts von denjenigen der Malaien unterscheidet. Auch die Kampfhähne gehören dieser Hühnerrasse an. Tagsüber laufen die Tiere in und unter dem Hause frei umher und einzelne werden im Walde ein Opfer der Raubtiere. Um die Küchlein zu beschützen, werden sie jeden Abend eingefangen und mit der Henne in einem Korbe oben an die Galerie des Hauses gehängt. Die älteren Hühner schlafen auf dem Dache, auf den Fruchtbäumen oder an anderen hohen, sicheren Stellen. Die Eier werden als gelegentliche Opfergaben oft monatelang bewahrt. Nur ab und zu werden frische Eier von Erwachsenen gegessen; man giebt sie vor allem Kindern. KAPITEL X. Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak--Verlust eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Geröllbank Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strömung--Aufenthalt wegen des _telandjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug auf einen Berg--Eigentümliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur Gung-Mündung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan Mündung--_Bier_ und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mündung--Aufschlagen der Lagers--Nächtlicher Überfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_ Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_ Howong--Kalkberge am Bulit. Hat man die Mendalambewohner nach langdauernden Unterhandlungen endlich dazu gebracht, sich an einer Expedition zu beteiligen, so fassen sie ihre Verpflichtungen dafür wirklich ernst auf. Auch jetzt wieder hatten sie, sorgsamer Weise, die Bootsränder durch zwei Reihen übereinander gelegter Planken erhöht und die Ritzen mit geklopftem Baumbast verstopft; diesen auch noch, nach malaiischer Art, mit Harz zu durchtränken (_dumpul_) halten die Kajan aber für überflüssig; daher dringt stets etwas Wasser ins Boot und muss von Zeit zu Zeit ausgeschöpft werden. Um uns 4 Europäer, den Jäger _Doris_ und unser Hab und Gut vor Sonne und Regen zu schützen, hatten sie mitten im Boot ein Palmblattdach von 1 m Höhe errichtet, das wenige Tage später, als wir unter dem dichten Ufergebüsch nicht hindurch fahren konnten, leider wieder fortgenommen werden musste. Die Böte waren, je nach ihrer Länge, mit 4-6 Mann besetzt; unser grösstes Boot hatte eine Länge von 14 m und eine Breite von 80 cm, die übrigen waren, um besser zwischen den Geröllbänken lenken zu können, kleiner. Vorn und hinten im Boot sass ein Steuermann, die anderen nahmen als Ruderer Platz. Malaien und Bahau benützen im Oberlauf der Flüsse stets 1.60-1.70 m lange Ruder (_bese_), welche bis auf 1/3 der Länge aus einem breiten Brett von hartem Holz bestehen. Alle hatten ihre eigenen, neuen Ruder mitgebracht und waren auch sonst mit allem versehen, was sie auf einer Reise über Wasser und durch Urwald nötig haben konnten. Vor allem hatten sie für ihre Waffenrüstung, bestehend in Schwert, Blasrohr, Schild, Kriegsjacke und Kriegsmütze gesorgt; als Unterlage zum Schlafen und als Dachbedeckung hatten sie einen genügenden Vorrat Palmblattmatten (_samit_) mitgenommen. Die Reisegarderobe war bei allen sehr schlicht und bestand nur aus 2 oder 3 einfachen Lendentüchern und einem besonders schönen Lendentuch und Jäckchen, die für die Ankunft bei ihren Freunden am Mahakam bestimmt waren. Zu meiner grossen Zufriedenheit hatten sie genügend viel Gerätschaften, wie Beile, Hobel und Meissel mit sich genommen, um die Böte ausbessern, nötigenfalls im Wald gänzlich neue herstellen zu können. Alle diese Dinge waren in einem aus gespaltenem Rotang geflochtenen Tragsacke (_bruit_) verpackt und von jedem Manne in die Mitte des Bootes zu seinem übrigen Gepäck gelegt worden. Hierdurch war aber der kleine Raum in der Mitte so angefüllt, dass für unsere eigenen Güter und Personen nicht viel Platz übrig blieb und die 25 Böte kaum alles bergen konnten. Der Platzmangel hatte noch eine andere Ursache: wie gewöhnlich hatten die Ruderer auch diesmal vor der Abreise einen grossen Vorschuss von ihrem Lohn (1/2 Dollar pro Tag) empfangen und ihn teilweise dazu verwendet, ihren zurückbleibenden Familien allerhand notwendige Dinge zu kaufen; grösstenteils hatten sie aber für das Geld Tauschartikel eingehandelt, um sich für diese am Mahakam Schwerter, Matten und alte Perlen, die dort besser als am Kapuas zu erhalten waren, anzuschaffen. In Anbetracht, dass ich das schwere Silbergeld dann nicht mitzuführen brauchte, um es erst am Mahakam auszubezahlen, hatte ich den Leuten gern den Vorschuss bewilligt; malaiische und chinesische Händler in Putus Sibau erzählten mir jedoch bald, dass der Lohn in der viel umfangreicheren Form von Kattun, Glasperlen und selbst Salz mitgeführt werden sollte. Wohl wissend, dass hieran nichts zu ändern war, weil mein Geleite hierüber seine eigene Auffassung besass, dass es ferner durch Handeln am Mahakam noch einen besonderen Vorteil aus unserer Reise ziehen konnte, widersetzte ich mich nicht gegen das Einladen der bisweilen verräterisch dickbäuchigen Tragsäcke. Ich wusste aus Erfahrung, wie sehr das eigene Interesse am Gelingen der Expedition meine Kajan allen Schwierigkeiten gegenüber stählte. Ich war froh, endlich unterwegs zu sein; denn das trockene Wetter hatte mit einer für Borneo seltenen Standhaftigkeit bereits 3 Monate angehalten; die Regenzeit nahte, in den letzten Tagen war bereits eine starke atmosphärische Veränderung eingetreten. Die bis dahin klare, blaue Luft, in der sich nur oberhalb des fernen Gebirges eine weisse Wolkenschicht abhob, wurde täglich grauer und bewölkter, so dass die Regenperiode jeden Augenblick eintreten konnte. So blickte ich denn bei unserer Abreise voll guter Hoffnung und Selbstbefriedigung auf die mit vieler Mühe zu Stande gebrachte Flotte zurück. In langer Reihe fuhren die Böte dicht am Ufer entlang, um so wenig als möglich durch die Strömung aufgehalten zu werden; aus dem gleichen Grunde suchten wir auch stets die Innenseite der Buchten auf und mussten daher während einer Tagreise den Fluss öfters durchqueren. Der erste Tag bot keine Schwierigkeiten, weil das Wasser besonders niedrig war; wir konnten sogar Siut erreichen, was uns 1894 und 1896 nicht geglückt war. Oberhalb Putus Sibau ist der Kapuas nur für Fahrzeuge der Dajak, _harok_ oder _bung_ genannt, und leichte malaiische Handelsböte schiffbar. Zwar ist stets genügend Wasser im Fluss vorhanden, aber sein in der Mitte oder an den Ufern befindliches Geschiebe verengt ihn bisweilen so stark, dass er bereits bei niedrigem Wasserstande Stromschnellen bildet und bei Hochwasser selbst für Fahrzeuge der Eingeborenen schwer passierbar ist. Vor dem verlassenen Nanga Era trifft man jedoch noch keine Felsen im Fluss oder bergige Ufer; diese bestehen hier noch aus den alluvialen Ablagerungen des Flusses selbst, in die er sich stets von neuem sein Bett gräbt. Wegen des tiefen Wasserstandes, den wir jetzt hatten, fuhren wir 4-5 m unterhalb des Uferniveaus. Zu beiden Seiten erhoben sich steile, vom Flusse ständig unterspülte Wände. Der Anschnitt zeigte eine Humusschicht von wechselnder Mächtigkeit und darunter eine 3 m dicke Schicht von gelbbraunem Sande, vermengt mit pflanzlichen Überresten, bestehend aus grossen Mengen angehäufter Blätter und Zweige oder aus übereinander geworfenen Baumstämmen. Unter der Sandschicht kam altes Flussgeschiebe zum Vorschein, welches ebenfalls, aber in geringerem Masse, Pflanzenreste enthielt; diese sahen bisweilen der Braunkohle ähnlich. Die oberste Humuslage war nur einige Dezimeter dick, was sich wohl daraus erklären liess, dass die Ufer des Kapuas in dieser Gegend längst des Urwaldes beraubt waren und bereits öfters als trockene Reisfelder gedient hatten. Daher findet man einen dichten Waldbestand auch nur da, wo ihn die Taman Dajak als Begräbnisstätte benützen. Auch an Orten, die durch die Überlieferung geheiligt sind, wird der Wald geschont. Die Begräbnisplätze der Taman machen auf den Vorüberfahrenden eher einen heiteren als einen finsteren Eindruck: die auf Pfählen stehenden, mit schönen, bunten Zeichnungen verzierten Grabmäler mit ihren zahlreichen Wimpeln aus rotem und weissem Kattun beleben den dunkelgrünen Waldesrand. In der Nähe betrachtet wirken die älteren, verfallenen Grabmäler mit dem wegen der Raubsucht der Malaien halb vernichteten Hausrat: irdenen Töpfen, Gongen, Rudern, Kleidungsstücken u.s.w., welche den Toten ins Jenseits mitgegeben werden, allerdings unheimlich düster. Die Häuser der Taman werden nicht, wie die vieler anderer Stämme, alle paar Jahre von ihren Bewohnern verlassen; sie sind daher auch von zahlreichen alten Fruchtbäumen: Kokospalmen, Duku, Durian, Rambutan und Blimbing umgeben, die als dunkelgrüne Wäldchen aus Reisfeldern und Gestrüpp hervorragen. In einiger Entfernung vom Hause bepflanzen die Taman ganze Felder mit Bananen; die anderen Fruchtbäume würden dort zu viel von Affen, Eichhörnchen und Vögeln zu leiden haben. Da unser Zug zum Mahakam bereits monatelang am oberen Kapuas besprochen worden war, strömte bei unserer Ankunft die ganze Bevölkerung von Siut herbei und forderte uns auf, in ihren Häusern zu übernachten. Der Kontrolleur _Barth_ und ich zogen es vor, unser Nachtquartier im neueren Hause am rechten Ufer aufzuschlagen, während _Demmeni_ und _Bier_ in ihren Böten übernachten wollten. Sie liessen diese mit dem Vorderteil auf eine Geröllbank ziehen und zwar mit dem Resultat, dass, als das Wasser nachts noch weiter fiel, der hintere Teil des Bootes unter Wasser geriet und _Bier_, bei Tagesanbruch, halb im Wasser liegend erwachte. Das Kajangeleite schlief in den Häusern der Taman, hatte aber in jedem Boot einen Wächter zurückgelassen. Die Taman waren erfreut über unsere Ankunft und sahen es, wie immer, als Ehre an, uns für eine Nacht als ihre Gäste aufnehmen zu können. Wie auf der vorigen Reise, wurde ich auch jetzt von Leuten, die um Arzneien baten, überlaufen; hie und da kam auch jemand, in der Hoffnung auf besseren Erfolg, mit etwas Reis oder Früchten an. Zu meiner Freude bemerkte ich auch einen meiner früheren Patienten, den ich bereits 1894 behandelt hatte. Man hatte ihn mir damals nach Tandjong Narang gebracht, weil er sich durch einen Fall eine scharfe, hölzerne Pfahlspitze in die Seite, 20 cm weit unter die Haut, getrieben hatte. Mit Hilfe einiger Schnitte und einer Zange gelang es mir, das Holzstück zu entfernen. Die Blutung war nicht heftig, grosse Gefässe waren also nicht verletzt und die Pleurahöhle nicht erreicht; bei der grossen Widerstandsfähigkeit der Dajak sah der Fall also nicht so schlimm aus. Obgleich auch das Fieber abnahm, entwickelte sich doch, einige Tage vor meiner Abreise, eine schwere Pleuritis. Von einer gründlichen Behandlung konnte keine Rede mehr sein und so überliess ich den Kranken, nach Erteilung einiger Vorschriften wegen der Behandlung der Wunde und sonstigen Verpflegung, den Seinen und der Natur. Glücklicher Weise gelang es beiden, die Krankheit zu überwinden. Als ich den Patienten jedoch 1896 wiedersah, litt er so hochgradig unter ständigen Malariaanfällen, dass seine Milz durch die Bauchwand hindurch als dicke Geschwulst fühlbar war. Ich hinterliess ihm daher eine grosse Dosis Chinin mit ausführlicher Gebrauchsanweisung. Mit grossem Eifer musste er den Vorschriften gefolgt sein, denn er kam mir jetzt als kräftiger Mann entgegen und brachte mir als Zeichen seiner Dankbarkeit einige Früchte, allerdings mit der Bitte um eine weitere Dosis Chinin. Bei einer Untersuchung ergab es sich, dass die pleurae an der verwundeten Seite noch verwachsen waren, von einer Hypertrophie der Milz oder Leber war aber nicht mehr viel zu merken. Allmählich strömten so viele Männer und Frauen herbei, die alle um Heilmittel baten, dass mein Junge mich durch die Ankündigung, dass das Essen bereit sei, aus grosser Verlegenheit rettete. Der Beginn einer Mahlzeit macht nämlich auf alle Dajak grossen Eindruck, sie wagen es daher nur sehr selten, einen beim Essen zu stören, dagegen kommen sie nie auf den Gedanken, dass einem auch beim Ankleiden und Zubettegehn ein allzu grosses Interesse der Umgebung unliebsam sein könnte. Nach dem Essen stellte es sich heraus, dass der Tag nicht ganz ohne Unfall verlaufen war; denn der Jäger _Doris_ kam mit der Meldung, dass einer unserer Hunde während der Fahrt von einem Krokodil aufgefressen worden war. _Doris_, der mit einigen anderen Halbblutfreunden in Batavia für die Wildschweinjagd eine grosse Koppel Hunde hielt, hatte zwei der besten Exemplare mitgenommen; es waren kleine, kurzhaarige Tiere mit spitzem Kopf und spitzen, aufrechtstehenden Ohren, die für Treibjagden sehr geeignet zu, sein schienen. _Doris_ hatte die Hunde, weil sie an das Fahren in Böten nicht gewöhnt waren, längs dem Ufer laufen lassen. Da wir aber der Strömungen wegen öfters die Ufer wechseln mussten und _Doris_ den Dajak ausserdem zeigen wollte, dass seine Hunde ebensogut schwimmen konnten als die ihrigen, hatte er sie mehrmals den Fluss durchqueren lassen. Bei dieser Gelegenheit kam neben einem der Hunde plötzlich der Kopf eines Krokodils zum Vorschein, der sich dem erschreckten und bellenden Tiere bedächtig näherte und es unter Wasser zog, bevor man den frechen Räuber durch einen Gewehrschuss verjagen konnte. Um meinen Vorrat an Arzneien, der tatsächlich für die Mahakambewohner bestimmt war, nicht zu sehr anzugreifen und um den niederen Wasserstand noch auszunützen, fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang weiter; wir frühstückten auf einer Geröllbank in der Nähe von Lunsa, machten jedoch weder bei dieser Niederlassung noch bei Lunsa Ra, einem kleinen Pnihinghause, dem letzten am oberen Kapuas, Halt. Auch diese Dörfer waren bereits aus der Ferne an ihren Bananenanpflanzungen erkennbar. Auf unserem Zuge 1894 hatte ich in einem Punanhause an der Mündung des Era übernachtet, jetzt war von dem ganzen Gebäude nichts als ein einziger aufrechtstehender Pfahl bemerkbar. Bis auf 50 m Abstand vom Ufer hatten Bäume und Sträucher den ganzen Platz, auf dem das Haus gestanden, eingenommen und waren dabei so von Lianen überwuchert worden, dass man sich nur mit Hilfe eines Beiles einen Durchgang hätte verschaffen können. Im Laufe des Tages fuhren wir an einer Reihe kleiner Inseln, waldbedeckten Geröllbänken, vorüber, die hie und da das Flussbett sehr verengten, bei diesem niedrigen Wasserstande jedoch keine Schwierigkeiten verursachten. Wir erreichten noch am selben Tage Liu (= Insel) Tangkilu, eine am linken Ufer des Kapuas in einer Bucht gelegene Geröllbank, die unseren zahlreichen Böten einen vorzüglichen Schlupfwinkel für die Nacht lieferte. Hier fanden wir noch Spuren der kleinen Reisfelder der Punan aus dem verlassenen Hause von Nanga Era und befanden uns somit an der Grenze des sogenannten Punangebietes, wo feste Niederlassungen nicht mehr vorkommen und wo nur die nomadisierenden Stämme der Punan und Bukat die ständigen Bewohner der Urwälder bilden. Der ganze Charakter der Gegend verkündete den Anfang eines neuen Gebietes. Mächtige Waldriesen zu beiden Uferseiten breiteten ihre Äste so weit über den 50-60 m breiten Fluss aus, dass sie einander berühren zu wollen schienen. Hart am Uferrand wuchsen Bäume, die in ihren hohen, breiten Bretterwurzeln genügende Stütze fanden, um ihre meterdicken Stämme und schweren Kronen in horizontaler Richtung über den Fluss beugen zu können. Bei Hochwasser sind die Stämme oft auf eine Länge von ungefähr zehn Metern überschwemmt und auch jetzt konnten wir nur mit Mühe unter ihnen hindurch fahren. Auffallender Weise kommt in den Urwäldern von Mittel-Borneo längs den Flussufern stets nur diese eine Art von Bäumen vor, während man in einiger Entfernung vom Ufer überhaupt mir selten zwei oder drei Exemplare der gleichen Spezies beieinander stehend findet. Die Früchte dieser Bäume sind essbar, werden aber nie gross, so dass nur Kinder sich bemühen, den Fischen die Ernte streitig zu machen. Infolge ihres eigentümlichen Wuchses und der Steilheit der Ufer des Kapuas, zog sich das grüne Dach dieser Urwaldbäume vom Wasserspiegel an in breiten, welligen Falten bis Hunderte von Metern an den Wänden der Kluft hinauf. Ergriffen von dem grossartigen und geheimnisvollen Charakter unserer Umgebung nahmen wir in feierlicherer Stimmung als gewöhnlich unser Mahl ein und begaben uns früh zur Ruhe. Wir hatten hoch oben auf der Bank Zelte und in diesen unsere Klambu aufschlagen lassen, nur _Bier_ bestand, trotz seines Unfalles in der vergangenen Nacht, darauf, wieder in seinem Boot zu schlafen. Nachts fiel aber ein kurzer, heftiger Regen, der seine Lagerstätte, diesmal von oben, vollständig durchnässte. Als aber morgens die Sonne wieder schien und der Wasserstand sich noch als günstig erwies, zogen wir in heiterer Stimmung in das unbewohnte Gebiet hinein. Weiter oberhalb musste aber doch viel Regen gefallen sein, denn im Laufe des Morgens stieg das Wasser, was uns das Passieren verengter Stellen und überhängender Bäume sehr erschwerte. Als an einer Stelle ein quer im Fluss halb unter Wasser liegender Baumstamm umfahren werden musste, schien das grosse Boot von _Tigang Aging_, in dem sich der Kontrolleur befand, der Mannschaft zu schwer zu werden; denn die besonders bei steigendem Wasserstande heftige Strömung drohte das Boot, sobald sich sein vorderer Teil um das Ende des Baumes dem Ufer zuwandte, der Länge nach an den Stamm zu drücken, wodurch das von unten reissende Wasser das Boot zweifellos erst in schiefe Stellung und dann zum Umschlagen gebracht hätte. In der Mitte des Flusses wiederum konnte gegen die starke Strömung überhaupt nicht gefahren werden. Zwei Männern, die erst auf den Baumstamm und dann in das Wasser gesprungen waren, gelang es endlich, die Spitze des Bootes so lange gegen die Strömung zu halten, bis die übrigen Leute mit ihren Stangen am Ufer eine Stütze gefunden hatten. Wir kamen aber doch noch ein gutes Stück vorwärts, wohl mit Hilfe des _telandjang_, des wahrsagenden Vogels, der sich günstiger Weise am rechten Ufer hören liess. Es war für die Kajan eine grosse Beruhigung, dass nun auch der _telandjang_ seine Zustimmung zum Unternehmen gab; sie hatten ja vor unserer Abreise an der Mündung des Mendalam vergeblich auf ihn gewartet. Uns kostete diese Seelenberuhigung unseres Gefolges jedoch zwei Nächte Aufenthalt (_melo njaho)_, da die Religion den Kajan vorschreibt, an der Stelle, wo sich der Vogel gezeigt hat, das Lager aufzuschlagen. Allein die Überzeugung, dass unsere Leute nur auf diese Weise mit Vertrauen unseren weiteren Zug mitmachen würden, brachte mich dazu, ihrem Aberglauben wiederum zwei kostbare Reisetage zum Opfer zu bringen. Abends sassen wir still in unserem Waldlager, die einen mit Lektüre, die anderen mit allerhand Kleinigkeiten beschäftigt, als 6 Malaien in einem kleinen Boote flussabwärts gefahren kamen und uns um Hilfe baten. Sie hatten nämlich etwas oberhalb unseres Lagers mit einem grossen Boot voll Handelswaren an einem Felsen, den sie umfahren mussten, Schiffbruch gelitten; die reissende Strömung hatte das Boot gegen einen halb unter Wasser liegenden Stein geworfen und zum Umschlagen gebracht. Die unglücklichen Leute hatten nichts übrig behalten und baten um ein Unterkommen. In unserer Ruheperiode war es jedoch _lali_, mit irgend welchen anderen Menschen in Berührung zu kommen, und die armen Tröpfe kannten das unerbittliche Festhalten der Kajan an ihrer _adat_ zu gut, um überhaupt noch einen Schritt bei mir zu wagen, und zogen mit hungrigem Magen weiter nach Lunsa. Für die Meinen bildete das Missgeschick der Malaien einen Glücksfall. Da die _adat_ ihnen bei Tageslicht einen kleinen Ausflug gestattete, fuhr _Tigang_ in Gesellschaft einiger Stammesgenossen in einem leeren Boote den Kapuas hinauf, um die Unglücksstätte zu untersuchen, und kam abends mit einem Gong zurück, den sie durch Tauchen aufgefischt hatten. Nachts fiel das Wasser, daher machten sich am zweiten Tage des _melo_ beinahe alle Kajan auf, um ebenfalls etwas von den verunglückten Habseligkeiten aufzufischen. Vor Einbruch der Dunkelheit mussten alle wieder zurück sein, aber sie hatten ihre Zeit augenscheinlich gut angewandt, denn beinahe jeder brachte ein Beutestück mit. Von den aufgefischten Leckerbissen, die eigentlich für die malaiischen Buschproduktensucher am oberen Kréhau bestimmt waren, genossen die Kajan leider nicht viel, da sie ihnen unbekannt waren. Der eine verzehrte auf ein Mal eine ganze Büchse Sardinen, so dass ihm übel wurde, der andere leerte eine grosse Flasche mit konzentriertem Himbeerensirup und bekam Magenbeschwerden und selbst der glückliche Besitzer des erbeuteten Gongs beunruhigte sich seines zweifelhaften Eigentumsrechtes wegen. Wir übrigen hatten inzwischen, um eine Aussicht über unsere Umgebung zu erlangen, einen, nach den Aussagen der Leute günstig gelegenen Hügel bestiegen. Auf dem Gipfel des Berges angelangt standen wir jedoch, wie es uns häufig bei noch viel höheren Bergen passierte, in einem ebenso dichten Urwald als an seinem Fuss und einen Ausblick zu erlangen war also unmöglich. Um uns für unsere Enttäuschung etwas zu entschädigen, machten uns unsere Begleiter auf einige botanische Merkwürdigkeiten aufmerksam, von denen zwei Lianen allerdings interessant genug waren. Sie hiessen "_aka kahir_" und "_aka hiling_" und bildeten wahre Milch- und Wasserquellen, wenn man ihre Stämme durchschnitt und vertikal hielt. Im übrigen brachten wir von diesem Ausflug nicht viel mehr heim als ermüdete Gliedmassen. Die im Lager zurückgebliebenen Kajan hatten uns unterdessen eine Überraschung bereitet und das dichte Ufergebüsch vor unserer Hütte umgehackt, so dass wir jetzt eine freie Aussicht genossen. Das gegenüberliegende Ufer lag nun in seiner ganzen Grossartigkeit vor uns. Die in allen Schattierungen von Grün prangenden Abhänge stiegen 300 m an und wurden von einer hohen, beinahe senkrechten, nackten Wand abgeschlossen. Die Wand trug eine schwere Decke von hohen Stämmen, deren zum Flusse hin frei entwickelte Kronen auch in dieser bedeutenden Entfernung ihren verschiedenen Charakter erkennen liessen. Der Eindruck dieser Umgebung wurde nicht wenig durch die scheinbar völlige Abwesenheit tierischen Lebens erhöht. Die kleinen Vögel in den weit entfernten Baumkronen fielen nicht auf und nur selten bemerkte man einige Rhinozerosvögel, die in grosser Höhe über den grünen Wellen vorüberschwebten. Nur der Argusfasan liess seinen hellen, vollen Ruf von nah und fern ertönen und zeugte von der reich entwickelten Tierwelt des tropischen Urwaldes, von der der Mensch trotz aller Anstrengung nur einen sehr kleinen Teil wahrnehmen kann. Am anderen Morgen, den 24. August, begannen die Kajan, vergnügt über den günstigen Wasserstand, bereits bei Sonnenaufgang unsere Kisten und den Reis in die Böte zu verteilen, verpackten unsere Klambu und brachen das Zelt ab, so dass wir, als das ganze Kapuastal noch in Morgennebel gehüllt war, bereits in unseren Böten sassen und unter den besten Auspizien flussaufwärts fuhren. Nach Übereinkunft sollten wir unsere erste Mahlzeit an der Stelle halten, wo das malaiische Handelsboot gesunken war, denn meine Ruderer wollten während der Vorbereitungen zum Mahl noch einige Habseligkeiten herausfischen. Nach einer Stunde erreichten wir die Unglücksstätte, ein Becken unterhalb Pulau Balang, in welchem hervorragende Felsblöcke in der Mitte und zu beiden Seiten so heftige Strudel verursachten, dass wir auch jetzt, bei niedrigerem Wasserstande, nur dank der Geschicklichkeit und Anstrengung der ganzen Bemannung vorwärts kamen. Die Verunglückten hatten versucht, ihr Boot längs eines Felsvorsprunges des linken Ufers über eine kleine Stromschnelle hinaufzuschaffen, und ihre Ladung war beim Umschlagen in das durch Felsblöcke vom Flusse abgeschiedene Becken gesunken. Auch musste eine grosse Menge Reis gesunken sein, denn noch jetzt liessen sich auf dem Grunde des Wassers dicke, weisse Schichten erkennen. Gleich nach unserer Ankunft entledigte sich ein Teil der jungen Männer seiner ohnehin spärlichen Kleidung und verschwand im Becken, während andere überlegten, wohin die Strömung noch weitere Gegenstände weggeführt haben könnte. Ausser einigen Flaschen und Konservenbüchsen wurde noch ein Gong zum Vorschein gebracht, aber die leichteren Sachen, wie Packen Kattun, mussten vom Wasser bereits fortgetragen worden sein. Die Taucher blieben in ihrem Eifer bisweilen so lange unter Wasser, dass ich besorgt wurde. Sie berichteten, dass noch viele Säcke Reis am Grunde lagen, aber dass das Wasser zu tief sei, um sie hervorholen zu können; übrigens war der Reis durch das lange Liegen im Wasser sicher auch schon verdorben. So konnten denn die Kajan nach dem Essen mit ruhigem Gemüt von diesem kostbaren Fleckchen Abschied nehmen und ihre Aufmerksamkeit darauf richten, uns selbst wohlbehalten über alle Strudel hinwegzubringen. An der Mündung des Kréhau trafen wir einige zwanzig malaiische Händler mit ihren Warenböten, die unseren neugierigen Kuli die neuesten Nachrichten über die Buschproduktensucher am Kréhau und die Einzelheiten des Schiffbruchs berichteten. Teils mit Rudern, teils mit Stangen kämpfte die Bemannung immer weiter gegen das wilde Wasser des Kapuas an. Durch das ständige Schaukeln des Bootes und die warme Mittagssonne in einen leichten Halbschlummer eingewiegt vernahm ich das Krächzen einiger Krähen in den Uferbäumen und wurde so im Traume über Meere und Weltteile nach einem kleinen Fleckchen Europas geführt, wo kühle Winde auf frischen Wiesen Mühlen treiben. Bald aber verlangte eine besonders schwierige Stelle wieder die ganze Kraftanspannung meiner braunen Ruderer, deren Stimmbänder, während sie einander mit lauten Zurufen anfeuerten, in gleicher Weise wie ihre Muskeln angestrengt wurden. Meine Gedanken wurden dadurch bald in die Wirklichkeit; zum Kapuas, zurückgeführt und ich erfreute mich an der Geschicklichkeit und dem Eifer meiner Kajan, die mit ruhiger Sicherheit alle Schwierigkeiten zu überwinden wussten. Wir kamen diesmal auch viel weiter als auf der vorigen Reise und fuhren auch an Long Mensikai vorbei, dessen üppige Vegetation jetzt nicht mehr erraten lässt, dass der Ort einst bebaut und von Menschen bewohnt gewesen ist. Das kleine Stück Himmel, das zwischen den Uferbäumen sichtbar war, kündigte uns Unwetter und Regen an; wir waren daher froh, dass wir unseren Zug noch bis zur Mündung des Gung forsetzen und auf einer Geröllbank (_neha Barau_) unser Lager aufschlagen konnten. Sehr unangenehm berührte mich am anderen Morgen _Akam Igaus_ Vorschlag, dass wir an diesem Tage nicht weiter fahren sollten, weil er schlecht geträumt und ein anderer nachts den _bilang_, einen Baumgecko, gehört hatte. Im Hinblick auf die herandrohende Regenzeit musste ich das Äusserste wagen, um _Akam Igau_ von seinem Aberglauben abzubringen und rief daher _Tigang Aging_ und noch einige der wichtigsten Häuptlinge zu einer Beratung zusammen. Es war mir bereits früher aufgefallen, dass _Akam Igau_ auf dieser Reise ganz besonders an den Vorzeichen hing, weil seine beiden jungen Söhne, _Adjang_ und _Djawè_, zum ersten Mal an einem grossen Zuge teilnahmen. Ich hatte also nicht viel Nachgiebigkeit seinerseits zu erwarten und spielte daher die Missgunst des _Tigang Aging_, der nicht geträumt hatte und zur Weiterreise geneigter war, gegen ihn aus. Ich gab zu erkennen, dass ich, nachdem beim Beginn der Reise alle Vorzeichen als günstig befunden worden waren, eine weitere ernsthafte Unterbrechung unseres Zuges wegen der Vorzeichen nicht mehr wünschte, dass ich es auch so mit _Kwing Irang_, dem grossen Häuptling am Mahakam, gehalten hatte, der sich, wenn er den _bilang_ hörte, mit einer Scheinexpedition begnügt hatte, und dass ich überzeugt war, dass _Tigang Aging_ ebenso gehandelt hätte. Letztere Bemerkung reizte _Akam Igau_ am meisten, wenigstens zeigte er sich zur Weiterreise bereit, nur wollte auch er vorher mit allen Kajan bis zu der Stelle hinziehen, wo der _bilang_ sein "tjok, tjok" hatte ertönen lassen. Der Sinn einer solchen Expedition scheint darin zu bestehen, dass man dem wahrsagenden Tier, das eine Weiterreise verbietet, durch einen Spaziergang im Walde weismacht, man setze die Reise in der Tat nicht fort. Um die Gemüter in gute Stimmung zu versetzen, versprach ich für diesen Tag einen Extralohn von 1/2 Dollar, falls es uns gelänge, die kommenden 8 Wasserfälle "Gurung Delapan" zu passieren und den Bungan zu erreichen. Diese "Acht Wasserfälle" bilden nämlich für die Fahrt auf dem oberen Kapuas das Haupthindernis. Der Fluss drängt sich hier zwischen zwei Bergrücken hindurch in einem Bette, das die grossen Wassermassen oft nicht fassen kann; ausserdem werden die zum Teil haushohen Felsblöcke am Ufer bei Hochwasser durch die Strömung rund und glatt geschliffen. Diese Felswüstenei erstreckt sich 600 m längs des Flusses, der brausend und schäumend durch das unregelmässige Bett, das er sich selbst im Laufe der Zeit gegraben hat, hindurchschiesst. Bei dem niedrigen Wasserstande, den wir jetzt glücklicher Weise hatten, legten wir die Strecke bis zu den Wasserfällen in kurzer Zeit zurück und landeten guten Mutes unterhalb eines haushohen Sandsteinblockes am linken Ufer. Der Block benahm uns zwar die Aussicht auf den "Gurung Delapan", beschützte aber unsere Böte vor den seitlich vorbeischiessenden Wassermassen. Während wir beschuhten Europäer nach einiger Übung beim Gehen auf Baumstämmen oder über Flussgeröll noch eine erträgliche Figur bilden, ist es auf einem Terrain wie dem vor uns liegenden um unsere Haltung bald geschehen. Bereits das Verlassen des kiellosen Bootes, das schaukelnd und ächzend zwischen den anderen auf dem bewegten Wasser lag, erforderte Überlegung und Balancierkunst, und gleich der erste Tritt auf dem nassen, runden, glatten Felsblock am Ufer war ein Wagstück. Trotz unserer gut beschlagenen Sohlen wurde uns das Vorwärtskommen über und zwischen diesen glatten Steinmassen sehr schwierig, während die barfüssigen Kajan, schwer belastet, den langen Weg nach oben mit viel Würde und Bedachtsamkeit zurücklegten. Auch die kleinsten Päckchen mussten aus den Böten genommen und über die Felsen bis oberhalb der Wasserfälle getragen werden, so dass es Stunden dauerte, bevor man an den Transport der Böte denken konnte. Mit Rudern und Stangen war in diesem Wasserchaos nichts anzufangen; daher holten die Kajan aus dem Walde lange Stücke Rotang, von der Stärke dicker Taue, und befestigten sie vorn und hinten an den beiden Bootsenden. Die gewandtesten Männer erfassten die Rotangenden, kletterten auf den Felsen, zogen die Böte erst um den schützenden Block herum und dann längs dessen Fusses hin die Fälle hinauf. Sind die Umstände günstig, so riskiert es ein Mann, im Boote zu bleiben, um dessen Anprall an die Felswände zu verhindern. Auf diese Weise wurde ein Boot nach dem anderen um die verschiedenen vorspringenden Felsblöcke bugsiert, ein mühevolles und zeitraubendes Werk. Der Zug der Gepäckträger über die Felsen bot ein lebendiges und belustigendes Schauspiel; denn der Transport so vieler Güter stellte auch an die hoch entwickelte Kletterkunst der Kajan grosse Anforderungen und, sobald Form und Gewicht des Packens ein Tragen auf dem Rücken nicht zuliessen, schwankte der Träger ununterbrochen, und so manches Ausgleiten hatte einen Fall zur Folge. Noch lebhafter und aufregender ging es auf der Wasserseite zu; hier entfalteten die Dajak eine solche Kraft, Umsicht und Fertigkeit, dass auch ein an dergleichen wilde Schauspiele Gewohnter von Bewunderung erfüllt werden musste. Da jeder, durch die Anspannung erregt, dein anderen' über das Gedonner des Wassers hin etwas zuzuschreien versucht, herrscht überall ein scheinbares Durcheinander; in Wirklichkeit weiss aber jeder genau, was er zu tun hat. Das Boot wird durch die beiden Rotangseile in der richtigen Stellung gehalten und prallt nur selten an die Felswände an. Während die erste Gruppe bereits einen neuen Felsblock erklimmt, steht die zweite oft bis über die Mitte im Wasser und hält das hintere Seil straff, um das Boot nicht anstossen zu lassen; dann wird auch dieses Seil nach oben geholt und so geht es langsam weiter. Ein Europäer tut unter solchen Verhältnissen am besten, sich jeder Einmischung zu enthalten und ganz dem Rat der sorgsamen Häuptlinge zu folgen. Bei dem vorhandenen günstigen Wasserstande liess man mich, als die gefährlichsten Stellen überstanden waren, im Boote Platz nehmen. Nachdem wir mit einigen Böten bereits ein gut Stück vorwärts gekommen waren, stand ich einen Augenblick allein in dem meinigen, um die Ankunft der übrigen zu erwarten. Da fing das Wasser plötzlich mit solcher Geschwindigkeit an zu steigen, dass ich allein nicht im stunde war, den einen Rand meines Bootes; der eben noch frei unter einem vorspringenden Felsrand geschaukelt hatte und jetzt unter di