The Project Gutenberg eBook, Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke in Fünf Bänden; Erster Band, by Björnstjerne Björnson, Edited by Julius Elias This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke in Fünf Bänden; Erster Band Author: Björnstjerne Björnson Release Date: July 16, 2004 [eBook #12921] [Updated July 18, 2004] Language: German Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII) ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BJöRNSTJERNE BJöRNSON GESAMMELTE WERKE IN FüNF BäNDEN; ERSTER BAND*** E-text prepared by Juliet Sutherland and Project Gutenberg Distributed Proofreaders BJOERNSTJERNE BJOERNSON GESAMMELTE WERKE IN FUENF BAENDEN EINZIGE AUTORISIERTE DEUTSCHE VOLKSAUSGABE ERSTER BAND GEDICHTE UND ERZAEHLUNGEN HERAUSGEGEBEN VON JULIUS ELIAS 1911 INHALT VORWORT GEDICHTE[1]: [1] Die Gedichte mit B sind von _Max Bamberger_, die mit F sind von _Ludwig Fulda_, die mit Mj sind von _Claere Mjoeen_, die mit Mo sind von _Christian Morgenstern_ und die Gedichte ohne Zeichen sind von _Roman Woerner_ uebersetzt. Nils Finn Lied der Jungfrauen (B) Die Taube (B) Vaterlandsweise (Mo) Ein Lied fuer Norwegen (Mo) Norwegens Antwort auf die Reden im schwedischen Ritterhaus Johan Ludvig Heiberg (B) Das Meer Allein und in Reue Die Prinzessin Vom Monte Pincio (F) Ach, wuesstest du nur! (F) Die Engel des Schlafes (B) Das Maedchen am Strand (F) Heimliche Liebe (Mo) Olav Trygvason (Mo) Seufzer (F) An ein Patenkind Bergliot (Mj) An meine Frau (Mo) In einer schweren Stunde (F) Frida (Mo) An Bergen (Mo) P.A. Munch (Mj) Koenig Friedrich der Siebente (B) Als Norwegen nicht helfen wollte (B) An den Danebrog (Mj) Der Norroenastamm (F) Gesang der Puritaner Jagdlied (B) Taylors Lied Hochzeitslied I. (F) Lektor Thasen Auf einer Reise durch Schweden (Mo) Stelldichein (F) Lied des Studentengesangvereins (Mj) An den Buchhaendler Johann Dahl (Mj) Die Spinnerin (B) Die weisse und die rote Rose In der Jugend (Mj) Das blonde Maedchen (Mo) Mein Monat (Mo) Hochzeitslied II. (F) Norwegisches Seemannslied (Mo) Halfdan Kjerulf (Mj) Vorwaerts (Mo) Wie man sich fand (Mj) Norwegische Natur (F) Ich reiste vorueber Mein Geleit (F) An meinen Vater (F) An Erika Lie (Mj) An Johan Sverdrup (Mj) Das Kind in unsrer Seele (F) Der alte Heltberg Fuer die Verwundeten (Mj) Land in Sicht An H.C. Andersen Bei einer Ehefrau Tode (Mo) An der Bahre des Kirchensaengers A. Reitan (Mj) Das Lied (F) Auf N.F.S. Grundtvigs Tod Aus der Kantate fuer N.F.S. Grundtvig (Mj) Bei einem Fest fuer Ludv. Kr. Daa (B) Nein, wo bleibst du doch? Weckruf an das Freiheitsvolk im Norden--Der "vereinigten Linken" Offne Wasser Freiheitslied--An "die vereinigte Linke" (B) An Molde (Mj) Die reine norwegische Flagge (Mj) An den Missionar Skrefsrud in Santalistan Post festum (B) Romsdalen (Mj) Holger Drachmann (F) Wiedersehen Des Dichters Sendung (B) Psalmen (F) Frage und Antwort Wecklied an die norwegische Schuetzengilde (Mj) Arbeitermarsch (B) Der Zukunft Land (Mj) Ein junges Voelkchen kerngesund (Mj) Norge, Norge (F) Meistern oder gemeistert werden Im Walde (F) Der siebzehnte Mai (Mj) Frederik Hegel (Mj) Unsere Sprache (Mo) In die Sammlung seiner "Gedichte" hat Bjoernson aus den Erzaehlungen und Dramen eine Reihe von Liedern uebernommen, die hier mit den Stellen, wo sie in der vorliegenden Ausgabe zu finden sind, verzeichnet werden sollen: Synnoeves Lied (Mo) Der Fuchs und der Hase (F) Lied der Mutter (Mo) Das Boecklein (Mo) Das Lied vom Schneider Nils (Mo) Venevil (Mo) Ueber die hohen Berge (Mo) Der sonnige Tag (Mo) Ingerid Sletten (Mo) Der Baum (Mo) Der Ton (Mo) Lockruf (B) Abendstimmung (Mo) Marits Lied (B) Lieb' deinen Naechsten Oeyvinds Lied (B) Liebeslied (F) Berglied (F) Die erste Begegnung (F) Morgengruss Vaterlandsweise (Mo) Frederik Hegel (F), Band III. Wann wird es Morgen (Mj), Band III. Kares Lied (Mo) ("Sigurd Slembe"'2, A. III, 1. Sz.), Band IV. Ivar Ingemundsens Lied (ebda.'3 A. II, 1. Sz.), Band IV. Magnus der Blinde (B) (ebda.'3 A. III, 1. Sz.), Band IV. Suende, Tod (Mo) (ebda.'3 A. III, 4. Sz.), Band IV. Sie haben einander gefunden (F) (D. Koenig, 3. Zwischenspiel), Band IV. ERZAEHLUNGEN: Thrond (1856) Die gefaehrliche Freite (1856) Synnoeve Solbakken (1857) Arne (1858) Ein froehlicher Bursch (1859) Der Vater (1859) Das Fischermaedel (1868) * * * * * VORWORT Nicht erst Bjoernstjerne Bjoernsons Heimgang hat den Plan geformt und gereift, sein Werk in gedrungener Ausgabe dem deutschen Volke vorzulegen: vielmehr ist das Unternehmen einem seiner letzten und eigensten Wuensche entsprungen. Am Entwurf noch hat er so eifrig und entschieden mitgearbeitet, wie er alles ergriff, was der Bestaetigung seiner feurigen Persoenlichkeit dienen konnte. Bjoernsons Todestag (26. April 1910) jaehrt sich, da dieses Gegenstueck der volksmaessigen Ibsenausgabe ans Licht tritt, und der Herausgeber kann ein Gefuehl der Wehmut nicht unterdruecken, dass der Dichter die Verwirklichung dessen nicht mehr gesehen hat, was wir gemeinsam ersonnen haben. Die "Gesammelten Werke" sollen nichts anderes als eine Auswahl, allerdings im weitesten Wortsinne, bieten, eine Auswahl, die Bjoernsons Lebensarbeit in ihren wesentlichen und bleibenden Bestandteilen erschoepfend zusammenfasst. Hierdurch unterscheidet sie sich von der bekannten Unternehmung des Langenschen Verlages, die, ohne sich als eine eigentliche Gesamtausgabe zu charakterisieren, Dichtung an Dichtung, Buch an Buch in Einzelbaenden reiht. Der von Bjoernson befuerwortete Gesichtspunkt war: in eine Volksausgabe aus dem gewaltigen Korpus seiner literarischen Wirksamkeit das aufzunehmen, was im kuenstlerischen und geistigen Dasein seiner Nation wie der modernen Voelker ueberhaupt Epoche gemacht hat, mit besonderer Beruecksichtigung der Arbeiten, die in seinem eigenen Leben Epoche machten, d.h. als Dokumente seiner menschlichen und dichterischen Entwicklung gelten koennen. Ein zwiefacher Massstab also: der kulturgeschichtliche und der autobiographische. So ergaben sich auf natuerliche Art drei Gruppen: die Sammlung der "Gedichte", die aus seinem Gesamtwirken geschoepften, unmittelbaren lyrischen Zeugnisse eines Persoenlichkeitswachstums; die grossen und kleinen Erzaehlungen, sowie die beiden weltumspannenden Romane; zehn Schauspiele, die als die wichtigsten Leistungen sowohl seiner romantisch-nationalen Dichtung als auch seiner Gesellschaftsdramatik gelten koennen: sie fuellen zwei Baende aus, waehrend die Gedichte und Prosastuecke in drei Baenden vereinigt werden. Innerhalb dieser einzelnen Abteilungen herrscht eine chronologische Ordnung, die nur einmal unterbrochen wird, um den dritten Band, durch die Verkoppelung der voluminoesen Romane, zum Schaden des stofflichen Gleichgewichts, nicht allzusehr anschwellen zu lassen. Die kuenstlerische Aufgabe, die dieses Werk darbot, haette ohne das verstaendnisvolle Entgegenkommen des Verlages A. Langen kaum erfuellt werden koennen; wir schulden seinen Vertretern nicht geringen Dank: sie haben uns alles zur Verfuegung gestellt, was den Wert und die Fuelle dieser Ausgabe steigern konnte. Die Texte selbst waren den Grundsaetzen der Interpretation unterworfen, die das Ibsenwerk als Massstab gesetzt hat: einen ebenso formkraeftigen, wie sprachlich reinen und alles Charakteristische treu und doch frei wiedergebenden deutschen Ausdruck anzustreben. Ob dies Ziel erreicht ist, unterliegt nicht unserer Entscheidung. Die "Gedichte" gingen ohne wesentliche Aenderungen aus der Langenschen Sammlung in unsere Ausgabe ueber, nur mit dem Unterschied, dass einerseits eine, uebrigens kurze Reihe von Poesien ausgelassen ist, die in engstem Sinne "Gelegenheitsdichtungen" sind, und andrerseits--um doppelten Abdruck zu vermeiden--28 Lieder in der Sammlung selbst unterdrueckt wurden, weil sie spaeter in den Prosastuecken und Dramen als lyrische Intermezzi wiederkehren: nach dem uebersichtlichen Tableau des Inhaltsverzeichnisses zum ersten Bande sind sie unschwer aufzufinden. Als massgebender Originaltext wurde die elfbaendige Volksausgabe "Samlede Vaerker" (Kopenhagen, Gyldendal) bestimmt. Die Uebersetzungen der Prosawerke sind durch eine grundlegende Revision und vielfache stilistische Umformung der aelteren Ausgaben entstanden; hier ist, unter der ruehrigen Mitwirkung von _Elsa Glawe_, _Gertrud J. Klett_ und _Max Bamberger_ eine Arbeit geleistet worden, die als neu und selbstaendig anzusprechen ist. Damit wird das Verdienst zumal Claere Mjoeens, unserer lyrischen Mitarbeiterin, die besonders fuer die vier reichen Baende der "Gesammelten Erzaehlungen" auf der ersten Etappe der deutschen Bjoernsonpropaganda Wesentliches geleistet hat, durchaus nicht beeintraechtigt. Von besonderer Bedeutung wurde es fuer die Neugestaltung der Texte, dass _Ludwig Fulda_ seine feine und starke Verskunst in den Dienst unserer Sache stellte. Von ihm stammen die lyrischen Nachdichtungen in den Erzaehlungen "Arne" und "Das Fischermaedel", soweit die Fassungen nicht durch die Sammlung der "Gedichte" vorgeschrieben waren. Er hat hier und in vielen anderen Winkeln unseres verzweigten Baus ein Interesse bezeugt, so hilfreich und tatkraeftig, dass wir uns ihm zu dauernder Dankbarkeit verpflichtet fuehlen. Von _Ludwig Fulda_ stammt ebenfalls die deutsche Form der lyrischen Zwischenspiele und eingestreuten Lieder im Drama "Der Koenig", waehrend man _Roman Woerner_ fuer die nachschaffende Uebertragung des Versstuecks "Sigurds erste Flucht" ("Sigurd Slembe", 1. Teil) verbunden ist. Die neue und von allen Vorbildern unabhaengige Uebersetzung der zehn Prosadramen hat sich _der Herausgeber_ allein vorbehalten. Er traegt auch die zusammenfassende Studie ueber Bjoernson--das Werk und den Menschen--bei, die im fuenften Bande die Ausgabe abschliesst. Die "Gesammelten Werke" Bjoernsons sollen nicht in die Welt ziehen, ohne dass in dankbarer Gesinnung der wertvollen Unterstuetzung gedacht waere, mit der _Halvdan Koht_, _Kr. Collin_, _W.P. Sommerfeldt_, _Max Bernstein_, _Max Dreyer_ und die Universitaetsbibliothek zu Kristiania in so mancherlei Beziehungen das Werk gefoerdert haben. In der Frage des Korrekturlesens erwies sich, wie so oft schon, _Theodor Poppe_ als taetiger Freund. Berlin, 13. Maerz 1911. Julius Elias. * * * * * GEDICHTE * * * * * NILS FINN (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Und der kleine Nils Finn wollte flugs ueber Land; Doch sein Schneeschuh, der hielt nicht, so oft er ihn band. --"Das ist schlimm!" sagt' es drunten. Nils stiess mit dem Fusse: "Wo bist du denn--du? Verdammter Kobold! nun lass mich in Ruh'!" --"Hi--ho--ha!" sagt' es drunten. "Da siehst du ein Hexenstueck!" schrie Nils und hob Seinen Stab und schlug in den Schnee, dass es stob. --"Hit--li--hu!" sagt' es drunten. Ein Fuss stak im Schnee; mit kraeftigem Zug Riss Nils daran, bis er hintueber schlug. --"Zieh doch fest!" sagt' es drunten. Nils weinte und stampfte und stach und hieb-- Und sank immer tiefer, je toller er's trieb. --"Das ging gut!" sagt' es drunten. Und die Birken, die tanzten, es bogen sich krumm Vor Lachen wohl hundert Tannen ringsum. --"So bekannt?!" sagt' es drunten. Und es lachte der Berg, dass der Schnee nur so flog; Nils ballte die Faust und schwor, dass er log. --"Nun gib acht!" sagt' es drunten. Und der Schneehang gaehnte, der Himmel fiel ein; Nils dachte: nun schluckt er mich auch mit hinein. --"Ist er weg?" sagt' es drunten. Zwei Schneeschuhe ragten und sahen umher, Aber sahen nicht viel; denn da war nichts mehr. --"Wo ist Nils?" sagt' es drunten. LIED DER JUNGFRAU (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Guten Morgen, Sonne in gruenem Laub! Jugend strahlst du dem Schluchtengrunde, Laecheln seinem finstern Munde, Himmelsgold dem Allweltenstaub! Guten Morgen, Sonne auf ragendem Schloss! Lockst seine Jungfraun aus den Hallen; Leuchtsternlein zuende den Herzen allen,-- Klaere das Leid, das der Nacht entspross. Guten Morgen, Sonne am Felsengrat! Licht gib den Fluren, soweit sie sich strecken; Lass deine Waerme sie baden, sich recken Dem Tage entgegen, der dort naht! DIE TAUBE (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Eine Taube sah ich zittern In eines Sturmwirbels Toben; Sie ward von Ungewittern Jaeh ueber die Hochflut gehoben. Ich hoerte sie nicht klagen, Nicht stoehnen und nicht flehen,-- Die Schwingen fuehlt' sie versagen, Da musste sie untergehen. VATERLANDSWEISE (1859) Es reckt sich ein Land in den ewigen Schnee, Von Sagen umrauscht wie vom Donner der See. Wohl traegt es dem Landmann nur kaerglichen Lohn, Doch ist es geliebt, wie die Mutter vom Sohn. Sie nahm auf den Schoss uns, dieweil wir noch klein, Und weihte uns fromm in ihr Sagabuch ein. Wir lasen--. Das Auge ward feucht und gross. Die Alte sass laechelnd und nickte bloss. Wir sprangen zum Fjorde, wir schauten gebannt Den Bautastein, der da seit Urzeiten stand; Sie stand da, noch aelter, und traeumte stumm, Und Steingraeber lagen im Kreis ringsum. Sie nahm bei der Hand uns und fuehrt' uns gemach Zum Steinkirchlein schlicht unters niedrige Dach, Wo demuetig beugten die Vaeter ihr Knie, Und muetterlich sprach sie: tut ihr wie sie! Sie deckte die bergschroffen Haenge mit Schnee, Sie krauste mit Sturmfaust den Spiegel der See, Sie gab ihren Soehnen des Schneeschuhes Hast Und rief ihre Soehne zu Ruder und Mast. Sie rief ihre Toechter in Reih' und in Glied Und hiess sie uns spornen mit Laecheln und Lied. Sie selber hielt auf dem Sagathron Wacht In ihrem Mantel aus Nordlichtpracht. Da scholl ein Vorwaerts durch Norwegen hin In Vaeterzunge, mit Vaetersinn! Fuer Freiheit und nordische Art hurra! Und rings von den Bergen kam's wieder: hurra! Da ging der Begeistrung Lawine zu Tal, Da straffte sich jegliche Sehne zu Stahl, Da stand ueber Gipfeln ein flammendes Haupt, Des Blick uns nun ewig die Ruhe raubt. EIN LIED FUER NORWEGEN (1859) Ja, wir lieben diese Feste, Wie sie, flutbedraeut, Ihrer Berge Stamm und Aeste Wind und Wolken beut. Lieben ihre tausend Huetten, Ihres Meeres Zorn, Und, den kein Meer kann verschuetten, Ihrer Saga Born. Harald hat ihr Volk verflochten, Dass kein Feind sie zwang, Hakon hat fuer sie gefochten, Waehrend Oejvind sang. Olav malt' auf ihre harte Stirn ein Kreuz von Blut, Sverre brach von ihrer Warte Romas Uebermut. Bauern ihre Aexte schliffen, Wo ein Feind sich wies; Tordenskjold mit seinen Schiffen Ihn wie Spreu zerblies. Weiber sah man kuehn sich einen Mit der Maenner Hauf; Andre konnten nichts als weinen; Doch die Saat ging auf! Waren unser auch nicht viele, Waren doch genug, Als das Land stand auf dem Spiele, Da die Stunde schlug. Lieber mocht's in Flammen stehen, Eh' es kam zu Fall; Denkt nur dessen, was geschehen Einst in Fredrikshall! Tragen galt es Not und Plage, Gott verstiess uns ganz; Doch in schlimmster Drangsal Tage Glomm der Freiheit Glanz. Das gab Kraft fuer alles Schwere, Hunger, Krieg und Pest, Gab dem Tod selbst seine Ehre-- Und dem Zwist den Rest. Unser Feind zerbrach den Degen, Auf fuhr das Visier: Brueder flogen sich entgegen; Denn das waren wir! Schamrot eilten wir hernieder Uebern Oeresund: Und da schlossen wir, _drei Brueder_, Einen ewigen Bund. Volk Norwegens, deinem Gotte Dank' in Huett' und Haus! Liess dich werden nicht zum Spotte, Sah's auch duester aus. Muettersorgen, Vaeterstreiten, Durch Geschlechter hin, Wusst' Er still zum Ziel zu leiten: Unsres Rechts Gewinn. Ja, wir lieben diese Feste, Wie sie, flutbedraeut, Ihrer Berge Stamm und Aeste Wind und Wolken beut. Und wie Vaeterkampf beschieden, Freiheit ihr und Macht, Ziehn auch wir fuer ihren Frieden, Wenn es gilt, auf Wacht. NORWEGENS ANTWORT (auf die Reden im schwedischen Ritterhaus 1860) Hoerst, jung Norge, du mit Schweigen, Was der Schwede sagt? Siehst du's aus der Tiefe steigen, Wo der Grenzfels ragt? Schatten sind's gefallner Ahnen, Die da winken, die da mahnen, Wenn der Hohn den Streit entfacht, Die da fordern treue Wacht. Hoer' den Schweden, hoer' ihn grollen: Norges Flaggenrot, Das aus Wunden reich gequollen Einst bei Magnus' Tod; Das ob Haldens Zinnen schwebte, Adlers Kraft zum Sieg belebte,-- Durch dies Rot im Flaggenfeld Sei sein Blau und Gelb entstellt. Hoer' den Schweden: nichtig seien Norges Ruhm und Glanz; Ehre sollten wir entleihen Seinem Strahlenkranz. Ruhmlos, eignen Herd zu schuetzen! Ziehn wir denn hinab nach Luetzen, Schleppen auch im Wanderschritt Urahns alten Armstuhl mit. Lasst ihn stehn. Der "duerftige Krempel" Wird von uns verehrt; Seines Alters wuerdiger Stempel Macht ihn doppelt wert. Drinnen sass durch lange Zeiten Mancher, gross in Rat und Streiten,-- Sverre und sein Heldenschlag,-- Der wohl hier noch spuken mag. Hoert den Schweden: nur _sein_ Ringen Haette uns befreit, Beissen koennten Schwedenklingen Noch in heutiger Zeit! Duenkt uns das wohl sehr gefaehrlich? Vorsicht raten wir ihm ehrlich; Will er sprengen unser Tor, Fallen einige zuvor. Hoert doch nur: wir waren Knaben, Ihm gehorsam-still Mit der Schleppe nachzutraben Stets, wohin er will. Hei, was sagten wohl dem Kecken Christie und die alten Recken, Stuenden die, das Schwert gewetzt, Noch beim Werk auf Ejdsvold jetzt? Gross war Schweden oft im Prahlen, Wir, wir waren klein; Galt's mit Eisen zu bezahlen-- Nun, wir hieben drein. Wessel und Norwegens Knaben, In dem Kutter nur, die haben Schwedens Flaggschiff unverzagt Uebers Kattegatt gejagt. Lasst den Schwedenadel schwingen Karls des Zwoelften Hut! Mit ihm raten, mit ihm ringen Wir, ihm gleich an Mut. Will er Streit vom Zaune brechen, Wird ein Torgny fuer uns sprechen--: Einst dann ueberm Norden loht Unsrer Flagge Freiheitsrot. JOHAN LUDVIG HEIBERG (1860) Nun geleiten sie zum Grabe Ihn, den alten, muntren Gaertner; Nun gehn Kinder mit der Gabe, Die sein eigen Beet ihm zog. Nun steht jener Garten offen, Drin er unterm Baum gesessen; Nun sucht unser Blick betroffen, Ob er dort nicht fuerder sitzt. Leer der Platz. Im schwarzen Kleide Wandelt eine Frau jetzt einsam Dort umher in stillem Leide, Wo sein helles Lachen klang. Die als Kind erstaunt, voll Sehnen Durch das Gitter draussen blickte, Dankt mit grossen, schweren Traenen Nun, dass ihr der Einlass ward: Maerchen-, Saga-, Geistesflammen Rauschten um ihn her im Laube; Leise schwebt sie, sucht zusammen Jeden Funken fuer ihr Weh. Einstmals drang er fern zur Weite, Dieser alte Herr, der muntre; Wer gelauscht an seiner Seite, Hat so manches wohl gelernt. Denn ihn fuehrten Leben, Schriften Auf zu dem, was wenige schauen; Kaum ein Platz in Geistestriften, Der nicht seine Spuren weist. Schutz war er in Mannesjahren Allem Grossen, allem Schoenen, Und den stillen Sternenscharen Folgt' er dann im Gang zu Gott. Denkt ihr noch, die alt nun worden, Wie die "Neujahrs"-Glocken droehnten? Wie sie Kaempfer rings im Norden Sammelten der grossen Zeit? Denkt ihr noch an ihn, der sprengte Frisch voraus mit hellem Hornruf Und das Niedre abseits draengte, Dass dem Grossen frei die Bahn? Kinder, Faunen als Begleiter,-- Lachen, Geistesspiel und Traenen,-- Hinter ihm der Freiheit Scheiter, Langsam aus sich selbst entflammt. Worten kam der Ruhe Segen, Toenen kam der Herzensfrieden; Maechtig fuhr es allerwegen Durch das Land wie Ahnungschor. Schutz war er in Mannesjahren Allem Grossen, allem Schoenen, Und den stillen Sternenscharen Folgt' er dann im Gang zu Gott, Oder ging in Nordens Garten, Wie ein alter, muntrer Gaertner, Saat der Ewigkeit zu warten, Die des Volkes Lenz ihm gab. Bald voll Ernst und bald voll Laune, Pflanzte er und rueckte hoeher,-- Sass dann abends, wo die braune Buche gab der Seele Licht. Nun steht jener Garten offen, Drin er unterm Baum gesessen, Nun sucht unser Blick betroffen, Ob er dort nicht fuerder sitzt. DAS MEER (Aus "Arnljot Gelline") Meerwaerts verlangt es mich, ja zum Meere, Das fern dort ruhsam rollet in Hoheit. Nebelgebirge, lastende, tragend, Wandert es ewig sich selbst entgegen. Lind senkt sich der Himmel, hell ruft die Kueste, Es kann nicht weilen, es kann nicht weichen. Klagend waelzet es seine Sehnsucht In Sommernaechten, in Winterstuermen. Zum Meere verlangt mich, ja zum Meere, Das fern dort erhebet die kalte Stirne. Siehe, die Welt wirft darauf ihren Schatten Und spiegelt fluesternd hinab ihren Jammer. Aber warm und lichtsanft streichelt's die Sonne Und spricht ihm munter von Lebensfreuden. Eisig, schwermuetig-ruhig doch immer Versenkt es den Trost und versenkt es die Trauer. Der Vollmond saugt--, der Sturm reisst es an sich, Doch kein Griff packt, und die Wasser stroemen. Hinabwirbelt Tiefland, Berge hinschmelzen: Zeitlos bespuelt es der Ewigkeit Ufer. Was es erfasst, geht mit ihm die Wege; Was einmal sinket, das steiget nimmer. Kein Bote naht, kein Schrei wird vernommen, Und der Wogen Sprache kann niemand deuten. Zum Meer hinaus, weit hinaus zum Meere, Das Versoehnung nicht kennt eines Wellenschlags Dauer! Allem, was seufzet, ist es Erloeser, Doch weiter schleppt es das eigne Raetsel. Fuehl' seinen seltsamen Pakt mit dem Tode: Ihm alles zu geben--sich selbst nur nimmer. Mich fuehrt, o Meer, deine grosse Schwermut Und streift zu Boden die matten Plaene Und laesst entfliegen die bangen Wuensche: Dein kalter Atem kuehle die Brust mir! Und der Tod mag folgen, auf Beute lauern: Wir wuerfeln ums Leben noch ein Weilchen! Noch reiss' ich Stunden weg deiner Raublust, Unterm Drohblick des Zornes die Flut durchschneidend, Du sollst nur bauschig fuellen mein Segel Mit deinen sausenden Todesorkanen, Nur eilender trage der Woge Rasen Mein kleines Fahrzeug zu stillen Wassern. Ob einsam und duester auch am Steuer, Verlassen von allen, gestundet vom Tode, Wenn fremde Segel von ferne winken Und andere naechtens vorbei mir streichen: Den Unterton zu belauschen der Stroemung --Des Meeres Seufzer, wenn Atem es holet-- Und der Welle Kleingang gen das Gebaelke --Des Meeres Zeitvertreib in der Schwermut. Da spuelen die Wuensche langsam hinueber In der Allnatur meerestiefe Schmerzen, Und der Nacht und des Wassers rauher Anhauch Ruestet fuers Reich des Todes die Seele. Dann kommt der Tag! Und in weiten Bogen Aufspringt der Mut zum Lichte, zur Woelbung Das Schifflein schnauft und legt seine Seite Mit Wollust hinab in die kalten Wogen, Und der Bursch erklettert den Mast mit Singen, Das Segel zu richten, auf dass es schwelle, Und die Gedanken, wie muede Voegel, Doch ruhlosen Fluges, umschwaermen die Raaen... Ja, ja, zum Meere! Dahin zog Vikar! Gleich ihm zu segeln, gleich ihm zu sinken Im Vordersteven fuer Koenig Olav! Mit dem Kiel zerteilen das kalte Bedenken, Doch Hoffnung haschen vom leisesten Lueftchen. Mit des Todes Finger hinten am Steuer, Mit des Himmels Klarheit vorn ueber den Bahnen! Und dann einmal, in der letzten Stunde, Zu fuehlen, die Naegel loesen sich langsam, Und es drueckt der Tod auf das Plankengefuege, Dass vom Kiel die erloesende Flut heraufschwillt! Dann hingestreckt in den feuchten Segeln Und still hinueber ins ewige Schweigen.-- In grossen, mondscheinklaren Naechten Strandwaerts roll' meinen Namen die Woge! ALLEIN UND IN REUE (An einen abgeschiedenen Freund) Ich hab' einen Freund, im Grauen der Nacht Hoer' ich oft seinen Gruss: Gott mit dir! Wenn die Lichter sterben, mein Sinn nur wacht, Dann tritt er am liebsten zu mir. Er hat kein Wort, das mich kraenken will, Denn er selbst kennt Suende und Leid. Er heilt mit Blicken und wartet still, Bis ich ausgekaempft meinen Streit. Und schafft mir Kummer, was ich getan, So bekennt er sich selbst dazu. Er fasst meinen Glauben so handweich an, Und bringt den Schmerz zur Ruh. Stieg jubelnd die Hoffnung--er folgte ihr, Und verzagte nicht, wenn sie sank. Jetzt wieder--mild steht er neben mir--: Mein Aufschwung werde sein Dank! DIE PRINZESSIN Prinzesschen sass hoch in der Jungfernbastei, Ein Buerschlein ging unten und blies die Schalmei. "Du Kleiner, was blaest du am Abend?--sei still! Das haelt meine Seele, die fortfliegen will Mit der Sonne dort." Prinzesschen sass hoch in der Jungfernbastei, Das Buerschlein blies laenger nicht auf der Schalmei. "Du Kleiner, so blase, was schweigst du denn still? Das traegt meine Seele, die fortfliegen will Mit der Sonne dort." Prinzesschen sass hoch in der Jungfernbastei, Das Buerschlein nun wiederum blies die Schalmei. Sie weint in den Abend und seufzet vor Qual: "O sagt doch, was fehlt mir?--Mit einem Mal Ist die Sonne fort." VOM MONTE PINCIO Der Abend bricht an, die Sonne steht rot, Von Strahlen entlodert der Himmelsbogen; Lichtsehnender Glanz in unendlichen Wogen Verklaert das Gebirg' wie ein Antlitz im Tod. Es flammen die Kuppeln; doch mehr im weiten Die Nebel, die schwarzblaue Felder umbreiten, Ruhn drueber gleichwie das Vergessen zuvor: Dies Tal deckt tausendjaehriger Flor. Abend so rot und warm, Laermenden Volkes Schwarm, Glutende Hornmusik, Blumen und Feuerblick!-- Rings stehen in stummen Marmor gebannte Heroen der Vorzeit, kaum gekannte. Wie Opferdampf in erroetender Luft Hat Vespergelaeut' die Schwingen entfaltet; Die heilige Daemmrung der Kirchen waltet, Gebete zittern in Wort und in Duft. Hell gluehn die Sabiner, die lichtumflirrten, Es blitzt die Campagna von Feuern der Hirten, Und Romas Lichter, sie glitzern sacht Wie Sagen durch der Geschichte Nacht. In den Daemmerschein Steigen Raketen hinein;-- Froehlicher Menschen viel Lachen beim Morraspiel, Und jeder Gedanke versucht in Toenen Und Farben sich mit dem All zu versoehnen. Das Licht unterlag in lautlosem Kampf; Es woelbt sich der Himmel in stahlblauem Dunkel, Entlockt seinen Tiefen der Sterne Gefunkel, Die Erde versinkt in Nebel und Dampf. Nun wendet sich stadtwaerts der Augen Flug: Dort naht mit Fackeln ein Leichenzug; Er sucht die Nacht; doch der Lichtglanz mag Ihm Hoffnungen zuwehn vom ewigen Tag. Zechen und Moenchsgesang, Tanz, Mandolinenklang Werden betaeubt zugleich Kraeftig vom Zapfenstreich;-- Durch pochender Traeume lebendiges Schwanken Mitschimmert das Taglicht im Gedanken. Still wird es; der Himmel, noch dunkeler blau, Laesst unter seinen unendlichen Raeumen Sowohl von Vergangnem wie Kuenftigem traeumen-- Unsicheres Blinken im bruetenden Grau. Doch geben wird Roma das Flammenzeichen, Weit sichtbar rings in Italiens Reichen: Mit Glockengelaeut' und Kanonengedroehn Aufschwebt die Erinnrung zu neuen Hoehn!-- Koestlich tut Saengermund Hoffnung und Glauben kund, Bringt einem jungen Paar Staendchen zur Laute dar. Die staerkere Sehnsucht ruht suess im Hafen;-- Die mindere laechelt und will nicht schlafen. ACH, WUESSTEST DU NUR! Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun, Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun; Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen, Muss immer dort auf und nieder gehen. Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur! Ach, wuesstest du nur! Als festgewurzelt ich Wache hier stand, Hast oft du sproede dich abgewandt; Doch seit ich seltner den Weg genommen, Nun duenkt mich, du wartest auf mein Kommen. Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur; Weh dem, der ihren Zauber erfuhr! Ach, wuesstest du nur! Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht, Dass ich hier unten ersann ein Gedicht, Das just auf Fluegeln wollte gelangen Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen! Doch hoerst du ihn nie, den verstohlenen Schwur. Leb' wohl; dir laechle des Glueckes Azur! Ach, wuesstest du nur! DIE ENGEL DES SCHLAFES Als rosig das Kind In Schlummer fiel, Nahten ihm Engel Mit Lachen und Spiel. Und die Mutter stand vor ihm, als es erwachte: "Wie schoen mein Kleines im Schlafe lachte!". Zu Gott ging sie bald, Weg gab man das Kind; Einschlief's in der Fremde, Vom Weinen schier blind; Doch Kosen und Mutterwort hellten die Raeume: Denn die Engel lachten ihm kindliche Traeume. Heran waechst das Kind, Die Traene erstarrt; Einschlaeft's mit Gedanken; Die lasten so hart! Doch nicht weichen die Engel, sie scheuchen die Sorgen: "Schlafe! Im Frieden des Schlafs geborgen!" DAS MAEDCHEN AM STRAND Sie ging am Strande so jung dahin, Sie dachte an nichts in ihrem Sinn. Da kam ein Maler geschritten heran, Der im Schatten sodann, In des Meeres Bann, Den Strand und sie zu malen begann. Langsamer im Kreise ging sie dahin; Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn: Sie dacht' an das Bild auf der Leinewand, Wo sie selber stand, Sie selber am Strand, Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand. Es trieb, es zog ein Traum sie dahin; Sie dachte an vieles in ihrem Sinn: Weit, weit uebers Meer und doch so nah Zum Strand, den sie sah, Zum Mann allda-- Ei, was fuer ein sonniges Wunder geschah! HEIMLICHE LIEBE Er sass im Winkel allein; Sie schwang sich lustig im Reihn. Sie scherzte, sie lachte Mit einem, mit zwein... O, dass sie ihm das tun musste! Doch niemand war, der davon wusste. Sie hofft' auf den Abend ein Wort. Er sagte Lebwohl und--ging fort. Sie weinten, ein jedes, Sie hier und er dort, Ob eines Lebens Verluste. Doch niemand war, der davon wusste. Er sah von der Erde ein Stueck. Doch Heimweh trieb ihn zurueck.-- Sein Bild war geblieben Ihr einziges Glueck, Bis dass sie zu Gott gehen musste. Doch niemand war, der davon wusste. OLAV TRYGVASON Weiss von Segeln die Nordsee blitzt; Hoch am Steuer im Morgen sitzt Erling Skjalgsson von Sole,-- Spaeht uebers Meer gen Daenemark: Wo bleibt Olav Trygvason? Sechsundfuenfzig fuellten den Plan, Harrende Drachen; gen Daenemark sahn Sonnbraune Mannen;--da scholl es: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?" Doch als beim nahenden Morgengraun Noch kein Mast am Himmel zu schaun, Schwoll der Ruf wie ein Sturm an: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?" Stille, stille zur selben Stund Alle standen: von Meeres Grund Stieg's empor wie ein Seufzen: "Laengst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason." Alle hundert Jahre seither Raunt um Norwegens Schiffe das Meer Dumpf in mondigen Naechten: "Laengst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason." SEUFZER Abendsonnenfunkeln Nie durch meine Scheiben bricht, Auch die Morgensonne nicht;-- Stets bin ich im Dunkeln. Sonne, sprich, wann gleitet In die Kammer mir dein Schein? Faellt kein Strahl ins Herz hinein, Das im Finstern streitet? Meinem Kindersehnen, Morgensonne, bist du gleich; Wenn du spielst so rein und weich, Quellen mir die Traenen. Abendsonnenfrieden, Ach, du gleichst des Weisen Ruh; Meinem Fensterlein wirst du Kuenftig sein beschieden. Morgensonnenklingen, Ach, du bist die Phantasie, Die der Welt Verklaerung lieh. Koennt' ich dich erringen! Abendsonnenmilde, Du bist mehr als Weisheitsruh', Christenglaube bist mir du: Leucht' auf mein Gefilde! AN EIN PATENKIND (1861) Mit einem Album von Bildnissen aller derer, die in seiner Geburtsstunde die Gedanken formten in der Welt des Geistes und der Politik. Hier beschau' dir die Konstellation im Bilde-- Unter ihr ist dein Lichtlein erglueht!-- Die Sternenschar, die im Himmelsgefilde Des Gedankens nun strahlet und sprueht. Was kuenden sie dir? Wir wissen es nicht. Deinem Weg, dem noch dunklen, vorleuchtet ihr Licht, Deiner harrend, ihr Geistesglanz nimmt dich in Pflicht.-- Erst lass sie dich fuehren, Doch trenne dich dann,-- Musst tasten und spueren Dich selber voran. BERGLIOT (In der Herberge) Nun wird Koenig Harald Wohl Tingfrieden geben; Denn Ejnar sammelte Fuenfhundert Bauern. Die Burg umschliesset Ejndride, der Juengling, Dieweil sein Vater Redet zum Koenig. Nun hoffe ich, Harald Bedenkt, dass Ejnar Zween Koenige schon Fuer Norge gekueret-- Und schenkt uns Versoehnung Auf Grund der Gesetze; So war sein Geluebde, Heiss wuenscht es das Volk. Wie auf den Wegen Sandwolken stieben, Und Laerm wacht auf!-- Schau' nach, mein Knappe. --Es war wohl der Wind nur! Denn unwirtlich ist's hier Am offnen Fjord In den niedren Bergen. Seit frueher Kindheit Kenn' ich die Staette; Der Wind hetzt die grimmen Hunde hierher. --Doch tausendstimmig Entfacht sich Getoese, Durch Stahlklang wachsend Zu kampfroter Flamme. Ja, das ist Schildlaerm! Und sieh, welch Staubmeer, Speerwogen turmhoch Um Tambarskelve. In Not ist Ejnar!-- Treuloser Harald. Deinem Tingfried entsteigen Die Totenvoegel. Fahrt zu mit dem Wagen. Ich muss zum Kampfe,-- Jetzt muessig sitzen,-- Nicht um das Leben! (Auf dem Wege) O Bauern, bergt ihn In schirmendem Kreise! Ejndride, nun schuetze Den alten Vater! Baut ihm eine Schildburg Und reicht ihm den Bogen; Mit Ejnars Pfeilen Pfluegt ja der Tod! Und du, Sankt Olav! O denk deines Sohnes, Und bitte fuer Ejnar In Gimles Hallen. (Naeher) Kampflose Mengen-- ... In wirrem Draengen... Gleich Wellen, Den schnellen, Zum Strande nun fliehn Mit bebenden Knien Und starren zurueck. Verliess uns das Glueck? Mit trauernden Zeichen Halten die Scharen; Sie pflanzen die Lanzen Im Kreis um zwei Leichen. Und Harald darf fahren? Welch dumpfes Gedraenge Beim Tinghause dort! Stumm wendet die Menge Sich schaudernd fort. _Wo ist Ejndride!_---- Angstvolle Blicke, Wohin ich sehe, Wollen mich meiden... Nun weiss ich's, wehe, Tot sind die beiden. ----Platz. Ich muss sehen. Weh mir, sie sind es. Konnt' es geschehen? Ja, sie sind es. Gefallen ist Nordens Herrlichster Helde, Norriges bester Bogen zerbarst. Gefallen ist Ejnar Tambarskelve, Der Sohn ihm zur Seite,-- Ejndride. Ermordet im Finstern, Er, der dem Magnus Mehr als ein Vater, Knuds, des Reichen, Soehnen ein Freund. Meuchlings ermordet Der Schuetze von Svolder, Der springende Loewe Der Lyrskogheide. Tueckisch geschlachtet Der Bauern Haeuptling, Der Troender Heide Tambarskelve. Mit weissen Haaren Den Hunden zur Beute,-- Der Sohn ihm zur Seite, Ejndride! Auf, auf, ihr Bauern, er ist gefallen. Doch er, der ihn faellte, er lebt. Kennt ihr mich nicht? Bergliot, Tochter des Hakon von Hjoerungavaag: Nun bin ich Tambarskelves Witwe. Euch rufe ich an, Heerbauern, Mein greiser Mann ist gefallen. Seht, seht, hier ist Blut auf dem bleichen Haar. Auf euer Haupt moeg' es kommen, Wenn es erkaltet, eh' ihr es raecht. Auf, auf, Kriegsheer, es fiel euer Feldherr, Euer Stolz, euer Vater, eurer Kinder Wonne, Eurer Kinder Maerchen, eures Landes Held,-- Hier liegt er, gefallen. Und ihr wolltet ihn nicht raechen? Meuchlings ermordet, im Koenigshause, Im Tinghaus, dem Hause des Rechtes ermordet, Ermordet vom obersten Manne des Rechts! Des Himmels Blitz zermalme das Land, Laeutert sich's nicht in der Lohe der Rache! Stosst die Langschiffe ab! Ejnars neun Langschiffe liegen ja hier, Lasst sie die Rache zu Harald tragen. O stuendest du hier, Hakon Ivarson, Stuendest hier auf der Hoehe, mein Blutsfreund, Nicht erreichte den Fjord dann Ejnars Moerder,-- Nicht muesst' zu euch, Feigen, ich flehn! O Bauern, hoert mich, mein Mann ist gefallen, Meines Denkens Hochsitz durch fuenfzig Jahre! Zermalmt, zerbrochen, und ihm zur Seite Der einzige Sohn, ach! all unser Hoffen! Leer ist es nun zwischen diesen zwei Armen-- Kann ich betend sie je noch erheben? Wohin auf Erden soll ich mich wenden? Zieh' ich von hinnen zu fremden Staetten,-- Sehn' ich mich heim, wo wir beide gewandelt. Aber wende ich mich heimwaerts,-- Ach! sie selbst vermisse ich dann. Odin in Walhall darf ich nicht suchen; Den verliess ich ja schon in der Kindheit. Und der neue Gott in Gimle?---- Der hat mir ja alles genommen! Rache?--Wer spricht von Rache?-- Kann Rache meine Toten erwecken? Kann sie mich waermen, wenn froestelnd ich bebe? Gibt sie mir traulichen Witwensitz, Trost einer Mutter ohne Kind? Geht mit eurer Rache! Lasst mich in Frieden! Legt ihn auf den Wagen, ihn und den Sohn, Kommt, wir geleiten sie heim. Der neue Gott in Gimle, der fuerchterliche, der alles nahm, Lasst ihn auch Rache nehmen; denn die versteht er, Fahrt langsam! Denn so fuhr auch Ejnar immer,-- Und wir kommen frueh genug heim. Nicht springen die Hunde heut freudig herbei,-- Sie winseln und heulen mit haengendem Schwanz. Im Stalle spitzen die Pferde die Ohren, Froh der Stalltuer entgegenwiehernd, Lauschend auf Ejndrides Stimme. Doch nimmer ertoent sie mehr,-- Und nimmermehr Ejnars Schritt im Flur, Der allen kuendet: steht auf, ihr Leute, Jetzt kommt euer Haeuptling! Die grossen Stuben will ich schliessen, Fortschicken all unsre Leute; Vieh und Pferde will ich verkaufen, Von hinnen ziehn und einsam leben. Fahrt langsam! Denn wir kommen frueh genug heim. AN MEINE FRAU (Mit einem Satz roemischer Perlen) Nimm diese Perlen!--als spaeten Reim Auf die, so geschmueckt einst mein Jugendheim! Der tausend Stunden stilles Glueck, Da du drin geatmet, es blieb zurueck Ein Haufe Perlen schimmernd hell, Die der junge Gesell Um die Brust sich hing Und ums Haupt sich band-- Dass aller Welt zu lesen stand, Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing: Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand! IN EINER SCHWEREN STUNDE Wohl dem, der ernster Faehrnis Dankt seiner Kraft Bewaehrnis: Je ferner das Ziel, Desto schwerer das Spiel, Doch herrlicher auch das Gelingen! Zerbricht dein Stab in Stuecke, Und wird aus Freundschaft Tuecke, Ei, das geschieht, Damit man sieht, Du brauchest keine Kruecke. Wen Gott auf Erden Allein gestellt, Dem wird er selbst zur Stuetze werden. FRIDA [Symbol: gestorben] Frida, ich wusste, du wolltest nicht leben. Blossen Gedanken schon war es gegeben, Dich zu entgeistern, als waeren in ihnen Engel erschienen. Wie deine Augen, die staunenden, klaren, Fern dann und fremd allem Irdischen waren: Da wuchs die Schwinge, die nach deinen Tagen Fort dich getragen. Sprachest du, fragtest du, ward mir oft bange; War's doch, als ob Blick und Stimme verlange, Dir einen Schatz der Erkenntnis zu zeigen, Der mir nicht eigen. Sprangst du, wie eben der Schulbank entronnen, Flog dein Gelock wie ein wehender Bronnen; Lachtest du, tat sich der Himmel auf, strahlend Ueber dein Strahlen. Oder wie konntest du bitter dich graemen! Alles zerfloss gleich zu Schatten und Schemen, Chaos ward, wie vor des Ewigen Werde, Himmel und Erde. Da, o, da sah ich: dein Glueck, deine Schmerzen Fanden nicht Raum mehr im irdischen Herzen. _Dort_ winkte Weite!--Doch _hier_ blieb ein Schweigen Wunderlich eigen. AN BERGEN Wie du dasitzt stumm, Hochgebirg ringsum, Meer um deinen Fuss und vor dir deine Schaeren, Sinnest du wohl auf Saga, deren Lauf Noch einmal die Welt erstaunen soll! Stadt, dir selber treu, Bergen, "niemals neu", Unverwuestlich, echt, wie deines _Holberg_ Laune. Vormals Koenigswacht, Spaeter Handelsmacht, Sitz sodann des ersten Freiheittings! Wie die Sonne oft Hell und unverhofft Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier, Kamst du uns mit Rat Oder rascher Tat, Wann uns Nacht am dunkelsten umfing. Tief aus Volkesgrund, Witzig, kerngesund, Sprossten da Gedanken, stand uns eine Kunst auf, Trotzig, blaugeaeugt, An der Brust gesaeugt Deiner duestern, maechtigen Natur. Deine Berge kahl Malte unser _Dahl_, Traeumend wandelte an deinem Strand _Welhaven_, Und auf deiner Flut Kreuzte hochgemut _Ole Bull_ vor Flaggen aller Welt. Deine Nordsee wacht Treulich deiner Macht, Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern, Stroemst du Glueck in dein Nordisch Land hinein,-- Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich! P.A. MUNCH [Symbol: gestorben] (1863) Viele Formen hat das Grosse. Er, der von uns ging, er trug es, Wie wir einen Zweifel tragen, Der den Schlaf uns raubt, doch endlich Offenbarung uns gewaehret,-- Wie ein hoeheres Sehvermoegen Leidend ueber Unsichtbares,-- Einen Flug durch schwere Arbeit Vom Gedachten zum Gewissen, Vom Gewissen zum Geahnten, Der in ruhelosem Draengen, Gotterfuellt und ewig wechselnd Unsre Welt im Sturm durchkreuzet, Ihrer Zweifel und Gedanken Last ihr von den Schultern nehmend, Und sie abwirft, und sie aufhebt, Nimmer matt--doch ewig rastlos. Still! Nur ein einziger Zufluchtsort Wusste ihn sanft zu versoehnen: Seiner Familie lichtmilder Hort, Schmeichelnd in Farben und Toenen. Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel Unter der Birken Schleier Mitten in duftender Blumen Gewuehl Ein in des Walddomes Feier,-- Kamen die Toechter dann lieblich und leis In ihrer Unschuld Klarheit, Faechelten Kuehlung der Stirne heiss, Sprachen von kindlicher Wahrheit,-- War er bald mitten in Spiel und Lied Zaertlich von Toenen umfangen, Wolken zerrannen, und hoch im Zenit Jubelnd Millionen sangen. Doch wie in des Herbstes stiller, Traumhaft schwerer Abenddaemmrung Wetterleuchten die Gedanken Schreckhaft auf Gewitter lenket,-- Oder wie ein Schlag im Boote, Das in stiller zarter Mainacht Schlaefrig zwischen Felsen gleitet,-- Nur ein einziges leises Plaetschern,-- Doch das Echo jagt es weiter, Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn, Lauschend hebt das Reh sein Koepfchen, Steine rollen, wach wird alles: Hunde heulen, Glocken gellen, Weckend all des Tages Laermen,-- Also koennt' ihm ein Erinnern, Daunweich nur im Spiel gefallen, Wecken der Gedanken Heerschar. Und dann jagte es durchs Weltall, Und dann flammt's in seiner Seele, Doch es ward zu Licht fuer andre. Rassenursprung, Wortverzweigung, Namenquell, Gesetzverwandtschaft, Gross und Klein in gleichen Qualen, Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele. Wo nur Steine andre sahen, Sah er's glitzern, sah er's funkeln, Sprengte er den Schacht zum Bergwerk. Und wo andre vor dem sichern Funde des Jahrhunderts standen, Griff ihn Zweifel, und er wuehlte Tag und Naechte bis zum Grunde, Grub--und sah den Fund versinken. Doch es liess sein rastlos Wollen, Das so vielen Kraft gespendet, Oftmals uebers Ziel ihn schiessen. Klarheit, die er aendern schenkte, Trog ihn selbst als neue Ahnung. Darum: wo er schon gewesen, Kehrte er nur ungern wieder. Stoff so oft wie Arbeit wechselnd, Floh er vor dem eignen Denken. Das Gedachte aber hielt ihn, Folgte, wuchs gleich einem Brande, In Brasiliens Wald geschleudert, Prasselnd vor der Windsbraut fliehend. Wo kein Menschenfuss gegangen, Frass sich's Weg fuer Millionen. Nordens Reich streckt seinen Busen In des Eismeers frostige Nebel, Finsternis der Wintermonde Lastet schwer auf Meer und Bergen. Und den Landen gleich, erstreckt sich Auch des Volkes tiefste Wurzel Weit hinein in Nacht und Nebel. Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm, Doch wie Nordlicht durch Polarnacht Blinkte leuchtend sein Gedanke. Zaertlich wie nach seines Vaters Angedenken frug er eifrig, Forschend nach des Volkes Wegen. Namen, Graeber, rostige Waffen, Steine brachten ihm die Antwort. Ueber Asiens Urwaldberge, Wuestensand und oede Steppen Sah er Karawanenspuren Unterm Moder von Aeonen Heimatsuchend nordwaerts deuten. Wie einst sie den Fluessen folgten, Folgte ihnen all sein Denken, Das so reich ins Weltall stroemte.-- Sieh, es war ja nur Versoehnung, Was sein rastlos Schaffen wollte, Doch die fand er nicht;--statt dessen Fand er neue Wunderdinge, --Ganz wie jene Alchymisten, Die im Suchen nach dem Golde Zwar nicht Gold, doch Kraefte fanden, Die noch heut die Welt bewegen. Tief im Grunde barg sein Wesen Eine Kraft des Gegensatzes, So dass Toene, angeschlagen Von des Nordens hehrer Saga, Mild harmonisch weiterklangen In der Sehnsucht nach dem _Sueden_. Und es war des Auges Flamme, Des Gedankens Blitz verwandt dem Feuer des Improvisators In dem heissen Land der Trauben. Und sein leichter Stimmungswechsel Und der Feuergeist, der Frondienst Tat den lieben langen Winter, Doch die Frucht oft spielend wegwarf,-- Jener unermessene Reichtum, Drin Gedanken, Launen, Toene, Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn Unaufhoerlich glitzernd spielten,-- Das war wie ein Tag im Sueden. Eine Reise war sein Leben Unaufhaltsam drum gen Sueden, Durch das Nebelland des Ahnens, Aus dem Dunkeln in das Klare, Aus dem Kalten in das Warme,-- Und sein Wirken war die Bruecke Ueber Berg und Meeresstroemung. ----O, und dann des Glueckes Stunde, Da mit Weib und Spielgefaehrten, Seinen kindlich frischen Toechtern, Er dort stand, wo Abendsonne Kapitol und Forum gruesste,-- Wo aus tiefem Grund der Weltstadt Weisheit und Erkenntnis sprudeln;--- Wo jetzt Klarheit, aetherreine, Die Jahrtausende erleuchtet, Die zur Ruhe hier gegangen;-- Wo dem Forscher aus dem Norden War, als sei er allzulange Irr im Nebel nur gerudert Auf den tiefen, breiten Fjorden;-- Stand, wo Tote ihre Graeber Sprengen und als Zeugen schreiten In der schweren Marmortoga; Wo die Goettinnen von Delos In die Freskensaele tanzen Wie einst vor zweitausend Jahren;-- Wo der Erde wachsend Werden Pantheon und Kolosseum Stolz in ihrem Schosse bargen;-- Wo ein Hermes dort am Eckstein Cato wuerdig schreiten sah als Pontifex im Priesterzuge,-- Nero als Apollon schaute, Opferrauchumhuellten Wahnes,-- Gregor schaute, zornig reitend Als der Geisterscharen Herrscher Ueber alle Erdenreiche,-- Cola di Rienzi schaute, Huldigend der Freiheitsgoettin Bei des Roemervolkes Jauchzen,-- Sah der Kirche Geistesfuersten, Leo, sich statt Christus waehlen Aristoteles und Plato;-- Sah dann die katholische Kirche Staerkre Zeiten neu errichten, Bis der Franzmann sie zertruemmert, Und _Natur_ zur Gottheit wurde,-- Sah aufs neu' die alten Frommen Dann in Prozessionen wallen Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!-- All das sah der kleine Hermes Dort am Eckstein hinterm Tempel, Und es sah der nordische Weise Ihn und seine Visionen.-- --Ja, als er in der Geschichte Hehrer Klarheit Rom erblickte, Und sein Auge sinnend streifte Abendsonnumflammte Hoehen,-- Flossen seiner Sehnsucht Strahlen Ueber in entzueckte Ahnung. Und--er sah in eine Kirche, Groesser als der Dom des Weltalls, Und ein Friede sank hernieder, Ueber alles Jetzt erhaben.-- Und als er zum zweiten Male Dorthin kam, durch langer Tage Mueh' und Fleiss--als gaelt's Erloesung,-- Da ging Gott ihm selbst entgegen, Fuehrte ihn hinauf und sagte: "_Friede mit dir, du bist Sieger!_" Doch zu uns, die klagen wollten, Wandte Gott sich um und sagte: "_Wenn ich rufe, wer darf sagen,_ _Der Berufne sei nicht fertig?_" _Er, der stirbt, er war hier fertig!_ Sieh, das glauben wir im Schmerze. Und dass Er, der allen Forschern Jene Ruhelosigkeit gegeben (Die Kolumbus trieb und Newton), Weiss, wann Ruhe kommen soll. Aber jenen Geistesscharen, Die verklaert zur Heimat wallen, Blicken starr wir nach und fragen: Wer soll abermals sie sammeln? Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte, Stroemten sie von allen Laendern: Schweden, Daenemark und England Und von Frankreich her zusammen; Uebers Meer die Schiffe flogen Seinem Banner rasch entgegen. Die gewaltige Koenigsflotte Lag vor Anker hier am Strande, Und es ward uns zur Gewohnheit, Sie zu sehn und zu befragen Nach Eroberung und Fahrten. Was sie uns gewann, bleibt ewig. Doch sie selbst darf nun zur Heimat. Fest vereint, sehn wir entschwinden Ueberm Meer das letzte Segel, Wenden uns und fragen leise: Wer wird abermals sie sammeln? KOENIG FRIEDRICH DER SIEBENTE [Symbol: gestorben] (1863) Nun schied unserm Koenig ein wahrer Freund! Und es senkt bei dem Schlag Sein Banner der Norden und folgt vereint Am Begraebnistag. Doch, Daenemark! dein sind die tiefsten Schmerzen: Nun brach dir das waermste, das groesste der Herzen, Nun brach deine beste Landesfeste, Nun dehnt sich ein Schrei ob des Koenigs Tod Wie aus tiefster Not! Ihn, der geboren zu Daenemarks Glueck, Traf des Todes Los. Jung stiessen sie ihn vom Hofe zurueck-- In des Volkes Schoss. Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren. Selbst hat ihm das Leben Die Schule gegeben--: Als fertig die Schlinge fuer Daenemark,-- War er lebensstark. Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm, Wo ein Kniff sich fand; Der Verraeter feinste List schlug um Vor dem schlichten Verstand. Er kannte ja nur des Volkes Gedanken, Drum gab er ihm Freiheit sonder Schranken; Dem Ganzen war hold er-- Nicht teilen wollt' er, Und hielt eine Rede, nur kurz, die hiess: "Nicht geschehn wird dies!" Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer Standfest und klar! Groesseres Lob war nicht sein Begehr. Wir bringen's ihm dar! Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde, Dem wahren, sicheren Ankergrunde;-- Rings sprach im Reiche Bald jeder das gleiche: "So dumm ist der wohl nimmer; seht, Wie trefflich es geht." Auf Deck rief er eben die Maenner all: Sturmsegel gesetzt! "Land", klang es vom Mast beim Wogenprall _Jetzt, eben jetzt_,-- Da entglitt das Steuer den treuen Haenden, Tot sank er hin--das Schiff will wenden... Wenden? Nimmer! Sein Kurs bleibt immer; Ihr kennt ihn, Daenen, Mann fuer Mann,-- Sein Kurs heisst: Voran! In Reih' und Glied allzeit bereit, Als Wahlspruch er kor. Wie ragt' er in ehrlicher Tatkraft weit Den andern vor. Sie ernten die Frucht: _geuebte Soldaten_, Stehn alle, so treu, so erprobt in Taten! Das Schiff _kann nicht_ schlingern: In vielen Fingern Liegt fest das Steuer geborgen an Bord; Hurra gen Nord! Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang: Ausharren voll Pflicht, Wachthalten im Dunkel, nicht blass, nicht bang,-- Gott ist unser Licht! Hier ist's dumpf, ist es still, drueckt die Sehnsucht nieder, Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder,-- Hier sind Wartezeiten,---- Bis die Himmelsweiten Rosig erhellt uns kuenden: es naht Der Tag zur Tat! ALS NORWEGEN NICHT HELFEN WOLLTE (Osterabend 1864) Und segelst im Kattegatt du umher Und durch den Belt, Du findest die Daenenfregatte nicht mehr Mit rotweissem Feld; Hoerst nicht mehr Wessels Stimme beim Klang Vom Kommandowort, Nicht hinter dem Danebrog mehr den Sang, Den frischen, an Bord, Du hoerst kein Lachen, du siehst keinen Tanz Unterm Segelweiss, Um Spiegel und Mast nicht den leuchtenden Kranz, Der Kuenste Preis. Denn alles, was unser war, ertrank Auf dem Meeresgrund, Jedwedes Erinnerungsbild versank Im naechtlichen Schlund,-- In der Winternacht, da bei Sturmeswut Unter Norwegens Strand Notschuesse krachten und brandende Flut Tang anwarf und Sand; Ein Boot fuhr vom Hafen zur Hilfe aus, Doch wandt' es in Hast,-- Da trieb die Fregatte gen Deutschland hinaus Mit zertruemmertem Mast! Da flog unsre Blutsverwandtschaft vom Bord, Mit Stumpf und Stiel,-- Gepackt, gewirbelt, trieb fluchend sie fort, Ein Wellenspiel! Der nordische Leu am Gallion, durch Sturm, Durch Alter so grau,-- Er ward zerstueckt; ein zerschossener Turm, Lag das Schiff zur Schau. Sie flickten es wieder, sie machten es klar Am deutschen Strand; Schwarzgelb war die Flagge, es spreizt sich ein Aar, Wo der Loewe stand. Wir segeln im Kattegatt; wie leer, Wie still ist es nun! Nur ein deutsches Schlachtschiff sahn wir im Meer Vor Schonen ruhn. AN DEN DANEBROG (als Dueppel fiel) Danebrog, in alten Tagen, _Schneeweiss, rosenrot_ Sah man, Sohn des Lichts, dich ragen Ueber Nacht und Not, Reif wie schwere Fruchtgehaenge, Hehr wie Heldengrabgesaenge, Frei, mit Geistes Wandervoegeln Durch die Welt dich segeln. Danebrog, ach, heute steigst du _Todbleich, blutigrot_, Wund wie eine Moewe neigst du Dich, verletzt zu Tod. Heiligen Blutes Purpurlache Zeugt fuer die gerechte Sache. Fallend Volk, nun trag die schwere Kreuzeslast der Ehre! DER NORROENASTAMM (4. November 1864) Es zog Norroenas Soehne Zum freien Meergestad'; Ihr Ziel war Kampfgedroehne Und hehre Mannestat. Ihr Geist, in Surtrs Feuer Sich senkend wurzelfest, Trieb Schossen ungeheuer Zu Ygdrasils Geaest. Ging zu der Brueder Schaden Oft jeder eigne Spur, Gab's auf getrennten Pfaden Doch _eine_ Ehre nur. Die Zeit schuf Platz fuer jeden: Erst Norge, Daenemark; Kam auch danach erst Schweden, So wuchs es doppelt stark. Vom Stern des daenischen Drachen War Ost und West entbrannt; Normannengeists Erwachen Drang bis zum heiligen Land. Sowie von Sveas Stamme Die Polnacht ward erhellt, Gibt Luetzens Siegesflamme Noch Licht der halben Welt. Es schweissten harte Tage Norges und Daenmarks Band; Den groessern Sinn der Saga Hat kleine Zeit verkannt. Dann trat, sich zu verbinden, Norge zu Schweden hin, Und nie mehr soll verschwinden Der Saga groessrer Sinn. Der Volksgeist birgt im Schosse Weissagung wundersam: Die Zukunftstat, die grosse, Eint den Norroenastamm. Ein jedes Fest entfache Des heiligen Schwures Klang: Fuer unsres Blutes Sache Sieg und nicht Niedergang. GESANG DER PURITANER (Aus dem Drama "Maria Stuart") Gib mir Staerke, reich' mir Waffen, Halt meinem Notschrei den Himmel offen! Herre, ist sie dein, mein' Sach', Schenk' ihr du den Siegestag! Stuerz' deine Feinde! Stuerz' deine Feinde! Roll' vor dein Zorngewoelk, schmettre hinab sie, In ihrer Suenden Abgrund begrab' sie, Seng' ihre Saat, Zertritt ohne Gnad'! Dann lass auf schneeweissen Taubenschwingen Dem Glaeubigen Troestung herniederbringen, Das Oelblatt des Friedens, der deinem Frommen Nach der Strafen Suendflut dereinst wird kommen! JAGDLIED (Aus dem Drama "Maria Stuart") Hinter uns steigt Heidedampf, Heidedampf, Vor uns fliegt der Falk zum Kampf, Vor zum Kampf. Birkenduft erfuellt den Hang, Fuellt den Hang, Felswaerts stuermt der Hoernerklang, Hoernerklang. Durch die klare Luft dahin! Durch! Dahin! Voran eilt sie! Die Koenigin! Koenigin! Jagt ihr nach! Hei, Jagd voll Glut! Jagd voll Glut! Nach--bis in die Todesflut! Todesflut! TAYLORS LIED (Aus dem Drama "Maria Stuart") Auf Erden jede Freudenstund Bezahlest du mit Sorg', Und wird dir mehr als eine, glaub', Du hast sie nur auf Borg. Bald fordert eine Schmerzenszeit In Seufzern streng zurueck Fuer jedes Laecheln Zinseszins, Abschlag fuer jedes Glueck. Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Du, haett' ich dich nicht laecheln sehn, Muesst' ich nicht weinend stehn. Gott helfe dem, der's nicht vermag, Zu geben halb sein Herz; Es kommt die Zeit, sie kommt, da ganz Er nehmen muss den Schmerz. Gott helfe dem, der nicht vergisst, Dass er so froh einst war; Gott helfe dem, dem alles bricht, Dem nur der Geist blieb klar. Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, All, was ich je gepflanzt, erfror, Nun, da ich dich verlor. HOCHZEITSLIED Du standest vorm Altar in weissem Kleide, Und Ewigkeiten lauschten deinem Eide; Dein banges Denken schwebte Um ihren tiefen Grund, Und was dein Herz durchbebte, Das betete dein Mund. Da ward dein Blick von hellem Glanz umwoben, Denn deine Mutter betete dort oben Mit dir zugleich. Nun fuehltest du, die Hand, die dir gegeben, Festhalten werde sie fuers ganze Leben; Dir wurde leichter, freier, Dein Herz schlug nicht mehr bang; Du sahst durch Traenenschleier Die Zukunft hell und lang! Betaut von milden Liebestraenen deuchte Das Leben dir ein Lenz, der ewig leuchte; Du fasstest Mut. Ihm, der die Eltern deinen Kindertagen Ersetzte, galt es Lebewohl zu sagen. Sein Werk war nun geschehen: Du standest froh verklaert Und, wie's ersehnt sein Flehen, Warst deiner Mutter wert. Er sah dein Aug' voll Dank emporgehoben, Und Dank schien ihm zu toenen von dort oben, Dank fuer sein Werk. Von den Geschwistern, denen Kinderpflege, Selbst Kind, du goenntest, scheiden deine Wege. Den besten Lohn von allen, Sie geben heut ihn drein; Einst in die Wage fallen Wird er am Tag der Pein! Dank und Gebet ist deines Gluecks Geleite, Dank und Gebet sei stetig ihm zur Seite, Dank und Gebet! LEKTOR THASEN [Symbol: gestorben] Von einer Blume las ich einst, die stand, Bebend und bleich, abseits vom Wegesrand; Denn der Gebirgsnatur geringe Kraft Gab sparsam Saft Und kaum noch Farbe. Ein Blumenfreund sah sie im Schatten stehn; Froh brach er aus: du sollst nicht so vergehn! In sonnenwarmem Grund sollst du hinfort Ein fruchtbar Lebenswort Fuer viele werden! Als er sie samt dem Erdreich hebt und haelt, Blinkt's seltsam ihm entgegen,--denn ihm faellt Goldstaub von ihrer Wurzel in die Hand: Die Blume stand Auf reichen Gruben. Von ringsher eilt der Jugend rasche Schar Zur Wunderstaette--und sie wird gewahr: Hier liegt des Landes Zukunftsschacht; Ein Blick in Nacht Von Gott war die Blume. Ach, daran dacht' ich, als die Kunde kam-- Als ihn der Herr des Lebens saenftlich nahm Aus kaltem Felsgrund und des Winters Wehn, Dort aufzugehn In ewiger Waerme. Denn wo sein Sehnen sich hinabgesenkt, Da blinkt es! Diese Lebenswurzel lenkt Dem Weisheitshort entgegen, der da reich, Goldadern gleich, Ruht in den Tiefen. Nun, da er fort ist, wird ans Licht gebracht Die Herrlichkeit, von ihm so treu bewacht. Gedankenschatz der Vorzeit glaenzt herauf, Und es blitzt auf Der Zukunft Reichtum. Nach dem Metall, ihr Jungen, grabet jetzt, Des Staub die Blume trug, von Gott versetzt. --Euch gilt die Botschaft! Schuerft es aus dem Grund! Ihm ward's nur kund In Sehnsuchtstraeumen. AUF EINER REISE DURCH SCHWEDEN Von Kind auf war ich dir verschrieben, Denn Groesse lehrtest du mich lieben,-- Und rufe laut als Mann dir zu: _Des Nordens Sache fuehre du!_ So reich an Land und Gaben bist du, Doch deines grossen Ziels vergisst du. Eh' du den Norden nicht geeint, _Bleibst du dir selber fremd und feind!_ Es webt ein Sehnen und ein Singen Durch all dein Volk, doch ohne Schwingen. Wohl stehst du da, vor vielen stark, Doch deinen Taten fehlt das Mark. Zu vieles wird von dir begonnen, Zu viele Kraft zu Wind versponnen;-- An Herzensfuelle mangelt's nicht, Doch Treue fehlt und Ernst der Pflicht. Du kannst nicht ohne Kampf gedeihen, Ein Sinn muss deine Tage weihen, Ein heldisch Wollen, dass die Welt Vor Schwedens Namen inne haelt. Aus Eignem wirst kein Glied du ruehren, Der Ehre Stern muss dich verfuehren, Aus Taten wird dir erst und Muehn Die rechte Freudigkeit erbluehn. Denn deines grossen Einst Versprechen Sind allzu strahlend, sie zu brechen. _So schmiede denn des Nordens Glueck!_ _Er gibt es doppelt dir zurueck!_ Du kannst kein groesser Werk beginnen, Kein heiliger Gebot ersinnen: Dies Werk schliesst deine Zukunft ein Und macht dich aller Suenden rein! Du Volk von Schwaermern und Propheten, Du Volk von Traeumern und Poeten! Der Unkraft laehmend Joch zerbrich! _Des Nordens Fahne harrt auf dich!_ STELLDICHEIN Still ist der Abend; Selbst sich begrabend, Rollen die Stunden und scheidet das Licht. Nur die Gedanken Lauschen und schwanken: Ob sie heut kommt oder nicht? Frostiges Daemmern; Wolken gleich Laemmern Ziehen vorueber; der Sterne Heer Zaubert im Glaenzen Liebe und Lenzen; Kennt sie den Weg denn nicht mehr? Sehnsuchtsleise Unter dem Eise Seufzt das Meer in wegmueder Ruh. Schiffe vor Anker-- Ach, und ein Kranker Fragt: wo verweilest du? Schneeflocken stieben, Bergwaerts getrieben, Maerchenhaft wirbelnd zum dunkelen Hain; Nachtvoegel schwirren, Schlagschatten irren; War das ihr Schritt?--Ach nein! Bist du so feige? Sehnende Zweige Starren von Reif; du wurdest verhext. Doch ich bin staerker, Sprenge den Kerker, Wo du dich traeumend versteckst. LIED DES STUDENTENGESANGVEREINS Auf, Brueder, stimmt an ein Lied! Im Lichtgeleit dahin es zieht, Hell flammt es in Liebessonne, Voran eilt des Sieges Wonne, Und ringsum traeufelt Bluetensaat Auf junger Willenskraefte Pfad! Weithin unser Sang schon fuhr, Und ruhmreich leuchtet seine Spur In Fahnen und Freundschaftsspenden, In Kraenzen aus Frauenhaenden, In Festen voller Jugendschaum, In Volkes Vorzeit, Volkes Traum. Nach _Halden_ ging unser Zug, Die Fahne hing zerfetzt genug; Sie wehte durch unsre Saenge, Sie mahnte durch Liederklaenge, Ergluehend in dem maechtigen Brand Des Heldentods fuers Vaterland. Gen _Arendal_ die Sommerfahrt Zu "Macht und Ruhm", sei treu bewahrt. Inmitten der Flotte zogen Wir Saenger auf blauen Wogen Zu Norges Schiffs- und Handelsflor,-- Da sangen wir den Jubelchor. In _Bergen_, am Meeresstrand, Wo Altes sich mit Neuem band, Von Lurklang die Berge hallen; Held _Sverre_ lebt noch bei allen; Doch frisch und voll von Lebenslust Entstieg das Lied der Volkesbrust. _Upsala, Kopenhagen, Lund_, Wie zuendend klingt's aus Herz und Mund! Da banden wir in Akkorden Im Dreiklang den ganzen Norden. In vollem Chor zum Himmel klang _Norroenastammes Einheitssang_. Frischauf in die Welt hinaus! Wo's Echo gibt, sind wir zu Haus. Im Lied unsre Zukunft winket, Im Lied die Vorzeit nicht versinket,-- Wir wandern weiter Hand in Hand, Und singen Sommer unserm Land. AN DEN BUCHHAENDLER JOHAN DAHL (Zu seinem sechzigsten Geburtstag) Herr Wirt, dir sei dies Hoch gebracht! --"Hurra!" Doch waehrend wir singen, so gebt fein acht! --"Ja ja!" Zuerst muesst von schrecklichen Leiden ihr wissen, Als in unsern Wirrwarr sein Los ihn gerissen Zu Adlern und Schaeren, Zu Wergelands Baeren, --Au ja! Er kam als ein unschuldig Laemmelein, --O je, So niedlich, appetitlich und sauber und rein Wie Schnee. Das koestliche Fleisch liess zu Fuellsel man hacken Und spaeter in Teig von Herrn Wergeland backen Und munter zerbeissen, Die Knochen verschleissen Im Ramsch. Doch hei! wie ein Boecklein des goettlichen Tor Er sprang, Und stiess ihnen kraeftiglich hinter das Ohr,-- Das klang! Da schmunzeln die Kerle in vollem Behagen: "Jetzt hat der Gesell sich zum Bruder geschlagen," Und balde war keiner Beliebter und feiner Als Dahl. Das Licht aus der Bude dort konnt' wohl erhellen Das Land. Dort hat sich gar mancher zum Spiessgesellen Bekannt; Dort machte man Mode und kritische Normen, Und wollt' ein gut Stueckchen Norwegen formen. Das wird die Geschichte Schon bringen zum Lichte Dereinst! Fuer das, was du littest, entflammtest und strebtest, Hab' Dank! Fuer alle die Kraft, die du freudig belebtest, Hab' Dank! Fuer all dein gutmuetig Eifern und Zanken, Dein goldnes Gemuet, deine Freundschaft, wir danken, Du seltsamer Falter, Du Lieber, du Alter, Hab' Dank! DIE SPINNERIN Ach, was fragte er mich, Eh' er jetzt vom Fenster schlich? "Du, ein Band, das knuepf' ich still, An den Tag soll's im April. Traust du dich?--dann gib mir dein Gespinst hinein." Wie soll ich's wohl verstehn? Wer hat je ihn weben sehn? Und mein Gespinst so rein, Will er in sein Band hinein? Und so eilig webt er's hin,-- Bis--Lenzbeginn? Und wie lacht' er dabei! Ach! Stets treibt er Narretei. Gebe mein Gespinst ich hin, Ihm, der also leicht von Sinn?-- Fuege du es, Gottes Hand, Fest zum Band! DIE WEISSE UND DIE ROTE ROSE Die weisse und die rote Rose, So hiessen der Schwestern zwei--ja, so! Die weisse, die war stumm und still, Die rote allzeit froh. Doch umgekehrt ging's seither, ja, Da kamen die Freier weit her, ja. Die weisse ward so rot, so rot, Die rote ward so weiss. Der, den die rote liebte, Den wollt' der Vater nicht han, nicht han. Doch den die weisse liebte, Den nahm er glattweg an. Die rote, ach, bleicht in Traenen, ja, Vor Seufzen, Sorgen und Sehnen, ja. Die weisse ward so rot, so rot, Die rote ward so weiss. Da, Wetter, wird dem Alten bang, Er rueckt heraus mit: ja doch--ja! Und Hochzeit gab's mit Sang und Klang Und Boellerschuss, hurra! Bald kamen auch Roeschen nun, o ja,-- Roeschen in Struempfen und Schuhn, o ja. Die der roten waren weiss, doch--hm!-- Die der weissen alle rot. IN DER JUGEND Jugendmut, Jugendmut, Wie der Falke kuehn und leicht Hebt er sich im Blau und steigt, Bis er alle Hoehn erreicht. Jugendblut, Jugendblut, Braust wie Dampf durch Meer und Nacht, Sprengt das Stromeis, dass es kracht, Trotzt dem Sturm und jauchzt und lacht. Jugendtraum, Jugendtraum, Schleicht sich wie ein Schelm hinein In schoen Maegdleins Kaemmerlein; Aller Duft und Glanz des Lenzen Seine leichten Wellen kraenzen. Jugendlust, Jugendlust, Sprudelt aus der Felsenbrust, Schleudert noch im Sturz zum Grabe Lachend seine Strahlengabe. Jugendlust, Jugendtraum, Jugendblut, Jugendmut Streun auf unsern Erdenwegen Singend ihren goldnen Segen. DAS BLONDE MAEDCHEN Ich weiss, sie wird sich von mir wenden, So scheu, wie je ein Traum entwich--: Und doch, ich kann nur immer enden: Du blondes Kind, ich liebe dich! Ich liebe deiner Augen Traeume: So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh Und tastet sich durch steile Baeume Nur ihr verschlossnen Tiefen zu. Ich liebe diese Stirn: ein Siegel Der Reinheit, blickt sie sternenklar In der Gedankenfluten Spiegel, Der eignen Fuelle kaum gewahr. Ich liebe dieses Haar, sich draengend Aus seines Netzes strengem Band: Voll kleiner Liebesgoetter haengend, Verlockt es Auge mir und Hand. Ich liebe diese schlanken Glieder Mit ihrem Rhythmus wie Gesang. Hell klingt des Lebens Wonne wieder Aus ihrer Pulse dunklem Drang. Ich liebe diesen Fuss, dich tragend In deiner Herrlichkeit und Kraft, Durchs muntre Land der Jugend wagend Den Weg zur ersten Leidenschaft. Ich liebe diese Lippen, Haende, In Amors eifersuechtiger Pacht; Des Wuerdigsten als Siegesspende Gewaertig und fuer ihn bewacht. Ja, schuerze nur die schoenen Brauen Und wende dich zur Flucht und sprich: Kein Maedchen duerfe Dichtern trauen. Ich liebe dich! Ich liebe dich! MEIN MONAT Ich lobe mir April, In dem das Alte faellt, Das Neue Kraft erhaelt; Wohl liebt er Friede selten,-- Doch soll wohl Friede gelten? Nein: dass man etwas will. Ich lobe mir April, Weil er, der Stuermer, Feger, Der Eis- und Herzbeweger, Weil er, der Kraeftereger, _Des Sommers Kommen will!_ HOCHZEITSLIED (Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868) Blick' auf, o Braut, er naht An Freundeshand zum Buchtgestad', Ein wenig kahl und traeg', Doch frisch und herzensreg'. Hier kommt er treu und grad'-- Der alte braune Kreuzeraar, Erprobt in Sturmgefahr, Mit Augen kindlich klar. Er war ein Bursch so keck, Lag gern auf seines Boots Verdeck Und liess vom Wogenschaum Sich wiegen in den Traum. Der Segel breite Last Schlug sonnbeschienen an den Mast, Und ohne Ruder glitt Der Kiel im Strome mit. Doch als er muessig da Sein Bild im tiefen Blau besah, Getrieben ward sein Kahn Zum offnen Ozean. Hei, wie er munter sprang Zum Steuer unter Flutgesang; Die erste harte Not War ihm wie Morgenrot. Er kehrte nicht nach Haus,-- Fuhr in der Freiheit Reich hinaus, Wo alles ringsumher Unendlich wie das Meer. Hinaus ins Flutgetos,-- Und ward das Boot auch steuerlos, Hat kuehne Manneskraft Ihm doch den Sieg verschafft! Da draussen stand er frisch; Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch. Sein Deck zerbarst; doch ihn Konnt' es nicht niederziehn. Nach oben kam er leicht, Wie uebers Meer ein Vogel streicht, Dieweil manch stolzes Schiff Zertruemmert ward am Riff. Sein Kahn schwamm flott dahin, Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn,-- Der Sturm blieb ohne Macht: Denn Jugend war die Fracht. Und ein unbaendiger Klang Von Schuessen, Feuerwerk und Sang War immerzu an Bord Mit Echo ueber Nord. Ein wenig mued' zuletzt, Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt, Lag wieder friedlich-mild Und sah sein Spiegelbild. Er sah, der Schelm, er sah-- Sein eignes nicht, nein _ihres_ da, Als seiner Sehnsucht Fund Laechelnd im Wellengrund. Zum zweiten Mal zieht aus Sein Leben in den Wogenbraus, Und Sturm soll seinem Kahn Zum zweiten Male nahn! Zum zweiten, zweiten Mal hinfort Soll toenen Schuss und Sang an Bord; Denn diesmal mit ihm faehrt Der Glaub' an Weibes Wert! NORWEGISCHES SEEMANNSLIED (Zu einem Fest norwegischer Seeleute in Stavanger 1868) Norwegisch Seevolk ist Ein derber Schlag voll Kraft und List; Wo Schiffszeug schwimmen kann, Da ist es vorne dran. Auf Meerfahrt und zu Haus, Im Sund und bei den Schaeren draus, Vertraut es Gottes Schutz Und beut den Wogen Trutz. Hier mueht ein Volk sich ab Fuers Leben ruhlos bis zum Grab,-- Des Todes Sense maeht Sich Opfer frueh und spaet. Was Tag um Tag geschieht, Bewahrt nur selten Wort und Lied, Und von so manchem Stueck Kehrt keiner mehr zurueck. Ja, schlichter Fischer Kiel, Von Mut und Witz gefuehrt zum Ziel, Hat Werke viel erschaut, Die niemals wurden laut. Und manches Seemanns Haupt Ward feucht mit Schilf und Tang umlaubt, Statt dass ihn goldnes Reis Gekraenzt im Heldenkreis. Des Olavkreuzes Ruhm Haett' manches Lotsen Heldentum Verdient, der Schar um Schar Gerettet aus Gefahr. Und manchem Buerschchen auch, Das heimritt auf der Jolle Bauch, Stand Vater hoch an Bord, Gebuehrte wohl ein Wort. Doch Norges Kueste ist Des Landes Mutterbrust und misst Ihm Nahrung zu, wenngleich Oft Nahrung traenenreich. Sie huetet und bewacht, Was ihre Soehne je vollbracht, Vom grossen Hafurstag Bis auf das letzte Wrack. Das fuehlte, wer sein Land Nach langem Fernsein wiederfand; Das fuehlte, wer es liess, Wann er vom Ufer stiess. Das fuehlten, die weit fort: Der Heimat Glueck war mit an Bord: _Der weissen Segel Fleiss_ _Gewann uns Macht und Preis._ * * * Hurra, wer immer heut Zur See sich unsrer Flagge freut! Hurra, der Lotse brav, Der sie zuerst heut traf! Hurra, der Fischer, der Sich rudernd wagt auf Fjord und Meer! Hurra, im Schaerenkranz Die Kueste unsres Lands! HALFDAN KJERULF [Symbol: gestorben] (1868) Hart griff der Winter die jungfrohe Kraft, Doch er griff fehl. Der lenzfrische Saft Rettete sich in dem leidenden Stamme. Hochsommer bracht' ihm der Bluetezeit Flamme, Spaetherbst gab reifender Fruechte Prangen,-- Wenige, doch suess und mit rosigen Wangen. Sein ward die Frucht--und wird ewig gesaet, Da, wo man ewig im Sommer steht. Er allein fand Leidengebeugt sich an Todesstroms Rand. Weiter kaempft' er mit Winter und Eis, Kaempft' um den Sommer, des Saengers Preis, Kaempfte im Sinken, noch demuetig schoen In bruenstigem Flehn. Hat ihn der Sommer auch wirklich gefaellt,-- Jetzt, da man's erntet, das goldene Korn, Hat er gesiegt; unter Jagdruf und Horn, Einzugsfeier er haelt. Er ist der Dichtkunst maechtiges Bild. Winterlich herb und doch sommerlich mild. Gleichwie die Luefte in zitterndem Schein, Rosige Gipfel und laubfrischer Hain, Baeche, die blumige Wiesen durchgleiten, Klingen und spielen in Sonnenlichts Saiten, So soll die Dichtkunst erstehen aufs neu',-- Bleibt sie, selbst fallend, der Sache nur treu,-- Maechtig sich dehnen, _Bald ist hier Sommer mit Sommers Sehnen._ VORWAERTS "Vorwaerts! vorwaerts!" Scholl der Ahnen Losungswort. "Vorwaerts! vorwaerts!" Pflanzen wir den Schlachtruf fort! Was die Sinne flammen, die Herzen glauben heisst, Auch uns, die Enkel, vorwaerts reisst In ihrem Geist. "Vorwaerts! vorwaerts!" Wer gern haust als freier Mann. "Vorwaerts! vorwaerts!" Freiheit ewiglich voran! Was sie auch an Leiden und Opfern kosten mag, Wer weiss noch vom empfangnen Schlag Am Siegestag? "Vorwaerts! vorwaerts!" Wer da traut des Volkes Kraft. "Vorwaerts! vorwaerts!" Wer am Werk der Vaeter schafft. Schaetze schlafen tief noch in nordischer Berge Schoss: Die lege treuer Spatenstoss Von neuem bloss! WIE MAN SICH FAND (Zum Studententag 1869) Traeume, die zu Traeumen draengen, Finden bald ihr Reich; Herzen, die sich suchen, sprengen Alles lenzstrahlgleich. Und je tiefre Leiden binden Ihren jungen Drang, Desto heller beim Sichfinden Braust der Jubelsang. Jeder von den Hochgemuten Spornt zwar hundert an, Doch wenn tausend auch verbluten, Waer's doch nicht getan. Nein, erst wenn der Volkslenz brausend Stuermt durch Wald und Land, Weckend all die Hunderttausend,-- Dann erst man sich fand. Heil nun Norges jungem Tage, Fern in Dunst versteckt. Mit dem Daemmergrauen jage Weg, was uns erschreckt. Und des Schlachthorns hohle Lieder, Traenen, Schmach und Blut, Die beseelten immer wieder Uns erst recht mit Mut. Aus des Volkes Geist und Werken Waechst er Tag fuer Tag, Niederlagen ihn nur staerken Zum Entscheidungsschlag. Fruehlingsahnen ist entglommen, Spricht das Jubelwort Von dem Lenz, der einst wird kommen, Heil dir, Volk im Nord! NORWEGISCHE NATUR (Auf Ringerike waehrend des Studententages 1869) Wohlauf, ihr Wanderer, singt, Von Norges Herrlichkeit umringt! Lasst stille den Ton sich ranken, Wie Farben vorueberschwanken Zu Fjord und Strand, Gebirg und Flur Und Wald im Borne der Natur. Die Glut in des Volkes Drang, Die tiefe Kraft in seinem Sang, Hier hebt sie zu dir die Augen, Um deine Schoenheit zu saugen, Und dass du dich vor ihr enthuellt, Dankt dir ein Blick, von Lieb' erfuellt. Hier kam die Geschichte zur Welt, Hier traeumte Halvdan als ein Held. Er sah in Nebelgestalten Das ganze Reich sich entfalten, Und _Nore_ stand und gab ihm Mut, Und in die Weite wies die Flut. Hier fuehre des Liedes Chor Der Heimat ganzes Bild uns vor! Es brause der Sturm in der Stille; Ins Milde soll dringen der Wille: Wenn sich das Land zusammenschart, Erkennt ein jeder unsre Art. Was immer als erstes sie will, Sind hundert Haefen im April. Da hebt sich das Herz zum Gotte, Wenn Anker lichtet die Flotte; Norges Gebete segeln fort Mit sechzigtausend Mann an Bord. Schau' felsigen Kuestenhang Mit Moewen, Walen, Platz zum Fang, Fahrzeugen im Inselschutze, Doch Boten im Wogentrutze Und Garn im Fjord, Schleppnetz im Sund-- Von Rogen weiss den ganzen Grund. Im wilden Lofotenschwarm Umschlingt den Fels der Meeresarm; Die Hoehen haelt Nebel umzogen, Doch am Fusse keuchen die Wogen, Und alles dunkelt, schreckt und droht; Jedoch im Strudel Boot an Boot. Den Eismeerfahrer dort schau' Hinziehn durch Schnee und Daemmergrau. Laut schallen Kommandoworte; Durchs Eis wird gebrochen die Pforte, Und Schuss auf Schuss die Seehundsjagd, Doch Leib und Seele unverzagt. Dann kommen wird abends zu Gast, Wo das Gebirgsvolk weilt zur Rast, Wo Kuehe man melkt auf den Matten In des draeuenden Felshangs Schatten, Wo sehnsuchtsbangem Fragelaut Natur die Antwort anvertraut. Doch muessen wir weiter im Flug; Denn unser wartet noch genug,-- Das Bergwerk, drin Erze wuchten, Die Renntierjagd in den Schluchten, Der schaeumend weisse Strom, der stolz Zu Tale traegt des Floessers Holz. Und weilen wir wieder hier, Die breiten Doerfer lieben wir, Wo Bauern in treuem Walten Hoch unsere Ehre halten; Von ihrer Ahnen Glanz umloht War unsres Aufgangs Morgenrot. Wohlauf, ihr Wanderer, singt, Von Norges Herrlichkeit umringt! Uns leiht unser Wirken Fluegel, Es gruesst uns die Vorzeit vom Huegel, Und unsre Zukunft werd' erbaut So stark wie Gott, dem sie vertraut. ICH REISTE VORUEBER --Ich reiste vorueber im Morgenrot: Lautlos ein Hof noch im Lichte ruht, Und wie die Scheiben brennen in Blut, Loht auf in der Seele erloschene Glut:-- In Fruehjahrsstunden Dort war ich gebunden Von laechelnden Lippen und feinen Haenden, Und das Laecheln musste in Traenen enden. Lang, bis der Hof meinem Blicke entschwand, Schaut' ich hinueber, unverwandt. Alles Vergangne erglaenzte rein, Alles Vergessne ward wieder mein:-- Gedanken wandern Nun auch zu andern Fruehlingstagen, und Wonnen und Fehle Wogen vor und zurueck in der Seele. Freudvoll damals und freudvoll nun, Schmerzen damals und Schmerzen nun. Sonne im Tau: wie das funkelt und weint-- Traenen und Laecheln verklaert und vereint. Wenn Erinnerungswellen Flutend erst schwellen Ueber die Seele und ebben dann wieder, Gruent sie und sprengt die Knospen der Lieder. MEIN GELEIT Durch strahlende Wonnen fahr' ich heut In Sonntagsstille mit Glockengelaeut. Die Sonne, vom Saatfeld bis zu den Muecken, Will alles alliebend, allsegnend begluecken. Ich sehe das Volk in die Kirche wallen, Hoer' Psalmen aus offener Pforte hallen.-- Sei froehlich! Nicht mir nur galt dein Gruss, Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuss. Ich habe das herrlichste Reisegeleit-- Zwar birgt es sich listig von Zeit zu Zeit; Doch sahst du mich Sonntagsfreude bekunden, So war's, weil mehrere mit mir verbunden, Und hoertest du meinen gedaempften Gesang, Sie sassen schaukelnd in jedem Klang. Mir folgt eine Seele von solcher Macht, Dass alles sie mir zum Opfer gebracht; Ja, sie, die lachte, wenn umschlug mein Nachen, Die nicht gebebt vorm Gewitterkrachen, In deren weissen Arm ich geruht, Erwaermt von des Lebens und Glaubens Glut. Seht, hierin bin ich von Schneckenart: Ich nehme das Haus mit auf die Fahrt, Und wer da glaubt, dass die Buerde mich druecke, Der sollte nur wissen, wie hold es begluecke, Ein Obdach zu finden, wo himmlisch klar Sie steht unter lachender Kinderschar. Kein Denken, kein Dichten hat je ersonnen So hohe Woelbung, so tiefen Bronnen, Wie von der himmlischen Liebe der Schein Hinabdringt bis in die Wiege hinein. Nie leuchtet und taut dir die Seele so lind, Wie wenn mit Gebeten du wiegst dein Kind. Wer nimmer die Liebe gekannt fuer das Kleine, Dem winkt nicht die grosse, die allgemeine. Wer nicht sein eigenes Haus kann baun, Wird auch seine Tuerme zertruemmert einst schaun; Und zwingt er ganz Europa ins Joch, Stirbt einsam er auf Sankt Helena doch. Erbau' dir nur selbst eine Zufluchtsstaette; Dann weiss auch dein Naechster, wohin er sich rette. Obwohl von Kindern und Frauen geschaffen, Birgt diese Festung so starke Waffen, Dass heil sie bleibt in Kampf und Gefahr Und Mut verleiht einer ganzen Schar. Ein einzelnes Heim trug oft ein Land, Wenn dessen Retter es ausgesandt, Und wieder viel tausend Heime trug Das Land erloest aus dem Kriegeszug; So traegt es auch auf des Friedens Wegen Den Pulsschlag des Heims in emsigem Regen. Trotz all dem Feinen im fremden Duft, Ganz lauter allein ist die Heimatluft. Nur dort stellt kindliche Wahrheit sich ein Und wird von der Stirn dir gekuesst der Schein. Zur Heimat dort oben stehn offen die Tueren; Denn von dorten kam's, und dahin wird es fuehren. Du Kirchenpilger, drum freue dich; Du betest fuer deine, fuer meine ich; Denn das Gebet laesst uns aufwaerts wandern Ein Stueck von dem einen Heim zum andern.-- Ihr bieget hinein; im Weiterwallen Hoer' ich den Psalm aus der Pforte hallen.-- Sei froehlich! Nicht mir nur gilt dein Gruss, Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuss. AN MEINEN VATER (Als er Abschied nahm) Unser Geschlecht sah einstmals stolze Tage. Noch in geraeumigen Weilern und auf breiten Gehoeften sitzt es; doch in harten Zeiten Ward _unser_ Zweig gebeugt in andre Lage. Nun reckt er wieder sich zum Licht empor, Und frische Knospen spriessen draus hervor: Du staerktest ihn; dein Abend sieht aufs neue Ihn bluehn, gelabt vom Quickborn deiner Treue. Wie das Geschlecht sich ausruht, um zu steigen In seines Wesens Tiefe, still geschaeftig Dort einzusaugen, was erloesungskraeftig Die reichen Gaben aufweckt, die sein eigen-- So konnt' ich fuehlen noch in dir die Spur Der dumpfen, ungezuegelten Natur; Sie war so stark, dass ihre dunklen Maechte Fortwirken bis zum spaetesten Geschlechte. Ein Funke fiel hinein vom warmen Herzen Der Mutter, und der Bund, der euch beglueckte, Wird, wie er segnend euer Alter schmueckte, Noch leuchten nach dem Tod mit hellen Kerzen. Wenn unser Volk einst recht versteht das Bild Der Heimat, der mein ganzes Dichten gilt, Des Glaubens und der Liebe stilles Walten, Dann soll's auch euch fuer immer lieb behalten. Wird Norges Bauer, wie ich ihn beschrieben Aus Sagas oder bei des Pfluges Lenken, Genannt,--muss, Vater, man auch dein gedenken: Ich ahnt' ihn nur, weil dich ich lieben durfte. Und wenn das treue Weib, das ich gemalt, Mit wackrem Mut, von Glaubensglanz umstrahlt, Von Fraun genannt wird, mag es leicht geschehen, Dass meine gute Mutter sie erspaehen. Und nun in Abendrast moegt ihr verweilen Nach schwerem Tagwerk und nach manchen Plagen, Moegt euch erzaehlen von entschwundnen Tagen, Von manchem mueden Schritt die tausend Meilen-- Wie ueber Winterschnee der Sonnenschein Blickt euch ins Fenster freudiger Dank herein, Umwebend einstiges Leid mit goldner Huelle, Und Leben quillt euch aus des Glaubens Fuelle. Doch niemand ist, der waermer fuer euch betet Als euer Sohn, den ihr in Angst und Beben Gehegt vom ersten leisen Fluegelheben, Fuer dessen Wohl zu Gott ihr taeglich flehtet. Wisst, wenn das Blut zu wild mir schoss durchs Hirn, War mir, als ruehrten Haende meine Stirn; Und pochte Reue still an meine Schlaefen, War mir, als ob wir uns beim Hoechsten traefen. Seht, deshalb bitt' ich Gott, mir Kraft zu senden (Fuers Leben werden wir uns neu begegnen, Und Scherz wird Hoffnung und Erinnrung segnen), Um einen heitern Abend euch zu spenden! O lass die Enkel, wenn dein Arm sie haelt, Im Abend schaun die morgendliche Welt! So wird einst troestlich ihnen noch im Sterben Das Morgenrot die blassen Haeupter faerben. AN ERIKA LIE Wer in Toene baende Nordische Gelaende, Zeigte nicht nur rauhe Bergeswaende, Nein, auch ebne Auen, Die gen Morgengrauen Glitzerperlen frisch betauen. Waelder, traumumflogen, Die in schweren Bogen Wie ein Meer das Glommental durchwogen,-- Lieblich gruene Weiten, Die von allen Seiten Leicht und licht zusammengleiten. All den feinen, klaren Reiz uns offenbaren --Nordlands sonnbeglaenzte Vogelscharen. Und die Purpurspende Ferner Nordlichtbraende-- Sieh, das muessen Maedchenhaende. Deine Haende schlagen Toene an und jagen Bilder auf aus langentschwundnen Tagen, Die in Sehnsuchtstiefen Unsrer Dichtkunst schliefen, Bis dann deine Haende wach sie riefen. Bald in leichten Ringen Sehn wir blinkend schwingen Funken, die aus Vaters Frohsinn springen; Bald erhabnes Schauern, Heiliges Bedauern Aus der Mutter Wehmutsauge trauern. Kinderseele, klinge Reingestimmt und dringe Glaeubig durch das Sein und alle Dinge, Rein wie Melodien, Festsaalharmonien Dich, du Kind des Glommentals, umziehen. AN JOHAN SVERDRUP Nicht war's zu rauhem Kriegeswerke, Dass deines Namens Wunderstaerke Ich mir zum Losungswort erkor. Kein Gassenkampf kraenkt unser Ohr! Soll denn der Dichtkunst Opferhain Gefeit vor Meuchelmord nicht bleiben,-- Ist das das Neue, was sie treiben, Dann mag ich nicht der ihre sein. Dann sage ich, wie Ejnar sagte, Als er um seinen Koenig klagte Und Harald mit Verheerung droht': "Ich folge eher Magnus tot Als Harald lebend;--" ja fuerwahr, Dann mache ich mein Langschiff klar. Auch darum senkte nicht vor dir Mein Lied sein flatterndes Panier, Weil ich bei dir Erloesung waehnte Fuer alles, was mein Herz ersehnte. Nein, wo die _groessten_ Fragen brennen, Da eben ist's, wo wir uns trennen-- Von des Gedankens Ursprung an, Bis er sich formt zu Ziel und Plan. Ich steh' auf Kinderglaubens Grund-- Er muss dem Volk die Freiheit geben, Durch ihn kann es nach Gleichheit streben, Nach freier Bruedervoelker Bund. Wohl heissest du gleich mir ein _Christ_, Doch ist die Kluft so tief geblieben, So tief, wie wir _verschieden_ lieben Dies Land, das uns _gleich_ teuer ist. Heut moegen wir am Sieg uns freun,-- Das Morgen wird uns neu entzwein. Doch darum dich mein Sang erkor, Weil eben das, was uns _jetzt_ gilt, Von allen dich am staerksten fuellt, Du haeltst im Kampf es hoch empor. Wenn graue Nebel uns umschlingen, Nach Licht das truebe Auge lechzt, Die Erde schlummermuede aechzt, Und aengstlich wir nach Atem ringen,-- Dann weicht von dir die Erdenschwere, Dann regt dein Geist die Donnerfluegel, Dann packt dein Blitz die Wolkenheere, Und sonnenklar stehn Berg und Huegel. Du bist der frische Regenguss In unsres Alltags traegem Muss; Du bist die Salzflut, die so wild In unsre schwuelen Fjorde quillt. Dein Wort bricht durch wie Bergmannsgaenge, Wo Erz erglaenzt in Felsenenge; In deines Seherauges Flammen Schmilzt Einst und Jetzt in eins zusammen. Solang' du Sverres Klinge schlaegst, Macht sie dein Schlachtenhorn erzittern; Solang' wir dich als Fuehrer wittern, Du Sieg auf Sieg von hinnen traegst. Sie weichen unter deinen Hieben, Verkriechen sich in scheuer Kluft, Doch frei in des Gedankens Luft Ist unversehrt dein Haupt geblieben. Wir lieben deinen Loewenmut, Der vor der Fahne kaempft voll Glut, Die Faehigkeit, die unverzagt Den eignen Stahl zu schmieden wagt, Die wachsame Verwegenheit In Not, Verachtung, Krankheit, Leid. Wir lieben dich, weil alles du Hingabst fuer uns--Ruhm, Zukunft, Ruh; Wir lieben dich trotz Hass und Groll: Du glaubtest an uns allezeit. Wer wagt's, noch rueckwaerts jetzt zu zeigen? Nein, aufwaerts Jahr fuer Jahr wir steigen, Aufwaerts in Freiheit und in Sang Und froh-norwegischem Eigenleben; Wer wagt es noch, zu widerstreben Befreitem hundertjaehrigen Drang? Kein Zwiespalt mehr um Recht und Macht; Ob Kriegstumult, ob Friedensstille, Nur _einer_ Freiheit Ehrenwacht, _Ein Volk nur und ein einziger Wille._ Der Geist, dem unsres Morgens Graun Den Traum von freien Goettern brachte, Der gross von allem Grossen dachte, Wird nimmer dem Unechten traun. Der Geist, der Wikingschiffe baute, Als er dem Koenigswort misstraute,-- Der sich, bedroht, gen Island schwang Auf Heldenruf und Heldensang, Im Sturm dann Land und Zeiten nahm,-- _Den_ macht ihr nicht so leicht mehr zahm. Der Geist, dem einst am Hjoerungsunde Schlug langersehnter Freiheit Stunde, Der keines Koenigs Macht gescheut, Der selbst dem Papstspruch Trotz noch beut, Der selbst in seiner Schwachheit Stunde Frei sass auf freier Vaeter Grunde, Und sich gewehrt mit Mund und Hand, Wo fremdes Herrentum ihn band,-- Der Wessel fuehrte Hand und Degen, Der Holbergs Witz zu wetzen wagte Und der Gedanken Funkenregen Aus stillem Schlot gen Ejdsvold jagte,-- Der durch des Glaubens Machtgebot Die Bruecke _ueber_ Odin spannte Im Baldurmythus auf zu Gott,-- Der Geist, der sich aus tiefem Dunkel Zu Gimles Klarheit durchgerungen, Als Papstesspruch wie Moenchsgemunkel Ihm allerwaerts den Weg verrannte,-- Und abermals dann Brueckenbogen Zu sonnigen Freiheitshoehn gezogen, So dass, als rings fuer Luthers Lehre Des Schlachtfelds Opfer blutig rauchte, Im Norden, an der Freiheit Wehre, Nur eine Wand zu fallen brauchte,-- Der Geist, der auch die finstern Stunden, Da man den Glauben abgeschafft, Durch Brun und Hauge ueberwunden, Und der mit unbeirrter Kraft In pietistischer Nebelnacht Bei Kerzenschein am Altar wacht,---- Glaubt ihr, den bringt man in die Mode Durch die neumodische Synode? Der liesse sich in Stuecke feilen Und in politische "Kammern" teilen, Der liesse sich wie Schmugglerwaren Ueber die Grenze heimlich fahren? Und _eben jetzt_, da auf den Hoehen Die Feuerzeichen flammend rauchen, Da Schulen fuer das Volk erstehen Und nicht um Platz zu kaempfen brauchen, Wo Mut und Sinne sich verjuengen, Dieweil wir hoeren, glauben, singen;-- Jetzt, da mit dumpfen Wetters Macht Sich Wellen aus der Tiefe heben, Und drueber hell wie Nordlichtpracht Der Jugend Sehnsuchtrufe schweben,-- Jetzt, da der Geist allueberall Die alte, starre Form verschmaehte, Wo schmetternd mit der Kriegsdrommete Der junge Wille stuermt den Wall! Kampfgrosse Zeit! Und wir mittinnen! Der Erde Groesstes ist's: zu sein, Wo Kraefte gaerend sich befrein Und Formen und Gestalt gewinnen; Von eignen Feuers Ueberfluss Zu opfern fuer den grossen Guss, Den Abdruck seiner eignen Form Zu sehn als der Geschlechter Norm,-- Zu hauchen in den Mund der Zeit Den Geist, den Gott in uns geweiht. * * * Das war's, was ich dir sagen musste,-- Just dir, der wach zu jeder Frist Die Werkstatt seiner Zeit durchmisst Und stets, was kommen wuerde, wusste; Dir, der des Volkes Herz geweiht Zu diesem neuen Freiheitsleben,-- Und dem dies Volk dafuer gegeben Sein Schoepfertum samt seinem Leid. DAS KIND IN UNSRER SEELE Zum Herrn im Himmelsraume Blickt auf ein Knabe unschuldstraut, Wie wenn zum Weihnachtsbaume, Ins Mutteraug' er schaut. Doch schon im Sturm der Juenglingsbahn Trifft ihn der Edenschlange Zahn, Und seines Glaubens Schranken, Sie wanken. Da winkt voll Sonnenschimmer Sein Kindertraum im Myrtenkranz; Im Liebesblick malt immer Sich frommer Himmelsglanz. Wie einst im Mutterarm so gern, Preist wieder stammelnd er den Herrn Und loest sein betend Sehnen In Traenen. Wenn dann zum Lebensstreite Er zweifelnd eilt in jaehem Lauf, Steht laechelnd ihm zur Seite Sein Kind und weist hinauf. Mit Kindern wird er wieder Kind; Wohin sein Herz auch traegt der Wind, Gebet wird ihn vereinen Den Seinen. Der groesste Mann auf Erden, Das Kind in sich verlier' er nicht, Und selbst in Sturmbeschwerden Erlausch' er, was es spricht! Oft, wenn ein Kaempe fiel mit Scham, Das Kind war's, das als Retter kam; Es laesst von allen Wunden Gesunden. Was Grosses ward ersonnen, Ist Werk des Kinderfreudenstrahls; Was Starkes ward gesponnen, Das Kind in uns befahl's. Was schoenheitsvoll in Herzen fiel, Lebt in des Kindes Unschuldspiel, Und Klugheit vollgewichtig Wird nichtig. Wohl dem, der sich hienieden Wert zeigt, im eignen Heim zu ruhn; Denn dieses nur gibt Frieden Des Kindes mildem Tun. Uns alle, die des Lebens Schlacht Verhaertet hat und mued' gemacht, Wird Kinderlachens Toenen Versoehnen. DER ALTE HELTBERG Ich besucht' eine Schule--klein, doch geziert Mit allem, was Kirche und Staat approbiert. Sie drehte sich fuegsam und honett In der Staatsmaschine, freilich mit Knarren, Denn geschmiert wurde selten mit Geistesfett. Jedoch eine andre gab's dort mit nichten: Und so mussten wir denn ins Geschirr vor den Karren, Aber statt zu ziehn--las ich Snorres Geschichten. Dieselben Buecher, dieselben Gedanken, Die der Lehrer pflichtschuldigst jahraus, jahrein In die Koepfe paukt ohne Wanken und Schwanken, --Denn dies befohlne System allein Bringt das Amt, nach dem Lehrer wie Schueler nur zielen!-- Dieselben Buecher, dieselben Gedanken, Die einen machen aus noch so vielen, Der auf einem Bein seine Lektion absurrt, Der Tausendsassa, wie ein Ankertau schnurrt!-- Dieselben Buecher, dieselben Gedanken Von Mandal bis Hammerfest--(ja, wie mit Planken Umschliesst uns der Staatspferch, darin alle feinen, Korrekten Leute dasselbe stets meinen!)Die naemlichen Buecher, die gleichen Gedanken Sollt' ich schlucken; doch mir widert' der Brei, Ich trotzt' mit der Schuessel und machte mich frei, Froh ueberhuepfend der Heimat Schranken. Was mir draussen begegnet und was ich dachte, Was die neue Staette mir Neues brachte, Wo die Zukunft lag,--darauf will ich verzichten, Um von der "Studentenfabrik" zu berichten. Baertige Gesellen, oft ueber die Dreissig, Auf jedes Wort hungrig, bueffelten fleissig Neben mausigen Buerschlein von siebzehn Jahren, Die sorglos naerrisch wie Spatzen waren;-- Teerjacken, einst ins Abenteuerland Keck aus der Schule durchgebrannt, Dann reuig wieder und sehr erpicht, Die Welt nun zu sehen im Weisheitslicht;-- Fallierte Kaufleute, die hinterm Pult Mit den Buechern liebelten, bis die Geduld Ihrer Glaeubiger riss, und auf Pump jetzt studierten;-- Salonloewen, faule, die hier noch sich zierten!-- Junge, halb ausgebackne Juristen Und predigtluesterne Seminaristen;-- Kadetten mit Schaeden an Arm oder Bein, Bauern, denen 's Lernen fiel allzuspaet ein:-- Was andre in fuenf Jahren nicht verschlingen An Latein, in knapp zweien wollten sie's zwingen.-- Sie hingen ueber die Baenke, lehnten gegen die Wand, Ein Paar hockt' in jedem Fenster, einer pruefte just am Rand Eines tintenklecksigen Pultes, ob denn sein Messer schneide. So fuellten sie die zwei Stuben, zum Brechen voll beide. Lang und hager, im Halbtraum, auf der aeussersten Linie Sass vor sich hinbruetend A.O. Vinje. Angespannt und mager, die Gesichtsfarbe gipsen, Hinterm kohlschwarz-unmenschlichen Bart Henrik Ibsen. Ich, der juengste, war damals noch nicht von der Partie, Bis ein neuer Schub einrueckte mit Jonas Lie. Doch der Alte, der wackre Chef in dem Loch, Heltberg war von allen der schnurrigste doch! In Pelzstiefeln stand er, in Hundefell dicht Vermummt (denn es beugten ihn Asthma und Gicht, Den Riesen), doch barg uns die Pelzmuetze nicht Seine Stirne, das klassische Adlergesicht. Nun schmerzgekruemmt, nun besiegend, was widrig, Warf er starke Gedanken--und er warf sie nicht niedrig. Kam der Schmerz unbaendig und stiess zusammen Mit dem starken Willen, der Sturm dann lief Gen den Anfall, sahn wir sein Auge flammen Und die Haende sich ballen, als schaemt' er sich tief Jeder Schwachheit. Wie uns da entgegenschlug Das Grosse im Kampfe! Und jeder trug Ein Bild mit sich fort jener stuermischen Zeiten, Da durchs Land gebraust Wergelands wilde Jagd, Welch ein Spiel der Kraefte im Toben und Streiten. In der Kraft welch ein Wille unverzagt! Nun stand er verlassen, der einzige noch, Vergessen in seinem Winkel--und war ein Haeuptling doch! Los sprengt' er den Gedanken aus der Schule Zwang und Zucht, Sein Eigen war die Lehre, seine Fuehrung Geistesflucht, Persoenlich all sein Wesen: hoechst ungeniert-anarchisch Risch rasch! ging's in den Text; doch absolut monarchisch War sein Grimm ueber Fehler;--zwar legte er sich bald Oder stieg zu einem Pathos von edelster Gestalt, Das in Selbstverhoehnung sich loeste wieder Und als Spottregen prasselt' auf uns hernieder.-- So fuehrt' er seine "Horde", so ward im Flug durchbraust Das klassisch schoene Land,--wo wir verdammt gehaust! Entsetzt standen Cicero, Virgil und Sallust Auf dem Forum und im Tempel, rasten wir Wilden just Vorueber: Hie Tor, hie Odin! ein zweiter Gotenzug, Der Jupiters Lateiner und die ewige Roma schlug. Und es war des Alten Grammatik ein Hammer von Zwergen geschweisst, Wenn er ihn schwang, da spruehte Flammen der nordische Geist. Doch die neue Barbarenhorde, die hinter ihm jagte dahin, In Rom sich niederzulassen, hatten sie nicht im Sinn. Sie wurden nicht "Lateiner", nicht fremden Denkens Knecht, Sie lernten sich selber kennen auf der Fahrt als Herrengeschlecht. Des Denkens hohe Gesetze erwies er uns am Worte, Zu Wundern und zu Taten erschloss er uns die Pforte Und schaerft' uns, zu erobern, zu stuermen, den Mut, Was unberuehrt gestanden in altersheiliger Hut. Als schauten wir Gesichte, in atemloser Haft Hielt uns des Alten Lehre und mehrte unsre Kraft. Seine Bilder gaben Nahrung dem jungen Schoepferdrang, Sein Witz war Staerkeprobe und staehlte zum Waffengang; Seine Macht war uns die Wage, die Kleines von Grossem schied, Sein Pathos zeugte vom Kampfe, der im Verborgnen glueht! Wie sehnte der kranke Kaempe sich aus dem Winkel vor, Nur einmal der Welt zu zeigen, was sie an ihm verlor, Wenn er von seinem Besten nur wenigen Schuelern gab. Tagtaeglich hisst' er die Segel, doch niemals stiess er ab. Seine Grammatik erschien nicht! Er selbst ging in das Land, Wo man des Denkens Gesetze nicht mehr in Buecher bannt. Seine Grammatik erschien nicht! Aber ein Lebenswort, Bedurft' es der Druckerschwaerze? Es dauerte schaffend fort! Aus seiner Seele stroemt' es so maechtig, so warm, Das Leben von tausend Buechern, wie scheint es dagegen arm! In einer Schar von Maennern, selbstaendig und stark, Lebt weiter, was ihrem Denken Halt verliehn und Mark. In der Schule und in der Kirche entfalten sie ihr Wirken, Im Tingsaal und vor den Schranken, in allen Geistesbezirken,-- Und immer behaelt ihr Walten einen freien, starken Zug, Seit Heltberg ihre Jugend in reinere Hoehen trug. FUER DIE VERWUNDETEN (1871) Ein stiller Zug bewegt Sich durch des Kampfs Getoese, Das Kreuz am Arm er traegt. Sein Flehn in tausend Zungen klingt, Und den gefallnen Kriegern Er Friedenskunde bringt. Nicht nur auf blutigem Feld Des Kriegs ist er zu Hause,-- Nein, in der ganzen Welt. Was in der Welt an Liebe glueht Aus edlen, guten Herzen, Andaechtig-still hier kniet. Es ist der Arbeit Scheu Vor Kriegesmord, die betet Um Schutz vor Barbarei, 's sind alle, die das Leid durchwuehlt, Die ihrer Brueder Qualen Je seufzend mitgefuehlt. Es ist das Schmerzgestoehn Der Kranken und der Wunden, Der Christen frommes Flehn, Ist der Verlassnen bleiche Qual, Ist der Bedrueckten Klage, Der Toten Hoffnungsstrahl;-- Der Wolken Nacht durchbricht Als Friedensregenbogen Des Heilands Glaubenslicht: Dass ueber Leidenschaft und Streit Die Liebe triumphiere, So wie Er prophezeit. LAND IN SICHT Und das war Olav Trygvason, Den sein Kiel durch die Nordsee trug Heimwaerts zu seinem jungen Reiche, Wo noch kein Herz fuer ihn schlug. Scharf spaeht' er aus nach dem Lande: Dort--sind das Mauern am Meeresrande? Und das war Olav Trygvason; Wallgleich hob es sich himmelan; All seine jungen Koenigswuensche Wollten zerschellen daran,-- Bis ein Skald, wo der Nebel braute, Tuerme und blasse Zinnen erschaute. Und das war Olav Trygvason, Deucht' ihn nun selbst, dort stiegen auf Altersgrau ragende Tempelmauern, Schneeweisse Kuppeln darauf. Sehnt' er sich, wie sie herueber sehen, Mit seinem jungen Glauben darinnen zu stehen. AN H.C. ANDERSEN (Bei einem Sommerfeste zu seinen Ehren, Kristiania 1871) Willkommen hier am lichten Sommertag, Da Kindertraeume heimisch uns geworden Und bluehen, singen, spiegeln, schweben, fliehn; Den sie umziehn, Ein Maerchen ist nun unser hoher Norden Und nimmt dich an sein Herz zum Weihebund, Und danket, jubelt, fluestert Mund zu Mund. Und Engelslaut Von Kinderherzen traut Traegt dich empor fuer kurze Frist, Wo unsrer Traeume Born und Ursprung ist. Willkommen! Unser ganzes Volk ist jung Und steht im Maerchenalter noch, dem schoenen, Das traeumend eine Zukunft wirken kann. Der geht voran, Der fuegsam hoert den Ruf des Herrn ertoenen. Wer Kindes Sehnsucht so wie du verstand, Botschaft vom Groessten bringt er unserm Land: Der Zauberstab, Den Phantasie dir gab, Hat spielend uns den Weg befreit, Den wir entgegenwandeln grosser Zeit. BEI EINER EHEFRAU TODE Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag, Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Fuessen lag; Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied, Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid; Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor: Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor! Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach Sie schmerzlich: O, ich wusste, das Schwerste kaeme noch nach. Sie dachte, ihn, ihn haette gewaehlt des Schoepfers Grimm, Und stemmte ihre Haende wider den Boten schlimm Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis, Ihn schirmen, ihren Helden--und gab sich selbst so preis. Sie laechelte so selig: ihr Urteil war gefaellt, Ihr Opfer angenommen,--gerettet war ihr Held. Bewundrung, Liebe woelbten ein strahlend Sternenzelt Von Glueck zu ihren Haeupten in ihrer letzten Stund, Bis schneeweiss sie entschwebte fort in der Engel Rund. Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust Die Seelen mit sich, die sie umfaengt voll Opferlust. AN DER BAHRE DES KIRCHENSAENGERS A. REITAN (1872) Sein lachend Auge durfte sich An Land und Himmel weiden; Denn beider Bildnis in ihm glich Den ewigen Jubelfreuden. Als "Quellchen" sprang Sein Wort, sein Sang Durch Taeler gruen und eng und lang, Und fruchtbar spriesst's am Rande. Beim armen Volk im Winter dann Da litt er und da fror er. Und doch stieg als der frohste Mann Zur Orgel dann empor er. "Die Achse, seht, Um die sich's dreht, Auch durch das aermste Doerflein geht." So sang vom hohen Chor er. Ach, und als Krankheit jahrelang Kam, um sein Lied zu pruefen, Und all die Kleinen hilflos bang Zutraulich nach ihm riefen, Mit leisem Klang Dem Staub entrang Sich Aeolsharfen gleich sein Sang Den dumpfen Erdentiefen. Sein Leben sagte uns voraus: Wenn wir uns Gott ergeben, Dann wird in Kirche, Schule, Haus Das Volk im Liede leben: In Volksgesang, In Lustgesang, Im Abglanz von des Herrn Gesang Hoch ueberm Weltenweben. Mein Land, o denk der Kleinen auch, Die er ans Herz dir legte, Und aermer, als ein Rosenstrauch, Selbst noch im Sterben pflegte.-- Ein Herz wie er Darf nimmermehr Dies Land verlassen freudenleer, Das er so treulich hegte. DAS LIED Das Lied hat Leuchtkraft; drum ueber die grauen Werktage giesst es Verklaerung hin. Das Lied hat Waerme; drum laesst es tauen Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn. Das Lied hat Dauer; drum was vergangen Und was zukuenftig, es flicht's dir zum Kranz, Entzuendet in dir unendlich Verlangen Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz. Das Lied vereint; denn es laesst entschwinden Den Misston und Zweifel in strahlendem Gang; Das Lied vereint; denn es weiss zu verbinden Kampflustige Kraefte in friedlichem Drang: Im Drang zur Schoenheit, zur Tat, zum Reinen! Es laedt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg Stets hoeher und hoeher, empor zu dem Einen, Das nur fuer den Glaeubigen oeffnet den Weg. Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange Glaenzt wehmutsvoll wie der Abendflor; Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange Wir fest fuer der Zukunft lauschendes Ohr. Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter Und tummelt sein Leben im toenenden Wort; Die Geister der Ahnen wie mahnende Waechter, Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord. AUF N.F.S. GRUNDTVIGS TOD (1872) Gleichwie der Urzeit Wala hehr Aufstieg ueber den Wassern der Sagen, Kuendend, was Himmel verbarg und Meer, Dann, wieder sinkend hinabgetragen, Liess die Kunde zu Lehr' und Ehr' Spaetesten Tagen: Also liess uns, der unser war, Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden, Die noch schweben, leuchtend und klar, Sonnenwolken ob Meer und Landen, Unsern Ausblick auf tausend Jahr' Hell zu umranden. AUS DER KANTATE FUER N.F.S. GRUNDTVIG (1872) Sein Lebenstag, der groesste, den Norden je gekannt, Der mitternaechtigen Sonne war wunderbar verwandt. Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war, Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar. Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab, Als Geistesschritt auf Erden, hoch ueber Zeit und Grab. Im Licht von Gottes Frieden hat er der Vaeter Bahn, Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan. Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit Dem Volke, wo es baute, der grossen Geister Streit. Im Licht von Gottes Frieden Aufklaerungsmacht er sah,-- Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen bluehten da. Im Licht von Gottes Frieden stand fuer ganz Daenemark Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark. Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll. Im Licht von Gottes Frieden steht heut sein Greisentum Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm. Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein, Wenn am Altar er schenkte des Herrn Versoehnungswein. Im Licht von Gottes Frieden gehn ueber Meer und Land Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt. Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort, Umglaenzte still sein Leben--: so lebt er in uns fort. BEI EINEM FEST FUER LUDV. KR. DAA Junge Freunde im innigen Kreis, Alte Feinde kommen; Fuehle dich sicher, denn freundschaftsheiss Sind dir die Herzen entglommen. Wieder gab's hier einen ernsten Tag, Wieder schlugst du mit Reckenschlag: Jeder bekam wie stets seinen Hieb, Doch jetzt sei lieb! Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht, Noch mit Sektglasklingen,-- "Alter Forscher", herzenschlicht Wollen wir Dank dir bringen. Ziehen die Wasser in stillem Lauf, Steigt unser Lotse selten hinauf, Tuermt sie zu Wellen des Sturmes Braus, Segelt er aus! --Segelt er aus als Bergungspilot, (Gekannt ist das Auge des Alten), Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht Und zagend die anderen halten. Dank trug er nicht, das weiss ich, nach Haus; Denn er schimpfte die Schiffer aus, Wandte den Ruecken, ging heim voll Kraft, Das Werk war geschafft! Er hat erprobt, was es heisst, zu gehn Gehasst, bis die Wahrheit am Tage; Er hat erprobt, was es heisst, zu stehn Nach beiden Seiten dem Schlage. Er hat erprobt, was es kostet an Leid, Voranzuschreiten seiner Zeit, Er, den so Hohes wir wirken sahn, Ward in Bann getan! Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht Jenen Helden gewaehren, Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht Nachzuhinken den Heeren? Soll es denn immer so klaeglich gehn, Wollen wir stets um das Kleine uns drehn, Stilliegen, spaehn, bis ein Fehler erkannt?-- Nein, Segel gespannt! Segel zu groessrer Fahrt gespannt, Wozu uns die Kraefte gegeben-- Leben, dem Alltag nur zugewandt, Das ist nicht wert, es zu leben; Leben, dem hoeheren Kampf geweiht, In Gottvertrauen und Einigkeit, Von Ehren und Sangesflagge umweht,-- Seht: das besteht! NEIN, WO BLEIBST DU DOCH? (1872) Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht, Zu zertreten dies Luegengezwerg, Das mein Haus mir umlagert und tueckisch bewacht Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht, Und bricht mir nun ein, Zu belauern voll Hass Meinen Sinn, zu entweihn Mir jedes Gelass Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich sass. Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Tross Besudelt, dem Volk mich entstellt; Luegennebel umhuellt meiner Dichtung Schloss, Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entfloss, Und ein Halbtier, ein Faun Bin ich selbst, den mit Graus Die "Gebildeten" schaun-- Oder ziehn weidlich aus Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strauss. Wenn ein Buch ich schreibe, "just sieht es mir gleich"; Wenn ich spreche--ist's Eitelkeit. Wenn ich zimmre und baue fuers Buehnenreich, Mein Duenkel nur fuehrt jeden Hammerstreich. Und schlag' ich mich treu Fuer altheimische Art Auf der Vaeter Bastei, Umtobt und umschart,-- Kaempf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart. Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun Dies umstrickende Luegengewirr-- Der verjagt aus den Koepfen dies krankhafte Graun Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun-- Und hat Trost fuer den Mut, Der in Frost und in Nacht Seine Waffenpflicht tut Und die Runde macht, Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht. Komm, Volksgeist, du, gottgeboren--entstammt Dem riesenbezwingenden Tor. Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt, Dass die Furcht dies Gezuechte zum Schweigen verdammt; Du kannst wecken im Land Die schlummernde Kraft, Du kannst staerken das Band, Das in Blutsbruederschaft Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft. Hab' Dank, unser Volksgeist!--denk' ich nur dein, Wird alles zum Nichts, was ich litt. Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein, Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein, Und erfleh' einen Sang, Du liedreicher Mund, Dass in Not und Drang, In entscheidender Stund' Ich dir Kaempen erweck' auf der Vaeter Grund. WECKRUF AN DAS FREIHEITSVOLK IM NORDEN Der "vereinigten Linken" (Tirol 1874) Verachtet von den Grossen, nur von den Kleinen geliebt, Den Weg geht alles Neue,--sag', ob's einen andern gibt? Von denen, die schuetzen sollten, verraten und gehetzt,-- Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt? Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und waechst zu einem Brausen hin ueber Wald und Hag,-- Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort Und alles ueberdroehnet, dies Wort, dies Losungswort. Im Gotenkampfe nordwaerts verschlagen wurden wir; "Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier. Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn: In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn! Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn, Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.-- Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und geht nun schon als Brausen hin ueber Wald und Hag. Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt, Mit Donner in seiner Stimme weit ueber Meer und Land. Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde groesste Kraft, Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft. OFFNE WASSER Offne Wasser, offne Wasser! Sehnsucht,--bange, winterlange,-- Wird nun gar zum heftigen Drange. Blaut ein Streifchen kaum im Sunde, Dehnt zum Monat sich die Stunde. Offne Wasser, offne Wasser! Sonne laechelt, nascht vom Eise Schamlos bald nach Prasserweise. Laesst sie ab: zur Nacht geschwinde Trotzig haertet's neu die Rinde. Offne Wasser, offne Wasser! Sturm muss her!--er kommt, der Wandrer, Bringt herauf vom Sommer andrer Freie Wogen, starke Wellen,-- Krach folgt nach und Sturz und Schnellen. Offne Wasser, offne Wasser! Wieder Luft und Berg sich spiegelt, Schiffen ist die Bahn entriegelt: Botschaft braust herein von draussen-- Kampffroh steuern wir nach aussen. Offne Wasser, offne Wasser! Sonnengluten, kuehlem Regen Jauchzt die Erde nun entgegen: Seele toenet mit und zittert-- Neugeschaffen, kraftumwittert. FREIHEITSLIED An "die vereinigte Linke" (1877) Freiheit! bist der Volkskraft Kind, Zorn und Sang dir Mutter sind! Kaempenstark als Junge schon Rangst du frueh um Kampfeslohn; Warst umkreist allermeist Von Gesang und Witz und Geist; Freudig ist dein Tun, voll Macht So beim Pflug wie in der Schlacht. Feinde stets und ueberall Lauerten auf deinen Fall; Fanden dich zu grob bei Tag, Fuehrten, als du schliefst, den Schlag; Banden sacht dich bei Nacht. Du sprangst auf,--die Fessel kracht... Weiter schrittst du froh und stark, Du hast Schwung und du hast Mark! Wo du wandelst, blueht der Pfad, Schwillt aus deinem Mut die Tat, Facht Gedanken deine Glut: Doppelst Kraft in Hirn und Blut. Landesrecht ist dein Knecht; Selber schufst du's, wahrst es echt. Nicht durch "wenn" und "ach" beschraenkt, Faellst du jeden, der es kraenkt. Freiheitsgott, bist Lichtesgott,-- Nicht der Knechte Schreckensgott,-- Liebe, Gleichheit, Vorwaertsdrang, Fruehlingsbotschaft saet dein Sang. Freiheitshort! Friedensport Winkt den Voelkern durch dein Wort: "Einer nur ist Herre hier; Keine Goetter neben mir!" AN MOLDE Molde, Molde, Treu wie ein Sang, Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken, Farbige Bilder, die spielend sich ranken Um meines Lebens Gang. Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend, Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln, Ja, deine Inseln! Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz, Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz. Molde, Molde, Treu wie ein Sang Summst du auf meinem Gang. Molde, Molde, Blumiger Ort, Haeuslein im Gaertchen, Freunde dort weilen! Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen, Steh' ich im Rosenschutz dort. Heiss brennt die Sonne auf Berglands Weite, Fort muss der Mann zum ernsten Streite. Sanft nur die Freunde entgegen mir gehen Und mich verstehen-- Kampf schlichtet einzig der Tod allein,-- Hier sei dem Denken ein heiliger Hain! Molde, Molde, Blumiger Ort, Kindheiterinnerungs-Hort. Und wenn einmal Im letzten Kampf ich liege, Mein Heimattal, In deinem tiefen Abendrot Lag meiner Gedanken Wiege,-- Dort nahe ihnen der Tod. DIE REINE NORWEGISCHE FLAGGE I Dreifarbig reines Panier, Norwegens schwer errungne Zier! Tors Eisenhammer haelt Im Bann das christlich weisse Feld. Und unser Herzensblut Stroemt hin als rote Flut. Hoch ueber der Erdenschwere Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere; Der Freiheit Lenzkraft gewaehre Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund Fahr hin uebers Erdenrund! II "Die reine Flagge ist Torheit", So raunen die "Weisen" allhier. Nein, Poesie ist die Flagge, Und die Toren, ihr Guten, seid ihr. Es schwingt in der Poesie sich Der Volksgeist himmelan, Als Fuehrer geht die Fahne Ihm unsichtbar lenkend voran. Und was er erkaempft und errungen, Und was ihn an Sorgen bewegt, Das toent jetzt in ewigen Liedern, Die Flagge den Takt dazu schlaegt. Wir halten sie hoch, umbrauset Von Sehnsucht, meersturmgleich, Von vollen Erinnerungschoeren, Von Worten, so fluesternd weich. Sie kann nicht schwedisch plappern, Wie ein zierlicher Schwadroneur, Sie kann sich nicht sperren und spreizen, Drum weg mit der fremden Couleur. III Die Suenden, die wir begangen, Die gab's in der Flagge nicht, Denn die Flagge das Ideal ist In ewig harmonischem Licht. Die besten Taten der Vorzeit, Der Gegenwart bestes Gebet Umhuellt sie und traegt sie weiter, Dass vom Vater zum Sohn es geht. Traegt es rein und ehrlich Und nicht mit Versuchers List, Denn unserem jungen Willen Sie Fuehrer und Schirmer ist. IV "Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge", So rufen sie allerwaerts, Doch Norge hat nimmer versprochen Einer andern Braut sein Herz. Es teilt mit keinem sein Wohnhaus, Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr', Sein Braeutigam ist sein Willen, Selbst herrscht es auf Feld und Meer. Es ehrt unser Bruder im Osten Die Kraft, die nach Freiheit ringt, Er weiss, dass sie alleine Uns Ruhmeskraenze erzwingt. Er weiss, warum unsrer Flagge Der Pomp seiner Farben nicht steht: Weil unsre eigene Ehre Uns ueber die seine geht. Und niemand, der Ehre im Leib hat, Nennt andre Freundschaft ein Glueck. Wir opfern ihm gern unser Leben, Doch von unsrer Flagge kein Stueck. V _An Schweden_ Voll Ehrerbietung ich nahe,-- Ich weiss, du traegst hohen Sinn,-- Und lege in schlichten Worten Vor dich meine Sache hin. Waerst _du_ der Kleinere, Schweden, Und juengst erst durch Freiheit beglueckt, Und trueg' deine Flagge ein Zeichen, Das dich tiefer und tiefer drueckt, Und behauptete, du seist der Kleine, An des Groesseren Tisch gesetzt, (Denn also deuten die Voelker Dies Flaggenzeichen jetzt)-- Und waere deine Freiheit Nicht alt,--nein--wie unsre jung, Und hundertjaehrige Ohnmacht In deine Erinnerung Mit frischen Furchen gegraben Von altem Unrecht und Blut, Von ziellosen Sehnsuchtsklagen, --Ja wuesstest du, wie das tut, Und solltest dein Volk erziehen Zu neuer Freiheit Ehr', Zu neuen Freiheitsgedanken, Und die Flagge dein Dolmetsch waer', Ob du dir wohl liessest rauben Aus der Flagge das eine Feld? Ob du wohl ertruegst das Zeichen, Das die Freiheit dir vorenthaelt? Ob du dir nicht selber sagtest: "Je aelter des aendern Rang, Je groesser der Ruhm seiner Farben, Um so lockender ist sein Sang. Versuche nicht den, der gefallen Und der juengst sich erst wieder befreit. Mit reinen Zeichen deute. Empor zur Unsterblichkeit." So spraechest du, alter Recke, Wenn du wohntest in _unserm_ Land, Denn dir sind die Pfade der Ehre Von altersher wohlbekannt. Seit achtzehnhundertvierzehn Und bis auf den heutigen Tag, So oft unsre Freiheitssehnsucht Qualvoll in Fesseln lag. Gab es Maenner in deiner Mitte, Die trotz deiner Halsstarrigkeit Fuer unsere Sache sprachen, Wie Torgny in alter Zeit. VI _Antwort an den alten Ridderstad_ Im Kampf um die reine Flagge Schwatzt du von "Ritterpflicht"? Mein Bester, ich achte dich hoechlich, Doch wisse, _die_ schert dich nicht. Denn grade weil uns Verleumdung Bewirft mit Russ und Dreck, Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge Zu wischen den Anfechtungsfleck. Die _Gleichheit_, die dieser predigt, Die luegt er mit frechem Gesicht; Ein grossskandinavisches Schweden, Das naemlich moegen wir nicht. Nein, "Ritterpflicht" ist's fuer den Kleinen, Zu sagen: "ich bin kein Teil, Ich will das Selbstaendigkeitszeichen Ganz haben zu eignem Heil." Und "Ritterpflicht" ist's fuer den Grossen, Zu sagen: "der falsche Schein Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre, Der soll meine Waffe nicht sein." Und "Ritterpflicht" ist's fuer beide, In streitender Voelker Gemisch, Zu sein mit gereinigtem Banner Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch. AN DEN MISSIONAR SKREFSRUD IN SANTALISTAN Ich ehre dich, weil du, verschmaeht, geschaendet, Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft, Und neuer Laestrung Antwort nur gesendet Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft. Ich ehre dich, weil du nur stets geduerstet Nach Gottes Taten unter Not und Streit; Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefuerstet, Der Heimat bester Mann in deiner Zeit. Ich teile nicht dein glaubensstarkes Traeumen, Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt; Was gross und edel strebt zu hoehern Raeumen, Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt. POST FESTUM Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis, Stand einstmals auf am Eismeerstrande, Da schallte laut durch alle Lande Des Riesenrecken Lob und Preis. Ein Koenig klomm zu ihm hinan Und reicht' ihm gnaedig seinen Orden: "Den tragen die, die gross geworden!" "Stopp!" knurrte ihn der Recke an. Der Koenig wich verbluefft, entsetzt Zurueck mit baenglichem Gesichte: "Mein Orden wird nach der Geschichte Verschmaeht von just den Groessten jetzt. "Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schoen, Lass mich nicht in der Patsche stecken; Du wirst mehr Groesse ihm erwecken, Uns, die ihn tragen, miterhoehn!" Zu gut war unser Eismeerheld, Wie oftmals Recken, will mir scheinen; Die Narren werden sie der Kleinen,-- Er nahm ihn,--Hohngelaechter gellt. Da krochen alle Koenige hin Mit ihren Orden, sie zu heben Und ihnen neuen Glanz zu geben: Fuer arme Ritter zum Gewinn. Honny soit ... et caetera-- Bespickt mit Orden stand er da; Doch groesser ward der Orden keiner, Der Recke nur verteufelt kleiner. ROMSDALEN Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,-- Ob ich das Land wohl erkennen kann? Sieh, wie die Inseln die Koepfe recken, Frischgruen und felsig; Salzfluten lecken, Mutwillig plaetschernd, den steinernen Fuss. Seevoegel flattern mit kreischendem Gruss, Heben sich, senken sich, geistergleich. Hier ist ein Reich Voll Sturmeserinnrung,--ganz fuer sich. Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn! Draussen--erzaehlt der Kapitaen--am Riffe Draengt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe Schwaermen just eben von dort herein;-- Der Fang war fein! Wahrlich,--ich habe euch gleich erkannt, Knorrige Leute von Romsdalland,-- Ja, ihr koennt segeln, wenn es gilt. Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild! ------Beim ersten Blick Wirft's Blitze zurueck, So maechtig war's in der Erinnerung nicht. Wohin auch meine Augen wandern, Ein Bergesriese ueber dem andern, Des einen Brust an des andern Lende, Bis an des Himmels aeusserste Saeume. Wir harren auf Donner und Weltenende; Die ewige Stille weitet die Raeume. Blau sind die einen, andere weiss, Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken, Andere packen Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis. Den riesigen Berg dort heisst man das "Hemd", Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde, Von Groessen der Urzeit, erhaben und fremd. Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde Tat oft ich die Frage, und immer wieder Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz. Auf meine Lieder Faellt majestaetisch sein weisser Glanz. ----Wie gross das ist! Ich werde nicht fertig. Die groessten Gedanken aus Leben und Sage Stroemen herbei, meines Winks gewaertig, Mit all dem Grossen sich eifrig zu messen,-- Dantes Hoelle, indische Sagen, Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen, Aeschylos' Donnerwolken ziehen, Beethovens maechtige Symphonien,-- Weiten sich, heben sich, dampfen, strahlen: --Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack Und Ameisenfleiss;--umsonst euer Plagen! Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack Die Berge zum Tanze zu bitten wagen. Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin, Dann wirst du spueren, Wie all die Grossen zum Groessern dich fuehren. Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt, Dem sagen sie: _eines_ ist doch das Groesste. Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt; Und denke, wie einst er vom Urfels sich loeste Und sich durch Eis und Klippen biss, Um den Riesenleib zu durchfeilen. Anfangs ein Ganzes, musst' er sich teilen, Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;-- Doch Jahrmillionen verflossen, Eh' der Gigant zerriss. Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein, Luepft den Suedwester mit keckem Grusse. Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fusse, Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,-- Der Fjord gehoert nicht zu den hoeflichsten Herrn. Ihm entgegen mit schaumweissem Kuss Eilen Quelle, Giessbach und Fluss, Das Laermen der Sippe will nicht enden. Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt, Sperrt ihm den Weg, dass er halten muss. Wie eine Muschel mit nassen Haenden Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm Frisch an den Mund und blaest darauf Mit Westwindlungen--juchhei, pass' auf! Dann heult es und tutet's, dass Gott erbarm'. --Schwarzgrau ein Fjord die Kueste jetzt teilt, Schnell unser Boot ihn durcheilt; Giessbaeche donnern zu beiden Seiten. Am Bergeskamm Dampfende Regenwolken gleiten, Voll wie ein Schwamm. Ob Sonne, ob Sturm--das urewige Streiten. Das ist des Romsdals trutzig Land! Jetzt bin ich daheim. Hier liegt des Volkes tiefster Keim. Hier hat es Stimme und Herz und Verstand. Jedweden Mann ich _hier_ richtig deute: Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute. Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht; Ein _anderer_ ist er in Sommerpracht, In Mittsommersonne, Wenn still er traeumt in seliger Wonne,-- Was er nur sieht, Innig und warm an sein Herz er zieht, Spiegelt es, schaukelt es,-- War' es so arm wie das Moos am Fels, Fluechtig wie Schaumesperlen des Quells. Sieh, welch ein Glanz! So offen und minnig Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt, Was er verbrach und bereute so innig! Allen den Bergen in Demut er huldigt, Spiegelt so kosend Wider im Spiel ihr erhabenes Bild. --Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht; Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht; Ist reicher als andre, ist nimmer falsch, Nur ruecksichtslos, launisch und--eben "romsdalsch". Berge! Ihr wisst das. Ihr kennt das Geschlecht, Ihr saht sich's plagen, Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen. Ihr saht es ringen Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen, Roden und hauen und pfluegen und pflanzen, In Moor und Geroell mit den Gaeulen schanzen; Masslos zu Zeiten, Trunkene Flegel, Sich raufen und streiten, Doch nimmer weichen,--zu Topp die Segel! Weiler wechseln; doch tief gekerbt In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche, Singende Tiefe--die wellengleiche: Windboenfjord hat den Sinn euch gefaerbt. Wikinggeschlecht, ich gruesse dein Nest! Tief liegt dein Grundstein, die Woelbung ist fest, Sonnennebel erfuellt deine Halle, Gischtschaum vom brausenden Wasserfalle. Wikinggeschlecht, so sei mir gegruesst! Wo uns so hohe Woelbung umschliesst, Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen-- Nicht allen wollte das leider gelingen-- Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben Aus wolluestigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben, Kampf kostet's;--doch der, der es wagt, wird Mann. Ich weiss, dass er's kann. HOLGER DRACHMANN Lenzbote, sei gegruesst! Kommst du vom Walde? Denn du bist nass im Haar, belaubt, bestaubt... Hast an deine Kraft geglaubt? Schlugst dich auf der Halde? Der Laerm um dich von fesselloser Flut, Die deiner Ferse folgt--sei auf der Hut: Sie spritzt nach dir!--schlugst du dich seinetwegen? Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren, Wo diese Wintergreise laengst verdorren. Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen? Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan! Sie schrien wohl unheilkuendend, wie besessen? Sie nannten es wohl Raub, was du getan? In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen. Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe Hat sich's geloest, sucht kraeuselnd deine Gunst. Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst Zur Daemmerzeit an einem Wikinggrabe. Doch von dem Arme der Natur umschlungen Hoerst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben, Siehst Dampfer mit der Freiheitsflagge streben Nach Norden hin;--dein Name ist erklungen. So zwischen zweien dich erschoepfest du: Den Freiheitskaempfern, stolz geschart zum Streite, Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh'; Die ersten mahnen, und es lockt die zweite. Bald toent dein Lied wie Hoernerklang vorm Feind, Bald zaertlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran. Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann, Und noch hast du die Haelften nicht vereint. Jedoch wie du auch spielst und selber seist (Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist-- Traegst du die Tuer auch mit der Angel fort. Das eben war's, wonach wir uns gesehnt: Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der ueble Duft Von Koenigsweihrauch und von Moenchstabak, Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack Presst wie Moral die Lungen: frische Luft! Weit lieber venetianischen Gesang, Des Suedens Ueppigkeit und Farbenwunder, Lieber "zwei Schuesse" (machen sie auch bang), Als all den marklos faden Bildungsplunder! Gegruesst, Lenzbote von dem schlanken Wald, Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren! Wenn oft dein Lied ein wenig laessig hallt-- Wo Reichtum ist, da braucht man nicht zu sparen. Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel, Ich liebe dich; du bist von eignem Adel. WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben] ... Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin; Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin Zwischen zarten Birken und Tannen. Die Tannen gruebelten einzeln; weiss Und froehlich lachte das Birkenreis:-- Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen. Und die Luft so harsch und frei und leicht, Weil alles Schwere aus ihr weicht, Das faechelt der Schnee von hinnen; Und lebhaft hinterm duennen Flor Schimmert die Landschaft, drueber empor Steigen beschneite Zinnen. Doch:--wie unter braunweissem Muetzenrand-- Wohin ich blicke--: unverwandt---- Wer ist's nur--wer schaut mir entgegen? Flink starr' ich unter den Haubenschild-- In ein Schneegeflimmer, toll und wild;-- Ist jemand auf meinen Wegen? Ein Sternchen fiel auf den Handschuh ... da Und da wieder ... jedes verschieden ja,... Wollen die Raetsel spielen? Und wie Laecheln durchglaenzt es die Luft ringsum Von guten Blicken ... ich seh' mich um... Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen? Dies Sterngespinst, dies Filigran-- Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann? Ich fuehl's nach mir tasten und greifen... Du feine Birke, du Luft so rein, Du muntrer Schnee,--wer haucht euch ein Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen Sein Bild in den Zuegen der Natur, In diesem Behagen auf schneeiger Flur, Im Flockenspiel, dass er mich necke,-- In diesem weissen, sanften Glanz, In diesem schweigenden Rhythmentanz? Nein, das bist du, Hans Brecke! DES DICHTERS SENDUNG Dem Dichter ward Prophetenamt; Zumal in Not und Gaerungszeiten, Wenn alle, die da leiden, streiten, Sein Glauben staerkt, erhebt, entflammt. Ein auferstandner Vorzeitheld, Fuehrt neuen Heerbann er ins Feld, Und ihn umzieht In weitem Raum Mit Seherlied Der Zukunft Traum; Des Volkes ewige Fruehlingssaefte Macht frei das Lied durch seine Kraefte. Er straft das Volk um eitlen Wahn Und Heidentum und Molochschrecken, Sieht unter herbstlich grauen Decken Der Gotterkenntnis Triebe nahn. Befreit pflanzt sich ihr Bluetenschoss, Gleich lichtem Kraft- und Liebesspross, Dem Volke ein, Erwaermt sein Herz, Traegt Heil hinein Und Zorn und Schmerz, Laesst Mut und Klarheit kund ihm geben: Wisst, Gott ist offenbart im _Leben_! Den Koenigsmantel reisst er fort, Um Volkesschultern ihn zu breiten, Dass blind sich dies nicht lasse leiten Von fremder Hoheit Wink und Wort, Dass es als eigne Majestaet In eignen Amt und Wuerden steht, Von Sagaruhm, Von Mut entflammt, Mit Heldentum Ihm selbst entstammt, Mit ungebrochner Willensstaerke, Mannhaft beim Worte, wie beim Werke. Er zwingt das Volk zur Busse hin, Ein grimmer Lug- und Trugverhoehner, (Kein Sonntagsheld, ein Tageloehner, Dem seine Kuehnheit kein Gewinn). Aus traegem Frieden, Geistesnacht, Aus Feigheit zwingt er's auf voll Macht; Nicht Volkessinn, Nicht Koenigsdank Lenkt seinen Gang: Frei zieht er hin; Und wankt er, Schmerzen fuehlt er gaeren, Sein Herz durch laeuternd Leid zu klaeren. Er ist der Schwachen Hort und Held, Kein Ritter dient den Frauen treuer. Er fuehrt des zagen Neulings Steuer, Bis rechter Wind sein Segel schwellt. Er waechst, halb wollend, halb verdammt, Durch sein ihm auferlegtes Amt Und fleht am Ziel: "O Herr vergib! Ich war nicht viel. Ein bessrer Trieb Aus reicherm Seelenfruehling mehre Nach mir des Volks wie deine Ehre!" PSALMEN I Ich fuehl' in mir Den Drang nach dir, Du Harmonie, im All entfaltet. Bin ich verbannt? Hast du erkannt, Dass ich mein Eigen schlecht verwaltet? Denn ohne Kraft, Bald feig erschlafft, Bald in Verzweiflung sieh mich beten, Dass Trost und Gnad', Ein Ruf, ein Rat Mich aufhebt, wo du mich zertreten. Gott, hoer' mein Wort! Stoss mich nicht fort Vom Hoffen auf mein Ziel und Streben! Mein Stern lischt aus;-- Von naechtigem Graus Sind meine Schritte nun umgeben. Im oeden Sinn Wogt her und hin Ein Schwarm von schreckensvollen Geistern. Ihr, oft verjagt, Was wollt ihr, sagt? Nur heut kann ich sie nicht bemeistern. Ach, Friede, komm! Lass glaubensfromm Des Lebens starkes Band mich tragen! Lass nicht nach mir Vergebens hier Mich zweifelnd suchen, rufen, fragen! II Ehre dem ewigen Fruehling im Leben, Der alles durchweht! Kleinstem wird Auferstehung gegeben, Die Form nur vergeht. Geschlecht auf Geschlecht Mueht sich empor zu schreiten; Art bringt Art hervor In unendlichen Zeiten; Welten gehn unter und steigen empor. Nichts ist so klein, dass nicht Kleinres bestuende Unsichtbar. Nichts ist so gross, dass nichts Groessres bestuende Ferne von ihm. In der Erde der Wurm Ist Berge zu bauen imstand'. Der Staub im Sturm Oder der rinnende Sand, Reiche hat er gegruendet einst. Unendlich das All, und Grosses und Kleines Verschmelzen darin. Kein Auge wird schauen das Ende--keines Sah den Beginn. Der Ordnung Gebot Hat lebenerhaltend das All beseelt; Furcht und Not Zeugen einander; was uns quaelt, Wird zum Born, der die Menschheit staehlt. Ewigkeitssamen sind wir, die leben. Im Schoepfungstage Wurzeln unsre Gedanken; sie schweben, Antwort wie Frage, Saatenvoll, Ueber dem ewigen Grunde; Frohlocken drum soll, Wer in einer schwindenden Stunde Mehrte die Erbschaft der Ewigkeit. Tauch' in die Wonnen des Lebens, du Bluete Im Fruehlingsrain; Geniesse, preisend des Ewigen Guete, Dein kurzes Sein. Fueg' auch du Schaffend dein Scherflein hinzu; Klein und zag, Atme, soviel deine Kraft vermag, Einen Zug in den ewigen Tag! III Chor Wer bist du, von tausend Zeiten und Zungen Mit tausend Namen genannt? Du hieltst unsre Sehnsucht mit Armen umschlungen, Warst Hoffnung den Vaetern ins Joch gebannt; Warst Aengsten des Todes der nachtdunkle Gast, Warst Lebensfesten der Sonnenglast. Noch bilden wir alle verschieden dein Bild, Noch nennen wir jedes Offenbarung, Und jedem seins fuer das wahre gilt-- Bis dass es zerbricht in bittrer Erfahrung. Solo Ach, wer du auch seist, In mir ist dein Geist; Meiner Seele ewiger Ruf--das bist du!-- Nach Licht und nach Recht, Nach Sieg im Gefecht Fuer den kommenden Tag, das bist du, das bist du!-- Ein jedes Gebot, Das ins Aug' uns loht, Oder das nie uns bewusst, das bist du!-- Mein Leben ruht In schirmender Hut, Und es jubelt in mir: das bist du, das bist du! Chor Da nimmer wir koennen dein Wesen erreichen, Erdachten wir uns Vermittler von dir; Sie alle liess ein Jahrtausend erbleichen, Und wieder stehen wir weglos hier. Sind krank wir geworden und klammern uns an? Wo winkt uns ein Trost fuer den Traum, der zerrann? Der Ewigkeitshoffnungen leuchtend Verlangen, Das hoch uns erhob aus des Lebens Jammer, Soll's weichen in schauderndem Todesbangen, Sich wandeln zum Wurm in unserer Kammer? Solo Er, der mich durchhaucht, Nein, nimmer er braucht Den Mittler; ich hab' ihn in mir: das bist du! Ist mein Ewigkeitsflug Sein Wille, und trug Mich zur Taufe sein Geist--bist es du, bist es du.-- Werd' ich teilhaft, ich Nichts, Des ewigen Lichts? In Demut mich beug' ich; denn ich weiss, das bist du! Still wart' ich und fromm: Erwecker, o komm, Wenn du willst, wie du willst--das bist du, das bist du! FRAGE UND ANTWORT _Das Kind_ Du, Vater! Ich sah mich im Walde um, War alles stumm, Kein einziger Vogel sang ringsum. _Der Vater_ Er flog gen Sued uebers Meer hinab, Der Lieder uns gab; Kann sein, er findet dort sein Grab. _Das Kind_ Der Arme; warum denn blieb er nicht? _Der Vater_ Er suchte mehr Waerme und mehr Licht. _Das Kind_ Du, Vater, ist das auch recht getan? Er denkt nicht dran, Dass wir andern hier bleiben und frieren dann. _Der Vater_ Ein neuer Fruehling will neuen Sang Aus Herzensdrang; Den bringt er uns mit, es waehrt nicht lang. _Das Kind_ Aber wenn er stirbt in den kalten Wellen? _Der Vater_ So kommen wohl seine Weggesellen. WECKLIED AN DIE NORWEGISCHE SCHUETZENGILDE (1881) Zu den Fahnen, zu den Fahnen, Junger Freiheit Chor! Eure Fahnen, eure Fahnen, Schuetzen, hebt empor! Hinterm Stutzenringe Unsrer jungen Schar Soll der Greis im Tinge Reden fest und klar. In dem frischen Kugelzischen Liegt ein muntrer Klang; Freiheitkuendend, Fuehrt er zuendend Uns zum Koenigsrang. In die Tingesrunde Klingt aus Talesgrunde Hell und freudig "ja" auf "ja", Dass aus Stutzenroehren Wir das Echo hoeren Als ein tausendfaeltiges Hurra. Hurra, Hurra, hurra, hurra, hurra. Mutter Norge lauscht so heiter Auf des Widerhalles Toene, Und durch ihre jungen Soehne Erbt das Freiheitsgut sich weiter. ARBEITERMARSCH Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Der ist mehr als halbe Macht. Formt aus vielen, vielen Einen, Hebt den Mut der bangen Kleinen, Laesst das Schwerste leicht erscheinen, Zeigt die Ziele uns, die reinen, Naeher, schaerfer ohne Schatten, Als wir auf dem Korn sie hatten. Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Das ist mehr als halbe Macht. Nahn im Takt wir einige hundert, Ist da keiner, der sich wundert; Nahn im Takt wir einige tausend, Wird sein Ohr schon mancher recken; Nahn im Takt wir hunderttausend,-- Ja, dies Droehnen wird sie wecken! Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Der ist mehr als halbe Macht. Wenn in solchem Takt wir schreiten Fest von Norges Uferweiten Bis zum hoechsten Katarakte,-- Kommen alle wir im Takte,-- Schwinden Herren, schwinden Knechte, Helfen jedem wir zum Rechte! DER ZUKUNFT LAND (Herman und M. Anker zu ihrer silbernen Hochzeit. 15. September 1888, zugeeignet) Zukunftsland! Dahin sich all unsre Sehnsucht schwingt,-- All unser Seufzen, das ziellos verklingt, Formt sich zu Bildern in Wolkenrot Jenseits der Not,-- Alles, was aus unserm Glauben spriesst, Selig uns gruesst Im Zukunftsland. Zukunftsland! All unsre Arbeit zu Nutzen und Frommen Waechst in Geschlechtern, die nach uns kommen. Sammelt fuer sie in verjuengendem Drang, Was _uns_ gelang; Traegt voller Kraft unser Werk hinein, Unfehlbar hinein Ins Zukunftsland. Zukunftsland! Traenen, vergossen um all das Schlechte, Blutschweiss vom Kampfe fuer hoehere Rechte Salben die Kraft, die den Sieg verspricht. Uns es zwar bricht, Schlechtes doch hindert es, Gutes es saet, Das aufersteht Im Zukunftsland. Zukunftsland! Daemmert in Farben und Melodien, Die uns wie Sonnengold glitzernd umziehen, Schimmert im Auge des Kindes und weht Durch dein Gebet. Siegen wir--und ist der Sieg gesund, Stehn wir zur Stund Im Zukunftsland. EIN JUNGES VOELKCHEN KERNGESUND Ein junges Voelkchen kerngesund Waechst ueberquellend frisch empor In Spiel und Sang und Blumenflor Auf unsres Vaetererbes Grund; Es traeumt von dem, was schon errungen, Sehnt sich nach dem, was nicht bezwungen. Ein junges Voelkchen kerngesund, Des ganzes Volkes Ehrenpreis, Des Lebensfruehlings Edelreis, Ein Osterfest auf Vaetergrund Fuer alle Alter. Neu entfalten Im Lenz der Jungen sich die Alten. Ein junges Voelkchen kerngesund Ist unser Koennen, doppelt stark, Ist unsrer Hoffnung Lebensmark,-- Aus des Charakters tiefem Grund Waechst unsrer Vaeter Geist auf Erden Empor zu immer hoeherm Werden. NORGE, NORGE Norge, Norge, Blauend empor aus dem graugruenen Meer, Inseln ringsum gleich Vogeljungen, Fjorde in Zungen Dorthin, wo Stille sich breitet umher. Stroeme, Taeler; Felsen begleiten sie; Waldgipfel fern Ragen dahinter. Wo Tore sie brechen, Seen und Flaechen, Feiertagsfrieden und Tempel des Herrn. Norge, Norge, Huetten und Haeuser und keine Burgen, Hart oder weich, Du bist unser, bist unser Reich, Du bist der Zukunft Land. Norge, Norge, Schneeschuhlaufes leuchtendes Land, Teerjackenhafen und Fischgehege, Des Floessers Wege, Bergecho der Hirten und Gletscherbrand. Aecker, Wiesen, Runen im Waldboden, Kluefte versprengt, Staedte wie Blumen, Fluesse verschaeumend, Wo sich baeumend Aufblitzt das Meer, wo der Schwarm sich draengt! Norge, Norge, Huetten und Haeuser und keine Burgen, Hart oder weich, Du bist unser, bist unser Reich, Du bist der Zukunft Land. MEISTERN ODER GEMEISTERT WERDEN Dieses Land, das trotzig schaut, Meerumbrandet, bergumbaut, Winterkalt und sommerbleich, Kurzes Laecheln, niemals weich,-- Ist der Riese, der, gemeistert, Foerdern soll, was uns begeistert. Er soll haemmern, er soll tragen, Er soll singen, er soll sagen, Er soll malen Glanz und Gischt:-- Was da donnert, tost und zischt Zwischen Fjord und Bergeswacht, Schaff' uns eine Schoenheitsmacht. IM WALDE Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid; Was immer er sah in den einsamen Stunden, Was immer er litt, als man doch ihn gefunden, Das klagt er dem Winde; der traegt es weit. DER SIEBZEHNTE MAI (1883) Wergelands Denkmal am siebzehnten Mai Gruesste der Festzug. Und als die letzten, Maenner im Takt, Frauen mit Blumen in ihrer Mitten, Schritten die Bauern, die Bauern schritten. Oesterdalswaldes maechtiger Haeuptling Trug ihre Fahne. Als wir sie sahen, Ueber dem Purpur Sich ein Gedanke in Tausenden malte: Das ist die Alte, das ist die Alte! Noch trug nicht fremden Volks Krone der Loewe, Danebrog hat noch das Tuch nicht gespalten, Zukunft erschien mir, Sah dort um Wergelands Denkmal in Mengen Bauern sich draengen, Bauern sich draengen. Von den vergangnen Verlusten das Meiste, Von dem Errungenen, von dem Ersehnten, Ja, meist von allem: Pflichten der Vorzeit, der Zukunft Ehre Tragen der Bauern, der Bauern Heere. Bitter sie suehnten, was einst gesuendigt. Doch sie erheben sich. Juengst erst im Tinge Kaempften sie mannhaft. Von Sued, West und Norden, aus Trondhjemer Landen Alle die Bauern, die Bauern erstanden. Halten die Beute, da weiter sie wollen; Ganz sei uns eigen der Freiheitsgedanke! Alle wir wissen's: Wenn einstmals Wergelands Sommer entglommen, Mit ihm die Bauern, die Bauern kommen. FREDERIK HEGEL Die Luefte liebe ich, die kuehlen, Erhaben rein, Im Hoheitsschein, Die mich wie Freiheitsflut umspuelen. Im Walde mich's am liebsten leidet, Wenn Phantasie Mit Herbsts Genie Ihn malt, nicht wenn ihn Gruenschmuck kleidet. Ich kannte einen: seine Reinheit War herbstlich mild, Sein Ebenbild War Herbsteshimmels Farbenfeinheit. Sein Bild ist wie--wenn in frostigem Tanz Des Winters Graus Umstuermt das Haus,-- Meines Herdes erster erwaermender Glanz. Und wenn das Sehnen nimmt ein Ende, Wenn Sommers Lied Nach innen zieht, Hat Freundschaft Tempelsonnenwende. UNSERE SPRACHE (1900) Nordischer Berge Widerhall, Wiegengesang am daenischen Sunde, Feuerglocke bei Fredrikshall, Lerchenjubel aus Kindermunde,-- Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Fuer Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich! Holbergs fluesternder Geisterchor, Heim den Dichter und morgenwaerts ladend, Schaerfend das Schwert ihm, hebend empor Schaetze, in klingendem Lachen sie badend,-- Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier gruessen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich! Kierkegaard warst du ein tiefes Meer, Da er die Segel nach Gott hin spannte. Wergeland warst du ein Adler hehr, Der sich vor vielen zur Sonne wandte. Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Fuer Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich! Warst wie ein Maitag voll strahlender Zier Fuer den Fruehling der Freiheit im Norden. Durch deine Lieder ist unser Panier Weit auf Erden Sieger geworden. Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier gruessen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich! Ueber die Wogen rollst du als Weg Deinen Blumenteppich, es schreiten Freunde zu Freunden auf diesem Steg, Fuehlen Himmel und Glaube sich weiten. Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Fuer Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich! Der beste Freund, den ich fand, warst du; Im Aug' der Mutter harrtest du meiner. Und wer mich am letzten verlaesst, bist du; Denn du nur sahst mir ins Herz, sonst keiner! Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier gruessen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich! * * * * * ERZAEHLUNGEN * * * * * THROND Es war ein Mann mit Namen Alf, in den seine Mitbuerger grosse Hoffnungen setzten; denn er war den meisten an Klugheit und Tatkraft ueberlegen. Doch als dieser Mann dreissig Jahr alt war, zog er hinauf ins Gebirge und machte sich dort, zwei Meilen von allen Menschen entfernt, ein Stueck Land urbar. Manche wunderten sich, dass er diese Nachbarschaft mit sich selbst aushielt, aber sie wunderten sich noch mehr, als nach einigen Jahren ein junges Maedchen aus dem Tal sie mit ihm teilen wollte, und zwar gerade das Maedchen, das bei allen Festen und bei jedem Tanz die Froehlichste gewesen war. Man nannte sie die "Waldmenschen", und er war unter dem Namen "Alf vom Walde" bekannt; die Leute drehten sich lange nach ihm um, wenn er sich in der Kirche oder bei der Arbeit einfand; denn sie konnten nicht aus ihm klug werden, und er schien kein Interesse daran zu haben, sich auszusprechen. Die Frau war nur selten im Dorf gewesen, einmal aber, um ein Kind ueber die Taufe zu halten. Dies Kind war ein Sohn, der Thrond getauft wurde. Als er heranwuchs, sprachen sie des oefteren davon, sie muessten eine Hilfe haben, und da sie nicht die Mittel hatten, sich eine erwachsene Magd zu halten, so nahmen sie eine halbwuechsige, wie sie sich ausdrueckten, ins Haus: ein vierzehnjaehriges Maedchen, das auf den Jungen zu achten hatte, wenn die Eltern auf dem Felde waren. Sie war freilich ein bisschen einfaeltig, und der Junge merkte bald, dass alles, was die Mutter ihm sagte, leicht zu begreifen war, waehrend das, was Ragnhild ihn lehrte, schwer war. Mit dem Vater sprach er nicht viel, und er hatte auch Angst vor ihm, denn wenn er in der Stube war, musste alles maeuschenstill sein. Einmal an einem Weihnachtsabend--auf dem Tisch brannten zwei Lichte, und der Vater trank aus einer weissen Flasche--packte der Vater den Jungen, nahm ihn auf den Schoss, sah ihm streng in die Augen und rief: "Buh, Junge!" Dann fuegte er milder hinzu: "Du bist gar nicht so'n Angsthase; moechtest Du ein Maerchen?" Der Junge antwortete nicht, sondern sah den Vater gross an. Der aber erzaehlte ihm von einem Mann aus Vaage, welcher "der Blessommer" hiess. Er war in Kopenhagen, dieser Mann, um des Koenigs Schiedsspruch einzuholen in einem Prozess, den er fuehrte, und das zog sich so in die Laenge, dass ihm der Weihnachtsabend ueber den Hals kam; das gefiel aber dem Blessommer durchaus nicht, und wie er so durch die Strassen schlenderte und nach Hause dachte, da sah er einen wuchtigen Kerl in einem weissen Mantel vor sich hergehen. "Du gehst ja so schnell", sagte der Blessommer.--"Hab's weit bis nach Haus heut abend", sagte der Mann.--"Wo willst Du hin?"--"Nach Vaage", sagte der Mann und schritt aus.--"Das trifft sich aber fein," sagte der Blessommer, "dahin moechte ich auch."--"Dann kannst Du hinten bei mir auf den Kufen stehen", antwortete der Mann und bog in eine Querstrasse ein, wo sein Schlitten stand. Er schwang sich hinauf und sah sich nach dem Blessommer um, der sich auf die Kufen stellte. "Du musst Dich festhalten", sagte er. Der Blessommer tat es, und es war auch noetig; denn es ging nicht etwa immer auf der glatten Erde hin. "Mir scheint, Du faehrst uebers Wasser", sagte der Blessommer.--"Das tu' ich", sagte der Mann, und der Gischt umstob sie. Aber nach einer Weile kam es dem Blessommer vor, als fuehren sie nicht mehr uebers Wasser. "Mir scheint, es geht durch die Luft", sagte er.--"Ja, das tut es", antwortete der Mann. Aber als sie noch weiter gefahren waren, kam dem Blessommer die Gegend, durch die sie fuhren, so bekannt vor. "Mir scheint, das ist Vaage", sagte er.--"Ja, jetzt sind wir da", antwortete der Mann, und der Blessommer fand, es sei recht schnell gegangen. "Schoenen Dank fuer die Fahrt", sagte er.--"Gleichfalls!" sagte der Mann und fuegte hinzu, waehrend er auf das Pferd einschlug: "Jetzt sieh Dich lieber nicht weiter nach mir um!"--"Nein, nein", dachte der Blessommer und trollte sich ueber die Hoehen heimwaerts. Aber da erhob sich hinter ihm ein Droehnen und Getoese, als wolle der ganze Berg einstuerzen, und ein Leuchten ging ueber das Land hin; er sah sich um, und da sah er den Mann in dem weissen Mantel durch krachende Feuersaeulen hindurch in den offnen Berg einfahren, der sich wie ein Tor ueber ihm woelbte. Dem Blessommer wurde es etwas unbehaglich zumute bei der Reisegesellschaft, die er gehabt hatte, und er wollte den Kopf wieder umwenden; aber wie der Kopf sass, so blieb er sitzen, und der Blessommer hat in seinem ganzen Leben den Kopf nicht mehr umdrehen koennen. So etwas hatte der Bursch sein Lebtag nicht gehoert. Er getraute sich nicht den Vater weiter zu fragen, aber am andern Morgen in aller Fruehe fragte er die Mutter, ob sie keine Maerchen wisse. Doch, sie wusste welche, aber die handelten meistens von Prinzessinnen, die sieben Jahre lang gefangen sassen, bis der rechte Prinz kam. Der Bursch dachte, alles, was er hoerte und las, lebe in seiner naechsten Naehe. Er war etwa acht Jahr alt, als an einem Winterabend der erste fremde Mensch bei ihnen durch die Tuer trat. Er hatte schwarzes Haar, und das hatte Thrond noch nie gesehen. Er sagte kurz "Guten Abend" und kam herein; Thrond wurde die Sache aengstlich, und er setzte sich auf einen Schemel am Herd. Die Mutter noetigte den Mann zum Sitzen; er tat es, und da fasste sie ihn genauer ins Auge: "Herrjeh, ist das nicht der Fiedel-Knut?" sagte sie.--"Ja, freilich ist er das. Es ist lange her, dass ich auf Deiner Hochzeit spielte."--"Ach ja, das ist schon eine ganze Weile. Kommst Du weit her?"--"Ich habe Weihnachten auf der andern Seite des Berges gespielt. Aber mitten im Gebirge wurde mir schlecht; ich musste hier einkehren, um mich auszuruhen." Die Mutter brachte ihm Essen herein; er setzte sich an den Tisch, sagte aber nicht "in Jesu Namen", wie der Junge es doch immer gehoert hatte. Als er fertig war, stand er auf: "Nun ist mir wieder ganz gut", sagte er; "lasst mich jetzt ein klein bisschen ruhen." Und er wurde zum Ausruhen in Thronds Bett gesteckt. Fuer Thrond wurde eins auf dem Fussboden gemacht. Wie er so dalag, fror ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm fiel ein, das komme daher, dass die eine Seite in der naechtlichen Kaelte bloss lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer brannte in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte nach Hause gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da ueberfiel ihn grosse Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und Gespenster; heim musste er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle. Da wuchs seine Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie "Mutter"--und wachte auf. "Mein Junge, Du traeumst so schwer", sagte sie und nahm ihn auf den Arm. Ihn ueberlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen Kleid herein und ging ins Dorf. Zurueck kam sie mit zwei andern Fremden, die auch schwarzes Haar und flache Huete hatten. Sie sagten auch nicht "in Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater. Nachher ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem grossen Kasten wieder heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen Schlitten und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen Augenblick und nehmt den kleinen Kasten mit, den er bei sich hatte." Und sie ging ins Haus, um ihn zu holen. Einer der Maenner aber sagte: "Den kann der kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fuegte hinzu: "Brauch' sie ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er deutete auf den grossen Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen. Thrond besah sich den kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen hatte. "Was ist da drin?" fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach", sagte die Mutter. Er tat es, und sie half ihm beim Oeffnen. Da strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er sah etwas Leichtes, Feines darin liegen.--"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er tippte nur mit einem Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder zurueck. "Es weint!" sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der ganzen Hand zu und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin und her, er lachte und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war so leicht wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel." Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige. Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen traellern von ihrer Tanzzeit her, und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer, wenn er nicht lernte; er spielte so viel, dass der Vater einmal sagte, er werde ganz blass dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehoert hatte, ging in die Fiedel ueber. Die weiche, feine Saite war die Mutter; die Saite dicht daneben, die bestaendig der Mutter folgte, war Ragnhild. Die grobe Saite, die er seltener anruehrte, war der Vater. Die letzte, feierliche Saite aber, vor der hatte er beinah Angst, und der gab er keinen Namen. Wenn er auf der Quinte einen Fehlgriff tat, war es die Katze, wenn er aber auf des Vaters Saite fehlgriff, so war das der Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der in einer Nacht von Kopenhagen nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied war ein bestimmter Gegenstand. Das Lied mit den langen, feierlichen Toenen war die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Das zaghafte und huepfende war Moses, als er stammelte und mit seinem Stab an den Felsen schlug. Das Lied mit der leisen Melodie, wo der Bogen so leicht auf den Saiten lag, war die Hexe, die die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein anderer es sieht. Das Spiel aber trug ihn ueber die Berge hinaus, und in ihm erwachte die Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzaehlte, auf dem Jahrmarkt habe ein kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der Kueche der Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den Jahrmarkt duerfe und den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so was!" sagte die Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darueber. "Er kommt noch frueh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er sagte es so entschieden, dass die Mutter nicht weiter bat. Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen Landsassen, die kuerzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten wollten. Sie haetten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater. "Koennte ich nicht den Spielmann machen?" fluesterte der Bursch, als die Mutter wieder in der Kueche stand.--"So klein, wie Du bist!" sagte sie; aber sie ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es ihm. "Er ist noch nie im Dorf gewesen," fuegte sie hinzu, "er hat nie eine Kirche gesehen".--"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber weiter sagte er auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie duerfe. Deshalb ging sie hinueber zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an. "So wie der spielt," sagte sie, "hat noch kein Kind gespielt", und--der Bursch wurde angenommen. Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er und uebte neue Weisen ein, nachts traeumte er von ihnen; sie trugen ihn ueber die Hoehen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter naehte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen Geschichte nichts wissen. Die letzte Nacht schlief Thrond nicht, sondern ersann ein neues Lied ueber die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er frueh auf und die Mutter auch, um ihm Fruehstueck zu geben, aber er konnte nichts essen. Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand, und da war's ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter begleitete ihn bis vor die Tuer und sah ihm nach, wie er ueber die Haenge dahinschritt; es war das erstemal, dass er von Hause fortzog. Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er und blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen hoerte; da ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam. Sie ging ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen. Und schliesslich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich, ich muesste hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine Antwort, deshalb hielt sie die Sache fuer abgemacht, zog sich an und ging. Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch ueber die Haenge dahinzog; er hoerte den Voegeln zu und sah die Sonne auf den Blaettern glitzern, waehrend er rasch vorwaertsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und als er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als was ihn vorher beschaeftigt hatte, sah weder Brautstaat noch Hochzeitszug; er fragte nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten sie. Er ging mit der Fiedel voran, jetzt spielte er die himmlische Morgenstimmung ihnen in die Seele hinein, und es hallte zwischen den Baeumen. "Sehen wir die Kirche bald?" fragte er die hinter ihm Schreitenden. Lange hiess es nein; aber schliesslich sagte einer: "Jetzt bloss noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du sie!" Er spielte sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er spaehte nach vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm! Das erste, was er sah, war ein zarter, leichter Nebel, der wie ein Rauch vor der jenseitigen Bergwand lag. Er liess das Auge zurueckschweifen ueber gruene Wiesen und grosse Haeuser mit Fenstern, in denen die Sonne brannte; das glitzerte fast wie ein Eisgletscher am Wintertag. Die Haeuser wurden immer groesser und immer mehr Fenster kamen zum Vorschein, und hier an der einen Seite lagen ungeheuer grosse, rote Haeuser, vor denen Pferde angebunden standen; geputzte kleine Kinder spielten auf einem Huegel, Hunde sassen dabei und sahen zu. Aber ueber allen den Menschen und Dingen schwebte ein langer, dunkler Ton, der ihn erschuetterte, dass alles, was er sah, sich im Takt nach diesem Ton zu bewegen schien. Da sah er ploetzlich ein grosses, schlankes Haus, das geradenwegs in den Himmel hinein strebte mit einer hohen blinkenden Stange. Und weiter unten funkelten hundert Fenster in der Sonne, dass das Haus wie in einer Lohe stand. Das muss die Kirche sein, dachte der Bursch, und daher muss der Ton kommen! Rings um die Kirche stand eine ungeheure Menge Menschen, und alle sahen sie ganz gleich aus! Er brachte sie sofort mit der Kirche in Verbindung und fuehlte daher vor dem kleinsten Kinde eine mit Furcht gemischte Achtung. Jetzt muss ich spielen, dachte Thrond und setzte den Bogen an. Aber was war das? Die Fiedel toente ja nicht mehr.--Da muss an den Saiten etwas entzwei sein; er untersuchte sie, fand aber nichts. "Dann muss es daran liegen, dass ich nicht fest genug aufdruecke", und er drueckte auf, aber die Fiedel war wie zersprungen. Er nahm fuer das Lied, das die Kirche bedeuten sollte, ein anderes, aber es ging ganz ebenso schief. Kein Ton, nur ein Gequietsch und Gejammer. Er fuehlte, wie ihm der kalte Schweiss uebers Gesicht perlte; er dachte an die vielen klugen Menschen, die hier standen und ihn vielleicht auslachten, ihn, der doch zu Hause so schoen spielen konnte, hier aber keinen einzigen Ton hervorbrachte. "Gott sei Dank, dass Mutter nicht hier ist und meine Schande mit ansieht", sagte er vor sich hin, waehrend er mitten unter den Menschen zu spielen versuchte,--aber da--da stand sie ja in dem schwarzen Kleid und zog sich mehr und mehr zurueck. Im selben Augenblick sah er hoch oben auf der Turmspitze den schwarzhaarigen Mann sitzen, der ihm die Fiedel geschenkt hatte. "Gib wieder her!" rief er, lachte und streckte die Arme aus, und die Turmspitze ging auf und nieder mit ihm, auf und nieder. Der Bursch aber nahm die Fiedel unter den Arm: "Du kriegst sie nicht!" rief er, drehte sich um und lief davon, weg von der Menschenschar, von den Haeusern fort, ueber Wiesen und Felder hin, bis er nicht mehr konnte und umsank. Da lag er lange, das Gesicht auf der Erde; und als er sich endlich umdrehte, hoerte und sah er bloss Gottes unendlichen Himmel, der ueber ihm stand mit seinem ewigen Gebraus. Das war ihm so entsetzlich, dass er sich wieder zur Erde umdrehen musste. Als er abermals den Kopf hob, fiel sein Blick auf die Fiedel, die neben ihm lag. "Du hast die ganze Schuld!" rief der Bursch und hob sie auf, um sie zu zerschlagen, hielt aber inne und sah sie an.--"Wir haben viel frohe Stunden zusammen gehabt", sagte er zu sich selbst und schwieg. Aber gleich darauf meinte er: "Die Saiten muessen herunter, die taugen nichts." Und er holte ein Messer aus der Tasche und schnitt zu. "Au!" sagte die Quinte kurz und schmerzlich. Der Bursch schnitt weiter. "Au!" sagte die naechste Saite; der Bursch aber schnitt weiter. "Au!" sagte die dritte duester,--und nun kam die vierte an die Reihe. Ein tiefes Weh fasste ihn; die vierte Saite,--die Saite, der er nie einen Namen zu geben gewagt hatte, die schnitt er nicht durch. Jetzt hatte er auch die Empfindung, es sei nicht allein die Schuld der Saiten, wenn er nicht hatte spielen koennen. Da kam die Mutter langsam zu ihm hinaufgestiegen, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber nur noch groessere Furcht packte ihn. Er hielt die Fiedel an den zerschnittenen Saiten in die Hoehe, stand auf und rief zu ihr hinunter: "Nein, Mutter! nach Hause komme ich nicht eher wieder, als bis ich das spielen kann, was ich heut gesehen habe." * * * * * DIE GEFAEHRLICHE FREITE Seit Aslaug erwachsen war, hatte man auf Huseby nicht mehr viel Frieden: denn dort rauften und pruegelten sich Nacht fuer Nacht die stattlichsten Burschen des Dorfs. Am schlimmsten war's in der Samstagnacht; aber dann legte sich der alte Knut Huseby auch nie ins Bett ohne seine Lederhosen und ohne einen Birkenknuettel.--"Hab' ich nun schon mal eine Tochter, so will ich sie auch behueten", sagte der Husebyer. Tore Naesset war nur ein Haeuslersohn; und doch gab es Leute, die behaupteten, er komme am haeufigsten zu der Bauerntochter von Huseby. Dem alten Knut passte das nicht; er sagte auch, es sei nicht wahr, "denn er habe ihn noch nie dort gesehen". Aber die andern lachten sich ins Faeustchen und meinten, haette er nur alle Ecken gut abgesucht, statt sich mit den Kerlen zu beschaeftigen, die auf dem Hof und auf der Diele herumkrakeelten, so haette er Tore schon gefunden. Der Fruehling ging ins Land, und Aslaug zog mit dem Vieh auf die Alm. Wenn dann der Tag heiss auf dem Tal lastete, und die Berge sich kuehl ueber dem Sonnendunst erhoben, wenn die Glocken klangen und der Schaeferhund bellte, und Aslaug oben auf den Halden jodelte und das Alphorn blies,--dann wurde den Burschen, die unten auf den Feldern arbeiteten, das Herz schwer. Und den naechsten Samstagabend liefen sie um die Wette hinauf. Aber noch schneller kamen sie wieder herunter; denn oben auf der Alm stand ein Bursch hinter der Tuer und nahm alle Besucher in Empfang und verwichste sie so gruendlich, dass sie nachher immer an die Worte dachten, womit er sie begruesst hatte: "Wenn Du 'n andermal wiederkommst--kriegst Du noch mehr." Soviel sie wussten, war im ganzen Gau nur einer, der solche Faeuste hatte, und das musste Tore Naesset sein. Und die reichen Bauernsoehne fanden, es gehe doch ueber den Spass, dass solch ein Haeuslerbock dort oben auf der Huseby-Alm so um sich stossen duerfe. Dasselbe fand auch der alte Knut, als er hiervon hoerte, und er fuegte hinzu: wenn kein anderer den Kerl unterkriegen koennte, dann wollten er und seine Soehne es versuchen. Knut kam freilich schon in die Jahre, aber trotz seiner sechzig wagte er doch mit seinem aeltesten Sohn bisweilen eine kleine Boxerei, wenn es bei einem froehlichen Gelage gar zu still wurde. Zur Huseby-Alm hinauf fuehrte nur ein Weg, und der ging direkt ueber den Hof. Am naechsten Samstagabend wollte Tore zur Alm hinauf und schlich ueber den Hof; leichten Fusses und ahnungslos war er schon gluecklich bis zur Scheune gekommen, als ihm ein Kerl an die Gurgel fuhr. "Was willst Du von mir?" sagte Tore und schlug ihn zu Boden, dass es nur so krachte. "Das wirst Du schon merken", sagte ein anderer hinter ihm und packte ihn am Nacken, das war der Bruder. "Hier kommt der dritte", sagte Knut und ging ihm zu Leibe. Tores Kraft wuchs in der Gefahr; er war geschmeidig wie eine Weidengerte und teilte Hiebe aus, dass es nur so sauste; er duckte sich und wand sich; wo die Schlaege fielen, war er nicht; wenn sie keine erwarteten, kriegten sie welche. Seine Pruegel freilich bekam er schliesslich auch, und das gruendlich, aber der alte Knut sagte spaeter oft, mit einem handfesteren Kerl sei er nie aneinandergeraten. Sie hielten stand, bis Blut floss; da aber sagte der Husebyer: "Halt!" und fuegte hinzu: "Kommst Du naechsten Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, dann soll das Maedchen Dein sein!" Tore schleppte sich, so gut er konnte, heimwaerts, und als er zu Hause war, legte er sich zu Bett. Es wurde viel ueber die Pruegelei auf Huseby gesprochen, aber jeder fragte: "Was wollte er da?"--Eine gab's, die das nicht sagte, das war Aslaug. Sie hatte jenen Samstagabend ihn so sehnlich erwartet, und als sie jetzt erfuhr, was fuer eine Geschichte sich zwischen ihm und ihrem Vater zugetragen hatte, da setzte sie sich hin und weinte und sprach zu sich selbst: "Kriege ich Tore nicht, dann habe ich keinen frohen Tag mehr auf der Welt." Tore blieb den Sonntag ueber liegen, und am Montag merkte er, dass er noch laenger liegen muesse. Der Dienstag kam, und das war ein gar herrlicher Tag. Es hatte in der Nacht geregnet, die Berge waren feucht und gruen, das Fenster stand offen, Laubduft zog herein, die Glocken klangen von den Bergen hernieder und irgendwer jodelte dort oben;--haette die Mutter nicht in der Stube gesessen, er haette heulen koennen vor Ungeduld. Der Mittwoch kam, und noch immer lag er zu Bett; Donnerstag war er wirklich neugierig, ob er nicht doch Samstag wieder gesund sein werde; am Freitag stand er auf. Er hatte die Worte, die der Vater gesagt hatte, gut in Erinnerung: "Kommst Du naechsten Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, so ist das Maedel Dein." Er schaute einmal ums andere nach Huseby hinueber.--"Ich bekomme da doch bloss meine Pruegel", dachte Tore. Zur Huseby-Alm hinauf fuehrte, wie schon gesagt, nur ein Weg; aber ein tuechtiger Kerl musste doch da hinaufkommen, wenn er auch nicht gerade den richtigen Weg ging. Wenn er hinausruderte, um die Landzunge herum, und dann an der andern Seite des Bergs anlegte, konnte er auf jeden Fall hinaufkraxeln; freilich war es dort so steil, dass die Geiss nur mit knapper Not weiden konnte, und die pflegt doch im Gebirge nicht gerade aengstlich zu sein. Der Samstag erschien, und Tore lief den ganzen Tag draussen herum;--die Sonne lachte, dass es in den Bueschen sprosste, und in einem fort jodelte und lockte es von den Bergen her. Er sass noch vor der Tuer, als es auf den Abend ging und ein dampfender Nebel an den Haengen emporkroch. Er blickte nach oben,--dort war es still; er blickte nach Huseby hinueber,--und dann stiess er sein Boot ab und ruderte um die Landzunge herum. Auf der Alm sass Aslaug, fertig mit ihrem Tagewerk. Sie dachte, Tore koenne diesen Abend gewiss nicht kommen; statt seiner werde aber wohl manch anderer sich einfinden. Da machte sie den Schaeferhund los und sagte niemand, wohin sie gehe. Sie setzte sich so, dass sie das Tal ueberschauen konnte, doch da stieg der Nebel auf; und sie getraute sich auch nicht, hinunterzusehen; denn alles rief Erinnerungen in ihr wach. Sie ging also weiter, und ehe sie sich's versah, war sie auf der andern Seite des Bergs. Dort setzte sie sich nieder und blickte auf die See hinaus. Der senkte ihr Frieden ins Herz, dieser weite Blick auf die See hinaus. Da kam ihr die Lust, zu singen; sie waehlte ein Lied mit lang schwingenden Toenen, und der Klang ging weit in die stille Nacht hinaus. Es machte ihr selbst Vergnuegen, und deshalb sang sie noch einen Vers. Aber da war's ihr, als antworte jemand aus der Tiefe her. "Herrjeh, was kann das sein?" dachte Aslaug; sie ging bis an den Abhang und schlang die Arme um eine schwanke Birke, die sich zitternd nach unten neigte. Sie blickte hinunter, aber sie sah nichts. Der Fjord lag still da und ruhte; kein Vogel strich darueber hin. Aslaug setzte sich wieder und sang weiter; da kam wirklich eine Antwort, in demselben Ton, naeher als das erstemal. "Da muss doch was los sein"! Aslaug sprang auf und beugte sich hinueber. Und da sah sie unten an der Bergwand ein Boot, das hier angelegt hatte; und so tief unten lag es, dass es aussah wie eine kleine Muschel. Ihre Augen suchten die Stelle ab und erspaehten eine rote Muetze und darunter einen Burschen, der die fast senkrechte Bergwand hinaufklomm. "Herrjeh, wer kann das sein?" dachte Aslaug, liess die Birke los und lief weit nach hinten. Sie wagte nicht, die eigene Frage zu beantworten, denn sie wusste ja, wer es war. Sie warf sich nieder auf die Halde und packte das Gras mit beiden Haenden, als sei sie Tore und duerfe nicht loslassen. Aber die Graswurzeln loesten sich aus dem Erdboden,--sie schrie laut auf und flehte zu Gott dem Allmaechtigen, Tore zu helfen. Aber da schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, Tore versuche Gott mit seinem Tun, und deshalb koenne er keine Hilfe erwarten. "Nur dies eine Mal", betete sie, und sie fasste den Hund um, als sei es Tore, den sie festhalten muesse; sie rollte mit ihm ueber die Halde hin, und die Zeit schien ihr endlos. Aber da riss sich der Hund los. "Wau, wau!" klaeffte er den Berg hinunter und wedelte mit dem Schwanz. "Wau, wau!" sagte er zu Aslaug und sprang mit den Vorderpfoten an ihr hinauf. "Wau, wau!" wieder den Berg hinunter--und da tauchte eine rote Muetze ueber dem Bergrand auf, und Tore lag an ihrer Brust. Da blieb er viele Minuten liegen, ohne ein Wort ueber seine Lippen zu bringen, und das, was er schliesslich sagte, hatte nicht Sinn noch Verstand. Doch als der alte Knut Huseby dies hoerte, da sagte er etwas, das Sinn und Verstand hatte; er sagte naemlich: "Der Bursch hat sie verdient; der soll das Maedel haben." * * * * * SYNNOEVE SOLBAKKEN Erstes Kapitel In unsern weiten Taelern ragt wohl manchmal eine groessere Anhoehe empor, die nach allen Seiten freiliegt und von der Sonne den lieben langen Tag ueber bestrahlt wird. Leute, die dichter am Fuss der Felsen und auf sonnenaermeren Plaetzen wohnen, nennen solche Anhoehe: Solbakken, d.h. Sonnenhuegel. Das Maedel, von dem hier die Rede sein soll, wohnte auf solchem Sonnenhuegel, und von ihm hatte ihr Heimatshof den Namen; dort blieb der Schnee im Herbst am spaetesten liegen und schmolz im Fruehling am zeitigsten. Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden "Leser" genannt, weil sie sich mehr als alle ihre Nachbarn befleissigten, die Bibel zu lesen. Der Mann hiess Guttorm, die Frau Karen. Sie hatten einen Sohn, aber der starb ihnen, und nun gingen sie drei Jahre lang nicht auf die Ostseite der Kirche. Als die drei Jahre um waren, bekamen sie eine Tochter, die sie gern nach dem toten Knaben nennen wollten. Er hatte Syvert geheissen, und sie wurde Synnoev getauft, weil sie nichts aehnlicher Klingendes finden konnten. Aber die Mutter sagte immer "Synnoeve": sie hatte naemlich, als das Kind noch klein war, die Gewohnheit, seinem Namen am Ende ein "mein" hinzuzufuegen, und das ging ihr nach dem "e" leichter von der Zunge, gleichviel--als das Maedchen groesser wurde, hiess sie bei allen so wie bei ihrer Mutter: Synnoeve. Und es gab nur _eine_ Stimme; seit Menschengedenken war im ganzen Kreise kein so anmutiges Maedchen aufgewachsen, wie Synnoeve Solbakken. Schon in ihrem zartesten Alter nahmen die Eltern sie an jedem Sonntag, an dem eine Predigt war, mit in die Kirche, obgleich Synnoeve zunaechst nicht mehr verstand, als dass der Pastor auf den Zuchthaus-Bent schimpfte, den sie unten vor der Kanzel sitzen sah. Doch der Vater wollte sie mit haben,--"damit sie sich daran gewoehne", sagte er; und die Mutter wollte es, "weil keiner wissen koenne, wie auf das Kind unterdessen zu Hause aufgepasst wuerde". Fing auf dem Hofe ein Lamm, eine kleine Ziege oder ein Ferkel zu verkuemmern an, erkrankte eine Kuh, dann wurde das Tier sofort Synnoeve geschenkt, und von der Stunde an, meinte die Mutter, erholte es sich. Der Vater glaubte nicht recht daran, aber, "jedenfalls war es ja gleichgueltig, wem es gehoerte wenn es nur gedieh". Auf der anderen Seite des Tales, dicht an den hohen Felsen, lag ein Hof, der Granliden, d.i. Tannwald, hiess, weil er mitten in einem grossen Tannenforst, dem einzigen in weitem Umkreis, lag. Der Urgrossvater des jetzigen Besitzers hatte sich seinerzeit mit unter der Mannschaft befunden, die nach Holstein gezogen war, um dort den Russen zu erwarten, und hatte von dieser Kriegsfahrt eine Menge fremder und merkwuerdiger Samensorten mitgebracht. Die pflanzte er rings um sein Haus; aber im Lauf der Zeit war ein Keim nach dem anderen eingegangen; nur aus den Tannaepfeln, die wunderlicherweise zwischen den Samen geraten waren, erstand ein dichter Wald, der das Haus jetzt von allen Seiten beschattete. "Der Holsteinfahrer" hatte Thorbjoern nach seinem Grossvater geheissen, und sein aeltester Sohn wieder nach seinem Grossvater: Saemund, und in der Folge trugen die Hofbesitzer immer abwechselnd die Namen: Thorbjoern und Saemund--seit schier undenklichen Zeiten. Aber es ging die Sage, nur immer der in der Reihenfolge zweite Mann habe auf Granliden Glueck, und zwar kein "Thorbjoern". Als dem jetzigen Besitzer Saemund ein Sohn geboren wurde, kam ihm das wohl in den Sinn; er hatte aber nicht den Mut, sich gegen den Familienbrauch aufzulehnen, und nannte das Kind wieder Thorbjoern. Er sann, ob der Junge nicht so erzogen werden koenne, dass er um den Stein des Anstosses, den ihm das Gerede in den Weg gelegt hatte, glatt herumkomme. Ganz sicher war er nicht, aber er glaubte zu bemerken, dass der Bengel ein Hitzkopf sei. "Das wollen wir ihm schon austreiben", sagte Saemund zu seiner Frau, und als Thorbjoern drei Jahr alt war, sass sein Vater manchmal mit der Rute in der Hand bei ihm und zwang ihn, die zerstreuten Holzspaene auf ihren richtigen Platz zu tragen, den Tassenkopf, den er heruntergeworfen, aufzuheben, die Katze, die er gekniffen hatte, zu streicheln. Waehrenddessen ging die Mutter meistens aus der Stube. Saemund wunderte sich sehr, dass er immer mehr an dem Jungen zu verbessern fand, je groesser der Bengel wurde. Er hielt ihn zeitig zum Lesen an und nahm ihn mit auf das Feld, um ein Auge auf ihn zu haben. Die Mutter hatte ein grosses Hauswesen und kleine Kinder zu besorgen; sie konnte nicht mehr tun, als den Jungen jeden Morgen beim Anziehen zu streicheln und zu ermahnen und seinetwegen mit dem Vater an den Feiertagen, da sie Zeit fuer einander hatten, eindringlich zu reden. Thorbjoern aber dachte sich, wenn er Pruegel kriegte, weil a-b ab und nicht ba lautet, oder wenn ihm nicht erlaubt wurde, die kleine Ingrid mit derselben Rute zu hauen, womit ihn sein Vater schlug: "Es ist doch merkwuerdig, dass ich es so schlecht haben soll und meine kleinen Geschwister so gut!" Da er meistens mit seinem Vater zusammen war und nicht viel mit ihm reden durfte, wurde er wortkarg, doch er dachte sich sein Teil. Einmal, als sie gerade mit dem nassen Heu beschaeftigt waren, entfuhr ihm doch eine Frage: "Warum ist in Solbakken das ganze Heu schon trocken und eingebracht, wenn es bei uns noch nass draussen liegt?"--"Weil sie dort mehr Sonne haben als wir."--Da merkte er zum ersten Male, dass der Sonnenglanz, an dem er sich oft erfreut hatte, fuer die drueben sei, und er eigentlich benachteiligt war. Fortan sah er haeufiger als frueher nach Solbakken hinueber. "Sitz nicht so da und reisse den Mund auf," sagte der Vater und versetzte ihm einen Puff; "hier muessen alle rackern, die Grossen wie die Kleinen, um etwas ins Haus zu kriegen." Als Thorbjoern sieben oder acht Jahr alt war, nahm Saemund einen neuen Jungknecht an; er hiess Aslak und hatte sich, trotz seiner Jugend, schon weit in der Welt herumgetrieben. Am Abend, da er zuzog, lagen die Kinder schon im Bett, aber wie Thorbjoern am naechsten Morgen am Tisch vor seinem Lesebuch sass, schlug einer die Stubentuer mit einem Fusstritt auf, wie ihn Thorbjoern noch nie gehoert hatte--und das war Aslak, der nun mit einem grossen Haufen Brennholz hereintrampelte und die Scheitern mit einem Schwung auf die Diele warf, dass sie nur so herumflogen. Dann hopste er in die Hoehe, um den Schnee abzuschuetteln, und rief bei jedem Hopser: "Kalt ist es, sagte die Trollbraut, als sie bis zum Guertel im Eis steckte!" Der Vater war nicht da, die Mutter fegte den Schnee zusammen und trug ihn, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.--"Nach was glotzt Du denn?" fragte Aslak den Thorbjoern. "Nach nichts", sagte der Junge, denn er hatte Angst. "Hast Du schon den Hahn dahinten in Deinem Lesebuch gesehen?"--"Ja."--"Wenn's Buch zu ist, sind auch 'ne Menge Huehner um ihn herum,--hast Du das auch schon gesehen?"--"Nein."--"Na, dann sieh mal nach."--Der Junge tat's.--"Schafskopf!" sagte Aslak zu ihm.--Aber von dieser Stunde an hatte keiner soviel Macht ueber ihn wie Aslak. "Du kannst gar nichts", sagte eines Tages Aslak zu Thorbjoern, als der wie gewoehnlich hinter ihm herstapfte.--"Ja, ich kann schon alles bis zur vierten Seite."--"Das ist was Rechtes! Du hast noch nicht mal was vom Troll gehoert, der mit dem Maedchen solange tanzte, bis die Sonne aufging, und dann platzte, wie ein Kalb, das saure Milch gesoffen hat!" So grosse Kenntnisse hatte Thorbjoern noch nie auf einmal gehoert. "Wo war das?" fragte er.--"Wo das war? Das war dort drueben in Solbakken."--"Hast Du denn schon von dem Mann gehoert, der sich dem Teufel fuer ein paar alte Stiefel verschrieben hat?"--Thorbjoern erstaunte dermassen, dass er vergass zu antworten.--"Du denkst wohl wieder, wo das war? Das war auch in Solbakken, dort dicht neben dem Bach, siehst Du? Herrgott, mit der Christenlehre hapert's noch recht sehr bei Dir. Du hast wohl noch nicht mal von Kari Baumrock gehoert?"--"Nein"; von der hatte er noch nicht gehoert. Und waehrend Aslak nun arbeitete, erzaehlte er immer schneller von Kari Baumrock, von der Muehle, die Salz auf dem Meeresgrunde mahlte, vom Teufel mit den Holzpantinen, vom Troll, der mit dem Bart im Baumstamm festsass, von den sieben gruenen Jungfrauen, die aus Schuetzenpeters Wade die Haare zupften, waehrend er schlief und gar nicht aufwachen konnte,--und das war alles in Solbakken passiert.--"Lieber Gott, was ist denn heute in den Jungen gefahren?" sagte die Mutter am naechsten Tage, "er kniet schon seit heute morgen dort auf der Bank und sieht nach Solbakken 'rueber."--"Ja, heute strengt er sich an", sagte der Vater, der seine Glieder reckte und sich den ganzen Sonntag ueber ausruhte. "Er hat sich mit Synnoeve Solbakken versprochen, erzaehlen die Leute," meinte Aslak,--"die Leute erzaehlen ja soviel", setzte er hinzu. Thorbjoern verstand das nicht recht, bekam aber doch einen feuerroten Kopf. Als Aslak darauf aufmerksam machte, kroch der Junge herunter von der Bank, nahm seinen Katechismus vor und fing an, darin zu lesen. "Troeste Dich nur mit Gottes Wort," sagte Aslak, "Du kriegst sie ja doch nicht." Gegen Ende der Woche dachte Thorbjoern: nun haben die anderen die Sache vergessen,--und so fragte er seine Mutter ganz leise (denn er schaemte sich ein bisschen): "Du, wer ist denn Synnoeve Solbakken?"--"Ein kleines Maedchen, dem mal Solbakken gehoeren wird."--"Hat sie auch einen Baumrock an?" Die Mutter sah erstaunt auf den Jungen. "Was sagst Du da?" Er merkte, dass er eine Dummheit gesagt hatte, und schwieg. "Ein huebscheres Kind hat noch keiner gesehen," fuegte die Mutter hinzu, "und die Huebschheit hat ihr unser Herrgott zum Lohn beschert, weil sie immer artig und brav ist und sehr fleissig beim Lernen." Nun wusste er's und konnt' es beherzigen. Saemund hatte einmal mit Aslak im Feld zusammen gearbeitet; am Abend desselben Tages sagte er zu Thorbjoern: "Dass Du mir nicht mehr mit dem Knecht zusammensteckst!" Aber Thorbjoern achtete nicht darauf. Einige Zeit darauf hiess es wieder: "Find' ich Dich noch mal bei ihm, dann geht's Dir schlecht!"--Da schlich der Junge Aslak nach, wenn es der Vater nicht sah. Der ueberraschte sie, als sie wieder beisammensassen und plauderten; Thorbjoern bekam Pruegel und wurde in die Stube gejagt. Spaeter wartete er auf die Gelegenheit, wenn sein Vater im Felde zu tun hatte. An einem Sonntag, da der Vater in der Kirche war, machte Thorbjoern zu Hause dumme Streiche. Aslak und er warfen sich mit Schneebaellen. "Nein, Du tust mir weh,--wir wollen nach was anderem werfen", bat Thorbjoern. Aslak war sofort bereit, und so warfen sie zuerst nach der duennen Tanne beim Vorratsschuppen, dann nach dem Schuppentor und endlich nach dem Fenster.--"Nicht nach den Scheiben, sondern nach dem Rahmen", sagte Aslak. Aber Thorbjoern traf eine Scheibe; er wurde ganz blass. "Schadet nichts, wer hat's denn gesehen? wirf nochmal und besser!" Thorbjoern traf wieder eine Scheibe. "Jetzt will ich nicht mehr." Im selben Augenblick trat seine aelteste Schwester, die kleine Ingrid aus dem Hause. "Du, wirf nach der mal!" Und Thorbjoern tat, wie ihm geheissen; das Maedchen weinte, die Mutter kam heraus und sagte dem Jungen, er solle aufhoeren. "Wirf, wirf", fluesterte Aslak. Thorbjoern--aufgeregt und in Hitze--warf.--"Du bist wohl nicht mehr richtig im Kopf", sagte die Mutter und lief auf ihn zu. Da rannte er fort, sie hinterdrein; Aslak lachte, die Mutter drohte; endlich fasste sie den Jungen vor einem Schneehaufen und hob schon die Haende, um ihn ordentlich durchzublaeuen.--"Ich haue wieder," rief er, "das ist hier so Sitte." Die Mutter liess ganz betroffen die Haende sinken und sah ihn an. "Das hast Du von einem andern", sagte sie darauf, nahm ihn still bei der Hand und fuehrte ihn in die Stube. Sie sprach kein Wort mehr mit ihm, beschaeftigte sich mit seinen kleinen Geschwistern und erzaehlte ihnen, Vater komme bald aus der Kirche nach Hause. Da begann es tuechtig heiss in der Stube zu werden. Aslak bat um Erlaubnis, einen Verwandten zu besuchen, und durfte gleich gehen; aber Thorbjoern wurde viel kleiner, als Aslak gegangen war. Er hatte schauderhaftes Magendruecken und so feuchte Haende, dass er damit Flecke in sein Buch machte. Wenn Mutter nur Vater nichts sagen wollte, wenn er kaeme; aber sie darum zu bitten, das kriegte er nicht fertig. Es wurde ihm ganz gruen vor den Augen--und die Uhr an der Wand sagte: "Klaps, klaps". Er musste zum Fenster hin und nach Solbakken sehen. Das lag still wie immer und verschneit da und glaenzte wie perlenbedeckt in der Sonne: das Haus lachte aus allen Fensterscheiben, und von denen war gewiss keine entzwei; der Rauch zog hoechst vergnuegt aus dem Schornstein und sagte Thorbjoern, dass auch dort fuer die Kirchgaenger gekocht wurde; Synnoeve sah bestimmt nach ihrem Vater aus und wuerde nicht ein bisschen Pruegel kriegen. Der Junge wusste nicht mehr recht, was er anfangen sollte, und wurde mit einemmal schrecklich zaertlich mit seinen Schwestern. Gegen Ingrid war er besonders gut und schenkte ihr sogar einen blanken Knopf, den er von Aslak bekommen hatte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, und er umarmte sie auch. "Liebes Ingridchen, bist Du mir boese?"--"Nein, liebes Thorbjoernchen, Du kannst mich soviel schneeballen, wie Du willst." Aber da schuettelte sich jemand mit Auftrampeln draussen auf dem Flur den Schnee ab. Und richtig,--das war Vater. Er schien in sanfter und guter Stimmung zu sein; und das war noch schlimmer. "Na", sagte er und sah sich um;--es war merkwuerdig, dass die Wanduhr nicht auf die Diele rasselte. Die Mutter brachte das Essen. "Wie geht's, wie steht's?" fragte der Vater, setzte sich hin und nahm seinen Loeffel. Thorbjoern sah seine Mutter an; die Traenen kamen ihm dabei in die Augen. "So lala", sagte sie unglaublich langsam, und er merkte wohl, dass sie noch mehr sagen wollte. "Ich habe Aslak erlaubt, auszugehen", sagte sie.--"Fuer diesmal bin ich durch", dachte Thorbjoern--und fing mit Ingrid zu spielen an, als ob nichts andres seine Gedanken beschaeftige. So lange hatte Vater sich noch nie beim Essen aufgehalten, und Thorbjoern suchte ihm jeden Bissen nachzuzaehlen, aber als er bis zum vierten gekommen war, wollte er ausprobieren, wie weit er zwischen dem vierten und fuenften zaehlen koenne, und da geriet er ganz aus der Ordnung. Endlich stand der Vater auf und ging hinaus. Die Scheiben, die Scheiben klirrten in des Jungen Ohren, und er sah nach, ob sie ganz seien, die in der Stube. Ja, die waren alle ganz. Aber jetzt ging Mutter dem Vater nach. Thorbjoern nahm die kleine Ingrid auf den Schoss und sagte so sanft, dass sie ihn ganz erstaunt ansah: "Wollen wir nicht beide 'Goldkoenigin auf der Wiese' spielen, Du und ich?" Ja, das wollte sie gern. Und nun sang er, waehrend die Beine unter ihm zitterten: Feine Blume, Wiesenblume, Hoere mir jetzt zu! Und willst Du meine Liebste sein, Dann kriegst Du einen Mantel fein, Mit Gold in Hauf Und Perlen darauf; Bimmel, Bammel, Bimmel, Wie lacht die Sonne vom Himmel! Da antwortete sie: Goldkoenigin, Perlenkoenigin, Hoere mir jetzt zu: Mag nicht Deine Liebste sein, Mag nicht Deinen Mantel fein, Mit Gold in Hauf Und Perlen darauf; Bimmel, Bammel, Bimmel, Wie lacht die Sonne vom Himmel! Doch als das Spiel im besten Gange war, trat der Vater wieder in die Stube und sah Thorbjoern gross an. Der drueckte sich fester an Ingrid und fiel nicht mal vom Stuhl herunter. Der Vater drehte sich um und sagte nichts; eine halbe Stunde verging, und er hatte immer noch nichts gesagt,--und der Junge war schon fast beruhigt und waere beinahe vergnuegt geworden; aber das traute er sich doch nicht. Er wusste gar nicht mehr, was er denken sollte, als ihm der Vater selbst beim Ausziehen half; er fing wieder an, etwas zu zittern; da taetschelte ihm der Vater den Kopf und streichelte ihm die Backen; das war Thorbjoern nicht passiert, so lange er denken konnte, und deshalb wurde ihm so warm um das Herz und im ganzen Koerper, dass seine Furcht zerrann, wie Eis im Sonnenstrahl. Er wusste nicht, wie er in das Bett kam, und da er weder singen noch laut reden durfte, faltete er still die Haende, betete ganz leise sechsmal das Vaterunser vorwaerts und rueckwaerts und fuehlte, waehrend er einschlief, dass er doch niemand auf Gottes gruener Erde so lieb habe wie seinen Vater. Als er am naechsten Morgen im Halbschlaf dalag, empfand er einen schrecklichen Angstdruck: er sollte Pruegel kriegen, wollte schreien, konnte aber nicht. Da er die Augen aufschlug, merkte er zu seiner grossen Erleichterung, dass er nur getraeumt, aber er merkte auch bald, dass ein anderer Pruegel kriegen sollte, naemlich Aslak. Saemund ging in der Stube auf und ab--und was solcher Gang zu bedeuten hatte, das wusste Thorbjoern genau. Der etwas kleine, doch staemmige Mann sah unter den buschigen Augenbrauen manchmal derart Aslak an, dass der hinlaenglich spuerte, was in der Luft lag; Aslak selbst sass auf dem Bodenrand einer umgekippten grossen Tonne und liess seine Beine herunterbaumeln oder zog sie ueber Kreuz in die Hoehe. Er hatte wie gewoehnlich die Haende in die Hosentaschen gesteckt und die Muetze auf dem Kopf leicht hintenueber gedrueckt, so dass das schwarze Haar in vollen Buescheln unter dem Schirm hervorquoll. Sein etwas schiefer Mund war noch schiefer gezogen, den Kopf hielt er halb schraeg und blickte durch seine halbgeschlossenen Augenlider von der Seite nach Saemund hin. "Ja, Dein Junge ist verrueckt," sagte er, "aber schlimmer ist, dass Dein Pferd den Teufel im Leibe hat." Saemund blieb stehen: "Du bist ein Flaps", sagte er so, dass die Stube droehnte, und Aslak die Lider noch dichter schloss. Saemund nahm seinen Gang wieder auf; Aslak sass eine Weile still da. "Ja, richtig den Teufel im Leibe", wiederholte er und schielte nach seinem Herrn, um zu sehen, was fuer eine Wirkung seine Worte haetten. "Waldscheu ist der Gaul", rief Saemund im Gehen, "einen Baum hast Du ueber ihm gefaellt und jetzt will er nicht mehr ruhig an den Baeumen vorbei." Aslak hoerte das mit an und erwiderte nach einer kurzen Pause: "Du kannst ja glauben, was Du willst; Glauben macht selig; aber dass Du damit Dein Pferd wieder gesund machst, das glaube ich nicht"--im selben Augenblick jedoch drueckte er sich tiefer in die Tonne und deckte sein Gesicht mit der Hand. Saemund war fest auf ihn zugegangen und sagte halblaut, aber in recht unheimlichem Ton: "Du niedertraechtiger..." "Saemund", erklang eine Stimme vom Herde. Ingebjoerg, seine Frau war es, die rief und ihn beruhigen wollte, wie sie ihr Juengstes beruhigte, das auf ihrem Schoss sass, bange war und schreien wollte. Zuerst wurde das Kind still, dann schwieg auch Saemund, aber er hielt die fuer einen so staemmigen Mann etwas kleine Faust Aslak dicht unter die Nase, waehrend er sich vor ihm aufpflanzte und ihm mit lodernden Blicken foermlich das Gesicht zu versengen suchte. Dann ging er, wie vorher, auf und ab, sah ihn aber wiederholt hastig an. Aslak war ganz blass, lachte jedoch mit dem halben Gesicht Thorbjoern zu, waehrend die andere, Saemund zugewandte Haelfte ganz stramm blieb. "Schenk' uns Geduld, lieber Gott im Himmel", sagte er nach kurzer Stille, machte aber flugs den Ellbogen krumm, wie, um einen Schlag abzuwehren. Saemund war ihm gegenueber stehen geblieben, stampfte nun mit dem Fuss auf den Boden und schrie dabei mit aller Kraft: "Laestre seinen Namen nicht, Du--" Ingebjoerg sprang auf, kam mit dem Saeugling heran und legte sanft die eine Hand auf den erhobenen Arm ihres Mannes. Er sah sie nicht an, liess aber den Arm sinken. Sie setzte sich, er ging wieder auf und ab; keiner sprach ein Wort. Nach einiger Zeit liess es Aslak keine Ruhe: "Ja, der dort oben hat 'ne Menge zu tun in Granliden." "Saemund, Saemund", rief Ingebjoerg leise und aengstlich, aber bevor er es noch gehoert hatte, war er zu Aslak hingerast. Der streckte seinen Fuss vor; diesen beiseite schlagen, am Fuss und am Kragen den Burschen packen, ihn hochheben und gegen die geschlossene Tuer schleudern, dass die Fuellung in Stuecke ging und der ganze Kerl kopfueber hinausflog, war fuer Saemund das Werk weniger Augenblicke. Seine Frau, Thorbjoern, alle Kinder, schrien und baten; das ganze Haus war ein Jammer. Aber Saemund dem Aslak nach; ohne die Tuer richtig aufzumachen, nur die Holzstuecke und Splitter fortstossend, packte er den Knecht zum zweiten Male, trug ihn durch den Flur, hinaus in den Hof, hob ihn wieder hoch und warf ihn mit aller Macht zu Boden. Und als er merkte, dass zu viel Schnee dalag, um den Fall wuchtig genug zu machen, kniete er auf die Brust Aslaks hin, schlug ihm in das Gesicht, hob ihn zum dritten Male hoch, trug ihn zu einer schneefreieren Stelle wie der Wolf einen erjagten, zerfleischten Hund, warf ihn wieder hin, kniete wieder auf ihm--und, wer weiss, welches Ende es genommen haette, wenn sich nicht Ingebjoerg, den Saeugling auf dem Arm, zwischen die beiden geworfen haette.--"Mach' uns nicht ungluecklich!" schrie sie. Eine Weile darauf sass Ingebjoerg in der Stube; Thorbjoern zog sich an, der Vater ging auf und ab und trank hin und wieder einen Schluck Wasser; aber die Hand zitterte ihm so dabei, dass das Wasser manchmal ueber den Tassenrand auf die Diele spritzte. Aslak kam nicht herein, und Ingebjoerg machte kurz darauf Miene, hinauszugehen. "Bleib", sagte Saemund, mit einem Ton, als wenn er gar nicht zu ihr spraeche; und sie blieb. Bald jedoch ging er selbst. Er kam nicht wieder. Thorbjoern las fortwaehrend, ohne aufzublicken, obgleich er nicht imstande war, den kleinsten Satz zusammenzubringen. Weiterhin am Vormittag war das Haus in gewohnter Ordnung, obgleich allen zumute war, wie nach dem Besuche eines noch nie dagewesenen Fremden. Thorbjoern wagte endlich auf den Hof zu gehen, und der erste, den er dort traf, war Aslak, der alle seine Habseligkeiten auf einen Schlitten--Thorbjoerns Schlitten--geladen hatte. Thorbjoern starrte ihn an, er sah graesslich aus. Sein Gesicht war mit Blut beklebt und beschmiert; er hustete und fasste sich oft an seine Brust. Erst blickte er den Jungen stumm an und stiess darauf hart die Worte hervor: "Ich kann Deine Augen nicht leiden, Bengel"; dann setzte er sich mit gespreizten Beinen auf den Schlitten und fuhr bergab. "Du kannst zusehen, wie Du Deinen Schlitten wiederkriegst", rief er, waehrend er sich noch einmal umdrehte und lang die Zunge herausstreckte. Dann zog er weiter. In der naechsten Woche kam der Gerichtsdiener nach Granliden; der Vater ging oefter fort; die Mutter weinte und war auch ein paarmal fort. "Wo geht Ihr denn immer hin?" "Ach, Aslak hat uns was Tuechtiges eingebrockt." Einige Tage darauf wurde die kleine Ingrid ertappt, wie sie sang: "O Du holdselige Erden Kannst mir gestohlen werden; Das Maedel reckt und streckt sich weit; Der Junge ist nicht recht gescheit; Die Wirtin kocht nur Sudelbrei, Der Wirt ist faul und sauft dabei; Die Katze ist die einzig kluge, Sie leckt den Milchrahm aus dem Kruge." Da fragten die Eltern, von wem sie das schoene Lied gelernt habe. "Ja, von Thorbjoern." Der Junge bekam einen grossen Schreck und stotterte, dass er es von Aslak habe. Nun wurde ihm unter Androhung gehoeriger Pruegel verboten, je wieder solche Lieder zu singen oder sie Ingrid zu lehren. Kurz darauf fluchte die kleine Ingrid. Thorbjoern musste wieder vor das Gericht, und Saemund meinte, das beste sei, wenn er als Anstifter gleich die Rute kriege; aber er weinte und gab das hochheilige Versprechen, es nie wieder tun zu wollen; so kam er fuer diesmal noch davon. Am Sonntag darauf sagte der Vater zu ihm: "Damit Du zu Hause keine dummen Streiche machst, sollst Du heute mit mir in die Kirche." Zweites Kapitel Die Kirche stellt der Bauer in seinen Gedanken auf einen hohen Platz, auf einen Platz fuer sie allein; er sieht sie in Heiligkeit, umgeben vom feierlichen Ernst der Graeber, erfuellt von der frischen Lebenskraft des Gottesdienstes. Sie ist das einzige Haus, bei dessen Bau er Pracht entfaltet hat, und deshalb ragt ihre Turmspitze fuer seine Anschauung weit hoeher, als sie in der Tat ist. Ihre Glocken gruessen ihn am klaren Sonntagsmorgen den ganzen Weg entlang auf dem Gange zu ihr, und er zieht immer den Hut vor ihnen ab, als wollte er sagen: "Dank fuer das vorige Mal!" Es ist ein geheimes Band zwischen ihm und den Glocken. In den fruehesten Lebensjahren stand er wohl im offenen Haustor und lauschte ihrem Klang, waehrend unten auf dem Wege die Kirchgaenger still vorbeizogen; Vater schloss sich an, er selbst war noch zu klein. Damals verband er so manche verschiedenartige Vorstellungen mit diesem schweren, starken Schall, der ein oder zwei Stunden zwischen den Felsen droehnte und sich von einem zum andern schwang; aber eine Vorstellung war ihm unzertrennbar davon: saubere Roecke und Hosen, Frauen in ihrem besten Schmuck und Staat, geputzte Pferde mit blankem Geschirr. Und wenn dann die Glocken sein eigenes Glueck einlaeuten, wenn er selbst im funkelnagelneuen, aber etwas fuer ihn zu grossen Anzug wichtig an Vaters Seite zur Kirche geht,--welcher Jubel toent da aus ihrem Klang! Da koennen sie wohl alle Tore sprengen zu dem, was er schauen soll! Und wenn sie dann auf dem Rueckweg ueber seinem Kopf laermen, der noch schwer, noch von den Gesaengen, Gebeten, Pastorsworten, die sich darin wiegen und kreuzen, wirr ist, wenn alle die frueher nie gesehenen Bilder: Altargemaelde, Trachten, Personen, vor seinen Augen auf- und abjagen--dann woelbt auch ihr Gelaeute fuer immer das Dach ueber die gesammelten Eindruecke und weiht die kleine Kirche ein, die er fortan im Herzen traegt. Ist er etwas aelter geworden, dann muss er zu Berg und das Vieh hueten; aber wenn er an einem schoenen, taufrischen Sonntagsmorgen auf einem Stein zwischen seiner Herde sitzt, und die Kirchenglocken die Schellen der Tiere uebertoenen, dann wird er schwermuetig. Denn aus den Glockentoenen klingt etwas Lustiges, Leichtes, Lockendes von dort unten herauf; sie wecken die Erinnerung an Bekannte vor und in der Kirche, an die Freude, dort zu sein, an die vielleicht noch groessere, dort gewesen zu sein, zu Hause gutes Essen, die Eltern, die Geschwister zu finden,--sie erzaehlen vom Spiel auf den Grasflecken am vergnueglichen Sonntagsabend,--und dann geraet das kleine Herz des Jungen in Aufruhr. Aber schliesslich: es sind doch die Kirchenglocken, die erklingen; und so sucht und findet er doch in seinem Kopf das Bruchstueck eines Gesangbuchliedes, das er zur Not auswendig weiss, und er singt es mit gefalteten Haenden und blickt weit dabei ins Tal hinunter, spricht ein kurzes Gebet, springt auf und stoesst in sein Hirtenhorn, dass die Toene gegen die Bergwaende schmettern. Hier in den stillen Felsentaelern hat die Kirche noch fuer jedes Lebensalter ihre besondere Sprache, fuer jedes Auge ihr besonderes Aussehen. Erwachsen und fertig steht sie vor dem Konfirmanden,--mit aufwaerts gerecktem Finger, halb drohend, halb winkend, vor dem Juengling, der seine Wahl getroffen hat,--breitschultrig und stark vor dem sorgenden Mann,--geraeumig und mild vor dem mueden Greise. Mitten im Gottesdienst werden die juengst geborenen Kinder hereingetragen und getauft und, wie bekannt, ist waehrend dieser Feier die Andacht am groessten. Man kann deshalb nie ein richtiges Bild von den norwegischen Bauern, von verderbten oder unverdorbenen, wiedergeben, ohne an irgendeiner Stelle die Kirche als Hintergrund heranzuziehen. Dadurch entsteht eine gewisse Einfoermigkeit; aber das ist nicht das Schlimmste. Dies sei hier ein fuer allemal hervorgehoben, und nicht nur mit Bezug auf den Kirchgang, von dem jetzt berichtet werden soll. Thorbjoern war sehr vergnuegt ueber den Gang und alles Neue; merkwuerdig viele Farben spielten in sein Auge draussen vor der Kirche; in ihrem Inneren fuehlte er den Druck der Stille, der auf allen und allem schon vor Beginn des Gottesdienstes lag; und obgleich er beim Vorlesen des Gebetes vergessen hatte, den Kopf zu senken, war es ihm doch, als beuge der Anblick von den mehreren hundert gesenkten Koepfen auch den seinen. Der Gesang setzte ein; alle um ihn her sangen mit einemmal; ihm wurde fast aengstlich zumute. So versunken sass er da, dass er wie aus einem Traum auffuhr, als die Tuer sacht geoeffnet wurde und ein Mann neben Vaters Sitz trat. Wie das Lied zu Ende war, gab Vater dem Hereingekommenen die Hand und fragte: "Wie geht's in Solbakken?" Thorbjoern schlug die Augen auf, aber so genau er hinsah und suchte, eine Verbindung zwischen dem Mann und Trollen oder irgend welcher Hexerei konnte er nicht finden. Der Mann hatte ein sanftes Gesicht, blondes Haar, grosse blaue Augen unter einer hohen Stirn und eine stattliche Figur; er laechelte, wenn jemand mit ihm sprach, und sagte auf alle Worte Saemunds "Ja", sonst redete er wenig.--"Jetzt will ich Dir auch Synnoeve zeigen", meinte der Vater und wies nach dem Frauenplatz gerade gegenueber. Dort kniete ein kleines Maedchen oben auf der Bank und sah ueber den Rand der Bruestung; es war noch blonder als der Mann, so blond, wie er noch keins gesehen hatte. Rote Baender flatterten von ihrem Hut ueber dem Flachshaar, und sie lachte ihm zu, so dass er eine ganze Weile auf nichts anderes blicken konnte als auf ihre weissen Zaehne. In der einen Hand hielt sie ein blinkendes Gesangbuch, in der anderen ein zusammengefaltetes, rotgelbes seidnes Taschentuch, und sie machte sich den Spass, mit dem Taschentuch auf das Gesangbuch zu schlagen. Je mehr er sie anstarrte, desto mehr lachte sie; und nun wollte er auch auf die Bank hinauf, ebenso hoch wie sie. Da nickte sie ihm zu. Er sah sie ein paar Minuten ernst an, dann nickte er. Sie lachte und nickte wieder, und noch einmal, und noch einmal. Dann lachte sie; nickte aber nicht mehr,--nach kurzer Zeit, als er nicht mehr daran dachte, nickte sie. "Ich will auch sehen", hoerte er eine Stimme hinter sich, und im selben Augenblick wurde er am Bein gepackt und heruntergezerrt, so dass er beinahe hingefallen waere. Das hatte ein kleiner Bengel zuwege gebracht, der sich jetzt tapfer auf Thorbjoerns Platz hinaufarbeitete. Aslak hatte Thorbjoern gruendlich belehrt, wie er mit boesen Buben in der Schule oder Kirche verfahren sollte, deshalb kniff er den Jungen in sein Hinterteil, so dass der fast geschrien haette; aber er nahm sich zusammen, krabbelte schnell herunter und fasste Thorbjoern bei beiden Ohren. Thorbjoern packte ihn beim Schopf und warf ihn hin; noch schrie der kleine Kerl nicht, aber er biss seinen Gegner ins Bein. Thorbjoern zog es zurueck und drueckte das Gesicht des andern fest auf den Boden, da wurde er selbst beim Kragen genommen und wie ein Strohsack hochgehoben,--von seinem Vater, der ihn vor sich auf das Knie setzte. "Wenn wir jetzt nicht in der Kirche waeren, dann kriegtest Du gleich Deine Pruegel", fluesterte er ihm ins Ohr und packte ihn so fest bei der Hand, dass es Thorbjoern bis zu den Sohlen prickelte und stach. Dann erinnerte Thorbjoern sich wieder an Synnoeve und sah zu ihr hinueber; sie war noch auf ihrem frueheren Platz; aber starrte ganz betroffen und aengstlich vor sich hin. Da fing es in ihm zu daemmern an; was er getan hatte, musste wohl ganz toll und schlimm gewesen sein! Sowie sie merkte, dass er sie ansah, kroch sie von der Bank herunter und liess sich nicht wieder blicken. Der Kuester, der Pastor trat vor; wohl hoerte er und sah er hin auf beide--und wieder kam der Kuester und wieder der Pastor--aber er sass immer noch auf dem Knie seines Vaters und hatte eigentlich nur den einen Gedanken: wird sie bald wieder hersehen? Der Bengel, der ihn von der Bank heruntergezogen hatte, hockte weiter hinten auf einem Schemel und bekam jedesmal, wenn er aufstehen wollte, einen Puff in den Ruecken von der Hand eines Alten, der auf seinem Stuhl im Halbschlaf nickte, aber regelmaessig aufwachte, wenn der Junge Miene machte, hochzukommen. "Wird sie nicht bald wieder hersehen?" dachte Thorbjoern; und jedes rote Band, das sich in seiner Umgebung bewegte, erinnerte ihn an Synnoeves; und jedes alte Bild an der Kirchenwand war ebenso gross oder kleiner als sie. Ja, jetzt streckte sie den Kopf hoch; aber sobald sie Thorbjoern sah, duckte sie sich wieder.--Der Kuester trat noch einmal vor, und auch der Pastor; dann laeutete es, und die Gemeinde stand auf. Der Vater sprach wieder mit dem blonden Mann; sie gingen zusammen zu den Frauenplaetzen hinueber, wo auch schon alles aufgestanden war. Die erste, die herauskam, war eine blonde Frau; sie laechelte, aber nicht so ausgesprochen, wie der Mann, war sehr klein und blass und hielt Synnoeve an der Hand. Thorbjoern ging gleich auf das Kind zu, aber es lief weg und versteckte sich hinter seiner Mutter: "Ich will nicht", rief es. "Er ist wohl noch nie in der Kirche gewesen", sagte die Frau und legte die Hand auf des Knaben Schulter. "Nein," antwortete Saemund, "sonst haette er sich heute nicht gepruegelt." Thorbjoern sah ganz beschaemt sie und dann Synnoeve an, die ihm noch viel ernster schien. Sie gingen alle aus der Kirche--die aelteren im Gespraech, Thorbjoern hinter Synnoeve; die draengte sich immer dicht an ihre Mutter, sobald er ihr naeherkam. Den anderen Jungen sah er nicht mehr. Draussen blieb die ganze Gesellschaft stehen und fing eine laengere Unterhaltung an. Thorbjoern hoerte mehrmals den Namen "Aslak" heraus, und da er bange war, dass sie auch ueber ihn selbst reden koennten, blieb er einige Schritte zurueck. "Du brauchst das nicht mit anzuhoeren," sagte die Mutter zu Synnoeve, "geh ein bisschen weiter, mein liebes Kind; geh, sag' ich." Synnoeve trat widerwillig zurueck. Thorbjoern ging auf sie zu und sah sie an; und sie sah ihn an; und so standen sie ein Weilchen und sahen sich an. Endlich sagte sie: "Pfui!"--"Warum sagst Du Pfui!" fragte er.--"Pfui!" sagte sie noch einmal, "Pfui, Du solltest Dich lieber was schaemen", setzte sie hinzu.--"Was habe ich denn getan?"--"Gepruegelt hast Du Dich, waehrend der Pastor dastand und Gottesdienst hielt,--Pfui!"--"Ja, das ist doch aber schon so lange her."--Das leuchtete ihr ein, und sie fragte kurz darauf: "Bist Du Thorbjoern Granliden?"--"Ja, und bist Du Synnoeve Solbakken?"--"Ja, ich habe immer gehoert, dass Du so'n artiger Junge bist."--"Nein, das ist nicht wahr; ich bin zu Hause der allerschlimmste", sagte Thorbjoern.--"Hoer' mal einer an!" sagte Synnoeve und schlug ihre beiden kleinen Haende zusammen: "Mutter, Mutter, er sagt--"--"Sei still und geh fort", rief die Mutter und die Kleine machte Halt, ging wieder langsam und rueckwaertsschreitend nach hinten, heftete aber dabei die grossen, blauen Augen stetig auf ihre Mutter.--"Ich habe immer gedacht, Du bist so artig!"--"Ja, manchmal, wenn ich in der Bibel gelesen habe", antwortete sie.--"Sag' mal, ist es wahr, dass da drueben bei Euch alles dick voll von Kobolden und Trollen und anderen Hexenkram steckt?" fragte er und stemmte die eine Hand in die Seite, setzte den einen Fuss vor und stuetzte sich auf den andern--genau wie Aslak.--"Mutter, Mutter, weisst Du, was er gesagt hat..."--"Lass mich doch zufrieden, hoerst Du nicht! Und komm nicht her, wenn Du nicht gerufen wirst!"--Synnoeve musste wieder langsam nach hinten; sie steckte dabei einen Zipfel vom Taschentuch zwischen die Zaehne, biss ihn fest und zog daran.--"Ist das also nicht wahr, dass bei Euch das Huegelvolk jede Nacht unten Musik macht?"--"Nein!"--"Dann hast Du wohl noch nie bei Euch einen Troll gesehen?"--"Nein!"--"Aber Jesus soll mir bei..."--"Pfui, so was darfst Du nicht sagen!"--"Ach was, das schadet nichts", sagte er und spuckte durch die Zaehne, um ihr zu zeigen, wie weit er spucken koenne.--"Doch," sagte sie, "dann kommst Du in die Hoelle."--"Meinst Du?" fragte er bedeutend kleinlauter; denn er dachte, er koenne hoechstens Pruegel dafuer kriegen, und sein Vater stand ja jetzt weit weg.--"Wer ist denn bei Euch zu Hause der Staerkste?" fuhr er nach einer Weile fort und rueckte seine Muetze mehr nach einer Seite.--"Das weiss ich nicht."--"Bei uns ist es Vater; ja, der ist so stark, dass er Aslak verhauen hat, und Aslak ist stark, das kannst Du glauben."--"Na ja--"--"Er hat mal ein Pferd hochgehoben."--"Ein wirkliches Pferd?"--"Ja, das ist wahr, ganz gewiss wahr--er hat's mir selber erzaehlt."--Daraufhin durfte sie nicht laenger daran zweifeln.--"Wer ist denn Aslak?" fragte sie.--"Du, das ist ein ganz Schlimmer, weisst Du; aber Vater hat ihn verhauen; ich sage Dir, noch nie hat einer soviel Pruegel gekriegt."--"Pruegelt Ihr Euch denn zu Hause?"--"Ja, manchmal, Ihr nicht?"--"Nein, nie."--"Na, was macht Ihr denn eigentlich?"--"Mutter sorgt fuers Essen und strickt und naeht. Das tut Kari auch, aber lange nicht so gut wie Mutter, weil sie faul ist; Randi besorgt die Kuehe; und Vater und die Knechte arbeiten auf dem Feld oder auch zu Hause."--Diese Erklaerung befriedigte ihn.--"Abends lesen wir in der Bibel und singen," fuhr sie fort, "und Sonntags auch."--"Du, das muss aber langweilig sein."--"Langweilig? Mutter, er sagt..." aber dann erinnerte sie sich, dass sie das Gespraech der Alten nicht stoeren durfte.--"Ich habe eine Menge Schafe", sagte sie.--"So?"--"Ja, drei gehen mit Winterlaemmern und das eine, glaube ich, wirft bestimmt zweie."--"Schafe hast Du?"--"Ja, auch Kuehe und Ferkel, hast Du keine?"--"Nein."--"Wenn Du zu uns kommst, dann gebe ich Dir ein Lamm ab; und, pass mal auf, davon bekommst Du wieder Kleine."--"Das waer' aber ein Spass!"--Ein Weilchen blieben sie still.--"Kann Ingrid nicht auch ein Lamm kriegen?" fragte er.--"Wer ist denn Ingrid?"--"Na, Ingrid, Ingridchen."--Sie kannte doch aber Ingrid gar nicht.--"Ist sie kleiner als wie Du?"--"Gewiss doch, ungefaehr so gross wie Du."--"Ach, die musst Du mitbringen, hoerst Du?"--Ja, das wollte er.--"Aber", sagte sie, "wenn Du ein Lamm bekommst, kann sie ein Ferkel bekommen."--Das fand er auch viel netter, und nun erzaehlten sie sich etwas von gemeinschaftlichen Bekannten, von denen sie nicht arg viel hatten. Dann war die Unterhaltung der Eltern zu Ende, und sie mussten nach Hause gehen. Nachts traeumte er von Solbakken; er meinte dort lauter weisse Laemmer zu sehen und zwischen ihnen ein kleines Maedchen mit blondem Haar und roten Baendern;--Ingrid und er sprachen alle Tage davon. Sie hatten schon im voraus soviel Laemmer und Ferkel zu besorgen, dass sie es gar nicht schaffen konnten; aber sie wunderten sich sehr, dass sie nicht sofort zu Synnoeve durften. "Auf die Einladung von dem Kind?" sagte die Mutter, "nein, das passt sich nicht."--"Warte bis Sonntag," sagte Thorbjoern, "dann werden wir ja sehen." Der Sonntag kam. "Du sollst so sehr prahlen und luegen und fluchen," sagte Synnoeve zu ihm, "und da darfst Du nicht zu uns kommen, bis Du das nie wieder tust."--"Wer hat das gesagt?" fragte Thorbjoern erstaunt.--"Mutter." Ingrid erwartete ihn schon sehr gespannt zu Hause. Als er wiederkam, erzaehlte er, wie es ihm ergangen war. "Da hast Du's", sagte die Mutter. Aber von dieser Stunde erinnerten sie ihn jedesmal daran, wenn er fluchte oder prahlte. Dabei kam es einmal zwischen ihm und Ingrid bis zur Pruegelei, weil sie nicht einig darueber wurden, ob "mich soll gleich der Hund beissen" als Fluch gelten duerfe oder nicht. Ingrid bekam Schlaege von ihm, und nun gebrauchte er die Redensart den ganzen Tag. Doch abends hoerte sie der Vater. "Gleich wird er Dich beissen", sagte er, und nahm sich Thorbjoern so vor, dass dieser hinpurzelte. Da schaemte er sich, und am meisten vor Ingrid; aber kurz darauf ging sie zu ihm und streichelte ihn. Endlich, nach ein paar Monaten, durften sie hinueber nach Solbakken; dann kam Synnoeve zu ihnen, sie beide wieder zu ihr, und so verkehrten sie die ganzen folgenden Jahre zusammen. Thorbjoern und Synnoeve wetteiferten beim Lernen miteinander; sie gingen in dieselbe Klasse, und zuletzt ueberholte er sie; er wurde ein so tuechtiger Schueler, dass der Pastor sich seiner ganz besonders annahm. Ingrid kam nicht recht mit, und die beiden halfen ihr; sie und Synnoeve wurden unzertrennlich, die Leute nannten sie "Schneehuehner", weil sie beide immer zusammen ausflogen und so hell aussahen. Aber mitten drin wurde Synnoeve oft mit Thorbjoern boese, weil er so wild war und immer in Haendel geriet. Dann versoehnte Ingrid sie, und sie lebten wieder als gute Freunde wie zuvor. Doch hoerte Synnoeves Mutter von einer seiner Schlaegereien, so erlaubte sie nicht, dass er in derselben Woche, kaum in der naechsten, nach Solbakken kam. Saemund durfte nichts davon erfahren; er geht so hart mit dem Jungen um, sagte seine Frau und verbot, davon zu reden. Als sie heranwuchsen, waren alle drei fein anzusehen; jedes hatte seinen besonderen Vorzug. Synnoeve wurde gross und schlank, bekam goldblondes Haar und ein zartes, leuchtendes Gesicht mit stillen, blauen Augen. Beim Sprechen laechelte sie, und bald hiess es bei den Leuten: "Zum Segen wird es jedem, den Synnoeves Laecheln trifft." Ingrid war untersetzter und dicker; sie hatte noch blonderes Haar als Synnoeve und ein ganz kleines rundes Gesicht mit weichen Zuegen. Thorbjoern war mittelgross, besonders gut gewachsen, hatte schwarze Haare, dunkelblaue Augen, einen scharfgeschnittenen Kopf und starke Gliedmassen. Geriet er in Hitze, dann sagte er gewoehnlich, er koennte ebenso gut lesen und schreiben wie der Lehrer und fuerchte keinen Menschen im ganzen Tal;--bis auf seinen Vater, dachte er, aber das sprach er nicht aus. Er wollte schon frueh konfirmiert werden; aber daraus wurde nichts. "Solange Du noch nicht konfirmiert bist, giltst Du noch als Junge, und ich habe Dich mehr in meiner Gewalt", sagte sein Vater; infolgedessen ging er erst zur selben Zeit wie Synnoeve und Ingrid zum Pastor. Auch Synnoeve hatte lange warten muessen, fast bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr. "Man kann nie genug wissen, wenn man sein Bekenntnis vor Gott ablegen soll", hatte die Mutter gesagt, und der Vater, Guttorm Solbakken, hatte zugestimmt. Daher war es nicht eben unerklaerlich, dass sich schon zwei Freier meldeten: der eine der Sohn eines besseren Mannes, der andere ein reicher Nachbar. "Da hoert doch alles auf,--sie ist ja noch nicht mal konfirmiert."--"Dann wollen wir sie konfirmieren lassen", sagte der Vater. Aber davon erfuhr Synnoeve nichts. Der Frau und den Toechtern des Pastors gefiel sie so gut, dass sie von ihnen zu einem Gespraech in das Haus gerufen wurde. Ingrid und Thorbjoern standen unterdessen mit den anderen Konfirmanden draussen, und als einer von den Burschen zu ihm sagte: "Du darfst nicht mit 'rein? Pass' auf, die schnappen sie Dir bestimmt fort", da brachten ihm diese Worte ein blaues Auge ein. Seitdem machten sich seine Kameraden immer ein Vergnuegen daraus, Thorbjoern mit Synnoeve zu necken, weil sie genau wussten, dass nichts anderes ihn so aergern und in Wut versetzen konnte. Schliesslich kam es, nach vorheriger Verabredung, in einem Walde beim Pfarrhof deswegen zu einer tuechtigen Rauferei, die sich so zuspitzte, dass Thorbjoern es mit einem ganzen Haufen Angreifer auf einmal zu tun kriegte. Die Maedchen waren schon vorausgegangen, und daher niemand da, der dazwischen treten und die Burschen trennen konnte; immer hitziger und hitziger wurden die Gemueter. Thorbjoern wollte auch der Uebermacht gegenueber nicht klein beigeben und war nicht waehlerisch in der Art seiner Verteidigung; dabei hagelte es Hiebe, die spaeter selber den Vorfall kundtaten. Nun kam auch die Veranlassung heraus und wurde ueberall viel besprochen. Am naechsten Sonntag wollte Thorbjoern nicht in die Kirche, und als er am folgenden Tage in die Pastorstunde sollte, stellte er sich krank; deshalb ging Ingrid allein. Bei ihrer Rueckkehr fragte er sie, was Synnoeve gesagt habe. "Nichts." Als er nun wieder mitging, glaubte er zu bemerken, dass alle Leute ihn ansaehen und die Konfirmanden grinsten und kicherten. Synnoeve kam spaeter als die andern und war nachher viel im Pastorhause. Er fuerchtete vom Pastor ausgescholten zu werden, aber er entdeckte schnell, dass nur zwei nichts von der Rauferei wussten, sein Vater und der Pastor. Das war ja soweit ganz gut; aber wie er mit Synnoeve wieder in ein Gespraech kommen koenne, das wusste er nicht; denn es genierte ihn zum erstenmal, Ingrid um Hilfe zu bitten. Nach Schluss des Unterrichts ging Synnoeve wieder zu Pastors; er wartete, solange noch andere dablieben, musste aber dann auch fort. Ingrid war schon weit voraus. Das naechste Mal war Synnoeve frueher als alle uebrigen gekommen und spazierte mit einer der Pastorstoechter und einem jungen Herrn im Garten umher. Das Fraeulein zog Blumen mit der Wurzel heraus und gab sie Synnoeve; der Herr half dabei; und Thorbjoern stand mit den andern draussen und sah zu. Da drin sehr laut gesprochen wurde, hoerten sie, wie man Synnoeve erklaerte, in welcher Weise diese Blumen eingesetzt werden muessten, und wie sie versprach, das selbst zu tun, damit es sorgfaeltig gemacht wuerde. "Das kannst Du ja gar nicht allein," sagte der Herr; und das gab Thorbjoern zu denken.--Als Synnoeve zu den andern herauskam, wurde sie von ihnen mit noch groesserer Achtung wie gewoehnlich begruesst; sie schritt aber direkt auf Ingrid zu, sagte ihr guten Tag und bat sie, mit ihr auf die Wiese zu gehen. Dort setzten sie sich hin; sie hatten sich ja lange nicht richtig ausgesprochen. Thorbjoern stand wieder bei den andern und sah nach Synnoeves feinen, auslaendischen Blumen. An diesem Tage ging Synnoeve zu derselben Zeit wie die uebrigen nach Hause. "Darf ich Dir vielleicht die Blumen tragen?" fragte Thorbjoern.--"Bitte", antwortete sie sanft, doch ohne ihn anzusehen, fasste Ingrid bei der Hand und schritt mit ihr voran. Am Wege nach Solbakken blieb sie stehen und nahm von Ingrid Abschied. "Das Stueckchen kann ich sie schon selbst tragen", sagte sie und hob den Korb auf, den Thorbjoern hingesetzt hatte. Bei jedem Schritt bis hierher war es eigentlich seine Absicht gewesen, ihr anzubieten, die Blumen fuer sie einzupflanzen, aber nun brachte er es nicht mehr uebers Herz, weil sie sich zu schnell umdrehte. Doch konnte er an nichts anderes denken, als dass er ihr eigentlich dabei helfen muesste. "Wovon sprecht Ihr denn?" fragte er Ingrid. "Von nichts." Als er alle im Bett wusste, zog er sich wieder an und verliess den Hof. Der Abend war schoen, war mild und still, der Himmel von duennen, blaugrauen Wolken ueberzogen; ihr Flor hatte sich hier und dort geloest, und nun sah es aus, als ob blaue Augen von oben Umschau hielten. Keine Menschenseele liess sich bei den Hoefen und weiter draussen blicken, doch ueberall im Grase zirpten die Heuschrecken; rechts lockte eine Wachtel, links antwortete eine zweite, und nun erhob sich auf allen Seiten ein Singen, so dass ihm, dem Dahinschreitenden, zumute war, als ob er in grosser Begleitschaft ginge, wenngleich er nicht das Geringste davon sehen konnte. Der Wald zog sich blau, dann dunkler und dunkler die Boeschungen entlang und nahm sich zuletzt wie ein grosses Nebelmeer aus; aber durch den wogenden Schleier hoerte er den Auerhahn sich melden und laut werden, eine einzelne Eule schrie und der Wasserfall sang seine alten, harten Reime staerker als je;--jetzt, da sich alles niedergelassen hatte, um sie anzuhoeren. Thorbjoern sah nach Solbakken hinueber und schritt weiter. Er bog vom gewoehnlichen Wege ab, kam schnell vorwaerts und bald stand er in dem kleinen Garten, der Synnoeve gehoerte und unterhalb eines Bodenfensters lag, gerade des Fensters, hinter dem sie schlief. Er lauschte und lugte, alles war leer und still, dann sah er sich im Garten nach Arbeitsgeraeten um und fand richtig sowohl Spaten wie Harke. Der Anfang zu einem Beet war schon versucht worden; aber nur ein kleiner Streifen fertig; zwei Blumen hatte jemand bereits eingesetzt, vermutlich um zu probieren, wie es aussehe. "Die Aermste ist muede geworden und wieder weggegangen", dachte er; "hier muss ein Mann 'ran", dachte er weiter, und machte sich an das Werk. Er verspuerte nicht die geringste Lust zum Schlaf; ja, nie schien ihm eine Arbeit leichter von der Hand gegangen zu sein. Er erinnerte sich, wie die Blumen eingesetzt werden muessten, erinnerte sich, wie sie im Pfarrhof standen, und beachtete beides gewissenhaft dabei. So verging die Nacht, er merkte nichts davon; er goennte sich kaum ein Weilchen zum Ausruhen, grub das ganze Beet um, pflanzte die Blumen ein, versetzte eine oder die andere, damit es noch schoener aussehe, und guckte ab und zu nach dem Bodenfenster, ob er doch vielleicht bemerkt wurde. Weder dort noch anderswo war jemand zu sehen; er hoerte nicht einmal einen Hund bellen, bevor der Hahn kraehte und die Voegel im Walde erwachten, sich,--jetzt dieser, jetzt jener,--aufsetzten, um "Guten Morgen" zu singen. Waehrend er rings um das Beet die Erde mit dem Spaten festschlug, fielen ihm die Maerchen von Aslak ein, und er erinnerte sich, wie er damals geglaubt hatte, in Solbakken wuechsen Trolle und Kobolde aus der Erde. Da sah er zum Bodenfenster hinauf und laechelte: Was wird sich wohl Synnoeve denken, wenn sie herunterkommt? Es wurde ganz hell; die Voegel vollfuehrten schon einen schauderhaften Spektakel; schnell sprang er ueber den Zaun und machte, dass er nach Hause kam. So! Nun sollte mal einer beweisen, dass er Synnoeves Blumen eingepflanzt habe. Drittes Kapitel Bald wurde ringsum im ganzen Kirchspiel allerhand ueber die beiden geredet; aber etwas Sicheres wusste keiner zu sagen. Nie wurde Thorbjoern nach der Konfirmation in Solbakken gesehen; und das konnten die Leute gar nicht begreifen. Ingrid kam oft hinunter, und dann machten sie und Synnoeve gern einen Spaziergang in den Wald.--"Bleib nicht zu lange", rief Synnoeves Mutter der Tochter nach.--"Nein", antwortete sie--und kam erst abends nach Hause. Die beiden Freier stellten sich wieder ein. "Sie soll selbst darueber bestimmen", sagte die Mutter, und der Vater meinte dasselbe; als sie nun Synnoeve beiseite nahmen, gab sie ihnen fuer die Bewerber einen Korb. Es meldeten sich mehr; aber niemand hoerte, dass einer mit seinem Antrag in Solbakken Glueck gehabt hatte. Eines Tages scheuerten Mutter und Tochter zusammen Milchkuebel, und da fragte die Mutter, wer ihr eigentlich in Gedanken liege; das kam dem Maedchen so unerwartet, dass es ganz rot wurde. "Hast Du Dich schon einem versprochen?" fragte die Mutter weiter und sah sie fest dabei an. "Nein", antwortete Synnoeve schnell. Seitdem wurde von dergleichen nicht mehr geredet. Da sie weit und breit fuer die beste Partie galt, folgten ihr lange Blicke, wenn sie zur Kirche ging, der einzigen Staette, wo sie ausser dem Hause zu sehen war; sie beteiligte sich naemlich nicht am Tanz oder sonstigen lauten Festlichkeiten, weil ihre Eltern zu den Haugianern gehoerten. Thorbjoern sass ihr im Kirchstuhl gerade gegenueber; aber sie sprachen, soweit es zu bemerken war, nie zusammen. Soviel meinten alle zu wissen, dass etwas mit den beiden sein musste, und da sie nicht in derselben Weise wie andere Liebespaerchen miteinander verkehrten, wurde desto mehr ueber sie gesprochen. Thorbjoern war nicht sehr beliebt. Das empfand er selbst; denn er stellte sich besonders ungeschlacht an, wenn er unter die Leute kam, wie beim Tanz oder auf Hochzeiten, und dadurch passierte es ihm wiederholt, dass er in eine Rauferei verwickelt wurde. Das liess aber nach, als er einigen beigebracht hatte, wie stark er war; und dadurch wieder gewoehnte er sich, auf seinem Weg keinen andern zu dulden.--"Nun hast Du freie Hand ueber Dich," sagte sein Vater Saemund, "aber denke dran, dass meine vielleicht doch noch staerker ist als Deine." Der Herbst, der Winter verging, der Fruehling kam heran, und noch immer hatten die Leute nichts Gewisses heraus. Die Koerbe, die Synnoeve ausgeteilt hatte, und das Gerede darueber bewirkten, dass sie sich fast allein ueberlassen blieb. Nur Ingrid leistete ihr Gesellschaft; sie sollten auch zusammen auf die Alm in diesem Jahr, da die Solbakkener einen Anteil an der Granlidener Weide oben gekauft hatten. Thorbjoern richtete mancherlei fuer sie, und man hoerte ihn dabei laut von der Hoehe heruntersingen. Einmal als er kurz vor der Abenddaemmerung mit seiner Arbeit fertig war, setzte er sich hin und dachte ueber alles moegliche nach; doch hauptsaechlich ueber die Redereien der Leute. Er streckte sich in das rotbraune Heidekraut, legte die Haende unter den Kopf und starrte zum Himmel, der sich ueber den dichten Baumkronen blau und leuchtend hinzog; die gruenen Blaetter und Nadeln flossen wie ein zitternder Strom hinein und die dunklen Zweige zeichneten seltsame, wilde Figuren darauf. Der Himmel selbst war nur dann genau dort zu sehen, wenn ein Blatt beiseite flatterte; weiter oben zwischen den Kronen, die einander nicht nahe kamen, brach er wie eine breite Bergflut hervor und lief in lustigen Schwingungen ueber ihnen hin. Dadurch kam Thorbjoern in eine eigene Stimmung, und seine Gedanken beschaeftigten sich weiter mit dem, was er sah.---- ----Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zur Tanne auf; die Kiefer starrte voll stummer Verachtung mit ihren Nadeln nach allen Seiten; denn jedesmal, wenn die Luefte weicher wurden, schossen mehr und mehr Siechlinge auf, rannten ihr in den Weg und steckten ihr das frische Laub gerade unter die Nase. "Ihr Bande, wo wart Ihr denn im Winter?" fragte die Kiefer, faechelte sich und schwitzte Harz bei der unertraeglichen Hitze. "Das ist beinah zu toll--so hoch im Norden--pfui!" Aber da war noch eine,--eine alte, kahle Kiefer, die ueber alle uebrigen Baeume hinwegsah, und doch einen fingerreichen Zweig fast lotrecht niederbeugen und einen dreisten Ahorn ganz oben am Schopf nehmen konnte, so dass ihm die Knie zitterten. Dieser klafterdicken Kiefer hatten die Menschen nach der Spitze zu immer mehr und mehr Zweige abgeholzt, bis ihr einmal die Geschichte zu bunt wurde und sie derart seitwaerts schoss, dass die duenne Fichte neben ihr einen Schreck kriegte und sie fragte, ob sie nicht an die Winterstuerme denke. "Na und ob!" sagte die Kiefer und klatschte ihr mit Hilfe des Nordwinds so heftig eins um die Ohren, dass sie fast ihre Haltung und Wuerde dabei verlor; und das war recht schlimm. Die gliederstarke, finstere Kiefer hatte nun mit einem maechtigen Fuss Boden gefasst; sechs Ellen hoch ragten die Zehen aus der Erde; und dass sie dicker waren als an ihrer dicksten Stelle die Weide, hatte die Weide selbst eines Abends verschaemt dem Hopfen zugefluestert, als er sie verliebt umspannte. Ihrer Kraft war sich die baertige Kiefer voll bewusst; Zweig an Zweig jagte sie hoch ueber der Menschen Machtbereich in die wilde Luft, und rief dabei den Menschen zu: "Nun, holt sie Euch!" "Nein, die koennen sie Dir nicht fortholen", sagte der Adler, liess sich gnaedig auf der Kiefer nieder, schlug die Fluegel mit Anstand zusammen und wischte sich einige haessliche Flecke Viehblut vom Gefieder.--"Ich meine, ich koennte die Koenigin bitten, hier ihren Aufenthalt zu waehlen;--sie ist traechtig mit mehreren Eiern; sie wird bald legen", fuegte er leiser hinzu und senkte den Blick auf seine kahlen Fuesse; er schaemte sich, dass ihn holde Erinnerungen an jene fruehesten Lenztage ueberkamen, da die erste Sonnenwaerme halbtoll macht. Bald hob er die Augen wieder und sah starr unter den buschigen Brauen auf zu den schwarzen Felsruecken, ob nicht die eierschwere, kraenkelnde Koenigin von dort herniedersegele. Er flog auf, und schon konnte die Kiefer das Paar in der klaren, blauen Luft erkennen, wie es in gleicher Linie mit dem hoechsten Felsgipfel dahinstrich und ueber seine haeuslichen Angelegenheiten verhandelte. Sie war nicht frei von einer gewissen Unruhe; denn so vornehm sie sich auch schon duenkte, so musste sie doch noch vornehmer werden, wenn sie ein Adlerpaar wiegte. Es kam herab, kam direkt auf sie zu; ohne einen Ton von sich zu geben, begann es eifrig Reisig heranzuschaffen. Die Kiefer machte sich, wenn moeglich, noch breiter,--daran konnte sie keiner hindern. Aber im ganzen Wald erhob sich ein eifriges Geraune, als alles sah, was fuer eine Ehre der Riesenkiefer erwiesen wurde. Da war unter anderen auch eine kleine, nette Birke, die sich in einem Weiher spiegelte und sich ein gewisses Anrecht auf die Liebe eines Haenflings einredete, der auf ihr gewoehnlich seinen Mittagsschlaf hielt. Sie hatte ihm ihren Duft in den Schnabel gehaucht, Fliegen und Muecken auf ihre Blaetter festgeklebt, so dass sie leicht genug zu fangen waren, ja, zuletzt hatte sie in der Hitze ein dichtes Haeuschen von Zweigen gebaut und mit Blaettern gedeckt, so dass der Haenfling wirklich im Begriff war, es als Sommerwohnung zu benutzen. Jetzt aber: der Adler hatte sich in der Riesenkiefer festgesetzt, und fort musste der Haenfling. Ach, die Trauer! Er trillerte noch ein Abschiedslied; aber nur ganz leise, damit es der Adler nicht hoere. Nicht besser erging es einigen kleinen Sperlingen im Elsenstrauch. Sie hatten dort ein so suendiges Leben gefuehrt, dass die Drossel, nebenan in der Esche, nie zur gehoerigen Zeit schlafen konnte, oft ganz ausser sich wurde und schimpfte. Das hatte einen ernsten Schwarzspecht derart zum Lachen gebracht, dass er beinah vom Ast gepurzelt waere. Nun sahen sie den Adler auf der Riesenkiefer; und Drossel, Sperlinge, Schwarzspecht und alles, was fliegen konnte, musste ueber Hals und Kopf fort, ueber und unter die Zweige. Die Drossel versicherte auffliegend mit einem Fluch, dass sie nie mehr eine Wohnung nehmen werde, in deren Nachbarschaft Sperlinge hausten. So stand der Wald in weitem Umkreis verlassen und nachdenklich im heiteren Sonnenschein. Er sollte Freude an der Kiefer haben; aber die Freude war recht maessig. Kam der Nordwind, dann bog er sich bange, dann peitschte die Riesenkiefer mit ihren maechtigen Zweigen die Luefte,--ruhig und bedachtsam umflog sie der Adler, als ob ihn nur ein schwacher Windstoss streifte und etwas kuemmerlichen Weihrauch vom Wald zu ihm hinauftruege. Aber die ganze Kiefernfamilie war froh und stolz. Keins ihrer Mitglieder dachte daran, dass es selbst in diesem Jahr gar nichts wiegte. "Weg damit", sagten sie, "wir gehoeren zu einem vornehmen Stamm." "------Woran denkst Du denn?" fragte Ingrid, die ploetzlich laechelnd hinter ihm zwischen Strauchwerk stand, das sie zur Seite gebogen hatte. Nun trat sie vor. Thorbjoern stand auf. "Na, es kann einem wohl manches durch den Kopf gehen", sagte er und sah mit trotzigem Gesichtsausdruck ueber die Baeume hin.--"Das Gerede und Geklatsche da unten wird mir schliesslich zu arg", fuegte er hinzu und klopfte sich etwas Erde ab.--"Warum bekuemmerst Du Dich immer darum; lass doch die Leute reden."--"Ich weiss nicht recht;--aber--sie haben noch nie etwas gesagt, was ich nicht dachte, wenn ich's auch nicht getan habe."--"Du, das klingt haesslich."--"Das tut's auch", sagte er und fuhr nach kurzer Pause fort: "Aber wahr ist's." Sie setzte sich in das Gras; er blieb stehen und blickte zu Boden. "Ich koennte leicht so werden, wie sie mich haben wollen; sie sollten mich so lassen, wie ich bin."--"Am Ende ist es aber doch Deine Schuld."--"Wohl moeglich, aber die andern haben auch Schuld; sie sollen mich zufrieden lassen", schrie er fast und sah zu dem Adler hinauf. "Aber, Thorbjoern", fluesterte Ingrid. Er drehte sich zu ihr hin und lachte: "Schon gut, schon gut, wie gesagt, es kann einem wohl manches durch den Kopf gehen--hast Du heute mit Synnoeve gesprochen?"--"Ja, sie ist schon auf die Alm gezogen."--"Heute?"--"Ja."--"Mit dem Solbakkener Vieh?"--"Ja."--"Trallala!" Auf den Baum die Sonne herniedersah: Trallalirum! Mein Schatz, wie stehst Du so leuchtend da? Trallali, trallala! Der Vogel erwachte, er piept: Was gibts? Was ist los? Was gibts?-- "Morgen ziehen wir auch hinauf", sagte Ingrid, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. "Ich gehe mit als Treiber", sagte Thorbjoern.--"Nein", antwortete sie, "Vater will selbst mit."--"Ja so", meinte er und schwieg. "Er hat heute nach Dir gefragt", fuhr sie fort. "Wirklich?" sagte Thorbjoern, schnitt mit seinem Taschenmesser einen Zweig ab und begann ihn abzuschaelen. "Du musst oefter mit Vater reden," sagte sie sanft, "er hat Dich sehr lieb," setzte sie hinzu. "Wohl moeglich", meinte er. "Er spricht oft von Dir, wenn Du fort bist!"--"Desto seltener, wenn ich zu Hause bin."--"Das ist Deine Schuld."--"Wohl moeglich."--"Rede nicht so, Thorbjoern, Du weisst, was zwischen Euch liegt."--"Was denn?"--"Brauche ich Dir das erst zu sagen?"--"Das kommt auf eins 'raus, Ingrid; Du weisst ja, was ich weiss."--"Jawohl, Du gehst zu sehr auf eigene Faust los, und Du weisst, das kann er nicht leiden."--"Natuerlich, er will mich noch beim Arm halten."--"Ja, besonders wenn Du raufst."--"Duerfen denn die Leute alles sagen und tun, was sie wollen?"--"Nein, aber Du kannst ihnen auch mehr aus dem Wege gehen; das hat Vater immer getan und ist dabei ein geachteter Mann geworden."--"Sie haben ihn auch nicht soviel wie mich gereizt und geaergert."--Ingrid schwieg eine Weile, sah sich um und sagte dann: "Das nuetzt ja nichts, wenn wir immer wieder davon reden; aber trotzdem--wenn Du weisst, dass die Leute irgendwo etwas gegen Dich haben, brauchst Du nicht gerade dorthin zu gehen."--"Ja, gerade dorthin! Ich heisse nicht umsonst Thorbjoern Granliden!"--Er hatte den Bast vom Zweige abgeschaelt und schnitt nun den Zweig mitten durch. Ingrid sah ihn an und fragte etwas gedehnt: "Willst Du Sonntag nach Nordhoug?"--"Ja."--Sie blieb eine Weile stumm, dann fragte sie, ohne ihn anzusehen: "Weisst Du, dass Knud Nordhoug zur Hochzeit seiner Schwester nach Hause gekommen ist?"--"Ja."--Nun sah sie ihn an: "Thorbjoern! Thorbjoern!"--"Darf er jetzt mehr als frueher wagen, sich zwischen mich und andere zu stellen?"--"Das tut er nicht; nicht mehr, als die anderen wollen."--"Keiner weiss, was sie wollen!"--"Du weisst es ganz gut."--"Sie selber sagt keinesfalls was."--"Ach, was redest Du da zusammen!" sagte Ingrid und warf einen Blick rueckwaerts. Er schmiss die Zweigstuecke fort, steckte sein Messer in die Scheide und wandte sich der Schwester zu. "Hoer' mal, ich habe es oft recht satt. Die Leute schneiden mir und ihr die Ehre ab, weil nichts offenkundig zugeht; und andererseits--ich komme ja nicht einmal nach Solbakken hinueber, die Eltern koennen mich nicht leiden, sagt sie. Ich darf sie nicht besuchen, wie andere Burschen ihre Maedchen, weil sie eine Heilige ist--na, Du weisst ja."--"Thorbjoern", sagte Ingrid und wurde immer unruhiger, als er fortfuhr: "Vater will kein gutes Wort fuer mich einlegen; verdienst Du sie, dann kriegst Du sie, sagt er. Geschwaetz, Geschwaetz auf der einen Seite und nichts, was dafuer entschaedigt auf der andern--ja, ich weiss noch nicht mal recht, ob sie--" Ingrid sprang auf, schloss ihm mit der einen Hand den Mund und blickte dabei rueckwaerts. Da wurde das Strauchwerk wieder beiseite gebogen, ein hohes, schlankes Maedchen mit erroetendem Gesicht trat daraus hervor; es war Synnoeve. "Guten Abend", sagte sie. Ingrid sah Thorbjoern an, als wollte sie sagen: "Jetzt sieh mal!"--Thorbjoern sah Ingrid an, als wollte er sagen: "Das haettest Du lieber nicht tun sollen." Keines von beiden sah Synnoeve an. "Ich darf mich wohl etwas hinsetzen; ich bin heut schon soviel gegangen." Und sie setzte sich, Thorbjoern beugte den Kopf, um zu untersuchen, ob ihr Sitzplatz auch nicht feucht sei. Ingrid hatte schnell fort und nach Granliden hinuntergeblickt; nun rief sie ploetzlich: "Ach nein! Ach nein! Fagerlin hat sich losgerissen und trampelt auf der jungen Saat herum! Das Scheusal! Und Kelleros auch! Das ist ja nicht mehr auszuhalten! Hoechste Zeit, dass wir auf die Alm kommen!" und weg war sie, ohne auch nur Adieu gesagt zu haben. Synnoeve stand sofort auf. "Gehst Du schon?" fragte Thorbjoern. "Ja", sagte sie, blieb aber stehen. "Moechtest Du nicht noch ein bisschen bleiben?" brachte er hervor, ohne sie anzusehen. "Ein andermal", lautete die Antwort. "Das koennte lange dauern." Sie blickte auf; er blickte jetzt auch sie an; aber es verging eine Weile, bis sie wieder sprachen. "Setz' Dich doch wieder", sagte er etwas verlegen. "Nein", antwortete sie und blieb stehen. Er fuehlte, wie in ihm der Trotz aufstieg; aber da passierte etwas, was er nicht erwartet hatte; sie tat einen Schritt vorwaerts, beugte sich zu ihm hin, sah ihm in die Augen und sagte laechelnd: "Bist Du mir boese?" Und als er sie anblickte, sah er, dass sie weinte. "Nein", entgegnete er und wurde feuerrot. Er streckte ihr die Hand hin; aber da ihre Augen voll Traenen waren, bemerkte sie es nicht, und so zog er die Hand wieder zurueck. Endlich sagte er: "Du hast alles mit angehoert?"--"Ja", antwortete sie, sah auf und lachte, aber da ihr immer noch mehr Traenen in die Augen traten, wusste er gar nicht, was er tun oder sagen sollte. Da entfuhren ihm die Worte: "Ich habe es doch vielleicht zu arg getrieben." Das kam sehr sanft heraus; sie blickte zu Boden und wandte sich halb ab: "Du sollst nicht richten ueber Dinge, so Du nicht kennst." Das wurde mit gepresster Stimme gesagt, und ihm wurde ganz schlimm dabei; er kam sich wie ein kleiner Junge vor und wusste deshalb auch im Augenblick nichts anderes zu sagen als: "Ich bitte Dich um Verzeihung." Aber nun stroemten ihre Traenen heftig und heftiger. Das konnte er nicht mit ansehen, er ging hin zu ihr, umfasste sie und beugte sich ueber sie: "Liebst Du mich wirklich, Synnoeve?"--"Ja", schluchzte sie. "Aber macht Dich das auch gluecklich?" Sie antwortete nicht. "Macht Dich das auch gluecklich?" wiederholte er. Sie weinte heisser als zuvor und wollte sich ihm entziehen. "Synnoeve, wir wollen ein bisschen miteinander reden", sagte er und half ihr sich in das Heidekraut setzen; er setzte sich neben sie. Sie wischte sich die Traenen ab und machte einen Versuch zu laecheln; aber es gelang nicht. Er hielt die eine von ihren Haenden fest und blickte ihr in das Gesicht. "Liebste, warum darf ich nicht nach Solbakken kommen?" Sie schwieg. "Hast Du Deine Eltern nie darum gebeten?" Sie schwieg. "Warum nicht?" fragte er und zog ihre Hand naeher an sich. "Ich habe mich nicht getraut", sagte sie ganz leise. Seine Miene wurde finster; er hob und bog den einen Fuss leicht, lehnte den Ellbogen auf das Knie und stuetzte seinen Kopf auf die Hand. "Auf die Art werde ich wohl nie hinueberkommen", sagte er. Statt zu antworten, rupfte sie Heidekraut aus. "Nun ja, ich habe wohl manches getan, was ich lieber haette sollen bleiben lassen,----aber etwas Nachsicht haetten sie doch haben koennen. Ich bin nicht schlecht," (hier hielt er einen Augenblick inne) "bin auch noch jung--etwas ueber zwanzig Jahre bin ich"--er konnte nicht gleich weiter reden. "Aber wer mich richtig liebt," sagte er wieder, "der musste doch----" und nun verstummte er ganz. Da klang es gedaempft von der Seite her ihm ins Ohr: "Rede nicht so,----Du weisst nicht, wie schwer,--ich darf es ja nicht einmal Ingrid sagen--(und nun unter starken Traenen): ich habe so schwer--zu leiden." Er umschlang sie und zog sie dichter an sich. "Sprich mit Deinen Eltern," fluesterte er, "und Du wirst sehen, alles wird gut."--"Es wird, wie Du willst", fluesterte sie. "Wie ich will?" Da neigte sich Synnoeve zu ihm und legte den Arm um seinen Hals. "Liebst Du mich, so wie ich Dich?" sagte sie sehr herzlich und mit einem Versuch zu laecheln. "Etwa nicht?" entgegnete er sanft und leise. "Nein, nein, Du nimmst auf mich keine Ruecksicht; Du weisst, was uns zusammenbringen kann, tust es aber nicht. Warum tust Du es nicht?" Und da sie gerade im besten Zuge war, fuhr sie eifrig fort: "Lieber Gott, wenn Du wuesstest, wie ich auf den Tag geharrt und gehofft habe, da ich Dich in Solbakken sehen koennte. Aber wenn man immer von etwas hoeren muss, was nicht ist, wie es sein soll, und wenn es die eigenen Eltern sind, die einem damit in den Ohren liegen." Da kam es wie eine Erleuchtung ueber ihn; er sah sie in Solbakken herumgehen und auf eine kurze friedliche Stunde warten, in der sie ihn sanft ihren Eltern zufuehren koennte; aber nie bescherte er ihr eine solche Stunde. "Das haettest Du mir frueher sagen sollen, Synnoeve."--"Hab' ich das nicht getan?"--"Nein, nicht so."--Er dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie, waehrend sie ihre Schuerzenzipfel in kleine Falten legte: "Dann habe ich es nicht getan, weil--ich mich nicht traute." Da wurde er bei dem Gedanken, sie habe Furcht vor ihm, so geruehrt, dass er ihr zum erstenmal in seinem Leben einen Kuss gab. Vor Verwunderung hielt sie ploetzlich mit ihrem Weinen inne; ihre Augen flackerten, sie versuchte zu laecheln, sah zu Boden, sah endlich Thorbjoern an, und nun laechelte sie wirklich. Sie sprachen nicht mehr; aber ihre Haende fanden sich wieder, doch die des andern zu druecken, das traute sich keins von beiden. Dann entzog sie sich ihm sacht, trocknete Augen und Gesicht und strich ihr in Unordnung geratenes Haar wieder glatt. Er sass da, sah sie an und dachte mit beruhigter Seele: "Hat sie mehr Schamhaftigkeit als die andern Maedchen hier, und will danach behandelt werden, so soll keiner was dagegen sagen." Er begleitete sie zu ihrer Alm, die nicht weit entfernt lag. Er wollte gern Hand in Hand mit ihr gehen, aber er fuehlte eine gewisse Scheu, die ihm kaum erlaubte, sie zu beruehren; es kam ihm schon merkwuerdig vor, dass er neben ihr gehen durfte. Beim Abschied sagte er daher auch: "Das soll lange dauern, bis Du wieder einen tollen Streich von mir zu hoeren bekommst." Im Hause fand er seinen Vater bei der Arbeit, Korn vom Schuppen zur Muehle zu tragen, denn alle Besitzer ringsum mahlten auf der Granlidener Muehle, wenn ihre Baeche kein Wasser mehr hatten; der Granlidener Bach bekam immer neuen Zufluss von den Bergen. Viele Saecke waren hinunterzutragen, manche recht grosse, manche riesig grosse darunter. Die Frauen standen unweit davon, hielten Waesche und wrangen aus. Thorbjoern ging zu seinem Vater hin und packte einen Sack. "Kann ich Dir vielleicht helfen?"--"Das schaffe ich schon allein", sagte Saemund, nahm schnell einen Sack auf seinen Ruecken und trug ihn zur Muehle. "Hier sind noch eine ganze Menge", sagte Thorbjoern, packte zwei grosse, stemmte den Ruecken dagegen, griff ueber die Schultern, fasste mit jeder Hand einen und stuetzte ihn seitlich mit dem Ellbogen. Auf halbem Wege traf er Saemund, der zurueckkam, um mehr zu holen; rasch sah er Thorbjoern an, sagte aber nichts. Als Thorbjoern zum Schuppen zurueckging, traf er Saemund mit noch zwei groesseren Saecken auf dem Ruecken. Diesmal nahm Thorbjoern einen ganz kleinen und zog damit ab; als Saemund ihn traf, sah er ihn an, aber laenger als das vorige Mal. Da geschah es, dass sie einmal zu gleicher Zeit vor dem Schuppen waren. "Eine Einladung von Nordhoug ist gekommen," sagte Saemund, "Du sollst Sonntag hin zur Hochzeit." Ingrid sah ihren Bruder bittend an; auch die Mutter sah hin. "Ja so", sagte er trocken, nahm aber diesmal die zwei groessten Saecke, die er finden konnte. "Gehst Du hin?" fragte Saemund und runzelte die Stirn.--"Nein." Viertes Kapitel Die Granlidener Alm war schoen gelegen; von ihr konnte man das ganze Kirchspiel ueberschauen--zuerst und am deutlichsten Solbakken inmitten seines vielfarbigen Waldes; dann die andern Hoefe in ihrem Ring von Waeldern; wie Friedensstaetten, die mit aller Macht und Kraft dem wilden Boden abgewonnen waren, erschienen die gruenen Grasflaechen mit den Haeusern darauf. Vierzehn Hoefe konnten von der Alm aus gezaehlt werden; von dem Granlidener waren nur die Daecher sichtbar; und auch sie nur vom hoechsten Punkt aus. Nichtsdestoweniger setzten sich die Maedchen oefter hin, um nach dem Rauch zu blicken, der dort unten aus den Schornsteinen aufstieg. "Jetzt kocht Mutter das Mittagessen," sagte Ingrid, "heute gibt's Poekelfleisch und Speck."--"Hoerst Du, jetzt werden die Maenner gerufen," sagte Synnoeve, "wo arbeiten sie denn heut?" und die Augen der beiden verfolgten den Rauch, der wild und wirbelnd in die klare, sonnenheitre Luft emportrieb, aber bald langsamer wurde, sich's ueberlegte--und dann breit ueber den Wald hinfloss, immer duenner und duenner, zuletzt nur wie ein faechelnder Flor und dann kaum mehr zu erkennen. So mancher Gedanke wurde bei diesem Anblick in ihnen wach und umkreiste das Kirchspiel. Heute waren sie in Nordhoug beisammen. Die eigentliche Hochzeit war schon ein paar Tage vorbei; aber da die Nachfeier eine Woche dauerte, klangen noch immer Schuesse und allerlei derbe Rufe zu ihnen herauf. "Die sind aber vergnuegt", sagte Ingrid.--"Ich beneide sie nicht darum", sagte Synnoeve und nahm ihr Strickzeug. "Da moechte man mit dabei sein", sagte Ingrid, die sich hingekauert hatte, um nach dem Hofe zu blicken, wo die Menschen zwischen den Haeusern hin- und hergingen--einige zum Schuppen, vor dem wohl die gedeckten Tische standen, andere paarweise in vertraulichem Gespraech etwas weiter. "Ich weiss nicht recht, was einen dahin ziehen sollte", sagte Synnoeve. "Ich weiss das auch kaum," antwortete Ingrid, die immer noch dasass; "vielleicht der Tanz." Synnoeve entgegnete nichts. "Hast Du noch nie getanzt?" fragte Ingrid. "Nein!"--"Haeltst Du Tanzen fuer eine Suende?"--"Das weiss ich nicht recht." Ingrid mochte im Augenblick nicht weiter davon reden; denn es fiel ihr ein, dass der Tanz bei den Haugianern streng verboten war, und sie wollte Synnoeves Verhaeltnis zu ihren Eltern in diesem Fall nicht naeher beruehren. Aber da ihr nun mal der Gedanke kam, sagte sie nach einer Weile: "Einen bessern Taenzer als Thorbjoern habe ich noch nie gesehen." Synnoeve blieb ein Weilchen still, dann sagte sie: "Ja, er soll gut tanzen."--"Du muesstest ihn einmal tanzen sehen", rief Ingrid lebhaft und wandte sich ihr zu. Aber schnell entgegnete Synnoeve: "Nein, das moechte ich nicht." Ingrid war einigermassen betroffen; Synnoeve beugte sich ueber ihr Strickzeug und zaehlte die Maschen; ploetzlich liess sie die Arbeit in den Schoss fallen, sah vor sich hin und sagte: "So herzlich vergnuegt wie heute bin ich lange nicht gewesen."--"Warum?" fragte Ingrid. "Weil er heute nicht in Nordhoug mittanzt." Ingrid hing ihren eigenen Gedanken nach. "Ja, es sollen Maedchen dort sein, die ihn gern haben moechten", sagte sie. Synnoeve oeffnete den Mund, als ob sie reden wollte, schwieg aber und zog eine Nadel heraus und eine andere ein. "Thorbjoern moechte wohl selbst gern dort sein, ja, das glaube ich gewiss", fuhr Ingrid fort. Aber kaum hatte sie das ausgesprochen, da fiel ihr ein, was sie damit gesagt hatte; sie sah Synnoeve an; die war feuerrot geworden und strickte eifrig. Nun wurde Ingrid mit einem Male alles in ihrem Zwiegespraech klar; sie klatschte in die Haende, kam schnell angelaufen, kniete im Heidekraut dicht vor Synnoeve nieder und sah ihr fest in die Augen--Synnoeve strickte eifrig. "So, jetzt weiss ich, dass Du mir manchen lieben Tag etwas verheimlicht hast", sagte Ingrid. "Was meinst Du denn?" fragte Synnoeve und warf ihr einen unsicheren Blick zu. "Du bist nicht boese, weil Thorbjoern tanzt", antwortete Ingrid--die Freundin entgegnete nichts. Ingrid lachte mit dem ganzen Gesicht, schlang die Arme um Synnoeves Hals und fluesterte ihr in das Ohr: "Nein, Du bist boese, weil er mit einer andern tanzt." "Wie kannst Du nur solchen Unsinn reden", sagte Synnoeve, riss sich los und stand auf. Ingrid stand gleichfalls auf und ging ihr nach. "Suende ist es, dass Du nicht tanzen kannst," sagte sie und lachte, "eine wahre Suende! Komm her, ich will's Dir gleich beibringen", und sie legte ihren Arm um Synnoeves Huefte. "Was willst Du?" fragte Synnoeve. "Dir's Tanzen beibringen, Dir den Kummer vertreiben, dass er mit einer andern als mit Dir tanzt!" Nun musste Synnoeve auch lachen, oder wenigstens so tun. "Hier koennen wir gesehen werden", sagte sie. "Gott segne Dich fuer die Antwort, wenn sie auch herzlich dumm war", rief Ingrid, fing darauf an zu traellern und Synnoeve im Takt herumzufuehren. "Nein, nein, das geht ja nicht!"--"Du hast ja selbst vorhin gesagt, Du bist lange nicht so vergnuegt gewesen wie heute."--"Ach, wenn es nur ginge!"--"Probier' es nur, dann wirst Du schon sehen, dass es geht."--"Du bist ausser Rand und Band, Ingrid."--"Ja, so sagte auch die Katze zum Sperling, als er nicht stillhalten und sich fangen lassen wollte; komm nur."--"Ich haette schon Lust; aber--"--"Jetzt bin ich Thorbjoern und Du bist seine junge Frau, die nicht will, dass er mit einer andern als mit ihr tanzen soll."--"Aber--" Ingrid traellerte, "aber", entgegnete Synnoeve noch; doch sie tanzte schon. Es war ein Springtanz. Ingrid ging mit grossen Schritten und Armbewegungen wie ein Mann voraus; Synnoeve folgte mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen. Ingrid sang: Und der Fuchs unter Wurzeln der Birke lag, Abseits vom Heidekraut, Und der Hase sprang lustig im gruenen Hag, Ueber das Heidekraut. Die Sonne giesst Licht aus ueppigem Born, Und glitzert hinten und glitzert vorn, Ueber dem Heidekraut. Und es lacht der Fuchs im Wurzelversteck, Abseits vom Heidekraut, Und der Hase sprang unbaendig keck Ueber das Heidekraut. Mir ist heut gar so froehlich zumut, Juchhei, mein Haeslein, wie springst Du gut Ueber das Heidekraut. Und es lauert der Fuchs im Wurzelversteck, Abseits vom Heidekraut, Und der Hase huepft just zum gleichen Fleck, Ueber das Heidekraut. Dass Gott sich erbarme, Du bist hier? Ei, Freundchen, wer heisst Dich tanzen vor mir, Ueber dem Heidekraut? "Na, ging's nicht schoen?" fragte Ingrid, als sie stehen blieben, um Atem zu schoepfen. Synnoeve lachte und sagte, sie moechte lieber Walzer tanzen. "Ja, warum denn nicht?" meinte Ingrid, und sie setzten sich gleich in Positur; Ingrid erklaerte ihr, wie sie die Fuesse stellen muesse. "Pass' auf, der Walzer ist schwer, sehr schwer ist er."--"Ach, es wird schon gehen, wenn wir erst in Takt kommen." Nun sollte gleich die Probe gemacht werden. Ingrid sang und Synnoeve sang mit, anfangs leise vor sich hin, dann lauter und lauter. Aber ploetzlich hielt Ingrid inne, liess ihre Gefaehrtin los, klatschte erstaunt in die Haende: "Du kannst ja schon Walzer tanzen!" rief sie. "Still, nicht sprechen!" sagte Synnoeve und fasste Ingrid um die Taille, "wir wollen weitertanzen."--"Aber wo hast Du das gelernt--?"--"Tralla, tralla"--und Synnoeve schwang Ingrid im Kreis; die tanzte jetzt nach Herzenslust und sang dabei: Schau', die Sonne tanzt auf dem Hankelidfjell, Tanz', meine Liebste, der Abend naht schnell; Schau', der Bergbach huepft zum Meere fort, Hopp, wilder Gesell, dein Grab wartet dort, Schau', die Birke schwingt sich beim Windesspiel, Schwing dich, Dirnlein!--Was brach dort, was fiel? Schau',---- "Was singst Du immer fuer merkwuerdige Lieder?" sagte Synnoeve und hoerte auf zu tanzen. "Ich weiss gar nicht, was ich singe", antwortete Ingrid, "Thorbjoern hat's mal gesungen."--"Das ist eins von Zuchthaus-Bents Liedern; die kenn' ich."--"Zuchthaus-Bent?" fragte Ingrid und genierte sich etwas. Sie sprach nicht mehr und blickte vor sich hin in die Ferne; ploetzlich gewahrte sie ein Gespann unten auf dem Wege. "Du, dort faehrt einer von Granliden herunter und lenkt in die Gemeindestrasse ein."--Synnoeve sah auch hin. "Ist er es?" fragte sie. "Ja, das ist Thorbjoern, er will in die Stadt."---- ----Es war Thorbjoern und er fuhr in die Stadt. Sie lag ziemlich entfernt, die Last war schwer und er fuhr deshalb langsam den staubigen Weg hin. Von oben konnte man ein Stueck der Fahrstrasse uebersehen, und als er nun von den Bergen herunter jodeln hoerte, dachte er sich gleich, von wem das wohl kaeme, kletterte auf die Ladung und jodelte wieder, so dass es zwischen den Felsen schallte. Nun wurde oben auf dem Horn geblasen; er lauschte, und als die Toene verklangen, richtete er sich wieder auf und jodelte. Dann fuhr er wohlgemut weiter; er sah nach Solbakken hinueber und meinte es bisher niemals in so hellem Sonnenglanz gesehen zu haben. Aber waehrenddessen hatte er gar nicht mehr an sein Pferd gedacht; das ging, wie es wollte. Da fuhr er ploetzlich auf, der Gaul hatte einen scharfen Seitensprung gemacht, so dass die eine Deichselstange brach, und nun raste das Tier in wildem Trab vom Weg herunter ueber das Nordhouger Feld. Thorbjoern sprang auf und suchte es zu halten; es kam zu einem richtigen Kampf zwischen beiden; das Pferd wollte ueber einen Abhang, er riss es mit den Zuegeln zurueck; endlich zwang er es, sich zu baeumen, sprang ab, schlang die Leine um einen Baum, und nun musste es stehen. Die Ladung war teilweise herausgeschleudert, die eine Deichselstange zerbrochen und der Gaul stand da und zitterte. Thorbjoern ging hin, fasste ihn am Zaum und redete ihm gut zu; dann wendete er das Pferd, dass es mit dem Ruecken gegen den Abhang stand und nicht ueber ihn hinunter konnte; aber das Tier war zu scheu, um still stehen zu bleiben,--er musste ihm sprungweise folgen, und so kam er wieder bis zur Strasse. Dabei fuhr er an der heruntergefallenen Ladung vorbei; Toepfe und Kruege waren entzwei, der Inhalt groesstenteils verdorben. Bisher waren Thorbjoerns Gedanken nur auf die Fahrt gerichtet gewesen; jetzt dachte er an die Folgen und wurde wuetend; soviel stand fest: zur Stadt konnte er nicht; und je klarer ihm das wurde, um so wuetender war er. Als er auf den Weg gekommen, scheute das Pferd noch einmal, und versuchte wieder einen Seitensprung, um sich loszureissen, und nun brach Thorbjoerns Wut los. Mit der linken Hand hielt er es an Zaum und Gebiss fest, mit der rechten versetzte er ihm Peitschenhieb auf Peitschenhieb ueber die Lenden, so dass es rasend wurde und mit den Vorderhufen nach Thorbjoerns Brust schlug. Aber Thorbjoern wich ihm aus und hieb nun aerger als zuvor--aus Leibeskraeften--mit dem Peitschenstiel. "Ich werde Dir's schon beibringen, Du niedertraechtiges Vieh", und er hieb zu. Das Pferd wieherte, schrie,--er hieb zu. "Jetzt sollst Du einen kennen lernen, der staerker ist als Du", und er hieb. Das Pferd schnaubte, so dass der Schaum Thorbjoerns ganze Hand bespritzte; aber er schlug weiter: "Das soll das erste und letzte Mal sein, Du Schinder; da! da! und noch einen! Du sollst parieren lernen, Du Luder!" und er hieb. Inzwischen hatten sie sich voellig umgedreht; das Pferd wagte keinen Widerstand mehr, zitterte und bebte bei jedem Hieb und bog sich wiehernd zur Seite, sobald die Peitsche durch die Luft schwirrte. Da schaemte sich Thorbjoern ein bisschen; er hielt inne. Im selben Augenblick bemerkte er einen Mann, der auf dem Grabenrand sass, sich auf den Ellbogen stuetzte und ihn anlachte; er wusste nicht warum, aber ihm wurde fast schwarz vor den Augen und, das Pferd am Zaum haltend, ging er auf den Mann mit erhobener Peitsche zu: "Jetzt sollst Du mal lachen!" Der Schlag fiel, traf aber nur halb, da sich der Mann mit einem Aufschrei in den Graben hinunterwaelzte; dort blieb er auf allen Vieren liegen, richtete jedoch den Kopf hoch und schielte nach Thorbjoern. Dabei zog er den Mund schief zum Lachen, aber zu hoeren war kein Lachen. Thorbjoern wurde betroffen; eine Erinnerung durchzuckte ihn. Jawohl, es war Aslak. Thorbjoern ueberlief es kalt. "Du hast gewiss beidemal das Pferd scheu gemacht", sagte er. "Ich habe ja nur hier gelegen und geschlafen," antwortete Aslak, "und Du hast mich geweckt, wie Du Dein Pferd verrueckt gemacht hast."--"Du bist es gewesen,--vor Dir haben alle Tiere Angst." Und er streichelte den Gaul, von dem der Schweiss herabrann. "Dein Tier hat wohl mehr Angst vor Dir als vor mir;--so bin ich noch mit keinem Pferd umgegangen", sagte Aslak, jetzt kniete er im Graben. "Halt Dein grosses Maul", erwiderte Thorbjoern, und drohte mit der Peitsche. Da stand Aslak auf und krabbelte aus dem Graben. "Ich ein grosses Maul!? Faellt mir ja gar nicht ein--wo willst Du denn so schnell hin?" sagte er freundlich und kam naeher; aber er wankte beim Gehen--er war betrunken. "Mit dem Weiterwollen ist es heut nichts", meinte Thorbjoern und spannte das Pferd aus. "Das ist aber recht aergerlich", sagte der andere, kam noch naeher und nahm den Hut ab. "Herrjeh, was bist Du fuer ein grosser und huebscher Bursche geworden, seitdem ich Dich nicht gesehen habe." Er hatte beide Haende in die Taschen gesteckt, stand so fest, wie er konnte, auf den Beinen und betrachtete Thorbjoern, der das Pferd nicht von den Wagentruemmern losbekommen konnte. Thorbjoern brauchte Hilfe; aber Aslak darum zu bitten, das mochte er denn doch nicht. Der sah zu eklig aus. Auf seinem Anzug lag der Grabenschmutz, sein Haar hing wirr unter einem blanken, betraechtlich alten Hut hervor; sein Gesicht war zwar noch teilweise das fruehere, wohlbekannte; aber jetzt immer zum Lachen verzogen, die Augen schienen noch geschlossener, so dass er sich hintenueber beugen musste und der Mund etwas offen stand, wenn er jemand ansah; alle Zuege waren schlaff, der ganze Ausdruck stier--denn Aslak trank. Thorbjoern hatte ihn schon vorher ein paarmal gesehen, aber Aslak tat, als wuesste er das nicht, er hatte sich im ganzen Kreis als Hausierer herumgetrieben und war am liebsten dort eingekehrt, wo es laut und lustig zuging. Dort trug er seine Lieder vor, erzaehlte seine Schnurren und bekam zum Lohn Branntwein. Darum war er auch auf der Hochzeit in Nordhoug gewesen; jetzt aber fuer einige Zeit wohlweislich verduftet, weil er, wie Thorbjoern spaeter erfuhr, nach seiner gewohnten Art die Leute solange zusammengehetzt hatte, bis, eine Rauferei entstanden war, und da hatte er Angst bekommen, selbst verpruegelt zu werden. "Binde das Pferd lieber an, das ist besser, als wenn Du's ausspannst," sagte er, "Du musst doch nach Nordhoug und Dir Hilfe holen." Thorbjoern hatte schon selbst daran gedacht, aber der Gedanke war ihm unangenehm. "Dort ist ja heut eine grosse Hochzeit", meinte er. "Auch eine grosse Menge Leute, die helfen koennen", antwortete Aslak. Thorbjoern ueberlegte; aber ohne Hilfe konnte er weder vorwaerts noch zurueck, und so war es doch schliesslich das beste, nach dem Hof zu gehen. Er band also das Pferd am Wagen fest und ging. Aslak folgte, Thorbjoern sah sich nicht nach ihm um. "Jetzt habe ich eine gute Begleitung fuer den Rueckweg", sagte Aslak und lachte. Thorbjoern antwortete nicht, sondern schritt schnell aus. Aslak sang hinter ihm her. "Da ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus" usw., ein altes, ueberall bekanntes Lied. "Du gehst schnell," sagte er nach einer Weile, "Du kommst noch frueh genug hin." Thorbjoern antwortete nicht. Bald hoerten sie den Laerm von Tanz und das Geigenspiel; Koepfe erschienen in den offenen Fenstern des grossen, zweistoeckigen Hauses; Gruppen versammelten sich im Garten. Thorbjoern merkte, dass die Leute dort besprachen, wer wohl kaeme, zugleich, dass mancher ihn erkannte, auch wie kurz nachher das Pferd und die verstreute Ladung entdeckt wurden. Der Tanz brach ab und ein ganzer Menschenstrom waelzte sich aus dem Hause und ihnen entgegen. "Hier kommen Hochzeitsgaeste wider Willen", rief Aslak, als sie sich beide der Gesellschaft naeherten. Thorbjoern wurde begruesst, und ein Kreis von Menschen umringte ihn. "Gott segne das Fest, das gute Bier auf dem Tisch, die huebschen Frauensleute auf dem Tanzboden und den wackern Spielmann auf dem Schemel!" rief Aslak und draengte sich schnell in die Menge. Einige lachten, andere blieben ernst, einer sagte: "Hausierer-Aslak ist immer gut aufgelegt." Thorbjoern traf gleich Bekannte, denen er von seiner verunglueckten Fahrt erzaehlen musste; sie litten nicht, dass er selbst zu dem Pferd und den Sachen zurueckging, und schickten andere hin. Der Braeutigam, ein junger Mann und frueherer Schulkamerad von Thorbjoern, lud ihn ein, das Hochzeitsbraeu zu kosten, und nun zog der ganze Haufen wieder in die Stube. Ein Teil, besonders Frauen und Maedchen, wollte wieder tanzen, ein anderer lieber ein Stuendchen trinken, und Aslak, da er nun doch mal wieder da war, sollte etwas erzaehlen. "Aber sei vorsichtiger als vorhin", fuegte einer hinzu. Thorbjoern fragte, wo die uebrigen Gaeste seien. "Es ging ein bisschen laut und derb hier zu," wurde ihm geantwortet, "da haben sich ein paar hingelegt und ruhen sich aus; wieder welche sitzen in der Scheune und spielen Karten, und welche sitzen mit Knud Nordhoug zusammen". Thorbjoern erkundigte sich nicht, wo Knud zu finden sei. Der Vater des Braeutigams, ein alter Mann, der auf einer Bank sass, aus einer Pfeife rauchte und trank, sagte jetzt: "'raus mit Deiner Geschichte, Aslak, einmal kann man sich sowas schon gefallen lassen." "Bitten noch mehr darum?" fragte Aslak, der sich auf einen Schemel gesetzt hatte, etwas abseits von dem Tisch, um den die andern sassen. "Jawohl," sagte der Braeutigam und gab ihm ein Glas Branntwein, "ich bitte Dich auch darum."--"Bitten mich noch mehr auf die Art?" fragte Aslak wieder. "Ja, das tun sie", sagte eine junge Frau auf einer Seitenbank und reichte einen Becher Wein hin; es war die Braut, ein Frauenzimmer von zwanzig Jahren, blond, mager, mit grossen, schwarzen Augen und einem strengen Zug um den Mund.--"Ich hoere Deine Geschichten gern", setzte sie hinzu. Der Braeutigam sah sie, sein Vater sah ihn an. "Ja, die Nordhouger haben immer gern meine Geschichten gehoert," antwortete Aslak, "auf Ihr Wohl!" und er leerte sein Glas, das ihm ein Brautfuehrer gebracht hatte. "Vorwaerts, los!" riefen mehrere. "Von Sigrid, der Herumtreiberin", schrie einer. "Nein, das ist eine zu eklige Geschichte", entgegneten andere, hauptsaechlich Frauen. "Von der Lierer Schlacht", bat Svend Tambour. "Lieber was Lustiges", sagte ein schlanker Bursche, der die Jacke ausgezogen hatte, sich an die Wand lehnte, und dabei immer mit der rechten Hand ein paar jungen Maedchen, die vor ihm sassen, in die Haare fuhr. Die Maedchen schimpften, aber dachten nicht daran, fortzulaufen. "Jetzt erzaehle ich, was mir passt", sagte Aslak. "Schwerenot", murmelte ein aelterer Mann, der auf dem Bette lag, rauchte, sein eines Bein herunterbaumeln liess und mit dem andern wiederholt gegen eine Sonntagsjacke stiess, die ueber dem Bettpfosten hing. "Weg mit Deinem Bein von meiner Jacke!" rief der Bursche an der Wand. "Weg mit Deiner Hand von meinen Toechtern", rief der Alte. Da liefen die Maedchen fort. "Ja, ich erzaehle, was mir passt," sagte Aslak wieder, "Branntwein ist gut, der schiesst ins Blut!" Und er schlug klatschend die flachen Haende zusammen. "Du sollst erzaehlen, was uns passt," wiederholte der Mann im Bett; "der Branntwein kommt von uns."--"Was meinst Du damit?" fragte Aslak und riss die Augen weit auf. "Das Jungschwein, das wir fett machen, schlachten wir auch," sagte der Mann und baumelte mit dem Bein. Aslak schloss die Augen wieder; aber hielt den Kopf noch hoch; dann liess er ihn sinken und antwortete nichts. Verschiedene redeten ihn an; aber er hoerte es gar nicht. "Der Branntwein hat ihn untergekriegt", sagte der Mann im Bett. Da sah Aslak auf und fing wieder an, das Gesicht zum Lachen zu verziehen. "Ja, jetzt sollt Ihr ein lustiges Stueckchen hoeren," sagte er, "Herrgott, ist das lustig!" setzte er hinzu und lachte mit weit geoeffnetem Munde, aber hoeren konnte keiner irgend welches Lachen. "Er hat heute seinen guten Tag", sagte der Vater des Braeutigams. "Hat er auch," entgegnete Aslak, "doch erst einen Schluck auf den Weg!" und er streckte die Hand hin. Er bekam ein Glas Branntwein, trank es langsam hinunter, bog den Kopf zurueck, kostete den letzten Tropfen aus und wandte sich zu dem Mann im Bett: "So, jetzt bin ich Euer Schwein", und er lachte wieder unhoerbar wie vorher. Dann legte er seine Haende um das eine Knie, hob den Fuss auf und nieder, schaukelte den Oberkoerper dabei hin und her--und dann fing er an: "Ja, es war einmal ein Maedchen da drueben in einem Tal. Wie das Tal hiess, geht Euch nichts an, und auch nicht, wie das Maedchen hiess. Aber huebsch war die Dirne, und das fand auch der Besitzer des Hofs--psst, keinen Namen!--und bei dem diente sie. Sie kriegte guten Lohn, und sie kriegte mehr als sie kriegen sollte, naemlich ein Kind. Die Leute sagten, es sei von ihrem Herrn, aber er sagte das nicht; denn er war ein verheirateter Mann; und sie sagte es auch nicht; denn sie war stolz, die arme Trude. So logen sie denn was bei der Taufe zusammen--es war ja ein Elend fuer den Jungen, dass sie ihn geboren hatte,--da war's auch gleich, ob er mit 'ner Luege getauft wurde. Sie kriegte einen Unterschlupf dicht beim Hof, und das passte der Besitzersfrau natuerlich nicht. Kam das Maedchen ihr mal nahe, dann spuckte sie es an, und kam der kleine Junge auf den Hof und wollte mit ihrem Jungen spielen, dann liess die den Hurenbengel fortjagen: 'Besseres ist er nicht wert', sagte sie. Tag und Nacht lag sie ihrem Mann in den Ohren, er solle das Bettelvolk hinausschmeissen. Der Mann straeubte sich dagegen, solange er Mann war--; aber dann verlegte er sich aufs Saufen, und da kriegte das Weib die Oberhand. Das war ein Elend fuer die arme Person. Von Jahr zu Jahr ging es mit ihr zurueck, und zuletzt war sie mit ihrem Jungen dicht am Verhungern; aber der wollte nicht fort von seiner Mutter, der kleine Junge. So vergingen allmaehlich acht Jahre; sie waren vergangen, und noch immer sass sie auf ihrer Stelle, obgleich sie immer weg sollte.------Und schliesslich kam sie weg!----Vorher aber stand der Hof in lustigen, hellen Flammen und der Mann verbrannte, weil er besoffen war--das Weib rettete sich mit ihren Kindern und sagte aus, die Dirne, die dicht beim Hofe wohnte, habe den Brand angelegt. Das war wohl moeglich.----Aber es war auch was anderes moeglich.----Sie hatte so 'nen wunderlichen kleinen Kerl von Jungen. Acht Jahre musste der sehen, wie sich seine Mutter abrackerte, und er wusste auch, wer schuld daran war; denn seine Mutter sagte es ihm oft, wenn er fragte, warum sie immerzu weine. Das tat sie auch an dem Tage, bevor sie ausziehen sollten, und darum war er fort in der Nacht.--Aber sie musste auf Lebenszeit ins Zuchthaus, denn sie hatte selbst vor dem Gerichtsschreiber gesagt, dass sie das lustige Feuer auf dem Hofe angesteckt habe. Der Junge zog im Kirchspiel herum und alle unterstuetzten ihn, weil er so 'ne schlechte Mutter hatte.--Dann zog er weiter, weiter in eine ganz andere Gegend, da wurde er nicht mehr unterstuetzt; da wusste ja keiner, wie schlecht seine Mutter war. Ich glaube nicht, dass er selbst darueber sprach.--Zuletzt hoerte ich, dass er besoffen war, und die Leute sagen, er sei zuletzt gar nicht mehr aus dem Suff herausgekommen; ob das wirklich richtig ist, soll ungesagt bleiben; aber richtig ist, dass ich nicht weiss, was er Besseres haette tun koennen. Er ist ein schlechter, gemeiner Kerl; er kann die Menschen nicht leiden, besonders nicht die, die gut zueinander sind; und die gut zu ihm sind, die erst recht nicht. Und er moechte, dass die andern gerade so sind wie er selbst; das sagt er aber bloss, wenn er besoffen ist; und dann weint er, weint er, dass es Traenen hagelt, und ueber rein nichts;--denn worueber haette er denn zu weinen? Er hat keinem einen Pfennig gestohlen oder, wie andere, was Boeses angestellt,--also warum weint er? Und doch weint er, weint er, dass es Traenen hagelt. Und wenn Ihr das mal sehen solltet, dann glaubt ihm nicht, denn er tut's bloss, wenn er besoffen ist, und da ist er nicht zurechnungsfaehig."--Und mit dem letzten Worte fiel Aslak rueckwaerts vom Schemel und weinte heftig los; aber das ging schnell vorueber; denn er schlief ein.--"Jetzt ist das Schwein voll," sagte der Mann im Bett, "dann heult er sich immer in den Schlaf."--"Das war eine haessliche Geschichte", sagten die Frauen und standen auf, um aus der Stube zu kommen. "Ich habe ihn noch nie eine andere erzaehlen hoeren, wenn er sie selbst aussuchen durfte", sagte ein alter Mann, der von seinem Platz an der Tuer aufgestanden war: "Gott weiss, warum ihm die Leute so gern zuhoeren", fuegte er hinzu und sah dabei die Braut an. Fuenftes Kapitel Einige gingen heraus, andere suchten den Spielmann, um wieder zu tanzen; aber der war in einem Winkel des Flurs eingeschlafen, und da baten einige, man moege ihn in Ruhe lassen: "seitdem sein Kamerad Lars hier zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole die ganze Zeit ueber aushalten muessen." Unterdes war Thorbjoerns Pferd angelangt; es wurde vor einen andern Wagen gespannt, da er trotz allen Zuredens weiter wollte. Besonders der Braeutigam gab sich alle Muehe, ihn zurueckzuhalten: "Hier ist nicht soviel Freude fuer mich, wie mancher glaubt", meinte er; und das brachte Thorbjoern auf eigene Gedanken; aber fort wollte er doch noch vor Abend. Als die anderen sahen, dass er darauf bestand, liessen sie ihn nach und nach allein; es waren viele Menschen da; aber es ging recht still zu, und das Ganze machte gar nicht den Eindruck einer richtigen Hochzeit. Thorbjoern brauchte einen Pflock fuer sein Pferdegeschirr, und suchte danach; auf dem Hof war nichts Rechtes zu finden, so ging er weiter, kam zu einem Holzschuppen und trat dort ein--langsam und nachdenklich; die Worte des Braeutigams klangen ihm noch immer in den Ohren. Er fand, was er suchte, und setzte sich ganz zufaellig, mit Messer und Pflock in Haenden, an die Wand. Da hoerte er neben sich ein Stoehnen; das musste von der Innenseite der duennen Wand kommen, hinter der die Wagen standen; Thorbjoern lauschte. "Du bist es?--Du?" brachte mit langen Zwischenraeumen und muehsam eine Stimme heraus; eine Maennerstimme. Darauf vernahm er, wie jemand weinte; aber das konnte kein Mann sein.--"Warum musstest Du auch noch herkommen?" wurde gefragt; und jedenfalls von der Person, die weinte; denn Traenen klangen aus den Worten.--"Hm--zu welcher Hochzeit sollte ich denn aufspielen, wenn nicht zu Deiner?" sprach die erste Stimme. Das kann kein andrer wie Lars, der Spielmann, sein, dachte Thorbjoern.--Lars war ein ansehnlicher, huebscher Gesell, dessen alte Mutter in einer Kate unweit vom Gutshof zur Miete wohnte. Aber die andere Stimme, das musste die Braut sein!--"Warum hast Du nie gesprochen?" sagte sie gedaempft, aber so gedehnt, als ob sie sehr bewegt sei. "Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht noetig", lautete die kurze Antwort. Einige Augenblicke blieb es still, dann sagte sie wieder: "Du wusstest aber doch, dass er meinetwegen herkam,"--"Ich habe Dich fuer staerker gehalten."--Dann hoerte Thorbjoern nur, dass sie weinte; endlich stiess sie die Worte hervor: "Warum hast Du nicht gesprochen?" "Es haette wohl dem Sohn der alten Birthe viel genuetzt, wenn er mit der Tochter von Nordhoug gesprochen haette", erwiderte er nach einer Pause, in der er schwer Atem geholt und oft gestoehnt hatte. Die Antwort liess auf sich warten;--"wir haben doch so manches Jahr ein Auge aufeinander gehabt", klang es endlich. --"Du warst so stolz, man konnte gar nicht richtig mit Dir reden."----"Es war doch nichts auf der Welt, was ich lieber gewollt haette.--Ich wartete jeden Tag darauf;--wo wir uns trafen--mir kam es fast vor, als draengte ich mich Dir auf. Da dachte ich, Du machtest Dir nichts aus mir."--Es wurde wieder ganz still; Thorbjoern hoerte weder eine Antwort, noch weinen; er hoerte nicht einmal den Kranken Atem holen. Thorbjoern dachte an den Braeutigam; er hielt ihn fuer einen braven Mann, und er tat ihm leid; und im selben Augenblick sagte auch sie: "Ich fuerchte, er wird wenig Freude an mir haben,--er, der--" "Er ist ein braver Mann", erwiderte der Kranke, und dann fing er an, unruhig zu werden, da ihm die Brust schmerzte. Es war, als ob sie die Schmerzen mitfuehlte, denn sie sagte: "Mir ist schwer ums Herz Deinetwegen,--aber--wir haetten uns wohl nie ausgesprochen, wenn das nicht dazwischen gekommen waere. Erst als Du Dich mit Knud gerauft hast, habe ich alles begriffen."--"Ich konnte es nicht laenger ertragen", antwortete er, und einen Augenblick darauf: "Knud ist ein schlechter Kerl."--"Ja, gut ist er nicht", sagte sie, Knuds Schwester. Sie blieben eine Weile stumm, dann sprach er: "Ich bin gespannt, ob ich wieder mal aufkomme; ach, das ist auch jetzt ganz einerlei."--"Geht's Dir schlecht, so geht's mir schlechter," darauf lautes Weinen. "Willst Du fort?" fragte er.--"Ja, ach, Du lieber Gott,--Du lieber Gott, was wird das fuer ein Leben werden!"--"Weine nicht so," sagte er, "unser Herrgott macht hoffentlich bald ein Ende mit mir, und dann, wirst Du sehen, geht es auch Dir besser."--"Jesus, Jesus, wenn Du nur gesprochen haettest!" rief sie mit verhaltener Stimme und schien die Haende zu ringen; Thorbjoern meinte, sie sei fortgegangen, oder nicht mehr imstande, weiter zu sprechen; er hoerte eine ganze Zeitlang nichts mehr, und ging dann selber. Den ersten, besten, den er im Garten traf, fragte er: "Warum sind denn Spielmann Lars und Knud Nordhoug aneinander geraten?"--"Warum, ja--" sagte Per Hausmann und zog sein Gesicht in Falten, als ob er was drin verstecken wollte; "danach kannst Du wohl fragen, denn es war nur um eine Kleinigkeit; Knud fragte Lars, ob seine Fiedel bei der Hochzeit hier auch gut gestimmt sei." In demselben Augenblick ging die Braut vorbei; sie hatte erst ihr Gesicht seitwaerts gewendet; aber als sie den Namen Lars hoerte, drehte sie es ihnen zu, und da zeigte es sich, dass ihre grossen Augen ganz rot waren und flackerten; aber ihre Zuege erschienen kalt, so kalt, dass Thorbjoern nichts von ihren frueheren Worten mehr herauslesen konnte; da wurde ihm manches noch klarer. Weiter vorn im Hof stand sein Pferd fertig zur Abfahrt; er schlug den Pflock ein und schaute nach dem Braeutigam, um Abschied zu nehmen. Er hatte keine Lust, ihn aufzusuchen; es war ihm fast lieber, dass der Braeutigam unsichtbar blieb, und so setzte er sich auf den Wagen. Da entstand mit einem Mal ein grosser Laerm links von ihm, bei der Scheune; er hoerte rufen, ein Menschenhaufen kam herangezogen, ein grosser Mann, der voranging, schrie: "Wo ist er?--Hat er sich versteckt?--Wo ist er denn?"--"Dort, dort", riefen ein paar Stimmen. "Lasst ihn nicht hin," riefen wieder andere, "sonst gibt's ein Unglueck."--"Ist das Knud?" fragte Thorbjoern einen kleinen Jungen neben seinem Wagen. "Ja, er ist betrunken, und dann will er immer raufen." Thorbjoern hatte sich schon zurechtgesetzt und trieb sein Pferd an.--"Halt! Halt! Kamerad!" rief es hinter ihm; er zog die Leine an, aber da das Pferd im Trab blieb, liess er es gehen. "Hast Du Angst, Thorbjoern Granliden?" schrie es unweit; da hielt er an, sah aber nicht hinter sich. "Steig ab, hier triffst Du gute Gesellschaft!" rief einer. Thorbjoern drehte sich um. "Danke, ich muss nach Hause", sagte er. Wie sie ein bisschen hin- und herredeten, war der ganze Haufen herangekommen; Knud ging auf das Pferd zu, streichelte es und fasste es beim Zaum, um es anzusehen. Er war gross, hatte blondes, aber struppiges Haar und eine Stumpfnase, breite, dicke Lippen und milchblaue Augen, doch einen frechen Blick. Seiner Schwester aehnelte er wenig, nur etwas in einem Zug um den Mund; er hatte auch die gleiche gerade Stirn, aber nicht so eine hohe wie sie; alle ihre feinen Zuege waren bei ihm vergroebert. "Was willst Du fuer Deine Schindmaehre haben?" fragte Knud. "Mein Pferd ist nicht zu verkaufen", antwortete Thorbjoern. "Du meinst wohl, ich kann's nicht bezahlen?" sagte Knud.--"Ich weiss nicht, was Du kannst oder nicht kannst."--"So,--also Du meinst: nein,--Du! Nimm Dich in acht", sagte Knud. Der Bursche, der vorhin in der Stube an der Wand gestanden hatte und den Maedchen ins Haar gefahren war, aeusserte jetzt zu einem Nachbar: "Diesmal hat Knud keine rechte Schneid." Das hoerte Knud. "Keine Schneid? Wer sagt das? Ich keine Schneid?" schrie er. Mehr und mehr Menschen kamen heran. "Aus dem Weg! Achtung, das Pferd", rief Thorbjoern und trieb seinen Gaul an; er wollte fort.--"Hast Du zu mir aus dem Weg gesagt?" fragte Knud. "Ich habe nur zum Pferd gesprochen, ich muss fort", antwortete Thorbjoern, bog aber nicht aus. "Warum faehrst Du gerade auf mich los?" fragte Knud. "Weg da!"--und das Pferd reckte sich in die Hoehe, sonst haette es mit dem Kopf Knud vor die Brust gestossen. Da packte Knud es am Zaum und Gebiss, und das Pferd, das diesen Griff noch frisch im Gedaechtnis hatte, fing an zu zittern. Das wirkte auf Thorbjoern; das mahnte ihn daran, was er selbst dem Pferde angetan hatte; den Aerger ueber sich uebertrug er auf Knud. Nun sprang er auf und zog mit der Peitsche diesem eins ueber den Kopf. "Du schlaegst?" schrie Knud und kam auf ihn zu. Thorbjoern sprang ab. "Du bist ein schlechter Kerl", sagte er und wurde dabei totenblass; die Zuegel gab er dem Barschen aus der Stube, der herangetreten war und sich angeboten hatte. Aber der alte Mann, der nach Aslaks Erzaehlung von seinem Platz an der Tuer aufgestanden war, ging nun auf Thorbjoern zu und zog ihn am Arm. "Saemund Granliden ist ein zu braver Mann, als dass sich sein Sohn mit solchem Raufbold abgeben sollte." Das besaenftigte Thorbjoern; Knud aber schrie: "Ich ein Raufbold? Das ist er gerade so gut wie ich, und mein Vater ist gerade so gut wie seiner. Komm 'ran! Dumm genug, dass die Leute nicht wissen, wer von uns der Staerkere ist", fuegte er hinzu und legte sein Halstuch ab. "Die Probe darauf machen wir noch immer frueh genug", sagte Thorbjoern. Da meinte der Mann, der vorhin im Bette gelegen hatte: "Sie sind wie zwei Katzen, erst muessen sie sich anprusten beide." Thorbjoern hoerte das wohl, aber antwortete nicht. Einige lachten; andere sagten wiederum, das sei doch zu toll mit den vielen Raufereien auf dieser Hochzeit; sie sollten doch einen Fremden in Frieden lassen, der ruhig seiner Wege ziehen wollte. Thorbjoern sah sich nach seinem Pferd um, es war seine feste Absicht, weiter zu fahren; aber der Bursche, der es ihm abgenommen, hatte es eine ganze Strecke beiseite gefuehrt und stand selbst wieder dicht bei Thorbjoern. "Was siehst Du Dich um?" fragte Knud, "Synnoeve ist weit fort."--"Was geht Dich Synnoeve an?"--"Nein, so'ne scheinheiligen Frauenzimmer gehen mich gar nichts an," sagte Knud, "aber vielleicht benimmt sie Dir den Mut!" Das war fuer Thorbjoern denn doch zu viel; die Umstehenden merkten, dass er das Terrain fuer den Kampf untersuchte. Nun traten wieder aeltere Maenner dazwischen und meinten, Knud habe bei dem Fest schon genug auf dem Gewissen. "Mir soll er nichts anhaben!" sagte Thorbjoern und darauf verstummten sie. "Lasst sie doch raufen," sagten andere, "dann werden sie gute Freunde; sie haben sich lange genug mit boesen Blicken verfolgt."--"Ja," setzte einer hinzu, "jeder von beiden will der Staerkere sein; jetzt wird sich's ja zeigen."--"Habt Ihr nicht das Buerschchen Thorbjoern Granliden irgendwo gesehen?" fragte Knud laut, "eben war er doch noch hier."--"Hier ist er", sagte Thorbjoern, und in demselben Augenblick bekam Knud einen Hieb ueber das rechte Ohr, dass er nahestehenden Maennern in die Arme purzelte. Nun wurde es still in der Runde. Knud sprang auf--und vorwaerts, ohne einen Laut von sich zu geben; Thorbjoern setzte sich zur Gegenwehr. Ein langer Faustkampf entspann sich; beide wollten einander zu Leibe; aber beide waren geuebt und jeder hielt sich den andern vom Leibe. Thorbjoerns Hiebe fielen dicht und, wie einige sagten, auch recht wuchtig. "Da ist Knud mal an den Richtigen gekommen," sagte der Bursche, der sich des Pferdes angenommen hatte, "macht Platz!" Die Frauen rissen aus, nur eine blieb oben auf der Treppe stehen, um besser sehen zu koennen; das war die Braut. Zufaellig streifte Thorbjoerns Blick sie; er zauderte einen Moment, da sah er ein Messer in Knuds Hand, erinnerte sich ihrer Worte: "Gut ist er nicht", und traf mit einem wohlgezielten Hieb Knuds Arm so ueber dem Handgelenk, dass das Messer auf die Erde fiel, und der Arm kraftlos sank. "Au--das war ein Hieb!" rief Knud. "Spuerst Du's?", fragte Thorbjoern und stuerzte auf ihn los. Knud war durch den gelaehmten Arm in starkem Nachteil; er wurde hochgehoben, weitergeschleppt, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er geworfen war. Mehrmals wurde er so hingeschleudert, dass jeder andere mehr wie genug gehabt haette; aber sein Rueckgrat vertrug viel; Thorbjoern zog mit ihm herum, ueberall wichen die Leute zurueck,--aber Thorbjoern schritt immer weiter mit ihm--er trug ihn um den ganzen Hof herum, bis sie vor die Treppe gelangten, dort schwang er ihn noch einmal hoch in die Luft und drueckte ihn dann zu Boden; da gaben Knuds Knie nach, und er stuerzte auf die Steinfliessen, so lang wie er war, und es sang ihm und es klang ihm in den Ohren. Regungslos blieb er liegen, stoehnte tief und schloss die Augen. Thorbjoern richtete sich auf, sein Blick fiel gerade auf die Braut, die noch immer starr dastand und zusah. "Legt ihm etwas unter den Kopf", sagte sie, drehte sich um und ging ins Haus. Zwei alte Frauen kamen vorbei; die eine sagte zu der andern: "Herrgott! Da liegt schon wieder einer; wer ist denn das?" Ein Mann antwortete: "Er--der Knud Nordhoug." Da meinte die zweite Frau: "Dann werden wohl die ewigen Raufereien mal ein Ende nehmen--die Menschen koennen doch ihre Kraefte zu was Besserem brauchen."--"Da hast Du ein wahres Wort gesprochen, Randi," meinte die erste; "unser Herrgott helfe ihnen, dass sie lernen, weniger an sich als an Besseres zu denken." Das traf Thorbjoern und ergriff ihn tief; bisher hatte er kein Wort hervorgebracht; er stand nur da und sah den Leuten zu, die fuer Knud sorgten; einige sprachen ihn an, doch er antwortete nicht. Er wandte sich fort und ueberliess sich seinen Gedanken. Synnoeve kam ihm vor allem in den Sinn, und er schaemte sich fuerchterlich; er ueberlegte, wie er ihr die Sache erklaeren koenne, und es fiel ihm aufs Herz, dass er doch sein Leben nicht so leicht zu aendern vermochte, wie er geglaubt hatte. Im selben Nu rief es hinter ihm: "Pass auf, Thorbjoern!" und noch ehe er sich umdrehen konnte, wurde er von hinten an den Schultern gepackt und zu Boden geworfen; dann fuehlte er nur noch einen stechenden Schmerz; aber er wusste nicht, an welcher Stelle. Er hoerte Stimmen rings um sich her; es war ihm, als ob er weggefahren wuerde, manchmal glaubte er selbst die Zuegel zu fuehren; aber bestimmt wusste er das nicht. So ging es eine lange Zeit fort; ihm wurde kalt, dann wieder warm, und dann mit einem Male ganz leicht; so leicht, dass er zu schweben meinte, und nun begriff er: Baumkronen trugen ihn, eine zur andern, endlich hinauf zum Huegel; und wieder hoeher--zur Alm, und noch hoeher--hoch auf die hoechste Felsenspitze, und Synnoeve beugte sich ueber ihn und weinte und fragte: warum er nicht gesprochen habe? Sie weinte heftig und sagte dann, er habe doch gesehen, wie ihm Knud in den Weg getreten sei, und jetzt habe sie doch Knud nehmen muessen. Und dann streichelte sie ihn sanft auf der einen Seite, so dass er dort ganz warm wurde, und weinte so, dass sein Hemde ganz feucht wurde. Aber Aslak kauerte hoch oben auf einem grossen, spitzen Stein und zuendete die Baumkronen ringsum an; sie zuckten, sie zischten, Zweige flogen um ihn her, Aslak aber lachte mit weit aufgerissenem Mund: "Ich bin's nicht gewesen, meine Mutter hat's getan!" Und auf der andern Seite stand Vater Saemund und warf Kornsaecke hoch, so hoch, dass die Wolken sie auffingen und das Korn wie Nebel verstreuten, und Thorbjoern wunderte sich, dass das Korn ueber den ganzen Himmel hinfliegen konnte. Und wie er wieder herunterblickte, war Saemund mit einem Male ganz klein geworden, so klein wie ein Punkt; aber er warf noch immer die Saecke, hoeher und hoeher und rief: Das mach' mir mal nach! Hoch, hoch oben in den Wolken stand die Kirche, und auf ihrer Turmspitze die blonde Frau aus Solbakken, die schwenkte in der einen Hand ein rotes Taschentuch, in der anderen ein Gesangbuch und sagte: "Hierher kommst Du mir nicht, solange Du noch raufst und fluchst!"--und als er schaerfer hinsah, war es gar nicht die Kirche,--nein, es war Solbakken, und die Sonne strahlte so hell auf all die hundert Fensterscheiben, dass ihm die Augen davon weh taten und er sie schliessen musste. "Vorsichtig, vorsichtig, Saemund!" hoerte er mit einem Male rufen; er erwachte wie aus dem Schlummer, wie wenn er fortgetragen wuerde, und er sah sich um. Er war zu Hause in der Stube von Granliden; ein tuechtiges Feuer brannte im Herde; er erblickte neben sich die Mutter; sie weinte, der Vater wollte ihn eben aufnehmen--um ihn in eine Seitenkammer zu bringen, da liess er ihn sacht wieder nieder: "Es ist noch Leben in ihm", sagte er mit bebender Stimme und wandte sich zur Mutter; die schrie: "Lieber, lieber Gott, er schlaegt die Augen auf! Thorbjoern, Thorbjoern, barmherziger Himmel, was haben sie mit Dir gemacht!" und sie beugte sich ueber ihn, streichelte ihm die Backen, und ihre Traenen fielen dabei warm auf sein Gesicht. Saemund wischte sich mit dem einen Aermel die Augen, schob die Mutter sacht beiseite: "Ich moechte ihn doch jetzt gleich 'ruebertragen", sagte er, und legte die eine Hand vorsichtig unter Thorbjoerns Schultern, die andere unter das Rueckgrat. "Stuetz' ihm den Kopf, Mutter, wenn er ihn nicht hochhalten kann." Sie ging voran und stuetzte den Kopf, Saemund suchte gleichen Schritt mit ihr zu halten, und bald war Thorbjoern umquartiert. Nachdem sie ihn gut gebettet und ordentlich zugedeckt hatten, fragte Saemund, ob der Knecht schon fortgefahren sei. "Da kannst Du ihn noch sehen", sagte die Mutter und zeigte nach dem Hof hinaus; Saemund machte das Fenster auf und rief: "Wenn Du es in einer Stunde schaffst, kriegst Du doppelten Jahreslohn--und sollte das Pferd auch dabei drauf gehen!" Er trat wieder ans Bett; Thorbjoern sah ihn mit grossen, klaren Augen an; des Vaters Augen waren immer wieder auf den Sohn gerichtet und wurden feucht. "Ich wusste, es wuerde solches Ende mit ihm nehmen", sagte er, drehte sich um und ging hinaus. Die Mutter setzte sich auf einen Schemel zu Fuessen Thorbjoerns und weinte, sprach aber nicht. Thorbjoern wollte sprechen, fuehlte jedoch, dass es ihm zu schwer fiel, und schwieg darum. Aber bestaendig sah er seine Mutter an, und sie hatte frueher nie einen solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, noch empfunden, dass sie so schoen wie jetzt waren, und das nahm sie fuer ein schlechtes Zeichen. "Gott der Herr steh' Dir bei," stiess sie hervor, "ich weiss, es ist Saemunds Tod, wenn Du von uns gehst." Thorbjoern sah sie an; seine Augen, sein Gesicht waren starr. Sein Blick drang ihr tief in die Seele, und sie begann das Vaterunser fuer ihn zu beten; denn sie hielt seine Stunden fuer gezaehlt. Und als sie so bei ihm sass, ging es ihr durch den Sinn, wie ueberaus lieb sie alle gerade ihn hatten; und jetzt war nicht eins von seinen Geschwistern zu Hause. Da schickte sie zur Alm, um Ingrid und den juengern Bruder zu holen; dann setzte sie sich wieder an das Bett. Er sah sie unverwandt an; und sein Blick wirkte auf sie wie ein Gesangbuchlied, das sie sanft auf zu Hoeherem fuehrte; und die alte Ingebjoerg wurde andaechtiglich ergriffen, nahm die Bibel und sagte: "Jetzt will ich laut zu Deinem Frommen lesen, auf dass es Dir gut ergehe." Da sie ihre Brille nicht bei der Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie von ihrer Kinderzeit noch so ungefaehr auswendig konnte, und die Stelle war aus dem Evangelium Johannis. Sie konnte nicht wissen, ob er es hoere, denn er lag nach wie vor starr da,--aber sie las,--wenn nicht fuer ihn, so fuer sich selbst. Bald kam Ingrid nach Hause, um die Mutter abzuloesen; aber da schlief Thorbjoern gerade. Sie weinte unaufhoerlich; sie hatte schon geweint, ehe sie von der Alm fortging; denn sie dachte an Synnoeve, die ohne Nachricht blieb.--Dann kam der Doktor und untersuchte. Thorbjoern hatte einen Messerstich in die Seite bekommen und noch andere Verletzungen, aber der Doktor sagte nichts, und es fragte ihn keiner. Saemund begleitete ihn in die Krankenstube, stellte sich neben ihn und blickte ihm bestaendig ins Gesicht, ging mit hinaus, da der Doktor ging, half ihm hinauf auf seinen zweiraedrigen Wagen und nahm den Hut ab, als der Doktor sagte, er werde am naechsten Tage wiederkommen. Dann drehte er sich zu seiner Frau um, die neben ihm stand: "Wenn der Mann nichts sagt, steht es schlecht", seine Lippen zitterten, er drehte sich auf den Hacken um und ging querfeldein. Niemand wusste, wo er steckte, er kam weder am selben Abend, noch in der Nacht, sondern erst den naechsten Morgen nach Hause, und da sah er so finster aus, dass sich keiner zu fragen getraute. Er selbst sagte nur: "Na?"--"Er hat geschlafen," sagte Ingrid, "aber er ist so von Kraeften, dass er nicht die Hand heben kann." Saemund wollte in die Krankenstube, aber dicht vor der Tuer machte er Kehrt. Der Doktor kam am naechsten Tage wieder und auch die folgenden Tage. Thorbjoern konnte sprechen, aber er durfte sich nicht bewegen. Ingrid sass am meisten bei ihm, auch die Mutter oft und sein juengerer Bruder; aber er richtete keine Frage an sie und sie nicht an ihn. Der Vater war niemals in der Stube. Die anderen sahen, dass der Kranke das merkte; er blickte gespannt hin, sobald die Tuer aufging; jedenfalls doch, weil er den Vater erwartete. Schliesslich fragte ihn Ingrid, wen er wohl ausserdem noch gern sehen moechte? "Ach, mich will ja keiner sehen", antwortete er. Das wurde Saemund wiedererzaehlt; der entgegnete im Augenblick nichts, und als an diesem Tage der Doktor kam, war er nicht zu Hause. Aber ein Stueck Weges vom Hofe erwartete er ihn bei der Rueckfahrt; er hatte auf dem Grabenrand gesessen, stand auf, als der Wagen vorbeifuhr, gruesste und fragte nach dem Zustand seines Sohnes. "Sie haben ihm boese mitgespielt", lautete kurz die Antwort. "Wird er durchkommen?" fragte Saemund und bastelte am Bauchgurt des Pferdes. "Danke, der Gurt sitzt ja gut", sagte der Doktor. "Nicht stramm genug", antwortete Saemund. Dann waren beide eine Zeitlang stumm; der Doktor sah ihn an; Saemund arbeitete eifrig an dem Gurt herum, blickte aber nicht auf. "Du hast gefragt, ob er durchkommen wird; ja, das glaube ich wohl", sagte der Doktor langsam; Saemund blickte schnell auf. "Dann ist keine Lebensgefahr mehr?" fragte er. "Seit ein paar Tagen nicht mehr", antwortete der Doktor. Da rollten Traenen aus Saemunds Augen; er wischte sie ab, aber sie kamen wieder, "'s ist 'ne reine Schande, wie lieb ich den Jungen habe," schluchzte er, "aber einen praechtigem Burschen hat's im ganzen Gau noch nicht gegeben." Der Doktor wurde geruehrt: "Warum hast Du nicht schon frueher gefragt?"--"Ich haett' es nicht hoeren koennen", antwortete Saemund und wollte die Traenen herunterschlucken; aber es gelang ihm nicht; "und dann waren die Frauensleute dabei," fuhr er fort, "die sahen immer hin, ob ich Dich nicht fragen wolle, und da kriegte ich's nicht fertig." Der Doktor liess ihm Zeit, wieder ordentlich zu sich zu kommen, und nun blickte Saemund ihn fest an: "Wird er wieder ganz gesund?" fragte er ploetzlich. "Soweit es moeglich ist; uebrigens laesst sich darueber mit Sicherheit nichts sagen." Da wurde Saemund ruhig und nachdenklich. "Soweit es moeglich ist", murmelte er und blickte zu Boden. Der Doktor wollte ihn nicht stoeren; es war etwas in dem Mann vor ihm, das es ihm verbot. Ploetzlich hob Saemund den Kopf: "Ich danke fuer die Auskunft", sagte er, reichte dem Doktor die Hand und ging nach Hause. Waehrenddessen sass Ingrid bei dem Kranken. "Wenn Du es hoeren kannst, will ich Dir etwas vom Vater erzaehlen", sagte sie. "Erzaehle", antwortete er. "An dem Abend, als der Doktor zum ersten Male hier war, war Vater ploetzlich weg, und niemand wusste, wo er war. Da war er zum Hochzeitshause gegangen; den Leuten wurde schlecht zumute, als er eintrat. Er setzte sich an den Tisch und trank mit den andern; und der Braeutigam hat spaeter erzaehlt, er habe geglaubt, Vater sei ins Taumeln gekommen. Aber dann erst hub er an, nach der Rauferei zu fragen, und erhielt auch genauen Bericht. Nun kam Knud; Vater wuenschte, Knud solle erzaehlen, und ging auf den Hof zu der Stelle hin, wo Ihr gerauft hattet. Die ganze Gesellschaft ging mit. Knud erzaehlte, wie Du mit ihm umgesprungen seist, nachdem Du ihm die Hand lahm geschlagen hattest; aber als er nun nicht weiter mit der Sprache heraus wollte, richtete Vater sich hoch auf und fragte: ob das vielleicht dann so zugegangen waere--und im selben Augenblick hatte er schon Knud vorn an der Brust gepackt, dann hob er ihn hoch und warf ihn auf die Steinfliessen, wo noch Blut von Dir klebte; mit der linken Hand drueckte er ihn nieder, mit der Rechten zog er sein Messer; Knud wechselte die Farbe und alle Gaeste standen stumm dabei. Einige hatten gesehen, dass Vater geweint hat; aber getan hat er Knud nichts. Der lag da und ruehrte sich nicht. Vater riss ihn wieder hoch, warf ihn eine Weile darauf wieder zu Boden. 'Es faellt einem recht schwer, Dich entwischen zu lassen', sagte er und nahm ihn scharf aufs Korn, indem er ihn festhielt. Zwei alte Frauen gingen vorbei und die eine sagte: 'Denk an Deine Kinder, Saemund Granliden', und sofort, so erzaehlen die Leute, hat Vater den Knud losgelassen, und bald darauf war er herunter vom Hof; aber Knud drueckte sich zwischen den Haeusern fort von der Hochzeit und wurde nicht mehr gesehen." Kaum war Ingrid mit ihrer Erzaehlung fertig, da oeffnete sich die Tuer; jemand sah hinein, und das war der Vater. Sie ging gleich aus der Stube; Saemund trat ein. Wovon Vater und Sohn miteinander gesprochen haben, das hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tuer stand und lauschte, glaubte doch einmal verstanden zu haben, dass sie darueber redeten, ob Thorbjoern wieder ganz gesund werden koenne oder nicht. Aber sie war ihrer Sache nicht sicher, und hineingehen wollte sie nicht, solange Saemund drin war. Als er herauskam, waren seine Zuege sehr sanft, seine Augen etwas geroetet. "Wir werden ihn wohl behalten," sagte er im Vorbeigehen zu Ingebjoerg, "aber unser Herrgott weiss, ob er wieder ganz gesund wird." Ingebjoerg fing zu weinen an und ging ihrem Manne nach; auf der Treppe zum Schuppen setzten sie sich nebeneinander, und sie besprachen mancherlei. Als aber Ingrid leise wieder zu Thorbjoern hineinkam, lag er da mit einem Zettel in der Hand und sagte ruhig und langsam: "Den Zettel gib Synnoeve, sobald Du sie triffst." Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie sich ab und weinte, denn auf dem Zettel stand: "An die hochgeschaetzte Jungfrau Synnoeve, Tochter des Guttorm Solbakken. Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so soll es aus sein zwischen uns beiden. Denn ich bin nicht der Mann, der fuer Dich bestimmt ist. Unser Herrgott sei mit uns beiden. Thorbjoern, Sohn des Saemund Granliden." Sechstes Kapitel Synnoeve hatte an dem Tage, nachdem Thorbjoern auf der Hochzeit gewesen, von dem Vorfall erfahren. Sein juengerer Bruder war mit der Nachricht auf die Alm gekommen; aber Ingrid hatte ihn auf dem Flur abgefasst und ihm eingeschaerft, wie weit er erzaehlen solle. Synnoeve wusste also nicht mehr, als dass Thorbjoern mit Wagen und Ladung umgekippt, dann nach Nordhoug um Hilfe gegangen und dabei mit Knud in Streit geraten war; er habe etwas abgekriegt, liege auch zu Bett; aber es sei nicht gefaehrlich. Eine Geschichte, die Synnoeve mehr boese als traurig stimmte; und je mehr sie darueber nachdachte, desto mutloser wurde sie. Wie fest hatte er ihr versprochen, sich so zu benehmen, dass ihre Eltern nichts gegen ihn sagen konnten! Aber auseinanderbringen sollte das ihn und sie doch nicht! Die Verbindung zwischen Tal und Alm war spaerlich, und die Zeit dehnte sich, bis Synnoeve weitere Nachricht bekam. Die Ungewissheit drueckte sie schwer; Ingrid wollte auch nicht wiederkommen,--es musste also etwas besonderes vorgehen. Sie war abends nicht mehr in der Stimmung zu singen, um das Vieh nach Hause zu locken, und schlief nachts nicht gut, weil ihr Ingrid fehlte. Dadurch war sie am Tage muede, und somit wieder ihr Herz nicht gerade leichter. Sie ging umher und wirtschaftete, scheuerte Kuebel und Toepfe, machte Kaese, setzte Milch an, aber ohne rechte Freude an der Arbeit, und Thorbjoerns juengerer Bruder, sowie der andere Junge, die zusammen hueteten, hielten es nun fuer ausgemacht, dass mit ihr und Thorbjoern etwas los sein muesse, und das gab ihnen oben auf der Weide Stoff fuer vieles Gerede. Am Nachmittag des achten Tages, seit Ingrid nach Hause gerufen worden, verspuerte Synnoeve staerkere Herzbeklemmung denn je. Nun war schon soviel Zeit vergangen, und sie hatte noch immer keine genaue Nachricht. Sie liess ihre Arbeit liegen und setzte sich hin, um auf das Kirchspiel hinunterzuschauen; das gab ihr etwas wie einen Zusammenhang mit denen unten, und ganz allein mit sich mochte sie nicht sein. Dabei wurde sie muede, legte den Kopf auf den Arm und schlief sofort ein; aber die Sonne stach und ihr Schlaf war sehr unruhig. Sie glaubte sich zu Solbakken in der Bodenkammer, wo ihre Sachen standen und sie gewoehnlich schlief; die Blumen dufteten so schoen zu ihr hinauf; aber nicht mit dem Duft wie sonst; mehr wie Heidekraut. Woher mag das wohl kommen? dachte sie und sah durch das offene Fenster. Ja, da stand Thorbjoern unten im Garten und pflanzte Heidekraut ein. "Aber, Liebster, warum tust Du das?" fragte sie. "Die Blumen wollen nicht wachsen", sagte er und liess sich nicht stoeren. Da tat es ihr um die Blumen leid, und sie bat ihn schliesslich, sie ihr herauf zubringen. "Ja, gern", antwortete er, sammelte die herausgezogenen Blumen und machte sich auf den Weg; aber nun sass sie gar nicht mehr in der Bodenkammer, denn er konnte sofort zu ihr. In demselben Augenblick kam ihre Mutter dazu. "In Jesu Namen, will der Ekel von Junge zu Dir?" rief sie, sprang dazwischen und stellte sich vor ihn hin. Das wollte er sich nicht gefallen lassen, und nun fingen die beiden an, zu ringen. "Mutter, Mutter, er will mir ja nur meine Blumen bringen", bat Synnoeve und weinte. "Das hilft nichts", sagte die Mutter und ging ihm staerker zuleibe. Synnoeve wurde aengstlich, so aengstlich; sie wusste nicht, wem von den beiden sie den gluecklichen Ausgang des Ringens wuenschen sollte; verlieren aber sollte keiner. "Seht Euch mit den Blumen vor", rief sie; doch sie rangen immer heftiger und heftiger, und die schoenen Blumen wurden dabei ueberall umhergestreut, von der Mutter zertreten, von Thorbjoern zertreten; Synnoeve weinte. Als Thorbjoern aber die Blumen hingeworfen hatte, wurde er mit einem Male furchtbar haesslich, ganz widerlich; das Haar auf seinem Kopfe wuchs, sein Gesicht verlaengerte sich, die Augen bekamen einen wilden Ausdruck und mit spitzen Klauen griff er nach der Mutter. "Nimm Dich in acht, Mutter; siehst Du nicht, das ist nicht er, das ist ein andrer--nimm Dich in acht!" schrie sie und wollte hin und der Mutter helfen, konnte sich aber nicht vom Fleck ruehren.--Da hoerte sie ihren Namen rufen; dann noch einmal. Und im Nu verschwand Thorbjoern und auch die Mutter. "Ja", antwortete Synnoeve und erwachte. "Synnoeve!" klang es von neuem. "Ja", rief sie und blickte auf. "Wo bist Du denn?" Das ist Mutter, dachte Synnoeve, stand auf und ging auf den Platz zu, wo die Mutter mit einem Esskorb in der Hand stand, sich mit der anderen die Augen beschattete und nach ihr ausschaute. "Hier liegst Du und schlaefst auf der kalten Erde?" sagte die Mutter. "Ich war so muede," antwortete Synnoeve, "und hatte mich nur einen Augenblick hingelegt, und da bin ich mit einemmal fest eingeschlafen."--"Davor musst Du Dich hueten, mein Kind----Hier in dem Korb habe ich Dir etwas mitgebracht; ich habe gestern gebacken, weil Vater eine laengere Reise machen will." Aber Synnoeve fuehlte, etwas anderes muesse die Mutter hergefuehrt haben, und sie meinte nicht ohne Grund von ihr getraeumt zu haben. Karen--so hiess ihre Mutter--war, wie gesagt, klein und schmaechtig von Gestalt, hatte blondes Haar, und blaue Augen, die rastlos umherblickten. Sie laechelte ein wenig, wenn sie sprach; aber nur wenn sie mit Fremden sprach. Ihr Gesichtsausdruck war sehr scharf geworden; sie war hastig in ihren Bewegungen und machte sich immer etwas zu tun.--Synnoeve bedankte sich fuer das Mitgebrachte, nahm den Deckel vom Korb und wollte nachsehen, was darin war. "Das kannst Du spaeter tun", sagte die Mutter; "ich habe wohl bemerkt, dass Du Toepfe und Kuebel noch nicht abgewaschen hast; das musst Du immer besorgen, mein Kind, ehe Du schlafen gehst."--"Ja, das war auch nur heute."--"Komm jetzt, ich will Dir helfen, da ich doch nun mal hier bin," fuhr Karen fort, und schuerzte sich auf. "Du musst Dich an Ordnung gewoehnen, ob ich Dich nun unter Augen habe oder nicht." Sie ging in die Milchkammer, und Synnoeve folgte ihr langsam. Nun nahmen sie die Gefaesse herunter und wuschen auf; die Mutter untersuchte, wie die Wirtschaft imstande sei, fand es nicht schlecht, gab eifrig Anweisungen und half auch Synnoeve beim Ausfegen. Und damit vergingen ein oder zwei Stunden. Waehrend der Arbeit hatte sie der Tochter erzaehlt, was sie zu Hause gemacht hatten und wie sie durch die Vorbereitungen fuer Vaters Reise in Anspruch genommen war. Dann fragte sie Synnoeve, ob sie auch nicht vergessen habe jeden Abend, vor dem Schlafengehen, in Gottes Wort zu lesen. "Denn das darf man niemals unterlassen, sonst ist es mit der Arbeit am anderen Tage schlecht bestellt." Als sie nun fertig waren, gingen sie hinaus und setzten sich, um auf die Kuehe zu warten; und als sie dasassen, fragte die Mutter nach Ingrid; sie wollte wissen, ob sie nicht bald wieder heraufkomme. Synnoeve wusste nicht mehr darueber als die Mutter. "Ja, so kann es einem Menschen ergehen", sagte die Mutter und Synnoeve begriff sofort, dass sich das nicht auf Ingrid bezog; sie wollte gern einem weiteren Gespraech ueber diesen Gegenstand vorbeugen, fand aber nicht den Mut. "Wer unseren Herrgott nicht im Herzen traegt, der wird an ihn erinnert, wenn er's am wenigsten erwartet", sagte die Mutter. Synnoeve erwiderte kein Wort. "Ich habe immer gesagt: aus dem Burschen wird nichts.--Ist das ein Benehmen? Pfui!"--Sie hatten sich beide hingekauert und blickten vor sich hin; aber keine sah die andere an. "Hast Du gehoert, wie es ihm geht?" fragte die Mutter, und warf ihr einen kurzen Blick zu. "Nein", antwortete Synnoeve.--"Es soll schlecht um ihn stehen", sagte die Mutter. Ein Druck legte sich auf Synnoeves Brust. "Ist es gefaehrlich?" fragte sie. "Ja, der Messerstich in der Seite;--und dann soll er noch am ganzen Leibe zerschlagen sein." Synnoeve fuehlte, wie ihr das Blut in das Gesicht schoss; schnell drehte sie sich zur Seite, damit die Mutter es nicht sehen sollte. "Ja, aber es hat wohl im ganzen nicht viel zu sagen?" fragte sie so ruhig, wie sie vermochte; doch der Mutter war es aufgefallen, dass Synnoeves Atem heftig ging, und darum entgegnete sie: "Ach nein, das wohl nicht." Da daemmerte es Synnoeve auf, dass etwas sehr Schlimmes passiert war. "Liegt er zu Bett?" fragte sie.--"Ja, natuerlich. Wie muss das seine Eltern treffen,--solch brave Leute. Gut erzogen haben sie ihn ja auch, so dass unser Herrgott nicht mit ihnen darueber in das Gericht gehen kann." Synnoeve wurde so beklommen zumut, dass sie sich kaum noch fassen konnte. Da fuhr die Mutter fort: "Nun zeigt es sich, wie gut es war, dass sich niemand an ihn gebunden hat. Unser Herrgott lenkt alles zum besten." Vor Synnoeves Augen schien sich alles zu drehen; sie glaubte vom Berg herunterzustuerzen. "Ich habe immer zu Vater gesagt: Gott schuetze uns; wir haben nur die eine Tochter, und fuer die muessen wir sorgen. Vater ist ja etwas weich, so brav er sonst ist; aber da ist es gut, dass er sich dort Rat holt, wo er ihn findet; und das ist in Gottes Wort." Als nun Synnoeve noch bei all ihrem Kummer daran denken musste, wie liebevoll ihr Vater immer gegen sie war, da wurde es ihr immer schwerer, die Traenen hinunterzuwuergen; aber es nuetzte nichts--sie fing zu weinen an.--"Du weinst?" fragte die Mutter und sah sie an; aber Synnoeve liess sich nicht richtig ansehen. "Ja, ich musste an ihn denken, an Vater, und da----", und nun stroemten die Traenen.--"Was hast Du denn nur, mein liebes Kind?"--"Ach, ich weiss selbst nicht recht ... das ist so ploetzlich ueber mich gekommen ... vielleicht hat er Unglueck auf der Reise", schluchzte Synnoeve.--"Wie kannst Du solchen Unsinn reden," sagte die Mutter, "warum soll nicht alles gut abgehen?--Nach der Stadt und auf ebenen, breiten Fahrwegen."--"Ja, denke nur ... wie es ihm gegangen ist ... dem andern", schluchzte Synnoeve.--"Ja, dem!--Aber Dein Vater faehrt doch nicht wie toll darauf los, sollt' ich meinen. Der kommt sicher ohne Unfall nach Hause,--sofern unser Herrgott seine Hand ueber ihn haelt." Die Mutter machte sich ueber Synnoeves Traenen, die gar nicht aufhoeren wollten, allmaehlich Gedanken. "Es gibt vieles auf der Welt, das schwer genug zu ertragen ist; aber da muss man sich damit troesten, dass noch Schwereres haette kommen koennen", meinte sie. "Der Trost ist recht schwach", sagte Synnoeve und weinte heftig. Die Mutter konnte es nicht ueber das Herz bringen, ihr das zu antworten, was sie dachte; sie sagte nur: "Unser Herrgott verhaengt so manches ueber uns auf sichtbare Weise,--das hat er wohl auch diesmal getan"; dann stand sie auf, denn die Kuehe bruellten schon auf dem Hang; das Gelaeut erklang, die Jungen jodelten, und langsam kam der Zug heran, weil das Vieh satt und ruhig war. Da bat die Mutter Synnoeve, ihm mit ihr entgegen zu gehen; Synnoeve stand auf und folgte ihrer Mutter; aber sehr langsam. Karen begruesste nun eifrig die Herde;--da kam eine Kuh nach der andern; die Kuehe erkannten sie wieder und bruellten;--sie streichelte Tier fuer Tier, und freute sich, dass sie sich so herausgemacht hatten. "Ja", sagte sie, "unser Herrgott ist dem nahe, der ihm nah ist." Sie half nun die Kuehe hineinbringen; denn es wollte heut mit Synnoeve gar nicht flecken; Karen sagte weiter nichts und half ihr auch noch beim Melken, obgleich sie nun laenger oben bleiben musste, als sie sich vorgenommen hatte. Als dann noch die Milch durchgeseiht war, machte sie sich fertig, nach Hause zu gehen; Synnoeve wollte sie begleiten. "Nein," sagte die Mutter, "Du bist muede, die Ruhe wird Dir gut tun." Dann ergriff sie den leeren Korb, gab ihrer Tochter die Hand, blickte sie fest an und sagte dabei: "Ich komme bald wieder, um zu sehen, wie es Dir geht----halt Dich zu uns und denke nicht an andere." Kaum war die Mutter ausser Sehweite, da ueberlegte Synnoeve, woher sie am schnellsten einen Boten nach Granliden bekommen koenne; sie rief Thorbjoerns juengeren Bruder, um ihn hinunterzuschicken; aber als er kam, meinte sie, dass es doch zu heikel sei, sich ihm anzuvertrauen, und sagte: "Lass nur, Du kannst wieder gehen." Sie wollte selbst hinunter; Gewissheit musste sie haben; es war eine Suende von Ingrid, dass sie ihr gar keine Nachricht zukommen liess. Die Nacht war hell, der Granlidener Hof nicht so entfernt, dass sie den Weg nicht machen konnte, wenn ihr Herz sie trieb. Waehrend sie nun noch dasass und darueber nachsann, fasste sie in Gedanken alles zusammen, was ihr die Mutter gesagt hatte, und fing wieder an zu weinen; aber jetzt zauderte sie nicht mehr, wie sie es den ganzen Tag ueber getan hatte, band sich ein Tuch um und stahl sich ueber einen Schleichweg hinunter, damit es die Jungen nicht merkten. Je weiter sie kam, desto mehr eilte sie; zuletzt sprang sie den Fusssteig hinab; dabei loesten sich kleine Steine und rollten hinunter. Sie erschrak. Obgleich sie wusste, dass das Geraeusch nur von den rollenden Steinen kam, war es ihr doch, als befinde irgendein Wesen sich in der Naehe; sie musste stehen bleiben und lauschen. Es war aber nichts; schneller sprang sie talwaerts; ihr Fuss stiess nun gegen einen grossen Stein, der mit dem einen Ende aus dem Wege hervorstak, herausgedraengt wurde und hinunterflog. Das gab ein Getoese, es prasselte in den Bueschen; ihr wurde bange, und um so mehr, als sie nun genau wahrnahm, dass etwas unten auf dem Wege sich aufrichtete und bewegte. Zuerst glaubte sie an ein Raubtier; sie blieb mit verhaltenem Atem stehen; die Gestalt dort unten stand gleichfalls still. "Hoi--ho!" hoerte sie rufen. Ihre Mutter! Das erste, was Synnoeve tat, war, sich schleunigst zu verstecken. Sie wartete dann eine ganze Zeit, um sich zu vergewissern, ob die Mutter sie auch nicht erkannt habe und zurueckkomme; aber das war nicht der Fall. Dann wartete sie noch laenger, um die Mutter recht weit voraus zu lassen; als sie sich nun wieder auf den Weg machte, ging sie vorsichtig, und bald naeherte sie sich dem Hof. Ihr wurde wieder etwas beklommen ums Herz, als sie ihn erblickte, und das nahm mehr und mehr zu, je naeher sie kam. Der Hof lag in tiefer Stille; die Arbeitsgeraete standen an die Waende gelehnt, Holz lag gehauen und aufgestapelt, und die Axt war in den Hackeklotz getrieben. Sie ging vorbei und hin bis zur Tuer; dort machte sie noch einmal Halt, sah sich um und lauschte; nichts ruehrte sich. Und als sie noch dastand und sich ueberlegte, ob sie in die Bodenkammer zu Ingrid hinaufgehen solle oder nicht, da musste sie daran denken, dass in ebensolcher Nacht Thorbjoern vor einigen Jahren in Solbakken gewesen war und ihr die Blumen eingepflanzt hatte. Hastig zog sie die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf. Ingrid bekam einen grossen Schreck, als sie erwachte und sah, dass es Synnoeve war, die sie geweckt hatte.--"Wie geht es ihm?" fluesterte Synnoeve. Da wurde Ingrid ganz wach, erinnerte sich an alles und wollte sich erst anziehen, um nicht sofort antworten zu muessen. Aber Synnoeve setzte sich auf die Bettkante, bat liegen zu bleiben und wiederholte ihre Frage. "Jetzt geht's besser," antwortete Ingrid im Fluesterton, "ich komme bald nach oben zu Dir."--"Liebe Ingrid, Du musst mir nichts verhehlen; Du kannst mir nichts so Schlimmes erzaehlen, das ich mir nicht schon schlimmer vorgestellt habe." Ingrid versuchte noch sie zu schonen; aber die Furcht ihrer Freundin zwang ihr die Worte heraus und liess keine Zeit zu Ausfluechten. Gefluesterte Fragen, gefluesterte Antworten; die tiefe Stille ringsumher machte beides noch ernster; die Zeit der Unterredung wurde zu einer feierlichen, zu einer Weihestunde, in der man auch der herbsten Wirklichkeit gerade in das Auge zu sehen wagt. Doch beide waren ueberzeugt, dass Thorbjoerns Schuld diesmal gering war, und dass er nichts begangen hatte, das sich zwischen ihn und ihr Mitgefuehl stellen konnte. Da weinten sich beide frei aus, aber leise,--und Synnoeve weinte am staerksten; sie sass ganz zusammengekauert auf der Bettkante. Ingrid suchte sie durch Erinnerungen aufzuheitern: wie froh und vergnuegt waren sie alle drei so manchesmal gewesen! Aber nun passierte es wie so oft, dass jede winzige Erinnerung an Tage voll Sonnenschein in Kummer und Traenen zerrann. "Hat er nach mir gefragt?" fluesterte Synnoeve.--"Er hat fast gar nicht gesprochen."--Ploetzlich erinnerte sich Ingrid des Zettels, und das fiel ihr arg auf die Seele.--"Faellt's ihm zu schwer, zu sprechen?"--"Das weiss ich nicht--er denkt wohl desto mehr."--"Liest er in der Bibel?"--"Mutter liest ihm vor; jetzt muss sie es alle Tage tun."--"Was sagt er dann?"--"Er spricht fast gar nicht, hab' ich Dir ja gesagt; er liegt still da und sieht vor sich hin."--"Liegt er in der bunten Stube?"--"Ja."--"Mit dem Kopf zum Fenster?"--"Ja." Sie blieben eine Weile stumm; dann sagte Ingrid: "Das kleine Sankthans-Spiel, das Du ihm geschenkt hast, haengt am Fenster und dreht sich." "Jetzt ist mir alles ganz gleich," sagte Synnoeve ploetzlich und entschieden; "nichts auf der Welt soll mich von ihm trennen; es mag kommen, wie es will." Ingrid war sehr befangen. "Der Doktor weiss noch nicht, ob er wieder ganz gesund wird", fluesterte sie. Da hob Synnoeve ihren Kopf und sah Ingrid mit verhaltenem Weinen und stumm an; dann liess sie ihn wieder sinken und sass in tiefen Gedanken da; die letzten Traenen rannen ueber ihr Gesicht; es folgten keine mehr, sie faltete die Haende, verharrte aber sonst regungslos; sie schien einen grossen Entschluss zu fassen. Mit einemmal stand sie auf, laechelte, beugte sich ueber Ingrid und gab ihr einen langen, heissen Kuss. "Bleibt er siech, so werde ich ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern." Das ruehrte Ingrid tief, aber bevor sie sprechen konnte, fuehlte sie, wie ihre Hand erfasst wurde: "Leb' wohl, Ingrid, ich gehe nun wieder allein zurueck."--Und Synnoeve wandte sich schnell der Tuer zu. "Der Zettel!" fluesterte Ingrid ihr nach.--"Was fuer ein Zettel?" fragte Synnoeve. Ingrid war schon aufgestanden, suchte ihn hervor und brachte ihn der Freundin; aber waehrend sie ihn mit der linken Hand ihr unter das Brusttuch schob, umschlang sie den Hals Synnoeves mit der rechten, gab ihr den Kuss wieder, und ihre grossen warmen Traenen fielen auf das Gesicht der Wartenden. Dann draengte Ingrid sie sanft hinaus und schloss die Tuer; sie hatte nicht den Mut, das weitere zu sehen. Synnoeve ging langsam die Treppen hinunter, aber da sie zu sehr mit ihren Gedanken beschaeftigt war, machte sie unvorsichtigerweise ein lautes Geraeusch dabei, erschrak, lief durch den Flur, griff nach ihren Schuhen und eilte, den Zettel in der Hand, an den Haeusern vorbei, ueber den Hofraum und direkt zum Gitter; dort blieb sie stehen, begann den Hang hinan zu steigen schnell und schneller, denn ihr Blut war in Wallung geraten. So schritt sie aus, sang leise vor sich hin, lief immer ungestuemer, bis sie zuletzt muede war und sich hinsetzen musste. Da erinnerte sie sich des Zettels.---- Als die Schaeferhunde am naechsten Morgen laut wurden, die Hirtenjungen erwachten und die Kuehe gemolken und dann herausgelassen werden sollten, war Synnoeve noch nicht zurueck. Als die Jungen sich darueber wunderten und einander fragten, wo sie wohl sein koenne, und entdeckten, dass sie nachts gar nicht in ihrem Bett gewesen war,--da kam Synnoeve. Sie war sehr bleich und still. Ohne ein Wort zu reden, schickte sie sich an, das Fruehstueck fuer die Jungen zu bereiten, legte ihnen den Vorrat zurecht, den sie fuer den Tag mitnehmen sollten, und half spaeter beim Melken. Der Nebel drueckte noch auf die niedriger liegenden Haenge, der Tau glitzerte vom Heidekraut ueber die braunrote Felsflaeche; es war etwas kalt, und wenn der Hund bellte, erklang ringsherum Antwort. Die Herde wurde hinausgelassen; die Kuehe bruellten in die frische Luft und Tier auf Tier zog den Viehsteig hinab; aber dort sass schon der Hund, erwartete sie und hielt sie solange zurueck, bis alle zur Stelle waren; dann liess er sie weiter ziehen; die Herdenschellen laeuteten ueber die Haenge, der Hund klaeffte, so dass es widerhallte, und die Jungen wetteiferten im Jodeln. Aus all diesem Wirrwarr von Toenen ging Synnoeve fort und hin zu dem Platz, wo sie und Ingrid frueher immer gesessen hatten. Sie weinte nicht, sondern sass still da, blickte starr vor sich hin und verspuerte nur ab und zu etwas von dem vergnueglichen Laerm, der sich weit und weiter entfernte und mit der groesseren Entfernung besser ineinanderfloss. Dabei fing sie an leise zu singen, dann immer lauter und zuletzt sang sie mit klarer voller Stimme ein Lied, das sie nach einem anderen, ihr aus der Kinderzeit bekannten, umgedichtet hatte: Hab Dank fuer alles, was da geschehn, Seit wir als Kinder im Walde spielten. Ich dachte, das Spiel sollte weiter gehn, Bis wir am Himmelstor hielten. Ich dachte das Spiel sollte weitergehn Von dort, wo die Birken uns Obdach boten, Bis hin, wo die Solbakkenhaeuser stehn Und zu dem Kirchlein, dem roten. Ich harrte so manchen Abend hell Und liess den Blick an den Tannen hangen; Doch Schatten warf das dunkelnde Fjell, Und Du, Du kamst nicht gegangen. Ich harrte, harrte------die Welt entschlief. Ich lauschte, spaehte, wieder und wieder, Doch die Leuchte schwelte und brannte tief Und die Sonne ging auf--und ging nieder. Die armen Augen spaehten zu viel, Sie taten nur immer nach einem schauen, Nun wissen sie laengst kein ander Ziel, Und brennen unter den Brauen. Sie sagen, mir koennte viel Trost geschehen Im Kirchlein hinter der Fagerleite; Doch bittet mich nicht dorthin zu gehen! Er saesse mir dort zur Seite. Doch gut, so weiss ich doch, wer es war, Der die Hoefe tat geneinander legen Und junge Augen schuf warm und klar Und Waelder durchzog mit Wegen. Doch gut, so weiss ich doch, wer es war, Der jene Kirche dort schuf zum Beten Und machte, dass sie dort Paar um Paar Vor seinen Altar treten. Siebentes Kapitel Gute Zeit darauf sassen Guttorm und Karen in der grossen, hellen Stube in Solbakken zusammen und lasen sich aus neuen Buechern vor, die sie aus der Stadt bekommen hatten. Vormittags waren sie in der Kirche gewesen; denn es war Sonntag,--dann hatten sie einen kleinen Rundgang durch die Felder gemacht, um zu sehen, wie Saaten und Fruechte standen, und um zu ueberlegen, was Acker und was Brache im naechsten Jahr werden solle. So waren sie langsam von einem Stueck Land zum andern gewandert, und sie fanden, dass in ihrer Zeit das Gut sich recht gehoben habe. "Gott weiss, was einmal draus wird, wenn wir nicht mehr sind", hatte Karen gesagt; darauf hatte Guttorm sie aufgefordert, mit ihm nach Hause zu gehen, um in den neuen Buechern zu lesen: "Denn man tut gut, sich Gedanken, wie Du sie ausgesprochen hast, fernzuhalten." Nun hatten sie ein Buch beendet, und Karen war der Ansicht, dass die alten besser seien: "Die neuen sind ja nur aus den alten abgeschrieben."--"Daran mag etwas Wahres sein; Saemund hat heut in der Kirche zu mir gesagt, dass die Kinder auch nur wieder wie die Eltern sind."--"Ja, Du und Saemund, Ihr habt lange genug heute miteinander geredet."--"Saemund ist ein verstaendiger Mann."--"Aber ich fuerchte, er ist wenig unserm Herrn und Heiland ergeben."--Hierauf antwortete Guttorm nichts.----"Wo mag denn Synnoeve jetzt sein?" fragte die Mutter.--"Oben in ihrer Kammer", antwortete er.--"Du hast ja selbst vorhin bei ihr gesessen; wie war sie denn?"--"Ach--"--"Du solltest sie nicht soviel allein lassen."--"Da kam jemand."--Die Frau blieb einen Augenblick still.--"Wer war's?"--"Ingrid Granliden."--"Ich dachte, sie ist noch auf der Alm."--"Sie ist heute nach Hause gekommen, weil ihre Mutter in die Kirche wollte."--"Ja, die hat sich ja auch heute dort mal sehen lassen."--"Sie hat viel zu tun."--"Das haben andre auch, aber wohin es einen zieht, dahin kommt er doch."--Guttorm antwortete nicht. Nach einer Weile sagte Karen: "Ausser Ingrid waren heute alle Granlidener in der Kirche."--"Ja, wohl, um Thorbjoern wieder zum erstenmal hinzubegleiten."--"Er sah schlecht aus."--"Nicht besser, als zu erwarten war. Ich habe mich gewundert, dass er sich schon soweit erholt hat."--"Ja, er hat sich mit seiner Torheit viel zugezogen."--Guttorm blickte vor sich hin: "Er ist doch noch jung."--"Es ist kein fester Kern in ihm, kein Verlass." Guttorm hatte die Ellbogen auf den Tisch gestuetzt, drehte ein Buch in der Hand, oeffnete es, tat, als wenn er darin lese, und liess die Worte dabei fallen: "Er soll bestimmt wieder ganz gesund werden."--Die Mutter nahm auch ein Buch zur Hand: "Das waere dem huebschen Burschen wirklich zu wuenschen," sagte sie; "unser Herrgott stehe ihm bei, dass er dann bessern Gebrauch davon macht."--Nun lasen alle beide, dann sprach Guttorm beim Umblaettern: "Er hat sie heut den ganzen Tag nicht angesehen."--"Ja, das hab' ich auch bemerkt; er blieb still auf seinem Platz, bis sie fort war." Eine Weile darauf aeusserte Guttorm: "Glaubst Du, dass er sie vergessen wird?"--"Das waere jedenfalls das Beste." Guttorm las weiter, seine Frau blaetterte. "Es ist mir weiter nicht angenehm, dass Ingrid immer bei ihr sitzt", sagte sie.--"Synnoeve hat ja fast keine Menschenseele, mit der sie reden kann."--"Sie hat uns."--Da blickte Vater Guttorm sie an: "Wir wollen doch nicht zu streng sein." Seine Frau schwieg; nach einer Weile erwiderte sie: "Ich habe es ja auch nicht verboten." Der Vater legte das Buch fort, stand auf und sah aus dem Fenster. "Dort geht Ingrid", sagte er. Kaum hatte die Mutter das gehoert, so stand sie gleichfalls auf und lief schnell aus der Stube. Der Vater blieb noch lange am Fenster, dann drehte er sich um und ging auf und ab; bald kam Karen wieder und stellte sich vor ihn hin: "Ja, das hab' ich mir gleich gedacht", sagte sie, "Synnoeve sitzt oben und weint; aber sowie ich komme, dann kramt sie unten in ihrer Truhe"; und sie fuhr fort und schuettelte den Kopf: "Nein, es tut nicht gut, dass Ingrid bei ihr sitzt."--Dann machte sie sich mit dem Abendessen zu schaffen und ging haeufig durch die Tuer aus und ein. Einmal, als sie gerade draussen war, kam Synnoeve still und mit etwas geroeteten Augen in die Stube; sie schluepfte leicht an ihrem Vater, dem sie in das Gesicht sah, vorueber und hin zum Tisch, setzte sich und nahm ein Buch vor. Nach einem Weilchen legte sie es wieder fort und fragte ihre Mutter, ob sie ihr helfen koenne. "Ja, das tu nur," antwortete Karen, "Arbeit ist fuer alles gut." Synnoeve uebernahm den Tisch zu decken; der stand unweit vom Fenster. Der Vater, der bisher auf- und abgegangen war, kam nun dorthin und sah hinaus. "Die Gerste, die der Regen 'runtergedrueckt hat, kommt, glaub' ich, wieder hoch", sagte er. Da stellte sich Synnoeve neben ihn und sah mit hinaus. Er wandte sich zu ihr,--seine Frau war gerade in der Stube--und so strich er nur mit der einen Hand ueber Synnoeves Hinterkopf; dann nahm er seinen Gang wieder auf. Sie assen; aber in tiefer Stille; die Mutter sprach an diesem Tage das Gebet sowohl vor wie nach Tisch; und als alle aufgestanden waren, wuenschte sie, sie sollten nun in der Bibel lesen und zusammen singen: "Gottes Wort gibt Frieden, und das ist doch im Hause der groesste Segen." Dabei sah sie Synnoeve an, die mit niedergeschlagenen Augen dastand. "Jetzt will ich Euch eine Geschichte erzaehlen," sprach die Mutter weiter, "von der jedes Wort wahr ist, und ganz gut fuer den, der darueber nachdenken will."---- Und sie erzaehlte: "In meiner Jugend lebte in Houg ein Maedchen, die Enkeltochter eines alten, schriftgelehrten Amtmanns. Er hatte sie, als sie ganz jung war, zu sich genommen, um in seinem Alter Freude an ihr zu haben, und so lernte sie natuerlich Gottes Wort und gutes Benehmen und Sitte. Sie fasste schnell auf, kam gut vorwaerts und ueberholte im Lauf der Zeit uns alle; sie konnte schreiben, konnte rechnen, konnte ihre Schulbuecher und fuenfundzwanzig Kapitel der Bibel auswendig, als sie fuenfzehn Jahr alt war; dessen erinnere ich mich, als wenn es heute waere. Sie hielt mehr vom Lernen als vom Tanzen, und war darum selten bei lauten Festlichkeiten, doch haeufiger oben in ihres Grossvaters Stube bei den vielen Buechern zu sehen. Jedesmal, wenn wir mit ihr zusammenkamen, stand sie da, als wenn sie mit ihren Gedanken gar nicht zu uns gehoerte, und wir sagten uns: 'Wenn wir doch nur so klug waeren, wie Karen Hougen!' Sie sollte den Alten spaeter beerben, und viele gute Burschen boten sich an, mit ihr mal auf Teilung zu gehen; aber alle bekamen Koerbe. Zur selben Zeit kam der Pastorssohn aus dem Seminar nach Hause; er hatte dort nicht gut getan, immer nur Sinn fuer wilde Streiche gehabt und mehr boese Geschichten wie gute im Kopf; jetzt trank er sogar. 'Nimm Dich vor ihm in acht', sagte der Grossvater, 'ich bin viel mit den Vornehmen zusammen gewesen, und nach meiner Erfahrung ist ihnen weniger zu trauen als den Bauern.'--Karen hoerte immer mehr auf ihn als auf alle andern--und als sie spaeter den Pastorssohn traf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er hatte es auf sie abgesehen. Nirgends konnte sie mehr hin, ohne ihm zu begegnen. 'Geh weg,' sagte sie, 'es hilft Dir doch nichts.' Aber er lief ihr immer wieder nach, und so geschah es, dass sie zuletzt doch mal stillstehn und ihn anhoeren musste. Huebsch genug war er; als er aber zu ihr sagte, dass er nicht ohne sie leben koenne, da trieb er sie damit weg. Nun lauerte er ihr auf; fortwaehrend umkreiste er ihr Haus, aber sie kam nicht vor die Tuer; nachts stand er unter ihrem Fenster; aber sie liess sich nicht blicken; er sagte, er werde sich ein Leid antun; aber Karen wusste, was sie wusste. Da fing er wieder an, mehr zu trinken.--'Nimm Dich in acht,' sagte der Alte, 'das ist alles Teufelslist.' Eines Tages, als Karen in ihrer Stube war, stand ploetzlich, ohne dass man wusste, wie er hereingekommen war, der Pastorssohn vor ihr. 'Jetzt toete ich Dich', sagte er. 'Ja, wenn Du Dich getraust!' antwortete sie. Da fing er zu weinen an und sagte, dass es in ihrer Macht stehe, einen ordentlichen Menschen aus ihm zu machen. 'Kannst Du ein halbes Jahr das Trinken lassen?' sagte sie. Und er liess es ein halbes Jahr. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht bis Du Dich ein halbes Jahr allen lauten Vergnuegungen fern gehalten hast.' Das tat er. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht, wenn Du jetzt nicht fortreist und Dein Examen machst.' Auch das tat er, und nach einem Jahr kam er als richtiger Pastor zurueck. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er und hatte noch dabei Pastorenmantel und Kragen angelegt. Jetzt will ich Dich ein paarmal Gottes Wort verkuendigen hoeren.' Und das tat er klar und rein, wie es einem Pastor ziemt; er redete ueber seine eigene Niedrigkeit, und wie leicht der Sieg sei, wenn man ernstlich kaempfe, und von der Bedeutung der Worte Gottes, wenn man erst hin zu ihnen gefunden habe. Dann ging er wieder zu Karen. 'Ja, jetzt glaube ich, dass Du nach der wahren Erkenntnis lebst,' sagte Karen, 'und nun will ich Dir erzaehlen, dass ich schon drei Jahre mit meinem Vetter Andreas Hougen verlobt bin, und am naechsten Sonntag sollst Du uns in der Kirche aufbieten.'----" Damit schloss die Mutter. Synnoeve hatte anfangs gar nicht auf die Geschichte geachtet; dann aber staerker und staerker und zuletzt hing sie foermlich an jedem Wort. "Folgt nichts weiter?" fragte sie sehr bange. "Nein," antwortete die Mutter. Der Vater sah die Mutter an; da blickte die Mutter etwas unsicher zur Seite, dann sagte sie nach kurzem Nachdenken, und fuhr dabei mit den Fingern ueber die Tischplatte: "Es mag wohl noch etwas folgen;----aber das ist ja gleich."--"Folgt noch etwas?" fragte Synnoeve und wandte sich zu ihrem Vater, der ihr davon zu wissen schien.--"Oh--ja; aber wie Mutter sagt: das ist ja gleich."--"Wie erging es ihm?" fragte Synnoeve. "Ja, darum handelt sich's ja gerade", antwortete der Vater und sah die Mutter an; die hatte sich mit ihren Schultern an die Wand gelehnt und sah beide an.--"Wurde er ungluecklich?" fragte Synnoeve leise. "Wir machen den Schluss dort, wo er gemacht werden soll", sagte die Mutter und stand auf; der Vater ebenfalls; Synnoeve etwas spaeter. Achtes Kapitel Wieder vergingen einige Wochen, da schickte sich eines Morgens zu frueher Stunde alles in Solbakken zum Kirchgang an; es sollte heute Konfirmation sein,--in diesem Jahre etwas zeitiger als gewoehnlich,--und wie immer bei solcher Gelegenheit wurden die Haeuser zugeschlossen; denn alle gingen mit. Fahren wollten sie nicht; das Wetter war klar, wenn auch in der Fruehe etwas winterlich kalt und rauh; der Tag schien recht schoen zu werden. Der Weg zog sich rund um das Kirchspiel und an Granliden vorbei, liess den Hof links in kurzer Entfernung liegen und erreichte nach einer Viertelmeile die Kirche. Das meiste Korn war schon geschnitten und in Haufen geschichtet; die meisten Kuehe waren von der Alm getrieben und gingen kauend an Stricken auf Stoppeln und Gras; die Felder hatten sich zum zweitenmal begruent oder schimmerten weissgrau; ringsherum dehnte sich der Wald in seiner Farbenbuntheit; die Birke schon kahler, die Espe blassgoldig, die Eberesche mit vertrockneten, runzligen Blaettern, doch voll roter Beeren. Es hatte einige Tage stark geregnet; das niedre Gestruepp, das sich an den Wegkanten hoch arbeitete oder im Wegsande stand und nieste, erschien reingewaschen und frisch. Aber die Felsen fingen an sich schwerer ueber das Land zu neigen, je aerger sie der beutegierige Herbst entkleidete und ihnen ein ernstes Aussehen gab; wogegen die Felsbaeche, die im Sommer manchmal nur ein Scheindasein fuehrten, sich wild tummelten und mit grossem Laerm herunterfuhren; besonders wuchtig und prasselnd tat das der Granlidener, und namentlich unten im Geroell, wo der Fels nicht laenger mit wollte, sondern sich nach innen zurueckzog. Dort nahm der Bach auf dem Gestein einen tuechtigen Anlauf und sprang mit derartigem Jauchzen herunter, dass der Fels erbebte. Gewaschen wurde der fuer seine Verraeterei, denn der Wasserfall schickte ihm seine kribblichsten Strahlen gerade ins Gesicht. Einige neugierige Eisenbuesche, die sich dem Abhang genaehert hatten und beinahe fortgeschwemmt waeren, schlucksten jetzt krampfhaft im Wassersbade, denn der Giessbach war heut nicht eben sparsam. Thorbjoern ging mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern und den uebrigen Hausleuten gerade daran vorbei und sah es sich mit ihnen an; er war wieder ganz zu Kraeften gekommen und hatte sich schon ebenso tuechtig wie frueher an der Arbeit seines Vaters beteiligt; die zwei waren fast unzertrennlich; so auch heut.--"Ich glaube, hinter uns kommen die Solbakkener", sagte der Vater. Thorbjoern blickte sich nicht um; aber die Mutter setzte hinzu: "Jawohl, das sind sie;----aber ich sehe nicht------sie sind ja auch noch so weit." Entweder gingen nun die Granlidener schneller, oder die Solbakkener langsamer, denn der Abstand wurde immer groesser und groesser; zuletzt verloren sie sich ganz aus den Augen. Es schienen heut viele Menschen zur Kirche zu wollen; der lange Weg war ganz schwarz von Fussgaengern, Fahrenden und Reitern; die Pferde waren jetzt im Herbst mutig und wenig daran gewoehnt, mit anderen zusammen zu sein; sie wieherten unaufhoerlich, und es steckte eine Unruhe in ihnen, die das Fahren gefaehrlich, aber sehr vergnueglich machte. Je mehr sie sich der Kirche naeherten, desto groesseren Laerm machten die Pferde; jedes, das ankam, wieherte zu den schon dort stehenden hinueber; und diese zerrten am Halfter, trampelten mit den Hinterbeinen und antworteten den Ankoemmlingen. Alle Hunde aus dem Kirchspiel, die in der Woche aus weiter Ferne auf einander gelauscht, sich gereizt und angeklaefft hatten, trafen sich jetzt vor der Kirche und stuerzten sich paarweise oder rudelweise Hals ueber Kopf auf die Felder zu einer gehoerigen Balgerei. Die Menschen standen laengs der Kirchenmauer und den Haeusern, fuehrten Gespraeche im Fluesterton und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg vor der Mauer war nicht breit, die Haeuser lagen unweit von ihr auf der Seite gegenueber; und gern standen die Frauen und Maedchen an der Mauer, die Maenner und Burschen vor den Haeusern. Erst spaeter fanden sie den Mut, zueinander hinueberzugehen. Sahen sich Bekannte auf geringen Abstand, dann taten sie, als saehen sie sich nicht, bis nach altem Brauch die Zeit gekommen war;--es konnte ja passieren, dass ein Ausweichen nicht moeglich gewesen, dass sie sich begruessen mussten; aber dann geschah es mit halb abgewandtem Gesicht und knappen Worten; worauf sich beide Teile mit Vorliebe nach ihren verschiedenen Richtungen zurueckzogen. Als die Granlidener herankamen, wurde es fast noch stiller wie bisher; Saemund hatte nicht viele zu begruessen, und so ging es schnell durch die Reihen; aber die Frauen blieben gleich bei den Vordersten stehen. Deshalb mussten die Maenner, als sie zur Kirche wollten, erst wieder den Weg zurueck und zu den Frauen hinueber; in demselben Augenblick fuhren drei Wagen hintereinander, schaerfer als alle frueher gekommenen, heran und verlangsamten nicht einmal ihre und Fahrt, als sie in die Menge einbogen. Saemund und Thorbjoern, die beinahe ueberfahren wurden, blickten zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen sassen Knud Nordhoug und ein alter Mann; im zweiten seine Schwester und ihr Mann; im dritten die Eltern, die sich des Hofes begeben hatten. Vater und Sohn sahen sich an. In Saemunds Gesicht veraenderte sich kein Zug; Thorbjoern wurde ganz blass; schnell blickten beide wieder weg und geradeaus; dabei wurden sie die Solbakkener gewahr, die direkt vor ihnen Halt gemacht hatten, um Ingebjoerg und Ingrid zu begruessen. Die Ankunft der Wagen hatte ihr Gespraech abgeschnitten, sie verfolgten mit den Augen die Fahrenden, und es verging eine Weile, bis sie von ihnen ablassen konnten. Als sie allmaehlich die Ueberraschung verschmerzt hatten und nach einem Uebergang suchten, stiessen ihre Blicke auf Saemund und Thorbjoern, die dastanden und hinstarrten. Guttorm drehte sich um; aber seine Frau richtete sofort ihre Augen auf Thorbjoern; Synnoeve, die fuehlte, dass er sie ansah, wendete sich Ingrid zu und nahm sie bei der Hand, um sie zu begruessen, obgleich sie es schon einmal getan hatte. Aber alle merkten zu gleicher Zeit, dass ihre Dienstboten und ihre Bekannten ohne Ausnahme sie beobachteten, und nun schritt Saemund direkt hinueber und gab Guttorm mit abgewandtem Gesicht die Hand: "Dank fuer das vorige Mal!"--"Dir selber Dank fuer das vorige Mal."--Ebenso sagte seine Frau: "Dank fuer das vorige Mal!"--"Dir selber Dank fuer das vorige Mal"; aber sie blickte gar nicht dabei auf. Thorbjoern ging seinem Vater nach und tat wie er; Saemund kam zu Synnoeve; sie war die erste, die er ansah; sie sah auch ihn an, vergass aber dabei zu sagen: "Dank fuer das vorige Mal"; nun kam Thorbjoern; er sagte nichts; sie sagte nichts; sie gaben sich die Hand; aber nur ganz lose; keins von beiden schlug die Augen auf, keins konnte den Fuss von der Stelle bewegen.--"Das wird sicher praechtiges Wetter heut", sagte Karen Solbakken und behielt rastlos die beiden im Auge. Saemund war der erste, der ihr antwortete: "Jawohl, der Wind treibt die Regenwolken weg."--"Das ist gut fuers Getreide, das noch draussen steht und trockenes Wetter braucht", sagte Ingrid Granliden und fing an mit den Fingern auf Saemunds Rock herumzubuersten, vermutlich, weil sie glaubte, dass er staubig sei.--"Unser Herrgott hat uns ein gutes Jahr beschert; aber ob alles richtig unter Dach kommt, das ist noch ungewiss", sagte Karen Solbakken wieder und sah bestaendig auf die beiden, die noch immer regungslos dastanden. "Das kommt auf die Zahl der Arbeitskraefte an", sagte Saemund und stellte sich vor sie hin, dass sie nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern wollte, "ich habe mir gedacht, wenn sich ein paar Hoefe zusammentaeten, wuerd' es besser gehen."--"Sie wollen aber vielleicht das trockene Wetter zu derselben Zeit ausnutzen", sagte Karen und trat einen Schritt zur Seite.--"Na ja," sagte Ingebjoerg und stellte sich neben ihren Mann, so dass Karen gar nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern wollte; "aber auf manchen Feldern ist das Korn frueher reif als auf anderen; Solbakken ist uns oft vierzehn Tage voraus."--"Da koennten wir einander ja gut aushelfen", sagte Guttorm langsam, und naeherte sich einen Schritt. Karen warf ihm einen schnellen Blick zu.--"Es koennte jedoch auch vielerlei dazwischen kommen", fuegte er hinzu.--"So ist es", sagte Karen und machte einen Schritt nach der einen, dann einen Schritt nach der anderen Seite, dann noch einen und endlich einen zurueck.--"Ja, oft steht einem vielerlei im Wege", sagte Guttorm nicht ohne seinen Mund ein klein wenig zum Lachen zu verziehen.--"Wenn das so ist...", sagte Guttorm; aber seine Frau warf schnell dazwischen: "Menschenkraft reicht nicht weit; Gottes Kraft ist die groesste, sollte ich glauben, und auf ihn kommt es an."--"Er wird wohl nichts besonderes einzuwenden haben, wenn wir uns in Solbakken und Granliden bei der Ernte helfen?" sagte Saemund. "Nein," versetzte Guttorm, "dagegen kann er nichts einwenden"; und er blickte ernst seine Frau an. Die suchte dem Gespraech eine andere Wendung zu geben. "Heut ist lebhafter Kirchgang," sagte sie; "es tut einem wohl, die Menschen zu sehen, die zum Gotteshause streben." Keiner schien ihr antworten zu wollen,--da sprach Guttorm: "Ich glaube wohl, die Gottesfurcht nimmt zu; jetzt kommen mehr in die Kirche als in der Zeit, da ich jung war."--"Ja, ja,--das Volk vermehrt sich", sagte Saemund.--"Es sind wohl viele darunter--vielleicht der groesste Teil,--die nur die Gewohnheit hertreibt", erwiderte Karen Solbakken.--"Vielleicht die juengeren", sagte Ingebjoerg; und Saemund darauf: "Die wollen sich wohl gern hier treffen."--"Habt Ihr gehoert, dass sich der Pastor um eine andere Pfarre beworben hat?" sagte Karen und suchte dem Gespraech abermals eine Wendung zu geben. "Das waere schlimm," versetzte Ingebjoerg, "er hat alle meine Kinder getauft und auch konfirmiert."--"Nun soll er sie wohl auch noch erst trauen?" fragte Saemund und biss auf einen Span, den er gefunden hatte.--"Ich wundere mich,--der Gottesdienst muss doch bald anfangen", sagte Karen und sah nach der Kirchentuer.--"Ja, hier draussen ist es heut heiss", antwortete Saemund.--"Komm, Synnoeve, wir wollen jetzt hineingehen."--Synnoeve fuhr zusammen; denn sie hatte gerade mit Thorbjoern gesprochen.--"Willst Du nicht warten, bis es laeutet?" sagte Ingrid und schielte verstohlen nach Synnoeve; "dann koennen wir alle zusammengehen", setzte sie zu. Synnoeve wusste nicht, was sie antworten sollte. Saemund drehte sich um und sah sie an. "Wart's ab, dann laeutet es bald--fuer Dich", sagte er. Synnoeve wurde ganz rot; ihre Mutter sandte Saemund einen boesen Blick; aber der laechelte ihr zu: "Das wird so, wie unser Herrgott will; hast Du das nicht vorhin selbst gesagt?"--Und dann schlenderte er voraus, auf die Kirche zu; die anderen folgten ihm. Vor der Kirchentuer entstand ein Gedraenge und bei naeherer Untersuchung fand es sich, dass sie noch gar nicht offen war. Gerade als einige fortgingen, um nach dem Grund zu fragen, wurde sie aufgemacht, und die Menschen stroemten hinein; aber etliche gingen wieder zurueck, wodurch die Herankommenden voneinander getrennt wurden. Oben an der aeusseren Wand der Kirche standen zwei Maenner im Gespraech; der eine von ihnen,--gross und derb, mit blondem, aber struppigem Haar und einer Stumpfnase,--das war Knud Nordhoug; als er die Granlidener unweit vor sich sah, brach er das Gespraech ab; es wurde ihm etwas wunderlich zumut,--aber er blieb stehen. Saemund musste gerade an ihm vorbei, und tat's nicht, ohne ihm einige Blicke zuzuwerfen; Knud schlug die Augen nicht nieder; aber sie flackerten doch etwas. Dann kam Synnoeve; und sobald sie unerwartet Knud vor sich sah, wurde sie leichenblass. Da schlug Knud die Augen nieder und trat von der Wand zurueck, um fortzugehen. Er hatte kaum ein paar Schritte gemacht, da sah er vier Gesichter, deren Augen auf ihn gerichtet waren; Guttorm und seine Frau, Ingrid und Thorbjoern. Verwirrt wie er war, ging er direkt auf sie zu, so dass er bald wider Wissen und Willen fast Kopf an Kopf mit Thorbjoern stand; erst schien er sich beiseite druecken zu wollen; aber der Menschen wegen, die kamen und gingen, machte sich das nicht so leicht. Ihre Begegnung erfolgte gerade auf den Steinfliessen vor dem Kircheneingang; oben auf der Schwelle der Vorhalle war Synnoeve stehen geblieben; Saemund etwas hinter ihr; sie konnten von ihrem hoeheren Platz aus deutlich von allen draussen gesehen werden und alle sehen. Fuer Synnoeve war alles andere versunken; sie starrte nur auf Thorbjoern; ebenso Saemund, seine Frau, das Ehepaar aus Solbakken und Ingrid. Das merkte und fuehlte Thorbjoern; er stand wie festgenagelt; aber Knud dachte, dass er jetzt etwas tun muesse, und darum streckte er die eine Hand etwas vor, aber er sagte nichts. Auch Thorbjoern streckte eine Hand vor; aber nicht soweit, dass sich die Haende beider fassen konnten. "Dank fuer..." fing Knud an, besann sich jedoch schnell, dass dieser Gruss nicht recht hierher passte, und trat einen Schritt zurueck. Thorbjoern sah hoch, sein Blick traf Synnoeve, die weiss wie Schnee war. Er tat einen tuechtigen Schritt vorwaerts, ergriff kraeftig Knuds Hand und sagte, sodass es die Naechsten hoeren konnten: "Dank fuer das vorige Mal--das kann uns beiden eine gute Lehre gewesen sein." Knud gab einen Laut, ungefaehr wie einen Schluckser, von sich und versuchte zwei- oder dreimal etwas zu sagen; aber es gelang ihm nicht. Thorbjoern hatte nichts mehr zu sagen und wartete--er sah nicht auf; er wartete nur. So fiel kein Wort mehr zwischen beiden, doch wie Thorbjoern noch immer dastand und dabei sein Gesangbuch in den Haenden herumdrehte, fiel es zur Erde. Sofort bueckte sich Knud, hob es auf und reichte es ihm. "Ich danke Dir", sagte Thorbjoern, der sich gleichfalls gebueckt hatte; er blickte auf, aber da Knud wieder zu Boden schaute, dachte Thorbjoern: das beste ist, ich gehe jetzt. Und dann ging er. Die anderen gingen ebenfalls, und als sich Thorbjoern hingesetzt hatte und eine Weile darauf zu den Frauen hinuebersah, traf sein Blick Ingebjoerg, die ihm muetterlich zulaechelte, und Karen Solbakken, die sicher darauf gewartet hatte, er moege hinuebersehen; denn sobald er sie ansah, nickte sie ihm dreimal zu; und als ihn dies stutzig machte, nickte sie wieder dreimal, und noch freundlicher als zuvor.--Vater Saemund fluesterte ihm in das Ohr: "Das habe ich mir gleich gedacht." Das Einleitungsgebet war gesprochen, das erste Lied aus dem Gesangbuch gesungen, schon stellten sich die Konfirmanden auf, da erst fluesterte Saemund wieder: "Aber dem Knud wird's nicht leicht, gut zu sein; lasse es immer recht weit von Granliden nach Nordhoug bleiben." Die Konfirmation begann; der Pastor trat hervor, und die Kinder stimmten das Einsegnungslied von Kingo an. Wenn nun dieser Kinderchor und nur dieser Kinderchor so voll Vertrauen und so hell singt, dann werden die aelteren Leute sehr geruehrt, und besonders diejenigen, die ihre eigene Konfirmation noch frischer im Gedaechtnis haben. Wenn dann tiefe Stille eintritt, und der Pastor, seit mehr als zwanzig Jahren derselbe, der fuer jeden einzelnen immer eine schoene Stunde uebrig gehabt hatte, da er ihn auf ein Hoeheres hingewiesen,--wenn dieser Pastor die Haende faltet und zu reden anhebt, dann waechst die Ruehrung in der Gemeinde. Und den Kindern kommen die Traenen, wenn er sich an die Eltern wendet und sie auffordert, fuer ihre Kinder zum lieben Gott zu beten. Thorbjoern, der vor kurzem dem Tode nahe gewesen und unlaengst noch geglaubt hatte, er werde sein Lebenlang siech bleiben, weinte heftig, besonders als die Kinder ihr Geluebde ablegten, und alle in der tiefsten Ueberzeugung, dass sie es auch halten koennten. Er sah nicht ein einzigesmal zu den Frauen hinueber; aber nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid und fluesterte ihr etwas ins Ohr; dann ging er schnell durch das Gedraenge hinaus. Einige wollten wissen, dass er ueber den Huegel dem Walde zu statt auf der Fahrstrasse geschritten sei; aber sicher wussten sie es auch nicht. Saemund suchte ihn, gab es aber auf, als er entdeckte, dass Ingrid ebenfalls fort war; dann suchte er die Solbakkener; Guttorm und Karen liefen ueberall herum und fragten jeden nach Synnoeve; aber zufaellig hatte keiner sie gesehen. Da zogen sie nach Hause, jedes Ehepaar fuer sich, doch ohne ihre Kinder. Doch weit vorn auf der Strasse gingen Synnoeve wie auch Ingrid. "Fast tut es mir leid, dass ich mitgekommen bin", sagte jene.--"Jetzt ist es nicht mehr so gefaehrlich; Vater weiss es ja", antwortete die andere.--"Aber er ist doch nicht mein Vater", sagte Synnoeve. "Wer weiss?" entgegnete Ingrid--und dann sprachen sie nicht mehr darueber.--"Hier sollten wir ja warten", sagte Ingrid, als sie bei einer scharfen Wegkante an einen dichten Wald kamen.--"Er hat einen weiten Umweg zu machen", versetzte Synnoeve.--"Er ist aber schon da", fuegte Thorbjoern hinzu, der hinter einem grossen Stein gestanden hatte und nun hervortrat. Er hatte sich alles, was er sagen wollte, fix und fertig im Kopf zurecht gelegt, und er hatte nicht wenig zu sagen. Aber heut sollte es auch frisch heraus, weil sein Vater es wusste und damit einverstanden war; das glaubte Thorbjoern nach den Vorgaengen heute bei und in der Kirche bestimmt annehmen zu koennen. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einer Aussprache gesehnt, und da musste er doch heute freier reden koennen als frueher! "Am besten gehen wir wohl auf dem Waldweg," sagte er, "da kommen wir rascher vorwaerts." Die beiden Maedchen sagten nichts, aber folgten ihm. Eigentlich hatte er sofort mit Synnoeve reden wollen; aber dann wollte er doch lieber bis jenseits des Huegels warten, und dann, bis sie den Sumpf hinter sich hatten; dort aber meinte er, sie muessten erst weiter in den Wald hineinkommen. Ingrid, die recht gut merkte, dass die entscheidenden Worte zwischen den beiden nicht flott in Fluss gerieten, verlangsamte ihre Schritte, und blieb mehr und mehr zurueck, bis sie schliesslich nicht mehr zu sehen war. Synnoeve tat, als merke sie das nicht, bueckte sich hier und da nach einer Beere am Wegsaum, und pflueckte sie. "Das muesste doch merkwuerdig zugehen, wenn ich nicht mit der Sprache heraus koennte," dachte Thorbjoern, und so sagte er: "Schoenes Wetter heute."--"Recht schoenes Wetter", antwortete Synnoeve. Sie schritten ein Stueckchen weiter, sie suchte Beeren--und er, er ging daneben.--"Das war huebsch von Dir, dass Du mitgekommen bist", sagte er dann; sie entgegnete nichts.--"Wir haben einen sehr langen Sommer gehabt", fing er wieder an; aber darauf antwortete sie gar nichts.--Nein, solange wir gehen, dachte Thorbjoern, kommen wir nicht ordentlich zum Reden. "Wollen wir nicht auf Ingrid warten?" fragte er.--"Ja, das wollen wir", entgegnete Synnoeve und blieb stehen. Hier gab es keine Beeren, und so konnte sie sich auch nicht danach buecken; das hatte Thorbjoern ganz gut gesehen; aber Synnoeve pflueckte einen langen Grashalm, und nun stand sie da und zog die Beeren auf dem Halm auf. "Heute musste ich immer an die Zeit denken, wie wir zusammen zur Konfirmation gegangen sind", sagte er. "Daran musste ich auch immer denken", erwiderte sie.--"Seitdem ist eine Menge passiert"--und da sie still blieb, fuhr er fort: "aber meistens Geschichten, die wir nicht erwartet haben." Synnoeve hatte viel mit Halm und Beeren zu tun und musste den Kopf dabei senken; er trat einen Schritt vor sie hin, um ihr in das Gesicht zu sehen; doch als ob sie's merke, veraenderte sie ihre Stellung so, dass er gezwungen wurde, sich wieder anders zu drehen. Da bekam er fast Angst, dass er seine Angelegenheit nicht vorwaerts bringe. "Synnoeve, Du hast mir doch etwas zu sagen?" Sie sah auf und lachte. "Was soll ich Dir zu sagen haben?" Er gewann seinen alten Mut wieder und wollte sie umfassen; aber als er ihr nahe kam, traute er sich nicht recht und fragte nur ganz geduckt: "Ingrid hat doch mit Dir geredet?"--"Ja", antwortete sie. "Dann musst Du auch etwas wissen", sprach er weiter. Sie schwieg. "Dann musst Du auch etwas wissen", wiederholte er, und trat noch einmal auf sie zu. "Du musst wohl auch etwas wissen", entgegnete sie;--ihr Gesicht konnte er nicht sehen. "Ja", sagte er, und wollte ihre eine Hand fassen; aber sie war gerade zu sehr mit dem Halm beschaeftigt. "Dumme Geschichte das," sagte er, "Du machst mich immer kleinmuetig."--Weil er nicht bemerken konnte, dass sie darueber laechelte, wusste er nicht, wie er fortfahren sollte. "Kurz und gut," stiess er ploetzlich mit starker, aber doch etwas unsicherer Stimme vor: "Was hast Du mit dem Zettel gemacht?" Sie antwortete nicht; wandte sich aber ab. Er folgte ihrer Bewegung, legte die eine Hand auf ihre Schulter und neigte sich ihr zu: "Antworte mir", fluesterte er.----"Ich hab' ihn verbrannt."---- Er nahm sie und drehte sie zu sich hin, aber als er sah, dass ihr die Traenen in die Augen traten, da blieb ihm nichts anderes uebrig als sie loszulassen;--das ist doch aergerlich, dass ihr die Traenen so locker sitzen, dachte er. Mit einem Mal sagte sie;--jedoch ganz leise: "Warum hast Du den Zettel geschrieben?"--"Das hat Ingrid Dir ja gesagt."--"Ja wohl; aber--sehr boese und hart war's von Dir."--"Vater hat's gewollt."--"Trotzdem--"--"Er hat geglaubt, ich wuerde mein ganzes Leben lang ein kranker Mensch bleiben; aber jetzt bin ich soweit, dass ich fuer Dich sorgen kann", sagte er. Ingrid erschien unten am Huegel, und da machten sich die beiden wieder auf den Weg. "Damals, als ich glaubte, ich koennte Dich nicht mehr kriegen, warst Du mir am naechsten", sprach er.--"Wenn man allein ist, geht man pruefend in sich", erwiderte sie.--"Ja, da zeigt sich's am besten, wer die groesste Macht ueber uns hat", sagte Thorbjoern und schritt ernst neben ihr her. Jetzt pflueckte sie keine Beeren mehr. "Willst Du ein paar haben?" fragte sie und reichte ihm den Halm hin. "Danke", antwortete er und hielt ihre Hand fest. "Dann ist es wohl besser, es bleibt beim alten", brachte er mit etwas schwankender Stimme hervor.--"Ja", fluesterte sie unhoerbar, und wandte den Kopf ab; nun gingen sie weiter, und solange sie schwieg, traute er sich nicht, sie zu beruehren oder mit ihr zu sprechen; aber sein ganzer Koerper wurde mit einemmal so leicht, so leicht--und beinahe waere er hingepurzelt. Vor seinen Augen flimmerte und brannte es; und da Synnoeve und er nun auf einen Huegel kamen, von dem sie Solbakken gut uebersehen konnten, war es ihm, als sei er sein ganzes Leben dort drueben zu Hause gewesen, und habe Heimweh dahin gehabt. "Ich gehe gleich mit ihr hinueber," dachte er, schritt aus, und schoepfte sich aus dem Bilde, das sich ihm bot, immer neuen Mut, so dass sein Vorsatz sich mit jedem Schritt befestigte. "Vater hilft mir," dachte er; "ich ertrag's nicht laenger", und er ging schnell und schneller, immer geradeaus. Kirchspiel und Hof lagen in hellem Licht. "Ja, heute! Nicht eine Stunde wart' ich laenger," und er fuehlte sich so stark, dass er im Augenblick nicht wusste, wie er das betaetigen solle. "Du reisst mir ja beinah aus," hoerte er eine sanfte Stimme hinter sich rufen. Es war Synnoeve; vergebens hatte sie versucht, ihm nachzukommen, und musste es jetzt aufgeben. Er schaemte sich recht, kehrte um, ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu und dachte: jetzt will ich sie mal gleich hoch in die Luft schwenken; aber als er bei ihr war, liess er es lieber bleiben. "Ich gehe zu schnell", sagte er. "Ja, viel zu schnell", antwortete sie. Nun waren sie der Landstrasse nahe; Ingrid, die in der ganzen Zeit unsichtbar geblieben, war auf einmal dicht hinter ihnen. "Nun duerft Ihr nicht laenger zusammengehen", sagte sie. Das war Thorbjoern etwas zu frueh, er erschrak; auch Synnoeve wurde etwas beklommen. "Ich habe Dir noch so viel zu sagen", fluesterte er. Sie konnte ein leichtes Laecheln nicht unterdruecken. "Ja, ja," sagte er, "das naechste Mal"--und ergriff ihre Hand. Mit klarem, vollem Blick sah sie zu ihm auf; ihm wurde ganz warm, und wieder schoss ihm der Gedanke durch den Kopf: "Ich gehe gleich mit ihr." Da zog sie behutsam ihre Hand zurueck, wandte sich ruhig zu Ingrid, sagte ihr Lebewohl und schritt langsam zur Strasse hin. Und er, er blieb, wo er war. Die Geschwister gingen durch den Wald nach Hause. "Habt Ihr Euch ausgesprochen?" fragte Ingrid.--"Nein, der Weg war zu kurz", antwortete er; aber ging so schnell, als ob er nichts mehr hoeren wolle. "Na?" sagte Saemund und sah vom Mittagessen auf, als die Geschwister in die Stube traten. Thorbjoern antwortete nicht; er ging zu der Bank der gegenueberliegenden Wand, vermutlich, um seinen Rock auszuziehen; Ingrid ging ihm nach und kicherte. Saemund fing wieder an zu essen, blickte dann und wann auf Thorbjoern, tat dabei, als sei er mit dem Essen sehr beschaeftigt, lachte leise vor sich hin und ass weiter. "Komm her und iss," rief er, "sonst wird das Essen kalt."--"Danke, ich habe keinen Hunger", antwortete Thorbjoern und setzte sich. "So?"--und Saemund ass. Nach einem Weilchen sagte er: "Ihr wart ja heut mit einemmal aus der Kirche."--"Wir hatten mit jemand zu reden", erwiderte Thorbjoern und hockte mit krummem Buckel.--"Na, habt Ihr denn mit ihm geredet?"--"Das weiss ich fast selber nicht", versetzte Thorbjoern.--"Den Teufel auch", brummte Saemund und ass. Es dauerte nicht lange mehr, da war er fertig und stand auf; er ging zum Fenster, blieb stehen und sah hinaus; bald darauf drehte er sich um: "Du, komm, wir wollen ein bisschen aus und uns die Felder besehen." Thorbjoern stand auf. "Nein, zieh Dir erst den Rock an." Thorbjoern, der in Hemdsaermeln dagesessen hatte, nahm einen alten Arbeitsrock, der hinter ihm hing.--"Siehst Du nicht, dass ich den guten anhabe?" rief Saemund. Nun zog Thorbjoern auch seinen Sonntagsrock an. Dann gingen sie fort; Saemund voran, Thorbjoern hinterher. Sie nahmen die Richtung der Fahrstrasse. "Wollen wir nicht zur Gerste?" fragte Thorbjoern. "Nein, zum Weizen", antwortete Saemund. Gerade als sie auf die Strasse kamen, fuhr ein Wagen langsam auf sie zu. "Der Wagen ist aus Nordhoug", sagte Saemund.--"Das Jungvolk von Nordhoug sitzt drin", fuegte Thorbjoern hinzu; Jungvolk bedeutet naemlich das junge Paar. Der Wagen hielt, als die Granlidener herankamen. "Wirklich ein Staat von Frauenzimmer ist die Marit Nordhoug", fluesterte Saemund, und wandte kein Auge von ihr; sie sass etwas zurueckgelehnt im Wagen und hatte ein Tuch lose um den Kopf, ein andres um den Nacken und die Brust geschlungen; sie blickte steif vor sich hin und auf die beiden Fussgaenger. Der Mann sah sehr blass und mager und noch sanfter als frueher aus, etwa wie einer, der Kummer hat und sich ihn nicht vom Herzen reden kann. "Ihr seid wohl aus, um nach dem Korn zu sehen?" fragte er.--"Das will ich meinen", antwortete Saemund.--"Gut steht's dies Jahr."--"Hat schon schlechter gestanden."--"Ihr kommt heute spaet zurueck", sagte Thorbjoern.--"Hatte zu vielen Adieu zu sagen."--"Was?--willst Du denn verreisen?" fragte Saemund.--"Ja, das will ich, ja."--"Weit?"--"Ach, ja."--"Wie weit denn?"--"Nach Amerika."--"Nach Amerika?" riefen die beiden Granlidener auf einmal. "Ein Mann, der sich eben erst verheiratet hat!" setzte Saemund hinzu. Der Mann laechelte. "Ich glaube, ich bleibe von wegen meinem Fuss hier, sprach der Fuchs, da sass er im Eisen fest." Marit sah ihn und darauf die anderen an; eine leichte Roete flog ueber ihr Gesicht; aber kein Zug veraenderte sich.--"Die Frau geht wohl mit?" fragte Saemund.--"Nein, das tut sie nicht."--"In Amerika soll man's leicht zu was bringen", sagte Thorbjoern,--er hatte die Empfindung, das Gespraech duerfe nicht stocken.--"Na, ja", sagte der Mann.--"Aber Nordhoug hat doch guten Boden und ist gross", versetzte Saemund.--"Es sind zu viele drauf", antwortete der Mann; seine Frau sah ihn wieder an. "Der eine steht dem andern im Wege", fuegte er hinzu. "Glueckliche Reise!" sagte Saemund und gab ihm die Hand. "Gott lasse Dich finden, was Du suchst." Thorbjoern blickte seinem Schulkameraden lange und fest in die Augen: "Ich moechte spaeter noch mit Dir reden", sagte er.--"Es tut einem gut, wenn man mit jemand reden kann", antwortete der Mann und schrapte mit dem Peitschenstiel auf dem Boden des Wagens. "Komm doch mal zu uns", sagte Marit; und Thorbjoern und Saemund sahen fast verdutzt die Frau an; es war ihnen immer wieder etwas Neues, dass sie eine so sanfte Stimme hatte. Das Paar fuhr weiter; langsam rollte der Wagen dahin; eine kleine Staubwolke umkreiste ihn, die Abendsonne senkte ihre Strahlen gerade auf ihn herunter; vom dunklen Friesrock des Mannes hoben sich flimmernd und schimmernd die seidenen Tuecher der Frau ab;--ein Huegel kam; der Wagen verschwand. ----Lange schritten Vater und Sohn nebeneinander her, bis einer ein Wort sprach. "Ich glaube, ich irre mich nicht; es wird lange dauern, bis der wiederkommt", meinte Thorbjoern, und Saemund antwortete: "Ist auch das beste, wenn einer sein Glueck nicht im Lande gefunden hat."--Und sie schritten wieder stumm weiter. "Du gehst ja am Weizen vorbei", rief Thorbjoern. "Den besehen wir uns auf dem Rueckweg";--und sie schritten weiter. Thorbjoern mochte nicht recht fragen wohin; denn die Granlidener Feldmark liessen sie hinter sich. Neuntes Kapitel Als Synnoeve rot im Gesicht und atemlos eintrat, waren Guttorm und Karen Solbakken schon mit dem Essen fertig. "Aber liebes Kind, wo bist Du denn gewesen?" fragte die Mutter.--"Ich bin mit Ingrid etwas zurueckgeblieben", antwortete Synnoeve, und knuepfte sich gemach ein paar Tuecher ab; der Vater suchte im Schrank nach einem Buch. "Was habt Ihr denn solange zu reden gehabt?"--"Ach, nichts besonderes."--"Dann war' es besser gewesen, Du haettest auf dem Kirchgang keinen Umweg gemacht."--Sie stand auf und stellte der Tochter zu essen hin. Nachdem Synnoeve sich an den Tisch gesetzt hatte, fragte die Mutter, die ihren Platz ihr gegenueber wieder eingenommen hatte: "Hast Du vielleicht noch mit andern geredet?"--"Ja, noch mit manchem", antwortete Synnoeve.--"Das Kind muss doch mit Leuten reden", sagte Guttorm. "Gewiss muss sie das," versetzte die Mutter etwas sanfter; "aber sie haette doch mit ihren Eltern gehen koennen."--Darauf bekam sie keine Antwort. "Das war ein herrlicher Kirchgang heut," fing sie wieder an, "die Jugend in der Kirche tut einem gut."--"Man denkt an seine eignen Kinder", setzte Guttorm hinzu.--"Da hast Du recht," sagte die Mutter, und seufzte; "keiner weiss, wie es ihnen mal gehen wird." Guttorm sprach lange kein Wort. "Wir haben Gott herzlich dafuer zu danken," sagte er endlich, "dass er uns eines gelassen hat." Die Mutter wischte mit den Fingern ueber den Tisch und blickte nicht auf; "sie ist doch unsere groesste Freude", sprach sie leise; "sie ist auch nicht aus der Art geschlagen", fuegte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange Pause. "Ja, sie hat uns immer grosse Freude gemacht," sagte Guttorm, und etwas spaeter mit weicher Stimme: "Gott schenke ihr Glueck!"--Die Mutter wischte mit den Fingern ueber den Tisch; eine Traene fiel darauf, und sie wischte sie weg.--"Warum isst Du denn nicht?" fragte Guttorm, als er nach einem Weilchen aufblickte.--"Danke, ich bin satt", antwortete Synnoeve. "Aber Du hast ja noch gar nichts gegessen," sagte nun auch die Mutter, "und Du hast einen so weiten Weg gemacht."--"Ich kann nicht", entgegnete Synnoeve und zupfte eifrig am Zipfel ihres Brusttuchs.--"Iss, mein Kind", wiederholte der Vater.--"Ich kann nicht", sagte Synnoeve abermals und fing zu weinen an.--"Aber, liebes Kind, warum weinst Du denn?"--"Ich weiss nicht", und sie schluchzte. "Sie weint so leicht", sagte die Mutter, der Vater stand auf und ging an das Fenster. "Dort kommen zwei Maenner auf den Hof zu", sagte er. "Was? jetzt am spaeten Nachmittag?" fragte die Mutter und ging auch an das Fenster. Sie sahen lange hinaus. "Wer kann denn das bloss sein?" sprach sie, aber nicht gerade, als ob sie fragen wollte. "Ich weiss nicht", versetzte Guttorm, und sie sahen und sahen. "Das verstehe ich nicht recht", sagte sie.--"Ich auch nicht", sagte er.--"Aber sie muessen es doch sein", sagte sie endlich. "Allerdings", bekraeftigte Guttorm. Die Maenner kamen naeher und naeher; der aeltere blieb stehen und blickte zurueck; der juengere gleichfalls; dann schritten sie weiter. "Verstehst Du, was sie wollen?" fing Karen wieder an, in demselben Ton wie vorhin. "Nein, das versteh' ich nicht", versetzte Guttorm. Die Mutter drehte sich um, ging zum Tisch, nahm das Geschirr ab und raeumte etwas auf. "Du musst Deine Tuecher wieder umbinden," sprach sie zu Synnoeve; "es kommt Besuch." Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da oeffnete Saemund die Tuer und trat ein; Thorbjoern hinter ihm. "Gesegnete Mahlzeit", sagte Saemund, blieb einen Augenblick an der Tuer stehen und trat dann langsam ein, um jeden einzelnen zu begruessen; Thorbjoern folgte. Sie kamen zuletzt zu Synnoeve, die noch in einer Ecke mit dem Tuch in der Hand stand, nicht wusste, ob sie es umbinden sollte, ja, kaum wusste, ob sie es in der Hand hielt. "Nehmt Platz, wo Ihr wollt", sagte die Frau. "Danke, der Weg hier herueber ist nicht weit gewesen", antwortete Saemund, setzte sich aber doch; Thorbjoern neben ihn. "Ihr wart ja heut nach der Kirche mit einemmal fort", sagte Karen. "Wir haben Euch gesucht", antwortete Saemund. "Heut waren viele Menschen da", sagte Guttorm. "Sehr viele Menschen," wiederholte Saemund, "es war ein schoener Kirchtag."--"Ja, wir haben eben davon gesprochen", sagte Karen.--"Es ist einem bei solcher Konfirmation so wunderlich zumute, wenn man selber Kinder hat", fuegte Guttorm hinzu. Seine Frau rueckte auf der Bank etwas ab. "Ja, freilich," sagte Saemund, "da denkt man ernstlich ueber sie nach,--und deshalb habe ich mich hierher auf den Weg gemacht", sprach er weiter, sah sich fest und sicher um, nahm den Kautabak aus dem Mund, schob ein anderes Stueck hinein, und legte das alte behutsam in eine Messingdose. Guttorm, Karen und Thorbjoern sahen unruhig hierhin und dorthin.--"Ich dachte mir, ich muesste mit Thorbjoern mal hergehen," begann Saemund langsam; "allein haette er es wohl sobald nicht fertig gekriegt und haette sich auch allein nicht gut Bescheid holen koennen", dabei blinzelte er zu Synnoeve hinueber, die das merkte. "Die Sache liegt nun so, dass er seinen Sinn auf sie gerichtet hat, auf sie, die Synnoeve, seit der Zeit, da er Verstand genug fuer so etwas hatte; und es liegt wohl ebenfalls einigermassen so, dass sie auch ihren Sinn auf ihn gerichtet hat. Und da meine ich, ist es das beste, wenn die beiden fuer immer zusammenkommen. Damals, als ich sah, dass er sich selber nicht im Zaum halten konnte, geschweige denn andere, da war ich wenig dafuer. Aber jetzt glaube ich, ich kann fuer ihn buergen; und kann ich's nicht, so kann sie's; denn sie hat die groesste Macht ueber ihn.--Was meint Ihr also dazu? Wollen wir sie zusammentun? Das hat ja weiter keine grosse Eile, aber ich weiss auch nicht, warum wir noch damit warten wollen. Du, Guttorm, bist ein Mann mit Vermoegen; meins ist kleiner und geht mal spaeter in mehrere Teile; aber ich denke, die Sache laesst sich doch machen. Jetzt sagt also Eure Meinung frei heraus; das Maedchen frage ich zuletzt, denn ich glaube, ich weiss, was sie will!" Also sprach Saemund. Guttorm sass krumm auf der Bank, legte abwechselnd eine Hand ueber die andere und machte mehrmals Miene, sich aufzurichten, indem er jedesmal staerker Atem holte; aber erst nach dem vierten- und fuenftenmal bekam er den Ruecken gerade, strich mit der Hand ueber das Knie, und sah seine Frau an, streifte aber gleichzeitig Synnoeve mit den Blicken. Karen sass am Tisch und wischte mit den Fingern darueber hin. "Nun ja--das ist ein schoener Antrag", sagte sie. "Ja, ich meine, wir sollen ihn mit Dank annehmen", sagte Guttorm laut, und seiner Stimme war eine betraechtliche Erleichterung anzuhoeren; dann sah er von seiner Frau fort und auf Saemund, der die Arme gekreuzt und den Ruecken an die Wand gelehnt hatte. "Wir haben nur die eine Tochter," sagte Karen, "wir muessen's uns erst ueberlegen."--"Dem steht weiter nichts im Wege," erwiderte Saemund, "aber ich weiss nicht, warum Ihr nicht gleich antworten koennt, brummte der Baer, als er den Bauern gefragt hatte, ob er nicht seine Kuh kriegen koenne."--"Gewiss koennen wir gleich antworten", versetzte Guttorm und sah seine Frau an. "Thorbjoern kann aber manchmal so wild sein", sagte sie, blickte jedoch nicht auf. "Das hat sich gebessert," erwiderte Guttorm; "Du weisst, was Du heut selber gesagt hast!"----Das Ehepaar sah sich abwechselnd an; das dauerte eine volle Minute. "Koennten wir uns auf ihn verlassen", sagte die Frau. "Ja," ergriff nun Saemund wieder das Wort, "was das betrifft, kann ich nur sagen, was ich vorhin gesagt habe; mit der Fahrt geht's gut, wenn sie die Zuegel haelt. Sie hat eine Macht ueber ihn, wie man sich's kaum vorstellen kann. Das ist mir damals klar geworden, als er zu Hause bei mir krank lag und noch nicht wusste, was mit ihm wuerde, ob er wieder aufkomme oder nicht."--"Du musst nicht so hartnaeckig sein," sagte Guttorm, "Du weisst doch, was sie selber will, und wir leben doch nur fuer sie." Da blickte Synnoeve zum erstenmal auf und sah ihren Vater gross und dankbar an. "Ach ja," begann Karen, nachdem es eine Weile still gewesen, und wischte mit den Fingern ueber den Tisch; "wenn ich solange dagegen war, dann habe ich's nicht schlecht gemeint.--Ich war wohl nicht so hart, wie sich's anhoerte"; sie blickte auf und lachte; aber es wollten ihr Traenen kommen. Da stand Guttorm auf. "So ist denn in Gottes Namen das eingetroffen, was ich am meisten auf der Welt gewuenscht habe", sagte er und ging auf Synnoeve zu. "Ich habe gar keine Angst deswegen gehabt," sagte Saemund und stand ebenfalls auf; "was zusammen soll, das kommt zusammen." Und er ging auf Synnoeve zu. "Na, was meinst Du dazu, mein Kind?" sagte die Mutter, und ging nun auch auf Synnoeve zu. Die sass immer noch da; alle umstanden sie mit Ausnahme von Thorbjoern, der dort sass, wo er sich zuerst hingesetzt hatte. "Du musst aufstehen, mein Kind", fluesterte die Mutter ihr zu; sie stand auf und laechelte, wandte sich ab und weinte.--"Unser Herrgott sei Dein Geleit jetzt wie alle Zeit", sagte die Mutter, umarmte sie und weinte mit ihr zusammen. Die beiden Maenner traten zurueck; jeder ging zu seinem alten Platz. "Du musst zu ihm hingehen", sagte die Mutter immer noch unter Traenen, liess sie los und schob sie sanft vorwaerts. Synnoeve tat einen Schritt; aber blieb stehen, weil sie nicht weiter konnte; Thorbjoern sprang auf, ging auf sie zu, ergriff ihre Hand, wusste nicht, wie er sich benehmen sollte, und blieb Hand in Hand mit ihr stehen, bis sie ihre sacht zurueckzog. Dann standen sie schweigend nebeneinander. Lautlos oeffnete sich die Tuer, und ein Kopf erschien im Rahmen. "Ist Synnoeve hier?" fragte jemand bedaechtig. Es war Ingrid Granliden. "Jawohl, hier ist sie, komm nur herein", antwortete ihr Vater. Ingrid zauderte. "Komm nur; hier steht alles ganz gut", fuegte er hinzu. Alle sahen sie an. Sie schien etwas verlegen; "ich bin aber nicht allein hier", sagte sie. "Wer ist denn noch da?" fragte Guttorm. "Mutter!" erwiderte sie leise. "Immer herein mit ihr!" riefen alle vier in der Stube auf einmal. Und die Hausfrau ging ihr entgegen, waehrend die anderen sich freudestrahlend ansahen.--"Komm nur, Mutter, Du kannst gern herein", hoerten sie Ingrid sagen.--Und herein kam Ingebjoerg mit ihrer weissen Haube. "Ich hab's wohl gemerkt," sagte sie, "wenn Saemund seinen Mund auch nicht auftun kann; und da hielten die Ingrid und ich es nicht laenger aus--wir mussten her."--"Und hier stehen die Dinge so, wie Du's wuenschst", sagte Saemund und machte Platz, damit sie besser herankoenne.--"Gott segne Dich, mein Kind, dafuer, dass Du ihn an Dich geknuepft hast," sprach sie zu Synnoeve, und umarmte und streichelte sie; "Du hast solange, solange fest zu ihm gehalten, und jetzt ist alles gekommen, wie Du es gewollt hast." Und sie streichelte ihr die Backen und das Haar, und ueber ihr eigenes Gesicht rannen Traenen, aber sie beachtete sie nicht; sie trocknete nur Synnoeve die Traenen ab. "Ja, er ist ein lieber, ein tuechtiger Junge," sagte sie, "und jetzt bin ich auch seinetwegen ganz sicher"; und sie zog die neue Tochter inniger in ihre Arme. "Mutter weiss mehr in ihrer Kueche," sagte Saemund, "als wir, die in der Sache drinstehen." Die Traenen und die Ruehrung liessen allmaehlich nach; die Hausfrau begann an das Abendessen zu denken, und forderte Ingridchen auf, ihr zu helfen, "denn Synnoeve ist heute abend zu nichts zu gebrauchen." Und so gingen die beiden an die Arbeit und kochten Rahmgruetze. Die Maenner gerieten in ein Gespraech ueber die Ernte und dergleichen. Thorbjoern hatte sich an das Fenster gesetzt; Synnoeve schlich zu ihm hin und legte die Hand auf seine Schulter. "Wonach siehst Du?" fragte sie. Da wendete er ihr seinen Kopf zu, sah sie lange und mit sanfter Zaertlichkeit an, dann blickte er wieder hinaus: "Ich sehe nach Granliden hinueber," sagte er, "es ist so wunderlich, Granliden von hier aus zu sehen." * * * * * ARNE Erstes Kapitel Dort unten zwischen zwei Felsen war eine tiefe Schlucht; durch diese Schlucht wand sich schwerfaellig ueber Geroell und Steine ein wasserreicher Fluss. Hoch und steil stieg es zu beiden Seiten an, und die eine Felswand war ganz nackt; unten aber, so nahe am Fluss, dass im Fruehling und im Herbst das Wasser ihn benetzte, draengte sich ein praechtiger Wald zusammen, schaute in die Hoehe und schaute vor sich und konnte weder hierhin, noch dahin. "Wie waer's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte eines Tages der Wacholder zu einer fremdlaendischen Eiche, der er naeher stand als allen andern. Die Eiche blickte nach unten, um dahinterzukommen, wer da eigentlich spreche; dann sah sie wieder empor und schwieg. Der Fluss ging so schwer, dass er schaeumte; der Nordwind fegte durch die Schlucht und heulte in den Klueften; der nackte Felsen neigte sich schwer nach vorn und fror;--"wie waer's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte der Wacholder zu der Fichte an seiner andern Seite. "Wenn einer es tun soll, muessten wir es wohl sein", sagte die Fichte; sie fasste sich in den Bart und sah zu der Birke hinueber; "was meinst Du dazu?"--Die Birke aber lugte bedaechtig zu dem Felsen empor; so schwer neigte er sich ueber sie, dass sie kaum atmen zu koennen meinte; "wir wollen uns in Gottes Namen ans Werk machen", sagte die Birke, und wenn sie auch nicht mehr als drei waren, so uebernahmen sie doch die Aufgabe, den Felsen zu bekleiden. Der Wacholder ging voran. Als sie ein Stueck gegangen waren, begegneten sie dem Heidekraut. Der Wacholder wollte gerade dran vorbei. "Nein, lass das Heidekraut mitgehen", sagte die Fichte. Und das Heidekraut voran. Bald fing der Wacholder an abzurutschen. "Halt Dich an mir fest", sagte das Heidekraut. Das tat der Wacholder, und wo nur ein winziger Riss war, steckte das Heidekraut den Finger hinein, und wo es erst den Finger fest hatte, bekam der Wacholder die ganze Hand hinein. So krochen und krabbelten sie hinan, die Fichte muehselig hinterher, und die Birke auch. "Es ist ein herrliches Werk", sagte die Birke. Der Felsen aber begann zu ueberlegen, was das wohl fuer Kruppzeug sein mochte, das an ihm in die Hoehe kletterte. Und als er ein paar hundert Jahre darueber nachgedacht hatte, schickte er einen kleinen Bach hinunter, der es sich ansehen sollte. Es war noch im Vorfruehling und der Bach noch schmal, als er an das Heidekraut kam. "Liebes gutes Heidekraut, willst Du mich nicht durchlassen; ich bin so klein", sagte der Bach. Das Heidekraut hatte es sehr eilig, hob sich nur ein bisschen und arbeitete weiter. Der Bach drunter durch und vorwaerts. "Lieber guter Wacholder, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein." Der Wacholder sah ihn scharf an, aber wenn das Heidekraut ihn durchgelassen hatte, konnte er es ja auch tun. Der Bach drunter durch und vorwaerts; er kam jetzt an die Stelle, wo die Fichte schnaufend die Hoehe hinanstieg. "Liebe gute Fichte, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein", sagte der Bach, kuesste der Fichte die Fuesse und schmeichelte sich bei ihr ein. Da wurde die Fichte verlegen und liess ihn durch. Die Birke aber machte Platz, noch ehe der Bach etwas sagte. "Hihihi", kicherte der Bach und schwoll an. "Hahaha", lachte der Bach und schwoll noch mehr an. "Hohoho", bruellte der Bach und warf Heidekraut und Wacholder und Fichte und Birke auf die Nase und trug sie auf seinem Ruecken durch die hohen Berge. Der Felsen stand viel hundert Jahre und dachte nach, ob er an diesem Tage wohl gelaechelt hatte. Es war klar: der Felsen wollte nicht bekleidet sein. Das Heidekraut aergerte sich so, dass es ganz gruen wurde, und dann zog es von dannen. "Nur guten Mut!" sagte das Heidekraut. Der Wacholder kauerte an der Erde und sah auf das Heidekraut; und er kauerte so lange da, bis er ganz aufrecht sass. Er kraute sich die Haare, machte sich auf den Weg und biss sich so fest, dass er meinte, der Felsen muesse es fuehlen. "Willst Du mich nicht, so will ich Dich." Die Fichte kruemmte ihre Zehen, um zu fuehlen, ob sie wohl heil seien, dann hob sie den einen Fuss hoch, der war heil, besah dann den andern, der war auch heil, dann alle beide. Sie untersuchte erst, wo sie gegangen war, dann wo sie gelegen hatte, und schliesslich wo sie jetzt gehen musste. Dann schlenderte sie los und tat, als waere sie ihr Lebtag nicht gefallen. Die Birke hatte sich graesslich schmutzig gemacht; sie stand jetzt auf und putzte sich. Und dann ging's weiter, schneller und schneller, vorwaerts und seitwaerts, in Sonnenschein und Regenwetter. "Was ist denn da nur los?" sagte der Felsen, wenn die Sommersonne ihn beschien, wenn der Tau glitzerte und die Voegel sangen, wenn die Waldmaus piepte und der Hase sprang und das Wiesel sich kreischend versteckte. Dann kam der Tag, da das Heidekraut mit einem Auge ueber den Bergrand sehen konnte. "Aber nein, nein, nein!" sagte das Heidekraut,--und weg war es. "Meine Guete, was mag das Heidekraut bloss sehen?" sagte der Wacholder und kam so weit heran, dass er hinueberschauen konnte. "Aber nein, nein!" rief er und war weg. "Was hat denn der Wacholder heute?" sagte die Fichte und machte ganz lange Schritte in der Sonnenhitze. Bald konnte sie sich denn auch auf die Zehen stellen und hinueberlugen. "Nein, so was!" Zweige und Nadeln straeubten sich ihr vor Verwunderung. Sie kletterte weiter, kam oben an und weg war sie. "Was moegen all die andern da sehen, bloss ich nicht?" sagte die Birke, hob ihr Kleid sorglich hoch und trippelte hinterher. Sie tauchte gleich mit dem ganzen Kopf ueber dem Bergrand auf. "A--a--ah!--da steht ja wohl ein ganzer Wald von Fichten und Heidekraut und Wacholder und Birken oben auf der Hoehe und wartet auf uns", sagte die Birke, und ihre Blaetter zitterten im Sonnenschein, dass der Tau spruehte. "Ja, so geht's, wenn man ans Ziel kommt", sagte der Wacholder. Zweites Kapitel Oben in Kampen wurde Arne geboren. Seine Mutter hiess Margit und war das einzige Kind auf dem Pachthof Kampen. In ihrem achtzehnten Jahr blieb sie einmal auf einem Tanz zurueck; ihre Begleiter waren schon fort, und da dachte Margit, der Nachhauseweg wuerde nicht laenger werden, wenn sie noch einen Tanz abwarte. Und so geschah es, dass Margit so lange dablieb, bis der Spielmann, Schneider Nils, ploetzlich die Geige weglegte, wie er immer tat, wenn er betrunken war, die andern traellern liess, sich das schoenste Maedel holte, die Fuesse so sicher aufsetzte wie die Takte in einem Lied, und mit dem Stiefelabsatz dem Laengsten, der da war, den Hut vom Kopf herunterholte.--"Ho!" schrie er dabei.-- Als Margit an diesem Abend nach Hause ging, spielte der Mond so wunderbar schoen auf dem Schnee. Als sie in die Kammer kam, wo sie schlief, musste sie noch einmal aus dem Fenster sehen. Sie zog das Mieder aus und blieb noch eine Weile so stehen. Da merkte sie, dass sie fror, zog sich schnell aus und kroch tief unter ihre Felldecke. In dieser Nacht traeumte Margit von einer grossen roten Kuh, die sich auf ihr Feld verlaufen hatte. Sie sollte sie hinausjagen, aber wie sie sich auch abmuehte, sie konnte nicht vom Fleck kommen. Die Kuh stand ganz ruhig da und frass so lange, bis sie satt und rund war, und inzwischen schaute sie immer einmal aus grossen, schweren Augen zu ihr hin. Als das naechste Mal wieder Tanz im Dorf war, war auch Margit wieder da. Sie mochte den Abend nicht tanzen; sie sass also und lauschte dem Spiel, und es schien ihr ganz merkwuerdig, dass auch die andern nicht mehr Lust dazu hatten. Aber als es spaeter wurde, stand der Spielmann auf, um zu tanzen. Er ging ploetzlich geradenwegs auf Margit Kampen zu. Sie wusste kaum, wie ihr geschah, aber sie tanzte mit Schneider Nils. Bald wurde das Wetter waermer, und man tanzte nicht mehr. In diesem Fruehjahr nahm Margit sich so sehr eines kleinen Lammes an, das ihnen krank geworden war, dass die Mutter es beinahe uebertrieben fand. "Es ist doch bloss ein Lamm", sagte die Mutter. "Ja, aber es ist krank", sagte Margit. Sie war lange nicht in der Kirche gewesen; sie goenne es lieber der Mutter, sagte sie, und einer muesse doch zu Hause bleiben. Eines Sonntags im Sommer, als das Wetter so schoen war, dass das Heu sehr gut einen Tag draussen bleiben konnte, sagte die Mutter, jetzt koennten sie ruhig beide gehen. Margit konnte nicht viel darauf sagen und zog sich an, aber als sie so weit kamen, dass sie die Kirchenglocken hoeren konnten, fing sie zu weinen an. Die Mutter wurde leichenblass; sie gingen weiter, die Mutter voran, sie hinterher, hoerten die Predigt, sangen die Choraele bis zu Ende mit, hoerten das Gebet mit an und liessen es auslaeuten, bis sie gingen. Aber als sie wieder zu Hause waren, nahm die Mutter Margits Kopf zwischen beide Haende und sagte: "Verbirg mir nichts, mein Kind!" Wieder kam der Winter, und Margit tanzte nicht. Aber Schneider Nils spielte auf, trank mehr als je und schwenkte immer zum Schluss das schoenste Maedel in der Runde. Es wurde als Tatsache erzaehlt, dass er kriegen koenne, welche er wolle von den stattlichsten Bauerntoechtern im Kirchspiel; einige fuegten hinzu, Eli Boeen habe selbst den Freiwerber fuer ihre Tochter Birgit gemacht, die sich in Liebe zu ihm verzehrte. Eben zu dieser Zeit war's, als die Hausmannstochter von Kampen ein Kind ueber die Taufe hob; es bekam den Namen Arne, Schneider Nils aber sollte der Vater sein. Am Abend dieses selben Tages war Nils auf einer grossen Hochzeit; da trank er sich voll. Er weigerte sich, zu spielen, und tanzte immerzu und litt beinahe keinen andern auf dem Tanzboden. Als er aber zu Birgit Boeen trat und sie aufforderte, schlug sie es ihm ab. Er lachte kurz auf, drehte sich auf dem Absatz herum und bekam die erste beste zu packen. Sie straeubte sich. Er blickte zu ihr hinunter; es war eine kleine Dunkle, die lange dagesessen und zu ihm hingeglotzt hatte und jetzt ganz blass war. Er bog sich ein wenig zu ihr hinunter und fluesterte: "Magst Du mit mir nicht tanzen, Karen?" Sie antwortete nicht. Er fragte noch einmal. Da antwortete sie ebenso leise, wie er fragte: "Der Tanz koennte weiter gehen, als mir lieb waere."--Er trat langsam von ihr zurueck, aber als er mitten im Saal stand, machte er einen Luftsprung und tanzte allein den Halling. Keiner ausser ihm tanzte; alle standen schweigend da und sahen zu. Dann ging er hinaus auf die Scheunendiele, warf sich auf die Erde und weinte. Margit sass mit ihrem kleinen Jungen zu Hause. Sie hoerte von Nils, er jage von Tanz zu Tanz, schaute den Jungen an und weinte, schaute ihn wieder an und war froh. Das erste, was sie dem Knaben beibrachte, war Papa zu sagen; aber das sagte sie nur, wenn die Mutter, oder vielmehr die Grossmutter, wie sie fortan hiess, nicht in der Naehe war. Die Folge davon war, dass das Kind zu seiner Grossmutter Papa sagte. Es kostete Margit viel Muehe, ihm das wieder abzugewoehnen, und sie trug hierdurch dazu bei, fruehzeitig sein Begriffsvermoegen zu bilden. Er war noch ziemlich klein, als er schon wusste, dass Schneider Nils sein Vater sei,--und als er in das Alter kam, wo alles Abenteuerliche einen Reiz hat, erfuhr er auch, was fuer ein Kerl Schneider Nils eigentlich sei. Die Grossmutter hatte streng verboten, auch nur seinen Namen zu nennen; ihr Hauptehrgeiz war, aus Kampen einen Bauernhof zu machen, damit die Tochter und der Junge keine Sorgen haetten. Sie nutzte die bedraengte Lage des Besitzers aus, erwarb die Wirtschaft, bezahlte jedes Jahr ab und stand der Arbeit wie ein Mann vor, war sie doch seit vierzehn Jahren Witwe. Kampen war ein grosser Hof und wurde noch immer erweitert, so dass er jetzt schon vier Kuehe und sechzehn Schafe ernaehrte und halben Anteil an einem Pferd hatte. Schneider Nils trieb sich unterdes in der Gegend herum; seine Einnahmen hatten abgenommen, teils weil er weniger darauf ausging, teils auch, weil er nicht mehr so war wie frueher. Er legte sich immer mehr aufs Geigenspiel, und die Gelage und damit die Schlaegereien und schlimmen Tage wurden haeufiger. Es gab Leute, die ihn klagen gehoert haben wollten. Arne war vielleicht sechs Jahr alt, als er eines Tags im Winter im Bett herumrutschte; die Bettdecke war das Segel, und er steuerte mit einer grossen Kelle. Die Grossmutter sass in der Stube und spann, hatte so ihre Gedanken und nickte manchmal vor sich hin, als stuende das fest, was sie dachte. Da merkte der Junge, dass er unbeobachtet war, und da sang er die Weise vom Schneider Nils, so wie er sie gelernt hatte, in ihrer ganzen Roheit und Wildheit: So du nicht gestern erst kommen bist, Hast du vom Schneider Nils wohl gehoert, und wie stark er ist. So du nicht bloss ueber Nacht her verschlagen, Ward dir wohl kund, wie er warf den Knut Storedragen. Den Ola-Per hat er auf sein Scheundach gehoben,-- "'s naechste Mal bleibst du drei Wochen droben!" Hans Bugge war ein Mann, von Ansehn nicht gering, Land und Strand war nicht sicher, wo sein Fuss ging. "Hallo, Schneider Nils, wo pfloegst du gern der Ruh? So spuck' ich auf den Fleck und leg' dich selber dazu!" "Du komm nur erst heran, so werd' ich dir's sagen! Meinst, es langt schon dein Maul, einen Mann zu erschlagen!" Beim ersten Gang war noch nichts gebrochen. Beide Kerle standen noch fest in den Knochen. Beim zweiten Gang strauchelte Bugge-Hans. "Wirst mued', Bugge? He, 's ist ein harter Tanz!" Beim dritten Gang stuerzt' er, spie Blut auf die Diel'-- "Hast wacker gespuckt, Kerl!"--"Verdammt! Wie ich fiel!" Weiter sang der Junge nicht; es gab noch zwei Verse, die die Mutter ihn wohl nicht gelehrt hatte: Sahst du je eines Baums Schatten auf jungem Schnee? Sahst du je, wie Nils eine Jungfrau anlacht, he? Hast du je Schneider Nils den Halling tanzen sehn? Bist du ein Maedel, so geh;--sonst ist's um dich geschehn. Diese beiden Verse kannte aber die Grossmutter und sie fielen ihr ein, zumal weil sie nicht gesungen wurden. Zu dem Knaben sagte sie nichts, zur Mutter aber sagte sie: "Bringe dem Jungen Deine eigene Schande nur gut bei,--vergiss die beiden letzten Verse nicht!"-- Schneider Nils war durch das Trinken so heruntergekommen, dass er nicht mehr der alte war. Die Leute meinten, es gehe mit ihm zu Ende. Da geschah es, dass zwei Amerikaner ins Dorf kamen, und als sie hoerten, in der Naehe sei eine Hochzeit, da wollten sie gleich hin, um Sitten und Gebraeuche kennen zu lernen. Hier spielte Nils. Sie gaben jeder einen Taler fuer die Spielkasse und baten um den Halling. Niemand wollte den tanzen, so sehr auch darum gebeten wurde. Jeder einzelne bat Nils, ihn selbst zu tanzen; "er koenne es doch am besten." Er weigerte sich, aber nur um so hartnaeckiger wurde die Aufforderung, zuletzt wurde sie einstimmig, und das gerade hatte er gewollt. Er gab die Fiedel einem andern, zog den Rock aus, nahm die Muetze ab, trat in den Kreis und laechelte. Jetzt folgte ihm die alte Aufmerksamkeit, und das gab ihm auch die alte Kraft. Die Zuschauer draengten sich so dicht wie moeglich zusammen, die hintersten kletterten auf Tische und Baenke, ein paar Maedchen standen hoeher als alle andern,--und die vorderste von ihnen,--die Grosse mit dem hellen, braeunlichschimmernden Haar und den blauen, tiefliegenden Augen unter der kraeftigen Stirn und mit einem breiten Munde, der oft laechelte und sich dann immer nach einer Seite verzog,--war Birgit Boeen. Nils gewahrte sie, als er zu den Deckenbalken emporsah. Die Geige setzte ein, tiefe Stille entstand, und er trat zum Tanz an. Er warf sich auf den Boden, schob sich im Takt der Musik halb auf der Seite an der Erde hin, schlenkerte mit den Beinen, warf sie ab und zu kreuzweis unter sich, sprang wieder auf, stellte sich wie zum Wurf bereit und ging dann wieder schraeg wie vorhin. Die Fiedel wurde von tuechtiger Hand gestrichen. Die Weise wurde immer feuriger. Nils bog den Kopf immer weiter zurueck, und ploetzlich lag der Stiefelabsatz am Deckenbalken, dass der Staub herunterrieselte. Alle lachten und kreischten um ihn herum, die Maedchen hielten den Atem an. Die Melodie jauchzte dazwischen und trieb zu immer tolleren Spruengen an. Er widerstand ihr auch nicht, bog den Koerper vornueber, huepfte im Takt, richtete sich wie zum Wurf auf, hielt sie aber nur zum Narren, kam wieder ins Schlendern, und wie es aussah, als denke er gar nicht an Springen, da donnerte sein Stiefelabsatz gegen den Deckenbalken, und noch einmal, dann ein Purzelbaum vornueber, hintenueber--und immer stand er wieder kerzengrade auf den Fuessen. Jetzt mochte er nicht mehr. Die Fiedel machte ein paar kecke Laeufe, ging in einen tieferen Ton ueber, in dem sie zitternd verhallte, und erstarb in einem einzelnen langen Strich auf der Basssaite. Die Gruppen zerstreuten sich; lebhaftes Gespraech, in das sich Rufe und Gekreisch mischten, loeste die Stille ab. Nils lehnte sich gegen die Wand; da kamen die Amerikaner mit ihrem Dolmetscher hin zu ihm und gaben ihm jeder fuenf Taler. Wieder Stille. Die Amerikaner sprachen ein paar Worte mit ihrem Dolmetscher; darauf fragte dieser, ob Nils als ihr Diener mit ihnen gehen wolle; er solle bekommen, was er verlange. "Wohin?" fragte Nils; die andern draengten sich so nahe wie moeglich heran. "Hinaus in die Welt", war die Antwort. "Wann?" fragte Nils, blickte mit strahlendem Gesicht umher, begegnete Birgit Boeens Augen und liess sie nicht mehr los.--"In einer Woche, wenn wir zurueckkommen", war die Antwort.--"Es kann schon sein, dass ich bis dahin bereit bin", sagte Nils und wog seine beiden Fuenftalerstuecke in der Hand.--Er hatte einen Arm auf die Schulter eines Mannes gestuetzt, der neben ihm stand, und er zitterte so, dass der Mann ihn auf die Bank setzen wollte. "Es hat nichts auf sich", sagte Nils, machte ein paar unsichere Schritte ueber die Diele, trat dann fest auf, drehte sich um und bestellte einen Hoppser. Die Maedchen standen vorn, er schaute sich lange und pruefend um, und ging dann geradenwegs auf Eine im dunklen Rock zu, und das war Birgit Boeen. Er streckte ihr die Hand hin und sie gab ihm beide; da lachte er, wich zurueck, nahm Eine neben ihr und tanzte uebermuetig mit der davon. Das Blut schoss Birgit in Hals und Gesicht. Ein grosser Mann mit einem guetigen Gesicht stand hinter ihr; er nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr--dicht hinter Nils her. Der sah es, und es geschah vielleicht aus Versehen, dass er so heftig gegen sie antanzte, dass der Mann und Birgit mit grossem Gepolter zu Fall kamen. Gelaechter und Gejohle erhob sich ringsum. Birgit stand muehsam auf, ging beiseite und weinte bitterlich. Der Mann mit dem gutmuetigen Gesicht kam langsamer in die Hoehe, ging aber dann gleich auf Nils zu, der immer noch tanzte. "Hoer' mal einen Augenblick auf", sagte der Mann. Nils achtete dessen nicht, und da packte ihn der Mann am Arm. Nils riss sich los und sah ihn gross an. "Ich kenne Dich nicht", sagte er laechelnd. "Nein, aber jetzt wirst Du mich kennen lernen", sagte der Mann mit dem guetigen Gesicht und versetzte ihm einen Schlag gegen das eine Auge. Nils, der darauf nicht gefasst gewesen war, stuerzte mit hartem, schwerem Fall gerade auf die scharfe Kante vom Feuerherd; er wollte sich gleich wieder aufrichten, vermochte es aber nicht; ihm war das Rueckgrat gebrochen. Auf Kampen war eine grosse Veraenderung vor sich gegangen. Die Grossmutter hatte in der letzten Zeit gekraenkelt; als das anfing, hatte sie emsiger als je gespart, um den Hof von Schulden frei zu machen. "Dann hast Du und der Junge soviel, wie Ihr braucht. Und laesst Du einen herein, der es Euch durchbringt, dann drehe ich mich im Grabe um." Gegen den Herbst zu hatte sie auch die Freude, dass sie mit dem letzten Rest der Schuld zum ehemaligen Haupthof hinaufhumpeln konnte, und froh war sie, als sie wieder daheim auf der Bank sass und sagen konnte: "Jetzt hab' ich's erreicht." Aber in der gleichen Stunde kam auch die Krankheit bei ihr zum Ausbruch; sie musste ins Bett und stand nicht mehr auf. Ihre Tochter liess sie an einem freien Platz auf dem Kirchhof begraben; sie bekam einen schoenen Grabstein, auf dem ihr Name und ihr Alter standen und ein Gesangbuchvers aus dem Kingo. Zwei Wochen, nachdem sie unter der Erde lag, war aus ihrem schwarzen Sonntagskleid ein Anzug fuer den Knaben gemacht, und als er den anhatte, wurde ihm so feierlich zumut, als waere die Grossmutter wiedergekommen. Aus eigenem Antrieb setzte er sich vor das grossgedruckte Gesangbuch, aus dem die Grossmutter jeden Sonntag vorgelesen und gesungen hatte; er schlug es auf; ihre Brille lag darin. Die hatte der Junge zu ihren Lebzeiten nie anruehren duerfen; jetzt nahm er sie aengstlich in die Hand, setzte sie sich auf die Nase und sah wieder ins Buch. Es war ihm wie Nebel vor den Augen. Das ist doch merkwuerdig, dachte der Junge; damit konnte die Grossmutter Gottes Wort lesen. Er hielt sie hoch gegen das Licht, um zu sehen, woran es liegen koenne, und--da lag die Brille in Scherben auf der Erde! Ihm wurde angst und bange, und als im selben Augenblick die Tuer aufging, meinte er, nun werde die Grossmutter hereinkommen; es war aber seine Mutter, und hinter ihr her kamen sechs Maenner, die unter grossem Laerm und Getrampel eine Tragbahre trugen und sie mitten im Zimmer auf den Boden hinsetzten. Die Tuer blieb weit hinter ihnen offen stehen, so dass es kalt in der Stube wurde. Auf der Bahre lag ein Mann mit dunklem Haar und bleichem Gesicht; die Mutter ging weinend umher. "Legt ihn behutsam aufs Bett", bat sie und griff selbst mit zu. Wie aber die Maenner ihn hineintrugen, knirschte etwas unter ihren Fuessen. "Ach, das ist bloss Grossmutters Brille", dachte der Junge, sagte es aber nicht. Drittes Kapitel Das war, wie gesagt, im Herbst. Acht Tage, nachdem Schneider Nils zu Margit Kampen gebracht war, kam von den Amerikanern die Nachricht, er moege sich bereit halten. Er wand sich gerade in furchtbaren Schmerzen und schrie, indem er die Zaehne zusammenbiss: "Lass sie zur Hoelle fahren!" Margit stand, als habe sie keine Antwort bekommen. Er bemerkte das, und nach einer Weile wiederholte er langsam und matt: "Lass sie--reisen!" Zum Winter war er so weit, dass er aufrecht sitzen konnte, wenn auch seine Gesundheit fuer immer zerruettet war. Als er das erstemal auf war, holte er seine Geige hervor und stimmte sie, wurde aber so aufgeregt, dass er wieder ins Bett musste. Er war sehr wortkarg, doch umgaenglich, und nach einiger Zeit fing er an, den Knaben zu unterrichten und Arbeit ins Haus zu nehmen. Hinaus kam er nicht, und mit denen, die ihn besuchten, sprach er nicht. In der ersten Zeit trug Margit ihm die Dorfneuigkeiten zu, aber er war immer verstimmt hinterher; da liess sie es sein. Gegen den Fruehling sassen er und Margit laenger als gewoehnlich nach dem Abendbrot zusammen und besprachen etwas. Der Junge wurde ins Bett geschickt. Anfang des Fruehlings wurden sie von der Kanzel aufgeboten und dann in aller Stille getraut. Er arbeitete auf dem Felde mit und machte alles verstaendig und ordentlich. Margit sagte zu dem Jungen: "Wir haben Nutzen von ihm und Freude. Nun musst Du aber auch artig und gehorsam sein und ihm alles zu Liebe tun." Margit war bei ihrem Kummer doch immer recht bluehend gewesen; sie hatte ein rosiges Gesicht und sehr grosse Augen, die noch groesser aussahen, weil sie in einem dunklen Ringe lagen. Sie hatte volle Lippen, ein rundliches Gesicht und sah frisch und stark aus, obwohl sie gar nicht so grosse Kraefte hatte. In dieser Zeit sah sie huebscher aus als je und sang nach ihrer Art in einemfort bei der Arbeit. Da kam ein Sonntagnachmittag, an dem Vater und Sohn fortgingen, um zu sehen, wie dies Jahr die Aecker staenden. Arne sprang um seinen Vater herum und schoss mit einem Flitzbogen; Nils hatte ihn dem Jungen selbst gemacht. So ging es bergan auf den Weg zu, der von Kirche und Pfarrhaus in das sogenannte Breite Dorf hinunterfuehrte. Nils setzte sich auf einen Stein am Wegrand und versank in Gedanken, sein Junge schoss den Weg entlang und sprang dem Pfeil nach, in der Richtung auf die Kirche zu. "Nicht zu weit", sagte der Vater. Wie der Knabe mitten im besten Spiel war, blieb er lauschend stehen. "Vater, ich hoere Musik." Der lauschte auch; man hoerte Geigenklaenge, zuweilen uebertoent von Rufen und wildem Laerm, dabei bestaendig Wagengerassel und Hufschlag; es war ein Brautzug, der von der Kirche heimkehrte. "Komm her, Junge", rief der Vater, und Arne hoerte am Ton, dass er schnell kommen muesse. Der Vater war eilig aufgestanden und versteckte sich hinter einem dicken Baum. Der Junge hinterher;--"nicht hierher, dahin!" Der Junge hinter einen Erlenbusch.--Schon bog die Wagenreihe um den Birkenwald, sie kamen in rasender Fahrt, die Pferde schaeumten, die betrunkenen Menschen kreischten und johlten. Vater und Sohn zaehlten die Wagen; es waren im ganzen vierzehn. Im ersten sassen zwei Spielleute, und der Brautmarsch klang durch die klare Luft; ein Bursch stand hinten und lenkte die Pferde. Dann kam die Braut mit der hohen Krone, die in der Sonne schimmerte; sie laechelte, und dabei verzog sich der Mund nach der einen Seite; neben ihr sass ein Mann im blauen Anzug mit einem guetigen Gesicht. Dann kam das Gefolge, die Maenner sassen den Frauen auf dem Schoss, hintenauf sassen Kinder, Betrunkene fuhren zu Sechsen in einem Einspaenner, der Marketender sass im letzten Wagen und hatte ein Fass mit Branntwein auf dem Schoss. Sie zogen unter Gesang und Gejohle vorbei und jagten in gewaltiger Eile die Anhoehe hinunter; das Geigenspiel, das Gekreisch und das Wagengerassel klang aus der Staubwolke hinter ihnen heraus; dann trug der Wind einen vereinzelten Aufschrei herueber, dann nur noch ein dumpfes Droehnen und dann nichts mehr. Nils stand noch immer unbeweglich; der Junge kam zuerst wieder zum Vorschein. "Wer war das, Vater?" Aber der Junge fuhr zusammen, denn sein Vater machte ein so boeses Gesicht. Arne stand ganz still und wartete auf die Antwort; dann stand er immer noch still, weil er keine bekam. Schliesslich, schliesslich wurde ihm die Zeit lang, und er wagte ein: "Wollen wir jetzt gehen?" Nils stand noch immer, als blicke er dem Brautzuge nach, raffte sich jetzt zusammen und ging; Arne hinterher. Er legte einen Pfeil auf den Bogen, schoss ihn ab und lief hinterdrein. "Tritt das Gras nicht 'runter", sagte Nils kurz. Der Junge liess den Pfeil liegen und kehrte um. Nach einer Weile hatte er das wieder vergessen, und als sein Vater einmal still stand, legte er sich hin und schlug Rad. "Tritt mir das Gras nicht 'runter, hab' ich gesagt"; dabei wurde er am Arm gepackt und in die Hoehe gerissen, als solle der Arm aus dem Gelenk gehen. Fortan ging er ganz still hinterher. In der Tuer wartete Margit auf sie; sie kam gerade aus dem Kuhstall, wo sie tuechtige Arbeit gehabt haben musste, denn ihr Haar war zerzaust, ihr Hemd nicht sauber und ihr Kleid auch nicht; aber sie stand in der Tuer und lachte: "Ein paar Kuehe hatten sich losgerissen und trieben allerhand Unfug; jetzt sind sie wieder fest."--"Du koenntest Dich Sonntags auch wohl ein bisschen ordentlich anziehen", sagte Nils, indem er an ihr vorbei in die Stube ging. "Ja, jetzt habe ich Zeit, mich anzuziehen, wo meine Arbeit getan ist", sagte Margit und ging hinterher. Sie fing auch gleich damit an und sang, waehrend sie sich putzte. Nun sang Margit recht huebsch, aber bisweilen war ihre Stimme ein bisschen hart. "Hoer' mit dem Gegroehle auf", sagte Nils; er hatte sich der Laenge nach aufs Bett geworfen. Margit hielt inne. Da kam der Junge hereingestuermt: "Hier ist ein grosser schwarzer Hund auf dem Hof, ein haesslicher Koeter--!"--"Halt's Maul, Junge", sagte Nils vom Bett her und streckte einen Fuss hervor, um damit auf den Boden zu stampfen: "Den Bengel muss der Teufel reiten", brummte er dann und zog den Fuss wieder in die Hoehe. Die Mutter drohte dem Knaben. "Du siehst doch, dass Vater nicht gut aufgelegt ist", meinte sie. "Moechtest Du etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" fragte sie; sie wollte ihn gern wieder versoehnen. Das war ein Getraenk, das die Grossmutter sehr geliebt hatte und die andern auch. Nils mochte es gar nicht, aber er hatte es doch getrunken, weil die andern es auch taten. "Moechtest Du nicht etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" wiederholte Margit, weil er das erstemal nicht geantwortet hatte. Nils stuetzte sich auf die Ellbogen und bruellte: "Meinst Du, ich will dies Gemantsch hinunterwuergen?"--Margit war hoechlichst erstaunt, nahm ihren Jungen mit und ging hinaus. Sie hatten verschiedenes draussen zu tun und kamen erst zum Abendbrot wieder hinein. Da war Nils verschwunden. Arne wurde aufs Feld geschickt, um ihn zu rufen, fand ihn aber nirgends. Sie warteten, bis das Essen beinahe kalt geworden war, assen dann, und noch immer war Nils nicht da. Margit wurde unruhig, schickte den Jungen ins Bett und wartete. Kurz nach Mitternacht kam Nils. "Wo bist Du denn gewesen, Schatz?" fragte sie. "Was geht Dich das an?" antwortete er und liess sich langsam auf der Bank nieder. Er war betrunken. In der naechsten Zeit war Nils oft im Dorf, und bestaendig kam er bezecht heim. "Ich halt' es hier zu Hause bei Dir nicht aus", sagte er einmal, als er kam. Sie versuchte, sich mit Sanftheit zu verteidigen; da stampfte er mit den Fuessen auf und hiess sie schweigen; wenn er betrunken sei, so sei es ihre Schuld; wenn er schlecht sei, so sei es auch ihre Schuld; wenn er fuer sein ganzes Leben ein Krueppel und ein ungluecklicher Mensch sei, so sei auch das ihre Schuld, ihre und ihres verfluchten Bengels Schuld. "Warum bist Du mir bestaendig nachgelaufen?" sagte er schluchzend. "Was hatte ich Dir getan, dass Du mich nicht in Frieden lassen konntest?"--"Gott soll mich behueten und bewahren," sagte Margit, "ich waere Dir nachgelaufen?"--"Ja, das bist Du!" schrie er und stand auf, und weinend fuhr er fort: "Jetzt hast Du es ja, wie Du es haben wolltest. Ich wanke jetzt hier von Baum zu Baum und sehe Tag fuer Tag mein eigen Grab vor Augen. Aber ich haette in Herrlichkeit und Freuden mit der schoensten Bauerntochter im ganzen Dorf leben koennen; ich haette reisen koennen, soweit die Sonne reicht,--haettest Du mit Deinem verdammten Bengel mir nicht den Weg versperrt." Sie versuchte wieder, sich zu verteidigen; "es sei doch auf keinen Fall die Schuld des Jungen." "Bist Du nicht still, dann kriegst Du eins!" und er schlug sie. Wenn er am andern Tage seinen Rausch ausgeschlafen hatte, schaemte er sich und war, besonders zu dem Jungen, sehr freundlich. Aber bald war er von neuem betrunken, und dann schlug er sie wieder; schliesslich schlug er die Mutter beinahe jedesmal, wenn er betrunken war; der Junge weinte und jammerte, da schlug er ihn auch. Zuweilen wurde seine Reue so gross, dass er aus dem Hause musste. In dieser Zeit lockte ihn das Tanzen wieder; wie frueher spielte er dazu auf und nahm den Jungen mit, dass er ihm den Kasten trage. Da sah der Junge mancherlei. Die Mutter weinte, dass er mit musste, wagte es aber nicht zum Vater zu sagen. "Denk an den lieben Gott und lerne nichts Schlechtes", flehte sie und liebkoste ihn. Beim Tanz aber war es sehr lustig, und zu Haus bei der Mutter war es gar nicht lustig. Er wandte sich immer mehr von ihr ab und dem Vater zu. Sie sah es und schwieg. Beim Tanz lernte er manche Weise, und die sang er nachher dem Vater vor. Dem machte es Spass, und zuweilen brachte der Junge ihn zum Lachen. Das schmeichelte dem Jungen so, dass er sich fortan Muehe gab, soviele Lieder wie moeglich zu lernen; bald merkte er sich auch, welche Art von Liedern der Vater am liebsten mochte, und bei welchen Stellen er lachte. Wenn so etwas nicht in den Liedern war, dann legte der Junge es, so gut er konnte, hinein; das gab ihm fruehzeitig Uebung, Worte nach einer Melodie zusammenzusetzen. Spottlieder und haessliche Dinge ueber Leute, die zu Ansehen und Wohlstand gekommen, waren dem Vater die liebsten, und der Junge sang sie. Die Mutter wollte ihn abends immer gern mit in den Kuhstall nehmen; allerhand Vorwaende fand er, um dem zu entgehen; wenn aber alles nichts nuetzte und er mit musste, dann sprach sie gar erbaulich mit ihm von Gott und allem Guten und schloss meistens damit, dass sie ihn unter heissen Traenen in die Arme nahm und ihn bat, ihn anflehte, kein schlechter Mensch zu werden. Die Mutter unterrichtete ihn, und der Junge war ausserordentlich gelehrig. Sein Vater war ungeheuer stolz darauf und sagte ihm--besonders wenn er betrunken war--, er habe seinen Kopf. Beim Tanz pflegte nun der Vater, wenn der Rausch ihn unterkriegte, Arne aufzufordern, den Leuten etwas vorzusingen. Er tat es und sang, unter Gelaechter und Beifall, ein Lied nach dem andern; der Beifall machte dem Sohn beinahe noch mehr Spass als dem Vater, und schliesslich wollten die Lieder, die er singen konnte, gar kein Ende mehr nehmen. Besorgte Muetter, die es mitanhoerten, gingen selbst zu seiner Mutter und sprachen mit ihr darueber, weil der Inhalt der Lieder nicht so war, wie er sein sollte. Die Mutter nahm sich ihren Jungen vor und verbot ihm bei Gott und allem Guten, solche Lieder zu singen, und da war es dem Jungen, als ob alles, was ihm Spass mache, der Mutter nicht recht sei. Er erzaehlte zum erstenmal seinem Vater, was die Mutter gesagt hatte. Das musste sie schwer buessen, als der Vater wieder einmal betrunken war; er sparte immer alles bis dahin auf. Da aber wurde es dem Knaben klar, was er getan hatte, und in seiner Seele bat er Gott und sie um Verzeihung, da er sich nicht ueberwinden konnte, es offenkundig zu tun. Die Mutter war guetig wie immer gegen ihn, und das schnitt ihm ins Herz. Einmal vergass er es aber. Er hatte die Gabe, alle Leute nachmachen zu koennen; besonders konnte er ihre Sprache und ihren Gesang nachmachen. Die Mutter kam eines Abends in die Stube, als der Junge seinen Vater damit unterhielt, und als sie wieder draussen war, kam der Vater auf den Einfall, er solle den Gesang der Mutter nachmachen. Er weigerte sich anfangs; sein Vater aber, der im Bett lag und sich vor Lachen schuettelte, bestand darauf, dass er auch nachmachen sollte, wie die Mutter sang. "Sie ist ja nicht da," dachte der Junge, "und kann es nicht hoeren", und er machte ihr nach, wie ihre Stimme manchmal klang, wenn sie heiser und traenenerstickt war. Der Vater lachte, dass es dem Jungen fast unheimlich wurde, und er hoerte von selbst auf. Da kam die Mutter von der Kueche herein, sah den Jungen lange und traurig an, holte eine Milchschuessel vom Brett und trug sie hinaus. Ihn ueberlief es siedend heiss; sie hatte alles gehoert. Er sprang vom Tisch, auf dem er gesessen hatte, herunter, ging hinaus, warf sich auf die Erde und haette sich am liebsten darin begraben. Es liess ihm keine Ruh, er stand auf und wollte weiter fort. Er ging an der Scheune vorbei, und dahinter sass die Mutter und naehte gerade an einem schoenen neuen Hemd fuer ihn. Sie pflegte sonst, wenn sie so dasass, ein Kirchenlied bei der Arbeit zu singen; jetzt aber sang sie nicht. Sie weinte auch nicht, sie sass nur und naehte. Da konnte Arne es nicht laenger aushalten; er warf sich vor ihr ins Gras nieder, blickte zu ihr auf und schluchzte, dass er am ganzen Koerper bebte. Die Mutter liess die Arbeit sinken und nahm seinen Kopf zwischen ihre Haende. "Armer Arne", sagte sie und legte ihren Kopf an seinen. Er machte nicht den Versuch, ein Wort zu sagen, sondern weinte, wie er nie zuvor geweint hatte. "Ich wusste ja, Du bist im Grunde gut", sagte seine Mutter und strich ihm uebers Haar. "Mutter, Du darfst nicht nein sagen, wenn ich Dich um etwas bitte", war das erste, was er sagen konnte. "Du weisst, das tue ich auch nicht", antwortete sie. Er versuchte, seiner Traenen Herr zu werden und dann stiess er, den Kopf in ihrem Schoss, heraus: "Mutter--sing mir etwas vor!"--"Ich kann ja nicht, mein Junge", sagte sie leise.--"Mutter, sing' mir etwas vor," flehte der Junge, "oder ich glaube, ich darf Dir nie mehr in die Augen sehen." Sie strich ihm uebers Haar, schwieg aber. "Mutter, sing doch, sing, hoerst Du! Sing doch!" bettelte er, "oder ich gehe so weit weg, dass ich nie mehr nach Hause kommen kann." Und waehrend der grosse vierzehnjaehrige Junge so dalag, den Kopf in der Mutter Schoss, fing sie, ueber ihn gebeugt, zu singen an: Der du, Herr, um mein Sorgen weisst, Schuetze mir meinen Jungen! Schick ihm deinen Heiligen Geist, Kommt er zum Strande gesprungen! Glatt ist der Sand, das Wasser bewegt; Aber wenn er den Arm um ihn legt, Tut ihm die Welle nicht Schaden, Bis du ihn rettest voll Gnaden. Bange sitzt die Mutter zu Haus: Ob ihm ein Unglueck geschehen? Tritt in die Tuere, ruft hinaus... Nichts ist zu hoeren, zu sehen. Troestet sich endlich: ob hier, ob da Du und er, ihr seid ihm ja nah; Jesulein, ihm zur Seiten, Wird ihn nach Haus geleiten. Sie sang mehrere Verse; Arne lag ganz still; ein wohltuender Frieden kam ueber ihn, und er fuehlte eine erquickende Muedigkeit. Das letzte, was er deutlich hoerte, war von Jesus; da tat sich eine helle Welt vor ihm auf, und ihm war, als singe da ein Chor von zwoelf oder dreizehn Stimmen; die Stimme seiner Mutter hoerte er aber aus allen heraus. Schoenere Toene hatte er nie gehoert; er bat, man solle ihn so singen lehren. Er meinte es zu koennen, wenn er ganz leise singe, und so sang er denn ganz leise, sang noch einmal ganz leise und immer noch leiser, und es klang schon ganz holdselig, als er vor Freude darueber mit kraeftiger Stimme einsetzte, und weg war es. Er wachte auf, sah sich um und lauschte, hoerte aber nichts als das ewige Rauschen des Wassers und den kleinen Bach, der mit leisem stetigen Plaetschern dicht an der Scheune vorbeifloss. Die Mutter war fort; sie hatte das halbfertige Hemd und ihre Jacke ihm unter den Kopf geschoben. Viertes Kapitel Als nun die Zeit gekommen war, da das Vieh in den Wald auf die Weide getrieben werden sollte, wollte er es hueten. Sein Vater war dagegen; er habe bis jetzt doch noch nie das Vieh gehuetet und sei jetzt schon im fuenfzehnten Jahr. Er wusste aber so schoen zu bitten, dass er zuletzt seinen Willen bekam, und den ganzen Fruehling, Sommer und Herbst ueber war er nur zum Schlafen zu Hause, sonst aber den lieben langen Tag allein im Walde. In seine Einsamkeit da oben nahm er seine Buecher mit; er las und schnitt Buchstaben in die Baumrinden; er ging sinnend und sehnsuechtig einher und sang; aber wenn er abends nach Hause kam, war der Vater haeufig betrunken, misshandelte die Mutter, verwuenschte sie und das ganze Dorf, und sprach davon, dass er einmal die weite, weite Welt haette sehen koennen. Da kam auch ueber den Jungen die Sehnsucht, in die Welt zu ziehen. Zu Hause war es schrecklich, und seine Buecher lockten ihn hinaus, und manchmal war's ihm, als locke ihn auch die Luft ueber den hohen Bergen. Da geschah es, dass er im Mittsommer mit Kristian, dem aeltesten Sohn des Kapitaens zusammentraf, der mit dem Knecht in den Wald gekommen war, um die Pferde nach Hause zu reiten. Er war ein paar Jahr aelter als Arne, leichtherzig und lustig, unbestaendig in seinen Gedanken, aber trotz allem stark an Willen. Er sprach hastig und abgerissen, am liebsten von zwei Dingen zu gleicher Zeit, ritt ungesattelte Pferde, schoss die Voegel im Fluge, fischte mit Fliegen und kam Arne wie der Inbegriff aller Vollkommenheit vor. Er hatte auch die Wanderlust und erzaehlte Arne von fremden Laendern, dass ringsum alles Glanz war; er bemerkte Arnes Freude am Lesen, und da brachte er ihm die Buecher mit, die er selbst gelesen hatte; wenn Arne sie aus hatte, bekam er neue; des Sonntags sass er selbst neben ihm und zeigte ihm, wie er Erdkunde und Landkarten zu studieren habe, und den ganzen Sommer und Herbst lernte Arne soviel, dass er ganz blass und mager wurde. Im Winter durfte er zu Hause weiter lernen, weil er im naechsten Jahr konfirmiert werden sollte, ausserdem aber auch mit dem Vater gut umzugehen verstand. Er ging jetzt wohl in die Schule, aber in der Schule machte er am liebsten die Augen zu und traeumte sich nach Hause zu seinen Buechern; er hatte ja auch unter den Bauernjungen keinen Kameraden mehr. Mit den Jahren schlug der Vater die Mutter immer mehr, und auch seine Trunksucht und seine koerperlichen Schmerzen nahmen zu. Und weil Arne trotzdem bei ihm sitzen und ihn unterhalten musste, um der Mutter fuer eine Stunde Frieden zu schaffen, und oft Dinge sagen musste, die er jetzt aus tiefstem Herzen verabscheute, so bekam er einen Hass auf seinen Vater. Den verschloss er ebenso tief in sich wie die Liebe zu seiner Mutter. Kam er mit Kristian zusammen, so war viel von grossen Reisen und von den Buechern die Rede; selbst dem Freunde verschwieg er, wie es bei ihm zu Hause zuging. Aber manches Mal, wenn er von diesen weitgreifenden Gespraechen allein heimwaerts zog und daran dachte, was ihm nun wieder bevorstehen mochte, weinte er und betete zu dem Gott ueber den Sternen, er moege es fuegen, dass er bald in die Ferne ziehen duerfe. Im Sommer wurden Kristian und er konfirmiert. Kurz darauf setzte Kristian seinen Plan durch. Sein Vater musste ihn fortlassen, damit er Seemann werden konnte; er schenkte Arne seine Buecher, versprach fleissig zu schreiben--und reiste ab. Nun stand Arne allein. In dieser Zeit bekam er wieder Lust, Verse zu machen. Er flickte nicht mehr an alten herum, er machte neue und legte all sein Leid hinein. Aber ihm war schliesslich das Herz zu schwer, und der Kummer verleidete ihm die Lieder. In langen schlaflosen Naechten wurde es ihm jetzt zur Gewissheit, dass er es nicht laenger ertragen konnte, sondern weit, weit fort wandern wollte und Kristian suchen--und keinem Menschen ein Wort davon sagen. Er dachte an die Mutter und was aus ihr werden wuerde, und er konnte ihr kaum in die Augen sehen. Da sass er eines Abends spaet auf und las. Wenn es ihm wie ein Alb auf der Brust lag, nahm er seine Zuflucht zu den Buechern und merkte nicht, dass sie das Gift noch schaerfer machten. Der Vater war auf einer Hochzeit, wurde aber noch diesen Abend zurueckerwartet; die Mutter war muede und hatte Angst vor ihm, deshalb hatte sie sich schlafen gelegt. Arne fuhr bei einem schweren Fall auf der Diele und bei dem Gepolter von etwas Hartem an der Tuer zusammen. Da kam sein Vater nach Hause. Arne machte die Tuer auf und sah ihn an. "Du bist es, mein kluger Junge! Komm, hilf Deinem Vater auf!" Arne hob ihn auf und fuehrte ihn zur Bank. Er nahm den Geigenkasten, trug ihn auch hinein und machte die Tuer zu. "Ja, schau' mich nur an, Du kluger Junge; schoen sehe ich jetzt nicht aus; das ist Schneider Nils nicht mehr. Das sag'--ich Dir,--damit Du--nie Schnaps trinkst; das ist--der Satan, die Welt und unser eigen Fleisch----, er widersteht den Hoffaertigen, den Demuetigen aber schenkt er Gnade.----O je, o je!--Wie weit ist es mit mir gekommen!" Er sass eine Weile ganz still, dann sang er schluchzend: "Herr, mein Erloeser, Jesus Christ, Hilf mir, wenn mir zu helfen ist; Lieg' ich auch tief im Suendenschlamm, Bin ich Dein Kind doch, Du Gotteslamm!" "Herr, ich bin nicht wert, dass Du unter mein Dach kommst, aber sprich nur ein Wort."--Er warf sich vornueber, verbarg das Gesicht in den Haenden und weinte wie im Krampf. Lange lag er so, und dann sagte er wortgetreu aus der Bibel her, wie er es vor mehr als zwanzig Jahren gelernt hatte: "Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!--Er aber antwortete und sprach: 'Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde.'--Sie aber sprach: 'Ja Herr, essen doch aber die Huendlein von den Brosamen, die von ihres Herrn Tische fallen.'" Er schwieg, doch sein Weinen war jetzt befreiter und ruhiger. Die Mutter war schon lange wach geworden, hatte aber nicht hinzusehen gewagt. Jetzt, da er wie ein Erloester weinte, stuetzte sie sich auf die Ellbogen und sah ihn an. Kaum aber wurde Nils sie gewahr, als er ihr zubruellte: "Na, was guckst Du?--Du willst wohl sehen, was Du aus mir gemacht hast. Ja, so sehe ich jetzt aus, so und nicht anders!"--Er stand auf, und sie kroch unter die Decke. "Na, kriech nur nicht weg, ich finde Dich doch", sagte er und hielt die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger tastend vor sich.--"Kille, kille!" sagte er, zog ihr die Decke weg und drueckte ihr den Zeigefinger auf die Gurgel. "Vater!" sagte Arne. "Nein, wie verschrumpft und klapprig Du geworden bist. Da ist nicht viel dran. Kille, kille!" Die Mutter umspannte mit ihren beiden Haenden krampfhaft seine, konnte sich nicht losmachen und kruemmte sich in einen Knaeuel zusammen. "Vater!" sagte Arne. "Na, jetzt kommt Leben in Dich. Wie sie sich windet, das alte Gespenst! Kille, kille!" "Vater!" sagte Arne, und die Stube fing an, sich um ihn zu drehen. "Kille, kille, sag' ich!"--Sie liess seine Haende los und ergab sich. "Vater!" rief Arne. Er rannte in die Ecke, wo eine Axt stand. "Du schreist wohl aus Trotz nicht? Nimm Dich aber in acht; ich hab' solche schreckliche Lust bekommen. Kille, kille!" "Vater!" schrie Arne und packte die Axt, blieb aber wie angewurzelt stehen; denn in demselben Augenblick richtete der Vater sich auf, stiess einen gellenden Schrei aus, griff sich nach der Brust und sank um; "Jesus Christus!" sagte er und lag ganz still. Arne wusste nicht mehr, wo er eigentlich war; er erwartete, die Stube muesse auseinanderbersten und ein helles Licht irgendwo hineinfallen. Die Mutter atmete schwer, als waelzte sie eine Last von sich ab. Schliesslich richtete sie sich halb auf und sah den Vater lang ausgestreckt auf dem Fussboden liegen und den Sohn mit einer Axt daneben stehen. "Gott Du Barmherziger, was hast Du getan?"--schrie sie und sprang aus dem Bett, warf sich einen Rock ueber und kam heran. Da war ihm, als loeste sich seine Zunge. "Er ist von selbst umgefallen", sagte er leise.--"Arne, Arne, das glaube ich Dir nicht," sagte die Mutter laut und strafend, "jetzt sei Gott mit Dir!" und sie warf sich jammernd ueber die Leiche. Der Junge aber erwachte aus seiner Betaeubung und fiel auch auf die Knie: "So wahr ich der Gnade Gottes teilhaftig werden will, er ist auf der Stelle umgefallen."----"So ist Gott der Herr selbst hier gewesen", sagte sie leise, kauerte sich zusammen und starrte vor sich hin. Nils lag noch unveraendert und steif da; Mund und Augen waren offen. Die Haende hatten sich einander genaehert, als wollten sie sich falten, waren aber dazu nicht mehr imstande gewesen. "Fass Deinen Vater an, Du bist kraeftig; hilf mir ihn aufs Bett legen." Und sie nahmen ihn und betteten ihn; sie drueckte ihm Augen und Mund zu, streckte ihn aus und faltete ihm die Haende. Dann standen sie beide da und schauten ihn an. Nichts von dem, was sie bis jetzt erlebt hatten, war so bedeutungsvoll und so inhaltsschwer wie diese Stunde. Wenn der Boese leibhaftig da gewesen war, so hatte doch auch Gott der Herr hier gestanden; es war nur eine kurze Begegnung gewesen. Alles Vorangegangene war nun abgetan. Es war kurz nach Mitternacht, und sie wollten bei dem Toten wachen, bis der Tag kam. Arne zuendete auf dem Herde ein helles Feuer an, die Mutter setzte sich daneben. Und wie sie so dasass, ging ihr durch den Sinn, wieviele boese Tage sie mit Nils gehabt hatte, und da dankte sie Gott in heissem, inbruenstigem Gebet fuer das, was er getan. "Ich habe doch aber auch manchen guten Tag gehabt", sagte sie und weinte, als bereue sie ihr Dankgebet, und schliesslich war sie so weit, die groesste Schuld auf sich zu nehmen, die sie aus Liebe zu dem Toten gegen Gottes Gebot gehandelt hatte, ihrer Mutter ungehorsam gewesen und deshalb durch diese ihre suendige Liebe gestraft worden war. Arne setzte sich ihr gegenueber. Die Mutter blickte zum Bett hinueber:--"Arne, Du darfst nicht vergessen, dass ich um Deinetwillen das alles erduldet habe", schluchzte sie und hungerte nach einem lieben Wort, das ihr in ihren Selbstanklagen Stuetze und ein Trost in der kommenden Zeit sein sollte. Der Junge bebte und konnte nicht antworten. "Du darfst mich nie verlassen", schluchzte sie.--Da wurde ihm mit einem Male klar, was sie in dieser ganzen Zeit des Jammers gewesen war, und wie grenzenlos verlassen sie waere, wenn er zum Lohn fuer ihre grosse Treue jetzt von ihr ginge. "Nie, nie", fluesterte er und wollte hin zu ihr, hatte aber nicht die Kraft dazu. So sassen sie, und ihr heftiges Weinen floss ineinander. Sie betete laut, bald fuer den Toten, bald fuer sich und den Jungen, und sie weinten, und sie betete wieder, und dann weinten sie wieder. Dann sagte sie: "Arne, Du hast solch schoene Stimme; setz' Dich zu Deinem Vater und sing ihm was vor." Und es war, als komme neue Kraft ueber ihn. Er stand auf und holte das Gesangbuch, zuendete einen Kienspan an und setzte sich, den Span in der einen Hand, das Gesangbuch in der andern, ans Kopfende des Bettes und sang mit klarer Stimme den 127. Choral des Kingo: "Herr, o lass deinen Zorn jetzt fahren, Wolle die blutige Zuchtrute sparen, Die deines Grimmes Wucht uns kuendigt, Weil wir gesuendigt!" Fuenftes Kapitel Arne wurde wortkarg und menschenscheu; er huetete das Vieh und machte Verse. Er ging ins zwanzigste Jahr, und noch immer huetete er das Vieh. Er lieh sich vom Pfarrer Buecher und las; aber das war auch das einzige, was er tat. Der Pfarrer liess ihn auffordern, die Lehrerstelle anzunehmen, "denn das Kirchspiel muesse Nutzen aus seinen Faehigkeiten und Kenntnissen ziehen". Arne antwortete nicht; am andern Tage aber, waehrend er die Schafherde vor sich her trieb, machte er ein Lied: Boecklein junges, Laemmlein mein, Geht's auch oft ueber Stock und Stein Hoch auf schroffe Fjelle,-- Folg' du nur brav deiner Schelle! Boecklein junges, Laemmlein mein, Halt dein Fell mir hell und rein! Mutter will vom Boecklein, Wenn es schneit, sein Roecklein. Boecklein junges, Laemmlein mein, Pfleg' mir auch dein Baeuchlein fein! Siehst nicht, kleiner Toeffel, Mutters Suppenloeffel? In seinem zwanzigsten Jahr wurde er eines Tages zufaellig Zeuge eines Gespraechs zwischen seiner Mutter und der Frau des frueheren Hofbesitzers; sie waren im Streit ueber das Pferd, das ihnen gemeinsam gehoerte. "Ich will abwarten, was Arne dazu sagt", meinte seine Mutter. "Ach, der Faulpelz," antwortete die andre, "der moechte wohl, das Pferd triebe sich im Walde 'rum, gerade wie er." Da schwieg die Mutter, so beredt sie vorhin gewesen war. Arne wurde feuerrot. Dass die Mutter um seinetwillen spoettische Worte hoeren musste, hatte er noch nie bedacht, und vielleicht hatte sie schon gar viele hoeren muessen. Warum hatte sie ihm das nicht gesagt? Er dachte lange darueber nach, und da fiel ihm ein, dass die Mutter fast nie mit ihm sprach; er aber auch nicht mit ihr. Mit wem sprach er ueberhaupt? An manchem Sonntag, wenn er still zu Hause sass, haette er gern seiner Mutter die Predigt vorgelesen, weil ihre Augen nicht mehr gut waren; sie hatte all ihr Lebtag zu viel geweint. Aber es war nichts draus geworden. Manch liebes Mal hatte er ihr aus seinen eigenen Buechern vorlesen wollen, wenn es so still im Hause war, und er dachte, sie muesse sich langweilen. Aber es war nichts draus geworden. "Ja, dann ist's nicht anders. Ich lasse das Hueten sein und gehe zu Mutter hinunter." Er wartete ein paar Tage und befestigte sich in seinem Entschluss; die Herde liess er weit in den Wald hineingehen und dichtete ein Lied: Im Dorfe, da ist Unruh, im Walde laesst sich's ruhn, Es pfaendet hier kein Amtmann, dort pfaenden zweie nun. Hier dreht nicht um die Kirche wie dort sich steter Zwist; Doch kommt's vielleicht daher, dass hier noch keine Kirche ist. Wie ruhig ist's im Walde; nur gruendlich rupft allhier Der Habicht einen Spatzen aus reiner Wissbegier, Und nur der Adler wuergt hier ein arm Geschoepf zu Tod, Weil arge Langeweile sonst ihn umzubringen droht. Ein Baum wird umgehauen, beim andern fault der Stamm; Dem Rotfuchs fiel gen Abend anheim das weisse Lamm. Der ward vom Wolf zerrissen, und beide wurden zahm; Denn Arne schoss das Woelflein tot, bevor der Morgen kam. Soviel kann sich ereignen im Wald und auf der Au; Da gilt's nur aufzupassen, dass man nichts Falsches schau'. 'nen Burschen, der den Vater erschlug, sah ich im Traum; Ich weiss nicht wo, doch denk' ich mir, es war im Hoellenraum. Er kam nach Hause und sagte seiner Mutter, sie moege sich im Dorf nach einem andern Huetejungen umsehn; er selbst wolle sich jetzt lieber um den Hof bekuemmern. So geschah es; aber seine Mutter kam immer mit Ermahnungen; er solle sich nicht bei der Arbeit ueberanstrengen. Sie setzte ihm in dieser Zeit auch so gutes Essen vor, dass er oft ganz beschaemt war; aber er sagte nichts. Er trug sich mit einem Liede, dessen Kehrreim war: "Ueber die hohen Berge." Er wurde aber nie damit fertig, und das lag hauptsaechlich daran, dass er den Kehrreim in jeder zweiten Zeile haben wollte; zuletzt gab er es auf. Mehrere der Lieder aber, die er gedichtet hatte, kamen unter die Leute und fanden Beifall; manche haetten gern mit ihm geredet, zumal sie ihn noch als Knaben gekannt hatten. Arne aber hatte Angst vor allen, die er nicht kannte, und dachte schlecht von ihnen, vor allem weil er glaubte, sie daechten schlecht von ihm. Bei allen Feldarbeiten stand ihm ein Mann in mittleren Jahren zur Seite, Knut vom Oberland, der die Angewohnheit hatte, mitunter zu singen, aber immer dasselbe Lied. Als das ein paar Monate so fortgegangen war, dachte Arne, er muesse ihn doch mal fragen, ob er nicht noch andere Weisen koenne. "Nein", sagte der Mann. So gingen einige Tage hin, und als der Mann wieder einmal sein Lied sang, fragte Arne: "Wie ist es gekommen, dass Du dies eine gelernt hast?"--"Ach, das kam so", sagte der Mann. Gleich darauf ging Arne ins Haus; da aber sass die Mutter und weinte, was er seit des Vaters Tode nicht mehr gesehen hatte. Er tat, als bemerke er's nicht, und ging wieder auf die Tuer zu; aber er fuehlte, wie die Mutter ihm schwermuetig nachsah, und musste stehen bleiben.--"Warum weinst Du, Mutter?"--fuer eine Weile blieben seine Worte der einzige Laut in der Stube, und deshalb stellte sich die Frage ihm immer wieder, so dass er schliesslich fuehlte, sie habe nicht zart genug geklungen. Er fragte also noch einmal: "Warum weinst Du, Mutter?" "Ach, ich weiss auch nicht"; aber nun weinte sie noch mehr. Er stand eine ganze Zeit da, und dann sagte er so mutig, wie er konnte: "Du weinst ueber was Bestimmtes." Wieder blieb es still. Er fuehlte sich sehr schuldig, obwohl sie nichts gesagt hatte und er nichts Bestimmtes wusste. "Es kam so ueber mich", sagte die Mutter. Nach einer Weile fuegte sie hinzu: "Ich bin ja im Grunde so gluecklich", und dann weinte sie wieder. Arne aber ging schnell hinaus; es zog ihn zu der Felswand hin. Er setzte sich so, dass er hinunterschauen konnte, und wie er dasass, kamen ihm auch die Traenen. "Wenn ich nur wuesste, worueber ich weine", sagte Arne. Ueber ihm auf dem umgepfluegten Acker aber sass Knut und sang sein Lied: "Ingerid Sletten von Sillegjord Hatte weder Silber noch Gold, Nur ein bunt Haeubchen, drin braeutlich hold Einst Mutter zur Kirche fuhr. Nur dies Vermaechtnis von Elternhand,-- Hatte sonst nichts in Keller noch Schrein; Doch ihr arm Haeubchen vom Muetterlein Wog schwerer als aller Tand. Sie barg es zwanzig Jahre fromm Vor Licht und Tageslaut. --Ich trag' es wohl noch einmal als Braut Wann ich zum Herrgott komm'! Sie barg es dreissig Jahre lang Im Truhendaemmer traut. --Ich trag' es doch noch als frohe Braut, Auf meinem Ehrengang. Und vierzig Jahre gingen ins Land, Sie hat noch der Mutter gedacht. --Mein Haeubchen alt, nun glaub' ich sacht, Die Zeit fuer uns entschwand. Sie geht es holen, dem Tode nah, Ihr Herz schlug so stark dazu; Sie hastet sich hin nach der alten Truh',-- Da war kein Faedchen mehr da." Arne sass, als kaemen die Toene fern von den Halden her. Er stieg zu Knut hinauf. "Hast Du noch eine Mutter?" fragte er.--"Nein."--"Hast Du noch einen Vater?"--"Ach nein, keinen Vater."--"Sind sie schon lange tot?"--"O ja, schon lange." "Du hast wohl nicht viele, die Dich lieb haben?"--"O nein, nicht viele."--"Hast Du hier jemand?"--"Nein, hier nicht."--"Aber fern in Deiner Heimat?"--"O nein, dort auch nicht."--"Hast Du denn gar keinen, der Dich lieb hat?"--"Nein, keinen." Aber Arne verliess ihn, und so lieb hatte er seine Mutter, als solle ihm das Herz springen, und er hatte das Gefuehl, als werde es hell ueber ihm. Himmlischer Vater, dachte er, Du hast mir sie gegeben und durch sie so unsaeglich viel Liebe, und ich gehe achtlos an ihr vorueber--und wenn ich sie einmal haben moechte, dann ist sie vielleicht nicht mehr da. Er wollte hin zu ihr, bloss um sie zu sehen. Unterwegs aber fiel ihm ploetzlich ein: "Weil Du sie gering geachtet hast, wirst Du vielleicht bald damit gestraft weiden, dass Du sie verlierst!"--Er blieb auf dem Fleck stehen. "Allmaechtiger Gott, was soll dann aus mir werden?" Ihm war's, als geschehe jetzt ein Unglueck zu Haus; er setzte in grossen Spruengen auf das Haus zu, der kalte Schweiss stand ihm auf der Stirn, und die Fuesse beruehrten kaum die Erde. Er riss die Stubentuer auf. Die Mutter hatte sich schlafen gelegt, der Mond fiel ihr gerade auf das Gesicht; sie lag und schlummerte wie ein Kind. Sechstes Kapitel Einige Tage darauf beschlossen Mutter und Sohn, die sich seitdem inniger aneinander angeschlossen hatten, bei Verwandten auf einem Nachbarhof eine Hochzeit mitzumachen. Die Mutter war seit ihrer Maedchenzeit auf keinem Fest mehr gewesen. Die beiden kannten fast alle Gaeste nur dem Namen nach, und Arne kam es besonders sehr merkwuerdig vor, dass ihn alle ansahen, wo er sich blicken liess. Auf der Diele fiel hinter ihm ein Wort,--bestimmt wusste er es nicht, aber er glaubte es gehoert zu haben, und jeder Blutstropfen siedete in ihm, wenn er daran dachte. Dem Mann, der es gesagt hatte, ging er nun unaufhoerlich nach und schliesslich setzte er sich neben ihn. Aber als er an den Tisch trat, schien es ihm, als nehme das Gespraech schnell eine andere Wendung. "Na, jetzt will ich mal 'ne Geschichte erzaehlen, an der man sieht, dass nichts so fein gesponnen ist, es kommt schliesslich doch an die Sonnen", sagte der Mann, und Arne hatte das Gefuehl, er sehe ihn dabei an. Es war ein haesslicher Mensch mit duennem roten Haar ueber einer hohen runden Stirn. Darunter lagen ein Paar sehr kleine Augen und eine kleine Kartoffelnase; der Mund aber war sehr gross und hatte wulstige Lippen von weisslicher Farbe. Wenn er lachte, sah man die beiden Gaumen. Seine Haende lagen auf dem Tisch: sie waren sehr grob und plump, das Handgelenk aber war duenn. Er hatte einen stechenden Blick und sprach schnell, aber es kostete ihn Anstrengung. Man nannte ihn den Maulhelden, und Arne wusste, dass Schneider Nils ihm in alten Tagen uebel mitgespielt hatte. "Ja, es gibt viel Suende in dieser Welt; sie ist uns naeher, als wir glauben----. Aber das ist gleich. Jetzt sollt Ihr etwas sehr Haessliches hoeren. Die Aelteren unter Euch werden sich wohl noch an Alf, an den Ranzen-Alf erinnern. 'Werd' schon wiederkommen!' sagt Alf; die Redensart stammt von ihm; denn wenn er einen Handel abgeschlossen hatte--und handeln konnte der Kerl!--dann schwang er seinen Ranzen auf den Ruecken; 'werd' schon wiederkommen!' sagt Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf!----Ja, und dann kam die Sache mit ihm und dem grossen Faulpelz. Der Faulpelz,--ja, Ihr kennt den Faulpelz doch?--gross war er, und faul war er auch. Er vergaffte sich in ein rabenschwarzes Pferd, mit dem der Ranzen-Alf einherkam und das wie ein Frosch huepfte. Und eh' es dem Faulpelz noch recht zum Bewusstsein kam, hatte er fuenfzig Taler fuer die Maehre bezahlt. Der Faulpelz, so lang wie er war, auf einen Wagen 'rauf, um mit dem Fuenfzigtalerpferd Parade zu fahren; aber er mochte peitschen und fluchen, dass der Hof in einer Staubwolke lag,--das Pferd lief seelenruhig auf jede Tuer und jede Mauer los, die irgend da war;--denn es hatte den Star.--Von Stund an lagen sich diese beiden ueberall in den Haaren wie zwei Kampfhaehne. Der Faulpelz wollte sein Geld wieder haben; aber keinen roten Heller bekam er. Der Ranzen-Alf pruegelte ihn durch, dass die Borsten stoben. 'Werd' schon wiederkommen', sagte Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf.--Na, dann gingen ein paar Jahre hin, wo er sich nicht mehr sehen liess.--Es mochte wohl so zehn Jahre spaeter sein, als er auf dem Kirchberg ausgerufen wurde, weil ihm eine grosse Erbschaft zugefallen war. Der Faulpelz hoerte es mit an. 'Das konnte ich mir denken,' sagte er, 'dass das Geld den Ranzen-Alf suche und nicht die Leute.'--Nun sprach man hin und her ueber Alf; und soviel wurde geschwatzt, dass man schliesslich heraus hatte, er waere zuletzt diesseits des Roerenbergs gewesen, aber nicht drueben. Ja, Ihr kennt doch den Weg ueber den Roeren noch, den alten Weg? "Der Faulpelz aber war seit einiger Zeit zu grosser Macht und Herrlichkeit gelangt sowohl was seinen Hof betraf, wie ueberhaupt. Ausserdem hatte er sich auf die Froemmigkeit verlegt, und alle waren ueberzeugt, er werde nicht auf einmal um nichts und wieder nichts fromm,--frommer als die andern. Man fing an, allerlei ueber ihn zu munkeln.--Es war zu der Zeit, als die Strasse ueber den Roeren verlegt werden sollte; die Alten hatten immer geradeaus gewollt, deshalb fuehrte der Weg direkt ueber den Roeren; wir dagegen wollen alles huebsch eben haben, und deshalb geht jetzt der Weg unten am Fluss entlang. Da gab es eine Sprengerei und eine Wirtschaft, dass man meinte, der ganze Roeren fiele herunter. Allerhand Wegebaumeister kamen, am haeufigsten aber der Amtmann, weil er ja doppelte Freifahrt hat. Und als sie nun eines Tages da in dem Geroell schaufelten, wollte einer einen Stein wegnehmen, bekam aber statt dessen eine Hand zu fassen, die aus dem Steinhaufen heraussah, und so stark war diese Hand, dass der, der sie gefasst hatte, mit ihr zuruecktaumelte. Der sie aber gefasst hatte, war der Faulpelz.--Der Amtsvorsteher war in der Naehe; er wurde geholt, und dann grub man die ganzen Gebeine eines Menschen aus. Ein Arzt wurde auch geholt! Der setzte alles so kunstgerecht zusammen, dass bloss noch das Fleisch fehlte. Die Leute behaupteten aber, das Gerippe muesse genau so gross sein wie der Ranzen-Alf. 'Ich werd' schon wiederkommen', sagt Alf. Jedwedem einzelnen kam es merkwuerdig vor, dass eine tote Hand einen Kerl wie den Faulpelz so einfach umwerfen konnte, wo sie gar nicht einmal ausschlug. Der Amts Vorsteher sagte ihm das auf den Kopf zu,--natuerlich dass keiner es hoerte. Da fing aber der Faulpelz zu fluchen an, dass es dem Amtsvorsteher ganz schwarz vor den Augen wurde. 'Ja, ja', sagte der Amtsvorsteher, 'wenn Du es nicht gewesen bist, so bist Du wohl der rechte Mann, heute nacht bei dem Gerippe zu schlafen, ja?'--'Das will ich meinen', antwortete der Faulpelz. Und nun band der Doktor das Gerippe in den Gelenken zusammen und legte es auf das eine Bett in der Baracke. In das andere sollte sich der Faulpelz legen; der Amtsvorsteher aber lag, in seinen Mantel gehuellt, draussen dicht an der Wand.--Als es dunkel wurde und der Faulpelz zu seinem Schlafkameraden hineinmusste, war es gerade, als wenn die Tuer sich von selbst hinter ihm schloesse, und er stand im Dunkeln. Da fing der Faulpelz an, Choraele zu singen, denn er hatte eine maechtige Stimme. 'Warum singst Du Choraele?' fragte der Amtsvorsteher draussen an der Wand. 'Wer weiss, ob fuer ihn gelaeutet worden ist, antwortete der Faulpelz. Dann fing er zu beten an, so laut er konnte. 'Warum betest Du?' fragte der Amtsvorsteher draussen an der Wand. 'Er ist doch sicher ein grosser Suender gewesen', antwortete der Faulpelz. Dann blieb es eine lange Zeit still, und der Amtsvorsteher war nahe am Einschlafen. Da bruellte es drinnen, dass die Huette bebte: 'Ich werd' schon wiederkommen!'--Ein Hoellenlaerm erhob sich; 'her mit meinen fuenfzig Talern', bruellte der Faulpelz, dann ein Aufschrei und ein Gekrach; der Amtsvorsteher hin zur Tuer, die Leute kamen mit Stangen und Fackeln, und da lag der Faulpelz mitten auf dem Boden, und das Gerippe lag ueber ihm--." Es war totenstill am Tisch. Schliesslich sagte einer, indem er sich seine Wasserpfeife ansteckte: "Er ist ja wohl an dem Tage verrueckt geworden."--"Ja, das stimmt." Arne fuehlte, dass alle ihn ansahen, und deshalb konnte er die Augen nicht aufschlagen. "Wie ich gesagt habe," warf der erste hin, "es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen."--"Na, jetzt will ich mal von einem erzaehlen, der seinen eignen Vater schlug", sagte ein blonder, dicker Mann mit einem runden Gesicht. Arne wusste kaum noch, wo er hinsollte. "Es war einmal in einer angesehenen Familie in Hardanger ein Raufbold; der hatte schon manchen untergekriegt. Sein Vater und er waren uneins ueber das Altenteil, und es kam so weit, dass der Mann in seinem Hause und ausserhalb keinen Frieden mehr hatte.--Dadurch wurde er immer schlimmer, und sein Vater ueberwachte ihn. 'Ich lasse mir von keinem was sagen', sagte der Sohn. 'Aber von mir, so lange ich lebe', sagte der Vater.--'Bist Du nicht gleich still, dann schlag' ich Dich', sagte der Sohn und stand auf.--'Ja, wag' es nur, und es wird Dir nie gut gehen in der Welt', antwortete der Vater und stand auch auf.--'Meinst Du?'--und der Sohn drang auf ihn ein und schlug ihn nieder. Der Vater aber wehrte sich nicht, verschraenkte die Arme und liess ihn machen, was er wollte.--Der Sohn misshandelte ihn, packte ihn und schleppte ihn zur Tuer: 'Ich will Frieden im Hause haben!'--Aber als sie an die Tuer kamen, richtete der Vater sich auf. 'Nicht weiter als bis zur Tuer,' sagte er, 'so weit habe ich meinen Vater auch geschleppt.' Der Sohn achtete nicht darauf, sondern zerrte den Kopf ueber die Tuerschwelle. 'Nicht weiter als bis zur Tuer, sag' ich!' Der Alte sprang auf, warf den Sohn vor seine Fuesse und zuechtigte ihn wie ein Kind."--"Das war haesslich", sagten Verschiedene. "Seinen eignen Vater schlaegt man doch nicht!" glaubte Arne einen sagen zu hoeren, aber er wusste es nicht genau. "Jetzt will ich Euch etwas erzaehlen", sagte Arne; er stand mit leichenblassem Gesicht auf und wusste noch nicht, was er sagen wollte. Er sah nur die Worte wie grosse Schneeflocken um sich herum stieben; "es geht aufs Geratewohl!" und er fing an. "Ein Zwerg begegnete einmal einem Burschen, der weinend seines Weges ging. 'Vor wem hast Du am meisten Angst,' fragte der Zwerg, 'vor Dir selbst oder vor andern?' Der Bursch aber weinte, weil ihm in der Nacht getraeumt hatte, er habe seinen boesen Vater erschlagen muessen, und deshalb antwortete er: 'Ich habe am meisten Angst vor mir selbst.'--'So sollst Du vor Dir selbst Ruhe haben und nie mehr weinen, denn fortan sollst Du nur mit den andern im Krieg liegen.' Und der Zwerg ging seines Weges. Der erste aber, den der Bursch traf, lachte ihn aus, und deshalb musste der Bursch ihn wieder auslachen. Der zweite, den er traf, schlug ihn; der Bursch musste sich verteidigen und schlug ihn wieder. Der dritte, den er traf, wollte ihn toeten, und deshalb musste er ihn selbst umbringen. Alle Leute aber redeten Boeses von ihm, darum konnte er von allen Menschen auch nur Boeses reden. Sie riegelten Schraenke und Tueren vor ihm zu, so dass er sich stehlen musste, was er brauchte, sogar seine Nachtruhe musste er sich stehlen. Weil er nun nie etwas Gutes tun konnte, musste er eben Boeses tun. Da sagte das ganze Dorf: 'Den Burschen muessen wir uns vom Halse schaffen; er ist zu schlecht', und eines schoenen Tags schafften sie ihn aus dem Wege. Der Bursch wusste aber gar nicht, dass er etwas Boeses getan hatte; deshalb kam er nach seinem Tode geradenwegs zum lieben Gott. Da sass auf einer Bank sein Vater, den er gar nicht totgeschlagen hatte, und gegenueber auf einer andern Bank sassen alle, die ihn gezwungen hatten, Boeses zu tun. 'Vor welcher Bank hast Du Angst?' fragte der liebe Gott, und der Bursch zeigte auf die lange. 'So setz' Dich neben Deinen Vater', sagte der liebe Gott, und der Bursch wollte es tun. Da stuerzte sein Vater von der Bank herunter und hatte eine klaffende Wunde im Nacken. Auf seinem Platz aber stand ein Phantom des Burschen selbst, nur mit leichenblassem Gesicht und von Reue verzerrten Mienen; und ein anderes mit dem Gesicht eines Saeufers und schlotternden Gliedern, und noch eins mit irren Augen, zerrissenen Kleidern und einem grauenvollen Lachen. 'So haette es Dir auch gehen koennen', sagte der liebe Gott.--'Ja, waere das moeglich?' sagte der Bursch und griff nach dem Saum von Gottes Gewand. Da fielen beide Baenke vom Himmel hinunter, und der Bursch stand vor dem lieben Gott und lachte. 'Denke dran, wenn Du aufwachst', sagte der liebe Gott,--und im selben Augenblick wachte der Bursch auf. Der Bursch aber, der all das getraeumt hat, bin ich, und die ihn in Versuchung fuehren, weil sie schlecht von ihm denken, seid Ihr. Vor mir selbst habe ich keine Angst mehr; aber ich habe vor Euch Angst. Hetzt nicht das Boese in meine Seele, denn ich weiss nicht, ob auch ich einst den Saum von Gottes Gewand fassen kann." Er stuerzte hinaus, und die Maenner blickten einander an. Siebentes Kapitel Es war am naechsten Tag auf demselben Hof in der Scheune; Arne hatte sich zum erstenmal in seinem Leben betrunken, war krank davon geworden und hatte nun bald vierundzwanzig Stunden in der Scheune gelegen. Jetzt richtete er sich empor, stuetzte sich auf die Ellbogen und hielt ein Selbstgespraech: "----Alles, was ich anfasse, wird Feigheit. Dass ich als Junge nicht davonlief, war Feigheit; dass ich auf den Vater mehr hoerte als auf die Mutter, war Feigheit; dass ich ihm die haesslichen Lieder vorsang, war Feigheit. Ich fing das Viehhueten an; aus Feigheit;--und das Lesen--nun ja, auch aus Feigheit: ich wollte mich nur vor mir selber verstecken. Als erwachsener Bursch stand ich der Mutter nicht gegen den Vater bei--Feigheit; dass ich ihn in jener Nacht nicht--hu!--Feigheit! Ich haette wohl gewartet, bis sie tot gewesen waere;----ich konnte es hinterher zu Hause nicht aushalten--Feigheit; ich zog aber auch nicht meiner Wege--Feigheit; ich tat nichts, ich huetete das Vieh,--Feigheit. Ich hatte freilich der Mutter versprochen, zu bleiben, aber ich waere schon feig genug gewesen, den Schwur zu brechen, wenn ich nicht Angst gehabt haette, unter fremde Menschen zu muessen. Denn ich habe Angst vor den Menschen, hauptsaechlich wohl, weil ich glaube, sie sehen, wie garstig ich bin. Weil ich aber Angst vor ihnen habe, rede ich Boeses von ihnen--verfluchte Feigheit! Ich mache Verse aus Feigheit. Ich wage nicht ueber meine eigenen Angelegenheiten nachzudenken und mische mich deshalb in die Sachen andrer Leute,--und das nennt man Dichten!--Ich haette mich hinsetzen sollen und weinen, dass die Berge zu Wasser werden, ja, das haette ich; aber ich sage nur: Seht, seht! und wiege mich in Nichtstun ein. Und selbst meine Lieder sind feig; denn waeren sie mutig, so wuerden sie besser sein. Ich habe Angst vor starken Gedanken wie vor allem Starken ueberhaupt; schwinge ich mich einmal dazu auf, so ist es aus Wut, und Wut ist Feigheit. Ich bin klueger, tuechtiger, belesener, als ich aussehe; ich bin besser als mein Geschwaetz; aber aus Feigheit wage ich mich nicht so zu geben wie ich bin. Pfui, sogar Schnaps habe ich aus Feigheit getrunken; ich wollte den Schmerz betaeuben! Pfui, es schmeckte schrecklich, aber ich trank doch, trank doch; trank meines Vaters Herzblut, und doch trank ich! Meine Feigheit hat keine Grenzen; das allerfeigste aber ist doch, dass ich hier sitze und mir selbst das alles sagen kann.-- ... Mich toeten? Prost Mahlzeit! Dazu bin ich zu feig. Und dann glaube ich doch auch an Gott,--ja, ich glaube an Gott. Ich moechte gern hin zu ihm; aber die Feigheit haelt mich von ihm zurueck. Eine grosse Veraenderung, die scheut ein Feigling. Aber wenn ich's versuchte, so gut ich's vermag? Allmaechtiger Gott! Wenn ich's versuchte? Muesste mich kurieren, so gut mein Milchsuppenleben es vertruege; denn Knochen habe ich ja nicht mehr im Leibe, nicht mal Knorpeln, bloss etwas Fluessiges, Weichliches.--Wenn ich es versuchte--mit guten, milden Buechern,--hab' Angst vor den starken--; mit schoenen Maerchen und Sagen und allem, was sanft ist,--und dann jeden Sonntag eine Predigt und jeden Abend ein Gebet. Und tuechtige Arbeit, damit die Religion Ackerland hat; in die Traegheit kann man nichts saeen. Wenn ich's versuchte; Du lieber, guter Gott meiner Kindheit, wenn ich's versuchte!" Da oeffnete jemand die Scheunentuer, stuerzte auf die Diele mit leichenblassem Gesicht, obwohl ihr der Schweiss heruntertropfte,--es war seine Mutter. Schon den zweiten Tag suchte sie ihren Sohn. Sie rief seinen Namen, stand aber nicht still um zu lauschen, sondern rief nur und lief in alle Ecken, bis er hinten von dem Heuschober her, wo er lag, Antwort gab. Da stiess sie einen lauten Schrei aus, sprang leichtfuessiger als ein Junge in den Heuhaufen hinein und beugte sich ueber ihn:--"Arne, Arne, bist Du hier! So hab' ich Dich doch gefunden; ich hab' seit gestern gesucht; ich hab' die ganze Nacht durch gesucht! Armer lieber Arne! Ich hab' gesehen, dass sie Dir weh getan haben! Ich haette so gern mit Dir gesprochen und Dich getroestet; aber ich darf ja nie mit Dir sprechen!----Arne, ich sah, dass Du trankst! Ach, Du allmaechtiger Gott! Lass mich das nie wieder sehen!"--Es dauerte eine ganze Weile, bis sie weiterreden konnte. "Gott schuetze Dich, mein Kind, ich habe gesehen, dass Du getrunken hast!--Ploetzlich warst Du mir weg, betrunken und so vernichtet vom Schmerz,--und ich rannte in alle Haeuser; ich war weit draussen auf dem Felde; ich fand Dich nicht; ich habe in jedem Gebuesch gesucht; ich habe alle Leute gefragt; hier bin ich auch gewesen, aber Du hast mir nicht geantwortet----Arne, Arne! Ich ging am Fluss entlang, aber er schien mir nirgends tief genug--" sie schmiegte sich enger an ihn.--"Da wurde es mir so leicht ums Herz: Du waerest sicher nach Hause gegangen, und ich brauchte kaum eine Viertelstunde zu dem Weg; ich machte die Tuer auf und suchte in jedem Raum, und dann erst fiel mir ein, dass ich ja selbst den Schluessel hatte; Du konntest ja nicht hineingeschluepft sein.--Arne! heut nacht habe ich den ganzen Weg an beiden Seiten abgesucht; bis zur Kampenschlucht wagte ich gar nicht zu gehen!--Wie ich hierhergekommen bin, weiss ich nicht; keiner hat mir's gesagt, aber der liebe Gott hat mir eingegeben, Du muesstest hier sein!" Er versuchte sie zu beruhigen. "Arne, Du wirst doch nie wieder Schnaps trinken?"--"Nein, da kannst Du ganz ruhig sein."--"Sie sind wohl schlecht zu Dir gewesen? Waren sie schlecht zu Dir?"--"Ach nein, nur--ich war so feig." Er legte einen Nachdruck auf dies Wort.--"Ich kann das gar nicht verstehen, dass sie schlecht zu Dir waren. Aber was haben sie Dir denn getan? Du sagst mir nie etwas", und sie fing wieder zu weinen an.--"Du sagst mir ja auch nie etwas", sagte Arne sanft.--"Daran bist Du schuld, Arne. Ich bin von Deinem Vater das Stillschweigen so gewohnt gewesen,--Du haettest mir ein bisschen auf den Weg helfen muessen!--Herrgott, wir haben doch weiter nichts als uns; und wir haben soviel zusammen ausgestanden."--"Wir wollen versuchen, ob es nicht besser werden kann", fluesterte der Bursch.------"Naechsten Sonntag will ich Dir die Predigt vorlesen."--"Da segne Dich Gott fuer!" "Du, Arne!"--"Ja?"--"Ich muss Dir etwas sagen."--"Sag' es, Mutter."--"Ich habe gesuendigt an Dir; ich habe etwas Unrechtes getan."--"Du, Mutter?" und es ruehrte ihn so, dass seine seelensgute, geduldige Mutter sich anklagte, sie habe gesuendigt an ihm, der nie etwas wirklich Gutes fuer sie getan hatte, dass er den Arm um sie legte, sie streichelte und in Traenen ausbrach.--"Ja, ganz bestimmt, aber ich konnte eben nicht anders."--"Ach, Du hast mir nie ein Unrecht getan."--"O doch;--aber Gott weiss: ich tat es nur aus Liebe zu Dir. Aber Du wirst es mir verzeihen, ja?"--"Ja, ich werde es Dir verzeihen."--"So will ich es Dir ein andermal erzaehlen;--aber Du musst es mir verzeihen!"--"Ja, ja, Mutter!"--"Siehst Du, daher kam es wohl, dass es mir so schwer wurde, mit Dir zu reden; ich hatte gesuendigt an Dir."--"Herrgott, sprich nicht so, Mutter!"--"Ich bin froh, dass ich wenigstens soviel gesagt habe."--"Wir beiden wollen mehr zusammen reden, Mutter!"--"Ja, das wollen wir,--und dann liest Du mir doch auch die Predigt vor?"--"Ja, das tue ich."--"Armer Arne! Gott segne Dich!"--"Ich glaube, das beste ist, wir gehen nach Hause."--"Ja, gehen wir nach Hause."--"Du siehst Dich ja so um, Mutter."--"Ja, in dieser selben Scheune hat Dein Vater auch gelegen und hat geweint."--"Der Vater?" fragte Arne und wurde ganz blass.--"Der arme Nils! Es war an dem Tage, als Deine Taufe war.---- Du siehst Dich ja so um, Arne." Achtes Kapitel Von dem Tag an, da Arne sich aufrichtigen Herzens bemuehte, inniger mit seiner Mutter zu verkehren, wurde auch sein Verhaeltnis zu den andern Menschen besser. Er sah sie mehr mit den sanften Augen seiner Mutter an. Aber es wurde ihm oft schwer, seinem Vorsatz treu zu bleiben; denn seine tiefsten Gedanken verstand die Mutter nicht immer,--hier ist ein Lied aus jener Zeit: "Es war ein so schoener, sonniger Tag, Es litt mich nicht laenger drinnen; Ich schlenderte waldwaerts und lag und lag Und liess die Gedanken spinnen. Doch die Emse kroch und die Muecke stach Und die Brems' und die Wespe taten's ihr nach." "Lieber Junge, willst Du denn bei dem Prachtwetter nicht draussen bleiben?"--sagte Mutter, sass dabei auf dem Altan und sang: "Es war ein so schoener, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich ging auf die Wiese und lag und lag Und summte so recht in Sinnen. Da kamen Nattern, drei Ellen lang, Und wollten sich sonnen--doch ich entsprang." "Bei solch einem Gotteswetter koennen wir barfuss laufen",--sagte Mutter und zog die Socken aus. "Es war ein so schoener, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich sprang in ein Boot und lag und lag Und lauschte dem Raunen und Rinnen. Da hat mir die Sonne die Nase zerbrannt. Immer alles mit Mass! Und ich ging an Land." "Jetzt werden wir 's Heu wohl trocken hereinbringen",--sagte Mutter und warf's mit dem Rechen durcheinander. "Es war ein so schoener, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich klomm auf 'nen Baum; potz Donnerschlag, Hier treibt ihr mich nicht von hinnen! Da rutscht' eine Raupe mir vorn in die Brust,-- Ich huepfte und schrie; das war eine Lust!" "Na, wenn die Kuh heut den Koller nicht kriegt, so kriegt sie ihn nie", sagte Mutter und blinzelte hinauf in die Glut. "Es war ein so schoener, sonniger Tag, Es litt mich nun einmal nicht drinnen; So ruht' ich nicht, bis ich im Wasserfall lag: Da war wohl nun Ruh zu gewinnen. Die Sonne schien weiter, indes ich versank,-- Und ist dies Lied deines,--bist du's, der ertrank." "Bloss drei solche sonnige Tage, und alles ist unter Dach",--sagte Mutter und ging mein Bett machen. Trotzdem wurde das Zusammenleben mit der Mutter mit jedem Tage ein groesseres Glueck fuer ihn. Was sie nicht verstand, schlug ebensogut eine Bruecke zu ihm wie das, was sie verstand. Denn ueber alles, was sie nicht verstand, dachte er nur um so eingehender nach, und sie wurde ihm nur lieber dadurch, dass er nach allen Seiten die Grenzen in ihr erkannte. Ja, sie wurde ihm unendlich teuer! Arne hatte sich als Kind nichts aus Maerchen gemacht. Jetzt als erwachsener Mensch bekam er Sehnsucht nach Maerchen, und sie hatten Volkssagen und Heldenlieder im Gefolge. In sein Herz kam eine seltsame Sehnsucht; er ging viel allein, und manches, worauf er zuvor gar nicht geachtet hatte, erschien ihm wunderbar schoen. Zu der Zeit, als er mit seinen Altersgenossen zum Konfirmandenunterricht gegangen war, hatten sie haeufig an einem grossen See vor dem Pfarrhaus gespielt, dem sogenannten schwarzen See, weil er gar so tief und schwarz dalag. Dieser See kam ihm jetzt in den Sinn, und eines Abends stieg er da hinauf. Er setzte sich unter einen Busch dicht neben dem Pfarrhof; der lag an einem sehr steilen Abhang, der schliesslich zu einer hohen Felswand anstieg; genau so war es am andern Ufer, so dass von beiden Seiten lange Schlagschatten ueber den See fielen: in der Mitte aber war ein schoener silbriger Wasserstreifen geblieben. Alles lag in tiefer Ruhe; die Sonne war im Sinken; leises Glockenlaeuten klang vom andern Ufer herueber,--sonst aber war es ganz still. Arne schaute nicht geradeaus, sondern hinunter auf den Grund des Sees, weil die Sonne vorm Untergehen eine zittrige Roete drueber hinausgesandt hatte. Unten traten die Felsen etwas zur Seite, so dass ein langgestrecktes, niederes Tal entstand, gegen das das Wasser schlug. Aber es sah aus, als neigten sich die Felsen langsam zueinander, um das zwischen ihnen liegende Tal gewissermassen zu schaukeln. Ein Gehoeft lag in dem Tal neben dem andern; Rauchwoelkchen stiegen empor und verteilten sich; die gruenen Felder dampften; Boote, mit Heu beladen, kamen an Land. Er sah viele Menschen hin und her gehen, hoerte aber kein Geraeusch. Seine Augen wandten sich von diesem Bilde zum Strand hinueber, wo nur Gottes duesterer Wald sich erhob. Durch den Wald und am See entlang hatten die Menschen sich wie mit einem Finger einen Weg gemacht, denn man sah einen Staubstreifen sich gleichmaessig hindurchschlaengeln. Den verfolgte er mit den Augen bis genau der Stelle gegenueber, wo er sass; da hoerte der Wald auf; die Felsen traten mehr zurueck, und gleich lag wieder ein Gehoeft neben dem andern. Da standen noch groessere Haeuser als unten im Grunde, rot angestrichen, mit groesseren Fenstern, die in der Sonne brannten. Helles Sonnenlicht lag auf den Hoehen; auch das kleinste Kind, das da spielte, war deutlich zu sehen; blendend weisser Sand lag hart am See; da sprangen Kinder mit ein paar Hunden herum. Aber auf einmal war alles sonnenverlassen und schwer, die Haeuser waren dunkelrot, die Wiese schwarzgruen, der Sand grauweiss, die Kinder wie kleine Kluempchen; eine Nebelwand war ueber den Bergen aufgestiegen und hatte die Sonne verdeckt. Arnes Auge fluechtete aufs neue zum Wasser hinunter; da aber fand er das Ganze wieder. Die Felder wogten, der Wald zog sich schweigend hin, hoch oben lagen die Haeuser und schauten hernieder, die Tueren standen offen, und die Kinder liefen aus und ein. Maerchen und Kindertraeume kamen wie kleine Fische nach der Angel, stoben auseinander, kamen wieder, spielten herum, bissen aber nicht an. "Wir wollen uns hier hinsetzen, bis Deine Mutter nachkommt; die Frau Pfarrer wird ja auch mal fertig werden."--Arne schrak zusammen; es hatte sich jemand dicht hinter ihn gesetzt. "Aber ich koennte doch ganz gut bloss noch diese eine Nacht hier bleiben", sagte flehend eine traenenerstickte Stimme; sie mochte einem nicht ganz erwachsenen Maedchen gehoeren. "Hoer' jetzt auf zu weinen; es ist recht haesslich, dass Du weinst, weil Du nach Hause zu Deiner Mutter sollst." Es war eine sanfte Stimme, die langsam sprach und einem Manne gehoerte. "Darueber weine ich ja nicht."--"Worueber weinst Du denn sonst?"--"Weil ich nicht mehr mit Mathilde zusammen sein kann." So hiess die einzige Tochter des Pfarrers, und es fiel Arne ein, dass ein Bauernmaedchen mit ihr zusammen erzogen war. "Das konnte ja doch nicht ewig dauern."--"Ja, aber einen Tag doch noch, Vater!" und sie schluchzte bitterlich.--"Es ist das beste, Du faehrst gleich mit nach Hause;--vielleicht ist es schon zu spaet."--"Zu spaet? Warum? Wie meinst Du das?"--"Du bist als Bauernmaedchen geboren, und ein Bauernmaedchen sollst Du bleiben; 'ne Zierpuppe koennen wir uns nicht leisten."--"Ich koennte doch auch ein Bauernmaedchen sein, wenn ich hier bliebe."--"Das verstehst Du nicht."--"Ich habe doch immer Bauerntracht angehabt."--"Das allein macht's nicht."--"Ich habe doch auch gesponnen und gewebt und kochen gelernt."--"Das ist es auch nicht."--"Ich kann doch genau so sprechen wie Du und die Mutter."--"Auch das ist's nicht."--"Ja, dann weiss ich nicht, was es sein kann", sagte das Maedchen und lachte.--"Das wird sich ja herausstellen;--ich habe bloss Angst, Du denkst jetzt schon zuviel."--"Denkst, denkst! Das sagst Du immer; ich denke ueberhaupt nicht", sie fing wieder zu weinen an.--"Ach, Du bist ein Windbeutel!"--"Das hat der Herr Pfarrer nie zu mir gesagt."--"Nein, aber ich sage es jetzt."--"Windbeutel? Ist so was erhoert? Ich will aber kein Windbeutel sein!"--"Was willst Du denn sonst sein?"--"Was ich sein moechte? Ist so 'was erhoert? Nichts moechte ich sein."--"Nun, so sei doch ein Nichts!" Da lachte das Maedchen. Nach einer Weile sagte sie ernsthaft: "Es ist graesslich von Dir, dass Du sagst, ich bin ein Nichts."--"Herrgott, wenn Du es doch selbst sein moechtest!"--"Nein, ich moechte kein Nichts sein."--"Gut, so sei alles!"--Das Maedchen lachte. Nach einer Weile sagte sie mit betruebter Stimme: "So hat mich der Herr Pfarrer nie zum Narren gehabt."--"Nein, er hat bloss einen Narren aus Dir gemacht."--"Der Herr Pfarrer? So nett bist Du nie zu mir gewesen wie der Herr Pfarrer."--"Das waere ja auch noch schoener."--"Saure Milch kann nie suess werden."--"Doch, wenn man Kaese davon macht."--Da lachte das Maedchen laut auf. "Da kommt Deine Mutter!" Gleich wurde sie wieder ernst. "So ein redseliges Frauenzimmer wie die Frau Pfarrer hab' ich mein Lebtag nicht gesehen", gellte jetzt eine scharfe, hastige Stimme dazwischen. "Schnell, Baard, steh auf und mach' das Boot klar! Wir kommen sonst heut abend nicht mehr nach Hause.--Die Frau hat gesagt, ich soll aufpassen, dass Eli immer trockne Fuesse hat. Musst schon selbst drauf passen! Und jeden Morgen spazieren laufen wegen der Bleichsucht! Bleichsucht hin, Bleichsucht her!--Steh doch auf, Baard, und mach' das Boot klar; ich muss heut abend noch den Teig anruehren!"--"Der Koffer ist noch nicht da", sagte er und blieb ruhig liegen. "Der Koffer soll auch gar nicht mit; der soll bis zum naechsten Sonntag hier bleiben. Hoerst Du, Eli, steh auf; nimm Dein Buendel und komm! Steh doch auf, Baard!"--Sie fort, das Maedchen hinter ihr her. "Komm doch; aber so komm doch!" klang es von unten herauf. "Hast Du nachgesehen, ob der Zapfen im Boot steckt?" fragte Baard und blieb ruhig liegen. "Ja, der steckt drin", und Arne hoerte, wie sie ihn mit einer Schoepfkelle festklopfte. "Aber so steh doch auf, Baard! Wir koennen doch nicht die Nacht ueber hier liegen bleiben?"--"Ich warte auf den Koffer."--"Aber Du meine Guete, ich habe Dir doch gesagt, er soll bis zum naechsten Sonntag hier bleiben."--"Da kommt er schon", sagte Baard. Und sie hoerten Wagengerassel. "Aber ich habe doch gesagt, er soll bis zum naechsten Sonntag hier bleiben."--"Ich habe aber gesagt, er soll gleich mit."--Ohne weiteres lief die Frau nun zum Wagen und trug Buendel, Korb und sonst ein paar Kleinigkeiten ins Boot hinunter. Da erhob Baard sich auch, stieg hinauf und lud sich den Koffer auf. Hinter dem Wagen aber kam ein Maedel hergelaufen im Strohhut und mit flatternden Haaren; das war das Pfarrerstoechterlein. "Eli, Eli!" rief sie schon von weitem. "Mathilde, Mathilde!" antwortete ihr die andere, lief hinauf und ihr entgegen. Sie trafen oben auf dem Huegel zusammen, fielen sich in die Arme und weinten. Dann nahm Mathilde etwas auf, was sie so lange ins Gras gesetzt hatte; es war ein Vogelbauer. "Du sollst den Narrifas haben, wirklich, Mutter will's auch. Du sollst jetzt den Narrifas haben, ja, wirklich--und: denk auch mal an mich--und komm ... komm ... komm oft heruebergerudert zu mir"; und sie weinten beide bitterlich. "Eli! komm doch, Eli! Du kannst da doch nicht stehen bleiben!" klang es von unten herauf.--"Aber ich will mit," sagte Mathilde, "ich will mit Dir hinueber und heut nacht bei Dir schlafen!"--"Ja, ja, ja!"--und eng umschlungen liefen sie an die Landungsstelle hinunter. Nach einer Weile gewahrte Arne das Boot auf dem See; Eli stand mit dem Vogelbauer aufrecht hinten am Steuer und winkte; Mathilde sass am Steg und weinte. Da blieb sie sitzen, solange das Boot auf dem Wasser war; bis zu den roten Haeusern war's, wie gesagt, nicht weit, und Arne blieb auch sitzen. Auch er verfolgte das Boot mit den Augen. Es kam bald in den Schatten hinein, und er wartete, bis es anlegte; dann sah er sie im Wasser, und hier folgte er ihnen zu den Haeusern hin, bis zu dem allerschoensten. Er sah die Mutter zuerst hineingehen, sah den Vater mit dem Koffer und schliesslich die Tochter, soweit er sie an der Groesse unterscheiden konnte. Nach einer Weile kam die Tochter wieder heraus und setzte sich vor die Tuer, wahrscheinlich um in dem letzten Sonnenstrahl noch einmal herueberzuschauen. Das Pfarrerstoechterlein aber war schon fort, und nur er sass noch und sah ihr Bild im Wasser. "Ob sie mich wohl sieht?"---- Er stand auf und ging; die Sonne war hinunter, der Himmel aber war so hell und klarblau, wie er in Sommernaechten ist. Von Wasser und Land stieg der Dunst zu beiden Seiten an den Felsen hoch; die Gipfel aber blieben frei und schauten zueinander hinueber. Er klomm hoeher hinauf; das Wasser wurde schwaerzer und tiefer und gewissermassen dichter. Das Tal unten im Grunde wurde kuerzer und schob sich weiter ans Wasser heran; die Felsen rueckten dem Auge naeher und verschwammen in einen Klumpen, denn das Sonnenlicht zieht Grenzen. Selbst der Himmel kam tiefer hernieder, und alles wurde freundlich und traulich. Neuntes Kapitel Liebe und Frauen begannen in seinen Gedanken eine Rolle zu spielen; die Heldenlieder und die alten Geschichten liessen sie ihm in einem Zauberspiegel sehen--wie das Bild des Maedchens im Wasser. Er starrte bestaendig hinein, und nach jenem Abend kam die Lust ueber ihn, es zu besingen; denn es war ihm naeher gerueckt. Aber der Gedanke entschluepfte ihm und kam zurueck mit einem Liede, von dem er selbst nichts wusste; es war, als habe ein anderer es fuer ihn gedichtet: Jung Venevil huepfte auf leichtem Schuh Ihrem Liebsten zu. Da klang's ihr entgegen wie Lerchenschlag: "Guten Tag! guten Tag!" Und all die kleinen Voeglein sangen lustig mit im Hag: "Zum Fest Sankt Johanns Da gibt's Lachen und Tanz; Doch nicht aus jedem Kraenzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!" Sie flocht ihm eins aus den Veiglein der Au: "Meine Aeuglein blau!" Hoch warf er's empor in den Lenzsonnenschein: "Leb' wohl, Freundin mein!" Und jubelte und stuermte wie ein Fuellen feldein: "Zum Fest Sankt Johanns..." Sie flocht ihm eines aus ihrem hellen Haar: "Du nimmst es, nicht wahr?" Sie flocht, sie bot ihm zum seligen Bund Ihren roten Mund: Er nahm und bekam ihn--und ihr Herz in Flammen stund. Sie flocht eines weiss in ein Lilienband: "Meine rechte Hand." Und eines, zu dem sie Blutrosen schnitt: "Meine linke mit." Er nahm sie alle beide,--doch sein Blick zur Seite glitt. Sie flocht eins aus Blumen ueberallher: "Ich fand nicht mehr!" Sank weinend zu Boden, flocht weiter ohne Ruh: "Nimm die, alle, du!" Er sagte nichts und nahm sie nur--und floh den Bergen zu. Sie flocht ihm eins ohne Farben ganz: "Meinen Hochzeitskranz!" Sie flocht, bis sie nichts mehr vor Traenen sah: "Setz' dir den auf, ja?" Doch da sie sich tat wenden, stand niemand mehr da. Und weiter flocht sie, versunken ganz An dem Hochzeitskranz. Doch jetzt war es laengst uebers Fest Sankt Johanns, Weit der Lenz und sein Glanz: Noch aus Eisblumen flocht sie--doch im Flechten zerrann's... "Zum Fest Sankt Johanns-- Da gibt's Lachen und Tanz; Doch nicht aus jedem Kraenzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!" Es war die Wehmut in ihm, die auf das erste Liebesbild, das durch seine Seele zog, ihre tiefen Schatten warf. Eine doppelte Sehnsucht: jemanden lieb zu haben und etwas Grosses zu werden, die beiden Wuensche verschmolzen in eins. In dieser Zeit arbeitete er wieder an dem Gedicht "Ueber die hohen Berge", aenderte dran herum, sang und dachte bei sich selbst: "Es wird schon noch gluecken; ich singe solange, bis ich den Mut finde." Er vergass die Mutter in diesen seinen Wandergedanken nicht; er troestete sich naemlich mit dem Vorsatz: sobald er festen Fuss in der Fremde gefasst habe, wuerde er sie holen und ihr ein Los bereiten, wie er es daheim nimmermehr sich oder ihr schaffen koenne. Mitten in diese grosse Sehnsucht hinein aber stahl sich etwas Stilles, Frisches, Feines, huschte weg und kam wieder, tauchte auf und verschwand, und da er zum Traeumer geworden war, hatten diese unwillkuerlichen Gedanken weit mehr Macht ueber ihn, als ihm selber bewusst war. Im Dorf lebte ein vergnueglicher alter Mann, Ejnar Aasen mit Namen. Als Zwanzigjaehriger hatte er sich das Bein gebrochen; seit der Zeit ging er am Stock; aber wo er mit seinem Stock angehumpelt kam, ging es lustig zu. Der Mann war reich; ein grosses Gehoelz von Nussstraeuchern lag auf seinem Grund und Boden, und an einem recht schoenen, sonnigen Tag im Herbst pflegte eine ganze Schar froehlicher Maedchen bei ihm zum Nusspfluecken versammelt zu sein. Tags war grosse Bewirtung und abends Tanz. Bei den meisten Maedchen hatte er Gevatter gestanden; denn er stand beim halben Dorf Gevatter; alle Kinder nannten ihn Pate, und alt und jung sprach es nach. Der Pate war mit Arne sehr gut bekannt und mochte ihn um seiner Lieder willen gern leiden. Jetzt lud er ihn zur Nussernte ein. Arne erroetete und machte Ausfluechte; er sei es nicht gewoehnt, mit Frauenzimmern zusammen zu sein, sagte er. "So musst Du Dich dran gewoehnen", antwortete der Pate. Arne konnte nachts bei dem Gedanken nicht schlafen; Furcht und Sehnsucht stritten in ihm: aber das Ende vom Lied war: er ging hin und war der einzige Bursch unter all den Frauenzimmern. Er konnte sich eine Enttaeuschung nicht verhehlen; das waren nicht solche, wie er sie besungen hatte, auch nicht solche, vor denen er Angst gehabt hatte. Sie machten eine Wirtschaft, wie er sein Lebtag nicht gesehen hatte, und am meisten wunderte er sich darueber, dass sie ueber nichts und wieder nichts lachen konnten; und wenn drei lachten, dann lachten die andern fuenf auch, bloss weil die drei lachten. Alle benahmen sich, als lebten sie Tag fuer Tag zusammen, und viele hatten sich bis jetzt noch nie gesehen. Wenn sie den Zweig erhaschten, nach dem sie in die Hoehe sprangen, lachten sie drueber, und wenn sie ihn nicht erhaschten, lachten sie auch. Sie balgten sich um den Nusshaken; die ihn eroberten, lachten, und die ihn nicht eroberten, lachten auch. Der Pate humpelte am Stock hinter ihnen her und trieb allen moeglichen Schabernack mit ihnen. Die er haschte, lachten, weil er sie haschte; und die er nicht haschte, lachten, weil er sie nicht haschte. Alle miteinander aber lachten sie ueber Arne, weil er solch ein ernstes Gesicht machte, und als er dann lachen musste, lachten sie, weil er endlich lachte. Schliesslich setzten sie sich auf eine Anhoehe, der Pate in die Mitte und die Maedchen alle um ihn herum. Da hatte man einen weiten Blick; die Sonne stach, aber sie kuemmerten sich nicht drum, bewarfen sich mit den Nussschalen und den Huelsen und gaben dem Paten die Kerne. Der Pate versuchte sie zum Schweigen zu bringen und schlug mit seinem Stock um sich, soweit er reichte, denn er wuenschte, jetzt solle etwas erzaehlt werden, etwas recht Lustiges. Aber sie zum Geschichtenerzaehlen zu bewegen, schien schwieriger zu sein, als einen bergab sausenden Wagen aufzuhalten. Der Pate fing an; manche wollten nichts hoeren, denn seine Geschichten kannten sie schon; aber schliesslich hoerte doch alles zu. Und ehe sie sich's versahen, waren sie mitten drin im besten Erzaehlen. Da wunderte sich Arne wieder ueber eins: so lebhaft sie vorhin gewesen waren, so ernst waren jetzt ihre Geschichten. Sie handelten meistens von Liebe. "Aber Du, Aase, kennst eine huebsche; das weiss ich noch vom vorigen Jahr", sagte der Pate und wandte sich an ein stattliches Maedel mit einem gutmuetigen, rundlichen Gesicht; sie sass und flocht ihrer juengeren Schwester, die den Kopf in ihren Schoss gelegt hatte, das Haar. "Die kennen aber wohl viele", antwortete sie. "Erzaehl' sie doch", baten alle. "Ich will mich nicht lange noetigen lassen", sagte sie und erzaehlte und sang, waehrend sie immer weiter flocht: "Es war einmal ein Bursch, der huetete das Vieh, und er trieb die Herde am liebsten an einem breiten Fluss entlang. Wenn er hoeher hinaufkam, war da ein Felsen, der soweit in den Fluss hinausragte, dass der Bursch nach der andern Seite hinueberrufen konnte. Denn drueben auf der andern Seite war ein Hirtenmaedchen, das er den ganzen Tag ueber vor Augen hatte, ohne zu ihr kommen zu koennen. Dei' Blas'n, des geht mir Ganz sakrisch in's Bluet. Geh, Deandl, wie hoasst denn? Du g'fallst mer so guet! Ein paar Tage lang wiederholte er dieselbe Frage und schliesslich bekam er Antwort: Mit der Liab' in dein' Herz'n Und dein' Bockshuet a'm Kopf-- Schwimm 'rueber, wenns d'Schneid hast, Du damischer Tropf! Da war der Bursch so klug wie vorher und nahm sich vor, sich nicht weiter um sie zu kuemmern. Das ging aber nicht so einfach; denn er mochte die Herde treiben, wohin er wollte, immer zog es ihn wieder zum Felsen hin. Da wurde dem Burschen bange, und er rief: Wo hat denn dei' Vota Sei' Huett'n hi'baut, Dass koaner am Kirchgang Di nie net derschaut? Der Bursch glaubte naemlich halb und halb, sie muesse eine Waldhexe sein. Mei' Vota is tot Und die Huett'n verbrennt-- I hab' no' mei' Lebtag Koan' Pfarrer net 'kennt. Hieraus wurde der Bursch ebensowenig klug. Den Tag ueber war er auf dem Felsen; des Nachts traeumte er, sie tanze um ihn herum, und jedes Mal, wenn er sie haschen wollte, schlage sie mit einem langen Kuhschweif nach ihm. Er fand kaum noch Schlaf; arbeiten konnte er auch nicht mehr, und es war um den Burschen uebel bestellt. Wenns d'a Trud bist, na mog i Nix wissn vo' dir, Aber bist nur a Deandl, Na ko'st red'n mit mir. Aber es kam keine Antwort, und da stand es bei ihm fest, sie muesse eine Waldhexe sein. Er gab das Viehhueten auf, aber da wurde es auch nicht besser; denn wo er ging und stand, und was er auch tat, immer dachte er an die schoene Waldhexe, die das Horn blies. Als er eines Tages stand und Holz hackte, kam ein Maedchen ueber den Hof gegangen, das leibhaftig wie die Waldhexe aussah. Aber als sie naeher herankam, war sie es doch nicht. Das ging ihm im Kopf herum; da kam das Maedchen zurueck, und von weitem war es die Waldhexe, und er lief ihr entgegen. Aber sowie sie naeher herankam, war sie es doch nicht. Fortan mochte der Bursch sein, wo er wollte, in der Kirche, beim Tanz oder bei andrer Geselligkeit,--das Maedchen war auch da; von weitem sah sie aus wie die Waldhexe, in der Naehe war sie eine andere; er fragte sie dann, ob sie es sei oder ob sie es nicht sei; sie aber lachte ihn aus. Man kann gerade so gut hineinspringen wie hineinkriechen, dachte der Bursch, und also heiratete er das Maedchen. Als das aber geschehen war, mochte er das Maedel nicht mehr leiden. War er fern von ihr, so sehnte er sich nach ihr; war er bei ihr, so sehnte er sich nach einer, die er nicht sah. Deshalb behandelte der Bursch seine Frau schlecht; sie ertrug es und schwieg. Eines Tages aber, als er die Pferde holen wollte, kam der Bursch an den Felsen, setzte sich nieder und rief: Der Mond und die Sterndln Und 's Wasser derzua-- Es rihrt si weitum nix-- Nur i hob koan Ruah. Es tat dem Burschen wohl, da zu sitzen, und von nun an ging er immer hin, wenn es ihm zu Haus nicht gefiel. Seine Frau weinte, wenn er fort war. Eines Tages aber, als er so dasass, da sass auch die Waldhexe leibhaftig am andern Ufer und blies ihr Horn! Da bist ja, da hockst ja Und blas't wie net g'scheit! Und i muess grod woana-- Tuet jed's, wos eahm g'freit. Da antwortete sie: Deine Aeugerln mach zue, Ueber d' Ohr'n ziag dein' Huet! Schau mi net an, hoer' mi net an-- 'S tuet d'r net guet! Da wurde aber dem Burschen bange, und er ging wieder nach Hause. Doch es dauerte nicht lange, da war er seiner Frau so ueberdruessig, dass er wieder in den Wald zu seinem Platz am Felsen musste. Da klang es ihm entgegen: Mir hat's alleweil traamt: Es fangt mi no wer!-- Ja, Gernhab'n is leicht, Aber Fanga is schwer... Der Bursch fuhr in die Hoehe und schaute sich um, und da schluepfte ein gruener Rock zwischen den Bueschen hin. Er hinterher. Nun ging die Jagd durch den ganzen Wald. So leichtfuessig, wie die Waldhexe war, konnte kein Menschenkind sein; er warf einmal ums andere die Schlinge nach ihr; sie lief immer gleich schnell weiter. Aber endlich begann sie muede zu werden, das sah der Bursch an den Fussspuren; doch er sah auch an ihrer ganzen Gestalt, dass sie wirklich die Waldhexe war und keine andere. Jetzt hab' ich Dich', dachte der Bursch, und stuerzte mit einem Mal so ungestuem auf sie zu, dass er und die Waldhexe ein ganzes Stueck den Abhang hinunterkugelten, bis sie liegen blieben. Da lachte die Waldhexe, dass es in den Bergen klang, wie dem Burschen schien; er nahm sie auf den Schoss, und sie war genau so schoen, wie er sich seine eigne Frau gewuenscht hatte. 'O sag', wer bist Du nur, Du Suesse?' fragte der Bursch und streichelte sie, und ihr gluehten die Backen. 'Aber mein Gott, ich bin doch Deine eigene Frau', sagte sie." Die Maedchen lachten und machten sich ueber den Burschen lustig. Der Pate aber fragte Arne, ob er auch gut zugehoert habe. ----"Na, jetzt will ich mal was erzaehlen", sagte eine Kleine mit einem runden Gesichtchen und einer winzig kleinen Nase. "Es war einmal ein sehr kleiner Bursch; der wollte gern ein kleines Maedel heiraten. Erwachsen waren sie alle beide, aber sie waren gar klein von Gestalt. Und der Bursch konnte mit der Werbung nicht ins reine kommen. Er war in der Kirche an ihrer Seite, aber dann wurde immer vom Wetter gesprochen; er war beim Tanz mit ihr zusammen und tanzte sie fast kaputt; aber sagen tat er nichts. 'Du musst schreiben lernen, dann geht's leichter', sagte er sich,--und der Bursch machte sich ans Schreiben; er dachte immer, es sei nicht schoen genug, und deshalb uebte er ein halbes Jahr, bis er an einen Brief denken konnte. Nun galt es, ihn ihr so zuzustecken, dass keiner es sah, und einmal hinter der Kirche traf es sich so, dass sie allein standen. 'Ich hab' einen Brief fuer Dich', sagte der Bursch. 'Aber ich kann kein Geschriebenes lesen', antwortete das Maedchen.--Na, da stand der Bursch da.--Er zog nun bei dem Vater des Maedchens in Dienst und wich ihr den lieben langen Tag nicht von der Seite. Einmal war er nahe daran zu reden; er tat schon den Mund auf, aber da flog ihm eine grosse Fliege hinein.--'Wenn bloss keiner kommt und sie mir wegschnappt', dachte der Bursch. Aber es kam keiner und schnappte sie ihm weg, denn sie war gar so klein.--Aber schliesslich kam doch einer; denn der war auch nur so klein. Der Bursch merkte recht gut, was er wollte, und als die beiden zusammen auf die Altane gingen, setzte der Bursch sich vors Schluesselloch. Jetzt warb der da drinnen um sie. 'Herrjeh, ich Dummkopf, dass ich mich nicht beeilt habe!' dachte der Bursch. Der da drinnen kuesste das Maedel mitten auf den Mund.--'Das schmeckt gewiss gut', dachte der Bursch. Der da drinnen aber nahm das Maedel auf den Schoss. 'Ist das 'ne Welt!' sagte der Bursch und fing zu weinen an. Das hoerte das Maedchen und ging an die Tuer: 'Was willst Du eigentlich von mir, Du dummer Bengel; kannst Du mich nicht in Ruh lassen'--'Ich?--ich moechte bloss bitten, dass ich Dein Brautfuehrer sein darf.'--'Nein, das sollen meine Brueder sein', antwortete das Maedchen und warf die Tuer zu.--Na, da hatte der Bursch das Nachsehen" Die Maedchen lachten sehr ueber diese Geschichte und warfen sich dann wieder mit Nussschalen. Der Pate wuenschte, Eli Boeen solle etwas erzaehlen. Was denn aber?! Ja, sie solle erzaehlen, was sie ihm auf der Anhoehe erzaehlt hatte, als er das letztemal bei ihnen war, damals als sie ihm die neuen Strumpfbaender geschenkt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Eli sich entschloss, denn sie lachte fuerchterlich; aber dann erzaehlte sie: "Ein Maedchen und ein Bursch gingen zusammen spazieren. 'O sieh bloss die Drossel, die hinter uns herfliegt', sagte das Maedchen. 'Die fliegt hinter mir her', sagte der Bursch.--'Kann ebensogut hinter mir sein', antwortete das Maedchen.--'Das werden wir bald sehen', meinte der Bursch; Jetzt gehst Du den unteren Weg und ich den oberen, und da hinten treffen wir wieder zusammen.' Das taten sie. 'Ist sie etwa nicht mit mir geflogen?' fragte der Bursch, als sie wieder zusammenkamen. 'Nein, sie ist ja hinter mir hergeflogen', antwortete das Maedchen.--'Dann muessen hier zwei sein.' Sie gingen zusammen ein Stueck weiter; aber es war doch bloss eine; der Bursch behauptete, sie fliege auf seiner Seite, das Maedchen dagegen behauptete, sie fliege auf ihrer. 'Ich schere mich den Teufel um die Drossel', sagte der Bursch. 'Na, ich auch', antwortete das Maedchen.--Sowie sie das aber gesagt hatten, war auch die Drossel verschwunden. 'Das war auf Deiner Seite', sagte der Bursch. 'Na, ich danke schoen! ich hab' genau gesehen, dass es auf Deiner war.----Aber da!--da ist sie ja wieder!' rief das Maedchen. 'Ja, auf meiner Seite!' rief der Bursch. Nun wurde aber das Maedchen boese. 'Ich verdiente ja den Strick, wenn ich noch weiter mit Dir ginge!' und damit ging sie ihren eignen Weg.--Da verliess die Drossel den Burschen, und es wurde ihm so langweilig, dass er zu rufen anfing. Sie antwortete. 'Ist die Drossel bei Dir?' rief der Bursch. 'Nein, aber ist sie bei Dir?'--'Ach nein! Du musst wieder herkommen, dann fliegt sie vielleicht auch wieder mit,' Und das Maedchen kam. Sie fassten sich an der Hand und gingen zusammen weiter. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Maedchen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Burschen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt', rief es an allen Seiten, und als sie hinsahen, flogen hunderttausend Millionen Drosseln um sie herum. 'Nein, wie seltsam!' sagte das Maedchen und blickte zu dem Burschen auf. 'Gott schuetze Dich!' sagte der Bursch und strich dem Maedchen ueber die Wange." Diese Geschichte fanden alle Maedchen sehr schoen. Dann schlug der Pate vor, sie sollten erzaehlen, was sie diese Nacht getraeumt haetten, und dann wollte er entscheiden, wer den schoensten Traum gehabt habe. Nein, erzaehlen zu sollen, was sie getraeumt hatten! Nein, so was! Und es entstand ein Gelaechter und Getuschle ohne Ende. Dann aber sagte eine nach der andern, sie habe solchen schoenen Traum heut nacht gehabt; so schoen wie der, den sie gehabt haetten, koennt' er aber auf keinen Fall gewesen sein, sagten wieder andere. Und schliesslich wollten sie alle gern ihre Traeume erzaehlen. Aber es durfte nicht laut sein; nur einer sollte es hoeren, aber nicht der Pate. Arne sass still ein Stueckchen abseits,--dem konnte man sie erzaehlen. Arne setzte sich unter eine Hasel, und dann kam die zu ihm hin, die zuerst erzaehlt hatte. Sie besann sich eine ganze Zeit, dann aber erzaehlte sie: "Mir traeumte, ich staende an einem grossen Wasser. Da sah ich einen ueber das Wasser gehen; wer's war, sag' ich nicht. Er setzte sich in eine grosse Seerose hinein und sang. Ich aber stieg auf eins der grossen Blaetter, die die Seerose hat, und die auf dem Wasser schwimmen; auf dem wollte ich zu ihm hinueberrudern. Aber kaum stand ich auf dem Blatt, als es mit mir zu sinken begann, so dass ich Angst bekam und weinte. Da ruderte er in der Seerose heran, zog mich zu sich in die Blume hinein und fuhr mit mir ueber das ganze Wasser.--War das nicht ein schoener Traum?" Nun kam die Kleine, die vorhin die Geschichte von den Kleinen erzaehlt hatte: "Mir traeumte, ich haette einen kleinen Vogel gefangen, und ich freute mich so, und wollte ihn auch nicht loslassen, bis ich zu Haus in der Stube sei. Aber da konnte ich ihn nicht los lassen, weil sonst die Eltern mir gesagt haetten, ich solle ihn wieder hinausbringen. So ging ich mit ihm auf den Boden; aber da schlich lauernd die Katze umher, und so konnte ich ihn hier doch auch nicht loslassen. Da wusste ich meiner Seele keinen Rat und ging in die Scheune. Gott, da waren so viele Ritzen, wie leicht haette er durchschluepfen koennen. Na, da ging ich wieder auf den Hof hinunter, und da stand einer, wer, sag' ich nicht. Er spielte mit einem ganz grossen Hund. 'Ich moechte lieber mit Deinem Vogel spielen', sagte er und kam ganz nahe heran. Ich lief fort, und er und der grosse Hund hinterher, und ich lief ueber den ganzen Hof; da aber machte Mutter die Tuer auf, zog mich hinein und warf die Tuer zu. Draussen aber stand der Bursch mit dem Gesicht an den Scheiben und lachte. 'Guck', hier ist der Vogel!' sagte er--und denk nur, da hatte er den Vogel.--War das nicht ein huebscher Traum?" Dann kam die, die von den Drosseln erzaehlt hatte. Eli hatten sie zu ihr gesagt. Das war dieselbe Eli, die er an jenem Abend im Boot und im Wasser gesehen hatte. Es war dieselbe und auch wieder nicht dieselbe; so gross und schoen sass sie da mit dem feinen Gesicht und der schlanken Gestalt. Sie wollte sich halb totlachen, und so dauerte es eine ganze Zeit, bis sie soweit war; dann aber erzaehlte sie: "Ich hatte mich so sehr drauf gefreut, heute ins Nussholz zu kommen, und da traeumte mir heut nacht, ich saesse hier auf dem Huegel. Die Sonne schien, und ich hatte den ganzen Schoss voll Nuesse. Aber da war auf einmal ein kleines Eichhoernchen mitten unter den Nuessen; es hockte auf meinem Schoss und ass die ganzen Nuesse auf.--War das nicht ein komischer Traum?" Und noch mehr Traeume wurden ihm erzaehlt; dann aber sollte er sagen, welcher der schoenste sei. Er bat sich Bedenkzeit aus, und unterdes zog der Pate mit der ganzen Schar zum Gehoeft hinunter, und Arne sollte nachkommen. Sie sprangen die Anhoehe hinab, stellten sich, als sie in die Ebene gekommen waren, in Reihen auf und wanderten singend heimwaerts. Er sass allein und lauschte dem Gesang; die Sonne fiel gerade auf die Maedchenschar, so dass ihre weissen Hemdaermel schimmerten. Dann und wann fasste die eine die andre um; sie tanzten ueber die Wiese hin, der Pate mit dem Stock hinterher, weil sie ihm das Grummet niedertraten. Arne dachte nicht mehr an die Traeume; er sah bald ueberhaupt nicht mehr zu den Maedchen hin; seine Gedanken zogen sich wie feine Sonnenfaeden ueber das Tal, und er sass allein auf dem Huegel und spann. Ehe er's recht wusste, war er mitten in einem dichten Gewebe von Schwermut; er sehnte sich hinaus in die Welt, wie noch nie. Er nahm sich das feste Versprechen ab, sowie er nach Hause komme, mit der Mutter drueber zu reden; es mochte gehen, wie es wolle. Seine Gedanken wurden immer maechtiger und stroemten in das Lied aus: "Ueber die hohen Berge." So schnell waren ihm nie die Worte gekommen und nie hatten sie sich so sicher aneinandergefuegt; sie waren fast wie die Maedchen, die im Kreise auf dem Huegel sassen. Er hatte ein Stueck Papier bei sich und schrieb auf seinen Knien, und als er das Lied zu Ende geschrieben hatte, stand er wie erloest auf, mochte nicht unter Menschen, sondern ging den Waldweg heimwaerts, obschon er wusste, er werde dann die Nacht mit zu Hilfe nehmen muessen. Als er unterwegs zum erstenmal Rast machte, wollte er das Lied herausholen und es weithin schmettern; aber da hatte er es liegen lassen, wo er es gemacht hatte. --Eins der Maedchen suchte ihn auf dem Huegel und fand ihn nicht, wohl aber das Lied. Zehntes Kapitel Mit der Mutter zu reden, war leichter gedacht als getan. Er machte Anspielungen auf Kristian und die Briefe, die nicht kamen; aber die Mutter wandte ihm den Ruecken, und tagelang hinterher war ihm, als habe sie rotgeweinte Augen. Er hatte auch noch ein anderes Merkmal dafuer, wie es stand,--naemlich, dass er besonders gutes Essen bekam. Eines Tages musste er hinauf in den Wald und Holz holen. Der Weg fuehrte mitten durch den Forst, und gerade an der Stelle, wo er Holz faellen wollte, wurden im Herbst immer Preisselbeeren gepflueckt. Arne hatte die Axt aus der Hand gelegt, um die Jacke auszuziehen, und wollte gerade an die Arbeit gehen, als zwei Maedchen mit ihren Beerentoepfen des Wegs kamen. Er versteckte sich lieber, als mit Maedchen zusammenzutreffen, und das tat er jetzt auch. "Nein, aber nein, die vielen Beeren! Eli, Eli!"--"Ja, ja, ich sehe schon!"--"Aber so geh doch nicht weiter! hier sind ja Eimervoll!"--"Raschelt es da nicht im Busch?"--"Ach, wirklich!" und die Maedchen draengten sich aneinander und fassten sich um. Sie standen eine lange Zeit so still, dass sie kaum atmeten. "Es ist doch wohl nichts; wir wollen ruhig pfluecken."--"Ja, ich glaub' auch, wir pfluecken ruhig."--Und nun pflueckten sie.--"Es war nett von Dir, Eli, dass Du heut ins Pfarrhaus kamst.--Hast Du mir denn auch was zu erzaehlen?"--"Ich bin bei dem Paten gewesen."----"Ja, das hast Du mir gesagt;--aber hast Du mir nichts von dem Bewussten zu erzaehlen?"--"O doch!"--"Ach wirklich? Eli, ist das wahr? Schnell, so erzaehl' doch!"--"Er ist wieder bei uns gewesen!"--"Ist nicht moeglich!"--"Doch, ganz gewiss; die Eltern taten, als saehen sie es nicht; ich aber lief auf den Boden und versteckte mich."--"Weiter, weiter! Kam er dann nach?"--"Ich glaube, Vater hatte ihm gesagt, wo ich war; Vater ist doch immer so!"--"Und dann kam er? Setz' Dich, setz' Dich hier zu mir!--Also, dann kam er?"--"Ja, aber gesagt hat er nicht viel; er war so schuechtern."--"Jedes Wort muss ich wissen, hoerst Du, jedes Wort!"--"Hast Du Angst vor mir?" sagte er. "Warum sollt' ich Angst haben?" sagte ich. "Du weisst, was ich von Dir will", sagte er und setzte sich neben mich auf die Truhe.--"Neben Dich!"--"Und dann fasste er mich um die Taille."--"Um die Taille, ist's moeglich?"--"Ich wollte mich gern wieder frei machen, aber er wollte mich nicht loslassen. Liebe Eli, sagte er--", sie lachte und die andere lachte auch.--"Nun? Nun?"--"Willst Du meine Frau sein?"--"Ha, ha, ha!"--"Ha, ha, ha."--Und dann beide: "Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!--" Endlich musste das Lachen doch ein Ende nehmen, und dann blieb es lange still; da fragte die erste ganz leise: "Du,--war das nicht komisch, als er Dich um die Taille fasste?" Entweder antwortete die andere hierauf nicht oder doch so leise, dass man es nicht hoeren konnte, vielleicht auch nur mit einem Laecheln. Nach einer Weile fragte die erste: "Haben Deine Eltern nachher was gesagt?"--"Vater kam herauf und sah mich an, aber ich verkroch mich immer; denn er lachte, wenn er mich ansah."--"Aber Deine Mutter?"--"Nein, die sagte nichts; aber sie war nicht so streng wie sonst."--"Ja, Du hast ihn also ausgeschlagen?"--"Natuerlich."--Dann blieb es wieder lange still. "Du?"--"Ja--?"--"Glaubst Du, zu mir kommt auch mal so einer?"--"Ja, natuerlich!"--"Waer's moeglich!--Haha!--Du, Eli!--Und wenn der mich nun um die Taille fasste?"--Sie steckte den Kopf weg. Da gab es ein Lachen und Fluestern und Tuscheln. Bald brachen die Maedchen auf; sie hatten weder Arne, noch die Axt, noch die Jacke gesehen, und er war recht froh darueber. Einige Tage darauf nahm er Knut als Paechter zu sich nach Kampen. "Du sollst nicht mehr so allein sein", sagte Arne. Arne selbst hatte seinen festen Plan. Er hatte frueh mit der Saege umgehen gelernt; denn er hatte manches bei sich zu Hause gezimmert. Nun wollte er dies Handwerk betreiben; denn er hatte das Gefuehl, es sei gut, eine bestimmte Arbeit zu haben. Es war auch gut fuer ihn, dass er unter Leute kam, und er veraenderte sich allmaehlich so, dass ihn Sehnsucht danach fasste, wenn er einmal eine Stunde allein war. Es machte sich, dass er den Winter ueber in der Pfarre zu tischlern bekam, und dort waren die beiden Maedchen oft zusammen. Wenn er sie sah, ueberlegte Arne, wer es wohl sein moege, der um Eli Boeen warb. Es traf sich, dass er einmal die Pfarrerstochter und Eli spazieren fahren musste; er hatte gute Ohren, konnte aber doch nicht hoeren, worueber sie sprachen; ab und zu redete Mathilde mit ihm; dann lachte Eli und steckte den Kopf weg. Schliesslich fragte Mathilde, ob es wahr sei, dass er dichten koenne. "Nein", sagte er schnell; da lachten die beiden, schwatzten und lachten wieder. Fortan war er nicht mehr gut auf sie zu sprechen und tat, als seien sie Luft. Einmal sass er in der Gesindestube, wo die Leute tanzten; Mathilde und Eli kamen beide, um zuzusehen. In ihrer Ecke, wo sie standen, stritten sie sich ueber irgend etwas; Eli wollte nicht, Mathilde wollte aber, und sie siegte. Da kamen sie beide auf ihn zu, verbeugten sich und fragten, ob er tanzen koenne. Er sagte nein, und da drehten sie sich um, lachten und liefen weg. Dies ewige Gelache, dachte Arne und wurde ganz ernst. Aber der Pfarrer hatte einen kleinen Pflegesohn von zehn, zwoelf Jahren, den Arne sehr gern hatte; bei dem Jungen lernte Arne tanzen, wenn's keiner sah. Eli hatte einen kleinen Bruder im selben Alter wie der Pflegesohn des Pfarrers. Die beiden waren Spielkameraden, und Arne machte ihnen Schlitten und Schneeschuhe und Schlingen, und sprach viel mit ihnen von ihren Schwestern, besonders von Eli. Eines Tages richtete ihm Elis Bruder aus, er solle sein Haar nicht so lottrig tragen. "Wer hat das gesagt?"--"Das hat Eli gesagt; aber ich soll nicht sagen, dass sie's gesagt hat."--Kurze Zeit drauf liess er bestellen, Eli moege ein bisschen weniger lachen. Der Junge kam zurueck mit der Bestellung, Arne moege endlich ein bisschen mehr lachen. Einmal wollte der Junge etwas haben, was Arne geschrieben hatte. Arne liess es ihm und dachte nicht weiter an die Sache. Nach einiger Zeit wollte der Junge Arne mit der Nachricht erfreuen, die beiden Maedchen faenden seine Schrift sehr schoen. "Haben sie sie denn gesehen?"--"Ja, ich habe doch fuer sie drum gebeten."--Arne ersuchte die Jungens, ihm etwas zu bringen, was ihre Schwestern geschrieben hatten; sie taten es auch; Arne strich alle Schreibfehler mit einem Zimmermannsbleistift an und bat die Jungens, es so hinzulegen, dass es leicht zu finden sei. Nachher fand er das Papier in seiner Rocktasche wieder; darunter aber stand: "Verbessert von einem eingebildeten Gecken." Tags drauf war Arnes Arbeit in der Pfarre zu Ende, und er begab sich nach Hause. So sanft wie diesen Winter hatte die Mutter ihn seit jener traurigen Zeit kurz nach dem Tode des Vaters nicht mehr gesehen. Er las ihr die Predigt vor, ging mit ihr in die Kirche und war sehr gut gegen sie. Aber sie wusste recht wohl, es geschah hauptsaechlich, um ihre Zustimmung zu erlangen, dass er im Fruehling auf Reisen gehen duerfe. Da kam eines Tages von Boeen ein Bote mit der Anfrage, ob er nicht zum Tischlern hinkommen koenne. Arne wurde ganz beklommen zumut, und er sagte ja, als ob er sich es nicht weiter ueberlege. Sowie der Bote fort war, sagte die Mutter: "Du kannst Dich freilich wundern! Von Boeen!"--"Ist denn das so merkwuerdig?" fragte Arne, sah sie aber nicht an. "Von Boeen!" rief die Mutter noch einmal.--"Na, warum nicht daher gerade so gut wie von einem andern Hof?" Er blickte ein wenig auf.--"Von Boeen und Birgit Boeen!--Wo doch Baard um Birgits willen Deinen Vater zum Krueppel geschlagen hat!"---"Was sagst Du?" rief jetzt der Bursch. "Das war Baard Boeen?" Mutter und Sohn standen da und sahen sich an. Ein ganzes Leben zog an ihnen vorueber, und einen Augenblick lang sahen sie den schwarzen Faden, der sich durch alle Ereignisse hindurchzog. Nachher erzaehlten sie sich von jener Glanzzeit des Vaters, da die alte Eli Boeen selbst um ihn fuer ihre Tochter Birgit geworben und einen Korb bekommen hatte; sie vergegenwaertigten sich alles bis zu dem Augenblick, da Nils zusammenbrach, und sie fanden beide, Baards Schuld sei die kleinere gewesen. Aber der den Vater zum Krueppel geschlagen hatte, war eben doch er gewesen. "Bin ich noch immer mit dem Vater nicht fertig?" dachte Arne da und beschloss, sofort hinzugehen. Als Arne mit der Handsaege auf der Schulter ueber das Eis auf Boeen zuging, fand er das Gehoeft sehr schoen. Das Haus sah immer aus, als sei es neugestrichen; ihn fror ein bisschen, und deshalb kam das Haus ihm wohl so traulich vor. Er trat nicht gleich ein, sondern ging oben herum, wo der Kuhstall lag; da stand eine Schar langhaariger Ziegen im Schnee und knabberte die Rinde von Tannenzweigen; ein Schaeferhund lief auf der Scheunenbruecke hin und her und bellte, als kaeme der Boese auf den Hof, aber sowie Arne stillstand, wedelte er mit dem Schwanz und liess sich streicheln. Die Kuechentuer an der hinteren Seite des Hauses ging haeufig auf, und Arne schaute jedesmal hin; aber entweder war es die Kuhmagd mit ihren Eimern oder die Schaffnerin, die den Ziegen etwas hinwarf. Drinnen in der Scheune wurde emsig gedroschen, und vorm Holzschauer zur Linken stand ein Knecht und hackte Holz; hinter ihm waren viele Haufen aufgeschichtet.--Arne stellte seine Saege hin und ging in die Kueche; weisser Sand lag auf dem Fussboden und feinzerpflueckter Wacholder war darueber gestreut; an den Waenden blitzten die Kupferkessel, und allerhand Kruege standen in Reih und Glied. Das Mittagessen wurde gekocht, und er fragte, ob Baard zu sprechen sei. "Geh nur in die Stube!" sagte eine Magd und wies nach der Tuer; er ging; an der Tuer war keine Klinke, sondern ein Messinggriff; drinnen war es hell und freundlich, die Decke mit vielen Rosen bemalt, die Schraenke rot, mit dem Namen des Besitzers in schwarz darauf, das Bett genau so, nur mit blauen Streifen am Rande. Hinten am Ofen sass ein breitschultriger Mann mit einem guetigen Gesicht und langem gelben Haar und legte Reifen um einige Eimer; an dem langen Tisch sass eine Frau mit einer Haube auf dem Kopf, in einem enganschliessenden Kleid, hoch und schlank. Sie teilte einen Haufen Korn in zwei Haelften. Sonst war weiter niemand in der Stube. "Guten Tag und gute Verrichtung!" sagte Arne und nahm die Muetze ab. Beide blickten auf; der Mann laechelte und fragte, wer er sei. "Der hier tischlern soll."--Der Mann laechelte weiter und sagte, indem er den Kopf senkte und seine Arbeit wieder aufnahm: "Ach, Arne Kampen."--"Arne Kampen?" rief die Frau und starrte ihn an. Der Mann blickte kurz auf und laechelte wieder: "Der Sohn von Schneider Nils"; damit machte er sich wieder an die Arbeit. Eine Weile drauf stand die Frau auf, ging an das Gesims, drehte sich um, ging an den Schrank, kehrte wieder um, und waehrend sie im Tischkasten kramte, fragte sie ohne aufzusehen: "Soll der hier arbeiten?"--"Ja, das soll er", sagte der Mann, auch ohne aufzusehen. "Dir bietet wohl keiner einen Stuhl an", wandte er sich zu Arne. Der setzte sich dicht an die Tuer; die Frau ging hinaus, der Mann arbeitete; deshalb fragte Arne, ob er auch anfangen koenne. "Wir wollen erst Mittag essen." Die Frau kam nicht wieder herein; aber als wieder die Kuechentuer aufging, kam Eli. Sie tat erst, als saehe sie ihn nicht; als er aufstand und auf sie zugehen wollte, blieb sie stehen und drehte sich um, um ihm die Hand zu geben; aber sie sah ihn dabei nicht an. Sie wechselten ein paar Worte; der Vater arbeitete.--Sie trug das Haar in Flechten, hatte ein Kleid mit engen Aermeln an, war zierlich und schlank mit runden Handgelenken und kleinen Haenden. Sie deckte den Tisch; das Gesinde ass in der andern Stube, Arne mit der Familie in dieser Stube; zufaellig wurde heute getrennt gegessen, sonst assen alle in der grossen hellen Kueche am selben Tisch.--"Kommt Mutter nicht?" fragte der Mann.--"Nein, sie ist auf dem Boden und wiegt Wolle."--"Hast Du sie gerufen?"--"Ja, aber sie sagt, sie mag nicht essen."--Eine Weile war's still. "Es ist doch kalt auf dem Boden."--"Sie wollte nicht, dass ich einheize." Nach dem Mittagessen arbeitete Arne; am Abend war er wieder bei ihnen in der Stube. Jetzt war die Frau auch da. Die Frauen naehten; der Mann bastelte an allerlei kleineren Sachen herum; Arne half ihm; es blieb stundenlang still, denn Eli, die sonst wohl das Wort fuehrte, sagte jetzt auch nichts. Mit Entsetzen dachte Arne, so sei es auch wohl oft zu Hause bei ihm; aber es war, als komme ihm das jetzt erst zum Bewusstsein. Eli seufzte einmal tief auf, als habe sie es jetzt lange genug ausgehalten, und dann fing sie zu lachen an. Da lachte der Vater auch, und Arne fand es ebenfalls komisch und stimmte mit ein; fortan sprachen sie allerhand; schliesslich bloss er und Eli, und der Vater warf ab und zu ein Wort dazwischen. Als aber Arne einmal eine ganze Zeitlang geredet hatte, blickte er zufaellig auf; da begegnete er Mutter Birgits Augen; sie hatte die Arbeit sinken lassen und sass und stierte ihn an. Jetzt nahm sie die Arbeit schnell auf, aber beim ersten Wort, das er sagte, blickte sie wieder in die Luft. Es wurde Schlafenszeit, und jeder begab sich in seine Kammer. Arne wollte sich den Traum merken, den er die erste Nacht auf einer neuen Stelle haette; aber es war kein Sinn darin. Tagsueber hatte er wenig oder nichts mit dem Bauer selbst gesprochen; in der Nacht aber traeumte er einzig und allein von ihm. Das letzte war, dass Baard am Tisch sass und mit Schneider Nils Karten spielte. Der machte ein wuetendes Gesicht und war ganz blass; Baard aber laechelte und zog die Karten zu sich herueber. Arne war nun mehrere Tage da, waehrend deren so gut wie nichts gesprochen, wohl aber sehr viel gearbeitet wurde. Nicht bloss in der Wohnstube war es still, auch das Gesinde und die Tageloehner, sogar die Maegde sagten nichts. Auf dem Hof war ein alter Hund, der bellte jedesmal, wenn Fremde kamen; nie aber hoerten die Leute den Hund bellen, ohne dass einer sagte: "Kusch!" und dann schlich er knurrend beiseite und legte sich wieder hin. Daheim in Kampen war eine grosse Wetterfahne auf dem Dach, die sich im Winde drehte; hier war eine noch groessere Fahne, die Arne auffiel, weil sie sich nicht drehte. Wenn nun der Wind heftig wehte, muehte sich die Fahne loszukommen, und Arne sah solange hin, bis es ihn aufs Dach trieb, die Fahne loszumachen. Sie war nicht festgefroren, wie er dachte, aber ein Pflock war eingeschlagen, dass die Fahne stillstehen sollte; den zog Arne heraus und warf ihn hinunter. Der Pflock traf Baard, der gerade des Wegs kam. Er blickte nach oben. "Was machst Du da?"--"Ich mache die Fahne los."--"Tu's nicht; sie kreischt, wenn sie geht." Arne sass rittlings auf dem Dachfirst: "Das ist doch besser, als wenn sie stillschweigt." Baard sah zu Arne hinauf und Arne zu Baard hinunter; da laechelte Baard: "Wer kreischen muss, wenn er sprechen will, tut doch wohl besser zu schweigen, mein' ich." Nun kann es vorkommen, dass irgend ein Wort lange, nachdem es gesprochen ist, noch nachhallt, zumal wenn es das letzte war. Dies Wort folgte Arne, wie er in der Kaelte vom Dach herunterkletterte, und es war ihm noch gegenwaertig, als er abends in die Stube trat. Da stand Eli im Abenddaemmer am Fenster und schaute ueber das Eis hin, das im Mondschein blinkte. Er ging an das andre Fenster und schaute gleich ihr hinaus. Drinnen war es warm und still, draussen war es kalt; ein scharfer Abendwind strich durch das Tal und ruettelte an den Baeumen, dass die Schatten, die sie im Mondschein warfen, nicht still lagen, sondern auf dem Schnee hin- und herhuschten und schlichen. Vom Pfarrhaus herueber drang ein Lichtschein, glomm auf und verwehte oder nahm mancherlei Gestalten und Farben an, wie es einem immer vorkommt, wenn man zu lange hinstarrt. Darueber stand der Felsen, an seinem Grunde finster und geheimnisvoll, mondhell aber auf den hoeheren Schneefeldern. Der Himmel oben war ausgestirnt und fern an einer Seite ein zittriges Nordlicht, das sich aber nicht vorwagte. Ein Stueck vom Fenster entfernt, unten am Wasser, standen Baeume, und ihre Schatten stahlen sich zueinander hin; eine grosse Esche aber stand einsam und zeichnete Figuren auf den Schnee. Es war sehr still; nur manchmal inzwischen kreischte und heulte es in langgezogenen klagenden Lauten. "Was ist das?" fragte Arne.--"Das ist die Wetterfahne", sagte Eli, und dann fuegte sie leise wie fuer sich selbst hinzu: "Sie muss losgegangen sein." Arne aber war wie einer, der etwas sagen wollte und es doch nicht konnte. Jetzt sagte er: "Weisst Du noch das Maerchen von den Drosseln, die sangen?"--"Ja."--"Ach, richtig--Du hast es ja selbst erzaehlt.----Es war ein schoenes Maerchen."--Sie sagte mit so sanfter Stimme, dass er sie gewissermassen zum erstenmal zu hoeren meinte: "Mir ist so oft, als singt etwas, wenn es ganz still ist."--"Das ist das Gute in uns." Sie blickte ihn an, als liege ein Zuviel in der Antwort; sie schwiegen hinterher auch beide. Dann fragte sie, waehrend sie mit dem Finger auf den Scheiben malte: "Hast Du kuerzlich ein Gedicht gemacht?" Da wurde er rot, das sah sie aber nicht. Deshalb fragte sie noch einmal: "Wie machst Du es, wenn Du dichtest?"--"Moechtest Du es gern wissen?"--"O ja."--"Ich achte auf die Gedanken, die die andern sich entschluepfen lassen", antwortete er ausweichend.--Sie schwieg lange, denn sie machte wohl die Probe auf dieses Lied oder jenes, ob sie den Gedanken gehabt und sich hatte entschluepfen lassen.--"Das ist doch seltsam", sagte sie wie zu sich selbst und fing wieder an, auf den Scheiben zu malen.--"Ich habe ein Gedicht gemacht, als ich Dich zum erstenmal sah".--"Wo war das?"--"Drueben beim Pfarrhof an dem Abend, als Du den Hof verliessest;--ich hab' Dich im Wasser gesehen."--Sie lachte und stand eine Weile still: "Lass mich das Lied hoeren."--Arne hatte nie zuvor so etwas getan; jetzt aber versuchte er, ihr das Lied vorzusingen. "Jung Venevil huepfte auf leichtem Schuh Ihrem Liebsten zu" usw. Eli war ganz Ohr; sie stand noch so, als es schon lange zu Ende war. Schliesslich rief sie: "Nein, wie schade um sie!"--"Mir ist beinahe, als haett' ich es gar nicht selbst gemacht", sagte er: denn er war nun verlegen, weil er es hergesagt hatte. Er konnte auch nicht begreifen, wie er auf den Gedanken gekommen war. Er stand und sann dem Liede nach. Da sagte sie: "Aber mir soll's doch wohl nicht so gehen?"--"Nein, nein, nein;--ich habe eigentlich an mich selbst dabei gedacht."--"Soll es Dir denn so ergehen?"--"Ich weiss nicht;--aber damals empfand ich so;--ja, ich begreife es gar nicht; aber mir war damals so schwer ums Herz."--"Das ist doch seltsam"; sie malte wieder auf den Scheiben. Das naechste Mal, als Arne zum Mittagessen erschien, ging er zuerst ans Fenster. Draussen war es grau und trueb, drinnen warm und gut; an die Scheibe aber war mit dem Finger geschrieben: "Arne, Arne, Arne" und immerzu "Arne"; das war das Fenster, wo Eli am Abend vorher gestanden hatte. Am Tage darauf aber kam Eli nicht hinunter; sie war krank. Sie war ueberhaupt die ganze Zeit ueber nicht recht munter; sie sagte es selbst, und man konnte es ihr auch ansehen. Elftes Kapitel Den naechsten Tag kam Arne herein und erzaehlte, was er eben auf dem Hof erfahren hatte: naemlich dass Mathilde, die Tochter des Pfarrers, in die Stadt gefahren sei; sie selbst glaube, nur fuer ein paar Tage,--tatsaechlich aber solle sie ein Jahr oder zwei dort bleiben. Eli hatte bis jetzt keine Ahnung davon; sie wurde ohnmaechtig und sank um. Arne hatte so etwas nie vorher gesehen, und geriet in grosse Angst; er rannte nach den Maegden, die nach den Eltern, und die aus dem Hause; der ganze Hof geriet in Aufregung; der Schaeferhund klaeffte auf der Scheunenbruecke. Als Arne spaeter wieder hineinkam, lag die Mutter vorm Bett auf den Knien; der Vater stuetzte der Kranken den Kopf. Die Maegde liefen hin und her, eine nach Wasser, eine andere nach Tropfen, die im Schrank standen, eine dritte knoepfte der Kranken die Jacke am Hals auf. "Gott sei Dir gnaedig!" sagte die Mutter; "es war doch nicht richtig, dass wir nichts gesagt haben Du wolltest es ja so haben, Baard. O, Gott sei Dir gnaedig!" Baard antwortete nicht. "Ich hab' es ja gleich gesagt, aber nichts geschieht nach meinem Willen. Gott helfe Dir! Immer bist Du so haesslich zu ihr, Baard. Du weisst eben nicht, wie ihr zumut ist; Du weisst ja nicht, wie's ist, wenn man einen lieb hat!" Baard antwortete nicht. "Sie ist nicht so wie die andern, die einen Kummer schon vertragen koennen; sie wirft er um, die Aermste, so schmaechtig wie sie ist. Und ueberhaupt jetzt, da sie sowieso schon nicht ganz gesund ist. Wach' doch auf, mein Kind, wir wollen auch immer gut zu Dir sein! Wach' doch auf, Eli, mein Kind und mach uns nicht solche Sorge!" Da sagte Baard: "Entweder schweigst Du zuviel oder Du redest zuviel"; er sah zu Arne hin, als moechte er nicht, dass der alles mitanhoere, und als solle er lieber gehen. Weil aber die Maegde in der Stube blieben, so blieb Arne auch da, doch er ging ans Fenster. Jetzt kam die Kranke soweit zu sich, dass sie um sich schauen konnte und die Anwesenden erkannte; aber da kam ihr auch die Erinnerung wieder, und sie schrie auf: "Mathilde!" und brach in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus, dass es schrecklich mitanzuhoeren war. Da suchte die Mutter sie zu beruhigen; der Vater stellte sich so, dass sie ihn sehen konnte, aber die Kranke stiess sie weg. "Weg!" rief sie; "ich habe Euch nicht lieb, weg!"--"Jesus Christus, Du hast Deine Eltern nicht lieb?" sagte die Mutter.--"Nein! Ihr seid hart gegen mich und nehmt mir die einzige Freude, die ich habe!"--"Eli, Eli! sei nicht so heftig", bat die Mutter herzlich.--"Doch, Mutter!" schrie sie, "einmal muss ich es sagen! Doch, Mutter! Ihr wollt mich mit dem schrecklichen Menschen verheiraten, und ich will ihn nicht. Ihr sperrt mich hier ein, wo ich jedes Mal froh bin, wenn ich herauskann. Und Ihr nehmt mir Mathilde, die einzige auf der Welt, die ich lieb habe, und nach der ich mich sehne. O Gott, was soll aus mir werden, wenn Mathilde nicht mehr hier ist,--besonders jetzt, da ich soviel, soviel auf dem Herzen habe, dass ich mir keinen Rat weiss, wenn ich nicht mit einem darueber reden kann!"--"Aber Du warst ja doch jetzt seltner bei ihr", sagte Baard.--"Was tut das, wenn ich sie drueben am Fenster weiss!" erwiderte die Kranke und weinte wie ein Kind, so dass es Arne war, als habe er bis zu diesem Tage noch keinen Menschen weinen hoeren.--"Du konntest sie aber doch von hier aus nicht sehen", sagte Baard.--"Ich sah aber das Haus", sagte sie, und die Mutter fuegte erregt hinzu: "So was verstehst Du eben nicht." Da sagte Baard nichts mehr. "Jetzt kann ich nie mehr ans Fenster!" sagte Eli. "Morgens, wenn ich aufstand, ging ich hin; abends sass ich da im Mondschein, und dahin ging ich, wenn ich weiter keinen hatte, zu dem ich gehen konnte. Mathilde, Mathilde!" Sie wand sich im Bett und bekam wieder einen Weinkrampf. Baard setzte sich auf einen Schemel und blickte sie an. Eli wurde aber nicht so schnell besser, wie man wohl angenommen hatte. Gegen Abend gewahrten sie erst, dass eine langwierige Krankheit im Anzug war, die ihr sicher schon lange in den Gliedern gelegen hatte, und Arne wurde hereingerufen, um sie in ihre Kammer tragen zu helfen. Sie war ohne Bewusstsein, war sehr bleich und lag ganz still; die Mutter setzte sich zu ihr, der Vater stand am Fussende des Bettes und sah sie lange an; nachher ging er hinunter an seine Arbeit. Arne ging auch; aber abends beim Schlafengehen betete er fuer sie, betete, dass sie, die so jung und schoen war, es gut im Leben haben, und dass keiner sie um ihr Glueck bringen moege. Tags drauf sassen die Eltern beisammen und besprachen etwas, als Arne hineinkam; die Mutter hatte geweint. Arne fragte, wie es gehe; beide dachten, der andere werde antworten, und deshalb dauerte es eine ganze Zeit, bis Antwort kam; schliesslich aber sagte der Vater: "Es geht recht schlecht."--Spaeter erfuhr Arne, Eli sei die ganze Nacht ohne Bewusstsein gewesen oder habe dummes Zeug geredet, wie der Vater sagte. Jetzt lag sie in heftigem Fieber, erkannte niemand, wollte keine Speise zu sich nehmen und die Eltern sassen eben und berieten, ob sie den Doktor holen sollten. Als sie nachher nach oben gingen und bei der Kranken blieben und Arne wieder allein war, hatte er die Empfindung, da oben sei Leben und Tod zugleich; er aber sei ausgeschlossen. Nach einigen Tagen wurde es etwas besser. Als der Vater einmal bei ihr wachte, hatte sie den Einfall: Narrifas, der Vogel, den Mathilde ihr geschenkt hatte, solle bei ihr vorm Bett stehen. Da sagte Baard der Wahrheit gemaess, in all dem Wirrwarr habe man den Vogel vergessen, und er sei gestorben. Die Mutter kam gerade in die Tuer, als Baard das erzaehlte, und sie schrie auf: "Herrjeh, was bist Du fuer ein ruecksichtsloser Mensch, Baard, dem kranken Kind so was zu erzaehlen! Siehst Du, da wird sie uns wieder ohnmaechtig; Gott verzeih Dir die Suende!" Immer, wenn die Kranke zu sich kam, rief sie nach dem Vogel, sagte, es koenne Mathilde unmoeglich gut gehen, da der Vogel gestorben sei, wollte hin zu ihr und fiel von neuem in Ohnmacht. Baard stand da und sah es mit an, bis es ihm zu bunt wurde. Da wollte er auch helfen; die Mutter aber schob ihn beiseite und sagte, sie werde schon allein auf die Kranke acht geben. Da sah Baard sie beide lang an, schob dann mit beiden Haenden seine Muetze zurecht, drehte sich um und ging. Spaeter kamen der Pfarrer und seine Frau herueber, denn die Krankheit hatte Eli mit neuer Macht gepackt, und es wurde so schlimm, dass keiner wusste, ob es zum Leben oder zum Tode gehe. Der Pfarrer wie auch seine Frau machten Baard Vorwuerfe, er sei zu hart gegen das Kind; sie erfuhren die Geschichte mit dem Vogel, und da sagte ihm der Pfarrer rund heraus, das sei eine Roheit; er wolle das Kind zu sich ins Haus nehmen, sagte er, sobald sie hinuebergeschafft werden koenne; die Frau Pfarrer wollte ihn zuletzt gar nicht mehr sehen, sie weinte und sass bei der Kranken, liess den Doktor holen, nahm selbst seine Anordnungen entgegen und kam dann taeglich einigemal herueber, um Eli vorschriftsgemaess zu pflegen. Baard ging draussen auf dem Hof von einer Stelle zur andern, am liebsten so, dass er allein war, stand oft lange, lange auf einem Fleck, schob dann mit beiden Haenden seine Muetze zurecht und nahm irgend eine Arbeit vor. Die Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Sie sahen sich kaum. Ein paarmal am Tage ging er zu der Kranken hinauf; dann zog er unten auf der Treppe die Schuhe aus, legte die Muetze draussen hin und oeffnete behutsam die Tuer. Sowie er hereinkam, drehte Birgit sich um, als habe sie ihn nicht gesehen, sass zusammengekauert da, den Kopf in die Haende gestuetzt und starrte vor sich hin auf die Kranke. Die lag still und bleich und wusste nicht, was um sie her vorging. Baard stand eine Weile am Fussende des Bettes, sah sie beide an und sagte nichts. Wenn die Kranke sich einmal bewegte, als wolle sie aufwachen, dann stahl er sich ebenso leise, wieder aus der Stube, wie er gekommen war. Oft dachte Arne, wie jetzt zwischen Mann und Frau und zwischen Kind und Eltern Worte gefallen seien, die lange sich angesammelt hatten und schwer wieder vergessen werden konnten. Er sehnte sich fort von hier, obwohl er gern vorher gewusst haette, wie es Eli gehe. Das werde er ja aber auch wohl erfahren, dachte er, ging also zu Baard und sagte, er wolle nach Hause. Die Arbeit, um derentwillen er gekommen war, sei fertig. Baard sass draussen auf dem Hauklotz, als Arne kam und ihm das sagte. Er sass da, ganz gebueckt, und scharrte mit einem Pflock im Schnee; den Pflock kannte Arne; es war derselbe, der die Wetterfahne gehemmt hatte. Baard blickte nicht auf; er sagte: "Es ist hier wohl augenblicklich nicht gut sein,--aber mir ist, als moecht' ich Dich nicht fortlassen." Weiter sagte Baard nichts, und Arne auch nicht. Er blieb eine Weile stehen, ging dann weg und nahm eine Arbeit vor, als sei es abgemacht, dass er bleiben solle. Spaeter, als Arne zum Essen hineingerufen wurde, sass Baard noch immer auf dem Hauklotz. Da ging Arne zu ihm und fragte, wie es Eli heut gehe. "Es ist wohl heute sehr schlimm," sagte Baard, "ich sah, dass ihre Mutter weint." Arne war's, als heisse ihn einer sich hinsetzen, und er setzte sich Baard gegenueber auf einen Baumstamm. "Ich habe in diesen Tagen viel an Deinen Vater gedacht", sagte Baard so unvermittelt, dass Arne nichts darauf erwidern konnte. "Du weisst wohl, was zwischen uns vorgefallen ist?"--"Ich weiss es."--"Ja, Du weisst aber vermutlich nur die eine Haelfte und schreibst mir die ganze Schuld zu." Arne antwortete nach einer Weile: "Du hast doch gewiss Deinem Gott Rechenschaft darueber gegeben, wie mein Vater jetzt auch."--"Ach ja, wie man's nehmen will", versetzte Baard. "Als ich vorhin diesen Pflock wiederfand, kam es mir so merkwuerdig vor, dass Du hierherkommen musstest und die Fahne losmachen. Je eher, je besser, dachte ich." Er hatte die Muetze abgenommen und sass und sah in sie hinein. Arne begriff noch nicht, dass er hiermit meinte, er wolle jetzt mit ihm ueber seinen Vater reden. Ja, er begriff es auch noch nicht, als Baard schon im besten Zuge war, so wenig sah das Baard aehnlich. Aber was in seinem Herzen voraufgegangen sein mochte, merkte er, je weiter die Erzaehlung vorschritt, und hatte er vorher vor diesem schwerfaelligen, aber grundehrlichen Menschen Achtung gehabt, so wurde sie nicht kleiner hierdurch. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein", sagte Baard und hielt inne, wie bei der ganzen Erzaehlung ab und zu, sagte ein paar Worte, hielt wieder inne, aber so, dass seine Erzaehlung ein Gepraege bekam, als sei jedes Wort wohlerwogen. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein, als ich Deinen Vater, der im selben Alter war, kennen lernte.--Er war sehr wild und duldete keinen ueber sich. Und er hat es mir nie vergessen koennen, dass ich bei der Konfirmation der erste war und er der zweite.--Oft wollte er mit mir anbinden, aber es kam nie soweit, wahrscheinlich war keiner von uns seiner selbst sicher.--Aber merkwuerdig ist, dass er jeden Tag eine Pruegelei hatte und nie ein Unglueck daraus entstand; nur das eine Mal, wo ich dazwischen kommen musste, ging es so schlimm ab, wie es nur gehen konnte;--aber freilich: ich hatte auch sehr lange gewartet.---- Nils lief allen Maedchen nach und sie ihm. Eine bloss wollte ich haben, aber die nahm er mir bei jedem Tanz weg, bei jeder Hochzeit, bei jedem Fest; das war die, mit der ich jetzt verheiratet bin.------Mich packte oft die Lust, wenn ich so dasass, mich um dieser Sache willen mit ihm zu messen; aber ich hatte Angst, ich koenne verlieren, und wusste, dass ich damit auch sie verlieren wuerde. Wenn alle andern fort waren, machte ich dieselben Kraftproben, die er gemacht hatte, schnellte gegen den Balken, gegen den er geschnellt war; aber wenn er das naechste Mal mir das Maedchen wieder vor der Nase wegschnappte, wagte ich mich doch nicht mit ihm einzulassen,--obgleich--einmal geschah es doch, als er naemlich gerade vor meinen Augen mit dem Maedchen schoen tat--da nahm ich einen ausgewachsenen Burschen und legte ihn, als sei's Kinderspiel, ueber den Dachbalken. Damals ist er auch ganz blass geworden------ Wenn er noch gut zu ihr gewesen waere; aber er betrog sie, und das Abend fuer Abend. Ich glaube, sie hatte ihn nach jedem Mal bloss noch lieber.--So stand es, als das letzte geschah. Ich dachte, jetzt mag es biegen oder brechen. Unser Herrgott hat wohl nicht gewollt, dass er es so weitertreiben sollte, deshalb fiel er haerter, als ich gewollt hatte.--Ich habe ihn nachher nie wiedergesehen." Sie schwiegen eine ganze Zeit, schliesslich fuhr Baard fort: "Ich warb wieder um sie. Sie sagte nicht ja, nicht nein, und da dachte ich, es wuerde spaeter besser werden. Wir heirateten uns; die Hochzeit war unten im Tal bei einer Base, die sie beerbte. Wir fingen gross an, und unser Hab und Gut hat sich noch weiter vermehrt. Unsere Hoefe lagen nebeneinander, und nun wurden sie vereinigt, wie es von klein auf mein Wunsch gewesen war.--Aber vieles andere ging nicht nach meinem Wunsch."--Er sass lange wortlos da; Arne dachte eine Weile, er weine; das war aber nicht der Fall. Nur seine Stimme war noch sanfter denn gewoehnlich, als er nun fortfuhr: "Anfangs war sie still und sehr traurig. Ich konnte ihr nichts zum Troste sagen, und so schwieg ich. Spaeter nahm sie manchmal dies unstete Wesen an, das Du vielleicht auch bemerkt hast; es war doch wenigstens eine Veraenderung, und so schwieg ich auch dazu.--Aber einen wirklich frohen Tag habe ich nicht gehabt, seit ich verheiratet bin, und das sind jetzt an die zwanzig Jahre."------ Hier brach er den Pflock in zwei Stuecke; dann sass er eine ganze Zeit und sah die Stuecke an. "----Als Eli heranwuchs, dachte ich, sie habe mehr Freude als hier, wenn sie unter Fremden waere. Ich habe nur selten etwas gewollt; das meiste ist aber schief gegangen,--und dies auch. Die Mutter sass und sehnte sich nach dem Kinde, wenn auch nur das bisschen Wasser zwischen ihnen lag, und schliesslich merkte ich: da drueben die Pfarre ist auch nicht das richtige, denn die Pfarrersleute sind so recht gutmuetige Hanswurste; aber ich merkte es zu spaet. Sie ist jetzt wohl weder Vater noch Mutter zugetan!" Die Muetze hatte er wieder abgenommen; jetzt fielen ihm die langen Haare in die Augen; er strich sie weg und setzte sich mit beiden Haenden die Muetze auf, als wolle er gehen; aber als er sich zum Haus umwandte, um aufzustehen, blieb er noch und fuegte mit einem Blick nach dem Fenster der Bodenkammer hinzu: "Ich hielt es fuer das beste, Mathilde und sie naehmen nicht Abschied voneinander;--aber das war verkehrt. Ich sagte ihr, der kleine Vogel sei tot, denn meine Schuld war es doch, und da hielt ich es fuer richtiger, es einzugestehen; aber das war auch verkehrt. Und so ist es mit allem. Ich habe immer das beste gewollt, aber immer ist es zum Unsegen geworden, und jetzt ist es soweit gekommen, dass Frau und Tochter schlecht von mir reden und ich hier allein und verlassen herumlaufe." Eine Magd rief zu ihnen hinauf, das Essen werde kalt. Baard stand auf. "Ich hoere die Pferde wiehern", sagte er; "sie muessen wohl vergessen sein"; damit ging er in den Stall, um ihnen Heu zu geben. Zwoelftes Kapitel Eli war sehr schwach nach ihrer Krankheit; die Mutter sass Tag und Nacht bei ihr und kam niemals nach unten; der Vater machte oben seine gewohnten Besuche auf Socken und legte die Muetze draussen vor der Tuer ab. Arne war noch immer auf dem Hof; er und der Vater sassen abends zusammen; er hatte Baard sehr liebgewonnen; Baard war ein belesener, scharf denkender Mensch, hatte aber sozusagen Angst vor dem, was er wusste. Wenn nun Arne ihm zurechthalf und ihm manches erzaehlte, was er noch nicht gewusst hatte, dann war Baard sehr dankbar. Eli durfte nun schon zuweilen auf sein, und je mehr es mit ihr vorwaerts ging, desto mehr Einfalle hatte sie. So auch eines Abends, als Arne in der Stube unter Elis Kammer sass und mit lauter Stimme sang: da kam die Mutter hinunter und bestellte von Eli, er moege doch hinauf kommen und singen, damit sie die Worte besser verstehen koenne. Arne hatte vielleicht schon hier unten Eli zuliebe gesungen, denn als die Mutter dies sagte, wurde er rot und stand auf, als wolle er sein Tun ableugnen, wiewohl keiner es behauptet hatte. Er fasste sich aber schnell und sagte ausweichend, er koenne nur so wenig singen. Die Mutter aber meinte, wenn er allein sei, schiene das gar nicht der Fall zu sein. Arne gab nach und ging. Er hatte Eli seit dem Tage nicht gesehen, da er sie hatte hinauftragen helfen; er dachte, sie muesse sich jetzt sehr veraendert haben, und das machte ihn ein bisschen aengstlich. Aber als er leise die Tuer oeffnete und eintrat, war es stockfinster im Zimmer, und er konnte nichts sehen. Er blieb an der Tuer stehen. "Wer ist da?" fragte Eli leise und deutlich. "Arne Kampen", entgegnete er behutsam, damit die Worte recht weich klaengen.--"Es ist nett, dass Du kommst."--"Wie geht es Dir, Eli?"--"Danke, jetzt geht es besser." "Setz' Dich doch, Arne", sagte sie eine Weile drauf, und Arne tastete sich zu einem Stuhl hin, der am Fussende des Bettes stand. "Es tat mir wohl, Dich singen zu hoeren, Du musst mir hier oben etwas vorsingen."--"Wenn ich nur etwas koennte, was hierherpasste."--Es blieb eine Zeitlang still; dann sagte sie: "Sing einen Choral!" und das tat er, und zwar ein Stueck aus einem Konfirmationslied. Als er zu Ende war, hoerte er sie weinen, und deshalb wagte er nicht weiter zu singen; nach einer Weile aber sagte sie: "Sing' noch so eins", und er sang noch eins, diesmal ein sehr bekanntes Kirchenlied. "Ueber wievieles hab' ich nicht nachgedacht, als ich hier so lag", sagte Eli. Er wusste nicht, was er darauf sagen solle, und hoerte ihr leises Weinen in der Dunkelheit. Eine Uhr tickte hinten an der Wand, holte zum Schlage aus und schlug dann. Eli atmete ein paarmal tief auf, als wolle sie ihre Brust erleichtern, und dann sagte sie: "Man weiss so wenig, kennt weder Vater noch Mutter.--Ich bin nicht lieb zu ihnen gewesen,--und deshalb war's mir so eigen, jetzt das Konfirmationslied zu hoeren." Wenn man im Dunkeln miteinander redet, ist man viel aufrichtiger, als wenn einer des andern Gesicht sieht; man sagt auch wohl mehr. "Das war ein gutes Wort", sagte Arne; er musste daran denken, was sie damals gesagt hatte, als sie krank wurde. Das wusste sie, und deshalb sagte sie: "Waere dies alles mir nun nicht geschehen, so haett' es Gott weiss wie lange gedauert, bis ich mich zu Mutter hingefunden haette."--"Sie hat jetzt mit Dir gesprochen?"--"Jeden Tag; weiter hat sie nichts getan."--"Da hast Du wohl manches gehoert."--"Das kannst Du glauben."--"Sie hat wohl auch von meinem Vater gesprochen."--"Ja."----"Denkt sie noch an ihn?"--"Sie denkt an ihn."--"Er ist nicht gut zu ihr gewesen."--"Arme Mutter!"--"Aber am schlechtesten war er gegen sich selbst." Jeder dachte etwas, was er dem andern nicht sagen mochte. Eli fand zuerst Worte: "Du sollst Deinem Vater gleichen."--"Man sagt es", antwortete er ausweichend; ihr fiel der Ton nicht auf, und deshalb fing sie nach einer Weile wieder an: "Konnte er auch dichten?"--"Nein." "Sing mir ein Lied,----eins, das Du selbst gemacht hast." Aber Arne pflegte nicht gern zuzugeben, dass die Lieder, die er sang, von ihm selbst waren. "Ich habe keins", sagte er. "Doch hast Du das, und Du singst mir auch eins vor, wenn ich Dich drum bitte."--Was er fuer keinen andern je getan haette, das tat er nun fuer sie. Er sang naemlich folgendes Lied: Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum. "Soll ich--?" blies der Fruehfrost aus dem eisigen Raum. "Nein, Liebster, sei lind, Bis wir Blueten worden sind!" So baten die Knospen tief in ihrem Traum. Der Baum trug Blueten, die Nachtigall sang, "Soll ich--?" rief der Wind und schuettelte sie lang'. "Nein, lass, lieber Wind, Bis wir Fruechte worden sind!" So baten all die Blueten und zitterten bang. Und der Baum reifte Fruechte in der Sommersonnenglut. "Soll ich----?" fragte laechelnd das junge schoene Blut. "Ja, du darfst, lieb Kind! Nimm so viele, wie da sind!" Sprach der Baum und beugte sein schwellendes Gut. Das Lied benahm ihr fast den Atem. Er sass nachher auch da, als habe er mehr gesungen, als er eigentlich wahr haben wollte. Das Dunkel liegt schwer ueber denen, die beisammen sitzen und nicht sprechen moegen; sie sind sich niemals naeher als gerade dann. Er hoerte es, wenn sie sich nur regte, wenn sie nur mit der Hand ueber die Decke strich, wenn sie nur einmal etwas tiefer atmete als gewoehnlich. "Arne--, koenntest Du mich nicht dichten lehren?"--"Hast Du es