The Project Gutenberg eBook, Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke in Fünf Bänden; Erster Band, by Björnstjerne Björnson, Edited by Julius Elias This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke in Fünf Bänden; Erster Band Author: Björnstjerne Björnson Release Date: July 16, 2004 [eBook #12921] [Updated July 18, 2004] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BJöRNSTJERNE BJöRNSON GESAMMELTE WERKE IN FüNF BäNDEN; ERSTER BAND*** E-text prepared by Juliet Sutherland and Project Gutenberg Distributed Proofreaders BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON GESAMMELTE WERKE IN FÜNF BÄNDEN EINZIGE AUTORISIERTE DEUTSCHE VOLKSAUSGABE ERSTER BAND GEDICHTE UND ERZÄHLUNGEN HERAUSGEGEBEN VON JULIUS ELIAS 1911 INHALT VORWORT GEDICHTE[1]: [1] Die Gedichte mit B sind von _Max Bamberger_, die mit F sind von _Ludwig Fulda_, die mit Mj sind von _Cläre Mjöen_, die mit Mo sind von _Christian Morgenstern_ und die Gedichte ohne Zeichen sind von _Roman Woerner_ übersetzt. Nils Finn Lied der Jungfrauen (B) Die Taube (B) Vaterlandsweise (Mo) Ein Lied für Norwegen (Mo) Norwegens Antwort auf die Reden im schwedischen Ritterhaus Johan Ludvig Heiberg (B) Das Meer Allein und in Reue Die Prinzessin Vom Monte Pincio (F) Ach, wüßtest du nur! (F) Die Engel des Schlafes (B) Das Mädchen am Strand (F) Heimliche Liebe (Mo) Olav Trygvason (Mo) Seufzer (F) An ein Patenkind Bergliot (Mj) An meine Frau (Mo) In einer schweren Stunde (F) Frida (Mo) An Bergen (Mo) P.A. Munch (Mj) König Friedrich der Siebente (B) Als Norwegen nicht helfen wollte (B) An den Danebrog (Mj) Der Norrönastamm (F) Gesang der Puritaner Jagdlied (B) Taylors Lied Hochzeitslied I. (F) Lektor Thåsen Auf einer Reise durch Schweden (Mo) Stelldichein (F) Lied des Studentengesangvereins (Mj) An den Buchhändler Johann Dahl (Mj) Die Spinnerin (B) Die weiße und die rote Rose In der Jugend (Mj) Das blonde Mädchen (Mo) Mein Monat (Mo) Hochzeitslied II. (F) Norwegisches Seemannslied (Mo) Halfdan Kjerulf (Mj) Vorwärts (Mo) Wie man sich fand (Mj) Norwegische Natur (F) Ich reiste vorüber Mein Geleit (F) An meinen Vater (F) An Erika Lie (Mj) An Johan Sverdrup (Mj) Das Kind in unsrer Seele (F) Der alte Heltberg Für die Verwundeten (Mj) Land in Sicht An H.C. Andersen Bei einer Ehefrau Tode (Mo) An der Bahre des Kirchensängers A. Reitan (Mj) Das Lied (F) Auf N.F.S. Grundtvigs Tod Aus der Kantate für N.F.S. Grundtvig (Mj) Bei einem Fest für Ludv. Kr. Daa (B) Nein, wo bleibst du doch? Weckruf an das Freiheitsvolk im Norden--Der "vereinigten Linken" Offne Wasser Freiheitslied--An "die vereinigte Linke" (B) An Molde (Mj) Die reine norwegische Flagge (Mj) An den Missionar Skrefsrud in Santalistan Post festum (B) Romsdalen (Mj) Holger Drachmann (F) Wiedersehen Des Dichters Sendung (B) Psalmen (F) Frage und Antwort Wecklied an die norwegische Schützengilde (Mj) Arbeitermarsch (B) Der Zukunft Land (Mj) Ein junges Völkchen kerngesund (Mj) Norge, Norge (F) Meistern oder gemeistert werden Im Walde (F) Der siebzehnte Mai (Mj) Frederik Hegel (Mj) Unsere Sprache (Mo) In die Sammlung seiner "Gedichte" hat Björnson aus den Erzählungen und Dramen eine Reihe von Liedern übernommen, die hier mit den Stellen, wo sie in der vorliegenden Ausgabe zu finden sind, verzeichnet werden sollen: Synnöves Lied (Mo) Der Fuchs und der Hase (F) Lied der Mutter (Mo) Das Böcklein (Mo) Das Lied vom Schneider Nils (Mo) Venevil (Mo) Über die hohen Berge (Mo) Der sonnige Tag (Mo) Ingerid Sletten (Mo) Der Baum (Mo) Der Ton (Mo) Lockruf (B) Abendstimmung (Mo) Marits Lied (B) Lieb' deinen Nächsten Öyvinds Lied (B) Liebeslied (F) Berglied (F) Die erste Begegnung (F) Morgengruß Vaterlandsweise (Mo) Frederik Hegel (F), Band III. Wann wird es Morgen (Mj), Band III. Kåres Lied (Mo) ("Sigurd Slembe"'2, A. III, 1. Sz.), Band IV. Ivar Ingemundsens Lied (ebda.'3 A. II, 1. Sz.), Band IV. Magnus der Blinde (B) (ebda.'3 A. III, 1. Sz.), Band IV. Sünde, Tod (Mo) (ebda.'3 A. III, 4. Sz.), Band IV. Sie haben einander gefunden (F) (D. König, 3. Zwischenspiel), Band IV. ERZÄHLUNGEN: Thrond (1856) Die gefährliche Freite (1856) Synnöve Solbakken (1857) Arne (1858) Ein fröhlicher Bursch (1859) Der Vater (1859) Das Fischermädel (1868) * * * * * VORWORT Nicht erst Björnstjerne Björnsons Heimgang hat den Plan geformt und gereift, sein Werk in gedrungener Ausgabe dem deutschen Volke vorzulegen: vielmehr ist das Unternehmen einem seiner letzten und eigensten Wünsche entsprungen. Am Entwurf noch hat er so eifrig und entschieden mitgearbeitet, wie er alles ergriff, was der Bestätigung seiner feurigen Persönlichkeit dienen konnte. Björnsons Todestag (26. April 1910) jährt sich, da dieses Gegenstück der volksmäßigen Ibsenausgabe ans Licht tritt, und der Herausgeber kann ein Gefühl der Wehmut nicht unterdrücken, daß der Dichter die Verwirklichung dessen nicht mehr gesehen hat, was wir gemeinsam ersonnen haben. Die "Gesammelten Werke" sollen nichts anderes als eine Auswahl, allerdings im weitesten Wortsinne, bieten, eine Auswahl, die Björnsons Lebensarbeit in ihren wesentlichen und bleibenden Bestandteilen erschöpfend zusammenfaßt. Hierdurch unterscheidet sie sich von der bekannten Unternehmung des Langenschen Verlages, die, ohne sich als eine eigentliche Gesamtausgabe zu charakterisieren, Dichtung an Dichtung, Buch an Buch in Einzelbänden reiht. Der von Björnson befürwortete Gesichtspunkt war: in eine Volksausgabe aus dem gewaltigen Korpus seiner literarischen Wirksamkeit das aufzunehmen, was im künstlerischen und geistigen Dasein seiner Nation wie der modernen Völker überhaupt Epoche gemacht hat, mit besonderer Berücksichtigung der Arbeiten, die in seinem eigenen Leben Epoche machten, d.h. als Dokumente seiner menschlichen und dichterischen Entwicklung gelten können. Ein zwiefacher Maßstab also: der kulturgeschichtliche und der autobiographische. So ergaben sich auf natürliche Art drei Gruppen: die Sammlung der "Gedichte", die aus seinem Gesamtwirken geschöpften, unmittelbaren lyrischen Zeugnisse eines Persönlichkeitswachstums; die großen und kleinen Erzählungen, sowie die beiden weltumspannenden Romane; zehn Schauspiele, die als die wichtigsten Leistungen sowohl seiner romantisch-nationalen Dichtung als auch seiner Gesellschaftsdramatik gelten können: sie füllen zwei Bände aus, während die Gedichte und Prosastücke in drei Bänden vereinigt werden. Innerhalb dieser einzelnen Abteilungen herrscht eine chronologische Ordnung, die nur einmal unterbrochen wird, um den dritten Band, durch die Verkoppelung der voluminösen Romane, zum Schaden des stofflichen Gleichgewichts, nicht allzusehr anschwellen zu lassen. Die künstlerische Aufgabe, die dieses Werk darbot, hätte ohne das verständnisvolle Entgegenkommen des Verlages A. Langen kaum erfüllt werden können; wir schulden seinen Vertretern nicht geringen Dank: sie haben uns alles zur Verfügung gestellt, was den Wert und die Fülle dieser Ausgabe steigern konnte. Die Texte selbst waren den Grundsätzen der Interpretation unterworfen, die das Ibsenwerk als Maßstab gesetzt hat: einen ebenso formkräftigen, wie sprachlich reinen und alles Charakteristische treu und doch frei wiedergebenden deutschen Ausdruck anzustreben. Ob dies Ziel erreicht ist, unterliegt nicht unserer Entscheidung. Die "Gedichte" gingen ohne wesentliche Änderungen aus der Langenschen Sammlung in unsere Ausgabe über, nur mit dem Unterschied, daß einerseits eine, übrigens kurze Reihe von Poesien ausgelassen ist, die in engstem Sinne "Gelegenheitsdichtungen" sind, und andrerseits--um doppelten Abdruck zu vermeiden--28 Lieder in der Sammlung selbst unterdrückt wurden, weil sie später in den Prosastücken und Dramen als lyrische Intermezzi wiederkehren: nach dem übersichtlichen Tableau des Inhaltsverzeichnisses zum ersten Bande sind sie unschwer aufzufinden. Als maßgebender Originaltext wurde die elfbändige Volksausgabe "Samlede Vaerker" (Kopenhagen, Gyldendal) bestimmt. Die Übersetzungen der Prosawerke sind durch eine grundlegende Revision und vielfache stilistische Umformung der älteren Ausgaben entstanden; hier ist, unter der rührigen Mitwirkung von _Elsa Glawe_, _Gertrud J. Klett_ und _Max Bamberger_ eine Arbeit geleistet worden, die als neu und selbständig anzusprechen ist. Damit wird das Verdienst zumal Cläre Mjöens, unserer lyrischen Mitarbeiterin, die besonders für die vier reichen Bände der "Gesammelten Erzählungen" auf der ersten Etappe der deutschen Björnsonpropaganda Wesentliches geleistet hat, durchaus nicht beeinträchtigt. Von besonderer Bedeutung wurde es für die Neugestaltung der Texte, daß _Ludwig Fulda_ seine feine und starke Verskunst in den Dienst unserer Sache stellte. Von ihm stammen die lyrischen Nachdichtungen in den Erzählungen "Arne" und "Das Fischermädel", soweit die Fassungen nicht durch die Sammlung der "Gedichte" vorgeschrieben waren. Er hat hier und in vielen anderen Winkeln unseres verzweigten Baus ein Interesse bezeugt, so hilfreich und tatkräftig, daß wir uns ihm zu dauernder Dankbarkeit verpflichtet fühlen. Von _Ludwig Fulda_ stammt ebenfalls die deutsche Form der lyrischen Zwischenspiele und eingestreuten Lieder im Drama "Der König", während man _Roman Woerner_ für die nachschaffende Übertragung des Versstücks "Sigurds erste Flucht" ("Sigurd Slembe", 1. Teil) verbunden ist. Die neue und von allen Vorbildern unabhängige Übersetzung der zehn Prosadramen hat sich _der Herausgeber_ allein vorbehalten. Er trägt auch die zusammenfassende Studie über Björnson--das Werk und den Menschen--bei, die im fünften Bande die Ausgabe abschließt. Die "Gesammelten Werke" Björnsons sollen nicht in die Welt ziehen, ohne daß in dankbarer Gesinnung der wertvollen Unterstützung gedacht wäre, mit der _Halvdan Koht_, _Kr. Collin_, _W.P. Sommerfeldt_, _Max Bernstein_, _Max Dreyer_ und die Universitätsbibliothek zu Kristiania in so mancherlei Beziehungen das Werk gefördert haben. In der Frage des Korrekturlesens erwies sich, wie so oft schon, _Theodor Poppe_ als tätiger Freund. Berlin, 13. März 1911. Julius Elias. * * * * * GEDICHTE * * * * * NILS FINN (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Und der kleine Nils Finn wollte flugs über Land; Doch sein Schneeschuh, der hielt nicht, so oft er ihn band. --"Das ist schlimm!" sagt' es drunten. Nils stieß mit dem Fuße: "Wo bist du denn--du? Verdammter Kobold! nun laß mich in Ruh'!" --"Hi--ho--ha!" sagt' es drunten. "Da siehst du ein Hexenstück!" schrie Nils und hob Seinen Stab und schlug in den Schnee, daß es stob. --"Hit--li--hu!" sagt' es drunten. Ein Fuß stak im Schnee; mit kräftigem Zug Riß Nils daran, bis er hintüber schlug. --"Zieh doch fest!" sagt' es drunten. Nils weinte und stampfte und stach und hieb-- Und sank immer tiefer, je toller er's trieb. --"Das ging gut!" sagt' es drunten. Und die Birken, die tanzten, es bogen sich krumm Vor Lachen wohl hundert Tannen ringsum. --"So bekannt?!" sagt' es drunten. Und es lachte der Berg, daß der Schnee nur so flog; Nils ballte die Faust und schwor, daß er log. --"Nun gib acht!" sagt' es drunten. Und der Schneehang gähnte, der Himmel fiel ein; Nils dachte: nun schluckt er mich auch mit hinein. --"Ist er weg?" sagt' es drunten. Zwei Schneeschuhe ragten und sahen umher, Aber sahen nicht viel; denn da war nichts mehr. --"Wo ist Nils?" sagt' es drunten. LIED DER JUNGFRAU (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Guten Morgen, Sonne in grünem Laub! Jugend strahlst du dem Schluchtengrunde, Lächeln seinem finstern Munde, Himmelsgold dem Allweltenstaub! Guten Morgen, Sonne auf ragendem Schloß! Lockst seine Jungfraun aus den Hallen; Leuchtsternlein zünde den Herzen allen,-- Kläre das Leid, das der Nacht entsproß. Guten Morgen, Sonne am Felsengrat! Licht gib den Fluren, soweit sie sich strecken; Laß deine Wärme sie baden, sich recken Dem Tage entgegen, der dort naht! DIE TAUBE (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Eine Taube sah ich zittern In eines Sturmwirbels Toben; Sie ward von Ungewittern Jäh über die Hochflut gehoben. Ich hörte sie nicht klagen, Nicht stöhnen und nicht flehen,-- Die Schwingen fühlt' sie versagen, Da mußte sie untergehen. VATERLANDSWEISE (1859) Es reckt sich ein Land in den ewigen Schnee, Von Sagen umrauscht wie vom Donner der See. Wohl trägt es dem Landmann nur kärglichen Lohn, Doch ist es geliebt, wie die Mutter vom Sohn. Sie nahm auf den Schoß uns, dieweil wir noch klein, Und weihte uns fromm in ihr Sagabuch ein. Wir lasen--. Das Auge ward feucht und groß. Die Alte saß lächelnd und nickte bloß. Wir sprangen zum Fjorde, wir schauten gebannt Den Bautastein, der da seit Urzeiten stand; Sie stand da, noch älter, und träumte stumm, Und Steingräber lagen im Kreis ringsum. Sie nahm bei der Hand uns und führt' uns gemach Zum Steinkirchlein schlicht unters niedrige Dach, Wo demütig beugten die Väter ihr Knie, Und mütterlich sprach sie: tut ihr wie sie! Sie deckte die bergschroffen Hänge mit Schnee, Sie krauste mit Sturmfaust den Spiegel der See, Sie gab ihren Söhnen des Schneeschuhes Hast Und rief ihre Söhne zu Ruder und Mast. Sie rief ihre Töchter in Reih' und in Glied Und hieß sie uns spornen mit Lächeln und Lied. Sie selber hielt auf dem Sagathron Wacht In ihrem Mantel aus Nordlichtpracht. Da scholl ein Vorwärts durch Norwegen hin In Väterzunge, mit Vätersinn! Für Freiheit und nordische Art hurra! Und rings von den Bergen kam's wieder: hurra! Da ging der Begeistrung Lawine zu Tal, Da straffte sich jegliche Sehne zu Stahl, Da stand über Gipfeln ein flammendes Haupt, Des Blick uns nun ewig die Ruhe raubt. EIN LIED FÜR NORWEGEN (1859) Ja, wir lieben diese Feste, Wie sie, flutbedräut, Ihrer Berge Stamm und Äste Wind und Wolken beut. Lieben ihre tausend Hütten, Ihres Meeres Zorn, Und, den kein Meer kann verschütten, Ihrer Saga Born. Harald hat ihr Volk verflochten, Daß kein Feind sie zwang, Håkon hat für sie gefochten, Während Öjvind sang. Olav malt' auf ihre harte Stirn ein Kreuz von Blut, Sverre brach von ihrer Warte Romas Übermut. Bauern ihre Äxte schliffen, Wo ein Feind sich wies; Tordenskjold mit seinen Schiffen Ihn wie Spreu zerblies. Weiber sah man kühn sich einen Mit der Männer Hauf; Andre konnten nichts als weinen; Doch die Saat ging auf! Waren unser auch nicht viele, Waren doch genug, Als das Land stand auf dem Spiele, Da die Stunde schlug. Lieber mocht's in Flammen stehen, Eh' es kam zu Fall; Denkt nur dessen, was geschehen Einst in Fredrikshall! Tragen galt es Not und Plage, Gott verstieß uns ganz; Doch in schlimmster Drangsal Tage Glomm der Freiheit Glanz. Das gab Kraft für alles Schwere, Hunger, Krieg und Pest, Gab dem Tod selbst seine Ehre-- Und dem Zwist den Rest. Unser Feind zerbrach den Degen, Auf fuhr das Visier: Brüder flogen sich entgegen; Denn das waren wir! Schamrot eilten wir hernieder Übern Öresund: Und da schlossen wir, _drei Brüder_, Einen ewigen Bund. Volk Norwegens, deinem Gotte Dank' in Hütt' und Haus! Ließ dich werden nicht zum Spotte, Sah's auch düster aus. Müttersorgen, Väterstreiten, Durch Geschlechter hin, Wußt' Er still zum Ziel zu leiten: Unsres Rechts Gewinn. Ja, wir lieben diese Feste, Wie sie, flutbedräut, Ihrer Berge Stamm und Äste Wind und Wolken beut. Und wie Väterkampf beschieden, Freiheit ihr und Macht, Ziehn auch wir für ihren Frieden, Wenn es gilt, auf Wacht. NORWEGENS ANTWORT (auf die Reden im schwedischen Ritterhaus 1860) Hörst, jung Norge, du mit Schweigen, Was der Schwede sagt? Siehst du's aus der Tiefe steigen, Wo der Grenzfels ragt? Schatten sind's gefallner Ahnen, Die da winken, die da mahnen, Wenn der Hohn den Streit entfacht, Die da fordern treue Wacht. Hör' den Schweden, hör' ihn grollen: Norges Flaggenrot, Das aus Wunden reich gequollen Einst bei Magnus' Tod; Das ob Haldens Zinnen schwebte, Adlers Kraft zum Sieg belebte,-- Durch dies Rot im Flaggenfeld Sei sein Blau und Gelb entstellt. Hör' den Schweden: nichtig seien Norges Ruhm und Glanz; Ehre sollten wir entleihen Seinem Strahlenkranz. Ruhmlos, eignen Herd zu schützen! Ziehn wir denn hinab nach Lützen, Schleppen auch im Wanderschritt Urahns alten Armstuhl mit. Laßt ihn stehn. Der "dürftige Krempel" Wird von uns verehrt; Seines Alters würdiger Stempel Macht ihn doppelt wert. Drinnen saß durch lange Zeiten Mancher, groß in Rat und Streiten,-- Sverre und sein Heldenschlag,-- Der wohl hier noch spuken mag. Hört den Schweden: nur _sein_ Ringen Hätte uns befreit, Beißen könnten Schwedenklingen Noch in heutiger Zeit! Dünkt uns das wohl sehr gefährlich? Vorsicht raten wir ihm ehrlich; Will er sprengen unser Tor, Fallen einige zuvor. Hört doch nur: wir waren Knaben, Ihm gehorsam-still Mit der Schleppe nachzutraben Stets, wohin er will. Hei, was sagten wohl dem Kecken Christie und die alten Recken, Stünden die, das Schwert gewetzt, Noch beim Werk auf Ejdsvold jetzt? Groß war Schweden oft im Prahlen, Wir, wir waren klein; Galt's mit Eisen zu bezahlen-- Nun, wir hieben drein. Wessel und Norwegens Knaben, In dem Kutter nur, die haben Schwedens Flaggschiff unverzagt Übers Kattegatt gejagt. Laßt den Schwedenadel schwingen Karls des Zwölften Hut! Mit ihm raten, mit ihm ringen Wir, ihm gleich an Mut. Will er Streit vom Zaune brechen, Wird ein Torgny für uns sprechen--: Einst dann überm Norden loht Unsrer Flagge Freiheitsrot. JOHAN LUDVIG HEIBERG (1860) Nun geleiten sie zum Grabe Ihn, den alten, muntren Gärtner; Nun gehn Kinder mit der Gabe, Die sein eigen Beet ihm zog. Nun steht jener Garten offen, Drin er unterm Baum gesessen; Nun sucht unser Blick betroffen, Ob er dort nicht fürder sitzt. Leer der Platz. Im schwarzen Kleide Wandelt eine Frau jetzt einsam Dort umher in stillem Leide, Wo sein helles Lachen klang. Die als Kind erstaunt, voll Sehnen Durch das Gitter draußen blickte, Dankt mit großen, schweren Tränen Nun, daß ihr der Einlaß ward: Märchen-, Saga-, Geistesflammen Rauschten um ihn her im Laube; Leise schwebt sie, sucht zusammen Jeden Funken für ihr Weh. Einstmals drang er fern zur Weite, Dieser alte Herr, der muntre; Wer gelauscht an seiner Seite, Hat so manches wohl gelernt. Denn ihn führten Leben, Schriften Auf zu dem, was wenige schauen; Kaum ein Platz in Geistestriften, Der nicht seine Spuren weist. Schutz war er in Mannesjahren Allem Großen, allem Schönen, Und den stillen Sternenscharen Folgt' er dann im Gang zu Gott. Denkt ihr noch, die alt nun worden, Wie die "Neujahrs"-Glocken dröhnten? Wie sie Kämpfer rings im Norden Sammelten der großen Zeit? Denkt ihr noch an ihn, der sprengte Frisch voraus mit hellem Hornruf Und das Niedre abseits drängte, Daß dem Großen frei die Bahn? Kinder, Faunen als Begleiter,-- Lachen, Geistesspiel und Tränen,-- Hinter ihm der Freiheit Scheiter, Langsam aus sich selbst entflammt. Worten kam der Ruhe Segen, Tönen kam der Herzensfrieden; Mächtig fuhr es allerwegen Durch das Land wie Ahnungschor. Schutz war er in Mannesjahren Allem Großen, allem Schönen, Und den stillen Sternenscharen Folgt' er dann im Gang zu Gott, Oder ging in Nordens Garten, Wie ein alter, muntrer Gärtner, Saat der Ewigkeit zu warten, Die des Volkes Lenz ihm gab. Bald voll Ernst und bald voll Laune, Pflanzte er und rückte höher,-- Saß dann abends, wo die braune Buche gab der Seele Licht. Nun steht jener Garten offen, Drin er unterm Baum gesessen, Nun sucht unser Blick betroffen, Ob er dort nicht fürder sitzt. DAS MEER (Aus "Arnljot Gelline") Meerwärts verlangt es mich, ja zum Meere, Das fern dort ruhsam rollet in Hoheit. Nebelgebirge, lastende, tragend, Wandert es ewig sich selbst entgegen. Lind senkt sich der Himmel, hell ruft die Küste, Es kann nicht weilen, es kann nicht weichen. Klagend wälzet es seine Sehnsucht In Sommernächten, in Winterstürmen. Zum Meere verlangt mich, ja zum Meere, Das fern dort erhebet die kalte Stirne. Siehe, die Welt wirft darauf ihren Schatten Und spiegelt flüsternd hinab ihren Jammer. Aber warm und lichtsanft streichelt's die Sonne Und spricht ihm munter von Lebensfreuden. Eisig, schwermütig-ruhig doch immer Versenkt es den Trost und versenkt es die Trauer. Der Vollmond saugt--, der Sturm reißt es an sich, Doch kein Griff packt, und die Wasser strömen. Hinabwirbelt Tiefland, Berge hinschmelzen: Zeitlos bespült es der Ewigkeit Ufer. Was es erfaßt, geht mit ihm die Wege; Was einmal sinket, das steiget nimmer. Kein Bote naht, kein Schrei wird vernommen, Und der Wogen Sprache kann niemand deuten. Zum Meer hinaus, weit hinaus zum Meere, Das Versöhnung nicht kennt eines Wellenschlags Dauer! Allem, was seufzet, ist es Erlöser, Doch weiter schleppt es das eigne Rätsel. Fühl' seinen seltsamen Pakt mit dem Tode: Ihm alles zu geben--sich selbst nur nimmer. Mich führt, o Meer, deine große Schwermut Und streift zu Boden die matten Pläne Und läßt entfliegen die bangen Wünsche: Dein kalter Atem kühle die Brust mir! Und der Tod mag folgen, auf Beute lauern: Wir würfeln ums Leben noch ein Weilchen! Noch reiß' ich Stunden weg deiner Raublust, Unterm Drohblick des Zornes die Flut durchschneidend, Du sollst nur bauschig füllen mein Segel Mit deinen sausenden Todesorkanen, Nur eilender trage der Woge Rasen Mein kleines Fahrzeug zu stillen Wassern. Ob einsam und düster auch am Steuer, Verlassen von allen, gestundet vom Tode, Wenn fremde Segel von ferne winken Und andere nächtens vorbei mir streichen: Den Unterton zu belauschen der Strömung --Des Meeres Seufzer, wenn Atem es holet-- Und der Welle Kleingang gen das Gebälke --Des Meeres Zeitvertreib in der Schwermut. Da spülen die Wünsche langsam hinüber In der Allnatur meerestiefe Schmerzen, Und der Nacht und des Wassers rauher Anhauch Rüstet fürs Reich des Todes die Seele. Dann kommt der Tag! Und in weiten Bogen Aufspringt der Mut zum Lichte, zur Wölbung Das Schifflein schnauft und legt seine Seite Mit Wollust hinab in die kalten Wogen, Und der Bursch erklettert den Mast mit Singen, Das Segel zu richten, auf daß es schwelle, Und die Gedanken, wie müde Vögel, Doch ruhlosen Fluges, umschwärmen die Raaen... Ja, ja, zum Meere! Dahin zog Vikar! Gleich ihm zu segeln, gleich ihm zu sinken Im Vordersteven für König Olav! Mit dem Kiel zerteilen das kalte Bedenken, Doch Hoffnung haschen vom leisesten Lüftchen. Mit des Todes Finger hinten am Steuer, Mit des Himmels Klarheit vorn über den Bahnen! Und dann einmal, in der letzten Stunde, Zu fühlen, die Nägel lösen sich langsam, Und es drückt der Tod auf das Plankengefüge, Daß vom Kiel die erlösende Flut heraufschwillt! Dann hingestreckt in den feuchten Segeln Und still hinüber ins ewige Schweigen.-- In großen, mondscheinklaren Nächten Strandwärts roll' meinen Namen die Woge! ALLEIN UND IN REUE (An einen abgeschiedenen Freund) Ich hab' einen Freund, im Grauen der Nacht Hör' ich oft seinen Gruß: Gott mit dir! Wenn die Lichter sterben, mein Sinn nur wacht, Dann tritt er am liebsten zu mir. Er hat kein Wort, das mich kränken will, Denn er selbst kennt Sünde und Leid. Er heilt mit Blicken und wartet still, Bis ich ausgekämpft meinen Streit. Und schafft mir Kummer, was ich getan, So bekennt er sich selbst dazu. Er faßt meinen Glauben so handweich an, Und bringt den Schmerz zur Ruh. Stieg jubelnd die Hoffnung--er folgte ihr, Und verzagte nicht, wenn sie sank. Jetzt wieder--mild steht er neben mir--: Mein Aufschwung werde sein Dank! DIE PRINZESSIN Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei, Ein Bürschlein ging unten und blies die Schalmei. "Du Kleiner, was bläst du am Abend?--sei still! Das hält meine Seele, die fortfliegen will Mit der Sonne dort." Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei, Das Bürschlein blies länger nicht auf der Schalmei. "Du Kleiner, so blase, was schweigst du denn still? Das trägt meine Seele, die fortfliegen will Mit der Sonne dort." Prinzeßchen saß hoch in der Jungfernbastei, Das Bürschlein nun wiederum blies die Schalmei. Sie weint in den Abend und seufzet vor Qual: "O sagt doch, was fehlt mir?--Mit einem Mal Ist die Sonne fort." VOM MONTE PINCIO Der Abend bricht an, die Sonne steht rot, Von Strahlen entlodert der Himmelsbogen; Lichtsehnender Glanz in unendlichen Wogen Verklärt das Gebirg' wie ein Antlitz im Tod. Es flammen die Kuppeln; doch mehr im weiten Die Nebel, die schwarzblaue Felder umbreiten, Ruhn drüber gleichwie das Vergessen zuvor: Dies Tal deckt tausendjähriger Flor. Abend so rot und warm, Lärmenden Volkes Schwarm, Glutende Hornmusik, Blumen und Feuerblick!-- Rings stehen in stummen Marmor gebannte Heroen der Vorzeit, kaum gekannte. Wie Opferdampf in errötender Luft Hat Vespergeläut' die Schwingen entfaltet; Die heilige Dämmrung der Kirchen waltet, Gebete zittern in Wort und in Duft. Hell glühn die Sabiner, die lichtumflirrten, Es blitzt die Campagna von Feuern der Hirten, Und Romas Lichter, sie glitzern sacht Wie Sagen durch der Geschichte Nacht. In den Dämmerschein Steigen Raketen hinein;-- Fröhlicher Menschen viel Lachen beim Morraspiel, Und jeder Gedanke versucht in Tönen Und Farben sich mit dem All zu versöhnen. Das Licht unterlag in lautlosem Kampf; Es wölbt sich der Himmel in stahlblauem Dunkel, Entlockt seinen Tiefen der Sterne Gefunkel, Die Erde versinkt in Nebel und Dampf. Nun wendet sich stadtwärts der Augen Flug: Dort naht mit Fackeln ein Leichenzug; Er sucht die Nacht; doch der Lichtglanz mag Ihm Hoffnungen zuwehn vom ewigen Tag. Zechen und Mönchsgesang, Tanz, Mandolinenklang Werden betäubt zugleich Kräftig vom Zapfenstreich;-- Durch pochender Träume lebendiges Schwanken Mitschimmert das Taglicht im Gedanken. Still wird es; der Himmel, noch dunkeler blau, Läßt unter seinen unendlichen Räumen Sowohl von Vergangnem wie Künftigem träumen-- Unsicheres Blinken im brütenden Grau. Doch geben wird Roma das Flammenzeichen, Weit sichtbar rings in Italiens Reichen: Mit Glockengeläut' und Kanonengedröhn Aufschwebt die Erinnrung zu neuen Höhn!-- Köstlich tut Sängermund Hoffnung und Glauben kund, Bringt einem jungen Paar Ständchen zur Laute dar. Die stärkere Sehnsucht ruht süß im Hafen;-- Die mindere lächelt und will nicht schlafen. ACH, WÜSSTEST DU NUR! Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun, Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun; Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen, Muß immer dort auf und nieder gehen. Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur! Ach, wüßtest du nur! Als festgewurzelt ich Wache hier stand, Hast oft du spröde dich abgewandt; Doch seit ich seltner den Weg genommen, Nun dünkt mich, du wartest auf mein Kommen. Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur; Weh dem, der ihren Zauber erfuhr! Ach, wüßtest du nur! Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht, Daß ich hier unten ersann ein Gedicht, Das just auf Flügeln wollte gelangen Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen! Doch hörst du ihn nie, den verstohlenen Schwur. Leb' wohl; dir lächle des Glückes Azur! Ach, wüßtest du nur! DIE ENGEL DES SCHLAFES Als rosig das Kind In Schlummer fiel, Nahten ihm Engel Mit Lachen und Spiel. Und die Mutter stand vor ihm, als es erwachte: "Wie schön mein Kleines im Schlafe lachte!". Zu Gott ging sie bald, Weg gab man das Kind; Einschlief's in der Fremde, Vom Weinen schier blind; Doch Kosen und Mutterwort hellten die Räume: Denn die Engel lachten ihm kindliche Träume. Heran wächst das Kind, Die Träne erstarrt; Einschläft's mit Gedanken; Die lasten so hart! Doch nicht weichen die Engel, sie scheuchen die Sorgen: "Schlafe! Im Frieden des Schlafs geborgen!" DAS MÄDCHEN AM STRAND Sie ging am Strande so jung dahin, Sie dachte an nichts in ihrem Sinn. Da kam ein Maler geschritten heran, Der im Schatten sodann, In des Meeres Bann, Den Strand und sie zu malen begann. Langsamer im Kreise ging sie dahin; Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn: Sie dacht' an das Bild auf der Leinewand, Wo sie selber stand, Sie selber am Strand, Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand. Es trieb, es zog ein Traum sie dahin; Sie dachte an vieles in ihrem Sinn: Weit, weit übers Meer und doch so nah Zum Strand, den sie sah, Zum Mann allda-- Ei, was für ein sonniges Wunder geschah! HEIMLICHE LIEBE Er saß im Winkel allein; Sie schwang sich lustig im Reihn. Sie scherzte, sie lachte Mit einem, mit zwein... O, daß sie ihm das tun mußte! Doch niemand war, der davon wußte. Sie hofft' auf den Abend ein Wort. Er sagte Lebwohl und--ging fort. Sie weinten, ein jedes, Sie hier und er dort, Ob eines Lebens Verluste. Doch niemand war, der davon wußte. Er sah von der Erde ein Stück. Doch Heimweh trieb ihn zurück.-- Sein Bild war geblieben Ihr einziges Glück, Bis daß sie zu Gott gehen mußte. Doch niemand war, der davon wußte. OLAV TRYGVASON Weiß von Segeln die Nordsee blitzt; Hoch am Steuer im Morgen sitzt Erling Skjalgsson von Sole,-- Späht übers Meer gen Dänemark: Wo bleibt Olav Trygvason? Sechsundfünfzig füllten den Plan, Harrende Drachen; gen Dänemark sahn Sonnbraune Mannen;--da scholl es: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?" Doch als beim nahenden Morgengraun Noch kein Mast am Himmel zu schaun, Schwoll der Ruf wie ein Sturm an: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?" Stille, stille zur selben Stund Alle standen: von Meeres Grund Stieg's empor wie ein Seufzen: "Längst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason." Alle hundert Jahre seither Raunt um Norwegens Schiffe das Meer Dumpf in mondigen Nächten: "Längst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason." SEUFZER Abendsonnenfunkeln Nie durch meine Scheiben bricht, Auch die Morgensonne nicht;-- Stets bin ich im Dunkeln. Sonne, sprich, wann gleitet In die Kammer mir dein Schein? Fällt kein Strahl ins Herz hinein, Das im Finstern streitet? Meinem Kindersehnen, Morgensonne, bist du gleich; Wenn du spielst so rein und weich, Quellen mir die Tränen. Abendsonnenfrieden, Ach, du gleichst des Weisen Ruh; Meinem Fensterlein wirst du Künftig sein beschieden. Morgensonnenklingen, Ach, du bist die Phantasie, Die der Welt Verklärung lieh. Könnt' ich dich erringen! Abendsonnenmilde, Du bist mehr als Weisheitsruh', Christenglaube bist mir du: Leucht' auf mein Gefilde! AN EIN PATENKIND (1861) Mit einem Album von Bildnissen aller derer, die in seiner Geburtsstunde die Gedanken formten in der Welt des Geistes und der Politik. Hier beschau' dir die Konstellation im Bilde-- Unter ihr ist dein Lichtlein erglüht!-- Die Sternenschar, die im Himmelsgefilde Des Gedankens nun strahlet und sprüht. Was künden sie dir? Wir wissen es nicht. Deinem Weg, dem noch dunklen, vorleuchtet ihr Licht, Deiner harrend, ihr Geistesglanz nimmt dich in Pflicht.-- Erst laß sie dich führen, Doch trenne dich dann,-- Mußt tasten und spüren Dich selber voran. BERGLIOT (In der Herberge) Nun wird König Harald Wohl Tingfrieden geben; Denn Ejnar sammelte Fünfhundert Bauern. Die Burg umschließet Ejndride, der Jüngling, Dieweil sein Vater Redet zum König. Nun hoffe ich, Harald Bedenkt, daß Ejnar Zween Könige schon Für Norge geküret-- Und schenkt uns Versöhnung Auf Grund der Gesetze; So war sein Gelübde, Heiß wünscht es das Volk. Wie auf den Wegen Sandwolken stieben, Und Lärm wacht auf!-- Schau' nach, mein Knappe. --Es war wohl der Wind nur! Denn unwirtlich ist's hier Am offnen Fjord In den niedren Bergen. Seit früher Kindheit Kenn' ich die Stätte; Der Wind hetzt die grimmen Hunde hierher. --Doch tausendstimmig Entfacht sich Getöse, Durch Stahlklang wachsend Zu kampfroter Flamme. Ja, das ist Schildlärm! Und sieh, welch Staubmeer, Speerwogen turmhoch Um Tambarskelve. In Not ist Ejnar!-- Treuloser Harald. Deinem Tingfried entsteigen Die Totenvögel. Fahrt zu mit dem Wagen. Ich muß zum Kampfe,-- Jetzt müßig sitzen,-- Nicht um das Leben! (Auf dem Wege) O Bauern, bergt ihn In schirmendem Kreise! Ejndride, nun schütze Den alten Vater! Baut ihm eine Schildburg Und reicht ihm den Bogen; Mit Ejnars Pfeilen Pflügt ja der Tod! Und du, Sankt Olav! O denk deines Sohnes, Und bitte für Ejnar In Gimles Hallen. (Näher) Kampflose Mengen-- ... In wirrem Drängen... Gleich Wellen, Den schnellen, Zum Strande nun fliehn Mit bebenden Knien Und starren zurück. Verließ uns das Glück? Mit trauernden Zeichen Halten die Scharen; Sie pflanzen die Lanzen Im Kreis um zwei Leichen. Und Harald darf fahren? Welch dumpfes Gedränge Beim Tinghause dort! Stumm wendet die Menge Sich schaudernd fort. _Wo ist Ejndride!_---- Angstvolle Blicke, Wohin ich sehe, Wollen mich meiden... Nun weiß ich's, wehe, Tot sind die beiden. ----Platz. Ich muß sehen. Weh mir, sie sind es. Konnt' es geschehen? Ja, sie sind es. Gefallen ist Nordens Herrlichster Helde, Norriges bester Bogen zerbarst. Gefallen ist Ejnar Tambarskelve, Der Sohn ihm zur Seite,-- Ejndride. Ermordet im Finstern, Er, der dem Magnus Mehr als ein Vater, Knuds, des Reichen, Söhnen ein Freund. Meuchlings ermordet Der Schütze von Svolder, Der springende Löwe Der Lyrskogheide. Tückisch geschlachtet Der Bauern Häuptling, Der Trönder Heide Tambarskelve. Mit weißen Haaren Den Hunden zur Beute,-- Der Sohn ihm zur Seite, Ejndride! Auf, auf, ihr Bauern, er ist gefallen. Doch er, der ihn fällte, er lebt. Kennt ihr mich nicht? Bergliot, Tochter des Håkon von Hjörungavaag: Nun bin ich Tambarskelves Witwe. Euch rufe ich an, Heerbauern, Mein greiser Mann ist gefallen. Seht, seht, hier ist Blut auf dem bleichen Haar. Auf euer Haupt mög' es kommen, Wenn es erkaltet, eh' ihr es rächt. Auf, auf, Kriegsheer, es fiel euer Feldherr, Euer Stolz, euer Vater, eurer Kinder Wonne, Eurer Kinder Märchen, eures Landes Held,-- Hier liegt er, gefallen. Und ihr wolltet ihn nicht rächen? Meuchlings ermordet, im Königshause, Im Tinghaus, dem Hause des Rechtes ermordet, Ermordet vom obersten Manne des Rechts! Des Himmels Blitz zermalme das Land, Läutert sich's nicht in der Lohe der Rache! Stoßt die Langschiffe ab! Ejnars neun Langschiffe liegen ja hier, Laßt sie die Rache zu Harald tragen. O stündest du hier, Håkon Ivarson, Stündest hier auf der Höhe, mein Blutsfreund, Nicht erreichte den Fjord dann Ejnars Mörder,-- Nicht müßt' zu euch, Feigen, ich flehn! O Bauern, hört mich, mein Mann ist gefallen, Meines Denkens Hochsitz durch fünfzig Jahre! Zermalmt, zerbrochen, und ihm zur Seite Der einzige Sohn, ach! all unser Hoffen! Leer ist es nun zwischen diesen zwei Armen-- Kann ich betend sie je noch erheben? Wohin auf Erden soll ich mich wenden? Zieh' ich von hinnen zu fremden Stätten,-- Sehn' ich mich heim, wo wir beide gewandelt. Aber wende ich mich heimwärts,-- Ach! sie selbst vermisse ich dann. Odin in Walhall darf ich nicht suchen; Den verließ ich ja schon in der Kindheit. Und der neue Gott in Gimle?---- Der hat mir ja alles genommen! Rache?--Wer spricht von Rache?-- Kann Rache meine Toten erwecken? Kann sie mich wärmen, wenn fröstelnd ich bebe? Gibt sie mir traulichen Witwensitz, Trost einer Mutter ohne Kind? Geht mit eurer Rache! Laßt mich in Frieden! Legt ihn auf den Wagen, ihn und den Sohn, Kommt, wir geleiten sie heim. Der neue Gott in Gimle, der fürchterliche, der alles nahm, Laßt ihn auch Rache nehmen; denn die versteht er, Fahrt langsam! Denn so fuhr auch Ejnar immer,-- Und wir kommen früh genug heim. Nicht springen die Hunde heut freudig herbei,-- Sie winseln und heulen mit hängendem Schwanz. Im Stalle spitzen die Pferde die Ohren, Froh der Stalltür entgegenwiehernd, Lauschend auf Ejndrides Stimme. Doch nimmer ertönt sie mehr,-- Und nimmermehr Ejnars Schritt im Flur, Der allen kündet: steht auf, ihr Leute, Jetzt kommt euer Häuptling! Die großen Stuben will ich schließen, Fortschicken all unsre Leute; Vieh und Pferde will ich verkaufen, Von hinnen ziehn und einsam leben. Fahrt langsam! Denn wir kommen früh genug heim. AN MEINE FRAU (Mit einem Satz römischer Perlen) Nimm diese Perlen!--als späten Reim Auf die, so geschmückt einst mein Jugendheim! Der tausend Stunden stilles Glück, Da du drin geatmet, es blieb zurück Ein Haufe Perlen schimmernd hell, Die der junge Gesell Um die Brust sich hing Und ums Haupt sich band-- Daß aller Welt zu lesen stand, Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing: Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand! IN EINER SCHWEREN STUNDE Wohl dem, der ernster Fährnis Dankt seiner Kraft Bewährnis: Je ferner das Ziel, Desto schwerer das Spiel, Doch herrlicher auch das Gelingen! Zerbricht dein Stab in Stücke, Und wird aus Freundschaft Tücke, Ei, das geschieht, Damit man sieht, Du brauchest keine Krücke. Wen Gott auf Erden Allein gestellt, Dem wird er selbst zur Stütze werden. FRIDA [Symbol: gestorben] Frida, ich wußte, du wolltest nicht leben. Bloßen Gedanken schon war es gegeben, Dich zu entgeistern, als wären in ihnen Engel erschienen. Wie deine Augen, die staunenden, klaren, Fern dann und fremd allem Irdischen waren: Da wuchs die Schwinge, die nach deinen Tagen Fort dich getragen. Sprachest du, fragtest du, ward mir oft bange; War's doch, als ob Blick und Stimme verlange, Dir einen Schatz der Erkenntnis zu zeigen, Der mir nicht eigen. Sprangst du, wie eben der Schulbank entronnen, Flog dein Gelock wie ein wehender Bronnen; Lachtest du, tat sich der Himmel auf, strahlend Über dein Strahlen. Oder wie konntest du bitter dich grämen! Alles zerfloß gleich zu Schatten und Schemen, Chaos ward, wie vor des Ewigen Werde, Himmel und Erde. Da, o, da sah ich: dein Glück, deine Schmerzen Fanden nicht Raum mehr im irdischen Herzen. _Dort_ winkte Weite!--Doch _hier_ blieb ein Schweigen Wunderlich eigen. AN BERGEN Wie du dasitzt stumm, Hochgebirg ringsum, Meer um deinen Fuß und vor dir deine Schären, Sinnest du wohl auf Saga, deren Lauf Noch einmal die Welt erstaunen soll! Stadt, dir selber treu, Bergen, "niemals neu", Unverwüstlich, echt, wie deines _Holberg_ Laune. Vormals Königswacht, Später Handelsmacht, Sitz sodann des ersten Freiheittings! Wie die Sonne oft Hell und unverhofft Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier, Kamst du uns mit Rat Oder rascher Tat, Wann uns Nacht am dunkelsten umfing. Tief aus Volkesgrund, Witzig, kerngesund, Sproßten da Gedanken, stand uns eine Kunst auf, Trotzig, blaugeäugt, An der Brust gesäugt Deiner düstern, mächtigen Natur. Deine Berge kahl Malte unser _Dahl_, Träumend wandelte an deinem Strand _Welhaven_, Und auf deiner Flut Kreuzte hochgemut _Ole Bull_ vor Flaggen aller Welt. Deine Nordsee wacht Treulich deiner Macht, Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern, Strömst du Glück in dein Nordisch Land hinein,-- Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich! P.A. MUNCH [Symbol: gestorben] (1863) Viele Formen hat das Große. Er, der von uns ging, er trug es, Wie wir einen Zweifel tragen, Der den Schlaf uns raubt, doch endlich Offenbarung uns gewähret,-- Wie ein höheres Sehvermögen Leidend über Unsichtbares,-- Einen Flug durch schwere Arbeit Vom Gedachten zum Gewissen, Vom Gewissen zum Geahnten, Der in ruhelosem Drängen, Gotterfüllt und ewig wechselnd Unsre Welt im Sturm durchkreuzet, Ihrer Zweifel und Gedanken Last ihr von den Schultern nehmend, Und sie abwirft, und sie aufhebt, Nimmer matt--doch ewig rastlos. Still! Nur ein einziger Zufluchtsort Wußte ihn sanft zu versöhnen: Seiner Familie lichtmilder Hort, Schmeichelnd in Farben und Tönen. Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel Unter der Birken Schleier Mitten in duftender Blumen Gewühl Ein in des Walddomes Feier,-- Kamen die Töchter dann lieblich und leis In ihrer Unschuld Klarheit, Fächelten Kühlung der Stirne heiß, Sprachen von kindlicher Wahrheit,-- War er bald mitten in Spiel und Lied Zärtlich von Tönen umfangen, Wolken zerrannen, und hoch im Zenit Jubelnd Millionen sangen. Doch wie in des Herbstes stiller, Traumhaft schwerer Abenddämmrung Wetterleuchten die Gedanken Schreckhaft auf Gewitter lenket,-- Oder wie ein Schlag im Boote, Das in stiller zarter Mainacht Schläfrig zwischen Felsen gleitet,-- Nur ein einziges leises Plätschern,-- Doch das Echo jagt es weiter, Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn, Lauschend hebt das Reh sein Köpfchen, Steine rollen, wach wird alles: Hunde heulen, Glocken gellen, Weckend all des Tages Lärmen,-- Also könnt' ihm ein Erinnern, Daunweich nur im Spiel gefallen, Wecken der Gedanken Heerschar. Und dann jagte es durchs Weltall, Und dann flammt's in seiner Seele, Doch es ward zu Licht für andre. Rassenursprung, Wortverzweigung, Namenquell, Gesetzverwandtschaft, Groß und Klein in gleichen Qualen, Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele. Wo nur Steine andre sahen, Sah er's glitzern, sah er's funkeln, Sprengte er den Schacht zum Bergwerk. Und wo andre vor dem sichern Funde des Jahrhunderts standen, Griff ihn Zweifel, und er wühlte Tag und Nächte bis zum Grunde, Grub--und sah den Fund versinken. Doch es ließ sein rastlos Wollen, Das so vielen Kraft gespendet, Oftmals übers Ziel ihn schießen. Klarheit, die er ändern schenkte, Trog ihn selbst als neue Ahnung. Darum: wo er schon gewesen, Kehrte er nur ungern wieder. Stoff so oft wie Arbeit wechselnd, Floh er vor dem eignen Denken. Das Gedachte aber hielt ihn, Folgte, wuchs gleich einem Brande, In Brasiliens Wald geschleudert, Prasselnd vor der Windsbraut fliehend. Wo kein Menschenfuß gegangen, Fraß sich's Weg für Millionen. Nordens Reich streckt seinen Busen In des Eismeers frostige Nebel, Finsternis der Wintermonde Lastet schwer auf Meer und Bergen. Und den Landen gleich, erstreckt sich Auch des Volkes tiefste Wurzel Weit hinein in Nacht und Nebel. Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm, Doch wie Nordlicht durch Polarnacht Blinkte leuchtend sein Gedanke. Zärtlich wie nach seines Vaters Angedenken frug er eifrig, Forschend nach des Volkes Wegen. Namen, Gräber, rostige Waffen, Steine brachten ihm die Antwort. Über Asiens Urwaldberge, Wüstensand und öde Steppen Sah er Karawanenspuren Unterm Moder von Äonen Heimatsuchend nordwärts deuten. Wie einst sie den Flüssen folgten, Folgte ihnen all sein Denken, Das so reich ins Weltall strömte.-- Sieh, es war ja nur Versöhnung, Was sein rastlos Schaffen wollte, Doch die fand er nicht;--statt dessen Fand er neue Wunderdinge, --Ganz wie jene Alchymisten, Die im Suchen nach dem Golde Zwar nicht Gold, doch Kräfte fanden, Die noch heut die Welt bewegen. Tief im Grunde barg sein Wesen Eine Kraft des Gegensatzes, So daß Töne, angeschlagen Von des Nordens hehrer Saga, Mild harmonisch weiterklangen In der Sehnsucht nach dem _Süden_. Und es war des Auges Flamme, Des Gedankens Blitz verwandt dem Feuer des Improvisators In dem heißen Land der Trauben. Und sein leichter Stimmungswechsel Und der Feuergeist, der Frondienst Tat den lieben langen Winter, Doch die Frucht oft spielend wegwarf,-- Jener unermessene Reichtum, Drin Gedanken, Launen, Töne, Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn Unaufhörlich glitzernd spielten,-- Das war wie ein Tag im Süden. Eine Reise war sein Leben Unaufhaltsam drum gen Süden, Durch das Nebelland des Ahnens, Aus dem Dunkeln in das Klare, Aus dem Kalten in das Warme,-- Und sein Wirken war die Brücke Über Berg und Meeresströmung. ----O, und dann des Glückes Stunde, Da mit Weib und Spielgefährten, Seinen kindlich frischen Töchtern, Er dort stand, wo Abendsonne Kapitol und Forum grüßte,-- Wo aus tiefem Grund der Weltstadt Weisheit und Erkenntnis sprudeln;--- Wo jetzt Klarheit, ätherreine, Die Jahrtausende erleuchtet, Die zur Ruhe hier gegangen;-- Wo dem Forscher aus dem Norden War, als sei er allzulange Irr im Nebel nur gerudert Auf den tiefen, breiten Fjorden;-- Stand, wo Tote ihre Gräber Sprengen und als Zeugen schreiten In der schweren Marmortoga; Wo die Göttinnen von Delos In die Freskensäle tanzen Wie einst vor zweitausend Jahren;-- Wo der Erde wachsend Werden Pantheon und Kolosseum Stolz in ihrem Schoße bargen;-- Wo ein Hermes dort am Eckstein Cato würdig schreiten sah als Pontifex im Priesterzuge,-- Nero als Apollon schaute, Opferrauchumhüllten Wahnes,-- Gregor schaute, zornig reitend Als der Geisterscharen Herrscher Über alle Erdenreiche,-- Cola di Rienzi schaute, Huldigend der Freiheitsgöttin Bei des Römervolkes Jauchzen,-- Sah der Kirche Geistesfürsten, Leo, sich statt Christus wählen Aristoteles und Plato;-- Sah dann die katholische Kirche Stärkre Zeiten neu errichten, Bis der Franzmann sie zertrümmert, Und _Natur_ zur Gottheit wurde,-- Sah aufs neu' die alten Frommen Dann in Prozessionen wallen Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!-- All das sah der kleine Hermes Dort am Eckstein hinterm Tempel, Und es sah der nordische Weise Ihn und seine Visionen.-- --Ja, als er in der Geschichte Hehrer Klarheit Rom erblickte, Und sein Auge sinnend streifte Abendsonnumflammte Höhen,-- Flossen seiner Sehnsucht Strahlen Über in entzückte Ahnung. Und--er sah in eine Kirche, Größer als der Dom des Weltalls, Und ein Friede sank hernieder, Über alles Jetzt erhaben.-- Und als er zum zweiten Male Dorthin kam, durch langer Tage Müh' und Fleiß--als gält's Erlösung,-- Da ging Gott ihm selbst entgegen, Führte ihn hinauf und sagte: "_Friede mit dir, du bist Sieger!_" Doch zu uns, die klagen wollten, Wandte Gott sich um und sagte: "_Wenn ich rufe, wer darf sagen,_ _Der Berufne sei nicht fertig?_" _Er, der stirbt, er war hier fertig!_ Sieh, das glauben wir im Schmerze. Und daß Er, der allen Forschern Jene Ruhelosigkeit gegeben (Die Kolumbus trieb und Newton), Weiß, wann Ruhe kommen soll. Aber jenen Geistesscharen, Die verklärt zur Heimat wallen, Blicken starr wir nach und fragen: Wer soll abermals sie sammeln? Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte, Strömten sie von allen Ländern: Schweden, Dänemark und England Und von Frankreich her zusammen; Übers Meer die Schiffe flogen Seinem Banner rasch entgegen. Die gewaltige Königsflotte Lag vor Anker hier am Strande, Und es ward uns zur Gewohnheit, Sie zu sehn und zu befragen Nach Eroberung und Fahrten. Was sie uns gewann, bleibt ewig. Doch sie selbst darf nun zur Heimat. Fest vereint, sehn wir entschwinden Überm Meer das letzte Segel, Wenden uns und fragen leise: Wer wird abermals sie sammeln? KOENIG FRIEDRICH DER SIEBENTE [Symbol: gestorben] (1863) Nun schied unserm König ein wahrer Freund! Und es senkt bei dem Schlag Sein Banner der Norden und folgt vereint Am Begräbnistag. Doch, Dänemark! dein sind die tiefsten Schmerzen: Nun brach dir das wärmste, das größte der Herzen, Nun brach deine beste Landesfeste, Nun dehnt sich ein Schrei ob des Königs Tod Wie aus tiefster Not! Ihn, der geboren zu Dänemarks Glück, Traf des Todes Los. Jung stießen sie ihn vom Hofe zurück-- In des Volkes Schoß. Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren. Selbst hat ihm das Leben Die Schule gegeben--: Als fertig die Schlinge für Dänemark,-- War er lebensstark. Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm, Wo ein Kniff sich fand; Der Verräter feinste List schlug um Vor dem schlichten Verstand. Er kannte ja nur des Volkes Gedanken, Drum gab er ihm Freiheit sonder Schranken; Dem Ganzen war hold er-- Nicht teilen wollt' er, Und hielt eine Rede, nur kurz, die hieß: "Nicht geschehn wird dies!" Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer Standfest und klar! Größeres Lob war nicht sein Begehr. Wir bringen's ihm dar! Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde, Dem wahren, sicheren Ankergrunde;-- Rings sprach im Reiche Bald jeder das gleiche: "So dumm ist der wohl nimmer; seht, Wie trefflich es geht." Auf Deck rief er eben die Männer all: Sturmsegel gesetzt! "Land", klang es vom Mast beim Wogenprall _Jetzt, eben jetzt_,-- Da entglitt das Steuer den treuen Händen, Tot sank er hin--das Schiff will wenden... Wenden? Nimmer! Sein Kurs bleibt immer; Ihr kennt ihn, Dänen, Mann für Mann,-- Sein Kurs heißt: Voran! In Reih' und Glied allzeit bereit, Als Wahlspruch er kor. Wie ragt' er in ehrlicher Tatkraft weit Den andern vor. Sie ernten die Frucht: _geübte Soldaten_, Stehn alle, so treu, so erprobt in Taten! Das Schiff _kann nicht_ schlingern: In vielen Fingern Liegt fest das Steuer geborgen an Bord; Hurra gen Nord! Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang: Ausharren voll Pflicht, Wachthalten im Dunkel, nicht blaß, nicht bang,-- Gott ist unser Licht! Hier ist's dumpf, ist es still, drückt die Sehnsucht nieder, Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder,-- Hier sind Wartezeiten,---- Bis die Himmelsweiten Rosig erhellt uns künden: es naht Der Tag zur Tat! ALS NORWEGEN NICHT HELFEN WOLLTE (Osterabend 1864) Und segelst im Kattegatt du umher Und durch den Belt, Du findest die Dänenfregatte nicht mehr Mit rotweißem Feld; Hörst nicht mehr Wessels Stimme beim Klang Vom Kommandowort, Nicht hinter dem Danebrog mehr den Sang, Den frischen, an Bord, Du hörst kein Lachen, du siehst keinen Tanz Unterm Segelweiß, Um Spiegel und Mast nicht den leuchtenden Kranz, Der Künste Preis. Denn alles, was unser war, ertrank Auf dem Meeresgrund, Jedwedes Erinnerungsbild versank Im nächtlichen Schlund,-- In der Winternacht, da bei Sturmeswut Unter Norwegens Strand Notschüsse krachten und brandende Flut Tang anwarf und Sand; Ein Boot fuhr vom Hafen zur Hilfe aus, Doch wandt' es in Hast,-- Da trieb die Fregatte gen Deutschland hinaus Mit zertrümmertem Mast! Da flog unsre Blutsverwandtschaft vom Bord, Mit Stumpf und Stiel,-- Gepackt, gewirbelt, trieb fluchend sie fort, Ein Wellenspiel! Der nordische Leu am Gallion, durch Sturm, Durch Alter so grau,-- Er ward zerstückt; ein zerschossener Turm, Lag das Schiff zur Schau. Sie flickten es wieder, sie machten es klar Am deutschen Strand; Schwarzgelb war die Flagge, es spreizt sich ein Aar, Wo der Löwe stand. Wir segeln im Kattegatt; wie leer, Wie still ist es nun! Nur ein deutsches Schlachtschiff sahn wir im Meer Vor Schonen ruhn. AN DEN DANEBROG (als Düppel fiel) Danebrog, in alten Tagen, _Schneeweiß, rosenrot_ Sah man, Sohn des Lichts, dich ragen Über Nacht und Not, Reif wie schwere Fruchtgehänge, Hehr wie Heldengrabgesänge, Frei, mit Geistes Wandervögeln Durch die Welt dich segeln. Danebrog, ach, heute steigst du _Todbleich, blutigrot_, Wund wie eine Möwe neigst du Dich, verletzt zu Tod. Heiligen Blutes Purpurlache Zeugt für die gerechte Sache. Fallend Volk, nun trag die schwere Kreuzeslast der Ehre! DER NORRÖNASTAMM (4. November 1864) Es zog Norrönas Söhne Zum freien Meergestad'; Ihr Ziel war Kampfgedröhne Und hehre Mannestat. Ihr Geist, in Surtrs Feuer Sich senkend wurzelfest, Trieb Schossen ungeheuer Zu Ygdrasils Geäst. Ging zu der Brüder Schaden Oft jeder eigne Spur, Gab's auf getrennten Pfaden Doch _eine_ Ehre nur. Die Zeit schuf Platz für jeden: Erst Norge, Dänemark; Kam auch danach erst Schweden, So wuchs es doppelt stark. Vom Stern des dänischen Drachen War Ost und West entbrannt; Normannengeists Erwachen Drang bis zum heiligen Land. Sowie von Sveas Stamme Die Polnacht ward erhellt, Gibt Lützens Siegesflamme Noch Licht der halben Welt. Es schweißten harte Tage Norges und Dänmarks Band; Den größern Sinn der Saga Hat kleine Zeit verkannt. Dann trat, sich zu verbinden, Norge zu Schweden hin, Und nie mehr soll verschwinden Der Saga größrer Sinn. Der Volksgeist birgt im Schoße Weissagung wundersam: Die Zukunftstat, die große, Eint den Norrönastamm. Ein jedes Fest entfache Des heiligen Schwures Klang: Für unsres Blutes Sache Sieg und nicht Niedergang. GESANG DER PURITANER (Aus dem Drama "Maria Stuart") Gib mir Stärke, reich' mir Waffen, Halt meinem Notschrei den Himmel offen! Herre, ist sie dein, mein' Sach', Schenk' ihr du den Siegestag! Stürz' deine Feinde! Stürz' deine Feinde! Roll' vor dein Zorngewölk, schmettre hinab sie, In ihrer Sünden Abgrund begrab' sie, Seng' ihre Saat, Zertritt ohne Gnad'! Dann laß auf schneeweißen Taubenschwingen Dem Gläubigen Tröstung herniederbringen, Das Ölblatt des Friedens, der deinem Frommen Nach der Strafen Sündflut dereinst wird kommen! JAGDLIED (Aus dem Drama "Maria Stuart") Hinter uns steigt Heidedampf, Heidedampf, Vor uns fliegt der Falk zum Kampf, Vor zum Kampf. Birkenduft erfüllt den Hang, Füllt den Hang, Felswärts stürmt der Hörnerklang, Hörnerklang. Durch die klare Luft dahin! Durch! Dahin! Voran eilt sie! Die Königin! Königin! Jagt ihr nach! Hei, Jagd voll Glut! Jagd voll Glut! Nach--bis in die Todesflut! Todesflut! TAYLORS LIED (Aus dem Drama "Maria Stuart") Auf Erden jede Freudenstund Bezahlest du mit Sorg', Und wird dir mehr als eine, glaub', Du hast sie nur auf Borg. Bald fordert eine Schmerzenszeit In Seufzern streng zurück Für jedes Lächeln Zinseszins, Abschlag für jedes Glück. Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Du, hätt' ich dich nicht lächeln sehn, Müßt' ich nicht weinend stehn. Gott helfe dem, der's nicht vermag, Zu geben halb sein Herz; Es kommt die Zeit, sie kommt, da ganz Er nehmen muß den Schmerz. Gott helfe dem, der nicht vergißt, Daß er so froh einst war; Gott helfe dem, dem alles bricht, Dem nur der Geist blieb klar. Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, All, was ich je gepflanzt, erfror, Nun, da ich dich verlor. HOCHZEITSLIED Du standest vorm Altar in weißem Kleide, Und Ewigkeiten lauschten deinem Eide; Dein banges Denken schwebte Um ihren tiefen Grund, Und was dein Herz durchbebte, Das betete dein Mund. Da ward dein Blick von hellem Glanz umwoben, Denn deine Mutter betete dort oben Mit dir zugleich. Nun fühltest du, die Hand, die dir gegeben, Festhalten werde sie fürs ganze Leben; Dir wurde leichter, freier, Dein Herz schlug nicht mehr bang; Du sahst durch Tränenschleier Die Zukunft hell und lang! Betaut von milden Liebestränen deuchte Das Leben dir ein Lenz, der ewig leuchte; Du faßtest Mut. Ihm, der die Eltern deinen Kindertagen Ersetzte, galt es Lebewohl zu sagen. Sein Werk war nun geschehen: Du standest froh verklärt Und, wie's ersehnt sein Flehen, Warst deiner Mutter wert. Er sah dein Aug' voll Dank emporgehoben, Und Dank schien ihm zu tönen von dort oben, Dank für sein Werk. Von den Geschwistern, denen Kinderpflege, Selbst Kind, du gönntest, scheiden deine Wege. Den besten Lohn von allen, Sie geben heut ihn drein; Einst in die Wage fallen Wird er am Tag der Pein! Dank und Gebet ist deines Glücks Geleite, Dank und Gebet sei stetig ihm zur Seite, Dank und Gebet! LEKTOR THÅSEN [Symbol: gestorben] Von einer Blume las ich einst, die stand, Bebend und bleich, abseits vom Wegesrand; Denn der Gebirgsnatur geringe Kraft Gab sparsam Saft Und kaum noch Farbe. Ein Blumenfreund sah sie im Schatten stehn; Froh brach er aus: du sollst nicht so vergehn! In sonnenwarmem Grund sollst du hinfort Ein fruchtbar Lebenswort Für viele werden! Als er sie samt dem Erdreich hebt und hält, Blinkt's seltsam ihm entgegen,--denn ihm fällt Goldstaub von ihrer Wurzel in die Hand: Die Blume stand Auf reichen Gruben. Von ringsher eilt der Jugend rasche Schar Zur Wunderstätte--und sie wird gewahr: Hier liegt des Landes Zukunftsschacht; Ein Blick in Nacht Von Gott war die Blume. Ach, daran dacht' ich, als die Kunde kam-- Als ihn der Herr des Lebens sänftlich nahm Aus kaltem Felsgrund und des Winters Wehn, Dort aufzugehn In ewiger Wärme. Denn wo sein Sehnen sich hinabgesenkt, Da blinkt es! Diese Lebenswurzel lenkt Dem Weisheitshort entgegen, der da reich, Goldadern gleich, Ruht in den Tiefen. Nun, da er fort ist, wird ans Licht gebracht Die Herrlichkeit, von ihm so treu bewacht. Gedankenschatz der Vorzeit glänzt herauf, Und es blitzt auf Der Zukunft Reichtum. Nach dem Metall, ihr Jungen, grabet jetzt, Des Staub die Blume trug, von Gott versetzt. --Euch gilt die Botschaft! Schürft es aus dem Grund! Ihm ward's nur kund In Sehnsuchtsträumen. AUF EINER REISE DURCH SCHWEDEN Von Kind auf war ich dir verschrieben, Denn Größe lehrtest du mich lieben,-- Und rufe laut als Mann dir zu: _Des Nordens Sache führe du!_ So reich an Land und Gaben bist du, Doch deines großen Ziels vergißt du. Eh' du den Norden nicht geeint, _Bleibst du dir selber fremd und feind!_ Es webt ein Sehnen und ein Singen Durch all dein Volk, doch ohne Schwingen. Wohl stehst du da, vor vielen stark, Doch deinen Taten fehlt das Mark. Zu vieles wird von dir begonnen, Zu viele Kraft zu Wind versponnen;-- An Herzensfülle mangelt's nicht, Doch Treue fehlt und Ernst der Pflicht. Du kannst nicht ohne Kampf gedeihen, Ein Sinn muß deine Tage weihen, Ein heldisch Wollen, daß die Welt Vor Schwedens Namen inne hält. Aus Eignem wirst kein Glied du rühren, Der Ehre Stern muß dich verführen, Aus Taten wird dir erst und Mühn Die rechte Freudigkeit erblühn. Denn deines großen Einst Versprechen Sind allzu strahlend, sie zu brechen. _So schmiede denn des Nordens Glück!_ _Er gibt es doppelt dir zurück!_ Du kannst kein größer Werk beginnen, Kein heiliger Gebot ersinnen: Dies Werk schließt deine Zukunft ein Und macht dich aller Sünden rein! Du Volk von Schwärmern und Propheten, Du Volk von Träumern und Poeten! Der Unkraft lähmend Joch zerbrich! _Des Nordens Fahne harrt auf dich!_ STELLDICHEIN Still ist der Abend; Selbst sich begrabend, Rollen die Stunden und scheidet das Licht. Nur die Gedanken Lauschen und schwanken: Ob sie heut kommt oder nicht? Frostiges Dämmern; Wolken gleich Lämmern Ziehen vorüber; der Sterne Heer Zaubert im Glänzen Liebe und Lenzen; Kennt sie den Weg denn nicht mehr? Sehnsuchtsleise Unter dem Eise Seufzt das Meer in wegmüder Ruh. Schiffe vor Anker-- Ach, und ein Kranker Fragt: wo verweilest du? Schneeflocken stieben, Bergwärts getrieben, Märchenhaft wirbelnd zum dunkelen Hain; Nachtvögel schwirren, Schlagschatten irren; War das ihr Schritt?--Ach nein! Bist du so feige? Sehnende Zweige Starren von Reif; du wurdest verhext. Doch ich bin stärker, Sprenge den Kerker, Wo du dich träumend versteckst. LIED DES STUDENTENGESANGVEREINS Auf, Brüder, stimmt an ein Lied! Im Lichtgeleit dahin es zieht, Hell flammt es in Liebessonne, Voran eilt des Sieges Wonne, Und ringsum träufelt Blütensaat Auf junger Willenskräfte Pfad! Weithin unser Sang schon fuhr, Und ruhmreich leuchtet seine Spur In Fahnen und Freundschaftsspenden, In Kränzen aus Frauenhänden, In Festen voller Jugendschaum, In Volkes Vorzeit, Volkes Traum. Nach _Halden_ ging unser Zug, Die Fahne hing zerfetzt genug; Sie wehte durch unsre Sänge, Sie mahnte durch Liederklänge, Erglühend in dem mächtigen Brand Des Heldentods fürs Vaterland. Gen _Arendal_ die Sommerfahrt Zu "Macht und Ruhm", sei treu bewahrt. Inmitten der Flotte zogen Wir Sänger auf blauen Wogen Zu Norges Schiffs- und Handelsflor,-- Da sangen wir den Jubelchor. In _Bergen_, am Meeresstrand, Wo Altes sich mit Neuem band, Von Lurklang die Berge hallen; Held _Sverre_ lebt noch bei allen; Doch frisch und voll von Lebenslust Entstieg das Lied der Volkesbrust. _Upsala, Kopenhagen, Lund_, Wie zündend klingt's aus Herz und Mund! Da banden wir in Akkorden Im Dreiklang den ganzen Norden. In vollem Chor zum Himmel klang _Norrönastammes Einheitssang_. Frischauf in die Welt hinaus! Wo's Echo gibt, sind wir zu Haus. Im Lied unsre Zukunft winket, Im Lied die Vorzeit nicht versinket,-- Wir wandern weiter Hand in Hand, Und singen Sommer unserm Land. AN DEN BUCHHÄNDLER JOHAN DAHL (Zu seinem sechzigsten Geburtstag) Herr Wirt, dir sei dies Hoch gebracht! --"Hurra!" Doch während wir singen, so gebt fein acht! --"Ja ja!" Zuerst müßt von schrecklichen Leiden ihr wissen, Als in unsern Wirrwarr sein Los ihn gerissen Zu Adlern und Schären, Zu Wergelands Bären, --Au ja! Er kam als ein unschuldig Lämmelein, --O je, So niedlich, appetitlich und sauber und rein Wie Schnee. Das köstliche Fleisch ließ zu Füllsel man hacken Und später in Teig von Herrn Wergeland backen Und munter zerbeißen, Die Knochen verschleißen Im Ramsch. Doch hei! wie ein Böcklein des göttlichen Tor Er sprang, Und stieß ihnen kräftiglich hinter das Ohr,-- Das klang! Da schmunzeln die Kerle in vollem Behagen: "Jetzt hat der Gesell sich zum Bruder geschlagen," Und balde war keiner Beliebter und feiner Als Dahl. Das Licht aus der Bude dort konnt' wohl erhellen Das Land. Dort hat sich gar mancher zum Spießgesellen Bekannt; Dort machte man Mode und kritische Normen, Und wollt' ein gut Stückchen Norwegen formen. Das wird die Geschichte Schon bringen zum Lichte Dereinst! Für das, was du littest, entflammtest und strebtest, Hab' Dank! Für alle die Kraft, die du freudig belebtest, Hab' Dank! Für all dein gutmütig Eifern und Zanken, Dein goldnes Gemüt, deine Freundschaft, wir danken, Du seltsamer Falter, Du Lieber, du Alter, Hab' Dank! DIE SPINNERIN Ach, was fragte er mich, Eh' er jetzt vom Fenster schlich? "Du, ein Band, das knüpf' ich still, An den Tag soll's im April. Traust du dich?--dann gib mir dein Gespinst hinein." Wie soll ich's wohl verstehn? Wer hat je ihn weben sehn? Und mein Gespinst so rein, Will er in sein Band hinein? Und so eilig webt er's hin,-- Bis--Lenzbeginn? Und wie lacht' er dabei! Ach! Stets treibt er Narretei. Gebe mein Gespinst ich hin, Ihm, der also leicht von Sinn?-- Füge du es, Gottes Hand, Fest zum Band! DIE WEISSE UND DIE ROTE ROSE Die weiße und die rote Rose, So hießen der Schwestern zwei--ja, so! Die weiße, die war stumm und still, Die rote allzeit froh. Doch umgekehrt ging's seither, ja, Da kamen die Freier weit her, ja. Die weiße ward so rot, so rot, Die rote ward so weiß. Der, den die rote liebte, Den wollt' der Vater nicht han, nicht han. Doch den die weiße liebte, Den nahm er glattweg an. Die rote, ach, bleicht in Tränen, ja, Vor Seufzen, Sorgen und Sehnen, ja. Die weiße ward so rot, so rot, Die rote ward so weiß. Da, Wetter, wird dem Alten bang, Er rückt heraus mit: ja doch--ja! Und Hochzeit gab's mit Sang und Klang Und Böllerschuß, hurra! Bald kamen auch Röschen nun, o ja,-- Röschen in Strümpfen und Schuhn, o ja. Die der roten waren weiß, doch--hm!-- Die der weißen alle rot. IN DER JUGEND Jugendmut, Jugendmut, Wie der Falke kühn und leicht Hebt er sich im Blau und steigt, Bis er alle Höhn erreicht. Jugendblut, Jugendblut, Braust wie Dampf durch Meer und Nacht, Sprengt das Stromeis, daß es kracht, Trotzt dem Sturm und jauchzt und lacht. Jugendtraum, Jugendtraum, Schleicht sich wie ein Schelm hinein In schön Mägdleins Kämmerlein; Aller Duft und Glanz des Lenzen Seine leichten Wellen kränzen. Jugendlust, Jugendlust, Sprudelt aus der Felsenbrust, Schleudert noch im Sturz zum Grabe Lachend seine Strahlengabe. Jugendlust, Jugendtraum, Jugendblut, Jugendmut Streun auf unsern Erdenwegen Singend ihren goldnen Segen. DAS BLONDE MÄDCHEN Ich weiß, sie wird sich von mir wenden, So scheu, wie je ein Traum entwich--: Und doch, ich kann nur immer enden: Du blondes Kind, ich liebe dich! Ich liebe deiner Augen Träume: So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh Und tastet sich durch steile Bäume Nur ihr verschlossnen Tiefen zu. Ich liebe diese Stirn: ein Siegel Der Reinheit, blickt sie sternenklar In der Gedankenfluten Spiegel, Der eignen Fülle kaum gewahr. Ich liebe dieses Haar, sich drängend Aus seines Netzes strengem Band: Voll kleiner Liebesgötter hängend, Verlockt es Auge mir und Hand. Ich liebe diese schlanken Glieder Mit ihrem Rhythmus wie Gesang. Hell klingt des Lebens Wonne wieder Aus ihrer Pulse dunklem Drang. Ich liebe diesen Fuß, dich tragend In deiner Herrlichkeit und Kraft, Durchs muntre Land der Jugend wagend Den Weg zur ersten Leidenschaft. Ich liebe diese Lippen, Hände, In Amors eifersüchtiger Pacht; Des Würdigsten als Siegesspende Gewärtig und für ihn bewacht. Ja, schürze nur die schönen Brauen Und wende dich zur Flucht und sprich: Kein Mädchen dürfe Dichtern trauen. Ich liebe dich! Ich liebe dich! MEIN MONAT Ich lobe mir April, In dem das Alte fällt, Das Neue Kraft erhält; Wohl liebt er Friede selten,-- Doch soll wohl Friede gelten? Nein: daß man etwas will. Ich lobe mir April, Weil er, der Stürmer, Feger, Der Eis- und Herzbeweger, Weil er, der Kräftereger, _Des Sommers Kommen will!_ HOCHZEITSLIED (Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868) Blick' auf, o Braut, er naht An Freundeshand zum Buchtgestad', Ein wenig kahl und träg', Doch frisch und herzensreg'. Hier kommt er treu und grad'-- Der alte braune Kreuzeraar, Erprobt in Sturmgefahr, Mit Augen kindlich klar. Er war ein Bursch so keck, Lag gern auf seines Boots Verdeck Und ließ vom Wogenschaum Sich wiegen in den Traum. Der Segel breite Last Schlug sonnbeschienen an den Mast, Und ohne Ruder glitt Der Kiel im Strome mit. Doch als er müßig da Sein Bild im tiefen Blau besah, Getrieben ward sein Kahn Zum offnen Ozean. Hei, wie er munter sprang Zum Steuer unter Flutgesang; Die erste harte Not War ihm wie Morgenrot. Er kehrte nicht nach Haus,-- Fuhr in der Freiheit Reich hinaus, Wo alles ringsumher Unendlich wie das Meer. Hinaus ins Flutgetos,-- Und ward das Boot auch steuerlos, Hat kühne Manneskraft Ihm doch den Sieg verschafft! Da draußen stand er frisch; Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch. Sein Deck zerbarst; doch ihn Konnt' es nicht niederziehn. Nach oben kam er leicht, Wie übers Meer ein Vogel streicht, Dieweil manch stolzes Schiff Zertrümmert ward am Riff. Sein Kahn schwamm flott dahin, Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn,-- Der Sturm blieb ohne Macht: Denn Jugend war die Fracht. Und ein unbändiger Klang Von Schüssen, Feuerwerk und Sang War immerzu an Bord Mit Echo über Nord. Ein wenig müd' zuletzt, Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt, Lag wieder friedlich-mild Und sah sein Spiegelbild. Er sah, der Schelm, er sah-- Sein eignes nicht, nein _ihres_ da, Als seiner Sehnsucht Fund Lächelnd im Wellengrund. Zum zweiten Mal zieht aus Sein Leben in den Wogenbraus, Und Sturm soll seinem Kahn Zum zweiten Male nahn! Zum zweiten, zweiten Mal hinfort Soll tönen Schuß und Sang an Bord; Denn diesmal mit ihm fährt Der Glaub' an Weibes Wert! NORWEGISCHES SEEMANNSLIED (Zu einem Fest norwegischer Seeleute in Stavanger 1868) Norwegisch Seevolk ist Ein derber Schlag voll Kraft und List; Wo Schiffszeug schwimmen kann, Da ist es vorne dran. Auf Meerfahrt und zu Haus, Im Sund und bei den Schären draus, Vertraut es Gottes Schutz Und beut den Wogen Trutz. Hier müht ein Volk sich ab Fürs Leben ruhlos bis zum Grab,-- Des Todes Sense mäht Sich Opfer früh und spät. Was Tag um Tag geschieht, Bewahrt nur selten Wort und Lied, Und von so manchem Stück Kehrt keiner mehr zurück. Ja, schlichter Fischer Kiel, Von Mut und Witz geführt zum Ziel, Hat Werke viel erschaut, Die niemals wurden laut. Und manches Seemanns Haupt Ward feucht mit Schilf und Tang umlaubt, Statt daß ihn goldnes Reis Gekränzt im Heldenkreis. Des Olavkreuzes Ruhm Hätt' manches Lotsen Heldentum Verdient, der Schar um Schar Gerettet aus Gefahr. Und manchem Bürschchen auch, Das heimritt auf der Jolle Bauch, Stand Vater hoch an Bord, Gebührte wohl ein Wort. Doch Norges Küste ist Des Landes Mutterbrust und mißt Ihm Nahrung zu, wenngleich Oft Nahrung tränenreich. Sie hütet und bewacht, Was ihre Söhne je vollbracht, Vom großen Hafurstag Bis auf das letzte Wrack. Das fühlte, wer sein Land Nach langem Fernsein wiederfand; Das fühlte, wer es ließ, Wann er vom Ufer stieß. Das fühlten, die weit fort: Der Heimat Glück war mit an Bord: _Der weißen Segel Fleiß_ _Gewann uns Macht und Preis._ * * * Hurra, wer immer heut Zur See sich unsrer Flagge freut! Hurra, der Lotse brav, Der sie zuerst heut traf! Hurra, der Fischer, der Sich rudernd wagt auf Fjord und Meer! Hurra, im Schärenkranz Die Küste unsres Lands! HALFDAN KJERULF [Symbol: gestorben] (1868) Hart griff der Winter die jungfrohe Kraft, Doch er griff fehl. Der lenzfrische Saft Rettete sich in dem leidenden Stamme. Hochsommer bracht' ihm der Blütezeit Flamme, Spätherbst gab reifender Früchte Prangen,-- Wenige, doch süß und mit rosigen Wangen. Sein ward die Frucht--und wird ewig gesät, Da, wo man ewig im Sommer steht. Er allein fand Leidengebeugt sich an Todesstroms Rand. Weiter kämpft' er mit Winter und Eis, Kämpft' um den Sommer, des Sängers Preis, Kämpfte im Sinken, noch demütig schön In brünstigem Flehn. Hat ihn der Sommer auch wirklich gefällt,-- Jetzt, da man's erntet, das goldene Korn, Hat er gesiegt; unter Jagdruf und Horn, Einzugsfeier er hält. Er ist der Dichtkunst mächtiges Bild. Winterlich herb und doch sommerlich mild. Gleichwie die Lüfte in zitterndem Schein, Rosige Gipfel und laubfrischer Hain, Bäche, die blumige Wiesen durchgleiten, Klingen und spielen in Sonnenlichts Saiten, So soll die Dichtkunst erstehen aufs neu',-- Bleibt sie, selbst fallend, der Sache nur treu,-- Mächtig sich dehnen, _Bald ist hier Sommer mit Sommers Sehnen._ VORWÄRTS "Vorwärts! vorwärts!" Scholl der Ahnen Losungswort. "Vorwärts! vorwärts!" Pflanzen wir den Schlachtruf fort! Was die Sinne flammen, die Herzen glauben heißt, Auch uns, die Enkel, vorwärts reißt In ihrem Geist. "Vorwärts! vorwärts!" Wer gern haust als freier Mann. "Vorwärts! vorwärts!" Freiheit ewiglich voran! Was sie auch an Leiden und Opfern kosten mag, Wer weiß noch vom empfangnen Schlag Am Siegestag? "Vorwärts! vorwärts!" Wer da traut des Volkes Kraft. "Vorwärts! vorwärts!" Wer am Werk der Väter schafft. Schätze schlafen tief noch in nordischer Berge Schoß: Die lege treuer Spatenstoß Von neuem bloß! WIE MAN SICH FAND (Zum Studententag 1869) Träume, die zu Träumen drängen, Finden bald ihr Reich; Herzen, die sich suchen, sprengen Alles lenzstrahlgleich. Und je tiefre Leiden binden Ihren jungen Drang, Desto heller beim Sichfinden Braust der Jubelsang. Jeder von den Hochgemuten Spornt zwar hundert an, Doch wenn tausend auch verbluten, Wär's doch nicht getan. Nein, erst wenn der Volkslenz brausend Stürmt durch Wald und Land, Weckend all die Hunderttausend,-- Dann erst man sich fand. Heil nun Norges jungem Tage, Fern in Dunst versteckt. Mit dem Dämmergrauen jage Weg, was uns erschreckt. Und des Schlachthorns hohle Lieder, Tränen, Schmach und Blut, Die beseelten immer wieder Uns erst recht mit Mut. Aus des Volkes Geist und Werken Wächst er Tag für Tag, Niederlagen ihn nur stärken Zum Entscheidungsschlag. Frühlingsahnen ist entglommen, Spricht das Jubelwort Von dem Lenz, der einst wird kommen, Heil dir, Volk im Nord! NORWEGISCHE NATUR (Auf Ringerike während des Studententages 1869) Wohlauf, ihr Wanderer, singt, Von Norges Herrlichkeit umringt! Laßt stille den Ton sich ranken, Wie Farben vorüberschwanken Zu Fjord und Strand, Gebirg und Flur Und Wald im Borne der Natur. Die Glut in des Volkes Drang, Die tiefe Kraft in seinem Sang, Hier hebt sie zu dir die Augen, Um deine Schönheit zu saugen, Und daß du dich vor ihr enthüllt, Dankt dir ein Blick, von Lieb' erfüllt. Hier kam die Geschichte zur Welt, Hier träumte Halvdan als ein Held. Er sah in Nebelgestalten Das ganze Reich sich entfalten, Und _Nore_ stand und gab ihm Mut, Und in die Weite wies die Flut. Hier führe des Liedes Chor Der Heimat ganzes Bild uns vor! Es brause der Sturm in der Stille; Ins Milde soll dringen der Wille: Wenn sich das Land zusammenschart, Erkennt ein jeder unsre Art. Was immer als erstes sie will, Sind hundert Häfen im April. Da hebt sich das Herz zum Gotte, Wenn Anker lichtet die Flotte; Norges Gebete segeln fort Mit sechzigtausend Mann an Bord. Schau' felsigen Küstenhang Mit Möwen, Walen, Platz zum Fang, Fahrzeugen im Inselschutze, Doch Boten im Wogentrutze Und Garn im Fjord, Schleppnetz im Sund-- Von Rogen weiß den ganzen Grund. Im wilden Lofotenschwarm Umschlingt den Fels der Meeresarm; Die Höhen hält Nebel umzogen, Doch am Fuße keuchen die Wogen, Und alles dunkelt, schreckt und droht; Jedoch im Strudel Boot an Boot. Den Eismeerfahrer dort schau' Hinziehn durch Schnee und Dämmergrau. Laut schallen Kommandoworte; Durchs Eis wird gebrochen die Pforte, Und Schuß auf Schuß die Seehundsjagd, Doch Leib und Seele unverzagt. Dann kommen wird abends zu Gast, Wo das Gebirgsvolk weilt zur Rast, Wo Kühe man melkt auf den Matten In des dräuenden Felshangs Schatten, Wo sehnsuchtsbangem Fragelaut Natur die Antwort anvertraut. Doch müssen wir weiter im Flug; Denn unser wartet noch genug,-- Das Bergwerk, drin Erze wuchten, Die Renntierjagd in den Schluchten, Der schäumend weiße Strom, der stolz Zu Tale trägt des Flößers Holz. Und weilen wir wieder hier, Die breiten Dörfer lieben wir, Wo Bauern in treuem Walten Hoch unsere Ehre halten; Von ihrer Ahnen Glanz umloht War unsres Aufgangs Morgenrot. Wohlauf, ihr Wanderer, singt, Von Norges Herrlichkeit umringt! Uns leiht unser Wirken Flügel, Es grüßt uns die Vorzeit vom Hügel, Und unsre Zukunft werd' erbaut So stark wie Gott, dem sie vertraut. ICH REISTE VORÜBER --Ich reiste vorüber im Morgenrot: Lautlos ein Hof noch im Lichte ruht, Und wie die Scheiben brennen in Blut, Loht auf in der Seele erloschene Glut:-- In Frühjahrsstunden Dort war ich gebunden Von lächelnden Lippen und feinen Händen, Und das Lächeln mußte in Tränen enden. Lang, bis der Hof meinem Blicke entschwand, Schaut' ich hinüber, unverwandt. Alles Vergangne erglänzte rein, Alles Vergessne ward wieder mein:-- Gedanken wandern Nun auch zu andern Frühlingstagen, und Wonnen und Fehle Wogen vor und zurück in der Seele. Freudvoll damals und freudvoll nun, Schmerzen damals und Schmerzen nun. Sonne im Tau: wie das funkelt und weint-- Tränen und Lächeln verklärt und vereint. Wenn Erinnerungswellen Flutend erst schwellen Über die Seele und ebben dann wieder, Grünt sie und sprengt die Knospen der Lieder. MEIN GELEIT Durch strahlende Wonnen fahr' ich heut In Sonntagsstille mit Glockengeläut. Die Sonne, vom Saatfeld bis zu den Mücken, Will alles alliebend, allsegnend beglücken. Ich sehe das Volk in die Kirche wallen, Hör' Psalmen aus offener Pforte hallen.-- Sei fröhlich! Nicht mir nur galt dein Gruß, Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß. Ich habe das herrlichste Reisegeleit-- Zwar birgt es sich listig von Zeit zu Zeit; Doch sahst du mich Sonntagsfreude bekunden, So war's, weil mehrere mit mir verbunden, Und hörtest du meinen gedämpften Gesang, Sie saßen schaukelnd in jedem Klang. Mir folgt eine Seele von solcher Macht, Daß alles sie mir zum Opfer gebracht; Ja, sie, die lachte, wenn umschlug mein Nachen, Die nicht gebebt vorm Gewitterkrachen, In deren weißen Arm ich geruht, Erwärmt von des Lebens und Glaubens Glut. Seht, hierin bin ich von Schneckenart: Ich nehme das Haus mit auf die Fahrt, Und wer da glaubt, daß die Bürde mich drücke, Der sollte nur wissen, wie hold es beglücke, Ein Obdach zu finden, wo himmlisch klar Sie steht unter lachender Kinderschar. Kein Denken, kein Dichten hat je ersonnen So hohe Wölbung, so tiefen Bronnen, Wie von der himmlischen Liebe der Schein Hinabdringt bis in die Wiege hinein. Nie leuchtet und taut dir die Seele so lind, Wie wenn mit Gebeten du wiegst dein Kind. Wer nimmer die Liebe gekannt für das Kleine, Dem winkt nicht die große, die allgemeine. Wer nicht sein eigenes Haus kann baun, Wird auch seine Türme zertrümmert einst schaun; Und zwingt er ganz Europa ins Joch, Stirbt einsam er auf Sankt Helena doch. Erbau' dir nur selbst eine Zufluchtsstätte; Dann weiß auch dein Nächster, wohin er sich rette. Obwohl von Kindern und Frauen geschaffen, Birgt diese Festung so starke Waffen, Daß heil sie bleibt in Kampf und Gefahr Und Mut verleiht einer ganzen Schar. Ein einzelnes Heim trug oft ein Land, Wenn dessen Retter es ausgesandt, Und wieder viel tausend Heime trug Das Land erlöst aus dem Kriegeszug; So trägt es auch auf des Friedens Wegen Den Pulsschlag des Heims in emsigem Regen. Trotz all dem Feinen im fremden Duft, Ganz lauter allein ist die Heimatluft. Nur dort stellt kindliche Wahrheit sich ein Und wird von der Stirn dir geküßt der Schein. Zur Heimat dort oben stehn offen die Türen; Denn von dorten kam's, und dahin wird es führen. Du Kirchenpilger, drum freue dich; Du betest für deine, für meine ich; Denn das Gebet läßt uns aufwärts wandern Ein Stück von dem einen Heim zum andern.-- Ihr bieget hinein; im Weiterwallen Hör' ich den Psalm aus der Pforte hallen.-- Sei fröhlich! Nicht mir nur gilt dein Gruß, Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuß. AN MEINEN VATER (Als er Abschied nahm) Unser Geschlecht sah einstmals stolze Tage. Noch in geräumigen Weilern und auf breiten Gehöften sitzt es; doch in harten Zeiten Ward _unser_ Zweig gebeugt in andre Lage. Nun reckt er wieder sich zum Licht empor, Und frische Knospen sprießen draus hervor: Du stärktest ihn; dein Abend sieht aufs neue Ihn blühn, gelabt vom Quickborn deiner Treue. Wie das Geschlecht sich ausruht, um zu steigen In seines Wesens Tiefe, still geschäftig Dort einzusaugen, was erlösungskräftig Die reichen Gaben aufweckt, die sein eigen-- So konnt' ich fühlen noch in dir die Spur Der dumpfen, ungezügelten Natur; Sie war so stark, daß ihre dunklen Mächte Fortwirken bis zum spätesten Geschlechte. Ein Funke fiel hinein vom warmen Herzen Der Mutter, und der Bund, der euch beglückte, Wird, wie er segnend euer Alter schmückte, Noch leuchten nach dem Tod mit hellen Kerzen. Wenn unser Volk einst recht versteht das Bild Der Heimat, der mein ganzes Dichten gilt, Des Glaubens und der Liebe stilles Walten, Dann soll's auch euch für immer lieb behalten. Wird Norges Bauer, wie ich ihn beschrieben Aus Sagas oder bei des Pfluges Lenken, Genannt,--muß, Vater, man auch dein gedenken: Ich ahnt' ihn nur, weil dich ich lieben durfte. Und wenn das treue Weib, das ich gemalt, Mit wackrem Mut, von Glaubensglanz umstrahlt, Von Fraun genannt wird, mag es leicht geschehen, Daß meine gute Mutter sie erspähen. Und nun in Abendrast mögt ihr verweilen Nach schwerem Tagwerk und nach manchen Plagen, Mögt euch erzählen von entschwundnen Tagen, Von manchem müden Schritt die tausend Meilen-- Wie über Winterschnee der Sonnenschein Blickt euch ins Fenster freudiger Dank herein, Umwebend einstiges Leid mit goldner Hülle, Und Leben quillt euch aus des Glaubens Fülle. Doch niemand ist, der wärmer für euch betet Als euer Sohn, den ihr in Angst und Beben Gehegt vom ersten leisen Flügelheben, Für dessen Wohl zu Gott ihr täglich flehtet. Wißt, wenn das Blut zu wild mir schoß durchs Hirn, War mir, als rührten Hände meine Stirn; Und pochte Reue still an meine Schläfen, War mir, als ob wir uns beim Höchsten träfen. Seht, deshalb bitt' ich Gott, mir Kraft zu senden (Fürs Leben werden wir uns neu begegnen, Und Scherz wird Hoffnung und Erinnrung segnen), Um einen heitern Abend euch zu spenden! O laß die Enkel, wenn dein Arm sie hält, Im Abend schaun die morgendliche Welt! So wird einst tröstlich ihnen noch im Sterben Das Morgenrot die blassen Häupter färben. AN ERIKA LIE Wer in Töne bände Nordische Gelände, Zeigte nicht nur rauhe Bergeswände, Nein, auch ebne Auen, Die gen Morgengrauen Glitzerperlen frisch betauen. Wälder, traumumflogen, Die in schweren Bogen Wie ein Meer das Glommental durchwogen,-- Lieblich grüne Weiten, Die von allen Seiten Leicht und licht zusammengleiten. All den feinen, klaren Reiz uns offenbaren --Nordlands sonnbeglänzte Vogelscharen. Und die Purpurspende Ferner Nordlichtbrände-- Sieh, das müssen Mädchenhände. Deine Hände schlagen Töne an und jagen Bilder auf aus langentschwundnen Tagen, Die in Sehnsuchtstiefen Unsrer Dichtkunst schliefen, Bis dann deine Hände wach sie riefen. Bald in leichten Ringen Sehn wir blinkend schwingen Funken, die aus Vaters Frohsinn springen; Bald erhabnes Schauern, Heiliges Bedauern Aus der Mutter Wehmutsauge trauern. Kinderseele, klinge Reingestimmt und dringe Gläubig durch das Sein und alle Dinge, Rein wie Melodien, Festsaalharmonien Dich, du Kind des Glommentals, umziehen. AN JOHAN SVERDRUP Nicht war's zu rauhem Kriegeswerke, Daß deines Namens Wunderstärke Ich mir zum Losungswort erkor. Kein Gassenkampf kränkt unser Ohr! Soll denn der Dichtkunst Opferhain Gefeit vor Meuchelmord nicht bleiben,-- Ist das das Neue, was sie treiben, Dann mag ich nicht der ihre sein. Dann sage ich, wie Ejnar sagte, Als er um seinen König klagte Und Harald mit Verheerung droht': "Ich folge eher Magnus tot Als Harald lebend;--" ja fürwahr, Dann mache ich mein Langschiff klar. Auch darum senkte nicht vor dir Mein Lied sein flatterndes Panier, Weil ich bei dir Erlösung wähnte Für alles, was mein Herz ersehnte. Nein, wo die _größten_ Fragen brennen, Da eben ist's, wo wir uns trennen-- Von des Gedankens Ursprung an, Bis er sich formt zu Ziel und Plan. Ich steh' auf Kinderglaubens Grund-- Er muß dem Volk die Freiheit geben, Durch ihn kann es nach Gleichheit streben, Nach freier Brüdervölker Bund. Wohl heißest du gleich mir ein _Christ_, Doch ist die Kluft so tief geblieben, So tief, wie wir _verschieden_ lieben Dies Land, das uns _gleich_ teuer ist. Heut mögen wir am Sieg uns freun,-- Das Morgen wird uns neu entzwein. Doch darum dich mein Sang erkor, Weil eben das, was uns _jetzt_ gilt, Von allen dich am stärksten füllt, Du hältst im Kampf es hoch empor. Wenn graue Nebel uns umschlingen, Nach Licht das trübe Auge lechzt, Die Erde schlummermüde ächzt, Und ängstlich wir nach Atem ringen,-- Dann weicht von dir die Erdenschwere, Dann regt dein Geist die Donnerflügel, Dann packt dein Blitz die Wolkenheere, Und sonnenklar stehn Berg und Hügel. Du bist der frische Regenguß In unsres Alltags trägem Muß; Du bist die Salzflut, die so wild In unsre schwülen Fjorde quillt. Dein Wort bricht durch wie Bergmannsgänge, Wo Erz erglänzt in Felsenenge; In deines Seherauges Flammen Schmilzt Einst und Jetzt in eins zusammen. Solang' du Sverres Klinge schlägst, Macht sie dein Schlachtenhorn erzittern; Solang' wir dich als Führer wittern, Du Sieg auf Sieg von hinnen trägst. Sie weichen unter deinen Hieben, Verkriechen sich in scheuer Kluft, Doch frei in des Gedankens Luft Ist unversehrt dein Haupt geblieben. Wir lieben deinen Löwenmut, Der vor der Fahne kämpft voll Glut, Die Fähigkeit, die unverzagt Den eignen Stahl zu schmieden wagt, Die wachsame Verwegenheit In Not, Verachtung, Krankheit, Leid. Wir lieben dich, weil alles du Hingabst für uns--Ruhm, Zukunft, Ruh; Wir lieben dich trotz Haß und Groll: Du glaubtest an uns allezeit. Wer wagt's, noch rückwärts jetzt zu zeigen? Nein, aufwärts Jahr für Jahr wir steigen, Aufwärts in Freiheit und in Sang Und froh-norwegischem Eigenleben; Wer wagt es noch, zu widerstreben Befreitem hundertjährigen Drang? Kein Zwiespalt mehr um Recht und Macht; Ob Kriegstumult, ob Friedensstille, Nur _einer_ Freiheit Ehrenwacht, _Ein Volk nur und ein einziger Wille._ Der Geist, dem unsres Morgens Graun Den Traum von freien Göttern brachte, Der groß von allem Großen dachte, Wird nimmer dem Unechten traun. Der Geist, der Wikingschiffe baute, Als er dem Königswort mißtraute,-- Der sich, bedroht, gen Island schwang Auf Heldenruf und Heldensang, Im Sturm dann Land und Zeiten nahm,-- _Den_ macht ihr nicht so leicht mehr zahm. Der Geist, dem einst am Hjörungsunde Schlug langersehnter Freiheit Stunde, Der keines Königs Macht gescheut, Der selbst dem Papstspruch Trotz noch beut, Der selbst in seiner Schwachheit Stunde Frei saß auf freier Väter Grunde, Und sich gewehrt mit Mund und Hand, Wo fremdes Herrentum ihn band,-- Der Wessel führte Hand und Degen, Der Holbergs Witz zu wetzen wagte Und der Gedanken Funkenregen Aus stillem Schlot gen Ejdsvold jagte,-- Der durch des Glaubens Machtgebot Die Brücke _über_ Odin spannte Im Baldurmythus auf zu Gott,-- Der Geist, der sich aus tiefem Dunkel Zu Gimles Klarheit durchgerungen, Als Papstesspruch wie Mönchsgemunkel Ihm allerwärts den Weg verrannte,-- Und abermals dann Brückenbogen Zu sonnigen Freiheitshöhn gezogen, So daß, als rings für Luthers Lehre Des Schlachtfelds Opfer blutig rauchte, Im Norden, an der Freiheit Wehre, Nur eine Wand zu fallen brauchte,-- Der Geist, der auch die finstern Stunden, Da man den Glauben abgeschafft, Durch Brun und Hauge überwunden, Und der mit unbeirrter Kraft In pietistischer Nebelnacht Bei Kerzenschein am Altar wacht,---- Glaubt ihr, den bringt man in die Mode Durch die neumodische Synode? Der ließe sich in Stücke feilen Und in politische "Kammern" teilen, Der ließe sich wie Schmugglerwaren Über die Grenze heimlich fahren? Und _eben jetzt_, da auf den Höhen Die Feuerzeichen flammend rauchen, Da Schulen für das Volk erstehen Und nicht um Platz zu kämpfen brauchen, Wo Mut und Sinne sich verjüngen, Dieweil wir hören, glauben, singen;-- Jetzt, da mit dumpfen Wetters Macht Sich Wellen aus der Tiefe heben, Und drüber hell wie Nordlichtpracht Der Jugend Sehnsuchtrufe schweben,-- Jetzt, da der Geist allüberall Die alte, starre Form verschmähte, Wo schmetternd mit der Kriegsdrommete Der junge Wille stürmt den Wall! Kampfgroße Zeit! Und wir mittinnen! Der Erde Größtes ist's: zu sein, Wo Kräfte gärend sich befrein Und Formen und Gestalt gewinnen; Von eignen Feuers Überfluß Zu opfern für den großen Guß, Den Abdruck seiner eignen Form Zu sehn als der Geschlechter Norm,-- Zu hauchen in den Mund der Zeit Den Geist, den Gott in uns geweiht. * * * Das war's, was ich dir sagen mußte,-- Just dir, der wach zu jeder Frist Die Werkstatt seiner Zeit durchmißt Und stets, was kommen würde, wußte; Dir, der des Volkes Herz geweiht Zu diesem neuen Freiheitsleben,-- Und dem dies Volk dafür gegeben Sein Schöpfertum samt seinem Leid. DAS KIND IN UNSRER SEELE Zum Herrn im Himmelsraume Blickt auf ein Knabe unschuldstraut, Wie wenn zum Weihnachtsbaume, Ins Mutteraug' er schaut. Doch schon im Sturm der Jünglingsbahn Trifft ihn der Edenschlange Zahn, Und seines Glaubens Schranken, Sie wanken. Da winkt voll Sonnenschimmer Sein Kindertraum im Myrtenkranz; Im Liebesblick malt immer Sich frommer Himmelsglanz. Wie einst im Mutterarm so gern, Preist wieder stammelnd er den Herrn Und löst sein betend Sehnen In Tränen. Wenn dann zum Lebensstreite Er zweifelnd eilt in jähem Lauf, Steht lächelnd ihm zur Seite Sein Kind und weist hinauf. Mit Kindern wird er wieder Kind; Wohin sein Herz auch trägt der Wind, Gebet wird ihn vereinen Den Seinen. Der größte Mann auf Erden, Das Kind in sich verlier' er nicht, Und selbst in Sturmbeschwerden Erlausch' er, was es spricht! Oft, wenn ein Kämpe fiel mit Scham, Das Kind war's, das als Retter kam; Es läßt von allen Wunden Gesunden. Was Großes ward ersonnen, Ist Werk des Kinderfreudenstrahls; Was Starkes ward gesponnen, Das Kind in uns befahl's. Was schönheitsvoll in Herzen fiel, Lebt in des Kindes Unschuldspiel, Und Klugheit vollgewichtig Wird nichtig. Wohl dem, der sich hienieden Wert zeigt, im eignen Heim zu ruhn; Denn dieses nur gibt Frieden Des Kindes mildem Tun. Uns alle, die des Lebens Schlacht Verhärtet hat und müd' gemacht, Wird Kinderlachens Tönen Versöhnen. DER ALTE HELTBERG Ich besucht' eine Schule--klein, doch geziert Mit allem, was Kirche und Staat approbiert. Sie drehte sich fügsam und honett In der Staatsmaschine, freilich mit Knarren, Denn geschmiert wurde selten mit Geistesfett. Jedoch eine andre gab's dort mit nichten: Und so mußten wir denn ins Geschirr vor den Karren, Aber statt zu ziehn--las ich Snorres Geschichten. Dieselben Bücher, dieselben Gedanken, Die der Lehrer pflichtschuldigst jahraus, jahrein In die Köpfe paukt ohne Wanken und Schwanken, --Denn dies befohlne System allein Bringt das Amt, nach dem Lehrer wie Schüler nur zielen!-- Dieselben Bücher, dieselben Gedanken, Die einen machen aus noch so vielen, Der auf einem Bein seine Lektion absurrt, Der Tausendsassa, wie ein Ankertau schnurrt!-- Dieselben Bücher, dieselben Gedanken Von Mandal bis Hammerfest--(ja, wie mit Planken Umschließt uns der Staatspferch, darin alle feinen, Korrekten Leute dasselbe stets meinen!)Die nämlichen Bücher, die gleichen Gedanken Sollt' ich schlucken; doch mir widert' der Brei, Ich trotzt' mit der Schüssel und machte mich frei, Froh überhüpfend der Heimat Schranken. Was mir draußen begegnet und was ich dachte, Was die neue Stätte mir Neues brachte, Wo die Zukunft lag,--darauf will ich verzichten, Um von der "Studentenfabrik" zu berichten. Bärtige Gesellen, oft über die Dreißig, Auf jedes Wort hungrig, büffelten fleißig Neben mausigen Bürschlein von siebzehn Jahren, Die sorglos närrisch wie Spatzen waren;-- Teerjacken, einst ins Abenteuerland Keck aus der Schule durchgebrannt, Dann reuig wieder und sehr erpicht, Die Welt nun zu sehen im Weisheitslicht;-- Fallierte Kaufleute, die hinterm Pult Mit den Büchern liebelten, bis die Geduld Ihrer Gläubiger riß, und auf Pump jetzt studierten;-- Salonlöwen, faule, die hier noch sich zierten!-- Junge, halb ausgebackne Juristen Und predigtlüsterne Seminaristen;-- Kadetten mit Schäden an Arm oder Bein, Bauern, denen 's Lernen fiel allzuspät ein:-- Was andre in fünf Jahren nicht verschlingen An Latein, in knapp zweien wollten sie's zwingen.-- Sie hingen über die Bänke, lehnten gegen die Wand, Ein Paar hockt' in jedem Fenster, einer prüfte just am Rand Eines tintenklecksigen Pultes, ob denn sein Messer schneide. So füllten sie die zwei Stuben, zum Brechen voll beide. Lang und hager, im Halbtraum, auf der äußersten Linie Saß vor sich hinbrütend A.O. Vinje. Angespannt und mager, die Gesichtsfarbe gipsen, Hinterm kohlschwarz-unmenschlichen Bart Henrik Ibsen. Ich, der jüngste, war damals noch nicht von der Partie, Bis ein neuer Schub einrückte mit Jonas Lie. Doch der Alte, der wackre Chef in dem Loch, Heltberg war von allen der schnurrigste doch! In Pelzstiefeln stand er, in Hundefell dicht Vermummt (denn es beugten ihn Asthma und Gicht, Den Riesen), doch barg uns die Pelzmütze nicht Seine Stirne, das klassische Adlergesicht. Nun schmerzgekrümmt, nun besiegend, was widrig, Warf er starke Gedanken--und er warf sie nicht niedrig. Kam der Schmerz unbändig und stieß zusammen Mit dem starken Willen, der Sturm dann lief Gen den Anfall, sahn wir sein Auge flammen Und die Hände sich ballen, als schämt' er sich tief Jeder Schwachheit. Wie uns da entgegenschlug Das Große im Kampfe! Und jeder trug Ein Bild mit sich fort jener stürmischen Zeiten, Da durchs Land gebraust Wergelands wilde Jagd, Welch ein Spiel der Kräfte im Toben und Streiten. In der Kraft welch ein Wille unverzagt! Nun stand er verlassen, der einzige noch, Vergessen in seinem Winkel--und war ein Häuptling doch! Los sprengt' er den Gedanken aus der Schule Zwang und Zucht, Sein Eigen war die Lehre, seine Führung Geistesflucht, Persönlich all sein Wesen: höchst ungeniert-anarchisch Risch rasch! ging's in den Text; doch absolut monarchisch War sein Grimm über Fehler;--zwar legte er sich bald Oder stieg zu einem Pathos von edelster Gestalt, Das in Selbstverhöhnung sich löste wieder Und als Spottregen prasselt' auf uns hernieder.-- So führt' er seine "Horde", so ward im Flug durchbraust Das klassisch schöne Land,--wo wir verdammt gehaust! Entsetzt standen Cicero, Virgil und Sallust Auf dem Forum und im Tempel, rasten wir Wilden just Vorüber: Hie Tor, hie Odin! ein zweiter Gotenzug, Der Jupiters Lateiner und die ewige Roma schlug. Und es war des Alten Grammatik ein Hammer von Zwergen geschweißt, Wenn er ihn schwang, da sprühte Flammen der nordische Geist. Doch die neue Barbarenhorde, die hinter ihm jagte dahin, In Rom sich niederzulassen, hatten sie nicht im Sinn. Sie wurden nicht "Lateiner", nicht fremden Denkens Knecht, Sie lernten sich selber kennen auf der Fahrt als Herrengeschlecht. Des Denkens hohe Gesetze erwies er uns am Worte, Zu Wundern und zu Taten erschloß er uns die Pforte Und schärft' uns, zu erobern, zu stürmen, den Mut, Was unberührt gestanden in altersheiliger Hut. Als schauten wir Gesichte, in atemloser Haft Hielt uns des Alten Lehre und mehrte unsre Kraft. Seine Bilder gaben Nahrung dem jungen Schöpferdrang, Sein Witz war Stärkeprobe und stählte zum Waffengang; Seine Macht war uns die Wage, die Kleines von Großem schied, Sein Pathos zeugte vom Kampfe, der im Verborgnen glüht! Wie sehnte der kranke Kämpe sich aus dem Winkel vor, Nur einmal der Welt zu zeigen, was sie an ihm verlor, Wenn er von seinem Besten nur wenigen Schülern gab. Tagtäglich hißt' er die Segel, doch niemals stieß er ab. Seine Grammatik erschien nicht! Er selbst ging in das Land, Wo man des Denkens Gesetze nicht mehr in Bücher bannt. Seine Grammatik erschien nicht! Aber ein Lebenswort, Bedurft' es der Druckerschwärze? Es dauerte schaffend fort! Aus seiner Seele strömt' es so mächtig, so warm, Das Leben von tausend Büchern, wie scheint es dagegen arm! In einer Schar von Männern, selbständig und stark, Lebt weiter, was ihrem Denken Halt verliehn und Mark. In der Schule und in der Kirche entfalten sie ihr Wirken, Im Tingsaal und vor den Schranken, in allen Geistesbezirken,-- Und immer behält ihr Walten einen freien, starken Zug, Seit Heltberg ihre Jugend in reinere Höhen trug. FÜR DIE VERWUNDETEN (1871) Ein stiller Zug bewegt Sich durch des Kampfs Getöse, Das Kreuz am Arm er trägt. Sein Flehn in tausend Zungen klingt, Und den gefallnen Kriegern Er Friedenskunde bringt. Nicht nur auf blutigem Feld Des Kriegs ist er zu Hause,-- Nein, in der ganzen Welt. Was in der Welt an Liebe glüht Aus edlen, guten Herzen, Andächtig-still hier kniet. Es ist der Arbeit Scheu Vor Kriegesmord, die betet Um Schutz vor Barbarei, 's sind alle, die das Leid durchwühlt, Die ihrer Brüder Qualen Je seufzend mitgefühlt. Es ist das Schmerzgestöhn Der Kranken und der Wunden, Der Christen frommes Flehn, Ist der Verlassnen bleiche Qual, Ist der Bedrückten Klage, Der Toten Hoffnungsstrahl;-- Der Wolken Nacht durchbricht Als Friedensregenbogen Des Heilands Glaubenslicht: Daß über Leidenschaft und Streit Die Liebe triumphiere, So wie Er prophezeit. LAND IN SICHT Und das war Olav Trygvason, Den sein Kiel durch die Nordsee trug Heimwärts zu seinem jungen Reiche, Wo noch kein Herz für ihn schlug. Scharf späht' er aus nach dem Lande: Dort--sind das Mauern am Meeresrande? Und das war Olav Trygvason; Wallgleich hob es sich himmelan; All seine jungen Königswünsche Wollten zerschellen daran,-- Bis ein Skald, wo der Nebel braute, Türme und blasse Zinnen erschaute. Und das war Olav Trygvason, Deucht' ihn nun selbst, dort stiegen auf Altersgrau ragende Tempelmauern, Schneeweiße Kuppeln darauf. Sehnt' er sich, wie sie herüber sehen, Mit seinem jungen Glauben darinnen zu stehen. AN H.C. ANDERSEN (Bei einem Sommerfeste zu seinen Ehren, Kristiania 1871) Willkommen hier am lichten Sommertag, Da Kinderträume heimisch uns geworden Und blühen, singen, spiegeln, schweben, fliehn; Den sie umziehn, Ein Märchen ist nun unser hoher Norden Und nimmt dich an sein Herz zum Weihebund, Und danket, jubelt, flüstert Mund zu Mund. Und Engelslaut Von Kinderherzen traut Trägt dich empor für kurze Frist, Wo unsrer Träume Born und Ursprung ist. Willkommen! Unser ganzes Volk ist jung Und steht im Märchenalter noch, dem schönen, Das träumend eine Zukunft wirken kann. Der geht voran, Der fügsam hört den Ruf des Herrn ertönen. Wer Kindes Sehnsucht so wie du verstand, Botschaft vom Größten bringt er unserm Land: Der Zauberstab, Den Phantasie dir gab, Hat spielend uns den Weg befreit, Den wir entgegenwandeln großer Zeit. BEI EINER EHEFRAU TODE Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag, Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Füßen lag; Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied, Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid; Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor: Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor! Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach Sie schmerzlich: O, ich wußte, das Schwerste käme noch nach. Sie dachte, ihn, ihn hätte gewählt des Schöpfers Grimm, Und stemmte ihre Hände wider den Boten schlimm Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis, Ihn schirmen, ihren Helden--und gab sich selbst so preis. Sie lächelte so selig: ihr Urteil war gefällt, Ihr Opfer angenommen,--gerettet war ihr Held. Bewundrung, Liebe wölbten ein strahlend Sternenzelt Von Glück zu ihren Häupten in ihrer letzten Stund, Bis schneeweiß sie entschwebte fort in der Engel Rund. Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust Die Seelen mit sich, die sie umfängt voll Opferlust. AN DER BAHRE DES KIRCHENSÄNGERS A. REITAN (1872) Sein lachend Auge durfte sich An Land und Himmel weiden; Denn beider Bildnis in ihm glich Den ewigen Jubelfreuden. Als "Quellchen" sprang Sein Wort, sein Sang Durch Täler grün und eng und lang, Und fruchtbar sprießt's am Rande. Beim armen Volk im Winter dann Da litt er und da fror er. Und doch stieg als der frohste Mann Zur Orgel dann empor er. "Die Achse, seht, Um die sich's dreht, Auch durch das ärmste Dörflein geht." So sang vom hohen Chor er. Ach, und als Krankheit jahrelang Kam, um sein Lied zu prüfen, Und all die Kleinen hilflos bang Zutraulich nach ihm riefen, Mit leisem Klang Dem Staub entrang Sich Äolsharfen gleich sein Sang Den dumpfen Erdentiefen. Sein Leben sagte uns voraus: Wenn wir uns Gott ergeben, Dann wird in Kirche, Schule, Haus Das Volk im Liede leben: In Volksgesang, In Lustgesang, Im Abglanz von des Herrn Gesang Hoch überm Weltenweben. Mein Land, o denk der Kleinen auch, Die er ans Herz dir legte, Und ärmer, als ein Rosenstrauch, Selbst noch im Sterben pflegte.-- Ein Herz wie er Darf nimmermehr Dies Land verlassen freudenleer, Das er so treulich hegte. DAS LIED Das Lied hat Leuchtkraft; drum über die grauen Werktage gießt es Verklärung hin. Das Lied hat Wärme; drum läßt es tauen Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn. Das Lied hat Dauer; drum was vergangen Und was zukünftig, es flicht's dir zum Kranz, Entzündet in dir unendlich Verlangen Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz. Das Lied vereint; denn es läßt entschwinden Den Mißton und Zweifel in strahlendem Gang; Das Lied vereint; denn es weiß zu verbinden Kampflustige Kräfte in friedlichem Drang: Im Drang zur Schönheit, zur Tat, zum Reinen! Es lädt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg Stets höher und höher, empor zu dem Einen, Das nur für den Gläubigen öffnet den Weg. Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange Glänzt wehmutsvoll wie der Abendflor; Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange Wir fest für der Zukunft lauschendes Ohr. Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter Und tummelt sein Leben im tönenden Wort; Die Geister der Ahnen wie mahnende Wächter, Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord. AUF N.F.S. GRUNDTVIGS TOD (1872) Gleichwie der Urzeit Wala hehr Aufstieg über den Wassern der Sagen, Kündend, was Himmel verbarg und Meer, Dann, wieder sinkend hinabgetragen, Ließ die Kunde zu Lehr' und Ehr' Spätesten Tagen: Also ließ uns, der unser war, Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden, Die noch schweben, leuchtend und klar, Sonnenwolken ob Meer und Landen, Unsern Ausblick auf tausend Jahr' Hell zu umranden. AUS DER KANTATE FÜR N.F.S. GRUNDTVIG (1872) Sein Lebenstag, der größte, den Norden je gekannt, Der mitternächtigen Sonne war wunderbar verwandt. Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war, Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar. Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab, Als Geistesschritt auf Erden, hoch über Zeit und Grab. Im Licht von Gottes Frieden hat er der Väter Bahn, Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan. Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit Dem Volke, wo es baute, der großen Geister Streit. Im Licht von Gottes Frieden Aufklärungsmacht er sah,-- Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen blühten da. Im Licht von Gottes Frieden stand für ganz Dänemark Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark. Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll. Im Licht von Gottes Frieden steht heut sein Greisentum Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm. Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein, Wenn am Altar er schenkte des Herrn Versöhnungswein. Im Licht von Gottes Frieden gehn über Meer und Land Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt. Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort, Umglänzte still sein Leben--: so lebt er in uns fort. BEI EINEM FEST FÜR LUDV. KR. DAA Junge Freunde im innigen Kreis, Alte Feinde kommen; Fühle dich sicher, denn freundschaftsheiß Sind dir die Herzen entglommen. Wieder gab's hier einen ernsten Tag, Wieder schlugst du mit Reckenschlag: Jeder bekam wie stets seinen Hieb, Doch jetzt sei lieb! Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht, Noch mit Sektglasklingen,-- "Alter Forscher", herzenschlicht Wollen wir Dank dir bringen. Ziehen die Wasser in stillem Lauf, Steigt unser Lotse selten hinauf, Türmt sie zu Wellen des Sturmes Braus, Segelt er aus! --Segelt er aus als Bergungspilot, (Gekannt ist das Auge des Alten), Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht Und zagend die anderen halten. Dank trug er nicht, das weiß ich, nach Haus; Denn er schimpfte die Schiffer aus, Wandte den Rücken, ging heim voll Kraft, Das Werk war geschafft! Er hat erprobt, was es heißt, zu gehn Gehaßt, bis die Wahrheit am Tage; Er hat erprobt, was es heißt, zu stehn Nach beiden Seiten dem Schlage. Er hat erprobt, was es kostet an Leid, Voranzuschreiten seiner Zeit, Er, den so Hohes wir wirken sahn, Ward in Bann getan! Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht Jenen Helden gewähren, Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht Nachzuhinken den Heeren? Soll es denn immer so kläglich gehn, Wollen wir stets um das Kleine uns drehn, Stilliegen, spähn, bis ein Fehler erkannt?-- Nein, Segel gespannt! Segel zu größrer Fahrt gespannt, Wozu uns die Kräfte gegeben-- Leben, dem Alltag nur zugewandt, Das ist nicht wert, es zu leben; Leben, dem höheren Kampf geweiht, In Gottvertrauen und Einigkeit, Von Ehren und Sangesflagge umweht,-- Seht: das besteht! NEIN, WO BLEIBST DU DOCH? (1872) Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht, Zu zertreten dies Lügengezwerg, Das mein Haus mir umlagert und tückisch bewacht Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht, Und bricht mir nun ein, Zu belauern voll Haß Meinen Sinn, zu entweihn Mir jedes Gelaß Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich saß. Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Troß Besudelt, dem Volk mich entstellt; Lügennebel umhüllt meiner Dichtung Schloß, Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entfloß, Und ein Halbtier, ein Faun Bin ich selbst, den mit Graus Die "Gebildeten" schaun-- Oder ziehn weidlich aus Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strauß. Wenn ein Buch ich schreibe, "just sieht es mir gleich"; Wenn ich spreche--ist's Eitelkeit. Wenn ich zimmre und baue fürs Bühnenreich, Mein Dünkel nur führt jeden Hammerstreich. Und schlag' ich mich treu Für altheimische Art Auf der Väter Bastei, Umtobt und umschart,-- Kämpf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart. Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun Dies umstrickende Lügengewirr-- Der verjagt aus den Köpfen dies krankhafte Graun Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun-- Und hat Trost für den Mut, Der in Frost und in Nacht Seine Waffenpflicht tut Und die Runde macht, Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht. Komm, Volksgeist, du, gottgeboren--entstammt Dem riesenbezwingenden Tor. Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt, Daß die Furcht dies Gezüchte zum Schweigen verdammt; Du kannst wecken im Land Die schlummernde Kraft, Du kannst stärken das Band, Das in Blutsbrüderschaft Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft. Hab' Dank, unser Volksgeist!--denk' ich nur dein, Wird alles zum Nichts, was ich litt. Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein, Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein, Und erfleh' einen Sang, Du liedreicher Mund, Daß in Not und Drang, In entscheidender Stund' Ich dir Kämpen erweck' auf der Väter Grund. WECKRUF AN DAS FREIHEITSVOLK IM NORDEN Der "vereinigten Linken" (Tirol 1874) Verachtet von den Großen, nur von den Kleinen geliebt, Den Weg geht alles Neue,--sag', ob's einen andern gibt? Von denen, die schützen sollten, verraten und gehetzt,-- Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt? Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und wächst zu einem Brausen hin über Wald und Hag,-- Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort Und alles überdröhnet, dies Wort, dies Losungswort. Im Gotenkampfe nordwärts verschlagen wurden wir; "Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier. Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn: In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn! Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn, Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.-- Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und geht nun schon als Brausen hin über Wald und Hag. Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt, Mit Donner in seiner Stimme weit über Meer und Land. Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde größte Kraft, Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft. OFFNE WASSER Offne Wasser, offne Wasser! Sehnsucht,--bange, winterlange,-- Wird nun gar zum heftigen Drange. Blaut ein Streifchen kaum im Sunde, Dehnt zum Monat sich die Stunde. Offne Wasser, offne Wasser! Sonne lächelt, nascht vom Eise Schamlos bald nach Prasserweise. Läßt sie ab: zur Nacht geschwinde Trotzig härtet's neu die Rinde. Offne Wasser, offne Wasser! Sturm muß her!--er kommt, der Wandrer, Bringt herauf vom Sommer andrer Freie Wogen, starke Wellen,-- Krach folgt nach und Sturz und Schnellen. Offne Wasser, offne Wasser! Wieder Luft und Berg sich spiegelt, Schiffen ist die Bahn entriegelt: Botschaft braust herein von draußen-- Kampffroh steuern wir nach außen. Offne Wasser, offne Wasser! Sonnengluten, kühlem Regen Jauchzt die Erde nun entgegen: Seele tönet mit und zittert-- Neugeschaffen, kraftumwittert. FREIHEITSLIED An "die vereinigte Linke" (1877) Freiheit! bist der Volkskraft Kind, Zorn und Sang dir Mutter sind! Kämpenstark als Junge schon Rangst du früh um Kampfeslohn; Warst umkreist allermeist Von Gesang und Witz und Geist; Freudig ist dein Tun, voll Macht So beim Pflug wie in der Schlacht. Feinde stets und überall Lauerten auf deinen Fall; Fanden dich zu grob bei Tag, Führten, als du schliefst, den Schlag; Banden sacht dich bei Nacht. Du sprangst auf,--die Fessel kracht... Weiter schrittst du froh und stark, Du hast Schwung und du hast Mark! Wo du wandelst, blüht der Pfad, Schwillt aus deinem Mut die Tat, Facht Gedanken deine Glut: Doppelst Kraft in Hirn und Blut. Landesrecht ist dein Knecht; Selber schufst du's, wahrst es echt. Nicht durch "wenn" und "ach" beschränkt, Fällst du jeden, der es kränkt. Freiheitsgott, bist Lichtesgott,-- Nicht der Knechte Schreckensgott,-- Liebe, Gleichheit, Vorwärtsdrang, Frühlingsbotschaft sät dein Sang. Freiheitshort! Friedensport Winkt den Völkern durch dein Wort: "Einer nur ist Herre hier; Keine Götter neben mir!" AN MOLDE Molde, Molde, Treu wie ein Sang, Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken, Farbige Bilder, die spielend sich ranken Um meines Lebens Gang. Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend, Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln, Ja, deine Inseln! Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz, Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz. Molde, Molde, Treu wie ein Sang Summst du auf meinem Gang. Molde, Molde, Blumiger Ort, Häuslein im Gärtchen, Freunde dort weilen! Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen, Steh' ich im Rosenschutz dort. Heiß brennt die Sonne auf Berglands Weite, Fort muß der Mann zum ernsten Streite. Sanft nur die Freunde entgegen mir gehen Und mich verstehen-- Kampf schlichtet einzig der Tod allein,-- Hier sei dem Denken ein heiliger Hain! Molde, Molde, Blumiger Ort, Kindheiterinnerungs-Hort. Und wenn einmal Im letzten Kampf ich liege, Mein Heimattal, In deinem tiefen Abendrot Lag meiner Gedanken Wiege,-- Dort nahe ihnen der Tod. DIE REINE NORWEGISCHE FLAGGE I Dreifarbig reines Panier, Norwegens schwer errungne Zier! Tors Eisenhammer hält Im Bann das christlich weiße Feld. Und unser Herzensblut Strömt hin als rote Flut. Hoch über der Erdenschwere Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere; Der Freiheit Lenzkraft gewähre Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund Fahr hin übers Erdenrund! II "Die reine Flagge ist Torheit", So raunen die "Weisen" allhier. Nein, Poesie ist die Flagge, Und die Toren, ihr Guten, seid ihr. Es schwingt in der Poesie sich Der Volksgeist himmelan, Als Führer geht die Fahne Ihm unsichtbar lenkend voran. Und was er erkämpft und errungen, Und was ihn an Sorgen bewegt, Das tönt jetzt in ewigen Liedern, Die Flagge den Takt dazu schlägt. Wir halten sie hoch, umbrauset Von Sehnsucht, meersturmgleich, Von vollen Erinnerungschören, Von Worten, so flüsternd weich. Sie kann nicht schwedisch plappern, Wie ein zierlicher Schwadroneur, Sie kann sich nicht sperren und spreizen, Drum weg mit der fremden Couleur. III Die Sünden, die wir begangen, Die gab's in der Flagge nicht, Denn die Flagge das Ideal ist In ewig harmonischem Licht. Die besten Taten der Vorzeit, Der Gegenwart bestes Gebet Umhüllt sie und trägt sie weiter, Daß vom Vater zum Sohn es geht. Trägt es rein und ehrlich Und nicht mit Versuchers List, Denn unserem jungen Willen Sie Führer und Schirmer ist. IV "Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge", So rufen sie allerwärts, Doch Norge hat nimmer versprochen Einer andern Braut sein Herz. Es teilt mit keinem sein Wohnhaus, Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr', Sein Bräutigam ist sein Willen, Selbst herrscht es auf Feld und Meer. Es ehrt unser Bruder im Osten Die Kraft, die nach Freiheit ringt, Er weiß, daß sie alleine Uns Ruhmeskränze erzwingt. Er weiß, warum unsrer Flagge Der Pomp seiner Farben nicht steht: Weil unsre eigene Ehre Uns über die seine geht. Und niemand, der Ehre im Leib hat, Nennt andre Freundschaft ein Glück. Wir opfern ihm gern unser Leben, Doch von unsrer Flagge kein Stück. V _An Schweden_ Voll Ehrerbietung ich nahe,-- Ich weiß, du trägst hohen Sinn,-- Und lege in schlichten Worten Vor dich meine Sache hin. Wärst _du_ der Kleinere, Schweden, Und jüngst erst durch Freiheit beglückt, Und trüg' deine Flagge ein Zeichen, Das dich tiefer und tiefer drückt, Und behauptete, du seist der Kleine, An des Größeren Tisch gesetzt, (Denn also deuten die Völker Dies Flaggenzeichen jetzt)-- Und wäre deine Freiheit Nicht alt,--nein--wie unsre jung, Und hundertjährige Ohnmacht In deine Erinnerung Mit frischen Furchen gegraben Von altem Unrecht und Blut, Von ziellosen Sehnsuchtsklagen, --Ja wüßtest du, wie das tut, Und solltest dein Volk erziehen Zu neuer Freiheit Ehr', Zu neuen Freiheitsgedanken, Und die Flagge dein Dolmetsch wär', Ob du dir wohl ließest rauben Aus der Flagge das eine Feld? Ob du wohl ertrügst das Zeichen, Das die Freiheit dir vorenthält? Ob du dir nicht selber sagtest: "Je älter des ändern Rang, Je größer der Ruhm seiner Farben, Um so lockender ist sein Sang. Versuche nicht den, der gefallen Und der jüngst sich erst wieder befreit. Mit reinen Zeichen deute. Empor zur Unsterblichkeit." So sprächest du, alter Recke, Wenn du wohntest in _unserm_ Land, Denn dir sind die Pfade der Ehre Von altersher wohlbekannt. Seit achtzehnhundertvierzehn Und bis auf den heutigen Tag, So oft unsre Freiheitssehnsucht Qualvoll in Fesseln lag. Gab es Männer in deiner Mitte, Die trotz deiner Halsstarrigkeit Für unsere Sache sprachen, Wie Torgny in alter Zeit. VI _Antwort an den alten Ridderstad_ Im Kampf um die reine Flagge Schwatzt du von "Ritterpflicht"? Mein Bester, ich achte dich höchlich, Doch wisse, _die_ schert dich nicht. Denn grade weil uns Verleumdung Bewirft mit Ruß und Dreck, Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge Zu wischen den Anfechtungsfleck. Die _Gleichheit_, die dieser predigt, Die lügt er mit frechem Gesicht; Ein großskandinavisches Schweden, Das nämlich mögen wir nicht. Nein, "Ritterpflicht" ist's für den Kleinen, Zu sagen: "ich bin kein Teil, Ich will das Selbständigkeitszeichen Ganz haben zu eignem Heil." Und "Ritterpflicht" ist's für den Großen, Zu sagen: "der falsche Schein Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre, Der soll meine Waffe nicht sein." Und "Ritterpflicht" ist's für beide, In streitender Völker Gemisch, Zu sein mit gereinigtem Banner Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch. AN DEN MISSIONAR SKREFSRUD IN SANTALISTAN Ich ehre dich, weil du, verschmäht, geschändet, Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft, Und neuer Lästrung Antwort nur gesendet Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft. Ich ehre dich, weil du nur stets gedürstet Nach Gottes Taten unter Not und Streit; Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefürstet, Der Heimat bester Mann in deiner Zeit. Ich teile nicht dein glaubensstarkes Träumen, Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt; Was groß und edel strebt zu höhern Räumen, Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt. POST FESTUM Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis, Stand einstmals auf am Eismeerstrande, Da schallte laut durch alle Lande Des Riesenrecken Lob und Preis. Ein König klomm zu ihm hinan Und reicht' ihm gnädig seinen Orden: "Den tragen die, die groß geworden!" "Stopp!" knurrte ihn der Recke an. Der König wich verblüfft, entsetzt Zurück mit bänglichem Gesichte: "Mein Orden wird nach der Geschichte Verschmäht von just den Größten jetzt. "Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schön, Laß mich nicht in der Patsche stecken; Du wirst mehr Größe ihm erwecken, Uns, die ihn tragen, miterhöhn!" Zu gut war unser Eismeerheld, Wie oftmals Recken, will mir scheinen; Die Narren werden sie der Kleinen,-- Er nahm ihn,--Hohngelächter gellt. Da krochen alle Könige hin Mit ihren Orden, sie zu heben Und ihnen neuen Glanz zu geben: Für arme Ritter zum Gewinn. Honny soit ... et caetera-- Bespickt mit Orden stand er da; Doch größer ward der Orden keiner, Der Recke nur verteufelt kleiner. ROMSDALEN Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,-- Ob ich das Land wohl erkennen kann? Sieh, wie die Inseln die Köpfe recken, Frischgrün und felsig; Salzfluten lecken, Mutwillig plätschernd, den steinernen Fuß. Seevögel flattern mit kreischendem Gruß, Heben sich, senken sich, geistergleich. Hier ist ein Reich Voll Sturmeserinnrung,--ganz für sich. Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn! Draußen--erzählt der Kapitän--am Riffe Drängt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe Schwärmen just eben von dort herein;-- Der Fang war fein! Wahrlich,--ich habe euch gleich erkannt, Knorrige Leute von Romsdalland,-- Ja, ihr könnt segeln, wenn es gilt. Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild! ------Beim ersten Blick Wirft's Blitze zurück, So mächtig war's in der Erinnerung nicht. Wohin auch meine Augen wandern, Ein Bergesriese über dem andern, Des einen Brust an des andern Lende, Bis an des Himmels äußerste Säume. Wir harren auf Donner und Weltenende; Die ewige Stille weitet die Räume. Blau sind die einen, andere weiß, Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken, Andere packen Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis. Den riesigen Berg dort heißt man das "Hemd", Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde, Von Größen der Urzeit, erhaben und fremd. Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde Tat oft ich die Frage, und immer wieder Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz. Auf meine Lieder Fällt majestätisch sein weißer Glanz. ----Wie groß das ist! Ich werde nicht fertig. Die größten Gedanken aus Leben und Sage Strömen herbei, meines Winks gewärtig, Mit all dem Großen sich eifrig zu messen,-- Dantes Hölle, indische Sagen, Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen, Äschylos' Donnerwolken ziehen, Beethovens mächtige Symphonien,-- Weiten sich, heben sich, dampfen, strahlen: --Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack Und Ameisenfleiß;--umsonst euer Plagen! Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack Die Berge zum Tanze zu bitten wagen. Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin, Dann wirst du spüren, Wie all die Großen zum Größern dich führen. Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt, Dem sagen sie: _eines_ ist doch das Größte. Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt; Und denke, wie einst er vom Urfels sich löste Und sich durch Eis und Klippen biß, Um den Riesenleib zu durchfeilen. Anfangs ein Ganzes, mußt' er sich teilen, Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;-- Doch Jahrmillionen verflossen, Eh' der Gigant zerriß. Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein, Lüpft den Südwester mit keckem Gruße. Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fuße, Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,-- Der Fjord gehört nicht zu den höflichsten Herrn. Ihm entgegen mit schaumweißem Kuß Eilen Quelle, Gießbach und Fluß, Das Lärmen der Sippe will nicht enden. Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt, Sperrt ihm den Weg, daß er halten muß. Wie eine Muschel mit nassen Händen Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm Frisch an den Mund und bläst darauf Mit Westwindlungen--juchhei, pass' auf! Dann heult es und tutet's, daß Gott erbarm'. --Schwarzgrau ein Fjord die Küste jetzt teilt, Schnell unser Boot ihn durcheilt; Gießbäche donnern zu beiden Seiten. Am Bergeskamm Dampfende Regenwolken gleiten, Voll wie ein Schwamm. Ob Sonne, ob Sturm--das urewige Streiten. Das ist des Romsdals trutzig Land! Jetzt bin ich daheim. Hier liegt des Volkes tiefster Keim. Hier hat es Stimme und Herz und Verstand. Jedweden Mann ich _hier_ richtig deute: Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute. Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht; Ein _anderer_ ist er in Sommerpracht, In Mittsommersonne, Wenn still er träumt in seliger Wonne,-- Was er nur sieht, Innig und warm an sein Herz er zieht, Spiegelt es, schaukelt es,-- War' es so arm wie das Moos am Fels, Flüchtig wie Schaumesperlen des Quells. Sieh, welch ein Glanz! So offen und minnig Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt, Was er verbrach und bereute so innig! Allen den Bergen in Demut er huldigt, Spiegelt so kosend Wider im Spiel ihr erhabenes Bild. --Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht; Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht; Ist reicher als andre, ist nimmer falsch, Nur rücksichtslos, launisch und--eben "romsdalsch". Berge! Ihr wißt das. Ihr kennt das Geschlecht, Ihr saht sich's plagen, Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen. Ihr saht es ringen Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen, Roden und hauen und pflügen und pflanzen, In Moor und Geröll mit den Gäulen schanzen; Maßlos zu Zeiten, Trunkene Flegel, Sich raufen und streiten, Doch nimmer weichen,--zu Topp die Segel! Weiler wechseln; doch tief gekerbt In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche, Singende Tiefe--die wellengleiche: Windboenfjord hat den Sinn euch gefärbt. Wikinggeschlecht, ich grüße dein Nest! Tief liegt dein Grundstein, die Wölbung ist fest, Sonnennebel erfüllt deine Halle, Gischtschaum vom brausenden Wasserfalle. Wikinggeschlecht, so sei mir gegrüßt! Wo uns so hohe Wölbung umschließt, Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen-- Nicht allen wollte das leider gelingen-- Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben Aus wollüstigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben, Kampf kostet's;--doch der, der es wagt, wird Mann. Ich weiß, daß er's kann. HOLGER DRACHMANN Lenzbote, sei gegrüßt! Kommst du vom Walde? Denn du bist naß im Haar, belaubt, bestaubt... Hast an deine Kraft geglaubt? Schlugst dich auf der Halde? Der Lärm um dich von fesselloser Flut, Die deiner Ferse folgt--sei auf der Hut: Sie spritzt nach dir!--schlugst du dich seinetwegen? Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren, Wo diese Wintergreise längst verdorren. Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen? Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan! Sie schrien wohl unheilkündend, wie besessen? Sie nannten es wohl Raub, was du getan? In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen. Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe Hat sich's gelöst, sucht kräuselnd deine Gunst. Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst Zur Dämmerzeit an einem Wikinggrabe. Doch von dem Arme der Natur umschlungen Hörst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben, Siehst Dampfer mit der Freiheitsflagge streben Nach Norden hin;--dein Name ist erklungen. So zwischen zweien dich erschöpfest du: Den Freiheitskämpfern, stolz geschart zum Streite, Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh'; Die ersten mahnen, und es lockt die zweite. Bald tönt dein Lied wie Hörnerklang vorm Feind, Bald zärtlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran. Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann, Und noch hast du die Hälften nicht vereint. Jedoch wie du auch spielst und selber seist (Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist-- Trägst du die Tür auch mit der Angel fort. Das eben war's, wonach wir uns gesehnt: Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der üble Duft Von Königsweihrauch und von Mönchstabak, Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack Preßt wie Moral die Lungen: frische Luft! Weit lieber venetianischen Gesang, Des Südens Üppigkeit und Farbenwunder, Lieber "zwei Schüsse" (machen sie auch bang), Als all den marklos faden Bildungsplunder! Gegrüßt, Lenzbote von dem schlanken Wald, Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren! Wenn oft dein Lied ein wenig lässig hallt-- Wo Reichtum ist, da braucht man nicht zu sparen. Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel, Ich liebe dich; du bist von eignem Adel. WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben] ... Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin; Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin Zwischen zarten Birken und Tannen. Die Tannen grübelten einzeln; weiß Und fröhlich lachte das Birkenreis:-- Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen. Und die Luft so harsch und frei und leicht, Weil alles Schwere aus ihr weicht, Das fächelt der Schnee von hinnen; Und lebhaft hinterm dünnen Flor Schimmert die Landschaft, drüber empor Steigen beschneite Zinnen. Doch:--wie unter braunweißem Mützenrand-- Wohin ich blicke--: unverwandt---- Wer ist's nur--wer schaut mir entgegen? Flink starr' ich unter den Haubenschild-- In ein Schneegeflimmer, toll und wild;-- Ist jemand auf meinen Wegen? Ein Sternchen fiel auf den Handschuh ... da Und da wieder ... jedes verschieden ja,... Wollen die Rätsel spielen? Und wie Lächeln durchglänzt es die Luft ringsum Von guten Blicken ... ich seh' mich um... Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen? Dies Sterngespinst, dies Filigran-- Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann? Ich fühl's nach mir tasten und greifen... Du feine Birke, du Luft so rein, Du muntrer Schnee,--wer haucht euch ein Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen Sein Bild in den Zügen der Natur, In diesem Behagen auf schneeiger Flur, Im Flockenspiel, daß er mich necke,-- In diesem weißen, sanften Glanz, In diesem schweigenden Rhythmentanz? Nein, das bist du, Hans Brecke! DES DICHTERS SENDUNG Dem Dichter ward Prophetenamt; Zumal in Not und Gärungszeiten, Wenn alle, die da leiden, streiten, Sein Glauben stärkt, erhebt, entflammt. Ein auferstandner Vorzeitheld, Führt neuen Heerbann er ins Feld, Und ihn umzieht In weitem Raum Mit Seherlied Der Zukunft Traum; Des Volkes ewige Frühlingssäfte Macht frei das Lied durch seine Kräfte. Er straft das Volk um eitlen Wahn Und Heidentum und Molochschrecken, Sieht unter herbstlich grauen Decken Der Gotterkenntnis Triebe nahn. Befreit pflanzt sich ihr Blütenschoß, Gleich lichtem Kraft- und Liebessproß, Dem Volke ein, Erwärmt sein Herz, Trägt Heil hinein Und Zorn und Schmerz, Läßt Mut und Klarheit kund ihm geben: Wißt, Gott ist offenbart im _Leben_! Den Königsmantel reißt er fort, Um Volkesschultern ihn zu breiten, Daß blind sich dies nicht lasse leiten Von fremder Hoheit Wink und Wort, Daß es als eigne Majestät In eignen Amt und Würden steht, Von Sagaruhm, Von Mut entflammt, Mit Heldentum Ihm selbst entstammt, Mit ungebrochner Willensstärke, Mannhaft beim Worte, wie beim Werke. Er zwingt das Volk zur Buße hin, Ein grimmer Lug- und Trugverhöhner, (Kein Sonntagsheld, ein Tagelöhner, Dem seine Kühnheit kein Gewinn). Aus trägem Frieden, Geistesnacht, Aus Feigheit zwingt er's auf voll Macht; Nicht Volkessinn, Nicht Königsdank Lenkt seinen Gang: Frei zieht er hin; Und wankt er, Schmerzen fühlt er gären, Sein Herz durch läuternd Leid zu klären. Er ist der Schwachen Hort und Held, Kein Ritter dient den Frauen treuer. Er führt des zagen Neulings Steuer, Bis rechter Wind sein Segel schwellt. Er wächst, halb wollend, halb verdammt, Durch sein ihm auferlegtes Amt Und fleht am Ziel: "O Herr vergib! Ich war nicht viel. Ein bessrer Trieb Aus reicherm Seelenfrühling mehre Nach mir des Volks wie deine Ehre!" PSALMEN I Ich fühl' in mir Den Drang nach dir, Du Harmonie, im All entfaltet. Bin ich verbannt? Hast du erkannt, Daß ich mein Eigen schlecht verwaltet? Denn ohne Kraft, Bald feig erschlafft, Bald in Verzweiflung sieh mich beten, Daß Trost und Gnad', Ein Ruf, ein Rat Mich aufhebt, wo du mich zertreten. Gott, hör' mein Wort! Stoß mich nicht fort Vom Hoffen auf mein Ziel und Streben! Mein Stern lischt aus;-- Von nächtigem Graus Sind meine Schritte nun umgeben. Im öden Sinn Wogt her und hin Ein Schwarm von schreckensvollen Geistern. Ihr, oft verjagt, Was wollt ihr, sagt? Nur heut kann ich sie nicht bemeistern. Ach, Friede, komm! Laß glaubensfromm Des Lebens starkes Band mich tragen! Laß nicht nach mir Vergebens hier Mich zweifelnd suchen, rufen, fragen! II Ehre dem ewigen Frühling im Leben, Der alles durchweht! Kleinstem wird Auferstehung gegeben, Die Form nur vergeht. Geschlecht auf Geschlecht Müht sich empor zu schreiten; Art bringt Art hervor In unendlichen Zeiten; Welten gehn unter und steigen empor. Nichts ist so klein, daß nicht Kleinres bestünde Unsichtbar. Nichts ist so groß, daß nichts Größres bestünde Ferne von ihm. In der Erde der Wurm Ist Berge zu bauen imstand'. Der Staub im Sturm Oder der rinnende Sand, Reiche hat er gegründet einst. Unendlich das All, und Großes und Kleines Verschmelzen darin. Kein Auge wird schauen das Ende--keines Sah den Beginn. Der Ordnung Gebot Hat lebenerhaltend das All beseelt; Furcht und Not Zeugen einander; was uns quält, Wird zum Born, der die Menschheit stählt. Ewigkeitssamen sind wir, die leben. Im Schöpfungstage Wurzeln unsre Gedanken; sie schweben, Antwort wie Frage, Saatenvoll, Über dem ewigen Grunde; Frohlocken drum soll, Wer in einer schwindenden Stunde Mehrte die Erbschaft der Ewigkeit. Tauch' in die Wonnen des Lebens, du Blüte Im Frühlingsrain; Genieße, preisend des Ewigen Güte, Dein kurzes Sein. Füg' auch du Schaffend dein Scherflein hinzu; Klein und zag, Atme, soviel deine Kraft vermag, Einen Zug in den ewigen Tag! III Chor Wer bist du, von tausend Zeiten und Zungen Mit tausend Namen genannt? Du hieltst unsre Sehnsucht mit Armen umschlungen, Warst Hoffnung den Vätern ins Joch gebannt; Warst Ängsten des Todes der nachtdunkle Gast, Warst Lebensfesten der Sonnenglast. Noch bilden wir alle verschieden dein Bild, Noch nennen wir jedes Offenbarung, Und jedem seins für das wahre gilt-- Bis daß es zerbricht in bittrer Erfahrung. Solo Ach, wer du auch seist, In mir ist dein Geist; Meiner Seele ewiger Ruf--das bist du!-- Nach Licht und nach Recht, Nach Sieg im Gefecht Für den kommenden Tag, das bist du, das bist du!-- Ein jedes Gebot, Das ins Aug' uns loht, Oder das nie uns bewußt, das bist du!-- Mein Leben ruht In schirmender Hut, Und es jubelt in mir: das bist du, das bist du! Chor Da nimmer wir können dein Wesen erreichen, Erdachten wir uns Vermittler von dir; Sie alle ließ ein Jahrtausend erbleichen, Und wieder stehen wir weglos hier. Sind krank wir geworden und klammern uns an? Wo winkt uns ein Trost für den Traum, der zerrann? Der Ewigkeitshoffnungen leuchtend Verlangen, Das hoch uns erhob aus des Lebens Jammer, Soll's weichen in schauderndem Todesbangen, Sich wandeln zum Wurm in unserer Kammer? Solo Er, der mich durchhaucht, Nein, nimmer er braucht Den Mittler; ich hab' ihn in mir: das bist du! Ist mein Ewigkeitsflug Sein Wille, und trug Mich zur Taufe sein Geist--bist es du, bist es du.-- Werd' ich teilhaft, ich Nichts, Des ewigen Lichts? In Demut mich beug' ich; denn ich weiß, das bist du! Still wart' ich und fromm: Erwecker, o komm, Wenn du willst, wie du willst--das bist du, das bist du! FRAGE UND ANTWORT _Das Kind_ Du, Vater! Ich sah mich im Walde um, War alles stumm, Kein einziger Vogel sang ringsum. _Der Vater_ Er flog gen Süd übers Meer hinab, Der Lieder uns gab; Kann sein, er findet dort sein Grab. _Das Kind_ Der Arme; warum denn blieb er nicht? _Der Vater_ Er suchte mehr Wärme und mehr Licht. _Das Kind_ Du, Vater, ist das auch recht getan? Er denkt nicht dran, Daß wir andern hier bleiben und frieren dann. _Der Vater_ Ein neuer Frühling will neuen Sang Aus Herzensdrang; Den bringt er uns mit, es währt nicht lang. _Das Kind_ Aber wenn er stirbt in den kalten Wellen? _Der Vater_ So kommen wohl seine Weggesellen. WECKLIED AN DIE NORWEGISCHE SCHÜTZENGILDE (1881) Zu den Fahnen, zu den Fahnen, Junger Freiheit Chor! Eure Fahnen, eure Fahnen, Schützen, hebt empor! Hinterm Stutzenringe Unsrer jungen Schar Soll der Greis im Tinge Reden fest und klar. In dem frischen Kugelzischen Liegt ein muntrer Klang; Freiheitkündend, Führt er zündend Uns zum Königsrang. In die Tingesrunde Klingt aus Talesgrunde Hell und freudig "ja" auf "ja", Daß aus Stutzenröhren Wir das Echo hören Als ein tausendfältiges Hurra. Hurra, Hurra, hurra, hurra, hurra. Mutter Norge lauscht so heiter Auf des Widerhalles Töne, Und durch ihre jungen Söhne Erbt das Freiheitsgut sich weiter. ARBEITERMARSCH Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Der ist mehr als halbe Macht. Formt aus vielen, vielen Einen, Hebt den Mut der bangen Kleinen, Läßt das Schwerste leicht erscheinen, Zeigt die Ziele uns, die reinen, Näher, schärfer ohne Schatten, Als wir auf dem Korn sie hatten. Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Das ist mehr als halbe Macht. Nahn im Takt wir einige hundert, Ist da keiner, der sich wundert; Nahn im Takt wir einige tausend, Wird sein Ohr schon mancher recken; Nahn im Takt wir hunderttausend,-- Ja, dies Dröhnen wird sie wecken! Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Der ist mehr als halbe Macht. Wenn in solchem Takt wir schreiten Fest von Norges Uferweiten Bis zum höchsten Katarakte,-- Kommen alle wir im Takte,-- Schwinden Herren, schwinden Knechte, Helfen jedem wir zum Rechte! DER ZUKUNFT LAND (Herman und M. Anker zu ihrer silbernen Hochzeit. 15. September 1888, zugeeignet) Zukunftsland! Dahin sich all unsre Sehnsucht schwingt,-- All unser Seufzen, das ziellos verklingt, Formt sich zu Bildern in Wolkenrot Jenseits der Not,-- Alles, was aus unserm Glauben sprießt, Selig uns grüßt Im Zukunftsland. Zukunftsland! All unsre Arbeit zu Nutzen und Frommen Wächst in Geschlechtern, die nach uns kommen. Sammelt für sie in verjüngendem Drang, Was _uns_ gelang; Trägt voller Kraft unser Werk hinein, Unfehlbar hinein Ins Zukunftsland. Zukunftsland! Tränen, vergossen um all das Schlechte, Blutschweiß vom Kampfe für höhere Rechte Salben die Kraft, die den Sieg verspricht. Uns es zwar bricht, Schlechtes doch hindert es, Gutes es sät, Das aufersteht Im Zukunftsland. Zukunftsland! Dämmert in Farben und Melodien, Die uns wie Sonnengold glitzernd umziehen, Schimmert im Auge des Kindes und weht Durch dein Gebet. Siegen wir--und ist der Sieg gesund, Stehn wir zur Stund Im Zukunftsland. EIN JUNGES VÖLKCHEN KERNGESUND Ein junges Völkchen kerngesund Wächst überquellend frisch empor In Spiel und Sang und Blumenflor Auf unsres Vätererbes Grund; Es träumt von dem, was schon errungen, Sehnt sich nach dem, was nicht bezwungen. Ein junges Völkchen kerngesund, Des ganzes Volkes Ehrenpreis, Des Lebensfrühlings Edelreis, Ein Osterfest auf Vätergrund Für alle Alter. Neu entfalten Im Lenz der Jungen sich die Alten. Ein junges Völkchen kerngesund Ist unser Können, doppelt stark, Ist unsrer Hoffnung Lebensmark,-- Aus des Charakters tiefem Grund Wächst unsrer Väter Geist auf Erden Empor zu immer höherm Werden. NORGE, NORGE Norge, Norge, Blauend empor aus dem graugrünen Meer, Inseln ringsum gleich Vogeljungen, Fjorde in Zungen Dorthin, wo Stille sich breitet umher. Ströme, Täler; Felsen begleiten sie; Waldgipfel fern Ragen dahinter. Wo Tore sie brechen, Seen und Flächen, Feiertagsfrieden und Tempel des Herrn. Norge, Norge, Hütten und Häuser und keine Burgen, Hart oder weich, Du bist unser, bist unser Reich, Du bist der Zukunft Land. Norge, Norge, Schneeschuhlaufes leuchtendes Land, Teerjackenhafen und Fischgehege, Des Flößers Wege, Bergecho der Hirten und Gletscherbrand. Äcker, Wiesen, Runen im Waldboden, Klüfte versprengt, Städte wie Blumen, Flüsse verschäumend, Wo sich bäumend Aufblitzt das Meer, wo der Schwarm sich drängt! Norge, Norge, Hütten und Häuser und keine Burgen, Hart oder weich, Du bist unser, bist unser Reich, Du bist der Zukunft Land. MEISTERN ODER GEMEISTERT WERDEN Dieses Land, das trotzig schaut, Meerumbrandet, bergumbaut, Winterkalt und sommerbleich, Kurzes Lächeln, niemals weich,-- Ist der Riese, der, gemeistert, Fördern soll, was uns begeistert. Er soll hämmern, er soll tragen, Er soll singen, er soll sagen, Er soll malen Glanz und Gischt:-- Was da donnert, tost und zischt Zwischen Fjord und Bergeswacht, Schaff' uns eine Schönheitsmacht. IM WALDE Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid; Was immer er sah in den einsamen Stunden, Was immer er litt, als man doch ihn gefunden, Das klagt er dem Winde; der trägt es weit. DER SIEBZEHNTE MAI (1883) Wergelands Denkmal am siebzehnten Mai Grüßte der Festzug. Und als die letzten, Männer im Takt, Frauen mit Blumen in ihrer Mitten, Schritten die Bauern, die Bauern schritten. Österdalswaldes mächtiger Häuptling Trug ihre Fahne. Als wir sie sahen, Über dem Purpur Sich ein Gedanke in Tausenden malte: Das ist die Alte, das ist die Alte! Noch trug nicht fremden Volks Krone der Löwe, Danebrog hat noch das Tuch nicht gespalten, Zukunft erschien mir, Sah dort um Wergelands Denkmal in Mengen Bauern sich drängen, Bauern sich drängen. Von den vergangnen Verlusten das Meiste, Von dem Errungenen, von dem Ersehnten, Ja, meist von allem: Pflichten der Vorzeit, der Zukunft Ehre Tragen der Bauern, der Bauern Heere. Bitter sie sühnten, was einst gesündigt. Doch sie erheben sich. Jüngst erst im Tinge Kämpften sie mannhaft. Von Süd, West und Norden, aus Trondhjemer Landen Alle die Bauern, die Bauern erstanden. Halten die Beute, da weiter sie wollen; Ganz sei uns eigen der Freiheitsgedanke! Alle wir wissen's: Wenn einstmals Wergelands Sommer entglommen, Mit ihm die Bauern, die Bauern kommen. FREDERIK HEGEL Die Lüfte liebe ich, die kühlen, Erhaben rein, Im Hoheitsschein, Die mich wie Freiheitsflut umspülen. Im Walde mich's am liebsten leidet, Wenn Phantasie Mit Herbsts Genie Ihn malt, nicht wenn ihn Grünschmuck kleidet. Ich kannte einen: seine Reinheit War herbstlich mild, Sein Ebenbild War Herbsteshimmels Farbenfeinheit. Sein Bild ist wie--wenn in frostigem Tanz Des Winters Graus Umstürmt das Haus,-- Meines Herdes erster erwärmender Glanz. Und wenn das Sehnen nimmt ein Ende, Wenn Sommers Lied Nach innen zieht, Hat Freundschaft Tempelsonnenwende. UNSERE SPRACHE (1900) Nordischer Berge Widerhall, Wiegengesang am dänischen Sunde, Feuerglocke bei Fredrikshall, Lerchenjubel aus Kindermunde,-- Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Für Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich! Holbergs flüsternder Geisterchor, Heim den Dichter und morgenwärts ladend, Schärfend das Schwert ihm, hebend empor Schätze, in klingendem Lachen sie badend,-- Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier grüßen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich! Kierkegaard warst du ein tiefes Meer, Da er die Segel nach Gott hin spannte. Wergeland warst du ein Adler hehr, Der sich vor vielen zur Sonne wandte. Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Für Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich! Warst wie ein Maitag voll strahlender Zier Für den Frühling der Freiheit im Norden. Durch deine Lieder ist unser Panier Weit auf Erden Sieger geworden. Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier grüßen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich! Über die Wogen rollst du als Weg Deinen Blumenteppich, es schreiten Freunde zu Freunden auf diesem Steg, Fühlen Himmel und Glaube sich weiten. Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Für Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich! Der beste Freund, den ich fand, warst du; Im Aug' der Mutter harrtest du meiner. Und wer mich am letzten verläßt, bist du; Denn du nur sahst mir ins Herz, sonst keiner! Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier grüßen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich! * * * * * ERZÄHLUNGEN * * * * * THROND Es war ein Mann mit Namen Alf, in den seine Mitbürger große Hoffnungen setzten; denn er war den meisten an Klugheit und Tatkraft überlegen. Doch als dieser Mann dreißig Jahr alt war, zog er hinauf ins Gebirge und machte sich dort, zwei Meilen von allen Menschen entfernt, ein Stück Land urbar. Manche wunderten sich, daß er diese Nachbarschaft mit sich selbst aushielt, aber sie wunderten sich noch mehr, als nach einigen Jahren ein junges Mädchen aus dem Tal sie mit ihm teilen wollte, und zwar gerade das Mädchen, das bei allen Festen und bei jedem Tanz die Fröhlichste gewesen war. Man nannte sie die "Waldmenschen", und er war unter dem Namen "Alf vom Walde" bekannt; die Leute drehten sich lange nach ihm um, wenn er sich in der Kirche oder bei der Arbeit einfand; denn sie konnten nicht aus ihm klug werden, und er schien kein Interesse daran zu haben, sich auszusprechen. Die Frau war nur selten im Dorf gewesen, einmal aber, um ein Kind über die Taufe zu halten. Dies Kind war ein Sohn, der Thrond getauft wurde. Als er heranwuchs, sprachen sie des öfteren davon, sie müßten eine Hilfe haben, und da sie nicht die Mittel hatten, sich eine erwachsene Magd zu halten, so nahmen sie eine halbwüchsige, wie sie sich ausdrückten, ins Haus: ein vierzehnjähriges Mädchen, das auf den Jungen zu achten hatte, wenn die Eltern auf dem Felde waren. Sie war freilich ein bißchen einfältig, und der Junge merkte bald, daß alles, was die Mutter ihm sagte, leicht zu begreifen war, während das, was Ragnhild ihn lehrte, schwer war. Mit dem Vater sprach er nicht viel, und er hatte auch Angst vor ihm, denn wenn er in der Stube war, mußte alles mäuschenstill sein. Einmal an einem Weihnachtsabend--auf dem Tisch brannten zwei Lichte, und der Vater trank aus einer weißen Flasche--packte der Vater den Jungen, nahm ihn auf den Schoß, sah ihm streng in die Augen und rief: "Buh, Junge!" Dann fügte er milder hinzu: "Du bist gar nicht so'n Angsthase; möchtest Du ein Märchen?" Der Junge antwortete nicht, sondern sah den Vater groß an. Der aber erzählte ihm von einem Mann aus Vaage, welcher "der Blessommer" hieß. Er war in Kopenhagen, dieser Mann, um des Königs Schiedsspruch einzuholen in einem Prozeß, den er führte, und das zog sich so in die Länge, daß ihm der Weihnachtsabend über den Hals kam; das gefiel aber dem Blessommer durchaus nicht, und wie er so durch die Straßen schlenderte und nach Hause dachte, da sah er einen wuchtigen Kerl in einem weißen Mantel vor sich hergehen. "Du gehst ja so schnell", sagte der Blessommer.--"Hab's weit bis nach Haus heut abend", sagte der Mann.--"Wo willst Du hin?"--"Nach Vaage", sagte der Mann und schritt aus.--"Das trifft sich aber fein," sagte der Blessommer, "dahin möchte ich auch."--"Dann kannst Du hinten bei mir auf den Kufen stehen", antwortete der Mann und bog in eine Querstraße ein, wo sein Schlitten stand. Er schwang sich hinauf und sah sich nach dem Blessommer um, der sich auf die Kufen stellte. "Du mußt Dich festhalten", sagte er. Der Blessommer tat es, und es war auch nötig; denn es ging nicht etwa immer auf der glatten Erde hin. "Mir scheint, Du fährst übers Wasser", sagte der Blessommer.--"Das tu' ich", sagte der Mann, und der Gischt umstob sie. Aber nach einer Weile kam es dem Blessommer vor, als führen sie nicht mehr übers Wasser. "Mir scheint, es geht durch die Luft", sagte er.--"Ja, das tut es", antwortete der Mann. Aber als sie noch weiter gefahren waren, kam dem Blessommer die Gegend, durch die sie fuhren, so bekannt vor. "Mir scheint, das ist Vaage", sagte er.--"Ja, jetzt sind wir da", antwortete der Mann, und der Blessommer fand, es sei recht schnell gegangen. "Schönen Dank für die Fahrt", sagte er.--"Gleichfalls!" sagte der Mann und fügte hinzu, während er auf das Pferd einschlug: "Jetzt sieh Dich lieber nicht weiter nach mir um!"--"Nein, nein", dachte der Blessommer und trollte sich über die Höhen heimwärts. Aber da erhob sich hinter ihm ein Dröhnen und Getöse, als wolle der ganze Berg einstürzen, und ein Leuchten ging über das Land hin; er sah sich um, und da sah er den Mann in dem weißen Mantel durch krachende Feuersäulen hindurch in den offnen Berg einfahren, der sich wie ein Tor über ihm wölbte. Dem Blessommer wurde es etwas unbehaglich zumute bei der Reisegesellschaft, die er gehabt hatte, und er wollte den Kopf wieder umwenden; aber wie der Kopf saß, so blieb er sitzen, und der Blessommer hat in seinem ganzen Leben den Kopf nicht mehr umdrehen können. So etwas hatte der Bursch sein Lebtag nicht gehört. Er getraute sich nicht den Vater weiter zu fragen, aber am andern Morgen in aller Frühe fragte er die Mutter, ob sie keine Märchen wisse. Doch, sie wußte welche, aber die handelten meistens von Prinzessinnen, die sieben Jahre lang gefangen saßen, bis der rechte Prinz kam. Der Bursch dachte, alles, was er hörte und las, lebe in seiner nächsten Nähe. Er war etwa acht Jahr alt, als an einem Winterabend der erste fremde Mensch bei ihnen durch die Tür trat. Er hatte schwarzes Haar, und das hatte Thrond noch nie gesehen. Er sagte kurz "Guten Abend" und kam herein; Thrond wurde die Sache ängstlich, und er setzte sich auf einen Schemel am Herd. Die Mutter nötigte den Mann zum Sitzen; er tat es, und da faßte sie ihn genauer ins Auge: "Herrjeh, ist das nicht der Fiedel-Knut?" sagte sie.--"Ja, freilich ist er das. Es ist lange her, daß ich auf Deiner Hochzeit spielte."--"Ach ja, das ist schon eine ganze Weile. Kommst Du weit her?"--"Ich habe Weihnachten auf der andern Seite des Berges gespielt. Aber mitten im Gebirge wurde mir schlecht; ich mußte hier einkehren, um mich auszuruhen." Die Mutter brachte ihm Essen herein; er setzte sich an den Tisch, sagte aber nicht "in Jesu Namen", wie der Junge es doch immer gehört hatte. Als er fertig war, stand er auf: "Nun ist mir wieder ganz gut", sagte er; "laßt mich jetzt ein klein bißchen ruhen." Und er wurde zum Ausruhen in Thronds Bett gesteckt. Für Thrond wurde eins auf dem Fußboden gemacht. Wie er so dalag, fror ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm fiel ein, das komme daher, daß die eine Seite in der nächtlichen Kälte bloß lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer brannte in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte nach Hause gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da überfiel ihn große Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und Gespenster; heim mußte er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle. Da wuchs seine Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie "Mutter"--und wachte auf. "Mein Junge, Du träumst so schwer", sagte sie und nahm ihn auf den Arm. Ihn überlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen Kleid herein und ging ins Dorf. Zurück kam sie mit zwei andern Fremden, die auch schwarzes Haar und flache Hüte hatten. Sie sagten auch nicht "in Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater. Nachher ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem großen Kasten wieder heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen Schlitten und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen Augenblick und nehmt den kleinen Kasten mit, den er bei sich hatte." Und sie ging ins Haus, um ihn zu holen. Einer der Männer aber sagte: "Den kann der kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fügte hinzu: "Brauch' sie ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er deutete auf den großen Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen. Thrond besah sich den kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen hatte. "Was ist da drin?" fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach", sagte die Mutter. Er tat es, und sie half ihm beim Öffnen. Da strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er sah etwas Leichtes, Feines darin liegen.--"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er tippte nur mit einem Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder zurück. "Es weint!" sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der ganzen Hand zu und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin und her, er lachte und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war so leicht wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel." Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige. Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen trällern von ihrer Tanzzeit her, und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer, wenn er nicht lernte; er spielte so viel, daß der Vater einmal sagte, er werde ganz blaß dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehört hatte, ging in die Fiedel über. Die weiche, feine Saite war die Mutter; die Saite dicht daneben, die beständig der Mutter folgte, war Ragnhild. Die grobe Saite, die er seltener anrührte, war der Vater. Die letzte, feierliche Saite aber, vor der hatte er beinah Angst, und der gab er keinen Namen. Wenn er auf der Quinte einen Fehlgriff tat, war es die Katze, wenn er aber auf des Vaters Saite fehlgriff, so war das der Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der in einer Nacht von Kopenhagen nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied war ein bestimmter Gegenstand. Das Lied mit den langen, feierlichen Tönen war die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Das zaghafte und hüpfende war Moses, als er stammelte und mit seinem Stab an den Felsen schlug. Das Lied mit der leisen Melodie, wo der Bogen so leicht auf den Saiten lag, war die Hexe, die die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein anderer es sieht. Das Spiel aber trug ihn über die Berge hinaus, und in ihm erwachte die Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzählte, auf dem Jahrmarkt habe ein kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der Küche der Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den Jahrmarkt dürfe und den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so was!" sagte die Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darüber. "Er kommt noch früh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er sagte es so entschieden, daß die Mutter nicht weiter bat. Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen Landsassen, die kürzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten wollten. Sie hätten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater. "Könnte ich nicht den Spielmann machen?" flüsterte der Bursch, als die Mutter wieder in der Küche stand.--"So klein, wie Du bist!" sagte sie; aber sie ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es ihm. "Er ist noch nie im Dorf gewesen," fügte sie hinzu, "er hat nie eine Kirche gesehen".--"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber weiter sagte er auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie dürfe. Deshalb ging sie hinüber zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an. "So wie der spielt," sagte sie, "hat noch kein Kind gespielt", und--der Bursch wurde angenommen. Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er und übte neue Weisen ein, nachts träumte er von ihnen; sie trugen ihn über die Höhen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter nähte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen Geschichte nichts wissen. Die letzte Nacht schlief Thrond nicht, sondern ersann ein neues Lied über die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er früh auf und die Mutter auch, um ihm Frühstück zu geben, aber er konnte nichts essen. Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand, und da war's ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter begleitete ihn bis vor die Tür und sah ihm nach, wie er über die Hänge dahinschritt; es war das erstemal, daß er von Hause fortzog. Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er und blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen hörte; da ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam. Sie ging ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen. Und schließlich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich, ich müßte hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine Antwort, deshalb hielt sie die Sache für abgemacht, zog sich an und ging. Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch über die Hänge dahinzog; er hörte den Vögeln zu und sah die Sonne auf den Blättern glitzern, während er rasch vorwärtsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und als er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als was ihn vorher beschäftigt hatte, sah weder Brautstaat noch Hochzeitszug; er fragte nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten sie. Er ging mit der Fiedel voran, jetzt spielte er die himmlische Morgenstimmung ihnen in die Seele hinein, und es hallte zwischen den Bäumen. "Sehen wir die Kirche bald?" fragte er die hinter ihm Schreitenden. Lange hieß es nein; aber schließlich sagte einer: "Jetzt bloß noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du sie!" Er spielte sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er spähte nach vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm! Das erste, was er sah, war ein zarter, leichter Nebel, der wie ein Rauch vor der jenseitigen Bergwand lag. Er ließ das Auge zurückschweifen über grüne Wiesen und große Häuser mit Fenstern, in denen die Sonne brannte; das glitzerte fast wie ein Eisgletscher am Wintertag. Die Häuser wurden immer größer und immer mehr Fenster kamen zum Vorschein, und hier an der einen Seite lagen ungeheuer große, rote Häuser, vor denen Pferde angebunden standen; geputzte kleine Kinder spielten auf einem Hügel, Hunde saßen dabei und sahen zu. Aber über allen den Menschen und Dingen schwebte ein langer, dunkler Ton, der ihn erschütterte, daß alles, was er sah, sich im Takt nach diesem Ton zu bewegen schien. Da sah er plötzlich ein großes, schlankes Haus, das geradenwegs in den Himmel hinein strebte mit einer hohen blinkenden Stange. Und weiter unten funkelten hundert Fenster in der Sonne, daß das Haus wie in einer Lohe stand. Das muß die Kirche sein, dachte der Bursch, und daher muß der Ton kommen! Rings um die Kirche stand eine ungeheure Menge Menschen, und alle sahen sie ganz gleich aus! Er brachte sie sofort mit der Kirche in Verbindung und fühlte daher vor dem kleinsten Kinde eine mit Furcht gemischte Achtung. Jetzt muß ich spielen, dachte Thrond und setzte den Bogen an. Aber was war das? Die Fiedel tönte ja nicht mehr.--Da muß an den Saiten etwas entzwei sein; er untersuchte sie, fand aber nichts. "Dann muß es daran liegen, daß ich nicht fest genug aufdrücke", und er drückte auf, aber die Fiedel war wie zersprungen. Er nahm für das Lied, das die Kirche bedeuten sollte, ein anderes, aber es ging ganz ebenso schief. Kein Ton, nur ein Gequietsch und Gejammer. Er fühlte, wie ihm der kalte Schweiß übers Gesicht perlte; er dachte an die vielen klugen Menschen, die hier standen und ihn vielleicht auslachten, ihn, der doch zu Hause so schön spielen konnte, hier aber keinen einzigen Ton hervorbrachte. "Gott sei Dank, daß Mutter nicht hier ist und meine Schande mit ansieht", sagte er vor sich hin, während er mitten unter den Menschen zu spielen versuchte,--aber da--da stand sie ja in dem schwarzen Kleid und zog sich mehr und mehr zurück. Im selben Augenblick sah er hoch oben auf der Turmspitze den schwarzhaarigen Mann sitzen, der ihm die Fiedel geschenkt hatte. "Gib wieder her!" rief er, lachte und streckte die Arme aus, und die Turmspitze ging auf und nieder mit ihm, auf und nieder. Der Bursch aber nahm die Fiedel unter den Arm: "Du kriegst sie nicht!" rief er, drehte sich um und lief davon, weg von der Menschenschar, von den Häusern fort, über Wiesen und Felder hin, bis er nicht mehr konnte und umsank. Da lag er lange, das Gesicht auf der Erde; und als er sich endlich umdrehte, hörte und sah er bloß Gottes unendlichen Himmel, der über ihm stand mit seinem ewigen Gebraus. Das war ihm so entsetzlich, daß er sich wieder zur Erde umdrehen mußte. Als er abermals den Kopf hob, fiel sein Blick auf die Fiedel, die neben ihm lag. "Du hast die ganze Schuld!" rief der Bursch und hob sie auf, um sie zu zerschlagen, hielt aber inne und sah sie an.--"Wir haben viel frohe Stunden zusammen gehabt", sagte er zu sich selbst und schwieg. Aber gleich darauf meinte er: "Die Saiten müssen herunter, die taugen nichts." Und er holte ein Messer aus der Tasche und schnitt zu. "Au!" sagte die Quinte kurz und schmerzlich. Der Bursch schnitt weiter. "Au!" sagte die nächste Saite; der Bursch aber schnitt weiter. "Au!" sagte die dritte düster,--und nun kam die vierte an die Reihe. Ein tiefes Weh faßte ihn; die vierte Saite,--die Saite, der er nie einen Namen zu geben gewagt hatte, die schnitt er nicht durch. Jetzt hatte er auch die Empfindung, es sei nicht allein die Schuld der Saiten, wenn er nicht hatte spielen können. Da kam die Mutter langsam zu ihm hinaufgestiegen, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber nur noch größere Furcht packte ihn. Er hielt die Fiedel an den zerschnittenen Saiten in die Höhe, stand auf und rief zu ihr hinunter: "Nein, Mutter! nach Hause komme ich nicht eher wieder, als bis ich das spielen kann, was ich heut gesehen habe." * * * * * DIE GEFÄHRLICHE FREITE Seit Aslaug erwachsen war, hatte man auf Huseby nicht mehr viel Frieden: denn dort rauften und prügelten sich Nacht für Nacht die stattlichsten Burschen des Dorfs. Am schlimmsten war's in der Samstagnacht; aber dann legte sich der alte Knut Huseby auch nie ins Bett ohne seine Lederhosen und ohne einen Birkenknüttel.--"Hab' ich nun schon mal eine Tochter, so will ich sie auch behüten", sagte der Husebyer. Tore Naesset war nur ein Häuslersohn; und doch gab es Leute, die behaupteten, er komme am häufigsten zu der Bauerntochter von Huseby. Dem alten Knut paßte das nicht; er sagte auch, es sei nicht wahr, "denn er habe ihn noch nie dort gesehen". Aber die andern lachten sich ins Fäustchen und meinten, hätte er nur alle Ecken gut abgesucht, statt sich mit den Kerlen zu beschäftigen, die auf dem Hof und auf der Diele herumkrakeelten, so hätte er Tore schon gefunden. Der Frühling ging ins Land, und Aslaug zog mit dem Vieh auf die Alm. Wenn dann der Tag heiß auf dem Tal lastete, und die Berge sich kühl über dem Sonnendunst erhoben, wenn die Glocken klangen und der Schäferhund bellte, und Aslaug oben auf den Halden jodelte und das Alphorn blies,--dann wurde den Burschen, die unten auf den Feldern arbeiteten, das Herz schwer. Und den nächsten Samstagabend liefen sie um die Wette hinauf. Aber noch schneller kamen sie wieder herunter; denn oben auf der Alm stand ein Bursch hinter der Tür und nahm alle Besucher in Empfang und verwichste sie so gründlich, daß sie nachher immer an die Worte dachten, womit er sie begrüßt hatte: "Wenn Du 'n andermal wiederkommst--kriegst Du noch mehr." Soviel sie wußten, war im ganzen Gau nur einer, der solche Fäuste hatte, und das mußte Tore Naesset sein. Und die reichen Bauernsöhne fanden, es gehe doch über den Spaß, daß solch ein Häuslerbock dort oben auf der Huseby-Alm so um sich stoßen dürfe. Dasselbe fand auch der alte Knut, als er hiervon hörte, und er fügte hinzu: wenn kein anderer den Kerl unterkriegen könnte, dann wollten er und seine Söhne es versuchen. Knut kam freilich schon in die Jahre, aber trotz seiner sechzig wagte er doch mit seinem ältesten Sohn bisweilen eine kleine Boxerei, wenn es bei einem fröhlichen Gelage gar zu still wurde. Zur Huseby-Alm hinauf führte nur ein Weg, und der ging direkt über den Hof. Am nächsten Samstagabend wollte Tore zur Alm hinauf und schlich über den Hof; leichten Fußes und ahnungslos war er schon glücklich bis zur Scheune gekommen, als ihm ein Kerl an die Gurgel fuhr. "Was willst Du von mir?" sagte Tore und schlug ihn zu Boden, daß es nur so krachte. "Das wirst Du schon merken", sagte ein anderer hinter ihm und packte ihn am Nacken, das war der Bruder. "Hier kommt der dritte", sagte Knut und ging ihm zu Leibe. Tores Kraft wuchs in der Gefahr; er war geschmeidig wie eine Weidengerte und teilte Hiebe aus, daß es nur so sauste; er duckte sich und wand sich; wo die Schläge fielen, war er nicht; wenn sie keine erwarteten, kriegten sie welche. Seine Prügel freilich bekam er schließlich auch, und das gründlich, aber der alte Knut sagte später oft, mit einem handfesteren Kerl sei er nie aneinandergeraten. Sie hielten stand, bis Blut floß; da aber sagte der Husebyer: "Halt!" und fügte hinzu: "Kommst Du nächsten Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, dann soll das Mädchen Dein sein!" Tore schleppte sich, so gut er konnte, heimwärts, und als er zu Hause war, legte er sich zu Bett. Es wurde viel über die Prügelei auf Huseby gesprochen, aber jeder fragte: "Was wollte er da?"--Eine gab's, die das nicht sagte, das war Aslaug. Sie hatte jenen Samstagabend ihn so sehnlich erwartet, und als sie jetzt erfuhr, was für eine Geschichte sich zwischen ihm und ihrem Vater zugetragen hatte, da setzte sie sich hin und weinte und sprach zu sich selbst: "Kriege ich Tore nicht, dann habe ich keinen frohen Tag mehr auf der Welt." Tore blieb den Sonntag über liegen, und am Montag merkte er, daß er noch länger liegen müsse. Der Dienstag kam, und das war ein gar herrlicher Tag. Es hatte in der Nacht geregnet, die Berge waren feucht und grün, das Fenster stand offen, Laubduft zog herein, die Glocken klangen von den Bergen hernieder und irgendwer jodelte dort oben;--hätte die Mutter nicht in der Stube gesessen, er hätte heulen können vor Ungeduld. Der Mittwoch kam, und noch immer lag er zu Bett; Donnerstag war er wirklich neugierig, ob er nicht doch Samstag wieder gesund sein werde; am Freitag stand er auf. Er hatte die Worte, die der Vater gesagt hatte, gut in Erinnerung: "Kommst Du nächsten Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, so ist das Mädel Dein." Er schaute einmal ums andere nach Huseby hinüber.--"Ich bekomme da doch bloß meine Prügel", dachte Tore. Zur Huseby-Alm hinauf führte, wie schon gesagt, nur ein Weg; aber ein tüchtiger Kerl mußte doch da hinaufkommen, wenn er auch nicht gerade den richtigen Weg ging. Wenn er hinausruderte, um die Landzunge herum, und dann an der andern Seite des Bergs anlegte, konnte er auf jeden Fall hinaufkraxeln; freilich war es dort so steil, daß die Geiß nur mit knapper Not weiden konnte, und die pflegt doch im Gebirge nicht gerade ängstlich zu sein. Der Samstag erschien, und Tore lief den ganzen Tag draußen herum;--die Sonne lachte, daß es in den Büschen sproßte, und in einem fort jodelte und lockte es von den Bergen her. Er saß noch vor der Tür, als es auf den Abend ging und ein dampfender Nebel an den Hängen emporkroch. Er blickte nach oben,--dort war es still; er blickte nach Huseby hinüber,--und dann stieß er sein Boot ab und ruderte um die Landzunge herum. Auf der Alm saß Aslaug, fertig mit ihrem Tagewerk. Sie dachte, Tore könne diesen Abend gewiß nicht kommen; statt seiner werde aber wohl manch anderer sich einfinden. Da machte sie den Schäferhund los und sagte niemand, wohin sie gehe. Sie setzte sich so, daß sie das Tal überschauen konnte, doch da stieg der Nebel auf; und sie getraute sich auch nicht, hinunterzusehen; denn alles rief Erinnerungen in ihr wach. Sie ging also weiter, und ehe sie sich's versah, war sie auf der andern Seite des Bergs. Dort setzte sie sich nieder und blickte auf die See hinaus. Der senkte ihr Frieden ins Herz, dieser weite Blick auf die See hinaus. Da kam ihr die Lust, zu singen; sie wählte ein Lied mit lang schwingenden Tönen, und der Klang ging weit in die stille Nacht hinaus. Es machte ihr selbst Vergnügen, und deshalb sang sie noch einen Vers. Aber da war's ihr, als antworte jemand aus der Tiefe her. "Herrjeh, was kann das sein?" dachte Aslaug; sie ging bis an den Abhang und schlang die Arme um eine schwanke Birke, die sich zitternd nach unten neigte. Sie blickte hinunter, aber sie sah nichts. Der Fjord lag still da und ruhte; kein Vogel strich darüber hin. Aslaug setzte sich wieder und sang weiter; da kam wirklich eine Antwort, in demselben Ton, näher als das erstemal. "Da muß doch was los sein"! Aslaug sprang auf und beugte sich hinüber. Und da sah sie unten an der Bergwand ein Boot, das hier angelegt hatte; und so tief unten lag es, daß es aussah wie eine kleine Muschel. Ihre Augen suchten die Stelle ab und erspähten eine rote Mütze und darunter einen Burschen, der die fast senkrechte Bergwand hinaufklomm. "Herrjeh, wer kann das sein?" dachte Aslaug, ließ die Birke los und lief weit nach hinten. Sie wagte nicht, die eigene Frage zu beantworten, denn sie wußte ja, wer es war. Sie warf sich nieder auf die Halde und packte das Gras mit beiden Händen, als sei sie Tore und dürfe nicht loslassen. Aber die Graswurzeln lösten sich aus dem Erdboden,--sie schrie laut auf und flehte zu Gott dem Allmächtigen, Tore zu helfen. Aber da schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, Tore versuche Gott mit seinem Tun, und deshalb könne er keine Hilfe erwarten. "Nur dies eine Mal", betete sie, und sie faßte den Hund um, als sei es Tore, den sie festhalten müsse; sie rollte mit ihm über die Halde hin, und die Zeit schien ihr endlos. Aber da riß sich der Hund los. "Wau, wau!" kläffte er den Berg hinunter und wedelte mit dem Schwanz. "Wau, wau!" sagte er zu Aslaug und sprang mit den Vorderpfoten an ihr hinauf. "Wau, wau!" wieder den Berg hinunter--und da tauchte eine rote Mütze über dem Bergrand auf, und Tore lag an ihrer Brust. Da blieb er viele Minuten liegen, ohne ein Wort über seine Lippen zu bringen, und das, was er schließlich sagte, hatte nicht Sinn noch Verstand. Doch als der alte Knut Huseby dies hörte, da sagte er etwas, das Sinn und Verstand hatte; er sagte nämlich: "Der Bursch hat sie verdient; der soll das Mädel haben." * * * * * SYNNÖVE SOLBAKKEN Erstes Kapitel In unsern weiten Tälern ragt wohl manchmal eine größere Anhöhe empor, die nach allen Seiten freiliegt und von der Sonne den lieben langen Tag über bestrahlt wird. Leute, die dichter am Fuß der Felsen und auf sonnenärmeren Plätzen wohnen, nennen solche Anhöhe: Solbakken, d.h. Sonnenhügel. Das Mädel, von dem hier die Rede sein soll, wohnte auf solchem Sonnenhügel, und von ihm hatte ihr Heimatshof den Namen; dort blieb der Schnee im Herbst am spätesten liegen und schmolz im Frühling am zeitigsten. Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden "Leser" genannt, weil sie sich mehr als alle ihre Nachbarn befleißigten, die Bibel zu lesen. Der Mann hieß Guttorm, die Frau Karen. Sie hatten einen Sohn, aber der starb ihnen, und nun gingen sie drei Jahre lang nicht auf die Ostseite der Kirche. Als die drei Jahre um waren, bekamen sie eine Tochter, die sie gern nach dem toten Knaben nennen wollten. Er hatte Syvert geheißen, und sie wurde Synnöv getauft, weil sie nichts ähnlicher Klingendes finden konnten. Aber die Mutter sagte immer "Synnöve": sie hatte nämlich, als das Kind noch klein war, die Gewohnheit, seinem Namen am Ende ein "mein" hinzuzufügen, und das ging ihr nach dem "e" leichter von der Zunge, gleichviel--als das Mädchen größer wurde, hieß sie bei allen so wie bei ihrer Mutter: Synnöve. Und es gab nur _eine_ Stimme; seit Menschengedenken war im ganzen Kreise kein so anmutiges Mädchen aufgewachsen, wie Synnöve Solbakken. Schon in ihrem zartesten Alter nahmen die Eltern sie an jedem Sonntag, an dem eine Predigt war, mit in die Kirche, obgleich Synnöve zunächst nicht mehr verstand, als daß der Pastor auf den Zuchthaus-Bent schimpfte, den sie unten vor der Kanzel sitzen sah. Doch der Vater wollte sie mit haben,--"damit sie sich daran gewöhne", sagte er; und die Mutter wollte es, "weil keiner wissen könne, wie auf das Kind unterdessen zu Hause aufgepaßt würde". Fing auf dem Hofe ein Lamm, eine kleine Ziege oder ein Ferkel zu verkümmern an, erkrankte eine Kuh, dann wurde das Tier sofort Synnöve geschenkt, und von der Stunde an, meinte die Mutter, erholte es sich. Der Vater glaubte nicht recht daran, aber, "jedenfalls war es ja gleichgültig, wem es gehörte wenn es nur gedieh". Auf der anderen Seite des Tales, dicht an den hohen Felsen, lag ein Hof, der Granliden, d.i. Tannwald, hieß, weil er mitten in einem großen Tannenforst, dem einzigen in weitem Umkreis, lag. Der Urgroßvater des jetzigen Besitzers hatte sich seinerzeit mit unter der Mannschaft befunden, die nach Holstein gezogen war, um dort den Russen zu erwarten, und hatte von dieser Kriegsfahrt eine Menge fremder und merkwürdiger Samensorten mitgebracht. Die pflanzte er rings um sein Haus; aber im Lauf der Zeit war ein Keim nach dem anderen eingegangen; nur aus den Tannäpfeln, die wunderlicherweise zwischen den Samen geraten waren, erstand ein dichter Wald, der das Haus jetzt von allen Seiten beschattete. "Der Holsteinfahrer" hatte Thorbjörn nach seinem Großvater geheißen, und sein ältester Sohn wieder nach seinem Großvater: Sämund, und in der Folge trugen die Hofbesitzer immer abwechselnd die Namen: Thorbjörn und Sämund--seit schier undenklichen Zeiten. Aber es ging die Sage, nur immer der in der Reihenfolge zweite Mann habe auf Granliden Glück, und zwar kein "Thorbjörn". Als dem jetzigen Besitzer Sämund ein Sohn geboren wurde, kam ihm das wohl in den Sinn; er hatte aber nicht den Mut, sich gegen den Familienbrauch aufzulehnen, und nannte das Kind wieder Thorbjörn. Er sann, ob der Junge nicht so erzogen werden könne, daß er um den Stein des Anstoßes, den ihm das Gerede in den Weg gelegt hatte, glatt herumkomme. Ganz sicher war er nicht, aber er glaubte zu bemerken, daß der Bengel ein Hitzkopf sei. "Das wollen wir ihm schon austreiben", sagte Sämund zu seiner Frau, und als Thorbjörn drei Jahr alt war, saß sein Vater manchmal mit der Rute in der Hand bei ihm und zwang ihn, die zerstreuten Holzspäne auf ihren richtigen Platz zu tragen, den Tassenkopf, den er heruntergeworfen, aufzuheben, die Katze, die er gekniffen hatte, zu streicheln. Währenddessen ging die Mutter meistens aus der Stube. Sämund wunderte sich sehr, daß er immer mehr an dem Jungen zu verbessern fand, je größer der Bengel wurde. Er hielt ihn zeitig zum Lesen an und nahm ihn mit auf das Feld, um ein Auge auf ihn zu haben. Die Mutter hatte ein großes Hauswesen und kleine Kinder zu besorgen; sie konnte nicht mehr tun, als den Jungen jeden Morgen beim Anziehen zu streicheln und zu ermahnen und seinetwegen mit dem Vater an den Feiertagen, da sie Zeit für einander hatten, eindringlich zu reden. Thorbjörn aber dachte sich, wenn er Prügel kriegte, weil a-b ab und nicht ba lautet, oder wenn ihm nicht erlaubt wurde, die kleine Ingrid mit derselben Rute zu hauen, womit ihn sein Vater schlug: "Es ist doch merkwürdig, daß ich es so schlecht haben soll und meine kleinen Geschwister so gut!" Da er meistens mit seinem Vater zusammen war und nicht viel mit ihm reden durfte, wurde er wortkarg, doch er dachte sich sein Teil. Einmal, als sie gerade mit dem nassen Heu beschäftigt waren, entfuhr ihm doch eine Frage: "Warum ist in Solbakken das ganze Heu schon trocken und eingebracht, wenn es bei uns noch naß draußen liegt?"--"Weil sie dort mehr Sonne haben als wir."--Da merkte er zum ersten Male, daß der Sonnenglanz, an dem er sich oft erfreut hatte, für die drüben sei, und er eigentlich benachteiligt war. Fortan sah er häufiger als früher nach Solbakken hinüber. "Sitz nicht so da und reiße den Mund auf," sagte der Vater und versetzte ihm einen Puff; "hier müssen alle rackern, die Großen wie die Kleinen, um etwas ins Haus zu kriegen." Als Thorbjörn sieben oder acht Jahr alt war, nahm Sämund einen neuen Jungknecht an; er hieß Aslak und hatte sich, trotz seiner Jugend, schon weit in der Welt herumgetrieben. Am Abend, da er zuzog, lagen die Kinder schon im Bett, aber wie Thorbjörn am nächsten Morgen am Tisch vor seinem Lesebuch saß, schlug einer die Stubentür mit einem Fußtritt auf, wie ihn Thorbjörn noch nie gehört hatte--und das war Aslak, der nun mit einem großen Haufen Brennholz hereintrampelte und die Scheitern mit einem Schwung auf die Diele warf, daß sie nur so herumflogen. Dann hopste er in die Höhe, um den Schnee abzuschütteln, und rief bei jedem Hopser: "Kalt ist es, sagte die Trollbraut, als sie bis zum Gürtel im Eis steckte!" Der Vater war nicht da, die Mutter fegte den Schnee zusammen und trug ihn, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.--"Nach was glotzt Du denn?" fragte Aslak den Thorbjörn. "Nach nichts", sagte der Junge, denn er hatte Angst. "Hast Du schon den Hahn dahinten in Deinem Lesebuch gesehen?"--"Ja."--"Wenn's Buch zu ist, sind auch 'ne Menge Hühner um ihn herum,--hast Du das auch schon gesehen?"--"Nein."--"Na, dann sieh mal nach."--Der Junge tat's.--"Schafskopf!" sagte Aslak zu ihm.--Aber von dieser Stunde an hatte keiner soviel Macht über ihn wie Aslak. "Du kannst gar nichts", sagte eines Tages Aslak zu Thorbjörn, als der wie gewöhnlich hinter ihm herstapfte.--"Ja, ich kann schon alles bis zur vierten Seite."--"Das ist was Rechtes! Du hast noch nicht mal was vom Troll gehört, der mit dem Mädchen solange tanzte, bis die Sonne aufging, und dann platzte, wie ein Kalb, das saure Milch gesoffen hat!" So große Kenntnisse hatte Thorbjörn noch nie auf einmal gehört. "Wo war das?" fragte er.--"Wo das war? Das war dort drüben in Solbakken."--"Hast Du denn schon von dem Mann gehört, der sich dem Teufel für ein paar alte Stiefel verschrieben hat?"--Thorbjörn erstaunte dermaßen, daß er vergaß zu antworten.--"Du denkst wohl wieder, wo das war? Das war auch in Solbakken, dort dicht neben dem Bach, siehst Du? Herrgott, mit der Christenlehre hapert's noch recht sehr bei Dir. Du hast wohl noch nicht mal von Kari Baumrock gehört?"--"Nein"; von der hatte er noch nicht gehört. Und während Aslak nun arbeitete, erzählte er immer schneller von Kari Baumrock, von der Mühle, die Salz auf dem Meeresgrunde mahlte, vom Teufel mit den Holzpantinen, vom Troll, der mit dem Bart im Baumstamm festsaß, von den sieben grünen Jungfrauen, die aus Schützenpeters Wade die Haare zupften, während er schlief und gar nicht aufwachen konnte,--und das war alles in Solbakken passiert.--"Lieber Gott, was ist denn heute in den Jungen gefahren?" sagte die Mutter am nächsten Tage, "er kniet schon seit heute morgen dort auf der Bank und sieht nach Solbakken 'rüber."--"Ja, heute strengt er sich an", sagte der Vater, der seine Glieder reckte und sich den ganzen Sonntag über ausruhte. "Er hat sich mit Synnöve Solbakken versprochen, erzählen die Leute," meinte Aslak,--"die Leute erzählen ja soviel", setzte er hinzu. Thorbjörn verstand das nicht recht, bekam aber doch einen feuerroten Kopf. Als Aslak darauf aufmerksam machte, kroch der Junge herunter von der Bank, nahm seinen Katechismus vor und fing an, darin zu lesen. "Tröste Dich nur mit Gottes Wort," sagte Aslak, "Du kriegst sie ja doch nicht." Gegen Ende der Woche dachte Thorbjörn: nun haben die anderen die Sache vergessen,--und so fragte er seine Mutter ganz leise (denn er schämte sich ein bißchen): "Du, wer ist denn Synnöve Solbakken?"--"Ein kleines Mädchen, dem mal Solbakken gehören wird."--"Hat sie auch einen Baumrock an?" Die Mutter sah erstaunt auf den Jungen. "Was sagst Du da?" Er merkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte, und schwieg. "Ein hübscheres Kind hat noch keiner gesehen," fügte die Mutter hinzu, "und die Hübschheit hat ihr unser Herrgott zum Lohn beschert, weil sie immer artig und brav ist und sehr fleißig beim Lernen." Nun wußte er's und konnt' es beherzigen. Sämund hatte einmal mit Aslak im Feld zusammen gearbeitet; am Abend desselben Tages sagte er zu Thorbjörn: "Daß Du mir nicht mehr mit dem Knecht zusammensteckst!" Aber Thorbjörn achtete nicht darauf. Einige Zeit darauf hieß es wieder: "Find' ich Dich noch mal bei ihm, dann geht's Dir schlecht!"--Da schlich der Junge Aslak nach, wenn es der Vater nicht sah. Der überraschte sie, als sie wieder beisammensaßen und plauderten; Thorbjörn bekam Prügel und wurde in die Stube gejagt. Später wartete er auf die Gelegenheit, wenn sein Vater im Felde zu tun hatte. An einem Sonntag, da der Vater in der Kirche war, machte Thorbjörn zu Hause dumme Streiche. Aslak und er warfen sich mit Schneebällen. "Nein, Du tust mir weh,--wir wollen nach was anderem werfen", bat Thorbjörn. Aslak war sofort bereit, und so warfen sie zuerst nach der dünnen Tanne beim Vorratsschuppen, dann nach dem Schuppentor und endlich nach dem Fenster.--"Nicht nach den Scheiben, sondern nach dem Rahmen", sagte Aslak. Aber Thorbjörn traf eine Scheibe; er wurde ganz blaß. "Schadet nichts, wer hat's denn gesehen? wirf nochmal und besser!" Thorbjörn traf wieder eine Scheibe. "Jetzt will ich nicht mehr." Im selben Augenblick trat seine älteste Schwester, die kleine Ingrid aus dem Hause. "Du, wirf nach der mal!" Und Thorbjörn tat, wie ihm geheißen; das Mädchen weinte, die Mutter kam heraus und sagte dem Jungen, er solle aufhören. "Wirf, wirf", flüsterte Aslak. Thorbjörn--aufgeregt und in Hitze--warf.--"Du bist wohl nicht mehr richtig im Kopf", sagte die Mutter und lief auf ihn zu. Da rannte er fort, sie hinterdrein; Aslak lachte, die Mutter drohte; endlich faßte sie den Jungen vor einem Schneehaufen und hob schon die Hände, um ihn ordentlich durchzubläuen.--"Ich haue wieder," rief er, "das ist hier so Sitte." Die Mutter ließ ganz betroffen die Hände sinken und sah ihn an. "Das hast Du von einem andern", sagte sie darauf, nahm ihn still bei der Hand und führte ihn in die Stube. Sie sprach kein Wort mehr mit ihm, beschäftigte sich mit seinen kleinen Geschwistern und erzählte ihnen, Vater komme bald aus der Kirche nach Hause. Da begann es tüchtig heiß in der Stube zu werden. Aslak bat um Erlaubnis, einen Verwandten zu besuchen, und durfte gleich gehen; aber Thorbjörn wurde viel kleiner, als Aslak gegangen war. Er hatte schauderhaftes Magendrücken und so feuchte Hände, daß er damit Flecke in sein Buch machte. Wenn Mutter nur Vater nichts sagen wollte, wenn er käme; aber sie darum zu bitten, das kriegte er nicht fertig. Es wurde ihm ganz grün vor den Augen--und die Uhr an der Wand sagte: "Klaps, klaps". Er mußte zum Fenster hin und nach Solbakken sehen. Das lag still wie immer und verschneit da und glänzte wie perlenbedeckt in der Sonne: das Haus lachte aus allen Fensterscheiben, und von denen war gewiß keine entzwei; der Rauch zog höchst vergnügt aus dem Schornstein und sagte Thorbjörn, daß auch dort für die Kirchgänger gekocht wurde; Synnöve sah bestimmt nach ihrem Vater aus und würde nicht ein bißchen Prügel kriegen. Der Junge wußte nicht mehr recht, was er anfangen sollte, und wurde mit einemmal schrecklich zärtlich mit seinen Schwestern. Gegen Ingrid war er besonders gut und schenkte ihr sogar einen blanken Knopf, den er von Aslak bekommen hatte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, und er umarmte sie auch. "Liebes Ingridchen, bist Du mir böse?"--"Nein, liebes Thorbjörnchen, Du kannst mich soviel schneeballen, wie Du willst." Aber da schüttelte sich jemand mit Auftrampeln draußen auf dem Flur den Schnee ab. Und richtig,--das war Vater. Er schien in sanfter und guter Stimmung zu sein; und das war noch schlimmer. "Na", sagte er und sah sich um;--es war merkwürdig, daß die Wanduhr nicht auf die Diele rasselte. Die Mutter brachte das Essen. "Wie geht's, wie steht's?" fragte der Vater, setzte sich hin und nahm seinen Löffel. Thorbjörn sah seine Mutter an; die Tränen kamen ihm dabei in die Augen. "So lala", sagte sie unglaublich langsam, und er merkte wohl, daß sie noch mehr sagen wollte. "Ich habe Aslak erlaubt, auszugehen", sagte sie.--"Für diesmal bin ich durch", dachte Thorbjörn--und fing mit Ingrid zu spielen an, als ob nichts andres seine Gedanken beschäftige. So lange hatte Vater sich noch nie beim Essen aufgehalten, und Thorbjörn suchte ihm jeden Bissen nachzuzählen, aber als er bis zum vierten gekommen war, wollte er ausprobieren, wie weit er zwischen dem vierten und fünften zählen könne, und da geriet er ganz aus der Ordnung. Endlich stand der Vater auf und ging hinaus. Die Scheiben, die Scheiben klirrten in des Jungen Ohren, und er sah nach, ob sie ganz seien, die in der Stube. Ja, die waren alle ganz. Aber jetzt ging Mutter dem Vater nach. Thorbjörn nahm die kleine Ingrid auf den Schoß und sagte so sanft, daß sie ihn ganz erstaunt ansah: "Wollen wir nicht beide 'Goldkönigin auf der Wiese' spielen, Du und ich?" Ja, das wollte sie gern. Und nun sang er, während die Beine unter ihm zitterten: Feine Blume, Wiesenblume, Höre mir jetzt zu! Und willst Du meine Liebste sein, Dann kriegst Du einen Mantel fein, Mit Gold in Hauf Und Perlen darauf; Bimmel, Bammel, Bimmel, Wie lacht die Sonne vom Himmel! Da antwortete sie: Goldkönigin, Perlenkönigin, Höre mir jetzt zu: Mag nicht Deine Liebste sein, Mag nicht Deinen Mantel fein, Mit Gold in Hauf Und Perlen darauf; Bimmel, Bammel, Bimmel, Wie lacht die Sonne vom Himmel! Doch als das Spiel im besten Gange war, trat der Vater wieder in die Stube und sah Thorbjörn groß an. Der drückte sich fester an Ingrid und fiel nicht mal vom Stuhl herunter. Der Vater drehte sich um und sagte nichts; eine halbe Stunde verging, und er hatte immer noch nichts gesagt,--und der Junge war schon fast beruhigt und wäre beinahe vergnügt geworden; aber das traute er sich doch nicht. Er wußte gar nicht mehr, was er denken sollte, als ihm der Vater selbst beim Ausziehen half; er fing wieder an, etwas zu zittern; da tätschelte ihm der Vater den Kopf und streichelte ihm die Backen; das war Thorbjörn nicht passiert, so lange er denken konnte, und deshalb wurde ihm so warm um das Herz und im ganzen Körper, daß seine Furcht zerrann, wie Eis im Sonnenstrahl. Er wußte nicht, wie er in das Bett kam, und da er weder singen noch laut reden durfte, faltete er still die Hände, betete ganz leise sechsmal das Vaterunser vorwärts und rückwärts und fühlte, während er einschlief, daß er doch niemand auf Gottes grüner Erde so lieb habe wie seinen Vater. Als er am nächsten Morgen im Halbschlaf dalag, empfand er einen schrecklichen Angstdruck: er sollte Prügel kriegen, wollte schreien, konnte aber nicht. Da er die Augen aufschlug, merkte er zu seiner großen Erleichterung, daß er nur geträumt, aber er merkte auch bald, daß ein anderer Prügel kriegen sollte, nämlich Aslak. Sämund ging in der Stube auf und ab--und was solcher Gang zu bedeuten hatte, das wußte Thorbjörn genau. Der etwas kleine, doch stämmige Mann sah unter den buschigen Augenbrauen manchmal derart Aslak an, daß der hinlänglich spürte, was in der Luft lag; Aslak selbst saß auf dem Bodenrand einer umgekippten großen Tonne und ließ seine Beine herunterbaumeln oder zog sie über Kreuz in die Höhe. Er hatte wie gewöhnlich die Hände in die Hosentaschen gesteckt und die Mütze auf dem Kopf leicht hintenüber gedrückt, so daß das schwarze Haar in vollen Büscheln unter dem Schirm hervorquoll. Sein etwas schiefer Mund war noch schiefer gezogen, den Kopf hielt er halb schräg und blickte durch seine halbgeschlossenen Augenlider von der Seite nach Sämund hin. "Ja, Dein Junge ist verrückt," sagte er, "aber schlimmer ist, daß Dein Pferd den Teufel im Leibe hat." Sämund blieb stehen: "Du bist ein Flaps", sagte er so, daß die Stube dröhnte, und Aslak die Lider noch dichter schloß. Sämund nahm seinen Gang wieder auf; Aslak saß eine Weile still da. "Ja, richtig den Teufel im Leibe", wiederholte er und schielte nach seinem Herrn, um zu sehen, was für eine Wirkung seine Worte hätten. "Waldscheu ist der Gaul", rief Sämund im Gehen, "einen Baum hast Du über ihm gefällt und jetzt will er nicht mehr ruhig an den Bäumen vorbei." Aslak hörte das mit an und erwiderte nach einer kurzen Pause: "Du kannst ja glauben, was Du willst; Glauben macht selig; aber daß Du damit Dein Pferd wieder gesund machst, das glaube ich nicht"--im selben Augenblick jedoch drückte er sich tiefer in die Tonne und deckte sein Gesicht mit der Hand. Sämund war fest auf ihn zugegangen und sagte halblaut, aber in recht unheimlichem Ton: "Du niederträchtiger..." "Sämund", erklang eine Stimme vom Herde. Ingebjörg, seine Frau war es, die rief und ihn beruhigen wollte, wie sie ihr Jüngstes beruhigte, das auf ihrem Schoß saß, bange war und schreien wollte. Zuerst wurde das Kind still, dann schwieg auch Sämund, aber er hielt die für einen so stämmigen Mann etwas kleine Faust Aslak dicht unter die Nase, während er sich vor ihm aufpflanzte und ihm mit lodernden Blicken förmlich das Gesicht zu versengen suchte. Dann ging er, wie vorher, auf und ab, sah ihn aber wiederholt hastig an. Aslak war ganz blaß, lachte jedoch mit dem halben Gesicht Thorbjörn zu, während die andere, Sämund zugewandte Hälfte ganz stramm blieb. "Schenk' uns Geduld, lieber Gott im Himmel", sagte er nach kurzer Stille, machte aber flugs den Ellbogen krumm, wie, um einen Schlag abzuwehren. Sämund war ihm gegenüber stehen geblieben, stampfte nun mit dem Fuß auf den Boden und schrie dabei mit aller Kraft: "Lästre seinen Namen nicht, Du--" Ingebjörg sprang auf, kam mit dem Säugling heran und legte sanft die eine Hand auf den erhobenen Arm ihres Mannes. Er sah sie nicht an, ließ aber den Arm sinken. Sie setzte sich, er ging wieder auf und ab; keiner sprach ein Wort. Nach einiger Zeit ließ es Aslak keine Ruhe: "Ja, der dort oben hat 'ne Menge zu tun in Granliden." "Sämund, Sämund", rief Ingebjörg leise und ängstlich, aber bevor er es noch gehört hatte, war er zu Aslak hingerast. Der streckte seinen Fuß vor; diesen beiseite schlagen, am Fuß und am Kragen den Burschen packen, ihn hochheben und gegen die geschlossene Tür schleudern, daß die Füllung in Stücke ging und der ganze Kerl kopfüber hinausflog, war für Sämund das Werk weniger Augenblicke. Seine Frau, Thorbjörn, alle Kinder, schrien und baten; das ganze Haus war ein Jammer. Aber Sämund dem Aslak nach; ohne die Tür richtig aufzumachen, nur die Holzstücke und Splitter fortstoßend, packte er den Knecht zum zweiten Male, trug ihn durch den Flur, hinaus in den Hof, hob ihn wieder hoch und warf ihn mit aller Macht zu Boden. Und als er merkte, daß zu viel Schnee dalag, um den Fall wuchtig genug zu machen, kniete er auf die Brust Aslaks hin, schlug ihm in das Gesicht, hob ihn zum dritten Male hoch, trug ihn zu einer schneefreieren Stelle wie der Wolf einen erjagten, zerfleischten Hund, warf ihn wieder hin, kniete wieder auf ihm--und, wer weiß, welches Ende es genommen hätte, wenn sich nicht Ingebjörg, den Säugling auf dem Arm, zwischen die beiden geworfen hätte.--"Mach' uns nicht unglücklich!" schrie sie. Eine Weile darauf saß Ingebjörg in der Stube; Thorbjörn zog sich an, der Vater ging auf und ab und trank hin und wieder einen Schluck Wasser; aber die Hand zitterte ihm so dabei, daß das Wasser manchmal über den Tassenrand auf die Diele spritzte. Aslak kam nicht herein, und Ingebjörg machte kurz darauf Miene, hinauszugehen. "Bleib", sagte Sämund, mit einem Ton, als wenn er gar nicht zu ihr spräche; und sie blieb. Bald jedoch ging er selbst. Er kam nicht wieder. Thorbjörn las fortwährend, ohne aufzublicken, obgleich er nicht imstande war, den kleinsten Satz zusammenzubringen. Weiterhin am Vormittag war das Haus in gewohnter Ordnung, obgleich allen zumute war, wie nach dem Besuche eines noch nie dagewesenen Fremden. Thorbjörn wagte endlich auf den Hof zu gehen, und der erste, den er dort traf, war Aslak, der alle seine Habseligkeiten auf einen Schlitten--Thorbjörns Schlitten--geladen hatte. Thorbjörn starrte ihn an, er sah gräßlich aus. Sein Gesicht war mit Blut beklebt und beschmiert; er hustete und faßte sich oft an seine Brust. Erst blickte er den Jungen stumm an und stieß darauf hart die Worte hervor: "Ich kann Deine Augen nicht leiden, Bengel"; dann setzte er sich mit gespreizten Beinen auf den Schlitten und fuhr bergab. "Du kannst zusehen, wie Du Deinen Schlitten wiederkriegst", rief er, während er sich noch einmal umdrehte und lang die Zunge herausstreckte. Dann zog er weiter. In der nächsten Woche kam der Gerichtsdiener nach Granliden; der Vater ging öfter fort; die Mutter weinte und war auch ein paarmal fort. "Wo geht Ihr denn immer hin?" "Ach, Aslak hat uns was Tüchtiges eingebrockt." Einige Tage darauf wurde die kleine Ingrid ertappt, wie sie sang: "O Du holdselige Erden Kannst mir gestohlen werden; Das Mädel reckt und streckt sich weit; Der Junge ist nicht recht gescheit; Die Wirtin kocht nur Sudelbrei, Der Wirt ist faul und sauft dabei; Die Katze ist die einzig kluge, Sie leckt den Milchrahm aus dem Kruge." Da fragten die Eltern, von wem sie das schöne Lied gelernt habe. "Ja, von Thorbjörn." Der Junge bekam einen großen Schreck und stotterte, daß er es von Aslak habe. Nun wurde ihm unter Androhung gehöriger Prügel verboten, je wieder solche Lieder zu singen oder sie Ingrid zu lehren. Kurz darauf fluchte die kleine Ingrid. Thorbjörn mußte wieder vor das Gericht, und Sämund meinte, das beste sei, wenn er als Anstifter gleich die Rute kriege; aber er weinte und gab das hochheilige Versprechen, es nie wieder tun zu wollen; so kam er für diesmal noch davon. Am Sonntag darauf sagte der Vater zu ihm: "Damit Du zu Hause keine dummen Streiche machst, sollst Du heute mit mir in die Kirche." Zweites Kapitel Die Kirche stellt der Bauer in seinen Gedanken auf einen hohen Platz, auf einen Platz für sie allein; er sieht sie in Heiligkeit, umgeben vom feierlichen Ernst der Gräber, erfüllt von der frischen Lebenskraft des Gottesdienstes. Sie ist das einzige Haus, bei dessen Bau er Pracht entfaltet hat, und deshalb ragt ihre Turmspitze für seine Anschauung weit höher, als sie in der Tat ist. Ihre Glocken grüßen ihn am klaren Sonntagsmorgen den ganzen Weg entlang auf dem Gange zu ihr, und er zieht immer den Hut vor ihnen ab, als wollte er sagen: "Dank für das vorige Mal!" Es ist ein geheimes Band zwischen ihm und den Glocken. In den frühesten Lebensjahren stand er wohl im offenen Haustor und lauschte ihrem Klang, während unten auf dem Wege die Kirchgänger still vorbeizogen; Vater schloß sich an, er selbst war noch zu klein. Damals verband er so manche verschiedenartige Vorstellungen mit diesem schweren, starken Schall, der ein oder zwei Stunden zwischen den Felsen dröhnte und sich von einem zum andern schwang; aber eine Vorstellung war ihm unzertrennbar davon: saubere Röcke und Hosen, Frauen in ihrem besten Schmuck und Staat, geputzte Pferde mit blankem Geschirr. Und wenn dann die Glocken sein eigenes Glück einläuten, wenn er selbst im funkelnagelneuen, aber etwas für ihn zu großen Anzug wichtig an Vaters Seite zur Kirche geht,--welcher Jubel tönt da aus ihrem Klang! Da können sie wohl alle Tore sprengen zu dem, was er schauen soll! Und wenn sie dann auf dem Rückweg über seinem Kopf lärmen, der noch schwer, noch von den Gesängen, Gebeten, Pastorsworten, die sich darin wiegen und kreuzen, wirr ist, wenn alle die früher nie gesehenen Bilder: Altargemälde, Trachten, Personen, vor seinen Augen auf- und abjagen--dann wölbt auch ihr Geläute für immer das Dach über die gesammelten Eindrücke und weiht die kleine Kirche ein, die er fortan im Herzen trägt. Ist er etwas älter geworden, dann muß er zu Berg und das Vieh hüten; aber wenn er an einem schönen, taufrischen Sonntagsmorgen auf einem Stein zwischen seiner Herde sitzt, und die Kirchenglocken die Schellen der Tiere übertönen, dann wird er schwermütig. Denn aus den Glockentönen klingt etwas Lustiges, Leichtes, Lockendes von dort unten herauf; sie wecken die Erinnerung an Bekannte vor und in der Kirche, an die Freude, dort zu sein, an die vielleicht noch größere, dort gewesen zu sein, zu Hause gutes Essen, die Eltern, die Geschwister zu finden,--sie erzählen vom Spiel auf den Grasflecken am vergnüglichen Sonntagsabend,--und dann gerät das kleine Herz des Jungen in Aufruhr. Aber schließlich: es sind doch die Kirchenglocken, die erklingen; und so sucht und findet er doch in seinem Kopf das Bruchstück eines Gesangbuchliedes, das er zur Not auswendig weiß, und er singt es mit gefalteten Händen und blickt weit dabei ins Tal hinunter, spricht ein kurzes Gebet, springt auf und stößt in sein Hirtenhorn, daß die Töne gegen die Bergwände schmettern. Hier in den stillen Felsentälern hat die Kirche noch für jedes Lebensalter ihre besondere Sprache, für jedes Auge ihr besonderes Aussehen. Erwachsen und fertig steht sie vor dem Konfirmanden,--mit aufwärts gerecktem Finger, halb drohend, halb winkend, vor dem Jüngling, der seine Wahl getroffen hat,--breitschultrig und stark vor dem sorgenden Mann,--geräumig und mild vor dem müden Greise. Mitten im Gottesdienst werden die jüngst geborenen Kinder hereingetragen und getauft und, wie bekannt, ist während dieser Feier die Andacht am größten. Man kann deshalb nie ein richtiges Bild von den norwegischen Bauern, von verderbten oder unverdorbenen, wiedergeben, ohne an irgendeiner Stelle die Kirche als Hintergrund heranzuziehen. Dadurch entsteht eine gewisse Einförmigkeit; aber das ist nicht das Schlimmste. Dies sei hier ein für allemal hervorgehoben, und nicht nur mit Bezug auf den Kirchgang, von dem jetzt berichtet werden soll. Thorbjörn war sehr vergnügt über den Gang und alles Neue; merkwürdig viele Farben spielten in sein Auge draußen vor der Kirche; in ihrem Inneren fühlte er den Druck der Stille, der auf allen und allem schon vor Beginn des Gottesdienstes lag; und obgleich er beim Vorlesen des Gebetes vergessen hatte, den Kopf zu senken, war es ihm doch, als beuge der Anblick von den mehreren hundert gesenkten Köpfen auch den seinen. Der Gesang setzte ein; alle um ihn her sangen mit einemmal; ihm wurde fast ängstlich zumute. So versunken saß er da, daß er wie aus einem Traum auffuhr, als die Tür sacht geöffnet wurde und ein Mann neben Vaters Sitz trat. Wie das Lied zu Ende war, gab Vater dem Hereingekommenen die Hand und fragte: "Wie geht's in Solbakken?" Thorbjörn schlug die Augen auf, aber so genau er hinsah und suchte, eine Verbindung zwischen dem Mann und Trollen oder irgend welcher Hexerei konnte er nicht finden. Der Mann hatte ein sanftes Gesicht, blondes Haar, große blaue Augen unter einer hohen Stirn und eine stattliche Figur; er lächelte, wenn jemand mit ihm sprach, und sagte auf alle Worte Sämunds "Ja", sonst redete er wenig.--"Jetzt will ich Dir auch Synnöve zeigen", meinte der Vater und wies nach dem Frauenplatz gerade gegenüber. Dort kniete ein kleines Mädchen oben auf der Bank und sah über den Rand der Brüstung; es war noch blonder als der Mann, so blond, wie er noch keins gesehen hatte. Rote Bänder flatterten von ihrem Hut über dem Flachshaar, und sie lachte ihm zu, so daß er eine ganze Weile auf nichts anderes blicken konnte als auf ihre weißen Zähne. In der einen Hand hielt sie ein blinkendes Gesangbuch, in der anderen ein zusammengefaltetes, rotgelbes seidnes Taschentuch, und sie machte sich den Spaß, mit dem Taschentuch auf das Gesangbuch zu schlagen. Je mehr er sie anstarrte, desto mehr lachte sie; und nun wollte er auch auf die Bank hinauf, ebenso hoch wie sie. Da nickte sie ihm zu. Er sah sie ein paar Minuten ernst an, dann nickte er. Sie lachte und nickte wieder, und noch einmal, und noch einmal. Dann lachte sie; nickte aber nicht mehr,--nach kurzer Zeit, als er nicht mehr daran dachte, nickte sie. "Ich will auch sehen", hörte er eine Stimme hinter sich, und im selben Augenblick wurde er am Bein gepackt und heruntergezerrt, so daß er beinahe hingefallen wäre. Das hatte ein kleiner Bengel zuwege gebracht, der sich jetzt tapfer auf Thorbjörns Platz hinaufarbeitete. Aslak hatte Thorbjörn gründlich belehrt, wie er mit bösen Buben in der Schule oder Kirche verfahren sollte, deshalb kniff er den Jungen in sein Hinterteil, so daß der fast geschrien hätte; aber er nahm sich zusammen, krabbelte schnell herunter und faßte Thorbjörn bei beiden Ohren. Thorbjörn packte ihn beim Schopf und warf ihn hin; noch schrie der kleine Kerl nicht, aber er biß seinen Gegner ins Bein. Thorbjörn zog es zurück und drückte das Gesicht des andern fest auf den Boden, da wurde er selbst beim Kragen genommen und wie ein Strohsack hochgehoben,--von seinem Vater, der ihn vor sich auf das Knie setzte. "Wenn wir jetzt nicht in der Kirche wären, dann kriegtest Du gleich Deine Prügel", flüsterte er ihm ins Ohr und packte ihn so fest bei der Hand, daß es Thorbjörn bis zu den Sohlen prickelte und stach. Dann erinnerte Thorbjörn sich wieder an Synnöve und sah zu ihr hinüber; sie war noch auf ihrem früheren Platz; aber starrte ganz betroffen und ängstlich vor sich hin. Da fing es in ihm zu dämmern an; was er getan hatte, mußte wohl ganz toll und schlimm gewesen sein! Sowie sie merkte, daß er sie ansah, kroch sie von der Bank herunter und ließ sich nicht wieder blicken. Der Küster, der Pastor trat vor; wohl hörte er und sah er hin auf beide--und wieder kam der Küster und wieder der Pastor--aber er saß immer noch auf dem Knie seines Vaters und hatte eigentlich nur den einen Gedanken: wird sie bald wieder hersehen? Der Bengel, der ihn von der Bank heruntergezogen hatte, hockte weiter hinten auf einem Schemel und bekam jedesmal, wenn er aufstehen wollte, einen Puff in den Rücken von der Hand eines Alten, der auf seinem Stuhl im Halbschlaf nickte, aber regelmäßig aufwachte, wenn der Junge Miene machte, hochzukommen. "Wird sie nicht bald wieder hersehen?" dachte Thorbjörn; und jedes rote Band, das sich in seiner Umgebung bewegte, erinnerte ihn an Synnöves; und jedes alte Bild an der Kirchenwand war ebenso groß oder kleiner als sie. Ja, jetzt streckte sie den Kopf hoch; aber sobald sie Thorbjörn sah, duckte sie sich wieder.--Der Küster trat noch einmal vor, und auch der Pastor; dann läutete es, und die Gemeinde stand auf. Der Vater sprach wieder mit dem blonden Mann; sie gingen zusammen zu den Frauenplätzen hinüber, wo auch schon alles aufgestanden war. Die erste, die herauskam, war eine blonde Frau; sie lächelte, aber nicht so ausgesprochen, wie der Mann, war sehr klein und blaß und hielt Synnöve an der Hand. Thorbjörn ging gleich auf das Kind zu, aber es lief weg und versteckte sich hinter seiner Mutter: "Ich will nicht", rief es. "Er ist wohl noch nie in der Kirche gewesen", sagte die Frau und legte die Hand auf des Knaben Schulter. "Nein," antwortete Sämund, "sonst hätte er sich heute nicht geprügelt." Thorbjörn sah ganz beschämt sie und dann Synnöve an, die ihm noch viel ernster schien. Sie gingen alle aus der Kirche--die älteren im Gespräch, Thorbjörn hinter Synnöve; die drängte sich immer dicht an ihre Mutter, sobald er ihr näherkam. Den anderen Jungen sah er nicht mehr. Draußen blieb die ganze Gesellschaft stehen und fing eine längere Unterhaltung an. Thorbjörn hörte mehrmals den Namen "Aslak" heraus, und da er bange war, daß sie auch über ihn selbst reden könnten, blieb er einige Schritte zurück. "Du brauchst das nicht mit anzuhören," sagte die Mutter zu Synnöve, "geh ein bißchen weiter, mein liebes Kind; geh, sag' ich." Synnöve trat widerwillig zurück. Thorbjörn ging auf sie zu und sah sie an; und sie sah ihn an; und so standen sie ein Weilchen und sahen sich an. Endlich sagte sie: "Pfui!"--"Warum sagst Du Pfui!" fragte er.--"Pfui!" sagte sie noch einmal, "Pfui, Du solltest Dich lieber was schämen", setzte sie hinzu.--"Was habe ich denn getan?"--"Geprügelt hast Du Dich, während der Pastor dastand und Gottesdienst hielt,--Pfui!"--"Ja, das ist doch aber schon so lange her."--Das leuchtete ihr ein, und sie fragte kurz darauf: "Bist Du Thorbjörn Granliden?"--"Ja, und bist Du Synnöve Solbakken?"--"Ja, ich habe immer gehört, daß Du so'n artiger Junge bist."--"Nein, das ist nicht wahr; ich bin zu Hause der allerschlimmste", sagte Thorbjörn.--"Hör' mal einer an!" sagte Synnöve und schlug ihre beiden kleinen Hände zusammen: "Mutter, Mutter, er sagt--"--"Sei still und geh fort", rief die Mutter und die Kleine machte Halt, ging wieder langsam und rückwärtsschreitend nach hinten, heftete aber dabei die großen, blauen Augen stetig auf ihre Mutter.--"Ich habe immer gedacht, Du bist so artig!"--"Ja, manchmal, wenn ich in der Bibel gelesen habe", antwortete sie.--"Sag' mal, ist es wahr, dass da drüben bei Euch alles dick voll von Kobolden und Trollen und anderen Hexenkram steckt?" fragte er und stemmte die eine Hand in die Seite, setzte den einen Fuß vor und stützte sich auf den andern--genau wie Aslak.--"Mutter, Mutter, weißt Du, was er gesagt hat..."--"Laß mich doch zufrieden, hörst Du nicht! Und komm nicht her, wenn Du nicht gerufen wirst!"--Synnöve musste wieder langsam nach hinten; sie steckte dabei einen Zipfel vom Taschentuch zwischen die Zähne, biss ihn fest und zog daran.--"Ist das also nicht wahr, dass bei Euch das Hügelvolk jede Nacht unten Musik macht?"--"Nein!"--"Dann hast Du wohl noch nie bei Euch einen Troll gesehen?"--"Nein!"--"Aber Jesus soll mir bei..."--"Pfui, so was darfst Du nicht sagen!"--"Ach was, das schadet nichts", sagte er und spuckte durch die Zähne, um ihr zu zeigen, wie weit er spucken könne.--"Doch," sagte sie, "dann kommst Du in die Hölle."--"Meinst Du?" fragte er bedeutend kleinlauter; denn er dachte, er könne höchstens Prügel dafür kriegen, und sein Vater stand ja jetzt weit weg.--"Wer ist denn bei Euch zu Hause der Stärkste?" fuhr er nach einer Weile fort und rückte seine Mütze mehr nach einer Seite.--"Das weiß ich nicht."--"Bei uns ist es Vater; ja, der ist so stark, daß er Aslak verhauen hat, und Aslak ist stark, das kannst Du glauben."--"Na ja--"--"Er hat mal ein Pferd hochgehoben."--"Ein wirkliches Pferd?"--"Ja, das ist wahr, ganz gewiss wahr--er hat's mir selber erzählt."--Daraufhin durfte sie nicht länger daran zweifeln.--"Wer ist denn Aslak?" fragte sie.--"Du, das ist ein ganz Schlimmer, weißt Du; aber Vater hat ihn verhauen; ich sage Dir, noch nie hat einer soviel Prügel gekriegt."--"Prügelt Ihr Euch denn zu Hause?"--"Ja, manchmal, Ihr nicht?"--"Nein, nie."--"Na, was macht Ihr denn eigentlich?"--"Mutter sorgt fürs Essen und strickt und näht. Das tut Kari auch, aber lange nicht so gut wie Mutter, weil sie faul ist; Randi besorgt die Kühe; und Vater und die Knechte arbeiten auf dem Feld oder auch zu Hause."--Diese Erklärung befriedigte ihn.--"Abends lesen wir in der Bibel und singen," fuhr sie fort, "und Sonntags auch."--"Du, das muß aber langweilig sein."--"Langweilig? Mutter, er sagt..." aber dann erinnerte sie sich, daß sie das Gespräch der Alten nicht stören durfte.--"Ich habe eine Menge Schafe", sagte sie.--"So?"--"Ja, drei gehen mit Winterlämmern und das eine, glaube ich, wirft bestimmt zweie."--"Schafe hast Du?"--"Ja, auch Kühe und Ferkel, hast Du keine?"--"Nein."--"Wenn Du zu uns kommst, dann gebe ich Dir ein Lamm ab; und, paß mal auf, davon bekommst Du wieder Kleine."--"Das wär' aber ein Spaß!"--Ein Weilchen blieben sie still.--"Kann Ingrid nicht auch ein Lamm kriegen?" fragte er.--"Wer ist denn Ingrid?"--"Na, Ingrid, Ingridchen."--Sie kannte doch aber Ingrid gar nicht.--"Ist sie kleiner als wie Du?"--"Gewiß doch, ungefähr so groß wie Du."--"Ach, die mußt Du mitbringen, hörst Du?"--Ja, das wollte er.--"Aber", sagte sie, "wenn Du ein Lamm bekommst, kann sie ein Ferkel bekommen."--Das fand er auch viel netter, und nun erzählten sie sich etwas von gemeinschaftlichen Bekannten, von denen sie nicht arg viel hatten. Dann war die Unterhaltung der Eltern zu Ende, und sie mußten nach Hause gehen. Nachts träumte er von Solbakken; er meinte dort lauter weiße Lämmer zu sehen und zwischen ihnen ein kleines Mädchen mit blondem Haar und roten Bändern;--Ingrid und er sprachen alle Tage davon. Sie hatten schon im voraus soviel Lämmer und Ferkel zu besorgen, daß sie es gar nicht schaffen konnten; aber sie wunderten sich sehr, daß sie nicht sofort zu Synnöve durften. "Auf die Einladung von dem Kind?" sagte die Mutter, "nein, das paßt sich nicht."--"Warte bis Sonntag," sagte Thorbjörn, "dann werden wir ja sehen." Der Sonntag kam. "Du sollst so sehr prahlen und lügen und fluchen," sagte Synnöve zu ihm, "und da darfst Du nicht zu uns kommen, bis Du das nie wieder tust."--"Wer hat das gesagt?" fragte Thorbjörn erstaunt.--"Mutter." Ingrid erwartete ihn schon sehr gespannt zu Hause. Als er wiederkam, erzählte er, wie es ihm ergangen war. "Da hast Du's", sagte die Mutter. Aber von dieser Stunde erinnerten sie ihn jedesmal daran, wenn er fluchte oder prahlte. Dabei kam es einmal zwischen ihm und Ingrid bis zur Prügelei, weil sie nicht einig darüber wurden, ob "mich soll gleich der Hund beißen" als Fluch gelten dürfe oder nicht. Ingrid bekam Schläge von ihm, und nun gebrauchte er die Redensart den ganzen Tag. Doch abends hörte sie der Vater. "Gleich wird er Dich beißen", sagte er, und nahm sich Thorbjörn so vor, daß dieser hinpurzelte. Da schämte er sich, und am meisten vor Ingrid; aber kurz darauf ging sie zu ihm und streichelte ihn. Endlich, nach ein paar Monaten, durften sie hinüber nach Solbakken; dann kam Synnöve zu ihnen, sie beide wieder zu ihr, und so verkehrten sie die ganzen folgenden Jahre zusammen. Thorbjörn und Synnöve wetteiferten beim Lernen miteinander; sie gingen in dieselbe Klasse, und zuletzt überholte er sie; er wurde ein so tüchtiger Schüler, daß der Pastor sich seiner ganz besonders annahm. Ingrid kam nicht recht mit, und die beiden halfen ihr; sie und Synnöve wurden unzertrennlich, die Leute nannten sie "Schneehühner", weil sie beide immer zusammen ausflogen und so hell aussahen. Aber mitten drin wurde Synnöve oft mit Thorbjörn böse, weil er so wild war und immer in Händel geriet. Dann versöhnte Ingrid sie, und sie lebten wieder als gute Freunde wie zuvor. Doch hörte Synnöves Mutter von einer seiner Schlägereien, so erlaubte sie nicht, daß er in derselben Woche, kaum in der nächsten, nach Solbakken kam. Sämund durfte nichts davon erfahren; er geht so hart mit dem Jungen um, sagte seine Frau und verbot, davon zu reden. Als sie heranwuchsen, waren alle drei fein anzusehen; jedes hatte seinen besonderen Vorzug. Synnöve wurde groß und schlank, bekam goldblondes Haar und ein zartes, leuchtendes Gesicht mit stillen, blauen Augen. Beim Sprechen lächelte sie, und bald hieß es bei den Leuten: "Zum Segen wird es jedem, den Synnöves Lächeln trifft." Ingrid war untersetzter und dicker; sie hatte noch blonderes Haar als Synnöve und ein ganz kleines rundes Gesicht mit weichen Zügen. Thorbjörn war mittelgroß, besonders gut gewachsen, hatte schwarze Haare, dunkelblaue Augen, einen scharfgeschnittenen Kopf und starke Gliedmaßen. Geriet er in Hitze, dann sagte er gewöhnlich, er könnte ebenso gut lesen und schreiben wie der Lehrer und fürchte keinen Menschen im ganzen Tal;--bis auf seinen Vater, dachte er, aber das sprach er nicht aus. Er wollte schon früh konfirmiert werden; aber daraus wurde nichts. "Solange Du noch nicht konfirmiert bist, giltst Du noch als Junge, und ich habe Dich mehr in meiner Gewalt", sagte sein Vater; infolgedessen ging er erst zur selben Zeit wie Synnöve und Ingrid zum Pastor. Auch Synnöve hatte lange warten müssen, fast bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr. "Man kann nie genug wissen, wenn man sein Bekenntnis vor Gott ablegen soll", hatte die Mutter gesagt, und der Vater, Guttorm Solbakken, hatte zugestimmt. Daher war es nicht eben unerklärlich, daß sich schon zwei Freier meldeten: der eine der Sohn eines besseren Mannes, der andere ein reicher Nachbar. "Da hört doch alles auf,--sie ist ja noch nicht mal konfirmiert."--"Dann wollen wir sie konfirmieren lassen", sagte der Vater. Aber davon erfuhr Synnöve nichts. Der Frau und den Töchtern des Pastors gefiel sie so gut, daß sie von ihnen zu einem Gespräch in das Haus gerufen wurde. Ingrid und Thorbjörn standen unterdessen mit den anderen Konfirmanden draußen, und als einer von den Burschen zu ihm sagte: "Du darfst nicht mit 'rein? Paß' auf, die schnappen sie Dir bestimmt fort", da brachten ihm diese Worte ein blaues Auge ein. Seitdem machten sich seine Kameraden immer ein Vergnügen daraus, Thorbjörn mit Synnöve zu necken, weil sie genau wußten, daß nichts anderes ihn so ärgern und in Wut versetzen konnte. Schließlich kam es, nach vorheriger Verabredung, in einem Walde beim Pfarrhof deswegen zu einer tüchtigen Rauferei, die sich so zuspitzte, daß Thorbjörn es mit einem ganzen Haufen Angreifer auf einmal zu tun kriegte. Die Mädchen waren schon vorausgegangen, und daher niemand da, der dazwischen treten und die Burschen trennen konnte; immer hitziger und hitziger wurden die Gemüter. Thorbjörn wollte auch der Übermacht gegenüber nicht klein beigeben und war nicht wählerisch in der Art seiner Verteidigung; dabei hagelte es Hiebe, die später selber den Vorfall kundtaten. Nun kam auch die Veranlassung heraus und wurde überall viel besprochen. Am nächsten Sonntag wollte Thorbjörn nicht in die Kirche, und als er am folgenden Tage in die Pastorstunde sollte, stellte er sich krank; deshalb ging Ingrid allein. Bei ihrer Rückkehr fragte er sie, was Synnöve gesagt habe. "Nichts." Als er nun wieder mitging, glaubte er zu bemerken, daß alle Leute ihn ansähen und die Konfirmanden grinsten und kicherten. Synnöve kam später als die andern und war nachher viel im Pastorhause. Er fürchtete vom Pastor ausgescholten zu werden, aber er entdeckte schnell, daß nur zwei nichts von der Rauferei wußten, sein Vater und der Pastor. Das war ja soweit ganz gut; aber wie er mit Synnöve wieder in ein Gespräch kommen könne, das wußte er nicht; denn es genierte ihn zum erstenmal, Ingrid um Hilfe zu bitten. Nach Schluß des Unterrichts ging Synnöve wieder zu Pastors; er wartete, solange noch andere dablieben, mußte aber dann auch fort. Ingrid war schon weit voraus. Das nächste Mal war Synnöve früher als alle übrigen gekommen und spazierte mit einer der Pastorstöchter und einem jungen Herrn im Garten umher. Das Fräulein zog Blumen mit der Wurzel heraus und gab sie Synnöve; der Herr half dabei; und Thorbjörn stand mit den andern draußen und sah zu. Da drin sehr laut gesprochen wurde, hörten sie, wie man Synnöve erklärte, in welcher Weise diese Blumen eingesetzt werden müßten, und wie sie versprach, das selbst zu tun, damit es sorgfältig gemacht würde. "Das kannst Du ja gar nicht allein," sagte der Herr; und das gab Thorbjörn zu denken.--Als Synnöve zu den andern herauskam, wurde sie von ihnen mit noch größerer Achtung wie gewöhnlich begrüßt; sie schritt aber direkt auf Ingrid zu, sagte ihr guten Tag und bat sie, mit ihr auf die Wiese zu gehen. Dort setzten sie sich hin; sie hatten sich ja lange nicht richtig ausgesprochen. Thorbjörn stand wieder bei den andern und sah nach Synnöves feinen, ausländischen Blumen. An diesem Tage ging Synnöve zu derselben Zeit wie die übrigen nach Hause. "Darf ich Dir vielleicht die Blumen tragen?" fragte Thorbjörn.--"Bitte", antwortete sie sanft, doch ohne ihn anzusehen, faßte Ingrid bei der Hand und schritt mit ihr voran. Am Wege nach Solbakken blieb sie stehen und nahm von Ingrid Abschied. "Das Stückchen kann ich sie schon selbst tragen", sagte sie und hob den Korb auf, den Thorbjörn hingesetzt hatte. Bei jedem Schritt bis hierher war es eigentlich seine Absicht gewesen, ihr anzubieten, die Blumen für sie einzupflanzen, aber nun brachte er es nicht mehr übers Herz, weil sie sich zu schnell umdrehte. Doch konnte er an nichts anderes denken, als daß er ihr eigentlich dabei helfen müßte. "Wovon sprecht Ihr denn?" fragte er Ingrid. "Von nichts." Als er alle im Bett wußte, zog er sich wieder an und verließ den Hof. Der Abend war schön, war mild und still, der Himmel von dünnen, blaugrauen Wolken überzogen; ihr Flor hatte sich hier und dort gelöst, und nun sah es aus, als ob blaue Augen von oben Umschau hielten. Keine Menschenseele ließ sich bei den Höfen und weiter draußen blicken, doch überall im Grase zirpten die Heuschrecken; rechts lockte eine Wachtel, links antwortete eine zweite, und nun erhob sich auf allen Seiten ein Singen, so daß ihm, dem Dahinschreitenden, zumute war, als ob er in großer Begleitschaft ginge, wenngleich er nicht das Geringste davon sehen konnte. Der Wald zog sich blau, dann dunkler und dunkler die Böschungen entlang und nahm sich zuletzt wie ein großes Nebelmeer aus; aber durch den wogenden Schleier hörte er den Auerhahn sich melden und laut werden, eine einzelne Eule schrie und der Wasserfall sang seine alten, harten Reime stärker als je;--jetzt, da sich alles niedergelassen hatte, um sie anzuhören. Thorbjörn sah nach Solbakken hinüber und schritt weiter. Er bog vom gewöhnlichen Wege ab, kam schnell vorwärts und bald stand er in dem kleinen Garten, der Synnöve gehörte und unterhalb eines Bodenfensters lag, gerade des Fensters, hinter dem sie schlief. Er lauschte und lugte, alles war leer und still, dann sah er sich im Garten nach Arbeitsgeräten um und fand richtig sowohl Spaten wie Harke. Der Anfang zu einem Beet war schon versucht worden; aber nur ein kleiner Streifen fertig; zwei Blumen hatte jemand bereits eingesetzt, vermutlich um zu probieren, wie es aussehe. "Die Ärmste ist müde geworden und wieder weggegangen", dachte er; "hier muß ein Mann 'ran", dachte er weiter, und machte sich an das Werk. Er verspürte nicht die geringste Lust zum Schlaf; ja, nie schien ihm eine Arbeit leichter von der Hand gegangen zu sein. Er erinnerte sich, wie die Blumen eingesetzt werden müßten, erinnerte sich, wie sie im Pfarrhof standen, und beachtete beides gewissenhaft dabei. So verging die Nacht, er merkte nichts davon; er gönnte sich kaum ein Weilchen zum Ausruhen, grub das ganze Beet um, pflanzte die Blumen ein, versetzte eine oder die andere, damit es noch schöner aussehe, und guckte ab und zu nach dem Bodenfenster, ob er doch vielleicht bemerkt wurde. Weder dort noch anderswo war jemand zu sehen; er hörte nicht einmal einen Hund bellen, bevor der Hahn krähte und die Vögel im Walde erwachten, sich,--jetzt dieser, jetzt jener,--aufsetzten, um "Guten Morgen" zu singen. Während er rings um das Beet die Erde mit dem Spaten festschlug, fielen ihm die Märchen von Aslak ein, und er erinnerte sich, wie er damals geglaubt hatte, in Solbakken wüchsen Trolle und Kobolde aus der Erde. Da sah er zum Bodenfenster hinauf und lächelte: Was wird sich wohl Synnöve denken, wenn sie herunterkommt? Es wurde ganz hell; die Vögel vollführten schon einen schauderhaften Spektakel; schnell sprang er über den Zaun und machte, daß er nach Hause kam. So! Nun sollte mal einer beweisen, daß er Synnöves Blumen eingepflanzt habe. Drittes Kapitel Bald wurde ringsum im ganzen Kirchspiel allerhand über die beiden geredet; aber etwas Sicheres wußte keiner zu sagen. Nie wurde Thorbjörn nach der Konfirmation in Solbakken gesehen; und das konnten die Leute gar nicht begreifen. Ingrid kam oft hinunter, und dann machten sie und Synnöve gern einen Spaziergang in den Wald.--"Bleib nicht zu lange", rief Synnöves Mutter der Tochter nach.--"Nein", antwortete sie--und kam erst abends nach Hause. Die beiden Freier stellten sich wieder ein. "Sie soll selbst darüber bestimmen", sagte die Mutter, und der Vater meinte dasselbe; als sie nun Synnöve beiseite nahmen, gab sie ihnen für die Bewerber einen Korb. Es meldeten sich mehr; aber niemand hörte, daß einer mit seinem Antrag in Solbakken Glück gehabt hatte. Eines Tages scheuerten Mutter und Tochter zusammen Milchkübel, und da fragte die Mutter, wer ihr eigentlich in Gedanken liege; das kam dem Mädchen so unerwartet, daß es ganz rot wurde. "Hast Du Dich schon einem versprochen?" fragte die Mutter weiter und sah sie fest dabei an. "Nein", antwortete Synnöve schnell. Seitdem wurde von dergleichen nicht mehr geredet. Da sie weit und breit für die beste Partie galt, folgten ihr lange Blicke, wenn sie zur Kirche ging, der einzigen Stätte, wo sie außer dem Hause zu sehen war; sie beteiligte sich nämlich nicht am Tanz oder sonstigen lauten Festlichkeiten, weil ihre Eltern zu den Haugianern gehörten. Thorbjörn saß ihr im Kirchstuhl gerade gegenüber; aber sie sprachen, soweit es zu bemerken war, nie zusammen. Soviel meinten alle zu wissen, daß etwas mit den beiden sein mußte, und da sie nicht in derselben Weise wie andere Liebespärchen miteinander verkehrten, wurde desto mehr über sie gesprochen. Thorbjörn war nicht sehr beliebt. Das empfand er selbst; denn er stellte sich besonders ungeschlacht an, wenn er unter die Leute kam, wie beim Tanz oder auf Hochzeiten, und dadurch passierte es ihm wiederholt, daß er in eine Rauferei verwickelt wurde. Das ließ aber nach, als er einigen beigebracht hatte, wie stark er war; und dadurch wieder gewöhnte er sich, auf seinem Weg keinen andern zu dulden.--"Nun hast Du freie Hand über Dich," sagte sein Vater Sämund, "aber denke dran, daß meine vielleicht doch noch stärker ist als Deine." Der Herbst, der Winter verging, der Frühling kam heran, und noch immer hatten die Leute nichts Gewisses heraus. Die Körbe, die Synnöve ausgeteilt hatte, und das Gerede darüber bewirkten, daß sie sich fast allein überlassen blieb. Nur Ingrid leistete ihr Gesellschaft; sie sollten auch zusammen auf die Alm in diesem Jahr, da die Solbakkener einen Anteil an der Granlidener Weide oben gekauft hatten. Thorbjörn richtete mancherlei für sie, und man hörte ihn dabei laut von der Höhe heruntersingen. Einmal als er kurz vor der Abenddämmerung mit seiner Arbeit fertig war, setzte er sich hin und dachte über alles mögliche nach; doch hauptsächlich über die Redereien der Leute. Er streckte sich in das rotbraune Heidekraut, legte die Hände unter den Kopf und starrte zum Himmel, der sich über den dichten Baumkronen blau und leuchtend hinzog; die grünen Blätter und Nadeln flossen wie ein zitternder Strom hinein und die dunklen Zweige zeichneten seltsame, wilde Figuren darauf. Der Himmel selbst war nur dann genau dort zu sehen, wenn ein Blatt beiseite flatterte; weiter oben zwischen den Kronen, die einander nicht nahe kamen, brach er wie eine breite Bergflut hervor und lief in lustigen Schwingungen über ihnen hin. Dadurch kam Thorbjörn in eine eigene Stimmung, und seine Gedanken beschäftigten sich weiter mit dem, was er sah.---- ----Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zur Tanne auf; die Kiefer starrte voll stummer Verachtung mit ihren Nadeln nach allen Seiten; denn jedesmal, wenn die Lüfte weicher wurden, schossen mehr und mehr Siechlinge auf, rannten ihr in den Weg und steckten ihr das frische Laub gerade unter die Nase. "Ihr Bande, wo wart Ihr denn im Winter?" fragte die Kiefer, fächelte sich und schwitzte Harz bei der unerträglichen Hitze. "Das ist beinah zu toll--so hoch im Norden--pfui!" Aber da war noch eine,--eine alte, kahle Kiefer, die über alle übrigen Bäume hinwegsah, und doch einen fingerreichen Zweig fast lotrecht niederbeugen und einen dreisten Ahorn ganz oben am Schopf nehmen konnte, so daß ihm die Knie zitterten. Dieser klafterdicken Kiefer hatten die Menschen nach der Spitze zu immer mehr und mehr Zweige abgeholzt, bis ihr einmal die Geschichte zu bunt wurde und sie derart seitwärts schoß, daß die dünne Fichte neben ihr einen Schreck kriegte und sie fragte, ob sie nicht an die Winterstürme denke. "Na und ob!" sagte die Kiefer und klatschte ihr mit Hilfe des Nordwinds so heftig eins um die Ohren, daß sie fast ihre Haltung und Würde dabei verlor; und das war recht schlimm. Die gliederstarke, finstere Kiefer hatte nun mit einem mächtigen Fuß Boden gefaßt; sechs Ellen hoch ragten die Zehen aus der Erde; und daß sie dicker waren als an ihrer dicksten Stelle die Weide, hatte die Weide selbst eines Abends verschämt dem Hopfen zugeflüstert, als er sie verliebt umspannte. Ihrer Kraft war sich die bärtige Kiefer voll bewußt; Zweig an Zweig jagte sie hoch über der Menschen Machtbereich in die wilde Luft, und rief dabei den Menschen zu: "Nun, holt sie Euch!" "Nein, die können sie Dir nicht fortholen", sagte der Adler, ließ sich gnädig auf der Kiefer nieder, schlug die Flügel mit Anstand zusammen und wischte sich einige häßliche Flecke Viehblut vom Gefieder.--"Ich meine, ich könnte die Königin bitten, hier ihren Aufenthalt zu wählen;--sie ist trächtig mit mehreren Eiern; sie wird bald legen", fügte er leiser hinzu und senkte den Blick auf seine kahlen Füße; er schämte sich, daß ihn holde Erinnerungen an jene frühesten Lenztage überkamen, da die erste Sonnenwärme halbtoll macht. Bald hob er die Augen wieder und sah starr unter den buschigen Brauen auf zu den schwarzen Felsrücken, ob nicht die eierschwere, kränkelnde Königin von dort herniedersegele. Er flog auf, und schon konnte die Kiefer das Paar in der klaren, blauen Luft erkennen, wie es in gleicher Linie mit dem höchsten Felsgipfel dahinstrich und über seine häuslichen Angelegenheiten verhandelte. Sie war nicht frei von einer gewissen Unruhe; denn so vornehm sie sich auch schon dünkte, so mußte sie doch noch vornehmer werden, wenn sie ein Adlerpaar wiegte. Es kam herab, kam direkt auf sie zu; ohne einen Ton von sich zu geben, begann es eifrig Reisig heranzuschaffen. Die Kiefer machte sich, wenn möglich, noch breiter,--daran konnte sie keiner hindern. Aber im ganzen Wald erhob sich ein eifriges Geraune, als alles sah, was für eine Ehre der Riesenkiefer erwiesen wurde. Da war unter anderen auch eine kleine, nette Birke, die sich in einem Weiher spiegelte und sich ein gewisses Anrecht auf die Liebe eines Hänflings einredete, der auf ihr gewöhnlich seinen Mittagsschlaf hielt. Sie hatte ihm ihren Duft in den Schnabel gehaucht, Fliegen und Mücken auf ihre Blätter festgeklebt, so daß sie leicht genug zu fangen waren, ja, zuletzt hatte sie in der Hitze ein dichtes Häuschen von Zweigen gebaut und mit Blättern gedeckt, so daß der Hänfling wirklich im Begriff war, es als Sommerwohnung zu benutzen. Jetzt aber: der Adler hatte sich in der Riesenkiefer festgesetzt, und fort mußte der Hänfling. Ach, die Trauer! Er trillerte noch ein Abschiedslied; aber nur ganz leise, damit es der Adler nicht höre. Nicht besser erging es einigen kleinen Sperlingen im Elsenstrauch. Sie hatten dort ein so sündiges Leben geführt, daß die Drossel, nebenan in der Esche, nie zur gehörigen Zeit schlafen konnte, oft ganz außer sich wurde und schimpfte. Das hatte einen ernsten Schwarzspecht derart zum Lachen gebracht, daß er beinah vom Ast gepurzelt wäre. Nun sahen sie den Adler auf der Riesenkiefer; und Drossel, Sperlinge, Schwarzspecht und alles, was fliegen konnte, mußte über Hals und Kopf fort, über und unter die Zweige. Die Drossel versicherte auffliegend mit einem Fluch, daß sie nie mehr eine Wohnung nehmen werde, in deren Nachbarschaft Sperlinge hausten. So stand der Wald in weitem Umkreis verlassen und nachdenklich im heiteren Sonnenschein. Er sollte Freude an der Kiefer haben; aber die Freude war recht mäßig. Kam der Nordwind, dann bog er sich bange, dann peitschte die Riesenkiefer mit ihren mächtigen Zweigen die Lüfte,--ruhig und bedachtsam umflog sie der Adler, als ob ihn nur ein schwacher Windstoß streifte und etwas kümmerlichen Weihrauch vom Wald zu ihm hinauftrüge. Aber die ganze Kiefernfamilie war froh und stolz. Keins ihrer Mitglieder dachte daran, daß es selbst in diesem Jahr gar nichts wiegte. "Weg damit", sagten sie, "wir gehören zu einem vornehmen Stamm." "------Woran denkst Du denn?" fragte Ingrid, die plötzlich lächelnd hinter ihm zwischen Strauchwerk stand, das sie zur Seite gebogen hatte. Nun trat sie vor. Thorbjörn stand auf. "Na, es kann einem wohl manches durch den Kopf gehen", sagte er und sah mit trotzigem Gesichtsausdruck über die Bäume hin.--"Das Gerede und Geklatsche da unten wird mir schließlich zu arg", fügte er hinzu und klopfte sich etwas Erde ab.--"Warum bekümmerst Du Dich immer darum; laß doch die Leute reden."--"Ich weiß nicht recht;--aber--sie haben noch nie etwas gesagt, was ich nicht dachte, wenn ich's auch nicht getan habe."--"Du, das klingt häßlich."--"Das tut's auch", sagte er und fuhr nach kurzer Pause fort: "Aber wahr ist's." Sie setzte sich in das Gras; er blieb stehen und blickte zu Boden. "Ich könnte leicht so werden, wie sie mich haben wollen; sie sollten mich so lassen, wie ich bin."--"Am Ende ist es aber doch Deine Schuld."--"Wohl möglich, aber die andern haben auch Schuld; sie sollen mich zufrieden lassen", schrie er fast und sah zu dem Adler hinauf. "Aber, Thorbjörn", flüsterte Ingrid. Er drehte sich zu ihr hin und lachte: "Schon gut, schon gut, wie gesagt, es kann einem wohl manches durch den Kopf gehen--hast Du heute mit Synnöve gesprochen?"--"Ja, sie ist schon auf die Alm gezogen."--"Heute?"--"Ja."--"Mit dem Solbakkener Vieh?"--"Ja."--"Trallala!" Auf den Baum die Sonne herniedersah: Trallalirum! Mein Schatz, wie stehst Du so leuchtend da? Trallali, trallala! Der Vogel erwachte, er piept: Was gibts? Was ist los? Was gibts?-- "Morgen ziehen wir auch hinauf", sagte Ingrid, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. "Ich gehe mit als Treiber", sagte Thorbjörn.--"Nein", antwortete sie, "Vater will selbst mit."--"Ja so", meinte er und schwieg. "Er hat heute nach Dir gefragt", fuhr sie fort. "Wirklich?" sagte Thorbjörn, schnitt mit seinem Taschenmesser einen Zweig ab und begann ihn abzuschälen. "Du mußt öfter mit Vater reden," sagte sie sanft, "er hat Dich sehr lieb," setzte sie hinzu. "Wohl möglich", meinte er. "Er spricht oft von Dir, wenn Du fort bist!"--"Desto seltener, wenn ich zu Hause bin."--"Das ist Deine Schuld."--"Wohl möglich."--"Rede nicht so, Thorbjörn, Du weißt, was zwischen Euch liegt."--"Was denn?"--"Brauche ich Dir das erst zu sagen?"--"Das kommt auf eins 'raus, Ingrid; Du weißt ja, was ich weiß."--"Jawohl, Du gehst zu sehr auf eigene Faust los, und Du weißt, das kann er nicht leiden."--"Natürlich, er will mich noch beim Arm halten."--"Ja, besonders wenn Du raufst."--"Dürfen denn die Leute alles sagen und tun, was sie wollen?"--"Nein, aber Du kannst ihnen auch mehr aus dem Wege gehen; das hat Vater immer getan und ist dabei ein geachteter Mann geworden."--"Sie haben ihn auch nicht soviel wie mich gereizt und geärgert."--Ingrid schwieg eine Weile, sah sich um und sagte dann: "Das nützt ja nichts, wenn wir immer wieder davon reden; aber trotzdem--wenn Du weißt, daß die Leute irgendwo etwas gegen Dich haben, brauchst Du nicht gerade dorthin zu gehen."--"Ja, gerade dorthin! Ich heiße nicht umsonst Thorbjörn Granliden!"--Er hatte den Bast vom Zweige abgeschält und schnitt nun den Zweig mitten durch. Ingrid sah ihn an und fragte etwas gedehnt: "Willst Du Sonntag nach Nordhoug?"--"Ja."--Sie blieb eine Weile stumm, dann fragte sie, ohne ihn anzusehen: "Weißt Du, daß Knud Nordhoug zur Hochzeit seiner Schwester nach Hause gekommen ist?"--"Ja."--Nun sah sie ihn an: "Thorbjörn! Thorbjörn!"--"Darf er jetzt mehr als früher wagen, sich zwischen mich und andere zu stellen?"--"Das tut er nicht; nicht mehr, als die anderen wollen."--"Keiner weiß, was sie wollen!"--"Du weißt es ganz gut."--"Sie selber sagt keinesfalls was."--"Ach, was redest Du da zusammen!" sagte Ingrid und warf einen Blick rückwärts. Er schmiß die Zweigstücke fort, steckte sein Messer in die Scheide und wandte sich der Schwester zu. "Hör' mal, ich habe es oft recht satt. Die Leute schneiden mir und ihr die Ehre ab, weil nichts offenkundig zugeht; und andererseits--ich komme ja nicht einmal nach Solbakken hinüber, die Eltern können mich nicht leiden, sagt sie. Ich darf sie nicht besuchen, wie andere Burschen ihre Mädchen, weil sie eine Heilige ist--na, Du weißt ja."--"Thorbjörn", sagte Ingrid und wurde immer unruhiger, als er fortfuhr: "Vater will kein gutes Wort für mich einlegen; verdienst Du sie, dann kriegst Du sie, sagt er. Geschwätz, Geschwätz auf der einen Seite und nichts, was dafür entschädigt auf der andern--ja, ich weiß noch nicht mal recht, ob sie--" Ingrid sprang auf, schloß ihm mit der einen Hand den Mund und blickte dabei rückwärts. Da wurde das Strauchwerk wieder beiseite gebogen, ein hohes, schlankes Mädchen mit errötendem Gesicht trat daraus hervor; es war Synnöve. "Guten Abend", sagte sie. Ingrid sah Thorbjörn an, als wollte sie sagen: "Jetzt sieh mal!"--Thorbjörn sah Ingrid an, als wollte er sagen: "Das hättest Du lieber nicht tun sollen." Keines von beiden sah Synnöve an. "Ich darf mich wohl etwas hinsetzen; ich bin heut schon soviel gegangen." Und sie setzte sich, Thorbjörn beugte den Kopf, um zu untersuchen, ob ihr Sitzplatz auch nicht feucht sei. Ingrid hatte schnell fort und nach Granliden hinuntergeblickt; nun rief sie plötzlich: "Ach nein! Ach nein! Fagerlin hat sich losgerissen und trampelt auf der jungen Saat herum! Das Scheusal! Und Kelleros auch! Das ist ja nicht mehr auszuhalten! Höchste Zeit, daß wir auf die Alm kommen!" und weg war sie, ohne auch nur Adieu gesagt zu haben. Synnöve stand sofort auf. "Gehst Du schon?" fragte Thorbjörn. "Ja", sagte sie, blieb aber stehen. "Möchtest Du nicht noch ein bißchen bleiben?" brachte er hervor, ohne sie anzusehen. "Ein andermal", lautete die Antwort. "Das könnte lange dauern." Sie blickte auf; er blickte jetzt auch sie an; aber es verging eine Weile, bis sie wieder sprachen. "Setz' Dich doch wieder", sagte er etwas verlegen. "Nein", antwortete sie und blieb stehen. Er fühlte, wie in ihm der Trotz aufstieg; aber da passierte etwas, was er nicht erwartet hatte; sie tat einen Schritt vorwärts, beugte sich zu ihm hin, sah ihm in die Augen und sagte lächelnd: "Bist Du mir böse?" Und als er sie anblickte, sah er, daß sie weinte. "Nein", entgegnete er und wurde feuerrot. Er streckte ihr die Hand hin; aber da ihre Augen voll Tränen waren, bemerkte sie es nicht, und so zog er die Hand wieder zurück. Endlich sagte er: "Du hast alles mit angehört?"--"Ja", antwortete sie, sah auf und lachte, aber da ihr immer noch mehr Tränen in die Augen traten, wußte er gar nicht, was er tun oder sagen sollte. Da entfuhren ihm die Worte: "Ich habe es doch vielleicht zu arg getrieben." Das kam sehr sanft heraus; sie blickte zu Boden und wandte sich halb ab: "Du sollst nicht richten über Dinge, so Du nicht kennst." Das wurde mit gepreßter Stimme gesagt, und ihm wurde ganz schlimm dabei; er kam sich wie ein kleiner Junge vor und wußte deshalb auch im Augenblick nichts anderes zu sagen als: "Ich bitte Dich um Verzeihung." Aber nun strömten ihre Tränen heftig und heftiger. Das konnte er nicht mit ansehen, er ging hin zu ihr, umfaßte sie und beugte sich über sie: "Liebst Du mich wirklich, Synnöve?"--"Ja", schluchzte sie. "Aber macht Dich das auch glücklich?" Sie antwortete nicht. "Macht Dich das auch glücklich?" wiederholte er. Sie weinte heißer als zuvor und wollte sich ihm entziehen. "Synnöve, wir wollen ein bißchen miteinander reden", sagte er und half ihr sich in das Heidekraut setzen; er setzte sich neben sie. Sie wischte sich die Tränen ab und machte einen Versuch zu lächeln; aber es gelang nicht. Er hielt die eine von ihren Händen fest und blickte ihr in das Gesicht. "Liebste, warum darf ich nicht nach Solbakken kommen?" Sie schwieg. "Hast Du Deine Eltern nie darum gebeten?" Sie schwieg. "Warum nicht?" fragte er und zog ihre Hand näher an sich. "Ich habe mich nicht getraut", sagte sie ganz leise. Seine Miene wurde finster; er hob und bog den einen Fuß leicht, lehnte den Ellbogen auf das Knie und stützte seinen Kopf auf die Hand. "Auf die Art werde ich wohl nie hinüberkommen", sagte er. Statt zu antworten, rupfte sie Heidekraut aus. "Nun ja, ich habe wohl manches getan, was ich lieber hätte sollen bleiben lassen,----aber etwas Nachsicht hätten sie doch haben können. Ich bin nicht schlecht," (hier hielt er einen Augenblick inne) "bin auch noch jung--etwas über zwanzig Jahre bin ich"--er konnte nicht gleich weiter reden. "Aber wer mich richtig liebt," sagte er wieder, "der mußte doch----" und nun verstummte er ganz. Da klang es gedämpft von der Seite her ihm ins Ohr: "Rede nicht so,----Du weißt nicht, wie schwer,--ich darf es ja nicht einmal Ingrid sagen--(und nun unter starken Tränen): ich habe so schwer--zu leiden." Er umschlang sie und zog sie dichter an sich. "Sprich mit Deinen Eltern," flüsterte er, "und Du wirst sehen, alles wird gut."--"Es wird, wie Du willst", flüsterte sie. "Wie ich will?" Da neigte sich Synnöve zu ihm und legte den Arm um seinen Hals. "Liebst Du mich, so wie ich Dich?" sagte sie sehr herzlich und mit einem Versuch zu lächeln. "Etwa nicht?" entgegnete er sanft und leise. "Nein, nein, Du nimmst auf mich keine Rücksicht; Du weißt, was uns zusammenbringen kann, tust es aber nicht. Warum tust Du es nicht?" Und da sie gerade im besten Zuge war, fuhr sie eifrig fort: "Lieber Gott, wenn Du wüßtest, wie ich auf den Tag geharrt und gehofft habe, da ich Dich in Solbakken sehen könnte. Aber wenn man immer von etwas hören muß, was nicht ist, wie es sein soll, und wenn es die eigenen Eltern sind, die einem damit in den Ohren liegen." Da kam es wie eine Erleuchtung über ihn; er sah sie in Solbakken herumgehen und auf eine kurze friedliche Stunde warten, in der sie ihn sanft ihren Eltern zuführen könnte; aber nie bescherte er ihr eine solche Stunde. "Das hättest Du mir früher sagen sollen, Synnöve."--"Hab' ich das nicht getan?"--"Nein, nicht so."--Er dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie, während sie ihre Schürzenzipfel in kleine Falten legte: "Dann habe ich es nicht getan, weil--ich mich nicht traute." Da wurde er bei dem Gedanken, sie habe Furcht vor ihm, so gerührt, daß er ihr zum erstenmal in seinem Leben einen Kuß gab. Vor Verwunderung hielt sie plötzlich mit ihrem Weinen inne; ihre Augen flackerten, sie versuchte zu lächeln, sah zu Boden, sah endlich Thorbjörn an, und nun lächelte sie wirklich. Sie sprachen nicht mehr; aber ihre Hände fanden sich wieder, doch die des andern zu drücken, das traute sich keins von beiden. Dann entzog sie sich ihm sacht, trocknete Augen und Gesicht und strich ihr in Unordnung geratenes Haar wieder glatt. Er saß da, sah sie an und dachte mit beruhigter Seele: "Hat sie mehr Schamhaftigkeit als die andern Mädchen hier, und will danach behandelt werden, so soll keiner was dagegen sagen." Er begleitete sie zu ihrer Alm, die nicht weit entfernt lag. Er wollte gern Hand in Hand mit ihr gehen, aber er fühlte eine gewisse Scheu, die ihm kaum erlaubte, sie zu berühren; es kam ihm schon merkwürdig vor, daß er neben ihr gehen durfte. Beim Abschied sagte er daher auch: "Das soll lange dauern, bis Du wieder einen tollen Streich von mir zu hören bekommst." Im Hause fand er seinen Vater bei der Arbeit, Korn vom Schuppen zur Mühle zu tragen, denn alle Besitzer ringsum mahlten auf der Granlidener Mühle, wenn ihre Bäche kein Wasser mehr hatten; der Granlidener Bach bekam immer neuen Zufluß von den Bergen. Viele Säcke waren hinunterzutragen, manche recht große, manche riesig große darunter. Die Frauen standen unweit davon, hielten Wäsche und wrangen aus. Thorbjörn ging zu seinem Vater hin und packte einen Sack. "Kann ich Dir vielleicht helfen?"--"Das schaffe ich schon allein", sagte Sämund, nahm schnell einen Sack auf seinen Rücken und trug ihn zur Mühle. "Hier sind noch eine ganze Menge", sagte Thorbjörn, packte zwei große, stemmte den Rücken dagegen, griff über die Schultern, faßte mit jeder Hand einen und stützte ihn seitlich mit dem Ellbogen. Auf halbem Wege traf er Sämund, der zurückkam, um mehr zu holen; rasch sah er Thorbjörn an, sagte aber nichts. Als Thorbjörn zum Schuppen zurückging, traf er Sämund mit noch zwei größeren Säcken auf dem Rücken. Diesmal nahm Thorbjörn einen ganz kleinen und zog damit ab; als Sämund ihn traf, sah er ihn an, aber länger als das vorige Mal. Da geschah es, daß sie einmal zu gleicher Zeit vor dem Schuppen waren. "Eine Einladung von Nordhoug ist gekommen," sagte Sämund, "Du sollst Sonntag hin zur Hochzeit." Ingrid sah ihren Bruder bittend an; auch die Mutter sah hin. "Ja so", sagte er trocken, nahm aber diesmal die zwei größten Säcke, die er finden konnte. "Gehst Du hin?" fragte Sämund und runzelte die Stirn.--"Nein." Viertes Kapitel Die Granlidener Alm war schön gelegen; von ihr konnte man das ganze Kirchspiel überschauen--zuerst und am deutlichsten Solbakken inmitten seines vielfarbigen Waldes; dann die andern Höfe in ihrem Ring von Wäldern; wie Friedensstätten, die mit aller Macht und Kraft dem wilden Boden abgewonnen waren, erschienen die grünen Grasflächen mit den Häusern darauf. Vierzehn Höfe konnten von der Alm aus gezählt werden; von dem Granlidener waren nur die Dächer sichtbar; und auch sie nur vom höchsten Punkt aus. Nichtsdestoweniger setzten sich die Mädchen öfter hin, um nach dem Rauch zu blicken, der dort unten aus den Schornsteinen aufstieg. "Jetzt kocht Mutter das Mittagessen," sagte Ingrid, "heute gibt's Pökelfleisch und Speck."--"Hörst Du, jetzt werden die Männer gerufen," sagte Synnöve, "wo arbeiten sie denn heut?" und die Augen der beiden verfolgten den Rauch, der wild und wirbelnd in die klare, sonnenheitre Luft emportrieb, aber bald langsamer wurde, sich's überlegte--und dann breit über den Wald hinfloß, immer dünner und dünner, zuletzt nur wie ein fächelnder Flor und dann kaum mehr zu erkennen. So mancher Gedanke wurde bei diesem Anblick in ihnen wach und umkreiste das Kirchspiel. Heute waren sie in Nordhoug beisammen. Die eigentliche Hochzeit war schon ein paar Tage vorbei; aber da die Nachfeier eine Woche dauerte, klangen noch immer Schüsse und allerlei derbe Rufe zu ihnen herauf. "Die sind aber vergnügt", sagte Ingrid.--"Ich beneide sie nicht darum", sagte Synnöve und nahm ihr Strickzeug. "Da möchte man mit dabei sein", sagte Ingrid, die sich hingekauert hatte, um nach dem Hofe zu blicken, wo die Menschen zwischen den Häusern hin- und hergingen--einige zum Schuppen, vor dem wohl die gedeckten Tische standen, andere paarweise in vertraulichem Gespräch etwas weiter. "Ich weiß nicht recht, was einen dahin ziehen sollte", sagte Synnöve. "Ich weiß das auch kaum," antwortete Ingrid, die immer noch dasaß; "vielleicht der Tanz." Synnöve entgegnete nichts. "Hast Du noch nie getanzt?" fragte Ingrid. "Nein!"--"Hältst Du Tanzen für eine Sünde?"--"Das weiß ich nicht recht." Ingrid mochte im Augenblick nicht weiter davon reden; denn es fiel ihr ein, daß der Tanz bei den Haugianern streng verboten war, und sie wollte Synnöves Verhältnis zu ihren Eltern in diesem Fall nicht näher berühren. Aber da ihr nun mal der Gedanke kam, sagte sie nach einer Weile: "Einen bessern Tänzer als Thorbjörn habe ich noch nie gesehen." Synnöve blieb ein Weilchen still, dann sagte sie: "Ja, er soll gut tanzen."--"Du müßtest ihn einmal tanzen sehen", rief Ingrid lebhaft und wandte sich ihr zu. Aber schnell entgegnete Synnöve: "Nein, das möchte ich nicht." Ingrid war einigermaßen betroffen; Synnöve beugte sich über ihr Strickzeug und zählte die Maschen; plötzlich ließ sie die Arbeit in den Schoß fallen, sah vor sich hin und sagte: "So herzlich vergnügt wie heute bin ich lange nicht gewesen."--"Warum?" fragte Ingrid. "Weil er heute nicht in Nordhoug mittanzt." Ingrid hing ihren eigenen Gedanken nach. "Ja, es sollen Mädchen dort sein, die ihn gern haben möchten", sagte sie. Synnöve öffnete den Mund, als ob sie reden wollte, schwieg aber und zog eine Nadel heraus und eine andere ein. "Thorbjörn möchte wohl selbst gern dort sein, ja, das glaube ich gewiß", fuhr Ingrid fort. Aber kaum hatte sie das ausgesprochen, da fiel ihr ein, was sie damit gesagt hatte; sie sah Synnöve an; die war feuerrot geworden und strickte eifrig. Nun wurde Ingrid mit einem Male alles in ihrem Zwiegespräch klar; sie klatschte in die Hände, kam schnell angelaufen, kniete im Heidekraut dicht vor Synnöve nieder und sah ihr fest in die Augen--Synnöve strickte eifrig. "So, jetzt weiß ich, daß Du mir manchen lieben Tag etwas verheimlicht hast", sagte Ingrid. "Was meinst Du denn?" fragte Synnöve und warf ihr einen unsicheren Blick zu. "Du bist nicht böse, weil Thorbjörn tanzt", antwortete Ingrid--die Freundin entgegnete nichts. Ingrid lachte mit dem ganzen Gesicht, schlang die Arme um Synnöves Hals und flüsterte ihr in das Ohr: "Nein, Du bist böse, weil er mit einer andern tanzt." "Wie kannst Du nur solchen Unsinn reden", sagte Synnöve, riß sich los und stand auf. Ingrid stand gleichfalls auf und ging ihr nach. "Sünde ist es, daß Du nicht tanzen kannst," sagte sie und lachte, "eine wahre Sünde! Komm her, ich will's Dir gleich beibringen", und sie legte ihren Arm um Synnöves Hüfte. "Was willst Du?" fragte Synnöve. "Dir's Tanzen beibringen, Dir den Kummer vertreiben, daß er mit einer andern als mit Dir tanzt!" Nun mußte Synnöve auch lachen, oder wenigstens so tun. "Hier können wir gesehen werden", sagte sie. "Gott segne Dich für die Antwort, wenn sie auch herzlich dumm war", rief Ingrid, fing darauf an zu trällern und Synnöve im Takt herumzuführen. "Nein, nein, das geht ja nicht!"--"Du hast ja selbst vorhin gesagt, Du bist lange nicht so vergnügt gewesen wie heute."--"Ach, wenn es nur ginge!"--"Probier' es nur, dann wirst Du schon sehen, daß es geht."--"Du bist außer Rand und Band, Ingrid."--"Ja, so sagte auch die Katze zum Sperling, als er nicht stillhalten und sich fangen lassen wollte; komm nur."--"Ich hätte schon Lust; aber--"--"Jetzt bin ich Thorbjörn und Du bist seine junge Frau, die nicht will, daß er mit einer andern als mit ihr tanzen soll."--"Aber--" Ingrid trällerte, "aber", entgegnete Synnöve noch; doch sie tanzte schon. Es war ein Springtanz. Ingrid ging mit großen Schritten und Armbewegungen wie ein Mann voraus; Synnöve folgte mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen. Ingrid sang: Und der Fuchs unter Wurzeln der Birke lag, Abseits vom Heidekraut, Und der Hase sprang lustig im grünen Hag, Über das Heidekraut. Die Sonne gießt Licht aus üppigem Born, Und glitzert hinten und glitzert vorn, Über dem Heidekraut. Und es lacht der Fuchs im Wurzelversteck, Abseits vom Heidekraut, Und der Hase sprang unbändig keck Über das Heidekraut. Mir ist heut gar so fröhlich zumut, Juchhei, mein Häslein, wie springst Du gut Über das Heidekraut. Und es lauert der Fuchs im Wurzelversteck, Abseits vom Heidekraut, Und der Hase hüpft just zum gleichen Fleck, Über das Heidekraut. Daß Gott sich erbarme, Du bist hier? Ei, Freundchen, wer heißt Dich tanzen vor mir, Über dem Heidekraut? "Na, ging's nicht schön?" fragte Ingrid, als sie stehen blieben, um Atem zu schöpfen. Synnöve lachte und sagte, sie möchte lieber Walzer tanzen. "Ja, warum denn nicht?" meinte Ingrid, und sie setzten sich gleich in Positur; Ingrid erklärte ihr, wie sie die Füße stellen müsse. "Pass' auf, der Walzer ist schwer, sehr schwer ist er."--"Ach, es wird schon gehen, wenn wir erst in Takt kommen." Nun sollte gleich die Probe gemacht werden. Ingrid sang und Synnöve sang mit, anfangs leise vor sich hin, dann lauter und lauter. Aber plötzlich hielt Ingrid inne, ließ ihre Gefährtin los, klatschte erstaunt in die Hände: "Du kannst ja schon Walzer tanzen!" rief sie. "Still, nicht sprechen!" sagte Synnöve und faßte Ingrid um die Taille, "wir wollen weitertanzen."--"Aber wo hast Du das gelernt--?"--"Tralla, tralla"--und Synnöve schwang Ingrid im Kreis; die tanzte jetzt nach Herzenslust und sang dabei: Schau', die Sonne tanzt auf dem Hankelidfjell, Tanz', meine Liebste, der Abend naht schnell; Schau', der Bergbach hüpft zum Meere fort, Hopp, wilder Gesell, dein Grab wartet dort, Schau', die Birke schwingt sich beim Windesspiel, Schwing dich, Dirnlein!--Was brach dort, was fiel? Schau',---- "Was singst Du immer für merkwürdige Lieder?" sagte Synnöve und hörte auf zu tanzen. "Ich weiß gar nicht, was ich singe", antwortete Ingrid, "Thorbjörn hat's mal gesungen."--"Das ist eins von Zuchthaus-Bents Liedern; die kenn' ich."--"Zuchthaus-Bent?" fragte Ingrid und genierte sich etwas. Sie sprach nicht mehr und blickte vor sich hin in die Ferne; plötzlich gewahrte sie ein Gespann unten auf dem Wege. "Du, dort fährt einer von Granliden herunter und lenkt in die Gemeindestraße ein."--Synnöve sah auch hin. "Ist er es?" fragte sie. "Ja, das ist Thorbjörn, er will in die Stadt."---- ----Es war Thorbjörn und er fuhr in die Stadt. Sie lag ziemlich entfernt, die Last war schwer und er fuhr deshalb langsam den staubigen Weg hin. Von oben konnte man ein Stück der Fahrstraße übersehen, und als er nun von den Bergen herunter jodeln hörte, dachte er sich gleich, von wem das wohl käme, kletterte auf die Ladung und jodelte wieder, so daß es zwischen den Felsen schallte. Nun wurde oben auf dem Horn geblasen; er lauschte, und als die Töne verklangen, richtete er sich wieder auf und jodelte. Dann fuhr er wohlgemut weiter; er sah nach Solbakken hinüber und meinte es bisher niemals in so hellem Sonnenglanz gesehen zu haben. Aber währenddessen hatte er gar nicht mehr an sein Pferd gedacht; das ging, wie es wollte. Da fuhr er plötzlich auf, der Gaul hatte einen scharfen Seitensprung gemacht, so daß die eine Deichselstange brach, und nun raste das Tier in wildem Trab vom Weg herunter über das Nordhouger Feld. Thorbjörn sprang auf und suchte es zu halten; es kam zu einem richtigen Kampf zwischen beiden; das Pferd wollte über einen Abhang, er riß es mit den Zügeln zurück; endlich zwang er es, sich zu bäumen, sprang ab, schlang die Leine um einen Baum, und nun mußte es stehen. Die Ladung war teilweise herausgeschleudert, die eine Deichselstange zerbrochen und der Gaul stand da und zitterte. Thorbjörn ging hin, faßte ihn am Zaum und redete ihm gut zu; dann wendete er das Pferd, daß es mit dem Rücken gegen den Abhang stand und nicht über ihn hinunter konnte; aber das Tier war zu scheu, um still stehen zu bleiben,--er mußte ihm sprungweise folgen, und so kam er wieder bis zur Straße. Dabei fuhr er an der heruntergefallenen Ladung vorbei; Töpfe und Krüge waren entzwei, der Inhalt größtenteils verdorben. Bisher waren Thorbjörns Gedanken nur auf die Fahrt gerichtet gewesen; jetzt dachte er an die Folgen und wurde wütend; soviel stand fest: zur Stadt konnte er nicht; und je klarer ihm das wurde, um so wütender war er. Als er auf den Weg gekommen, scheute das Pferd noch einmal, und versuchte wieder einen Seitensprung, um sich loszureißen, und nun brach Thorbjörns Wut los. Mit der linken Hand hielt er es an Zaum und Gebiß fest, mit der rechten versetzte er ihm Peitschenhieb auf Peitschenhieb über die Lenden, so daß es rasend wurde und mit den Vorderhufen nach Thorbjörns Brust schlug. Aber Thorbjörn wich ihm aus und hieb nun ärger als zuvor--aus Leibeskräften--mit dem Peitschenstiel. "Ich werde Dir's schon beibringen, Du niederträchtiges Vieh", und er hieb zu. Das Pferd wieherte, schrie,--er hieb zu. "Jetzt sollst Du einen kennen lernen, der stärker ist als Du", und er hieb. Das Pferd schnaubte, so daß der Schaum Thorbjörns ganze Hand bespritzte; aber er schlug weiter: "Das soll das erste und letzte Mal sein, Du Schinder; da! da! und noch einen! Du sollst parieren lernen, Du Luder!" und er hieb. Inzwischen hatten sie sich völlig umgedreht; das Pferd wagte keinen Widerstand mehr, zitterte und bebte bei jedem Hieb und bog sich wiehernd zur Seite, sobald die Peitsche durch die Luft schwirrte. Da schämte sich Thorbjörn ein bißchen; er hielt inne. Im selben Augenblick bemerkte er einen Mann, der auf dem Grabenrand saß, sich auf den Ellbogen stützte und ihn anlachte; er wußte nicht warum, aber ihm wurde fast schwarz vor den Augen und, das Pferd am Zaum haltend, ging er auf den Mann mit erhobener Peitsche zu: "Jetzt sollst Du mal lachen!" Der Schlag fiel, traf aber nur halb, da sich der Mann mit einem Aufschrei in den Graben hinunterwälzte; dort blieb er auf allen Vieren liegen, richtete jedoch den Kopf hoch und schielte nach Thorbjörn. Dabei zog er den Mund schief zum Lachen, aber zu hören war kein Lachen. Thorbjörn wurde betroffen; eine Erinnerung durchzuckte ihn. Jawohl, es war Aslak. Thorbjörn überlief es kalt. "Du hast gewiß beidemal das Pferd scheu gemacht", sagte er. "Ich habe ja nur hier gelegen und geschlafen," antwortete Aslak, "und Du hast mich geweckt, wie Du Dein Pferd verrückt gemacht hast."--"Du bist es gewesen,--vor Dir haben alle Tiere Angst." Und er streichelte den Gaul, von dem der Schweiß herabrann. "Dein Tier hat wohl mehr Angst vor Dir als vor mir;--so bin ich noch mit keinem Pferd umgegangen", sagte Aslak, jetzt kniete er im Graben. "Halt Dein großes Maul", erwiderte Thorbjörn, und drohte mit der Peitsche. Da stand Aslak auf und krabbelte aus dem Graben. "Ich ein großes Maul!? Fällt mir ja gar nicht ein--wo willst Du denn so schnell hin?" sagte er freundlich und kam näher; aber er wankte beim Gehen--er war betrunken. "Mit dem Weiterwollen ist es heut nichts", meinte Thorbjörn und spannte das Pferd aus. "Das ist aber recht ärgerlich", sagte der andere, kam noch näher und nahm den Hut ab. "Herrjeh, was bist Du für ein großer und hübscher Bursche geworden, seitdem ich Dich nicht gesehen habe." Er hatte beide Hände in die Taschen gesteckt, stand so fest, wie er konnte, auf den Beinen und betrachtete Thorbjörn, der das Pferd nicht von den Wagentrümmern losbekommen konnte. Thorbjörn brauchte Hilfe; aber Aslak darum zu bitten, das mochte er denn doch nicht. Der sah zu eklig aus. Auf seinem Anzug lag der Grabenschmutz, sein Haar hing wirr unter einem blanken, beträchtlich alten Hut hervor; sein Gesicht war zwar noch teilweise das frühere, wohlbekannte; aber jetzt immer zum Lachen verzogen, die Augen schienen noch geschlossener, so daß er sich hintenüber beugen mußte und der Mund etwas offen stand, wenn er jemand ansah; alle Züge waren schlaff, der ganze Ausdruck stier--denn Aslak trank. Thorbjörn hatte ihn schon vorher ein paarmal gesehen, aber Aslak tat, als wüßte er das nicht, er hatte sich im ganzen Kreis als Hausierer herumgetrieben und war am liebsten dort eingekehrt, wo es laut und lustig zuging. Dort trug er seine Lieder vor, erzählte seine Schnurren und bekam zum Lohn Branntwein. Darum war er auch auf der Hochzeit in Nordhoug gewesen; jetzt aber für einige Zeit wohlweislich verduftet, weil er, wie Thorbjörn später erfuhr, nach seiner gewohnten Art die Leute solange zusammengehetzt hatte, bis, eine Rauferei entstanden war, und da hatte er Angst bekommen, selbst verprügelt zu werden. "Binde das Pferd lieber an, das ist besser, als wenn Du's ausspannst," sagte er, "Du mußt doch nach Nordhoug und Dir Hilfe holen." Thorbjörn hatte schon selbst daran gedacht, aber der Gedanke war ihm unangenehm. "Dort ist ja heut eine große Hochzeit", meinte er. "Auch eine große Menge Leute, die helfen können", antwortete Aslak. Thorbjörn überlegte; aber ohne Hilfe konnte er weder vorwärts noch zurück, und so war es doch schließlich das beste, nach dem Hof zu gehen. Er band also das Pferd am Wagen fest und ging. Aslak folgte, Thorbjörn sah sich nicht nach ihm um. "Jetzt habe ich eine gute Begleitung für den Rückweg", sagte Aslak und lachte. Thorbjörn antwortete nicht, sondern schritt schnell aus. Aslak sang hinter ihm her. "Da ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus" usw., ein altes, überall bekanntes Lied. "Du gehst schnell," sagte er nach einer Weile, "Du kommst noch früh genug hin." Thorbjörn antwortete nicht. Bald hörten sie den Lärm von Tanz und das Geigenspiel; Köpfe erschienen in den offenen Fenstern des großen, zweistöckigen Hauses; Gruppen versammelten sich im Garten. Thorbjörn merkte, daß die Leute dort besprachen, wer wohl käme, zugleich, daß mancher ihn erkannte, auch wie kurz nachher das Pferd und die verstreute Ladung entdeckt wurden. Der Tanz brach ab und ein ganzer Menschenstrom wälzte sich aus dem Hause und ihnen entgegen. "Hier kommen Hochzeitsgäste wider Willen", rief Aslak, als sie sich beide der Gesellschaft näherten. Thorbjörn wurde begrüßt, und ein Kreis von Menschen umringte ihn. "Gott segne das Fest, das gute Bier auf dem Tisch, die hübschen Frauensleute auf dem Tanzboden und den wackern Spielmann auf dem Schemel!" rief Aslak und drängte sich schnell in die Menge. Einige lachten, andere blieben ernst, einer sagte: "Hausierer-Aslak ist immer gut aufgelegt." Thorbjörn traf gleich Bekannte, denen er von seiner verunglückten Fahrt erzählen mußte; sie litten nicht, daß er selbst zu dem Pferd und den Sachen zurückging, und schickten andere hin. Der Bräutigam, ein junger Mann und früherer Schulkamerad von Thorbjörn, lud ihn ein, das Hochzeitsbräu zu kosten, und nun zog der ganze Haufen wieder in die Stube. Ein Teil, besonders Frauen und Mädchen, wollte wieder tanzen, ein anderer lieber ein Stündchen trinken, und Aslak, da er nun doch mal wieder da war, sollte etwas erzählen. "Aber sei vorsichtiger als vorhin", fügte einer hinzu. Thorbjörn fragte, wo die übrigen Gäste seien. "Es ging ein bißchen laut und derb hier zu," wurde ihm geantwortet, "da haben sich ein paar hingelegt und ruhen sich aus; wieder welche sitzen in der Scheune und spielen Karten, und welche sitzen mit Knud Nordhoug zusammen". Thorbjörn erkundigte sich nicht, wo Knud zu finden sei. Der Vater des Bräutigams, ein alter Mann, der auf einer Bank saß, aus einer Pfeife rauchte und trank, sagte jetzt: "'raus mit Deiner Geschichte, Aslak, einmal kann man sich sowas schon gefallen lassen." "Bitten noch mehr darum?" fragte Aslak, der sich auf einen Schemel gesetzt hatte, etwas abseits von dem Tisch, um den die andern saßen. "Jawohl," sagte der Bräutigam und gab ihm ein Glas Branntwein, "ich bitte Dich auch darum."--"Bitten mich noch mehr auf die Art?" fragte Aslak wieder. "Ja, das tun sie", sagte eine junge Frau auf einer Seitenbank und reichte einen Becher Wein hin; es war die Braut, ein Frauenzimmer von zwanzig Jahren, blond, mager, mit großen, schwarzen Augen und einem strengen Zug um den Mund.--"Ich höre Deine Geschichten gern", setzte sie hinzu. Der Bräutigam sah sie, sein Vater sah ihn an. "Ja, die Nordhouger haben immer gern meine Geschichten gehört," antwortete Aslak, "auf Ihr Wohl!" und er leerte sein Glas, das ihm ein Brautführer gebracht hatte. "Vorwärts, los!" riefen mehrere. "Von Sigrid, der Herumtreiberin", schrie einer. "Nein, das ist eine zu eklige Geschichte", entgegneten andere, hauptsächlich Frauen. "Von der Lierer Schlacht", bat Svend Tambour. "Lieber was Lustiges", sagte ein schlanker Bursche, der die Jacke ausgezogen hatte, sich an die Wand lehnte, und dabei immer mit der rechten Hand ein paar jungen Mädchen, die vor ihm saßen, in die Haare fuhr. Die Mädchen schimpften, aber dachten nicht daran, fortzulaufen. "Jetzt erzähle ich, was mir paßt", sagte Aslak. "Schwerenot", murmelte ein älterer Mann, der auf dem Bette lag, rauchte, sein eines Bein herunterbaumeln ließ und mit dem andern wiederholt gegen eine Sonntagsjacke stieß, die über dem Bettpfosten hing. "Weg mit Deinem Bein von meiner Jacke!" rief der Bursche an der Wand. "Weg mit Deiner Hand von meinen Töchtern", rief der Alte. Da liefen die Mädchen fort. "Ja, ich erzähle, was mir paßt," sagte Aslak wieder, "Branntwein ist gut, der schießt ins Blut!" Und er schlug klatschend die flachen Hände zusammen. "Du sollst erzählen, was uns paßt," wiederholte der Mann im Bett; "der Branntwein kommt von uns."--"Was meinst Du damit?" fragte Aslak und riß die Augen weit auf. "Das Jungschwein, das wir fett machen, schlachten wir auch," sagte der Mann und baumelte mit dem Bein. Aslak schloß die Augen wieder; aber hielt den Kopf noch hoch; dann ließ er ihn sinken und antwortete nichts. Verschiedene redeten ihn an; aber er hörte es gar nicht. "Der Branntwein hat ihn untergekriegt", sagte der Mann im Bett. Da sah Aslak auf und fing wieder an, das Gesicht zum Lachen zu verziehen. "Ja, jetzt sollt Ihr ein lustiges Stückchen hören," sagte er, "Herrgott, ist das lustig!" setzte er hinzu und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber hören konnte keiner irgend welches Lachen. "Er hat heute seinen guten Tag", sagte der Vater des Bräutigams. "Hat er auch," entgegnete Aslak, "doch erst einen Schluck auf den Weg!" und er streckte die Hand hin. Er bekam ein Glas Branntwein, trank es langsam hinunter, bog den Kopf zurück, kostete den letzten Tropfen aus und wandte sich zu dem Mann im Bett: "So, jetzt bin ich Euer Schwein", und er lachte wieder unhörbar wie vorher. Dann legte er seine Hände um das eine Knie, hob den Fuß auf und nieder, schaukelte den Oberkörper dabei hin und her--und dann fing er an: "Ja, es war einmal ein Mädchen da drüben in einem Tal. Wie das Tal hieß, geht Euch nichts an, und auch nicht, wie das Mädchen hieß. Aber hübsch war die Dirne, und das fand auch der Besitzer des Hofs--psst, keinen Namen!--und bei dem diente sie. Sie kriegte guten Lohn, und sie kriegte mehr als sie kriegen sollte, nämlich ein Kind. Die Leute sagten, es sei von ihrem Herrn, aber er sagte das nicht; denn er war ein verheirateter Mann; und sie sagte es auch nicht; denn sie war stolz, die arme Trude. So logen sie denn was bei der Taufe zusammen--es war ja ein Elend für den Jungen, daß sie ihn geboren hatte,--da war's auch gleich, ob er mit 'ner Lüge getauft wurde. Sie kriegte einen Unterschlupf dicht beim Hof, und das paßte der Besitzersfrau natürlich nicht. Kam das Mädchen ihr mal nahe, dann spuckte sie es an, und kam der kleine Junge auf den Hof und wollte mit ihrem Jungen spielen, dann ließ die den Hurenbengel fortjagen: 'Besseres ist er nicht wert', sagte sie. Tag und Nacht lag sie ihrem Mann in den Ohren, er solle das Bettelvolk hinausschmeißen. Der Mann sträubte sich dagegen, solange er Mann war--; aber dann verlegte er sich aufs Saufen, und da kriegte das Weib die Oberhand. Das war ein Elend für die arme Person. Von Jahr zu Jahr ging es mit ihr zurück, und zuletzt war sie mit ihrem Jungen dicht am Verhungern; aber der wollte nicht fort von seiner Mutter, der kleine Junge. So vergingen allmählich acht Jahre; sie waren vergangen, und noch immer saß sie auf ihrer Stelle, obgleich sie immer weg sollte.------Und schließlich kam sie weg!----Vorher aber stand der Hof in lustigen, hellen Flammen und der Mann verbrannte, weil er besoffen war--das Weib rettete sich mit ihren Kindern und sagte aus, die Dirne, die dicht beim Hofe wohnte, habe den Brand angelegt. Das war wohl möglich.----Aber es war auch was anderes möglich.----Sie hatte so 'nen wunderlichen kleinen Kerl von Jungen. Acht Jahre mußte der sehen, wie sich seine Mutter abrackerte, und er wußte auch, wer schuld daran war; denn seine Mutter sagte es ihm oft, wenn er fragte, warum sie immerzu weine. Das tat sie auch an dem Tage, bevor sie ausziehen sollten, und darum war er fort in der Nacht.--Aber sie mußte auf Lebenszeit ins Zuchthaus, denn sie hatte selbst vor dem Gerichtsschreiber gesagt, daß sie das lustige Feuer auf dem Hofe angesteckt habe. Der Junge zog im Kirchspiel herum und alle unterstützten ihn, weil er so 'ne schlechte Mutter hatte.--Dann zog er weiter, weiter in eine ganz andere Gegend, da wurde er nicht mehr unterstützt; da wußte ja keiner, wie schlecht seine Mutter war. Ich glaube nicht, daß er selbst darüber sprach.--Zuletzt hörte ich, daß er besoffen war, und die Leute sagen, er sei zuletzt gar nicht mehr aus dem Suff herausgekommen; ob das wirklich richtig ist, soll ungesagt bleiben; aber richtig ist, daß ich nicht weiß, was er Besseres hätte tun können. Er ist ein schlechter, gemeiner Kerl; er kann die Menschen nicht leiden, besonders nicht die, die gut zueinander sind; und die gut zu ihm sind, die erst recht nicht. Und er möchte, daß die andern gerade so sind wie er selbst; das sagt er aber bloß, wenn er besoffen ist; und dann weint er, weint er, daß es Tränen hagelt, und über rein nichts;--denn worüber hätte er denn zu weinen? Er hat keinem einen Pfennig gestohlen oder, wie andere, was Böses angestellt,--also warum weint er? Und doch weint er, weint er, daß es Tränen hagelt. Und wenn Ihr das mal sehen solltet, dann glaubt ihm nicht, denn er tut's bloß, wenn er besoffen ist, und da ist er nicht zurechnungsfähig."--Und mit dem letzten Worte fiel Aslak rückwärts vom Schemel und weinte heftig los; aber das ging schnell vorüber; denn er schlief ein.--"Jetzt ist das Schwein voll," sagte der Mann im Bett, "dann heult er sich immer in den Schlaf."--"Das war eine häßliche Geschichte", sagten die Frauen und standen auf, um aus der Stube zu kommen. "Ich habe ihn noch nie eine andere erzählen hören, wenn er sie selbst aussuchen durfte", sagte ein alter Mann, der von seinem Platz an der Tür aufgestanden war: "Gott weiß, warum ihm die Leute so gern zuhören", fügte er hinzu und sah dabei die Braut an. Fünftes Kapitel Einige gingen heraus, andere suchten den Spielmann, um wieder zu tanzen; aber der war in einem Winkel des Flurs eingeschlafen, und da baten einige, man möge ihn in Ruhe lassen: "seitdem sein Kamerad Lars hier zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole die ganze Zeit über aushalten müssen." Unterdes war Thorbjörns Pferd angelangt; es wurde vor einen andern Wagen gespannt, da er trotz allen Zuredens weiter wollte. Besonders der Bräutigam gab sich alle Mühe, ihn zurückzuhalten: "Hier ist nicht soviel Freude für mich, wie mancher glaubt", meinte er; und das brachte Thorbjörn auf eigene Gedanken; aber fort wollte er doch noch vor Abend. Als die anderen sahen, daß er darauf bestand, ließen sie ihn nach und nach allein; es waren viele Menschen da; aber es ging recht still zu, und das Ganze machte gar nicht den Eindruck einer richtigen Hochzeit. Thorbjörn brauchte einen Pflock für sein Pferdegeschirr, und suchte danach; auf dem Hof war nichts Rechtes zu finden, so ging er weiter, kam zu einem Holzschuppen und trat dort ein--langsam und nachdenklich; die Worte des Bräutigams klangen ihm noch immer in den Ohren. Er fand, was er suchte, und setzte sich ganz zufällig, mit Messer und Pflock in Händen, an die Wand. Da hörte er neben sich ein Stöhnen; das mußte von der Innenseite der dünnen Wand kommen, hinter der die Wagen standen; Thorbjörn lauschte. "Du bist es?--Du?" brachte mit langen Zwischenräumen und mühsam eine Stimme heraus; eine Männerstimme. Darauf vernahm er, wie jemand weinte; aber das konnte kein Mann sein.--"Warum mußtest Du auch noch herkommen?" wurde gefragt; und jedenfalls von der Person, die weinte; denn Tränen klangen aus den Worten.--"Hm--zu welcher Hochzeit sollte ich denn aufspielen, wenn nicht zu Deiner?" sprach die erste Stimme. Das kann kein andrer wie Lars, der Spielmann, sein, dachte Thorbjörn.--Lars war ein ansehnlicher, hübscher Gesell, dessen alte Mutter in einer Kate unweit vom Gutshof zur Miete wohnte. Aber die andere Stimme, das mußte die Braut sein!--"Warum hast Du nie gesprochen?" sagte sie gedämpft, aber so gedehnt, als ob sie sehr bewegt sei. "Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht nötig", lautete die kurze Antwort. Einige Augenblicke blieb es still, dann sagte sie wieder: "Du wußtest aber doch, daß er meinetwegen herkam,"--"Ich habe Dich für stärker gehalten."--Dann hörte Thorbjörn nur, daß sie weinte; endlich stieß sie die Worte hervor: "Warum hast Du nicht gesprochen?" "Es hätte wohl dem Sohn der alten Birthe viel genützt, wenn er mit der Tochter von Nordhoug gesprochen hätte", erwiderte er nach einer Pause, in der er schwer Atem geholt und oft gestöhnt hatte. Die Antwort ließ auf sich warten;--"wir haben doch so manches Jahr ein Auge aufeinander gehabt", klang es endlich. --"Du warst so stolz, man konnte gar nicht richtig mit Dir reden."----"Es war doch nichts auf der Welt, was ich lieber gewollt hätte.--Ich wartete jeden Tag darauf;--wo wir uns trafen--mir kam es fast vor, als drängte ich mich Dir auf. Da dachte ich, Du machtest Dir nichts aus mir."--Es wurde wieder ganz still; Thorbjörn hörte weder eine Antwort, noch weinen; er hörte nicht einmal den Kranken Atem holen. Thorbjörn dachte an den Bräutigam; er hielt ihn für einen braven Mann, und er tat ihm leid; und im selben Augenblick sagte auch sie: "Ich fürchte, er wird wenig Freude an mir haben,--er, der--" "Er ist ein braver Mann", erwiderte der Kranke, und dann fing er an, unruhig zu werden, da ihm die Brust schmerzte. Es war, als ob sie die Schmerzen mitfühlte, denn sie sagte: "Mir ist schwer ums Herz Deinetwegen,--aber--wir hätten uns wohl nie ausgesprochen, wenn das nicht dazwischen gekommen wäre. Erst als Du Dich mit Knud gerauft hast, habe ich alles begriffen."--"Ich konnte es nicht länger ertragen", antwortete er, und einen Augenblick darauf: "Knud ist ein schlechter Kerl."--"Ja, gut ist er nicht", sagte sie, Knuds Schwester. Sie blieben eine Weile stumm, dann sprach er: "Ich bin gespannt, ob ich wieder mal aufkomme; ach, das ist auch jetzt ganz einerlei."--"Geht's Dir schlecht, so geht's mir schlechter," darauf lautes Weinen. "Willst Du fort?" fragte er.--"Ja, ach, Du lieber Gott,--Du lieber Gott, was wird das für ein Leben werden!"--"Weine nicht so," sagte er, "unser Herrgott macht hoffentlich bald ein Ende mit mir, und dann, wirst Du sehen, geht es auch Dir besser."--"Jesus, Jesus, wenn Du nur gesprochen hättest!" rief sie mit verhaltener Stimme und schien die Hände zu ringen; Thorbjörn meinte, sie sei fortgegangen, oder nicht mehr imstande, weiter zu sprechen; er hörte eine ganze Zeitlang nichts mehr, und ging dann selber. Den ersten, besten, den er im Garten traf, fragte er: "Warum sind denn Spielmann Lars und Knud Nordhoug aneinander geraten?"--"Warum, ja--" sagte Per Hausmann und zog sein Gesicht in Falten, als ob er was drin verstecken wollte; "danach kannst Du wohl fragen, denn es war nur um eine Kleinigkeit; Knud fragte Lars, ob seine Fiedel bei der Hochzeit hier auch gut gestimmt sei." In demselben Augenblick ging die Braut vorbei; sie hatte erst ihr Gesicht seitwärts gewendet; aber als sie den Namen Lars hörte, drehte sie es ihnen zu, und da zeigte es sich, daß ihre großen Augen ganz rot waren und flackerten; aber ihre Züge erschienen kalt, so kalt, daß Thorbjörn nichts von ihren früheren Worten mehr herauslesen konnte; da wurde ihm manches noch klarer. Weiter vorn im Hof stand sein Pferd fertig zur Abfahrt; er schlug den Pflock ein und schaute nach dem Bräutigam, um Abschied zu nehmen. Er hatte keine Lust, ihn aufzusuchen; es war ihm fast lieber, daß der Bräutigam unsichtbar blieb, und so setzte er sich auf den Wagen. Da entstand mit einem Mal ein großer Lärm links von ihm, bei der Scheune; er hörte rufen, ein Menschenhaufen kam herangezogen, ein großer Mann, der voranging, schrie: "Wo ist er?--Hat er sich versteckt?--Wo ist er denn?"--"Dort, dort", riefen ein paar Stimmen. "Laßt ihn nicht hin," riefen wieder andere, "sonst gibt's ein Unglück."--"Ist das Knud?" fragte Thorbjörn einen kleinen Jungen neben seinem Wagen. "Ja, er ist betrunken, und dann will er immer raufen." Thorbjörn hatte sich schon zurechtgesetzt und trieb sein Pferd an.--"Halt! Halt! Kamerad!" rief es hinter ihm; er zog die Leine an, aber da das Pferd im Trab blieb, ließ er es gehen. "Hast Du Angst, Thorbjörn Granliden?" schrie es unweit; da hielt er an, sah aber nicht hinter sich. "Steig ab, hier triffst Du gute Gesellschaft!" rief einer. Thorbjörn drehte sich um. "Danke, ich muß nach Hause", sagte er. Wie sie ein bißchen hin- und herredeten, war der ganze Haufen herangekommen; Knud ging auf das Pferd zu, streichelte es und faßte es beim Zaum, um es anzusehen. Er war groß, hatte blondes, aber struppiges Haar und eine Stumpfnase, breite, dicke Lippen und milchblaue Augen, doch einen frechen Blick. Seiner Schwester ähnelte er wenig, nur etwas in einem Zug um den Mund; er hatte auch die gleiche gerade Stirn, aber nicht so eine hohe wie sie; alle ihre feinen Züge waren bei ihm vergröbert. "Was willst Du für Deine Schindmähre haben?" fragte Knud. "Mein Pferd ist nicht zu verkaufen", antwortete Thorbjörn. "Du meinst wohl, ich kann's nicht bezahlen?" sagte Knud.--"Ich weiß nicht, was Du kannst oder nicht kannst."--"So,--also Du meinst: nein,--Du! Nimm Dich in acht", sagte Knud. Der Bursche, der vorhin in der Stube an der Wand gestanden hatte und den Mädchen ins Haar gefahren war, äußerte jetzt zu einem Nachbar: "Diesmal hat Knud keine rechte Schneid." Das hörte Knud. "Keine Schneid? Wer sagt das? Ich keine Schneid?" schrie er. Mehr und mehr Menschen kamen heran. "Aus dem Weg! Achtung, das Pferd", rief Thorbjörn und trieb seinen Gaul an; er wollte fort.--"Hast Du zu mir aus dem Weg gesagt?" fragte Knud. "Ich habe nur zum Pferd gesprochen, ich muß fort", antwortete Thorbjörn, bog aber nicht aus. "Warum fährst Du gerade auf mich los?" fragte Knud. "Weg da!"--und das Pferd reckte sich in die Höhe, sonst hätte es mit dem Kopf Knud vor die Brust gestoßen. Da packte Knud es am Zaum und Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch frisch im Gedächtnis hatte, fing an zu zittern. Das wirkte auf Thorbjörn; das mahnte ihn daran, was er selbst dem Pferde angetan hatte; den Ärger über sich übertrug er auf Knud. Nun sprang er auf und zog mit der Peitsche diesem eins über den Kopf. "Du schlägst?" schrie Knud und kam auf ihn zu. Thorbjörn sprang ab. "Du bist ein schlechter Kerl", sagte er und wurde dabei totenblaß; die Zügel gab er dem Barschen aus der Stube, der herangetreten war und sich angeboten hatte. Aber der alte Mann, der nach Aslaks Erzählung von seinem Platz an der Tür aufgestanden war, ging nun auf Thorbjörn zu und zog ihn am Arm. "Sämund Granliden ist ein zu braver Mann, als daß sich sein Sohn mit solchem Raufbold abgeben sollte." Das besänftigte Thorbjörn; Knud aber schrie: "Ich ein Raufbold? Das ist er gerade so gut wie ich, und mein Vater ist gerade so gut wie seiner. Komm 'ran! Dumm genug, daß die Leute nicht wissen, wer von uns der Stärkere ist", fügte er hinzu und legte sein Halstuch ab. "Die Probe darauf machen wir noch immer früh genug", sagte Thorbjörn. Da meinte der Mann, der vorhin im Bette gelegen hatte: "Sie sind wie zwei Katzen, erst müssen sie sich anprusten beide." Thorbjörn hörte das wohl, aber antwortete nicht. Einige lachten; andere sagten wiederum, das sei doch zu toll mit den vielen Raufereien auf dieser Hochzeit; sie sollten doch einen Fremden in Frieden lassen, der ruhig seiner Wege ziehen wollte. Thorbjörn sah sich nach seinem Pferd um, es war seine feste Absicht, weiter zu fahren; aber der Bursche, der es ihm abgenommen, hatte es eine ganze Strecke beiseite geführt und stand selbst wieder dicht bei Thorbjörn. "Was siehst Du Dich um?" fragte Knud, "Synnöve ist weit fort."--"Was geht Dich Synnöve an?"--"Nein, so'ne scheinheiligen Frauenzimmer gehen mich gar nichts an," sagte Knud, "aber vielleicht benimmt sie Dir den Mut!" Das war für Thorbjörn denn doch zu viel; die Umstehenden merkten, daß er das Terrain für den Kampf untersuchte. Nun traten wieder ältere Männer dazwischen und meinten, Knud habe bei dem Fest schon genug auf dem Gewissen. "Mir soll er nichts anhaben!" sagte Thorbjörn und darauf verstummten sie. "Laßt sie doch raufen," sagten andere, "dann werden sie gute Freunde; sie haben sich lange genug mit bösen Blicken verfolgt."--"Ja," setzte einer hinzu, "jeder von beiden will der Stärkere sein; jetzt wird sich's ja zeigen."--"Habt Ihr nicht das Bürschchen Thorbjörn Granliden irgendwo gesehen?" fragte Knud laut, "eben war er doch noch hier."--"Hier ist er", sagte Thorbjörn, und in demselben Augenblick bekam Knud einen Hieb über das rechte Ohr, daß er nahestehenden Männern in die Arme purzelte. Nun wurde es still in der Runde. Knud sprang auf--und vorwärts, ohne einen Laut von sich zu geben; Thorbjörn setzte sich zur Gegenwehr. Ein langer Faustkampf entspann sich; beide wollten einander zu Leibe; aber beide waren geübt und jeder hielt sich den andern vom Leibe. Thorbjörns Hiebe fielen dicht und, wie einige sagten, auch recht wuchtig. "Da ist Knud mal an den Richtigen gekommen," sagte der Bursche, der sich des Pferdes angenommen hatte, "macht Platz!" Die Frauen rissen aus, nur eine blieb oben auf der Treppe stehen, um besser sehen zu können; das war die Braut. Zufällig streifte Thorbjörns Blick sie; er zauderte einen Moment, da sah er ein Messer in Knuds Hand, erinnerte sich ihrer Worte: "Gut ist er nicht", und traf mit einem wohlgezielten Hieb Knuds Arm so über dem Handgelenk, daß das Messer auf die Erde fiel, und der Arm kraftlos sank. "Au--das war ein Hieb!" rief Knud. "Spürst Du's?", fragte Thorbjörn und stürzte auf ihn los. Knud war durch den gelähmten Arm in starkem Nachteil; er wurde hochgehoben, weitergeschleppt, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er geworfen war. Mehrmals wurde er so hingeschleudert, daß jeder andere mehr wie genug gehabt hätte; aber sein Rückgrat vertrug viel; Thorbjörn zog mit ihm herum, überall wichen die Leute zurück,--aber Thorbjörn schritt immer weiter mit ihm--er trug ihn um den ganzen Hof herum, bis sie vor die Treppe gelangten, dort schwang er ihn noch einmal hoch in die Luft und drückte ihn dann zu Boden; da gaben Knuds Knie nach, und er stürzte auf die Steinfließen, so lang wie er war, und es sang ihm und es klang ihm in den Ohren. Regungslos blieb er liegen, stöhnte tief und schloß die Augen. Thorbjörn richtete sich auf, sein Blick fiel gerade auf die Braut, die noch immer starr dastand und zusah. "Legt ihm etwas unter den Kopf", sagte sie, drehte sich um und ging ins Haus. Zwei alte Frauen kamen vorbei; die eine sagte zu der andern: "Herrgott! Da liegt schon wieder einer; wer ist denn das?" Ein Mann antwortete: "Er--der Knud Nordhoug." Da meinte die zweite Frau: "Dann werden wohl die ewigen Raufereien mal ein Ende nehmen--die Menschen können doch ihre Kräfte zu was Besserem brauchen."--"Da hast Du ein wahres Wort gesprochen, Randi," meinte die erste; "unser Herrgott helfe ihnen, daß sie lernen, weniger an sich als an Besseres zu denken." Das traf Thorbjörn und ergriff ihn tief; bisher hatte er kein Wort hervorgebracht; er stand nur da und sah den Leuten zu, die für Knud sorgten; einige sprachen ihn an, doch er antwortete nicht. Er wandte sich fort und überließ sich seinen Gedanken. Synnöve kam ihm vor allem in den Sinn, und er schämte sich fürchterlich; er überlegte, wie er ihr die Sache erklären könne, und es fiel ihm aufs Herz, daß er doch sein Leben nicht so leicht zu ändern vermochte, wie er geglaubt hatte. Im selben Nu rief es hinter ihm: "Paß auf, Thorbjörn!" und noch ehe er sich umdrehen konnte, wurde er von hinten an den Schultern gepackt und zu Boden geworfen; dann fühlte er nur noch einen stechenden Schmerz; aber er wußte nicht, an welcher Stelle. Er hörte Stimmen rings um sich her; es war ihm, als ob er weggefahren würde, manchmal glaubte er selbst die Zügel zu führen; aber bestimmt wußte er das nicht. So ging es eine lange Zeit fort; ihm wurde kalt, dann wieder warm, und dann mit einem Male ganz leicht; so leicht, daß er zu schweben meinte, und nun begriff er: Baumkronen trugen ihn, eine zur andern, endlich hinauf zum Hügel; und wieder höher--zur Alm, und noch höher--hoch auf die höchste Felsenspitze, und Synnöve beugte sich über ihn und weinte und fragte: warum er nicht gesprochen habe? Sie weinte heftig und sagte dann, er habe doch gesehen, wie ihm Knud in den Weg getreten sei, und jetzt habe sie doch Knud nehmen müssen. Und dann streichelte sie ihn sanft auf der einen Seite, so daß er dort ganz warm wurde, und weinte so, daß sein Hemde ganz feucht wurde. Aber Aslak kauerte hoch oben auf einem großen, spitzen Stein und zündete die Baumkronen ringsum an; sie zuckten, sie zischten, Zweige flogen um ihn her, Aslak aber lachte mit weit aufgerissenem Mund: "Ich bin's nicht gewesen, meine Mutter hat's getan!" Und auf der andern Seite stand Vater Sämund und warf Kornsäcke hoch, so hoch, daß die Wolken sie auffingen und das Korn wie Nebel verstreuten, und Thorbjörn wunderte sich, daß das Korn über den ganzen Himmel hinfliegen konnte. Und wie er wieder herunterblickte, war Sämund mit einem Male ganz klein geworden, so klein wie ein Punkt; aber er warf noch immer die Säcke, höher und höher und rief: Das mach' mir mal nach! Hoch, hoch oben in den Wolken stand die Kirche, und auf ihrer Turmspitze die blonde Frau aus Solbakken, die schwenkte in der einen Hand ein rotes Taschentuch, in der anderen ein Gesangbuch und sagte: "Hierher kommst Du mir nicht, solange Du noch raufst und fluchst!"--und als er schärfer hinsah, war es gar nicht die Kirche,--nein, es war Solbakken, und die Sonne strahlte so hell auf all die hundert Fensterscheiben, daß ihm die Augen davon weh taten und er sie schließen mußte. "Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!" hörte er mit einem Male rufen; er erwachte wie aus dem Schlummer, wie wenn er fortgetragen würde, und er sah sich um. Er war zu Hause in der Stube von Granliden; ein tüchtiges Feuer brannte im Herde; er erblickte neben sich die Mutter; sie weinte, der Vater wollte ihn eben aufnehmen--um ihn in eine Seitenkammer zu bringen, da ließ er ihn sacht wieder nieder: "Es ist noch Leben in ihm", sagte er mit bebender Stimme und wandte sich zur Mutter; die schrie: "Lieber, lieber Gott, er schlägt die Augen auf! Thorbjörn, Thorbjörn, barmherziger Himmel, was haben sie mit Dir gemacht!" und sie beugte sich über ihn, streichelte ihm die Backen, und ihre Tränen fielen dabei warm auf sein Gesicht. Sämund wischte sich mit dem einen Ärmel die Augen, schob die Mutter sacht beiseite: "Ich möchte ihn doch jetzt gleich 'rübertragen", sagte er, und legte die eine Hand vorsichtig unter Thorbjörns Schultern, die andere unter das Rückgrat. "Stütz' ihm den Kopf, Mutter, wenn er ihn nicht hochhalten kann." Sie ging voran und stützte den Kopf, Sämund suchte gleichen Schritt mit ihr zu halten, und bald war Thorbjörn umquartiert. Nachdem sie ihn gut gebettet und ordentlich zugedeckt hatten, fragte Sämund, ob der Knecht schon fortgefahren sei. "Da kannst Du ihn noch sehen", sagte die Mutter und zeigte nach dem Hof hinaus; Sämund machte das Fenster auf und rief: "Wenn Du es in einer Stunde schaffst, kriegst Du doppelten Jahreslohn--und sollte das Pferd auch dabei drauf gehen!" Er trat wieder ans Bett; Thorbjörn sah ihn mit großen, klaren Augen an; des Vaters Augen waren immer wieder auf den Sohn gerichtet und wurden feucht. "Ich wußte, es würde solches Ende mit ihm nehmen", sagte er, drehte sich um und ging hinaus. Die Mutter setzte sich auf einen Schemel zu Füßen Thorbjörns und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn wollte sprechen, fühlte jedoch, daß es ihm zu schwer fiel, und schwieg darum. Aber beständig sah er seine Mutter an, und sie hatte früher nie einen solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, noch empfunden, daß sie so schön wie jetzt waren, und das nahm sie für ein schlechtes Zeichen. "Gott der Herr steh' Dir bei," stieß sie hervor, "ich weiß, es ist Sämunds Tod, wenn Du von uns gehst." Thorbjörn sah sie an; seine Augen, sein Gesicht waren starr. Sein Blick drang ihr tief in die Seele, und sie begann das Vaterunser für ihn zu beten; denn sie hielt seine Stunden für gezählt. Und als sie so bei ihm saß, ging es ihr durch den Sinn, wie überaus lieb sie alle gerade ihn hatten; und jetzt war nicht eins von seinen Geschwistern zu Hause. Da schickte sie zur Alm, um Ingrid und den jüngern Bruder zu holen; dann setzte sie sich wieder an das Bett. Er sah sie unverwandt an; und sein Blick wirkte auf sie wie ein Gesangbuchlied, das sie sanft auf zu Höherem führte; und die alte Ingebjörg wurde andächtiglich ergriffen, nahm die Bibel und sagte: "Jetzt will ich laut zu Deinem Frommen lesen, auf daß es Dir gut ergehe." Da sie ihre Brille nicht bei der Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie von ihrer Kinderzeit noch so ungefähr auswendig konnte, und die Stelle war aus dem Evangelium Johannis. Sie konnte nicht wissen, ob er es höre, denn er lag nach wie vor starr da,--aber sie las,--wenn nicht für ihn, so für sich selbst. Bald kam Ingrid nach Hause, um die Mutter abzulösen; aber da schlief Thorbjörn gerade. Sie weinte unaufhörlich; sie hatte schon geweint, ehe sie von der Alm fortging; denn sie dachte an Synnöve, die ohne Nachricht blieb.--Dann kam der Doktor und untersuchte. Thorbjörn hatte einen Messerstich in die Seite bekommen und noch andere Verletzungen, aber der Doktor sagte nichts, und es fragte ihn keiner. Sämund begleitete ihn in die Krankenstube, stellte sich neben ihn und blickte ihm beständig ins Gesicht, ging mit hinaus, da der Doktor ging, half ihm hinauf auf seinen zweirädrigen Wagen und nahm den Hut ab, als der Doktor sagte, er werde am nächsten Tage wiederkommen. Dann drehte er sich zu seiner Frau um, die neben ihm stand: "Wenn der Mann nichts sagt, steht es schlecht", seine Lippen zitterten, er drehte sich auf den Hacken um und ging querfeldein. Niemand wußte, wo er steckte, er kam weder am selben Abend, noch in der Nacht, sondern erst den nächsten Morgen nach Hause, und da sah er so finster aus, daß sich keiner zu fragen getraute. Er selbst sagte nur: "Na?"--"Er hat geschlafen," sagte Ingrid, "aber er ist so von Kräften, daß er nicht die Hand heben kann." Sämund wollte in die Krankenstube, aber dicht vor der Tür machte er Kehrt. Der Doktor kam am nächsten Tage wieder und auch die folgenden Tage. Thorbjörn konnte sprechen, aber er durfte sich nicht bewegen. Ingrid saß am meisten bei ihm, auch die Mutter oft und sein jüngerer Bruder; aber er richtete keine Frage an sie und sie nicht an ihn. Der Vater war niemals in der Stube. Die anderen sahen, daß der Kranke das merkte; er blickte gespannt hin, sobald die Tür aufging; jedenfalls doch, weil er den Vater erwartete. Schließlich fragte ihn Ingrid, wen er wohl außerdem noch gern sehen möchte? "Ach, mich will ja keiner sehen", antwortete er. Das wurde Sämund wiedererzählt; der entgegnete im Augenblick nichts, und als an diesem Tage der Doktor kam, war er nicht zu Hause. Aber ein Stück Weges vom Hofe erwartete er ihn bei der Rückfahrt; er hatte auf dem Grabenrand gesessen, stand auf, als der Wagen vorbeifuhr, grüßte und fragte nach dem Zustand seines Sohnes. "Sie haben ihm böse mitgespielt", lautete kurz die Antwort. "Wird er durchkommen?" fragte Sämund und bastelte am Bauchgurt des Pferdes. "Danke, der Gurt sitzt ja gut", sagte der Doktor. "Nicht stramm genug", antwortete Sämund. Dann waren beide eine Zeitlang stumm; der Doktor sah ihn an; Sämund arbeitete eifrig an dem Gurt herum, blickte aber nicht auf. "Du hast gefragt, ob er durchkommen wird; ja, das glaube ich wohl", sagte der Doktor langsam; Sämund blickte schnell auf. "Dann ist keine Lebensgefahr mehr?" fragte er. "Seit ein paar Tagen nicht mehr", antwortete der Doktor. Da rollten Tränen aus Sämunds Augen; er wischte sie ab, aber sie kamen wieder, "'s ist 'ne reine Schande, wie lieb ich den Jungen habe," schluchzte er, "aber einen prächtigem Burschen hat's im ganzen Gau noch nicht gegeben." Der Doktor wurde gerührt: "Warum hast Du nicht schon früher gefragt?"--"Ich hätt' es nicht hören können", antwortete Sämund und wollte die Tränen herunterschlucken; aber es gelang ihm nicht; "und dann waren die Frauensleute dabei," fuhr er fort, "die sahen immer hin, ob ich Dich nicht fragen wolle, und da kriegte ich's nicht fertig." Der Doktor ließ ihm Zeit, wieder ordentlich zu sich zu kommen, und nun blickte Sämund ihn fest an: "Wird er wieder ganz gesund?" fragte er plötzlich. "Soweit es möglich ist; übrigens läßt sich darüber mit Sicherheit nichts sagen." Da wurde Sämund ruhig und nachdenklich. "Soweit es möglich ist", murmelte er und blickte zu Boden. Der Doktor wollte ihn nicht stören; es war etwas in dem Mann vor ihm, das es ihm verbot. Plötzlich hob Sämund den Kopf: "Ich danke für die Auskunft", sagte er, reichte dem Doktor die Hand und ging nach Hause. Währenddessen saß Ingrid bei dem Kranken. "Wenn Du es hören kannst, will ich Dir etwas vom Vater erzählen", sagte sie. "Erzähle", antwortete er. "An dem Abend, als der Doktor zum ersten Male hier war, war Vater plötzlich weg, und niemand wußte, wo er war. Da war er zum Hochzeitshause gegangen; den Leuten wurde schlecht zumute, als er eintrat. Er setzte sich an den Tisch und trank mit den andern; und der Bräutigam hat später erzählt, er habe geglaubt, Vater sei ins Taumeln gekommen. Aber dann erst hub er an, nach der Rauferei zu fragen, und erhielt auch genauen Bericht. Nun kam Knud; Vater wünschte, Knud solle erzählen, und ging auf den Hof zu der Stelle hin, wo Ihr gerauft hattet. Die ganze Gesellschaft ging mit. Knud erzählte, wie Du mit ihm umgesprungen seist, nachdem Du ihm die Hand lahm geschlagen hattest; aber als er nun nicht weiter mit der Sprache heraus wollte, richtete Vater sich hoch auf und fragte: ob das vielleicht dann so zugegangen wäre--und im selben Augenblick hatte er schon Knud vorn an der Brust gepackt, dann hob er ihn hoch und warf ihn auf die Steinfließen, wo noch Blut von Dir klebte; mit der linken Hand drückte er ihn nieder, mit der Rechten zog er sein Messer; Knud wechselte die Farbe und alle Gäste standen stumm dabei. Einige hatten gesehen, daß Vater geweint hat; aber getan hat er Knud nichts. Der lag da und rührte sich nicht. Vater riß ihn wieder hoch, warf ihn eine Weile darauf wieder zu Boden. 'Es fällt einem recht schwer, Dich entwischen zu lassen', sagte er und nahm ihn scharf aufs Korn, indem er ihn festhielt. Zwei alte Frauen gingen vorbei und die eine sagte: 'Denk an Deine Kinder, Sämund Granliden', und sofort, so erzählen die Leute, hat Vater den Knud losgelassen, und bald darauf war er herunter vom Hof; aber Knud drückte sich zwischen den Häusern fort von der Hochzeit und wurde nicht mehr gesehen." Kaum war Ingrid mit ihrer Erzählung fertig, da öffnete sich die Tür; jemand sah hinein, und das war der Vater. Sie ging gleich aus der Stube; Sämund trat ein. Wovon Vater und Sohn miteinander gesprochen haben, das hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand und lauschte, glaubte doch einmal verstanden zu haben, daß sie darüber redeten, ob Thorbjörn wieder ganz gesund werden könne oder nicht. Aber sie war ihrer Sache nicht sicher, und hineingehen wollte sie nicht, solange Sämund drin war. Als er herauskam, waren seine Züge sehr sanft, seine Augen etwas gerötet. "Wir werden ihn wohl behalten," sagte er im Vorbeigehen zu Ingebjörg, "aber unser Herrgott weiß, ob er wieder ganz gesund wird." Ingebjörg fing zu weinen an und ging ihrem Manne nach; auf der Treppe zum Schuppen setzten sie sich nebeneinander, und sie besprachen mancherlei. Als aber Ingrid leise wieder zu Thorbjörn hineinkam, lag er da mit einem Zettel in der Hand und sagte ruhig und langsam: "Den Zettel gib Synnöve, sobald Du sie triffst." Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie sich ab und weinte, denn auf dem Zettel stand: "An die hochgeschätzte Jungfrau Synnöve, Tochter des Guttorm Solbakken. Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so soll es aus sein zwischen uns beiden. Denn ich bin nicht der Mann, der für Dich bestimmt ist. Unser Herrgott sei mit uns beiden. Thorbjörn, Sohn des Sämund Granliden." Sechstes Kapitel Synnöve hatte an dem Tage, nachdem Thorbjörn auf der Hochzeit gewesen, von dem Vorfall erfahren. Sein jüngerer Bruder war mit der Nachricht auf die Alm gekommen; aber Ingrid hatte ihn auf dem Flur abgefaßt und ihm eingeschärft, wie weit er erzählen solle. Synnöve wußte also nicht mehr, als daß Thorbjörn mit Wagen und Ladung umgekippt, dann nach Nordhoug um Hilfe gegangen und dabei mit Knud in Streit geraten war; er habe etwas abgekriegt, liege auch zu Bett; aber es sei nicht gefährlich. Eine Geschichte, die Synnöve mehr böse als traurig stimmte; und je mehr sie darüber nachdachte, desto mutloser wurde sie. Wie fest hatte er ihr versprochen, sich so zu benehmen, daß ihre Eltern nichts gegen ihn sagen konnten! Aber auseinanderbringen sollte das ihn und sie doch nicht! Die Verbindung zwischen Tal und Alm war spärlich, und die Zeit dehnte sich, bis Synnöve weitere Nachricht bekam. Die Ungewißheit drückte sie schwer; Ingrid wollte auch nicht wiederkommen,--es mußte also etwas besonderes vorgehen. Sie war abends nicht mehr in der Stimmung zu singen, um das Vieh nach Hause zu locken, und schlief nachts nicht gut, weil ihr Ingrid fehlte. Dadurch war sie am Tage müde, und somit wieder ihr Herz nicht gerade leichter. Sie ging umher und wirtschaftete, scheuerte Kübel und Töpfe, machte Käse, setzte Milch an, aber ohne rechte Freude an der Arbeit, und Thorbjörns jüngerer Bruder, sowie der andere Junge, die zusammen hüteten, hielten es nun für ausgemacht, daß mit ihr und Thorbjörn etwas los sein müsse, und das gab ihnen oben auf der Weide Stoff für vieles Gerede. Am Nachmittag des achten Tages, seit Ingrid nach Hause gerufen worden, verspürte Synnöve stärkere Herzbeklemmung denn je. Nun war schon soviel Zeit vergangen, und sie hatte noch immer keine genaue Nachricht. Sie ließ ihre Arbeit liegen und setzte sich hin, um auf das Kirchspiel hinunterzuschauen; das gab ihr etwas wie einen Zusammenhang mit denen unten, und ganz allein mit sich mochte sie nicht sein. Dabei wurde sie müde, legte den Kopf auf den Arm und schlief sofort ein; aber die Sonne stach und ihr Schlaf war sehr unruhig. Sie glaubte sich zu Solbakken in der Bodenkammer, wo ihre Sachen standen und sie gewöhnlich schlief; die Blumen dufteten so schön zu ihr hinauf; aber nicht mit dem Duft wie sonst; mehr wie Heidekraut. Woher mag das wohl kommen? dachte sie und sah durch das offene Fenster. Ja, da stand Thorbjörn unten im Garten und pflanzte Heidekraut ein. "Aber, Liebster, warum tust Du das?" fragte sie. "Die Blumen wollen nicht wachsen", sagte er und ließ sich nicht stören. Da tat es ihr um die Blumen leid, und sie bat ihn schließlich, sie ihr herauf zubringen. "Ja, gern", antwortete er, sammelte die herausgezogenen Blumen und machte sich auf den Weg; aber nun saß sie gar nicht mehr in der Bodenkammer, denn er konnte sofort zu ihr. In demselben Augenblick kam ihre Mutter dazu. "In Jesu Namen, will der Ekel von Junge zu Dir?" rief sie, sprang dazwischen und stellte sich vor ihn hin. Das wollte er sich nicht gefallen lassen, und nun fingen die beiden an, zu ringen. "Mutter, Mutter, er will mir ja nur meine Blumen bringen", bat Synnöve und weinte. "Das hilft nichts", sagte die Mutter und ging ihm stärker zuleibe. Synnöve wurde ängstlich, so ängstlich; sie wußte nicht, wem von den beiden sie den glücklichen Ausgang des Ringens wünschen sollte; verlieren aber sollte keiner. "Seht Euch mit den Blumen vor", rief sie; doch sie rangen immer heftiger und heftiger, und die schönen Blumen wurden dabei überall umhergestreut, von der Mutter zertreten, von Thorbjörn zertreten; Synnöve weinte. Als Thorbjörn aber die Blumen hingeworfen hatte, wurde er mit einem Male furchtbar häßlich, ganz widerlich; das Haar auf seinem Kopfe wuchs, sein Gesicht verlängerte sich, die Augen bekamen einen wilden Ausdruck und mit spitzen Klauen griff er nach der Mutter. "Nimm Dich in acht, Mutter; siehst Du nicht, das ist nicht er, das ist ein andrer--nimm Dich in acht!" schrie sie und wollte hin und der Mutter helfen, konnte sich aber nicht vom Fleck rühren.--Da hörte sie ihren Namen rufen; dann noch einmal. Und im Nu verschwand Thorbjörn und auch die Mutter. "Ja", antwortete Synnöve und erwachte. "Synnöve!" klang es von neuem. "Ja", rief sie und blickte auf. "Wo bist Du denn?" Das ist Mutter, dachte Synnöve, stand auf und ging auf den Platz zu, wo die Mutter mit einem Eßkorb in der Hand stand, sich mit der anderen die Augen beschattete und nach ihr ausschaute. "Hier liegst Du und schläfst auf der kalten Erde?" sagte die Mutter. "Ich war so müde," antwortete Synnöve, "und hatte mich nur einen Augenblick hingelegt, und da bin ich mit einemmal fest eingeschlafen."--"Davor mußt Du Dich hüten, mein Kind----Hier in dem Korb habe ich Dir etwas mitgebracht; ich habe gestern gebacken, weil Vater eine längere Reise machen will." Aber Synnöve fühlte, etwas anderes müsse die Mutter hergeführt haben, und sie meinte nicht ohne Grund von ihr geträumt zu haben. Karen--so hieß ihre Mutter--war, wie gesagt, klein und schmächtig von Gestalt, hatte blondes Haar, und blaue Augen, die rastlos umherblickten. Sie lächelte ein wenig, wenn sie sprach; aber nur wenn sie mit Fremden sprach. Ihr Gesichtsausdruck war sehr scharf geworden; sie war hastig in ihren Bewegungen und machte sich immer etwas zu tun.--Synnöve bedankte sich für das Mitgebrachte, nahm den Deckel vom Korb und wollte nachsehen, was darin war. "Das kannst Du später tun", sagte die Mutter; "ich habe wohl bemerkt, daß Du Töpfe und Kübel noch nicht abgewaschen hast; das mußt Du immer besorgen, mein Kind, ehe Du schlafen gehst."--"Ja, das war auch nur heute."--"Komm jetzt, ich will Dir helfen, da ich doch nun mal hier bin," fuhr Karen fort, und schürzte sich auf. "Du mußt Dich an Ordnung gewöhnen, ob ich Dich nun unter Augen habe oder nicht." Sie ging in die Milchkammer, und Synnöve folgte ihr langsam. Nun nahmen sie die Gefäße herunter und wuschen auf; die Mutter untersuchte, wie die Wirtschaft imstande sei, fand es nicht schlecht, gab eifrig Anweisungen und half auch Synnöve beim Ausfegen. Und damit vergingen ein oder zwei Stunden. Während der Arbeit hatte sie der Tochter erzählt, was sie zu Hause gemacht hatten und wie sie durch die Vorbereitungen für Vaters Reise in Anspruch genommen war. Dann fragte sie Synnöve, ob sie auch nicht vergessen habe jeden Abend, vor dem Schlafengehen, in Gottes Wort zu lesen. "Denn das darf man niemals unterlassen, sonst ist es mit der Arbeit am anderen Tage schlecht bestellt." Als sie nun fertig waren, gingen sie hinaus und setzten sich, um auf die Kühe zu warten; und als sie dasaßen, fragte die Mutter nach Ingrid; sie wollte wissen, ob sie nicht bald wieder heraufkomme. Synnöve wußte nicht mehr darüber als die Mutter. "Ja, so kann es einem Menschen ergehen", sagte die Mutter und Synnöve begriff sofort, daß sich das nicht auf Ingrid bezog; sie wollte gern einem weiteren Gespräch über diesen Gegenstand vorbeugen, fand aber nicht den Mut. "Wer unseren Herrgott nicht im Herzen trägt, der wird an ihn erinnert, wenn er's am wenigsten erwartet", sagte die Mutter. Synnöve erwiderte kein Wort. "Ich habe immer gesagt: aus dem Burschen wird nichts.--Ist das ein Benehmen? Pfui!"--Sie hatten sich beide hingekauert und blickten vor sich hin; aber keine sah die andere an. "Hast Du gehört, wie es ihm geht?" fragte die Mutter, und warf ihr einen kurzen Blick zu. "Nein", antwortete Synnöve.--"Es soll schlecht um ihn stehen", sagte die Mutter. Ein Druck legte sich auf Synnöves Brust. "Ist es gefährlich?" fragte sie. "Ja, der Messerstich in der Seite;--und dann soll er noch am ganzen Leibe zerschlagen sein." Synnöve fühlte, wie ihr das Blut in das Gesicht schoß; schnell drehte sie sich zur Seite, damit die Mutter es nicht sehen sollte. "Ja, aber es hat wohl im ganzen nicht viel zu sagen?" fragte sie so ruhig, wie sie vermochte; doch der Mutter war es aufgefallen, daß Synnöves Atem heftig ging, und darum entgegnete sie: "Ach nein, das wohl nicht." Da dämmerte es Synnöve auf, daß etwas sehr Schlimmes passiert war. "Liegt er zu Bett?" fragte sie.--"Ja, natürlich. Wie muß das seine Eltern treffen,--solch brave Leute. Gut erzogen haben sie ihn ja auch, so daß unser Herrgott nicht mit ihnen darüber in das Gericht gehen kann." Synnöve wurde so beklommen zumut, daß sie sich kaum noch fassen konnte. Da fuhr die Mutter fort: "Nun zeigt es sich, wie gut es war, daß sich niemand an ihn gebunden hat. Unser Herrgott lenkt alles zum besten." Vor Synnöves Augen schien sich alles zu drehen; sie glaubte vom Berg herunterzustürzen. "Ich habe immer zu Vater gesagt: Gott schütze uns; wir haben nur die eine Tochter, und für die müssen wir sorgen. Vater ist ja etwas weich, so brav er sonst ist; aber da ist es gut, daß er sich dort Rat holt, wo er ihn findet; und das ist in Gottes Wort." Als nun Synnöve noch bei all ihrem Kummer daran denken mußte, wie liebevoll ihr Vater immer gegen sie war, da wurde es ihr immer schwerer, die Tränen hinunterzuwürgen; aber es nützte nichts--sie fing zu weinen an.--"Du weinst?" fragte die Mutter und sah sie an; aber Synnöve ließ sich nicht richtig ansehen. "Ja, ich mußte an ihn denken, an Vater, und da----", und nun strömten die Tränen.--"Was hast Du denn nur, mein liebes Kind?"--"Ach, ich weiß selbst nicht recht ... das ist so plötzlich über mich gekommen ... vielleicht hat er Unglück auf der Reise", schluchzte Synnöve.--"Wie kannst Du solchen Unsinn reden," sagte die Mutter, "warum soll nicht alles gut abgehen?--Nach der Stadt und auf ebenen, breiten Fahrwegen."--"Ja, denke nur ... wie es ihm gegangen ist ... dem andern", schluchzte Synnöve.--"Ja, dem!--Aber Dein Vater fährt doch nicht wie toll darauf los, sollt' ich meinen. Der kommt sicher ohne Unfall nach Hause,--sofern unser Herrgott seine Hand über ihn hält." Die Mutter machte sich über Synnöves Tränen, die gar nicht aufhören wollten, allmählich Gedanken. "Es gibt vieles auf der Welt, das schwer genug zu ertragen ist; aber da muß man sich damit trösten, daß noch Schwereres hätte kommen können", meinte sie. "Der Trost ist recht schwach", sagte Synnöve und weinte heftig. Die Mutter konnte es nicht über das Herz bringen, ihr das zu antworten, was sie dachte; sie sagte nur: "Unser Herrgott verhängt so manches über uns auf sichtbare Weise,--das hat er wohl auch diesmal getan"; dann stand sie auf, denn die Kühe brüllten schon auf dem Hang; das Geläut erklang, die Jungen jodelten, und langsam kam der Zug heran, weil das Vieh satt und ruhig war. Da bat die Mutter Synnöve, ihm mit ihr entgegen zu gehen; Synnöve stand auf und folgte ihrer Mutter; aber sehr langsam. Karen begrüßte nun eifrig die Herde;--da kam eine Kuh nach der andern; die Kühe erkannten sie wieder und brüllten;--sie streichelte Tier für Tier, und freute sich, daß sie sich so herausgemacht hatten. "Ja", sagte sie, "unser Herrgott ist dem nahe, der ihm nah ist." Sie half nun die Kühe hineinbringen; denn es wollte heut mit Synnöve gar nicht flecken; Karen sagte weiter nichts und half ihr auch noch beim Melken, obgleich sie nun länger oben bleiben mußte, als sie sich vorgenommen hatte. Als dann noch die Milch durchgeseiht war, machte sie sich fertig, nach Hause zu gehen; Synnöve wollte sie begleiten. "Nein," sagte die Mutter, "Du bist müde, die Ruhe wird Dir gut tun." Dann ergriff sie den leeren Korb, gab ihrer Tochter die Hand, blickte sie fest an und sagte dabei: "Ich komme bald wieder, um zu sehen, wie es Dir geht----halt Dich zu uns und denke nicht an andere." Kaum war die Mutter außer Sehweite, da überlegte Synnöve, woher sie am schnellsten einen Boten nach Granliden bekommen könne; sie rief Thorbjörns jüngeren Bruder, um ihn hinunterzuschicken; aber als er kam, meinte sie, daß es doch zu heikel sei, sich ihm anzuvertrauen, und sagte: "Laß nur, Du kannst wieder gehen." Sie wollte selbst hinunter; Gewißheit mußte sie haben; es war eine Sünde von Ingrid, daß sie ihr gar keine Nachricht zukommen ließ. Die Nacht war hell, der Granlidener Hof nicht so entfernt, daß sie den Weg nicht machen konnte, wenn ihr Herz sie trieb. Während sie nun noch dasaß und darüber nachsann, faßte sie in Gedanken alles zusammen, was ihr die Mutter gesagt hatte, und fing wieder an zu weinen; aber jetzt zauderte sie nicht mehr, wie sie es den ganzen Tag über getan hatte, band sich ein Tuch um und stahl sich über einen Schleichweg hinunter, damit es die Jungen nicht merkten. Je weiter sie kam, desto mehr eilte sie; zuletzt sprang sie den Fußsteig hinab; dabei lösten sich kleine Steine und rollten hinunter. Sie erschrak. Obgleich sie wußte, daß das Geräusch nur von den rollenden Steinen kam, war es ihr doch, als befinde irgendein Wesen sich in der Nähe; sie mußte stehen bleiben und lauschen. Es war aber nichts; schneller sprang sie talwärts; ihr Fuß stieß nun gegen einen großen Stein, der mit dem einen Ende aus dem Wege hervorstak, herausgedrängt wurde und hinunterflog. Das gab ein Getöse, es prasselte in den Büschen; ihr wurde bange, und um so mehr, als sie nun genau wahrnahm, daß etwas unten auf dem Wege sich aufrichtete und bewegte. Zuerst glaubte sie an ein Raubtier; sie blieb mit verhaltenem Atem stehen; die Gestalt dort unten stand gleichfalls still. "Hoi--ho!" hörte sie rufen. Ihre Mutter! Das erste, was Synnöve tat, war, sich schleunigst zu verstecken. Sie wartete dann eine ganze Zeit, um sich zu vergewissern, ob die Mutter sie auch nicht erkannt habe und zurückkomme; aber das war nicht der Fall. Dann wartete sie noch länger, um die Mutter recht weit voraus zu lassen; als sie sich nun wieder auf den Weg machte, ging sie vorsichtig, und bald näherte sie sich dem Hof. Ihr wurde wieder etwas beklommen ums Herz, als sie ihn erblickte, und das nahm mehr und mehr zu, je näher sie kam. Der Hof lag in tiefer Stille; die Arbeitsgeräte standen an die Wände gelehnt, Holz lag gehauen und aufgestapelt, und die Axt war in den Hackeklotz getrieben. Sie ging vorbei und hin bis zur Tür; dort machte sie noch einmal Halt, sah sich um und lauschte; nichts rührte sich. Und als sie noch dastand und sich überlegte, ob sie in die Bodenkammer zu Ingrid hinaufgehen solle oder nicht, da mußte sie daran denken, daß in ebensolcher Nacht Thorbjörn vor einigen Jahren in Solbakken gewesen war und ihr die Blumen eingepflanzt hatte. Hastig zog sie die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf. Ingrid bekam einen großen Schreck, als sie erwachte und sah, daß es Synnöve war, die sie geweckt hatte.--"Wie geht es ihm?" flüsterte Synnöve. Da wurde Ingrid ganz wach, erinnerte sich an alles und wollte sich erst anziehen, um nicht sofort antworten zu müssen. Aber Synnöve setzte sich auf die Bettkante, bat liegen zu bleiben und wiederholte ihre Frage. "Jetzt geht's besser," antwortete Ingrid im Flüsterton, "ich komme bald nach oben zu Dir."--"Liebe Ingrid, Du mußt mir nichts verhehlen; Du kannst mir nichts so Schlimmes erzählen, das ich mir nicht schon schlimmer vorgestellt habe." Ingrid versuchte noch sie zu schonen; aber die Furcht ihrer Freundin zwang ihr die Worte heraus und ließ keine Zeit zu Ausflüchten. Geflüsterte Fragen, geflüsterte Antworten; die tiefe Stille ringsumher machte beides noch ernster; die Zeit der Unterredung wurde zu einer feierlichen, zu einer Weihestunde, in der man auch der herbsten Wirklichkeit gerade in das Auge zu sehen wagt. Doch beide waren überzeugt, daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war, und daß er nichts begangen hatte, das sich zwischen ihn und ihr Mitgefühl stellen konnte. Da weinten sich beide frei aus, aber leise,--und Synnöve weinte am stärksten; sie saß ganz zusammengekauert auf der Bettkante. Ingrid suchte sie durch Erinnerungen aufzuheitern: wie froh und vergnügt waren sie alle drei so manchesmal gewesen! Aber nun passierte es wie so oft, daß jede winzige Erinnerung an Tage voll Sonnenschein in Kummer und Tränen zerrann. "Hat er nach mir gefragt?" flüsterte Synnöve.--"Er hat fast gar nicht gesprochen."--Plötzlich erinnerte sich Ingrid des Zettels, und das fiel ihr arg auf die Seele.--"Fällt's ihm zu schwer, zu sprechen?"--"Das weiß ich nicht--er denkt wohl desto mehr."--"Liest er in der Bibel?"--"Mutter liest ihm vor; jetzt muß sie es alle Tage tun."--"Was sagt er dann?"--"Er spricht fast gar nicht, hab' ich Dir ja gesagt; er liegt still da und sieht vor sich hin."--"Liegt er in der bunten Stube?"--"Ja."--"Mit dem Kopf zum Fenster?"--"Ja." Sie blieben eine Weile stumm; dann sagte Ingrid: "Das kleine Sankthans-Spiel, das Du ihm geschenkt hast, hängt am Fenster und dreht sich." "Jetzt ist mir alles ganz gleich," sagte Synnöve plötzlich und entschieden; "nichts auf der Welt soll mich von ihm trennen; es mag kommen, wie es will." Ingrid war sehr befangen. "Der Doktor weiß noch nicht, ob er wieder ganz gesund wird", flüsterte sie. Da hob Synnöve ihren Kopf und sah Ingrid mit verhaltenem Weinen und stumm an; dann ließ sie ihn wieder sinken und saß in tiefen Gedanken da; die letzten Tränen rannen über ihr Gesicht; es folgten keine mehr, sie faltete die Hände, verharrte aber sonst regungslos; sie schien einen großen Entschluß zu fassen. Mit einemmal stand sie auf, lächelte, beugte sich über Ingrid und gab ihr einen langen, heißen Kuß. "Bleibt er siech, so werde ich ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern." Das rührte Ingrid tief, aber bevor sie sprechen konnte, fühlte sie, wie ihre Hand erfaßt wurde: "Leb' wohl, Ingrid, ich gehe nun wieder allein zurück."--Und Synnöve wandte sich schnell der Tür zu. "Der Zettel!" flüsterte Ingrid ihr nach.--"Was für ein Zettel?" fragte Synnöve. Ingrid war schon aufgestanden, suchte ihn hervor und brachte ihn der Freundin; aber während sie ihn mit der linken Hand ihr unter das Brusttuch schob, umschlang sie den Hals Synnöves mit der rechten, gab ihr den Kuß wieder, und ihre großen warmen Tränen fielen auf das Gesicht der Wartenden. Dann drängte Ingrid sie sanft hinaus und schloß die Tür; sie hatte nicht den Mut, das weitere zu sehen. Synnöve ging langsam die Treppen hinunter, aber da sie zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt war, machte sie unvorsichtigerweise ein lautes Geräusch dabei, erschrak, lief durch den Flur, griff nach ihren Schuhen und eilte, den Zettel in der Hand, an den Häusern vorbei, über den Hofraum und direkt zum Gitter; dort blieb sie stehen, begann den Hang hinan zu steigen schnell und schneller, denn ihr Blut war in Wallung geraten. So schritt sie aus, sang leise vor sich hin, lief immer ungestümer, bis sie zuletzt müde war und sich hinsetzen mußte. Da erinnerte sie sich des Zettels.---- Als die Schäferhunde am nächsten Morgen laut wurden, die Hirtenjungen erwachten und die Kühe gemolken und dann herausgelassen werden sollten, war Synnöve noch nicht zurück. Als die Jungen sich darüber wunderten und einander fragten, wo sie wohl sein könne, und entdeckten, daß sie nachts gar nicht in ihrem Bett gewesen war,--da kam Synnöve. Sie war sehr bleich und still. Ohne ein Wort zu reden, schickte sie sich an, das Frühstück für die Jungen zu bereiten, legte ihnen den Vorrat zurecht, den sie für den Tag mitnehmen sollten, und half später beim Melken. Der Nebel drückte noch auf die niedriger liegenden Hänge, der Tau glitzerte vom Heidekraut über die braunrote Felsfläche; es war etwas kalt, und wenn der Hund bellte, erklang ringsherum Antwort. Die Herde wurde hinausgelassen; die Kühe brüllten in die frische Luft und Tier auf Tier zog den Viehsteig hinab; aber dort saß schon der Hund, erwartete sie und hielt sie solange zurück, bis alle zur Stelle waren; dann ließ er sie weiter ziehen; die Herdenschellen läuteten über die Hänge, der Hund kläffte, so daß es widerhallte, und die Jungen wetteiferten im Jodeln. Aus all diesem Wirrwarr von Tönen ging Synnöve fort und hin zu dem Platz, wo sie und Ingrid früher immer gesessen hatten. Sie weinte nicht, sondern saß still da, blickte starr vor sich hin und verspürte nur ab und zu etwas von dem vergnüglichen Lärm, der sich weit und weiter entfernte und mit der größeren Entfernung besser ineinanderfloß. Dabei fing sie an leise zu singen, dann immer lauter und zuletzt sang sie mit klarer voller Stimme ein Lied, das sie nach einem anderen, ihr aus der Kinderzeit bekannten, umgedichtet hatte: Hab Dank für alles, was da geschehn, Seit wir als Kinder im Walde spielten. Ich dachte, das Spiel sollte weiter gehn, Bis wir am Himmelstor hielten. Ich dachte das Spiel sollte weitergehn Von dort, wo die Birken uns Obdach boten, Bis hin, wo die Solbakkenhäuser stehn Und zu dem Kirchlein, dem roten. Ich harrte so manchen Abend hell Und ließ den Blick an den Tannen hangen; Doch Schatten warf das dunkelnde Fjell, Und Du, Du kamst nicht gegangen. Ich harrte, harrte------die Welt entschlief. Ich lauschte, spähte, wieder und wieder, Doch die Leuchte schwelte und brannte tief Und die Sonne ging auf--und ging nieder. Die armen Augen spähten zu viel, Sie taten nur immer nach einem schauen, Nun wissen sie längst kein ander Ziel, Und brennen unter den Brauen. Sie sagen, mir könnte viel Trost geschehen Im Kirchlein hinter der Fagerleite; Doch bittet mich nicht dorthin zu gehen! Er säße mir dort zur Seite. Doch gut, so weiß ich doch, wer es war, Der die Höfe tat geneinander legen Und junge Augen schuf warm und klar Und Wälder durchzog mit Wegen. Doch gut, so weiß ich doch, wer es war, Der jene Kirche dort schuf zum Beten Und machte, daß sie dort Paar um Paar Vor seinen Altar treten. Siebentes Kapitel Gute Zeit darauf saßen Guttorm und Karen in der großen, hellen Stube in Solbakken zusammen und lasen sich aus neuen Büchern vor, die sie aus der Stadt bekommen hatten. Vormittags waren sie in der Kirche gewesen; denn es war Sonntag,--dann hatten sie einen kleinen Rundgang durch die Felder gemacht, um zu sehen, wie Saaten und Früchte standen, und um zu überlegen, was Acker und was Brache im nächsten Jahr werden solle. So waren sie langsam von einem Stück Land zum andern gewandert, und sie fanden, daß in ihrer Zeit das Gut sich recht gehoben habe. "Gott weiß, was einmal draus wird, wenn wir nicht mehr sind", hatte Karen gesagt; darauf hatte Guttorm sie aufgefordert, mit ihm nach Hause zu gehen, um in den neuen Büchern zu lesen: "Denn man tut gut, sich Gedanken, wie Du sie ausgesprochen hast, fernzuhalten." Nun hatten sie ein Buch beendet, und Karen war der Ansicht, daß die alten besser seien: "Die neuen sind ja nur aus den alten abgeschrieben."--"Daran mag etwas Wahres sein; Sämund hat heut in der Kirche zu mir gesagt, daß die Kinder auch nur wieder wie die Eltern sind."--"Ja, Du und Sämund, Ihr habt lange genug heute miteinander geredet."--"Sämund ist ein verständiger Mann."--"Aber ich fürchte, er ist wenig unserm Herrn und Heiland ergeben."--Hierauf antwortete Guttorm nichts.----"Wo mag denn Synnöve jetzt sein?" fragte die Mutter.--"Oben in ihrer Kammer", antwortete er.--"Du hast ja selbst vorhin bei ihr gesessen; wie war sie denn?"--"Ach--"--"Du solltest sie nicht soviel allein lassen."--"Da kam jemand."--Die Frau blieb einen Augenblick still.--"Wer war's?"--"Ingrid Granliden."--"Ich dachte, sie ist noch auf der Alm."--"Sie ist heute nach Hause gekommen, weil ihre Mutter in die Kirche wollte."--"Ja, die hat sich ja auch heute dort mal sehen lassen."--"Sie hat viel zu tun."--"Das haben andre auch, aber wohin es einen zieht, dahin kommt er doch."--Guttorm antwortete nicht. Nach einer Weile sagte Karen: "Außer Ingrid waren heute alle Granlidener in der Kirche."--"Ja, wohl, um Thorbjörn wieder zum erstenmal hinzubegleiten."--"Er sah schlecht aus."--"Nicht besser, als zu erwarten war. Ich habe mich gewundert, daß er sich schon soweit erholt hat."--"Ja, er hat sich mit seiner Torheit viel zugezogen."--Guttorm blickte vor sich hin: "Er ist doch noch jung."--"Es ist kein fester Kern in ihm, kein Verlaß." Guttorm hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt, drehte ein Buch in der Hand, öffnete es, tat, als wenn er darin lese, und ließ die Worte dabei fallen: "Er soll bestimmt wieder ganz gesund werden."--Die Mutter nahm auch ein Buch zur Hand: "Das wäre dem hübschen Burschen wirklich zu wünschen," sagte sie; "unser Herrgott stehe ihm bei, daß er dann bessern Gebrauch davon macht."--Nun lasen alle beide, dann sprach Guttorm beim Umblättern: "Er hat sie heut den ganzen Tag nicht angesehen."--"Ja, das hab' ich auch bemerkt; er blieb still auf seinem Platz, bis sie fort war." Eine Weile darauf äußerte Guttorm: "Glaubst Du, daß er sie vergessen wird?"--"Das wäre jedenfalls das Beste." Guttorm las weiter, seine Frau blätterte. "Es ist mir weiter nicht angenehm, daß Ingrid immer bei ihr sitzt", sagte sie.--"Synnöve hat ja fast keine Menschenseele, mit der sie reden kann."--"Sie hat uns."--Da blickte Vater Guttorm sie an: "Wir wollen doch nicht zu streng sein." Seine Frau schwieg; nach einer Weile erwiderte sie: "Ich habe es ja auch nicht verboten." Der Vater legte das Buch fort, stand auf und sah aus dem Fenster. "Dort geht Ingrid", sagte er. Kaum hatte die Mutter das gehört, so stand sie gleichfalls auf und lief schnell aus der Stube. Der Vater blieb noch lange am Fenster, dann drehte er sich um und ging auf und ab; bald kam Karen wieder und stellte sich vor ihn hin: "Ja, das hab' ich mir gleich gedacht", sagte sie, "Synnöve sitzt oben und weint; aber sowie ich komme, dann kramt sie unten in ihrer Truhe"; und sie fuhr fort und schüttelte den Kopf: "Nein, es tut nicht gut, daß Ingrid bei ihr sitzt."--Dann machte sie sich mit dem Abendessen zu schaffen und ging häufig durch die Tür aus und ein. Einmal, als sie gerade draußen war, kam Synnöve still und mit etwas geröteten Augen in die Stube; sie schlüpfte leicht an ihrem Vater, dem sie in das Gesicht sah, vorüber und hin zum Tisch, setzte sich und nahm ein Buch vor. Nach einem Weilchen legte sie es wieder fort und fragte ihre Mutter, ob sie ihr helfen könne. "Ja, das tu nur," antwortete Karen, "Arbeit ist für alles gut." Synnöve übernahm den Tisch zu decken; der stand unweit vom Fenster. Der Vater, der bisher auf- und abgegangen war, kam nun dorthin und sah hinaus. "Die Gerste, die der Regen 'runtergedrückt hat, kommt, glaub' ich, wieder hoch", sagte er. Da stellte sich Synnöve neben ihn und sah mit hinaus. Er wandte sich zu ihr,--seine Frau war gerade in der Stube--und so strich er nur mit der einen Hand über Synnöves Hinterkopf; dann nahm er seinen Gang wieder auf. Sie aßen; aber in tiefer Stille; die Mutter sprach an diesem Tage das Gebet sowohl vor wie nach Tisch; und als alle aufgestanden waren, wünschte sie, sie sollten nun in der Bibel lesen und zusammen singen: "Gottes Wort gibt Frieden, und das ist doch im Hause der größte Segen." Dabei sah sie Synnöve an, die mit niedergeschlagenen Augen dastand. "Jetzt will ich Euch eine Geschichte erzählen," sprach die Mutter weiter, "von der jedes Wort wahr ist, und ganz gut für den, der darüber nachdenken will."---- Und sie erzählte: "In meiner Jugend lebte in Houg ein Mädchen, die Enkeltochter eines alten, schriftgelehrten Amtmanns. Er hatte sie, als sie ganz jung war, zu sich genommen, um in seinem Alter Freude an ihr zu haben, und so lernte sie natürlich Gottes Wort und gutes Benehmen und Sitte. Sie faßte schnell auf, kam gut vorwärts und überholte im Lauf der Zeit uns alle; sie konnte schreiben, konnte rechnen, konnte ihre Schulbücher und fünfundzwanzig Kapitel der Bibel auswendig, als sie fünfzehn Jahr alt war; dessen erinnere ich mich, als wenn es heute wäre. Sie hielt mehr vom Lernen als vom Tanzen, und war darum selten bei lauten Festlichkeiten, doch häufiger oben in ihres Großvaters Stube bei den vielen Büchern zu sehen. Jedesmal, wenn wir mit ihr zusammenkamen, stand sie da, als wenn sie mit ihren Gedanken gar nicht zu uns gehörte, und wir sagten uns: 'Wenn wir doch nur so klug wären, wie Karen Hougen!' Sie sollte den Alten später beerben, und viele gute Burschen boten sich an, mit ihr mal auf Teilung zu gehen; aber alle bekamen Körbe. Zur selben Zeit kam der Pastorssohn aus dem Seminar nach Hause; er hatte dort nicht gut getan, immer nur Sinn für wilde Streiche gehabt und mehr böse Geschichten wie gute im Kopf; jetzt trank er sogar. 'Nimm Dich vor ihm in acht', sagte der Großvater, 'ich bin viel mit den Vornehmen zusammen gewesen, und nach meiner Erfahrung ist ihnen weniger zu trauen als den Bauern.'--Karen hörte immer mehr auf ihn als auf alle andern--und als sie später den Pastorssohn traf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er hatte es auf sie abgesehen. Nirgends konnte sie mehr hin, ohne ihm zu begegnen. 'Geh weg,' sagte sie, 'es hilft Dir doch nichts.' Aber er lief ihr immer wieder nach, und so geschah es, daß sie zuletzt doch mal stillstehn und ihn anhören mußte. Hübsch genug war er; als er aber zu ihr sagte, daß er nicht ohne sie leben könne, da trieb er sie damit weg. Nun lauerte er ihr auf; fortwährend umkreiste er ihr Haus, aber sie kam nicht vor die Tür; nachts stand er unter ihrem Fenster; aber sie ließ sich nicht blicken; er sagte, er werde sich ein Leid antun; aber Karen wußte, was sie wußte. Da fing er wieder an, mehr zu trinken.--'Nimm Dich in acht,' sagte der Alte, 'das ist alles Teufelslist.' Eines Tages, als Karen in ihrer Stube war, stand plötzlich, ohne daß man wußte, wie er hereingekommen war, der Pastorssohn vor ihr. 'Jetzt töte ich Dich', sagte er. 'Ja, wenn Du Dich getraust!' antwortete sie. Da fing er zu weinen an und sagte, daß es in ihrer Macht stehe, einen ordentlichen Menschen aus ihm zu machen. 'Kannst Du ein halbes Jahr das Trinken lassen?' sagte sie. Und er ließ es ein halbes Jahr. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht bis Du Dich ein halbes Jahr allen lauten Vergnügungen fern gehalten hast.' Das tat er. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er. 'Nicht, wenn Du jetzt nicht fortreist und Dein Examen machst.' Auch das tat er, und nach einem Jahr kam er als richtiger Pastor zurück. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er und hatte noch dabei Pastorenmantel und Kragen angelegt. Jetzt will ich Dich ein paarmal Gottes Wort verkündigen hören.' Und das tat er klar und rein, wie es einem Pastor ziemt; er redete über seine eigene Niedrigkeit, und wie leicht der Sieg sei, wenn man ernstlich kämpfe, und von der Bedeutung der Worte Gottes, wenn man erst hin zu ihnen gefunden habe. Dann ging er wieder zu Karen. 'Ja, jetzt glaube ich, daß Du nach der wahren Erkenntnis lebst,' sagte Karen, 'und nun will ich Dir erzählen, daß ich schon drei Jahre mit meinem Vetter Andreas Hougen verlobt bin, und am nächsten Sonntag sollst Du uns in der Kirche aufbieten.'----" Damit schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs gar nicht auf die Geschichte geachtet; dann aber stärker und stärker und zuletzt hing sie förmlich an jedem Wort. "Folgt nichts weiter?" fragte sie sehr bange. "Nein," antwortete die Mutter. Der Vater sah die Mutter an; da blickte die Mutter etwas unsicher zur Seite, dann sagte sie nach kurzem Nachdenken, und fuhr dabei mit den Fingern über die Tischplatte: "Es mag wohl noch etwas folgen;----aber das ist ja gleich."--"Folgt noch etwas?" fragte Synnöve und wandte sich zu ihrem Vater, der ihr davon zu wissen schien.--"Oh--ja; aber wie Mutter sagt: das ist ja gleich."--"Wie erging es ihm?" fragte Synnöve. "Ja, darum handelt sich's ja gerade", antwortete der Vater und sah die Mutter an; die hatte sich mit ihren Schultern an die Wand gelehnt und sah beide an.--"Wurde er unglücklich?" fragte Synnöve leise. "Wir machen den Schluß dort, wo er gemacht werden soll", sagte die Mutter und stand auf; der Vater ebenfalls; Synnöve etwas später. Achtes Kapitel Wieder vergingen einige Wochen, da schickte sich eines Morgens zu früher Stunde alles in Solbakken zum Kirchgang an; es sollte heute Konfirmation sein,--in diesem Jahre etwas zeitiger als gewöhnlich,--und wie immer bei solcher Gelegenheit wurden die Häuser zugeschlossen; denn alle gingen mit. Fahren wollten sie nicht; das Wetter war klar, wenn auch in der Frühe etwas winterlich kalt und rauh; der Tag schien recht schön zu werden. Der Weg zog sich rund um das Kirchspiel und an Granliden vorbei, ließ den Hof links in kurzer Entfernung liegen und erreichte nach einer Viertelmeile die Kirche. Das meiste Korn war schon geschnitten und in Haufen geschichtet; die meisten Kühe waren von der Alm getrieben und gingen kauend an Stricken auf Stoppeln und Gras; die Felder hatten sich zum zweitenmal begrünt oder schimmerten weißgrau; ringsherum dehnte sich der Wald in seiner Farbenbuntheit; die Birke schon kahler, die Espe blaßgoldig, die Eberesche mit vertrockneten, runzligen Blättern, doch voll roter Beeren. Es hatte einige Tage stark geregnet; das niedre Gestrüpp, das sich an den Wegkanten hoch arbeitete oder im Wegsande stand und nieste, erschien reingewaschen und frisch. Aber die Felsen fingen an sich schwerer über das Land zu neigen, je ärger sie der beutegierige Herbst entkleidete und ihnen ein ernstes Aussehen gab; wogegen die Felsbäche, die im Sommer manchmal nur ein Scheindasein führten, sich wild tummelten und mit großem Lärm herunterfuhren; besonders wuchtig und prasselnd tat das der Granlidener, und namentlich unten im Geröll, wo der Fels nicht länger mit wollte, sondern sich nach innen zurückzog. Dort nahm der Bach auf dem Gestein einen tüchtigen Anlauf und sprang mit derartigem Jauchzen herunter, daß der Fels erbebte. Gewaschen wurde der für seine Verräterei, denn der Wasserfall schickte ihm seine kribblichsten Strahlen gerade ins Gesicht. Einige neugierige Eisenbüsche, die sich dem Abhang genähert hatten und beinahe fortgeschwemmt wären, schlucksten jetzt krampfhaft im Wassersbade, denn der Gießbach war heut nicht eben sparsam. Thorbjörn ging mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern und den übrigen Hausleuten gerade daran vorbei und sah es sich mit ihnen an; er war wieder ganz zu Kräften gekommen und hatte sich schon ebenso tüchtig wie früher an der Arbeit seines Vaters beteiligt; die zwei waren fast unzertrennlich; so auch heut.--"Ich glaube, hinter uns kommen die Solbakkener", sagte der Vater. Thorbjörn blickte sich nicht um; aber die Mutter setzte hinzu: "Jawohl, das sind sie;----aber ich sehe nicht------sie sind ja auch noch so weit." Entweder gingen nun die Granlidener schneller, oder die Solbakkener langsamer, denn der Abstand wurde immer größer und größer; zuletzt verloren sie sich ganz aus den Augen. Es schienen heut viele Menschen zur Kirche zu wollen; der lange Weg war ganz schwarz von Fußgängern, Fahrenden und Reitern; die Pferde waren jetzt im Herbst mutig und wenig daran gewöhnt, mit anderen zusammen zu sein; sie wieherten unaufhörlich, und es steckte eine Unruhe in ihnen, die das Fahren gefährlich, aber sehr vergnüglich machte. Je mehr sie sich der Kirche näherten, desto größeren Lärm machten die Pferde; jedes, das ankam, wieherte zu den schon dort stehenden hinüber; und diese zerrten am Halfter, trampelten mit den Hinterbeinen und antworteten den Ankömmlingen. Alle Hunde aus dem Kirchspiel, die in der Woche aus weiter Ferne auf einander gelauscht, sich gereizt und angekläfft hatten, trafen sich jetzt vor der Kirche und stürzten sich paarweise oder rudelweise Hals über Kopf auf die Felder zu einer gehörigen Balgerei. Die Menschen standen längs der Kirchenmauer und den Häusern, führten Gespräche im Flüsterton und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg vor der Mauer war nicht breit, die Häuser lagen unweit von ihr auf der Seite gegenüber; und gern standen die Frauen und Mädchen an der Mauer, die Männer und Burschen vor den Häusern. Erst später fanden sie den Mut, zueinander hinüberzugehen. Sahen sich Bekannte auf geringen Abstand, dann taten sie, als sähen sie sich nicht, bis nach altem Brauch die Zeit gekommen war;--es konnte ja passieren, daß ein Ausweichen nicht möglich gewesen, daß sie sich begrüßen mußten; aber dann geschah es mit halb abgewandtem Gesicht und knappen Worten; worauf sich beide Teile mit Vorliebe nach ihren verschiedenen Richtungen zurückzogen. Als die Granlidener herankamen, wurde es fast noch stiller wie bisher; Sämund hatte nicht viele zu begrüßen, und so ging es schnell durch die Reihen; aber die Frauen blieben gleich bei den Vordersten stehen. Deshalb mußten die Männer, als sie zur Kirche wollten, erst wieder den Weg zurück und zu den Frauen hinüber; in demselben Augenblick fuhren drei Wagen hintereinander, schärfer als alle früher gekommenen, heran und verlangsamten nicht einmal ihre und Fahrt, als sie in die Menge einbogen. Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren wurden, blickten zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud Nordhoug und ein alter Mann; im zweiten seine Schwester und ihr Mann; im dritten die Eltern, die sich des Hofes begeben hatten. Vater und Sohn sahen sich an. In Sämunds Gesicht veränderte sich kein Zug; Thorbjörn wurde ganz blaß; schnell blickten beide wieder weg und geradeaus; dabei wurden sie die Solbakkener gewahr, die direkt vor ihnen Halt gemacht hatten, um Ingebjörg und Ingrid zu begrüßen. Die Ankunft der Wagen hatte ihr Gespräch abgeschnitten, sie verfolgten mit den Augen die Fahrenden, und es verging eine Weile, bis sie von ihnen ablassen konnten. Als sie allmählich die Überraschung verschmerzt hatten und nach einem Übergang suchten, stießen ihre Blicke auf Sämund und Thorbjörn, die dastanden und hinstarrten. Guttorm drehte sich um; aber seine Frau richtete sofort ihre Augen auf Thorbjörn; Synnöve, die fühlte, daß er sie ansah, wendete sich Ingrid zu und nahm sie bei der Hand, um sie zu begrüßen, obgleich sie es schon einmal getan hatte. Aber alle merkten zu gleicher Zeit, daß ihre Dienstboten und ihre Bekannten ohne Ausnahme sie beobachteten, und nun schritt Sämund direkt hinüber und gab Guttorm mit abgewandtem Gesicht die Hand: "Dank für das vorige Mal!"--"Dir selber Dank für das vorige Mal."--Ebenso sagte seine Frau: "Dank für das vorige Mal!"--"Dir selber Dank für das vorige Mal"; aber sie blickte gar nicht dabei auf. Thorbjörn ging seinem Vater nach und tat wie er; Sämund kam zu Synnöve; sie war die erste, die er ansah; sie sah auch ihn an, vergaß aber dabei zu sagen: "Dank für das vorige Mal"; nun kam Thorbjörn; er sagte nichts; sie sagte nichts; sie gaben sich die Hand; aber nur ganz lose; keins von beiden schlug die Augen auf, keins konnte den Fuß von der Stelle bewegen.--"Das wird sicher prächtiges Wetter heut", sagte Karen Solbakken und behielt rastlos die beiden im Auge. Sämund war der erste, der ihr antwortete: "Jawohl, der Wind treibt die Regenwolken weg."--"Das ist gut fürs Getreide, das noch draußen steht und trockenes Wetter braucht", sagte Ingrid Granliden und fing an mit den Fingern auf Sämunds Rock herumzubürsten, vermutlich, weil sie glaubte, daß er staubig sei.--"Unser Herrgott hat uns ein gutes Jahr beschert; aber ob alles richtig unter Dach kommt, das ist noch ungewiß", sagte Karen Solbakken wieder und sah beständig auf die beiden, die noch immer regungslos dastanden. "Das kommt auf die Zahl der Arbeitskräfte an", sagte Sämund und stellte sich vor sie hin, daß sie nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern wollte, "ich habe mir gedacht, wenn sich ein paar Höfe zusammentäten, würd' es besser gehen."--"Sie wollen aber vielleicht das trockene Wetter zu derselben Zeit ausnutzen", sagte Karen und trat einen Schritt zur Seite.--"Na ja," sagte Ingebjörg und stellte sich neben ihren Mann, so daß Karen gar nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern wollte; "aber auf manchen Feldern ist das Korn früher reif als auf anderen; Solbakken ist uns oft vierzehn Tage voraus."--"Da könnten wir einander ja gut aushelfen", sagte Guttorm langsam, und näherte sich einen Schritt. Karen warf ihm einen schnellen Blick zu.--"Es könnte jedoch auch vielerlei dazwischen kommen", fügte er hinzu.--"So ist es", sagte Karen und machte einen Schritt nach der einen, dann einen Schritt nach der anderen Seite, dann noch einen und endlich einen zurück.--"Ja, oft steht einem vielerlei im Wege", sagte Guttorm nicht ohne seinen Mund ein klein wenig zum Lachen zu verziehen.--"Wenn das so ist...", sagte Guttorm; aber seine Frau warf schnell dazwischen: "Menschenkraft reicht nicht weit; Gottes Kraft ist die größte, sollte ich glauben, und auf ihn kommt es an."--"Er wird wohl nichts besonderes einzuwenden haben, wenn wir uns in Solbakken und Granliden bei der Ernte helfen?" sagte Sämund. "Nein," versetzte Guttorm, "dagegen kann er nichts einwenden"; und er blickte ernst seine Frau an. Die suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. "Heut ist lebhafter Kirchgang," sagte sie; "es tut einem wohl, die Menschen zu sehen, die zum Gotteshause streben." Keiner schien ihr antworten zu wollen,--da sprach Guttorm: "Ich glaube wohl, die Gottesfurcht nimmt zu; jetzt kommen mehr in die Kirche als in der Zeit, da ich jung war."--"Ja, ja,--das Volk vermehrt sich", sagte Sämund.--"Es sind wohl viele darunter--vielleicht der größte Teil,--die nur die Gewohnheit hertreibt", erwiderte Karen Solbakken.--"Vielleicht die jüngeren", sagte Ingebjörg; und Sämund darauf: "Die wollen sich wohl gern hier treffen."--"Habt Ihr gehört, daß sich der Pastor um eine andere Pfarre beworben hat?" sagte Karen und suchte dem Gespräch abermals eine Wendung zu geben. "Das wäre schlimm," versetzte Ingebjörg, "er hat alle meine Kinder getauft und auch konfirmiert."--"Nun soll er sie wohl auch noch erst trauen?" fragte Sämund und biß auf einen Span, den er gefunden hatte.--"Ich wundere mich,--der Gottesdienst muß doch bald anfangen", sagte Karen und sah nach der Kirchentür.--"Ja, hier draußen ist es heut heiß", antwortete Sämund.--"Komm, Synnöve, wir wollen jetzt hineingehen."--Synnöve fuhr zusammen; denn sie hatte gerade mit Thorbjörn gesprochen.--"Willst Du nicht warten, bis es läutet?" sagte Ingrid und schielte verstohlen nach Synnöve; "dann können wir alle zusammengehen", setzte sie zu. Synnöve wußte nicht, was sie antworten sollte. Sämund drehte sich um und sah sie an. "Wart's ab, dann läutet es bald--für Dich", sagte er. Synnöve wurde ganz rot; ihre Mutter sandte Sämund einen bösen Blick; aber der lächelte ihr zu: "Das wird so, wie unser Herrgott will; hast Du das nicht vorhin selbst gesagt?"--Und dann schlenderte er voraus, auf die Kirche zu; die anderen folgten ihm. Vor der Kirchentür entstand ein Gedränge und bei näherer Untersuchung fand es sich, daß sie noch gar nicht offen war. Gerade als einige fortgingen, um nach dem Grund zu fragen, wurde sie aufgemacht, und die Menschen strömten hinein; aber etliche gingen wieder zurück, wodurch die Herankommenden voneinander getrennt wurden. Oben an der äußeren Wand der Kirche standen zwei Männer im Gespräch; der eine von ihnen,--groß und derb, mit blondem, aber struppigem Haar und einer Stumpfnase,--das war Knud Nordhoug; als er die Granlidener unweit vor sich sah, brach er das Gespräch ab; es wurde ihm etwas wunderlich zumut,--aber er blieb stehen. Sämund mußte gerade an ihm vorbei, und tat's nicht, ohne ihm einige Blicke zuzuwerfen; Knud schlug die Augen nicht nieder; aber sie flackerten doch etwas. Dann kam Synnöve; und sobald sie unerwartet Knud vor sich sah, wurde sie leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und trat von der Wand zurück, um fortzugehen. Er hatte kaum ein paar Schritte gemacht, da sah er vier Gesichter, deren Augen auf ihn gerichtet waren; Guttorm und seine Frau, Ingrid und Thorbjörn. Verwirrt wie er war, ging er direkt auf sie zu, so daß er bald wider Wissen und Willen fast Kopf an Kopf mit Thorbjörn stand; erst schien er sich beiseite drücken zu wollen; aber der Menschen wegen, die kamen und gingen, machte sich das nicht so leicht. Ihre Begegnung erfolgte gerade auf den Steinfließen vor dem Kircheneingang; oben auf der Schwelle der Vorhalle war Synnöve stehen geblieben; Sämund etwas hinter ihr; sie konnten von ihrem höheren Platz aus deutlich von allen draußen gesehen werden und alle sehen. Für Synnöve war alles andere versunken; sie starrte nur auf Thorbjörn; ebenso Sämund, seine Frau, das Ehepaar aus Solbakken und Ingrid. Das merkte und fühlte Thorbjörn; er stand wie festgenagelt; aber Knud dachte, daß er jetzt etwas tun müsse, und darum streckte er die eine Hand etwas vor, aber er sagte nichts. Auch Thorbjörn streckte eine Hand vor; aber nicht soweit, daß sich die Hände beider fassen konnten. "Dank für..." fing Knud an, besann sich jedoch schnell, daß dieser Gruß nicht recht hierher paßte, und trat einen Schritt zurück. Thorbjörn sah hoch, sein Blick traf Synnöve, die weiß wie Schnee war. Er tat einen tüchtigen Schritt vorwärts, ergriff kräftig Knuds Hand und sagte, sodaß es die Nächsten hören konnten: "Dank für das vorige Mal--das kann uns beiden eine gute Lehre gewesen sein." Knud gab einen Laut, ungefähr wie einen Schluckser, von sich und versuchte zwei- oder dreimal etwas zu sagen; aber es gelang ihm nicht. Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen und wartete--er sah nicht auf; er wartete nur. So fiel kein Wort mehr zwischen beiden, doch wie Thorbjörn noch immer dastand und dabei sein Gesangbuch in den Händen herumdrehte, fiel es zur Erde. Sofort bückte sich Knud, hob es auf und reichte es ihm. "Ich danke Dir", sagte Thorbjörn, der sich gleichfalls gebückt hatte; er blickte auf, aber da Knud wieder zu Boden schaute, dachte Thorbjörn: das beste ist, ich gehe jetzt. Und dann ging er. Die anderen gingen ebenfalls, und als sich Thorbjörn hingesetzt hatte und eine Weile darauf zu den Frauen hinübersah, traf sein Blick Ingebjörg, die ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken, die sicher darauf gewartet hatte, er möge hinübersehen; denn sobald er sie ansah, nickte sie ihm dreimal zu; und als ihn dies stutzig machte, nickte sie wieder dreimal, und noch freundlicher als zuvor.--Vater Sämund flüsterte ihm in das Ohr: "Das habe ich mir gleich gedacht." Das Einleitungsgebet war gesprochen, das erste Lied aus dem Gesangbuch gesungen, schon stellten sich die Konfirmanden auf, da erst flüsterte Sämund wieder: "Aber dem Knud wird's nicht leicht, gut zu sein; lasse es immer recht weit von Granliden nach Nordhoug bleiben." Die Konfirmation begann; der Pastor trat hervor, und die Kinder stimmten das Einsegnungslied von Kingo an. Wenn nun dieser Kinderchor und nur dieser Kinderchor so voll Vertrauen und so hell singt, dann werden die älteren Leute sehr gerührt, und besonders diejenigen, die ihre eigene Konfirmation noch frischer im Gedächtnis haben. Wenn dann tiefe Stille eintritt, und der Pastor, seit mehr als zwanzig Jahren derselbe, der für jeden einzelnen immer eine schöne Stunde übrig gehabt hatte, da er ihn auf ein Höheres hingewiesen,--wenn dieser Pastor die Hände faltet und zu reden anhebt, dann wächst die Rührung in der Gemeinde. Und den Kindern kommen die Tränen, wenn er sich an die Eltern wendet und sie auffordert, für ihre Kinder zum lieben Gott zu beten. Thorbjörn, der vor kurzem dem Tode nahe gewesen und unlängst noch geglaubt hatte, er werde sein Lebenlang siech bleiben, weinte heftig, besonders als die Kinder ihr Gelübde ablegten, und alle in der tiefsten Überzeugung, daß sie es auch halten könnten. Er sah nicht ein einzigesmal zu den Frauen hinüber; aber nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid und flüsterte ihr etwas ins Ohr; dann ging er schnell durch das Gedränge hinaus. Einige wollten wissen, daß er über den Hügel dem Walde zu statt auf der Fahrstraße geschritten sei; aber sicher wußten sie es auch nicht. Sämund suchte ihn, gab es aber auf, als er entdeckte, daß Ingrid ebenfalls fort war; dann suchte er die Solbakkener; Guttorm und Karen liefen überall herum und fragten jeden nach Synnöve; aber zufällig hatte keiner sie gesehen. Da zogen sie nach Hause, jedes Ehepaar für sich, doch ohne ihre Kinder. Doch weit vorn auf der Straße gingen Synnöve wie auch Ingrid. "Fast tut es mir leid, daß ich mitgekommen bin", sagte jene.--"Jetzt ist es nicht mehr so gefährlich; Vater weiß es ja", antwortete die andere.--"Aber er ist doch nicht mein Vater", sagte Synnöve. "Wer weiß?" entgegnete Ingrid--und dann sprachen sie nicht mehr darüber.--"Hier sollten wir ja warten", sagte Ingrid, als sie bei einer scharfen Wegkante an einen dichten Wald kamen.--"Er hat einen weiten Umweg zu machen", versetzte Synnöve.--"Er ist aber schon da", fügte Thorbjörn hinzu, der hinter einem großen Stein gestanden hatte und nun hervortrat. Er hatte sich alles, was er sagen wollte, fix und fertig im Kopf zurecht gelegt, und er hatte nicht wenig zu sagen. Aber heut sollte es auch frisch heraus, weil sein Vater es wußte und damit einverstanden war; das glaubte Thorbjörn nach den Vorgängen heute bei und in der Kirche bestimmt annehmen zu können. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einer Aussprache gesehnt, und da mußte er doch heute freier reden können als früher! "Am besten gehen wir wohl auf dem Waldweg," sagte er, "da kommen wir rascher vorwärts." Die beiden Mädchen sagten nichts, aber folgten ihm. Eigentlich hatte er sofort mit Synnöve reden wollen; aber dann wollte er doch lieber bis jenseits des Hügels warten, und dann, bis sie den Sumpf hinter sich hatten; dort aber meinte er, sie müßten erst weiter in den Wald hineinkommen. Ingrid, die recht gut merkte, daß die entscheidenden Worte zwischen den beiden nicht flott in Fluß gerieten, verlangsamte ihre Schritte, und blieb mehr und mehr zurück, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war. Synnöve tat, als merke sie das nicht, bückte sich hier und da nach einer Beere am Wegsaum, und pflückte sie. "Das müßte doch merkwürdig zugehen, wenn ich nicht mit der Sprache heraus könnte," dachte Thorbjörn, und so sagte er: "Schönes Wetter heute."--"Recht schönes Wetter", antwortete Synnöve. Sie schritten ein Stückchen weiter, sie suchte Beeren--und er, er ging daneben.--"Das war hübsch von Dir, daß Du mitgekommen bist", sagte er dann; sie entgegnete nichts.--"Wir haben einen sehr langen Sommer gehabt", fing er wieder an; aber darauf antwortete sie gar nichts.--Nein, solange wir gehen, dachte Thorbjörn, kommen wir nicht ordentlich zum Reden. "Wollen wir nicht auf Ingrid warten?" fragte er.--"Ja, das wollen wir", entgegnete Synnöve und blieb stehen. Hier gab es keine Beeren, und so konnte sie sich auch nicht danach bücken; das hatte Thorbjörn ganz gut gesehen; aber Synnöve pflückte einen langen Grashalm, und nun stand sie da und zog die Beeren auf dem Halm auf. "Heute mußte ich immer an die Zeit denken, wie wir zusammen zur Konfirmation gegangen sind", sagte er. "Daran mußte ich auch immer denken", erwiderte sie.--"Seitdem ist eine Menge passiert"--und da sie still blieb, fuhr er fort: "aber meistens Geschichten, die wir nicht erwartet haben." Synnöve hatte viel mit Halm und Beeren zu tun und mußte den Kopf dabei senken; er trat einen Schritt vor sie hin, um ihr in das Gesicht zu sehen; doch als ob sie's merke, veränderte sie ihre Stellung so, daß er gezwungen wurde, sich wieder anders zu drehen. Da bekam er fast Angst, daß er seine Angelegenheit nicht vorwärts bringe. "Synnöve, Du hast mir doch etwas zu sagen?" Sie sah auf und lachte. "Was soll ich Dir zu sagen haben?" Er gewann seinen alten Mut wieder und wollte sie umfassen; aber als er ihr nahe kam, traute er sich nicht recht und fragte nur ganz geduckt: "Ingrid hat doch mit Dir geredet?"--"Ja", antwortete sie. "Dann mußt Du auch etwas wissen", sprach er weiter. Sie schwieg. "Dann mußt Du auch etwas wissen", wiederholte er, und trat noch einmal auf sie zu. "Du mußt wohl auch etwas wissen", entgegnete sie;--ihr Gesicht konnte er nicht sehen. "Ja", sagte er, und wollte ihre eine Hand fassen; aber sie war gerade zu sehr mit dem Halm beschäftigt. "Dumme Geschichte das," sagte er, "Du machst mich immer kleinmütig."--Weil er nicht bemerken konnte, daß sie darüber lächelte, wußte er nicht, wie er fortfahren sollte. "Kurz und gut," stieß er plötzlich mit starker, aber doch etwas unsicherer Stimme vor: "Was hast Du mit dem Zettel gemacht?" Sie antwortete nicht; wandte sich aber ab. Er folgte ihrer Bewegung, legte die eine Hand auf ihre Schulter und neigte sich ihr zu: "Antworte mir", flüsterte er.----"Ich hab' ihn verbrannt."---- Er nahm sie und drehte sie zu sich hin, aber als er sah, daß ihr die Tränen in die Augen traten, da blieb ihm nichts anderes übrig als sie loszulassen;--das ist doch ärgerlich, daß ihr die Tränen so locker sitzen, dachte er. Mit einem Mal sagte sie;--jedoch ganz leise: "Warum hast Du den Zettel geschrieben?"--"Das hat Ingrid Dir ja gesagt."--"Ja wohl; aber--sehr böse und hart war's von Dir."--"Vater hat's gewollt."--"Trotzdem--"--"Er hat geglaubt, ich würde mein ganzes Leben lang ein kranker Mensch bleiben; aber jetzt bin ich soweit, daß ich für Dich sorgen kann", sagte er. Ingrid erschien unten am Hügel, und da machten sich die beiden wieder auf den Weg. "Damals, als ich glaubte, ich könnte Dich nicht mehr kriegen, warst Du mir am nächsten", sprach er.--"Wenn man allein ist, geht man prüfend in sich", erwiderte sie.--"Ja, da zeigt sich's am besten, wer die größte Macht über uns hat", sagte Thorbjörn und schritt ernst neben ihr her. Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. "Willst Du ein paar haben?" fragte sie und reichte ihm den Halm hin. "Danke", antwortete er und hielt ihre Hand fest. "Dann ist es wohl besser, es bleibt beim alten", brachte er mit etwas schwankender Stimme hervor.--"Ja", flüsterte sie unhörbar, und wandte den Kopf ab; nun gingen sie weiter, und solange sie schwieg, traute er sich nicht, sie zu berühren oder mit ihr zu sprechen; aber sein ganzer Körper wurde mit einemmal so leicht, so leicht--und beinahe wäre er hingepurzelt. Vor seinen Augen flimmerte und brannte es; und da Synnöve und er nun auf einen Hügel kamen, von dem sie Solbakken gut übersehen konnten, war es ihm, als sei er sein ganzes Leben dort drüben zu Hause gewesen, und habe Heimweh dahin gehabt. "Ich gehe gleich mit ihr hinüber," dachte er, schritt aus, und schöpfte sich aus dem Bilde, das sich ihm bot, immer neuen Mut, so daß sein Vorsatz sich mit jedem Schritt befestigte. "Vater hilft mir," dachte er; "ich ertrag's nicht länger", und er ging schnell und schneller, immer geradeaus. Kirchspiel und Hof lagen in hellem Licht. "Ja, heute! Nicht eine Stunde wart' ich länger," und er fühlte sich so stark, daß er im Augenblick nicht wußte, wie er das betätigen solle. "Du reißt mir ja beinah aus," hörte er eine sanfte Stimme hinter sich rufen. Es war Synnöve; vergebens hatte sie versucht, ihm nachzukommen, und mußte es jetzt aufgeben. Er schämte sich recht, kehrte um, ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu und dachte: jetzt will ich sie mal gleich hoch in die Luft schwenken; aber als er bei ihr war, ließ er es lieber bleiben. "Ich gehe zu schnell", sagte er. "Ja, viel zu schnell", antwortete sie. Nun waren sie der Landstraße nahe; Ingrid, die in der ganzen Zeit unsichtbar geblieben, war auf einmal dicht hinter ihnen. "Nun dürft Ihr nicht länger zusammengehen", sagte sie. Das war Thorbjörn etwas zu früh, er erschrak; auch Synnöve wurde etwas beklommen. "Ich habe Dir noch so viel zu sagen", flüsterte er. Sie konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. "Ja, ja," sagte er, "das nächste Mal"--und ergriff ihre Hand. Mit klarem, vollem Blick sah sie zu ihm auf; ihm wurde ganz warm, und wieder schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: "Ich gehe gleich mit ihr." Da zog sie behutsam ihre Hand zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid, sagte ihr Lebewohl und schritt langsam zur Straße hin. Und er, er blieb, wo er war. Die Geschwister gingen durch den Wald nach Hause. "Habt Ihr Euch ausgesprochen?" fragte Ingrid.--"Nein, der Weg war zu kurz", antwortete er; aber ging so schnell, als ob er nichts mehr hören wolle. "Na?" sagte Sämund und sah vom Mittagessen auf, als die Geschwister in die Stube traten. Thorbjörn antwortete nicht; er ging zu der Bank der gegenüberliegenden Wand, vermutlich, um seinen Rock auszuziehen; Ingrid ging ihm nach und kicherte. Sämund fing wieder an zu essen, blickte dann und wann auf Thorbjörn, tat dabei, als sei er mit dem Essen sehr beschäftigt, lachte leise vor sich hin und aß weiter. "Komm her und iß," rief er, "sonst wird das Essen kalt."--"Danke, ich habe keinen Hunger", antwortete Thorbjörn und setzte sich. "So?"--und Sämund aß. Nach einem Weilchen sagte er: "Ihr wart ja heut mit einemmal aus der Kirche."--"Wir hatten mit jemand zu reden", erwiderte Thorbjörn und hockte mit krummem Buckel.--"Na, habt Ihr denn mit ihm geredet?"--"Das weiß ich fast selber nicht", versetzte Thorbjörn.--"Den Teufel auch", brummte Sämund und aß. Es dauerte nicht lange mehr, da war er fertig und stand auf; er ging zum Fenster, blieb stehen und sah hinaus; bald darauf drehte er sich um: "Du, komm, wir wollen ein bißchen aus und uns die Felder besehen." Thorbjörn stand auf. "Nein, zieh Dir erst den Rock an." Thorbjörn, der in Hemdsärmeln dagesessen hatte, nahm einen alten Arbeitsrock, der hinter ihm hing.--"Siehst Du nicht, daß ich den guten anhabe?" rief Sämund. Nun zog Thorbjörn auch seinen Sonntagsrock an. Dann gingen sie fort; Sämund voran, Thorbjörn hinterher. Sie nahmen die Richtung der Fahrstraße. "Wollen wir nicht zur Gerste?" fragte Thorbjörn. "Nein, zum Weizen", antwortete Sämund. Gerade als sie auf die Straße kamen, fuhr ein Wagen langsam auf sie zu. "Der Wagen ist aus Nordhoug", sagte Sämund.--"Das Jungvolk von Nordhoug sitzt drin", fügte Thorbjörn hinzu; Jungvolk bedeutet nämlich das junge Paar. Der Wagen hielt, als die Granlidener herankamen. "Wirklich ein Staat von Frauenzimmer ist die Marit Nordhoug", flüsterte Sämund, und wandte kein Auge von ihr; sie saß etwas zurückgelehnt im Wagen und hatte ein Tuch lose um den Kopf, ein andres um den Nacken und die Brust geschlungen; sie blickte steif vor sich hin und auf die beiden Fußgänger. Der Mann sah sehr blaß und mager und noch sanfter als früher aus, etwa wie einer, der Kummer hat und sich ihn nicht vom Herzen reden kann. "Ihr seid wohl aus, um nach dem Korn zu sehen?" fragte er.--"Das will ich meinen", antwortete Sämund.--"Gut steht's dies Jahr."--"Hat schon schlechter gestanden."--"Ihr kommt heute spät zurück", sagte Thorbjörn.--"Hatte zu vielen Adieu zu sagen."--"Was?--willst Du denn verreisen?" fragte Sämund.--"Ja, das will ich, ja."--"Weit?"--"Ach, ja."--"Wie weit denn?"--"Nach Amerika."--"Nach Amerika?" riefen die beiden Granlidener auf einmal. "Ein Mann, der sich eben erst verheiratet hat!" setzte Sämund hinzu. Der Mann lächelte. "Ich glaube, ich bleibe von wegen meinem Fuß hier, sprach der Fuchs, da saß er im Eisen fest." Marit sah ihn und darauf die anderen an; eine leichte Röte flog über ihr Gesicht; aber kein Zug veränderte sich.--"Die Frau geht wohl mit?" fragte Sämund.--"Nein, das tut sie nicht."--"In Amerika soll man's leicht zu was bringen", sagte Thorbjörn,--er hatte die Empfindung, das Gespräch dürfe nicht stocken.--"Na, ja", sagte der Mann.--"Aber Nordhoug hat doch guten Boden und ist groß", versetzte Sämund.--"Es sind zu viele drauf", antwortete der Mann; seine Frau sah ihn wieder an. "Der eine steht dem andern im Wege", fügte er hinzu. "Glückliche Reise!" sagte Sämund und gab ihm die Hand. "Gott lasse Dich finden, was Du suchst." Thorbjörn blickte seinem Schulkameraden lange und fest in die Augen: "Ich möchte später noch mit Dir reden", sagte er.--"Es tut einem gut, wenn man mit jemand reden kann", antwortete der Mann und schrapte mit dem Peitschenstiel auf dem Boden des Wagens. "Komm doch mal zu uns", sagte Marit; und Thorbjörn und Sämund sahen fast verdutzt die Frau an; es war ihnen immer wieder etwas Neues, daß sie eine so sanfte Stimme hatte. Das Paar fuhr weiter; langsam rollte der Wagen dahin; eine kleine Staubwolke umkreiste ihn, die Abendsonne senkte ihre Strahlen gerade auf ihn herunter; vom dunklen Friesrock des Mannes hoben sich flimmernd und schimmernd die seidenen Tücher der Frau ab;--ein Hügel kam; der Wagen verschwand. ----Lange schritten Vater und Sohn nebeneinander her, bis einer ein Wort sprach. "Ich glaube, ich irre mich nicht; es wird lange dauern, bis der wiederkommt", meinte Thorbjörn, und Sämund antwortete: "Ist auch das beste, wenn einer sein Glück nicht im Lande gefunden hat."--Und sie schritten wieder stumm weiter. "Du gehst ja am Weizen vorbei", rief Thorbjörn. "Den besehen wir uns auf dem Rückweg";--und sie schritten weiter. Thorbjörn mochte nicht recht fragen wohin; denn die Granlidener Feldmark ließen sie hinter sich. Neuntes Kapitel Als Synnöve rot im Gesicht und atemlos eintrat, waren Guttorm und Karen Solbakken schon mit dem Essen fertig. "Aber liebes Kind, wo bist Du denn gewesen?" fragte die Mutter.--"Ich bin mit Ingrid etwas zurückgeblieben", antwortete Synnöve, und knüpfte sich gemach ein paar Tücher ab; der Vater suchte im Schrank nach einem Buch. "Was habt Ihr denn solange zu reden gehabt?"--"Ach, nichts besonderes."--"Dann war' es besser gewesen, Du hättest auf dem Kirchgang keinen Umweg gemacht."--Sie stand auf und stellte der Tochter zu essen hin. Nachdem Synnöve sich an den Tisch gesetzt hatte, fragte die Mutter, die ihren Platz ihr gegenüber wieder eingenommen hatte: "Hast Du vielleicht noch mit andern geredet?"--"Ja, noch mit manchem", antwortete Synnöve.--"Das Kind muß doch mit Leuten reden", sagte Guttorm. "Gewiß muß sie das," versetzte die Mutter etwas sanfter; "aber sie hätte doch mit ihren Eltern gehen können."--Darauf bekam sie keine Antwort. "Das war ein herrlicher Kirchgang heut," fing sie wieder an, "die Jugend in der Kirche tut einem gut."--"Man denkt an seine eignen Kinder", setzte Guttorm hinzu.--"Da hast Du recht," sagte die Mutter, und seufzte; "keiner weiß, wie es ihnen mal gehen wird." Guttorm sprach lange kein Wort. "Wir haben Gott herzlich dafür zu danken," sagte er endlich, "daß er uns eines gelassen hat." Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch und blickte nicht auf; "sie ist doch unsere größte Freude", sprach sie leise; "sie ist auch nicht aus der Art geschlagen", fügte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange Pause. "Ja, sie hat uns immer große Freude gemacht," sagte Guttorm, und etwas später mit weicher Stimme: "Gott schenke ihr Glück!"--Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch; eine Träne fiel darauf, und sie wischte sie weg.--"Warum ißt Du denn nicht?" fragte Guttorm, als er nach einem Weilchen aufblickte.--"Danke, ich bin satt", antwortete Synnöve. "Aber Du hast ja noch gar nichts gegessen," sagte nun auch die Mutter, "und Du hast einen so weiten Weg gemacht."--"Ich kann nicht", entgegnete Synnöve und zupfte eifrig am Zipfel ihres Brusttuchs.--"Iß, mein Kind", wiederholte der Vater.--"Ich kann nicht", sagte Synnöve abermals und fing zu weinen an.--"Aber, liebes Kind, warum weinst Du denn?"--"Ich weiß nicht", und sie schluchzte. "Sie weint so leicht", sagte die Mutter, der Vater stand auf und ging an das Fenster. "Dort kommen zwei Männer auf den Hof zu", sagte er. "Was? jetzt am späten Nachmittag?" fragte die Mutter und ging auch an das Fenster. Sie sahen lange hinaus. "Wer kann denn das bloß sein?" sprach sie, aber nicht gerade, als ob sie fragen wollte. "Ich weiß nicht", versetzte Guttorm, und sie sahen und sahen. "Das verstehe ich nicht recht", sagte sie.--"Ich auch nicht", sagte er.--"Aber sie müssen es doch sein", sagte sie endlich. "Allerdings", bekräftigte Guttorm. Die Männer kamen näher und näher; der ältere blieb stehen und blickte zurück; der jüngere gleichfalls; dann schritten sie weiter. "Verstehst Du, was sie wollen?" fing Karen wieder an, in demselben Ton wie vorhin. "Nein, das versteh' ich nicht", versetzte Guttorm. Die Mutter drehte sich um, ging zum Tisch, nahm das Geschirr ab und räumte etwas auf. "Du mußt Deine Tücher wieder umbinden," sprach sie zu Synnöve; "es kommt Besuch." Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da öffnete Sämund die Tür und trat ein; Thorbjörn hinter ihm. "Gesegnete Mahlzeit", sagte Sämund, blieb einen Augenblick an der Tür stehen und trat dann langsam ein, um jeden einzelnen zu begrüßen; Thorbjörn folgte. Sie kamen zuletzt zu Synnöve, die noch in einer Ecke mit dem Tuch in der Hand stand, nicht wußte, ob sie es umbinden sollte, ja, kaum wußte, ob sie es in der Hand hielt. "Nehmt Platz, wo Ihr wollt", sagte die Frau. "Danke, der Weg hier herüber ist nicht weit gewesen", antwortete Sämund, setzte sich aber doch; Thorbjörn neben ihn. "Ihr wart ja heut nach der Kirche mit einemmal fort", sagte Karen. "Wir haben Euch gesucht", antwortete Sämund. "Heut waren viele Menschen da", sagte Guttorm. "Sehr viele Menschen," wiederholte Sämund, "es war ein schöner Kirchtag."--"Ja, wir haben eben davon gesprochen", sagte Karen.--"Es ist einem bei solcher Konfirmation so wunderlich zumute, wenn man selber Kinder hat", fügte Guttorm hinzu. Seine Frau rückte auf der Bank etwas ab. "Ja, freilich," sagte Sämund, "da denkt man ernstlich über sie nach,--und deshalb habe ich mich hierher auf den Weg gemacht", sprach er weiter, sah sich fest und sicher um, nahm den Kautabak aus dem Mund, schob ein anderes Stück hinein, und legte das alte behutsam in eine Messingdose. Guttorm, Karen und Thorbjörn sahen unruhig hierhin und dorthin.--"Ich dachte mir, ich müßte mit Thorbjörn mal hergehen," begann Sämund langsam; "allein hätte er es wohl sobald nicht fertig gekriegt und hätte sich auch allein nicht gut Bescheid holen können", dabei blinzelte er zu Synnöve hinüber, die das merkte. "Die Sache liegt nun so, daß er seinen Sinn auf sie gerichtet hat, auf sie, die Synnöve, seit der Zeit, da er Verstand genug für so etwas hatte; und es liegt wohl ebenfalls einigermaßen so, daß sie auch ihren Sinn auf ihn gerichtet hat. Und da meine ich, ist es das beste, wenn die beiden für immer zusammenkommen. Damals, als ich sah, daß er sich selber nicht im Zaum halten konnte, geschweige denn andere, da war ich wenig dafür. Aber jetzt glaube ich, ich kann für ihn bürgen; und kann ich's nicht, so kann sie's; denn sie hat die größte Macht über ihn.--Was meint Ihr also dazu? Wollen wir sie zusammentun? Das hat ja weiter keine große Eile, aber ich weiß auch nicht, warum wir noch damit warten wollen. Du, Guttorm, bist ein Mann mit Vermögen; meins ist kleiner und geht mal später in mehrere Teile; aber ich denke, die Sache läßt sich doch machen. Jetzt sagt also Eure Meinung frei heraus; das Mädchen frage ich zuletzt, denn ich glaube, ich weiß, was sie will!" Also sprach Sämund. Guttorm saß krumm auf der Bank, legte abwechselnd eine Hand über die andere und machte mehrmals Miene, sich aufzurichten, indem er jedesmal stärker Atem holte; aber erst nach dem vierten- und fünftenmal bekam er den Rücken gerade, strich mit der Hand über das Knie, und sah seine Frau an, streifte aber gleichzeitig Synnöve mit den Blicken. Karen saß am Tisch und wischte mit den Fingern darüber hin. "Nun ja--das ist ein schöner Antrag", sagte sie. "Ja, ich meine, wir sollen ihn mit Dank annehmen", sagte Guttorm laut, und seiner Stimme war eine beträchtliche Erleichterung anzuhören; dann sah er von seiner Frau fort und auf Sämund, der die Arme gekreuzt und den Rücken an die Wand gelehnt hatte. "Wir haben nur die eine Tochter," sagte Karen, "wir müssen's uns erst überlegen."--"Dem steht weiter nichts im Wege," erwiderte Sämund, "aber ich weiß nicht, warum Ihr nicht gleich antworten könnt, brummte der Bär, als er den Bauern gefragt hatte, ob er nicht seine Kuh kriegen könne."--"Gewiß können wir gleich antworten", versetzte Guttorm und sah seine Frau an. "Thorbjörn kann aber manchmal so wild sein", sagte sie, blickte jedoch nicht auf. "Das hat sich gebessert," erwiderte Guttorm; "Du weißt, was Du heut selber gesagt hast!"----Das Ehepaar sah sich abwechselnd an; das dauerte eine volle Minute. "Könnten wir uns auf ihn verlassen", sagte die Frau. "Ja," ergriff nun Sämund wieder das Wort, "was das betrifft, kann ich nur sagen, was ich vorhin gesagt habe; mit der Fahrt geht's gut, wenn sie die Zügel hält. Sie hat eine Macht über ihn, wie man sich's kaum vorstellen kann. Das ist mir damals klar geworden, als er zu Hause bei mir krank lag und noch nicht wußte, was mit ihm würde, ob er wieder aufkomme oder nicht."--"Du mußt nicht so hartnäckig sein," sagte Guttorm, "Du weißt doch, was sie selber will, und wir leben doch nur für sie." Da blickte Synnöve zum erstenmal auf und sah ihren Vater groß und dankbar an. "Ach ja," begann Karen, nachdem es eine Weile still gewesen, und wischte mit den Fingern über den Tisch; "wenn ich solange dagegen war, dann habe ich's nicht schlecht gemeint.--Ich war wohl nicht so hart, wie sich's anhörte"; sie blickte auf und lachte; aber es wollten ihr Tränen kommen. Da stand Guttorm auf. "So ist denn in Gottes Namen das eingetroffen, was ich am meisten auf der Welt gewünscht habe", sagte er und ging auf Synnöve zu. "Ich habe gar keine Angst deswegen gehabt," sagte Sämund und stand ebenfalls auf; "was zusammen soll, das kommt zusammen." Und er ging auf Synnöve zu. "Na, was meinst Du dazu, mein Kind?" sagte die Mutter, und ging nun auch auf Synnöve zu. Die saß immer noch da; alle umstanden sie mit Ausnahme von Thorbjörn, der dort saß, wo er sich zuerst hingesetzt hatte. "Du mußt aufstehen, mein Kind", flüsterte die Mutter ihr zu; sie stand auf und lächelte, wandte sich ab und weinte.--"Unser Herrgott sei Dein Geleit jetzt wie alle Zeit", sagte die Mutter, umarmte sie und weinte mit ihr zusammen. Die beiden Männer traten zurück; jeder ging zu seinem alten Platz. "Du mußt zu ihm hingehen", sagte die Mutter immer noch unter Tränen, ließ sie los und schob sie sanft vorwärts. Synnöve tat einen Schritt; aber blieb stehen, weil sie nicht weiter konnte; Thorbjörn sprang auf, ging auf sie zu, ergriff ihre Hand, wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, und blieb Hand in Hand mit ihr stehen, bis sie ihre sacht zurückzog. Dann standen sie schweigend nebeneinander. Lautlos öffnete sich die Tür, und ein Kopf erschien im Rahmen. "Ist Synnöve hier?" fragte jemand bedächtig. Es war Ingrid Granliden. "Jawohl, hier ist sie, komm nur herein", antwortete ihr Vater. Ingrid zauderte. "Komm nur; hier steht alles ganz gut", fügte er hinzu. Alle sahen sie an. Sie schien etwas verlegen; "ich bin aber nicht allein hier", sagte sie. "Wer ist denn noch da?" fragte Guttorm. "Mutter!" erwiderte sie leise. "Immer herein mit ihr!" riefen alle vier in der Stube auf einmal. Und die Hausfrau ging ihr entgegen, während die anderen sich freudestrahlend ansahen.--"Komm nur, Mutter, Du kannst gern herein", hörten sie Ingrid sagen.--Und herein kam Ingebjörg mit ihrer weißen Haube. "Ich hab's wohl gemerkt," sagte sie, "wenn Sämund seinen Mund auch nicht auftun kann; und da hielten die Ingrid und ich es nicht länger aus--wir mußten her."--"Und hier stehen die Dinge so, wie Du's wünschst", sagte Sämund und machte Platz, damit sie besser herankönne.--"Gott segne Dich, mein Kind, dafür, daß Du ihn an Dich geknüpft hast," sprach sie zu Synnöve, und umarmte und streichelte sie; "Du hast solange, solange fest zu ihm gehalten, und jetzt ist alles gekommen, wie Du es gewollt hast." Und sie streichelte ihr die Backen und das Haar, und über ihr eigenes Gesicht rannen Tränen, aber sie beachtete sie nicht; sie trocknete nur Synnöve die Tränen ab. "Ja, er ist ein lieber, ein tüchtiger Junge," sagte sie, "und jetzt bin ich auch seinetwegen ganz sicher"; und sie zog die neue Tochter inniger in ihre Arme. "Mutter weiß mehr in ihrer Küche," sagte Sämund, "als wir, die in der Sache drinstehen." Die Tränen und die Rührung ließen allmählich nach; die Hausfrau begann an das Abendessen zu denken, und forderte Ingridchen auf, ihr zu helfen, "denn Synnöve ist heute abend zu nichts zu gebrauchen." Und so gingen die beiden an die Arbeit und kochten Rahmgrütze. Die Männer gerieten in ein Gespräch über die Ernte und dergleichen. Thorbjörn hatte sich an das Fenster gesetzt; Synnöve schlich zu ihm hin und legte die Hand auf seine Schulter. "Wonach siehst Du?" fragte sie. Da wendete er ihr seinen Kopf zu, sah sie lange und mit sanfter Zärtlichkeit an, dann blickte er wieder hinaus: "Ich sehe nach Granliden hinüber," sagte er, "es ist so wunderlich, Granliden von hier aus zu sehen." * * * * * ARNE Erstes Kapitel Dort unten zwischen zwei Felsen war eine tiefe Schlucht; durch diese Schlucht wand sich schwerfällig über Geröll und Steine ein wasserreicher Fluß. Hoch und steil stieg es zu beiden Seiten an, und die eine Felswand war ganz nackt; unten aber, so nahe am Fluß, daß im Frühling und im Herbst das Wasser ihn benetzte, drängte sich ein prächtiger Wald zusammen, schaute in die Höhe und schaute vor sich und konnte weder hierhin, noch dahin. "Wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte eines Tages der Wacholder zu einer fremdländischen Eiche, der er näher stand als allen andern. Die Eiche blickte nach unten, um dahinterzukommen, wer da eigentlich spreche; dann sah sie wieder empor und schwieg. Der Fluß ging so schwer, daß er schäumte; der Nordwind fegte durch die Schlucht und heulte in den Klüften; der nackte Felsen neigte sich schwer nach vorn und fror;--"wie wär's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte der Wacholder zu der Fichte an seiner andern Seite. "Wenn einer es tun soll, müßten wir es wohl sein", sagte die Fichte; sie faßte sich in den Bart und sah zu der Birke hinüber; "was meinst Du dazu?"--Die Birke aber lugte bedächtig zu dem Felsen empor; so schwer neigte er sich über sie, daß sie kaum atmen zu können meinte; "wir wollen uns in Gottes Namen ans Werk machen", sagte die Birke, und wenn sie auch nicht mehr als drei waren, so übernahmen sie doch die Aufgabe, den Felsen zu bekleiden. Der Wacholder ging voran. Als sie ein Stück gegangen waren, begegneten sie dem Heidekraut. Der Wacholder wollte gerade dran vorbei. "Nein, laß das Heidekraut mitgehen", sagte die Fichte. Und das Heidekraut voran. Bald fing der Wacholder an abzurutschen. "Halt Dich an mir fest", sagte das Heidekraut. Das tat der Wacholder, und wo nur ein winziger Riß war, steckte das Heidekraut den Finger hinein, und wo es erst den Finger fest hatte, bekam der Wacholder die ganze Hand hinein. So krochen und krabbelten sie hinan, die Fichte mühselig hinterher, und die Birke auch. "Es ist ein herrliches Werk", sagte die Birke. Der Felsen aber begann zu überlegen, was das wohl für Kruppzeug sein mochte, das an ihm in die Höhe kletterte. Und als er ein paar hundert Jahre darüber nachgedacht hatte, schickte er einen kleinen Bach hinunter, der es sich ansehen sollte. Es war noch im Vorfrühling und der Bach noch schmal, als er an das Heidekraut kam. "Liebes gutes Heidekraut, willst Du mich nicht durchlassen; ich bin so klein", sagte der Bach. Das Heidekraut hatte es sehr eilig, hob sich nur ein bißchen und arbeitete weiter. Der Bach drunter durch und vorwärts. "Lieber guter Wacholder, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein." Der Wacholder sah ihn scharf an, aber wenn das Heidekraut ihn durchgelassen hatte, konnte er es ja auch tun. Der Bach drunter durch und vorwärts; er kam jetzt an die Stelle, wo die Fichte schnaufend die Höhe hinanstieg. "Liebe gute Fichte, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein", sagte der Bach, küßte der Fichte die Füße und schmeichelte sich bei ihr ein. Da wurde die Fichte verlegen und ließ ihn durch. Die Birke aber machte Platz, noch ehe der Bach etwas sagte. "Hihihi", kicherte der Bach und schwoll an. "Hahaha", lachte der Bach und schwoll noch mehr an. "Hohoho", brüllte der Bach und warf Heidekraut und Wacholder und Fichte und Birke auf die Nase und trug sie auf seinem Rücken durch die hohen Berge. Der Felsen stand viel hundert Jahre und dachte nach, ob er an diesem Tage wohl gelächelt hatte. Es war klar: der Felsen wollte nicht bekleidet sein. Das Heidekraut ärgerte sich so, daß es ganz grün wurde, und dann zog es von dannen. "Nur guten Mut!" sagte das Heidekraut. Der Wacholder kauerte an der Erde und sah auf das Heidekraut; und er kauerte so lange da, bis er ganz aufrecht saß. Er kraute sich die Haare, machte sich auf den Weg und biß sich so fest, daß er meinte, der Felsen müsse es fühlen. "Willst Du mich nicht, so will ich Dich." Die Fichte krümmte ihre Zehen, um zu fühlen, ob sie wohl heil seien, dann hob sie den einen Fuß hoch, der war heil, besah dann den andern, der war auch heil, dann alle beide. Sie untersuchte erst, wo sie gegangen war, dann wo sie gelegen hatte, und schließlich wo sie jetzt gehen mußte. Dann schlenderte sie los und tat, als wäre sie ihr Lebtag nicht gefallen. Die Birke hatte sich gräßlich schmutzig gemacht; sie stand jetzt auf und putzte sich. Und dann ging's weiter, schneller und schneller, vorwärts und seitwärts, in Sonnenschein und Regenwetter. "Was ist denn da nur los?" sagte der Felsen, wenn die Sommersonne ihn beschien, wenn der Tau glitzerte und die Vögel sangen, wenn die Waldmaus piepte und der Hase sprang und das Wiesel sich kreischend versteckte. Dann kam der Tag, da das Heidekraut mit einem Auge über den Bergrand sehen konnte. "Aber nein, nein, nein!" sagte das Heidekraut,--und weg war es. "Meine Güte, was mag das Heidekraut bloß sehen?" sagte der Wacholder und kam so weit heran, daß er hinüberschauen konnte. "Aber nein, nein!" rief er und war weg. "Was hat denn der Wacholder heute?" sagte die Fichte und machte ganz lange Schritte in der Sonnenhitze. Bald konnte sie sich denn auch auf die Zehen stellen und hinüberlugen. "Nein, so was!" Zweige und Nadeln sträubten sich ihr vor Verwunderung. Sie kletterte weiter, kam oben an und weg war sie. "Was mögen all die andern da sehen, bloß ich nicht?" sagte die Birke, hob ihr Kleid sorglich hoch und trippelte hinterher. Sie tauchte gleich mit dem ganzen Kopf über dem Bergrand auf. "A--a--ah!--da steht ja wohl ein ganzer Wald von Fichten und Heidekraut und Wacholder und Birken oben auf der Höhe und wartet auf uns", sagte die Birke, und ihre Blätter zitterten im Sonnenschein, daß der Tau sprühte. "Ja, so geht's, wenn man ans Ziel kommt", sagte der Wacholder. Zweites Kapitel Oben in Kampen wurde Arne geboren. Seine Mutter hieß Margit und war das einzige Kind auf dem Pachthof Kampen. In ihrem achtzehnten Jahr blieb sie einmal auf einem Tanz zurück; ihre Begleiter waren schon fort, und da dachte Margit, der Nachhauseweg würde nicht länger werden, wenn sie noch einen Tanz abwarte. Und so geschah es, daß Margit so lange dablieb, bis der Spielmann, Schneider Nils, plötzlich die Geige weglegte, wie er immer tat, wenn er betrunken war, die andern trällern ließ, sich das schönste Mädel holte, die Füße so sicher aufsetzte wie die Takte in einem Lied, und mit dem Stiefelabsatz dem Längsten, der da war, den Hut vom Kopf herunterholte.--"Ho!" schrie er dabei.-- Als Margit an diesem Abend nach Hause ging, spielte der Mond so wunderbar schön auf dem Schnee. Als sie in die Kammer kam, wo sie schlief, mußte sie noch einmal aus dem Fenster sehen. Sie zog das Mieder aus und blieb noch eine Weile so stehen. Da merkte sie, daß sie fror, zog sich schnell aus und kroch tief unter ihre Felldecke. In dieser Nacht träumte Margit von einer großen roten Kuh, die sich auf ihr Feld verlaufen hatte. Sie sollte sie hinausjagen, aber wie sie sich auch abmühte, sie konnte nicht vom Fleck kommen. Die Kuh stand ganz ruhig da und fraß so lange, bis sie satt und rund war, und inzwischen schaute sie immer einmal aus großen, schweren Augen zu ihr hin. Als das nächste Mal wieder Tanz im Dorf war, war auch Margit wieder da. Sie mochte den Abend nicht tanzen; sie saß also und lauschte dem Spiel, und es schien ihr ganz merkwürdig, daß auch die andern nicht mehr Lust dazu hatten. Aber als es später wurde, stand der Spielmann auf, um zu tanzen. Er ging plötzlich geradenwegs auf Margit Kampen zu. Sie wußte kaum, wie ihr geschah, aber sie tanzte mit Schneider Nils. Bald wurde das Wetter wärmer, und man tanzte nicht mehr. In diesem Frühjahr nahm Margit sich so sehr eines kleinen Lammes an, das ihnen krank geworden war, daß die Mutter es beinahe übertrieben fand. "Es ist doch bloß ein Lamm", sagte die Mutter. "Ja, aber es ist krank", sagte Margit. Sie war lange nicht in der Kirche gewesen; sie gönne es lieber der Mutter, sagte sie, und einer müsse doch zu Hause bleiben. Eines Sonntags im Sommer, als das Wetter so schön war, daß das Heu sehr gut einen Tag draußen bleiben konnte, sagte die Mutter, jetzt könnten sie ruhig beide gehen. Margit konnte nicht viel darauf sagen und zog sich an, aber als sie so weit kamen, daß sie die Kirchenglocken hören konnten, fing sie zu weinen an. Die Mutter wurde leichenblaß; sie gingen weiter, die Mutter voran, sie hinterher, hörten die Predigt, sangen die Choräle bis zu Ende mit, hörten das Gebet mit an und ließen es ausläuten, bis sie gingen. Aber als sie wieder zu Hause waren, nahm die Mutter Margits Kopf zwischen beide Hände und sagte: "Verbirg mir nichts, mein Kind!" Wieder kam der Winter, und Margit tanzte nicht. Aber Schneider Nils spielte auf, trank mehr als je und schwenkte immer zum Schluß das schönste Mädel in der Runde. Es wurde als Tatsache erzählt, daß er kriegen könne, welche er wolle von den stattlichsten Bauerntöchtern im Kirchspiel; einige fügten hinzu, Eli Böen habe selbst den Freiwerber für ihre Tochter Birgit gemacht, die sich in Liebe zu ihm verzehrte. Eben zu dieser Zeit war's, als die Hausmannstochter von Kampen ein Kind über die Taufe hob; es bekam den Namen Arne, Schneider Nils aber sollte der Vater sein. Am Abend dieses selben Tages war Nils auf einer großen Hochzeit; da trank er sich voll. Er weigerte sich, zu spielen, und tanzte immerzu und litt beinahe keinen andern auf dem Tanzboden. Als er aber zu Birgit Böen trat und sie aufforderte, schlug sie es ihm ab. Er lachte kurz auf, drehte sich auf dem Absatz herum und bekam die erste beste zu packen. Sie sträubte sich. Er blickte zu ihr hinunter; es war eine kleine Dunkle, die lange dagesessen und zu ihm hingeglotzt hatte und jetzt ganz blaß war. Er bog sich ein wenig zu ihr hinunter und flüsterte: "Magst Du mit mir nicht tanzen, Karen?" Sie antwortete nicht. Er fragte noch einmal. Da antwortete sie ebenso leise, wie er fragte: "Der Tanz könnte weiter gehen, als mir lieb wäre."--Er trat langsam von ihr zurück, aber als er mitten im Saal stand, machte er einen Luftsprung und tanzte allein den Halling. Keiner außer ihm tanzte; alle standen schweigend da und sahen zu. Dann ging er hinaus auf die Scheunendiele, warf sich auf die Erde und weinte. Margit saß mit ihrem kleinen Jungen zu Hause. Sie hörte von Nils, er jage von Tanz zu Tanz, schaute den Jungen an und weinte, schaute ihn wieder an und war froh. Das erste, was sie dem Knaben beibrachte, war Papa zu sagen; aber das sagte sie nur, wenn die Mutter, oder vielmehr die Großmutter, wie sie fortan hieß, nicht in der Nähe war. Die Folge davon war, daß das Kind zu seiner Großmutter Papa sagte. Es kostete Margit viel Mühe, ihm das wieder abzugewöhnen, und sie trug hierdurch dazu bei, frühzeitig sein Begriffsvermögen zu bilden. Er war noch ziemlich klein, als er schon wußte, daß Schneider Nils sein Vater sei,--und als er in das Alter kam, wo alles Abenteuerliche einen Reiz hat, erfuhr er auch, was für ein Kerl Schneider Nils eigentlich sei. Die Großmutter hatte streng verboten, auch nur seinen Namen zu nennen; ihr Hauptehrgeiz war, aus Kampen einen Bauernhof zu machen, damit die Tochter und der Junge keine Sorgen hätten. Sie nutzte die bedrängte Lage des Besitzers aus, erwarb die Wirtschaft, bezahlte jedes Jahr ab und stand der Arbeit wie ein Mann vor, war sie doch seit vierzehn Jahren Witwe. Kampen war ein großer Hof und wurde noch immer erweitert, so daß er jetzt schon vier Kühe und sechzehn Schafe ernährte und halben Anteil an einem Pferd hatte. Schneider Nils trieb sich unterdes in der Gegend herum; seine Einnahmen hatten abgenommen, teils weil er weniger darauf ausging, teils auch, weil er nicht mehr so war wie früher. Er legte sich immer mehr aufs Geigenspiel, und die Gelage und damit die Schlägereien und schlimmen Tage wurden häufiger. Es gab Leute, die ihn klagen gehört haben wollten. Arne war vielleicht sechs Jahr alt, als er eines Tags im Winter im Bett herumrutschte; die Bettdecke war das Segel, und er steuerte mit einer großen Kelle. Die Großmutter saß in der Stube und spann, hatte so ihre Gedanken und nickte manchmal vor sich hin, als stünde das fest, was sie dachte. Da merkte der Junge, daß er unbeobachtet war, und da sang er die Weise vom Schneider Nils, so wie er sie gelernt hatte, in ihrer ganzen Roheit und Wildheit: So du nicht gestern erst kommen bist, Hast du vom Schneider Nils wohl gehört, und wie stark er ist. So du nicht bloß über Nacht her verschlagen, Ward dir wohl kund, wie er warf den Knut Storedragen. Den Ola-Per hat er auf sein Scheundach gehoben,-- "'s nächste Mal bleibst du drei Wochen droben!" Hans Bugge war ein Mann, von Ansehn nicht gering, Land und Strand war nicht sicher, wo sein Fuß ging. "Hallo, Schneider Nils, wo pflögst du gern der Ruh? So spuck' ich auf den Fleck und leg' dich selber dazu!" "Du komm nur erst heran, so werd' ich dir's sagen! Meinst, es langt schon dein Maul, einen Mann zu erschlagen!" Beim ersten Gang war noch nichts gebrochen. Beide Kerle standen noch fest in den Knochen. Beim zweiten Gang strauchelte Bugge-Hans. "Wirst müd', Bugge? He, 's ist ein harter Tanz!" Beim dritten Gang stürzt' er, spie Blut auf die Diel'-- "Hast wacker gespuckt, Kerl!"--"Verdammt! Wie ich fiel!" Weiter sang der Junge nicht; es gab noch zwei Verse, die die Mutter ihn wohl nicht gelehrt hatte: Sahst du je eines Baums Schatten auf jungem Schnee? Sahst du je, wie Nils eine Jungfrau anlacht, he? Hast du je Schneider Nils den Halling tanzen sehn? Bist du ein Mädel, so geh;--sonst ist's um dich geschehn. Diese beiden Verse kannte aber die Großmutter und sie fielen ihr ein, zumal weil sie nicht gesungen wurden. Zu dem Knaben sagte sie nichts, zur Mutter aber sagte sie: "Bringe dem Jungen Deine eigene Schande nur gut bei,--vergiß die beiden letzten Verse nicht!"-- Schneider Nils war durch das Trinken so heruntergekommen, daß er nicht mehr der alte war. Die Leute meinten, es gehe mit ihm zu Ende. Da geschah es, daß zwei Amerikaner ins Dorf kamen, und als sie hörten, in der Nähe sei eine Hochzeit, da wollten sie gleich hin, um Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. Hier spielte Nils. Sie gaben jeder einen Taler für die Spielkasse und baten um den Halling. Niemand wollte den tanzen, so sehr auch darum gebeten wurde. Jeder einzelne bat Nils, ihn selbst zu tanzen; "er könne es doch am besten." Er weigerte sich, aber nur um so hartnäckiger wurde die Aufforderung, zuletzt wurde sie einstimmig, und das gerade hatte er gewollt. Er gab die Fiedel einem andern, zog den Rock aus, nahm die Mütze ab, trat in den Kreis und lächelte. Jetzt folgte ihm die alte Aufmerksamkeit, und das gab ihm auch die alte Kraft. Die Zuschauer drängten sich so dicht wie möglich zusammen, die hintersten kletterten auf Tische und Bänke, ein paar Mädchen standen höher als alle andern,--und die vorderste von ihnen,--die Große mit dem hellen, bräunlichschimmernden Haar und den blauen, tiefliegenden Augen unter der kräftigen Stirn und mit einem breiten Munde, der oft lächelte und sich dann immer nach einer Seite verzog,--war Birgit Böen. Nils gewahrte sie, als er zu den Deckenbalken emporsah. Die Geige setzte ein, tiefe Stille entstand, und er trat zum Tanz an. Er warf sich auf den Boden, schob sich im Takt der Musik halb auf der Seite an der Erde hin, schlenkerte mit den Beinen, warf sie ab und zu kreuzweis unter sich, sprang wieder auf, stellte sich wie zum Wurf bereit und ging dann wieder schräg wie vorhin. Die Fiedel wurde von tüchtiger Hand gestrichen. Die Weise wurde immer feuriger. Nils bog den Kopf immer weiter zurück, und plötzlich lag der Stiefelabsatz am Deckenbalken, daß der Staub herunterrieselte. Alle lachten und kreischten um ihn herum, die Mädchen hielten den Atem an. Die Melodie jauchzte dazwischen und trieb zu immer tolleren Sprüngen an. Er widerstand ihr auch nicht, bog den Körper vornüber, hüpfte im Takt, richtete sich wie zum Wurf auf, hielt sie aber nur zum Narren, kam wieder ins Schlendern, und wie es aussah, als denke er gar nicht an Springen, da donnerte sein Stiefelabsatz gegen den Deckenbalken, und noch einmal, dann ein Purzelbaum vornüber, hintenüber--und immer stand er wieder kerzengrade auf den Füßen. Jetzt mochte er nicht mehr. Die Fiedel machte ein paar kecke Läufe, ging in einen tieferen Ton über, in dem sie zitternd verhallte, und erstarb in einem einzelnen langen Strich auf der Baßsaite. Die Gruppen zerstreuten sich; lebhaftes Gespräch, in das sich Rufe und Gekreisch mischten, löste die Stille ab. Nils lehnte sich gegen die Wand; da kamen die Amerikaner mit ihrem Dolmetscher hin zu ihm und gaben ihm jeder fünf Taler. Wieder Stille. Die Amerikaner sprachen ein paar Worte mit ihrem Dolmetscher; darauf fragte dieser, ob Nils als ihr Diener mit ihnen gehen wolle; er solle bekommen, was er verlange. "Wohin?" fragte Nils; die andern drängten sich so nahe wie möglich heran. "Hinaus in die Welt", war die Antwort. "Wann?" fragte Nils, blickte mit strahlendem Gesicht umher, begegnete Birgit Böens Augen und ließ sie nicht mehr los.--"In einer Woche, wenn wir zurückkommen", war die Antwort.--"Es kann schon sein, daß ich bis dahin bereit bin", sagte Nils und wog seine beiden Fünftalerstücke in der Hand.--Er hatte einen Arm auf die Schulter eines Mannes gestützt, der neben ihm stand, und er zitterte so, daß der Mann ihn auf die Bank setzen wollte. "Es hat nichts auf sich", sagte Nils, machte ein paar unsichere Schritte über die Diele, trat dann fest auf, drehte sich um und bestellte einen Hoppser. Die Mädchen standen vorn, er schaute sich lange und prüfend um, und ging dann geradenwegs auf Eine im dunklen Rock zu, und das war Birgit Böen. Er streckte ihr die Hand hin und sie gab ihm beide; da lachte er, wich zurück, nahm Eine neben ihr und tanzte übermütig mit der davon. Das Blut schoß Birgit in Hals und Gesicht. Ein großer Mann mit einem gütigen Gesicht stand hinter ihr; er nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr--dicht hinter Nils her. Der sah es, und es geschah vielleicht aus Versehen, daß er so heftig gegen sie antanzte, daß der Mann und Birgit mit großem Gepolter zu Fall kamen. Gelächter und Gejohle erhob sich ringsum. Birgit stand mühsam auf, ging beiseite und weinte bitterlich. Der Mann mit dem gutmütigen Gesicht kam langsamer in die Höhe, ging aber dann gleich auf Nils zu, der immer noch tanzte. "Hör' mal einen Augenblick auf", sagte der Mann. Nils achtete dessen nicht, und da packte ihn der Mann am Arm. Nils riß sich los und sah ihn groß an. "Ich kenne Dich nicht", sagte er lächelnd. "Nein, aber jetzt wirst Du mich kennen lernen", sagte der Mann mit dem gütigen Gesicht und versetzte ihm einen Schlag gegen das eine Auge. Nils, der darauf nicht gefaßt gewesen war, stürzte mit hartem, schwerem Fall gerade auf die scharfe Kante vom Feuerherd; er wollte sich gleich wieder aufrichten, vermochte es aber nicht; ihm war das Rückgrat gebrochen. Auf Kampen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Die Großmutter hatte in der letzten Zeit gekränkelt; als das anfing, hatte sie emsiger als je gespart, um den Hof von Schulden frei zu machen. "Dann hast Du und der Junge soviel, wie Ihr braucht. Und läßt Du einen herein, der es Euch durchbringt, dann drehe ich mich im Grabe um." Gegen den Herbst zu hatte sie auch die Freude, daß sie mit dem letzten Rest der Schuld zum ehemaligen Haupthof hinaufhumpeln konnte, und froh war sie, als sie wieder daheim auf der Bank saß und sagen konnte: "Jetzt hab' ich's erreicht." Aber in der gleichen Stunde kam auch die Krankheit bei ihr zum Ausbruch; sie mußte ins Bett und stand nicht mehr auf. Ihre Tochter ließ sie an einem freien Platz auf dem Kirchhof begraben; sie bekam einen schönen Grabstein, auf dem ihr Name und ihr Alter standen und ein Gesangbuchvers aus dem Kingo. Zwei Wochen, nachdem sie unter der Erde lag, war aus ihrem schwarzen Sonntagskleid ein Anzug für den Knaben gemacht, und als er den anhatte, wurde ihm so feierlich zumut, als wäre die Großmutter wiedergekommen. Aus eigenem Antrieb setzte er sich vor das großgedruckte Gesangbuch, aus dem die Großmutter jeden Sonntag vorgelesen und gesungen hatte; er schlug es auf; ihre Brille lag darin. Die hatte der Junge zu ihren Lebzeiten nie anrühren dürfen; jetzt nahm er sie ängstlich in die Hand, setzte sie sich auf die Nase und sah wieder ins Buch. Es war ihm wie Nebel vor den Augen. Das ist doch merkwürdig, dachte der Junge; damit konnte die Großmutter Gottes Wort lesen. Er hielt sie hoch gegen das Licht, um zu sehen, woran es liegen könne, und--da lag die Brille in Scherben auf der Erde! Ihm wurde angst und bange, und als im selben Augenblick die Tür aufging, meinte er, nun werde die Großmutter hereinkommen; es war aber seine Mutter, und hinter ihr her kamen sechs Männer, die unter großem Lärm und Getrampel eine Tragbahre trugen und sie mitten im Zimmer auf den Boden hinsetzten. Die Tür blieb weit hinter ihnen offen stehen, so daß es kalt in der Stube wurde. Auf der Bahre lag ein Mann mit dunklem Haar und bleichem Gesicht; die Mutter ging weinend umher. "Legt ihn behutsam aufs Bett", bat sie und griff selbst mit zu. Wie aber die Männer ihn hineintrugen, knirschte etwas unter ihren Füßen. "Ach, das ist bloß Großmutters Brille", dachte der Junge, sagte es aber nicht. Drittes Kapitel Das war, wie gesagt, im Herbst. Acht Tage, nachdem Schneider Nils zu Margit Kampen gebracht war, kam von den Amerikanern die Nachricht, er möge sich bereit halten. Er wand sich gerade in furchtbaren Schmerzen und schrie, indem er die Zähne zusammenbiß: "Laß sie zur Hölle fahren!" Margit stand, als habe sie keine Antwort bekommen. Er bemerkte das, und nach einer Weile wiederholte er langsam und matt: "Laß sie--reisen!" Zum Winter war er so weit, daß er aufrecht sitzen konnte, wenn auch seine Gesundheit für immer zerrüttet war. Als er das erstemal auf war, holte er seine Geige hervor und stimmte sie, wurde aber so aufgeregt, daß er wieder ins Bett mußte. Er war sehr wortkarg, doch umgänglich, und nach einiger Zeit fing er an, den Knaben zu unterrichten und Arbeit ins Haus zu nehmen. Hinaus kam er nicht, und mit denen, die ihn besuchten, sprach er nicht. In der ersten Zeit trug Margit ihm die Dorfneuigkeiten zu, aber er war immer verstimmt hinterher; da ließ sie es sein. Gegen den Frühling saßen er und Margit länger als gewöhnlich nach dem Abendbrot zusammen und besprachen etwas. Der Junge wurde ins Bett geschickt. Anfang des Frühlings wurden sie von der Kanzel aufgeboten und dann in aller Stille getraut. Er arbeitete auf dem Felde mit und machte alles verständig und ordentlich. Margit sagte zu dem Jungen: "Wir haben Nutzen von ihm und Freude. Nun mußt Du aber auch artig und gehorsam sein und ihm alles zu Liebe tun." Margit war bei ihrem Kummer doch immer recht blühend gewesen; sie hatte ein rosiges Gesicht und sehr große Augen, die noch größer aussahen, weil sie in einem dunklen Ringe lagen. Sie hatte volle Lippen, ein rundliches Gesicht und sah frisch und stark aus, obwohl sie gar nicht so große Kräfte hatte. In dieser Zeit sah sie hübscher aus als je und sang nach ihrer Art in einemfort bei der Arbeit. Da kam ein Sonntagnachmittag, an dem Vater und Sohn fortgingen, um zu sehen, wie dies Jahr die Äcker ständen. Arne sprang um seinen Vater herum und schoß mit einem Flitzbogen; Nils hatte ihn dem Jungen selbst gemacht. So ging es bergan auf den Weg zu, der von Kirche und Pfarrhaus in das sogenannte Breite Dorf hinunterführte. Nils setzte sich auf einen Stein am Wegrand und versank in Gedanken, sein Junge schoß den Weg entlang und sprang dem Pfeil nach, in der Richtung auf die Kirche zu. "Nicht zu weit", sagte der Vater. Wie der Knabe mitten im besten Spiel war, blieb er lauschend stehen. "Vater, ich höre Musik." Der lauschte auch; man hörte Geigenklänge, zuweilen übertönt von Rufen und wildem Lärm, dabei beständig Wagengerassel und Hufschlag; es war ein Brautzug, der von der Kirche heimkehrte. "Komm her, Junge", rief der Vater, und Arne hörte am Ton, daß er schnell kommen müsse. Der Vater war eilig aufgestanden und versteckte sich hinter einem dicken Baum. Der Junge hinterher;--"nicht hierher, dahin!" Der Junge hinter einen Erlenbusch.--Schon bog die Wagenreihe um den Birkenwald, sie kamen in rasender Fahrt, die Pferde schäumten, die betrunkenen Menschen kreischten und johlten. Vater und Sohn zählten die Wagen; es waren im ganzen vierzehn. Im ersten saßen zwei Spielleute, und der Brautmarsch klang durch die klare Luft; ein Bursch stand hinten und lenkte die Pferde. Dann kam die Braut mit der hohen Krone, die in der Sonne schimmerte; sie lächelte, und dabei verzog sich der Mund nach der einen Seite; neben ihr saß ein Mann im blauen Anzug mit einem gütigen Gesicht. Dann kam das Gefolge, die Männer saßen den Frauen auf dem Schoß, hintenauf saßen Kinder, Betrunkene fuhren zu Sechsen in einem Einspänner, der Marketender saß im letzten Wagen und hatte ein Faß mit Branntwein auf dem Schoß. Sie zogen unter Gesang und Gejohle vorbei und jagten in gewaltiger Eile die Anhöhe hinunter; das Geigenspiel, das Gekreisch und das Wagengerassel klang aus der Staubwolke hinter ihnen heraus; dann trug der Wind einen vereinzelten Aufschrei herüber, dann nur noch ein dumpfes Dröhnen und dann nichts mehr. Nils stand noch immer unbeweglich; der Junge kam zuerst wieder zum Vorschein. "Wer war das, Vater?" Aber der Junge fuhr zusammen, denn sein Vater machte ein so böses Gesicht. Arne stand ganz still und wartete auf die Antwort; dann stand er immer noch still, weil er keine bekam. Schließlich, schließlich wurde ihm die Zeit lang, und er wagte ein: "Wollen wir jetzt gehen?" Nils stand noch immer, als blicke er dem Brautzuge nach, raffte sich jetzt zusammen und ging; Arne hinterher. Er legte einen Pfeil auf den Bogen, schoß ihn ab und lief hinterdrein. "Tritt das Gras nicht 'runter", sagte Nils kurz. Der Junge ließ den Pfeil liegen und kehrte um. Nach einer Weile hatte er das wieder vergessen, und als sein Vater einmal still stand, legte er sich hin und schlug Rad. "Tritt mir das Gras nicht 'runter, hab' ich gesagt"; dabei wurde er am Arm gepackt und in die Höhe gerissen, als solle der Arm aus dem Gelenk gehen. Fortan ging er ganz still hinterher. In der Tür wartete Margit auf sie; sie kam gerade aus dem Kuhstall, wo sie tüchtige Arbeit gehabt haben mußte, denn ihr Haar war zerzaust, ihr Hemd nicht sauber und ihr Kleid auch nicht; aber sie stand in der Tür und lachte: "Ein paar Kühe hatten sich losgerissen und trieben allerhand Unfug; jetzt sind sie wieder fest."--"Du könntest Dich Sonntags auch wohl ein bißchen ordentlich anziehen", sagte Nils, indem er an ihr vorbei in die Stube ging. "Ja, jetzt habe ich Zeit, mich anzuziehen, wo meine Arbeit getan ist", sagte Margit und ging hinterher. Sie fing auch gleich damit an und sang, während sie sich putzte. Nun sang Margit recht hübsch, aber bisweilen war ihre Stimme ein bißchen hart. "Hör' mit dem Gegröhle auf", sagte Nils; er hatte sich der Länge nach aufs Bett geworfen. Margit hielt inne. Da kam der Junge hereingestürmt: "Hier ist ein großer schwarzer Hund auf dem Hof, ein häßlicher Köter--!"--"Halt's Maul, Junge", sagte Nils vom Bett her und streckte einen Fuß hervor, um damit auf den Boden zu stampfen: "Den Bengel muß der Teufel reiten", brummte er dann und zog den Fuß wieder in die Höhe. Die Mutter drohte dem Knaben. "Du siehst doch, daß Vater nicht gut aufgelegt ist", meinte sie. "Möchtest Du etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" fragte sie; sie wollte ihn gern wieder versöhnen. Das war ein Getränk, das die Großmutter sehr geliebt hatte und die andern auch. Nils mochte es gar nicht, aber er hatte es doch getrunken, weil die andern es auch taten. "Möchtest Du nicht etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" wiederholte Margit, weil er das erstemal nicht geantwortet hatte. Nils stützte sich auf die Ellbogen und brüllte: "Meinst Du, ich will dies Gemantsch hinunterwürgen?"--Margit war höchlichst erstaunt, nahm ihren Jungen mit und ging hinaus. Sie hatten verschiedenes draußen zu tun und kamen erst zum Abendbrot wieder hinein. Da war Nils verschwunden. Arne wurde aufs Feld geschickt, um ihn zu rufen, fand ihn aber nirgends. Sie warteten, bis das Essen beinahe kalt geworden war, aßen dann, und noch immer war Nils nicht da. Margit wurde unruhig, schickte den Jungen ins Bett und wartete. Kurz nach Mitternacht kam Nils. "Wo bist Du denn gewesen, Schatz?" fragte sie. "Was geht Dich das an?" antwortete er und ließ sich langsam auf der Bank nieder. Er war betrunken. In der nächsten Zeit war Nils oft im Dorf, und beständig kam er bezecht heim. "Ich halt' es hier zu Hause bei Dir nicht aus", sagte er einmal, als er kam. Sie versuchte, sich mit Sanftheit zu verteidigen; da stampfte er mit den Füßen auf und hieß sie schweigen; wenn er betrunken sei, so sei es ihre Schuld; wenn er schlecht sei, so sei es auch ihre Schuld; wenn er für sein ganzes Leben ein Krüppel und ein unglücklicher Mensch sei, so sei auch das ihre Schuld, ihre und ihres verfluchten Bengels Schuld. "Warum bist Du mir beständig nachgelaufen?" sagte er schluchzend. "Was hatte ich Dir getan, daß Du mich nicht in Frieden lassen konntest?"--"Gott soll mich behüten und bewahren," sagte Margit, "ich wäre Dir nachgelaufen?"--"Ja, das bist Du!" schrie er und stand auf, und weinend fuhr er fort: "Jetzt hast Du es ja, wie Du es haben wolltest. Ich wanke jetzt hier von Baum zu Baum und sehe Tag für Tag mein eigen Grab vor Augen. Aber ich hätte in Herrlichkeit und Freuden mit der schönsten Bauerntochter im ganzen Dorf leben können; ich hätte reisen können, soweit die Sonne reicht,--hättest Du mit Deinem verdammten Bengel mir nicht den Weg versperrt." Sie versuchte wieder, sich zu verteidigen; "es sei doch auf keinen Fall die Schuld des Jungen." "Bist Du nicht still, dann kriegst Du eins!" und er schlug sie. Wenn er am andern Tage seinen Rausch ausgeschlafen hatte, schämte er sich und war, besonders zu dem Jungen, sehr freundlich. Aber bald war er von neuem betrunken, und dann schlug er sie wieder; schließlich schlug er die Mutter beinahe jedesmal, wenn er betrunken war; der Junge weinte und jammerte, da schlug er ihn auch. Zuweilen wurde seine Reue so groß, daß er aus dem Hause mußte. In dieser Zeit lockte ihn das Tanzen wieder; wie früher spielte er dazu auf und nahm den Jungen mit, daß er ihm den Kasten trage. Da sah der Junge mancherlei. Die Mutter weinte, daß er mit mußte, wagte es aber nicht zum Vater zu sagen. "Denk an den lieben Gott und lerne nichts Schlechtes", flehte sie und liebkoste ihn. Beim Tanz aber war es sehr lustig, und zu Haus bei der Mutter war es gar nicht lustig. Er wandte sich immer mehr von ihr ab und dem Vater zu. Sie sah es und schwieg. Beim Tanz lernte er manche Weise, und die sang er nachher dem Vater vor. Dem machte es Spaß, und zuweilen brachte der Junge ihn zum Lachen. Das schmeichelte dem Jungen so, daß er sich fortan Mühe gab, soviele Lieder wie möglich zu lernen; bald merkte er sich auch, welche Art von Liedern der Vater am liebsten mochte, und bei welchen Stellen er lachte. Wenn so etwas nicht in den Liedern war, dann legte der Junge es, so gut er konnte, hinein; das gab ihm frühzeitig Übung, Worte nach einer Melodie zusammenzusetzen. Spottlieder und häßliche Dinge über Leute, die zu Ansehen und Wohlstand gekommen, waren dem Vater die liebsten, und der Junge sang sie. Die Mutter wollte ihn abends immer gern mit in den Kuhstall nehmen; allerhand Vorwände fand er, um dem zu entgehen; wenn aber alles nichts nützte und er mit mußte, dann sprach sie gar erbaulich mit ihm von Gott und allem Guten und schloß meistens damit, daß sie ihn unter heißen Tränen in die Arme nahm und ihn bat, ihn anflehte, kein schlechter Mensch zu werden. Die Mutter unterrichtete ihn, und der Junge war außerordentlich gelehrig. Sein Vater war ungeheuer stolz darauf und sagte ihm--besonders wenn er betrunken war--, er habe seinen Kopf. Beim Tanz pflegte nun der Vater, wenn der Rausch ihn unterkriegte, Arne aufzufordern, den Leuten etwas vorzusingen. Er tat es und sang, unter Gelächter und Beifall, ein Lied nach dem andern; der Beifall machte dem Sohn beinahe noch mehr Spaß als dem Vater, und schließlich wollten die Lieder, die er singen konnte, gar kein Ende mehr nehmen. Besorgte Mütter, die es mitanhörten, gingen selbst zu seiner Mutter und sprachen mit ihr darüber, weil der Inhalt der Lieder nicht so war, wie er sein sollte. Die Mutter nahm sich ihren Jungen vor und verbot ihm bei Gott und allem Guten, solche Lieder zu singen, und da war es dem Jungen, als ob alles, was ihm Spaß mache, der Mutter nicht recht sei. Er erzählte zum erstenmal seinem Vater, was die Mutter gesagt hatte. Das mußte sie schwer büßen, als der Vater wieder einmal betrunken war; er sparte immer alles bis dahin auf. Da aber wurde es dem Knaben klar, was er getan hatte, und in seiner Seele bat er Gott und sie um Verzeihung, da er sich nicht überwinden konnte, es offenkundig zu tun. Die Mutter war gütig wie immer gegen ihn, und das schnitt ihm ins Herz. Einmal vergaß er es aber. Er hatte die Gabe, alle Leute nachmachen zu können; besonders konnte er ihre Sprache und ihren Gesang nachmachen. Die Mutter kam eines Abends in die Stube, als der Junge seinen Vater damit unterhielt, und als sie wieder draußen war, kam der Vater auf den Einfall, er solle den Gesang der Mutter nachmachen. Er weigerte sich anfangs; sein Vater aber, der im Bett lag und sich vor Lachen schüttelte, bestand darauf, daß er auch nachmachen sollte, wie die Mutter sang. "Sie ist ja nicht da," dachte der Junge, "und kann es nicht hören", und er machte ihr nach, wie ihre Stimme manchmal klang, wenn sie heiser und tränenerstickt war. Der Vater lachte, daß es dem Jungen fast unheimlich wurde, und er hörte von selbst auf. Da kam die Mutter von der Küche herein, sah den Jungen lange und traurig an, holte eine Milchschüssel vom Brett und trug sie hinaus. Ihn überlief es siedend heiß; sie hatte alles gehört. Er sprang vom Tisch, auf dem er gesessen hatte, herunter, ging hinaus, warf sich auf die Erde und hätte sich am liebsten darin begraben. Es ließ ihm keine Ruh, er stand auf und wollte weiter fort. Er ging an der Scheune vorbei, und dahinter saß die Mutter und nähte gerade an einem schönen neuen Hemd für ihn. Sie pflegte sonst, wenn sie so dasaß, ein Kirchenlied bei der Arbeit zu singen; jetzt aber sang sie nicht. Sie weinte auch nicht, sie saß nur und nähte. Da konnte Arne es nicht länger aushalten; er warf sich vor ihr ins Gras nieder, blickte zu ihr auf und schluchzte, daß er am ganzen Körper bebte. Die Mutter ließ die Arbeit sinken und nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände. "Armer Arne", sagte sie und legte ihren Kopf an seinen. Er machte nicht den Versuch, ein Wort zu sagen, sondern weinte, wie er nie zuvor geweint hatte. "Ich wußte ja, Du bist im Grunde gut", sagte seine Mutter und strich ihm übers Haar. "Mutter, Du darfst nicht nein sagen, wenn ich Dich um etwas bitte", war das erste, was er sagen konnte. "Du weißt, das tue ich auch nicht", antwortete sie. Er versuchte, seiner Tränen Herr zu werden und dann stieß er, den Kopf in ihrem Schoß, heraus: "Mutter--sing mir etwas vor!"--"Ich kann ja nicht, mein Junge", sagte sie leise.--"Mutter, sing' mir etwas vor," flehte der Junge, "oder ich glaube, ich darf Dir nie mehr in die Augen sehen." Sie strich ihm übers Haar, schwieg aber. "Mutter, sing doch, sing, hörst Du! Sing doch!" bettelte er, "oder ich gehe so weit weg, daß ich nie mehr nach Hause kommen kann." Und während der große vierzehnjährige Junge so dalag, den Kopf in der Mutter Schoß, fing sie, über ihn gebeugt, zu singen an: Der du, Herr, um mein Sorgen weißt, Schütze mir meinen Jungen! Schick ihm deinen Heiligen Geist, Kommt er zum Strande gesprungen! Glatt ist der Sand, das Wasser bewegt; Aber wenn er den Arm um ihn legt, Tut ihm die Welle nicht Schaden, Bis du ihn rettest voll Gnaden. Bange sitzt die Mutter zu Haus: Ob ihm ein Unglück geschehen? Tritt in die Türe, ruft hinaus... Nichts ist zu hören, zu sehen. Tröstet sich endlich: ob hier, ob da Du und er, ihr seid ihm ja nah; Jesulein, ihm zur Seiten, Wird ihn nach Haus geleiten. Sie sang mehrere Verse; Arne lag ganz still; ein wohltuender Frieden kam über ihn, und er fühlte eine erquickende Müdigkeit. Das letzte, was er deutlich hörte, war von Jesus; da tat sich eine helle Welt vor ihm auf, und ihm war, als singe da ein Chor von zwölf oder dreizehn Stimmen; die Stimme seiner Mutter hörte er aber aus allen heraus. Schönere Töne hatte er nie gehört; er bat, man solle ihn so singen lehren. Er meinte es zu können, wenn er ganz leise singe, und so sang er denn ganz leise, sang noch einmal ganz leise und immer noch leiser, und es klang schon ganz holdselig, als er vor Freude darüber mit kräftiger Stimme einsetzte, und weg war es. Er wachte auf, sah sich um und lauschte, hörte aber nichts als das ewige Rauschen des Wassers und den kleinen Bach, der mit leisem stetigen Plätschern dicht an der Scheune vorbeifloß. Die Mutter war fort; sie hatte das halbfertige Hemd und ihre Jacke ihm unter den Kopf geschoben. Viertes Kapitel Als nun die Zeit gekommen war, da das Vieh in den Wald auf die Weide getrieben werden sollte, wollte er es hüten. Sein Vater war dagegen; er habe bis jetzt doch noch nie das Vieh gehütet und sei jetzt schon im fünfzehnten Jahr. Er wußte aber so schön zu bitten, daß er zuletzt seinen Willen bekam, und den ganzen Frühling, Sommer und Herbst über war er nur zum Schlafen zu Hause, sonst aber den lieben langen Tag allein im Walde. In seine Einsamkeit da oben nahm er seine Bücher mit; er las und schnitt Buchstaben in die Baumrinden; er ging sinnend und sehnsüchtig einher und sang; aber wenn er abends nach Hause kam, war der Vater häufig betrunken, mißhandelte die Mutter, verwünschte sie und das ganze Dorf, und sprach davon, daß er einmal die weite, weite Welt hätte sehen können. Da kam auch über den Jungen die Sehnsucht, in die Welt zu ziehen. Zu Hause war es schrecklich, und seine Bücher lockten ihn hinaus, und manchmal war's ihm, als locke ihn auch die Luft über den hohen Bergen. Da geschah es, daß er im Mittsommer mit Kristian, dem ältesten Sohn des Kapitäns zusammentraf, der mit dem Knecht in den Wald gekommen war, um die Pferde nach Hause zu reiten. Er war ein paar Jahr älter als Arne, leichtherzig und lustig, unbeständig in seinen Gedanken, aber trotz allem stark an Willen. Er sprach hastig und abgerissen, am liebsten von zwei Dingen zu gleicher Zeit, ritt ungesattelte Pferde, schoß die Vögel im Fluge, fischte mit Fliegen und kam Arne wie der Inbegriff aller Vollkommenheit vor. Er hatte auch die Wanderlust und erzählte Arne von fremden Ländern, daß ringsum alles Glanz war; er bemerkte Arnes Freude am Lesen, und da brachte er ihm die Bücher mit, die er selbst gelesen hatte; wenn Arne sie aus hatte, bekam er neue; des Sonntags saß er selbst neben ihm und zeigte ihm, wie er Erdkunde und Landkarten zu studieren habe, und den ganzen Sommer und Herbst lernte Arne soviel, daß er ganz blaß und mager wurde. Im Winter durfte er zu Hause weiter lernen, weil er im nächsten Jahr konfirmiert werden sollte, außerdem aber auch mit dem Vater gut umzugehen verstand. Er ging jetzt wohl in die Schule, aber in der Schule machte er am liebsten die Augen zu und träumte sich nach Hause zu seinen Büchern; er hatte ja auch unter den Bauernjungen keinen Kameraden mehr. Mit den Jahren schlug der Vater die Mutter immer mehr, und auch seine Trunksucht und seine körperlichen Schmerzen nahmen zu. Und weil Arne trotzdem bei ihm sitzen und ihn unterhalten mußte, um der Mutter für eine Stunde Frieden zu schaffen, und oft Dinge sagen mußte, die er jetzt aus tiefstem Herzen verabscheute, so bekam er einen Haß auf seinen Vater. Den verschloß er ebenso tief in sich wie die Liebe zu seiner Mutter. Kam er mit Kristian zusammen, so war viel von großen Reisen und von den Büchern die Rede; selbst dem Freunde verschwieg er, wie es bei ihm zu Hause zuging. Aber manches Mal, wenn er von diesen weitgreifenden Gesprächen allein heimwärts zog und daran dachte, was ihm nun wieder bevorstehen mochte, weinte er und betete zu dem Gott über den Sternen, er möge es fügen, daß er bald in die Ferne ziehen dürfe. Im Sommer wurden Kristian und er konfirmiert. Kurz darauf setzte Kristian seinen Plan durch. Sein Vater mußte ihn fortlassen, damit er Seemann werden konnte; er schenkte Arne seine Bücher, versprach fleißig zu schreiben--und reiste ab. Nun stand Arne allein. In dieser Zeit bekam er wieder Lust, Verse zu machen. Er flickte nicht mehr an alten herum, er machte neue und legte all sein Leid hinein. Aber ihm war schließlich das Herz zu schwer, und der Kummer verleidete ihm die Lieder. In langen schlaflosen Nächten wurde es ihm jetzt zur Gewißheit, daß er es nicht länger ertragen konnte, sondern weit, weit fort wandern wollte und Kristian suchen--und keinem Menschen ein Wort davon sagen. Er dachte an die Mutter und was aus ihr werden würde, und er konnte ihr kaum in die Augen sehen. Da saß er eines Abends spät auf und las. Wenn es ihm wie ein Alb auf der Brust lag, nahm er seine Zuflucht zu den Büchern und merkte nicht, daß sie das Gift noch schärfer machten. Der Vater war auf einer Hochzeit, wurde aber noch diesen Abend zurückerwartet; die Mutter war müde und hatte Angst vor ihm, deshalb hatte sie sich schlafen gelegt. Arne fuhr bei einem schweren Fall auf der Diele und bei dem Gepolter von etwas Hartem an der Tür zusammen. Da kam sein Vater nach Hause. Arne machte die Tür auf und sah ihn an. "Du bist es, mein kluger Junge! Komm, hilf Deinem Vater auf!" Arne hob ihn auf und führte ihn zur Bank. Er nahm den Geigenkasten, trug ihn auch hinein und machte die Tür zu. "Ja, schau' mich nur an, Du kluger Junge; schön sehe ich jetzt nicht aus; das ist Schneider Nils nicht mehr. Das sag'--ich Dir,--damit Du--nie Schnaps trinkst; das ist--der Satan, die Welt und unser eigen Fleisch----, er widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber schenkt er Gnade.----O je, o je!--Wie weit ist es mit mir gekommen!" Er saß eine Weile ganz still, dann sang er schluchzend: "Herr, mein Erlöser, Jesus Christ, Hilf mir, wenn mir zu helfen ist; Lieg' ich auch tief im Sündenschlamm, Bin ich Dein Kind doch, Du Gotteslamm!" "Herr, ich bin nicht wert, daß Du unter mein Dach kommst, aber sprich nur ein Wort."--Er warf sich vornüber, verbarg das Gesicht in den Händen und weinte wie im Krampf. Lange lag er so, und dann sagte er wortgetreu aus der Bibel her, wie er es vor mehr als zwanzig Jahren gelernt hatte: "Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!--Er aber antwortete und sprach: 'Es ist nicht recht, daß man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde.'--Sie aber sprach: 'Ja Herr, essen doch aber die Hündlein von den Brosamen, die von ihres Herrn Tische fallen.'" Er schwieg, doch sein Weinen war jetzt befreiter und ruhiger. Die Mutter war schon lange wach geworden, hatte aber nicht hinzusehen gewagt. Jetzt, da er wie ein Erlöster weinte, stützte sie sich auf die Ellbogen und sah ihn an. Kaum aber wurde Nils sie gewahr, als er ihr zubrüllte: "Na, was guckst Du?--Du willst wohl sehen, was Du aus mir gemacht hast. Ja, so sehe ich jetzt aus, so und nicht anders!"--Er stand auf, und sie kroch unter die Decke. "Na, kriech nur nicht weg, ich finde Dich doch", sagte er und hielt die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger tastend vor sich.--"Kille, kille!" sagte er, zog ihr die Decke weg und drückte ihr den Zeigefinger auf die Gurgel. "Vater!" sagte Arne. "Nein, wie verschrumpft und klapprig Du geworden bist. Da ist nicht viel dran. Kille, kille!" Die Mutter umspannte mit ihren beiden Händen krampfhaft seine, konnte sich nicht losmachen und krümmte sich in einen Knäuel zusammen. "Vater!" sagte Arne. "Na, jetzt kommt Leben in Dich. Wie sie sich windet, das alte Gespenst! Kille, kille!" "Vater!" sagte Arne, und die Stube fing an, sich um ihn zu drehen. "Kille, kille, sag' ich!"--Sie ließ seine Hände los und ergab sich. "Vater!" rief Arne. Er rannte in die Ecke, wo eine Axt stand. "Du schreist wohl aus Trotz nicht? Nimm Dich aber in acht; ich hab' solche schreckliche Lust bekommen. Kille, kille!" "Vater!" schrie Arne und packte die Axt, blieb aber wie angewurzelt stehen; denn in demselben Augenblick richtete der Vater sich auf, stieß einen gellenden Schrei aus, griff sich nach der Brust und sank um; "Jesus Christus!" sagte er und lag ganz still. Arne wußte nicht mehr, wo er eigentlich war; er erwartete, die Stube müsse auseinanderbersten und ein helles Licht irgendwo hineinfallen. Die Mutter atmete schwer, als wälzte sie eine Last von sich ab. Schließlich richtete sie sich halb auf und sah den Vater lang ausgestreckt auf dem Fußboden liegen und den Sohn mit einer Axt daneben stehen. "Gott Du Barmherziger, was hast Du getan?"--schrie sie und sprang aus dem Bett, warf sich einen Rock über und kam heran. Da war ihm, als löste sich seine Zunge. "Er ist von selbst umgefallen", sagte er leise.--"Arne, Arne, das glaube ich Dir nicht," sagte die Mutter laut und strafend, "jetzt sei Gott mit Dir!" und sie warf sich jammernd über die Leiche. Der Junge aber erwachte aus seiner Betäubung und fiel auch auf die Knie: "So wahr ich der Gnade Gottes teilhaftig werden will, er ist auf der Stelle umgefallen."----"So ist Gott der Herr selbst hier gewesen", sagte sie leise, kauerte sich zusammen und starrte vor sich hin. Nils lag noch unverändert und steif da; Mund und Augen waren offen. Die Hände hatten sich einander genähert, als wollten sie sich falten, waren aber dazu nicht mehr imstande gewesen. "Faß Deinen Vater an, Du bist kräftig; hilf mir ihn aufs Bett legen." Und sie nahmen ihn und betteten ihn; sie drückte ihm Augen und Mund zu, streckte ihn aus und faltete ihm die Hände. Dann standen sie beide da und schauten ihn an. Nichts von dem, was sie bis jetzt erlebt hatten, war so bedeutungsvoll und so inhaltsschwer wie diese Stunde. Wenn der Böse leibhaftig da gewesen war, so hatte doch auch Gott der Herr hier gestanden; es war nur eine kurze Begegnung gewesen. Alles Vorangegangene war nun abgetan. Es war kurz nach Mitternacht, und sie wollten bei dem Toten wachen, bis der Tag kam. Arne zündete auf dem Herde ein helles Feuer an, die Mutter setzte sich daneben. Und wie sie so dasaß, ging ihr durch den Sinn, wieviele böse Tage sie mit Nils gehabt hatte, und da dankte sie Gott in heißem, inbrünstigem Gebet für das, was er getan. "Ich habe doch aber auch manchen guten Tag gehabt", sagte sie und weinte, als bereue sie ihr Dankgebet, und schließlich war sie so weit, die größte Schuld auf sich zu nehmen, die sie aus Liebe zu dem Toten gegen Gottes Gebot gehandelt hatte, ihrer Mutter ungehorsam gewesen und deshalb durch diese ihre sündige Liebe gestraft worden war. Arne setzte sich ihr gegenüber. Die Mutter blickte zum Bett hinüber:--"Arne, Du darfst nicht vergessen, daß ich um Deinetwillen das alles erduldet habe", schluchzte sie und hungerte nach einem lieben Wort, das ihr in ihren Selbstanklagen Stütze und ein Trost in der kommenden Zeit sein sollte. Der Junge bebte und konnte nicht antworten. "Du darfst mich nie verlassen", schluchzte sie.--Da wurde ihm mit einem Male klar, was sie in dieser ganzen Zeit des Jammers gewesen war, und wie grenzenlos verlassen sie wäre, wenn er zum Lohn für ihre große Treue jetzt von ihr ginge. "Nie, nie", flüsterte er und wollte hin zu ihr, hatte aber nicht die Kraft dazu. So saßen sie, und ihr heftiges Weinen floß ineinander. Sie betete laut, bald für den Toten, bald für sich und den Jungen, und sie weinten, und sie betete wieder, und dann weinten sie wieder. Dann sagte sie: "Arne, Du hast solch schöne Stimme; setz' Dich zu Deinem Vater und sing ihm was vor." Und es war, als komme neue Kraft über ihn. Er stand auf und holte das Gesangbuch, zündete einen Kienspan an und setzte sich, den Span in der einen Hand, das Gesangbuch in der andern, ans Kopfende des Bettes und sang mit klarer Stimme den 127. Choral des Kingo: "Herr, o laß deinen Zorn jetzt fahren, Wolle die blutige Zuchtrute sparen, Die deines Grimmes Wucht uns kündigt, Weil wir gesündigt!" Fünftes Kapitel Arne wurde wortkarg und menschenscheu; er hütete das Vieh und machte Verse. Er ging ins zwanzigste Jahr, und noch immer hütete er das Vieh. Er lieh sich vom Pfarrer Bücher und las; aber das war auch das einzige, was er tat. Der Pfarrer ließ ihn auffordern, die Lehrerstelle anzunehmen, "denn das Kirchspiel müsse Nutzen aus seinen Fähigkeiten und Kenntnissen ziehen". Arne antwortete nicht; am andern Tage aber, während er die Schafherde vor sich her trieb, machte er ein Lied: Böcklein junges, Lämmlein mein, Geht's auch oft über Stock und Stein Hoch auf schroffe Fjelle,-- Folg' du nur brav deiner Schelle! Böcklein junges, Lämmlein mein, Halt dein Fell mir hell und rein! Mutter will vom Böcklein, Wenn es schneit, sein Röcklein. Böcklein junges, Lämmlein mein, Pfleg' mir auch dein Bäuchlein fein! Siehst nicht, kleiner Töffel, Mutters Suppenlöffel? In seinem zwanzigsten Jahr wurde er eines Tages zufällig Zeuge eines Gesprächs zwischen seiner Mutter und der Frau des früheren Hofbesitzers; sie waren im Streit über das Pferd, das ihnen gemeinsam gehörte. "Ich will abwarten, was Arne dazu sagt", meinte seine Mutter. "Ach, der Faulpelz," antwortete die andre, "der möchte wohl, das Pferd triebe sich im Walde 'rum, gerade wie er." Da schwieg die Mutter, so beredt sie vorhin gewesen war. Arne wurde feuerrot. Daß die Mutter um seinetwillen spöttische Worte hören mußte, hatte er noch nie bedacht, und vielleicht hatte sie schon gar viele hören müssen. Warum hatte sie ihm das nicht gesagt? Er dachte lange darüber nach, und da fiel ihm ein, daß die Mutter fast nie mit ihm sprach; er aber auch nicht mit ihr. Mit wem sprach er überhaupt? An manchem Sonntag, wenn er still zu Hause saß, hätte er gern seiner Mutter die Predigt vorgelesen, weil ihre Augen nicht mehr gut waren; sie hatte all ihr Lebtag zu viel geweint. Aber es war nichts draus geworden. Manch liebes Mal hatte er ihr aus seinen eigenen Büchern vorlesen wollen, wenn es so still im Hause war, und er dachte, sie müsse sich langweilen. Aber es war nichts draus geworden. "Ja, dann ist's nicht anders. Ich lasse das Hüten sein und gehe zu Mutter hinunter." Er wartete ein paar Tage und befestigte sich in seinem Entschluß; die Herde ließ er weit in den Wald hineingehen und dichtete ein Lied: Im Dorfe, da ist Unruh, im Walde läßt sich's ruhn, Es pfändet hier kein Amtmann, dort pfänden zweie nun. Hier dreht nicht um die Kirche wie dort sich steter Zwist; Doch kommt's vielleicht daher, daß hier noch keine Kirche ist. Wie ruhig ist's im Walde; nur gründlich rupft allhier Der Habicht einen Spatzen aus reiner Wißbegier, Und nur der Adler würgt hier ein arm Geschöpf zu Tod, Weil arge Langeweile sonst ihn umzubringen droht. Ein Baum wird umgehauen, beim andern fault der Stamm; Dem Rotfuchs fiel gen Abend anheim das weiße Lamm. Der ward vom Wolf zerrissen, und beide wurden zahm; Denn Arne schoß das Wölflein tot, bevor der Morgen kam. Soviel kann sich ereignen im Wald und auf der Au; Da gilt's nur aufzupassen, daß man nichts Falsches schau'. 'nen Burschen, der den Vater erschlug, sah ich im Traum; Ich weiß nicht wo, doch denk' ich mir, es war im Höllenraum. Er kam nach Hause und sagte seiner Mutter, sie möge sich im Dorf nach einem andern Hütejungen umsehn; er selbst wolle sich jetzt lieber um den Hof bekümmern. So geschah es; aber seine Mutter kam immer mit Ermahnungen; er solle sich nicht bei der Arbeit überanstrengen. Sie setzte ihm in dieser Zeit auch so gutes Essen vor, daß er oft ganz beschämt war; aber er sagte nichts. Er trug sich mit einem Liede, dessen Kehrreim war: "Über die hohen Berge." Er wurde aber nie damit fertig, und das lag hauptsächlich daran, daß er den Kehrreim in jeder zweiten Zeile haben wollte; zuletzt gab er es auf. Mehrere der Lieder aber, die er gedichtet hatte, kamen unter die Leute und fanden Beifall; manche hätten gern mit ihm geredet, zumal sie ihn noch als Knaben gekannt hatten. Arne aber hatte Angst vor allen, die er nicht kannte, und dachte schlecht von ihnen, vor allem weil er glaubte, sie dächten schlecht von ihm. Bei allen Feldarbeiten stand ihm ein Mann in mittleren Jahren zur Seite, Knut vom Oberland, der die Angewohnheit hatte, mitunter zu singen, aber immer dasselbe Lied. Als das ein paar Monate so fortgegangen war, dachte Arne, er müsse ihn doch mal fragen, ob er nicht noch andere Weisen könne. "Nein", sagte der Mann. So gingen einige Tage hin, und als der Mann wieder einmal sein Lied sang, fragte Arne: "Wie ist es gekommen, daß Du dies eine gelernt hast?"--"Ach, das kam so", sagte der Mann. Gleich darauf ging Arne ins Haus; da aber saß die Mutter und weinte, was er seit des Vaters Tode nicht mehr gesehen hatte. Er tat, als bemerke er's nicht, und ging wieder auf die Tür zu; aber er fühlte, wie die Mutter ihm schwermütig nachsah, und mußte stehen bleiben.--"Warum weinst Du, Mutter?"--für eine Weile blieben seine Worte der einzige Laut in der Stube, und deshalb stellte sich die Frage ihm immer wieder, so daß er schließlich fühlte, sie habe nicht zart genug geklungen. Er fragte also noch einmal: "Warum weinst Du, Mutter?" "Ach, ich weiß auch nicht"; aber nun weinte sie noch mehr. Er stand eine ganze Zeit da, und dann sagte er so mutig, wie er konnte: "Du weinst über was Bestimmtes." Wieder blieb es still. Er fühlte sich sehr schuldig, obwohl sie nichts gesagt hatte und er nichts Bestimmtes wußte. "Es kam so über mich", sagte die Mutter. Nach einer Weile fügte sie hinzu: "Ich bin ja im Grunde so glücklich", und dann weinte sie wieder. Arne aber ging schnell hinaus; es zog ihn zu der Felswand hin. Er setzte sich so, daß er hinunterschauen konnte, und wie er dasaß, kamen ihm auch die Tränen. "Wenn ich nur wüßte, worüber ich weine", sagte Arne. Über ihm auf dem umgepflügten Acker aber saß Knut und sang sein Lied: "Ingerid Sletten von Sillegjord Hatte weder Silber noch Gold, Nur ein bunt Häubchen, drin bräutlich hold Einst Mutter zur Kirche fuhr. Nur dies Vermächtnis von Elternhand,-- Hatte sonst nichts in Keller noch Schrein; Doch ihr arm Häubchen vom Mütterlein Wog schwerer als aller Tand. Sie barg es zwanzig Jahre fromm Vor Licht und Tageslaut. --Ich trag' es wohl noch einmal als Braut Wann ich zum Herrgott komm'! Sie barg es dreißig Jahre lang Im Truhendämmer traut. --Ich trag' es doch noch als frohe Braut, Auf meinem Ehrengang. Und vierzig Jahre gingen ins Land, Sie hat noch der Mutter gedacht. --Mein Häubchen alt, nun glaub' ich sacht, Die Zeit für uns entschwand. Sie geht es holen, dem Tode nah, Ihr Herz schlug so stark dazu; Sie hastet sich hin nach der alten Truh',-- Da war kein Fädchen mehr da." Arne saß, als kämen die Töne fern von den Halden her. Er stieg zu Knut hinauf. "Hast Du noch eine Mutter?" fragte er.--"Nein."--"Hast Du noch einen Vater?"--"Ach nein, keinen Vater."--"Sind sie schon lange tot?"--"O ja, schon lange." "Du hast wohl nicht viele, die Dich lieb haben?"--"O nein, nicht viele."--"Hast Du hier jemand?"--"Nein, hier nicht."--"Aber fern in Deiner Heimat?"--"O nein, dort auch nicht."--"Hast Du denn gar keinen, der Dich lieb hat?"--"Nein, keinen." Aber Arne verließ ihn, und so lieb hatte er seine Mutter, als solle ihm das Herz springen, und er hatte das Gefühl, als werde es hell über ihm. Himmlischer Vater, dachte er, Du hast mir sie gegeben und durch sie so unsäglich viel Liebe, und ich gehe achtlos an ihr vorüber--und wenn ich sie einmal haben möchte, dann ist sie vielleicht nicht mehr da. Er wollte hin zu ihr, bloß um sie zu sehen. Unterwegs aber fiel ihm plötzlich ein: "Weil Du sie gering geachtet hast, wirst Du vielleicht bald damit gestraft weiden, daß Du sie verlierst!"--Er blieb auf dem Fleck stehen. "Allmächtiger Gott, was soll dann aus mir werden?" Ihm war's, als geschehe jetzt ein Unglück zu Haus; er setzte in großen Sprüngen auf das Haus zu, der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, und die Füße berührten kaum die Erde. Er riß die Stubentür auf. Die Mutter hatte sich schlafen gelegt, der Mond fiel ihr gerade auf das Gesicht; sie lag und schlummerte wie ein Kind. Sechstes Kapitel Einige Tage darauf beschlossen Mutter und Sohn, die sich seitdem inniger aneinander angeschlossen hatten, bei Verwandten auf einem Nachbarhof eine Hochzeit mitzumachen. Die Mutter war seit ihrer Mädchenzeit auf keinem Fest mehr gewesen. Die beiden kannten fast alle Gäste nur dem Namen nach, und Arne kam es besonders sehr merkwürdig vor, daß ihn alle ansahen, wo er sich blicken ließ. Auf der Diele fiel hinter ihm ein Wort,--bestimmt wußte er es nicht, aber er glaubte es gehört zu haben, und jeder Blutstropfen siedete in ihm, wenn er daran dachte. Dem Mann, der es gesagt hatte, ging er nun unaufhörlich nach und schließlich setzte er sich neben ihn. Aber als er an den Tisch trat, schien es ihm, als nehme das Gespräch schnell eine andere Wendung. "Na, jetzt will ich mal 'ne Geschichte erzählen, an der man sieht, daß nichts so fein gesponnen ist, es kommt schließlich doch an die Sonnen", sagte der Mann, und Arne hatte das Gefühl, er sehe ihn dabei an. Es war ein häßlicher Mensch mit dünnem roten Haar über einer hohen runden Stirn. Darunter lagen ein Paar sehr kleine Augen und eine kleine Kartoffelnase; der Mund aber war sehr groß und hatte wulstige Lippen von weißlicher Farbe. Wenn er lachte, sah man die beiden Gaumen. Seine Hände lagen auf dem Tisch: sie waren sehr grob und plump, das Handgelenk aber war dünn. Er hatte einen stechenden Blick und sprach schnell, aber es kostete ihn Anstrengung. Man nannte ihn den Maulhelden, und Arne wußte, daß Schneider Nils ihm in alten Tagen übel mitgespielt hatte. "Ja, es gibt viel Sünde in dieser Welt; sie ist uns näher, als wir glauben----. Aber das ist gleich. Jetzt sollt Ihr etwas sehr Häßliches hören. Die Älteren unter Euch werden sich wohl noch an Alf, an den Ranzen-Alf erinnern. 'Werd' schon wiederkommen!' sagt Alf; die Redensart stammt von ihm; denn wenn er einen Handel abgeschlossen hatte--und handeln konnte der Kerl!--dann schwang er seinen Ranzen auf den Rücken; 'werd' schon wiederkommen!' sagt Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf!----Ja, und dann kam die Sache mit ihm und dem großen Faulpelz. Der Faulpelz,--ja, Ihr kennt den Faulpelz doch?--groß war er, und faul war er auch. Er vergaffte sich in ein rabenschwarzes Pferd, mit dem der Ranzen-Alf einherkam und das wie ein Frosch hüpfte. Und eh' es dem Faulpelz noch recht zum Bewußtsein kam, hatte er fünfzig Taler für die Mähre bezahlt. Der Faulpelz, so lang wie er war, auf einen Wagen 'rauf, um mit dem Fünfzigtalerpferd Parade zu fahren; aber er mochte peitschen und fluchen, daß der Hof in einer Staubwolke lag,--das Pferd lief seelenruhig auf jede Tür und jede Mauer los, die irgend da war;--denn es hatte den Star.--Von Stund an lagen sich diese beiden überall in den Haaren wie zwei Kampfhähne. Der Faulpelz wollte sein Geld wieder haben; aber keinen roten Heller bekam er. Der Ranzen-Alf prügelte ihn durch, daß die Borsten stoben. 'Werd' schon wiederkommen', sagte Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf.--Na, dann gingen ein paar Jahre hin, wo er sich nicht mehr sehen ließ.--Es mochte wohl so zehn Jahre später sein, als er auf dem Kirchberg ausgerufen wurde, weil ihm eine große Erbschaft zugefallen war. Der Faulpelz hörte es mit an. 'Das konnte ich mir denken,' sagte er, 'daß das Geld den Ranzen-Alf suche und nicht die Leute.'--Nun sprach man hin und her über Alf; und soviel wurde geschwatzt, daß man schließlich heraus hatte, er wäre zuletzt diesseits des Rörenbergs gewesen, aber nicht drüben. Ja, Ihr kennt doch den Weg über den Rören noch, den alten Weg? "Der Faulpelz aber war seit einiger Zeit zu großer Macht und Herrlichkeit gelangt sowohl was seinen Hof betraf, wie überhaupt. Außerdem hatte er sich auf die Frömmigkeit verlegt, und alle waren überzeugt, er werde nicht auf einmal um nichts und wieder nichts fromm,--frommer als die andern. Man fing an, allerlei über ihn zu munkeln.--Es war zu der Zeit, als die Straße über den Rören verlegt werden sollte; die Alten hatten immer geradeaus gewollt, deshalb führte der Weg direkt über den Rören; wir dagegen wollen alles hübsch eben haben, und deshalb geht jetzt der Weg unten am Fluß entlang. Da gab es eine Sprengerei und eine Wirtschaft, daß man meinte, der ganze Rören fiele herunter. Allerhand Wegebaumeister kamen, am häufigsten aber der Amtmann, weil er ja doppelte Freifahrt hat. Und als sie nun eines Tages da in dem Geröll schaufelten, wollte einer einen Stein wegnehmen, bekam aber statt dessen eine Hand zu fassen, die aus dem Steinhaufen heraussah, und so stark war diese Hand, daß der, der sie gefaßt hatte, mit ihr zurücktaumelte. Der sie aber gefaßt hatte, war der Faulpelz.--Der Amtsvorsteher war in der Nähe; er wurde geholt, und dann grub man die ganzen Gebeine eines Menschen aus. Ein Arzt wurde auch geholt! Der setzte alles so kunstgerecht zusammen, daß bloß noch das Fleisch fehlte. Die Leute behaupteten aber, das Gerippe müsse genau so groß sein wie der Ranzen-Alf. 'Ich werd' schon wiederkommen', sagt Alf. Jedwedem einzelnen kam es merkwürdig vor, daß eine tote Hand einen Kerl wie den Faulpelz so einfach umwerfen konnte, wo sie gar nicht einmal ausschlug. Der Amts Vorsteher sagte ihm das auf den Kopf zu,--natürlich daß keiner es hörte. Da fing aber der Faulpelz zu fluchen an, daß es dem Amtsvorsteher ganz schwarz vor den Augen wurde. 'Ja, ja', sagte der Amtsvorsteher, 'wenn Du es nicht gewesen bist, so bist Du wohl der rechte Mann, heute nacht bei dem Gerippe zu schlafen, ja?'--'Das will ich meinen', antwortete der Faulpelz. Und nun band der Doktor das Gerippe in den Gelenken zusammen und legte es auf das eine Bett in der Baracke. In das andere sollte sich der Faulpelz legen; der Amtsvorsteher aber lag, in seinen Mantel gehüllt, draußen dicht an der Wand.--Als es dunkel wurde und der Faulpelz zu seinem Schlafkameraden hineinmußte, war es gerade, als wenn die Tür sich von selbst hinter ihm schlösse, und er stand im Dunkeln. Da fing der Faulpelz an, Choräle zu singen, denn er hatte eine mächtige Stimme. 'Warum singst Du Choräle?' fragte der Amtsvorsteher draußen an der Wand. 'Wer weiß, ob für ihn geläutet worden ist, antwortete der Faulpelz. Dann fing er zu beten an, so laut er konnte. 'Warum betest Du?' fragte der Amtsvorsteher draußen an der Wand. 'Er ist doch sicher ein großer Sünder gewesen', antwortete der Faulpelz. Dann blieb es eine lange Zeit still, und der Amtsvorsteher war nahe am Einschlafen. Da brüllte es drinnen, daß die Hütte bebte: 'Ich werd' schon wiederkommen!'--Ein Höllenlärm erhob sich; 'her mit meinen fünfzig Talern', brüllte der Faulpelz, dann ein Aufschrei und ein Gekrach; der Amtsvorsteher hin zur Tür, die Leute kamen mit Stangen und Fackeln, und da lag der Faulpelz mitten auf dem Boden, und das Gerippe lag über ihm--." Es war totenstill am Tisch. Schließlich sagte einer, indem er sich seine Wasserpfeife ansteckte: "Er ist ja wohl an dem Tage verrückt geworden."--"Ja, das stimmt." Arne fühlte, daß alle ihn ansahen, und deshalb konnte er die Augen nicht aufschlagen. "Wie ich gesagt habe," warf der erste hin, "es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen."--"Na, jetzt will ich mal von einem erzählen, der seinen eignen Vater schlug", sagte ein blonder, dicker Mann mit einem runden Gesicht. Arne wußte kaum noch, wo er hinsollte. "Es war einmal in einer angesehenen Familie in Hardanger ein Raufbold; der hatte schon manchen untergekriegt. Sein Vater und er waren uneins über das Altenteil, und es kam so weit, daß der Mann in seinem Hause und außerhalb keinen Frieden mehr hatte.--Dadurch wurde er immer schlimmer, und sein Vater überwachte ihn. 'Ich lasse mir von keinem was sagen', sagte der Sohn. 'Aber von mir, so lange ich lebe', sagte der Vater.--'Bist Du nicht gleich still, dann schlag' ich Dich', sagte der Sohn und stand auf.--'Ja, wag' es nur, und es wird Dir nie gut gehen in der Welt', antwortete der Vater und stand auch auf.--'Meinst Du?'--und der Sohn drang auf ihn ein und schlug ihn nieder. Der Vater aber wehrte sich nicht, verschränkte die Arme und ließ ihn machen, was er wollte.--Der Sohn mißhandelte ihn, packte ihn und schleppte ihn zur Tür: 'Ich will Frieden im Hause haben!'--Aber als sie an die Tür kamen, richtete der Vater sich auf. 'Nicht weiter als bis zur Tür,' sagte er, 'so weit habe ich meinen Vater auch geschleppt.' Der Sohn achtete nicht darauf, sondern zerrte den Kopf über die Türschwelle. 'Nicht weiter als bis zur Tür, sag' ich!' Der Alte sprang auf, warf den Sohn vor seine Füße und züchtigte ihn wie ein Kind."--"Das war häßlich", sagten Verschiedene. "Seinen eignen Vater schlägt man doch nicht!" glaubte Arne einen sagen zu hören, aber er wußte es nicht genau. "Jetzt will ich Euch etwas erzählen", sagte Arne; er stand mit leichenblassem Gesicht auf und wußte noch nicht, was er sagen wollte. Er sah nur die Worte wie große Schneeflocken um sich herum stieben; "es geht aufs Geratewohl!" und er fing an. "Ein Zwerg begegnete einmal einem Burschen, der weinend seines Weges ging. 'Vor wem hast Du am meisten Angst,' fragte der Zwerg, 'vor Dir selbst oder vor andern?' Der Bursch aber weinte, weil ihm in der Nacht geträumt hatte, er habe seinen bösen Vater erschlagen müssen, und deshalb antwortete er: 'Ich habe am meisten Angst vor mir selbst.'--'So sollst Du vor Dir selbst Ruhe haben und nie mehr weinen, denn fortan sollst Du nur mit den andern im Krieg liegen.' Und der Zwerg ging seines Weges. Der erste aber, den der Bursch traf, lachte ihn aus, und deshalb mußte der Bursch ihn wieder auslachen. Der zweite, den er traf, schlug ihn; der Bursch mußte sich verteidigen und schlug ihn wieder. Der dritte, den er traf, wollte ihn töten, und deshalb mußte er ihn selbst umbringen. Alle Leute aber redeten Böses von ihm, darum konnte er von allen Menschen auch nur Böses reden. Sie riegelten Schränke und Türen vor ihm zu, so daß er sich stehlen mußte, was er brauchte, sogar seine Nachtruhe mußte er sich stehlen. Weil er nun nie etwas Gutes tun konnte, mußte er eben Böses tun. Da sagte das ganze Dorf: 'Den Burschen müssen wir uns vom Halse schaffen; er ist zu schlecht', und eines schönen Tags schafften sie ihn aus dem Wege. Der Bursch wußte aber gar nicht, daß er etwas Böses getan hatte; deshalb kam er nach seinem Tode geradenwegs zum lieben Gott. Da saß auf einer Bank sein Vater, den er gar nicht totgeschlagen hatte, und gegenüber auf einer andern Bank saßen alle, die ihn gezwungen hatten, Böses zu tun. 'Vor welcher Bank hast Du Angst?' fragte der liebe Gott, und der Bursch zeigte auf die lange. 'So setz' Dich neben Deinen Vater', sagte der liebe Gott, und der Bursch wollte es tun. Da stürzte sein Vater von der Bank herunter und hatte eine klaffende Wunde im Nacken. Auf seinem Platz aber stand ein Phantom des Burschen selbst, nur mit leichenblassem Gesicht und von Reue verzerrten Mienen; und ein anderes mit dem Gesicht eines Säufers und schlotternden Gliedern, und noch eins mit irren Augen, zerrissenen Kleidern und einem grauenvollen Lachen. 'So hätte es Dir auch gehen können', sagte der liebe Gott.--'Ja, wäre das möglich?' sagte der Bursch und griff nach dem Saum von Gottes Gewand. Da fielen beide Bänke vom Himmel hinunter, und der Bursch stand vor dem lieben Gott und lachte. 'Denke dran, wenn Du aufwachst', sagte der liebe Gott,--und im selben Augenblick wachte der Bursch auf. Der Bursch aber, der all das geträumt hat, bin ich, und die ihn in Versuchung führen, weil sie schlecht von ihm denken, seid Ihr. Vor mir selbst habe ich keine Angst mehr; aber ich habe vor Euch Angst. Hetzt nicht das Böse in meine Seele, denn ich weiß nicht, ob auch ich einst den Saum von Gottes Gewand fassen kann." Er stürzte hinaus, und die Männer blickten einander an. Siebentes Kapitel Es war am nächsten Tag auf demselben Hof in der Scheune; Arne hatte sich zum erstenmal in seinem Leben betrunken, war krank davon geworden und hatte nun bald vierundzwanzig Stunden in der Scheune gelegen. Jetzt richtete er sich empor, stützte sich auf die Ellbogen und hielt ein Selbstgespräch: "----Alles, was ich anfasse, wird Feigheit. Daß ich als Junge nicht davonlief, war Feigheit; daß ich auf den Vater mehr hörte als auf die Mutter, war Feigheit; daß ich ihm die häßlichen Lieder vorsang, war Feigheit. Ich fing das Viehhüten an; aus Feigheit;--und das Lesen--nun ja, auch aus Feigheit: ich wollte mich nur vor mir selber verstecken. Als erwachsener Bursch stand ich der Mutter nicht gegen den Vater bei--Feigheit; daß ich ihn in jener Nacht nicht--hu!--Feigheit! Ich hätte wohl gewartet, bis sie tot gewesen wäre;----ich konnte es hinterher zu Hause nicht aushalten--Feigheit; ich zog aber auch nicht meiner Wege--Feigheit; ich tat nichts, ich hütete das Vieh,--Feigheit. Ich hatte freilich der Mutter versprochen, zu bleiben, aber ich wäre schon feig genug gewesen, den Schwur zu brechen, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, unter fremde Menschen zu müssen. Denn ich habe Angst vor den Menschen, hauptsächlich wohl, weil ich glaube, sie sehen, wie garstig ich bin. Weil ich aber Angst vor ihnen habe, rede ich Böses von ihnen--verfluchte Feigheit! Ich mache Verse aus Feigheit. Ich wage nicht über meine eigenen Angelegenheiten nachzudenken und mische mich deshalb in die Sachen andrer Leute,--und das nennt man Dichten!--Ich hätte mich hinsetzen sollen und weinen, daß die Berge zu Wasser werden, ja, das hätte ich; aber ich sage nur: Seht, seht! und wiege mich in Nichtstun ein. Und selbst meine Lieder sind feig; denn wären sie mutig, so würden sie besser sein. Ich habe Angst vor starken Gedanken wie vor allem Starken überhaupt; schwinge ich mich einmal dazu auf, so ist es aus Wut, und Wut ist Feigheit. Ich bin klüger, tüchtiger, belesener, als ich aussehe; ich bin besser als mein Geschwätz; aber aus Feigheit wage ich mich nicht so zu geben wie ich bin. Pfui, sogar Schnaps habe ich aus Feigheit getrunken; ich wollte den Schmerz betäuben! Pfui, es schmeckte schrecklich, aber ich trank doch, trank doch; trank meines Vaters Herzblut, und doch trank ich! Meine Feigheit hat keine Grenzen; das allerfeigste aber ist doch, daß ich hier sitze und mir selbst das alles sagen kann.-- ... Mich töten? Prost Mahlzeit! Dazu bin ich zu feig. Und dann glaube ich doch auch an Gott,--ja, ich glaube an Gott. Ich möchte gern hin zu ihm; aber die Feigheit hält mich von ihm zurück. Eine große Veränderung, die scheut ein Feigling. Aber wenn ich's versuchte, so gut ich's vermag? Allmächtiger Gott! Wenn ich's versuchte? Müßte mich kurieren, so gut mein Milchsuppenleben es vertrüge; denn Knochen habe ich ja nicht mehr im Leibe, nicht mal Knorpeln, bloß etwas Flüssiges, Weichliches.--Wenn ich es versuchte--mit guten, milden Büchern,--hab' Angst vor den starken--; mit schönen Märchen und Sagen und allem, was sanft ist,--und dann jeden Sonntag eine Predigt und jeden Abend ein Gebet. Und tüchtige Arbeit, damit die Religion Ackerland hat; in die Trägheit kann man nichts säen. Wenn ich's versuchte; Du lieber, guter Gott meiner Kindheit, wenn ich's versuchte!" Da öffnete jemand die Scheunentür, stürzte auf die Diele mit leichenblassem Gesicht, obwohl ihr der Schweiß heruntertropfte,--es war seine Mutter. Schon den zweiten Tag suchte sie ihren Sohn. Sie rief seinen Namen, stand aber nicht still um zu lauschen, sondern rief nur und lief in alle Ecken, bis er hinten von dem Heuschober her, wo er lag, Antwort gab. Da stieß sie einen lauten Schrei aus, sprang leichtfüßiger als ein Junge in den Heuhaufen hinein und beugte sich über ihn:--"Arne, Arne, bist Du hier! So hab' ich Dich doch gefunden; ich hab' seit gestern gesucht; ich hab' die ganze Nacht durch gesucht! Armer lieber Arne! Ich hab' gesehen, daß sie Dir weh getan haben! Ich hätte so gern mit Dir gesprochen und Dich getröstet; aber ich darf ja nie mit Dir sprechen!----Arne, ich sah, daß Du trankst! Ach, Du allmächtiger Gott! Laß mich das nie wieder sehen!"--Es dauerte eine ganze Weile, bis sie weiterreden konnte. "Gott schütze Dich, mein Kind, ich habe gesehen, daß Du getrunken hast!--Plötzlich warst Du mir weg, betrunken und so vernichtet vom Schmerz,--und ich rannte in alle Häuser; ich war weit draußen auf dem Felde; ich fand Dich nicht; ich habe in jedem Gebüsch gesucht; ich habe alle Leute gefragt; hier bin ich auch gewesen, aber Du hast mir nicht geantwortet----Arne, Arne! Ich ging am Fluß entlang, aber er schien mir nirgends tief genug--" sie schmiegte sich enger an ihn.--"Da wurde es mir so leicht ums Herz: Du wärest sicher nach Hause gegangen, und ich brauchte kaum eine Viertelstunde zu dem Weg; ich machte die Tür auf und suchte in jedem Raum, und dann erst fiel mir ein, daß ich ja selbst den Schlüssel hatte; Du konntest ja nicht hineingeschlüpft sein.--Arne! heut nacht habe ich den ganzen Weg an beiden Seiten abgesucht; bis zur Kampenschlucht wagte ich gar nicht zu gehen!--Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht; keiner hat mir's gesagt, aber der liebe Gott hat mir eingegeben, Du müßtest hier sein!" Er versuchte sie zu beruhigen. "Arne, Du wirst doch nie wieder Schnaps trinken?"--"Nein, da kannst Du ganz ruhig sein."--"Sie sind wohl schlecht zu Dir gewesen? Waren sie schlecht zu Dir?"--"Ach nein, nur--ich war so feig." Er legte einen Nachdruck auf dies Wort.--"Ich kann das gar nicht verstehen, daß sie schlecht zu Dir waren. Aber was haben sie Dir denn getan? Du sagst mir nie etwas", und sie fing wieder zu weinen an.--"Du sagst mir ja auch nie etwas", sagte Arne sanft.--"Daran bist Du schuld, Arne. Ich bin von Deinem Vater das Stillschweigen so gewohnt gewesen,--Du hättest mir ein bißchen auf den Weg helfen müssen!--Herrgott, wir haben doch weiter nichts als uns; und wir haben soviel zusammen ausgestanden."--"Wir wollen versuchen, ob es nicht besser werden kann", flüsterte der Bursch.------"Nächsten Sonntag will ich Dir die Predigt vorlesen."--"Da segne Dich Gott für!" "Du, Arne!"--"Ja?"--"Ich muß Dir etwas sagen."--"Sag' es, Mutter."--"Ich habe gesündigt an Dir; ich habe etwas Unrechtes getan."--"Du, Mutter?" und es rührte ihn so, daß seine seelensgute, geduldige Mutter sich anklagte, sie habe gesündigt an ihm, der nie etwas wirklich Gutes für sie getan hatte, daß er den Arm um sie legte, sie streichelte und in Tränen ausbrach.--"Ja, ganz bestimmt, aber ich konnte eben nicht anders."--"Ach, Du hast mir nie ein Unrecht getan."--"O doch;--aber Gott weiß: ich tat es nur aus Liebe zu Dir. Aber Du wirst es mir verzeihen, ja?"--"Ja, ich werde es Dir verzeihen."--"So will ich es Dir ein andermal erzählen;--aber Du mußt es mir verzeihen!"--"Ja, ja, Mutter!"--"Siehst Du, daher kam es wohl, daß es mir so schwer wurde, mit Dir zu reden; ich hatte gesündigt an Dir."--"Herrgott, sprich nicht so, Mutter!"--"Ich bin froh, daß ich wenigstens soviel gesagt habe."--"Wir beiden wollen mehr zusammen reden, Mutter!"--"Ja, das wollen wir,--und dann liest Du mir doch auch die Predigt vor?"--"Ja, das tue ich."--"Armer Arne! Gott segne Dich!"--"Ich glaube, das beste ist, wir gehen nach Hause."--"Ja, gehen wir nach Hause."--"Du siehst Dich ja so um, Mutter."--"Ja, in dieser selben Scheune hat Dein Vater auch gelegen und hat geweint."--"Der Vater?" fragte Arne und wurde ganz blaß.--"Der arme Nils! Es war an dem Tage, als Deine Taufe war.---- Du siehst Dich ja so um, Arne." Achtes Kapitel Von dem Tag an, da Arne sich aufrichtigen Herzens bemühte, inniger mit seiner Mutter zu verkehren, wurde auch sein Verhältnis zu den andern Menschen besser. Er sah sie mehr mit den sanften Augen seiner Mutter an. Aber es wurde ihm oft schwer, seinem Vorsatz treu zu bleiben; denn seine tiefsten Gedanken verstand die Mutter nicht immer,--hier ist ein Lied aus jener Zeit: "Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht länger drinnen; Ich schlenderte waldwärts und lag und lag Und ließ die Gedanken spinnen. Doch die Emse kroch und die Mücke stach Und die Brems' und die Wespe taten's ihr nach." "Lieber Junge, willst Du denn bei dem Prachtwetter nicht draußen bleiben?"--sagte Mutter, saß dabei auf dem Altan und sang: "Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich ging auf die Wiese und lag und lag Und summte so recht in Sinnen. Da kamen Nattern, drei Ellen lang, Und wollten sich sonnen--doch ich entsprang." "Bei solch einem Gotteswetter können wir barfuß laufen",--sagte Mutter und zog die Socken aus. "Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich sprang in ein Boot und lag und lag Und lauschte dem Raunen und Rinnen. Da hat mir die Sonne die Nase zerbrannt. Immer alles mit Maß! Und ich ging an Land." "Jetzt werden wir 's Heu wohl trocken hereinbringen",--sagte Mutter und warf's mit dem Rechen durcheinander. "Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich klomm auf 'nen Baum; potz Donnerschlag, Hier treibt ihr mich nicht von hinnen! Da rutscht' eine Raupe mir vorn in die Brust,-- Ich hüpfte und schrie; das war eine Lust!" "Na, wenn die Kuh heut den Koller nicht kriegt, so kriegt sie ihn nie", sagte Mutter und blinzelte hinauf in die Glut. "Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nun einmal nicht drinnen; So ruht' ich nicht, bis ich im Wasserfall lag: Da war wohl nun Ruh zu gewinnen. Die Sonne schien weiter, indes ich versank,-- Und ist dies Lied deines,--bist du's, der ertrank." "Bloß drei solche sonnige Tage, und alles ist unter Dach",--sagte Mutter und ging mein Bett machen. Trotzdem wurde das Zusammenleben mit der Mutter mit jedem Tage ein größeres Glück für ihn. Was sie nicht verstand, schlug ebensogut eine Brücke zu ihm wie das, was sie verstand. Denn über alles, was sie nicht verstand, dachte er nur um so eingehender nach, und sie wurde ihm nur lieber dadurch, daß er nach allen Seiten die Grenzen in ihr erkannte. Ja, sie wurde ihm unendlich teuer! Arne hatte sich als Kind nichts aus Märchen gemacht. Jetzt als erwachsener Mensch bekam er Sehnsucht nach Märchen, und sie hatten Volkssagen und Heldenlieder im Gefolge. In sein Herz kam eine seltsame Sehnsucht; er ging viel allein, und manches, worauf er zuvor gar nicht geachtet hatte, erschien ihm wunderbar schön. Zu der Zeit, als er mit seinen Altersgenossen zum Konfirmandenunterricht gegangen war, hatten sie häufig an einem großen See vor dem Pfarrhaus gespielt, dem sogenannten schwarzen See, weil er gar so tief und schwarz dalag. Dieser See kam ihm jetzt in den Sinn, und eines Abends stieg er da hinauf. Er setzte sich unter einen Busch dicht neben dem Pfarrhof; der lag an einem sehr steilen Abhang, der schließlich zu einer hohen Felswand anstieg; genau so war es am andern Ufer, so daß von beiden Seiten lange Schlagschatten über den See fielen: in der Mitte aber war ein schöner silbriger Wasserstreifen geblieben. Alles lag in tiefer Ruhe; die Sonne war im Sinken; leises Glockenläuten klang vom andern Ufer herüber,--sonst aber war es ganz still. Arne schaute nicht geradeaus, sondern hinunter auf den Grund des Sees, weil die Sonne vorm Untergehen eine zittrige Röte drüber hinausgesandt hatte. Unten traten die Felsen etwas zur Seite, so daß ein langgestrecktes, niederes Tal entstand, gegen das das Wasser schlug. Aber es sah aus, als neigten sich die Felsen langsam zueinander, um das zwischen ihnen liegende Tal gewissermaßen zu schaukeln. Ein Gehöft lag in dem Tal neben dem andern; Rauchwölkchen stiegen empor und verteilten sich; die grünen Felder dampften; Boote, mit Heu beladen, kamen an Land. Er sah viele Menschen hin und her gehen, hörte aber kein Geräusch. Seine Augen wandten sich von diesem Bilde zum Strand hinüber, wo nur Gottes düsterer Wald sich erhob. Durch den Wald und am See entlang hatten die Menschen sich wie mit einem Finger einen Weg gemacht, denn man sah einen Staubstreifen sich gleichmäßig hindurchschlängeln. Den verfolgte er mit den Augen bis genau der Stelle gegenüber, wo er saß; da hörte der Wald auf; die Felsen traten mehr zurück, und gleich lag wieder ein Gehöft neben dem andern. Da standen noch größere Häuser als unten im Grunde, rot angestrichen, mit größeren Fenstern, die in der Sonne brannten. Helles Sonnenlicht lag auf den Höhen; auch das kleinste Kind, das da spielte, war deutlich zu sehen; blendend weißer Sand lag hart am See; da sprangen Kinder mit ein paar Hunden herum. Aber auf einmal war alles sonnenverlassen und schwer, die Häuser waren dunkelrot, die Wiese schwarzgrün, der Sand grauweiß, die Kinder wie kleine Klümpchen; eine Nebelwand war über den Bergen aufgestiegen und hatte die Sonne verdeckt. Arnes Auge flüchtete aufs neue zum Wasser hinunter; da aber fand er das Ganze wieder. Die Felder wogten, der Wald zog sich schweigend hin, hoch oben lagen die Häuser und schauten hernieder, die Türen standen offen, und die Kinder liefen aus und ein. Märchen und Kinderträume kamen wie kleine Fische nach der Angel, stoben auseinander, kamen wieder, spielten herum, bissen aber nicht an. "Wir wollen uns hier hinsetzen, bis Deine Mutter nachkommt; die Frau Pfarrer wird ja auch mal fertig werden."--Arne schrak zusammen; es hatte sich jemand dicht hinter ihn gesetzt. "Aber ich könnte doch ganz gut bloß noch diese eine Nacht hier bleiben", sagte flehend eine tränenerstickte Stimme; sie mochte einem nicht ganz erwachsenen Mädchen gehören. "Hör' jetzt auf zu weinen; es ist recht häßlich, daß Du weinst, weil Du nach Hause zu Deiner Mutter sollst." Es war eine sanfte Stimme, die langsam sprach und einem Manne gehörte. "Darüber weine ich ja nicht."--"Worüber weinst Du denn sonst?"--"Weil ich nicht mehr mit Mathilde zusammen sein kann." So hieß die einzige Tochter des Pfarrers, und es fiel Arne ein, daß ein Bauernmädchen mit ihr zusammen erzogen war. "Das konnte ja doch nicht ewig dauern."--"Ja, aber einen Tag doch noch, Vater!" und sie schluchzte bitterlich.--"Es ist das beste, Du fährst gleich mit nach Hause;--vielleicht ist es schon zu spät."--"Zu spät? Warum? Wie meinst Du das?"--"Du bist als Bauernmädchen geboren, und ein Bauernmädchen sollst Du bleiben; 'ne Zierpuppe können wir uns nicht leisten."--"Ich könnte doch auch ein Bauernmädchen sein, wenn ich hier bliebe."--"Das verstehst Du nicht."--"Ich habe doch immer Bauerntracht angehabt."--"Das allein macht's nicht."--"Ich habe doch auch gesponnen und gewebt und kochen gelernt."--"Das ist es auch nicht."--"Ich kann doch genau so sprechen wie Du und die Mutter."--"Auch das ist's nicht."--"Ja, dann weiß ich nicht, was es sein kann", sagte das Mädchen und lachte.--"Das wird sich ja herausstellen;--ich habe bloß Angst, Du denkst jetzt schon zuviel."--"Denkst, denkst! Das sagst Du immer; ich denke überhaupt nicht", sie fing wieder zu weinen an.--"Ach, Du bist ein Windbeutel!"--"Das hat der Herr Pfarrer nie zu mir gesagt."--"Nein, aber ich sage es jetzt."--"Windbeutel? Ist so was erhört? Ich will aber kein Windbeutel sein!"--"Was willst Du denn sonst sein?"--"Was ich sein möchte? Ist so 'was erhört? Nichts möchte ich sein."--"Nun, so sei doch ein Nichts!" Da lachte das Mädchen. Nach einer Weile sagte sie ernsthaft: "Es ist gräßlich von Dir, daß Du sagst, ich bin ein Nichts."--"Herrgott, wenn Du es doch selbst sein möchtest!"--"Nein, ich möchte kein Nichts sein."--"Gut, so sei alles!"--Das Mädchen lachte. Nach einer Weile sagte sie mit betrübter Stimme: "So hat mich der Herr Pfarrer nie zum Narren gehabt."--"Nein, er hat bloß einen Narren aus Dir gemacht."--"Der Herr Pfarrer? So nett bist Du nie zu mir gewesen wie der Herr Pfarrer."--"Das wäre ja auch noch schöner."--"Saure Milch kann nie süß werden."--"Doch, wenn man Käse davon macht."--Da lachte das Mädchen laut auf. "Da kommt Deine Mutter!" Gleich wurde sie wieder ernst. "So ein redseliges Frauenzimmer wie die Frau Pfarrer hab' ich mein Lebtag nicht gesehen", gellte jetzt eine scharfe, hastige Stimme dazwischen. "Schnell, Baard, steh auf und mach' das Boot klar! Wir kommen sonst heut abend nicht mehr nach Hause.--Die Frau hat gesagt, ich soll aufpassen, daß Eli immer trockne Füße hat. Mußt schon selbst drauf passen! Und jeden Morgen spazieren laufen wegen der Bleichsucht! Bleichsucht hin, Bleichsucht her!--Steh doch auf, Baard, und mach' das Boot klar; ich muß heut abend noch den Teig anrühren!"--"Der Koffer ist noch nicht da", sagte er und blieb ruhig liegen. "Der Koffer soll auch gar nicht mit; der soll bis zum nächsten Sonntag hier bleiben. Hörst Du, Eli, steh auf; nimm Dein Bündel und komm! Steh doch auf, Baard!"--Sie fort, das Mädchen hinter ihr her. "Komm doch; aber so komm doch!" klang es von unten herauf. "Hast Du nachgesehen, ob der Zapfen im Boot steckt?" fragte Baard und blieb ruhig liegen. "Ja, der steckt drin", und Arne hörte, wie sie ihn mit einer Schöpfkelle festklopfte. "Aber so steh doch auf, Baard! Wir können doch nicht die Nacht über hier liegen bleiben?"--"Ich warte auf den Koffer."--"Aber Du meine Güte, ich habe Dir doch gesagt, er soll bis zum nächsten Sonntag hier bleiben."--"Da kommt er schon", sagte Baard. Und sie hörten Wagengerassel. "Aber ich habe doch gesagt, er soll bis zum nächsten Sonntag hier bleiben."--"Ich habe aber gesagt, er soll gleich mit."--Ohne weiteres lief die Frau nun zum Wagen und trug Bündel, Korb und sonst ein paar Kleinigkeiten ins Boot hinunter. Da erhob Baard sich auch, stieg hinauf und lud sich den Koffer auf. Hinter dem Wagen aber kam ein Mädel hergelaufen im Strohhut und mit flatternden Haaren; das war das Pfarrerstöchterlein. "Eli, Eli!" rief sie schon von weitem. "Mathilde, Mathilde!" antwortete ihr die andere, lief hinauf und ihr entgegen. Sie trafen oben auf dem Hügel zusammen, fielen sich in die Arme und weinten. Dann nahm Mathilde etwas auf, was sie so lange ins Gras gesetzt hatte; es war ein Vogelbauer. "Du sollst den Narrifas haben, wirklich, Mutter will's auch. Du sollst jetzt den Narrifas haben, ja, wirklich--und: denk auch mal an mich--und komm ... komm ... komm oft herübergerudert zu mir"; und sie weinten beide bitterlich. "Eli! komm doch, Eli! Du kannst da doch nicht stehen bleiben!" klang es von unten herauf.--"Aber ich will mit," sagte Mathilde, "ich will mit Dir hinüber und heut nacht bei Dir schlafen!"--"Ja, ja, ja!"--und eng umschlungen liefen sie an die Landungsstelle hinunter. Nach einer Weile gewahrte Arne das Boot auf dem See; Eli stand mit dem Vogelbauer aufrecht hinten am Steuer und winkte; Mathilde saß am Steg und weinte. Da blieb sie sitzen, solange das Boot auf dem Wasser war; bis zu den roten Häusern war's, wie gesagt, nicht weit, und Arne blieb auch sitzen. Auch er verfolgte das Boot mit den Augen. Es kam bald in den Schatten hinein, und er wartete, bis es anlegte; dann sah er sie im Wasser, und hier folgte er ihnen zu den Häusern hin, bis zu dem allerschönsten. Er sah die Mutter zuerst hineingehen, sah den Vater mit dem Koffer und schließlich die Tochter, soweit er sie an der Größe unterscheiden konnte. Nach einer Weile kam die Tochter wieder heraus und setzte sich vor die Tür, wahrscheinlich um in dem letzten Sonnenstrahl noch einmal herüberzuschauen. Das Pfarrerstöchterlein aber war schon fort, und nur er saß noch und sah ihr Bild im Wasser. "Ob sie mich wohl sieht?"---- Er stand auf und ging; die Sonne war hinunter, der Himmel aber war so hell und klarblau, wie er in Sommernächten ist. Von Wasser und Land stieg der Dunst zu beiden Seiten an den Felsen hoch; die Gipfel aber blieben frei und schauten zueinander hinüber. Er klomm höher hinauf; das Wasser wurde schwärzer und tiefer und gewissermaßen dichter. Das Tal unten im Grunde wurde kürzer und schob sich weiter ans Wasser heran; die Felsen rückten dem Auge näher und verschwammen in einen Klumpen, denn das Sonnenlicht zieht Grenzen. Selbst der Himmel kam tiefer hernieder, und alles wurde freundlich und traulich. Neuntes Kapitel Liebe und Frauen begannen in seinen Gedanken eine Rolle zu spielen; die Heldenlieder und die alten Geschichten ließen sie ihm in einem Zauberspiegel sehen--wie das Bild des Mädchens im Wasser. Er starrte beständig hinein, und nach jenem Abend kam die Lust über ihn, es zu besingen; denn es war ihm näher gerückt. Aber der Gedanke entschlüpfte ihm und kam zurück mit einem Liede, von dem er selbst nichts wußte; es war, als habe ein anderer es für ihn gedichtet: Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh Ihrem Liebsten zu. Da klang's ihr entgegen wie Lerchenschlag: "Guten Tag! guten Tag!" Und all die kleinen Vöglein sangen lustig mit im Hag: "Zum Fest Sankt Johanns Da gibt's Lachen und Tanz; Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!" Sie flocht ihm eins aus den Veiglein der Au: "Meine Äuglein blau!" Hoch warf er's empor in den Lenzsonnenschein: "Leb' wohl, Freundin mein!" Und jubelte und stürmte wie ein Füllen feldein: "Zum Fest Sankt Johanns..." Sie flocht ihm eines aus ihrem hellen Haar: "Du nimmst es, nicht wahr?" Sie flocht, sie bot ihm zum seligen Bund Ihren roten Mund: Er nahm und bekam ihn--und ihr Herz in Flammen stund. Sie flocht eines weiß in ein Lilienband: "Meine rechte Hand." Und eines, zu dem sie Blutrosen schnitt: "Meine linke mit." Er nahm sie alle beide,--doch sein Blick zur Seite glitt. Sie flocht eins aus Blumen überallher: "Ich fand nicht mehr!" Sank weinend zu Boden, flocht weiter ohne Ruh: "Nimm die, alle, du!" Er sagte nichts und nahm sie nur--und floh den Bergen zu. Sie flocht ihm eins ohne Farben ganz: "Meinen Hochzeitskranz!" Sie flocht, bis sie nichts mehr vor Tränen sah: "Setz' dir den auf, ja?" Doch da sie sich tat wenden, stand niemand mehr da. Und weiter flocht sie, versunken ganz An dem Hochzeitskranz. Doch jetzt war es längst übers Fest Sankt Johanns, Weit der Lenz und sein Glanz: Noch aus Eisblumen flocht sie--doch im Flechten zerrann's... "Zum Fest Sankt Johanns-- Da gibt's Lachen und Tanz; Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!" Es war die Wehmut in ihm, die auf das erste Liebesbild, das durch seine Seele zog, ihre tiefen Schatten warf. Eine doppelte Sehnsucht: jemanden lieb zu haben und etwas Großes zu werden, die beiden Wünsche verschmolzen in eins. In dieser Zeit arbeitete er wieder an dem Gedicht "Über die hohen Berge", änderte dran herum, sang und dachte bei sich selbst: "Es wird schon noch glücken; ich singe solange, bis ich den Mut finde." Er vergaß die Mutter in diesen seinen Wandergedanken nicht; er tröstete sich nämlich mit dem Vorsatz: sobald er festen Fuß in der Fremde gefaßt habe, würde er sie holen und ihr ein Los bereiten, wie er es daheim nimmermehr sich oder ihr schaffen könne. Mitten in diese große Sehnsucht hinein aber stahl sich etwas Stilles, Frisches, Feines, huschte weg und kam wieder, tauchte auf und verschwand, und da er zum Träumer geworden war, hatten diese unwillkürlichen Gedanken weit mehr Macht über ihn, als ihm selber bewußt war. Im Dorf lebte ein vergnüglicher alter Mann, Ejnar Aasen mit Namen. Als Zwanzigjähriger hatte er sich das Bein gebrochen; seit der Zeit ging er am Stock; aber wo er mit seinem Stock angehumpelt kam, ging es lustig zu. Der Mann war reich; ein großes Gehölz von Nußsträuchern lag auf seinem Grund und Boden, und an einem recht schönen, sonnigen Tag im Herbst pflegte eine ganze Schar fröhlicher Mädchen bei ihm zum Nußpflücken versammelt zu sein. Tags war große Bewirtung und abends Tanz. Bei den meisten Mädchen hatte er Gevatter gestanden; denn er stand beim halben Dorf Gevatter; alle Kinder nannten ihn Pate, und alt und jung sprach es nach. Der Pate war mit Arne sehr gut bekannt und mochte ihn um seiner Lieder willen gern leiden. Jetzt lud er ihn zur Nußernte ein. Arne errötete und machte Ausflüchte; er sei es nicht gewöhnt, mit Frauenzimmern zusammen zu sein, sagte er. "So mußt Du Dich dran gewöhnen", antwortete der Pate. Arne konnte nachts bei dem Gedanken nicht schlafen; Furcht und Sehnsucht stritten in ihm: aber das Ende vom Lied war: er ging hin und war der einzige Bursch unter all den Frauenzimmern. Er konnte sich eine Enttäuschung nicht verhehlen; das waren nicht solche, wie er sie besungen hatte, auch nicht solche, vor denen er Angst gehabt hatte. Sie machten eine Wirtschaft, wie er sein Lebtag nicht gesehen hatte, und am meisten wunderte er sich darüber, daß sie über nichts und wieder nichts lachen konnten; und wenn drei lachten, dann lachten die andern fünf auch, bloß weil die drei lachten. Alle benahmen sich, als lebten sie Tag für Tag zusammen, und viele hatten sich bis jetzt noch nie gesehen. Wenn sie den Zweig erhaschten, nach dem sie in die Höhe sprangen, lachten sie drüber, und wenn sie ihn nicht erhaschten, lachten sie auch. Sie balgten sich um den Nußhaken; die ihn eroberten, lachten, und die ihn nicht eroberten, lachten auch. Der Pate humpelte am Stock hinter ihnen her und trieb allen möglichen Schabernack mit ihnen. Die er haschte, lachten, weil er sie haschte; und die er nicht haschte, lachten, weil er sie nicht haschte. Alle miteinander aber lachten sie über Arne, weil er solch ein ernstes Gesicht machte, und als er dann lachen mußte, lachten sie, weil er endlich lachte. Schließlich setzten sie sich auf eine Anhöhe, der Pate in die Mitte und die Mädchen alle um ihn herum. Da hatte man einen weiten Blick; die Sonne stach, aber sie kümmerten sich nicht drum, bewarfen sich mit den Nußschalen und den Hülsen und gaben dem Paten die Kerne. Der Pate versuchte sie zum Schweigen zu bringen und schlug mit seinem Stock um sich, soweit er reichte, denn er wünschte, jetzt solle etwas erzählt werden, etwas recht Lustiges. Aber sie zum Geschichtenerzählen zu bewegen, schien schwieriger zu sein, als einen bergab sausenden Wagen aufzuhalten. Der Pate fing an; manche wollten nichts hören, denn seine Geschichten kannten sie schon; aber schließlich hörte doch alles zu. Und ehe sie sich's versahen, waren sie mitten drin im besten Erzählen. Da wunderte sich Arne wieder über eins: so lebhaft sie vorhin gewesen waren, so ernst waren jetzt ihre Geschichten. Sie handelten meistens von Liebe. "Aber Du, Aase, kennst eine hübsche; das weiß ich noch vom vorigen Jahr", sagte der Pate und wandte sich an ein stattliches Mädel mit einem gutmütigen, rundlichen Gesicht; sie saß und flocht ihrer jüngeren Schwester, die den Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, das Haar. "Die kennen aber wohl viele", antwortete sie. "Erzähl' sie doch", baten alle. "Ich will mich nicht lange nötigen lassen", sagte sie und erzählte und sang, während sie immer weiter flocht: "Es war einmal ein Bursch, der hütete das Vieh, und er trieb die Herde am liebsten an einem breiten Fluß entlang. Wenn er höher hinaufkam, war da ein Felsen, der soweit in den Fluß hinausragte, daß der Bursch nach der andern Seite hinüberrufen konnte. Denn drüben auf der andern Seite war ein Hirtenmädchen, das er den ganzen Tag über vor Augen hatte, ohne zu ihr kommen zu können. Dei' Blas'n, des geht mir Ganz sakrisch in's Bluet. Geh, Deandl, wie hoaßt denn? Du g'fallst mer so guet! Ein paar Tage lang wiederholte er dieselbe Frage und schließlich bekam er Antwort: Mit der Liab' in dein' Herz'n Und dein' Bockshuet a'm Kopf-- Schwimm 'rüber, wenns d'Schneid hast, Du damischer Tropf! Da war der Bursch so klug wie vorher und nahm sich vor, sich nicht weiter um sie zu kümmern. Das ging aber nicht so einfach; denn er mochte die Herde treiben, wohin er wollte, immer zog es ihn wieder zum Felsen hin. Da wurde dem Burschen bange, und er rief: Wo hat denn dei' Vota Sei' Hütt'n hi'baut, Daß koaner am Kirchgang Di nie net derschaut? Der Bursch glaubte nämlich halb und halb, sie müsse eine Waldhexe sein. Mei' Vota is tot Und die Hütt'n verbrennt-- I hab' no' mei' Lebtag Koan' Pfarrer net 'kennt. Hieraus wurde der Bursch ebensowenig klug. Den Tag über war er auf dem Felsen; des Nachts träumte er, sie tanze um ihn herum, und jedes Mal, wenn er sie haschen wollte, schlage sie mit einem langen Kuhschweif nach ihm. Er fand kaum noch Schlaf; arbeiten konnte er auch nicht mehr, und es war um den Burschen übel bestellt. Wenns d'a Trud bist, na mog i Nix wissn vo' dir, Aber bist nur a Deandl, Na ko'st red'n mit mir. Aber es kam keine Antwort, und da stand es bei ihm fest, sie müsse eine Waldhexe sein. Er gab das Viehhüten auf, aber da wurde es auch nicht besser; denn wo er ging und stand, und was er auch tat, immer dachte er an die schöne Waldhexe, die das Horn blies. Als er eines Tages stand und Holz hackte, kam ein Mädchen über den Hof gegangen, das leibhaftig wie die Waldhexe aussah. Aber als sie näher herankam, war sie es doch nicht. Das ging ihm im Kopf herum; da kam das Mädchen zurück, und von weitem war es die Waldhexe, und er lief ihr entgegen. Aber sowie sie näher herankam, war sie es doch nicht. Fortan mochte der Bursch sein, wo er wollte, in der Kirche, beim Tanz oder bei andrer Geselligkeit,--das Mädchen war auch da; von weitem sah sie aus wie die Waldhexe, in der Nähe war sie eine andere; er fragte sie dann, ob sie es sei oder ob sie es nicht sei; sie aber lachte ihn aus. Man kann gerade so gut hineinspringen wie hineinkriechen, dachte der Bursch, und also heiratete er das Mädchen. Als das aber geschehen war, mochte er das Mädel nicht mehr leiden. War er fern von ihr, so sehnte er sich nach ihr; war er bei ihr, so sehnte er sich nach einer, die er nicht sah. Deshalb behandelte der Bursch seine Frau schlecht; sie ertrug es und schwieg. Eines Tages aber, als er die Pferde holen wollte, kam der Bursch an den Felsen, setzte sich nieder und rief: Der Mond und die Sterndln Und 's Wasser derzua-- Es rihrt si weitum nix-- Nur i hob koan Ruah. Es tat dem Burschen wohl, da zu sitzen, und von nun an ging er immer hin, wenn es ihm zu Haus nicht gefiel. Seine Frau weinte, wenn er fort war. Eines Tages aber, als er so dasaß, da saß auch die Waldhexe leibhaftig am andern Ufer und blies ihr Horn! Da bist ja, da hockst ja Und blas't wie net g'scheit! Und i mueß grod woana-- Tuet jed's, wos eahm g'freit. Da antwortete sie: Deine Äugerln mach zue, Über d' Ohr'n ziag dein' Huet! Schau mi net an, hör' mi net an-- 'S tuet d'r net guet! Da wurde aber dem Burschen bange, und er ging wieder nach Hause. Doch es dauerte nicht lange, da war er seiner Frau so überdrüssig, daß er wieder in den Wald zu seinem Platz am Felsen mußte. Da klang es ihm entgegen: Mir hat's alleweil traamt: Es fangt mi no wer!-- Ja, Gernhab'n is leicht, Aber Fanga is schwer... Der Bursch fuhr in die Höhe und schaute sich um, und da schlüpfte ein grüner Rock zwischen den Büschen hin. Er hinterher. Nun ging die Jagd durch den ganzen Wald. So leichtfüßig, wie die Waldhexe war, konnte kein Menschenkind sein; er warf einmal ums andere die Schlinge nach ihr; sie lief immer gleich schnell weiter. Aber endlich begann sie müde zu werden, das sah der Bursch an den Fußspuren; doch er sah auch an ihrer ganzen Gestalt, daß sie wirklich die Waldhexe war und keine andere. Jetzt hab' ich Dich', dachte der Bursch, und stürzte mit einem Mal so ungestüm auf sie zu, daß er und die Waldhexe ein ganzes Stück den Abhang hinunterkugelten, bis sie liegen blieben. Da lachte die Waldhexe, daß es in den Bergen klang, wie dem Burschen schien; er nahm sie auf den Schoß, und sie war genau so schön, wie er sich seine eigne Frau gewünscht hatte. 'O sag', wer bist Du nur, Du Süße?' fragte der Bursch und streichelte sie, und ihr glühten die Backen. 'Aber mein Gott, ich bin doch Deine eigene Frau', sagte sie." Die Mädchen lachten und machten sich über den Burschen lustig. Der Pate aber fragte Arne, ob er auch gut zugehört habe. ----"Na, jetzt will ich mal was erzählen", sagte eine Kleine mit einem runden Gesichtchen und einer winzig kleinen Nase. "Es war einmal ein sehr kleiner Bursch; der wollte gern ein kleines Mädel heiraten. Erwachsen waren sie alle beide, aber sie waren gar klein von Gestalt. Und der Bursch konnte mit der Werbung nicht ins reine kommen. Er war in der Kirche an ihrer Seite, aber dann wurde immer vom Wetter gesprochen; er war beim Tanz mit ihr zusammen und tanzte sie fast kaputt; aber sagen tat er nichts. 'Du mußt schreiben lernen, dann geht's leichter', sagte er sich,--und der Bursch machte sich ans Schreiben; er dachte immer, es sei nicht schön genug, und deshalb übte er ein halbes Jahr, bis er an einen Brief denken konnte. Nun galt es, ihn ihr so zuzustecken, daß keiner es sah, und einmal hinter der Kirche traf es sich so, daß sie allein standen. 'Ich hab' einen Brief für Dich', sagte der Bursch. 'Aber ich kann kein Geschriebenes lesen', antwortete das Mädchen.--Na, da stand der Bursch da.--Er zog nun bei dem Vater des Mädchens in Dienst und wich ihr den lieben langen Tag nicht von der Seite. Einmal war er nahe daran zu reden; er tat schon den Mund auf, aber da flog ihm eine große Fliege hinein.--'Wenn bloß keiner kommt und sie mir wegschnappt', dachte der Bursch. Aber es kam keiner und schnappte sie ihm weg, denn sie war gar so klein.--Aber schließlich kam doch einer; denn der war auch nur so klein. Der Bursch merkte recht gut, was er wollte, und als die beiden zusammen auf die Altane gingen, setzte der Bursch sich vors Schlüsselloch. Jetzt warb der da drinnen um sie. 'Herrjeh, ich Dummkopf, daß ich mich nicht beeilt habe!' dachte der Bursch. Der da drinnen küßte das Mädel mitten auf den Mund.--'Das schmeckt gewiß gut', dachte der Bursch. Der da drinnen aber nahm das Mädel auf den Schoß. 'Ist das 'ne Welt!' sagte der Bursch und fing zu weinen an. Das hörte das Mädchen und ging an die Tür: 'Was willst Du eigentlich von mir, Du dummer Bengel; kannst Du mich nicht in Ruh lassen'--'Ich?--ich möchte bloß bitten, daß ich Dein Brautführer sein darf.'--'Nein, das sollen meine Brüder sein', antwortete das Mädchen und warf die Tür zu.--Na, da hatte der Bursch das Nachsehen" Die Mädchen lachten sehr über diese Geschichte und warfen sich dann wieder mit Nußschalen. Der Pate wünschte, Eli Böen solle etwas erzählen. Was denn aber?! Ja, sie solle erzählen, was sie ihm auf der Anhöhe erzählt hatte, als er das letztemal bei ihnen war, damals als sie ihm die neuen Strumpfbänder geschenkt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Eli sich entschloß, denn sie lachte fürchterlich; aber dann erzählte sie: "Ein Mädchen und ein Bursch gingen zusammen spazieren. 'O sieh bloß die Drossel, die hinter uns herfliegt', sagte das Mädchen. 'Die fliegt hinter mir her', sagte der Bursch.--'Kann ebensogut hinter mir sein', antwortete das Mädchen.--'Das werden wir bald sehen', meinte der Bursch; Jetzt gehst Du den unteren Weg und ich den oberen, und da hinten treffen wir wieder zusammen.' Das taten sie. 'Ist sie etwa nicht mit mir geflogen?' fragte der Bursch, als sie wieder zusammenkamen. 'Nein, sie ist ja hinter mir hergeflogen', antwortete das Mädchen.--'Dann müssen hier zwei sein.' Sie gingen zusammen ein Stück weiter; aber es war doch bloß eine; der Bursch behauptete, sie fliege auf seiner Seite, das Mädchen dagegen behauptete, sie fliege auf ihrer. 'Ich schere mich den Teufel um die Drossel', sagte der Bursch. 'Na, ich auch', antwortete das Mädchen.--Sowie sie das aber gesagt hatten, war auch die Drossel verschwunden. 'Das war auf Deiner Seite', sagte der Bursch. 'Na, ich danke schön! ich hab' genau gesehen, daß es auf Deiner war.----Aber da!--da ist sie ja wieder!' rief das Mädchen. 'Ja, auf meiner Seite!' rief der Bursch. Nun wurde aber das Mädchen böse. 'Ich verdiente ja den Strick, wenn ich noch weiter mit Dir ginge!' und damit ging sie ihren eignen Weg.--Da verließ die Drossel den Burschen, und es wurde ihm so langweilig, daß er zu rufen anfing. Sie antwortete. 'Ist die Drossel bei Dir?' rief der Bursch. 'Nein, aber ist sie bei Dir?'--'Ach nein! Du mußt wieder herkommen, dann fliegt sie vielleicht auch wieder mit,' Und das Mädchen kam. Sie faßten sich an der Hand und gingen zusammen weiter. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Mädchen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Burschen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt', rief es an allen Seiten, und als sie hinsahen, flogen hunderttausend Millionen Drosseln um sie herum. 'Nein, wie seltsam!' sagte das Mädchen und blickte zu dem Burschen auf. 'Gott schütze Dich!' sagte der Bursch und strich dem Mädchen über die Wange." Diese Geschichte fanden alle Mädchen sehr schön. Dann schlug der Pate vor, sie sollten erzählen, was sie diese Nacht geträumt hätten, und dann wollte er entscheiden, wer den schönsten Traum gehabt habe. Nein, erzählen zu sollen, was sie geträumt hatten! Nein, so was! Und es entstand ein Gelächter und Getuschle ohne Ende. Dann aber sagte eine nach der andern, sie habe solchen schönen Traum heut nacht gehabt; so schön wie der, den sie gehabt hätten, könnt' er aber auf keinen Fall gewesen sein, sagten wieder andere. Und schließlich wollten sie alle gern ihre Träume erzählen. Aber es durfte nicht laut sein; nur einer sollte es hören, aber nicht der Pate. Arne saß still ein Stückchen abseits,--dem konnte man sie erzählen. Arne setzte sich unter eine Hasel, und dann kam die zu ihm hin, die zuerst erzählt hatte. Sie besann sich eine ganze Zeit, dann aber erzählte sie: "Mir träumte, ich stände an einem großen Wasser. Da sah ich einen über das Wasser gehen; wer's war, sag' ich nicht. Er setzte sich in eine große Seerose hinein und sang. Ich aber stieg auf eins der großen Blätter, die die Seerose hat, und die auf dem Wasser schwimmen; auf dem wollte ich zu ihm hinüberrudern. Aber kaum stand ich auf dem Blatt, als es mit mir zu sinken begann, so daß ich Angst bekam und weinte. Da ruderte er in der Seerose heran, zog mich zu sich in die Blume hinein und fuhr mit mir über das ganze Wasser.--War das nicht ein schöner Traum?" Nun kam die Kleine, die vorhin die Geschichte von den Kleinen erzählt hatte: "Mir träumte, ich hätte einen kleinen Vogel gefangen, und ich freute mich so, und wollte ihn auch nicht loslassen, bis ich zu Haus in der Stube sei. Aber da konnte ich ihn nicht los lassen, weil sonst die Eltern mir gesagt hätten, ich solle ihn wieder hinausbringen. So ging ich mit ihm auf den Boden; aber da schlich lauernd die Katze umher, und so konnte ich ihn hier doch auch nicht loslassen. Da wußte ich meiner Seele keinen Rat und ging in die Scheune. Gott, da waren so viele Ritzen, wie leicht hätte er durchschlüpfen können. Na, da ging ich wieder auf den Hof hinunter, und da stand einer, wer, sag' ich nicht. Er spielte mit einem ganz großen Hund. 'Ich möchte lieber mit Deinem Vogel spielen', sagte er und kam ganz nahe heran. Ich lief fort, und er und der große Hund hinterher, und ich lief über den ganzen Hof; da aber machte Mutter die Tür auf, zog mich hinein und warf die Tür zu. Draußen aber stand der Bursch mit dem Gesicht an den Scheiben und lachte. 'Guck', hier ist der Vogel!' sagte er--und denk nur, da hatte er den Vogel.--War das nicht ein hübscher Traum?" Dann kam die, die von den Drosseln erzählt hatte. Eli hatten sie zu ihr gesagt. Das war dieselbe Eli, die er an jenem Abend im Boot und im Wasser gesehen hatte. Es war dieselbe und auch wieder nicht dieselbe; so groß und schön saß sie da mit dem feinen Gesicht und der schlanken Gestalt. Sie wollte sich halb totlachen, und so dauerte es eine ganze Zeit, bis sie soweit war; dann aber erzählte sie: "Ich hatte mich so sehr drauf gefreut, heute ins Nußholz zu kommen, und da träumte mir heut nacht, ich säße hier auf dem Hügel. Die Sonne schien, und ich hatte den ganzen Schoß voll Nüsse. Aber da war auf einmal ein kleines Eichhörnchen mitten unter den Nüssen; es hockte auf meinem Schoß und aß die ganzen Nüsse auf.--War das nicht ein komischer Traum?" Und noch mehr Träume wurden ihm erzählt; dann aber sollte er sagen, welcher der schönste sei. Er bat sich Bedenkzeit aus, und unterdes zog der Pate mit der ganzen Schar zum Gehöft hinunter, und Arne sollte nachkommen. Sie sprangen die Anhöhe hinab, stellten sich, als sie in die Ebene gekommen waren, in Reihen auf und wanderten singend heimwärts. Er saß allein und lauschte dem Gesang; die Sonne fiel gerade auf die Mädchenschar, so daß ihre weißen Hemdärmel schimmerten. Dann und wann faßte die eine die andre um; sie tanzten über die Wiese hin, der Pate mit dem Stock hinterher, weil sie ihm das Grummet niedertraten. Arne dachte nicht mehr an die Träume; er sah bald überhaupt nicht mehr zu den Mädchen hin; seine Gedanken zogen sich wie feine Sonnenfäden über das Tal, und er saß allein auf dem Hügel und spann. Ehe er's recht wußte, war er mitten in einem dichten Gewebe von Schwermut; er sehnte sich hinaus in die Welt, wie noch nie. Er nahm sich das feste Versprechen ab, sowie er nach Hause komme, mit der Mutter drüber zu reden; es mochte gehen, wie es wolle. Seine Gedanken wurden immer mächtiger und strömten in das Lied aus: "Über die hohen Berge." So schnell waren ihm nie die Worte gekommen und nie hatten sie sich so sicher aneinandergefügt; sie waren fast wie die Mädchen, die im Kreise auf dem Hügel saßen. Er hatte ein Stück Papier bei sich und schrieb auf seinen Knien, und als er das Lied zu Ende geschrieben hatte, stand er wie erlöst auf, mochte nicht unter Menschen, sondern ging den Waldweg heimwärts, obschon er wußte, er werde dann die Nacht mit zu Hilfe nehmen müssen. Als er unterwegs zum erstenmal Rast machte, wollte er das Lied herausholen und es weithin schmettern; aber da hatte er es liegen lassen, wo er es gemacht hatte. --Eins der Mädchen suchte ihn auf dem Hügel und fand ihn nicht, wohl aber das Lied. Zehntes Kapitel Mit der Mutter zu reden, war leichter gedacht als getan. Er machte Anspielungen auf Kristian und die Briefe, die nicht kamen; aber die Mutter wandte ihm den Rücken, und tagelang hinterher war ihm, als habe sie rotgeweinte Augen. Er hatte auch noch ein anderes Merkmal dafür, wie es stand,--nämlich, daß er besonders gutes Essen bekam. Eines Tages mußte er hinauf in den Wald und Holz holen. Der Weg führte mitten durch den Forst, und gerade an der Stelle, wo er Holz fällen wollte, wurden im Herbst immer Preißelbeeren gepflückt. Arne hatte die Axt aus der Hand gelegt, um die Jacke auszuziehen, und wollte gerade an die Arbeit gehen, als zwei Mädchen mit ihren Beerentöpfen des Wegs kamen. Er versteckte sich lieber, als mit Mädchen zusammenzutreffen, und das tat er jetzt auch. "Nein, aber nein, die vielen Beeren! Eli, Eli!"--"Ja, ja, ich sehe schon!"--"Aber so geh doch nicht weiter! hier sind ja Eimervoll!"--"Raschelt es da nicht im Busch?"--"Ach, wirklich!" und die Mädchen drängten sich aneinander und faßten sich um. Sie standen eine lange Zeit so still, daß sie kaum atmeten. "Es ist doch wohl nichts; wir wollen ruhig pflücken."--"Ja, ich glaub' auch, wir pflücken ruhig."--Und nun pflückten sie.--"Es war nett von Dir, Eli, daß Du heut ins Pfarrhaus kamst.--Hast Du mir denn auch was zu erzählen?"--"Ich bin bei dem Paten gewesen."----"Ja, das hast Du mir gesagt;--aber hast Du mir nichts von dem Bewußten zu erzählen?"--"O doch!"--"Ach wirklich? Eli, ist das wahr? Schnell, so erzähl' doch!"--"Er ist wieder bei uns gewesen!"--"Ist nicht möglich!"--"Doch, ganz gewiß; die Eltern taten, als sähen sie es nicht; ich aber lief auf den Boden und versteckte mich."--"Weiter, weiter! Kam er dann nach?"--"Ich glaube, Vater hatte ihm gesagt, wo ich war; Vater ist doch immer so!"--"Und dann kam er? Setz' Dich, setz' Dich hier zu mir!--Also, dann kam er?"--"Ja, aber gesagt hat er nicht viel; er war so schüchtern."--"Jedes Wort muß ich wissen, hörst Du, jedes Wort!"--"Hast Du Angst vor mir?" sagte er. "Warum sollt' ich Angst haben?" sagte ich. "Du weißt, was ich von Dir will", sagte er und setzte sich neben mich auf die Truhe.--"Neben Dich!"--"Und dann faßte er mich um die Taille."--"Um die Taille, ist's möglich?"--"Ich wollte mich gern wieder frei machen, aber er wollte mich nicht loslassen. Liebe Eli, sagte er--", sie lachte und die andere lachte auch.--"Nun? Nun?"--"Willst Du meine Frau sein?"--"Ha, ha, ha!"--"Ha, ha, ha."--Und dann beide: "Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!--" Endlich mußte das Lachen doch ein Ende nehmen, und dann blieb es lange still; da fragte die erste ganz leise: "Du,--war das nicht komisch, als er Dich um die Taille faßte?" Entweder antwortete die andere hierauf nicht oder doch so leise, daß man es nicht hören konnte, vielleicht auch nur mit einem Lächeln. Nach einer Weile fragte die erste: "Haben Deine Eltern nachher was gesagt?"--"Vater kam herauf und sah mich an, aber ich verkroch mich immer; denn er lachte, wenn er mich ansah."--"Aber Deine Mutter?"--"Nein, die sagte nichts; aber sie war nicht so streng wie sonst."--"Ja, Du hast ihn also ausgeschlagen?"--"Natürlich."--Dann blieb es wieder lange still. "Du?"--"Ja--?"--"Glaubst Du, zu mir kommt auch mal so einer?"--"Ja, natürlich!"--"Wär's möglich!--Haha!--Du, Eli!--Und wenn der mich nun um die Taille faßte?"--Sie steckte den Kopf weg. Da gab es ein Lachen und Flüstern und Tuscheln. Bald brachen die Mädchen auf; sie hatten weder Arne, noch die Axt, noch die Jacke gesehen, und er war recht froh darüber. Einige Tage darauf nahm er Knut als Pächter zu sich nach Kampen. "Du sollst nicht mehr so allein sein", sagte Arne. Arne selbst hatte seinen festen Plan. Er hatte früh mit der Säge umgehen gelernt; denn er hatte manches bei sich zu Hause gezimmert. Nun wollte er dies Handwerk betreiben; denn er hatte das Gefühl, es sei gut, eine bestimmte Arbeit zu haben. Es war auch gut für ihn, daß er unter Leute kam, und er veränderte sich allmählich so, daß ihn Sehnsucht danach faßte, wenn er einmal eine Stunde allein war. Es machte sich, daß er den Winter über in der Pfarre zu tischlern bekam, und dort waren die beiden Mädchen oft zusammen. Wenn er sie sah, überlegte Arne, wer es wohl sein möge, der um Eli Böen warb. Es traf sich, daß er einmal die Pfarrerstochter und Eli spazieren fahren mußte; er hatte gute Ohren, konnte aber doch nicht hören, worüber sie sprachen; ab und zu redete Mathilde mit ihm; dann lachte Eli und steckte den Kopf weg. Schließlich fragte Mathilde, ob es wahr sei, daß er dichten könne. "Nein", sagte er schnell; da lachten die beiden, schwatzten und lachten wieder. Fortan war er nicht mehr gut auf sie zu sprechen und tat, als seien sie Luft. Einmal saß er in der Gesindestube, wo die Leute tanzten; Mathilde und Eli kamen beide, um zuzusehen. In ihrer Ecke, wo sie standen, stritten sie sich über irgend etwas; Eli wollte nicht, Mathilde wollte aber, und sie siegte. Da kamen sie beide auf ihn zu, verbeugten sich und fragten, ob er tanzen könne. Er sagte nein, und da drehten sie sich um, lachten und liefen weg. Dies ewige Gelache, dachte Arne und wurde ganz ernst. Aber der Pfarrer hatte einen kleinen Pflegesohn von zehn, zwölf Jahren, den Arne sehr gern hatte; bei dem Jungen lernte Arne tanzen, wenn's keiner sah. Eli hatte einen kleinen Bruder im selben Alter wie der Pflegesohn des Pfarrers. Die beiden waren Spielkameraden, und Arne machte ihnen Schlitten und Schneeschuhe und Schlingen, und sprach viel mit ihnen von ihren Schwestern, besonders von Eli. Eines Tages richtete ihm Elis Bruder aus, er solle sein Haar nicht so lottrig tragen. "Wer hat das gesagt?"--"Das hat Eli gesagt; aber ich soll nicht sagen, daß sie's gesagt hat."--Kurze Zeit drauf ließ er bestellen, Eli möge ein bißchen weniger lachen. Der Junge kam zurück mit der Bestellung, Arne möge endlich ein bißchen mehr lachen. Einmal wollte der Junge etwas haben, was Arne geschrieben hatte. Arne ließ es ihm und dachte nicht weiter an die Sache. Nach einiger Zeit wollte der Junge Arne mit der Nachricht erfreuen, die beiden Mädchen fänden seine Schrift sehr schön. "Haben sie sie denn gesehen?"--"Ja, ich habe doch für sie drum gebeten."--Arne ersuchte die Jungens, ihm etwas zu bringen, was ihre Schwestern geschrieben hatten; sie taten es auch; Arne strich alle Schreibfehler mit einem Zimmermannsbleistift an und bat die Jungens, es so hinzulegen, daß es leicht zu finden sei. Nachher fand er das Papier in seiner Rocktasche wieder; darunter aber stand: "Verbessert von einem eingebildeten Gecken." Tags drauf war Arnes Arbeit in der Pfarre zu Ende, und er begab sich nach Hause. So sanft wie diesen Winter hatte die Mutter ihn seit jener traurigen Zeit kurz nach dem Tode des Vaters nicht mehr gesehen. Er las ihr die Predigt vor, ging mit ihr in die Kirche und war sehr gut gegen sie. Aber sie wußte recht wohl, es geschah hauptsächlich, um ihre Zustimmung zu erlangen, daß er im Frühling auf Reisen gehen dürfe. Da kam eines Tages von Böen ein Bote mit der Anfrage, ob er nicht zum Tischlern hinkommen könne. Arne wurde ganz beklommen zumut, und er sagte ja, als ob er sich es nicht weiter überlege. Sowie der Bote fort war, sagte die Mutter: "Du kannst Dich freilich wundern! Von Böen!"--"Ist denn das so merkwürdig?" fragte Arne, sah sie aber nicht an. "Von Böen!" rief die Mutter noch einmal.--"Na, warum nicht daher gerade so gut wie von einem andern Hof?" Er blickte ein wenig auf.--"Von Böen und Birgit Böen!--Wo doch Baard um Birgits willen Deinen Vater zum Krüppel geschlagen hat!"---"Was sagst Du?" rief jetzt der Bursch. "Das war Baard Böen?" Mutter und Sohn standen da und sahen sich an. Ein ganzes Leben zog an ihnen vorüber, und einen Augenblick lang sahen sie den schwarzen Faden, der sich durch alle Ereignisse hindurchzog. Nachher erzählten sie sich von jener Glanzzeit des Vaters, da die alte Eli Böen selbst um ihn für ihre Tochter Birgit geworben und einen Korb bekommen hatte; sie vergegenwärtigten sich alles bis zu dem Augenblick, da Nils zusammenbrach, und sie fanden beide, Baards Schuld sei die kleinere gewesen. Aber der den Vater zum Krüppel geschlagen hatte, war eben doch er gewesen. "Bin ich noch immer mit dem Vater nicht fertig?" dachte Arne da und beschloß, sofort hinzugehen. Als Arne mit der Handsäge auf der Schulter über das Eis auf Böen zuging, fand er das Gehöft sehr schön. Das Haus sah immer aus, als sei es neugestrichen; ihn fror ein bißchen, und deshalb kam das Haus ihm wohl so traulich vor. Er trat nicht gleich ein, sondern ging oben herum, wo der Kuhstall lag; da stand eine Schar langhaariger Ziegen im Schnee und knabberte die Rinde von Tannenzweigen; ein Schäferhund lief auf der Scheunenbrücke hin und her und bellte, als käme der Böse auf den Hof, aber sowie Arne stillstand, wedelte er mit dem Schwanz und ließ sich streicheln. Die Küchentür an der hinteren Seite des Hauses ging häufig auf, und Arne schaute jedesmal hin; aber entweder war es die Kuhmagd mit ihren Eimern oder die Schaffnerin, die den Ziegen etwas hinwarf. Drinnen in der Scheune wurde emsig gedroschen, und vorm Holzschauer zur Linken stand ein Knecht und hackte Holz; hinter ihm waren viele Haufen aufgeschichtet.--Arne stellte seine Säge hin und ging in die Küche; weißer Sand lag auf dem Fußboden und feinzerpflückter Wacholder war darüber gestreut; an den Wänden blitzten die Kupferkessel, und allerhand Krüge standen in Reih und Glied. Das Mittagessen wurde gekocht, und er fragte, ob Baard zu sprechen sei. "Geh nur in die Stube!" sagte eine Magd und wies nach der Tür; er ging; an der Tür war keine Klinke, sondern ein Messinggriff; drinnen war es hell und freundlich, die Decke mit vielen Rosen bemalt, die Schränke rot, mit dem Namen des Besitzers in schwarz darauf, das Bett genau so, nur mit blauen Streifen am Rande. Hinten am Ofen saß ein breitschultriger Mann mit einem gütigen Gesicht und langem gelben Haar und legte Reifen um einige Eimer; an dem langen Tisch saß eine Frau mit einer Haube auf dem Kopf, in einem enganschließenden Kleid, hoch und schlank. Sie teilte einen Haufen Korn in zwei Hälften. Sonst war weiter niemand in der Stube. "Guten Tag und gute Verrichtung!" sagte Arne und nahm die Mütze ab. Beide blickten auf; der Mann lächelte und fragte, wer er sei. "Der hier tischlern soll."--Der Mann lächelte weiter und sagte, indem er den Kopf senkte und seine Arbeit wieder aufnahm: "Ach, Arne Kampen."--"Arne Kampen?" rief die Frau und starrte ihn an. Der Mann blickte kurz auf und lächelte wieder: "Der Sohn von Schneider Nils"; damit machte er sich wieder an die Arbeit. Eine Weile drauf stand die Frau auf, ging an das Gesims, drehte sich um, ging an den Schrank, kehrte wieder um, und während sie im Tischkasten kramte, fragte sie ohne aufzusehen: "Soll der hier arbeiten?"--"Ja, das soll er", sagte der Mann, auch ohne aufzusehen. "Dir bietet wohl keiner einen Stuhl an", wandte er sich zu Arne. Der setzte sich dicht an die Tür; die Frau ging hinaus, der Mann arbeitete; deshalb fragte Arne, ob er auch anfangen könne. "Wir wollen erst Mittag essen." Die Frau kam nicht wieder herein; aber als wieder die Küchentür aufging, kam Eli. Sie tat erst, als sähe sie ihn nicht; als er aufstand und auf sie zugehen wollte, blieb sie stehen und drehte sich um, um ihm die Hand zu geben; aber sie sah ihn dabei nicht an. Sie wechselten ein paar Worte; der Vater arbeitete.--Sie trug das Haar in Flechten, hatte ein Kleid mit engen Ärmeln an, war zierlich und schlank mit runden Handgelenken und kleinen Händen. Sie deckte den Tisch; das Gesinde aß in der andern Stube, Arne mit der Familie in dieser Stube; zufällig wurde heute getrennt gegessen, sonst aßen alle in der großen hellen Küche am selben Tisch.--"Kommt Mutter nicht?" fragte der Mann.--"Nein, sie ist auf dem Boden und wiegt Wolle."--"Hast Du sie gerufen?"--"Ja, aber sie sagt, sie mag nicht essen."--Eine Weile war's still. "Es ist doch kalt auf dem Boden."--"Sie wollte nicht, daß ich einheize." Nach dem Mittagessen arbeitete Arne; am Abend war er wieder bei ihnen in der Stube. Jetzt war die Frau auch da. Die Frauen nähten; der Mann bastelte an allerlei kleineren Sachen herum; Arne half ihm; es blieb stundenlang still, denn Eli, die sonst wohl das Wort führte, sagte jetzt auch nichts. Mit Entsetzen dachte Arne, so sei es auch wohl oft zu Hause bei ihm; aber es war, als komme ihm das jetzt erst zum Bewußtsein. Eli seufzte einmal tief auf, als habe sie es jetzt lange genug ausgehalten, und dann fing sie zu lachen an. Da lachte der Vater auch, und Arne fand es ebenfalls komisch und stimmte mit ein; fortan sprachen sie allerhand; schließlich bloß er und Eli, und der Vater warf ab und zu ein Wort dazwischen. Als aber Arne einmal eine ganze Zeitlang geredet hatte, blickte er zufällig auf; da begegnete er Mutter Birgits Augen; sie hatte die Arbeit sinken lassen und saß und stierte ihn an. Jetzt nahm sie die Arbeit schnell auf, aber beim ersten Wort, das er sagte, blickte sie wieder in die Luft. Es wurde Schlafenszeit, und jeder begab sich in seine Kammer. Arne wollte sich den Traum merken, den er die erste Nacht auf einer neuen Stelle hätte; aber es war kein Sinn darin. Tagsüber hatte er wenig oder nichts mit dem Bauer selbst gesprochen; in der Nacht aber träumte er einzig und allein von ihm. Das letzte war, daß Baard am Tisch saß und mit Schneider Nils Karten spielte. Der machte ein wütendes Gesicht und war ganz blaß; Baard aber lächelte und zog die Karten zu sich herüber. Arne war nun mehrere Tage da, während deren so gut wie nichts gesprochen, wohl aber sehr viel gearbeitet wurde. Nicht bloß in der Wohnstube war es still, auch das Gesinde und die Tagelöhner, sogar die Mägde sagten nichts. Auf dem Hof war ein alter Hund, der bellte jedesmal, wenn Fremde kamen; nie aber hörten die Leute den Hund bellen, ohne daß einer sagte: "Kusch!" und dann schlich er knurrend beiseite und legte sich wieder hin. Daheim in Kampen war eine große Wetterfahne auf dem Dach, die sich im Winde drehte; hier war eine noch größere Fahne, die Arne auffiel, weil sie sich nicht drehte. Wenn nun der Wind heftig wehte, mühte sich die Fahne loszukommen, und Arne sah solange hin, bis es ihn aufs Dach trieb, die Fahne loszumachen. Sie war nicht festgefroren, wie er dachte, aber ein Pflock war eingeschlagen, daß die Fahne stillstehen sollte; den zog Arne heraus und warf ihn hinunter. Der Pflock traf Baard, der gerade des Wegs kam. Er blickte nach oben. "Was machst Du da?"--"Ich mache die Fahne los."--"Tu's nicht; sie kreischt, wenn sie geht." Arne saß rittlings auf dem Dachfirst: "Das ist doch besser, als wenn sie stillschweigt." Baard sah zu Arne hinauf und Arne zu Baard hinunter; da lächelte Baard: "Wer kreischen muß, wenn er sprechen will, tut doch wohl besser zu schweigen, mein' ich." Nun kann es vorkommen, daß irgend ein Wort lange, nachdem es gesprochen ist, noch nachhallt, zumal wenn es das letzte war. Dies Wort folgte Arne, wie er in der Kälte vom Dach herunterkletterte, und es war ihm noch gegenwärtig, als er abends in die Stube trat. Da stand Eli im Abenddämmer am Fenster und schaute über das Eis hin, das im Mondschein blinkte. Er ging an das andre Fenster und schaute gleich ihr hinaus. Drinnen war es warm und still, draußen war es kalt; ein scharfer Abendwind strich durch das Tal und rüttelte an den Bäumen, daß die Schatten, die sie im Mondschein warfen, nicht still lagen, sondern auf dem Schnee hin- und herhuschten und schlichen. Vom Pfarrhaus herüber drang ein Lichtschein, glomm auf und verwehte oder nahm mancherlei Gestalten und Farben an, wie es einem immer vorkommt, wenn man zu lange hinstarrt. Darüber stand der Felsen, an seinem Grunde finster und geheimnisvoll, mondhell aber auf den höheren Schneefeldern. Der Himmel oben war ausgestirnt und fern an einer Seite ein zittriges Nordlicht, das sich aber nicht vorwagte. Ein Stück vom Fenster entfernt, unten am Wasser, standen Bäume, und ihre Schatten stahlen sich zueinander hin; eine große Esche aber stand einsam und zeichnete Figuren auf den Schnee. Es war sehr still; nur manchmal inzwischen kreischte und heulte es in langgezogenen klagenden Lauten. "Was ist das?" fragte Arne.--"Das ist die Wetterfahne", sagte Eli, und dann fügte sie leise wie für sich selbst hinzu: "Sie muß losgegangen sein." Arne aber war wie einer, der etwas sagen wollte und es doch nicht konnte. Jetzt sagte er: "Weißt Du noch das Märchen von den Drosseln, die sangen?"--"Ja."--"Ach, richtig--Du hast es ja selbst erzählt.----Es war ein schönes Märchen."--Sie sagte mit so sanfter Stimme, daß er sie gewissermaßen zum erstenmal zu hören meinte: "Mir ist so oft, als singt etwas, wenn es ganz still ist."--"Das ist das Gute in uns." Sie blickte ihn an, als liege ein Zuviel in der Antwort; sie schwiegen hinterher auch beide. Dann fragte sie, während sie mit dem Finger auf den Scheiben malte: "Hast Du kürzlich ein Gedicht gemacht?" Da wurde er rot, das sah sie aber nicht. Deshalb fragte sie noch einmal: "Wie machst Du es, wenn Du dichtest?"--"Möchtest Du es gern wissen?"--"O ja."--"Ich achte auf die Gedanken, die die andern sich entschlüpfen lassen", antwortete er ausweichend.--Sie schwieg lange, denn sie machte wohl die Probe auf dieses Lied oder jenes, ob sie den Gedanken gehabt und sich hatte entschlüpfen lassen.--"Das ist doch seltsam", sagte sie wie zu sich selbst und fing wieder an, auf den Scheiben zu malen.--"Ich habe ein Gedicht gemacht, als ich Dich zum erstenmal sah".--"Wo war das?"--"Drüben beim Pfarrhof an dem Abend, als Du den Hof verließest;--ich hab' Dich im Wasser gesehen."--Sie lachte und stand eine Weile still: "Laß mich das Lied hören."--Arne hatte nie zuvor so etwas getan; jetzt aber versuchte er, ihr das Lied vorzusingen. "Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh Ihrem Liebsten zu" usw. Eli war ganz Ohr; sie stand noch so, als es schon lange zu Ende war. Schließlich rief sie: "Nein, wie schade um sie!"--"Mir ist beinahe, als hätt' ich es gar nicht selbst gemacht", sagte er: denn er war nun verlegen, weil er es hergesagt hatte. Er konnte auch nicht begreifen, wie er auf den Gedanken gekommen war. Er stand und sann dem Liede nach. Da sagte sie: "Aber mir soll's doch wohl nicht so gehen?"--"Nein, nein, nein;--ich habe eigentlich an mich selbst dabei gedacht."--"Soll es Dir denn so ergehen?"--"Ich weiß nicht;--aber damals empfand ich so;--ja, ich begreife es gar nicht; aber mir war damals so schwer ums Herz."--"Das ist doch seltsam"; sie malte wieder auf den Scheiben. Das nächste Mal, als Arne zum Mittagessen erschien, ging er zuerst ans Fenster. Draußen war es grau und trüb, drinnen warm und gut; an die Scheibe aber war mit dem Finger geschrieben: "Arne, Arne, Arne" und immerzu "Arne"; das war das Fenster, wo Eli am Abend vorher gestanden hatte. Am Tage darauf aber kam Eli nicht hinunter; sie war krank. Sie war überhaupt die ganze Zeit über nicht recht munter; sie sagte es selbst, und man konnte es ihr auch ansehen. Elftes Kapitel Den nächsten Tag kam Arne herein und erzählte, was er eben auf dem Hof erfahren hatte: nämlich daß Mathilde, die Tochter des Pfarrers, in die Stadt gefahren sei; sie selbst glaube, nur für ein paar Tage,--tatsächlich aber solle sie ein Jahr oder zwei dort bleiben. Eli hatte bis jetzt keine Ahnung davon; sie wurde ohnmächtig und sank um. Arne hatte so etwas nie vorher gesehen, und geriet in große Angst; er rannte nach den Mägden, die nach den Eltern, und die aus dem Hause; der ganze Hof geriet in Aufregung; der Schäferhund kläffte auf der Scheunenbrücke. Als Arne später wieder hineinkam, lag die Mutter vorm Bett auf den Knien; der Vater stützte der Kranken den Kopf. Die Mägde liefen hin und her, eine nach Wasser, eine andere nach Tropfen, die im Schrank standen, eine dritte knöpfte der Kranken die Jacke am Hals auf. "Gott sei Dir gnädig!" sagte die Mutter; "es war doch nicht richtig, daß wir nichts gesagt haben Du wolltest es ja so haben, Baard. O, Gott sei Dir gnädig!" Baard antwortete nicht. "Ich hab' es ja gleich gesagt, aber nichts geschieht nach meinem Willen. Gott helfe Dir! Immer bist Du so häßlich zu ihr, Baard. Du weißt eben nicht, wie ihr zumut ist; Du weißt ja nicht, wie's ist, wenn man einen lieb hat!" Baard antwortete nicht. "Sie ist nicht so wie die andern, die einen Kummer schon vertragen können; sie wirft er um, die Ärmste, so schmächtig wie sie ist. Und überhaupt jetzt, da sie sowieso schon nicht ganz gesund ist. Wach' doch auf, mein Kind, wir wollen auch immer gut zu Dir sein! Wach' doch auf, Eli, mein Kind und mach uns nicht solche Sorge!" Da sagte Baard: "Entweder schweigst Du zuviel oder Du redest zuviel"; er sah zu Arne hin, als möchte er nicht, daß der alles mitanhöre, und als solle er lieber gehen. Weil aber die Mägde in der Stube blieben, so blieb Arne auch da, doch er ging ans Fenster. Jetzt kam die Kranke soweit zu sich, daß sie um sich schauen konnte und die Anwesenden erkannte; aber da kam ihr auch die Erinnerung wieder, und sie schrie auf: "Mathilde!" und brach in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus, daß es schrecklich mitanzuhören war. Da suchte die Mutter sie zu beruhigen; der Vater stellte sich so, daß sie ihn sehen konnte, aber die Kranke stieß sie weg. "Weg!" rief sie; "ich habe Euch nicht lieb, weg!"--"Jesus Christus, Du hast Deine Eltern nicht lieb?" sagte die Mutter.--"Nein! Ihr seid hart gegen mich und nehmt mir die einzige Freude, die ich habe!"--"Eli, Eli! sei nicht so heftig", bat die Mutter herzlich.--"Doch, Mutter!" schrie sie, "einmal muß ich es sagen! Doch, Mutter! Ihr wollt mich mit dem schrecklichen Menschen verheiraten, und ich will ihn nicht. Ihr sperrt mich hier ein, wo ich jedes Mal froh bin, wenn ich herauskann. Und Ihr nehmt mir Mathilde, die einzige auf der Welt, die ich lieb habe, und nach der ich mich sehne. O Gott, was soll aus mir werden, wenn Mathilde nicht mehr hier ist,--besonders jetzt, da ich soviel, soviel auf dem Herzen habe, daß ich mir keinen Rat weiß, wenn ich nicht mit einem darüber reden kann!"--"Aber Du warst ja doch jetzt seltner bei ihr", sagte Baard.--"Was tut das, wenn ich sie drüben am Fenster weiß!" erwiderte die Kranke und weinte wie ein Kind, so daß es Arne war, als habe er bis zu diesem Tage noch keinen Menschen weinen hören.--"Du konntest sie aber doch von hier aus nicht sehen", sagte Baard.--"Ich sah aber das Haus", sagte sie, und die Mutter fügte erregt hinzu: "So was verstehst Du eben nicht." Da sagte Baard nichts mehr. "Jetzt kann ich nie mehr ans Fenster!" sagte Eli. "Morgens, wenn ich aufstand, ging ich hin; abends saß ich da im Mondschein, und dahin ging ich, wenn ich weiter keinen hatte, zu dem ich gehen konnte. Mathilde, Mathilde!" Sie wand sich im Bett und bekam wieder einen Weinkrampf. Baard setzte sich auf einen Schemel und blickte sie an. Eli wurde aber nicht so schnell besser, wie man wohl angenommen hatte. Gegen Abend gewahrten sie erst, daß eine langwierige Krankheit im Anzug war, die ihr sicher schon lange in den Gliedern gelegen hatte, und Arne wurde hereingerufen, um sie in ihre Kammer tragen zu helfen. Sie war ohne Bewußtsein, war sehr bleich und lag ganz still; die Mutter setzte sich zu ihr, der Vater stand am Fußende des Bettes und sah sie lange an; nachher ging er hinunter an seine Arbeit. Arne ging auch; aber abends beim Schlafengehen betete er für sie, betete, daß sie, die so jung und schön war, es gut im Leben haben, und daß keiner sie um ihr Glück bringen möge. Tags drauf saßen die Eltern beisammen und besprachen etwas, als Arne hineinkam; die Mutter hatte geweint. Arne fragte, wie es gehe; beide dachten, der andere werde antworten, und deshalb dauerte es eine ganze Zeit, bis Antwort kam; schließlich aber sagte der Vater: "Es geht recht schlecht."--Später erfuhr Arne, Eli sei die ganze Nacht ohne Bewußtsein gewesen oder habe dummes Zeug geredet, wie der Vater sagte. Jetzt lag sie in heftigem Fieber, erkannte niemand, wollte keine Speise zu sich nehmen und die Eltern saßen eben und berieten, ob sie den Doktor holen sollten. Als sie nachher nach oben gingen und bei der Kranken blieben und Arne wieder allein war, hatte er die Empfindung, da oben sei Leben und Tod zugleich; er aber sei ausgeschlossen. Nach einigen Tagen wurde es etwas besser. Als der Vater einmal bei ihr wachte, hatte sie den Einfall: Narrifas, der Vogel, den Mathilde ihr geschenkt hatte, solle bei ihr vorm Bett stehen. Da sagte Baard der Wahrheit gemäß, in all dem Wirrwarr habe man den Vogel vergessen, und er sei gestorben. Die Mutter kam gerade in die Tür, als Baard das erzählte, und sie schrie auf: "Herrjeh, was bist Du für ein rücksichtsloser Mensch, Baard, dem kranken Kind so was zu erzählen! Siehst Du, da wird sie uns wieder ohnmächtig; Gott verzeih Dir die Sünde!" Immer, wenn die Kranke zu sich kam, rief sie nach dem Vogel, sagte, es könne Mathilde unmöglich gut gehen, da der Vogel gestorben sei, wollte hin zu ihr und fiel von neuem in Ohnmacht. Baard stand da und sah es mit an, bis es ihm zu bunt wurde. Da wollte er auch helfen; die Mutter aber schob ihn beiseite und sagte, sie werde schon allein auf die Kranke acht geben. Da sah Baard sie beide lang an, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht, drehte sich um und ging. Später kamen der Pfarrer und seine Frau herüber, denn die Krankheit hatte Eli mit neuer Macht gepackt, und es wurde so schlimm, daß keiner wußte, ob es zum Leben oder zum Tode gehe. Der Pfarrer wie auch seine Frau machten Baard Vorwürfe, er sei zu hart gegen das Kind; sie erfuhren die Geschichte mit dem Vogel, und da sagte ihm der Pfarrer rund heraus, das sei eine Roheit; er wolle das Kind zu sich ins Haus nehmen, sagte er, sobald sie hinübergeschafft werden könne; die Frau Pfarrer wollte ihn zuletzt gar nicht mehr sehen, sie weinte und saß bei der Kranken, ließ den Doktor holen, nahm selbst seine Anordnungen entgegen und kam dann täglich einigemal herüber, um Eli vorschriftsgemäß zu pflegen. Baard ging draußen auf dem Hof von einer Stelle zur andern, am liebsten so, daß er allein war, stand oft lange, lange auf einem Fleck, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht und nahm irgend eine Arbeit vor. Die Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Sie sahen sich kaum. Ein paarmal am Tage ging er zu der Kranken hinauf; dann zog er unten auf der Treppe die Schuhe aus, legte die Mütze draußen hin und öffnete behutsam die Tür. Sowie er hereinkam, drehte Birgit sich um, als habe sie ihn nicht gesehen, saß zusammengekauert da, den Kopf in die Hände gestützt und starrte vor sich hin auf die Kranke. Die lag still und bleich und wußte nicht, was um sie her vorging. Baard stand eine Weile am Fußende des Bettes, sah sie beide an und sagte nichts. Wenn die Kranke sich einmal bewegte, als wolle sie aufwachen, dann stahl er sich ebenso leise, wieder aus der Stube, wie er gekommen war. Oft dachte Arne, wie jetzt zwischen Mann und Frau und zwischen Kind und Eltern Worte gefallen seien, die lange sich angesammelt hatten und schwer wieder vergessen werden konnten. Er sehnte sich fort von hier, obwohl er gern vorher gewußt hätte, wie es Eli gehe. Das werde er ja aber auch wohl erfahren, dachte er, ging also zu Baard und sagte, er wolle nach Hause. Die Arbeit, um derentwillen er gekommen war, sei fertig. Baard saß draußen auf dem Hauklotz, als Arne kam und ihm das sagte. Er saß da, ganz gebückt, und scharrte mit einem Pflock im Schnee; den Pflock kannte Arne; es war derselbe, der die Wetterfahne gehemmt hatte. Baard blickte nicht auf; er sagte: "Es ist hier wohl augenblicklich nicht gut sein,--aber mir ist, als möcht' ich Dich nicht fortlassen." Weiter sagte Baard nichts, und Arne auch nicht. Er blieb eine Weile stehen, ging dann weg und nahm eine Arbeit vor, als sei es abgemacht, daß er bleiben solle. Später, als Arne zum Essen hineingerufen wurde, saß Baard noch immer auf dem Hauklotz. Da ging Arne zu ihm und fragte, wie es Eli heut gehe. "Es ist wohl heute sehr schlimm," sagte Baard, "ich sah, daß ihre Mutter weint." Arne war's, als heiße ihn einer sich hinsetzen, und er setzte sich Baard gegenüber auf einen Baumstamm. "Ich habe in diesen Tagen viel an Deinen Vater gedacht", sagte Baard so unvermittelt, daß Arne nichts darauf erwidern konnte. "Du weißt wohl, was zwischen uns vorgefallen ist?"--"Ich weiß es."--"Ja, Du weißt aber vermutlich nur die eine Hälfte und schreibst mir die ganze Schuld zu." Arne antwortete nach einer Weile: "Du hast doch gewiß Deinem Gott Rechenschaft darüber gegeben, wie mein Vater jetzt auch."--"Ach ja, wie man's nehmen will", versetzte Baard. "Als ich vorhin diesen Pflock wiederfand, kam es mir so merkwürdig vor, daß Du hierherkommen mußtest und die Fahne losmachen. Je eher, je besser, dachte ich." Er hatte die Mütze abgenommen und saß und sah in sie hinein. Arne begriff noch nicht, daß er hiermit meinte, er wolle jetzt mit ihm über seinen Vater reden. Ja, er begriff es auch noch nicht, als Baard schon im besten Zuge war, so wenig sah das Baard ähnlich. Aber was in seinem Herzen voraufgegangen sein mochte, merkte er, je weiter die Erzählung vorschritt, und hatte er vorher vor diesem schwerfälligen, aber grundehrlichen Menschen Achtung gehabt, so wurde sie nicht kleiner hierdurch. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein", sagte Baard und hielt inne, wie bei der ganzen Erzählung ab und zu, sagte ein paar Worte, hielt wieder inne, aber so, daß seine Erzählung ein Gepräge bekam, als sei jedes Wort wohlerwogen. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein, als ich Deinen Vater, der im selben Alter war, kennen lernte.--Er war sehr wild und duldete keinen über sich. Und er hat es mir nie vergessen können, daß ich bei der Konfirmation der erste war und er der zweite.--Oft wollte er mit mir anbinden, aber es kam nie soweit, wahrscheinlich war keiner von uns seiner selbst sicher.--Aber merkwürdig ist, daß er jeden Tag eine Prügelei hatte und nie ein Unglück daraus entstand; nur das eine Mal, wo ich dazwischen kommen mußte, ging es so schlimm ab, wie es nur gehen konnte;--aber freilich: ich hatte auch sehr lange gewartet.---- Nils lief allen Mädchen nach und sie ihm. Eine bloß wollte ich haben, aber die nahm er mir bei jedem Tanz weg, bei jeder Hochzeit, bei jedem Fest; das war die, mit der ich jetzt verheiratet bin.------Mich packte oft die Lust, wenn ich so dasaß, mich um dieser Sache willen mit ihm zu messen; aber ich hatte Angst, ich könne verlieren, und wußte, daß ich damit auch sie verlieren würde. Wenn alle andern fort waren, machte ich dieselben Kraftproben, die er gemacht hatte, schnellte gegen den Balken, gegen den er geschnellt war; aber wenn er das nächste Mal mir das Mädchen wieder vor der Nase wegschnappte, wagte ich mich doch nicht mit ihm einzulassen,--obgleich--einmal geschah es doch, als er nämlich gerade vor meinen Augen mit dem Mädchen schön tat--da nahm ich einen ausgewachsenen Burschen und legte ihn, als sei's Kinderspiel, über den Dachbalken. Damals ist er auch ganz blaß geworden------ Wenn er noch gut zu ihr gewesen wäre; aber er betrog sie, und das Abend für Abend. Ich glaube, sie hatte ihn nach jedem Mal bloß noch lieber.--So stand es, als das letzte geschah. Ich dachte, jetzt mag es biegen oder brechen. Unser Herrgott hat wohl nicht gewollt, daß er es so weitertreiben sollte, deshalb fiel er härter, als ich gewollt hatte.--Ich habe ihn nachher nie wiedergesehen." Sie schwiegen eine ganze Zeit, schließlich fuhr Baard fort: "Ich warb wieder um sie. Sie sagte nicht ja, nicht nein, und da dachte ich, es würde später besser werden. Wir heirateten uns; die Hochzeit war unten im Tal bei einer Base, die sie beerbte. Wir fingen groß an, und unser Hab und Gut hat sich noch weiter vermehrt. Unsere Höfe lagen nebeneinander, und nun wurden sie vereinigt, wie es von klein auf mein Wunsch gewesen war.--Aber vieles andere ging nicht nach meinem Wunsch."--Er saß lange wortlos da; Arne dachte eine Weile, er weine; das war aber nicht der Fall. Nur seine Stimme war noch sanfter denn gewöhnlich, als er nun fortfuhr: "Anfangs war sie still und sehr traurig. Ich konnte ihr nichts zum Troste sagen, und so schwieg ich. Später nahm sie manchmal dies unstete Wesen an, das Du vielleicht auch bemerkt hast; es war doch wenigstens eine Veränderung, und so schwieg ich auch dazu.--Aber einen wirklich frohen Tag habe ich nicht gehabt, seit ich verheiratet bin, und das sind jetzt an die zwanzig Jahre."------ Hier brach er den Pflock in zwei Stücke; dann saß er eine ganze Zeit und sah die Stücke an. "----Als Eli heranwuchs, dachte ich, sie habe mehr Freude als hier, wenn sie unter Fremden wäre. Ich habe nur selten etwas gewollt; das meiste ist aber schief gegangen,--und dies auch. Die Mutter saß und sehnte sich nach dem Kinde, wenn auch nur das bißchen Wasser zwischen ihnen lag, und schließlich merkte ich: da drüben die Pfarre ist auch nicht das richtige, denn die Pfarrersleute sind so recht gutmütige Hanswurste; aber ich merkte es zu spät. Sie ist jetzt wohl weder Vater noch Mutter zugetan!" Die Mütze hatte er wieder abgenommen; jetzt fielen ihm die langen Haare in die Augen; er strich sie weg und setzte sich mit beiden Händen die Mütze auf, als wolle er gehen; aber als er sich zum Haus umwandte, um aufzustehen, blieb er noch und fügte mit einem Blick nach dem Fenster der Bodenkammer hinzu: "Ich hielt es für das beste, Mathilde und sie nähmen nicht Abschied voneinander;--aber das war verkehrt. Ich sagte ihr, der kleine Vogel sei tot, denn meine Schuld war es doch, und da hielt ich es für richtiger, es einzugestehen; aber das war auch verkehrt. Und so ist es mit allem. Ich habe immer das beste gewollt, aber immer ist es zum Unsegen geworden, und jetzt ist es soweit gekommen, daß Frau und Tochter schlecht von mir reden und ich hier allein und verlassen herumlaufe." Eine Magd rief zu ihnen hinauf, das Essen werde kalt. Baard stand auf. "Ich höre die Pferde wiehern", sagte er; "sie müssen wohl vergessen sein"; damit ging er in den Stall, um ihnen Heu zu geben. Zwölftes Kapitel Eli war sehr schwach nach ihrer Krankheit; die Mutter saß Tag und Nacht bei ihr und kam niemals nach unten; der Vater machte oben seine gewohnten Besuche auf Socken und legte die Mütze draußen vor der Tür ab. Arne war noch immer auf dem Hof; er und der Vater saßen abends zusammen; er hatte Baard sehr liebgewonnen; Baard war ein belesener, scharf denkender Mensch, hatte aber sozusagen Angst vor dem, was er wußte. Wenn nun Arne ihm zurechthalf und ihm manches erzählte, was er noch nicht gewußt hatte, dann war Baard sehr dankbar. Eli durfte nun schon zuweilen auf sein, und je mehr es mit ihr vorwärts ging, desto mehr Einfalle hatte sie. So auch eines Abends, als Arne in der Stube unter Elis Kammer saß und mit lauter Stimme sang: da kam die Mutter hinunter und bestellte von Eli, er möge doch hinauf kommen und singen, damit sie die Worte besser verstehen könne. Arne hatte vielleicht schon hier unten Eli zuliebe gesungen, denn als die Mutter dies sagte, wurde er rot und stand auf, als wolle er sein Tun ableugnen, wiewohl keiner es behauptet hatte. Er faßte sich aber schnell und sagte ausweichend, er könne nur so wenig singen. Die Mutter aber meinte, wenn er allein sei, schiene das gar nicht der Fall zu sein. Arne gab nach und ging. Er hatte Eli seit dem Tage nicht gesehen, da er sie hatte hinauftragen helfen; er dachte, sie müsse sich jetzt sehr verändert haben, und das machte ihn ein bißchen ängstlich. Aber als er leise die Tür öffnete und eintrat, war es stockfinster im Zimmer, und er konnte nichts sehen. Er blieb an der Tür stehen. "Wer ist da?" fragte Eli leise und deutlich. "Arne Kampen", entgegnete er behutsam, damit die Worte recht weich klängen.--"Es ist nett, daß Du kommst."--"Wie geht es Dir, Eli?"--"Danke, jetzt geht es besser." "Setz' Dich doch, Arne", sagte sie eine Weile drauf, und Arne tastete sich zu einem Stuhl hin, der am Fußende des Bettes stand. "Es tat mir wohl, Dich singen zu hören, Du mußt mir hier oben etwas vorsingen."--"Wenn ich nur etwas könnte, was hierherpaßte."--Es blieb eine Zeitlang still; dann sagte sie: "Sing einen Choral!" und das tat er, und zwar ein Stück aus einem Konfirmationslied. Als er zu Ende war, hörte er sie weinen, und deshalb wagte er nicht weiter zu singen; nach einer Weile aber sagte sie: "Sing' noch so eins", und er sang noch eins, diesmal ein sehr bekanntes Kirchenlied. "Über wievieles hab' ich nicht nachgedacht, als ich hier so lag", sagte Eli. Er wußte nicht, was er darauf sagen solle, und hörte ihr leises Weinen in der Dunkelheit. Eine Uhr tickte hinten an der Wand, holte zum Schlage aus und schlug dann. Eli atmete ein paarmal tief auf, als wolle sie ihre Brust erleichtern, und dann sagte sie: "Man weiß so wenig, kennt weder Vater noch Mutter.--Ich bin nicht lieb zu ihnen gewesen,--und deshalb war's mir so eigen, jetzt das Konfirmationslied zu hören." Wenn man im Dunkeln miteinander redet, ist man viel aufrichtiger, als wenn einer des andern Gesicht sieht; man sagt auch wohl mehr. "Das war ein gutes Wort", sagte Arne; er mußte daran denken, was sie damals gesagt hatte, als sie krank wurde. Das wußte sie, und deshalb sagte sie: "Wäre dies alles mir nun nicht geschehen, so hätt' es Gott weiß wie lange gedauert, bis ich mich zu Mutter hingefunden hätte."--"Sie hat jetzt mit Dir gesprochen?"--"Jeden Tag; weiter hat sie nichts getan."--"Da hast Du wohl manches gehört."--"Das kannst Du glauben."--"Sie hat wohl auch von meinem Vater gesprochen."--"Ja."----"Denkt sie noch an ihn?"--"Sie denkt an ihn."--"Er ist nicht gut zu ihr gewesen."--"Arme Mutter!"--"Aber am schlechtesten war er gegen sich selbst." Jeder dachte etwas, was er dem andern nicht sagen mochte. Eli fand zuerst Worte: "Du sollst Deinem Vater gleichen."--"Man sagt es", antwortete er ausweichend; ihr fiel der Ton nicht auf, und deshalb fing sie nach einer Weile wieder an: "Konnte er auch dichten?"--"Nein." "Sing mir ein Lied,----eins, das Du selbst gemacht hast." Aber Arne pflegte nicht gern zuzugeben, daß die Lieder, die er sang, von ihm selbst waren. "Ich habe keins", sagte er. "Doch hast Du das, und Du singst mir auch eins vor, wenn ich Dich drum bitte."--Was er für keinen andern je getan hätte, das tat er nun für sie. Er sang nämlich folgendes Lied: Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum. "Soll ich--?" blies der Frühfrost aus dem eisigen Raum. "Nein, Liebster, sei lind, Bis wir Blüten worden sind!" So baten die Knospen tief in ihrem Traum. Der Baum trug Blüten, die Nachtigall sang, "Soll ich--?" rief der Wind und schüttelte sie lang'. "Nein, laß, lieber Wind, Bis wir Früchte worden sind!" So baten all die Blüten und zitterten bang. Und der Baum reifte Früchte in der Sommersonnenglut. "Soll ich----?" fragte lächelnd das junge schöne Blut. "Ja, du darfst, lieb Kind! Nimm so viele, wie da sind!" Sprach der Baum und beugte sein schwellendes Gut. Das Lied benahm ihr fast den Atem. Er saß nachher auch da, als habe er mehr gesungen, als er eigentlich wahr haben wollte. Das Dunkel liegt schwer über denen, die beisammen sitzen und nicht sprechen mögen; sie sind sich niemals näher als gerade dann. Er hörte es, wenn sie sich nur regte, wenn sie nur mit der Hand über die Decke strich, wenn sie nur einmal etwas tiefer atmete als gewöhnlich. "Arne--, könntest Du mich nicht dichten lehren?"--"Hast Du es nie versucht?"--"Doch, jetzt in den letzten Tagen; aber ich bringe kein Lied zustande."--"Was hast Du denn darin sagen wollen?"--"Etwas von Mutter, die Deinen Vater so lieb hatte."--"Das ist ein schwieriger Stoff."--"Mir sind auch darüber die Tränen gekommen."--"Du mußt nicht nach Stoffen suchen; sie kommen von selbst."--"Wie denn?"--"Wie alles Liebe: wenn Du es am wenigsten erwartest."--Sie schwiegen beide. "Mich wundert, Arne, daß Du Dich von hier fortsehnst, wo Du doch soviel Schönes in Dir hast."--"Weißt Du denn, daß ich mich fortsehne?"--Sie antwortete nicht; sie lag ganz still wie in Gedanken. "Arne, Du darfst nicht fort!" sagte sie, und das ging ihm warm zu Herzen.--"Manchmal hab' ich auch weniger Lust dazu."--"Deine Mutter muß Dich sehr lieb haben. Ich möchte Deine Mutter einmal sehen!"--"Komm doch mal nach Kampen, wenn Du erst wieder gesund bist." Und da stellte er sie sich auf einmal vor, wie sie in Kampen in der hellen Stube saß und auf die Berge schaute; sein Herz fing zu klopfen an, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. "Es ist warm hier drinnen", sagte er und stand auf. Sie hörte es. "Willst Du schon gehen?" sagte sie, und er setzte sich wieder. "----Du mußt öfter zu uns kommen;--Mutter hat Dich so lieb."--"Ich selbst möchte auch gern;--aber ich muß doch ein Gewerbe treiben."--Eli schwieg eine Weile, als denke sie nach. "Ich glaube," sagte sie, "Mutter wollte Dich um etwas bitten----" Er hörte, wie sie sich im Bett aufrichtete. Kein Laut war in der Kammer zu hören und auch unten nicht, außer der Uhr, die an der Wand tickte. Da stieß sie heraus: "Wollte Gott, es wäre Sommer!" "Es wäre Sommer!" Und vor seiner Phantasie erstanden Bilder von feuchtem Laub und Herdengeläut, von Jodeln auf Bergeshöhen und Gesang in den Tälern. Der Schwarze See lag und schimmerte in der Sonne und die Gehöfte wiegten sich drin. Eli kam heraus und setzte sich draußen hin wie an jenem Abend. "Wenn es Sommer wäre," sagte sie, "und ich auf dem Hügel säße, glaube ich ganz bestimmt, ich könnte ein Lied dichten!" Er lachte und fragte: "Wovon sollte es denn handeln?"--"Von etwas Leichtem, von--ja, ich weiß selbst nicht." "Sag' es, Eli!" er stand vor Freude auf, überlegte aber und setzte sich wieder. "Das sag' ich Dir um keinen Preis der Welt!"--lachte sie.--"Ich habe Dir doch was vorgesungen, als Du mich drum batest."--"Das ist wahr;--aber nein, nein!"--"Eli, glaubst Du, ich mache mich über den kleinen Vers lustig, den Du gedichtet hast?"--"Nein, das glaube ich nicht, Arne; aber ich hab' ihn nicht selbst gemacht."--"Ist er von einem andern?"--"Ja, es ist mir so zugeweht."--"So kannst Du es mir doch sagen."--"Nein, nein, so ist es ja auch nicht, Arne; quäl' mich nicht länger." Sie barg wohl den Kopf im Kissen, denn das letzte war kaum zu hören. "Eli, jetzt bist Du nicht so nett zu mir, wie ich zu Dir gewesen bin!" er stand auf. "Arne, das ist doch etwas ganz anderes!--Du verstehst mich nicht!--aber es war--ich weiß selbst nicht--ein andermal--sei mir nicht böse, Arne! geh nicht fort!" sie fing zu weinen an. "Eli, was ist Dir?" er lauschte. "Bist Du krank?" das glaubte er selbst nicht. Sie weinte noch immer; ihm war, er müsse jetzt entweder vorwärts oder zurück. "Eli!"--"Ja"; sie flüsterten beide. "Gib mir die Hand!" Sie antwortete nicht; er lauschte angestrengt, gespannt,--tastete über die Decke und faßte eine kleine, warme Hand, die frei lag. Da knarrte die Treppe, und sie ließen sich los. Es war die Mutter mit Licht. "Ihr sitzt auch zu lange im Dunkeln", sagte sie und stellte den Leuchter auf den Tisch. Aber weder Eli noch er konnten das Licht vertragen; sie vergrub das Gesicht in den Kissen, er hielt sich die Hand vor die Augen. "Ach ja, es tut zuerst ein bißchen weh", sagte die Mutter, "aber das geht vorüber." Arne suchte auf dem Fußboden nach seiner Mütze, die er gar nicht bei sich gehabt hatte, und dann ging er. Tags darauf hörte er, Eli werde am Nachmittag ein bißchen herunterkommen. Er packte sein Handwerkszeug zusammen und verabschiedete sich. Als sie nach unten kam, war er fort. Dreizehntes Kapitel Spät kommt der Frühling in die Berge. Die Post, die den Winter dreimal in der Woche den Königsweg entlang fährt, geht schon im April nur noch einmal, und dann fühlen die Bergbewohner, daß draußen der Schnee fort und das Eis gebrochen ist, daß die Dampfer verkehren und der Pflug die Erde aufwühlt. Hier liegt der Schnee noch drei Ellen hoch; das Vieh brüllt in den Ställen, und die Vögel kommen geflogen, verkriechen sich aber und frieren. Ab und zu erzählt ein Wanderer, er habe seinen Wagen unten im Tal gelassen, und er hat Blumen mit und zeigt sie; die hat er am Wegrand gepflückt. Da fährt eine Unruhe in die Leute dort oben; sie gehen umher und plaudern, schauen nach der Sonne aus und über das Land hin, wieviel sie wohl täglich schaffe. Sie streuen Asche auf den Schnee und denken an die Menschen, die jetzt Blumen pflücken. In solcher Zeit war's, als die alte Margit Kampen zur Pfarre gegangen kam und den Herrn Pfarrer sprechen wollte. Und sie wurde in sein Arbeitszimmer hinaufgeführt, wo der Pfarrer, ein schmächtiger, hellblonder Mann, die großen Augen hinter einer Brille, sie freundlich empfing, sie gleich erkannte und sie bat, Platz zu nehmen. "Ist es wieder was mit Arne?" fragte er, als hätten sie schon häufiger über diesen Fall gesprochen. "Ja, Gott helfe mir," sagte Margit, "ich kann ja nie was andres als gutes von ihm sagen, und doch ist es so schwer"; sie sah sehr sorgenvoll aus. "Ist denn wieder die alte Sehnsucht über ihn gekommen?" fragte der Pfarrer. "Schlimmer als je", sagte die Mutter. "Ich glaube nimmer, daß er bei mir bleibt, wenn der Frühling kommt."--"Er hat doch versprochen, Dich nie zu verlassen."--"Freilich; aber Herrgott,--er weiß sich ja selbst keinen Rat; wenn ihm der Sinn in die Welt steht, muß er eben gehen. Was soll dann aber aus mir werden?" "Ich glaube, schließlich wird er Dich doch nicht allein lassen", sagte der Pfarrer. "Nein, natürlich; aber wenn er es nun zu Hause nicht aushalten kann? Soll ich es da auf mein Gewissen laden, ihm im Wege zu stehen; manchmal denke ich, ich müsse ihn selbst bitten zu reisen." "Woher weißt Du, daß er jetzt noch größere Sehnsucht hat als früher?"--"Ach,--aus vielen Dingen. Seit dem Mittwinter hat er keinen einzigen Tag mehr im Dorf gearbeitet. Dagegen ist er dreimal nach der Stadt gefahren und jedesmal lange weggeblieben. Er spricht fast nie, wenn er arbeitet, und das hat er doch sonst oft getan. Er kann stundenlang allein oben an dem kleinen Bodenfenster sitzen und nach den Bergen schauen, dorthin, wo die Kampenschlucht ist; da kann er Sonntags den ganzen Nachmittag sitzen, und oft, wenn es mondhell ist, bleibt er dort bis tief in die Nacht hinein."--"Liest er Dir nie etwas vor?"--"Natürlich, jeden Sonntag liest er mir vor und singt, aber immer so ein bißchen in Eile, außer wenn er beinahe zu viel des Guten tut."--"Spricht er dann nie mit Dir?"--"Oft macht er so lange Pausen, daß ich heimlich vor mich hinweine. Das sieht er dann und fängt zu reden an, aber immer von den leichten Dingen, nie von den schwereren." Der Pfarrer ging auf und ab, dann blieb er stehen und fragte: "Warum sagst Du ihm das nicht?"--Es dauerte lange, bis sie hierauf etwas antwortete; sie seufzte ein paarmal,