The Project Gutenberg EBook of Katharina von Bora, by D. Albrecht Thoma This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Katharina von Bora Geschichtliches Lebensbild Author: D. Albrecht Thoma Release Date: June 16, 2004 [EBook #12636] Language: german Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KATHARINA VON BORA *** Produced by Charles Franks and the DP Team [Illustration: Katharina von Bora nach dem Gemaelde von Lucas Cranach im Museum zu Schwerin Phot. F. u. O. Breckmann Nachf., Dresden. Verlag Georg Reimer, Berlin.] Katharina von Bora Geschichtliches Lebensbild von D. Albrecht Thoma Berlin Druck und Verlag Georg Reimer. 1900. Vorwort. In dem "Leben Luthers" bietet das Kapitel "Luthers Haeuslichkeit" als freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kaempfen und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an eine "liebe Hausfrau" sind unter den Tausenden seiner Episteln die schoensten und originellsten. Dafuer liegt der Grund doch nicht allein in dem reichen Gemuet und dem geistvollen Humor des grossen Mannes, sondern auch in der Persoenlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin. Es muss doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der grosse Mann als seine Lebensgefaehrtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu genuegen; und ein sympathischer Charakter musste das sein, an dem er seine frohe Laune so schoen entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schoene Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt auch Luthers Kaethe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken. Es kann nun auffallen, dass eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, dass fast mehr schmaehsuechtige Feinde, wie vor hundertfuenfzig Jahren ein Engelhard, ihre wenig lauteren Kuenste an dieser Aufgabe geuebt haben; und besonders ist zu verwundern, dass in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so hervorragend historischen Zeitalter,--seit den beiden gleichzeitig erschienenen quellenreichen Skizzen von _Beste_ und _Hofmann_--keine Biographie entstand, nicht einmal fuer dieses Jubilaeumsjahr ihres vierhundertjaehrigen Geburtstages. Der Grund dieser eigentuemlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal wird eben in "Luthers Leben" das Bild Katharinas von Bora stets mit hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine muehsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu entwerfen, und ueberraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier nicht zu machen. Dennoch verdient Luthers Kaethe--so viel das geschehen kann--fuer sich besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft fuer sich neben demjenigen des grossen Doktors gemalt ist. Ist Frau Kaethe freilich nichts ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was waere Luther ohne seine Kaethe? Dem Lebensbilde des grossen Reformators fehlte das menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden gemuetlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Kaethe ihm geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Welt ihn so lange, und so lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat. So mag es ein Denkmal sein, und--wie es der schlichten deutschen Hausfrau geziemt--ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem vierhundertjaehrigen Gedaechtnistage gesetzt ist. Inhaltsverzeichnis. 1. Katharinas Herkunft und Familie. Sachsen und Meissen Bora Lippendorf Eltern und Brueder "Muhme Lene" und Maria v. Bora Armut der Familie Der Eltern Tod 2. Im Kloster "Ehrsame" Jungfrauen Adelige Stifter Klosterkinder Nimbschen Klosterfrauen Klausur Wuerden Klostergenossinnen Die Novize Kloster-Regel Erziehung Die Postulantin Einsegnung Tagewerk Reliquien Ablass Kloster-Erlebnisse Nonnen-Beruf 3. Die Flucht aus dem Kloster Luthers Schriften ueber Ablass, gute Werke, Klostergeluebde Vermittelung der Schriften Leonhard Koppe Austrittsgedanken Die Verwandten Klagebrief an Luther Bedenken Flucht-Plan Das Entkommen aus dem Kloster Die Flucht Offener Brief an Koppe, "dass Jungfrauen Kloster goettlich verlassen moegen" Der Abt von Pforta Neue Entweichungen 4. Eingewoehnung ins weltliche Leben Versorgung der Klosterjungfrauen Katharina bei Reichenbach Hier. Baumgaertner D. Glatz 5. Katharinas Heirat Luther draengt zur Ehe Verehelichung von Priestern und Klosterleuten Luther denkt zu heiraten Eine Nonne soll's sein Luthers Werbung Trauung und Hochzeit Gaeste Geschenke Das Fest 6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand. Im "Schwarzen Kloster" Ausstattung Angewoehnung Unterhaltung Bild "Die erste Liebe" Verstimmung der Freunde Schmaehungen der Feinde Gefahren Stimmungen 7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen. Johannes Elisabeth Magdalena Martin, Paul Margareta Elternfreuden Muhme Lene Neffen und Nichten Zuchtmeister Gesinde, Gaeste Besuche 8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft. Das Regiment in Luthers Haus Haus und Hof Bauereien Geraete Schenkungs-Urkunde Teurer Markt Landwirtschaft Gaerten "Haus Bruno", Gut Booss Zulsdorf Grundbesitz Arbeitsseligkeit 9. "Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Kaethe." Armut Einkuenfte "Geschenke" Umsonst Hausrechnung. "Gieb Geld" Luthers Mildthaetigkeit Schulden insidiatrix Ketha "Raetlichkeit" "Wunderlicher Segen" "Lob des tugendsamen Weibes" 10. Haeusliche Leiden und Freuden. Schwerer Haushalt Krankheitsanfall Luthers (1527) Die Pest Hochzeit und Tod Fluechtlinge und Hochzeiten Visitationsreisen Briefe von der Koburg Die Grosseltern Besuche und Reisen Ein Kardinal in Wittenberg Tischgesellen, Famulus, Kaethes Brueder Kinderzucht Rosine Kaethes Tageloehner 11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod. "Muehmchen Lene" und Veit Dietrich Lenchens Verlobung (1538) "Des Teufels Fastnacht" (1535) In den "hessischen Betten" Luthers toedliche Krankheit in Schmalkalden (1537) Muhme Lene [Symbol: gestorben] Pflege der Elisabeth von Brandenburg Wieder Pest (1539) Kaethes toedliche Krankheit (1539) Briefe aus Weimar (1540) Allerlei Sorgen Hanna Strauss verlobt und Muehmchen Lene verwitwet Haus in Torgau, Lenchens Krankheit und Tod Hansens Heimweh 12. Tischreden und Tischgenossen. Eine akademische Hochzeit Allerlei Feste Besuche _Cordatus_ _Stiefel_ _Kummer, Lauterbach_ _Schlaginhaufen, Weller_ _Hennik; Barnes; de Bai_ _Dietrich_ _Besold_ _Holstein; Schiefer; Matthesius_ _Goldschmidt u.a._ Kaethes "Tischburse" Die "Tischgespraeche" 13. Hausfreunde. Humanisten-Freundschaft Der Freundeskreis des Lutherischen Hauses Gruesse und Geschenke _Amsdorf; Agrikola_ _Probst_ _Brisger, Biscampius, Zwilling; Mykonius; Capito_ Die Nuernberger: _Link_ und _Friedrich_; _Baumgaertner_ _Dietrich_; Geschwister _Weller_ _Hausmann_ _Schlaginhaufen_ _Lauterbach_ _Spalatin_ Hans von _Taubenheim_ Amtsgenossen _Kreuziger_ _Bugenhagen_ _Jonas_ _Melanchthon_ Sabinus und Lemnius Brief der Freunde an Kaethe Die Tafelrunde Freundinnen 14. Kaethe und Luther. Die "Erzkoechin" Luthers Enthaltsamkeit und Festfreude Kaethe als Krankenpflegerin Kaethes Humor Verdaechtigungen Kaethes Kaethes geistige Interessen Was Luther von Kaethe hielt "Ihr" und "Du" "Herr" Kaethe "Liebe" Kaethe Luthers unguenstige Aeusserungen Lob des Weibes "Haeuslicher Zorn" Lob des Ehestandes und Kaethes Kaethes "Bildung" Ebenbuertigkeit Kaethes Bild 15. Luthers Tod. Truebe Zeitlage Hader im eigenen Lager Die "garstigen" Juristen Abscheiden der Freunde Luthers zunehmende Krankheiten Arbeit und Humor Wegzugsgedanken "Speckstudenten" und Kleidermoden Abreise Schrecken in Wittenberg Reisen nach Eisleben Briefe von Halle und Eisleben Der letzte Brief Die Todesnachricht Zuruestung zur Bestattung Trostbrief des Kurfuersten Der Leichenzug Katharinas Stimmung 16. Luthers Testament. "Die Welt ist undankbar, die Leute sind grob" Dr. Bruecks Zorn auf Katharina Fuerstliche und freundschaftliche Fuersorge Das saechsische Erbrecht Katharinas Leibgeding Die Erbschaft Bruecks und Katharinas Plaene Katharinas Bittschrift Reden der vier Hausfreunde Bruecks Gutachten Die Entscheidungen des Kurfuersten Kampf um Wachsdorf und die Kinder Wolf, Gesinde und Tischburse Fuersorge fuer Florian von Bora Mahnungen an den Daenenkoenig 17. Krieg und Flucht. Beginn des Schmalkaldischen Kriegs, zweierlei Gebete Anmarsch auf Wittenberg, Flucht Belagerung Wittenbergs. In Magdeburg Brief von und an Christian III. Schreckensgeruechte Neue Flucht; in Braunschweig Heimkehr 18. Der Witwenstand. Wie's daheim aussah Kriegsschaeden und Process Kosttisch; Anlehen Das Interim. Hans Luther nach Koenigsberg Leiden und "gnaedige Hilfe" Hans in Koenigsberg Kriegslasten "Dringende Not" 19. Katharinas Tod Flucht vor der "Pestilenz" Der Unfall Anna von Warbeck Das Leichenprogramm und die Bestattung Nachkommen und Reliquien Denkmaeler Katharinas Gedaechtnis Belege und Bemerkungen. Register. 1. Kapitel Katharinas Herkunft und Familie[1]. Zur Zeit der Reformation umfasste das Land Sachsen etwa das heutige Koenigreich, den groessten Teil der Provinz Sachsen und die thueringisch-saechsischen Staaten. Diese saechsischen Lande aber waren seit dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt in ein Kurfuerstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese Teilung, aber ganz nach damaligen Verhaeltnissen: zum Albertinischen Herzogtum, auch "Meissen" genannt, gehoerte der groesste Teil vom heutigen Koenigreich mit den Staedten Meissen, Dresden, Chemnitz; ferner ein schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte sich das Kurfuerstentum mit den Hauptstaedten Wittenberg, Torgau, Weimar, Gotha, Eisenach westwaerts, und Zwickau und Koburg nach Sueden. Die Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloss herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: "Die Meissner sind Gleisner". Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch gut[2]. Aus dem Herzogtum Meissen stammte nun Katharina von Bora, Luthers Hausfrau[3], waehrend er selbft ein geborener Mansfelder, dann ein Buerger der kursaechsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfuersten war. Er beklagte sich wohl bei seiner Frau ueber ihren Landesherrn, Herzog Georg den Baertigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit Luther in steter Fehde lag, gehaessige Schriften gegen ihn losliess und die Lutheraner im Lande "Meissen" verfolgte. Daneben neckte Luther seine Kaethe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Maere von seinem Tode verbreiteten: "Solches erdichten die Naseweisen, deine Landsleute"[4]. Im Meissenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwaerts von dem "Schloss und Staedtchen" Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch- und Deutschenbora[5], eine Viertelstunde von einander zwischen Tannengehoelzen, denn Tanne heisst auf slavisch "Bor"[6]. Hier hatte das Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die Naehe von Bitterfeld und Borna, je fuenf Stunden noerdlich und suedlich von Leipzig. Sie fuehrten alle im Wappen einen steigenden roten Loewen mit erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als Helmzier[7]. Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiss auszumachen. Mehr als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer, streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstaette zu sein: das ist fast jeder Ort, wo frueher oder spaeter Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber man kann eher noch beweisen, dass sie aus acht dieser Orte nicht stammt, als dass sie am neunten Ort wirklich geboren sei[8]. Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der doerferreichen Hochebene, wo man noerdlich nach dem nahen Deutsch-Bora und dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer Entfernung von einer Stunde, die burggekroente Bergnase von Nossen erblickt. Wahrscheinlicher aber wurde Kaethe zu _Lippendorf_ geboren. Westwaerts naemlich von Borna an der Pleisse zieht sich als meissnisches Gebiet ein weites Blachfeld, dessen Einfoermigkeit nur durch dunkle Gehoelze unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf Medewitzsch erhebt sich das Haeuflein Haeuser des kleinen Doerfchens Lippendorf und etwas abseits gelegen ein groesseres Gut, mit einem Teiche dahinter. Das war zwar kein rittermaessiger Hofsitz, aber doch ein stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 sass dort ein Hans von Bora mit seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur seine zweite Ehefrau. Hier waere nun Katharina an dem Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4 Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem bauernhofaehnlichen Anwesen waere sie--vielleicht unter einer Stiefmutter--herangewachsen. An diesem Teich haette sie als Kind gespielt und hinuebergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem Schlosspark und kleinen Kirchlein, und weiterhin ueber die Wiesen und Gehoelze der Mark Nixdorf nach der "Wuestung Zollsdorf"--wo sie spaeter als ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend hausen und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und Stall, Kueche und Keller von der fleissigen Mutter gelernt.[9] Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort Katharinas Geburtsstaette sein. Ja, sicher weiss man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans konnte der Vater wohl geheissen haben, so hiess damals jeder dritte Mann, auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht unglaubwuerdigen Nachricht waere die Mutter eine geborene von Haubitz gewesen und haette nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr beliebten Namen Anna getragen. Dann waere freilich Lippendorf nicht Kaethes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiss ist nur ihr Geburtstag, der 29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumuenze eingegraben, die heute noch vorhanden ist[10]. Auch ihre naechsten Verwandten sind bekannt. Katharina hatte wenigstens noch drei Brueder. Der eine, dessen Name nicht genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb ziemlich fruehzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian, der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die Rechte studieren; damals war "Christina von Bora Witfraw"[11]. Der andere Bruder Katharinas ist _Hans_ von Bora. Er war 1531 in Diensten des Herzogs Albrecht von Preussen, kehrte aber etwa 1534 von dort zurueck, um fuer sich und seine Brueder das Guetlein Zulsdorf als "Erbdaechlein" zu uebernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines "aufrichtigen, feinen und treuen Menschen". "Treu und brav ist er, das weiss ich, dazu auch geschickt und fleissig", bezeugt ihm Luther[12]. Weniger Loebliches ist von dem dritten Bruder _Klemens_ bekannt. Er kam mit Bruder Hans nach Koenigsberg, geriet aber nach dessen Rueckkehr in die Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst uebeln Ruf zuzog und ihn in Ungnaden bei dem Herzog brachte[13]. Ausser den Bruedern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt, welche spaeter in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester[14], welche freilich zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte. Wenn es wahr ist, dass um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach Wittenberg verheiratete[15], so muessen auf diesem Vorwerk in den zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und naehrte seinen Mann nicht, wie spaeter Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld wohnte in dessen Naehe auch in Zweig der Bora hauste[16]. Die Familie Katharinas muss recht arm gewesen sein: es heisst sogar: sie war in die aeusserste Bedraengnis geraten. Florian, der Sohn des aeltesten Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser wahrscheinlich das Erbgut besass, doch auf Stipendien angewiesen fuer seine Studien. Bruder Hans war am preussischen Hof so aermlich gestellt, dass Luther fuer ihn dem Herzog Albrecht "beschwerlich sein" und schreiben musste: "Nachdem meiner Kaethen Bruder Hans von Bora nichts hat und am Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, dass ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden wuerden zugeworfen, damit er auch Hemd und andere Notdurft bezahlen moechte.[17]" Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige Fraeulein mit durchschnittlich 3 Schock[18] jaehrlich erhielten; und auf ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, waehrend neue Nonnen wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte sie keine Mitgift in die Ehe bringen[19]. So ist also Katharina von Bora--wo es auch sei--in gar engen Verhaeltnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Maedchen etwa als zartes Ritterfraeulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als Jaegerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gaebe das ein gar falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als einziges Toechterlein, auch eine gewisse Selbstaendigkeit und Herrschergabe entfaltend, wie sie sich spaeter in der reifen Frau entwickelt zeigt. Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen vermoegen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und Farben. Wir moegen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen verwischen und verschwinden, waehrend zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, dass sie ein gar lebendiges und farbenreiches Gemaelde geben. Aber man kann sich doch auch wieder ueber diesen Mangel leicht troesten. Denn wie es scheint, sind die Eltern beide frueh gestorben. Sobald Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden: die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch Luther sonst so grosses Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft handelt; und auch waehrend der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall ist. Vielleicht ist gerade der Eltern frueher Tod fuer Katharina die Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten. Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fraeuleins faellt nicht in das Elternhaus. Denn sehr frueh kam Katharina von daheim fort und ihre bewusste Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im Jungfrauen-Stift. So faellt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre juenger war, etwa in dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien verliess und in das Kloster der Augustiner ging. 2. Kapitel Im Kloster. Wenn heutzutage ein armes Maedchen aus besseren Staenden versorgt werden soll, das nicht auf grosse Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und somit dem natuerlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben, voraussichtlich entsagen muss, so kommt es in eine Anstalt und bildet sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes Fraeulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgueter der Stammhalter und Schwestern noch mehr geschmaelert haette, zur Versorgung ins Kloster. Die alten Kloester (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der Vorfahren, worin "ehrsame" (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und fuer die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des jetzigen "geistigen" Berufs zum Wirken in der Welt fuer lebendige Menschen diente damals der "geistliche" Beruf zur Verehrung Gottes und der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch nicht immer freiwilligen Entschliessung zu einem selbstgewaehlten Beruf, der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt es damals die "ewige" unwiderrufliche "Vergeluebdung" auf Lebenszeit; statt der "Emanzipation", welche einer ausser dem Familienleben stehenden Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die "Klausur", die Einschliessung in die Klostermauern in einem streng geschlossenen Verband, dem "Orden", unter dem straffen Bande der "Regel", der Klostersatzungen. Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig gefragt, und es konnte auch keine Ruecksicht darauf genommen werden[22]. Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autoritaet, namentlich ueber Toechter, viel zu gross, und der Familiensinn in solchen adeligen Haeusern war ein zu stark ausgepraegter, als dass sich ein Glied in individueller Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt haette. Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: "Einen Moench macht entweder die elterliche Vergeluebdung oder die eigene Einwilligung"[23], also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben fuer eine standesgemaesse Versorgung und zugleich fuer einen "guten seligen Stand", wie eine Nonne aus dieser Zeit erklaert[24]. Zudem wurden die Toechter in einem Alter in das Stift gethan, wo von einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Maedchen waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr geschehen; viele kamen auch spaeter hinein, wenn sich die Familienverhaeltnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch frueherem Alter wurden "Kostkinder" aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden. "Es ist eine hohe Not und Tyrannei, dass man leider die Kinder, sonderlich das schwache Weibervolk und junge Maedchen in die Kloester stoesset, reizet und gehen laesst"--so aeussert sich Luther gerade ueber das Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entruestet aus: "O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den Ihren so schrecklich und greulich verfahren!"[26] Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora. Katharina ward ins Kloster geschickt--gefragt wurde das Kind natuerlich nicht; es geschah "ohne ihren Willen", wie denn Luther im allgemeinen von ihr und ihren Mitschwestern von Verstossung ins Kloster redet und von Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: "Wie viel meinst du, dass Nonnen in Kloestern sind, die froehlich und mit Lust ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum eine. Was ist's, dass du solches Kind laesst also sein Leben und alle seine Werke verlieren?"[27] Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf alle seine Gueter allda seiner--vielleicht in diesem Jahr geheirateten zweiten--Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509) schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die juengste, sondern die zweitjuengste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516) die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28]. Kloester gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meissnischen gegen 30 Nonnenkloester gezaehlt[29]. In welches Kloster Katharina eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es musste das adelige Cisterzienserinnen-Kloster "Marienthron" oder "Gottesthron" _Nimbschen_ bei Borna im Kurfuerstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer Siechenmeisterin, d.h. Krankenwaerterin der Nonnen. Ausserdem waren, scheint es, noch zwei Verwandte aus der muetterlichen Familie der Haubitz da: eine aeltere Margarete und eine juengere Anna. Das Kloster Nimbschen hat eine huebsche Lage. Eine Stunde unterhalb, nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Sueden und die Freiberger von Osten her zusammengeflossen sind zu der grossen Mulde, erweitert sich das enge Flussthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die Form eines laenglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter ansteigende, waldbewachsene Huegelkette den Werder. Ueber der noerdlichen Blattspitze, die scharf durch die zusammenrueckenden Felswaende abschliesst, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue, unmittelbar am Fusse des westlichen Waldhuegels, stand das Kloster. Es war also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Huegelreihen, nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drueben floss die Mulde ungesehen tief in ihren Ufern, ueberragt von der Felswand, hueben erhob sich der huegelige Klosterwald. Nordwaerts davon schimmerte ein ziemlich grosser Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg. Aus dem Huegel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebaeude aufgebaut waren; ein Graben an diesem Huegel hin verhinderte noch mehr den unbefugten Zutritt. Das Klostergebaeude war sehr umfangreich, denn so eine alte Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt fuer sich: nach alter Regel musste das Kloster alle seine Beduerfnisse selber durch eigene Wirtschaft befriedigen[31]. Daher gab es neben dem eigentlichen "Gotteshaus", wie ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebaeude: Staelle fuer Pferde, Rinder, Schweine, Gefluegel mit den noetigen Knechten und Maegden, Hirten und Hirtinnen fuer Fuellen, Kuehe, Schafe (das Kloster hatte deren 1800!), Schweine und Gaense; ferner Maeher, Drescher, Holzhauer, eine "Kaesemutter". Das Kloster selbst zerfiel in zwei Gebaeudekomplexe: "die Propstei" und die "Klausur". Die Propstei schloss sich um den aeusseren Klosterhof und umfasste die Wohnung des Vorstehers oder Propstes, eines "Halbgeistlichen", welcher mit "Ehren" ("Ehr") angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit) samt dem Schreiber; ferner das "Predigerhaus", in welchem die zwei "Herren an der Pforte", d.i. Moenche aus dem Kloster Pforta, als Beichtvaeter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht ueber Nimbschen. Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Muehle, Kueche und Keller waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und hantierten; auf dem Thorhaus sass der Thorwaerter Thalheym. Ein "Hellenheyszer" hatte die Oefen zu besorgen. Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein grosses Personal: 40-50 Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora taeglich "ueber den Hof" zu speisen; und dazu mussten Loehne gezahlt werden, vom Oberknecht mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur Gaensehirtin, welche nur 40 Groschen bekam. Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu speisen, brauchte es natuerlich grosser Einkuenfte an Geld, Getreide, Huehnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdoerfern und Hoefen, ausser den Klosterguetern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden. Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Duengen, Dreschen, Maehen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pfluecken, Flachs und Hanf raufen, riffeln und roesten, Schafscheren, Jagdfron (Treiben bei der Jagd) wofuer teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd auch Geld gereicht wurde. Die Nonnen selbst wohnten in der "Klausur", einem zweiten Gebaeudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium (Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand. Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehoerte, war zwischen dieser und dem Propsthofe. Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Toechter adeliger Haeuser aus verschiedenen Gegenden des kurfuerstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu kamen noch ein halb Dutzend "Konversen" oder Laienschwestern, die um Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte "Kochmeide", darunter eine Koechin, und die "Frauen-Meid", d.h. die Dienerin der Aebtissin. Diese hatte ausserdem noch zwei Knaben zu ihrer Verfuegung, die natuerlich im aeussern Klosterhof wohnten und zu Kleidern und Schuhen zusammen 1 Schock jaehrlich erhielten[32]. Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hiessen daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik, die sich in allen Dingen selbst regierte nach der "Regel", den Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren--bloss unter Oberaufsicht ihres Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der Regel anordnen und ruegen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard, eine etwas strengere Abart derjenigen der gewoehnlichen alten Benediktinerinnen[33]. Die Nonnen waren ausser der Aebtissin in die _Klausur_ eingeschlossen, aus welcher sie nur in Klosterangelegenheiten mit besonderer Erlaubnis, und dies selten und in Begleitung einer Seniorin und des Beichtvaters, heraustreten durften. Ein Verkehr mit der Aussenwelt oder auch nur mit den Klosterleuten auf der Propstei fand nicht statt; auch in der Kirche waren sie auf einem besonderen dicht vergitterten Nonnenchor den Blicken der Weltleute entzogen. Verboten war ausdruecklich das Uebersteigen an der Orgel und das Herauslehnen ueber die Umzaeunung des Chors. Wenn jemand von draussen (Geistlicher oder Weltlicher) mit einer Klosterjungfrau zu reden hatte, etwa die Eltern und Geschwister zu Besuch kamen, so durften sie nur mit besonderer Erlaubnis der Aebtissin, und nur wenn es die Not erforderte, in der Redstube durch das vergitterte Redfenster und in Gegenwart der Aebtissin mit ihr sprechen; es war unmoeglich gemacht, dass jemand die Hand oder ein Ding durch das Fenster steckte. Ebenso war der Beichtstuhl vermacht, und selbst der Beichtvater durfte nur in Krankheitsfaellen in die Klausur eintreten. Festlichkeiten und Ergoetzungen sollten die Beichtvaeter nicht mit den Klosterjungfrauen mitmachen. Der Pfoertnerin war bei Strafe verboten, Hunde (?), alte Weiber und dgl. einzulassen[34]. Die Schwestern durften auch nicht mit den Klosterkindern[35] zusammen schlafen. In diesem kloesterlichen Verband gab es zur Regierung und Verwaltung der Gemeinschaft zahlreiche Aemter. Mit ziemlich unumschraenkter Gewalt herrschte die gewaehlte _Aebtissin_: ihrem Befehl und ihren Strafen war mit wortlosem, unbedingtem Gehorsam nachzukommen; doch war sie gehalten, ueberall den Rat ihrer "Geschworenen und Seniorinnen" zu hoeren. Ihr war nicht nur die aeussere Verwaltung der Gemeinschaft uebertragen, auch die "Leitung der Seelen und Gewissen". Sie sollte sich bestreben, gleich liebreich gegen alle, Junge und Alte, aufzutreten, fuer alle, Gesunde und Kranke, namentlich in ihrer leiblichen Notdurft, besorgt zu sein. Mit Ehrfurcht nahten die Schwestern der Aebtissin, sie war die Domina (Herrin), die ehrwuerdige Mutter, und die draussen wenigstens nannten sie "Meine gnaedige Frau." Im Jahr 1509, also kurz nachdem Katharina von Bora in Nimbschen eingetreten war, starb die alte Aebtissin Katharina von Schoenberg, und Katharinas Verwandte, Margarete von Haubitz, wurde zur Aebtissin gewaehlt und feierlich vom Abt Balthasar aus Pforta in ihr Amt eingefuehrt[36]. Nach der Aebtissin kam an Wuerde die Priorin ("Preilin"), einerseits die Stellvertreterin und Gehuelfin derselben, andererseits aber auch die Vertreterin und Vertrauensperson des Konvents. Auf sie folgte die "Kellnerin", die "Bursarin" (auch "Bursariusin", Kassiererin) die Kuesterin, die Sangmeisterin ("Saengerin"), die Siech- und Gastmeisterin[37]. Die Schwesternschaft, in welche die junge Katharina eintrat, hatte einen gleichartigen gesellschaftlichen Rang: sie waren alle aus dem kleinen Adel und vielfach mit einander verwandt oder gar Schwestern: so die zwei Haubitz, die zwei Schwestern Zeschau und Margarete und Ave von Schoenfeld, wozu noch eine Metze[38] Schoenfeld kam, welche 1508 Siechenmeisterin und spaeter Priorin wurde. Aber die einen waren wohlhabend mit einem ordentlichen Leibgeding an Geld und Naturalien, die anderen arm, vielleicht nur bei dem Eintritt und bei der Einsegnung mit einem kleinen Geschenke von ihren Verwandten abgefunden. Der Wohlstand scheint nicht ohne Einfluss auf die amtliche Stellung gewesen zu sein; denn es ist doch wohl nicht Zufall, dass die am reichsten Verleibgedingte, Margarete von Haubitz, zur Aebtissin gewaehlt wurde[39]. Auch das Alter war ein gar verschiedenes: da war die 70 jaehrige Ursula Osmund, die an hundert Jahre alt wurde, und die zehnjaehrige Katharina von Bora und die beiden jungen Schoenfeld, welche in aehnlichem Alter standen. Lange Zeit wurden gar keine neuen Jungfrauen in das Stift aufgenommen: von 1510 bis 1517 blieben Katharina und Ave die letzten, vielleicht weil die Zahl 50 (mit den Konversen) ueberschritten war und die Einkuenfte des Klosters nicht mehr Personen ertrugen. Dass die Klosterfrauen auch an Wesen, Charakter und Temperament verschieden waren, ist natuerlich; aber alle geistige Individualitaet (alle "Eigenschaft") wurde durch die Klosterregel und Klosterzucht ebenso ausgeloescht, wie die leibliche Verschiedenheit durch die gleiche Tracht: Nonnen tragen auch eine geistige Uniform. Dazu sind Freundschaften verboten. Von irgend einer Eigenheit einer Schwester erfaehrt man nichts. Nur die Aebtissin Margarete von Haubitz ist spaeter charakterisiert als: "ehrliches (vornehmes), frommes, verstaendiges Weibsbild"[40]. Ob die neue Klosterjungfrau _Katharina von Bora_ an ihr oder den anderen Verwandten aus dem muetterlichen Geschlechte eine Annehmerin gefunden habe, ist nicht zu sagen. Doch war nicht von vornherein die Verwandtschaft mit der Aebtissin ein Grund zu einer freundlichen Behandlung. Denn eine gleichzeitig mit Katharina in ein andres Kloster eingetretene junge Nonne beklagt sich, dass ihre Muhme, die Aebtissin, ganz besonders gewaltthaetig und grausam mit ihr verfahren sei. Vielleicht hat Katharina eine Art muetterliche Freundin an ihrer anderen Verwandten aus dem vaeterlichen Geschlecht gefunden, der ehemaligen Siechenmeisterin Magdalena von Bora, weil diese nachher sich als "Muhme Lene" so innig an Katharina und ihre neue Familie anschloss[41]. Zunaechst wurde das junge Maedchen eingefuehrt in die Ordensregel und den Gottesdienst, wurde gewoehnt an kloesterliches Benehmen und an geistliches Denken und Wesen, auch unterrichtet in einigen Kenntnissen und Fertigkeiten. In Nimbschen wird keine besondere Novizenmeisterin genannt; es war nur vom Abt bei der Einfuehrung der neuen Aebtissin 1509 im allgemeinen aufs neue als Ordensregel eingeschaerft: "Weil es ein Werk der Froemmigkeit und Barmherzigkeit ist, die Ungelehrten gelehrter zu machen, wollen wir, dass diejenigen, welche mehr verstehn unter den Jungfrauen, die andern zu belehren und unterrichten sich bestreben, in dem Bewusstsein, dass sie einen grossen Lohn fuer diese Muehe empfangen, und dass sie durch diese Beschaeftigung viel Leichtfertigkeit vermeiden, wozu die ausgeladene Jugend geneigt ist." Natuerlich sollten aber alle Aelteren den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen. Als "der Schluessel der Religion" musste zunaechst ueberall, wo es die Ordensregel vorschrieb, unbedingtes _Stillschweigen_ beobachtet werden--ausser dem unbedingten Gehorsam, an den sich die Novizin zu gewoehnen hatte, der wichtigste und hoechste Punkt des kloesterlichen Lebens. Denn es muesste Rechenschaft gegeben werden von jedem unnuetzen Wort nicht nur vor Gottes Richterstuhl, sondern auch vor dem Beichtstuhl des Priesters. Vielmehr sollten die Klosterjungfrauen ausserhalb der vorgeschriebenen Gebetszeiten und der Lektionen in besonderen Gebeten mit dem Braeutigam Christus reden oder in Beschaulichkeit schweigend hoeren, was Gott in ihnen redet. Darum wurde streng darauf gesehen, dass die Kinder und heranwachsenden Jungfrauen nicht herumliefen und schwatzten, sondern sich sittsam und schweigsam verhielten. Es galt sodann in Kleidung und Haltung, in Gebaerde und Rede sich das rechte nonnenhafte Wesen anzueignen. "Am Ort der Busse", musste man "die groesste Einfachheit der Kleidung zeigen, sich weder mit weltlichen Gewaendern schmuecken, noch auch mit den Fransen der Pharisaeer", sondern die Kutten bis an die Schultern herausziehen. Das Angesicht mussten die Novizen lernen stets zu neigen. "Denn die Scham ist die Hueterin der Jungfrauschaft, der koestlichen Perle, welche die geistlichen Toechter bewahren sollen. So sollen sie mit Seufzen und Beklagen der verlorenen Zeit die Ankunft des himmlischen Braeutigams erwarten welcher seine Verlobten,--die im Glauben und hl. Profess stets des Herrn harren,--mit Frohlocken in sein Brautgemach fuehrt." "Damit sie sich aber nicht mit dem Laster des Eigentums beflecken, welches in der Religion das schlimmste und verdammlichste und ein Netz des Teufels ist, sollen sie bei Strafe der Exkommunikation alle Geschenke von Freunden und andern draussen nicht als ihr Recht beanspruchen, sondern der Aebtissin reichen, und demuetig von ihr das Noetige begehren." Die Vorgesetzten assen zwar am besonderen Tisch und hatten bessere Speisen und Getraenke: so bekamen sie echtes Bier, dagegen die Konventualinnen nur "Kofent" (Konvent- d.h. Duenn-Bier)[646], aber gleichmaessige Behandlung aller Klosterjungfrauen in Speisen und Getraenken waren der Aebtissin zur Pflicht gemacht, und die Mahlzeiten liessen nach herkoemmlicher Klostersitte nichts zu wuenschen uebrig[42]. "Festmahlzeiten und Ergoetzlichkeiten" waren den Schwestern unter sich von der Aebtissin erlaubt. Diese Ordnungen, zu welchen in Nimbschen bei Einfuehrung der neuen Aebtissin der Abt-Visitator eine Art Hirtenbrief als Erlaeuterung und Ergaenzung der Ordensregel gegeben hatte, wurden alle Vierteljahre kapitelweise im Konvent gelesen und durch die Aebtissin oder Priorin Punkt fuer Punkt erklaert, damit jede Klosterjungfrau--namentlich aber die Neulinge--aus sich selbst die kloesterliche Lebensweise und Lebenseinrichtung annaehmen. In solche strenge Klosterzucht wurde nun das junge Maedchen eingefuehrt. Wenn auch die Praxis--wie sich bei jeder Visitation zeigte, namentlich in der Verordnung von unnuetzen Reden--von der Theorie abwich, so war doch zu dieser Zeit ein stramme ernstliche Einhaltung der Ordensregel in Nimbschen durchgefuehrt. Man hatte naemlich gerade um 1500 auch hier wie in anderen Kloestern eine "Reformation" der zerfallenen Klosterordnung erstrebt[43]. Neben dieser Erziehung zum Klosterleben gab es auch einigen _Unterricht_, der mit dem Ordensleben zusammen hing. Die Novizen mussten lesen lernen--was damals bei der krausen Schrift und dem noch krauseren Stil nicht so ganz leicht war[44]. Sogar ins Lateinische mussten die Nonnen notduerftig eingefuehrt werden: denn die Lesungen und Gebete, besonders aber die Gesaenge waren meist in der Kirchensprache geschrieben--wenn es auch mit dem Verstaendnis der Fremdsprache nicht gerade weit her war: singen ja doch auch heute Kirchenchoere in Dorfgemeinden lateinische Hymnen und Messen. Auch schreiben hat Katharina im Kloster gelernt, wenn sie auch spaeter--wie alle viel beschaeftigten Frauen nicht gerne und viel schrieb und an Fremde und hochgestellte Personen ihre Gedanken lieber einem Studenten oder Magister in die Feder sagte. Sonst konnten nicht alle Klosterfrauen diese Kunst. Eine eigentliche Schule, worin die Schulmeidlein gelehrt wurden, gab es nicht, doch waren einige Klosterfrauen faehig, nach ihrem Austritt Maedchenschulmeisterinnen zu werden, so die Schwester von Staupitz und die Elsa von Kanitz[45]. Der _Gesang_ spielte eine grosse Rolle im Kloster: waren doch alle religioesen Uebungen groesstenteils gemeinschaftlich und mussten so zum Chorgesang werden. Es war eine Saengerin oder Sangmeisterin (Kapellenmeisterin) bestellt, welche die Gesaenge einzuueben hatte. Und im Kloster war ein altes "Sangbuch", welches 1417 fuer 2 Schock Groschen gekauft und vom markgraeflichen Vogt zu Grimma bezahlt worden war. Es waren aber im Kloster fremde Gesaenge aufgekommen und es wurde gegen die Regel des seligen Vaters Bernhard zu schnell und ungleich (d.h. rhythmisch) gesungen, und kam der Unfug auf, dass unvermittelt bald alle, bald wenige Stimmen sangen; der Abt von Pforta ordnete daher an, dass rund, eine Silbe wie die andere gesungen werde, einhellig und mit gleicher Stimme, nicht zu hoch und zu tief[46]. Im Jahre 1509, als Katharina von Bora zehn Jahre zaehlte, war sie kein Kostkind oder Schulmeidlein mehr, sondern wurde schon unter die Klosterjungfrauen gezaehlt. Sie war also einstweilen wenigstens "Postulantin", Anwaerterin fuer die Pfruende. Da meist das vierzehnte Lebensjahr das Entscheidungsjahr fuer die Klostergeluebde war, so haette sie mit dem dreizehnten ihr Noviziat antreten und ein Jahr darauf Profess thun koennen. Es ist auffaellig, dass sich dies bei Katharina zwei Jahre hinausschob, und sogar die spaeter eingetretene juengere Ave Schoenfeld _vor_ ihr mit ihrer aelteren Schwester Margarete eingesegnet wurde[47]. Mit ihrem 15. Jahre also wurde Katharina von Bora nach dem Herkommen der Sammlung von der Aebtissin "angegeben" (vorgeschlagen) und von dem Konvent angenommen. Unter feierlichen Zeremonien in der Kirche wurden ihr die Haare abgeschnitten, die mit Weihwedel und Rauchfass besprengten und beraeucherten heiligen Kleider angethan: die weisse Kutte uebergezogen, der weisse Weiler (das Kopftuch (velum, der sog. Schleier)) ums Haupt geschlungen; auf diesem wurde der Himmelsbraut der weisse Rosenkranz aufgesetzt und der Heiland im Kruzifix als Braeutigam in die Arme gelegt, dann hat sie ihm durch Opferung des Kranzes ewige Reinigkeit verheissen und geschworen. Darauf fiel die Postulantin der Reihe nach der Aebtissin und jeder der einzelnen Klosterfrauen demuetig zu Fuessen, wurde von ihnen aufgehoben und mit einem Kusse als Schwester in die Gemeinschaft aufgenommen[48]. Jetzt kam Katharina unter die strenge Zucht einer aelteren Klosterfrau und musste in dieser Probezeit im Ernst all die vielen Dinge ueben in Haltung und Gang, in Gebaerde und Rede, welche eine Nonne auf Schritt und Tritt zu beobachten hat, wenn sie nicht gegen die Regel suendigen und dafuer Busse erleiden will. So erzaehlt eine Nonne: "Das Probejahr geschahe nur, dass wir Ordensweise lernten und uns versuchten, ob wir zum Orden tuechtig"[49]. Endlich, im Jahre 1515, "Montags nach Francisci Confessoris", d.h. am 8. Oktober, war Katharinas "eynseghnug". Da musste sie "Profess thun", d.h. das ewig bindende Klostergeluebde ablegen. Es wird ihr gegangen sein wie jener anderen Nonne, die um diese Zeit auch eingesegnet wurde und von sich erzaehlt: "Am Abend vor meiner Profession sagte mir die Aebtissin vor der ganzen Versammlung im Kapitel: man solle mir die Schwierigkeit der Regel vorlegen und mich fragen, ob ich das gesinnet waere zu halten? waere aber nicht von noeten, denn ich haette mich in der Einkleidung genugsam verpflichtet. Und wenn ich gleichwohl gefragt worden waere, haette ich doch nichts sagen duerfen, haette mir auch nichts geholfen." Die Einsegnung ging vor sich und zwar war Katharina von "Bhor" als einzige auf diesen Tag geweiht. Sie spendete dabei dem Kloster von dem wenigen, was sie vermochte, 30 Groschen[50]. Zwar nicht widerwillig, aber doch wie sie (bezw. Luther) spaeter sagte, ohne "ihren Willen" wurde Katharina als Tochter des sel. Vaters Bernhard verpflichtet. Trotzdem aber hat sie sich in die Klosterregel nicht nur gefuegt, sondern auch "hitzig und emsig und oft gebetet"[51]. Das entspricht ihrer gesamten entschiedenen Natur, wie sie sich spaeter ausgereift zeigt. Sie war ja gelehrt worden, durch "gute Werke", insbesondere durch Klosterwerke, erwerbe man sich himmlische Gueter und geldliches Vermoegen und einen hohen seligen Sitz im Jenseits; also strengte sie alle Kraft und allen Fleiss an, solchen Reichtum zu erwerben und durch geistliche Uebungen sich einen guten Platz im Himmel zu verdienen. Was sie spaeter als Frau einmal angriff, das erstrebte sie auch mit der ganzen Gewalt und Zaehigkeit ihres Willens, und so wird sie es auch im Kloster gehalten haben als Nonne. Zudem pflegen junge Klosterleute, namentlich weibliche, die eifrigsten zu sein in der Uebung der Pflichten, auch wenn sie nichts von Schwaermerei an sich haben. Und was hatte nun die junge Nonne fuer hohe Werke und heilige Pflichten zu thun? Fast das gesamte Leben im Kloster fuellten geistliche Uebungen aus, ihr ganzes Tagewerk war Beten, Singen, Lesen, Hoeren erbaulicher Dinge, "da", wie es in einer Klosterregel heisst, "alle Klausur und geistliche Leute erdacht und gemacht sind, dass sie unserm Herrn und Gott dienen und fuer Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten fuellen". Das waren nun ausser dem Messesingen und den privaten Gebeten noch besonders die gemeinsamen 7 Gebetszeiten, die Horen: Matutin, Terz, Sext, Non am Morgen, Vesper und Komplet am Abend mit Psalmen, Martyrologien, Ordensregeln. Auch naechtliche Gottesdienste wurden begangen: Metten und Vigilien. Und sogar waehrend des Essens, wo Stillschweigen geboten war, wurde vorgelesen aus einem Erbauungsbuch. Abwechselnd hatte Katharina auch selbst diese Vorlesung zu halten und musste dann nachspeisen[52]. Welchen Eindruck diese Vorschriften auf ein natuerlich fuehlendes und religioeses Gemuet machen mussten, hoeren wir aus einem spaeteren Bericht: "Da D. Martinus der Nonnen Statuten las, die gar kalt geschrieben und gemacht waren, seufzte er sehr und sprach: "Das hat man muessen hochhalten und hat dieweil Gottes Wort vermisset! Sehet nur, was fuer eine Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Papsttum gewest ist, da man auf die horas canonicas und Menschensatzungen drang, wie Hugo geschrieben, dass wer nur eine Silbe ausliesse und nicht gar ausbetete, muesste Rechenschaft dafuer geben am juengsten Gericht[53]." Ob Katharina je ein Amt in dem Konvent bekleidet hat, wissen wir nicht; jedenfalls konnte dies nur ein niederes, etwa das einer "Siechenmeisterin" sein. Wahrscheinlich aber war sie noch zu jung, als dass bei so vielen Vorgaengerinnen an sie die Reihe gekommen waere[54]. Eigentliche _Arbeit_ gab es im Kloster nicht: die Nonnen durften ja nicht aus der Klausur, und die Hausarbeit in Kueche und Stube schafften die Laienschwestern und Klostermaegde. Freilich so ganz arbeitslos wie bei manchen adeligen Moenchsorden, wovon der Volkswitz sagt: Kleider aus und Kleider an Ist alles, was die Deutschherrn than. --so traege verfloss das Leben der Nonnen nicht. Konnten sie sich doch mit weiblichen Handarbeiten abgeben wie Spinnen von dem Ertrag der grossen Schafherden fuer die wollene Bekleidung, namentlich aber mit Stickereien, wie Altardecken, Messgewaender, Teppiche, Fahnen u.s.w., in Nimbschen, wohl auch in Pforta fuer die Kirche der dortigen Moenche und vielleicht auch fuer den Bischof von Meissen, unter dem das Kloster stand[55]. So hat jedenfalls auch Schwester Katharina manche kunstvolle Stickerei verfertigt, wenn auch die mancherlei Handarbeiten, welche heutzutage da und dort von Luthers Kaethe gezeigt werden, wohl alle nicht echt sind. Eine gewisse Unterhaltung gewaehrte noch die Besichtigung und Instandhaltung der zahllosen Reliquienstuecke, welche in der Nimbscher Kirche aufgespeichert waren, und welche es galt zu schmuecken und in Ordnung zu halten. Es waren da an den 12 Altaeren in Kreuzen, Monstranzen, Kapseln, Tafeln wohl vierhundert hl. Partikeln. So von Christi Tisch, Kreuz und Krippe, Kleid und Blut und Schweisstuch, vom Stein und Boden, wo Jesus ueber Jerusalem weinte, im Todesschweiss betete, gegeisselt sass, gekreuzigt ward, gen Himmel fuhr; vom Haar, Hemd, Rock, Grab der hl. Jungfrau; von den Aposteln allerlei Knochen, auch Blut Pauli, vom Haupt und Kleid Johannes' des Taeufers; von vielen Heiligen, bekannten und unbekannten: den 11000 Jungfrauen, der hl. Elisabeth von Thueringen, der hl. Genoveva, dem hl. Nonnosus, der hl. Libine Zaehne, Haende, Arme, Knochen, Schleier, Teppiche--, ferner Partikeln von der Saeule Christophs, vom Kreuz des Schaechers u.a.[56]. Aber auch hier hatten die Seniorinnen, u.a. auch Magdalena von Bora, die Obhut ueber die hl. Kapseln. Vor allen diesen Reliquien wurden bestimmte Antiphonien gesungen, was eine gewisse Abwechslung in dem taeglichen Gottesdienst gab. Eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei brachten auch die vielen Festtage, Bittgaenge und Prozessionen im Kreuzgang und auf dem Kirchhof[57]. Eine grosse Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von Pforta--freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern musste abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster verkoestigt, auch herkoemmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58]. Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Missstaende, ein Verhoer aller einzelnen Schwestern und schliesslich einen oft scharfen Bescheid. Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfuersten Ablaesse, wenn auch nur 40taegige, erlangt fuer Besucher und Wohlthaeter des Klosters, fuer Anhoerung von Predigten und Kniebeugen beim Avelaeuten[59]. Der Hauptablass aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten des Klosters unter dem Namen "_Ablass_" (wie in Bayern "Dult" = Indulgenz = Ablass). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu Nimbschen jaehrlich "Ablass" war, mussten fronweise aus jedem Klosterdorf drei Maenner kommen und "zur Verhuetung von Haendeln, bei Tag und Nacht zu besorgend, Wache halten". Von all diesem Leben und Treiben freilich sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer Klausur aus den Laerm draussen hoeren konnten[60]. Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die andre Schwester mit; aber freilich an die juengern Klosterfrauen kam das wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Staedchen, oder auch ins ferne Torgau, die kurfuerstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das grossartige Schloss Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und musste mit eigenem Geschirr Getreide holen, waehrend die Stadt verschiedene Gebraeude Bier selbst bringen musste. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurueck gebracht. Eingekauft wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schoeffer Leonhard Koppe, z.B. Tonnen Heringe, Kiepen (Rueckkoerbe) voll Stockfische, Hechte, Faesser Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkaeufe zu Martini, wo "Meine gnaedige Frau", die Aebtissin, mit einer wuerdigen Jungfrau die Zinsen einnahm, in der Herberge auch einige Groschen "zu vertrinken" gab und bei Koppe einkaufte und die Rechnung persoenlich bezahlte[61]. Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts besonderes Ausserordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schoenfeld die Juengsten im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von muetterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Possin, 1 Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers (Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten sehr zu ihrem Propst, waehrend die Beichtvaeter verhasst waren; denn diese, "die 2 Herren an der Pforte" betrugen sich anspruchsvoll und anmassend, mischten sich--wohl aus Langerweile--in Dinge, die sie nichts angingen, wollten in die Verwaltung, also in den Geschaeftskreis des Propstes drein reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so dass gar oft Klagen wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt wider sie und gegen ihre Schuetzer, die Aebte von Pforta, anrufen musste[63]. Da gab es nun in diesen Jahren eine gar willkommene Gelegenheit, den Moenchen ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513 kam der Vorsteher vom Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen Pforzheim im Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein Privilegium an. Weil seine Anstalt naemlich nicht genug Einkuenfte besass, hatte er sich vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, dass allen Wohlthaetern des Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde. Also gab die Domina Aebtissin und ganze loebliche Sammlung des Klosters eine Beisteuer und erhielten dafuer einen gedruckten mit dem Namen "Niimitsch" ausgefuellten und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim ord S. Spirit. unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen fuer seine milde Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und aller guten Werke und Ablaesse derselben teilhaftig und ihm insbesondere erlaubt wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder moenchischen Beichtvater Absolution von Suenden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar solchen, welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im Leben und im Todesfall, so oft es noetig erschien, erteilen zu lassen. Dieses Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthueren geoeffnet, durch welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit erlangen konnten. Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs. Die Klosterdoerfer hatten zwoelferlei Fronden. Von diesen trotzten die Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht zufrieden, so dass der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen musste[65]. Das waren die kleinen und kleinlichen Eindruecke und Ereignisse, die in das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora eingreifend, die glatte Oberflaeche ihres beschaulichen Daseins leicht kraeuselten. Das waren die einfoermigen Beschaeftigungen, mit denen sie die Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre muehsam hinwegtaeuschten. Solche einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die koerperliche Kraft eines jungen Menschenkindes zurueckhielt, so musste es auch die aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht nur das aeussere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge kurzsichtig. Wenn auch die gaehnende Langeweile demjenigen nicht zu Bewusstsein kam, der von nichts anderem wusste, so musste doch der Geist nach Eindruecken lechzen, so dass das Sprichwort begreiflich wird, welches den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt: "Neugierig wie eine Nonne". Und die staendige Aufgabe, "das Leben in sich abzutoeten", konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich heisshungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die eigentuemliche Lebenskraft des Weibes, das Gemuet hier unbefriedigt[66]. Gewiss die allermeisten dieser adligen Fraeulein hatten es aeusserlich angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxurioeser als daheim im beschraenkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewusstsein hatte, war viel groesser als dasjenige, das eine arme Edelfrau draussen in der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die Kuenstlichkeit all dieser Verhaeltnisse musste, wenn auch ohne klares Bewusstsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist druecken. Nur das eine Gefuehl konnte die Nonne ueber alle Zweifel, alle Entsagung, alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das Bewusstsein, ein gottwohlgefaelliges Werk zu thun, sich ein besonderes Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschuettert und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann musste das ganze Gebaeu zusammenstuerzen, dann musste eine gegen sich aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfuellt hatte. Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verstaendiger, nuechterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter Schwermut sich unglueckselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine verschlossene Welt. Es musste ihr erst die Moeglichkeit sich oeffnen, den Klostermauern zu entrinnen, und das pflichtmaessige Recht, es zu duerfen; dann aber erwachte auch ihre ganze Thatkraft und mit aller Macht des Willens und Verstandes setzte sie auch durch, was erreichbar und recht war. 3. Kapitel Die Flucht aus dem Kloster Kaum ein Jahr hatte Schwester Katharina das Nonnengeluebde abgelegt, da schlug der Augustinermoench Martin Luther in Wittenberg die 95 Saetze wider den Ablass an. Nach einem Jahr stellte er sich dem Gesandten des Papstes in Augsburg zur Verantwortung. Wieder ein Jahr spaeter war die grosse Redeschlacht mit Eck zu Leipzig. Am Ende des folgenden Jahres verbrannte Luther die Bannbulle und im Fruehjahr 1521 stand er vor Kaiser und Reich in Worms. Diese die Kirche und die ganze christliche Welt aufregenden Ereignisse drangen auch in die Kloester und erregten auch dort die Geister; dies um so mehr, weil der Urheber all dieser gewaltigen Kaempfe selbst ein Klosterbruder war, und zwar ein Augustiner, der dem Orden der alten Benediktiner (Cisterzienser und Bernhardiner) verwandt war und darum als Vorkaempfer dieses wider die gegnerischen Genossenschaften der ketzerrichterischen Dominikaner angesehen und schon darum mit einer gewissen Sympathie betrachtet wurde. Aber noch tiefer in das Leben und die Gedankenwelt der Klosterbewohner schnitten die Schriften ein, welche der Wittenberger Moench und Doktor in diesen grossen Jahren schrieb. Schon die Disputation von "Kraft und Wert des Ablasses" ueber die 95 Thesen ging die Nonnen in Nimbschen besonders an; denn auf "Kraft und Wert des Ablasses" ruhte ja ein sehr grosser Teil ihres geistlichen Vermoegens: der Gottesdienst an jedem Festtag, ja das Kniebeugen beim Avelaeuten brachte jedesmal vierzig Tage Ablass ein. Aber noch naeher sollten ihre Person und ihren besonderen Beruf weitere Schriften beruehren[67]. Es erschien 1518 Luthers "Auslegung des Vaterunsers fuer die Einfaeltigen". Darin musste einem Klosterinsassen gar mancherlei auffallen. Das Vaterunser, heisst's da, ist das edelste und beste Gebet--beim Rosenkranz aber kommt das Ave Maria 5 mal so oft vor! Ferner: "Je weniger Worte, je besser Gebet; je mehr Worte, je weniger Gebet. Da klappert einer mit den Paternosterkoernern und manche geistliche Personen schlappern ihre Horen ueberhin und sagen ohne Scham: 'Ei nun bin ich froh, ich habe unsern Herrn bezahlt', meinen, sie haben Gott genug gethan. Jetzt setzen wir unsere Zuversicht in viel Geplaerr, Geschrei und Gesang, was Christus doch verboten hat, da er sagt: 'niemand wird erhoert durch viel Worte machen'. Er spricht nicht: ihr sollt ohne Unterlass beten, Blaetter umwenden, Rosenkranz-Ringlein ziehn, viele Worte machen. Das Wesen des Gebets ist nichts anders als Erhebung des Gemuetes oder Herzens zu Gott, sonst ist's kein Gebet. Den Namen Gottes verunehren die hoffaertigen Heiligen und Teufels-Martyrer, die nicht sind wie andere Leute, sondern gleich dem Gleisner im Evangelium. Wir beten nicht: Lass uns kommen zu deinem Reich, als sollten wir darnach laufen; sondern: Dein Reich komme zu uns; denn Gottes Gnade und sein Reich muss zu uns kommen, gleich wie Christus zu uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist und nicht wir zu ihm von der Erde gestiegen sind in den Himmel. Das taegliche Brot ist das Wort Gottes, weil die Seele davon gespeist, gestaerkt, gross und fest wird. Es ist ein schweres Wesen zu unser Zeit, dass das Fuernehmste im Gottesdienst dahinten bleibt."[68] Dann kam 1520 der "Sermon von den guten Werken". Gute Werke waren ja alles Thun im Kloster: Beten, Fasten, Wachen u.s.w. Was aber nennt nun Luther wahrhaft gute Werke? "Das erste, hoechste und alleredelste Werk ist der Glauben an Christum. Darin muessen alle Werke geschehen und dadurch erst gut werden. Beten, Fasten, Stiften ist ohne dies nichts. Fragst du solche, ob sie das auch als gutes Werk betrachten, wenn sie ihr Handwerk arbeiten und allerlei Werk thun zu des Leibes Nahrung oder zum gemeinen Nutzen, so sagen sie nein! und spannen die guten Werke so enge, dass nur Kirchengehen, Beten, Fasten Almosen bleiben. So verkuerzen und verringern sie Gott seine Dienste. Ein Christenmensch vermisset sich aller Ding, die zu thun sind, und thut's alles froehlich und frei; nicht um viele gute Verdienste und Werke zu sammeln, sondern weil es ihm eine Lust ist, Gott also wohlzugefallen. Eltern koennen an ihren eigenen Kindern die Seligkeit erlangen; so sie die zu Gottes Dienst ziehen, haben sie fuerwahr beide Haende voll guter Werke an ihnen zu thun. O welch ein selige Ehe und Haus waere das! Fuerwahr, es waere eine rechte Kirche, ein auserwaehlet Kloster, ja ein Paradies!" Und aehnliche Gedanken konnten die Klosterleute ausgefuehrt finden in des Doktors herrlichem Buechlein "Von der Freiheit eines Christenmenschen" vom selben Jahr 1520. Da heisst es: "Der Mensch lebt nicht fuer sich allein, sondern auch fuer alle Menschen auf Erden; ja vielmehr allein fuer andere und nicht fuer sich. Daher bin ich schmerzlich besorgt, dass heutzutage wenige oder keine Stifte und Kloester christlich sind. Ich fuerchte naemlich, dass in dem Fasten und Beten allesamt nur das Unsere gesucht wird, dass damit unsere Suenden gebuesst und unsere Seligkeit gefunden wird." Fuer die Moenche und Nonnen aber eigens geschrieben waren mehrere Schriften ueber das Klosterleben. So das Buechlein ueber "die Klostergeluebde. Aus der Wuestenung (d.h. Wartburg) anno 1521". Darin nimmt sich Luther der gefallenen und geaengsteten Gewissen an und thut aus Gottes Wort dar, dass die Geluebde, die ohne und wider Gottes Gebot geschehen und an sich unmoeglich sind, eines getauften Menschen Herz nicht bestricken und gefangen halten koennen. Der Glaube und das Taufgeluebde sei das oberste, ohne welches man nichts geloben kann; denn die Seelen werden durch die Taufe Verschworene und Verlobte Christi. Falsch Verlobte wie die Klostersleute befreit der Sohn Gottes und nimmt den aus Gnaden mit Freuden an, der sich zu ihm kehrt und dem ersten Geluebde anhaengt. "Dies Buch machte viele Bande ledig und befreite viel gefangener Herzen", sagt eine Zeitgenosse[69]. Gleichfalls von der Wartburg aus erschien endlich ein deutsches Predigtbuch ("Postilla") von Luther und zu Michaelis desselben Jahres (1522) noch ein Wartburgswerk "Das Neue Testament deutsch". Da konnte nun jedermann und vor allem die geistlichen Personen im Kloster, welche die evangelischen Ratschlaege befolgen und ein evangelisches Leben fuehren wollten, aus der Quelle erfahren, was wahres Christentum sei, wie es Christus und die Apostel gelehrt, und wie es Luther ausgelegt hatte. Demzufolge wandte sich die Stadt Grimma, in deren unmittelbarer Naehe das Kloster Nimbschen gelegen war, dem Evangelium zu, und die Moenche in mehreren umliegenden Kloestern verliessen ihre Gotteshaeuser. Diese Schriften und Nachrichten kamen auch in das Kloster Nimbschen, denn so ganz verschlossen von der Welt waren auch Nonnenkloester nicht. Auf welchem Wege und durch wen wurden sie den Klosterfrauen vermittelt? Zweierlei Wege und Personen zeigen sich da. In _Grimma_ war ein Kloster von Luthers Kongregation: Augustiner-Eremiten. Dort hatte Luther 1516 schon Visitation gehalten und bei der Rueckkehr von der Leipziger Disputation (1519) blieb er mehrere Tage und predigte wohl auch daselbst; denn die Mehrzahl der Einwohner Grimmas standen schon laengst auf seiner Seite. Der Prior des Klosters Wolfgang von _Zeschau_ war Luthers Freund. Er trat 1522 mit der Haelfte der Ordensbrueder aus dem Kloster und wurde "Hospitalherr" (Spittelmeister) am St. Georgen-Spital. Von diesem Zeschau nun aber waren zwei Verwandte (Muhmen) im Kloster Nimbschen, zwei leibliche Schwestern: Margarete und Veronika von Zeschau. Gewiss konnte dieser evangelisch gesinnte fruehere Moench wenigstens vor seinem Austritt mit seinen Muhmen ohne Verdacht verkehren und ihnen Luthers Schriften zustecken. Auch der eifrig evangelische Stadtpfarrer in Grimma, Gareysen, war dazu imstande, welcher zu Ostern 1523 das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte. Ausser dem nahen Staedtchen Grimma konnte aber auch das ferner gelegene _Torgau_ der Ort sein, von welchem aus reformatorische Gedanken und Schriften ins Kloster Nimbschen drangen. In Torgau war sehr frueh und sehr durchgreifend die Reformation eingefuehrt worden, besonders seit der fruehere Klostergenosse Luthers, der feurige Magister Gabriel _Zwilling_ dort wirkte. Dieser, obwohl einaeugig und ein kleines Maennlein mit schwacher Stimme, hat doch durch seine begeisterte, ja stuermische Predigt, welche in Wittenberg sogar einen Melanchthon mit fortgerissen hatte, die Buergerschaft zu einer ziemlich radikalen Abstellung aller roemischen Missstaende und zu begeisterter Aufnahme des Evangeliums bewogen. Ja ein Torgauer Buergersohn, Seifensieder seines Handwerks, entfuehrte zu dieser Zeit--ob vor oder nach 1523 ist ungewiss,--zwei Nonnen aus dem Kloster Riesa an der Elbe und versteckte sie in einen hohlen Baum. Dann holte er Pferde und geleitete sie heim und heiratete die eine der beiden Klosterjungfrauen. Und eine Torgauerin trat 1523 aus dem Kloster Sitzerode[70]. Ein besonders entschiedener und thatkraeftiger Anhaenger war der ehemalige Schoesser, der "fuersichtige und weise Ratsherr" Leonhard Koppe, in dessen Kaufladen das Kloster seine Waren einzukaufen pflegte, und der wohl mit seinem Fuhrwerk selber Lieferungen nach Nimbschen brachte. So war dieser Laie, wenn auch seine evangelische Gesinnung bekannt sein musste, vielleicht ein noch geeigneterer Mittelsmann fuer evangelische Schriften, als die doch immerhin verdaechtigen uebergetretenen Geistlichen von Grimma, vor denen als gefaehrlichen Woelfen die "zwei Herren an der Pforte" ihren geistlichen Schafstall wohl gehuetet haben werden. Mit seinen Waren konnte Koppe leicht lutherische Schriften einschmuggeln und auch einen Brief aus dem Kloster nach aussen besorgen. Keck und schlau genug war Koppe dazu[71]. Welchen Eindruck das Auftreten und die Schriften Luthers auf die Nonnen machte, laesst sich ersehen aus einem Bericht, den eine Nonne in gleicher Lage und Zeit, jene Florentina von Eisleben, durch Luther in Druck gab. "Als nun die Zeit goettlichen Trostes, in welcher das Evangelium, das so lange verborgen, an den Tag gekommen, ganzer gemeiner Christenheit erschienen: sind auch mir als einem verschmachteten hungrigen Schaf, das lange der Weide gedarbt, die Schriften der rechten Hirten gekommen, worinnen ich gefunden, dass mein vermeintlich geistlich Leben ein gestrackter Weg zu der Hoelle sei"[72]. In Nimbschen ging es einem grossen Teil der Klosterjungfrauen aehnlich. Ja, eine Anzahl derselben verabredete sich zu dem Plan, aus dem Kloster auszutreten. Das war ein schwerer Entschluss, der grosse Ueberwindung kostete. Eine ausgesprungene Nonne galt bisher fuer einen Schandfleck in der Familie. Der _freie_ Austritt aber war nur durch paepstlichen Dispens mit grossen Kosten und Muehen zu erreichen und eigentlich nur Gliedern fuerstlicher Familien moeglich. Freilich waren in dieser neuen, tieferregten Zeit schon Moenche aus dem Klosterverband ausgetreten und weltlich geworden; niemand wagte sie jetzt, wenigstens im kurfuerstlichen Sachsen, anzutasten, ja, sie erhielten sogar Aemter und Stellen von Stadt und Staat. Aber der Austritt von Nonnen war fast noch unerhoert, jedenfalls noch sehr ungewohnt[73]. Und wenn auch das Vorurteil der Welt und der eigenen Angehoerigen ueberwunden war, so fragte sich doch: was sollten die ausgetretenen Nonnen draussen in der Welt anfangen, was thun und werden, womit sich erhalten und durchs Leben bringen?[74] Wenn darum also auch die meisten, wo nicht alle Nonnen in Nimbschen das Klosterleben verwarfen, so haben sich doch nur die mutigsten entschlossen, den Schritt zu thun, den sie fuer recht und geboten erachteten, naemlich nur diejenigen, welche vermoege ihrer Bildung selbstaendig sich durchs Leben zu bringen im stande waren, wie die Staupitz und Kanitz, oder die noch jung genug waren, sich in ein neues Leben zu schicken, wie die beiden Schoenfeld und Katharina von Bora. Es waren in Nimbschen neun Nonnen zum Austritt bereit: Magdalena von Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika und Margarete von Zeschau, Loneta von Gohlis, Eva Grosse, Ave und Margarete von Schoenfeld und als zweitjuengste von ihnen Katharina von Bora[75]. Diese Kloster-"Kinder" (Nonnen) thaten nun das Naturgemaesseste und Verstaendigste: "sie ersuchten und baten ihre Eltern und Freundschaft (d.i. Verwandte) aufs allerdemuetigste um Huelfe, herauszukommen". Sie zeigten genugsam an, dass ihnen solch Leben der Seelen Seligkeit halber nicht laenger zu dulden sei, erboten sich auch zu thun und zu leiden, was fromme (brave) Kinder thun und leiden sollen"[76]. Aber freilich den Eltern und Verwandten war das Gesuch ihrer Toechter und Basen eine Verlegenheit. Einmal: der Versorgung wegen waren ja diese Toechter ins Kloster gethan worden--wie wollte man sie nun in den armen Familien unterhalten? Ihr Erbe war schon in Wirklichkeit oder in Gedanken verteilt, wer mochte es an diese weltentrueckten, gesellschaftlich toten Familienmitglieder herausgeben?[77] Ferner waren solche Klosterfrauen der Welt entfremdet und taugten gar wenig ins Leben. Wenn endlich auch nicht noch religioese oder kirchliche Bedenken abschreckten, so war es doch noch eine andere Furcht: die Lehen der meisten Anverwandten der Klosterfrauen lagen im Lande Herzogs des Baertigen, der ein heftiger Feind der Reformation und des Wittenberger Doktors im besonderen war. Da konnte es wegen Entfuehrung von gottgeweihten Klosterfrauen empfindliche Strafen geben oder doch Zuruecksetzung bei Hofaemtern. Kurzum das Gesuch der klosterfluechtigen Nonnen wurde abgeschlagen[78]. So standen die Aermsten von jedermann verlassen da, in nicht geringer Gefahr, dass ihr Vorhaben entdeckt und gehindert, die Beteiligten aber empfindlich gestraft wuerden, wie es z.B. der mehrerwaehnten Florentina geschah, als ihr Vorhaben, aus dem Kloster zu treten, entdeckt wurde. Diese wurde von ihrer eigenen Muhme, der Aebtissin, unbarmherzig vier Wochen bei grosser Kaelte haertiglich gefangen gesetzt, dann in Bann und Busse in ihre Zelle gesperrt, musste sich beim Kirchgang platt auf die Erde werfen und die anderen Nonnen ueber sich hinschreiten lassen, beim Essen mit einem Strohkraenzlein vor der Priorin auf die Erde setzen; dann wurde sie bei einem neuen Versuch, sich an ihre Verwandten zu wenden, durchgestaeupt und "7 Mittwoch und 7 Freitage von 10 Personen auf einmal discipliniert", in Ketten gelegt und fuer immer in die Zelle gesperrt--bis sie durch Unachtsamkeit ihrer Schliesserin doch entkam. Solches oder Aehnliches ist im Kloster Nimbschen mit den lutherisch Gesinnten nicht geschehen; vielleicht schuetzte sie ihre grosse Zahl vor solchen Gewaltmassregeln. Es war aber wohl auch die Gesinnung der verstaendigen Aebtissin, welche eine solche Bestrafung verhinderte: Margarete von Haubitz ist ja nachher mit dem ganzen uebrig gebliebenen Konvent zur Reformation uebergetreten, obwohl sie mit den aelteren Frauen im Kloster blieb und das Leben darin nach evangelischen Grundsaetzen einrichtete. Keineswegs aber konnte und wollte sie als Aebtissin schon 1523 den Klosterfluechtigen Vorschub leisten in ihrem Vorhaben[79]. Da nun die Nonnen an den Ihrigen keinen Anhalt fanden, so hatten sie gerechte Ursache, anderswo Huelf und Rat zu suchen, wie sie es haben konnten. Sie fuehlten sich ja gedrungen und genoetigt, ihre Gewissen und Seelen zu retten[80]. Wo anders aber sollten sie diese Huelfe suchen, als bei dem, der sie durch seine evangelischen Schriften und geistkuehne Thaten auf diese Gedanken gebracht hatte? So machten sie's also wohl, wie nach ihnen noch manche andere, einzelne und ganze Haufen von Klosterjungfrauen: sie schrieben "an den hochgelehrten Dr. Martinus Luther zu Wittenberg, einen Klage-Brief und elende Schrift, gaben ihm ihr Gemuet zu erkennen und begehrten von ihm Trost, Rat und Huelfe"[81]. Und der Ueberbringer dieses Briefes wird jedenfalls niemand anderes gewesen sein als eben Leonhard Koppe von Torgau. Luther erkannte an, dass "sie beide hier haben helfen und raten koennen, und darum seien sie auch schuldig, aus Pflicht christlicher Liebe die Seelen und Gewissen zu retten"[82]. "Denn es ist eine hohe Not", erklaerte er weiter, mit Bezug auf die Nimbscher Nonnen, "dass man leider die Kinder in die Kloester gehen laesst, wo doch keine taegliche Uebung des goettlichen Wortes ist, ja selten oder nimmermehr das Evangelium einmal recht gehoert wird. Diese Ursach ist allein genug, dass die Seelen herausgerissen und geraubt werden, wie man kann, ob auch tausend Eide und Geluebde geschehen waeren. Weil aber Gott kein Dienst gefaellt, es gehe denn willig von Herzen, so folgt, dass auch keine Geluebde weiter gelten, als sofern Lust und Lieb da ist; sonst sind im Klosterleben furchtbare Gefahren, Versuchungen und Suenden"[83]. "Aber wenn sich nun schwache Seelen an solchem Klosterraub aergern?" konnte man einwenden. Luther erklaerte: "Aergernis hin, Aergernis her! Not bricht Eisen und hat kein Aergernis. Ich werde die schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne Gefahr meiner Seele geschehen kann; wo nicht, so werde ich meiner Seele raten, es aergere sich dann die ganze oder halbe Welt. Nun liegt hier der Seele Gefahr in allen Stuecken. Darum soll niemand von uns begehren, dass wir ihn nicht aergern, sondern wir sollen begehren, dass sie unser Ding billigen und sich nicht aergern. Das fordert die Liebe!"[84] So dachte Luther und ihm gleichgesinnt war Leonhard Koppe. An ihn stellte nun Luther das Ansinnen, die Befreiung zu uebernehmen. Und Koppe war trotz seiner sechzig Jahre ein entschlossener Mann, zu einem kecken Wagnis bereit, und willigte ein; er nahm keine Ruecksicht, ob es ihm im Geschaefte schaden koennte, noch weniger, ob es ihn beim Hof in Ungunst bringen oder gar ans Leben gehen koennte; denn auf Nonnenraub stand eigentlich Todesstrafe, und auch Kurfuerst Friedrich, der vorsichtige Schuetzer Luthers missbilligte nicht nur jede oeffentliche Gewaltthat, sondern war auch geneigt, sie zu strafen. Aber trotz all dieser Bedenken war Leonhard Koppe zu der That entschlossen, und wurde darin von dem Torgauer Pfarrer D. Zwilling bestaerkt; denn dieser war auch in die Sache eingeweiht[85]. Zwischen Luther und Koppe wurde so der Plan verabredet. Das Unternehmen sollte von Torgau ausgehen, welches in der Mitte zwischen Nimbschen und Wittenberg gelegen war. Die Osterzeit wurde zur Ausfuehrung ersehen. Koppe brauchte aber Gehuelfen zur Ausfuehrung seines Unternehmens. Er waehlte dazu seines Bruders Sohn, einen verwegenen jungen Mann, und einen Buerger Wolfgang Tommitsch (oder Dommitsch), dessen Stieftochter, ein Fraeulein von Seidewitz, kurz vorher aus dem Kloster entkommen war und bald darauf einen ausgetretenen Augustiner-Propst, Mag. Nikolaus Demuth heiratete, welcher dann Amtsschoeffer in Torgau wurde. Mit den neun Klosterjungfrauen waren jedenfalls Verabredungen getroffen worden und sie machten sich fluchtbereit[86]. In der Karwoche brachen nun die Torgauer auf einem oder mehreren mit einer Blahe bedeckten Wagen, worin sie wohl weltliche Frauenkleider verborgen hatten, von ihrer Stadt auf. Wenn die beiden Helfer nicht eigene Wagen leiteten, so waren sie zu Pferde als Bedeckung dabei. Sie kamen ueber Grimma am Karsamstag abends den 4. April vor Nimbschen an[87]. Hier ruesteten sich die Nonnen in gewohnter Weise zu den Ostervigilien, welche in der Auferstehungsnacht gefeiert wurden. Die ausserordentliche Zeit, wo die Regel und geordneten Beschaeftigungen der Klosterfrauen aufgehoben waren, muss dem Fluchtplan guenstig geschienen haben. Waehrend die beiden Begleiter in dem nahen Gehoelz gehalten haben werden, fuhr Koppe an dem Kloster vor. Er nahm, wie berichtet wird, zum Vorwand, leere Heringstonnen auf der Heimfahrt nach Torgau mitnehmen zu wollen. Beim Aufsuchen und Aufladen derselben scheint er den Thorwart Thalheim beschaeftigt und die Aufmerksamkeit der uebrigen Bewohner des aeussern Klosterhofs, namentlich der zwei Beichtvaeter, abgelenkt zu haben. Aus der Klausur entkamen die neun Verschworenen, indem die Pfoertnerin entweder getaeuscht oder gar bei dem Plan beteiligt war (es konnte ganz gut eine von diesen neun zu dieser Zeit Thuerhueterin sein). Ein alter Berichterstatter erzaehlt, man haette eine Lehmwand durchbrochen; ein anderer, die Jungfrauen haetten sich im Garten versammelt und seien da ueber die Mauer gestiegen. Aber auch zur hinteren Thuere konnten sie entkommen sein; denn an der Bewachung dieser liess es das Kloster fehlen. Kurzum, die Neun entflohen, wurden von den beiden Begleitern Koppes aufgenommen; dieser fuhr wohl mit seinem Wagen Heringstonnen ganz unschuldig ab und nahm dann draussen die Jungfrauen auf. Die leeren Tonnen--vorne aufgestellt--konnten ganz gut dazu dienen, den lebendigen Inhalt des Wagens vor unberufenen Augen zu verbergen[88]. Auf diese oder aehnliche Weise, jedenfalls "mit ausnehmender Ueberlegung und Schlauheit", aber auch mit "aeusserster Keckheit"--nicht mit Gewalt wurden die neun Jungfrauen durch Koppe aus Nimbschen befreit. Luther sah es fast wie ein Wunder an[89]. Bei Nacht und Nebel fuhren nun die Retter und Geretteten davon, dem Ostermorgen entgegen: es war eine eigene Ostervigilie in der Luft der Freiheit durch die fruehlingsjunge Gotteswelt[90]. Die Fahrt ging durch die kurfuerstlichen Lande, war also nicht bedroht durch die Nachstellungen des lutherfeindlichen Herzogs Georg. Eine Verfolgung von Nimbschen aus war nicht gerade zu befuerchten: es waren dort keine Maenner, welche etwa einen Kampf mit den Entfuehrern gewagt haetten. Auch hat der kluge Koppe gewiss ihre Spuren moeglichst verdeckt und die Verfolger irre gefuehrt. Die weltliche Kleidung, welche die Jungfrauen mittlerweile mit ihrer geistlichen vertauscht hatten, machte wohl die Reise unauffaellig, und so kam der Zug auch ungehindert am Ostertag in Torgau an und wurde vom Magister Zwilling freudig empfangen. In Torgau wurde uebernachtet, die weltliche Kleidung der Klosterjungfrauen in der Eile noch vervollstaendigt und am anderen Tag ging es Wittenberg zu, weil es doch nicht geraten schien, die Entflohenen so nahe bei dem Kloster und auch so nahe beim kurfuerstlichen Hof zu lassen[91]. Am Osterdienstag kam der Zug in Wittenberg an; ohne alle Ausstattung, in ihrer geborgten und eilig zusammengerafften Kleidung, mit den geschorenen Haeuptern ein "arm Voelklein", aber in ihrer grossen Armut und Angst ganz geduldig und froehlich[92]. Luther empfing sie mit wehmuetiger Freude. Den kuehnen aber rief er zu: "Ihr habt ein neu Werk gethan, davon Land und Leute singen und sagen werden, welches viele fuer grossen Schaden ausschreien: aber die es mit Gott halten, werden's fuer grossen Frommen preisen. Ihr habt die armen Seelen aus dem Gefaengnis menschlicher Tyrannei gefuehrt eben um die rechte Zeit: auf Ostern, da Christus auch der Seinen Gefaengnis gefangen nahm"[93]. Als dann die Befreier heimfuhren, empfahl er sie Gott und gab ihnen Gruesse mit an Koppes "liebe Audi" und "alle Freunde in Christo"[94]. Drei Tage darauf schrieb Luther zur Verantwortung fuer sich, fuer den "seligen Raeuber" Koppe und die es mit ihm ausgerichtet, sowie fuer die befreiten Jungfrauen zum Unterricht an alle, die diesem Exempel wollten nachfolgen "dem Fuersichtigen und Weisen Leonhard Koppe, Buerger zu Torgau, meinem besonderen Freunde" einen offenen Brief. "Auf dass ich unser aller Wort rede, fuer mich, der ich's geraten und geboten, und fuer Euch und die Euern, die Ihr's ausgericht, und fuer die Jungfrauen, die der Erloesung bedurft haben, will ich hiermit in Kuerze vor Gott und aller Welt Rechenschaft und Antwort geben". In dieser "Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Kloester goettlich verlassen moegen" berichtet er offen die That und ihre Gruende und nennt die Namen der Befreier und Befreiten. Er sagt ihnen: "Seid gewiss, dass es Gott also verordnet hat und nicht Euer eigen Werk noch Rat ist, und lasset das Geschrei derjenigen, die es fuer das alleraergste Werk tadeln. 'Pfui, pfui!' werden sie sagen, 'der Narr Leonhard Koppe hat sich durch den verdammten ketzerischen Moench fangen lassen, faehrt zu und fuehrt neun Nonnen auf einmal aus dem Kloster, und hilft ihnen, ihr Geluebde und kloesterlich Leben zu verleugnen und zu verlassen'. Meint ihr, das ist all heimlich gehalten und verborgen? Ja, verraten und verkauft, dass auf mich gehetzt werde das ganze Kloster zu Nimptzschen, weil sie nun hoeren, dass ich der Raeuber gewesen bin! Dass ich aber solches ausrufe und nicht geheim halte, thue ich aus redlichen Gruenden. Es ist durch mich nicht darum angeregt, dass es heimlich bleiben sollte, denn was wir thun, thun wir in Gott und scheuen uns des nicht am Licht. Wollte Gott, ich koennte auf diese oder andere Weise alle gefangenen Gewissen erretten und alle Kloester ledig (leer) machen. Ich wollt mich's darnach nicht scheuen, zu bekennen samt allen, die dazu geholfen haetten, (in) der Zuversicht, Christus, der nun sein Evangelium an Tag gebracht, und des Endechrists (Antichrists) Reich zerstoert, wuerde hier Schutzherr sein, ob's auch das Leben kosten muesste. Zum anderen thu ich's, der armen Kinder und ihrer Freundschaft (Verwandtschaft) Ehren zu erhalten, dass niemand sagen darf, sie seien durch lose Buben unredlich ausgefuehrt und ihrer Ehre sich in Gefahr begeben. Zum dritten, zu warnen die Herrn vom Adel und alle frommen Biederleute, so Kinder in Kloestern haben, dass sie selbst dazu thun und sie herausnehmen"[95]. Diese Aufforderung und die gelungene Flucht der neun Nonnen ermutigte, wie Luther gedacht, noch andere Klosterjungfrauen und deren Eltern zu gleichem. Noch in derselben Osterwoche entwichen abermals drei Nonnen aus Nimbschen und kamen zu ihren Angehoerigen, und zu Pfingsten wurden wieder drei von ihren Verwandten selbst aus dem Kloster geholt[96]. Da endlich ermannte sich der Abt von Pforta, der dem offenen Brief Luthers nicht entgegenzutreten gewagt hatte,--Luther war ein zu gefuerchteter Kaempe. Am 9. Juni schrieb er eine Klage an den--Kurfuersten ueber diese Vorgaenge, welche zur "Entrottung und Zerstoerung des Klosters" fuehrten, und beschwerte sich, dass die Nonnen von Sr. Kurf. Gn. Unterthanen dazu geholfen und gefoerdert worden seien. Der Kurfuerst Friedrich gab in seiner bekannten diplomatischen Weise die ausweichende Antwort: "Nachdem Wir nit wissen, wie diese Sache bewandt und wie die Klosterjungfrauen zu solch ihrem Furnehmen verursacht und Wir uns bisher dieser und dergleichen Sachen nie angenommen, so lassen Wir's bei ihrer selbst Verantwortung bleiben"[97]. Aber damit war die Klosterflucht in Nimbschen nicht zu Ende. Bis 1526 waren einige zwanzig--auch Magdalena von Bora--ausgetreten, so dass jetzt nur noch 19 Klosterjungfrauen da waren; und diese samt ihrer Aebtissin wurden evangelisch, blieben aber im Kloster, bis sich der Konvent im Jahre 1545 aufloeste[98]. Drei Wochen nach der Flucht der neun Nimbscher Nonnen, am 28. April, wagten sechs Nonnen aus Sornzig die Flucht, trotzdem dies Kloster im Lande des Reformationsfeindes Herzogs Georg lag, und trotz des schrecklichen Schicksals, das um diese Zeit den Entfuehrer einer Nonne betroffen hatte, der zu Dresden gekoepft worden war. Und weitere acht flohen aus Peutwitz[99]. Im selben Jahre der Flucht Katharinas traten noch 16 Nonnen in Widderstetten auf einmal aus. Zwei Jahre darauf wandten sich wieder andere "elende Kinder" an Luther aus dem fuerstlichen Kloster Freiberg im Gebiete seines grimmen Feindes, Herzogs Georg. Und wieder wandte sich Luther an den bewaehrten Nonnen-Entfuehrer Leonhard Koppe, den er scherzweise "Wuerdiger Pater Prior" anredet. Luther wusste, dass diese Zumutung fast zu viel und zu hoch sei--es konnte ja diesmal ernstlich das Leben kosten--und meinte, Koppe wisse vielleicht jemand anderes, der dazu helfen koennte. Aber der verwegene Mann liess sich um ein solches wagehalsiges Stueck schwerlich vergebens bitten und--zu Georgs allerhoechstem Verdruss--glueckte das Wagestueck, wie die Entfuehrung aus Nimbschen[100]. 4. Kapitel Eingewoehnung ins weltliche Leben. Nachdem die Befreiung Katharinas und ihrer Mitschwestern so gut gelungen war, fragte es sich nun, was sollte mit ihnen werden? Die Sorge blieb an Luther haengen. Nochmals wandte er sich an die Angehoerigen der Entflohenen und wird ihnen die Gewissen genugsam geweckt und ihre Pflicht eingeschaerft haben, sich ihrer erbarmungswerten Toechter, Schwestern und Basen anzunehmen; das geht aus dem offenen Brief an Koppe und einem anderen an Spalatin hervor, worin es heisst: "O, der Tyrannen und grausamen Eltern in Deutschland!"[101] Zugleich aber hatte er den Fall vorgesehen, dass die Verwandten, wenigstens zum Teil, ablehnten, fuer die Nonnen zu sorgen. Daher ueberdachte er, wie er sie unterbringen koennte. Aber von seinen "Kapernaiten" (den Wittenbergern) konnte und wollte er keine Geldunterstuetzung oder Anleihe erhalten; dagegen erhielt er von mehreren Seiten Versprechungen, den Gefluechteten eine Unterkunft zu bieten. Etliche wollte er auch, wenn er koenne, verheiraten. Amsdorf schrieb scherzend an Spalatin: "Sie sind schoen und fein, und alle von Adel, und keine fuenfzigjaehrige darunter. Die aelteste unter ihnen, meines gnaedigen Herrn und Oheims Dr. Staupitz Schwester, hab ich Dir, mein lieber Bruder, zugerechnet zu einem ehelichen Gemahl, damit Du Dich moegest eines solchen Schwagers ruehmen. Willst Du aber eine juengere, so sollst Du die Wahl unter den Schoensten haben"[102]. Bis dahin bat Luther und ebenso Amsdorf den Hofkaplan und Geheimschreiber des Kurfuersten Friedrichs des Weisen, "dieser ehrbaren Meidlein Vorbitter am Hofe zu sein und ein Werk der Liebe zu thun, und bei den reichen Hofleuten und vielleicht dem Kurfuersten etwas Geld zu betteln, auch wohl selbst etwas zu geben, damit die Gefluechteten einstweilen genaehrt und auf acht bis vierzehn Tage, auch mit Kleidung versehen werden koennten, denn sie hatten weder Schuhe noch Kleider." Luther ging es naemlich damals so schlecht, dass er selbst kaum etwas zu essen hatte und sein Mitbruder, der Prior Brisger, einen Sack Malz schuldig bleiben musste: so sehr blieben die Klostereinkuenfte aus, auf die Luther und der letzte mit ihm lebende Moench angewiesen war. Er scherzt mit Beziehung auf seinen Bettelorden: "Der Bettelsack hat ein Loch, das ist gross". Freilich der Hof des vorsichtigen Kurfuersten wollte nicht recht, wenigstens nicht offen mit Unterstuetzungen herausruecken, weshalb Luther seinen Freund nochmals mahnen musste: "Vergesst auch meiner Kollekte nicht und ermahnt den Fuersten um meinetwillen auch etwas beizusteuern. O, ich will's fein heimlich halten und niemanden sagen, dass er etwas fuer die abtruennigen Jungfrauen gegeben--die doch wider Willen geweihet und nun gerettet sind"[103]. Luthers Appell an die Verwandten verfing nicht. Er musste klagen: "Sie sind arm und elend und von ihrer Freundschaft verlassen." Luther musste also trotz seiner grossen Armut die Nonnen mit grossem Aufwand unterstuetzen. Sonst erfuhr er, "was sie draussen von ihren Verwandten und Bruedern leiden muessten"--wenn etwa eine nach Hause kaeme. Sie wollten meist auch nicht zu ihrer "Freundschaft", weil sie in Herzog Joergs Land des goettlichen Wortes Mangel haben muessten[104]. Magdalena Staupitz wurde mit der Zeit als "Schulmeisterin" der Maegdlein in Grimma gesetzt, und ihr ein Haeuslein vom Moenchskloster gegeben. Die Elsa von Kanitz fand bei einer Verwandten Aufenthalt; Luther wollte sie 1527 als Schulmeisterin der Maegdlein nach Wittenberg berufen. Die Ave von Schoenfeld verheiratete er mit dem Medikus Dr. Basilius Axt[105]. Katharinas Verwandte konnten sich ihrer offenbar nicht annehmen. Die Eltern waren tot, Bruder Hans musste selber Dienste suchen im fernen Preussen, dann Verwalterstellen in Sachsen. Der aelteste Bruder war arm verheiratet, hatte wohl keinen Platz fuer die Schwester; vom juengsten, Clemens, war vollends nichts zu erwarten. So wurde denn das Fraeulein Katharina von Bora nach der Ueberlieferung im Hause eines Wittenberger Buergers untergebracht, der in der Buergermeistergasse wohnte. Es war der ehrsame gelehrte M. Philipp Reichenbach, welcher 1525 in Wittenberg Stadtschreiber, 1529 Licentiat der Rechte, 1530 Buergermeister und endlich Kurfuerstlicher Rat wurde[106]. In dem Wittenberger Buergerhause wurde die ehemalige Nonne mehr als eine Art Pflegetochter gehalten und der Hausherr vertrat Vaterstelle an ihr. Sie muss dort doch eine angesehene Stellung eingenommen haben. Sie war bekannt und genannt im Kreise der Universitaetsgenossen, und der Daenenkoenig Christiern II., der landesfluechtig im Oktober 1523 nach Wittenberg kam und bei dem Maler Lukas Kranach Wohnung hatte, beschenkte Katharina mit einem goldenen Ringe. Die jungen Gelehrten in Wittenberg sprachen mit Achtung von ihr; sie nannten sie in ihren vertrauten Briefen, wohl wegen ihrer strengen Zurueckhaltung, "die Katharina von Siena"[107]. Bei dem Stadtschreiber, oder vielmehr bei seiner Frau, sollte nun Katharina von Bora sich eingewoehnen in das neue oder vielmehr alte "weltliche", das buergerliche Leben. Das war nicht so gar leicht. Mindestens vierzehn Jahre lang, also fast ihr ganzes bewusstes Leben, hatte Katharina im Kloster zugebracht. Alle diese Jahre hatte sie die geistliche Tracht getragen, sich an nonnenhafte Gebaerde und Haltung, an geistliche Sitten und Reden gewoehnt; den Umgang mit weltlichen Menschen hatte sie verlernt oder eigentlich nie recht gelernt, und ebenso die Arbeit, das Hantieren in Stube und Kueche; in der That, man begreift, dass der praktische Luther beim Anblick der neun weltunerfahrenen Nonnen ausrufen konnte: "Ein armes Voelklein"! Wie in die weltliche Kleidung musste Katharina sich nun an weltliche Sitte und Rede gewoehnen; wie ihr bleiches Gesicht sich an Luft und Sonne braeunen, ihre zarten Haende im Angreifen von Toepfen und Besen sich haerten, so musste auch ihr geistiges Wesen an den rauheren, aber gesuenderen Anforderungen und Zumutungen der Welt sich kraeftigen. Aber wie ihre abgeschnittenen Haare zu langen blonden Zoepfen wuchsen, so nahm auch Sorgen und Denken an die kleinen weltlichen Pflichten und die grossen weltlichen Interessen zu. Und das gnaedige Fraeulein war nicht umsonst bei der Frau Magister. Sie wurde hier tuechtig vorgeschult fuer ihren spaeteren grossen pflichtenreichen Haushalt. Und sie hat sich auch nach dem Zeugnis der Wittenberger Universitaet in dem Hause Reichenbach "stille und wohl verhalten"[108]. Aber auch andere Gedanken und Gefuehle erwachten in ihr und wurden ihr von aussen nahe gelegt. Und auch hier machte sie Erfahrungen und erfuhr sie schmerzliche Enttaeuschungen, die sie weltkluger und vorsichtiger machten. Katharina war jetzt 24 Jahre alt, eine reife, ja nach den Anschauungen jener Zeit, welcher das 15. bis 18. Lebensjahr einer Jungfrau fuer das richtigste heiratsfaehige Alter galt, eine ueberreife Jungfrau. Dass sie an Verehelichung dachte, ist begreiflich. Denn sie hatte weder eine Stellung noch Vermoegen. Der Aufenthalt bei ihren Pflegeeltern konnte doch nur ein voruebergehender und nicht befriedigender sein. Luther, der die besondere Sorge fuer diese, wie fuer andere ausgetretene Klosterleute uebernommen, hatte ohnedies schon von Anfang die ausgesprochene Absicht, diejenigen, welche in ihren Familien keinen Unterhalt und Aufenthalt finden konnten, zu verheiraten. Und seine gesamte Anschauung ging dahin--darin hatte er die echt baeuerliche Ansicht seines Vaters--dass der Mensch zum Familienleben geboren und gerade das Weib von Gott zur Ehe bestimmt sei[109]. Nun kam damals im Mai oder Juni 1523 in die Universitaetsstadt Hieronymus _Baumgaertner_, ein Patriziersohn aus Nuernberg, "ein junger Gesell mit Gelehrsamkeit und Gottseligkeit begabt". Er hatte frueher (1518-21) in Wittenberg studiert und bei Melanchthon seinen Kosttisch gehabt und wollte jetzt seine alten Lehrer und Freunde in Wittenberg: Luther und besonders Melanchthon besuchen, mit dem er spaeter in regem Briefwechsel stand[110]. Dieser junge Mann erschien Luther als der rechte Gatte fuer seine Schutzbefohlene: er war 25 Jahre alt, Kaethe 24, beide aus vornehmem Hause; sie ohne Vermoegen, um so mehr passte in Luthers Augen der wohlhabende Nuernberger fuer sie. Und er wird wohl dafuer gesorgt haben, dass Baumgaertner an sie heran kam und an ihr Wohlgefallen fand. Auch Kaethe fasste eine raschaufwallende Neigung fuer den jungen Mann, war er ja wohl der erste, der sich der gewesenen Nonne naeherte. Vielleicht haben sich die beiden auch zuerst gefunden, und Luther betrieb es nun in seiner Art eifrig, die zwei zusammenzubringen. Jedenfalls wurde die gegenseitige Neigung in dem Freundeskreise bekannt, und man hielt da die Heirat fuer sicher. Aber Baumgaertner zog heim nach Nuernberg und liess nichts mehr von sich hoeren, trotzdem er versprochen hatte, nach ein paar Wochen wieder zu kommen, um, wie man glaubte, Katharina heimzufuehren. Die Freunde, besonders Blickard Syndringer, erinnerten den Patriziersohn in ihren Briefen neckend oft genug an die verlassene Geliebte. Sie sei wegen seines Weggangs in eine Krankheit verfallen und habe sich in Sehnsucht nach ihm verzehrt. Im Anfang des folgenden Jahres bestellte noch der Nuernberger Ulrich Pinder von Wittenberg aus an Baumgaertner einen Gruss von "Katharina von Siena d.i. von Borra". Endlich schrieb Luther noch einmal am 12. Oktober 1524 an Baumgaertner: "Wenn Du Deine Kaethe von Bora festhalten willst, so beeile Dich, bevor sie einem andern gegeben wird, der zur Hand ist. Noch hat sie die Liebe zu Dir nicht verwunden. Und ich wuerde mich gar sehr freuen, wenn ihr beide mit einander verbunden wuerdet"[111]. Aber den Eltern Baumgaertners war offenbar die entlaufene Nonne anstoessig, und dass sie vermoegenslos war, konnte sie erst recht nicht empfehlen. Daher ging Hieronymus auf dieses Ultimatum des Freiwerbers Luther nicht ein. Als er im Fruehjahr 1525 in Nuernberg Ratsherr geworden war, verlobte er sich mit einem Maedchen von 14 Jahren, Sibylle Dichtel von Tutzing "mit sehr reicher Mitgift und was ihm noch erwuenschter war, von sehr angesehenen Eltern" und hielt mit ihr am 23. Januar 1526 in Muenchen die Hochzeit[112]. Da aber Baumgaertner Katharina endgiltig aufgegeben hatte, so rueckte Luther nun mit dem andern Heiratskandidaten heraus, den er fuer Kaethe an der Hand hatte. Das war D. Kaspar Glatz, der am 27. August 1524 von der Universitaet Wittenberg, deren Rektor er damals war, sich auf ihre Patronatspfarrei Orlamuende hatte setzen lassen. Luther ging nun damit um, seine Schutzbefohlene dem D. Glatz zu freien. Aber Kaethe, welche den Mann waehrend seiner Lehrzeit in dem kleinen Wittenberg kennen gelernt hatte, wollte ihn nicht haben, und sie hatte ein richtigeres Gefuehl als Luther. Glatz war, wie sich spaeter herausstellte, ein rechthaberischer, eigensinniger Mensch, der Streitigkeiten mit seiner Gemeinde bekam und deshalb entsetzt werden musste. Luther aber setzte Kaethe mit der Heirat zu. Da ging sie zu Luthers Amtsgenossen, dem Professor Amsdorf und beklagte sich, dass Luther sie wider ihren Willen an D. Glatz verheiraten wolle; nun wisse sie, dass Amsdorf Luthers vertrauter Freund sei; darum bitte sie, er wolle bei Luther dies Vorhaben hintertreiben. Hier scheint nun Amsdorf, der diese Ablehnung fuer adeligen Hochmut auslegte, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder Pfarrherr nicht gut genug sei? denn Katharina wurde zu der Erklaerung gedraengt: Wuerde Amsdorf oder Luther sie zur Gattin begehren, so wolle sie sich nicht weigern, D. Glatz aber koenne sie nicht haben[113]. Diese Aeusserung, welche wohl ohne viel Absicht gesprochen war, hatte ihre Folgen; zwar nicht fuer Amsdorf, der immer ehelos blieb, aber fuer Luther. Auch er hatte die Bora "fuer stolz und hoffaertig" gehalten, waehrend sie doch nur etwas Zurueckhaltendes hatte und ein gewisses Selbstbewusstsein zeigte; er hatte sie also nicht recht gemocht. Durch jene Erklaerung an Amsdorf wurde er aber auf andere Gedanken gebracht[114]. 5. Kapitel. Katharinas Heirat. So machte Luther bei Kaethe von Bora, aber auch bei anderen Nonnen den Freiwerber; er that es aber auch in seinen Schriften, worin er den Ehestand so hoch pries und jedermann dazu einlud. Daher scherzte er in einer Epistel an Spalatin: "Es ist zu verwundern, dass ich, der ich so oft von der Ehe schreibe und so oft unter Weiber komme, nicht laengst verweibischt oder beweibt bin." Und mehr im Ernst: "Ich draenge andere mit so viel Gruenden zur Ehe, dass ich beinahe selbst dazu bewegt werde"[115]. Wenn Luther so eifrig zur Ehe riet, so hatte er dabei vor allem seine Amtsgenossen im Auge. Denn bis zur Reformation war es nicht nur Sitte, sondern sogar Gesetz, dass Universitaetslehrer sich nicht verehelichten: so sehr wurden die Schulen, auch die Hochschulen als kirchliche, ja geistliche Anstalten angesehen und die "geistigen" Personen als "Geistliche". Nur beschraenkte Ausnahmen wurden allmaehlich mit der Verehelichung gestattet fuer Mediziner und Juristen; Rektor konnte lange Zeit, auch in Wittenberg, nur ein unverehelichter Professor werden. Die Gelehrten aber betrachteten auch ihrerseits die Ehe als eine Erniedrigung fuer ihren hohen Stand. Darum hat Luther nur mit Muehe den Gelehrten Melanchthon zur Heirat vermocht[116]. Dass aber die eigentlichen Geistlichen, die Priester, heirateten, das war vor Luther, seit Gregor des Siebenten Zeiten, das heisst seit sechsthalbhundert Jahren etwas Unerhoertes. Gerade aber _darauf_ hat nun Luther allmaehlich in seinen vielen Schriften gedrungen, um zu zeigen dass im Christentum der geistliche Stand nichts Besonderes sei, dass vielmehr alle, die aus der Taufe gekrochen, Bischoefe und Pfarrer waeren, und umgekehrt die Geistlichen nichts anders als Christenmenschen. So hat er all seine geglichen Freunde zur Ehe gedraengt und ihnen dazu mit Eifer verholfen; auch den Hochmeister von Preussen und den Erzbischof von Mainz. Er wollte sozusagen fuer seine Anschauung vom allgemeinen Priestertum und dem hl. Ehestand, wie der falschen Heiligkeit des Coelibats den Massenbeweis mit Tatsachen fuehren. So mahnt er Spalatin (Ostern 1525): "Warum schreitest Du nicht zur Ehe? Es ist moeglich, dass ich selbst dazu komme, wenn die Feinde nicht aufhoeren diesen Lebensstand zu verdammen und die Klueglinge ihn taeglich belaecheln!"[117] Der Gedanke, dass auch _Klosterleute_ ehelich werden sollten, war Luther anfangs befremdend: galt dies doch nach der Anschauung der Zeit so sakrilegisch, dass die weltlichen Rechte Heiraten von Moenchen und Nonnen mit dem Tode bestraften[118]. Von der Wartburg schrieb Luther (am 6. August 1521): "Unsere Wittenberger wollen sogar den Moenchen Weiber geben? Nun mir sollen sie wenigstens keine Frau aufdringen," und mit Melanchthon scherzt er, ob dieser sich wohl an ihm dafuer raechen wolle, dass er ihm zu einer Frau verholfen habe? er werde sich aber zu hueten wissen. Doch nach wenigen Monaten hatte er sich ueberzeugt: "Das ehelose Leben in Kloestern ist auch der geistlichen Freiheit zuwider. Darum, wo du nicht frei und mit Lust ehelos bist und musst es allein um Scham, Furcht, Nutz oder Ehre willen, da lass nur bald ab und werde ehelich." So versorgte er nun auch Moenche und Nonnen in den Ehestand[119]. Aber wie er selber nur spaet,--am spaetesten unter den Bruedern--dazu kam, sein Klosterleben aufzugeben, seine Kutte--als die letzte zerschlissen war--im Oktober 1524 mit dem Priesterrock und Professorentalar vertauschte, so erging es ihm auch mit dem Heiraten. 1528 sagte er: "Wenn mir jemand auf dem Wormser Reichstag gesagt haette, nach 7 Jahren wuerde ich Ehemann sein, der Frau und Kinder habe, so haette ich ihn ausgelacht". Gerade wenn ihm seine Freunde und Freundinnen wie Argula von Grumbach zuredeten oder davon sprachen, er werde doch noch heiraten, erklaerte er das fuer Geschwaetz. Noch am 30. November 1524 meinte er, bei seiner bisherigen und jetzigen Gesinnung werde er keine Frau nehmen, sein Gemuet passe nicht zum Heiraten, er fuehle sich dazu nicht geschickt. Ja noch Ostern 1525 schreibt er, dass er an keine Ehe denke[120]. Aber bald nach Ostern wurde er anderen Sinnes. Es war gerade die boese Zeit der Bauernunruhen, wo radikale Schwaermer die Sache der Reformation aufs aeusserste gefaehrdeten, die Zeit, wo die Feinde mit gehaessiger Schadenfreude auf ihn wiesen, und die Freunde mit aengstlicher Sorge nach ihm schauten; es war damals, da er umherzog die fanatischen Bauernhaufen zu beschwichtigen und dabei zweimal in Faehrlichkeiten des Todes gewesen, als er ueberhaupt dem Tode entgegen sah[121]. Da erklaerte er: "Muenzer und die Bauern haben dem Evangelium bei uns so sehr geschadet und die Papisten so uebermuetig gemacht, dass es fast aussieht, als muesse man das Evangelium wieder ganz von vorn predigen." Deshalb wollte er's nunmehr "nicht mit dem Wort allein, sondern mit der That bezeugen". Er wollte mit seinem Beispiel seine Lehre bekraeftigen, weil er so viele kleinmuetig finde, und so auch dem zaghaften Erzbischof von Mainz zum Exempel voran traben. Er war im Sinne, ehe er aus diesem Leben scheide, sich im gottgeschaffenen Ehestande finden zu lassen und "nichts von seinem vorigen papistischen Leben an sich zu behalten", und sei es auch nur eine verlobte Josephsehe: auf dem Todbett wollte er sich ein fromm Maegdlein antrauen lassen und ihr zum Mahlschatz seine zwei silbernen Becher reichen. Als er gar von Dr. Scharf das Wort hoerte: "Wenn dieser Mensch ein Weib naehme, so wuerde die ganze Welt und der Teufel selber lachen und er all seine Sach damit verderben", da entschloss er sich erst recht: "Kann ich's schicken, so will ich dem Teufel zum Trotz noch heiraten, und die Engel sollen sich freuen und der Teufel weinen." Endlich draengte ihn auch sein Vater, mit dem er auf seinen damaligen Reisen zusammentraf, seinen groessten Lieblingswunsch zu erfuellen, und Luther wollte "diesen letzten Gehorsam seinem geliebenden Vater nicht weigern"[122]. Und gerade eine _Nonne_ sollte die Erwaehlte sein, "dem Teufel mit seinen Schuppen, den grossen Hansen, Fuersten und Bischoefen zum Trotz, welche schlechterdings unsinnig werden wollen, dass geistliche Personen freien". Und nicht nur den grossen Hansen, sondern auch dem grossen Haufen zum Trotz, welcher nach seinem Aberglauben den Sohn eines Moenchs und einer Nonne fuer den Antichrist hielt. Also wollte er "mit der That das Evangelium bezeugen, zum Hohn fuer alle, welche triumphieren und Ju, ju schreien, und eine Nonne zum Weibe nehmen"[123]. Diese Nonne aber sollte _Katharina von Bora_ sein. Sie war noch immer unversorgt im Reichenbachschen Hause, und er konnte an ihr ein Werk der Barmherzigkeit thun. Sie hatte erklaert, sie werde ihn nehmen, wenn er sie wolle. Und er hatte mittlerweile eine bessere Meinung von ihr gewonnen. Dass Kaethes ausserordentliche Schoenheit ihn in Feuer gesetzt habe, sagten ihm seine Gegner in gehaessiger Absicht nach. Luther redet nur einmal und in ziemlich spaeter Zeit in einem Brief an seine Gattin, in ritterlich schalkhafter Weise davon, dass er "daheim eine schoene Frau" habe. Ausdruecklich aber erklaert er, in den ersten Tagen seiner Ehe, dass er nicht verliebt sei oder voll leidenschaftlichen Feuers, aber er habe seine Frau gern. Sie war ja auch gar nicht besonders schoen. Von koerperlicher Schoenheit zitierte Luther den Reim: Ist der Apfel rosenrot, Ist ein Wuermlein drinnen, Ist das Maidlein saeuberlich, So hat's krause Sinnen. Und da ihm ein heiratslustiger Freund einmal sagte, er moechte eine Schoene, Fromme, (d.h. Brave) und Reiche, so bemerkte Luther: "Ei, ja, man soll dir eine malen mit vollen Wangen und weissen Beinen; dieselben sind auch die froemmsten, aber sie kochen nicht wohl und beten uebel"[124]. So traf er in der Stille und ohne leidenschaftliche Erregung seine Wahl. Am 16. April scherzt er gegen Spalatin, dass er ein gar arger Liebhaber sei: "Drei Frauen habe ich zugleich gehabt und sie so wacker geliebt, dass ich zwei verloren habe, welche andere Verlobte nahmen, und die dritte halte ich kaum am linken Arme, die mir vielleicht auch bald weggenommen wird"[125]. Er hatte also doch bestimmte Persoenlichkeiten ins Auge gefasst. Schon am 4. Mai, nach einem Besuche bei seinen Verwandten in Eisleben und Mansfeld, redet er in einem vertrauten Briefe an seinen Schwager Ruehel zu Mansfeld von "meiner Kaethe", die er nehmen wolle, so er's schicken koenne. Und wie seinen Schwager, hat er jedenfalls auch seine Eltern in seine Plaene eingeweiht, und der Vater redete ihm ernstlich zu[126]. In Wittenberg selbst aber vertraute er es nur wenigen Leuten an: dem Maler und Ratsherrn Lukas Kranach und seiner Frau. Gerade seinen Amtsgenossen und uebrigen Freunden, vor allem auch Melanchthon, sagte er nichts davon. Die Klugen wollten fuer ihn gerade nicht, was Luther wollte: eine Nonne, und dachten und redeten ueber eine Moenchs- und Nonnenheirat "lieblos". Und ganz besonders war ihnen Katharina von Bora nicht recht; alle seine besten Freunde schrieen: "Nicht diese, sondern eine andere!" Und wohl um es zu verhindern, brachten "boese Maeuler" sogar eine boshafte Nachrede auf. Aber gerade das bewog Luther, der Sache rasch ein Ende zu machen, bevor er die gegen ihn aufgebrachten Maeuler zu hoeren genoetigt wuerde, wie es zu geschehen pflegt, und "weil der Satan gern viel Hindernis und Gewirrs mache durch boese Zungen"[127]. Er "betete zu unserm Herrn Gott mit Ernst", wie er berichtet, und handelte dann ohne Menschen-Rat und -Bedenken, ja wie Melanchthon klagt, ohne seinen Freunden etwas davon zu sagen[128]. Mit Katharina hatte sich Luther jedenfalls ins Einverstaendnis gesetzt: wenn er schon wochenlang schreiben konnte "Meine Kaethe", so musste sie doch von seinen Absichten wissen. Dass Kaethe an Martin Luther auch ein rein menschliches Gefallen fand, begreift sich. Er war wohl schon 42 Jahre alt und 16 aelter wie sie selbst. Aber ein Zeitgenosse bezeugt: "Ein fein klar und tapfer Gesicht und Falkenaugen hatte er und war von Gliedmassen eine schoene Person. Er hatte auch eine helle feine reine Stimme, beides zu singen und zu reden, war nicht ein grosser Schreier". Auch einem edeln, feineren Geschmack musste der ehemalige Moench und Bauernsohn zusagen: er hielt etwas auf ein ansprechendes Aeussere und wegen seiner Sorgfalt in der Kleidung nannten ihn sogar seine Gegner tadelnd einen "feinen Hofmann", denn er trug "Hemden mit Baendelein", hatte einen Fingerring und gelbe Stiefel[129]. Dabei war Luther fuer alles Schoene in Kunst und Natur eingenommen, ein guter Saenger und "Lautenist", heiteren Sinnes und froehlicher Laune. Aber noch mehr musste Luthers Gemuetsart einem weiblichen Wesen zusagen: er war bei aller Heftigkeit doch gutmuetig, bei aller Halsstarrigkeit lenkbar wie ein Kind, bei aller Derbheit doch sinnig und feinfuehlig. Dabei war er "ein frommer (guter) Mann", der sein Weib herzlich lieb haben konnte, und in dessen Besitz, wie er selber sagte, eine Frau sich als Kaiserin duenken duerfte[130]. Freilich auch die aeussere Stellung, welche Luthers Gemahlin einnahm, musste einen hochstrebenden Sinn reizen. Das Doktorat war in dieser Humanistenzeit noch hoeher gewertet als heutzutage die akademische Professur, es stand mindestens dem Adel gleich. Der einfachste Doktor, der vom Bauern- und Handwerkerstand sich emporgearbeitet hatte, wurde von adeligen Jungfrauen als wuenschenswerter Ehegenosse begehrt, sodass eine grosse Anzahl Professorenfrauen in Wittenberg von Adel waren. Und gar Luthers Gattin zu heissen, des gefeiertsten Mannes nicht nur in ganz Wittenberg, sondern in der ganzen Christenheit, musste einem Weibe von Selbstgefuehl schmeicheln, wenn es sich auch umgekehrt sagen musste, dass mit der Groesse des Mannes auch all der Hass und die Beschimpfung mit in Kauf zu nehmen, welche ihm die Feinde entgegenbrachten. Es war auch ein gewagtes Unternehmen, einen solchen ausserordentlichen Mann zu befriedigen, des Gewaltigen ebenbuertige Lebensgefaehrtin zu werden. Jungfer Kaethe hatte den Mut wie das Selbstbewusstsein dazu. So weigerte sich Kaethe der Annaeherung Luthers nicht. Die foermliche Bewerbung Luthers ist wahrscheinlich erst Dienstag den 13. Juni geschehen, natuerlich im Reichenbachschen Hause. Ein spaeterer Bericht sagt, dass Kaethe ueberrascht war und anfaenglich nicht gewusst, ob es Luthers Ernst sei, dann aber eingewilligt habe. Gleich abends am selben Tage war die Trauung oder "das Verloebnis", entweder ebenfalls beim Stadtschreiber oder moeglicherweise in Luthers Behausung im Kloster. Auf die Zeit des Nachtmahls lud der Doktor den Stadtpfarrer Bugenhagen und den Stiftspropst Jonas, den Juristen Apel und den Ratsherrn und Stadtkaemmerer Meister Lukas Kranach und seine Frau--Melanchthon war nicht dabei--was Jonas ausdruecklich als auffaellig hervorhebt: er war so aengstlich ueber diesen Schritt seines grossen Freundes, dass er nicht zu diesem Akt passte. Auch seinen Freund Dr. Hier. Schurf konnte Luther nicht zu seinem Rechtsbeistand waehlen, weil dieser Lehrer des buergerlichen und kirchlichen Rechts allerlei juristische Bedenken hatte gegen die Priesterehe[131]. Die Trauung geschah nach den herkoemmlichen Braeuchen[132]: der Rechtsgelehrte vollzog die rechtlichen Formalitaeten, den schriftlichen Ehevertrag, er (oder Bugenhagen) fragte im Beisein der Zeugen den Braeutigam, ob er die Braut zum Weibe nehmen und die Braut, ob sie den Mann zum ehelichen Gemahl haben wollte. Dann gab der Pfarrer sie beide mit Gebet und Segen zusammen. Darauf folgte ein kleines Abendessen und dann das Beilager: Braut und Braeutigam wurden zum Brautbett gefuehrt, lagerten sich darauf unter einer Decke und damit war die Ehe gueltig[133]. Das war Luthers "Geloebnis", wie es in der Wittenberger Redeweise hiess. Jonas konnte sich beim Anblick der Verlobten auf dem Brautlager nicht enthalten, Thraenen zu vergiessen, so sehr war er bewegt. Aber auch die Gemueter der anderen waren gewiss in grosser Bewegung, nicht zum wenigsten Luther und Kaethe[134]. Am folgenden Morgen, Mittwoch, gab Luther den Freunden ein kleines Mittagsmahl, das damals um 10 Uhr stattfand. Da mittlerweile die Vermaehlung in dem kleinen Wittenberg rasch bekannt geworden war, so sandte der Stadtrat einen Ehrentrunk von einem Stuebchen (= 4 Mass) Malvasier, einem Stuebchen Rheinwein und anderthalb Stuebchen Frankenwein[135]. "Das Geloebnis" war aber nach damaliger Sitte nicht die "Beilage" oder oeffentliche Hochzeit; diese folgte erst spaeter mit oeffentlichem Kirchgang und der "Wirtschaft" (d.i. Hochzeitsschmaus) und feierlicher Heimfuehrung der "Jungfer Braut". Vierzehn Tage nach der Trauung, Dienstag den 27. Juni, folgte nun bei Luther dieses hochzeitliche Mahl und "Heimfahrt", denn das junge Ehepaar und seine Freunde wollten nicht nur die Sitte ehren, sondern gerade recht auffaellig in oeffentlicher Feierlichkeit vor der Welt ihren heiligen Ehestand ehrenvoll bezeugen. Dazu lud der Doktor seine Eltern und seinen Schwager Dr. Ruehel in Mansfeld nebst noch zwei Mansfeldischen Raeten, Johann Duerr und Kaspar Mueller, ferner den Hofkaplan M. Spalatin und den Pfarrer Link in Altenburg, den kuehnen Befreier der Nonnen Leonhard Koppe als "wuerdigen Vater Prior", den Kurfuerstlichen Hofmarschall Dr. Johann von Dolzig, vor allem aber den Superintendenten ("Bischof") Amsdorf in Magdeburg u.a.[136]. Die mit Scherz und Ernst gewuerzten Einladungsbriefe an diese Gaeste--ausser dem an die Eltern--sind noch vorhanden. Da schreibt Luther an die drei Mansfeldischen Raete: "Bin willens, eine kleine Freude und Heimfahrt zu machen. Solches habe ich Euch als guten Herren und Freunden nicht wollen bergen und bitte, dass Ihr den Segen helft darueber sprechen. Wo Ihr wolltet und koenntet samt meinem lieben Vater und Mutter kommen, moegt Ihr ermessen, dass mir's eine besondere Freuden waere". An Link: "Der Herr hat mich ploetzlich, da ich's nicht dachte, wunderbarer Weise in den Ehestand versetzt mit der Nonne Kaethe von Bora.... Wenn Ihr kommt, will ich durchaus nicht, dass Ihr einen Becher oder irgend etwas mitbringt". An Dolzig: "Es ist ohne Zweifel mein abenteuerlich Geschrei fuer Euch kommen, als sollt ich ein Ehemann worden sein. Wiewohl nun dasselbige fast seltsam ist und ich's selbst kaum glaube, so sind doch die Zeugen so stark, dass ich's denselben zu Dienst und Ehren glauben muss, und fuergenommen, auf naechsten Dienstag mit Vater und Mutter samt anderen guten Freunden in einer Kollation dasselbe zu versiegeln und gewiss zu machen. Bitte deshalben gar freundlich, wo es nicht beschwerlich ist, wollet auch treulich beraten mit einem Wildbret und selbst dabei sein und helfen das Siegel aufdruecken und was dazu gehoert"[137]. Das Wildbret fehlte nicht; Wittenberg, welches wusste, was die Universitaet und Stadt an Luther besass--er hat die kleine Stadt und Universitaet erst gross und beruehmt gemacht--spendete reichliche Geschenke. Der Stadtrat sandte "Doctori Martino zur Wirtschaft und Beilage ein Fass Eimbeckisch Bier und zwanzig Gulden in Schreckenbergern"; und die loebliche Universitaet verehrte als Brautgeschenk "H.D. Marthin Luthern und seiner Jungfraw Kaethe von Bor" einen hohen Deckelbecher aus Silber mit schoenen vergoldeten Verzierungen. Johann Pfister, der zu Ostern den Moench ausgezogen und zu Pfingsten nach Wittenberg gereist war, um da zu studieren, hat auf D. Luthers Hochzeit das Amt eines Mundschenken versehen. Vielleicht waren jetzt auch die Eheringe fertig, welche die Freunde besorgten. Diese Eheringe soll der Kaiserl. Rat Willibald Pirkheimer in Nuernberg von Albrecht Duerer haben anfertigen lassen und geschenkt haben; desgleichen auch eine goldene Denkmuenze mit Luthers Bild. Der Trauring Luthers ist ein zusammenlegbarer Doppelreif mit Diamant und Rubin, den Zeichen von Liebe und Treue; unter dem hohen Kasten sind die Buchstaben M.L.D. und C.V.B. und in dem Reif der Spruch: "Was Gott zusammenfueget, soll kein Mensch scheiden". Katharinas Ring hat einen Rubin und ist mit Kruzifix u.a. geziert, mit der Inschrift: "D. Martinus Lutherus, Catharina von Boren 13. Juni 1525"[138]. Dass dabei Katharina in ueblichem Brautschmuck erschien, ist selbstverstaendlich, wenn dieser auch nicht so reich war, als das angebliche Bild Katharinas von Bora im Hochzeitsstaat denken laesst[139]. So wurde mit den guten Freunden eine froehliche Hochzeit gefeiert. Freilich werden der unruhigen Zeitlaeufte wegen nicht alle Eingeladenen erschienen sein--Luther setzte das schon in seinen Briefen voraus. Auch Magister Philipp Melanchthon war nicht dabei, der aengstliche Gelehrte, welcher gegen Luthers Ehe und besonders mit der Nonne war, waere ein uebler Hochzeitsgast gewesen. Von Katharinas Verwandten scheint niemand anwesend gewesen zu sein. Vater und Mutter waren wohl schon laengst tot, zwei Brueder im fernen Preussen, der aelteste vielleicht auch ferne; den anderen Verwandten war Kaethe doch durch ihr Klosterleben entfremdet, es hatte sich ja auch bisher niemand von ihnen ihrer angenommen. So musste sie ihre Gefreunde und Verwandte in ihren Pflegeeltern und Luthers Freunden und Eltern sehen. Und wenn ihr's an ihrem Hochzeitsfest recht wehmuetig ums Herz gewesen sein wird, so musste sie doch die hohe Verehrung und Freundschaft troesten, welche ihr Gatte bei seinen Amtsgenossen und Landsleuten gefunden hatte. 6. Kapitel Das erste Jahr von Katharinas Ehestand. Luther fuehrte nach seiner Vermaehlung die junge Frau in seine Wohnung im Augustinerkloster. Denn dies hatte ihm der Kurfuerst Johann der Bestaendige, der seit Mai seinem Bruder Friedrich dem Weisen gefolgt war, unter der Bedingung des Vorkaufsrechts zur Verfuegung gestellt. Das "schwarze Kloster" lag oben am Elsterthor, unmittelbar am Wall und Graben, still und abgewandt von der Welt, von der Strasse durch einen grossen Hof geschieden. Das dreistoeckige Hauptgebaeude gegen die Elbe zu gelegen war die Behausung der Moenche gewesen und jetzt Luthers Aufenthalt. In der westlichen Ecke nach Mittag gerichtet und mit Aussicht auf die gelben Fluten des Stromes war Luthers Zelle, woraus er "den Papst gestuermt hatte": sie blieb auch jetzt seine Studierstube. Dagegen richtete das Ehepaar nach dem Hofe zu, wo die Gemaecher des ehemaligen Priorats lagen, die geraeumige Wohnstube ein, worin auch gespeist und die Besucher empfangen und Gaeste bewirtet wurden. Davor lag ein kleineres Empfangszimmer mit Holzbaenken. Die Decken der Gemaecher und bis zur halben Hoehe auch die Waende des behaglichen Wohnzimmers waren mit Holzgetaefel versehen, an den Waenden hin zogen sich Baenke, Pfloecke darueber dienten zum Aufhaengen von Geraeten und Kleidern. Zwei grosse Fenster mit Butzenscheiben schauten in den Klosterhof. Aber um deutlicher zu sehen, waren kleine Schiebfenster angebracht, welche klirrend geoeffnet wurden, wenn dahinter etwas beobachtet werden sollte, ein Besuch kam oder ging oder auf die Dienstboten und das Geziefer des Hauses geachtet werden sollte. Dort in der Fensternische wurde ein einfacher hoelzerner Sitz aufgestellt mit einer Art Pult, der als Naehtisch dienen mochte. Ein maechtiger Eichentisch auf Kreuzgestellen stand in der Mitte und die eine Ecke fuellte ein maechtiger Kachelofen. Darum hiess die Wohnstube auch "das gewoehnliche Winterzimmer". Es war wohl noch von der Klosterzeit her bemalt. Wahrscheinlich befand sich auch hier ein Bild der Maria mit dem schlafenden Jesuskind[140]. Hinter dieser Wohnstube war das Schlafzimmer und eine weitere Kammer, von dieser wurde spaeter eine Stiege mit einer Fallthuere in das Erdgeschoss angelegt, auf der man in die Wirtschaftsraeume drunten gelangen und namentlich die Speisen von der Kueche innerhalb des Hauses heraufbringen konnte. Denn Kueche, Dienstbotenzimmer und dgl. waren unten im ehemaligen Refektorium[141]. Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren Kalk, womit das Klosterhaus innen und aussen, wenigstens teilweise, getuenscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimfuehrung, dieser zu Ehren, als das Haus viele festliche Besucher aufnehmen musste[142]. Die erste Ausstattung des Hauses wird duerftig genug gewesen sein, denn Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit seinem Gehalt kaum fuer sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfuerst es bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht viel Anschaffungen zu machen, namentlich fuer ein so weitlaeuftiges Gebaeude. Die 100 fl., die der Kurfuerst, und die 20 fl., die der Stadtrat zur Hochzeit schenkte, gingen darauf fuer das kostspielige Festmahl. Der Klosterhausrat, so weit er noch uebrig und nicht weggeschleift war durch allerlei unberufene Haende, war Luther von den Visitatoren geschenkt worden. Aber es war geringfuegig: Schuesseln und Bratspiesse, einiger sonstiger Hausrat und Gartengeraete--zusammen kaum 20 fl. wert. So werden wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der Regel aus silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu beigetragen haben, die oeden Raeume des Klosters ein bisschen wohnlich zu gestalten. Verwoehnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals ueberhaupt nicht, und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So schenkte D. Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so lotter und wurmstichig, dass Frau Kaethe kein Leinen mehr darin aufbewahren konnte vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst von auswaerts allerlei Geschenke, sogar kuenstliche Uhren. Vom Stadtrat wurde das junge Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller freigehalten, brauchte aber nur (trotz vieler Gaeste) fuer 3 Thlr. 4 Groschen 6 Pfennige. Auch schenkte die Stadt "Frau Katharinen Doktor Martini ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch" (schwaebisches Tuch)[143]. Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Moench, der Prior Brisger verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein neugebautes Haeuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Strasse gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause, der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es nicht hatte fortsetzen und vollenden koennen, und besser zu einem Diener taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr ueberlebte. Eine Magd war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte. In diesem Hause nun gewoehnte sich das junge Paar zunaechst einigermassen in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: "Ich bin an meine Kaethe gekettet und der Welt abgestorben"[144]. Es war dem 42jaehrigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Moench im ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefuehl, wenn er jetzt selbander bei Tische sass statt allein, oder wenn er morgens erwachend zwei Zoepfe neben sich liegen sah. Aber auch der juengeren Ehefrau, der frueheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam duenken, hier im ehemaligen Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im Kampfe lag[145]. Da sass Kaethe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst gestuermt, sah ihn von Buechern umgeben, den Tisch mit Briefen und Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und theologischer Bildung. So ergoetzte es den Gelehrten, als sie einmal fragte: "Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preussen des Markgrafen Bruder?" Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht ueber Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stueck des Briefes vor. Da sprach sie alsbald: "Ist nicht der teure Mann zur Kroete geworden?" Und sie freute sich, dass Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther ueber Erasmus hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres Mannes Haus, wo so viele Faeden der Kirchen- und Weltgeschichte zusammenliefen und so viele bedeutende Maenner, Gelehrte, Staatsmaenner und Fuersten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die theologische Gedankenwelt so ein, dass sie an den Tischreden lebhaften Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und ihr natuerliches Gefuehl mitunter in Verlegenheit brachte[146]. Frau Kaethe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so dass Luther sie oftmals damit neckte und sie einmal einem Englaender als Sprachlehrerin empfahl oder auch davon redete, dass sie das Amen nicht finden koennte bei ihren Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: "Weiber reden vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimm und also, dass sie Cicero, den besten Redner, uebertreffen; und was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen koennen, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Haendeln, denn wir Maenner, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen. Wenn sie aber ausser der Haushaltung reden, so taugen sie nichts."[147] Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzaeunten Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde gegraben und gepflanzt und allerlei Kraeuter, Gemuese und Obstbaeume, aber auch zierliche Straeucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im folgenden Sommer Spalatin einladen: "Ich hab einen Garten gepflanzt, einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glueck. Komm, und Du sollst mit Lilien und Rosen bekraenzt werden." Auch zu dem "Lutherbrunnen" vor dem Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521 entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem "Lusthaus" ueberbauen liess, in dem er manch liebes Mal in Musse mit seiner Frau und seinen Freunden sass. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespraech vernommen[148]. Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs. Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenoeffnung erscheint ein bisschen "geschlitzt", die Backenknochen, welche in einem anderen Kaethe-Typus sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewoelbt, das wenig ueppige feine Haar hat roetliche oder blonde Farbe und die mattblauen Augen schauen verstaendig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes laesst nuechternen Ernst und eine gewisse zaehe Energie erwarten[149]. Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl "nicht von unmaessiger Liebesglut entflammt", mit den gleichen Worten wie unser moderner Dichter: "Die hoechste Gnade Gottes ist's, wenn im Ehestande Eheleute einander herzlich stets fuer und fuer lieb haben. Die erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen, alsdann so bleibet in Gottesfuerchtigen die rechtschaffene Liebe, die Gottlosen aber haben den Reuwel."[150] Freilich diese Zeit seines jungen Ehestandes ging dem Reformator weder als muessig taendelnde Flitterwochen, noch als ein ungetruebtes Idyll dahin. Dafuer sorgte der Drang seines gewaltigen Werkes, wie der Hass seiner Gegner. Und mindestens eben so schwer, wie er, hatte seine junge Gattin unter den giftigen und schmutzigen Angriffen zu leiden, die sofort die Heirat des Reformators und ehemaligen Moenchs mit der gewesenen Nonne beleidigten. Luthers Heirat mit Katharina war eine zu ungeheuerliche That in den Augen seiner Zeitgenossen, als dass sie nicht das gewaltigste Aufsehen erregen und auch zu den abenteuerlichsten Verdaechtigungen Anlass geben mussten[151]. Schon sofort nach der Trauung hatte Luther um dieses Werkes willen Schmaehungen und Laesterungen zu ertragen. Und nicht nur von den Feinden. Die Klueglinge "belaechelten" seine Ehe oder verdammten sie auch: "Die Weltweisen, auch unter den Unserigen, sind heftig darueber erzuernt." Das war nicht nur Dr. Schurf, sondern sogar sein naher Freund Melanchthon; jener hatte gemeint, die ganze Welt, ja die Teufel wuerden darueber lachen, und Luther wuerde sein ganzes Werk vernichten. Dieser missbilligte wohl die That an sich nicht, wohl aber, dass sie nicht opportun sei und unbedachtsam geschehen, so dass die Feinde darin ihr grosses Vergnuegen haben und laestern; er meinte auch, "Luther habe sich durch Nonnenkuenste fangen lassen und sei hereingefallen"[152]. So war es fuer die Eheleute schon ein Schmerz, dass der Hausfreund nicht bei der Hochzeit war, ja nicht einmal dazu eingeladen werden konnte. Und auf Luther mochte dies Verhalten der Freunde wenn auch nur zeitweilig verstimmend und niederschlagend wirken. Da hatte Kaethe wohl eine schwere Aufgabe, ihn aufzurichten und zu ermuntern. Die anderen Freunde, seine Gevattersleute Kranach vor allem, halfen dabei. Und schliesslich maessigte auch Melanchthon seinen Verdruss, ja er troestete Luther und beeiferte sich, seine Traurigkeit und ueble Laune durch Freundlichkeit und froehliche Unterhaltungen zu erheitern[153]. So kehrte Luthers Gemuet wieder zur alten Lebhaftigkeit zurueck. Schon drei Tage nach der Trauung schreibt er an Spalatin mit bezug auf Schurfs Rede im alten Ton frohen und getrosten Trutzes: "Ich habe mich durch diese Heirat so geringschaetzig und veraechtlich gemacht, dass ich hoffe, es sollen die _Engel lachen_ und die Teufel weinen. Die Welt mit ihren Klueglingen kennet dies Werk nicht, dass es goettlich und heilig sei: sie nennen's an meiner Person gottlos und teufelisch. Derohalben ich auch groesseren Gefallen daran habe, dass ihr Urteil durch meinen Ehestand verdammt wird, so dass sich daran stossen und aergern die, so ohne Erkenntnis Gottes mutwillig zu bleiben fortfahren"[154]. Viel aerger als die Freunde trieben's natuerlich die Widersacher. Emser verfertigte Spott- und Schmaehgedichte, ja Eck gab ein ganzes Buechlein von solchen Liedern auf Luthers Hochzeit heraus. Der Herzog Georg von Sachsen, Luthers besonderer Feind, erliess ein Schreiben an Luther, worin er ihn aufs heftigste schalt, und in einem Instruktionsschreiben zum Speierer Reichstag (15. Mai 1526) an Otto von Pack beschimpft er ihn mit der falschen Anschuldigung: "Es erscheint auch klaerlich, indem Martinus verworfen hat den Moenchsstand und so auch die Moenche aus dem Kloster zu Wittenberg, dass er desto mehr Raum habe mit seiner Kaethchen zu wohnen, davon sich ein ganzer Konvent hat naehren moegen." Der theologische Koenig Heinrich VIII. von England, damals noch Defensor Fidei (Verteidiger des roemischen Glaubens) nachher Ritter Blaubart, fuhr in einem Briefe den Reformator an: "Was? Du hast ihr nicht nur beigewohnt, sondern, was noch unendlich fluchwuerdiger ist, hast sie sogar oeffentlich als Gattin heimgefuehrt!"[155] Diese Schriften--ausser der Georgs--waren lateinisch und gingen zunaechst in die Gelehrtenwelt. Unter das Volk aber wurden ehrenruehrige Verleumdungen gegen die beiden Ehegatten gestreut. Der Humanistenkoenig Erasmus machte sich lustig, indem er mit schnoedem Witze meint: wenn der Antichrist ein Moenchs- und Nonnenkind waere, muesste die Welt voll Antichristen laufen; aber die Luege von einem fruehgeborenen Kinde hat er mit boshafter Geflissentlichkeit in seinen Briefen an hohe Herren verbreitet, bis er sie dann widerrufen musste. Die Heirat Luthers ist dem hochmuetigen Humanisten aber immerhin eine Posse, mit der der gelehrte Doktor den Philosophenmantel abgelegt und sich zu einem gewoehnlichen Menschen erniedrigt haette[156]. Aber noch naeher trat der jungen Frau bald nach ihrer Heirat die Schmaehung. "Ein Buergersweib Klara, Eberhard Lorenz Jessners eheliche Hausfrau hat unnuetze Worte gehabt und Herrn Dr. Luther und seine ehrbare Hausfrau geschmaeht und gescholten," freilich "auch des Pfarrers Eheweib uebel angefahren" in Magister Joh. Lubecks Wirtschaft zu Wittenberg[157]. Endlich verfassten zwei Leipziger Magister, Joh. Hasenberg und Joachim von der Heidten (Miricianus), in Prosa und Poesie lateinische und deutsche Sendbriefe und liessen sie drucken. Hasenbergs Schmaehschrift richtete sich "an M. Luder und seine uneheliche Gattin Catharina von Bohra, damit sie entweder mit dem verlorenen Sohn sich bekehren und zur Busse und Heiligkeit des Klosterlebens zurueckkehren oder doch Luther seine Nonne ihrem Braeutigam Christus und ihrer Mutter Kirche zurueckstelle" bei Hoellenstrafe. Heidten schrieb "Ein Sendbrieff Kethen von Bhora, Luthers vermeynthem eheweib sampt einem geschenk freundlicher Weise zuvorfertigt". Die beiden jungen Menschen hatten die Frechheit, diese Schriften durch einen eigenen Boten Luther und seiner Frau ins Haus zu schicken, allerdings in der thoerichten Hoffnung, wenigstens Kaethe von ihrem Manne abwendig zu machen und zur Rueckkehr ins Kloster zu bewegen. Natuerlich hatten diese beiden Schriften den entgegengesetzten Erfolg. Luthers Diener trieben mit denselben ihren Spott, schickten sie den "jungen Loeffeln illuminiert (illustriert) im Hintergemach" mit dem Boten zurueck und dazu ein viereckiges Taefelein, darauf waren die 6 Buchstaben _ASINI_ (Esel) so verteilt, dass man sie von der Mitte aus gesehen, an vierzig mal lesen konnte. Der ritterliche Luther aber nahm sich seines Weibes an und liess "Eine neue Fabel Aesopii vom Esel und Loewen" mit behaglichem Witze drucken und sandte sie an seinen Freund Link mit den Worten: "Die Leipziger Esel haben meine Kaethe mit albernen Schmaehungen verunglimpft; denen ist geantwortet worden, davon du hier vor Augen siehst."[158] Zu den Beschimpfungen gesellten sich Gefahren. In der Nacht vor Michaelis 1525 hatte Luther es gewagt, im Gebiete seines heftigsten Widersachers, des Herzogs Georg von Sachsen-Meissen, dreizehn Jungfrauen aus dem fuerstlichen Kloster Freiberg entfuehren zu lassen. "Ich habe diese Beute dem wuetenden Tyrannen entrissen", meldet er triumphierend seinem Freund Stiefel. Darueber war natuerlich Georg wuetend, aber auch der Adel zuernte ueber Luthers Gewaltthat--mussten doch die Angehoerigen der Nonnen durch ihren Austritt Vermoegenseinbusse befuerchten: sogar adelige _Freunde_ der Reformation nahmen es Luther uebel. Es wurden Drohungen gegen ihn laut, und sein Leben stand in Gefahr, wenn er irgendwie einem Haufen Reisiger oder Bauern in die Haende fiele, denn auch die Bauern waren ihm ja seit dem Aufstand wenig guenstig. Nun war Luther auf den 19. November zu Spalatins Hochzeit nach Altenburg geladen, wo der ehemalige Geheimschreiber des verstorbenen Kurfuersten jetzt Stadtpfarrer war. Luther wollte durchaus zu des Freundes Ehrentag. Aber Kaethe hielt ihn zurueck und beschwor ihn sogar mit Thraenen vor der gefaehrlichen Reise. Also dass ihr Gatte heldenmuetig seines reformatorischen Befreieramtes waltete und anderen armen Jungfrauen that, was ihr geschehen, und "dem Satan diese Beute Christi abjagte", das hinderte Frau Kaethe nicht, aber das setzte sie durch, dass er sich nicht ohne Not in Gefahr begab. Solche Lebensgefahr musste sie ja immer fuer ihren Gatten fuerchten, auf welchen wie auf einen Fuersten gar mancherlei Attentate geplant und versucht wurden[159]. Dagegen liess sie es Ende Februar des folgenden Jahres zu, dass Luther sie nach Segrehna bei Kemberg begleitete. In diesem Dorfe hielt sich damals der ehemalige Schwaermer, Bilderstuermer und Bauernagitator Karlstadt als Bauersmann und Landkraemer versteckt. So viel Schmerzen und Sorgen ihm auch Karlstadt gemacht, Luther hatte sich seines alten Amtsgenossen angenommen und ihm Begnadigung beim Kurfuersten erwirkt. Und jetzt hatte Karlstadt Luthers Gemahlin zur Gevatterin gebeten. Auch zu diesem Liebesdienst war sie bereit, machte nicht nur selbst die beschwerliche Reise, sondern liess sogar ihren Gemahl mitfahren[160]. Schon in diesem Jahre gemeinsamen Lebens lernte Luther seine Gattin besser verstehen, tiefer lieben und hoeher achten. Hatte er sie vor der Hochzeit fuer stolz und hoffaertig gehalten, so schreibt er jetzt: "Sie ist mir gottseidank willfaehrig, gehorsam und gefaellig, mehr als ich haette hoffen koennen, so dass ich meine Armut nicht mit des Croesus Reichtum vertauschen moechte."[161] Melanchthon hatte die Hoffnung ausgesprochen, Luthers Verheiratung werde ihn gemessener machen, und sein ungestuemes, derbes Wesen saenftigen. Das dachte wohl auch der Erzbischof Albrecht, der durch seinen Kanzler Ruehel, Luthers Schwager, der Frau zwanzig Goldgulden als Hochzeitsgeschenk reichen liess, welche Katharina gern annahm, Luther aber zurueckwies. Erasmus glaubte auch bald die Bemerkung gemacht zu haben, dass Luther milder geworden sei und nicht mehr so viel mit der Feder wuete. Denn, setzt er in gewohnter spoettischer Weise hinzu: "nichts ist so wild, dass ein Weib es nicht zaehmt"[162]. Das wird ja im allgemeinen nicht abzustreiten sein. Und tatsaechlich liess sich Luther--aber durch fuerstliche Zurede--im versoehnlichen Tone gegen Herzog Georg und Koenig Heinrich VIII. hoeren--freilich ohne diese dadurch versoehnlich zu stimmen: sie beuteten vielmehr seine Schreiben aus, um ihn veraechtlich zu machen. Aber in seinem reformatorischen Beruf hat Kaethe ihren Mann weder hindern koennen noch wollen[163]. Nicht einmal in den ersten Tagen seiner Heirat. Ja, Frau Kaethe plante wohl selbst mit ihm waehrend der Vorbereitung zu ihrer Heimfuehrung die Befreiung der Freiberger Nonnen: die Einladung an Koppe zur Hochzeit enthielt zugleich die Aufforderung zu diesem neuen, noch keckeren Klosterraub[164]! Und am Neujahrstag 1526 malte Luther aufs neue in einer Spottschrift das Papsttum mit seinen Gliedern ab und schrieb dazu: "Es meinen etliche, man solle nun aufhoeren, das Papsttum und geistlichen Stand zu spotten. Mit denen halt ichs nit, sondern muss ihr einschenken, bis nichts Veraechtlicheres auf Erden sei, denn diese blutgierige Isabel."[165] 7. Kapitel. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen. Ein Jahr nach ihrer Vermaehlung am 7. Juni 1526, "da der Tag im Kalender heisst Dat." (d.i.: Er giebt) schenkte Kaethe ihrem Gatten ein Soehnlein, das war, wie die Eltern mit Freuden sahen, gesund und ohne Fehl. Um 2 Uhr nachmittags kam es auf die Welt, schon um 4 Uhr wurde es nach damaliger Sitte von Diakonus M. Roerer getauft. Taufpaten waren der Superintendent D. Bugenhagen, der Propst Justus Jonas, Luthers Gevatter L. Kranach, der Vizekanzler Baier und in Abwesenheit der Kanzler Mueller in Mansfeld. Eine der Patinnen war die Frau des Buergermeisters Hohndorf. Nach dem Grossvater erhielt das Kind den Namen Johannes[166]. Haenschen blieb auch wohlauf, wennschon die Mutter das Stillen nur langsam fertig brachte und das Kind die Milch schwer vertrug. Der Knabe wird bald froehlich und kraeftig und ein homo vorax et bibax (starker Esser und Trinker), lernt auf den Knieen rutschen; zu Neujahr 1527 bekommt er Zaehne, lernt stehen und gehen und faengt an zu lallen und mit lieblichen Beleidigungen alle zu schelten. Zur Belohnung fuer all diese Kuenste schickt Jonas dem kleinen Hans einen "silbernen Johannes", ein Geldstueck mit dem Bild des Kurfuersten[167]. Bald ist der Zweijaehrige gar stolz ueber eine Klapper, die er vom Pfarrer Hausmann geschenkt erhielt (1528). Dieser Erstgeborene wird jahrelang in jedem Brief erwaehnt und muss immer und ueberall hin die Freunde gruessen. Es ist ein herziges Bild, wenn der Vater von seinem Soehnchen erzaehlt: "Wenn ich sitze und schreibe oder thue sonst etwas, so singet er mir ein Liedlein daher, und wenn er's zu laut will machen, so fahre ich ihn ein wenig an; so singet er gleichwohl fort, aber er machet's heimlicher und mit etwas Sorgen und Scheu. Also will Gott auch, dass wir immer froehlich sein sollen, jedoch mit Furcht und Ehrerbietung gegen Gott." Und wieder sass Haenschen am Tisch und lallete vom Leben im Himmel, wie eine so grosse Freude da waere mit Essen und Tanzen, da waere die groesste Lust: die Wasser floessen mit eitel Milch und die Semmeln wuechsen auf den Baeumen. Da freute sich der Doktor ueber das selige Leben des Kindes[168]. Anderthalb Jahre blieb Haenschen allein, da folgte am 10. Dezember 1527, waehrend die Pest in Wittenberg und im Hause Luthers wuetete, ein Schwesterlein, Elisabeth. Jonas gratuliert dem Doktor dazu und scherzt von seinem kleinen Soehnchen: "Mein Sohn begruesst deine Tochter als seine zukuenftige Braut." Aber am 3. August des folgenden Jahres in der gefaehrlichen Zeit des Zahnens starb das zarte Toechterlein und wurde in grosser Trauer auf dem Gottesacker vorm Elsterthore bestattet. Da erhielt es einen (noch vorhandenen) kleinen Grabstein mit der lateinischen Inschrift: "Hier schlaeft Elisabeth, M. Luthers Toechterlein." Schwer nur troesteten sich die trauernden Eltern mit dem Gedanken: "Elisabeth ist von uns geschieden und zu Christo durch den Tod ins Leben gereist."[169] Am 4. Mai des folgenden Jahres wurde ihnen Ersatz fuer Elisabeth in einem zweiten Toechterlein: Magdalena. Amsdorf, der Magdeburger Superintendent (Bischof), und Frau Goritzen, Gattin des Magisters und spaeteren Stadtrichters in Leipzig, wurden Paten. Der Gevatterbrief an Amsdorf lautet: "Achtbarer, wuerdiger Herr! Gott der Vater aller Gnaden hat mir und meiner lieben Kaethe gnaediglich eine junge Tochter beschert: so bitte ich Ew. Wuerden um Gottes Willen, wollet ein christlich Amt annehmen und derselbigen armen Heidin christlicher Vater sein und zu der hl. Christenheit helfen durch das himmlische hochwuerdige Sakrament der Taufe[170]. Der Gevatterinbrief lautet: "Gnad' und Fried' in Christo! Ehrbare tugendsame Frau, liebe Freundin! Ich bitt Euch um Gottes willen: Gott hat mir eine junge Heidin bescheret, Ihr wollet so wohl thun und derselben armen Heidin zur Christenheit helfen und ihre geistliche Mutter werden, damit sie durch Euern Dienst und Huelfe auch komme aus der alten Geburt Adams zur neuen Geburt Christi durch die hl. Taufe. Das will ich wiederum, womit ich soll, um euch verdienen. Hiemit Gott befohlen. Amen. Ich hab selbst nicht duerfen ausgehen in die Luft. Martinus Luther."[171] Als Magdalena heranwuchs, sah das Maedchen dem aelteren Bruder Haenschen "ueber die Massen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen Gesicht", und war auch gutmuetig und brav wie dieser. Diese zwei aeltesten Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr waehrend des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen liess, um sich unkenntlich zu machen, da liess Frau Kaethe von dem kleinen Lenichen einen Abriss in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstaerkung in seine "Wueste", wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trueben Gedanken nachhing, auch sich gar viel aergern musste ueber den Gang der Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Toechterchens zuerst ansah, konnt' er sie nicht erkennen. "Ei", sprach er, "die Lene ist ja schwarz". Aber bald gefiel sie ihm wohl und duenkte ihm je laenger je mehr, es sei Lenchen. Der Doktor haengte die Kontrefaktur gegen den Tisch ueber an die Wand im Fuerstenzimmer, wo er ass, und vergass ueber die Massen viel Gedanken mit dem Bilde."[172] Das Maedchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde mit Ernst gezogen und Luther wollte, dass man ihm nichts lasse gut sein. Aber mit seinem Toechterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter naturgemaess den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173]. Am Vorabend vor Luthers Geburtstag, den 9. November 1531, traf zu Wittenberg im schwarzen Kloster wieder ein Sohn ein, der deshalb des Vaters Namen erhielt. Als jetzt der juengste wurde nunmehr er der Liebling des Vaters. Denn, sagt dieser, "die Eltern haben die juengsten Kinder stets am allerliebsten. Mein Martinchen ist mein liebster Schatz, denn solche Kinder beduerfen der Eltern Sorge und Liebe wohl, dass ihrer fleissig gewartet wird. Haenschen und Lenchen koennen nun reden, beduerfen solche Sorge so gross nicht."[174] Am Namenstag des folgenden Jahres meldet Luther dem Paten Martins, dem gestrengen und ehrenfesten Joh. von Rindesel Kurf. Kaemmerer: "Euer Pate will ein thaetiger Mann werden, er greift zu und will sein Sinnchen haben."[175] Der Knabe war, scheint es, kraenklich und ein kleiner Taugenichts, so dass der Vater fuerchtete, er moechte einmal Jurist werden[176]! Dagegen war Haenschen ein stiller nachdenklicher Bursche, so dass der Vater meinte: "Er ist ein (geborener) Theologe." Der juengste Sohn Paul aber, der am 28. Januar 1533 auf die Welt kam, ein kraeftiger mutiger Junge, schien sich zum Tuerkenkrieger zu eignen. Daran dachte der Vater schon bei seiner Geburt und waehlte ihm vielleicht deshalb einen Ritter, Hans von Loeser, Erbmarschall und Landrentmeister, zum Paten. Aber auch der Herzog Joh. Ernst von Sachsen, ferner D. Jonas und die Frau des Kaspar Lindemann standen bei Paul zu Gevatter[177]. In dem Gevatterbrief an Loeser, der noch in der Nacht des 28. Januar 1533 geschrieben wurde, damit der Knabe nicht lange ein Heide bleibe und schon zur Vesper getauft werde, heisst es: "Ew. Gestrengen wollen sich demuetigen Gott zu Ehren fuer meinen jungen Sohn foerderlich und fueglich erscheinen, damit er aus der alten Art Adams zur neuen Geburt Christi durch das hl. Sakrament der Taufe kommen und ein Glied der Christenheit werden moechte, ob vielleicht Gott der Herr einen neuen Feind des Papstes oder des Tuerken erziehen wolle."[178] Als Hans Loeser zur Taufe kam, hat ihn Luther also empfangen: "Gott sei Dank! Ich werde nicht ermangeln, Ew. Gestrengen in andern Sachen zu dienen. Es ist heut ein junger Papst geboren worden; derohalben helfet doch dem armen Schelm, dass er getauft werde." Das Kind wurde im Schlosse in einem Becken getauft. Hernach hat Luther seinen Gevatter zu Gaste geladen, da sie denn viel freundliche Diskurse gefuehrt. Luther sagte: "Ich habe meinen Sohn lassen Paul heissen, denn der hl. Paulus hat uns viel grosse Lehren und Sprueche vorgetragen. Gott gebe ihm die Gnaden und Gaben Pauli. Ich will, so Gott will, alle meine Soehne von mir thun: der Lust zum Krieg hat, den will ich zu Hans Loeser thun; der Lust zu studieren hat, zu Jonas und Philipp; der Lust zur Arbeit hat, den will ich zum Bauern thun"[179]. Als eine Art Nachkoemmling wurde das um Weihnachten 1534 geborene juengste Kind angesehen, das nach Luthers (1531) verstorbenen Mutter Margareta genannt wurde. Wenigstens sah der Vater voraus, dass er nicht so alt werden wuerde, um sie zu versorgen. Darum schrieb er auch, als sie erst vier Jahr alt war, ihrem Paten, dem Pfarrer Probst in Bremen: "Es gruesset Euch meine Frau Kaethe und Euer Patchen, mein Toechterlein Margaretchen, der Ihr nach meinem Tode fuer einen feinen frommen Mann sorgen sollt. Ihr habt sie zum Patchen gewaehlt, Euch befehle ich sie auch." Ein anderer, sehr hoher Pate war der Fuerst Joachim von Anhalt, der Luther das "christliche Amt geistlicher Vaterschaft" angetragen hatte und auch uebernahm[180]. Frau Kaethe musste die Kinder oft ihrem Vater bringen, auch ins Studierzimmer, da koste er mit ihnen und machte seine sinnigen Bemerkungen ueber Kindesnatur und Kindesleben; das zeige uns, wie's im Paradies war und wie's im Gottesreich sein sollte. Der Vater schaute aber auch mit Wohlgefallen zu, wie seine Kaethe so freundlich mit ihrem Martinchen redete und so viel Geduld und Erbarmen mit allen Kindern hatte. Luther unterhielt sich mit ihnen uebers Christkind, sah zu, wie Martinchen eine Puppe als Braut schmueckte und beschuetzte, freute sich, wenn die Kinder sich zankten und schnell vertrugen als ueber ein Sinnbild der Suendenvergebung der Gotteskinder; er sah, wie die Kinder um den Tisch sassen und in freudiger Erwartung auf Pfirsiche und Birnen sahen, die darauf lagen, oder den Ast Kirschen, den ihnen Jonas gebracht, und sagte: "Wer da sehen will das Bild eines, der sich in Hoffnung freuet, der hat hier ein rechtes Konterfei. Ach dass wir den juengsten Tag so froehlich in Hoffnung koennten ansehen!" Sein herziger Maerchenbrief an sein liebes Soehnichen von der Koburg, ist das schoenste Zeugnis eines kinderfreundlichen Gemuetes. Von Koburg aus besorgte Luther seinem Haus ein gross schoen Buch von Zucker aus dem schoenen (Maerchen-)Garten in Nuernberg. Auch sonst bringt er seinen Kindern von seinen Reisen immer "Jahrmarkt" mit. Regelmaessig auch sendet er aus der Ferne Gruesse und Kuesse an Haenschen und Lenchen[181]. Die Gespielen der Lutherischen Kleinen waren Melanchthons und Jonas' Kinder ("Lippus" und "Jost" im Maerchenbrief). Der Spielplatz war der grosse Klosterhof; da tummelten sie ihre Steckenpferde und schossen mit Armbruesten, laermten mit Pfeifen und Trommeln, tanzten oder "sprangen der Kleider und des Baretts"; auch ein Huendlein durften die Kinder halten. Spaeter richtete der Vater Luther fuer sie und die andern jungen Hausgenossen auch einen Kegelplan ein und sah zu, wie sie sich vermassen, zwoelf Kegel zu treffen, wo doch nur neun auf dem "Bossleich" standen, und schliesslich froh waren, eine nicht zu fehlen. Ja, er selbst mass sich hie und da als ein Meister des Spiels mit ihnen, "schub einmal die Kegel umbwaerts, das andere Mal seitwaerts oder ueber Eck"[182]. Aber Luther betete auch taeglich den Katechismus mit seinem Sohn Hansen und seinem Toechterlein Magdalene und die Kinder selbst mussten "bei Tisch beten und herlesen"; und auch sonst waren sie von Vater und Mutter angehalten zum Gebet fuer die Goenner und Schuetzer der Reformation, fuer das Heil der Kirche und des Vaterlands. Martin und Paul hatten des Vaters musikalische Anlagen geerbt und mussten nach der Mahlzeit--allein oder mit andern--die liturgischen Gesaenge der jeweiligen Kirchenzeit vortragen. Auch die kleine Margarete lernte mit fuenf Jahren schon mit schoener Stimme singen: "Kommt her zu mir alle" und anderes[183]. In ihren Kindern sahen die Eltern ihr hoechstes Glueck und ihren schoensten Schatz. "Kinder binden, sie sind ein Band der Ehe und Liebe", pflegte Luther zu sagen. Er fand in ihnen seinen Trost und seine Erholung von seinen Welt- und Kirchensorgen. "Ich bin zufrieden; ich habe drei eheliche Kinder, die kein papistischer Theolog hat, und die drei Kinder sind drei Koenigreiche, die habe ich ehrlicher und erblicher denn Ferdinandus Ungarn, Boehmen und das roemische Reich"[184]. Freilich, was fuer den Vater in seinen Mussestunden und bei Tisch eine Freude und Erholung war, das brachte der Mutter Arbeit, Sorge und Schmerzen. Es war doch keine Kleinigkeit fuer die vielbeschaeftigte Hausfrau in acht Jahren sechs kleine Kinder zu haben, zu pflegen und zu erziehen--denn auf ihr lag doch das Hauptgeschaeft der Erziehung. Und ihr Gatte sah das ein und bemerkte einmal, dass nur unser Herrgott sich von seinen Menschenkindern mehr gefallen lassen muesse als eine Mutter[185]. Da war es denn ein grosser Segen, dass Frau Kaethe in ihrem Hause eine Stuetze fand an ihrer Tante, _Magdalene von Bora_. Diese war bald nach ihrer Nichte selber aus Nimbschen entwichen und wohnte jetzt im schwarzen Kloster in einem besonderen Stueblein. Sie war als "Muhme Lene" der gute Hausgeist, die echte und rechte Kindertante in der Lutherischen Familie. Als Siechenmeisterin hat sie sich ja zum Warten und Pflegen schon im Kloster ausgebildet. Und so wartete und huetete sie die kleinen Grossneffen und Grossnichten, spielte und betete mit ihnen, verwoehnte sie auch wohl und vertuschte ihre boesen Streiche, pflegte sie in den Kinderkrankheiten und war auch fuer Frau Kaethe in ihren Kindbetten und Krankheiten die sorgsame Pflegerin und Lehrerin. Luther will in dem Maerchenbrief von der Koburg an sein Soehnchen Hans die "Muhme Lene" auch mitbringen lassen in den schoenen Wundergarten und laesst sie gruessen und ihr einen Kuss "von meinetwegen" geben; und auch sonst sendet er Muhme Lene seine Gruesse[186]. Zu den eigenen Kindern im Lutherischen Hause kamen bald andere. Zunaechst Verwandte, Neffen und Nichten, dann aber Kinder von Freunden und Bekannten, und endlich fremde Kostgaenger. Der erste war Cyriak Kaufmann, der Sohn einer Schwester Luthers; er kam als Studiosus nach Wittenberg und wurde am 22. November 1529 immatrikuliert. Er begleitete 1530 seinen Oheim auf die Koburg und dieser schickte ihn im August nach Augsburg, dass er sich in der grossen Stadt einmal das Treiben eines Reichstags ansehe; dann musste er wieder zu seinen Studien nach Wittenberg; auf der Heimreise brachte er von Nuernberg den Lebkuchen fuer seinen kleinen Vetter Hans Luther mit[187]. Luthers Schwager und Schwester Kaufmann starben frueh und so kamen allmaehlich alle fuenf Waisen derselben zu ihrem Oheim nach Wittenberg, ausser dem genannten Cyriak noch seine jungen Geschwister, die Brueder Fabian und Andreas, welche 1533 am 8. Juni fruehzeitig mit dem erst siebenjaehrigen Hans Luther zu Wittenberg als akademische Buerger eingeschrieben wurden, und die Schwestern Lene und Else. Es war keine Kleinigkeit, fuenf elternlosen Kindern Vater und besonders Mutter zu sein, zumal, da sie nicht alle wohlgeraten waren und namentlich Lene Sorge machte, so dass Luther einmal erklaerte, wenn sie nicht gut thun wolle, werde er sie einem schwarzen Huettenknecht (Bergmann) geben, statt einen frommen und gelehrten Mann mit ihr betruegen.--Schliesslich kam zu den zwei Nichten noch eine kleine Grossnichte, Anna Strauss, die Enkelin einer Schwester Luthers[188]. Mit Cyriak Kaufmann war ein andrer Schwestersohn, Hans Polner, als Student ins Haus gekommen, der an Peter Weller anbefohlen wurde. Aber Frau Katharina war aufgetragen zuzusehen, "dass er sich gehorsamlich halte", und auch sonst musste sie fuer ihn sorgen. Dieser Polner wartete als Famulus dem Doktor auf, studierte Theologie und predigte einmal in der Pfarrkirche; die Doktorin meinte, den haette sie viel besser verstehen koennen, als D. Pommer, welcher sonst von dem Thema weit abweiche und andre Dinge in seine Predigt mit einfuehre, oder, wie Jonas sich ausdrueckte, unterwegs manchen Landsknecht anspreche[189]. Noch ein Neffe Luthers, seines Lieblings-Bruders Jakob Sohn, Martin, wurde spaeter zur Erziehung der Doktorsfamilie uebergeben und 1539 an der Universitaet eingeschrieben; ebenso Florian von Bora, der Sohn von Kaethes aeltestem Bruder. Martin und Florian wurden zusammen mit den Kindern Luthers unterrichtet. Einer der Neffen sollte einmal zu Camerarius auf die Schule kommen; spaeter kam Florian mit Hans nach Torgau[190]. Schliesslich wurden dem Lutherischen Hause noch allerlei Schueler und angehende Studenten anvertraut, welche in dem Kloster wohnten, assen und unterrichtet wurden. Fuer die eigenen und fremden Kinder wurden nun, bei der grossen anderweiten Inanspruchnahme Luthers, "allerlei Zuchtmeister und Praezeptoren" noetig: aeltere Studenten, junge Magister, auch Leute von gesetztem Alter, welche noch einmal die Universitaet bezogen, um ihre Kenntnisse zu erweitern oder die neue evangelische Theologie zu studieren. Sie waren in Luthers Familie Hausgenossen und Tischgesellen, unterstuetzten auch etwa Luther in seinen Arbeiten, ja auch (wie z.B. Neuheller) Frau Kaethe in der Wirtschaft und Aufsicht ueber das Gesinde. So waren nach und neben einander im Hause als "Schulmeister" und Luthers Gehuelfen die Nuernberger Veit Dietrich (1529-34) und Besold (1537-42), Cordatus (1528-31), die Freiberger Hieronymus und Peter Kelter (1530), Joh. Schlaginhaufen (1531-32), Jodocus Neuheller (Neobulus) (1537-38) aus Lauterburg, Jakobus Lauterbach (1536-39), Schiefer (1539-41), ein Franziskus und zuletzt Rutfeld (1546). Diese Praezeptoren hatten sogar oft wieder ihre eigenen Zoeglinge, welche mit im schwarzen Kloster wohnten und assen oder auch nur dort unterrichtet wurden. Der Unterricht begann oft in sehr fruehen Jahren: der junge Hans Luther musste schon mit vier Jahren tuechtig "lernen", hauptsaechlich wohl lateinisch sprechen--wie es heute mit dem Franzoesischen geschieht. Ausser den Magistern hatte Luther noch Famuli, nicht nur seinen lebenslaenglichen Diener Wolf, sondern auch andere, wie der "fromme Gesell", welcher "etliche Jahre treulich, fleissig und demuetig gedienet hat und altes gethan und gelitten" und 1532 wegzog. Der Famulus diente bei Tisch, schenkte ein, besorgte Gartengeschaefte, machte Ausgaenge, schrieb auch fuer Frau Kaethe Briefe[191]. Sogar eine Lehrerin wurde nach Wittenberg ins schwarze Kloster berufen: naemlich im Jahre 1527 hat Luther auch eine Mitschwester Frau Kaethe's, die ehemalige Nonne und Fluechtlingin von Nimbschen, die "ehrbare, tugendsame Jungfrau Else von Kanitz" eingeladen auf eine Zeitlang nach Wittenberg zu kommen. "Denn ich gedacht Euer zu brauchen, junge Maegdelein zu lehren und durch Euch solch Werk andern zum Exempel anzufahen. Bei mir sollt Ihr sein zu Hause und zu Tische, dass Ihr keine Fahr noch Sorge haben sollt. So bitte ich nu, dass Ihr mir solchs nicht wollt abschlagen." Die Kanitz kam aber nicht. Dafuer erscheint jetzt ein Fraeulein Margarete von Mochau, wahrscheinlich die Schwester von Karlstadts Frau, im Klosterhause und wird ihre Stelle vertreten haben[192]. Natuerlich fehlte es bei dem grossen Haushalt auch an sonstigem Gesinde nicht und da gab es, wie ueberall gute und schlechte, dankbare und undankbare, getreue und ungetreue Dienstboten. Alle aber wurden zur "Familie" gerechnet und nahmen an der Hausandacht teil. Und der abwesende Hausvater verfehlte nicht in seinen Briefen, das "gesamte Gesinde" gruessen zu lassen. Aber er ermahnt es auch, dass sie im Haus kein Aergernis gaeben. Oft scherzt er in seinen Briefen ueber Traegheit und Bequemlichkeit seiner Dienstleute: so wenn er aus Nuernberg Handwerkszeug bestellt, welches von selber geht, wenn Wolf schlaeft oder nachlaessig ist, oder einen Kronleuchter, der sich von selber putzt, damit er nicht zerbricht oder beschaedigt wird von der zornigen oder schlaefrigen Magd[193]. Natuerlich auch Gaeste aller Art verkehrten im Schwarzen Kloster oder wohnten darin in kuerzerem oder laengerem Aufenthalt, oft monate-, ja jahrelang: vertriebene oder stellenlose Prediger, fluechtige Fremde, entwichene Moenche und Nonnen, Besuche und Festgenossen, "armseliges Gesindlein" und fuerstliche Damen. So beherbergte das Lutherhaus 1525 mehrere adlige Ordensschwestern; 1528 einige Monate lang sogar die Herzogin Ursula von Muensterberg, Herzog Georgs eigene Base, die mit zwei getreuen Klosterfrauen dem Nonnenkloster zu Freiberg entflohen war; und zu Pfingsten 1529 wieder drei Adelige aus demselben Konvent. Ausserdem kamen auch allerlei Moenche, sogar aus Frankreich, ins Lutherhaus nach Wittenberg, als der allgemeinen Zufluchtsstaette aller religioes Bedraengten. So hat Herzog Georg in begreiflichem Zorn, wenn auch mit unwahren Behauptungen, Luther beschuldigt: "Du hast zu Wittenberg ein Asylum eingerichtet, dass alle Moenche und Nonnen, so uns unsre Kloester berauben mit Nehmen und Stehlen, die haben bei Dir Zuflucht und Aufenthalt, als waere Wittenberg, hoeflich zu reden, ein Ganerbenhaus aller Abtruennigen des Landes"[194]. Ja, die Wittenberger Freundinnen des Hauses, Bugenhagens und Dr. A. Schurfs Frauen, warteten im schwarzen Kloster ihr Wochenbett oder ihre Krankheit ab[195]. Aber auch fuerstliche Gaeste suchten das gastliche Haus der Luther'schen Eheleute auf. Die Kurfuerstin Elisabeth von Brandenburg hatte sich, besonders durch den Einfluss ihres evangelisch gesinnten Leibarztes Ratzeberger, der Reformation zugewandt, waehrend ihr altglaeubiger Gemahl Joachim I. streng darauf sah, dass das Lutherische Gift nicht ueber die saechsische Grenze herueberkaeme. Da musste er von seiner 14jaehrigen Tochter Elisabeth zu seinem Schrecken erfahren, dass seine eigene Gemahlin im Berliner Schlosse heimlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt genommen habe. Er sperrte die Kurfuerstin ein; das Geruecht ging, er wolle sie einmauern lassen. Da entwich sie mit Hilfe ihres koeniglichen Bruders Christiern, der damals landfluechtig in Deutschland umherirrte, samt Dr. Ratzeberger (Maerz 1528) und floh zu ihrem Oheim Kurfuerst Johann nach Sachsen. Ihren Wohnsitz erhielt sie auf Schloss Lichtenberg, hielt sich aber oft in Wittenberg auf und verkehrte viel im Klosterhause mit Luther und Frau Kaethe; sie stand sogar zu einem der Kinder Gevatter[196]. Auch der Fuerst Georg von Anhalt wollte im schwarzen Kloster Aufenthalt nehmen, um Luthers Umgang und Geist recht zu geniessen. Aber sein Vizekanzler musste ihm davon abraten, da das Haus zu voll sei. So wurde "das Haus des Herrn Doktor Luther von einer buntgemischten Schar studierender Zoeglinge, Maedchen, alter Witwen und artiger Kinder bewohnt. Darum herrschte viel Unruhe darin"[197]. Da begreift es sich, dass, als der junge Hans anfangen sollte ernstlich zu lernen, er der groesseren Musse wegen aus dem Hause gethan wurde--vielleicht nach Torgau. Zu Neujahr 1537 ist der elfjaehrige Sohn irgendwo auf der Schule, wo er durch seine "Studien" und lateinischen Briefe dem Vater Freude machte. Dieser erlaubt ihm, namentlich auf Bitten von Muhme Lene, zu den naechsten Fastnachtsferien nach Hause zu kommen zu Mutter und Muhme, Schwestern und Bruedern[198]. Zu allen Haus- und Tischgenossen im Kloster kamen nun noch die taeglichen Besuche und Gaeste von Bekannten, Freunden, Verwandten, Amtsgenossen und Mitbuergern: so aus der Ferne die Geistlichen Amsdorf und Spalatin, Hausmann und Link, die Hofherren und Ritter Taubenheim und Loeser, Bruder Jakob oder Schwager Ruehel von Mansfeld, Kaethes Bruder Hans, Abgesandte aus aller Herren Laender, Staatsmaenner und Kirchenbeamte aus England und Frankreich, aus Skandinavien und Boehmen, Ungarn und Venedig; Stadtraete und Buerger von allen saechsischen und deutschen Staedten, wandernde Magister und fahrende Schueler. Aus Wittenberg selbst verkehrten als liebe und haeufige Gaeste vor allem Magister Philipp (Melanchthon) und Frau; die Gaerten der beiden Haeuser waren nicht weit von einander und--wie man wenigstens heute erzaehlt--ein Thuerlein zwischen beiden vermittelte den Verkehr der zwei Familien. Gerngesehene Hausfreunde waren auch der Propst Jonas und seine Gattin; ferner noch andere Gevattersleute, der Superintendent Bugenhagen, M. Kreuziger, M. Roerer, der Buchdrucker Hans Lufft, der Meister Lukas Kranach mit seiner Frau und der alte Meister Claus Bildenhauer oder "Bildenhain", wie Sophiele Jonas ihn zu nennen pflegte, ein wackerer Kuenstler, der auch manchmal zu Tische war; von ihm kaufte Luther spaeter einen Garten. Mit ihm, der auch schon "zu viele Ostereier gegessen", gedachte Luther gern der guten alten Zeiten[199]. Da wurde denn droben in der Familienstube um den grossen Eichentisch oder unten im Hof unter dem schattigen Birnbaum oder auch wohl vorm Elsterthor draussen bei dem murmelnden Lutherbrunnen Gesellschaft und Mahlzeit gehalten und Frau Kaethe musste die Wirtin machen, ihr treffliches Hausbraeu aufsetzen und auch zu den Kosten der Unterhaltung ihr Scherflein beitragen. 8. Kapitel Katharinas Haushalt und Wirtschaft[200]. Fuer eine so zahlreiche Haus- und Tischgenossenschaft galt es eine Menge Gemaecher zu beschaffen und auszustatten; es musste Kueche und Keller in grossem Massstabe in stand gesetzt werden; es war noetig, Stall und Garten zu besorgen; es war erforderlich Markt und Einkauf, Rechnung und Vermoegensverwaltung zu verstehen; und endlich zur Regierung eines so umfangreichen Hauswesens mit seinen vielen und vielerlei Gliedern, Tischgaengern und Hofmeistern, Kindern und Gesinde galt es eine weise Umsicht, aber auch ein strammes Herrschaftstalent zu entfalten. Das alles fiel nun der Hausfrau anheim. Denn es waere unmoeglich gewesen, dass Luther neben den gewaltigen Arbeiten seines Berufs als Prediger, Seelsorger, Professor, Ratgeber fuer einzelne Personen wie ganze Staedte und Laender, als Reformator nicht nur Deutschlands, sondern der halben Christenheit sich um die Hauswirtschaft kuemmern konnte, namentlich eine so umfangreiche, die allein schon eine ganze Menschenkraft erforderte[201]. Sodann aber war es des Doktors Anschauung, dass in Haus und Wirtschaft die Frau zu walten und zu regieren habe: "Das Weib habe das Regiment im Hause, ohnbeschadet des Mannes Recht und Gerechtigkeit; dafuer ist es geschaffen. Denn das ist wahr, die haeuslichen Sachen, was das Hausregiment betrifft, da sind die Weiber geschickter und beredter als wir." "Ich bin zur Haushaltung sehr ungeschickt und fahrlaessig. Ich kann mich in das Haushalten nicht richten. Ich werde von meinem grossen Hauswesen erdrueckt." Vor so etwas hatte er sich schon als Junggesell gefuerchtet. 1523 sagte er: "Nimmst Du ein Weib, so ist der erste Stoss: wie willt Du nun Dich, Dein Weib und Kind ernaehren? Und das waehret Dein Lebenlang; beim ersten Kind denken die Eltern daran, ein Haus zu bauen, Vermoegen zu erwerben und die Nachkommenschaft zu versorgen"[202]. Andererseits aber war auch Frau Kaethe so veranlagt und gewillt, dass sie dies Regiment gerne fuehrte und ihrem Gatten alles das fernhalten wollte, was ihn in seiner Wirksamkeit hindern und stoeren konnte. Und Luther liess sich das gerne gefallen. "Meine Frau kann mich ueberreden, wie oft sie will, denn sie hat die ganze Herrschaft allein in ihrer Hand, und ich gestehe ihr auch gerne die gesamte Hauswirtschaft zu"[203]. So richtete nun Katharina zunaechst das Haus her und ein, und der Kurfuerst und die Stadt Wittenberg, die Freunde des Hauses und die Eltern der Kostgaenger stifteten dazu mancherlei Baubedarf und Geraete. Das schwarze Kloster war 1502 von Staupitz mit Unterstuetzung des Kurfuersten gebaut, aber nur zu einem Drittel vollendet worden. Die Kirche war nur angefangen, die Wirtschaftsgebaeude kaum vorhanden. Eigentlich war nur das sog. Schlafhaus (dormitorium), die frueheren Wohnraeume der Moenche fertig, die fuer 40 Menschen reichten. Aber die Zellen--meist im dritten Stock--waren zahlreich, dagegen klein, und daher musste wohl manche Wand durchgebrochen und manche auch aufgerichtet werden. Auf der Gartenseite war ein groesserer Saal (jetzt die Aula) und ein kleinerer, welche beide von Luther zu Vorlesungen und Hausandachten benutzt wurden. Ein Zimmer daneben hatte oder erhielt eine Thuere in Luthers Studierstube. Im oberen Stock wurden die Gelasse zu Gastzimmern fuer die mancherlei Hausgenossen benutzt. Das Erdgeschoss hatte Frau Kaethe zu Wirtschaftsraeumen eingerichtet und zum leichteren Verkehr mit dem Oberstock eine Treppe in das Zimmer neben das Schlafgemach fuehren lassen. Im Jahre 1539 auf 40 erfreute Frau Kaethe ihren Gatten mit einem sinnigen Geschenk: aus Pirna liess sie--durch den dortigen Pfarrer Lauterbach--eine schoengearbeitete Pforte aus weissem Sandstein kommen, einen Spitzbogen mit huebschen Staeben; auf der einen Seite Luthers Brustbild, auf der anderen sein Wappen, die weisse Rose mit dem roten Herzen und schwarzen Kreuz darin, vom goldenen Ring der Ewigkeit umfasst, und die lateinische Inschrift: "Im Stillesein und Hoffen ruht meine Staerke." Auf beiden Seiten der Thuere waren zwei Sitze angebracht zum Ausruhen am Feierabend[204]. Der Klosterhof war gegen die Strasse mit einem Zaun abgeschlossen; spaeter kamen an das Thor zwei Buden, wohl fuer die Bewachung des Anwesens in der unruhigen und gefaehrlichen Zeit des Festungsbaues, wo die Stadtmauern am Elsterthor abgerissen und die Stadt allem Gesindel geoeffnet war[205]. An der Westseite des Hofes wurden nun allerlei Wirtschaftsgebaeude errichtet. Eine Braustube war schon im Kloster vorhanden; denn der Kurfuerst hatte diesem die Braugerechtigkeit fuer 12 "Gebraeude" verliehen; diese ging auf den neuen Besitzer ueber und wurde von Frau Kaethe selbst ausgeuebt. Das war ein grosser Vorteil fuer den starken Haushalt; denn das Bier war in Wittenberg auffaellig teuer: die Kanne kostete drei Pfennige. Aber die Herstellung des Brauhauses und die Geraete kosteten 150 fl. Eine Badestube mit Wanne und Staender baute sie nun auch und D. Lauterbach musste ihr das Baumaterial dazu besorgen. Auch allerlei Viehstaelle liess sie errichten und hielt Pferde, Kuehe und namentlich Schweine, um Arbeitskraefte, Milch und Fleisch fuer den Hausbedarf zu haben: Schon 1527 hatte man einen Stall voll Schweine, mehr als fuenf Stueck; 1542 waren es zehn und drei Ferkel, so dass ein eigener Schweinehirt gehalten werden musste; ferner hatte Kaethe mehrere Pferde, fuenf Kuehe, neun Kaelber und eine Ziege mit zwei Zicklein. Ein Huehnerhof lieferte die noetigen Eier. Endlich wurden auch noch einige Keller ausgebessert oder neu angelegt, so der Weinkeller, der neue Keller und der grosse Keller. Bei der Besichtigung des letzteren kam das Ehepaar fast um's Leben, denn das Gewoelbe stuerzte hinter ihnen ein, gerade als sie es besichtigt und eben herausgetreten waren[206]. Im Laufe der Zeiten wurden in dem halbfertigen Hause gar mancherlei Reparaturen noetig und ebenso allerlei Neubauten. So erhielten Johann Crafft und M. Plato ihre Stuebchen, auch der Sohn Hans, als er herangewachsen war; Muhme Lene hatte ihr Stueblein mit Kammer und Schornstein--jedes kostete 5 fl. herzurichten. Die obere Stube und Kammer kam aber auf 100 fl. zu stehen und die untere auf 40 fl. Ausser dem grossen Keller, der (mit dem "Schaden" beim Einsturz) auf 130 fl. gekommen war, wurde noch der neue Keller fuer 50 fl. gebaut und ein Weinkeller fuer 10 fl. eingerichtet. Endlich wurde noch ein "new Haus" gebaut, welches 400 fl. kostete. Die Treppe musste zweimal hergestellt werden und das Dach oefters geflickt[207]. Dazu brauchte es manches Tausend Dachsteine (Ziegel) und Backsteine, auch nicht wenige Tonnen und Wagen Kalk, besonders in den Baujahren 1535-39: 280 Wagen Kalk und 12500 Mauersteine und 1300 Dachsteine und wieder von beiden Arten zusammen 2600. Freilich, das Tausend "Dachsteine" kostete nur 40 Groschen, Mauersteine 57 Groschen und der Wagen Kalk nur 4-5 Groschen. Das lieferte die Stadt, aus der eigenen Brennerei. Luther machte sie bezahlt durch seine Dienste (unentgeltliche Predigt und Seelsorge u.a.) und durch Abtretung von Boden an seinem Klosterhof. Im Jahre 1542 hatte Luther allein 1155 fl. verbaut[208]. Spaeter erlebte man im Lutherhause schweren Aerger durch den neuen Festungsbau. Der Zeugmeister Friedrich von der Gruene war den Lutherschen offenbar nicht gruen. Er verschuettete nicht nur--mit Luthers Bewilligung--das untere Gemach, sondern auch ohne Not und Zustimmung das mittlere, verderbte das Brauthor, bedrohte die Gartenmauer und die Erdmauer am hinteren neuen Haus. Und wie der Herr, so machten's die Knechte: die Deichknechte warfen Fenster ein und trieben sonst noch allerlei Mutwillen. Luther fuerchtete sogar fuer seine geliebte Studierstube, darin er so viele schwere Stunden mit Studieren und Anfechtungen erlebt, "daraus er den Papst gestuermet" und seine wunderbaren Schriftwerke und Episteln in die Welt gesandt. Da musste der Doktor einen gar zornigen Brief an den Zeugmeister schicken, der wahrscheinlich seinen Eindruck nicht verfehlte[209]. Im Hof, dem ehemaligen Spitalkirchhof, waren die Fundamente der Kirche angelegt, aber nur der Erde gleichgebracht. Mitten in diesen Fundamenten stand eine alte Kapelle "von Holz gebaut und mit Lehm beklebt; diese war sehr baufaellig, war gestuetzt auf allen Seiten. Es war bei 30 Schuhen lang und 20 breit, hatte ein klein alt rostig Vorkirchlein, darauf 20 Menschen kaum mit Not stehen konnten. An der Wand gegen Mittag, war ein Predigtstuhl von alten Brettern, die ungehobelt, ein Predigtstuehlchen gemacht, etwa 1-1/2 Ellen hoch von der Erde, worauf Luther einst gepredigt hatte. In Summa, es hatte allenthalben das Ansehen, wie die Maler den Stall malen zu Bethlehem, darinnen Christus geboren worden." Erst im Jahre 1542 fiel es der Befestigung zum Opfer; Luther "murrte aerger darueber als Jona ueber die verdorrte Kuerbisstaude"[210]. Der Hof war mit einem Bretterverschlag gegen die Strasse abgeschlossen und wie der Kirchhof mit Baeumen bepflanzt. Darin liefen Huehner, Gaense, Enten, Tauben; Singvoegel nisteten im Gebuesch, Spatzen flogen zu und wurden von einem Huendlein gescheucht[211]. Sonst diente er zum Tummelplatz der Kinder, zum Spielplatz und Kegelschieben. Zur Ausstattung des grossen Haushaltes musste gar viel angeschafft und geschenkt werden. Von der Klosterzeit waren noch einige Sachen da: zinnerne Gefaesse und Kuechen- und Gartengeraete als Schuesseln, Bratspiesse, Schaufeln, freilich recht verbraucht und schadhaft, keine 20 fl. wert. Das musste bald ergaenzt und ersetzt werden. So auch der wurmstichige Kasten Dr. Zwillings in Torgau. Dieser bot einen andern an; Frau Kaethe wundert sich ueber den hohen Preis, den er kosten solle: 4 Florin, erkundigt sich, ob er "reinlich" sei, mit einem "Sedel" (Sitzkasten) "fuer leinen Geraet darin zu legen, da nicht Eisen durchgeschlagen das Leinen eisenmalich macht"; sonst wollte sie sich einen in Wittenberg machen lassen. Einen "Schatzkasten" hatte das Ehepaar bereits, nur war er "wohl tausendmal zu weit" fuer ihren Schatz; 1532 hatten sie nur einen einzigen Becher. Doch fuellte sich der Schrein allmaehlich mit silbernen Bechern, Ringen, Denkmuenzen und andern Kleinodien. Auch geerbt hatten sie einen fast zu koestlichen Pokal, den der Augsburger Buerger Hans Honold dem grossen Doktor vermachte. Von Nuernberg schenkte der evangelische Abt Friedrich eine kunstreiche Uhr, die das Lutherische Ehepaar gebuehrend bewunderte; 1529 kam eine zweite (von Link) und 1542 eine dritte dazu. 1536 schickten die Aeltesten der Maehrischen Brueder ein Dutzend boehmische Messer[212]. Eine staendige Ausgabe machten die Anschaffungen fuer Leinwand, Betten, Federn, Leuchter in die Schlafkammern; fuer zinnerne Kannen, Schuesseln, Teller, Becken, Kesseln, Pfannen in die Kueche; fuer Schaufeln, Grabscheite, Gabeln, "Schupen", Mulden, Radbarn (Schubkarren) in den Garten; fuer Faesser, "Gelten" (niedere Kuebel), Eimer in Keller und Waschkueche; fuer Geschirr und Wagen zum Fuhrwerk[213]. Das Klosterhaus war bisher zwar im thatsaechlichen Besitze Luthers; aber eine foermliche Verschreibung hatte er nicht, nur durch muendliche Abmachung war das Gebaeude mit seinen Gerechtigkeiten ihm vom Kurfuersten ueberlassen. Diesem hatte es Luther, der letzte Moench des Wittenberger Augustinerkonvents, als dem juengsten Erben zur Verfuegung gestellt. Nunmehr aber betaetigte der ihm so wohlgewogene Kurfuerst Johann vor seinem Tode der Lutherschen Familie den Besitz des Anwesens vorbehaltlich des Vorkaufsrechtes fuer Staat und Stadt in einer foermlichen Verschreibung. Die Urkunde besagt[214]: "Von Gottes Gnaden Wir Johann Herzog von Sachsen thun kund maenniglich: Nachdem der ehrwuerdig und hochgelahrte unser lieber andaechtige Herr M. Luther D. aus sonderlicher Gnad und Schickung Gottes sich fast vom Anfang bei unser Universitaet zu Wittenberg mit Lesen in der heiligen Schrift, Predigen, Ausbreitung und Verkuendung des heiligen Evangelii u.s.w. bemueht, so haben Wir in Erwaegung des alles und aus unser selbsteigenen Bewegnis unersucht obgen. D.M. Luther, Katharin seinem ehelichen Weib und ihrer beider Leibeserben die neu Behausung in unserer Stadt Wittenberg, welche hievor das "Schwarze Kloster" genannt war, darinnen D. Martinus seither gewohnt, mit seinem Begriff und Umfang samt dem Garten und Hof zu einem _rechten freien Erbe_ verschrieben und sie damit begabt und begnadet als ihr _Eigen_ und _Gut_.... Geben auch vielgenanntem Doktor und seiner ehelichen Hausfrau aus sonderlichen Gnaden diese _Freiheiten_, dass sie zu ihrer beider Lebtag aller buergerlichen Buerden und Last derselben frei sein, also dass sie keinen Schoss noch andre Pflicht wie Wachen und dgl. davon sollen thun und moegen gleichwohl brauen, maelzen, schaenken, Vieh halten und andere buergerliche Handtirung treiben. ... Zu Urkund ... Torgau, 4. Febr. 1532." "Es war Wittenberg bis daher eine arme, unansehnliche Stadt mit kleinen alten haesslichen, niedrigen hoelzernen Haeuslein, einem alten Dorfe aehnlicher als einer Stadt. Aber um diese Zeit kamen Leute aus aller Welt, die da sehen, hoeren und etliche studieren wollten." Da wurde nun freilich gebaut und gebessert. Aber in dem kleinen Staedtchen mit seinen paar tausend Einwohnern und ebensoviel Studenten waren die alltaeglichen Beduerfnisse nicht gar leicht zu bekommen. Melanchthon schon beklagte sich bei seiner Uebersiedlung nach Wittenberg, dass da nichts Rechtes zu bekommen sei und Luther schreibt selbst: "Es ist unser Markt ein Dr. ----" Dazu war es teuer genug. Und so musste Frau Luther nicht nur einen Kasten, einen Pelzrock fuer die kleine Margarete nach angegebenem Mass von auswaerts bestellen, sondern allerlei Beduerfnisse, Saemereien, Stecklinge, sogar Borsdorfer Aepfel, ja Butter und Kaese musste sie von weither aus Pirna durch den dortigen Pfarrer Lauterbach oder von Erfurt und Nuernberg kommen lassen[215]. Als Kaethe fuer Luthers Grossnichte die Hochzeit ausrichten sollte (Januar 1542), musste ihr Gatte an den Hof nach Dessau um Wildbret schreiben. "Hie ist wenig zu bekommen, denn die Menge (der Einwohner) und viel mehr die Aemter und Hoflager haben schier alles aufgefressen, dass weder Huehner, noch ander Fleisch wohl zu bekommen, dass, wo es fehlet (am Wildbret) ich mit Wuersten und Kaldaunen muss nachfuellen." Natuerlich musste sie auch Mehl kaufen, waehrend Landpfarrer solches zu Kauf anboten, und Frau Kaethe konnte es sehr verdriessen, wenn ein solcher ihr, weil sie die Frau Doktorin war, fuer den Scheffel neunthalb Groschen forderte, also mehr als die Bauern. Und ebenso vermerkte sie uebel, dass die Wittenberger drei Pfennig fuer ein Kandel Bier begehrten[216]. Wie alle Stadtbewohner des Mittelalters, auch die Professoren, Jonas, Melanchthon u.a.[217], so strebte darum auch Frau Katharina nach liegenden Gruenden; als ehemaliges Edelfraeulein und Klosterfrau hatte sie ohnedies eine besondere Neigung zum Grundbesitz, und auch Luther hatte seine Freude wenigstens an der Natur und der Landwirtschaft. So hielt man es auch fuer die sicherste Anlage und eigentliches Erbe fuer die Nachkommen, "Feld und Gut zu hinterlassen", und auch Frau Kaethe "hoffte zu Gott, er werde ihren Kindern, so sie leben und sich frommlich und ehrlich halten werden, wohl Erbe bescheren"[218]. Freilich ist der Boden auf dem rechten Elbufer, wo Wittenberg liegt, wie Luther klagt, drei Meilen herum, sandige und steinige Heide, so dass bei windigem Wetter nach dem Witzwort 99 Prozent Landgueter in der Luft herumfliegen. Er fuhrt den plattdeutschen Spruch im Mund: Laendicken, Laendicken Du bist ein Saendicken! Wenn ik dik arbeite, So bist du licht (leicht); Wenn ik dik egge, So bist du schlicht; Wenn ik dik meie (maehe), So find ich nicht (nichts). Ueber diese Wittenberger Gemarkung bemerkte er gegenueber der seiner Heimat: "In dieser unserer Gegend, welche sandig ist, giebt die Erde in mittleren Jahren fuer einen Scheffel 7 bis 8, in Thueringen meist 12 und mehr"[219]. Dennoch erwarben die Luthers bald mehrere Grundstuecke, zwei Hufen und zwei weitere Gaerten. Schon 1531 kaufte Kaethe einen Garten, wie Luther sagte "nicht fuer mich, ja gegen mich". Es ist wohl derselbe, dessen Kauf sie "mit Thraenen" durchsetzte, so dass er seinem Freund und ehemaligen Mitbruder Brisger sein Haeuschen nicht abkaufen, ihm auch kein Geld leihen konnte. Dieser Garten, an der Zahnischen Strasse gelegen, wurde, scheint es, spaeter veraeussert; dafuer wurde (um 1536) von Claus Bildenhauer fuer 900 fl. ein groesserer "Baum-Garten" mit allerlei Gebaeulichkeiten und einem angestrichenen Zaun erworben. Einer dieser Gaerten lag vor der Stadt an dem "Saumarkt"; deshalb adressiert Luther Briefe an die "Saumaerkterin", "auf dem Saumarkt zu finden"[220]. Hier floss die "Rische Bach" und speiste wohl die "Fischteichlein", welche Frau Kaethe mit allerlei Fischen, sogar mit edlen Forellen besetzte. Am Hause wurde ferner im selben Jahre (1536) ein Garten mit Baeumen angelegt, der 400 fl. kostete. Fuer den Famulus Wolf wurde um 20 fl. ein Gaertlein gekauft, wo er wahrscheinlich seinen Vogelherd anlegte, mit dem ihn Luther verschiedentlich neckt. Ferner wurden einige Hufen gekauft am "Eichenpfuhl"[221]. Zwei Jahre vor Luthers Tode kam endlich noch zu Frau Kaethes Wirtschaft um 375 fl. ein Hopfengarten hinzu, der "an der Specke", einem Eichwaeldchen auf der nahen Gemarkung des Dorfes Lopez, gelegen war, wo die Studenten gerne lustwandelten und auch manchen Unfug trieben. Aus diesem Garten gewann die Frau Doktorin ihren Hopfenbedarf fuer ihr Klosterbraeu[222]. So schaltete und waltete Frau Kaethe im Haus und in ihren Gaerten und Hufen als "Kuechenmeisterin", "Baeuerin und Gaertnerin", fuhrwerkte, baute Aecker, kaufte Vieh, weidete Tiere u.s.f. Besonders verlegte sie sich mit ihrem Gemahl auf die Obstzucht: Kirschen, Pfirsiche, Nuesse, Apfel, Birnen erntete die Doktorin. Auch mit Rebbau gab sie sich ab, und ihr Faktotum Pfarrer Lauterbach musste ihr aus Pirna dazu die Pfaehle, allein 10 Schock d.h. 600 Stueck, besorgen; freilich wurde aus den Trauben nicht Wein bereitet, sondern sie dienten zur Nachkost auf der Tafel. Selbst mit Feigen- und Maulbeerbaeumen versuchte sie sich. Und als Gemuese pflanzte sie nicht nur die einheimischen: Kraut, Erbsen und Bohnen, sondern auch Gurken, Kuerbisse und Melonen, wozu Link aus Nuernberg die Samenkerne schickte. Mit Erfurter Riesenrettichen wollte Luther seine Freunde nicht nur in Erstaunen setzen, sondern sie auch selbst gezogen haben. Frau Kaethe war sehr ungluecklich, wenn Ungeziefer ihr das Gemuese schaedigten: "denn Raupen im Kohl und Fliegen in der Suppe--ein sehr nuetzlich und lieblich Vieh!" hiess es da. Aber noch aerger war ihr's, wenn Studenten, Spatzen und Dohlen ihr in die Gaerten einfielen, und ihr Gemahl haette gern ein strenges Edikt "gegen die unnuetzen Sperlinge und Kraehen, Raben und Spechte erlassen, welche alles verderben"[223]. In einem der Gaerten waren Bienenstoecke, vor welchen der gruebelnde Doktor das wunderbare Treiben der fleissigen Tierlein belauschte, die praktische Hausfrau aber den suessen Ertrag berechnete fuer Met, Suesswein und Honigkuchen. Im grossen Garten draussen vor der Stadt, hatte Frau Kaethe ihre Fischteichlein, worin sie Hechte und Schmerle, Kaulbarsche und Karpfen, sogar Forellen zog und von denen sie bei guter Gelegenheit etliche "gesotten auf den Tisch brachte und mit grosser Lust und Freude und Danksagung davon ass", und sie hatte "groessere Freude ueber den wenigen Fischen, denn mancher Edelmann, wenn er etliche grosse Teiche und Weiher fischet und etliche hundert Schock Fische faehet"[224]. Mit diesen Gaerten waren aber die Guetererwerbungen der Lutherischen Familie noch nicht abgeschlossen. Zunaechst kam ein unwillkommener Erwerb hinzu, den Luther aus Gefaelligkeit uebernahm. Es war das kleine Haus "Bruno", eine "Bude" ohne Gerechtigkeiten und Zubehoer an Garten, unmittelbar neben dem Kloster, aber vorn an der Kollegiengasse gelegen. Das hatte Luthers letzter Klosterbruder Brisger fuer sich bauen lassen, dann aber bei seinem Wegzug dem Pfarrer Bruno Brauer zur Verwaltung gegeben und Luther oft angeboten; dieser konnte es aber wegen anderer Kaeufe nicht erwerben, auch forderte Brisger, der von seiner katholisch gebliebenen Mutter enterbt wurde und, scheint es, in Geldbedraengnis war, einen zu hohen Preis (440 fl.). Endlich kaufte es Luther als Lehen fuer seinen Diener Wolf Sieberger bezw. als Leibgedinge fuer seine Gattin, musste aber den Kaufschilling voellig schuldig bleiben. Der Besitz dieses Hauses war unwillkommen, weil es erst wieder vermietet werden musste und mehr Sorgen als Ertrag brachte; es kostete 250 fl. und musste noch um 70 fl. "geflickt" werden[225]. Der Sinn von Frau Kaethe stand viel mehr auf landwirtschaftliche Besitztuemer, weil diese ihrer nutzbringenden Thaetigkeit mehr entsprachen. So bekam sie nach einem grossem Pachtgut Verlangen, um daraus ihre grossen haeuslichen Beduerfnisse zu beschaffen; sie wollte nicht abhaengig sein von den teuren Lieferanten und stoerrischen Bauern, welche manchmal eine kuenstliche Teuerung veranlassten. So hatte sie schon 1536 ihren Gevatter, den Landrentmeister Hans von Taubenheim, um Ueberlassung eines guenstig gelegenen Gutes, Booss, gebeten, hatte es aber nicht bekommen. Drei Jahre spaeter fing sie aufs neue Verhandlungen mit Taubenheim an. Ihr Brief lautet in der urspruenglichen Schreibweise so: "Gnad vnd fride yn Christo zuuor, gestrenger, ernuester, lieber herr geuatter. Euch ist wol wissentlich, wie ich E.g. vngeferlich fur dreyen jaren gebeten, dass myr das gut "_Booss_" myt seynen zugehorungen vmb eynen gewonlichen zynss zu meyner teglichen hawsshaltung wie eynem andern mochte gelassen werden, als denn auch meyn lieber herr bey doctor Brug[226] diselbige zeyt deshalben hat angeregt; ist aber dasselbig mal vorblieben, dass ichs mecht bekommen, vylleycht dass doselbst nicht loss ist gewesen von seynem herrn, der es vmb den zynss hat ynnen gehabt. Ich byn aber unterrichtet, wie der kruger von Brato, welcher es dysse zeyt ynnengehabt, soll iezund solch gut lossgeschrieben haben, wo solchs also were, ist meine freuntliche bytte an Euch also mynen lieben gevattern, wollt myr zw solchem gut fodderlich seyn vmb denselbigen zynss, sso eyn ander gybt, wyll ichs von herczen gerne annehmen vnd die zynsse deglich an zwen orth vberychen. Bitte gancz freuntlich, e.g. wolde myr Ewer gemueth wyder schreyben vnd das beste rathen yn dyssem fall vnd anzceygen, wo ich etwas hyrin vnbyllichs begert vnd woldet denen nicht stadgeben myt yrem argkwone, alss ssolde ich solchs gut fur mich odder meyne kinder erblich begeren, welche gedanken yn meyn hercz nie kommen synd. Hoffe zu gott, er werde meynen kindern, sso sie leben vnd sich fromlich vnd ehrlich halten wurden, wol erbe beschern, bytte alleyne, das myrs ein jar odder zwey vmb eynen zymlichen geburlichen zynss mochte gelassen werden, damyt ich meyne haushaltung vnd vyhe deste bek(w)emer erhalten mochte, weyl man alles alhier vfs tewerst kewfen muss vnd myr solcher ort, der nahe gelegen, sser nuezlich seyn mochte. Ich habe meynen lieben herrn iczt yn dvsser sachen nicht wollen beschweren, an Euch zuschreyben, der sunst vyl zu schaffen, ist auch on noth, dass E.g. solchs meyn antragen ferrer an ymandes odder an m. g'sten herrn wolde gelangen lassen, ssunder sso Ir solche myne bytte fur byllich erkennet, dass Irs myt dem schosszer zw Seyda bestellen wolt, dass myr solch gut vmb eynen geburlichen zynss wie eynen andern mochte eyngethan werden. Domyt seyet gott bepholen. Gegeben zu Wyttembergk, Montag nach Jubilate ym 1539. jhare. Catherina Lutherynu"[227]. Wiederum wurde aus der Pacht nichts. Dagegen kam Frau Kaethe im folgenden Jahre unverhofft zu einem eigenen Hofgut, das sogar ihr persoenlich als Leibgeding gehoerte und ihr um so werter sein musste, als es der letzte Rest von dem Erbgut der Bora war, welches sonst der Familie anscheinend vollstaendig abhanden gekommen war. Es war das Guetchen Zulsdorf, das ihr Bruder Hans vor sieben Jahren uebernommen hatte, aber trotz der Mitgift der Witwe Apollonia von Seidewitz, die er geheiratet hatte, nicht halten konnte, oder das zu gering war, um ihn selbst zu ernaehren. Es war freilich weitab von Wittenberg gelegen, wohl zwei Tagereisen; aber es zog sie doch hin nach dieser ihrer mutmasslichen einstigen Heimat und ihrem kuenftigen Witwensitz. So wurde Frau Kaethe die Nachbarin von Amsdorf, dem Bischof von Naumburg, dem sie jetzt ihren Gruss entbietet als "gnaedigem Nachbar und Gevatter". Ihr Gemahl that alles, "um die neue Koenigin wuerdig in ihr Reich einzusetzen" und titulierte sie seitdem als die "Zulsdorferin", "die gnaedige Frau von Zulsdorf", oder "Ihro Gnaden Frau von Bora und Zulsdorf"[228]. Hier in ihrem, "neuen Koenigreich" und Sondereigentum konnte ihr unternehmender thatkraeftiger Geist so recht nach Behagen schalten und walten und ein Neues pfluegen und schaffen. Denn das Guetchen war verlottert, das Land eine "wueste Mark", die Gebaeulichkeiten baufaellig. Sie riss nieder, baute, besserte, fuhrwerkte und nahm dabei, wie gewohnt, auch die Hilfe der Freunde ihres Hauses in Anspruch: der Herr von Ende musste ihr Hafer und Saatkorn liefern, der von Einsiedel Wagen stellen, Spalatin ihre Fuhrleute beherbergen. Sie steckte viel Geld hinein, der Kurfuerst gab ihr Eichenbalken und anderes Holz und 600 fl. "Begnadigung", aber auch das reichte zum Schmerze Kaethes nicht fuer Reparatur und Zustandhaltung des heruntergekommenen Anwesens, so dass Luther im ersten Jahr schreibt: "Sie verschwendet in diesem Jahr dort, was erzeugt wurde"[229]. Dabei hatte die Doktorin allerlei Aerger und Missgeschick: die Eichenstaemme, die ihr der Kurfuerst aus dem Altenburger Forst angewiesen und die Luther selbst ausgesucht hatte, liess sie faellen, um sie in Bretter schneiden zu lassen fuer ein Scheunlein. Als sie aber mit ihrem Fuhrwerk kam, die Baeume abzuholen, waren sie vom Amtmann verkauft oder unterschlagen. Und es musste geklagt, von neuem petitioniert und verhandelt werden, bis wieder Holz angewiesen war und Kaethe die Fuhren besorgen konnte. Weitere Unannehmlichkeiten erlebte die Gutsbesitzerin mit den Anliegern von Zulsdorf, den Kieritzscher Bauern, welche ihr das Weiderecht beeintraechtigten. So hatte sie im Jahre 1541 monatelang vorm Amtmann Heinrich von Einsiedel zu Borna mit denen von Kieritzsch zu prozessieren. Das Urteil des Kurfuersten fiel guenstig fuer die Lutherischen aus; sie "haetten in der Guete wohl mehr um Friedens und guter Nachbarschaft willen eingeraeumt"[230]. Trotzdem verleidete der Doktorin der Besitz nicht. Wochenlang, namentlich wenn Luther verreist war, hielt sich Frau Kaethe in ihrem neuen Besitztum auf, so dass ihr der Gemahl manche Epistel dahin schreiben musste. So im Herbst (13. September) 1541, wo sie vielleicht mit einigen Kindern Obsternte dort hielt. Da schreibt er: "Meiner lieben Hausfrauen Kaethe Ludern von Bora zuhanden. G.u.F.! Liebe Kaethe! Ich lasse hiermit Urban zu Dir laufen, auf dass Du nicht erschrecken sollst, ob ein Geschrei vom Tuerken zu Dir kommen wuerde. Und mich wundert, dass Du so gar nichts her schreibst oder entbeutst, so Du wohl weisst, dass wir hie nicht ohne Sorge sind fuer euch, weil Mainz, Heinz und viel vom Adel in Meissen uns sehr feind sind. Verkaufe und bestelle, was Du kannst, und komme heim. Denn als mich's ansieht, so will's Dreck regnen, und unsre Suende will Gott heimsuchen durch seines Zornes Willen. Hiemit Gott befohlen, Amen. Sonntags nach Lamperti 1541. M. LutheR"[231]. Ja noch zu Wittenberg war Kaethe mit ihren Gedanken oft abwesend auf ihrem Lieblingssitz, so dass ihr Gemahl adressiert: "Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katharin Lutherin, zu Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen." Auch Luther hielt sich manchmal in dem stillen Oertlein zur Erholung auf und sendet von hier Briefe und Gruesse "von meinem Kaethe und Herrn zu Zulsdorf"[232]. Wohl weil Zulsdorf zu weit abgelegen und zu wenig eintraeglich war, so wandte in den letzten Jahren Frau Katharina ihre Augen auf das Gut Wachsdorf bei Wittenberg, eine Stunde davon, jenseits der Elbe auf fruchtbarem Boden gelegen, mit Hochwald umgeben; freilich etwas sumpfig. Es gehoerte des [Symbol: gestorben] Dr. Sebald Muensterers Kindern und war der Erbteilung wegen kaeuflich. Aber es wurde nichts daraus; namentlich hintertrieb der Kanzler Brueck die Erwerbung. Auch der Doktor war mit dieser grossen Ausdehnung der Wirtschaft nicht mehr recht einverstanden, obwohl er den Hausspruch: "Eigen Wat gut ist dat" sehr wohl kannte und anerkannte und sagte, alles Gute im Ehestand sei eitel Segen Gottes was niemand erkenne, "als der Gott fuerchtet und alles auf dem Markte kaufen muss." Er konnte sich in diese Haushaltung nicht richten; er meinte, dass die Sorge und Geschaeftigkeit um den grossen Haushalt sie abziehe, in stiller, gemuetlicher, geistiger Weise sich selbst zu leben und ihm und ihren Kindern. Auch klagte er gelegentlich ueber die vielen Dienstboten, welche in dem weitlaeuftigen Hauswesen noetig waren; so schon 1527 waren mehrere Maegde da, 1534 ein Kutscher, spaeter sogar ein Schweinehirt. Er meinte: "Ich habe zu viel Gesinde." Mehr Dienstboten als heutzutage waren ja auch in diesen Zeiten ueblich und moeglicherweise ist hierin Frau Kaethe etwas weiter gegangen, was wohl mit der zahlreichen Gesindeschar im Klosterleben zusammenhaengen mochte[233]. Aber es ist doch begreiflich, dass die Frau Doktorin darauf bedacht war, ihre Wirtschaft zu erweitern. Es war nicht allein die unternehmungslustige Thatkraft der energischen Frau, welche Neues schaffen und ein grosses Bereich beherrschen wollte, es war auch die Sorge um die Beduerfnisse des grossen Haushaltes selbst, es war aber ganz besonders das Streben, die oekonomische Zukunft der nicht kleinen Familie fuer das Alter, namentlich aber fuer die eigene Witwenschaft und das Waisentum ihrer fuenf Kinder, zu sichern, indem sie das in Luthers Haenden gefaehrdete fluessige Geld in festes Gut umwandelte. So bestand am Ende der gesamte Besitz der Lutherischen Familie aus einem Landgut, dem grossen und kleinen Haus, dem Klostergarten, dem "Baumgarten" auf dem Saumarkt, dem Hopfengarten an der "Specke" und zwei Hufen Landes. Das war ein ziemlich umfangreicher Besitz, der neben der grossen und weitlaeufigen Haushaltung gar viel Unruhe verursachte und viel Zeit und Arbeit kostete, so dass man kaum begreift, woher Frau Kaethe nur die Zeit nahm, um das alles zu besorgen und zu uebersehen. Und wir verstehen, dass es ihr manchmal zu viel wurde und sie dem heftigen, ungeduldigen Mann manchmal nicht rasch genug nachkommen konnte, so dass er klagt: "Ich bin unter einem ungluecklichen Stern geboren, vielleicht dem Saturn; was man mir thun und machen soll, kann nimmermehr fertig werden; Schneider, Schuster, Buchbinder, mein Weib ziehen mich aufs laengste hin." Aber er muss in derselben Zeit auch die vielgeplagte Frau noch entschuldigen, wo sie ein Kind an der Brust und eins unter dem Herzen naehrte: "Es ist schwer zwei Gaeste zu naehren, einen im Haus und den andern vor der Thuere." Und er erkennt ihre Anstrengungen und Sorgen auch an: "Mein Wolf hat's besser denn ich und meine Kaethe"[234]. Die Frau Doktorin war aber auch ein gar fleissiges Weib. Sie hat in ihrem Bereich ebenso gewaltig und unermuedlich geschafft und geschaffen, wie der Doktor in dem seinigen. Freilich schon morgens um 4 Uhr im Sommer, um 5 Uhr im Winter, oft auch noch frueher, stand sie auf, und darum wohl sagte ihr Gatte und ihre Mitbuerger: "Kaethe von Bora ist der Morgenstern von Wittenberg." Und so stand sie an der Arbeit bis abends um 9 Uhr, wo der Doktor unerbittlich zum Schlafengehen draengte. Freilich hatte sie einen kraeftigen, leistungsfaehigen Koerper und war, im Gegensatz zu ihrem viel kraenklichen Mann, so gesund, dass fast niemals von einer Erkrankung Meldung geschieht. Es ist nur einmal die Rede davon, dass sie eines Abends schwach wurde und ein Fieber bekam, so dass ihr Gatte in Angst geriet und sagte: "Liebe Kaethe, stirb mir ja nicht." Ein andermal, da D.M. Luther mit etlichen ueber Tische redete, ging sie in die Kammer und fiel in Ohnmacht. Aber das war alles voruebergehendes Unwohlsein. Nur _eine_ Krankheit machte sie durch infolge einer Fruehgeburt; sonst scheint sie gesund gewesen zu sein bis ins Alter[235]. Doch nicht nur unermuedliche Geschaeftigkeit war Kaethes Tugend, sondern sie verstand es auch, das Hausregiment zu fuehren in Kueche und Keller, im Brauhaus und Backhaus, in Garten und Feld, in der Kinder- und Gesindestube, als Mutter und Gattin, als Wirtin und Herrin, als "Predigerin, Braeuerin, Gaertnerin und was sie mehr sein kann", und mit Bezug auf sie, die Hausregentin und "Kuechenmeisterin", schrieb Luther an den Rand seines Hausbuches: "Der Frauen Augen kochen wohl Mehr denn Magd, Knecht und Feuer und Kohl"[236]. Freilich Luther selbst war nicht weniger arbeitssam, auch mit koerperlicher Beschaeftigung; namentlich in den ersten Jahren: er gaertelte gern und viel, grub, saeete, pfropfte; er drechselte auch auf seiner eigenen Drehbank. Beides sah gewiss Frau Kaethe gern, nicht nur, weil es manchen Tagelohn und Handwerksmann ersparte, sondern weil es auch Luthers Gesundheit zutraeglich war. Weniger Gefallen hatte sie an seiner aus der Junggesellenzeit heruebergenommenen Neigung, seine Kleider selber zu flicken. Der Doktor that sich auf diese Kunst viel zu gut und duenkte darin sich geschickter, wie die deutschen Schneider, welche keine gutsitzenden Hosen fertig braechten. Da fand Frau Kaethe eines Tags zu ihrem nicht geringen Staunen und Verdruss ein Paar Hosen ihres Buben, aus denen ein Stueck herausgeschnitten war: und als sie nachfragte, hatte der Herr Gemahl den Flicken zum Ausbessern seiner eigenen Hose verwendet[237]!-- Es war ein arbeitsseliges Haus, die ehemalige Staette der Beschaulichkeit. Droben in der Studierstube der grosse Doktor, der mit emsiger Gewissenhaftigkeit und dem angestammten Fleiss eines Bauernsohnes seine Zeit auskaufte fuer die geistliche Haushaltung der Kirche; und unten die wirtliche Hausfrau, die in echter deutscher Geschaeftigkeit und Treue sich ihrem Hause widmete, dem Gatten und den Kindern, dem Gesinde und den Freunden, und deren Stolz und Ruhm es war, alles zu koennen und alles zu thun. So waltete Frau Kaethe in ihrer "Wirtschaft". 9. Kapitel "Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Kaethe." Ein Grundbesitz, wie ihn das Lutherische Ehepaar am Ende aufwies, zeugte von nicht geringer Vermoeglichkeit. Woher und wie war nun dieses Vermoegen zusammengekommen? Katharina sowohl wie Luther brachten nichts in die Ehe. Sie waren am Anfang ihres Hausstandes und noch lange fort vollstaendig vermoegenslos; erst nach seiner Eltern Absterben (1530-31) erbte Luther eine kleine Barschaft von 250 fl. Im Jahre 1527 war er noch gaenzlich ohne Besitz, er war arm und ein Bettler, konnte weder Haus, Aecker, liegende Gruende, Geld noch Gut seinem Weib und Kind nach sich lassen, wenn er damals gestorben waere. Denn auch das Klosteranwesen war noch nicht sein ausgesprochenes Eigentum. "Armut ist mein Irrtum und meine Ketzerei", sagte er noch 1530; und zwei Jahre darauf hat er nur einen Becher im Schatzkaestlein. Noch 1534 musste er es ablehnen, fuer ein paar hundert Gulden das kleine Haus Bruno zu kaufen: er wollte seine Armut nicht offenbar werden lassen, weil er's fuer unmoeglich hielt, jemals auch nur die Haelfte einer solchen Summe zusammenzubringen[238]. In Ermangelung eines eingebrachte Heiratsgutes war das Ehepaar also auf die Besoldung angewiesen, welche der Hausvater hatte, und auf den Verdienst, welchen die Hausmutter von der Bebauung des Gutes und ihrem Kosttisch zog. Die Beamtenbesoldungen waren zu jener Zeit nicht etwa bloss feste Gehalte, sondern bestanden auch in allerlei Ehrengeschenken, meist in Naturalien, welche den Angestellten bei besonderen Gelegenheiten und fuer besondere Dienstleistungen, als Reisen, Gutachten, Berichte, Schriften u.a., von den Fuersten und Stadtobrigkeiten zuflossen. Seit seiner Verheiratung war Luthers Besoldung von einhundert auf zweihundert Gulden erhoeht worden. Von 1532 ab, unter Kurfuerst Johann Friedrich, kamen noch jaehrlich 100 Scheffel Korn, 100 Scheffel Malz fuer zwei Gebraeude Bier, 60 (spaeter 100) Klafter Holz und zwei Fuder Heu hinzu. Freilich blieben die Lieferungen "aus Unwillen" der Beamten manchmal aus. Der kurfuerstliche Keller zu Wittenberg stand den hervorragenden Professoren immer offen. Ausserdem kamen ihm vom Hofe allerlei Viktualien zu: Wein, Most, Essig, Obst, Fische, Wildbret, Arzneien, auch Kleider und Tuche. So sendet 1543 der Kurfuerst "zwei Fass, eins mit altem Wein, das andre mit heurigem gewachsenen Most, Suptezer, so gut Uns der allmaechtige Gott dies Jahr bescheret hat; den wollet von Unseretwegen gutwillig annehmen und in Froehlichkeit geniessen". Auch der Daenenkoenig Christian III. sandte in den letzten Jahren (1543) zuerst Butter und Heringe; als man aber unterwegs mit dieser "Kuechenspeise unschicklich umgegangen", wurde die Sendung in ein Geschenk von 50 fl. verwandelt. Soviel erhielten auch die andern Wittenberger Theologen Bugenhagen und Jonas: es war ein Ehrensold, den der Fuerst fuer die Ausbildung seiner Gottesgelehrten an die saechsische Universitaet zahlte[239]. Wenn der Kurfuerst Johann an Luther bei Aufhebung des Klosters den Hausrat im Werte von 20 fl. und die Kuechengeraete, welche um 50 fl. verkauft wurden, ueberliess, so war das eine Entschaedigung dafuer, dass er lange Zeit sein Deputat an Viktualien gar nicht oder nur spaerlich erhalten hatte. Fuer den Hausrat hatte er "der Kirche und Universitaet mit Predigen, Lesen, Schreiben u.s.w. die langen Jahre her um Gotteswillen und umsonst gedient; und fuer die Kuechengeraete hatte er Nonnen und Moenche (Diebe und Schaelke mitunter) gekleidet, gespeiset und versorget mit solchem Nutzen, dass ich das Meine und 100 fl., so mir m. gn. H. Herzog Hans zur Haushaltung geschenkt, gar weidlich zugesetzt habe"[240]. Aehnlich waren die Geschenke der Stadt Wittenberg auch nur Gegenleistungen. So hat der Stadtrat aus seinen Brennereien Baumaterialien, als Ziegelsteine und Kalk, nicht angerechnet, schenkte auch sonst eine Jahresgabe oder besondere Erkenntlichkeit, so als Luther in der Osterzeit jeden Tag gepredigt hatte, einen halben Lachs, anno 1529 der Frau Doktor in Abwesenheit ihres Mannes 10 Thaler, "weil man ihm dies Jahr sonst keine Verehrung gethan". Dafuer war Luther ohne Gehalt bei dreissig Jahre der Stadt Prediger gewesen, hatte auch oftmals noch Bugenhagen auf kuerzere oder laengere Zeit, einmal sogar, als jener auswaerts reformierte, zwei Jahre lang (1535-37) vertreten. Auch musste Luther auf seine Kosten "zu ihrer Kirche Dienst und Nutz" Diener halten, ohne dass der "gemeine Kasten" etwas fuer sie beitrug. Ferner trat Luther einen grossen Raum vorm Klosterhof umsonst an die Stadt ab, gestattete auch, dass sein ganzes Anwesen nach seinem Tode und das Nebengebaeude auch bei seinen Lebzeiten unter das Buergerrecht gestellt wurde, waehrend es vorher ganz frei gewesen. Ebenso wollte Luther, als der Kurfuerst 1542 eine Tuerkensteuer ausschrieb, obgleich er grundsteuerfrei war, doch des Beispiels wegen auch geschatzt sein[241]. Trotz solcher Gegendienste, welche mittelbar oder unmittelbar "Geschenke" veranlassten, nahm doch Luther solche nicht ohne Wahl und Mass an. Er lehnte nicht nur das Hochzeitsgeschenk des Mainzer Erzbischofs ab, er wies auch eine Gabe des Kurfuersten zurueck, weil er wisse, "dass der hohe Herr des Gebens viel habe und zu viel den Sack zerreisse". "Bitte derhalben Ew. Kurfuerstliche Gnaden wollten harren, bis ich selber klage und bitte, auf dass ich durch solch Zuvorkommen Eurer Kurf. Gnaden nicht scheu werde fuer andre zu bitten, die viel wuerdiger sind solcher Gaben"[242]. Und ferner: "Ich will Ew. Kurf. Gn. unterthaeniglich bitten, nicht zu glauben denen, die mich angeben, als habe ich Mangel; ich habe leider mehr, sonderlich von Ew. K. Gn., denn ich im Gewissen vertragen kann"[243]. Auch seine Freunde schilt er oft, dass sie des Schenkens zu viel machen[244]. Wenn er Sommers von einem Pfarrherrn oder Schultheissen aufs Dorf zu Gaste geladen wurde, so kam er gern mit einem Tischgesellen und hielt eine Predigt. Aber er brachte allewege Speise und Trank fuer sich und seine Begleiter mit, die ihm daheim Frau Kaethe zubereitet und in den Wagen gepackt hatte[245]. Einem wegziehenden Famulus wuerde er gerne zehn Gulden geben, wenn er sie haette; aber unter fuenf Gulden soll ihm seine Frau nicht geben und was sie darueber kann geben, bittet der Doktor sie, das solle sie thun--also bis auf den letzten Gulden mutet er der Hausfrau zu sich zu entbloessen und doch traegt er der Frau gleichzeitig auf, ein Mitbringsel fuer die Kinder zu kaufen, weil er selbst in Torgau nichts Sonderliches faende[246]. Fuer seine Vorlesungen nahm Luther von den Studenten keine Kollegiengelder. Ja, auch von seinen Schriften nahm er kein Honorar: 400 fl., die ihm ein Buchdrucker jaehrlich fuer den Verlag seiner Schriften anbot, schlug er aus, auch die 1000 fl., welche Melanchthon ihm fuer die Ausarbeitung des deutschen Aesop versprach. Eine Kure im Silberbergwerk zu Schneeberg, welche ihm der Kurfuerst fuer seine Bibeluebersetzung 1529 schenken wollte, wies er ab: er wollte von der Welt seine geistige Arbeit nicht bezahlt haben und wie Paulus mit dem Gotteswort nicht Handel treiben[247]. Bei einer solchen Gesinnung und Handlungsweise ist es begreiflich, dass die praktische Frau Kaethe auch einmal ueber ihren Doktor mit seiner Geldverachtung seufzte. Als der gleichfalls wenig haushaelterische Meister Philipp Melanchthon einmal bei Luther speiste und im Gespraech ueber den Weltlauf von einem Magister sprach, welcher dem Geiz ergeben, ein sehr gutes Urteil ueber gute und schlechte Gulden habe, bemerkte die Doktorin: "Wenn mein Gemahl solchen Sinn haette, wuerde er gar reich sein." Melanchthon meinte darauf: "Das kann nicht sein, denn die Geister, welche fuer die Allgemeinheit arbeiten, koennen sich ihren Privatangelegenheiten nicht hingeben"[248]. Den nicht gerade ausserordentlichen Einnahmen Luthers standen nun aber gewaltige Ausgaben gegenueber. Zunaechst einmal fuer die ausgedehnte Haushaltung; dann aber auch fuer andere Zwecke und Anschaffungen. Einen interessanten Einblick in diese Dinge gewaehren die Aufzeichnungen Luthers in seinem Haushaltungsbuch. Da ist[249] eine "Wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doc. Martin und Kaethe 1535 Anno ---- 1536 das waren zwei halbe Jahr. 90 fl. fuer Getreide 90 fl. fuer die Hufen 20 fl. fuer Leinwat (Leinwand) 30 fl. fuer Schweine 28 fl. Muhme Lene gen Borna(u) 29 fl. fuer Ochsen 10 fl. Valt. Mollerstet bezahlt 10 fl. Geleitsmann " 8 Thaler M. Philipp " 40 fl. fuer Gregor Tischer " 26 fl. Universitaet " ------- Zus. 389 fl. ausser andern Viktualien. " Diese "andern Viktualien" waren Gemuese, Fleisch, Fisch und Gefluegel, Obst und Kolonialwaren, Getreide und Hopfen, Brot und Semmel, Oel und Talg, Butter und Honig, Wein und Bier. Dann hiess es: "Gieb Geld fuer Hanf und Flachs, Garn und Wachs, Naegel und Haken, allerlei Geschirr und Geraete in Stube, Kueche, Keller, Garten; fuer Wagen und Geschirr." "Gieb Geld" forderten auch 29erlei Handwerker, ferner Buchfuehrer (Buchhaendler), Arzt, Apotheker und Praezeptor, Knechte, Maegde, Hirten, Knaben und Jungfern, Braeute und Gevattern, auch Bettler und--Diebe[250]. Ausgaben gab es dann fuer manche Patengeschenke, Hochzeiten und Gastungen, Geschenke zu Neujahr, Jahrmarkt und S. Niklas. Endlich kamen die "grobe Stueck: Hochzeit machen fuer Sohn, Tochter, Freundin; dem Kraemer fuer Seiden, Sammet und Wurze"[251]. Im ganzen waren es 135 Dinge, fuer welche Frau Kaethe stets die Hand ausstrecken und "Gieb Geld" sagen musste. Unter diesen Ausgaben machen namentlich die Ehrengeschenke und Wohlthaten einen grossen Posten aus; sie gehoerten bei Luther zu den besonders "groben Stuecken". Ausser den Gastungen gehoeren namentlich die Patengeschenke und Hochzeiten hierher; Luther und Frau Kaethe standen zahllose Male zu Gevatter, denn in Wittenberg waren bei jedem Kinde viele Paten ueblich, und fuer jeden kostete es einen Silberbecher oder eine grosse Muenze. Die Hochzeiten und Hochzeitsgeschenke waren eine grosse Last. So klagt Luther (1543) am Ende selber: "Die taeglichen Hochzeiten hier erschoepfen mich"[252]. Luthers Mildtaetigkeit kannte keine Grenzen. Er sprach als Grundsatz aus: "Wer gerne giebt, dem wird gegeben; das erhaelt das Haus, darum, liebe Kaethe, haben wir nicht mehr Geld, so muessen die Becher daran." Und demgemaess handelt er. Wie viele andere Theologen und sonstige gutmuetige Menschen (auch Melanchthon) gab er Beduerftigen und Bittenden ueber Gebuehr und Vermoegen, und gar oft an Unwuerdige, so dass er erst durch "boese Buben witzig gemacht" wurde. Er gestand spaeter (1532) selbst seiner Frau: "Denke, wie oftmals wir haben boesen Buben und undankbaren Schuelern gegeben, da es alles verloren gewesen ist." Wie weit er in seiner Gutherzigkeit ging, moegen von vielen nur zwei Beispiele zeigen: Einem armen Studenten schenkt der Doktor, weil kein Geld im Haus ist, einen silbernen Ehrenbecher, und als er merkte, wie Frau Kaethe ihm abwinkt, drueckt er ihn schnell zusammen und schickt den jungen Menschen damit zum Goldschmied; was er dafuer loese, solle er behalten, er brauche keinen silbernen Becher. Ja, als seine Frau im Wochenbett liegt, geraet er gar ueber das Patengeschenk seines juengsten Kindes, um einen bedraengten Beduerftigen nicht mit leerer Hand gehen zu lassen, und meinte: "Gott ist reich, er wird anderes bescheren"[253]. Das gesamte, so wenig berechnende Verhalten Luthers erklaert sich einerseits aus seiner allem Eigennutz abgeneigten Natur und seinem grossartigen Gottvertrauen, andrerseits aber auch aus dem Mangel an Berechnung, welche dem weltentfremdeten Moench aus seiner Klosterzeit noch anhaftete; dies musste aber bei einem "weltlichen" Haushalt naturgemaess dazu fuehren, dass Einnahme und Ausgabe bald nicht mehr im richtigen Verhaeltnis zu einander stand. So hatte das junge Paar im zweiten Jahre seiner Ehe ueber hundert Gulden Schulden, so dass Luther seinem Freunde und ehemaligen Klostergenossen Brisger keine acht Gulden vorstrecken konnte. "Woher soll ich's nehmen?" fragt er. "Durch meinen schweren Haushalt und meine Unvorsichtigkeit ist es so gekommen. Drei Becher sind fuer 50 fl. verpfaendet. Dazu kommt, dass Lukas (Cranach) und Christian (Aurifaber, Goldschmied) mich nicht mehr als Buergen zulassen, denn sie merken, dass sie so (durch meine Buergschaft) auch nicht besser daran sind oder ich ausgebeutelt werde. Ich habe ihnen jetzt auch den vierten Becher gegeben, welchen sie dem fetten H. geliehen haben." Dabei kommt ihm aber noch nicht in Sinn, wo der Rechnungsfehler stecke. Er klagt: "Wie kommt's, dass ich allein so ausgesaugt werde? nein, nicht nur ausgesaugt, sondern sogar in Schulden verstrickt?" Sogar noch 1543 klagt er dem allerdings etwas habsuechtigen Jonas gegenueber, der von ihm bei seiner zweiten Verheiratung wohl ein "fettes Hochzeitsgeschenk" erwartete: "Du kennst meine Duerftigkeit und meine Schuldenlast".[254] Einmal fing er auch an zu rechnen--am Kleinen, ans Grosse dachte er nicht. Da brachte er heraus, dass er allein jaehrlich fuer Semmeln 31 Groschen 4 Pfennig brauche; dazu noch der Trank mit 4 Pfennig taeglich und das Uebrige--eine Summe, die ihm zu gross war, und er schliesst: "Ich mag nie mehr rechnen, es macht einen gar verdrossen. Ich haette nicht gemeint, dass auf einen Menschen so viel gehen sollte"[255]. Dennoch stellte er 1536 eine Generalrechnung an fuer "grobe Stueck" und brachte da allein 389 fl. Ausgaben heraus in zwei halben Jahren, ohne die Viktualien u.a. Er schloss diese Zusammenstellung ab mit dem Seufzer: "Rat, wo kommt dies Geld her? Sollt das nicht stinken und Schuld machen[256]?" Und als Luther im Jahre 1542, wo er sein "Testament" machte, seine Ausgaben zusammenstellte und seine Einnahmen dagegen hielt, schliesst er: "Ich habe eine wunderliche Haushaltung, ich verzehre mehr als ich einnehme; ich muss jedes Jahr 500 Gulden in der Haushaltung in die Kueche haben, zu geschweigen der Kleider, anderer Zierat und Almosens, da doch meine jaehrliche Besoldung sich nur auf 200 Gulden belauft." Dazu schreibt er im Haushaltungsbuch neben anderen ernsten und launigen Reimen den Stossseufzer: "Ich armer Mann! So halt ich Haus; Wo ich mein Geld soll geben aus, Beduerft ich's wohl an sieben Ort Und fehlt mir allweg hier und dort"[257]. Da war es freilich begreiflich, dass manchmal die Fleischer und Fischer von Wittenberg "grob" wurden und mit "ungestuemen Worten der Frau" gegenueber ihre Schuld forderten. "Die Doktorin" half sich dann wohl damit, bei "Philipp Melanchthon 20 Thaler zur Haushaltung zu leihen". Und dann sprang etwa der Kurfuerst ein, wenn er's durch den Kanzler Brueck erfuhr[258]. Diese "wunderliche Haushaltung" Luthers wurde in sehr Natur- und sachgemaesser Weise geregelt durch die Hausfrau. Die "wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doktor Martin und Kaethe", mit ihrem staendigen Defizit, wurde in Ordnung gebracht durch diese gute Rechnerin und sparsame und erwerbsame Haushaelterin. Frau Kaethe brachte einen Ausgleich zwischen Soll und Haben: sie verminderte die Ausgaben, vermehrte die Einnahmen, sie bezahlte die Schulden und erwarb ein Vermoegen. Eines der ersten Ereignisse in dem neuen Haushalt ist eine lustige Familienszene, welche die gutmuetige Verschwendung des Eheherrn und die listige Sparsamkeit der Gattin zeigte. Es hatte naemlich das Ehepaar ein huebsches Glasgeschirr mit Zinnverzierung von Hausmann geschenkt bekommen; das haette Frau Kaethe selbst gerne behalten, Luther aber an den D. Agrikola, damals noch sein lieber Freund, der auch darnach Gelueste hatte, verschenkt. Luther hatte es gemerkt, wie sie darauf gelauert, und wollte es kurz machen. Er hatte schon den Brief dazu geschrieben; als er aber das Geschenk dazu packen wollte, war es fort: Frau Kaethe hatte es abhanden kommen lassen und die Hausfreunde D. Bugenhagen und D. Roehrer hatten sich mit ihr verschworen und ihr dabei geholfen. So musste sich Luther in einer Nachschrift entschuldigen, dass er das Glas nicht mitschicken koenne; seiner insidiatrix Ketha (der hinterlistigen Kaethe) gegenueber sei er ohnmaechtig; er denke aber das Glas spaeter doch noch einmal zu erwischen. Kaethe aber hielt es fest wie ein bissiger Kettenhund[259]. Sie brachte etwas strengere Ordnung in die Gesellschaft der jungen Studenten und in ihre Hausrechnung, so dass M. Veit Dietrich sich ueber sie beklagte und sein Landsmann und Nachfolger im Haus und am Tisch Frau Kaethes sie als stramm und knauserig beschrieb, "die alles zu Rat gehalten und bei den Tischgenossen auf noetige Bezahlung gedrungen"[260]. Auch Kanzler Brueck warf ihr in feindseliger Stimmung Knauserigkeit in der Haushaltung vor. Von Luther und andern hoeren wir dagegen hierueber keine Klagen; und dass der Zudrang zu ihrem Kosttisch von alt und jung ein grosser und nicht zu befriedigender war, ist der beste Beweis fuer die Uebertriebenheit jener Vorwuerfe. Aber ihre loebliche Sparsamkeit und haushaelterisches Zuratehalten weiss ihr Gemahl wohl anzuerkennen. Er sagt: "Das Weib kann den Mann wohl reich machen, aber nicht der Mann das Weib. Denn der ersparte Pfennig ist besser denn der erworbene. Also ist raetlich sein (zu rate halten) das beste Einkommen"[261]. Und in sein Haushaltungsbuch schrieb Luther den Sinnspruch: Es gehoert gar viel in ein Haus. Willst Du es aber rechnen aus, So muss noch viel mehr gehn heraus. Des nimm ein Exempel, mein Haus[262]. So hoerte er mit Rechnen auf und ueberliess das seiner "raetlichen" und wirtlichen Hausfrau, und wenn er selbst nicht wusste, woher nehmen, so schrieb er seiner Kaethe: "Sieh, wo Du's kriegst"[263]. Und Kaethe sah, wo sie's kriegte. Sie war nicht so heikel, wie Luther, Verehrungen anzunehmen. Waehrend sie Freund Link von einem Hochzeitsbecher absolviert, hat sie die von Luther zurueckgewiesen 20 Goldgulden des Mainzer Erzbischofs hinter seinem Ruecken doch behalten. Mit besserem Gewissen empfing sie die Faesslein Kaese von der Herzogin Elisabeth von Braunschweig und ebenso ein Kaesegeschenk von Mykonius, dem Stadtpfarrer in Gotha. In Notfaellen wandte sich Frau Kaethe auch einmal an die kurfuerstliche Kaemmerei, so waehrend Luthers Aufenthalt auf der Koburg um 12 Scheffel Roggen. Kaethe nahm ueberhaupt das Gehalt ein und verrechnete es, so dass es nicht mehr hiess wie in Luthers Junggesellenwirtschaft (1523): "Wir leben von einem Tag zum andern." Sie scheute sich nicht, die saeumigen Kostgaenger an ihre Schuldigkeit zu mahnen[264]. Ja es wird erzaehlt, dass sie in spaeterer Zeit durch Freunde und Kostgaenger des Hauses Anschaffungen machen liess, wofuer sie die Bezahlung vergessen habe, weil sie sich wohl fuer Dienste ihres Mannes dadurch bezahlt machte. Jedenfalls nahm sie auch die Dienste anderer in Anspruch fuer Gefaelligkeiten, welche ihr Mann ihnen erwies: hatte Luther dem Freund Pfarrer Spalatin eine Vorrede zu einem Buche geschrieben, so muss sich dafuer Spalatin in Altenburg ihrer Fuhrleute und Arbeiter annehmen, die sie nach Zulsdorf schickt; und Lauterbach, der in ihrem Hause als Kostgaenger und Nachschreiber von Luthers Tischreden allerlei Vorteile und Freundlichkeiten genossen, hat zum Entgelt der Doktorin allerlei Besorgungen zu machen[265]. Aber das Beste that doch Frau Kaethe selber: Sie zuechtete und maestete Tiere, melkte und schlachtete, gewann Butter und Honig, Kaese und Eier; sie pflanzte Obst und Fruechte, Gemuese und Wuerzkraeuter; sie baute Getreide, buk Brot und braute das Bier fuer den grossen Haushalt, so dass das kleine Soehnchen, als Luther es einmal fragte, wie viel Kostgeld es eigentlich zahlen muesste, sagen konnte: "Ei Vater, Essen und Trinken kauft Ihr nicht; allein Aepfel und Birnen", meinte der Kleine, "gestehen viel Geld"[266]. Fuer Obst konnte also Frau Kaethe damals nicht aufkommen, weshalb sie dann auch endlich den Ankauf des Baumgartens von Bildenhauer betrieb. Ebenso trachtete sie nach den Hufen und dem Hopfengarten, so dass nach den grossen Ankaeufen von 1536 die schweren Haushaltsausgaben geringer wurden und die Posten "Gieb Geld" immer weniger. Hatte Luther am Anfang seiner Ehe den Stossseufzer gethan: "Der Herr, der meine Unvorsichtigkeit straft, wird mich wieder erloesen"--von den Schulden, so kann er am Ende derselben in seinem sogenannten "Testament" (1542) schreiben: "Ich habe von meinem Einkommen und Geschenken so viel gebaut, gekauft, grosse und schwere Haushaltung gefuehrt, dass ich's muss neben anderm selbst fuer einen sonderlichen, wunderlichen Segen erkennen, dass ich's habe koennen erschwingen." Das "andere" neben dem goettlichen Segen, war eben das haushaelterische Talent seiner Gattin; sie hatte ihn von seinen Schulden wieder erloest, ja das Weib hatte nach seinem Spruch den Mann "reich" gemacht. Und so bezeugt er ihr mit "seiner Hand" im Haushaltungsbuch: "Was sie jetzt hat, das hat sie selbst gezeuget (errungen) neben mir"[267]. Ein Vermoegen zu erwerben oder gar reich zu werden, daran dachte Luther nicht, ja er wollte es nicht. "Mir gebuehret nicht als einem Prediger, Ueberfluss zu haben, begehre es auch nicht", erklaerte er. Ihm duenkte, "dass das lieblichste Leben sei ein mittelmaessiger Hausstand, Leben mit einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Fried und Einigkeit und sich mit wenigem lassen begnuegen"[268]. Ja nicht einmal fuer seine Kinder gedachte er ein Vermoegen anzulegen. Er segnete seiner Kindlein eins, das eine Muhme auf dem Arme trug und sprach: "Gehe hin und bis fromm. Geld will ich Dir nicht lassen, aber einen reichen Gott will ich Dir lassen. Der mir Dich nicht versaeume. Bis nur fromm! Da helf Dir Gott zu." Und als ihn jemand ermahnte, er moechte wenigstens zum Besten seiner Familie ein kleines Vermoegen sammeln, da gab er zur Antwort: "Das werde ich nicht thun; denn sonst verlassen sie sich nicht auf Gott und ihre Haende, sondern auf ihr Geld"[269]. Diesen doch wohl allzu theologischen, ja moenchischen Standpunkt ergaenzte der praktisch nuechterne Sinn Katharinas, welche gerade darauf aus war, ihren fuenf noch unversorgten Kindern ein Erbe zu erwerben; denn sie erkannte besser als wie Luther, dass nach dessen Tod die Gebefreudigkeit der Fuersten und Freunde wohl abnehmen werde mit dem Wegfall der grossen Vorteile, welche der lebendige Reformator seinem Land und seiner Stadt und seinen Freunden verschaffte. So brachte sie es in der That zuwege, dass den Kindern doch ein ganz ansehnliches Familiengut uebrig blieb[270]. "Das Lob eines tugendsamen Weibes"--nicht nur in der Bibel hat es Luther uebersetzt, sondern auch bei Tisch und sonst oft angefuehrt und auf seine Kaethe bezogen, so dass es--erweitert mit Zusaetzen--unter den Tischreden steht, wie ein Lob auf seine Hausfrau: "Der Mann verlaesst sich auf sie und vertraut ihr altes. Da wird's an Nahrung nicht mangeln. Sie arbeitet und schafft gern mit ihren Haenden, zeuget ins Haus und ist wie ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel War' und Gut bringt. Fruehe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und giebt den Maegden ihr beschieden Teil. Sie denkt einem Acker nach und kauft ihn und lebt von der Frucht ihrer Haende. Sie verhuetet Schaden und siehet, was Frommen bringt. Ihr Schmuck ist, dass sie reinlich und fleissig ist"[271]. 10. Kapitel Haeusliche Leiden und Freuden. Es war ein schwerer Haushalt, den Frau Kaethe zu fuehren hatte, wenn man auch nur der wirtschaftlichen Sorgen in Haus und Hof, in Kueche und Keller, im Garten und auf dem Felde gedenkt. Aber noch bewunderungswuerdiger wird ihre Leistungsfaehigkeit, wenn man alle die Menschen in Betracht zieht, die als Kinder und Gesinde, als Tisch- und Hausgenossen taeglich und stuendlich Anspruch an ihre Fuersorge machen in Wohnung und Kleidung, in Speise und Trank, in Erziehung und Zucht--ganz abgesehen von den Gaesten und Freunden, die im Schwarzen Kloster ein und ausgingen. Eine so ueberaus grosse Familie verursachte aber nicht nur viel Muehe und Arbeit, sondern brachte auch einen mannigfaltigen Wechsel von Freud und Leid ins Haus. So erlebte Frau Kaethe in wenigen Jahrzehnten Krankheiten und Feste, Hochzeiten und Todesfaelle nach einander und oft neben einander. Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere Zeiten durchzumachen[272]. Frau Kaethe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfaelle erfahren. Eine entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6. August morgens fuehlte er am linken Ohr und Backen ein ungestuemes Sausen und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so graesslich und unertraeglich, dass er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben konnte. Es ging gottlob rasch vorueber. Aber er fuerchtete, dies sei vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, toedlichen Anfalls, darum schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater Bugenhagen, dieser moege eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins Kloster, fand aber da den Doktor in "gewoehnlicher Gestalt" bei seiner Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? "Um keiner boesen Sache willen", erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und begehrte fuer den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen. Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10 Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von Wallefels, Hans von Loeser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau Kaethe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiss' Gasthof. Dort ass und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gaeste mit angemessener Froehlichkeit. Um zwoelf Uhr stand er auf und ging in D. Jonas Gaertlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie sollten auf den Abend mit ihm essen. Recht angegriffen kehrte Luther zurueck ins Kloster und legte sich ins Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch und die Frau Doktorin bat die Gaeste, sich die Weile nicht lang sein zu lassen, und so sich's ein wenig verzoege, es seiner Schwachheit zuzurechnen. Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam mit den andern zu halten. Er klagte wieder ueber grosses unangenehmes Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde ueber Tisch heftiger, er musste aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine Schlafkammer zurueck; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der Treppe den Maegden zu befehlen. Da, als Luther gerade ueber die Schwelle der Schlafkammer trat, ueberkam ihn ploetzlich eine Ohnmacht: "O Herr Doktor Jona", rief der Kranke, "mir wird uebel; Wasser her, oder was Ihr habt, oder ich vergehe." Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goss es dem Ohnmaechtigen ueber Kopf und Ruecken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten. Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, dass er so hinfaellig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den Maegden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider aus und legten ihn auf den Ruecken. Er war sehr matt und voellig kraftlos. Frau Kaethe und Jonas rieben und kuehlten ihn, gaben ihm Labsal und thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam. Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem Kranken warme Tuecher, Kleider und Kissen, die man immer ueber dem Kohlenfeuer waermte, aufzulegen auf Brust und Fuesse, liess auch seinen Leib reiben, troestete ihn auch und hiess ihn hoffen, es wuerde, ob Gott will, auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafuer beten, dass er moege leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: "Zwar fuer meine Person waere Sterben mein Gewinn; aber im Fleische laenger leben, waere noetig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe." Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann sagte er zu seiner Hausfrau: "Meine allerliebste Kaethe, ich bitte Dich, will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, dass Du Dich in seinen gnaedigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafuer sollst Du Dich gewiss halten und gar keinen Zweifel daran haben. Lass die blinde, gottlose Welt darueber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen bestaendigen Trost wider den Teufel und all seine Laestermaeuler." Dann fragte er nach seinem Soehnlein: "Wo ist denn mein allerliebstes Haensichen?" Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da sprach er: "O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine allerliebste Kaethe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen, treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernaehren und versorgen." Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern: "Die ausgenommen weisst Du, dass wir sonst nichts haben." Ueber dieser und andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betruebt. Doch liess sie sich nicht merken, wie gross Leid ihr geschah, dass sie ihren lieben Herrn dergestalt so jaemmerlich da vor Augen liegen sah, sondern sie stellte sich getrost und sprach: "Mein liebster Herr Doktor! Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch beduerfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekuemmern; ich befehle Euch seinem goettlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er werde Euch gnaediglich erhalten." Bald fuehlte der Kranke Besserung, die Schwaeche liess nach und der Doktor meinte, wenn der Patient nur schwitzen koennte, so sollte es durch Gottes Gnade fuer diesmal keine Not mehr mit ihm haben. Da gingen die drei Maenner, um ihm Ruhe zu goennen, hinab in den Saal zur Abendmahlzeit und hiessen die Frauen stille sein. Der Patient geriet wirklich in Schweiss. Der Arzt sah spaeter wieder nach dem Kranken und erklaerte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begruessten den Genesenden, wuenschten ihm "Selige Nacht" und gingen nach Hause. Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das koerperliche Leiden war so bald gehoben; aber die "geistige Anfechtung", wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in "Tod und Hoelle" umher, so dass er zerschlagen an allen Gliedern bebte. Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel laengere Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universitaet wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurueck als Mann, Seelsorger und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens, die Angst sei die schlimmste Seuche, die Haelfte der Leute stuerben an Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es fuer einen "Spuk des Teufels", dem er trotzen muesse, waehrend der Boese sich freue, die Menschen so zu aengstigen und die Universitaet zu sprengen, die er nicht umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des Buergermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere Pestverdaechtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Maedchenlehrerin werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt aber wohnte nun Fraeulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273]. Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die Umgebung angesteckt, so das Haus des naechsten Nachbarn, des D. Schurf und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herueber. Die von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus) Roehrer, eines von Luther hochgeschaetzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.) daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen fluechtete deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster. Zwei Pflegetoechter von Kaethe erkrankten und auch der kleine Hans war vom Zahnen so mitgenommen, dass er mehrere Wochen nichts ass und allein mit Fluessigkeit ernaehrt wurde, so dass er nur sehr langsam wieder zu Kraeften kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan angefochten und sehr entkraeftet. Schliesslich kam die Krankheit noch in die Staelle und es fielen fuenf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt keine Zufuhr, so dass eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5 Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275]. Nur Kaethe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, "tapfer im Glauben und gesund am Koerper", und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte Mann und Kind, Nichten und Gaeste. Den Diakonus Roehrer mit seinem Knaeblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Kaethe auch noch auf, und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewoehnlichem Winterzimmer (Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate (heizbarem Zimmer), Haenschen im Studierzimmer, der Doktor und die Lutherin weilten in der vorderen grossen Aula. Schliesslich wurde der "Mochau" die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute waren froh, dass der boese Geist der Pest nur in die Saeue gefahren war und sie mit diesem Opfer sich loskauften. Haenschen war wieder frisch und munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Muehe dem Tode; auch Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die Universitaet allmaehlich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtaetigkeit wieder beginnen konnte[276]. In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Kaethe nach schmerzlichen Wochen mit ihrem Toechterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie, Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon wieder diese froehliche Unmusse durchzumachen[277]. Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glueckliches, Luther und Kaethe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Roehrer und ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte froehlich am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor die Freude: am 3. August starb "Elslein" und von dem lieben Toechterlein, dessen Ankunft die gluecklichen Eltern den Freunden in zahlreichen Briefen angekuendet hatten, mussten sie jetzt, gar wehmuetig und weich gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. "Es war ein grosses Herzeleid; denn es starb ein Stueck an des Vaters und ein Teil von der Mutter Leibe"[278]. Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen Luecken wurden bald reichlich ausgefuellt. Im Mai des folgenden Jahres erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare Weise entkam die Herzogin Ursula von Muensterberg, die Base des Herzogs Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern buergerlichen Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermoegen im Stiche liess, um der Armut Christi zu folgen. Die drei fluechteten nach Wittenberg in die Freistaette des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten sie mit, wohl aber den Hass des Herzogs und Verlegenheit fuer Luthers Landesherrn[279]. Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Kaethe wieder eine Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut natuerlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt. Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umguerten, denn ohne Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der Schwester von Frau D. Schurf[280]. Waehrend dieser Zeit war der Hausherr vielfach abwesend auf der Visitation des Kurkreises, welche Luther mit dem Stadthauptmann Herrn Metsch, dem Edlen Hans von Taubenheim und dem Rechtsgelehrten Benedikt Pauli vorzunehmen hatte. Dazu kam die Reise nach Marburg zum Religionsgespraech mit Zwingli (1529). Von Marburg stammt auch der erste Brief des Doktors an seine Ehefrau, der erhalten geblieben ist. Er lautet[281]: "Gnad und Fried in Christo! Lieber Herr Kaethe! Wisset, dass unser freundlich Gespraech zu Marburg ein Ende hat, und seynd fast in allen Stuecken eins worden, ohne dass der Widerteil (Gegenpartei) wollen eitel Brot und Wein im Abendmal behalten und Christum geistlich darinnen gegenwaertig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir koennten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben, dennoch (als) Brueder und Christi Glieder unter einander uns halten. Da arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Bruedern und Gliederns nicht; friedlich und Guts wollen wir wohl.... Sage dem Herrn Pommer, dass die besten Argument seind gewesen des Zwingli, dass corpus non potest esse sine loco: ergo Christi corpus non est in pane; des Oecolampadii: dies sacramentum est Signun corporis Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, dass sie nichts haben muessen fuerbringen. Ich habe viel zu thun und der Bot eilet. Sage allen gute Nacht und bittet fuer uns. Wir seind auch alle frisch und gesund und leben wie die Fuersten. Kuesst mir Lensgen und Haensgen. E. williger Diener Martin Luther. Ins folgende Jahr (1530), zur Zeit des Augsburger Reichstags, faellt der lange halbjaehrige Aufenthalt Luthers auf der Koburg (April bis Oktober). Er reiste mit dem Kurfuersten Johann und Kanzler Brueck und den Wittenberger Theologen, Melanchthon und Jonas ab und nahm seinen Famulus Veit Dietrich mit. Kaethe konnte ihren Gatten nicht ohne Sorge zum Reichstag scheiden sehen; denn bei seiner Abreise glaubte man, dass auch Luther nach Augsburg selbst gehe, also mitten in die Reihe seiner Feinde. Bald erhielt sie die Nachricht, dass ihr Gatte, eben um seine Gegner, und namentlich den Kaiser, in dessen Acht er war, nicht zu reizen, in der suedlichsten Stadt des Kurfuerstentums bleibe, auf der Feste Koburg, und zwar einigermassen in Verborgenheit, aehnlich wie auf der Wartburg. Er wurde morgens vor Tagesanbruch, samt seinem Famulus Veit Dietrich, dahin gebracht; er liess sich da den Bart wachsen und dazu schickte ihm auch noch ein Freund, Abt Friedrich aus Nuernberg, ein Schwert. Also musste Frau Kaethe in die "Einoede Gruboc" allerlei Dinge schicken, Buecher und Papier fuer allerlei Schriften, und empfahl ihren Gemahl der Fuersorge der Kastellanin[282]. Freilich war vortrefflich fuer den Einsiedler auf seinem Sinai gesorgt, die erste Fruehlingszeit mit Dohlenschwarm, Kuckuck und Nachtigall stimmte froehlich; Veit Dietrich wachte sorgfaeltig darueber, dass Luther keinen Diaetfehler begehe und veranlasste ihn gar zum Armbrustschiessen auf Fledermaeuse. Auch an Besuchen fehlte es nicht, so dass er schliesslich klagte: "Die Wallfahrt will zu gross werden hierher"[283]. Aber Luther litt bei der ungewohnten Musse doch wieder an seinem alten Leiden: Fluss am Bein, Kopfweh und Schwindel, und infolgedessen "Anfechtungen" des Satans, so dass er sich schon ein Oertlein fuer ein Grab aussuchte und meinte, unter dem Kreuz in der Kapelle werde er wohl liegen. Davon meldete zwar der Doktor an seine besorgte Ehehaelfte kein Woertlein; er schrieb vielmehr sie neckend: "Sie wollen (in Augsburg) schlechterdings die Moenche und Nonnen wieder im Kloster haben"[284]. Aber sie ahnte es doch, oder erfuhr es auf Umwegen von den Freunden, denen er sein Leiden klagte, oder durch die Boten, die vorbei kamen. Darum schickte sie ihm nicht nur Lenchens Bild, sondern auch seinen Neffen Cyriak in Person samt seinem Praezeptor. Boten mit Briefen und Auftraegen gingen fleissig hin und her: so bestellte Frau Kaethe durch Luther Pomeranzen bei Link in Nuernberg, weil es keine in Wittenberg gebe, und sie erfuhr zeitig und ausfuehrlich, wie es auf Koburg und in Augsburg ging, wo der Kaiser sich barsch benahm und Melanchthon gar aengstlich war. Wenn aber zu Wittenberg Sonntags in der Kirche fuer gluecklichen Ausgang des Augsburger Reichstages und fuer die abwesenden Theologen gebetet wurde, da war Frau Luther wohl von allen Kirchgaengerinnen die andaechtigste; und zu Mittags bei Tisch mit ihren Tischgesellen und Kinderlein und abends im Kaemmerlein allein hat sie fuer den teuren Mann in der Ferne gefleht, wie er's in jedem Briefe erbittet[285]. Einige Briefe Luthers von der Koburg an seine Hausfrau sind erhalten; so kam um Pfingsten einer[286]: "Gnad und Friede in Christo. Liebe Kaethe! Ich hab, acht ich, Deine Briefe alle empfangen. So ist dies der vierte Brief, den ich Dir schreibe heut dass Er Johann von hinnen gegangen ist. Lenchen Konterfeit hab ich mit der Schachtel auch. Ich kannte das H---- zuerst nicht, so schwarz deucht mir's (zu) sein. Ich halte, wo Du es wilt absetzen von Woehnen (d.h. entwoehnen), das gut sei weilinger Weise, also dass Du ihr zuerst eines Tages einmal abbrechest, darnach des Tages zweimal, bis es also saeuberlich ablaesst. Also hat mir Georgen von Grumbachs Mutter, Frau Argula, geraten. Die ist hier bei uns gewest und hat mit mir gessen. Hans Reinicke von Mansfeld auch und George Roemer, dass wir muessen an einen andern Ort; es will zu gemeiner Wallfahrt hieher werden. Sage Meister Christannus[287], dass ich meins Tage schaendlichere Brillen nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe (ist) kommen. Ich konnt nicht ein Stich dadurch sehen. So ist mir auch der Brief an Kunzen Vater nicht geworden. Auch bin ich nicht zu Koburg, (d.h. ich will nicht da zu finden sein); kann ich aber sonst dazu thun, will ich's nicht lassen. Du sollst aber gleichwohl Deine Briefe dem Kastner, (Schlossverwalter) [646], lassen zustellen; der wird sie mir wohl schaffen. Man beginnt zu Nuernberg und Augsburg zu zweifeln, ob etwas aus dem Reichstag werde. Der Kaiser verzeucht noch immer in Inspruck. Die Pfaffen haben etwas vor und gehet mit Kraeutern zu. Gott gebe, dass sie der Teufel besch---- Amen. Lass den Herrn Doctor Pommer den Brief an D. Wencels lesen. Eilend. Der Bote wollt nicht harren. Gruesse, kuesse, herze und sei freundlich allen, jeden nach seinem Stande. Am Pfingsttag fruehe, 1530. Martin Luther. Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin zu Wittenberg zu handen." Zu Wittenberg machte damals der Festungsbau den Einwohnern, namentlich auch der Familie Jonas, viel Verdruss und Aufregung; das Kloster blieb einstweilen noch verschont. Waehrend Luthers Abwesenheit waren im Klosterhause Hieronymus Weller als Praezeptor des kleinen Haeuschens. Hieronymus war aber ein von Schwermut geplagter Mann, und es wurde darum dankbar begruesst, dass auch sein Bruder Peter ins Haus zog, der Praezeptor von Luthers Neffen, Polner. Auch der wuerdige D. Pommer (Bugenhagen) kam ab und zu ins Schwarze Kloster, um Frau Kaethe zu beraten, und Frau Jonas, die allezeit froehliche, muntere Gattin des in Augsburg abwesenden Stiftspropstes, welche freilich damals ihr zweites Soehnlein bald nach der Geburt verlor[288]. Mit hohem Interesse wurden Luthers Schreiben empfangen und mit vieler Freude im Kreise der zurueckgebliebenen Freunde vorgelesen. Grossen Jubel bei den Tischgesellen erregte ein humorvoller Brief Luthers vom "Reichstag der Dohlen und Kraehen", dem lustigen Abbild des Augsburger Reichstags. Da wird gar ergoetzlich geschildert das Ab- und Zureiten "der Malztuerken", ihr Scharwaenzen und Turnieren, ihr "Kecken" und Kriegsrat wider Korn und Weizen. Und welche Freude erst war's, als goldene Fruehaepfel aus Nuernberg mit dem Boten von Koburg fuer die Tischgesellschaft ankamen! Wie leuchteten aber erst die Augen der Kleinen und seiner Gespielen ueber den herzigen Maerchenbrief Luthers an sein "liebes Soehnichen Johannes" von dem schoenen Paradiesesgarten. Wie hat sich da die Mutter gefreut und Muhme Lene und des Jonas Jost und Melanchthons Lips, die auch in den Garten kommen sollten, und der "Gruss und Putz" wird der Muhme Lene von dem kleinen Hans ausgerichtet worden sein. Haenschen war ein braver Bub und wird von seinem Praezeptor wegen seines Fleisses und Eifers gelobt[289]. Aber auch ernste Briefe kamen von Koburg an, welche Frau Kaethe und die Theologen interessierten und im Lutherhaus gemeinsam gelesen wurden, oder auch unter den Freunden umliefen. Allerdings seine schwersten Sorgen und Schmerzen schrieb Luther nicht darin, aber allerlei Anliegen wegen der Zoeglinge und an seine Buchdrucker Schirlenz, Weiss und Rau. So kamen vom 14. und 15. August mit einem Boten zwei Episteln an seine "herzliebe Hausfrau"[290]. "Gnade und Friede in Christo. Meine liebe Kaethe! Dieser Bote lief eilend vorueber, dass ich nichts mehr schreiben konnte, nur dass ich ihn nicht wollte ohne meine Handschrift gehen lassen. Du magst Herr Johann Pommern und allen sagen, dass ich bald mehr schreiben will. Wir haben noch nichts von Augsburg, warten aber alle Stunden auf Botschaft und Schrift. Aus fliegenden Reden haben wir, dass unsers Widerparts Antwort soll oeffentlich gelesen sein; man habe aber den Unsern keine Abschrift wollen geben, dass sie darauf antworten moechten. Weiss nicht, ob's wahr ist. Wo sie das Licht so scheuen, werden die Unsern nicht lange bleiben. Ich bin seit Lorenzentag recht gesund gewesen und habe kein Sausen im Kopf gefuehlt; das hat mich fein lustig gemacht zu schreiben, denn bisher hat mich das Sausen wohl zerplaget. Gruesse alle und alles; ein andermal weiter. Gott mit euch. Amen. Und betet getrost: es ist wohl angelegt, und Gott wird helfen. Gegeben am Sonntage nach Lorenzentag, Anno 1530." Der Brief war kaum geschrieben, so kam weitere Nachricht von Augsburg. Luther behielt deshalb den Boten bei sich ueber Nacht und fuegte am andern Tage noch folgendes hinzu: "Gnad' und Fried in Christo. Meine liebe Kaethe! Als ich den Brief hatte zugemacht, kamen mir diese Briefe von Augsburg: da liess ich den Boten aufhalten, dass er sie mit sich naehme. Daraus werdet ihr wohl vernehmen, wie es zu Augsburg mit unsrer Sache steht, fast wie ich im andern Brief geschrieben habe. Lass Dir sie Peter Weilern lesen oder Herrn Johann Pommer[291]. Gott helfe weiter, wie er gnaediglich angefangen hat, Amen. Jetzt kann ich nicht mehr schreiben, weil der Bote so wegfertig da sitzt und harret kaum. Gruesse unsern lieben Sack. Ich habe Deinen Brief an die Kaestnerin (die Kastellanin vom Koburger Schloss) gelesen, und sie dankt Dir sehr. Hans Polner habe ich Peter Wellern befohlen: siehe zu, dass er sich gehorsamlich halte. Gruesse Hansen Luthern und seinen Schulmeister; dem will ich bald auch schreiben. Gruesse Muhme Lenen und allesamt. Wir essen hier reife Weintrauben, wiewohl es diesen Monat hieraussen sehr nass gewesen ist. Gott sei mit euch allen, Amen. Aus der Wuesten, am Tage Maria Himmelfahrt 1530. Mart. Luther. Wie verdreusst mich's, dass unsere Drucker so schaendlich verziehen mit den Exemplaren[292]. Ich schicke solch Exemplar darum hinein, dass sie bald sollen fertig werden--da machen sie mir ein Lagerobst draus. Wollt' ich sie so liegen haben, ich haette sie wohl hier bei mir auch wissen zu halten. Ich hab' Dir geschrieben, dass Du den Sermon, wo er nicht angefangen, von Schirlenz nehmen und Georgen Rau geben solltest. Ich kann doch wohl denken, dass Schirlenz sein gross Exemplar kaum zu verlegen hat mit Papier. Ist das nicht geschehen, so schaffe, dass es noch bald geschehe und der Sermon aufs foerderlichste gefertigt werde." Die Abwesenheit des Doktors zoegerte sich gar lange hinaus: es wurde Sommer und wurde Herbst und der Doktor war noch nicht da. Mit Sehnsucht wurde er erwartet und voll Sehnsucht schrieb er nach Hause. So um "Maria Geburt"[293]: "Gnade und Friede in Christo. Meine liebe Kaethe! Dieser Bote lief eilend vorueber, dass ich nicht viel schreiben konnte. Hoffe aber, wir wollen schier selbst kommen; denn dieser Bote bringt uns von Augsburg Briefe, dass die Handlung in unsrer Sache ein Ende habe und man nur wartet, was der Kaiser schliessen und urteilen wird. Man haelt's dafuer, dass es werde alles aufgehoben auf ein kuenftig Konzilium; denn der Bischof zu Mainz und Augsburg halten noch fest, so wollen der Pfalzgraf, Trier und Coeln nicht zum Unfrieden oder Krieg willigen. Die andern wollten gern wueten und versehen sich, dass der Kaiser mit Ernst gebieten werde. Es geschehe, was Gott will: dass nur des Reichstags ein Ende werde! Wir haben genug gethan und erboten; die Papisten wollen nicht ein Haarbreit weichen; damit wird einer kommen, der sie lehren soll weichen und raeumen. Mich wundert, warum Hans Weiss den Psalm nicht hat genommen. Ich haett' nicht gemeint, dass er so ekel waere, ist's doch ein koestlich Exemplar. Schicke hier denselbigen vollends ganz mit und goenn' ihn Georgen Rau wohl. Gefaellt das Exemplar Herrn Johann Pommern und Kreuzigern, so lass immerhin drucken. Es ist doch nichts, dass man den Teufel feiert. Wer Dir gesagt hat, dass ich krank sei, wundert mich sehr, und Du siehest ja die Buecher vor Augen, die ich schreibe. So hab' ich ja die Propheten alle aus, ohne den Ezechiel, darin ich jetzt bin und im Sermon vom Sakrament, ohne was sonst des Schreibens mit Briefen und anders mehr ist. Ich konnte jetzt nicht mehr vor Eilen schreiben. Gruesst alle und alles. Ich hab' ein gross schoen Buch von Zucker fuer Hansen Luther, das hat Cyriakus von Nuernberg gebracht aus dem schoenen Garten. Hiemit Gott befohlen und betet. Mit Polner mach's nach Rat des Pommers und Kellers. Aus der Wuesten, am 8. September 1530." Als aber die Herren endlich wieder heimkehrten, samt Veit Dietrich, Peter Weller und dem jungen Cyriak, der mit seinem Lehrer das Schauspiel des Reichstag in Augsburg und die beruehmte Stadt Nuernberg hatte besuchen duerfen, da war ein Erzaehlen am Eichentisch im Wohnzimmer und unten im Hof unterm Birnbaum, waehrend der vierjaehrige Studiosus Hans sich an seinem Nuernberger Zuckerbuch erlustierte. Ruhiger gingen die folgenden Jahre hin. Freilich wiederholten sich die beaengstigenden Schwindelanfaelle beim Doktor, so dass er im Herbst 1531 eine Erholungsreise zu Gevatter Hans Loeser nach Schloss Pretzsch machte, um durch die Bewegung das Sausen loszuwerden. Da ging er viel spazieren, fuhr auch zur Jagd[294]. Von Mansfeld waren auch die Grosseltern einigemal nach Wittenberg heruebergekommen, obwohl das keine kleine Reise war; da schickte der Stadtrat "Doktoris Martini Vater" einen Ehrentrunk. Dann herrschte grosse Freude im Kloster und der Doktor konnte eine Vergleichung anstellen zwischen seiner harten Jugend und der Zaertlichkeit der alten Leute gegen die Enkel und merken, dass die Grosseltern ihre Kindeskinder lieber haben als ihre eigenen Kinder. Als im Anfang 1530 Bruder Jakob von Mansfeld schrieb, der Vater waere "faehrlich krank", waere Luther aus der Massen gern selbst kommen; aber er durfte es dorthin der Bauern und des Adels wegen nicht wagen. Aber grosse Freude sollt es ihm sein, schrieb er, wo es moeglich waere, dass der Vater samt der Mutter sich liesse herbeifuehren nach Wittenberg, was auch "Kaethe mit Thraenen begehrte", in der Hoffnung, sie aufs beste zu warten. Dazu wurde Cyriak in seine Vaterstadt abgefertigt, zu sehen, ob das moeglich waere. Aber die alten Leute konnten sich begreiflicherweise nicht zu diesem Umzug entschliessen. Und nicht lange darauf, als Luther auf der Koburg sass, starb der Vater. Im Sommer des folgenden Jahres erkrankte die Grossmutter. Das erregte grosses Leid in der Familie; Luther schrieb inmitten der Kinderschar einen Trostbrief: darin schildert er gar anschaulich das echt kindliche Benehmen der beiden eigenen Kinder und der andern Enkel, welche im Klosterhause lebten: "Es bitten fuer Euch alle Eure (Enkel-) Kinder und meine Kaethe; etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Grossmutter ist sehr krank." Am 30. Juni schied auch sie vom Leben[295]. Von den Enkeln hatten freilich die Grosseltern hoechstens die drei ersten gesehen: Hans, Elisabeth und Lenchen. Erst nach ihrem Tode kam der vierte auf die Welt am Vorabend von Luthers Geburtstag und bekam deshalb den Namen Martin. Es war gerade zur Zeit als die Bauern, wie man ihnen nachsagte, eine kuenstliche Teuerung zu stande brachten. Fuenfviertel Jahre spaeter (am 28. Januar 1533) stellte sich Paul ein und endlich am Ausgang des folgenden Jahres das Juengste, Margarete. Schon 1533 war der siebenjaehrige Erstgeborne--gewiss nur, wie andre Professorensoehne, der Ehre halber--bei der Universitaet als akademischer Buerger angenommen worden, zugleich mit seinen Vettern Fabian und Andreas Kaufmann[296]. In diesem Jahre 1533 war Luther wieder einen ganzen Monat krank an Kopfleiden[297]. Im Februar 1534 kam seine Schwester zu Besuch nach Wittenberg. Da tischte Frau Kaethe fuer die Schwaegerin koestlich auf und liess Hechte kommen aus den kurfuerstlichen Teichen[298]. Seitdem Johann Friedrich Kurfuerst geworden, war Luther gar oft zu dem ihm vorher schon sehr befreundeten neuen Landesherrn allein oder mit andern Theologen nach Torgau geladen, wo er predigte, disputierte und bei Tisch in ernstem und froehlichem Gespraech verblieb. Von dort sandte der Doktor auch einmal an "seinen freundlichen lieben Herrn, Frau Katharina von Bora, D. Lutherin zu Wittenberg" einen heiteren Brief[299]: "Gnade und Friede in Christo. Lieber Herr Kaethe! Ich weiss Dir nichts zu schreiben, weil Magister Philipps samt den andern selbst kommen. Ich muss laenger hier bleiben, um des frommen Fuersten willen. Du magst denken, wie lange ich hier bleiben werde, oder wie Du mich los machst. Ich halt', M. Franciscus wird mich wieder los machen, wie ich ihn losgemacht habe, doch nicht so balde. Gestern hatt' ich einen boesen Trunk gefasst, da musst' ich singen. Trink' ich nicht wohl, das ist mir leid und thaet's so recht gerne, und hab gedacht, wie gut Wein und Bier hab' ich daheime, dazu eine schoene Frauen oder (sollt' ich sagen) Herrn. Und Du thaetest wohl, dass Du mir hinueberschicktest den ganzen Keller voll meines Weines und eine Flaschen Deines Biers, so oft Du kannst. Sonst komme ich vor dem neuen Bier nicht wieder. Hiermit Gott befohlen samt unsern Juengern und altem Gesinde, Amen. Mittwoch nach Jakobi, 1534. Dein Liebchen Mart. LutheR, D." Im Jahre 1535 kam der paepstliche Gesandte Kardinal _Vergerius_ durch Wittenberg; mit glaenzendem Gefolge, zwanzig Pferden und einem Esel zog er ins Schloss und liess Luther dahin einladen. Der liess sich schoen schmuecken, haengte eine goldene Kette um und fuhr mit Bugenhagen, als der deutsche Papst mit Kardinal Pomeranus, ins Schloss, wo er dem Legaten gegenueber, wie er sich vorgenommen hatte, den rechten Luther spielte. Da erzaehlte er auch dem Kirchenfuersten, um ihn zu aergern, von seiner Frau, der ehrwuerdigen Nonne, und seinen fuenf Kindern, von denen der Erstgeborene hoffentlich ein grosser evangelischer Theologe werden wuerde [300]. Waehrend dieser Zeit waren mancherlei Veraendernden im Kreise der Lutherschen Hausgenossen eingetreten. Natuerlich wechselte von Jahr zu Jahr die Tafelrunde der jugendlichen Kostgaenger durch Abgang oder Zugang zur Schule. Aber es starb auch einmal ein Schueler. So aus Nuernberg Hans Zink Ostern 1531. Er war allen ein gar lieber Bube, sonderlich dem Hausvater, indem er den Discant bei der abendlichen Hausmusik sang; aber auch weil er fein still und zuechtig (sittsam) und im Studium sonderlich fleissig war, so dass allen gar wehe geschehen ist durch seinen Abscheid. Frau Kaethe sparte zu seiner Pflege nichts an Fleiss, Sorge und Arzenei, um das fremde liebe Kind wo nur moeglich zu retten und zu erhalten. Aber die Krankheit wurde uebermaechtig ueber die Pflege, und der Knabe ist Gott noch viel lieber gewesen als den Lutherschen, der hat ihn wollen haben. Das meldete Luther im Trauer- und Trostbrief den betruebten fernen Eltern. Auch spaeter kamen solche Sterbefaelle noch vor; ja es starben Ostern 1544, als in Wittenberg die Masern grassierten und auch Luthers Kinder alle daran darniederlagen, auf einmal zwei Zoeglinge, ein wohlgeschickter Knabe aus Lueneburg und ein Strassburger. Das war keine kleine Verantwortung, welche Luther und besonders Kaethe zu tragen hatte. Das juengste, Margaretlein, hatte als Nachwehen 10 Wochen ein schweres hitziges Fieber und kaempfte noch vor Weihnachten um Gesundheit und Leben [301]. Der Diener Johannes Nischmann, der mehrere Jahre der Familie treulich und "fleissig gedienet, dem Evangelium gemaess sich demuetig gehalten und alles gethan und gelitten", zog Lichtmess 1534 aus dem Schwarzen Kloster mit 5 fl. Lohn und einem guten Zeugnis. Von einem andern dagegen ging ein boeses Geschrei aus, dass er sich von einem wenig achtbaren Maedchen haette verfuehren lassen[302]. Schmerz und Verdruss bereiteten den Lutherischen Eheleuten in dieser Zeit aber auch ihre Verwandten. Zunaechst Katharinas Brueder. Da war Hans aus Preussen heimgekehrt, um das Gut Zulsdorf zu uebernehmen, hatte eine Witfrau des von Seidewitz, eine geborene Marschall, mit einem oder mehrern Kindern geheiratet[303]; er konnte aber von dem Guetchen nicht recht leben und seinen Dienst am preussischen Hofe auch nicht mehr erhalten--und seine Ehe soll auch nicht gluecklich gewesen sein. Daher musste Kaethe ihren Gatten um manche Bittschrift fuer ihn angehen. Ebenso machte Bruder Clemens Sorge, welcher gleichfalls in Preussen wegen Beteiligung an einer Schlaegerei seine Stelle bei Hof verlor und, wie es scheint, nicht mehr in "vorigen Stand kommen" konnte, trotz der Fuerbitte der evangelischen Bischoefe von Samland und Pomesan an den Herzog, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen, "damit er D. Martino und seiner geliebten Hausfrau nicht eine Betruebnis, dazu Schimpf und Spott sei und also im Land hin und wieder und endlich hinaus ziehet". Der Herzog "wolle ihn doch mit einem Klepper und Zehrung und gnaediger Fuerschrift an den Kurfuersten von Sachsen abfertigen"[304]. Naeher noch gingen den beiden Ehegatten allerlei Erlebnisse mit den Kindern im Hause, den eignen und noch mehr den fremden. Mit der Anzahl der Kinder wuchs auch die Erfahrung der jungen Eheleute in der Zucht und Erziehung. Zu Anfang, als einmal eines der jungen Kindlein schrie und weinte, dass es niemand stillen konnte, waren Kaethe sowohl wie Luther eine ganze Stunde traurig und bekuemmert. Spaeter erkannten sie und der Vater sprach es aus: "Wenn junge Kinder recht schreien, so wachsen sie wohl; denn durch Schreien dehnen sich die Glieder und Adern auseinander, weil sie sonst keine andere Uebung haben, sich zu bewegen"[305]. Als die Kinder groesser wurden, gab es natuerlich allerlei Unarten und Vergehungen, und zwar sowohl bei den eignen, wie bei den angenommenen Waisen. Das "Tauschen" ("Fuggern" nannte man's spaeter nach dem damals beruehmten Augsburger Handelshause) war natuerlich auch bei den Lutherskindern ueblich. Ja, auch das "Stehlen" ("Schiessen" nannte man es auch nach den "Schuetzen" d.h. jungen fahrenden Schuelern, den tirones oder Plaenklern in Vergleichung mit der roemischen Heeresordnung). Das war nun beides recht verpoent im Luther-Hause, freilich wurde bei Esswaren, namentlich Obst, als Kirschen, Aepfeln, Birnen, Nuessen, die Strafe gelinder bemessen. Aber wenn einmal etwas anderes genommen wurde, dann gab es boeses Wetter im Hause. Ganz besonders aufgebracht werden konnte der heftige Hausvater wegen Ungehorsams: Gehorsam hielt er mit andern Paedagogen fuer die erste Tugend der Kinder. Darum liess er seinen Erstgeborenen einmal drei Tage lang nicht vors Angesicht kommen und Frau Kaethe musste ihre ganze Ueberredungskraft und die Fuersprache von Freunden anwenden, um den erzuernten Vater umzustimmen[306]. Im Jahre 1536 that Luther seinen Erstgebornen schon aus dem Hause zu einem tuechtigen Schulmeister.--Die Unruhe war im Kloster gar zu gross. Spaeter--1542--kam er wieder fort zu dem beruehmten Praezeptor Crodel in Torgau[307]. Manchen Aerger hatten Luther und Kaethe auch mit den fremden Kindern, namentlich den Neffen. Man wird frelich kein grosses Aufhebens zu machen haben, wenn Luther einmal sagt: "Wenn ich meinen Enders (d.i. Andreas Kaufmann) nicht haette gestrichen, von seiner Untugend ueber Tisch gesagt und ihm Zucker und Mandelkerne gegeben haette, so haette ich ihn schlimmer gemacht." Aber von Martin (seines Bruders Sohn) erzaehlte Luther: "Derselbe hat mich einmal also erzuernt und getoetet, dass ich ganz von meines Leibes Kraeften gekommen bin." Als Fabian von Bora mit Hans Luther 1542 nach Torgau kam, liess er sich auf der Reise dahin verleiten, dem kleinen Paul Luther ein Messer zu nehmen und dem Schulmeister Crodel vorzuluegen, der Oheim habe es ihm gegeben, waehrend er vorher dergleichen nie gethan. Darueber erzuernte Luther maechtig und diktierte dem armen Suender drei Tage hintereinander Streiche[308]. Begreiflicherweise vertuschte auch die Mutter und Hausfrau gar manches, was bei den Kindern und dem Gesinde in dem grossen Haushalt vorfiel, vor dem heftigen Mann, so dass er in hellem Zorn aufflammen konnte: "Wenn sie suendigen und allerlei Bueberei treiben, so erfahre ich's nicht; man zeigt mir's nicht an, sondern haelt's heimlich vor mir"[309]. Es war aber freilich nicht allein die Furcht vor des Doktors Zorn, sondern doch auch die Ruecksicht auf den vielbeschaeftigten und viel geaergerten Mann, was die Gattin bewegen musste, ihn mit den haeuslichen Widerwaertigkeiten moeglichst zu verschonen. Er sollte vor allem an den Kindern sich erfreuen. Denn diese Freude an den Kindern war Luther freilich die groesste und schoenste und er war einigermassen eifersuechtig auf "Muhme Lene", welche sie ihm "vorwegnahm", da die Kinder so an ihr hingen und so viel um sie waren[310]. Luther wollte seine Kinder nicht so hart erzogen haben, wie es ihm ergangen war. Aber fuer Bosheit und Schalkheit und Schaden sollten sie gestraft werden und es ihnen nicht nachgesehen werden. Das war gewiss auch Frau Kaethes Meinung und jedenfalls war sie mit ihres Mannes Anschauung einverstanden: eines Geistlichen Kinder muessten ganz besonders wohlgezogen sein, auf dass andere Leute davon erbaut und ein gut Exempel naehmen; ungezogene Pfarrkinder gaeben andern "ein Aergernis und Privilegium zu suendigen". Dasselbe galt auch vom Gesinde. Denn, sagt Luther, "der Teufel hat ein scharpf Aug auf mich, damit er meine Lehre verdaechtig mache oder gar einen Schandfleck anhaenge." Daher war es ein aufregendes Ereignis, als ein Maedchen in Luthers Hause sich uebel auffuehrte[311]. Nach Muhme Lene's Abscheiden naemlich (1537) nahm das Luthersche Ehepaar eine gefaehrliche Person ins Haus. Sie kam zu Luther, nannte sich Rosine von Truchses und gab vor, eine arme Nonne aus hohem Geschlecht zu sein. Da Luther aber scharf in sie drang, so bekannte sie, sie waere eine Buergerstochter aus Minderstadt in Franken; ihr Vater sei im Bauernaufruhr gekoepft worden; sie irre als verwaistes Kind umher und bitte um Gotteswillen ihr zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Der gutherzige Mann that es. Das Juengferlein bezeugte sich gar sittsam und artig, wusste sich in Gunst zu setzen und das Vertrauen aller im Hause zu erschleichen, besonders sich bei den Kindern wohl anzumachen. Aber es war ein schlechtes Weibsbild, das sich in das Haus gedraengt hatte. In Keller, Kueche und Kammer kam allerlei weg; niemand wusste, wer der Dieb war. Weiter lockte sie allerlei junge Leute an sich, die sie mit ihrer angeblich hohen Abkunft beschwindelte, und trieb Unzucht mit ihnen. Endlich entdeckte Frau Kaethe die Sache und entfernte, waehrend Luther auf einer Reise war, die Person in aller Stille aus dem Hause. Luther war froh, dass er nichts von allem gewusst hatte und dass sie jetzt fort sei. Aber die Schwindlerin zog umher in allen Pfarrhaeusern, beruehmte sich ihrer Bekanntschaft mit dem grossen Doktor und seinem Hause, log, trog und stahl weiter. Immer von neuem tauchte sie auf, zuletzt nach mehreren Jahren noch in Leipzig, so dass Luther dorthin an den Richter Goeritz, seinen Gevatter, schreiben musste, um ihrem Unfug ein Ende zu machen. Luther litt unendlich unter dieser Schmach, die seinem Hause widerfahren, und meinte, die Papisten haetten ihm diese Teufelsperson auf den Hals geschickt. Aber auch Frau Kaethe musste es schwer tragen und dazu noch die Vorwuerfe ihres Mannes, welcher zuernte, dass man dieses Weibsbild hatte entkommen lassen und nicht gleich in der Elbe ertraenkt habe. Er meinte durch diese Erfahrung gewitzigt zu sein, und doch bekam er vor seinem Ende noch eine "andere Rosine" ins Haus, die ihm den Aufenthalt in Wittenberg verleiden half[312]. Ein anderes Vorkommnis setzte Frau Kaethe 1538 hart zu. Ein Tageloehner arbeitete oft bei ihr, ein fleissiger und braver Mensch, nuechtern sanfter wie ein Lamm, aber in der Trunkenheit ein Krakehler. An einem Sonntag lief er in der ganzen Stadt herum und prahlte, er sei Famulus bei Luther, und in der Aufregung schlug er jemand tot. Dann ward er nuechtern, nahm mit Thraenen Abschied von Frau Luther und wurde fluechtig. Ein Weib und drei Kinder, die er im groessten Elend zurueckliess, fiel natuerlich Frau Kaethe zur Last[313]. 11. Kapitel Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod. Besondere Geduld und Liebe, Vorsicht und Weisheit mussten die Eheleute brauchen in der Behandlung der ihnen anvertrauten Kinder. Die verwaiste Pflegetochter Lenchen Kaufmann, "Muehmchen Lene die Juengere", fing in noch recht jugendlichem Alter eine Liebelei mit Magister Veit Dietrich an, der mit seinen sechs Scholaren im Schwarzen Kloster lebte. Nun war Luther zwar der Meinung des Sprichworts: "Frueh aufstehn und jung freien" und ist oefters fuer junge ehrbare Leute, die sich einander gern hatten und zu einander passten, bei ihren Eltern um ihre Einwilligung eingetreten und hat sie gegen Eigensinn und Selbstsucht der Vaeter und Muetter in Schutz genommen und zusammengebracht. So hatte er sich auch schon 1523 eines Maedchens aus Torgau angenommen, welchem der kurfuerstliche Barbier die Ehe versprochen und zum Unterpfand einen Ring gegeben und mit ihr eine Muenze geteilt hatte[314]. Aber er wusste auch, dass es zu frueh und ungeschickt sein koennte, das konnte er an Melanchthons Toechterlein merken, welches auch als kaum vierzehnjaehriges Kind sich in einen begabten, aber leichtsinnigen jungen Poeten verliebt hatte und, da die Eltern unbedacht nachgaben, einen ungluecklichen Ehestand erlebte. Luther meinte, "es waere nicht ratsam, dass junge Leute so bald in der ersten Hitze und ploetzlich freiten; denn wenn sie den Fuerwitz gebuesst haetten, so gereuete sie's bald hernach und koennte keine bestaendige Ehe bleiben; es kaeme das Huendlein Reuel, das viele Leute beisst". Bestaerkt wurde Luther in dieser Anschauung durch seine Ehefrau, welche dem Veit Dietrich ueberhaupt nicht ganz hold war. Das Juengferlein Lene wollte natuerlich die Stimme der Vernunft nicht hoeren und zeigte sich ungebaerdig, so dass Luther sogar einmal meinte, "man sollte sie mit einem guten Knuettel zuechtigen, dass ihr das Mannnehmen verginge"[315]. Der Herr Magister Veit zog nun aus dem Hause und warf seinen Zorn vor allem auf Frau Kaethe, der er Herrschsucht und Habsucht vorwarf (1534). Aber als Baeschen Lene zu ihren vollkommenen Jahren gekommen war (1538) und der Rechte kam, der auch mit Vorwissen der Pflegeeltern um sie freite, da gaben diese ihre freudige Einwilligung. Es war M. Ambrosius Berndt aus Jueterbog, ein gesetzter, "recht frommer (braver) Mann, der Christum lieb hatte", seit einem halben Jahr, wo ihm seine junge Frau im ersten Kindbett samt dem Knaeblein gestorben war, kinderloser Witwer, Professor der Philosophie und Schoeffer in Wittenberg, ein Amtsgenosse und guter Bekannter und Gevattersmann der Lutherschen Familie. Von dieser Verlobung und Hochzeit ist uns in den Tischreden Eingehendes berichtet[316]. Martini 1538 beging Luther seinen Geburtstag. Dazu hatte Frau Kaethe, wie gewoehnlich einen festlichen Schmaus gerichtet und viele Freunde, Jonas, Kreuziger, Melanchthon, auch die fremden Gaeste Camerarius und Bucer, welche damals in Wittenberg waren, eingeladen. Auch der Freier und Lenchen Kaufmann waren zugeben. Vor dem Essen--es war ein Nachtmahl--liess nun der M. Ambrosius bei Luther "oeffentlich werben um des Doktors Muhme Magdalene, dass er ihm dieselbige wollte zur Ehegattin geben, wie er ihm zuvor zugesagt". Da nahm D. Martinus die Jungfrau bei der Hand und sagte: "Lieber Herr Schoeffer und Gevatter! Allhie habe ich die Jungfrau, wie mir sie Gott gegeben und bescheret hat, die ueberantworte ich Ihm. Gott gebe seinen Segen und Benedeiung, dass sie wohl und christlich mit einander leben!" Die Gaeste wuenschten Glueck; man setzte sich zur Mahlzeit und waren alle froehlich und guter Dinge. Luther sprach vom Freien und der Freiheit eines neuen Braeutigams, vom Kriegsdienst und allen andern Lasten und Buerden. Als die Brautleute so eifrig und heimlich mit einander sprachen und die Gesellschaft um sich her vergassen, laechelte der Doktor und sagte: "Es wundert mich, dass doch ein Braeutigam mit der Braut so viel zu reden hat. Ob sie auch muede werden koennen? Aber man darf sie nicht vexieren, denn sie haben Freibriefe ueber alle Macht und Gewohnheit." Die Brautleute bekuemmerten sich nun um die Herrichtung der Hochzeit und das Gaestebitten. Da sprach der Doktor: "Seid unbekuemmert, solches geht euch nichts an. Wir wollen bedacht sein auf solch zufaellig Ding, das nicht zum Wesen des Ehestandes gehoert." So schrieb denn Luther an den Fuersten von Anhalt um den Wild-Festbraten: "Ich bitte ganz demuetig, wo Ew. Fuerstl. Gnaden so viel Uebrigs haetten, wollten mir einen Frischling oder Schweinskopf schenken; denn ich soll bis Mittwoch mein Waislein, meiner Schwester Tochter versorgen." Der Wildbraten blieb natuerlich nicht aus und Frau Kaethe bereitete ihn zu, auch der Stadtrat schickte zum Hochzeitsmahl ein "Stuebchen" Frankenwein und vier Quart Jueterbogischen Wein--also aus des Braeutigams Heimat[317]. So richteten nun die Pflegeeltern ihrer Nichte Hochzeit aus und sorgten dafuer, dass es froehlich zuging und auch die Verwandten aus Mansfeld und Eisleben eingeladen wurden. Luthers Lieblingsbruder Jakob kam herueber und sogar zwei Vatersbrueder. Der Schulmeister mit den Saengern wurde bestellt, und waehrend Frau Kaethe buk, briet und kochte, kostete der Doktor die Weine im Keller. Er meinte: "Man soll den Gaesten einen guten Trunk geben, dass sie froehlich werden: denn wie die Schrift sagt, das Brot staerkt des Menschen Herz, der Wein aber macht ihn froehlich." Es sollte ueberhaupt in christlicher Froehlichkeit bei Hochzeit zugehen, nach dem Grundsatz: "Bei der Hochzeit soll man die Braut schmuecken, soll essen, trinken, schoen tanzen und sich darueber kein Gewissen machen, denn der Glaube und die Liebe laesst sich nicht austanzen noch aussitzen, so du zuechtig und maessig darinnen bist." Beim Hochzeitsschmaus selbst sorgte Luther fuer froehliche Unterhaltung und allerlei Raetselaufgaben. So fragte er den "schwarzen Englaender" (wahrscheinlich Robert Barns, der seit 1533 in Wittenberg studierte und zur Hochzeit geladen war): "Wie wollt Ihr Wein in einen Keller legen nicht eingeschroten und nicht eingefuellt?" Der Englaender wusste es nicht; Luther aber sagte: "Man bringt Most hinein, so wird schon Wein daraus; das ist eine natuerliche Magie und Kunststueck." Weiter fragte er, welches die breiteten Wasser zu Lande waeren? Antwort: "Der Schnee, Regen und Tau"[318]. Dem neuen Ehepaare legte aber Luther einen seinen Spruch der Alten ans Herz; der Braut: "Liebe Tochter, halte Dich also gegen Deinen Mann, dass er froehlich wird, wie er auf dem Heimwege die Spitze des Hauses sieht." Und dem Braeutigam: "Es soll der Mann leben mit seinem Weibe, dass sie ihn nicht gerne siehet wegziehen und froehlich wird, so er heimkommt"[319]. Diesen froehlichen Tagen sind schwere Jahre vorausgegangen und gefolgt. Schon 1535 war die Pest wieder in Wittenberg eingekehrt. Obwohl der Kurfuerst Luther dringend mahnte, der Gefahr aus dem Wege zu gehen, meinte er doch, es sei nichts Rechtes an der Sache, er glaubte nicht daran und spottete darueber in seinem Brief an den Kurfuersten: sein "gewisser Wetterhahn", der Landvoigt Hans Metzsch, haette sonst mit seiner Spuernase schon die Pestilenz gespuert. Luther meinte, die Studenten hoerten das Pestgeschrei gern, sie kriegten die Beule auf dem Schulsack, die Kolik in den Buechern, den Grind an den Federn, die Gicht am Papier; vielen sei die Tinte schimmlich geworden, oder sie haetten die Mutterbriefe gefressen und das Heimweh bekommen: da muessten die Eltern und die Obrigkeit eine starke Arznei wider solch Landsterben verschreiben. Der Teufel scheine Fastnacht mit solchem Schrecken zu halten oder Kirmes in der Hoelle zu feiern mit solchen Larven. Die Sache ging auch bald vorueber[320]. Ernster wurde es aber 1537. Zu Lichtmess dieses Jahres musste Luther auf den Schmalkaldener Konvent. Er fuhr in eigenem Wagen mit Kaethes Pferden. Kaethe sah ihren Gatten nicht ohne Sorgen abreisen; denn er war nicht ganz wohl, das Wetter unwirtlich, die Wege schlecht, fremde Betten und Mahlzeiten und das ungewohnte Leben waren ihm nicht zutraeglich, wie sie schon von frueheren Reisen wusste. Er fuehlte sich nirgends so wohl wie daheim, mit seinem gewohnten Essen und Trinken und Arbeiten. Luther erkaeltete sich denn auch zu Schmalkalden in seiner unbequemen Herberge in den feuchten "hessischen Betten" und verdarb sich an dem schweren, festen Hofbrot den Magen. Sein Steinleiden stellte sich mit einer unerhoerten Heftigkeit ein; ueber vierzehn Tage lang dauerte es und verursachte die rasendsten Schmerzen, so dass er sich den Tod wuenschte und seine Umgebung seinen Tod voraussah. Die Fuerstlichen Leibaerzte wussten ihm nicht zu helfen und sie marterten ihn mit Rosskuren. Daher wollte Luther lieber daheim sterben und sich von seinem Weibe zu tot oder gesund pflegen lassen und liess sich am 26. Februar aus Schmalkalden in kurfuerstlichem Gefaehrt wegfahren gen Wittenberg[321]. Hier hatte Jonas zu Anfang mehrere Briefe von Luther aus Schmalkalden empfangen. Im ersten meldete er, dass er gleich nach seiner Ankunft einen Stein ueberstanden habe, sonst schrieb er aber vergnuegt, und fuenf Tage darauf, dass der Valentinstag ihn valentulum d.h. zum Rekonvaleszenten gemacht habe. Vier Briefe aber an Kaethe waren nicht an sie gelangt: wahrscheinlich waren sie von den aengstlichen Freunden vorsorglicherweise zurueckgehalten worden. Aber sie hatte doch Geruechte gehoert und nicht geruht, bis wenigstens Jonas mit der Nichte Luthers dem kranken Mann entgegenreiste. Frau Kaethe erhielt erst spaeter, als es wieder besser ging, folgenden Brief ihres Mannes aus Gotha[646]: "Gnade und Friede in Christo! Du magst dieweil andere Pferde mieten zu Deiner Notdurft, liebe Kaethe; denn mein gnaediger Herr wird Deine Pferde behalten und mit dem Mag. Philipp heimschicken. Denn ich selber gestern von Schmalkalden aufgebrochen auf meines gnaedigen Herrn eigenem Wagen daher fuhr. Ist die Ursach, ich bin nicht ueber drei Tag hier gesund, und ist bis auf diese Nacht vom ersten Sonntag an kein Troepflein Wasser von mir gelassen, hab' nie geruhet noch geschlafen, kein Trinken noch Essen behalten moegen. Summa, ich bin tot gewesen, und hab' Dich mit den Kindlein Gott befohlen und meinem guten Herrn, als wuerde ich euch nimmermehr sehen; hat mich euer sehr erbarmet, aber ich hatte mich dem Grabe beschieden. Nun hat man so hart gebeten fuer mich zu Gott, dass vieler Leute Thraenen vermocht haben, dass mir Gott diese Nacht geholfen hat und mich duenkt, ich sei wieder von neuem geboren. Darum danke Gott, und lass die lieben Kindlein mit Muhme Lenen dem rechten Vater danken; denn ihr haettet diesen Vater gewisslich verloren. Der fromme Fuerst hat lassen laufen, reiten, holen und mit altem Vermoegen sein Hoechstes versucht, ob mir moecht' geholfen werden; aber es hat nicht wollen sein. Deine Kunst hilft nicht mit dem Mist[322]. Gott hat Wunder an mir gethan diese Nacht und thut's noch durch frommer Leute Fuerbitte. Solches schreib' ich Dir darum, denn ich halte, dass mein gnaedigster Herr habe befohlen dem Landvogt, Dich mir entgegen zu schicken, da ich ja unterwegen stuerbe, dass Du zuvor mit mir reden oder mich sehen moechtest; welches nun nicht not ist und magst wohl daheim bleiben, weil mir Gott so reichlich geholfen hat, dass ich mich versehe, froehlich zu Dir zu kommen. Heute liegen wir zu Gotha. Ich habe sonst viermal geschrieben, wundert mich, dass nichts zu euch kommen ist. Dienstags nach Reminiscere. 1537. Martinus Luther." Wie mag das arme Weib erschrocken sein ueber diese unglueckliche Kunde! und wie haette sie erst gebangt, wenn sie gewusst haette, dass am folgenden Tag der toedliche Anfall sich wiederholte, bis wieder sechs Steine von ihm gingen. Kaethe fuhr nun ihrem Manne entgegen nach Altenburg, wo Freund Spalatin als Pfarrer lebte. Bei diesem bereitete sie nun eine Herberge, bis Jonas und die Muhme Lenchen mit dem Kranken von Weimar her ankamen. Im gastlichen Altenburger Pfarrhaus pflegte Kaethe den Erschoepften einige Tage und fuhr dann mit ihm Mitte Maerz langsam an Kloster Nimbschen vorbei, mit einem Aufenthalt in Grimma nach Wittenberg heim, wo sie am 14. Maerz ankamen[323]. Langsam nur erholte sich Luther; an allen Knochen wie zerschlagen, konnte er sich kaum auf den Beinen halten, so erschoepft war er. Er lernte wieder essen und trinken: die Ruhe und Kaethes sorgliche Pflege brachte ihn allmaehlich wieder zu Kraeften. Acht Tage darauf konnte er wieder die feiernde Feder ergreifen und seinen Dankesbrief an Spalatin schreiben. Frau Kaethe, die in der Bestuerzung den Toechtern Spalatins nichts mitgebracht hatte, wollte ein paar Buecher binden lassen und zum Andenken schicken. Ueber die Osterzeit hat Luther dann wieder fleissig gepredigt. Aber als er spaeter wieder in die Hessenstadt zum Konvent gehen sollte, hielt Kaethe ihren Gatten zurueck und er selbst warnte die Freunde vor "den hessischen Betten"[324]. In diesem Jahre ging auch Muhme Lene heim und mit ihr ein guter Hausgeist, eine Stuetze der Hausfrau, eine geliebte Freundin und Hueterin der Kinder. Der Ersatz, den Frau Kaethe fuer sie suchte und erhielt in "Muhme Lene" der juengeren, ihrer leichtherzigen Nichte, und gar in fremden Stuetzen der Hausfrau, war ein sehr zweifelhafter[325]. In diesem Jahre 1537 hatte Frau Kaethe noch einen schweren Fall von Krankenpflege in ihrem Hause: naemlich die Kurfuerstin Elisabeth von Brandenburg. Die arme Frau war schon 1534 kraenklich, bald besser, bald schwerer. Damals war sie in Wittenberg. Luther musste aber auch oefter zu ihr nach Schloss Lichtenberg reisen. Im Todesjahre ihres Gemahls, 1537, aber, als sich ihr Zustand zu einer Geistesstoerung ausgebildet hatte, war sie zur Verpflegung in Luthers Haus, wohl auf des Kurfuersten von Sachsen Veranlassung. Nach langem Fiebertraum erwachte sie im September, war aber so bloede und kindisch, dass sie wenig verstand. Frau Kaethe sass bei ihr auf dem Bette und schweigete sie[326]. Darauf wollte ihre Tochter, Fuerstin Margarete von Anhalt, mit Gefolge zum Besuch der kranken Mutter kommen, natuerlich womoeglich auch in Luthers Behausung. Aber diese konnte man nicht auch noch aufnehmen; war doch das grosse Haus genug belegt; auch in der Stadt, die als Festung so eng gebaut war und jetzt so besucht von Studenten, war jedes Haus bis in den kleinsten Winkel vollgepropft. So musste man den Besuch ablehnen, aber versichern, dass alles angewendet werde, um die Genesung der Kurfuerstin zu beschleunigen[327]. Die andere Tochter der Kurfuerstin, Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, welche einst ihre Mutter wegen des evangelischen Abendmahls an den Vater und eine unguenstige Aeusserung Luthers ueber Herzog Georg an diesen verraten hatte, kam oefter zum Besuch ihrer kranken Mutter in Luthers Haus; und dieser Umgang brachte sie dazu, dass sie selbst evangelisch wurde und nach dem Tode ihres Gemahls als Regentin des Landes in Braunschweig die Reformation einfuehrte. Sie wurde sehr befreundet mit Luther und Kaethe, schickte ihr einmal eine Sendung Kaese und bekam dafuer Maulbeer- und Feigen-Setzlinge[328]. Aber der Zustand der armen "Markgraefin" war ein trauriger und noch monatelang musste sie Kaethe pflegen. Dabei trugen sich allerlei aergerliche Zwischenfaelle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit unberufener Leute: so draengte sich eine schmutzige Boehmin ins Haus, ins Gemach und an die Seite der Fuerstin, suchte fuer sich Gunst und andern Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete masslos an jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie zwei Stuerzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie immer Reiseplaene und schrieb heimlich ueberallhin und wollte durchaus fort aus Wittenberg[329]. Luther und Kaethe waeren die unruhige Patientin, ueber die sie nicht voellige Gewalt hatten, mit der vielen Unmusse gerne losgewesen, mussten aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet war[330]. Die greise Kurfuerstin wurde nachher wieder gesund und ueberlebte noch Luther. Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein "faehrlich schwer Jahr" gewesen wegen der mancherlei Krankheiten, spukte im Spaetherbst 1539 die Pest wieder im Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder liess den Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war, wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Kaese, Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mussten die Wittenberger zwei Plagen fuer eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden endlich ihre Sachen draussen vor den Thoren ab und die Staedter mussten sie auflesen[331]. Luther freilich nahm wie gewohnt "das Pestlein" leicht und hielt es nur fuer eine Seuche. Er zuernte und spottete ueber die Pestfurcht: "Ich halt, der Teufel hat die Leut besessen mit der _rechten_ Pestilenz, dass sie so schaendlich erschrecken." Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, dass er, als er heimkam, sogar mit ungewaschenen Haenden sein Toechterlein Margarete unbedacht um den Mund streichelte--es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin des Kosmographen Dr. Sebald Muenster an der Seuche starb und dieser selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott! was entstand in der ganzen Stadt fuer ein Geschrei gegen Luther! Er wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332]. Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmuetige Tapferkeit Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die groesste Muehe und Sorge mit den uebernommenen Kindern und war dazu wie vor zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie musste es buessen. Sie kam ungluecklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle staerkenden Mittel angewendet, die Entkraeftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von besorgten Haenden aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede Bewegung beobachtet[333]. Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Kaethe wieder lebendig, wie einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte Kaethes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den Haenden an Tischen und Baenken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie voellig wieder hergestellt[334]. Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335]. Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem Reichstag in Hagenau naeher zu sein, aehnlich wie vor zehn Jahren in Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius, welcher mit nach Hagenau reiste. Sein "Fraulein" pflegte den Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswuerdigste, so dass Frau Kaethe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschaedigte sich fuer die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, dass er den Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nuessen lehrte. Von hier aus schrieb Luther fleissig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der vielbeschaeftigten Frau Kaethe nicht so leicht einen. Dafuer mussten die Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein "Mariischen" gehoerte[336]. Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber lautet[337]: "Meiner herzlieben Kaethe, Doktorin Kathrin und Frauen auf dem neuen Saumarkt zu handen. Gnade und Friede, liebe Jungfrau Kaethe, gnaedige Frau von Zulsdorf und wie Ew. Gnaden mehr heisst! Ich fuege Euch und Ew. Gnaden unterthaeniglich zu wissen, dass mir's hie wohl gehet: "ich fresse wie ein Boehme und saufe wie ein Deutscher"[338]--das sei Gott gedankt, Amen. Das kommt daher: Magister Philipps ist wahrlich tot gewesen und recht wie Lazarus vom Tod auferstanden. Gott der liebe Vater hoeret unser Gebet, das sehen und greifen wir, ohne dass wir's dennoch nicht glauben: da sage niemand Amen zu unserm schaendlichen Unglauben. Ich hab' dem Doktor Pommer Pfarrherr geschrieben, wie der Graf zu Schwarzburg (um) einen Pfarrherrn gen Greussen bittet, da magst Du als eine kluge Frau und Doktorin mit Magister Georg Roehrer und Magister Ambrosio Berndt helfen raten, welcher unter den dreien sich wollte bereden lassen, die ich dem Pommer angezeigt: es ist nicht eine schlechte Pfarre; doch seid ihr klug und macht's besser. Ich habe der Kinder Briefe, auch des Bacculaurien (Hans)--der kein Kind ist, Mariische auch nicht--kriegt, aber von Ew. Gnaden hab' ich nichts kriegt; werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal antworten mit Ew. gnaedigen Hand. Ich schicke hie mit dem Magister Paul den silbernen Apfel, den mir Ihre gnaedige Hand geschenkt hat, den magst Du, wie ich zuvor geredet habe, unter die Kinder teilen und fragen, wie viel sie Kirschen und Aepfel dafuer nehmen wollen; die bezahle ihnen bar ueber und behalt' Du den Stiel davon. Sage untern lieben Kostgaengern, sonderlich Doktor Severo oder Schiefer, mein freundlich Herz und guten Willen, und dass sie helfen zusehen in allen Sachen der Kirchen, Schulen, Haus und wo es not sein will. Auch M. Georg Major und M. Ambrosio, dass sie Dir zu Hause troestlich seien. Will's Gott, so wollen wir bis Sonntag auf sein, von Weimar gen Eisenach zu ziehen, und Philipps mit. Hiemit Gott befohlen. Sage Lycaoni nostro (dem Diener Wolfgang), dass er die Maulbeer nicht versaeume, er verschlafe sie denn, das wird er nicht thun--er versehe es denn--und den Wein soll er auch zur Zeit abziehen. Seid froehlich alle und betet. Amen. Weimar, am Tage der Heimsuchung Mariae (2. Juli) 1540. Martinus Luther, Dein Herzliebchen." Mit dem folgenden Brief an "Frau Katherin Luderin zu Wittenberg, meiner lieben Hausfrau" schickt Luther seiner "lieben Jungfer Kaethe" durch den Fuhrmann Wolf 42 Thaler Sold und 40 fl. Die "magst Du brauchen, bis wir kommen, und wechseln lassen bei Haus von Taubenheim zu Torgau; denn wir zu Hofe nicht einen Pfennig Kleinmuenze moegen haben. Magister Philipps kommt wieder zum Leben aus dem Grabe, siehet noch kraenklich, aber doch leberlich aus, scherzt und lacht wieder mit uns, isset und trinket wie zuvor mit ueber Tische. Gott sei Lob! Und danket ihr auch dem lieben Vater im Himmel.... Was aber (zu Hagenau) geschieht, wissen wir nicht, nur das: man achtet, sie werden uns heissen: Thu das und das, oder wir wollen euch fressen. Denn sie haben's boese im Sinn. Sage auch Doct. Schiefer, dass ich nichts mehr von Ferdinando halte; er gehet da hin zu grunde. Doch hab ich Sorge, wie ich oft geweissagt, der Papst moechte den Tuerken ueber uns fuehren.... Denn der Papst singet schon bereits: flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo: kann er den Kaiser nicht ueber uns treiben, so wird er's mit dem Tuerken versuchen; er will Christus nicht nachgeben. So schlage denn Christus drein beides in Tuerken, Papst und Teufel und beweise, dass er der rechte Herr sei vom Vater zur Rechten gesetzt. Amen!--Amsdorf ist auch noch hier bei uns. Hiemit Gott befohlen. Amen. Sonnabends nach Kiliani (10. Juli). Mart. Luther."[339] Sechs Tage darauf kam wieder ein Brief[340]. "Gnade und Friede. Meine liebe Jungfer und Frau Kaethe! Euer Gnaden sollen wissen, dass wir hier, Gottlob, frisch und gesund sind; "fressen, wie die Boehmen"--doch nicht sehr--"saufen wie die Deutschen"--doch nicht viel--, sind aber froehlich. Denn unser gnaediger Herr von Magdeburg, Bischof Amsdorf, ist unser Tischgenosse. Mehr neue Zeitung wissen wir nicht, denn dass Doktor Kaspar Mekum und Menius sind von Hagenau gen Strassburg spazieren gezogen, Hans von Jenen zu Dienst und Ehren. M. Philipps ist wiederum fein worden, Gottlob. Sage meinem lieben D. Schiefer, dass sein Koenig Ferdinand ein Geschrei will kriegen, als wolle er den Tuerken zu Gevatter bitten ueber die evangelischen Fuersten: hoffe nicht, dass es wahr sei, sonst waere es zu grob. Schreibe mir auch einmal, ob Du alles kriegt hast, was ich Dir gesandt, als neulich 90 Fl. bei Wolf Fuhrmann u.s.w. Hiermit Gott befohlen, Amen. Und lass die Kinder beten. Es ist allhier solche Hitze und Duerre, dass unsaeglich und unertraeglich ist bei Tag und Nacht. Komm, lieber juengster Tag, Amen. Freitags nach Margareten, 1540. Der Bischof von Magdeburg laesst Dich freundlich gruessen. Dein Liebchen Martin Luther." Und endlich als es wieder auf die Heimreise ging, kuendigt Luther Kaethe die Rueckkehr an und bestellt einen Willkommtrunk. "Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katherin Lutherin, zu Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen zu handen.--Abwesend dem Doktor Pomeran, Pfarrherr, zu brechen und zu lesen. ... (Ew. Gnaden) ... wollen schaffen, dass wir einen guten Trunk bei Euch finden. Denn, ob Gott will, morgen Dienstag wollen wir auf sein gegen Wittenberg zu. Es ist mit dem Reichstage zu Hagenow ein Dreck, ist Muehe und Arbeit verloren und Unkost vergeblich. Doch, wo wir nichts mehr aus gerichtet, so haben wir doch Magister Philippus wieder aus der Hoelle geholet und wieder aus dem Grabe froehlich heimbringen wollen, ob Gott will und mit seiner Gnaden, Amen. Es ist der Teufel hieraussen selber mit neuen boesen Teufeln besessen, brennt und thut Schaden, das schrecklich ist. Meinem gnaedigsten Herrn ist im Thueringer Wald mehr denn tausend Acker Holz abgebrannt und brennet noch. Dazu kommt heute Zeitung, dass der Wald bei Werda auch angegangen sei und viel Orten mehr; hilft kein Loeschen. Das will teuer Holz machen. Betet und lasset beten wider den leidigen Satan, der uns sucht nicht allein an Seele und Leib, sondern auch an Gut und Ehre aufs allerheftigste. Christus, unser Herr, wolle vom Himmel kommen und auch ein Feuerlein dem Teufel und seinen Gesellen aufblasen, dass er nicht loeschen koennte, Amen. Ich bin nicht gewiss gewesen, ob Dich diese Briefe zu Wittenberg oder zu Zulsdorf wuerden finden; sonst wollt' ich geschrieben haben von mehr Dingen. Hiemit Gott befohlen, Amen. Gruesse unsere Kinder, Kostgaenger und alle. Montags nach Jacobi (26. Juli) 1540. Dein Liebchen M. Luther, D.[341] Um diese Zeit begann eine neue Sorge fuer Kaethe. Ihrem Bruder Hans wollte es auf Zulsdorf gar nicht gluecken. Daher kaufte sie ihm Zulsdorf ab. Aber sie musste auch ihres Mannes vielfache Beziehungen zu fuerstlichen Hoefen angehen, um ihm wieder einen Hofdienst zu verschaffen, sei's in Preussen, sei's in Sachsen. Luther konnte das mit gutem Gewissen, denn Hans von Bora war keiner von den grossmaeuligen "Scharhansen", wie sie in dieser Zeit massenhaft aufgekommen waren. Aber vielleicht eben wegen seiner Frommheit hatte er Unglueck. Ein Gegner Luthers verdraengte ihn von seinem Vorsteheramte am Neuen Kloster in Leipzig, bis er endlich einen Teil des Klostergutes in Crimmitschau ueberkam[342]. Im Herbst dieses Jahres (1540) suchte die Stadt Wittenberg ein Fieber heim, das zwar selten einen toedlichen Ausgang nahm, aber so ziemlich alle Bewohner ergriff. Bugenhagen war so krank, dass Luther fuer ihn sein Pfarramt versehen musste. Im eignen Hause waren zehn Todkranke und dazu fuehlte sich der Hausherr selber "alt und schwach". Da konnte wieder Kaethe ihre Sorge und Pflege anwenden[343]. Zu Ostern des folgenden Jahres (1541) wurde die Umgebung Wellenbergs erschreckt durch Brandstiftungen und allerlei Vergiftungserscheinungen, indem die Lebensmittel: Wein und Milch mit Gift und Gips gemischt wurden. Es wurden allerlei Leute verhaftet und gefoltert, auch in Wittenberg zwei Leute geroestet--ohne die Ursachen und die Urheber zu entdecken. Luther fuehlte sich in diesem Jahr gar nicht wohl, so dass der Kurfuerst ihm sogar einmal zwei Aerzte schickte und er am Dreikoenigstag des folgenden Jahres (1542) sein Testament machte[344]. Noch eine Freude erlebten die Eheleute zu dieser Zeit: die Enkelin von Luthers Schwerer, _Hanna Strauss_, die in der Familie erzogen war, wurde mit M. Heinrich von Koelleda im Dezember 1541 verlobt, nachdem die Pflegeeltern die Verlobung des Dr. Jakob Schenck (spaeter als Luthers Gegner "der Jaeckel") abgewiesen hatten. Zu dem Verloebnis kam gerade von den Anhalter Fuerstenbruedern ein Wildschwein, als Luther eben gebeten hatte, wenn es moeglich und thunlich waere, ihn zur Hochzeit "etwa mit einem Wildbret zu begaben, denn ich einer Hausjungfrauen, meiner Freundin (Verwandten) soll zu Ehren helfen in den hl. Stand der Ehe". Am 30. Januar 1542 wurde Hochzeit gemacht, die letzte in Luthers Haus. Amsdorf u.a. schickten Hochzeitsgeschenke, und weiteres Wildbret von Anhalt wird nicht gefehlt haben[345]. Aber zu gleicher Zeit (1541) starb auch nach nur vierjaehriger Ehe D. Ambros. Berndt, der Gatte der Magdalene Kaufmann, der Muhme Lene der Juengeren. Die junge Witwe machte sich nun zum grossen Verdrusse der Lutherischen Verwandten an einen sehr jugendlichen Mediziner, Ernst Reichet (Reuchlin), der noch studieren musste und heiratete ihn auch nach Luthers Tod, so dass sie eine zeitlang in rechte Bedraengnis geriet, bis ihr Mann eine ehrenvolle Stellung erwarb[346]. Auch Lenes Bruder, Cyriak, bereitete Luther grossen Aerger, indem er nach dem Beispiel von Melanchthons und Dr. Beiers Sohn ein heimliches Verloebnis einging, was die Wittenberger Juristen als giltig anerkannten[347]. Am 26. August 1542 war der aelteste Sohn, Hans Luther, jetzt 16jaehrig und bereits seit drei Jahren Baccalaureus, nach Torgau geschickt worden zu Markus Crodel, der dort eine treffliche, von Luther hochgeschaetzte Knabenschule hielt, damit er in Sprachlehre und Musik ausgebildet werde, auch Sitte und Anstand lerne, wozu in der studentenwimmelnden Kleinstadt und in Luthers ueberfuelltem Hause nicht der rechte Ort war; Luther war sich auch bewusst, Theologen bilden zu koennen, aber keine Grammatiker und Musiker. Daher wollte er Crodel, wenn er am Leben bliebe, noch spaeter die zwei juengeren Soehne schicken. Der Gesellschaft und Aneiferung wegen wurde auch Kaethes Brudersohn, Florian von Bora, mitgeschickt. Hans war ein guter Junge, waehrend Florian schon einer haerteren Zucht bedurfte. Der Mutter that der Abschied weh, noch mehr aber der aeltesten Schwester, Lenchen, die mit besondrer Zaertlichkeit an ihm hing. Aber Hans gefiel es gut im Pensionat des Praezeptors, er hatte ihn und seine Frau zu ruehmen; er meinte sogar, es erginge ihm hier besser als daheim[646]. Kaum aber war der Bruder abgereist, so wurde Lenchen sterbenskrank. Es war ein gar liebes frommes Maedchen, das seine Eltern ihr Lebtag nie erzuernt hatte. Auf ihrem Sterbebette verlangte sie herzlich und schmerzlich, ihren Bruder Hans nochmals zusehen; sie meinte, sie wuerde dann wieder gesund werden. Kaethe musste ihren Wagen anspannen lassen und der Kutscher Wolf fuhr mit dem Luther'schen Gefaehrt nach Torgau. Er brachte einen Brief vom Vater an den Praezeptor, der lautete: "Gnade und Friede, mein lieber Markus Krodel. Ich bitt' Euch, sagt meinem Sohn Hans nicht, was ich Euch schreibe. Mein Toechterlein Magdalena ist dem Ende nahe und wird bald heimkehren zu ihrem wahren Vater im Himmel, wenn' s Gott nicht anders gefaellig ist. Aber sie sehnt sich so sehr darnach, den Bruder zu sehen, dass ich den Wagen schicken musste: sie lieben eins das andere gar so sehr--vielleicht, dass sein Kommen ihr neue Kraft geben koennte. Ich thue, was ich kann, damit mich nicht spaeter mein Gewissen beschwert. So sagt ihm also--doch ohne die Ursach'--dass er mit diesem Wagen eilends herkomme, um bald wieder zurueckzukehren, wenn Lenchen im Herrn entschlafen oder wieder gesund worden sein wird. Gott befohlen. Ihr muesst ihm sagen, es warte seiner ein heimlicher Auftrag. Sonst steht alles wohl. 6. September 1542."[348] Hans kam zurueck und auch rechtzeitig daheim an. Denn das arme Maedchen musste noch vierzehn Tage leiden und mit dem Tode ringen: offenbar hatte dies Wiedersehen des Bruders ihre Lebensgeister nochmals aufflammen lassen. Es waren gar traurige Wochen in dem Lutherhaus. Das fromme Maegdlein zwar wollte gerne sterben: beim irdischen Vater bleiben oder zum himmlischen heimkehren. "Ja, herzer Vater", sagte es, "wie Gott will!" Aber den Eltern kam der Abschied ihres Lieblings sehr hart an, namentlich Luther, der hatte sie sehr lieb, denn die Vaeter haengen mehr an den Toechtern, waehrend Frau Kaethe zu ihrem Hans groessere Zuneigung fuehlte. In der Nacht vor Lenchens Tode hatte die Mutter einen wundersamen Traum: Es deuchte sie, zwei geschmueckte, schoene junge Gesellen kaemen und wollten ihr Lenchen zur Hochzeit fuehren. Am Morgen kam Melanchthon herueber ins Kloster und fragte, was Lenchen machte. Da erzaehlte Frau Kaethe ihren Traum. Magister Philipp, der bei andern im Geruch der Wahrsagung und Traumdeuterei stand und sich selbst viel darauf zu gut that, machte ein erschrockenes Gesicht. Und als er zu anderen Leuten kam, deutete er den Traum: "Die jungen Gesellen sind die lieben Engel, die werden kommen und diese Jungfrau in das Himmelreich zur rechten Hochzeit heimfuehren." Melanchthon hatte diesmal recht prophezeit. Am 26. September um die neunte Stunde ging es zu Ende. Der Vater hielt das Kind in seinen Armen, die Mutter stand dabei. Der Doktor weinte, betete und troestete abwechselnd das Kind, sich selbst und die Umstehenden: Frau Kaethe, Melanchthon und D. Roehrer. Die Mutter war tief ergriffen; als es zu Ende war, weinte sie ihren Jammer laut hinaus, so dass Luther sie beruhigen musste: "Liebe Kaethe, bedenke doch, wo sie hinkommt: sie kommt wohl." Die traurigen Ereignisse gingen ihren Gang. Der Sarg kam; aber als das Maegdlein hineingelegt werden sollte, hatte es der Tod gestreckt und ihr Bettlein war ihr zu klein geworden. Die Leute kamen und bezeugten den Eltern nach dem gemeinen Brauch ihr Beileid: "es waere ihnen ihre Betruebnis leid". Der Schuelerchor sang das Lied: "Herr, gedenk nicht unsrer vorigen alten Missethat." Sie ward hinausgetragen auf den Friedhof am Elsterthor, und eingescharrt. "Es ist die Auferstehung des Fleisches", sagte Luther, der jedes Wort und jeden Akt mit einem sinnigen Trostspruch begleitete. Dann ging der traurige Zug heim und der Doktor sagte zu Kaethe: "Nun ist unsere Tochter beschickt, an Leib und Seel versorgt, wie es Eltern sollen thun, sonderlich mit den armen Maegdlein." Darauf dichtete der Doktor seinem Toechterlein eine lateinische Grabschrift, die lautet in treuherzigem Deutsch: Hie schlaf ich Lenchen, D. Luthers Toechterlein, Ruh mit allen Heiligen in mei'm Bettelein[349]. Aber noch monatelang sprach und schrieb Luther von seiner Trauer, zuernte wider den Tod und milderte seinen Schmerz mit Thraenen um die geliebte Tochter; und Kaethe hatte die Augen voll Thraenen und schluchzte laut auf beim Gedanken an das "gute gehorsame Toechterlein"[350]. Begreiflich, dass Frau Kaethe den erstgebornen Sohn mit schwerem Herzen wieder in die Ferne entliess. "Wenn dir's uebel gehen sollte, so komm nur heim", hatte die Mutter in einer Anwandlung von Weh und Schwaeche zu Hans gesagt. Es ging nun zwar Hans nicht schlecht in Crodels Hause, aber das Heimweh nach Lenchen und die Sehnsucht nach dem Vaterhause wurde uebermaechtig in ihm--es war ja gerade um die Weihnachtszeit. Er schrieb einen klaeglichen Brief und berief sich auf die Rede der Mutter, er solle heimkehren, wenn's ihm uebel ginge. Da schrieb Luther am 2. Christtag an den Praezeptor und den Sohn zwei Episteln, in denen er Hans zur maennlichen Ueberwindung der weibischen Schwaeche ermahnt. Der Brief an den Sohn lautet: "Gnade und Friede im Herrn. Mein lieber Sohn Hans. Ich und Deine Mutter und das ganze Haus sind gesund. Gieb Dir Muehe, dass Du Deine Thraenen maennlich besiegst und Deiner Mutter Schmerz und Sorge nicht noch mehrst, die so geneigt ist zu Sorge und Angst. Gehorche Gott, der Dir durch uns befohlen hat dort zu arbeiten, so wirst Du leicht dieser Schwaeche vergessen. Die Mutter kann nicht schreiben und hat es auch nicht noetig geachtet; aber sie sagt, alles was sie Dir gesagt habe--naemlich Du solltest heimkehren, wenn es Dir uebel ginge--habe sie von Krankheit gemeint; davon solltest Du, wenn es geschehe, gleich Kunde geben. Sonst will sie, dass Du diese Trauer lassest und froehlich und ruhig studierest. Hiemit gehab Dich wohl im Herrn. Dein Vater Martin Luther."[351] Der letzte Schmerz und Verlust, den Frau Kaethe in diesem schicksalsschweren Jahre noch erlebte, war der Tod ihrer besten Freundin, der Frau Stiftspropst Katharina Jonas. Sie starb am Weihnachtstage 1542, eine frohe freundliche Kinderseele; so ging sie auch am Christfest hinein in den himmlischen Freudensaal zur ewigen Weihnacht. Frau Kaethe aber war's, als sei ihr ein Stueck von ihrer Seele gestorben[352]. 12. Kapitel Tischgenossen und Tischreden. "Unsere Herrin Kaethe, die _Erzkoechin_", so nennt Luther seine Gattin in einem scherzhaften Einladungsbrief an Freund Jonas[353]. Und das war sie; sie kochte gern und gut und braute auch die entsprechenden Getraenke dazu. Gelegenheit zu den manchfaltigsten Gastereien hatte aber kein Weib so sehr als Frau Kaethe. Da gab es vor altem gar mancherlei Hochzeiten von Verwandten und Freunden, deren Ausrichtung dem Herrn Doktor eine Herzensfreude war, bei denen aber sein "Herr Kaethe" eine ganz besonders hervorragende und liebe Rolle spielte. Und was so eine Hochzeit in Wittenberg auf sich hatte, kann man sich kaum recht vorstellen. Da musste der "Haufe" geladen werden; bei einer "akademischen" Hochzeit "die Universitaet mit Kind und Kegel" und dazu andere, die man Luthers halber "nicht wohl konnte auss(en) lassen; so bleibt's weder bei 9 noch bei 12 Tischen, 120 Gaeste ohne die Diener u.s.w." war das Gewoehnliche fuer eine akademische Hochzeit. "Bei einem Doktorschmaus machten die Maenner allein schon 7 bis 8 Tische voll; was wurde es erst, wenn die Frauen, Kinder und noch das Gesinde zu speisen und zu traenken waren?" Dazu dauerten die Hochzeiten mehrere Tage. Luther hatte sich bei seiner Hochzeit auch nur "fuer die gewoehnlichen Gaeste" mit einem Tage begnuegt. Und das alles bei dem schlechten Markt in Wittenberg! Da war es fuer die gute Kaethe keine geringe Schwierigkeit, einen solchen Schwarm in anstaendiger Weise zu speisen, und sie wollte doch weder auf den Ruhm ihres Mannes, noch der Gefeierten einen Makel kommen lassen--natuerlich auf ihren Ruhm auch nicht. Luther und Kaethe wollten beide keine Unehre einlegen[354]. Aber auch sonst richtete Frau Kaethe gern Feste aus: Doktorschmaeuse, Geburtstagsessen und auch sonstige Gesellschaften ohne besondere Veranlassungen. Da ist Wilhelm Rink, D. Eisleben (Agricola), Alexander Drachstett und Wolf Heinzen zu Besuch im Schwarzen Kloster; und weil der Pfarrer Michael Stiefel in Lochau seltener dahin kommt, soll auch er erscheinen und teilnehmen an den froehlichen Tagen. Da wird einer der Freunde oder gar zwei: Roehrer oder Jak. Schenk, Hier. Heller, Nikolaus Medler, "der Markgraefin Kaplan" (d.i. der Hofprediger der Kurfuerstin Elisabeth von Brandenburg) zum Doktor promoviert und Herr Kaethe braet und braut fuer den ueblichen Schmaus. Da giebt sie ihrem eignen Doktor am 19. Oktober ein festliches Abendmahl zum Jahrestage seines Doktorats. Am 10. Martini wird mit dem Heiligen Martin auch der Geburtstag ihres D. Martinus und spaeter noch ihres Martinleins festlich begangen[355]. Der zehnte Jahrestag des Thesenanschlags ("der niedergetretenen Ablaesse"), der Allerheiligentag 1527, wird mit einem Fest begangen. Auch um ihn zu troesten ueber den Tod des lieben Freundes Hausmann, der Luther ungemein nahe ging, lud Frau Kaethe einen Kreis von Freunden ein: Jonas, Melanchthon, Camerarius, Cokritz. Die Kindtaufschmaeuse fuer ihre Neugebornen musste die Woechnerin wenigstens einige Zeit vorher vorbereiten und von ihrem Bette aus ueberwachen. Doch auch ohne besondere festliche Veranlassung erschienen zu kleinerem Beisammensein am geselligen Tisch die guten Freunde und Amtsgenossen: Jonas, Melanchthon, Bugenhagen, so oft ein Stueck Wildbret oder eine Sendung Fische ins Haus geschickt wird, oder eine Kufe Bier, oder ein Fass Wein--manchmal mit der ausdruecklichen Bestimmung, "Herr Philipp, D. Pommer und andere gute Freunde sollten es mit dem Doktor gesund verbrauchen." Dann darf Frau Kaethe die Speisen bereiten und auftischen[356]. Manchmal muss sie auch bei Hof um Wild zum Festbraten bitten lassen, wenn sonst keines zu bekommen ist; oder sie bestellt bei einem guten Freunde "fuer einen Thaler Voegel, Gefieder, Gefluegel und was im Reich der Luft fleugt, ferner was er an Hasen und anderen Leckerbissen kaufen oder umsonst erjagen kann." Oder Frau Kaethe musste ihre eigenen Fischteichlein ausraeumen, wo neben Hechten und Karpfen, Schmerlen und Barsche, ja sogar Forellen schwammen. Denn nicht immer kamen die Geschenke so reichlich wie einmal vom Kurfuersten "ein Fuder Supstitzer, ein halb Fuder Goreberger, vier Eimer Jenischen Weins, dazu ein Schock Karpfen und ein Zentner Hechte, schoene Fische"--war auf einmal zu viel, selbst fuer eine zahlreiche Gesellschaft[357]. Da sind Durchreisende und Besuche vom Fuersten bis zum fahrenden Schueler, fremde Gesandte und stellenlose Magister, arme Witwen und vertriebene Pfarrer, Englaender und Franzosen, Boehmen und Ungarn, sogar einmal ein "Mohr": sie sitzen zu Gaste einen Tag, auch eine Woche und ein Jahr an Kaethes grossem Tisch. Als Hartmut von Cronbergs verwitwete Schwester von einem Juden entfuehrt nach Wittenberg kam und heimlich sich da aufhielt, entschuldigt sich Luther mit seinen boesen Erfahrungen an vornehmen und geistlichen Schwindlerinnen, dass er sich ihrer nicht an-, d.h. sie nicht ins Haus genommen; bei ihrem Kinde stand er aber nachher Gevatter[358]. Da kamen Schwester und Bruder, Schwager und "Freunde" von Mansfeld. Oder die Strassburger Theologen speisten im Schwarzen Kloster. So machte der feine Strassburger Capito, der samt Butzer zur "Concordia" in Wittenberg verhandelte, einen gar guten Eindruck auf Frau Kaethe, und es war ihr ein grosses Unglueck, dass der goldene Ring, den er ihr verehrte und den sie als Sinnbild der Vereinigung der saechsischen und oberlaendischen Kirche betrachtete, ihr durch ein Missgeschick abhanden kam [359]. Sogar dem Kurfuersten musste Frau Kaethe hinter dem Wall eine Collation auftischen (8.-14. Maerz 1534). Spaeter waren noch allerlei andere Fuersten wenigstens voruebergehend Tischgenossen Kaethes, so der junge saechsische Johann Ernst und der Herzog Franz von Lueneburg[360]. Staendige Tischgesellen waren die im Schwarzen Kloster wohnenden Praezeptoren, Famuli und Scholaren. Einer der aeltesten und ersten dieser Tischgenossen im Luther hause ist Konrad _Cordatus_. Er war sieben Jahre vor Luther von husitischen Bauern im oesterreichischen Weissenkirchen geboren, studierte Theologie in Wien, lebte einige Jahre in Rom; erhielt 1510 eine sehr gute Anstellung in Ofen, schloss sich sofort 1517 der Reformation an, wurde abgesetzt, ging 1524 mittellos nach Wittenberg und studierte unter Luther, der sich seiner annahm, kehrte heim und predigte das Evangelium, wird 38 Wochen lang gefangen gehalten im tiefen Turm, in Finsternis bei "Nattern und Schlangen", entkommt durch einen mitleidigen Waechter und fluechtet zu seinem kongenialen Lehrer D. Luther. Dort lebte er einige Zeit in dessen jungem Haushalt 1526, und wieder stellenlos auf Einladung Luthers von 1528-29, nach zweijaehrigem Pfarramt in Zwickau 1531-32 wieder fast ein Jahr, bis er Pfarrer in Niemegk nahe bei Wittenberg wurde. Er ist einer der besten Prediger der Reformationszeit. Er war eine trotzige Natur, wie Luther; nur noch viel hitziger, schroffer und wenig vertraeglich. Er konnte sich auch in Frau Kaethes Art nicht sonderlich schicken und machte Luther Vorwuerfe, dass er sich von seiner Gattin bestimmen lasse. Dafuer macht er in seinen Tischreden einigemale eine bissige Bemerkung ueber die Doktorin, als waere sie herrschsuechtig und hoffaertig und berichtet ueberhaupt mit einer gewissen Herbigkeit ueber sie. Als Luther ihn und seinen Freund Hausmann nicht so mit Geld unterstuetzen kann, wie er's moechte, meint Cordatus, Luther haette seiner Frau nicht erlauben sollen, einen Garten anzukaufen. Auch vertrug er schwer, dass sie bestaendig Luthers "beste Reden unterbrach", weil er mit grossem Eifer alle Worte Luthers nachschrieb[361]. Am Dreikoenigstag 1528 kam desgleichen aus Oesterreich vertrieben Luthers alter Freund Michael _Stiefel_ an, welcher von 1525 an bei der edeln Familie Joerger von Tollet Kaplan gewesen, "ein frommer, sittiger und fleissiger Mensch". Er kannte Frau Kaethe schon vor ihrer Vermaehlung und war bei seiner Abreise von Wittenberg am 3. Juni 1525 wahrscheinlich schon in Luthers Absicht, zu heiraten, eingeweiht. Von Oesterreich aus hatte er einen gar liebenswuerdigen Brief an Frau Katharina geschrieben und sie erwiderte seine Gruesse. Bis zu Michaelis 1528 blieb Stiefel in Luthers Haus, fuehlte sich aber durch diese Inanspruchnahme seiner Gastfreundschaft bedrueckt. Er uebernahm darum die Pfarrei und Pfarrwitwe von Lochau mit zwei Kindern. Das Luthersche Ehepaar besorgte seinen Umzug. Der Verkehr mit dem Lochauer Pfarrhaus hielt an. Luther schreibt und erhaelt viele Briefe und auch Kaethe bekommt eine freundliche Epistel vom Pfarrherrn; die Pfarrerin schickt dem Doktor ein Geschenk. Bald wird Stiefel eingeladen zu einer guten Gesellschaft im Schwarzen Kloster, bald sagt sich Luther mit seiner ganzen Knabenschaar zum Kirschenbrechen in Lochau an. Schliesslich verfiel Stiefel zum Verdrusse Luthers aufs Gruebeln nach dem Juengsten Tag. Die Bevoelkerung der ganzen Gegend bis nach Schlesien hinein stroemte dem Propheten zu und erwartete mit ihm am 19. Oktober 1533, 8 Uhr nachmittags, das Ende der Welt. Als dies nicht eintraf, wurde der falsche Prophet vom Landesherrn verhaftet und so fuer den Unrat, den er angerichtet, gestraft, aber auch gegen die aufgeregten Leute geschuetzt und nach Wittenberg gebracht, wo er seinen Irrtum bereute[362]. Gleichfalls ein Oesterreicher, _Kummer_ (Kommer), kam 1529 nach Wittenberg. Auch er hatte, wegen des Evangeliums verfolgt, in Weiberkleidern fliehen muessen, und nahm natuerlich seine Zuflucht zu Luther. Dessen Haus- und Tischgenosse scheint er ebenfalls gewesen zu sein. Kummer war ein Freund und Studiengenosse Lauterbachs[363]. Im selben Jahre 1529 kam dieser Anton _Lauterbach_, geboren 1500 als Sohn des Buergermeisters zu Stolpe, nach Wittenberg, wo er Magister wurde und mindestens schon 1531 Luthers Hausgenosse und Tischgaenger war und Diakonus der Pfarrgemeinde wurde. Ein hochaufgeschossener Mensch, im Gegensatz zu seinem Genossen Cordatus ein gutmuetiger Geselle. Dienstag, 28. Januar 1533, diente er zu Tisch beim Kindtaufschmaus fuer den kleinen Paul. Er verheiratete sich in diesem Jahre mit einer Nonne Auguste, wobei natuerlich Frau Kaethe wieder die Hochzeit herzurichten hatte. Dann wurde er Diakonus in Leisnig, 1537-39 kam er wieder als Diakonus in die Universitaetsstadt. Als darauf das Herzogtum Sachsen reformiert werden sollte, wurde er als Superintendent nach Pirna berufen, wollte aber "das heilige Wittenberg" nicht verlassen. Doch gab er den Mahnungen Luthers und der andern Vaeter nach, seinem Vaterlande zu dienen und das beschwerliche Amt zu uebernehmen. Am Mittwoch, 25. Juli 1539 erschienen in Wittenberg die Pirnaer Ratsherren mit zwei Wagen und holten ihren ersten evangelischen Pfarrherrn ab. Unter Thraenen nahm er Abschied von Luthers Familie. Am folgenden Freitag, Jacobi, kam er, feierlich mit Willkommtrunk empfangen, in Pirna an, und es wurde mit der Reformation "der Anfang deutsch und gut lutherisch zu taufen gemacht an Drillingen". Aber aus der weiten Ferne blieb Lauterbach in lebhaftem und freundlichem Verkehr mit Luther und Frau Kaethe, der er gar mancherlei Besorgungen machte[364]. Ohne Amt, aber auf eines wartend, zog im November 1531 der Oberpfaelzer Joh. _Schlaginhaufen_--der lateinisch Turbicida oder gar griechisch Ochloplectes genannt wurde--ins Schwarze Kloster nach Wittenberg, wo er ein Jahrzehnt zuvor studiert hatte. Er war zum Truebsinn geneigt und quaelte sich mit dem Zweifel, ob er auch zur Zahl der Auserwaehlten gehoere; und Luther muss den Schwermuetigen oft aufheitern, wenn er truebselig und teilnahmslos unter den Gaesten und Tischgenossen dasitzt. Trotzdem oder gerade deswegen steht er bei Frau Kaethe hoch in Gunst, und als ihr Gatte waehrend der Rektoratswahl am 1. Mai 1532 einen Ohnmachtsanfall bekommt, schickt sie zuerst nach Schlaginhaufen in die Festversammlung und dann erst laesst sie Melanchthon und Jonas rufen. "Meister Hans" war willig zu jedem Dienst, nahm sich des Gartens und besonders des Bienenstandes der Frau Kaethe an, und wurde spaeter als Pfarrer im nahen Zahna und dann in Koethen ein tuechtiger Bienenvater[365]. Seit 1527 war im Schwarzen Kloster als Hausgenosse der gesetzte, ernste 30jaehrige _Hieronymus Weller_ aus Freiberg. Als Luther auf der Koburg sass, war er der Hauslehrer des jungen Hans. Sein Bruder Peter, ein junger Magister und juristischer Student, welcher ebenfalls spaeter unterrichtete, zog 1530 auch in das Kloster; beide als maennliche "Schirmer" der von Luther und seinem Famulus Veit Dietrich verwaisten Familie. Die Brueder waren sehr musikalisch; ein dritter, namens Matthias, sogar in seiner Vaterstadt am Dom Organist und Tonsetzer. Peter und Hieronymus erfreuten also die Familie durch ihren huebschen Gesang. Aber es war gut, dass der heitere Bruder Peter noch ins Kloster kam, denn der hochbegabte Hieronymus war--wie Matthias--zur Schwermut geneigt. Und die vielbesorgte Hausfrau wird zugeredet haben, dass der Truebsinnige lieber eine Stelle in Dresden annehmen solle; aber er blieb bis 1535 und war so acht Jahre in ihrem Haus. Daher kam es, dass auch die beiden andern Weller gar oft als Gaeste im Kloster weilten. So waren am 24. September 1533 die zwei oder gar drei Weller da und sangen mit Luther. Ebenso 1534. Im folgenden Jahr wurde Hieronymus Doktor der Theologie und den Doktorschmaus fuer acht Tische musste Frau Kaethe ausrichten Mit dem Juristen Peter biss sich Luther weidlich herum[366]. Um diese Zeit gehoerte auch ein adeliger Boehme, _Hennick_, ein Waldenser, zu den Tischgenossen, der spaeter mit Peter Weller zum heiligen Lande zog, wo beide gestorben und begraben sind[367]. Als fremdlaendischer Haus- und Tischgenosse lebte im Lutherhause auch der "schwarze Engeleser" Dr. theol. Antonius (Robert _Barns_), dem Luther im Scherz seine Kaethe zum deutschen Sprachmeister geben wollte und der auch Gast bei den haeufigen Hochzeiten im Schwarzen Kloster war. Er war 1529 seines Glaubens wegen aus der Heimat geflohen, dann von Heinrich VIII. als Unterhaendler seiner neuen Ehe und "Religion" gebraucht, aber dann doch bei seiner Rueckkehr mit zwei Gefaehrten "von Koenig Heinz wegen seines evangelischen Glaubens auf das Schmidfeld hinausgefuehrt und verbrannt worden". Von dem Maertyrertum "unseres guten Tischgesellen und Hausgenossen" gab Luther dann eine Schrift heraus[368]. Kaethes Tischgenosse war ferner der Ungar Matthias v. Vai, ein mutiger Mann, dem es daheim besser erging als Robert Barns. Denn als er mit seinen papistischem Amtsgenossen in Streit geriet, verklagte ihn dieser bei des Woiwoden Bruder, dem Moench Georg, damals Statthalter in Ofen. Dieser wollte bald erfahren, wer recht habe, setzte zwei Tonnen Pulver auf den Markt und sagte: "Wer seine Lehre fuer goettlich erkennt, setze sich Drauf--ich zuende es an, wer lebendig bleibt, dess' Lehre ist recht." Da sprang Vai flugs auf die Tonne, der Priester aber folgte nicht und Georg strafte den Priester mit seinem Anhang um 4000 Gulden, dem Vai aber erlaubte er, oeffentlich zu predigen. Diese rettende, mutige That erzaehlte Luther mit Freude seinen Tischgenossen[369]. Lange Zeit (1529-1534) lebte auch M. Veit Dietrich im Lutherhause. Er war ein Nuernberger (geb. 1506), der nach Wittenberg gekommen war, um Medizin zu studieren, aber wie manche andere von Luther fuer die Theologie gewonnen wurde (1527) und ihm bald als vertrauter Famulus an die Hand ging. Er begleitete Luther auf die Koburg. Dietrich hatte seine eignen Zoeglinge; von der Koburg sandte er ihnen "Argumente", die sie auswendig lernen sollten, waehrend Luther dieselben durch seinen Brief vom Dohlen-Reichstag erfreute. Als Luther vom Reichstag zurueckgekehrt war, schrieb er dem in Nuernberg zurueckgebliebenen Dietrich von dem Stand der Dinge in Wittenberg, auch Gruesse von der ganzen Tischgenossenschaft und Frau Kaethe, welche zugleich auszurichten befahl, "Dietrich solle nicht glauben, dass sie ihm erzuernt sei". Dietrich kam naemlich nicht recht mit Frau Kaethe aus. Er meinte von sich selbst, dass er zwar keine krausen Haare habe, aber einen krausen Sinn. Daher riet ihm Luther, ein Weib zu nehmen, da werde ihm das schon vergehen. Das wollte Dietrich auch. Aber bis er dazu kam, rieb er sich einstweilen, wie es scheint, an Frau Kaethe. Als sie ihm gar die Liebschaft mit Muhme Lene untersagte, zog er im Herbst 1534 mit seinen sechs Scholaren aus dem Hause und verbreitete die Rede, die Doktorin sei gegen seine Zoeglinge hochmuetig und berechnet gewesen. Fuer die Hauswirtin mit ihren eignen fuenf kleinen Kindern und dem schweren Haushalt war dieser Wegzug wahrlich eine Erleichterung[370]. Es gab nun natuerlich zwischen Dietrich und dem Lutherischen Hause eine Spannung. Diese aber ging vorueber. Als Dietrich im folgenden Jahre in seine Vaterstadt Nuernberg berufen wurde und heiratete, schrieb ihm nicht nur Luther einen freundlichen Brief, sondern auch Kaethe sandte ihm Gruesse und Glueckwuensche zum Ehestand und Amt. Der Briefwechsel dauerte fort bis zu beider Maenner Tod und auch Kaethes Gruesse blieben nicht aus[371]. Ein Landsmann von Veit Dietrich, _Hieronymus Besold_, kam einige Jahre nach dessen Weggang ins Lutherhaus. Er war durch jenen gegen die Hauswirtin eingenommen, so dass er sich anfangs vor ihr als einer herrischen und habsuechtigen Frau fuerchtete. Aber--er kam doch an ihren Tisch und blieb da und verlor seine schlechte Meinung von ihr, wenn er auch von Frau Kaethe mit Bestellungen in Nuernberg in Anspruch genommen wurde und dann einmal nicht wagte, sie an seine Auslagen zu erinnern[372]. Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) _Holstein_ im Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der "Schandpoetaster" Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines "ehrbaren, frommen Gemuets und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister". Er hatte 17 Jahre studiert und war ueber zehn Jahre lang Magister (Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und Hebraeischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher Professor ankommen, so dass sich Luther bei dem Senior der "Artistenfakultaet", M. Melanchthon, erkundigen wollte, was fuer ein Groll und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Kaethe nahm sich seiner an und legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine boese Statt fand. So musste sich Holstein weiter mit Knaben ernaehren und wurde schliesslich Jurist[373]. 1539 lebte bei Luther wieder ein "Oestreicher" als Kostgaenger, Huttens Freund Wolfgang Angst oder _Schiefer_ (Severus), gebuertig aus dem oesterreichischen Elsass zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor Hofmeister der Soehne des Koenigs Ferdinand, spaeter Kaiser Ferdinand I., Bruder Karls V. gewesen, musste aber seines Luthertums wegen fluechten und nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfuersten zum Hofmeister und hoffte, er solle ihm "sehr wohl gefallen". Aber es wurde nichts daraus, und so lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus. Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgespraechen, ihm soll Frau Kaethe auch von Luther aus Weimar allerlei ueber "seinen Koenig Ferdinand" ausrichten[374]. Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach Wittenberg, _Matthesius_, der 36jaehrige Schulmeister von Joachimsthal, der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu uebernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Kaethes Kosttisch. Er redet mit grosser Verehrung von ihr[375]. Und endlich kam noch _Goldschmidt_ (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder. Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn. Gleichzeitig war _Rutfeld_ da als Famulus und Praezeptor fuer Luthers Knaben[376]. In dieser letzten Lebenszeit Luthers sass wieder ein Oesterreicher an Kaethes Tisch, Ferdinand _a Mangis_, ferner ein M. _Plato_ und andere Kostgaenger[377]. Das war Luthers oder vielmehr Frau Kaethes "Tischburse", an welcher teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten fuer ein hohes Glueck und grosse Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thueringen, das Luther besass, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378]. Ausser diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter stehenden Kostgaengern gehoerten zur "Tischburse" Luthers noch die zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionaere gegen und ohne Entgelt im Schwarzen Kloster lebten. Kaethe setzte eine bestimmte Zahl von solchen Kostgaengern fest, ueber die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als daher der Kanzler Mueller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen Uebernahme eines gewissen Kegel an Kaethes Kosttisch, musste ihm der Hausherr schreiben: "Den Kegel haette ich wohl gerne zum Kostgaenger haben moegen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll und ich kann die alten Compane nicht also verstossen. Wo aber eine Staett los (ein Platz leer) wuerde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich meinen Willen Euch gern darthun, _wo anders Herr Kaethe alsdann mir gnaedig_ sein wird."[379] Also Frau Kaethe bestimmte ueber den Kosttisch. Und das war auch sonst gut so. Denn der gutmuetige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst nicht unterkam oder sorgte fuer ihn durch Stipendien, so dass aus aller Herren Laender und aus allen Staedten, sogar aus "Mohrenland" Schueler und Studenten nach Wittenberg stroemten "und wir allhie gar sehr ueberladen sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Huelfe". So musste z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann draengen, an die Stadtraete von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, dass sie sich eines ihrer Stadtkinder annaehmen, eines Georg Schnell, der "arm war und nichts hatte" als einen guten Kopf und ein frommes Gemuet, und taeglicher Haus- und Tischgenoss im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nuernberger Geistlichen aufgehalst war, musste man nach Nuernberg ins Findlingshaus (Waisenhaus) abschieben. Luther musste sich auf Kaethes Vorstellungen an den "ehrbaren und fuersichtigen" Ratsherrn Hieron. Baumgaertner wenden, ihrer beiden "lieben Herrn und guten Freund". "Auf gut Vertrauen, so ich zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was fuer eine Bettelstadt unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht vermoege, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in Nuernberg guter Fugge sein, dass er ins Fuendli-Haus moechte versetzt werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug beschwert und ueber Vermoegen beladen. Gott behuete mich, dass ich nicht mehr so betrogen werde."[381] Aber auch die andern nicht gerade armen Kostgaenger liessen es an puenktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es als Haerte von Kaethe der Hausfrau, wenn sie "auf richtige Bezahlung drang", waehrend sie von Luther her anders gewohnt und verwoehnt waren[382]. Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu bekoestigen, sondern auch in Krankheit zu pflegen, hatte natuerlich Frau Kaethe auch genug. Ein junger Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Kaethe "fleissig gewartet" nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten fuehrten auch zum Tode und das musste den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Kaethe zu schwerer Sorge werden[383]. Wie Frau Kaethe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab der gespraechige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die "Tischwuerze". Luther war von Natur "ein gar froehlicher Gesell", ja voll uebersprudelndem Humor, wenn er sich wohl fuehlte, aber auch, wenn er Uebles erfahren hatte: Aerger und Verdruss, dem zum Trotz. In seiner Beichte vor seinem ersten Krankheitsanfall (1527) sagte er zu Bugenhagen: "Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem aeussern Wandel froehlich stelle, ich gehe auf lauter Rosen; aber Gott weiss, wie es um mich stehet meines Lebens halber. Ich habe mir oft vorgenommen, ich wollte der Welt zu Dienst mich etwas ernstlicher und heiliger (weiss nicht, wie ich's nennen soll) stellen; aber Gott hat mir solches zu thun nicht gegeben." Und Bugenhagen bezeugte dabei: "Thut er ihm unterweilen ueber Tisch mit Froehlichsein zu viel, so hat er selbst keinen Gefallen daran und kann solches keinem gottseligen Menschen uebel gefallen, viel weniger ihn aergern, denn er ist ein leutseliger Mensch und aller Gleisnerei und Heuchelei feind."[384] Luther redete gut und gern und viel. Er liebte besonders Sprueche, sinnreiche Reden und huebsche Reime, Sprichwoerter und Anekdoten. Deren wusste er sehr viel und die brachte er am Tisch wie auf der Kanzel vor. Ueber und nach Tische wurde zwischen den Reden auch gesungen, und wer eine gute Stimme hatte, auch Gaeste, mussten mitthun; Luther, der ein guter "Lautenist" war, begleitete den Gesang[385]. So entstanden die beruehmten Tischgespraeche, die sich um die tiefsten und hoechsten, die groessten und kleinsten Dinge, goettliche und menschliche, himmlische und irdische drehten, bald im erbaulichsten Ernst, bald im lustigsten Scherz, jetzt sinnig zart, dann in derber Natuerlichkeit--obwohl der erste und Hauptherausgeber der Tischreden, der ehemalige Feldprediger Aurifaber, spaeter Pfarrer in Erfurt, die derben mit behaglicher Breite ausmalt, vergroebert und aus dem nicht ganz sauberen Schatz seiner soldatischen Erinnerungen und Ausdrucksweisen ergaenzt[386]. Diese Tischreden wurden naemlich von Luthers Juengern auf- und nachgeschrieben, wie Jesu und Sokrates' Aussprueche und Gespraeche; zuerst nach dem Gedaechtnis, spaeter nach gleichzeitigen Aufzeichnungen. _Cordatus_ war der erste, der es wagte, hinter dem Tisch sitzend oder davorstehend, die geistvollen Reden des Meisters--auch, wie ihm Melanchthon warnend bedeutete, manches weniger zur Verewigung geeignete Wort--in sein Notizbuch einzutragen. Andre Tischgenossen und Gaeste wie _H. Weller_, _Veit Dietrich_, _Lauterbach_, _Besold_, _Schlaginhaufen_, _Matthesius_, _Ferdinand a Mangis_, _Goldschmidt_ folgten seinem Beispiel nach. Auch der Diakonus _Roehrer_, der beruehmte Schnellschreiber und Notarius (Protokollfuehrer) der Evangelischen auf den Reichstagen und Religionsgespraechen, verzeichnete "viel Koestliches". Und so sind unter der zahllosen Menge von Lutherreden (3000) auch einzelne authentische Worte der Doktorin ueberliefert[387]. Wie es bei diesen Tischgespraechen zuging, das erzaehlt uns Matthesius. Bescheiden und sittsam sassen die Leute da und sahen auf "Seine Wuerden, den Herrn Doktor". "Wenn er uns nun Rede abgewinnen wollte, fing er an: "Was hoert man Neues?" Diese erste Vermahnung liessen wir gehen. Wenn er aber wieder anhob: "Ihr Praelaten, was Neues?" da fingen die Alten an zu reden. D. Wolf Severus, so der Roemischen Koeniglichen Majestaet Praezeptor gewesen, sass oben an, der brachte, wo niemand Fremdes vorhanden, als gewandter Hofmann was auf die Bahn. Wenn so das Gedoeber anging, doch mit gebuerlichem Anstand, so schossen die andern auch ihren Teil dazu"[388]. Alle moeglichen Dinge und Vorkommnisse gaben den Anlass zu kuerzeren oder laengeren Reden, bald die Tagesneuigkeiten, bald ein Gast, jetzt die Kinder mit ihrem Spiele oder Unarten und dann Peter Wellers Hund, der so andaechtig morgens zum Essen war wie kein Beter. Alles musste zum Anknuepfungspunkt oder zum Sinnbild fuer hoehere Wahrheiten dienen. Und nicht selten gab Frau Kaethe durch eine Rede oder durch ihre blosse Anwesenheit die Veranlassung zu sinnigen Bemerkungen[389]. Die Tischreden wurden meist lateinisch gehalten, wie die Briefe Luthers mit allen "gelehrten", d.h. akademisch gebildeten, Maennern lateinisch geschrieben wurden. Bei alltaeglichen Dingen, wo der deutsche Ausdruck gelaeufiger war, ging es vom Latein ins Deutsche bunt durch einander. Wenn ungelehrte Freunde oder Freundinnen zugegen waren, oder Frau und Kinder der Unterhaltung folgen sollten, wurde deutsch gesprochen; doch liefen auch da lateinische Brocken unter. Am treuesten ist dieser Wechsel vom Latein und Deutsch bewahrt in Lauterbachs Tagebuch. So viel verstanden aber auch die weiblichen Hausgenossen, teils vom Kloster her, teils aus dem steten Hoeren von Lateinisch, dass sie sich drein mischen konnten, oft sogar selbst vielleicht mit lateinischen Phrasen. So Muhme Lene, welche auf die Frage, ob sie wieder ins Kloster wolle, mit Non, Non! antwortete. Besonders aber die Doctorissa, wie sie bei den jungen Leuten respektvoll genannt und geschrieben wurde[390]. So redete Luther einmal von der elterlichen Liebe: "Lieber Gott, wie wird sich ein Herzpochen erhoben haben, da Abraham seinen einigen und allerliebsten Sohn Isaak hat sollen toeten! Es wird ihm der Gang auf den Berg Moria sauer angekommen sein. Er wird der Sarah nichts davon gesagt haben." Da fing seine Hausfrau an und sagte: "Ich kann's in meinen Kopf nicht bringen, dass Gott so grausam Ding von jemands begehren sollte, sein Kind selbst zu erwuergen." Luther widerlegte diese verstaendig natuerliche Einwendung mit dem theologischen Hinweis auf Gott selbst, der ja seinen eigenen Sohn habe kreuzigen lassen. Aber die Doktorin konnte sich damit nicht ganz ueberzeugen lassen[391]. Frau Kaethe wusste auch Sagen. So erzaehlte sie von einem Wasserweib, das in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schoenen Stube gesessen und haette ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine Wehemutter von einem "Geist" gefuehrt worden, um ihr beizustehen[392]. Ein andermal wurde bei Tisch erzaehlt, dass einer in der Stadt die Ehe gebrochen. Da entsetzte sich Frau Kaethe und fragte den Herrn Doktor: "Lieber Herr, wie koennen die Leute nur so boese sein und sich mit solchen Suenden beflecken?!" Da antwortete er: "Ja, liebe Kaethe, die Leute beten nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand."[393] Einmal fing der Doktor mit seiner Kaethe eine Disputation an ueber ihre Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tuechtige, in lutherischen Gedankengaengen geuebte Theologin, wurde natuerlich aber von dem Sieggewaltigen doch widerlegt und ueberwunden. Er fragte sie, ob sie glaube, dass sie heilig waere? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie: "Wie kann ich heilig sein, da ich eine so grosse Suenderin bin! So sehr hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser Innerstes so durchsetzt, dass wir auch mit willigem Ohr Christus nicht als unsern Erloeser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Suende verbannt und uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Suender, aber weil wir getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum." Luther entgegnete: "Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der Teufel den Suender wegfuehrt, wo bleibt der Christ? Daher ist die Unterscheidung meiner Gattin nicht gueltig. Denn wer durch festen Glauben an seiner Taufe haengt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Suendenvergebung nicht verstehen, koennen diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, aergern sich nur, wenn sie solches von uns hoeren."[394] Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespraeche zu verlaengern. Natuerlich hatte Frau Kaethe viel weniger Freude an diesen theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas, mochte langen Eroerterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft die gelehrten Gespraeche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz gewoehnliche Knueppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem Gatten, der nicht leicht aufhoeren konnte, wenn er einmal im Zuge war[395]. Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und warm der Trank, da brach Frau Kaethe mit einer Strafpredigt los ueber den Text: "Was ist denn, dass ihr ohne Unterbrechung redet und nicht esst?" Ueber diese Stoerung war der Tischredenschreiber Cordatus entruestet, er hatte gerade eine gar schoene Auseinandersetzung Luthers ueber das Vaterunser, den "Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael", die er "aus vollem gluehenden Herzen" that, heimlich aufgeschrieben. Aber Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: "Wenn nur ihr Frauen, bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten koenntet (d.h. euch sammeln und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!" [396] Aber auch Frau Kaethe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese weibliche Wohlredenheit wurde sie oefter aufgezogen von Luther. Er fragte sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber duerften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder: Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermuedet, sie gar nicht zum Predigen kommen. Einst sass ein gelehrter "Engeleser" (Englaender) am Tische, der kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: "Ich will Euch meine Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar beredt. Sie kann's so fertig, dass sie mich weit ueberwindet."[397] Freilich setzte er hinzu: "Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an Frauen; es ziemt sich eher, dass sie bloss lispeln und stammeln. Das steht ihnen wohl besser an." Und vom Unterschied der weiblichen und maennlichen Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespraech: "Die Weiber sind von Natur beredt und koennen die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch die Maenner mit grossem Fleiss lernen und ueberkommen muessen. Das aber ist wahr: in haeuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und Haendeln taugen sie nichts. Dazu sind die Maenner geschaffen und geordnet von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum reden sie davon auch laeppisch, unordentlich und wueste ueber die Massen. Daraus erscheint, dass das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshaendeln, die zu verwalten und fuehren."[398] So kam Frau Kaethe bei den Gespraechen der Maenner wohl weniger zum Wort, als sie verdient haette; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie sagte. Es ist schade, dass die "Tischreden" so wenig von der Doctorissa berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische Eroerterungen an--darum ist auch die einzige laengere Rede von Kaethe, die sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern wollten sie des Doktors Reden bringen: die Erguesse seines uebergewaltigen Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt wuerdig. 13. Kapitel Hausfreunde. Die Humanistenzeit hatte ein ausgepraegtes Freundschaftsbeduerfnis, welches nur ein Seitenstueck findet in der freundesseligen Stimmung unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses rege Freundschaftsgefuehl aeussert sich einerseits in den zahlreichen Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese Gelehrten damals mit einander standen. Alle moeglichen Dinge teilte man sich brieflich mit, selbst die intimsten persoenlichen Erlebnisse und Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man sich auch dieses. "Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, dass ich nichts zu schreiben habe", ist kein ungewoehnlicher Briefinhalt dieser Zeit, sogar bei Luther[399]. Den groesstmoeglichen Freundeskreis zaehlte aber begreiflicherweise das Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Kaethe. Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die mancherlei Magister, die als Praezeptoren ihrer und anderer Knaben im Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schueler ihres Mannes, die zahllosen Gaeste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau Kaethe. Aus den Schuelern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen Freunde--ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche Frau Kaethe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch Gruesse, Glueckwuensche und Geschenke warm hielten. Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum ein Brief, den Luther empfaengt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau Kaethe gegruesst wird oder gruesst, oder Glueckwuensche und Beileidsbezeugungen zu allerlei Familienereignisse und Glueckwechsel empfaengt und sendet. Gar oft begnuegt sich aber Frau Kaethe nicht mit einem blossen Wortgruss, sie fuegt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fuers Steinleiden u. dgl. Noch viel haeufiger aber hat Frau Kaethe zu danken fuer allerhand Geschenke. Und nicht zum wenigsten nuetzt die wirtliche Hausfrau die Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Auftraegen. Dies ging bei Lauterbach sogar soweit, dass Luther selber einmal bei einer solchen Bestellung meint, sie haette den Freund foermlich in Dienst und Beschlag genommen[400]. Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die Verwandten: Geschwister, Schwaeger und Schwaegerinnen, einige vornehme Gevattersleute, wie die Kanzler Mueller und Ruehel in Mansfeld, die Goritz in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Kaethe in die Ferne freundliche und ehrerbietige Gruesse, Glueckwuensche oder Einladungen sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief--natuerlich einem Geschaeftsbrief--sich aufschwingt. Auch der Strassburger Syndikus Gerbel laesst Frau Kaethe tausendmal gruessen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau laesst ein Exemplar seiner Postille fuer die Doktorin binden und schenken und sendet ein Glas, das "fein ganz" ankommt. Endlich war noch eine liebenswuerdige Adelsfamilie Joerger von Tollet im Oesterreichischen, eine Mutter mit mehreren Soehnen, welcher Luther einen evangelischen Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschlaege gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken: "ungarische Gulden", "Kuetten-Latwerg" und andere "treue und teure Gaben"; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden fuer arme Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Spaeter studierte auch ein Enkel der Joergerin in Wittenberg. Mit dieser "ehrenreichen, edlen Frauen Dorothea Joergerin, als besonders guten Freundin", wurden gar zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers "Hausehre Frau Kaethe" oft zum Grusse kommt[401]. Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus _v. Amsdorf_, wechselte Frau Kaethe ehrerbietige Gruesse, namentlich seitdem sie durch den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnaedigen Herrn Bischofs geworden (1542); sogar mit einem Besuch "droht" sie auf "kuenftigen Sommer". Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal fuer 7 fl. Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402]. Mit dem kleinen M. Joh. _Agrikola_, dem Pfarrer von _Eisleben_ und seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in lebhaftem Verkehr. "Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden." Er hatte schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nuernberger gehoert, welche ueber die Verlobung Baumgartens mit Kaethe sich aussprachen und steht auch jetzt noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Gruesse an Weib und Kinder, hinueber und herueber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt, der Frau Kaethe nur zu teuer ausfaellt, und Elsbeeren oder kleine Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Kaethe eben Gelueste bekommt. 1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom Augsburger Reichstag ueber Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung an Frau Kaethe, ueber den ihm Luther schreibt: "Ich errate leicht, was sie Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!"[404] Luther nahm sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kuendigte und in Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so oeffnete sich ihm das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur "Lehre, Predigtstuhl und Kirche an", sondern auch "Weib, Kind, Haus und Heimlichkeit"[405]. Als aber Agrikola ein "Antinomist" (Bestreiter der Giltigkeit des Gesetzes fuer die Christen) wurde, da entbrannte Luthers Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewaehrte Erlaubnis, in Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz vaeterlich stand, so dass er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor einen Fussfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538); aber Agrikola entzog sich dem Einfluss Luthers, ging nach Berlin und die Freundschaft mit dem "Meister Grickel" hoerte natuerlich auch fuer Frau Kaethe auf, ohne wieder angeknuepft zu werden. Als spaeter einmal (1545) Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloss die beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Toechterlein fanden die Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406]. Mit dem Pfarrer Jakob _Probst_ in Bremen, einem frueheren Klostergenossen Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in frueher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt; Kaethe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmaessig Gruesse an den fernen Gevatter und danken fuer Patengulden und andere Geschenke. Ihm empfehlen die Eltern ihre Juengste zur Versorgung, da Probst sie sich zum Patchen auserlesen. Und "Herr Kaethe" befiehlt ihrem Gatten, noch scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so dass man schon durch die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn aengstigten, nachdem man ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen. Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Kaethe wird ihm den Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten froehlich begruesst und ihm mit ihrer huebschen Stimme etwas vorgesungen haben[407]. Weniger im Verkehr war man mit dem frueheren Prior des Schwarzen Klosters Eberhard _Brisger_, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm Kaethe Gruesse aus[408]. Der ehemalige Klosterbruder (Stiftsherr der "Brueder vom gemeinsamen Leben") Gerhard _Viscampius_ zu Herford war auch ein besonders guter Freund der Familie Luther und Melanchthon und sie nahmen warmen Anteil an ihm. 1528 sendet er an das Lutherische Ehepaar Tuch und zwei Lampen, welche die zwei Gatten jede Nacht staendig gebrauchten. Dafuer soll er auch regelmaessig Luthers Schriften erhalten[409]. Der alte "Stuermer und Schwaermer" D. Gabriel _Zwilling_, Luthers Klostergenosse, der ihm auf der Wartburg mit seiner Bilderstuermerei so zu schaffen machte, war, nachdem er seinen Radikalismus ausgetobt, ein ruhiger Pfarrherr zu Torgau geworden. Er hatte zur Befreiung der Nonnen aus Nimbschen mitgewirkt, und kam verschiedentlich nach Wittenberg, durfte auch einen etwas schweren Auftrag Kaethes wegen Beschaffung eines Leinenkastens besorgen[410]. Der Reformator und Stadtprediger von Gotha, _Mykonius_, der auch zur Zeit der "Wittenberger Konkordia" sich im Lutherhause aufhielt, bekam von Kaethe Gruesse, Glueckwuensche, Danksagung fuer ein "Kaese-Geschenk", auch Verhaltungsmassregeln gegen seine Frau und Teilnahme an seinem Brustleiden[411]. Ein besonderer Verehrer der Frau Doktorin war der feine Strassburger _Capito_ (Koepflin), welcher im Jahre 1536 mit Butzer in Wittenberg die "Konkordia" der saechsischen und oberlaendischen Kirche zustande brachte und dabei im Lutherhause verkehrte. Er laesst die "treffliche Frau Katharina von Bora, seine Wirtin", gruessen und sendet nach seiner Heimkehr ihr einen goldenen Ring als Zeichen seiner Gesinnung gegen sie, "welche mit Recht so hoch geschaetzt wird, weil sie mit hausmuetterlicher Sanftmut und Emsigkeit die Versorgung unsres Lehrers uebt". Und auch Frau Kaethe schaetzt den Strassburger Gast. Wiederholt laesst er sie gruessen und verspricht ihr zur Frankfurter Messe 1537 einen Brief. Capito erbat sich sogar mit den uebrigen Strassburger Freunden Gerbel, Butzer u.s.w. den Sohn Hans erziehen zu helfen[412]. In _Nuernberg_ hatte Luther und damit auch seine Kaethe, allerlei gute Freunde, besonders seine beiden Ordensbrueder, Wenceslaus _Link_ und Abt _Friedrich_ (Becker, Pistorius), die ihm manches schoene Geschenk und Geraet an Uhren, Drechslerwerkzeug, Holz- und Kupferstichen, feines Obst, Saemereien aus der reichen Freistadt besorgten. Auch sie laesst Kaethe gruessen[413]. In der Reichsstadt lebte aber auch ihre "alte Flamme", wie Luther schreibt, der Ratsherr Hieronymus _Baumgaertner_. Die alte Liebe zu ihm hatte sich zu herzlicher Freundschaft gestaltet, und es ist ein gar schoenes Zeichen eines natuerlichen und gesunden Gefuehls, dass sowohl Luther als Frau Kaethe in ganz unbefangener offener Weise von dieser liebenden Verehrung fuer den ehemaligen Geliebten reden unter sich und dem gemeinsamen Freund gegenueber: "Es gruesst Euch verehrungsvoll meine Kaethe, Eure alte Flamme, welche Euch ob Eurer Tugenden und Vorzuege mit neuer Liebe umfasst und von ganzem Herzen Euch wohl will." Von Koburg schreibt Luther am 1. Oktober 1531 an Baumgaertner: "Ich gruesse Dich im Namen meiner Herrin, Deiner einstigen Flamme; so werde ich ihr erzaehlen, wenn ich heim komme. So pflege ich auch sie in Deinem Namen zu necken." Als 1543 Luther durch seinen Tischgaenger Besold einen Brief erhielt, ruehmte er des Briefschreibers Sittenreinheit, Froemmigkeit und Tugend. Da fragte Luthers Gattin "nach ihrer Gewohnheit", wer denn der Schreiber des Briefes waere. Luther antwortete: "tuus ignis Amynthas: Dein alter Buhle (Liebhaber)."[414] Der Ton, diesem Freunde gegenueber, ist ein gar herzlicher, namentlich in dem Trostbrief Luthers an Baumgaertner und seine Frau, als der Nuernberger Kaufherr von dem Ritter Albrecht von Rosenberg (bei Mergentheim) gefangen genommen und lange in Haft gehalten wurde, so dass Frau Sibylle mit ihren fuenf unerzogenen Kindern laenger als ein Jahr um das Leben ihres Ehewirts in Angst schwebte. Die Wittenberger Freunde beteten in der Kirche oeffentlich um die Freilassung und gingen den Landgrafen von Hessen darum an[415]. Auch Veit _Dietrich_ blieb trotz seines Spanes mit Kaethe nicht nur Luthers Freund nach seinem Wegzug nach Nuernberg, wo er Pfarrer an der Sebalduskirche wurde, sondern auch mit Frau Kaethe stellte sich bald wieder ein freundliches Verhaeltnis her. Sie laesst ihn wiederholt gruessen[416]. Mit den Freiberger "Geschwistern _Weller_", dem juengsten Peter, dem Komponisten Matthias und besonders dem Theologen Hieronymus, aber auch der Schwester Barbara Lischner standen die Lutherischen Eheleute in freundschaftlichem Verhaeltnis. Der eine musste in seiner Schwermut aufgerichtet werden, der andere versorgt, die Schwester belehrt ueber den heimlichen Empfang des heiligen Abendmahls[417]. Dem Komponisten Matthias laesst Luther mit Frau Kaethe danken, fuer sein "gutwillig Herz, so er erzeigt hat mit dem Gesang und den Borsdorfern." Das Lied saengen die Maenner unter Tisch, so gut sie's koennten. "Machen wir etliche Saeue (Boecke, Fehler) darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern unsre Kunst. Wenn's schon alle Komponisten gut machen, so ist unser Ernst wohl noch weit drueber und koennen's boese genug singen. Es folgen uns alle Regiment der ganzen Welt; sie lassen Gott und alte Vernunft sehr gut Ding komponieren und stellen, aber sie singen auch, dass sie wert waeren einen Markt eitel Wuerste aus den Saeuen oder Kloeppel in den Feldglocken[418]. Darum muesst ihr Komponisten uns auch zugut halten, wenn wir Saeue machen in den Gesaengen. Denn wir wollten's lieber treffen denn fehlen. Solchen Scherz, bittet meine liebe Kaethe, wollet ihr fuer gut annehmen, und laesst Euch freundlich gruessen. Hiemit Gott befohlen. 1535. Priska-Tag."[419] Dr. Hieronymus Weller heiratete um diese Zeit ein Freiberger Maedchen, die Tochter G. am Steige. Natuerlich sollte ihm Frau Kaethe die Hochzeit in Wittenberg ausrichten. Aber Frau Kaethe war damit nicht einverstanden; kannte sie doch die grosse Unmusse und Unkosten, welche ein Doktor in einer Universitaetsstadt aufwenden muesse: und hier waere sowohl der Hochzeiter, wie der Hochzeitgeber ein Doktor; daher muessten viele Leute eingeladen werden; Weller solle sich die Liste, die beigelegt sei, einmal ansehen und werde dann merken, welche Menge geladen werden muesste (wenn man auch einige streichen koennte), wofern man des Hochzeiters und seiner Angehoerigen Ehre bedenke, zumal man die angesehenen Freunde doch ehrenvoll bewirten muesse. Das sei sehr schwer. Auch koste es mehr als 100 fl. Die Eheleute rieten Weller daher, die eigentliche Hochzeit anderswo zu halten und es einzurichten wie M. Kreuziger und Dr. Brueck, naemlich mit geringer Begleitung nach der Universitaetsstadt zu kommen, zu einem Morgen- oder Abendessen mit zwei oder drei Tischen. Hoffentlich war der Dr. Hieronymus und seine Braut so verstaendig und gingen darauf ein. Waehrend der ledige Doktor bei Luthers gewohnt hatte, zog er mit seiner jungen Frau in ein eigenes Haus in der Nachbarschaft. Nicht lange darauf wurde Weller Pfarrer in seiner Vaterstadt Freiberg, wo Herzog Georgs Bruder Heinrich residierte und dem Evangelium beitrat; er blieb aber in regem Verkehr mit dem Lutherhaus[420]. Nach Freiberg wurde 1538 auch M. Nikolaus _Hausmann_ als Stadtpfarrer berufen. Er war einer der aeltesten und besten Freunde des Lutherischen Hauses, ein sanfter, liebenswuerdiger Mann und Junggeselle. Zuerst in Zwickau angestellt (bis 1532), wurde er dann Hofprediger bei den drei Anhalter Fuersten in Dessau (1532-38). Die Bekanntschaft Kaethes mit ihm ging durch ein zierliches und muehsam geflochtenes Koerbchen und das schoene Glasgefaess, welches Hausmann selbst gemalt und als Andenken in den jungen Haushalt geschickt hatte und das Kaethes Wohlgefallen erregte (S. 96)[421]. Von da an sendete Frau Kaethe dem Zwickauer Stadtpfarrer stets angelegentliche Gruesse und wird wieder gegruesst in den zahllosen Briefen, die fast jede Woche zwischen dem Wittenberger Kloster und dem Zwickauer Pfarrhaus hin und wieder fliegen. Sie empfiehlt sich in schweren Zeiten seinem Gebet oder bedankt sich fuer gesandtes Chemnitzer Leinen, wofuer er eine Last lutherischer Schriften durch den Pakettraeger erhaelt[422]. Auch "lebendige Briefe" gingen hin und her: allerlei Freunde und Bekannte, namentlich seitdem auch Cordatus nach Zwickau versetzt war, anfangs 1529.[423] Oefters wird Hausmann eingeladen: seine Stubella (Stueblein) sei bereitgestellt und alles geruestet--trotzdem Frau Kaethe einen jungen Erdenbuerger erwartet. Einigemale kam auch Hausmann wirklich den weiten Weg nach Wittenberg[424]. Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel regerer Verkehr moeglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses verspeist wurde. Als er krank wird, bekuemmert sich "Herr Kaethe" in gar "stattlichem stetem Gedanken um den Freund". Ja, da dieser so oft kraenklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille und Ruhe geniesse. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen und brachten ihm die Nachricht erst allmaehlich bei--er aber sass einen ganzen Tag und weinte, und auch Frau Kaethe wird dem Getreuen ihre Thraenen nachgeweint haben[425]. Der fruehere Tischgenosse _Schlaginhaufen_ war im Jahre 1532 nach Zahna, nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem aermlichen und der Gesundheit des schwachbruestigen Mannes wenig zutraeglichen Orte hielt er es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Koethen und reformierte dies Laendchen. Dahin gruesst auch Frau Kaethe. Er reiste mit nach Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurueck bis Tambach, lief dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit! Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426]. Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Kaethe in regem Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Gruesse an ihre ehemaligen Tischgenossen M. _Lauterbach_ und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und Elslein ("Lamm" und "Laemmlein"); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so Frau Kaethe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v. Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meissen hatte sich gegen Lauterbach gestraeubt, weil er nicht geweiht waere; da sagte Lauterbach zu dem bischoeflichen Amtmann: "Ich bin genug geweiht durch mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein Leib"[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von 1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war oefter da und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Kaethe, ob sie heilig waere; da sagte sie, sie waere heilig, so viel sie glaubte; waere aber eine Suenderin, sofern sie ein Mensch waere. Von Pirna hat Lauterbach die Steinmetzarbeit an der Hausthuer fuer Frau Kaethe besorgt, weiterhin Rebpfaehle, mehrmals Pelzroecke fuer die Toechter, auch Butter und Aepfel, Borsdorfer und andere, "roetliche", von welchen sich dann Frau Kaethe auch Zweige zur Veredlung bestellt[428]. Georg _Spalatin_ war bald nach Luthers Vermaehlung aus dem Hofdienst getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen, nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13 Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so haeufiger aber sandten sich die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die haeuslichen Vorkommnisse mit und Frau Kaethe draengt dabei ihren Mann zum Schreiben. "Meine Rippe" oder "mein Herr Kaethe" senden an Spalatin und "seine Rippe" oder "Kette" (sie hiess auch Katharina), seine "Hindin" und ihre Kleinen Gruesse und Glueckwuensche, wuenscht ihm auch ein kleines "Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich ruehmt von ihrem Haenslein gelernt zu haben, naemlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren der Papst mit seiner Welt nicht wert ist"[429]. Den in Schmalkalden schwer erkrankten Luther liess Frau Kaethe ins Altenburger Pfarrhaus bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung ist sie fuer die "freundliche Liebenswuerdigkeit und liebenswuerdige Freundlichkeit", die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes erfahren. Sie ist ungluecklich, dass sie in der Aufregung den Toechtern Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schoen gebundene Buechlein, ihr gewoehnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswuerdigkeit des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf ausfuehrt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so giebt sie ihm allerlei Auftraege mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit weg und naeher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige Hofmann, bei dem Schoeffer dafuer sorgen, dass sie Eichenstaemme und dicke Pruegel fuer Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre Fuhrleute und Handwerker der Fuersorge Spalatins. Und dieser interessiert sich fuer ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, dass ihm Luther ausfuehrlich ueber all die Missgeschicke schreiben muss, welche seine Frau mit den saechsischen "Harpyen" hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen. Dafuer schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt hatten.[431] Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter _Hans von Taubenheim_. An ihn wendet Kaethe sich vertraulich mit wirtschaftlichen Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539, scheint's, in Ungnade fiel. Luther muss ihm schreiben: "Meine Kaethe laesst Euch herzlich gruessen und weinet bitterlich ueber Euren Unfall und sagt: wenn Euch Gott nicht so lieb haette, oder waeret ein Papist, so wuerd er Euch solch Unglueck nicht geschehen lassen."[432] Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswaerts und waren nur besuchsweise oder doch voruebergehend in Wittenberg. Die befreundeten Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen und Roehrer, weniger bedeutend der andere Schlossprediger D. Georg Major, der Professor des Hebraeischen Matthaeus Aurogallus (Goldhahn), Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib Hanna von Frau Kaethe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt wurde. Sie alle waren vielfach Gaeste in Luthers Haus, namentlich bei der Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise liess sich Luther mehr gehen, als an der Tafelrunde der Tischgenossen, mit "froehlicher Laune und witzigem Scherzwort"[433]. _Kreuziger_, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und "Fuerbund", den er (seit 1528) zu seinem "Elisa", seinem Nachfolger in der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben hat, war--ausnahmsweise--ein wohlhabender Theologe[434]. Fuer ihn besorgte Frau Kaethe Auftraege und seine Frau Elisabeth, eine gewesene Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Messgeschenk, wofuer Luther an Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen liess. Es beginnt: Herr Christ, der Einige Gottes Vaters in Ewigkeit, Aus seinem Herz entsprossen Gleichwie geschrieben steit. Er ist der Morgenstern, Sein' Glanz streckt er so fern Vor andern Sternen dar[435]. Elisabeth starb frueh, so dass Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530); mit der Hochzeit wollte er aber Frau Kaethe nicht beschweren und hielt sie auf Schloss Eilenburg ab, das ihm der Kurfuerst auf Luthers Bitte dafuer zur Verfuegung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers Geburtstagsschmaus[436]. _Bugenhagen_ oder D. Pommer, der stattliche und wuerdige Propst, Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent (1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines wuerdevollen Wesens war er doch "im gemeinen Wandel eines liberalischen, froehlichen und fertigen Gemuets". Er stellte sich von Anfang auf Frau Kaethes Seite. Er half ihr--nebst dem Kapellan Roehrer--das schoene Glas vor Luthers Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe gruessen gar oft in einem Atem: Dr. Pommer und meine Kaethe oder meine Kaethe und Dr. Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief an Spalatin, worin "Dominus mea" ("meine Herr" Kaethe) gruesste. Einen Brief Luthers an Frau Kaethe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D. Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Kaethe auch allerlei an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches von Augsburg. "Sage D. Pommer", heisst es dann in Luthers Briefen an seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergoetzte die Freunde gar sehr mit seinen Spruechen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn der "schwaebische" Pfaelzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knaeblein, Frau Kaethe mit ihrem Toechterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Soehne[441]. 1528 wird zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers "Eva" im Kloster ein Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg "geliehen", dann nach Luebeck, Pommern und Daenemark, und erzaehlte dann daheim, nach der Landesart gefragt, zum Ergoetzen der "Tafelrunde", dort traenken die Leute "Oel" und aessen "Schmeer" (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also viel weg von Wittenberg, zur grossen Sorge Luthers, der seine Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu uebernehmen musste. So hatte auch Frau Kaethe gar oft nach dem "Pommerischen Rom" mit seinen kleinen Weltbuergern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442]. Justus _Jonas_, "der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus" nachher (1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes, nahm im Lutherhause eine aehnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer. Er war vielmehr kraenklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher, "unser Demosthenes", der lieber redete als schrieb; denn er "drohte" nur Briefe zu schreiben, fuehrte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg. Waehrend der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel abwesend von Wittenberg, so dass Luther viele und haeufige Briefe an ihn zu schreiben hatte, in denen Frau Kaethe mit Gruessen, Auftraegen und Mahnungen und dgl. sich hoeren laesst. Umgekehrt gruesst auch Jonas die Frau Doktorin, Muhme Lene, Haenschen, Lenchen--und sendet seinem Paten einen silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis des Kurfuersten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit Katharina von Falk. Sie hatte eine grosse Kinderschar (1530 schon 5 Soehne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph, "Sophiela", "Elisabethula", auch eine Grossmutter lebte im Haus und erhielt von Luther Gruesse[444]. Frau Kaethe Jonas war eine muntere, heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger Stadtschreiber Baldunai: "Ich hab' Melanchthon mit der Proepstin tanzen sehen! Es ist mir wunderlich gewesen." Auch Luther richtet an sie gelegentlich einen scherzhaften Brief als der "Ehrbaren, Tugendsamen Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner guenstigen Freundin und lieben Gevatterin" und schliesst: "meine Kaethe und Herr zu Zulsdorf gruesset Euch alle freundlich."[445] Mit der "Jonischen" Familie war die Lutherische eng befreundet, namentlich die beiden Kaethen waren aufs innigste mit einander verbunden, sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkraeftige Lutherin war offenbar recht angezogen von der froehlichen Natur der Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn Martinus ein Billet ("Zedula"), worin sie von der Geburt eines Jonischen fuenften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie waehrend der Pest mit der Universitaet auch in Jena weilt, bestellt die "Erzkoechin" bei Jonas fuer einen Thaler allerhand Gefluegel und Wildbret zu einem Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von der "Guete des Weins" bei Spalatin beruecken zu lassen, wodurch der Leib so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfaesser, wenn sie ausgetrunken sind. Mit dem Bier wusste Frau Jonas nicht so wohl Bescheid wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle sandte[447]. Als Frau Kaethe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte, da schrieb Jonas manchen betruebten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und Sorge. "Wenn mein Brief so truebselig ist, so ist die Trauer schuld um die hochgeschaetzte Frau, weil sie so krank darniederliegt." Und er freut sich "dann, als [Griechisch: hae gynae] des Herrn D.M. Luther durch goettliche Wunderkraft wieder gesundet." Im Fruehjahr 1541 zog Jonas nach Halle, um dort trotz des Bischofs "mit Volk und Rat" die Reformation durchzufuehren[448]. Da sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein bekam, lange hinausziehen sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin ihrem Manne nach, waehrend der Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden sollte. Sie verabschiedete sich so eifrig und eilig, dass sie sogar vergass, Briefe von Luther mitzunehmen und dieser samt seiner Frau sie neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider sollten sie die Freundin nicht mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben Toechterchens Lenchen Tod verlor Frau Kaethe auch ihre beste Freundin. Sie starb in Halle um Weihnachten 1542, indem sie "mit gar frommen und heiligen Worten ihren Glauben bezeugte." Frau Kaethe war ganz weg bei der Trauerkunde[449]. Etwas weniger herzlich scheint das Verhaeltnis zur Familie Melanchthon gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die Maenner, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren Gaerten und Haeusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit einander, wie aus dem Maerchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther schreibt dem aengstlichen Magister waehrend seiner Abwesenheit genau alle Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffaellig ist doch, dass in all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen ausdruecklich niemals erwaehnt ist. Frau Kaethe Melanchthon war der temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die Frau Kaethe Jonas. Sie fuehlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers ueberall zurueckgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die Doktorin. Die wohlhabende Buergermeisterstochter und das arme Edelfraeulein standen sich wohl von Anfang an gegenueber, nochmehr aber, als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt, ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklaerung der Stimmung von Frau Melanchthon muss wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen werden, welche derjenigen von 1572 aehnlich gewesen sein wird. Die Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfuetterte Haube tragen, und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebraem verlaengern--die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war blosse Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloss 6 Tische bei Hochzeiten haben; letztern waren auch Roecke, Barett oder Schlaepplin aus Sammet und Seide verboten[451]. Es traten sogar einmal Missstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein, welche sich natuerlich auch auf die beiderseitigen Frauen uebertrugen. Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Maecen aufspielte, als seinen Goenner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit Melanchthons Toechterlein (1536) war der erzbischoefliche Kanzler Tuerk zu Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit machten auch andere roemische Kirchenfuersten den Versuch, Melanchthon auf ihre Seite zu bringen. Luther zuernte ueber die "Erasmischen Vermittler", wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus werden. Die Anhaenger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schaerfer gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner aengstlichen Art vor einer offenen Aussprache mit Luther. Kaethe haette gerne eine freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewuenscht; die "Doktorin" beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine Auseinandersetzung herbeizufuehren. Aber dem widersetzte sich die "Weibertyrannei" der Frau Melanchthon[452]. Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie dieser. Fuer diesen Schoengeist verwendete sich Melanchthon um ein Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg erzogen war und diese loebliche Stadt fuer sein Vaterland hielt. Er bekam auch wirklich eine Unterstuetzung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453]. Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der "ehrlose Bube etliche Epigrammata ausgehen und sogar an den Kirchthueren verkaufen lassen, ein recht Erzschund-, Schmach- und Luegenbuch, wider viel ehrliche Manns- und Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt." Natuerlich machte das Buechlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte haessliche Geschwaetze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur ueber litterarische Erscheinungen von Universitaetsangehoerigen zu ueben. Daher erhob sich gegen ihn der Verdacht, dass er mit Absicht die boese Schrift habe drucken lassen. Aber Luther ueberzeugte sich bald, dass es "hinter Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen", ausgegangen war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der "Poetaster und Leuteschaender" Lemnius fluechtete und wurde relegiert, raechte sich aber durch ein unflaetiges Schmaehgedicht auf Luthers und Kaethes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau Kaethe laesst nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig Gruesse zusenden und dieser versaeumt nicht nach wie vor "Luthers hochverehrte Gemahlin und suesse Kinder zu gruessen". Ja das Verhaeltnis zu ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie laesst dem Magister besonders nachdruecklich danken, dass er ihren Doktor nicht mit nach Schmalkalden--schlimmen Angedenkens--mitgenommen hat. Sie versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte toedlich erschrocken darniederlag, heisst sie ihn tapfer und "froehlich" sein und versichert ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und kraeftig fuer ihn zu beten. Nach Worms laesst sie ihm melden, sie siede eben fuer ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu empfangen. Und M. Philipp laesst sich auch sorglich ueber ihr Wohlergehen berichten und waere sehr beunruhigt, wenn er hoeren muesste, es ginge der Frau Doktorin uebel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456]. Eine gewiss noch rascher voruebergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge eines Vorwurfs, den Frau Kaethe Melanchthon machte und den der empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte naemlich, man glaube, er bevorzuge seine schwaebischen Landsleute vor den Sachsen. Das konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in einem Brief an Freund Jonas die [Griechisch: despoina] (Herrscherin) darueber verklagt[457]. Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Kaethe kennzeichnet ein Brief, den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben; es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschaeftstuechtig Frau Kaethe war, dass Melanchthon sogar oekonomische Auftraege ihr gab, statt seiner eigenen Gattin, die er wohl auch fuer weniger schreibfertig halten musste, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]: "Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner besonders guenstigen Freundin. Gottes Gnad' und alles Gute! Ehrbare, tugendsame Frau Doktorin! Ich fuege Euch zu wissen, dass wir nun, Gott gebe Gnad, bis gen Augsburg kommen sind und haben den Herrn Doctor zu Coburg gelassen, wie er ohn Zweifel Euch geschrieben hat. Ich hoff aber, in kurz bei ihm zu sein. Bitt Euch, Ihr wollet mir schreiben, wie es Euch geht und wie sich der Hauptmann Korns halber erzeiget hat. Womit ich Euch dienen kann, will ich mit allem Fleiss, wie ich mich schuldig erkenne, solches thun und ausrichten. Beide Kanzler[459] gruessen Euch und wuenschen altes Gute. Gott bewahre Euch! Datum Augsburg, Mittwoch nach Walpurgis. Philippus. Herzog Georg von Sachsen soll morgen kommen. Der Kaiser ist noch ferne, kommt aber. Liebe Gevatter! Auch ich wuensche Euch, Haenschen Luther und Magdalenchen und Muhme Lene viel selige Zeit. Pusset mir in meinem Namen meine liebsten Jungen. J. Jonas. Ich, Johann Agricola Eissleben, mein es auch gut, meine liebe Frau Doktorin." Wie hier im Brief, so massen sich an Kaethes Tisch die Freunde an der theologischen Tafelrunde im Redewettkampf um den Preis des kuerzesten Tischgebets. Da zeigt sich nun Luthers Sinnigkeit, Bugenhagens hausbackenes Behagen und Melanchthons zierliche Feinheit in den Spruechen Luthers: Dominus Jesus sit potus et esus (der Herr Jesu sei Speis' und Trank); Pommer: "Dit und dat, traeg und natt, gesegen uns Gad"; und Melanchthons: Benedictus benedicat (der Gesegnete segne)[460]. Ausser den beiden Frauen der Kollegen Jonas und Melanchthon wird Katharina wohl vorzueglich mit Frau Barbara Kranach verkehrt haben und Frau Buergermeister Reichenbach, ihrer Pflegemutter, beide aeltere Matronen, und ebenso mit der Familie des Buchdruckers Hans Lufft. Selbstverstaendlich gehoerte die Gemahlin des Doktors zu den vornehmen Kreisen, ja sie war bei weitem die angesehenste Frau Wittenbergs und es entspricht ihrer Stellung, wenn Meister Lukas sie auf dem Altarbilde der Stadtkirche mit ihrem Kinde in der vordersten Reihe malt. Sie trug auch das feine goldschimmernde Pelzwerk um die Schultern oder in Streifen am Kleid, das die Patrizierin auszeichnet. Ein gewisses Selbstgefuehl laesst sie auch verschiedentlich durchblicken. So laesst sie einen Freund ihres Mannes "warnen, beileibe keinen Bauernkloppel zur Ehe zu nehmen; denn sie sind grob und stolz, koennen die Maenner nicht fuer gut haben, koennen auch weder kochen noch keltern". Daneben freilich ging sie mit andern Frauen (in der Weise unserer heutigen Frauenvereine) kranken Weibern und Woechnerinnen mit Rat und That an die Hand[461]. Aber man versteht es auch, dass eine Frau von der Anlage und dem Temperament und Bildung Katharinas mehr auf den Umgang mit Maennern hielt, und dass dieser Umgang, zu dem sie so viel Veranlassung und Gelegenheit hatte, sie wenig geneigt machte, sich viel in weiblicher Gesellschaft zu bewegen. Freunde um sich zu haben, war Luther ein Beduerfnis. Er hasste die Einsamkeit aus Furcht vor "Anfechtungen"--musste er doch in den Nachtstunden dem Teufel genug Rede stehen. "Ehe gehe ich zu meinem Schweinehirten Johannes und zun Schweinen, denn dass ich allein bliebe", sagt er zum Exempel fuer einen Angefochtenen. So war er auch stets in Gesellschaft, wenn er spazieren fuhr[462]. Bei der Bibeluebersetzung (1525-34) und der Bibelrevision (1539-42) kamen die Gehilfen Luthers, Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Kreuziger, Aurogallus und der Schnellschreiber und Korrektor Roehrer zum evangelischen "Sanhedrin" zusammen, und nachher blieben sie oft zu Tische da, disputierten weiter, oder erholten sich auch an heiterem Gespraech und Gesang. So war der Gasttisch in Kaethes Haus nimmer leer--dafuer sorgte Luther. Aber auch ihm persoenlich und besonders widmete sie als echte deutsche Frau ihr Leben. 14. Kapitel. Kaethe und Luther. "Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden und Einigkeit leben. Die hoechste Gnade Gottes ist, ein fromm, freundlich, gottesfuerchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest, der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben anvertrauen." So preist Luther die Ehe, und _seine_ Ehe und seine Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen fuehrte und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schoenes Heim, einen gluecklichen Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm "wie eine Ehefrau, ja wie eine Magd"[463]. Kaethe sorgte vor allem fuer ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in gesunden und kranken Tagen[464]. Die "Erzkoechin" verstand den leiblichen Beduerfnissen ihres Mannes gerecht zu werden; sie wusste, was seinem Geschmack entsprach und was seiner Gesundheit zutraeglich war. Luther wusste auch, was das heisst, und dass "das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in der Kueche: es ist das erste Unglueck, woraus viele Uebel folgen." Aber auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch schreibt: "Der Frauen Augen kochen wohl."[465] Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise: Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine Gattin erkannte bald, dass dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise, bei seiner angestrengten geistigen Thaetigkeit und namentlich, weil er in den Tagen seines unnatuerlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstoerungen an schweren Schwindelanfaellen litt,--dass diese derbe Kost ihm wenig zutraeglich sei und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen muesse, und ueberhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur Erbsen und Hirsen, Gruetze, Graupen und Reis vorraetig, da gab es auch Kraut, Kohl, Mohren, Rueben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schaetzte er besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gaense und Enten, Huehner, Tauben und Krammetsvoegel, frische und duerre Fische und Krebse kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten; Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu "melancholisch". Zwar hielt Kaethe selber Rinder und Huehner, pflanzte allerlei Frucht und Gemuese, zog Obst, buk das taegliche Brot und sott Bier; aber vieles musste noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich sorgte der Hof fuer Wildbret und die Freunde fuer schoenes Obst: Borsdorfer, Gold- und Blutaepfel. Frau Kaethe aber wuerzte die Speisen mit Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, "Zippel" (Cipola, Zwiebel), Petersilien, Kuemmel und Karbey, schmaelzte mit Butter und suesste mit Honig und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche und Nuesse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast ueber der Tafel[468]. Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen und Getraenke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepressten Kaese, welche Lauterbach fern aus Pirna herschickt, sind ihm "unsre Kaese von einfachem Stoff und einfacher Form". Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht, waehrend er jenem das Bier von seiner Kaethe anpreist als ein erprobtes Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die "Koenigin aller Biere". Bei Hof gedenkt er an seinen "freundlichen lieben Herrn" Kaethe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort muesse er einen boesen Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht bekomme[469]. Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise und fremder Herberge nach seinem gemuetlichen Heim und dem behaglichen warmen Bett! Kaethe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen Ehefrauen einschaerfte: "Halt dich also gegen deinen Mann, dass er froehlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen sieht."[470] Freilich hatte Frau Kaethe auch in Beziehung auf die Verkoestigung ihres Gatten mit dessen Eigensinn zu kaempfen, denn der Doktor genoss oft mehrere Tage lang gar nichts, oder er ass nur einen Bratfisch und ein Stueck Brot; wenn er ganz ungestoert studieren wollte, nahm er einen Bissen Brot und zog sich in sein Studierstueblein, seine alte Moenchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und--zum Schlafen. So schloss er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklaeren, mit Brot und Salz ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Kaethe doch aengstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thuer. Keine Antwort. Sie liess nun den Schlosser kommen und die Thuere aufbrechen. Da rief er unwillig: "Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich vorhabe? Weisst Du nicht, dass ich muss wirken, so lang es Tag ist; denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann!" Ein andermal (1541) hatte sie ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner "Anfechtung" vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und nichts trinken wollte[471]. Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte: "Darf unser Herrgott grosse Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal aus Herzensgrund dich freuest oder lachest." Da wusste nun Frau Kaethe ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich zu schmuecken. "Das Koenigreich" wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert, "da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete, wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf musste das Hausgesinde antworten." An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Kaethe aber sorgte dafuer, dass allerlei Gutes und Schoenes ins Zimmer und auf den Tisch kam[472]. Ganz vorzueglich bewaehrte sich aber Frau Kaethe als Krankenpflegerin. Da zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es alles fuer Krankheiten in einer so grossen Familie gab, laesst sich denken. Da waren nicht bloss die Kinder und Schueler, welche allerlei Kinderkrankheiten, zum Teil toedliche, durchmachten; da schleppte Luther noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so dass es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein "Spital" war[473]. Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche Hautausschlaege und Geschwuere, Rheuma, Hueftenweh und Brustbeschwerden. Er hatte insbesondere einen boesen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie "Faustschlaege des Satans" plagte; sodann verursachten ihm seine Verdauungsstoerungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh, Ohrensausen und Schwindel, Kraempfe und Ohnmachten: Anfaelle, vor denen er als "Anfechtungen des Teufels" sich heftig fuerchtete und die ihn oft mit tiefer Schwermut erfuellten[475]. Da galt es, eine geduldige und froehliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Kaethe verstand ihren Patienten zu behandeln, besser als die grossen Doktoren, die Herren Aerzte; sie wusste, wie man den Kranken behandeln musste mit Nahrung und Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkraeftiger Salbe und Aquavitae ein und erwaermte ihm den Leib mit heissen Tuechern: sie erquickte ihn mit Kraftkuechlein und allerlei Saeften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem alten Rosenkranz und loeste ihm die weissen Bernsteinstueckchen auf, welche der Herzog von Preussen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen beruehmten Arztes Paul Luther, war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu seiner Professur in Jena: "Meine Mutter hat nicht allein in Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch Maenner oft von Seitenschmerzen befreit."[477] Ihr vertraute sich daher Luther auch lieber an, als "unsers Herrgotts Flickern", den Aerzten und den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden toedlich erkrankte und die Aerzte ihm Arzneien gaben, "als ob er ein grosser Ochs waere", und der schwaebische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: "Ei, lieber Herr Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch zuzusetzen; Ihr muesst, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift"--da dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477]. Luther hatte den Grundsatz: "Ich esse, was mir schmeckt und leide darnach, was ich muss. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt." So berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfuerstin Elisabeth von Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von Mansfeld und zuletzt des Kurfuersten von Sachsen Leibarzt--auch zu Zeiten Luthers eigener Arzt[478]: "Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus der Apotheke. Zudem hatte er grosse koerperliche Schmerzen und gar keine Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm seine Hausfrau aufs beste und fleissigste zugerichtet, von sich schob, bittet sie ihn aufs fleissigste, er wolle doch selbst eine Speise erwaehlen, dazu er moechte Lust haben. "Wohlan", spricht er, "so richte mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja willst, dass ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht." Die Frau thuet, wiewohl mit grossen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun mit grosser Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte--seine Medici waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend--ihrer Gewohnheit nach und wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schaedlich und ungesund achteten. "Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor", sagte Lic. Fend, "dass Ihr Euch wollet selber noch kraenker machen!" D. Luther schwieg ganz stille und ass immer fort und hatte ein Mitleiden ob der Medikorum Traurigkeit, die so hart fuer ihn sorgten. Bald nachdem sie Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er wuerde gar eine toedliche Krankheit erwecken, kommt ein grosser Stein von ihm, dessen sie vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstueblein ueber den Buechern sitzen, dessen sie sich hoch verwundern." Aber Frau Kaethe wusste ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu erquicken, sondern auch aufzurichten und zu troesten. Wenn er verstimmt war oder gar seine "Anfechtungen" hatte, so lud die kluge, verstaendige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, dass dieser ihn mit frohen Gespraechen aufheiterte; sie wusste naemlich, dass ihn niemand durch Gespraech besser aufzumuntern verstand; oder sie liess Bugenhagen gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft entgegensah, dazu[479]. Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau Kaethe ein Fuhrwerk, sie liess auch oft ihre Pferde anspannen und ihren Gatten mit seinen Freunden spazieren fuehren, in ein "Holz" und auf die Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann froehlich wurde und sogar Lieder sang; oder er fuhr ueber Land in die Doerfer, wobei er die Armen beschenkte[480]. Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem grossen Reformator Leben und Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche, erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten an Luther: "Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto laenger der unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christglaeubigen zum Heile dienen kannst."[481] Doch nicht bloss als treffliche Koechin und ausgezeichnete Krankenpflegerin stand Frau Kaethe ihrem Gatten bei, wie er es von dem Eheweib verlangt, "dass sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglueck tragen zu helfen, schuldig sei"; sie war ihm auch "ein freundlicher, holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens"; in diesem Sinn nennt er sie "Hausehre", dass sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde waere[482]. Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. "Das ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermassen scherzen wollte, das wuerde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehoert sich, dass man sie heisse, was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn man sie troestet. Aber mit der, die mir Gott zugefueget hat, will ich scherzen, spielen und freundlich reden, auf dass ich mit Vernunft und Bescheidenheit bei ihr leben moege."[483] So wusste auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn auszuhalten. Und auch den Freunden und Gaesten weiss sie so zu begegnen. Den Bremer Pfarrer Probst laesst sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet sei, dass es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: "Ein grosser Bischof hat mir ein grosses Fass geschickt." "Und zwar durch einen grossen Mann, unsern Charon", setzte Luther hinzu. "Ja, heut ist alles gross!" meinte sie darauf[484]. In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wusste sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er heimkehrte, trat ihm Frau Kaethe entgegen im schwarzen Trauergewand und den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: "Um Gotteswillen, Kaethe, was ist geschehen?" "O, Herr Doktor, ein grosses Unglueck", erwiderte sie; "denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin ich so traurig." Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: "Ja, liebe Kaethe, that ich doch, als waer' kein Gott im Himmel mehr!" Und so gewann er neuen Mut, dass er die Traurigkeit ueberwand[485]. Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wusste Frau Kaethe aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller Gutmuetigkeit eigensinnigen und starrkoepfigen Mannes zu brechen, namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und Erholung zu bewegen. "Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt", schreibt er einmal an Melanchthon, "aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt." Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Gestaendnis, ihn zu ueberreden, so oft sie wollte[486]. Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, dass er sich in theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse. Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluss zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit Dietrich, der Frau Kaethe an sich nicht hold war: "Du weisst, dass er (Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat." Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger die persoenliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persoenlichkeiten dahinter zu wittern[487]. In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so grundlos er auch sein moechte. Wir haben darueber eine sehr lebhafte und anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24. Februar) 1544 war bei Luther ein "Koenigreich" mit dem ueblichen Schmause. Ausser Bugenhagen, Melanchthon, Roehrer, Major u.a. war auch der Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner grossen Freude und Genugthuung eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlasst, brachte das Gespraech auf das "verleumderische Geruecht", dass der Doktor "aus Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige". Mit grosser Ernsthaftigkeit und Waerme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: "Solcherlei Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen) vorbringe, fallen--ohne dass ich dem heiligen Geist eine Regel vorgeschrieben haben will--keinem Weiberkopf ein. Ich lass mich von meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer und Doktor an, als den heiligen Geist." Ein wenig darauf, nach einer heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so grosser Heftigkeit verhandelt werde. Er schloss mit den Worten zu Crodel: "Sage den Rechtsgelehrten, dass ich in dieser Sache nicht von meiner Frau geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines Gegenstandes ab ohne Ruecksicht auf eine Person." Crodel war dieses Gespraech so wichtig, dass er's woertlich seinem Freunde Ratzeberger schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man musste Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken wollte[488]. Es kommt auch jetzt noch vor, dass Luther seiner Kaethe Briefe vorlas, auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und dass sie ihm Auftraege dabei gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er saeumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der spaeteren Zeit des grossen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller haeuslichen Sorge und Thaetigkeit in Garten und Feld ging Frau Kaethe doch nicht voellig in ihrer wirtschaftlichen Thaetigkeit auf. Sie war ihrem Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das moeglich und noetig war, doch die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, dass sie ihm die Sorgen abnahm fuer Familie und Vermoegen, sondern sie nimmt teil an seinem Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489]. "Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?" schreibt der Doktor von Eisleben an seine "sorgfaeltige" Hausfrau. Damit ist doch wohl ausgesprochen, dass Frau Kaethe--mindestens in Abwesenheit des Doktors--mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit diesem Lehrbuechlein allen christlichen Eltern zumutete[490]. Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Auftraege wegen des Druckes seiner Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er ueber das Religionsgespraech mit Zwingli, ueber das Abendmahl sogar mit lateinischen Schlagwoertern[491]. Fuer diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den grossen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem Zeugnis, die er waehrend seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere der letzte vom 24. September, "zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu Wittenberg." Gnade und Friede in Christo! Meine liebe Kaethe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in gnaedigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott und waere eine grosse Gnade. So beduerfen wir's alle wohl, weil der Tuerke so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hoeren. Hiemit seid Gott alle befohlen. Sonnabends nach Matthaei, 1530. Martinus LutheR."[492] Zehn Jahre nachher, als der Reichstag und Konvent in Hagenau stattfand, schreibt Luther am 10. Juli 1540 von Eisenach seiner "lieben Hausfrauen, Frauen Kathrin Luderin zu Wittenberg" u.a.: "... Bittet mit Fleiss, wie ihr schuldig seid, fuer unsern Herrn Christum, d.i. fuer uns alle, die an ihn glauben, wider den Schwarm der Teufel, so jetzt zu Hagenau toben wider den Herrn und seinen Gesalbten (Ps. 2)." (S.o.S. 130 f.)[493]. So redete Luther auch in den letzten Jahren mit seiner Hausfrau ueber die politische Lage, namentlich die hinterlistige Politik des Herzogs Moriz. "Liebe Kaethe", erklaerte er da, "deine Landsleute haben mit meines gnaedigsten Herrn Raeten eine Hundskette gemacht und werden nicht eher nachlassen, sie haben ihn denn verraten."[494] Es ist naturgemaess und begreiflich, dass wir von Frau Katharinas Wesen, Wirken und Bedeutung so wenig direkte Zeugnisse besitzen. Denn sie selbst hat nicht gerade viel geschrieben und ihre Briefe sind fast alle verloren gegangen, waehrend sie selbst ihres Doktors Briefe sorgfaeltig aufbewahrt hat; ferner interessierten sich die Hausgenossen und Zeitgenossen selbstverstaendlich fast nur fuer den grossen Mann, der die Welt bewegt hatte. Seine Gestalt ueberstrahlte die Hausfrau voellig. Nur im Reflex von Luthers Briefen und Tischgespraechen, selten in Bemerkungen seiner Bewunderer, finden wir Zuege, die ihr Charakterbild darstellen. Dass aber demnach Frau Katharina neben dem Reformator eine selbstaendige Stellung und Geltung behauptete, beweist der Umstand, dass die Freunde und Luther selbst sie nicht nur respektvoll die "Domina" und Doktorin, mit lateinischen und griechischen Worten nannten, sondern auch von der verheirateten Frau noch den Namen "Katharina von Bora" gebrauchten. Was hielt nun Luther von seiner Frau? Da giebt es drei wichtige Zeugnisse, die Luther seiner Gattin ausstellt, am Anfang, in der Mitte und am Ende seiner Ehe, nicht etwa bloss gelegentliche Aeusserungen guter oder schlechter Laune, sondern ueberlegte und feierliche Anerkennung ihrer Vortrefflichkeit als Hausfrau und Ehefrau. Im zweiten Jahre seines Ehestands (1526) schreibt er an Stiefel: "Sie ist mir willfaehrig und in allen Dingen gehorsam und gefaellig, viel mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte (Gott sei Dank!), so dass ich meine Armut nicht mit den Schaetzen des Kroesus tauschen moechte."[495] Elf Jahre darauf, bei seinem toedlichen Krankheitsanfall auf der Reise von Schmalkalden, diktierte Luther in Gotha sein Testament, worin es heisst: "Troestet meine Kaethe, dass sie dies trage dafuer, dass sie zwoelf Jahre mit mir froh gelebt hat. Sie selbst hat mir gedient nicht allein wie eine Gattin, sondern auch wie eine Magd. Gott vergelt es ihr! Ihr aber sollt fuer sie sorgen und ihre Kinder, wie sich's geziemt" Und dann sagte er: "Ich habe meine Kaethe lieb, ja ich hab sie lieber denn mich selber, das ist gewisslich wahr; ich wollt lieber sterben, denn dass sie und die Kinderlein sterben sollten."[496] Endlich schreibt Luther in seinem letzten und endgiltigen Testament i.J. 1542. "Ich M.D.L. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, dass ich meiner lieben und treuen Hausfrauen gegeben habe zum Leibgeding Gut, Haus und Kleinode. Das thue ich darum, dass sie mich als ein fromm (brav), treu ehelich Gemahl allezeit lieb, wert und schoen gehalten hat."[497] Und was so Luther in feierlichen Stunden bezeugte, das hat er wiederholt sonst vor seinen Tischgenossen und Freunden bekannt. Sein langjaehriger Hausgenosse Hieronymus Weller schreibt in seinen Erinnerungen: "Ich erinnere mich, wie der hochw. Mann oft sagte: er preise sich von Herzen gluecklich, dass ihm Gott eine so folgsame, bescheidene und kluge Gemahlin geschenkt, welche so ausgezeichnet fuer seine Gesundheit sorge und eintreten koenne und sich so geschickt seinem Wesen anzupassen und seine Fehler und Unannehmlichkeiten mit so stillem Gemuete zu tragen wisse. Denn er koenne bei seinen vielen Arbeiten, Beschaeftigungen und Anfechtungen nicht immer seinem Wohlbefinden Rechnung tragen."[498] Das Verhaeltnis zwischen Kaethe und Luther war das der achtungsvollen Verehrung; das entsprach einmal der Anschauung des Mittelalters von der Herrschaftsstellung des Mannes zum Weibe; anderseits ruehrte es davon her, dass die fuenfzehn Jahre juengere Frau zu dem aelteren, durch Gelehrsamkeit und hohes Ansehen ehrwuerdigen Mann mit einer gewissen Pietaet hinaufschaute. Daher redet er sie zwar immer mit "Du" an, _sie_ aber spricht zu _ihm_ immer mit "Ihr" und nennt ihn "Herr Doktor". Das fand auch Luther selbstverstaendlich. Als einmal von einem Manne die Rede war, welcher an eine reiche Frau seine Freiheit verkauft hatte, sagte er: "Ich hab's auch gern, wenn mir meine Kaethe uebers Maul faehrt--nur dass ich sie nicht viel dran lasse gewinnen als ein Maulschellium."[499] Und ein andermal: "Sie hat allein die ganze Herrschaft in ihrer Hand. Ich gestehe ihr auch gerne das ganze Hausregiment zu; aber mein Recht wollte ich mir unversehrt erhalten und Weiberregiment hat nie nichts Gutes ausgerichtet." Luther war seinem ganzen Wesen, aber auch seiner Anschauung und seinen biblischen Grundsaetzen nach nicht der Mann, seine eheherrlichen Rechte sich verkuerzen zu lassen: einen Freund, der ihm die Tyrannei seines Weibes klagt, verweist er tadelnd darauf, dass man das Ansehen des Mannes nicht duerfe mit Fuessen treten lassen. So fuehrte er auch auf Hans Luffts Tochter Hochzeit die Braut zum Lager und sprach zum Braeutigam (dem Arzt M. Andreas Aurifaber): "Er soll's bei dem gemeinen Lauf bleiben lassen und Herr im Hause sein (wenn die Frau nicht daheim ist, setzte er scherzend hinzu). Und zum Zeichen zog er ihm einen Schuh aus und legte ihn aufs Himmelbett, dass er die Herrschaft und das Regiment behielte[500]. Aber freilich Kaethes resolutes Wesen, die Herrschaft, die sie im Haus fuehrte und die der Hausherr ihr auch voellig einraeumte, fuehrte ihn dazu, dass er sie auch scherzend seinen "Herrn" nannte. So schreibt er ihr vom Hoflager in Torgau: "Gestern hab ich gedacht, wie ich daheim eine schoene Frauen habe, oder sollt ich sagen Herren?"[501] Und gerade mit dieser resoluten Art ihres Wesens neckt er sie genugsam. Und wie gerade recht willensstarke wenn auch gutmuetige Eheherren, gefaellt er sich seinen Freunden gegenueber in der humoristischen Rolle des gehorsamen, unterdrueckten Ehemanns. So sagte er einmal zu einem Gast: "Nehmt fuerlieb mit einem frommen (braven) Wirt, denn er ist der Frauen gehorsam." Ihr selbst gegenueber spricht Luther in immer neuen Wendungen von dieser angeblichen Eheherrschaft und charakterisiert jenes gebieterische Wesen der Frau Kaethe. "Meine Herrin" nennt er sie schon in der ersten Woche ihrer Ehe. "Mein Kaethe" (Meus Ketha) ist spaeter ihre regelmaessige Bezeichnung in seinen vertrauten Briefen und in ebenso drolliger Verbindung "Meine Herr Kaethe", oder sprachlich richtiger "Mein Herr Kaetha", "Dr. Kethus", auch einmal "mein Herr und mein Moses" und "meine Gebieterin" oder "Kaiserin"[502]. Aber sonst nennt er sie in zaertlichem Wortspiel gar haeufig "meine Kette", auch meine "Weinrebe", oder in Briefen an entfernter Stehende respektvoll "meine Hausfrau", "meine Hausehre"[503]. Auch seiner Frau selber gegenueber schlaegt Luther gewoehnlich jenen neckischen Ton an, woraus einerseits zaertliche Neigung, andererseits doch auch achtungsvolle Anerkennung blickt. Schon in seinem ersten erhaltenen Brief und dann fast regelmaessig redet er sie an "Lieber Herr Kaeth". Dann adressiert er--nach Sitte der damaligen Zeit--"Meinem lieben Herrn, Frau Kathrin Lutherin zu Wittenberg zu handen", oder "Meinem freundlichen lieben Herrn, Frau Katherin von Bora, D. Lutherin, zu Wittenberg" oder noch umstaendlicher humoristisch pathetisch: "Meinem freundlichen lieben Herren Katherina Lutherin, Doctorin, Predigerin zu Wittenbergh". Oder: "Meiner gnaedigen Jungfer Katherin Lutherin von Bora und Zulsdorf gen Wittenberg, meinem Liebchen". "Meiner herzlieben Hausfrauen Katherin Lutherin Doctorin Zulsdorferin, Saumaerkterin und was sie mehr sein kann." "Meiner freundlichen lieben Hausfrau Katherinen Luther von Bora, Predigerin, Brauerin, Gaertnerin und was sie mehr sein kann." Dann aber heisst es auch innig und herzlich auf der Adresse "Meiner lieben" oder "herzlieben Hausfrauen" oder "Meiner freundlichen lieben Kaethe Lutherin" und in der Anrede: "Liebe Jungfer Kaethe" und zum Schluss "Dein altes Liebchen" oder auch "Dein lieber Herr". Sogar in seinem taeglichen Hausgebet bittet er fuer "mein liebes Weib"[504]. So dient dem Doktor seine Hausfrau manchmal auch zur Exemplifikation seiner theologischen oder erfahrungsgemaessen Ansicht ueber die Weiber, oft in scherzhafter oder wohl auch einmal ernsthafter Uebertreibung. Da spricht er ihnen Weisheit und Herrschaftstalent ab und macht sich lustig ueber ihre Redseligkeit, indem er verschiedentlich bemerkte, die Weiber im allgemeinen und seine Kaethe im besonderen vergaessen das Vaterunser, wenn sie anfingen, zu predigen[505]. So "lachte der Doktor einmal seiner Kaethe, als sie klug sein wollte; er meinte, Gott habe dem Manne eine breite Brust als Sitz der Weisheit gegeben, dem Weibe aber breite Hueften und starke Schenkel, dass sie sollen daheim bleiben, im Hause still sitzen, haushalten, Kinder tragen und ziehen. Weiberregiment im Haus und Staat taugt nichts. Der Mann hat im Hause das Regiment. Das Gesetz nimmt den Weibern Weisheit und Regiment." Er meinte ueberhaupt: "Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frauen oder Jungfrauen uebeler ansteht, als wenn sie klug will sein." Luther erklaerte sogar einmal in einer Tischrede: "Den Weibern mangelt's an Staerke, Kraeften des Leibes und am Verstand. Den Mangel an Leibeskraeften soll man dulden, denn die Maenner sollen sie ernaehren. Den Mangel an Verstand sollen wir ihnen wuenschen, doch ihre Sitten und Weise mit Vernunft tragen, regieren und etwas zu Gute halten."[506] Daneben aber erkennt er die Vorzuege und die Bestimmung des weiblichen Geschlechts ruehmend an: "Ein Weib ist ein freundlicher, holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens. Weiber tragen Kinder und ziehen sie auf, regieren das Haus und teilen ordentlich aus, was ein Mann hineinschaffet und erwirbt, dass es zu Rate gehalten und nicht unnuetze verthan werde, sondern dass einem jeglichen gegeben werde, was ihm gebuehrt. Daher sie vom heiligen Geiste Hausehren genannt werden, dass sie des Hauses Schmuck, Ehre und Zierde sein sollen. Sie sind geneigt zur Barmherzigkeit, denn sie sind von Gott auch fuernehmlich dazu geschaffen, dass sie sollen Kinder haben, der Maenner Lust und Freude und barmherzig seien." "Es ist ein arm Ding ein Weib. Die groesste Ehre, die es hat, ist, dass wir allzumal durch die Weiber geboren werden und auf die Welt kommen. Ein Weib wird in der heiligen Schrift genannt "ein Lust und Freude deiner Augen" (Sirach 26, 2). Ein fromm Weib soll darum geehret und geliebet werden, erstlich, dass sie Gottes Gabe und Geschenk ist; zum andern, dass Gott einem Weibe herrliche grosse Tugenden verliehen, welche andere Maengel und Gebrechen weit uebertreffen, sonderlich wo sie Zucht, Treue und Glauben halten." "Wenn die Weiber die Lehre des Evangeliums annehmen, so sind sie viel staerker und inbruenstiger im Glauben, halten viel staerker und steifer darueber, als die Maenner, wie man siehet an der lieben Anastasia und andern Maertyrern; auch Magdalena war herzenhaftiger denn Petrus."[507] Einmal klagt er wohl auch: "Wenn ich noch eine freien sollte, so wollte ich mir ein gehorsam Weib aus einem Steine hauen; so sehr hab ich verzweifelt an aller Weiber Gehorsam." Aber so gar ernst war's ihm doch nicht damit. Er wusste wohl: "Es ist keine groessere Plage noch Kreuz auf Erden, denn ein boes, wunderlich, zaenkisch Weib." Bei ihm war's nicht so, sonst liefe er davon, sagt er. Dagegen weiss er seines Weibes Willfaehrigkeit und Dienstfertigkeit an vielen Orten und in mancherlei Weise zu ruehmen. So zitierte er auch gerne das Wort seiner Wirtin zu Eisenach: "Es ist kein lieber Ding auf Erden als Frauenlieb, wem sie kann werden." Und aus seiner eignen Erfahrung erklaert er: "Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost." [508] Kleine eheliche Fehden nahm Luther als selbstverstaendliche Dinge leichten Herzens in den Kauf. Als er einmal einen kleinen Zwist mit seiner Frau gehabt hatte, sagte er erklaerend zu Veit Dietrich: "Er stehe auch von ihr einen Zorn aus, er koenne ja noch mehr ertragen." Er meint von Eheleuten: "Ob sie gleich zuweilen schnurren und murren, das muss nicht schaden; es gehet in der Ehe nicht allzeit schnurgleich zu, ist ein zufaellig Ding, des muss man sich ergeben. Adam und Eva werden sich auch gar weidlich die neunhundert Jahre zerscholten haben und Eva zum Adam gesagt: "Du hast den Apfel gessen." Herwiederum wird Adam geantwortet haben: "Warum hast Du mir ihn gegeben?" Das Wesen der Ehe wird durch solche Plaenkeleien nicht geschaedigt. "Denn wiewohl die Weibsen gemeiniglich alle die Kunst kennen, dass sie mit Weinen, Luegen, Einreden einen Mann gefangen nehmen, koennen's fein verdrehen und die besten Worte geben; wenn nur diese drei Stuecke im Ehestand bleiben, naemlich Treu und Glauben, Kinder und Leibesfruechte und Sakrament, dass man's naemlich fuer ein heilig Ding und goettlichen Stand haelt, so ist's gar ein seliger Stand, und das ein seliger Mann, der eine gute Ehefrau hat."[509] Einmal klagt er wohl: "Ich muss Geduld haben mit dem Papste, ich muss Patienz haben mit den Schwaermern, ich muss Geduld haben mit den Scharhaufen, ich muss Patienz haben mit dem Gesinde, ich muss Patienz haben mit Kaethen von Bora, und der Patienz ist so viel, dass mein Leben nichts sein will als Patienz. Der Prophet Jesaias (30, 15) spricht: "In Schweigen und Hoffen steht eure Staerke."--Wie wenig aber Kaethe dies uebel nahm, beweist, dass sie auf die steinerne Hausthuere, welche sie in Pirna fuer Luther bestellte, grade diesen Prophetenspruch eingraben liess. Luther bekennt aber auch: "Wer ein fromm (brav) Weib bekommt, der bekommt eine gute Mitgift. Und da gleich ein Weib etwas bitter ist, doch soll man mit ihr Geduld haben. Denn sie gehoert ins Haus und das Gesinde bedarf's bisweilen auch sehr wohl, dass man ihnen hart sei und weidlich zuspreche." "Der haeusliche Zorn als Vater und Mutter, Herrn und Frau im Hause, thut nicht grossen Schaden. Haeuslicher Zorn ist, als wenn die Kinder mit den Puppen spielen."[510] Die Hochschaetzung des Familienlebens, das Lob, das Luther in allen Tonarten dem Ehestand anstimmt, ist doch auch ein Beweis fuer die glueckliche Ehe, in der Luther mit seiner Kaethe lebte. Das Kapitel ueber den Ehestand ist in seinen Tischreden das groesste. So fing er bei der Verlobung seiner Nichte (1538) an und konnte gar nicht aufhoeren, den Ehestand zu loben, dass er Gottes Ordnung und der allerbeste und heiligste Stand sei. "Darum sollte man ihn mit den herrlichsten Zeremonien (Feierlichkeiten) anfangen. Gott hat ein Kreuz (naemlich: des Segens) ueber den Ehestand gemacht und haelt's auch darueber."[511] In der Ehe soll eitel Liebe und Lust sein, freilich "muss es ein frommer Mann und ein fromm Weib sein, welche Gemahl und Kinder von ganzem Herzen lieben. Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost, wie geschrieben steht (Sprw. 31, 11): Des Mannes Herz verlaesst sich auf sie. Das Weib hat das Lob der Gefaelligkeit und erfreuenden Anmut." Das lieblichste Leben duenkte ihm: "leben mit einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Frieden und Einigkeit."[512] Luther selber hatte nun in seiner Hausfrau und seinem Hausstand gefunden, was er in dem rechten Ehestand suchte und von dem rechten Eheweib erwartet. Er bezeugt: "Mir ist, gottlob! wohl geraten, denn ich habe ein fromm (brav), getreu Weib, auf welche sich des Mannes Seele verlassen darf, wie Salomon sagt (Sprw. 31, 11): Sie verderbet mir's nicht."[513] "Martinus redete von seiner Hausfrau und sagte: er achtete sie teurer denn das Koenigreich Frankreich und der Venediger Herrschaft. Denn ihm waere ein fromm (brav) Weib von Gott geschenkt und gegeben. Zum andern, er hoere, dass viel groesser Gebrechen und Fehler allenthalben unter Eheleuten seien, denn an ihr erfunden waere. Zum dritten: das waere ueberfluessige Ursach genug, sie lieb und wert zu halten, dass sie Glauben und sich ehrlich hielte, wie es einem frommen, zuechtigen Weib gebuehret. Welches alles, da es ein Mann ansehe, so wuerde er leichtlich ueberwinden, was sich moechte zutragen, und triumphieren wider Zank und Uneinigkeit, so der Satan pflegt unter Eheleuten anzurichten." "Die Ehe ist nicht ein natuerlich Ding, sondern Gottes Gabe, das allersuesseste, lieblichste und keuscheste Leben. Ach, wie herzlich sehnte ich mich nach den Meinen, da ich zu Schmalkalden todkrank lag! Ich meinte, ich wuerde Weib und Kinder hie nicht mehr sehen; wie weh that mir solche Scheidung und Trennung. Nun glaub ich wohl, dass in sterbenden Menschen solche natuerliche Neigung und Liebe, so ein Ehemann zu seinem Eheweib habe, am groessten sei. Weil ich aber nun gesund bin worden durch Gottes Gnade, so hab ich mein Weib und Kinderlein desto lieber. Keiner ist so geistlich, der solche angeborene Neigung und Liebe nicht fuehlet. Denn es ist ein gross Ding um das Buendnis und die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib."[514] Luther wusste aber auch, dass er keine zweite Frau in der Welt finden koennte, die so gut fuer ihn passte, als Katharina von Bora. Er warnte den Pfarrer von Sitten vor einer zweiten Heirat und fuegt bei der Umschau auf seinen Bekanntenkreis hinzu: "Ich, wenn ich jung waere und die Bosheit der Welt so kennete, ich wuerde, wenn mir auch eine Koenigin angeboten wuerde nach meiner Kaethe, lieber sterben, als noch einmal heiraten." Und doch schaetzte er den Ehestand so hoch, dass er ihn fuer die schoenste Ordnung nach der Religion, fuer den fuernehmsten Stand auf Erden hielt[515]. Luther kannte nichts Lieberes als seine Kaethe. Er beteuert, er habe sie lieber als sich selber. Ja er klagte darueber als menschliche Schwaeche, dass er seine Kaethe lieber habe als unsern Herrgott. Seine Lieblingsepistel, den Galaterbrief, nannte er "seine Kaethe im neuen Testament". "Der Brief an die Galater ist meine liebe Epistel, der ich mich vertrauet habe: sie ist meine Kaethe von Bora." Und sein hoechster Trumpf war: "Ich setze meine Kaethe zum Pfand!"[516] Kaethe war nicht eine geistreiche Frau, hoher Schwung der Gedanken, glaenzende Geistesgaben gingen ihr ab: sie ist eine nuechterne und doch nicht hausbackene, tuechtige deutsche Frau. Es ist eine unzeitgemaesse Sache, die Frage aufzuwerfen, ob denn Frau Kaethe "gebildet" war. Eine gelehrte Frau wie Argula von Grumbach war sie gluecklicherweise nicht; von einer solchen war Luther, wie seine Aeusserungen zeigen, wenig erbaut und jedenfalls waere dann seine Wahl nicht auf Katharina gefallen. (S. 185 f.) Eine geistvolle Frau wie die Kirchenmutter Katharina Schuetzin in Strassburg, welche Sendschreiben an die christlichen Frauen ergehen liess, brauchte sie neben Luther nicht zu sein. Aber so gebildet wie irgend eine Frau ihres Standes war sie doch. Frau Kaethe, wird bezeugt, las gerne und eifrig in der Bibel und gewiss nicht bloss wegen der von Luther versprochenen 50 fl. Einmal ermahnte der Doktor sein Weib, dass sie fleissig Gottes Wort lesen und hoeren solle, und sonderlich den Psalter fleissig lesen. Sie aber sprach, dass sie es genug thaete und taeglich viel lese, und koenne auch viel davon reden; wollte Gott, sie thaete auch darnach. Der Doktor meinte zwar, solch' Ruehmen muesse der Vortrab des kuenftigen Ueberdrusses sein. Aber freilich, die vielbeschaeftigte Frau konnte doch auch nicht staendig mit geistlichen Dingen sich beschaeftigen, wie ihr theologischer Gemahl. Und ein andermal fiel ihr selbst auf, dass sie im Evangelium nicht mehr so hitzig und emsig bete wie im Papsttum. Geistlich gesinnet sein konnte sie aber deswegen doch. Von seinen Predigten ueber Joh. 14-16 sagte Luther zu seiner Gattin: "Das ist das beste unter allen Buechern, die ich je geschrieben habe; darum liebe Kaethe, lass Dir's befohlen sein und halt es fuer mein Testament."[517] Und von Eisleben aus schrieb er: "Lies Du, liebe Kaethe, den Johannem und den kleinen Katechismum, davon Du zu dem Male sagtest: "Es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt." Sie las also nicht nur in Schrift und Glaubensbuechlein, sondern wandte es auch auf sich an[518]. Es ist doch ein Zeugnis fuer so eifriges Forschen in der Schrift, wenn ihr von ihren Kindern auf ihrem Grabstein ein offenes Buch in die Haende gegeben wird. Kaethe konnte auch schreiben, und ihre Briefe, soweit sie diktiert und nicht etwa von andern stilisiert sind, beweisen eine klare, bestimmte und verstaendige Denk- und Ausdrucksweise. Und wenn Luther seine Frau auch einmal damit aufzieht, dass sie "Kattegissimum" schrieb statt Katechismum, so kann dies damals viel weniger wie heute als orthographische Unbildung gelten zu einer Zeit, wo nicht nur Laien, sondern auch Gelehrte hoechstens das Lateinische einigermassen orthographisch schrieben, das Deutsche aber in der krausesten Form, wie es ihnen in die Feder kam mit allen Fehlern der undeutlichen, verdorbenen mundartlichen Aussprache[519]. Ebenso wenig sachgemaess ist die Frage, ob Frau Katharina ihrem Gemahle ebenbuertig war. An eine Vergleichung mit seinem geistigen Wesen, mit Luthers Genialitaet und Charakter, Wirksamkeit und weltgeschichtlicher Bedeutung ist ja naturgemaess nicht zu denken. Aber dass sie als Gattin, als Hausfrau und Mutter seiner Kinder ihm das war, was er an ihr brauchte und wollte, dass sie Luthers rechte und somit ebenbuertige Gattin war, das hat er immer wieder ausgesprochen und anerkannt. Aber auch daran muss erinnert werden, dass Frau Katharina doch ein lebhaftes Interesse fuer das Werk ihres Gatten, fuer die Kirche und die Reformation bezeugte. Frau Kaethe hoerte und las viele von den Briefen, die ab- und eingingen. Sie draengte ihren Gatten zum Schreiben. Sie sprach ein Wort darein, wenn er eine Schrift ausgehen liess. Sie durfte als eine Doktorin auch ihren Rat bei Besetzung von Pfarrstellen geben und bemuehte sich fuer junge Magister um Anstellung. Sie verstand die Bedeutung ihres Gatten fuer die Christenheit, sie wusste seine Persoenlichkeit und sein Werk zu wuerdigen. Sie betete und sorgte fuer das Heil der Christenheit und den Erfolg des Evangeliums noch auf ihrem Totenbette. Und Luther mutete ihr solches Interesse auch zu. Und wenn wir die Rolle in Betracht ziehen, welche Katharina gegenueber den anderen Professoren- und Reformatorenfrauen in dem muendlichen und schriftlichen Gedankenaustausch der Zeitgenossen spielte, so z.B. Melanchthons Frau, wenn wir sehen, wie sie allerseits geehrt, gegruesst und beachtet, in ihrer Krankheit um sie gebangt war, nicht bloss um ihres Gatten willen, dann ist ausser Zweifel: seine Kaethe ist des grossen Doktors wert und wuerdig gewesen, und es ist doch bemerkenswert, dass die Freunde die Gattin Luthers mit dem Weibe der Offenbarung, dem Sinnbild der christlichen Kirche verglichen[520]. Aus den spaeteren Jahren giebt es von Frau Katharina ein Kranachsches Bild[521]. Das Gesicht ist etwas gebraeunt, die Augen blicken truebe, fast schmerzlich und muede, wie Luther in dieser Zeit sie schildert, als "geneigt zu Misstrauen und Sorgen"[522]; wieder zeigt die starke Unterlippe das kraeftige Selbstbewusstsein, die zusammengelegten Haende deuten ruhige Gelassenheit an. Aber es ist das Bild einer geistig nicht unbedeutenden Frau. Der ernste, ja strenge Ausdruck des Gesichts verkuendet ein schweres Geschick, das ihr bevorsteht, oder das sie schon erlebt hat. 15. Kapitel. Luthers Tod. Die letzten Jahre der Ehe waren gar schwer und truebe. Das lag einerseits in den Verhaeltnissen, die sich fast nach allen Seiten recht widerwaertig gestalteten; andererseits aber in Luthers Zustand, der immer krankhafter, immer hinfaelliger und damit truebseliger und verstimmter wurde. Was Kaethe bei dem zur Schwermut geneigten Temperament und der zornmuetigen Gereiztheit ihres Gatten unter all' diesen Verhaeltnissen zu leiden hatte, ist leicht zu denken[523]. Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem Auge verfolgte, war eine seltsame und fuer Luthers Empfinden geradezu erschreckliche. Das stete Vordringen der Tuerken, das seinem christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher Maechte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende Vorzeichen des Juengsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines Bruders, des Koenigs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem Brocken Zugestaendnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand haette, mit Gewalt, wie Luther fuerchtete--verbunden mit Papst und Teufel, Tuerke und Hoelle, ueber sie herzufallen. Das alles erfuellte ihn mit bangen Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: "Bei meinem Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten hoch vonnoeten sein. Unsere Kinder werden noch muessen den Spiess in die Hand nehmen; denn es wird uebel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu Trient ist sehr zornig und meinet es sehr boese mit uns. Darum betet zu Gott mit Fleiss."[524] Noch verdriesslicher aber und sorgenerregender waren fuer Luther mit Recht die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darueber sagte er seinen Freunden beim letzten Geburtstagsfest: "Ich fuerchte mich nicht vor den Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brueder werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber nicht von uns sind." Da standen sich Kurfuerst und Herzog von Sachsen wegen Landbesitz feindlich gegenueber im sogenannten "Fladenkrieg" (weil um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verraeterei zutraute, entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren--bis auf den "geistlichen Tuerken", den Mainzer Erzbischof--die alten Feinde Luthers: Herzog Georg und Kurfuerst Joachim I. gestorben und das Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus uebergetreten und sogar das Erzbistum Koeln dazu bereit; aber in Berlin traten der "Grickel und der Jaeckel" (Agricola und Schenk) auf mit ihren gesetzesstuermerischen Lehren; in Koeln wollte man die Luther so unsympathische schweizerische "Sakramentiererei" einfuehren und der grosse Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Koelner Reformation uebernommen hatten, wurden Luther hoechst verdaechtig und das ganze Werk aergerlich--es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit epigonenhafter Uebertreibung die Gegensaetze schaerfte oder allerlei Kleinigkeiten und Aeusserlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien, Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbraeuchen und andere "Geislein" "herfuergucken" liessen, die sie fuehren wollten, um sich wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte wieder auf[525]. Ja, auf Melanchthon selbst, seinen alten Freund und Mitarbeiter, wurde Luther misstrauisch gemacht wegen allerlei Abweichungen vom "echten" Luthertum und es entstand eine gefaehrliche Spannung zwischen den beiden Maennern und ihren Familien, bis die Missstimmung endlich durch Luther selbst beigelegt wurde, so dass der Reformator doch bis ans Ende seines Lebens mit ihm als dem treuesten Freunde verkehrte[526]. Mit seinen Kollegen von der juristischen Fakultaet, namentlich seinem alten Freunde Hier. Schurf, bekam Luther einen boesen Span wegen der heimlichen Verloebnisse, welche die "garstigen Juristen" mit einem Rueckfall ins kanonische Recht fuer giltig erklaerten, Luther aber verwarf[527]: er hatte die Gefaehrlichkeit der Sache an Melanchthons Sohn er fahren, der sich--noch unmuendig--von einem Maedchen hatte fangen und ohne Wissen und Willen seiner Eltern ihr ein Eheversprechen gegeben hatte, worueber M. Philipp und sein Weib "schier verschmachtet" waeren, wenn Luther es nicht abgewendet haette. Und er selber musste es erfahren in seiner eigenen Familie, indem seiner Schwester Sohn sich ungehorsamerweise ohne der Freundschaft Rat verlobte. Er hatte infolgedessen zu klagen, dass das "Meidevolk in Wittenberg gar kuehn" geworden sei und die Eltern ihre Soehne von der Universitaet zurueckforderten, weil man ihnen da Weiber an den Hals haenge[528]. Die alten Hausgenossen und Freunde waren in alle Welt zerstreut; aber in ihren Anfechtungen, Verdriesslichkeiten, Bedenken wandten sie sich an ihren "heiligen Vater Luther". So hatte er zu schlichten, zu raten und zu troesten--und das richtete ihn selber auf. Aber er hatte auch manchen Aerger und manchen Schmerz[529]. Da plagte ihn M. Stiefel mit seinen Grillen ueber den Juengsten Tag, oder der Stadthauptmann Metzsch mit seinem uebeln Wandel und seiner ruecksichtslosen Niederlegung von vielen Wohnhaeusern zum Festungsbau, wodurch die kleine, volkreiche Stadt noch enger wurde und die armen Studenten noch elender wohnen mussten. Einer nach dem andern von den Zeitgenossen ging aus dem Leben. So schon 1538 der treue Hausmann. Dann Luthers letzter Klostergenosse Brisger, endlich auch Spalatin (1545). Schon vorher (1542) war seine und Kaethes liebenswuerdige, heitere Freundin, Kaethe Jonas, verschieden, deren Erscheinung ihm immer erfreulich und troestlich gewesen[530]; vor allem aber der Sonnenschein des Hauses, das gute Magdalenchen. Der Sohn und ein Neffe waren eine zeitlang fort in Torgau. In dieser Zeit starb auch der Gatte seiner Nichte Lene, geb. Kaufmann; und diese machte ihm dann schweren Verdruss durch ihre zweite Heirat mit dem jugendlichen Mediziner Ernst Reuchlin (Ende 1545). Das Jahr 1544 war wieder ein Krankheitsjahr in Wittenberg und im Lutherhaus. Um Ostern lagen alle Kinder an den Masern und die kleine Margarete bekam davon ein schweres Fieber, an dem sie zehn Wochen lebensgefaehrlich darniederlag und von dem sie sich bis in den Dezember hinein gar nicht erholen wollte. Was gab es da fuer Kaethe an Sorgen und Muehen[531]! Aber auch der Hausvater selbst war jetzt immer krank: bald fehlte ihm dies, bald jenes; alle seine Leiden stellten sich mit Macht ein in dem abgearbeiteten Koerper und der erschoepfte Lebensgeist war nicht mehr recht widerstandsfaehig gegen die mancherlei Angriffe auf die verschiedenen Organe. Die Hausaerzte und die kurfuerstlichen Leibaerzte doktorten an ihm herum; der Hof schickte Arzneien; die Graefin von Mansfeld wollte ihn in die Kur nehmen. Es war ein alter (noch jetzt bestehender) Glaube, dass grosser Fuersten und Herren Arznei, die sie selbst gaeben und applizierten, kraeftig und heilsam seien, sonst nichts wirkten, wenn's ein Medikus gaebe[532]. Das meiste und beste that freilich Frau Kaethe. Im Jahre 1541 war Luther lange Zeit so schwach, dass er nicht eine Stunde angestrengt lesen und sprechen konnte; er musste daheim bleiben und da seine Hausgottesdienste halten. Einmal schrieb er auch an die arzneikundige verwitwete Graefin Dorothea von Mansfeld, welche auch gern dem "lieben togktor" geholfen haette. Denn die Schmerzen waren entsetzlich, so dass er jammerte: "Sterben will ich, aber diese Qualen sind graesslich."[533] Im folgenden Jahre machte er sein Testament, "satt dieses Lebens, oder dass ich's richtiger sage, dieses herben Todes". "Ich habe mich ausgearbeitet und ausgelebt. Der Kopf ist kein nutz mehr. Ich bin muede erschoepft, bin nichts mehr."[534] Im April 1543 klagt er: "Wie oft bin ich in diesem Jahre schon gestorben! Und doch lebe ich noch, eine unnuetze Last der Erde." Am 13. und 14. Juli 1543 wurde er wiederholt so ohnmaechtig, dass er zu sterben meinte und seinen Hans von Torgau holen lassen wollte. Aber Frau Kaethe hatte gelernt, ihn zu ermutigen und redete ihm die Todesgedanken aus. Anfangs 1515 hatte er einen Krankheitsanfall mit aehnlichen Erscheinungen, wie sie ein Jahr spaeter seinen Tod herbeifuehrten, Leichenkaelte und die beaengstigenden Beklemmungen auf der Brust. Er konnte lange keine Predigt und keine Vorlesung halten und musste selbst in einem Waegelchen sich zur Kirche fahren lassen, um die Predigt zu hoeren[535]. "Ich glaube, meine wirkliche Krankheit ist das Alter, dann meine Arbeiten und heftigen Gedanken, besonders aber die Schlaege Satans." "Dass ich am Haupte untuechtig bin, ist nicht Wunder; das Alter ist da; der Krug geht solange zu Wasser, bis er einmal zerbricht." "Ich bin traeg, muede, kalt, das heisst alt und unnuetz; ich habe meinen Lauf vollendet und es bleibt nichts uebrig, als dass der Herr mich zu meinen Vaetern versammle." Bei seinen graesslichen Qualen wuenscht er, wenn nicht sanft, so doch tapfer zu sterben[536]. Und bei all' diesen Leiden und Qualen sollte der alte Mann noch fuer drei arbeiten, so war er geplagt von Fuersten und Stadtraeten, von Freunden und Amtsgenossen und Beichtkindern mit Briefschreiben, Buecherschreiben, Vorlesungen, Predigten und Beratungen, "Bedenken", Trostschreiben; so dass er klagt: "Da sitze ich alter, abgelebter, fauler, mueder, frostiger und noch dazu einaeugiger Mann und schreibe. Hoffte ich doch, man sollte mir Abgestorbenen nun die Ruhe goennen, die ich mir, denkt mich, verdient habe. Aber als haette ich niemals etwas gethan, geschrieben, geredet und ausgefuehrt, muss ich so viel reden, thun und ausfuehren, dass ich mir keinen Rat weiss. Ich bin so beschaeftigt, dass ich gar selten Musse habe, zu lesen oder fuer mich zu beten, was mir beschwerlich ist.[537] Freilich brach oft der angeborene Humor bei Luther durch, und das frohe Gottvertrauen blieb wohl die Grundstimmung seines Wesens. Aber bei seinem zur Schwermut neigenden Temperament und Gesundheitszustand pflegte der alternde Mann doch vorwiegend die Schattenseiten aller Erscheinungen zu sehen und nur selten konnte er sich sagen: "Ich lasse das Antlitz unsrer Gemeinden nicht trauervoll zurueck, sondern bluehend, durch reine und heilige Lehre mit vielen vortrefflichen und lauteren Geistlichen, von Tag zu Tage wachsend.[538] So war ihm Zeit und Welt widerwaertig geworden. "Welt ist Welt, war Welt und wird Welt sein." Und er wuenschte sich weg daraus. Er hoffte und wuenschte, dass das Weltende nahe sei oder doch sein Lebensende. "Komm', lieber juengster Tag!" seufzt er am Schluss eines Briefes an Kaethe, und an Frau Joerger schliesst er (1544) ein Schreiben: "Es sollt ja nunmehr die Zeit da sein meiner Heimfahrt und Ruhe; bittet fuer mich um ein seliges Stuendlein."[539] Da er aber nicht aus der Welt gehen und die Feiertagsruhe des Juengsten Tages nicht selbst herbeifuehren konnte, so wollte er wenigstens aus _seiner_ Welt scheiden und von seinem Beruf. Denn so ist ja Stimmung und Wunsch bei alten und kranken Leuten: da sie nicht aus dem Leben gehen koennen, so suchen sie ihren Wohnort zu veraendern und wuenschen sich daraus weg, mit so viel Beschwerden auch ein Wechsel und eine Reise verbunden sein mag. So sagte Luther das ganze letzte Jahr zu seiner Umgebung, "er begehre an einen anderen Ort zu ziehen". Und die Freunde fanden es auch merkwuerdig, dass er in diesem Jahr vor seinem Tode oefter ausgezogen, denn in vielen Jahren; und sie sahen es als "Prophezeiung an, dass er die selige Reise werde thun in ein besser Leben"[540]. So ging es nun auch schon 1544, wo er mit einem Wegzug aus Wittenberg gedroht und von den Freunden und Beamten Wittenbergs davon abgebracht war. Im folgenden Jahr (1545) nachdem er am Johannistag von seinem "Peiniger", dem Stein, fast umgebracht worden und dadurch in eine gereizte Stimmung versetzt war, fuehrte er diesen Entschluss wirklich aus[541]. Es war gerade kein besonderer Anlass zu diesem Schritte da. Aber mancherlei hatte ihm den Aufenthalt in Wittenberg in der letzten Zeit verleidet. Der Streit mit den Juristen, die aergerliche Geschichte im Haus mit "einer andern Rosina und Schwindlerin", vor allem aber das Leben und Treiben von Buergern und Studenten in Wittenberg, hatten ihn hoch aufgebracht. Der ungeheure Studentenandrang nach Wittenberg brachte begreiflicherweise nicht lauter gute, fromme und sittige Elemente dahin und bei den 2000 Studierenden gab es natuerlich viel mehr zu ruegen und zu strafen, als bei den frueheren 200. Und unter diesen Tausenden waren Leute aus allerlei Volk; nicht nur alle deutschen Staemme, sondern auch Auslaender: "Reussen und Preussen, Hollaender und Engellender, Daenemarker und Schweden, Boehmen, Polen, Hungern, Wenden und Winden, Walen und Franzosen, Spanier und Graeken." Die Buerger beuteten die Studierenden aus. Weibliches Gesindel zog herbei, wie Luther meinte, von den Widersachern geschickt, und es gab manche "Speckstudenten", die sich lieber in dem Lustwaeldchen "Specke" umhertrieben, statt in der Schule Gottes Wort, Tugend und Zucht zu lernen. Gegen solche Unordentlichkeit trat nun Luther als alter treuer Prediger mit vaeterlicher Vermahnung auf. Er bittet seinen "Bruder Studium, sich still, zuechtig und ehrlich zu halten, des warten, warum sie hergesandt und mit schweren Kosten von den Ihren erhalten werden, dass sie Kunst und Tugend lernen, weil die Zeit da ist und solche feine Praezeptoren da sind." Er ermahnte den Rat, die Laster zu strafen, und die Buerger, dem "Geiz" zu steuern. Aber die Buerger der kleinen Universitaetsstadt hielten zumeist auf ihren Vorteil, der Rat war laessig und aengstlich, wie Luther oftmals klagt gegenueber der schoenen Ordnung in einer Reichsstadt wie Nuernberg, und die Studenten wies er vergeblich auf seinen grauen Kopf; sie ueberhoerten seine schmerzlichen und herzlichen Mahnungen: "Ach, mein Bruder Studium, schone mein und lass es nicht dahin kommen, dass ich muesse schreien wie St. Polykarpus: Ach Gott, warum hast Du mich das erleben lassen? Ich hab's ja nicht verdient, sondern da sind vorhanden meine und euer Praezeptoren treue Arbeit, die euch zum besten dienen in diesem und jenem Leben."[542] Neben und mit diesem unordentlichen Wesen nahm die Ueppigkeit in der Stadt bei Doktorschmaeusen und besonders bei Hochzeiten und Kindtaufen so ueberhand, dass mancher Mann (z.B. Georg Major durch sein Doktorat und neun Kindtaufen) in Schulden geriet. Ja, es riss die neue Kleidertracht ein, "die Jungfrauen zu bloessen, hinten und vorn", und niemand war da, "der da strafe oder wehre"; es schien, wie Luther fuerchtet, sich anzulassen, "dass Wittenberg mit seinem Regiment nicht den S. Veitstanz noch S. Johannistanz, sondern den Bettlertanz und Beelzebubtanz kriege". Daher meinte Luther: "Nur weg aus dieser Sodoma!"[646] Damit schien er nun Ernst zu machen. Im Juli 1545 unternahm er auf Frau Kaethes Fuhrwerk mit seinem aeltesten Sohne Hans, D. Kreuziger und einem Tischgenossen Ferdinand von Maugen eine Erholungsreise nach Leipzig und Zeitz zu Freund Amsdorf, dem Bischof. Unterwegs hoerte er, dass die Zustaende in Wittenberg viel mehr im Munde der Leute waeren, als er dachte. Da wollte er gar nicht mehr in die "unordige" Stadt zurueck. Er schrieb am 28. Juli von Zeitz aus an seine Frau folgenden Brief[543]: "G(nade) und F(riede)! Liebe Kaethe! Wie unsre Reise ist gangen, wird Dir Hans wohl alles sagen--wiewohl ich auch nicht gewiss bin, ob er bei mir bleiben solle--, dann werden's doch D. Kaspar Kreuziger und Ferdinandus wohl sagen. Ernst von Schoenfeld hat uns zu Lobnitz schoen gehalten[544]. Noch viel schoener Heinz Scherle zu Leipzig. Ich wollt's gerne so machen, dass ich nicht muesste wieder gen Wittenberg kommen. Mein Herz ist erkaltet, dass ich nicht gern da bin; wollt auch, dass Du verkauftest Garten und Hufe, Haus und Hof. So wollt ich (auch) M(einem) G(naedigen) H(errn) das grosse Haus[545] wieder schenken. Und waere Dein Bestes, dass Du Dich gen Zulsdorf setzest, weil (waehrend) ich noch lebe. Und (ich) koennte Dir mit dem Solde wohl helfen das Guetlein bessern, denn ich hoffe, M.G.H. soll mir den Sold (aus)folgen lassen, zum wenigsten ein Jahr meines letzten Lebens. Nach meinem Tode werden Dich die vier Elemente[546] zu Wittenberg doch nicht wohl leiden; darum waere es besser bei meinem Leben gethan, was dann zu thun sein will. Ich habe auf dem Lande mehr gehoert, denn ich zu Wittenberg erfahre, darum ich der Stadt muede bin und nicht wieder kommen will, da mir Gott zu helfe. Uebermorgen werde ich gen Merseburg fahren, denn Fuerst George hat mich sehr darum lassen bitten[547]. Will also umherschweifen und eher das Bettelbrot essen, ehe ich meine arm alte letzte Tage mit dem unordigen Wesen zu Wittenberg martern und beunruhigen will mit Verlust meiner sauern und teuern Arbeit. Magst solches, wo Du willst, D. Pommer und M. Philipps wissen lassen, und ob D. Pommer wollt' hiemit Wittenberg von meinenwegen gesegnen[548]. Denn ich kann des Zorns und Unlust nicht laenger leiden. Hiemit Gott befohlen, Amen. Martinus Luther." Frau Kaethe zeigte natuerlich diesen drohenden Brief den beiden Freunden; Melanchthon wiederum, welcher auf den Mittag zu Dr. Brueck kam und mit ihm ass, erzaehlte dem Kanzler Luthers Vorhaben. Das that seine Wirkung. Denn was war Wittenberg ohne Luther? Auch Melanchthon erklaerte, dass er dann nicht mehr bleiben koennte und sich vor dem Aergernis irgend wohin verkriechen muesse. Da fuhr der Schrecken den Wittenbergern, Universitaet, Rat und Buergerschaft durch die Glieder. Der Senat und der Magistrat kamen zusammen und berieten ueber Massregeln, Luther zu halten. An den Kurfuersten wurde mit einer Abschrift von Luthers Brief eine Botschaft geschickt, damit er auch seinerseits auf den erzuernten Mann einwirke, "dass er sein Gemuet aendere". Eine Abordnung von Universitaet und Stadtrat: Melanchthon, Bugenhagen, Major, der Buergermeister und der Stadtrichter Hans Lufft, wurden zu Luther gesandt und auch vom Hof kam ein beschwichtigender Brief und der liebenswuerdige Leibarzt Ratzeberger, den Luther gar gut leiden mochte, nach Merseburg. Der Doktor liess sich hart genug gegen die Wittenberger Abgesandten aus ueber "die Lockerung der Zucht". Stadt und Regierung versprachen nun ernstliches Einschreiten gegen das "verthunliche" Wesen bei Hochzeiten und Kindtaufen, gegen leichtfertiges Treiben bei Tanzvergnuegungen, gegen das ungebuehrliche Geschrei auf den Strassen u.s.w.[549] So liess sich Luther besaenftigen; er kehrte noch bei Hof an, um seinen Forderungen Nachdruck zu geben; dann fuhr er langsam nach Hause. Die Ausspannung und der Aufenthalt in freier Luft hatte ihm doch gut gethan, und die Behaglichkeit in seinem schoenen Heim, die Fuersorge seiner treuen Hausfrau liessen ihn die Gedanken an einen Auszug vergessen, bis die endgiltige Wanderung in die jenseitige Welt ihn aller Unlust und Widerwaertigkeiten, aller Leiden und Folterqualen der Krankheit enthob[550]. Er sollte die verwickelten Streithaendel seiner Landesherrn, der Mansfelder Grafen, wegen der Bergwerksrechte beilegen und machte dazu im folgenden Winter drei Reisen in seine Heimat. Der Kurfuerst haette lieber gesehen, wenn Luther "als ein alter abgelebter Mann mit diesen Sachen verschont bliebe"; und das war Frau Kaethes Meinung auch, welche es betrieb, dass Melanchthon, der doch viel juenger und gesunder war, nicht nach Regensburg musste. Aber Luther selbst meinte: "Es muss, wiewohl ich viel zu thun habe, um ein acht Tage nicht not haben, die ich daran wagen will, damit ich mit Freuden mich in meinen Sarg legen moege, wo ich zuvor meine lieben Landesherren vertragen und freundliches, einmuetiges Herzens gesehen habe." Nebenbei war es ihm eine Genugthuung, zu zeigen, was in Streithaendeln ein guter Christ fertig braechte, gegenueber "den silbernen und guldenen Juristen, welche die Sache oftmals als Vorteil und Geiz wider alle Billigkeit erweitern und auf(hinaus)ziehen."[551] Freilich Frau Kaethe nahm diese Reisen viel schwerer, namentlich die letzte in der schlimmsten Jahreszeit. Es war Ende Januar und ein gar "unartiges", kaltes Wetter. Sie wusste aus reicher Erfahrung, was eine Erkaeltung fuer den durch und durch kranken Mann bedeute. Sie hatte ja auch gehoert, dass Luther im November (1545) seine Vorlesung ueber die Genesis mit den Abschiedsworten geschlossen hatte: "Ich kann nicht mehr; ich bin schwach; bittet Gott fuer mich, dass er mir ein gutes, seliges Ende beschere." Endlich hatte ein Vorfall das ganze Haus mit banger Ahnung erfuellt. Kurz vorher hatten die studentischen Tisch- und Hausgenossen im Schlafhaus, wo sie wohnten, eine Schlaguhr erneuern lassen. Da begab sich's einstmals um Mitternacht, dass bei dieser Uhr ein sehr grosser harter Fall gehoert wurde, als ob das ganze Gehaeuse mit samt den Gewichten heruntergefallen waere. Am andern Morgen war alles unversehrt. Da dies Luther gesagt war, sprach er zu den Tischgenossen: "Ihr lieben Quiriten, erschreckt nicht davor. Denn dieser Fall bedeutet mich, dass ich bald sterben werde. Wenn ich von Eisleben komme, will ich mich in Sarg legen. So bin ich der Welt muede, und scheide gerne wie ein reifer Gast aus einer gemeinen Herberge." Dennoch wollte Frau Katharina ihren Gatten an dem Friedenswerk in Mansfeld nicht hindern und nachdem er zweimal die Reise gluecklich ueberwunden, hoffte sie wohl auch auf einen gluecklichen Ausgang einer dritten und letzten. Sie gab ihm aber nicht nur seinen Famulus Ambrosius Rutfeld mit, sondern auch ihre drei Soehne und in Halle sollte Herr D. Jonas einsteigen. Im Kloster blieben als Tischgenossen Besold, Plato u.a. zurueck[552]. Die Reisenden fuhren am Samstag, den 23. Januar, in Wittenberg ab. Es trat nach scharfem Frost waehrend der Nacht auf Sonntag Tauwetter ein, mit Eisgang und Ueberschwemmung, so dass die Reisegesellschaft, als sie Sonntag vormittag in Halle anlangte, nicht ueber die Saale kommen und drei Tage in der Stadt verziehen musste; Freund Jonas, der seit vier Jahren in Halle Pfarrer war, hiess aber die Wittenberger Gaeste in seinem Hause willkommen. Von Halle empfing nun Frau Kaethe einen launigen Brief ihres Eheherrn, der dessen gute Stimmung meldete. Er war adressiert "Meiner freundlichen lieben Kaethen Luthrin zu Wittenberg zu Handen"[553]. "Gnad und Friede im Herrn! Liebe Kaethe! Wir sind heute um acht Uhr zu Halle ankommen, aber nach Eisleben nicht gefahren. Denn es begegnete uns eine grosse Wiedertaeuferin mit Wasserwogen und grossen Eisschollen, die das Land bedeckte; die draeuete uns mit der Wiedertaufe. So konnten wir auch nicht wieder zurueckkommen, von wegen der Mulda; mussten also zu Halle zwischen den (beiden) Wassern stille liegen. Nicht dass uns durstete zu trinken, sondern nahmen gut Torgisch Bier und guten rheinischen Wein; damit labeten und troesteten wir uns dieweil, ob die Saale wollt wieder auszuernen. Denn weil die Leute und Fuhrmeister, auch wir selbst zaghaftig waren, haben wir uns nicht wollen in das Wasser begeben und Gott versuchen; denn der Teufel wohnet im Wasser und ist uns gram; und ist besser verwahret denn beklaget; und ist ohne Not, dass wir dem Papst samt seinen Schuppen eine Narrenfreude machen sollten. Ich haette nicht gemeint, dass die Saale eine solche Sod machen koennte, dass sie ueber Steinwege und alles rumpeln sollte. Jetzo nicht mehr, denn: betet fuer uns und seid fromm. Ich halte, waerest Du hier gewesen, so haettest Du uns auch also zu thun geraten; so haetten wir Deinem Rat auch einmal gefolget. Hiemit Gott befohlen! Amen. Zu Halle am St. Paulus Bekehrungstage (25. Januar) Anno 1546. Martinus Luther D." Das lautete gar froehlich und vergnuegt, als man im Kloster diesen lustigen Brief las, und Frau Kaethe konnte einstweilen beruhigt sein. Aber es dauerte acht Tage, bis wieder ein Brief kam. Das musste die besorgte Frau schon nicht wenig aufregen und sie sandte Briefe ueber Briefe ab, was sonst bei der vielbeschaeftigten Frau nicht gerade Gewohnheit war. Endlich nach Lichtmess langte ein zweiter Brief Luthers an. Der war freilich auch in demselben scherzhaften Ton geschrieben, wie der vorige und die meisten Episteln des Doktors an seine Frau. Aber es war doch eine Stelle darin, die bedenklich machen konnte. "Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin, Doktorin, Zulsdorferin, Saumaerkterin und was sie sonst noch sein kann. Gnade und Friede in Christo und meine alte, arme und, wie ich weiss, unkraeftige Liebe zuvor. Liebe Kaethe! Ich bin schwach gewesen auf dem Wege hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn Du waerest dagewesen, so haettest Du gesagt, es waere der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen. Denn wir mussten durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viele Juden inne wohnten; vielleicht haben sie mich so scharf angeblasen. So sind hier in der Stadt Eisleben jetzt diese Stunde ueber fuenfzig Juden wohnhaftig (in einem Hause). Und wahr ist's, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein solch kalter Wind hinten im Wagen ein auf meinen Kopf durchs Barett, als wollte mir's das Hirn zu Eise machen. Solches mag nun zum Schwindel etwas haben geholfen; aber jetzt bin ich gottlob! wohl geschickt, ausgenommen, dass die schoenen Frauen mich so hart anfechten. Ich trinke Naumburgisch Bier, fast des Geschmacks, den Du von Mansfeld mir etwa hast gelobet. Es gefaellt mir wohl. Deine Soehnchen sind nach Mansfeld gefahren ehegestern, weil sie Hans von Jene[554] so demuetiglich gebeten hatte; weiss nicht, was sie da machen. Wenn's kalt waere, so moechten sie helfen frieren. Nun es warm ist, koennten sie wohl was anders thun oder leiden, wie es ihnen gefaellt. Hiermit Gott befohlen sammt allem Hause, und gruesse alle Tischgesellen. Vigilia Purificationis, 1546. M.L., Dein altes Liebchen."[555] Also der Doktor hatte sich richtig erkaeltet und zwar durch eigene Schuld; er war eine Zeitlang vom Wagen abgestiegen, hatte sich in Schweiss gelaufen bei dem auffallend warmen Winterwetter, war dann im letzten Dorfe Nissdorf, hart vor Eisleben, unvorsichtigerweise wieder auf den Wagen gesessen und hatte sich in dem scharfen Luftzug des Fuhrwerks erkaeltet. Frau Kaethe wusste, was das zu bedeuten hatte und war gar aengstlich trotz des froehlichen Briefes. Sie hatte, scheint es, die Sache schon vor Luthers eigener Meldung sonsther gehoert, auch dass die sonst immer offen gehaltene Wunde am Bein, welche, eine Art Fontanelle, den kranken Saeften einen Abfluss gewaehrte, bedenklicherweise zugeheilt war. So schrieb sie nun einen Brief um den andern, an einem Tag (Freitag, 5. Februar) sogar mehrere. Auch sandte sie von Wittenberg ihre gewoehnlichen Hausmittel: "Staerkkuechlein", allerlei Staerkwasser, Rosenessig und Aquavitae, und hiess Jonas, den Famulus und ihre Soehne in dem Gemach des Doktors schlafen[556]. Er zwar schreibt wieder ganz sorglos, nur bedenklich wegen der heikeln Streitigkeiten, die er zu schlichten hatte, am 6. Februar[557]: "Der tiefgelehrten Frauen Katharin Lutherin, meiner gnaedigen Hausfrauen zu Wittenberg. Gnade und Friede. Liebe Kaethe! Wir sitzen hier und lassen uns martern und waeren wohl gern davon; aber es kann noch nicht sein, als mich duenkt, in acht Tagen. Mag. Philippus magst Du sagen, dass er seine Postille korrigiere; denn er hat nicht verstanden, warum der Herr im Evangelio die Reichtuemer Dornen nennt. Hier ist die Schule, da man solches verstehen lernet. Aber mir grauet, dass allewege in der heiligen Schrift den Dornen das Feuer gedroht wird; darum ich desto groessere Geduld habe, ob ich mit Gottes Hilfe moechte etwas Gutes ausrichten. Deine Soehnchen sind noch zu Mansfeld. Sonst haben wir zu essen und trinken genug und haetten gute Tage, wenn's der verdriessliche Handel thaet. Mich duenkt, der Teufel spotte unser; Gott woll' ihn wieder spotten, Amen. Bittet fuer uns. Der Bote eilte sehr. Am Sankt Dorotheentage, 1546." Trotz dieser Briefe war aber Frau Kaethe so voller Sorge um den fernen Gatten, dass sie nicht schlafen konnte, und schrieb gar aengstliche Episteln nach Eisleben, so dass ihr der fromme Doktor eine lange Predigt hielt ueber Gottvertrauen in zwei aufeinanderfolgenden Briefen, am 7. und 10. Februar[558]: "Meiner lieben Hausfrauen Katherin Lutherin, Doktorin, Selbstmartyrin zu Wittenberg, meiner gnaedigen Frauen zu Haenden und Fuessen. Gnade und Friede im Herrn. Lies Du, liebe Kaethe, den Johannem und den kleinen Katechismus, davon Du einmal sagtest: es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt. Denn Du willst sorgen fuer Deinen Gott, gerade als waere er nicht allmaechtig, der da koennte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der einige alte ersoeffe in der Saale oder im Ofenloch oder auf Wolfs Vogelherd. Lass mich in Frieden mit Deiner Sorge: ich hab' einen bessern Sorger, denn Du und alle Engel sind. Der liegt in der Krippe und haenget an einer Jungfrauen Brust; aber sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes des allmaechtigen Vaters. Darum sei in Frieden, Amen. Betet, betet, betet und helft uns, dass wir's gut machen. Denn ich heute in Willen hatte, den Wagen zu schmieren in meinem Zorn; aber Jammer, so mir einfiel, meines Vaterlandes hat mich gehalten. Ich bin nun auch ein Jurist worden. Aber es wird ihnen nicht gedeihen. Es waere besser, sie liessen mich einen Theologen bleiben. Komme ich unter sie, so ich leben soll, ich moecht' ein Poltergeist werden, der ihren Stolz durch Gottes Gnade hemmen moechte. Sie stellen sich, als waeren sie Gott, davon moechten sie wohl und billig bei Zeit abtreten, ehe denn ihre Gottheit zur Teufelheit wuerde, wie Luzifer geschah, der auch im Himmel vor Hoffart nicht bleiben konnte. Wohlan, Gottes Wille geschehe. Du sollst Mag. Philippus diesen Brief lesen lassen: denn ich nicht Zeit hatte, ihm zu schreiben, damit Du Dich troesten kannst, dass ich Dich gern lieb haette, wenn ich koennte, wie Du weisst, und er gegen seine Frauen vielleicht auch weiss und alles wohl verstehet. Wir leben hier wohl, und der Rat schenkt mir zu jeglicher Mahlzeit ein halb Stuebchen Rheinfall, der ist sehr gut. Zuweilen trink ich's mit meinen Gesellen. So ist der Landwein hier gut, und Naumburgisch Bier sehr gut, ohne dass mich duenkt, es macht mir die Brust voll phlegmate (Schleim) mit seinem Pech. Der Teufel hat uns das Bier in aller Welt mit Pech verdorben und bei euch den Wein mit Schwefel. Aber hier ist der Wein rein, ohne was des Landes Art giebt. Und wisse, dass alle Briefe, die Du geschrieben hast, sind anher kommen und heute sind die kommen, die Du am naechsten Freitag geschrieben hast mit Mag. Philippus Briefen, damit Du nicht zuernest. Am Sonntag nach Dorotheens Tag (7. Febr.) 1546. * * * * * Dein lieber Herr M. Luther." "Der heiligen sorgfaeltigen Frauen, Katherin Lutherin, Doktor Zulsdorferin zu Wittenberg, meiner gnaedigen, lieben Hausfrauen. Gnade und Friede in Christo. Allerheiligste Frau Doktorin! Wir bedanken uns gar freundlich fuer Eure grosse Sorge, davor Ihr nicht schlafen koennt; denn seit der Zeit Ihr fuer uns gesorget habt, wollt' uns das Feuer verzehret haben in unsrer Herberg hart vor meiner Stubenthuer; und gestern, ohne Zweifel aus Kraft Eurer Sorge, hat uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen und zerquetscht, wie in einer Mausfallen. Der hatte im Sinn, Eurer heiligen Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel nicht gehuetet haetten. Ich sorge, wo Du nicht aufhoerst zu sorgen, es moechte uns zuletzt die Erde verschlingen und alle Elemente verfolgen. Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben? Bete Du und lass Gott sorgen, es heisst: "Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget fuer dich (1. Petr. 5, 7)." Wir sind, Gott Lob, frisch und gesund, ohne dass uns die Sachen Unlust machen, und Doktor Jonas wollt' gern einen boesen Schenkel haben, dass er sich an eine Lade ohngefaehr gestossen: so gross ist der Neid in den Leuten, dass er mir nicht wollt' goennen allein einen boesen Schenkel zu haben. Hiemit Gott befohlen. Wir wollten nun fort gerne los sein und heimfahren, wenn's Gott wollt', Amen, Amen, Amen. Euer Heiligen williger Diener Martinus Luther. Am Tage Scholasticae (10. Febr.) 1546." Aber was Frau Kaethe zu wenig an Gottvertrauen zeigte, das bewies der Herr Doktor zu viel. Sie wusste und hoerte, dass er, trotzdem er sich jeden Abend mit warmen Tuechern behandeln lassen musste, seinen alten Predigteifer auch in der fremden Stadt in der kalten Kirche bethaetigte; zwei Geistliche ordinierte er und viermal predigte er, zuletzt am Sonntag den 14. Februar. Abends schrieb er noch einen Brief an seine Hausfrau, erwaehnte aber nichts davon, dass er heute morgen seine Predigt hatte abbrechen muessen aus Schwachheit; er bat aber seine Frau um Arzneien[559]. Der Brief schlaegt wieder froehliche und hoffnungsvolle Toene an; die Aussicht auf Rueckkehr nach der lieben Heimat vergoldete die truebe Stimmung[560]: "Meiner freundlichen, lieben Hausfrauen, Katherin Lutherin von Bora zu Wittenberg zu Haenden. Gnade und Friede im Herrn. Liebe Kaethe! Wir hoffen diese Woche wieder heim zu kommen, ob Gott will. Gott hat grosse Gnade hier erzeigt; denn die Herren durch ihre Raete fast altes verglichen haben, bis auf zwei Artikel oder drei, unter welchen ist, dass die zwei Brueder Graf Gebhardt und Graf Albrecht wiederum Brueder werden, welches ich heute soll vornehmen und will sie zu mir zu Gaste bitten, dass sie auch mit einander reden; denn sie bis daher stumm gewesen und mit Schriften sich hart verbittert haben. Sonst sind die jungen Herren (die Soehne der feindlichen Grafen) froehlich, fahren zusammen mit den Narrengloecklein auf Schlitten und die Fraeulein auch und bringen einander Mummenschanz, und sind guter Dinge, auch Graf Gebhardts Sohn. Also muss man greifen, dass Gott Gebete erhoert. Ich schicke Dir Forellen, so mir die Graefin Albrecht geschenkt hat: die ist von Herzen froh der Einigkeit. Deine Soehnchen sind noch zu Mansfeld. Jakob Luther will sie wohl versorgen. Wir haben hier zu essen und zu trinken als die Herrn, und man wartet unser gar schoen, nur allzu schoen, dass wir Euer wohl vergessen moechten zu Wittenberg. So ficht mich der Stein auch nicht an. Aber Doktor Jonas Bein waere schier gnad worden, so hat's Loecher gewonnen auf dem Schienbein; aber Gott wird auch helfen. Solches alles magst Du Mag. Philippus anzeigen, Doktor Pommer und Doktor Kruziger. Hier ist das Geruecht herkommen, dass Doktor Martinus sei weggefuehrt, wie man zu Leipzig und Magdeburg redet. Solches erdichten die Naseweisen, Deine Landsleute. Etliche sagen, der Kaiser sei dreissig Meilen Wegs von hinnen bei Soest in Westphalen; etliche, dass der Franzose Knechte annehme, der Landgraf auch. Aber lass sagen und singen: wir wollen warten, was Gott thun wird. Hiemit Gott befohlen. Zu Eisleben am Sonntag Valentini 1546. M. Luther, Doktor." Es war der letzte Brief an seine Ehefrau, der letzte, den Luther ueberhaupt schrieb. Die heitere Epistel kam am Donnerstag in Kaethes Haende und erregte bei den Klosterbewohnern grosses Vergnuegen: in Eisleben aber lag der Schreiber schon auf dem Totenbette. Der Gewaltige war am selben Tage frueh um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde, Dr. Jonas, M. Aurifaber, des Arztes, des Stadtpfarrers von Eisleben, des Grafen und der Graefin Albrecht, sanft und selig entschlafen. In Wittenberg freilich dachte man nicht daran. Melanchthon, dem Luther mit gleichem Boten geschrieben hatte (u.a. dass Papst Paul gestorben waere), verfasste noch einen Brief an den Freund und Frau Kaethe schickte noch eine Salbe mit, zur Wiederherstellung der Fontanelle am linken Schenkel. Aber am Freitag frueh 6 Uhr kam aus Torgau ein reitender kurfuerstlicher Bote vor des Kanzlers Brueck Haus; dieser liess sogleich D. Bugenhagen, Kreuziger und M. Philipp zu sich kommen; sie wussten aber bereits, was das kurfuerstliche Schreiben meldete, ehe er es ihnen zu lesen gab, denn vor einer Viertelstunde war auch ein Bote mit einem Brief aus Eisleben von Jonas an sie gelangt. Auf Bruecks Bitten verfuegten sich die drei Herren mit des Kurfuersten und Jonas' Brief unsaeumig hinauf zu der Doktorin und berichteten sie mit der besten Vorsicht von ihres Herrn Abgang. "Da ist das arme Weib, wie leichtlich zu achten, hart erschrocken und in grosser Betruebnis gewesen." Aber wiederum nicht an sich dachte sie zumeist, sondern an ihre Kinder, besonders, wie ihre drei Soehne in der Ferne sich ueber des Vaters Tod halten moechten[561]. Katharinas bange Ahnung hatte sich also erfuellt; ihre Sorge um den kraenklichen fernen Gatten war nicht ohne Grund gewesen. Das Trauervolle war geschehen: der teure Mann, der gewaltige Reformator, der geistvolle Lehrer und Prediger, der liebreiche Vater, der treue Gatte war nicht mehr! Wenn auch nicht unerwartet, so doch zu frueh fuer die Welt und fuer die Familie war er dahin geschieden, wohin er sich so oft gesehnt; von der Welt, ueber die er so viel gescholten und die er doch mit so viel Verstaendnis und Freude erfasst; von dem Amte, in dem er sich so muede gearbeitet, und in dem er doch noch so Grosses leistete; von der Familie, die ihm zwar Sorgen, aber noch viel mehr Glueck und Freude gebracht und die er mit so viel Glauben und Liebe umfasste; von der Gattin, die er so oft geneckt und manchmal getadelt, die er aber ueber alle Frauen geschaetzt und geliebt hatte. "Es war eine harte Wunde, die sie durch den Tod ihres Ehegemahls empfing. Und dazu musste sie noch klagen, dass derselbe in einem anderen Orte gestorben war, wo sie nicht bei dem Kranken Treue und die letzten Liebesdienste hatte erweisen koennen."[562] Ja, in der Fremde war er gestorben, zum grossen Schmerze Katharinas, die mit ihm zwanzig Jahre "in Friede und Freude" gelebt, die ihn in gesunden und kranken Tagen so hingebungsvoll gepflegt und jetzt die letzten Stunden seines Lebens nicht um ihn sein durfte, ihm in das liebe Angesicht schauen und die treuen Augen zudruecken durfte. Es war kaum ein Trost, dass er im Kreise der Freunde verschieden war, dass der Graf Albrecht ihm selbst Einhorn geschabt und seine Gemahlin ihm den Puls mit dem Staerkwasser strich, welches die Doktorin geschickt, und dass er in ihres Sohnes Paul Armen ausgeatmet und ihm sein treuer Aurifaber die Augen zugedrueckt hatte[563]. Und jetzt konnte sie nicht einmal den Trost geniessen, durch die Fuersorge fuer die Bestattung des geliebten Toten ihren Geist abzulenken von dem Gedanken des schmerzlichen Verlustes. Das kurfuerstliche Schreiben enthielt naemlich die Bestimmung, dass der Leib Luthers in der Schlosskirche zu Wittenberg bestattet werden sollte, bei Fuersten und Fuerstinnen, deren zwanzig dort bestattet waren. Aber so war wenigstens ihr lieber Herr bei ihr in ihrer Stadt und sie konnte mit den anderen Freunden "ihren Heiligen daselbst nach seinem Tode besuchen", wie Bugenhagen sich ausdrueckte. Denn die Grafen von Mansfeld haetten "die Leiche des hochteuern, von Gott mit unaussprechlichen Gaben begnadeten Mannes gern selbst in der Herrschaft behalten", folgten sie aber "aus unterthaenigem Gehorsam" dem Kurfuersten auf dessen Bitte dienstwillig aus. So ruestete sich nun die Doktorin, ihr Toechterlein und das ganze Kloster fuer das Leichenbegaengnis nur mit Trauergewaendern[564]. Aber auch die ganze Stadt und Universitaet machte sich bereit, ihren groessten Buerger mit feierlichem Leichengepraenge zu empfangen. Melanchthon hatte sofort nach der Ankunft der Todeskunde am Freitag frueh die Studenten in einem Anschlag benachrichtigt, dass der christliche Elias von seinen Juengern genommen sei. Der Rektor der Akademie, Dr. Aug. Schurf, befahl am Sonntag Morgen in einem Programme "allen Studenten am Nachmittag, sobald das Zeichen mit der kleinen Glocke gegeben werde, sich auf dem Markte zu versammeln und daselbst den ehrwuerdigen Pfarrherrn (D. Pommer) an der Kirche zu erwarten, ihm sofort zu folgen und mit ihm die Leiche zu empfangen, welche gewesen ist und sein wird eine Huette des heiligen Geistes." Von Wittenberg ritten dem Trauerzuge entgegen, um ihn in Bitterfeld, an der Mansfeldischen Grenze zu empfangen und ehrenvoll zu geleiten, die "Verordneten des Kurfuersten": Erasmus Spiegel, der Hauptmann von Wittenberg, Gangolf von Heilingen zu Dueben und Dietrich von Taubenheim zu Brehne mit Gefolge[565]. Aber die Leiche kam am Sonntag noch nicht: in jeder Stadt wollte man sie einholen, zurueckhalten, begleiten; und so verzoegerte sich die Ankunft des Zuges, der zuletzt in Kemberg gerastet hatte. Und Melanchthon musste am Schwarzen Brett, auf dem Programm des Rektors verkuendigen, dass die Ankunft der Leiche und ihre Bestattung erst am andern Morgen, etwa um 9 Uhr, stattfinde[566]. Im Laufe des Sonntags kam ein Beileid-Schreiben des Kurfuersten[567]: "An Catharina, Doctoris Martini seliger Gedaechtnis verlassene Witwe zu Wittenberg. Herzog Johanns Friedrich, Kurfuerst. Liebe Besondere! Wir zweifeln nicht, Ihr werdet nunmehr erfahren haben, dass der Ehrwuerdige und Hochgelehrte, unser Lieber Andaechtiger Doctor Martin Luther seliges Gedaechtnis, Euer Hauswirt, sein Leben in diesem Jammerthal zu Eisleben am naechsten Dornstag fruehe zwischen 2 und 3 Uhren christlich und wohl mit goettlichen der hl. Schrift Spruechen beschlossen hat und von hinnen geschieden ist, welches Wir aber mit betruebtem und bekuemmertem Gemuet vernommen. Der allmaechtige Gott wolle seiner Seelen, wie Wir denn gar nicht zweifeln, gnaedig und barmherzig sein! Und wiewohl Wir wohl ermessen moegen, dass Euch solcher Euers Herrn toedlicher Abgang schmerzlich und bekuemmerlich sein wird, so kann doch in dem Gottes gnaedigen Willen, des Allmaechtigkeit es also mit ihm gnaediglich und christlich geschafft hat, nicht widerstrebt werden, sondern es will solches Gott zu befehlen sein. Darum Ihr auch soviel destoweniger bekuemmern und seines christlichen Abscheidens Euch troesten wollet. Denn Wir seind gnaediglich geneigt, Euch und Eure Kinder um Eures Herren sel. willen, dem Wir in sonderen Gnaden und Guten geneigt gewest, in gnaedigem Befehl zu haben und nicht zu verlassen. Das wollen Wir Euch gnaediger Meinung nicht verhalten. Datum Torgau, Sonnabends nach Valentini 1546." Am Montag frueh versammelten sich am Elsterthor Rektor, Magistri und Doktores und die ganze loebliche Universitaet, auch ein ehrbarer Rat samt ganzer Gemeinde und Buergerschaft, dann die Geistlichen und Schulen. Auch Frau Kaethe machte sich auf mit ihrem Toechterlein Margarete und einigen Frauen und stellten sich weinend an den Weg, dem toten Gatten entgegen harrend. Endlich um 9 Uhr, langte der Zug mit der teuren Leiche an: geleitet von den kurfuerstlichen Abgeordneten und den beiden jungen Mansfelder Grafen Hans und Hoyer und einer grossen Reiterschar. Auch die Mansfelder Verwandten kamen mit, Luthers Lieblingsbruder Jakob, und seine Schwestersoehne Joerg und Cyriak Kaufmann und andere von der "Freundschaft". Vor allem aber die drei Soehne Hans, Martin und Paul. Es war ein schmerzliches Wiedersehen, das hier Frau Katharina erlebte. Die Soehne freilich konnte sie schluchzend in die Arme schliessen, aber das Antlitz des teuren geliebten Gatten durfte sie nicht mehr sehen; da lag er eingeschlossen im Sarg von Zinn, aufgebahrt auf dem Wagen, mit schwarzem samtenem Tuch umhangen[568]. Darauf ordnete sich der Zug: voraus die Geistlichkeit und die Schulen mit den herkoemmlichen Gesaengen und Zeremonien, darauf die "Berittenen" auf ungefaehr 65 Pferden. Gleich hinter dem vierspaennigen Leichenwagen fuhr die "Frau Doktorin Katharina Lutherin" mit den Matronen, nach herkoemmlicher Sitte auf einem niederen Waegelein. Ihr folgten die drei Soehne, der Bruder, die Neffen und andere Verwandten. Dann in vollem Ornat "der Rektor Magnificus der loeblichen Universitaet mit etlichen jungen Fuersten, Grafen und Freiherrn, so in der Universitaet Wittenberg Studii halber sich (auf)enthalten." Darnach kam als weiteres Leichengefolge: Kanzler Brueck, Melanchthon, Jonas, Bugenhagen, Kreuziger, Hieronymus Schurf und andere aelteste Doktoren; dann die uebrigen Doktoren, Magister, der ehrbare Rat, Buergermeister Cranach samt den Ratspersonen, darnach der ganze grosse Haufen und herrliche Menge der Studenten; darauf die Buergerschaft, desgleichen viele Buergerinnen, Matronen, Frauen, Jungfrauen, viel "ehrliche" Kinder, jung und alt; alles mit Weinen und Wehklagen. "In allen Gassen, auch auf dem Markt ist das Gedraenge so gross und solche Menge des Volkes gewesen, dass sich's billig in der Eil zu verwunden und viele bekannt haben, dass sie dergleichen zu Wittenberg nicht gesehen." So ging es unter Gesang und dem Gelaeute aller Glocken in unabsehbarem Zuge vom Elsterthor die ganze Laenge der Stadt hin am Kloster vorbei, das jetzt verwaist von seinem Vater und Herrn dalag, die Kollegienstrasse hinab zur Schlosskirche. Dort wurde der Sarg am Predigtstuhl niedergesetzt. Trauerlieder erschollen, bis Bugenhagen die Kanzel bestieg und vor den ungezaehlten Hoerern, die in und vor der Kirche standen, eine "gar festliche und troestliche Predigt" that. Darauf hat Melanchthon "aus sonderlichem Mitleiden, um die Kirche zu troesten", eine lateinische Gedaechtnisrede gehalten, die vor dem allgemeinen Weinen und Schluchzen kaum gehoert wurde. Seine Klage: "Wir sind wie arme Waisen, die einen vortrefflichen Mann zum Vater gehabt und ihn verloren haben", die den Grundton aller Rede bildeten, sie waren ganz besonders denjenigen aus dem Herzen gesprochen, die dem teuren Toten am naechsten standen, und am naechsten an seinem Sarg klagten: der trauernden Gattin, den weinenden Kindern[569]. "Nach den Leichenreden trugen etliche Magister den Sarg nach der Gruft und legten so das teure Werkzeug des heiligen Geistes, den Leib des ehrwuerdigen D. Martini zur Ruhe, nicht fern von dem Predigtstuhl, da er im Leben manche gewaltige Predigt gethan." Der Kurfuerst aber hatte schon am Tag vorher verordnet, dass eine Tafel aus Messing aufs Grab niedergelegt wurde, dergestalt wie noch heutzutage zu sehen ist[570]. Wohl konnte das ausserordentliche, wahrhaft fuerstliche Leichengepraenge zeigen, welch ein Mann, ja, wie der Rektor ankuendigte, welch ein "Fuerst Gottes" der Dahingegangene gewesen, welche Liebe und Verehrung er bei hoch und nieder genossen und die Teilnahme aller bewies, was die Welt an ihm verlor und betrauern musste, und das ist ja fuer die Hinterbliebenen immer ein Trost in ihrem Schmerz. Aber diese Leichenfeier zeigte auch, was die Angehoerigen selber an ihm gehabt und beweinen mussten. Was Katharinas Stimmung und Gedanken in diesen schmerzlichen Tagen war, das giebt sie kund in einem Briefe, den sie an ihre Schwaegerin Christina, die verwitwete Gemahlin eines ihrer Brueder und Mutter des Florian, welcher in Wittenberg ihr Hausgenosse war, richtete[571]. Da schreibt sie: "Der ehrbaren und tugendsamen Frauen Christina von Bora, meiner lieben Schwester zuhand. Gnad und Fried von Gott dem Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi! Freundliche liebe Schwester! Dass Ihr ein herzlich Mitleiden mit mir und meinen armen Kindern tragt, glaeub' ich leichtlich. Denn wer wollt' nicht billig betruebt und bekuemmert sein um einen solchen teuern Mann, als mein lieber Herr gewesen ist, der nicht allein einer Stadt oder einem einigen Land, sondern der ganzen Welt viel gedienet hat. Derhalben ich wahrlich so sehr betruebt bin, dass ich mein grosses Herzeleid keinem Menschen sagen kann, und weiss nicht, wie mir zu Sinn und zu Mut ist. Ich kann weder essen noch trinken, auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich haett' ein Fuerstentum und Kaisertum gehabt, sollt' mir so leid nimmer geschehen sein, so ich's verloren haett', als nun unser lieber Herrgott mir, und nicht allein mir, sondern der ganzen Welt, diesen lieben und teuern Mann genommen hat. Wenn ich daran gedenk', so kann ich vor Leid und Weinen--das Gott wohl weiss--weder reden noch schreiben. Katharina, des Herrn Doctor Martinus Luther gelassene Witfrau." 16. Kapitel. Luthers Testament. "Ich denke noch oft", erzaehlt der treue Hieronymus Weller nach Luthers Tod, "an den Mann Gottes, Doktor Martin Luther, dass er sein Gemahl liess den 31. Psalm auswendig lernen, da sie noch jung und frisch und froehlich war und sie noch nicht wissen konnte, wie dieser Psalm so lieblich und troestlich war. Aber ihr Mann that das nicht ohne Ursache. Denn er wusste wohl, dass sie nach seinem Tode ein betruebtes, elendes Weib sein und dieses Trostes, so der 31. Psalm in sich hat, sehr noetig werde beduerfen." Und aehnlich hat sich der Doktor auch in seinem Testament ausgesprochen, wie in seinem Brief auf seiner Trutz-Fahrt[572]. Luther kannte eben die Welt und seine und seiner Familie Lage: er kannte der Leute Undank[573], der Fuersten Unzuverlaessigkeit und ihrer Beamten Untreue, der Amtsgenossen kleinliche Gesinnung, der Feinde Hass, der sich schon bei Lebzeiten auch gegen sein Gemahl in unerhoerter Beschimpfung richtete und sich noch ungehemmter zeigen musste, wenn erst der gefuerchtete Kaempe den Schild nicht mehr ueber sie deckte. Er wusste, dass er ein kranker Mann war, dass er sterben werde, ehe seine Kinder erzogen und versorgt waeren; er kannte die traurige Lage einer Witwe zu seiner Zeit, die ohne Ansprueche auf Witwengehalt, ja nach dem herkoemmlichen Recht ohne Ansprueche auf die Hinterlassenschaft war. Deshalb war er in Sorge fuer seine treue Gattin; deshalb hat er aber auch, so viel an ihm lag, Fuersorge fuer sie getroffen, um sie vor dem Schwersten zu bewahren. Diese Gedanken hat Luther in seinem "zweiten" und "letzten" "Testament" niedergelegt, welches vier Jahre vor seinem Tode, am 6. Januar 1542 niedergeschrieben ist. Darin setzt er seiner "lieben und treuen Hausfrau" ein Leibgeding aus und will sie schuetzen gegen "etlich unnuetze, boese und neidische Maeuler", welche seine "liebe Kaethe" beschweren oder verunglimpfen moechten oder die Kinder aufhetzen. "Denn der Teufel, so er mir nicht konnte nahe kommen, sollt er wohl meine Kaethe (auf) allerlei Weise (heim)suchen, (schon) allein (aus) der Ursache, dass sie des D.M. ehrliche Hausfrau gewesen und Gottlob noch ist."[574] So musste Frau Katharina auch bald spueren, welcher Unterschied es sei, die Gattin des grossen Doktors zu sein, der nach dem Anspruch eines grossen Fuersten neben dem Kaiser die Welt regierte, dessen Ansehen und Ehre auch auf die "Hauswirtin" ueberging, und Luthers verlassene Witwe, in deren Vermoegens-und Familienverhaeltnisse, Hauswirtschaft und Kindererziehung hineinzureden und hineinzuregieren sich jetzt viele berufen fuehlten, zum Teil aus gutem Willen und Verehrung fuer den dahingegangenen Freund und Reformator, waehrend bisher Frau Katharina selbst, hoechstens mit Rat und Zustimmung ihres Eheherrn, in diesen Dingen vollstaendig selbstherrlich geschaltet hatte. Dass sie, die energische Frau, welche sich ihrer Tuechtigkeit in der Leitung eines grossen Hauswesens wohl bewusst war, und welcher Luther so bereitwillig das Hausregiment ueberlassen hatte, dies Dreinreden und Dreinbefehlen schwer empfand, ist begreiflich. Nicht wenig musste es sie auch schmerzen und ihr Selbstgefuehl verletzen, dass sie bisher die erste Frau der Stadt, ja der evangelischen Welt, nun bescheiden zuruecktreten musste. Schwer auch kam sie's gewiss an, dass sie das in so grossem Stil gefuehrte Hauswesen mit seiner unerhoerten Gastlichkeit beschraenken musste. Zwar das trat nicht ein, was Luther gefuerchtet hatte, dass "die vier Elemente (d.h. doch wohl die vier Fakultaeten der Universitaet) sie nicht wohl leiden" wuerden. Auch davon hoert man nichts, was Luther in seinem Testamente aussprach: "Ich bitt alle meine guten Freunde, sie wollten meiner lieben Kaethe Zeugen sein und sie entschuldigen helfen, wo etliche unnuetze Maeuler sie beschweren und verunglimpfen wollten, als sollte sie etwa eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern entwenden oder unterschlagen wuerde. Ich bin des Zeuge, dass da keine Barschaft ist, ohne die Becher und Kleinod droben im Wipgeding erzaehlt (aufgezaehlt), vielmehr 450 fl. Schulden oder mehr."[575] Aber Luther hatte noch ein weiteres vorausgesehen, was seiner Frau vorgeworfen werden koennte: eine ueble Wirtschaft. Es heisst weiter im Testament: "Es kann solches bei jedermann die Rechnung oeffentlich geben, weil man weiss, wie viel ich Einkommens gehabt von meinen gestrengen Herrn, ohn was Geschenk ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, zumteil auch noch in der Schuld steckt und zu finden ist. Und ich doch von solchem Einkommen und Geschenk so viel gebaut, gekauft und grosse und schwere Haushaltung gefuehrt, dass ich's muss neben anderem selbst fuer einen sonderlichen, wunderliche Segen erkennen, dass ich's hab koennen erschwingen, und nicht Wunder ist, dass keine Barschaft, sondern dass nicht mehr Schuld da ist."[576] Am meisten unzufrieden mit der gesamten Wirtschaft Katharinas war der Kanzler Brueck, Luthers Gevattersmann. Brueck hatte schon 1536, als Katharina das Gut Booss pachten wollte, ihr das nicht zukommen lassen, aus Argwohn, sie wolle dies herrschaftliche Gut so unter der Hand erblich an sich und ihre Kinder bringen, "welche Gedanken doch nie in ihr Herz gekommen sind". Deshalb hatte sie auch den Landrentmeister Taubenheim spaeter (1539), als das Gut wieder pachtfrei war, angegangen, solchen ihren Antrag an niemand sonst, auch nicht an den Kurfuersten (welchen dann Brueck um Gutachten gefragt haette) gelangen zu lassen, sondern ihr's unter der Hand zukommen zu lassen, was dann auch geschah. Brueck aeusserte sich auch sehr abschaetzig ueber Kaethes Unternehmungen auf ihrem Lieblingssitz Zulsdorf und hielt diese kostspieligen Verbesserungen fuer arge Verschwendungen. Er widersetzte sich endlich dem Erwerb von Wachsdorf. Daher ist es begreiflich, dass auch Katharina auf ihn uebel zu sprechen war, und ueberhaupt auf die fuerstlichen Amtleute, welche scheel zu den Begnadigungen sahen, die sie vom Hofe erhielten, und sogar sie darin verkuerzten. Als Luther ein Jahr vor seinem Tode von Wittenberg wegziehen wollte, und seine Frau beauftragte, seine Besitzungen in der Stadt zu veraeussern, da liess Melanchthon gegen Brueck merken, dass eigentlich Katharina das "treibe" und dass es nicht das sei, was Luther vorwende. Das berichtete der Kanzler dem Kurfuersten und fuegte mit einer gewissen Schadenfreude hinzu: es gebe Gottlob keine Kaeufer fuer so kostbare Haeuser und Gueter[577]. Als dann die kurfuerstliche Verordnung wegen "der Hochzeiten und Kindtaufen" an Luther geschickt wurde, kamen Melanchthon und Bugenhagen zu Brueck und zeigten an, Luther wolle sie weder sehen noch hoeren; zu Hof haette man nur sein Gespoett damit. Daraus schloss Brueck, dass der Doktor durch seine Frau aufgewiegelt werde. Es war also ein Zerwuerfnis zwischen dem Schwarzen Kloster und dem Hof, das heisst zwischen Dr. Luther und Kanzler Brueck, der den "Hof" vertrat, so dass Brueck gar nicht mehr persoenlich und direkt mit Luther verhandelte, sondern die beiden Theologen sandte oder auch einen Dritten[578]. Dieses Zerwuerfnis hatte dann noch seine weitere Geschichte. Im Dezember 1545 schickte Brueck einen Zwischenhaendler ins Schwarze Kloster "hinauf zu Sr. Ehrwuerden", um Luther zu bewegen, er solle aus einer vom Hof bestellten Schrift eine politisch bedenkliche Stelle auslassen. "Da war Frau Kaethe auch dabei und hat ihr Wort dazu gelegt dergestalt: "Ei lieber Herr, sie lesen zu Hof nichts; das macht's, wissen sie doch Euere Weise wohl u.s.w." Und Luther wurde ueber diese Zumutung des Kanzlers zornig und wunderlich und sagte, er wolle es kurzum nicht thun. Diese Rede Kaethes wurde natuerlich dem Kanzler hinterbracht und er berichtete sie sofort samt den vorhergehenden Beobachtungen dem Kurfuersten mit dem Zusatz: "Ich sorg, weil sich Doktor Martinus in mehr denn einem Weg wider den Hof bewegt vermerken laesst, es muss nochmals das Guetlein Wachsdorf dahinter stecken, und der gute, fromme Herr durch die "Rippe" bewegt wird."[579] Das alles spielte kurz vor Luthers Tode; begreiflich, dass die Verstimmung bei Brueck jetzt noch frisch und kraeftig nachwirkte. Auch Melanchthon und Bugenhagen scheinen gegen die Doktorin eingenommen, wenn man den Berichten von Brueck glauben soll. Es muss aber doch ausfallen, dass ausser den Brueckschen Berichten keine Belege fuer Melanchthons und Bugenhagens Feindseligkeit gegen Frau Kaethe bekannt sind; ja die Fuersorge beider, namentlich Melanchthons und das Zutrauen Katharinas zu diesem beweist eher das Gegenteil. Dennoch waere nach Bruecks Eingabe eine voruebergehende Erregung der beiden alten Freunde gegen sie vorhanden gewesen. Zunaechst freilich wirkte die Liebe und Verehrung, die der gewaltige und gemuetreiche Mann genossen, auch noch auf seine Familie, insbesondere die trauernde Gattin. Der Kurfuerst hatte einst vor neun Jahren in Schmalkalden an Luthers vermeintlichem Sterbebett diesem versprochen: "Euer Weib soll mein Weib sein und Euere Kinder sollen meine Kinder sein". Dessen gedachte er auch jetzt nach des Doktors wirklichem Abscheiden und sandte an "die Doktorin, Luthers liebe Hausfrau", jenes gnaedige Trostschreiben, worin er sie und ihre Kinder seiner gnaedigen Fuersorge versichert[580]. Diesem Versprechen kam nun auch der Fuerst getreulich nach, so lange er in Freiheit war und es vermochte. Der Kanzler Brueck hatte in einer Nachschrift zu seinem Briefe an den Kurfuersten vom 19. bemerkt: "Philippus hat mir gesagt, er habe der Doktorin bereits vor 14 Tagen 20 Thaler zur Haushaltung leihen muessen. E. Kf. Gn. wollen 14 Thaler verordnen zur Haushaltung und anderem, das dieses Falles Notdurft wohl erfordern will. Der Allmaechtige wird es E. Kf. Gn. reichlich vergelten!" Darauf sandte der Kurfuerst sofort am folgenden Tag hundert Gulden mit einem Schreiben an Melanchthon; darin heisst es: "Dieweil Wir auch vermerken, als solle gemeldten Doctor Martini seligen Hausfrau und Witwe am Gelde Mangel haben, wie ihr denn von Euch vor seinem Tode Fuersehung (Vorschuss) geschehen sein solle: als schicken Wir Euch bei diesem Boten hundert Gulden. Davon wollet Euch des Geldes, was Ihr geliehen habt, zuvor bezahlen und der Witwe die Uebermass (den Ueberschuss) von Unserntwegen zustellen."[581] Und vielleicht nochmals zwei Tage nach der Beisetzung hat der Kurfuerst die Witwe Luthers seiner besonderen Gnade und Fuersorge versichert. Auch erbot er sich, ihren aeltesten Sohn an den Hof und in die kurfuerstliche Kanzlei zu nehmen[582]. Auch die Freunde des Hauses nahmen sich der Witwe noch an. Melanchthon erwies ihr eine kleine Aufmerksamkeit. Als er am 11. Maerz einen Hasen und einen Pelz von Jonas erhielt, dachte er an das Mosesgesetz, dass den Priestern, welche die Buerde der Kirchenregierung auf ihren Schultern trugen, auch die Haut des Opfertieres gehoeren sollte, und damit an Luther, der so lange Jahre auf seinen Schultern eine solche Last Geschaefte getragen, und er schickte den Pelz und Hasen an Luthers Witwe[583]. Jonas berichtet am 15. April an Koenig Christian III. von Daenemark ueber Luthers Tod und fuegte die Bitte bei: "Bitt' unterthaenigst E.K.Maj. wolle der Witwe Domini D. Martini seiner drei Soehne Martini, Pauli, Johannis und eines Toechterlein Margret gnaedigster Herr sein."[584] Sogar der Herzog von Preussen schrieb an den Kurfuersten von Sachsen fuer D. Martini seligen Witwe eine "Vorbitt", deren der Kurfuerst freundlich eingedenk zu sein verheisst: "Dieweil Wir dem Doktor bei seinem Leben in allem Guten geneigt gewesen, so achten Wir Uns auch schuldig, seine nachgelassenen Kinder, seinen getreuen, fleissigen und christlichen Dienst geniessen zu lassen, wie Wir sie auch samt der Witwe in gutem Befehl habend."[585] Die Grafen von Mansfeld hatten Luther und seiner Familie fuer seine Vermittlung 2000 fl. zugesagt und haben diese dann auch am 8. Mai 1546 "Doktor Luthers nachgelassener Wittfrau und Kindern" verschrieben, zu "Dankbarkeit solch christlichen Liebe und Erzeigung bemeldts D.M. Luthers, dass er sich gutwillig gen Eisleben gefuegt und treumeinende Handlung vorgenommen und also daselbst mit Friede sein Ende christlich und seliglich beschlossen."[586] Endlich bestand noch ein Vermaechtnis des Kurfuersten Johann Friedrich von 1000 fl., welche Luthers Kindern ausgesetzt waren, und wovon einstweilen die Renten ausbezahlt wurden, als eine Art Gnadengehalt fuer die Waisen[587]. Der Witwe war in diesen Verschreibungen nicht gedacht. Dagegen hatte Luther fuer seine Gattin schon vier Jahre vor seinem Tode ein Leibgeding ausgesetzt. Luther hatte nun in bekannter Missachtung der Juristen und des juristischen Formen-Krams dies Dokument absichtlich selbst aufgesetzt und nur von seinen theologischen Freunden Melanchthon, Kreuziger und Bugenhagen unterschreiben lassen, in der Meinung, da ihn so "viele in der Welt fuer einen Lehrer der Wahrheit halten" trotz Papstes Bann und des Kaisers, Koenige, Fuersten, Pfaffen, ja aller Teufel Zorn, so sollte man ihm und seiner Handschrift auch in diesen geringen Sachen glauben." Er schreibt darin: "Zuletzt bitt' ich jedermann, weil ich in dieser Begabung oder Wibgeding nicht gebrauche der juristischen Formen und Woerter (wozu ich Ursachen gehabt), man wolle mich lassen sein die Person, die ich in Wahrheit bin, naemlich oeffentlich im Himmel, auf Erden und in der Hoelle bekannt, der man trauen und glauben mag, mehr denn keinem Notario."[588] Daraus ergiebt sich eine Missstimmung gerade gegen Brueck, der ja in diesem Falle besonders haette gehoert werden muessen. Aber die Rechtsgelehrten konnten dies Testament auch anfechten und scheinen dies gethan zu haben eben darum, weil Luther in so geflissentlicher Weise die verhassten Juristen uebergangen hatte. Waren doch die Juristen immer noch bedenklich ueber die Rechtsgueltigkeit der Priesterehe und gar der Ehe von Moenchen und Nonnen, also dass Luther fuerchten musste, dass sie seine "Ehre und Bettelstuecke seinen Kindern nicht gedenken zuzusprechen". Da konnte nur eine besondere Entscheidung der Staatshoheit der Witwe zu ihrem Rechte verhelfen, wie auch Luther selbst in dem Testament vorgesehen hatte: "Und bitt auch hiemit unterthaeniglich, S.K.G. wollten solche Begabung oder Wibgeding schuetzen und handhaben."[589] Dies sog. "Testament" Luthers war eigentlich ein Leibgeding fuer seine Hausfrau, ein "Weibgedinge", wie es herkoemmlich von Ehemaennern frueher oder spaeter ausgestellt zu werden pflegte. Es hatte um so groessere Bedeutung, als es fuer Beamten-, wie Professorenfrauen kein Witwengehalt gab und das saechsische Erbrecht fuer Frauen so unguenstig war. Alle evangelischen Pfarrer der Reformationszeit, deren Besoldung sehr unsicher, oft nur ein Gnadengehalt war, strebten deshalb danach, ihren Frauen, wie Luther sich ausdrueckt, ein "Erbdaechlein und Herdlin", d.h. Grundbesitz, zu verschaffen; und jeder Ehemann in Sachsen pflegte der Ehefrau ein Leibgedinge zu verschreiben. "Wie wenige findet man," sagt Luthers langjaehriger Hausgenosse Hieronymus Weller, als er Pfarrer in Freiberg war und Weib und Kind hatte, "wie wenige findet man, die sich kuemmern um Witwen und Waisen von verstorbenen Dienern der Kirche! Darum folge ich Luthers Beispiele und kaufe ein Haus zur Zuflucht fuer die Meinen in der Zukunft." So dachte auch Luther. Er aeusserte sich sehr unzufrieden ueber das saechsische Recht wegen seiner Behandlung der weiblichen Ansprueche. "Sachsenrecht", sagte er, "ist allzustreng und hart, als das da anordnet, dass man einem Weibe nach ihres Mannes Tode geben soll nur einen Stuhl und Rocken". Dies legte aber Luther so aus: "_Stuhl_, das ist Haus und Hof; _Rocken_, das ist Nahrung, dabei sie sich in ihrem Alter auch koenne erhalten; muss man doch Dienstboten besolden und jaehrlich ihnen ihren Lohn geben, ja man giebt doch einem Bettler mehr."[590] Demgemaess handelte nun auch Luther und schrieb--schon am Dreikoenigstag 1542--sein "Testament", d.h. das "Weibgeding" fuer seine Gattin[591]. "Ich, M.L.D. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, dass ich meiner lieben u. treuen Hausfrauen Katherin gegeben habe zum Wipgeding (oder wie man es nennen kann) auf ihr Lebenlang, damit sie ihres Gefallens u. zu ihrem Besten gebaren muge, und gebe ihr das in Kraft dieses Briefs, gegenwartiges und heutigen Tages: Naemlich das Guttlein Zeilsdorff, wie ichs bis daher gehabt habe. Zum andern das Haus Bruno zur Wohnung, so ich unter meines Wolfs Namen gekauft habe. Zum dritten die Becher und Kleinod, als Ringe, Ketten, Schenkgroschen, gulden und silbern, welche ungefaehrlich sollten bey 1000 Fl. werth seyn. Das thue ich darumb, Erstlich, dass sie mich als ein frum, treu ehelich Gemahel allezeit lieb, werth u. schoen gehalten, und mir durch reichen Gottes-Segen fuenf lebendige Kinder (die noch furhanden, Gott geb lange) geboren und erzogen hat. Zum andern, dass sie die Schuld, so ich noch schuldig bin (wo ich sie nit bey Leben ablege), auf sich nehmen und bezahlen soll, welcher mag seyn ungefaehr, mir bewusst, 450 fl. mugen sich vielleicht wohl mehr finden. Zum dritten, und allermeist darumb, dass ich will, sie muesse nicht den Kindern, sonder die Kinder ihr in die Haende sehen, sie in Ehren halten, und unterworfen seyn, wie Gott geboten hat. Denn ich wohl gesehen und erfahren, wie der Teufel wider diess Gebot die Kinder hetzet und reizet, wenn sie gleich frum sind, durch boese und neidische Maeuler, sonderlich wenn die Muetter Witwen sind, und die Soehne Ehefrauen, und die Toechter Ehemaenner kriegen, und wiederumb socrus nurum, nurus socrum. Denn ich halte, dass die Mutter werde ihrer eigenen Kinder der beste Vormund seyn, und soelch Guttlein und Wipgeding nicht zu der Kinder Schaden oder Nachtheil, sondern zu Nutz und Besserung brauchen, als die ihr Fleisch und Blut sind und sie unter ihrem Herzen getragen hat. Und ob sie nach meinem Tode genoethiget oder sonst vorursachet wurde (denn ich Gott in seinen Werken und Willen kein Ziel setzen kann) sich zu voraendern: so traue ich doch, und will hiemit soelches Vertrauen haben, sie werde sich mutterlich gegen unser beyder Kinder halten, und alles treulich, es sey Wipgeding oder anders, wie recht ist, mit ihnen theilen. Auch bitt ich alle meine gutten Freunde, sie wollten meiner lieben Kaethen Zeugen seyn und sie entschuldigen helfen, wo etzliche unnutze Maeuler sie beschweren oder verunglimpfen wollten, als sollt sie etwa eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern entwenden oder unterschlagen wuerde. Ich bin dess Zeuge, dass da keine Barschaft ist, ohn die Becher und Kleinod, droben im Wipgeding erzaehlet. Und zwar sollts bey iedermann die Rechnung offentlich geben, weil man weiss, wie viel ich Einkummens gehabt vom M. gestr. Herr, und sonst nicht ein Heller noch Koernlein von iemand einzukummen gehabt, ohn was Geschenk ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, zum Theil auch noch in der Schuld steckt, und zu finden ist. Diess bitte ich darumb: denn der Teufel, so er mir nicht kunnt naeher kummen, sollt er wohl meine Kaethe, allein der Ursachen, allerley Weise suchen, dass sie des Mannes D.M. eheliche Hausfrau gewesen, und (Gott Lob) noch ist."-- Ausser diesem Witwengut bestand das Lutherische Vermoegen aus folgendem: dem Klosterhaus, hernach zu 3700 fl. verkauft, den beiden Gaerten zu 500 fl., Hausrat und Bibliothek zu 1000 fl. zusammen 5200 fl. Das Leibgeding der Mutter betrug im Verkaufswert 2300 fl., naemlich das Gut Zulsdorf 956 fl., das Haus "Bruno" zu 343 fl., bisher "um einen liederlichen Zins" vermietet, dazu noch die 1000 fl. Silbergeschirre; davon gingen allerdings die genannten 450 fl. Schulden ab, wenn sie bei Luthers Tod noch standen; diese Schulden machten ihr viel Sorgen; eine "Barschaft" war--auch nach D. Bruecks Zeugnis "nicht da". Freilich Luther selber hatte diesen Besitz viel hoeher angeschlagen; in der Schaetzung 1542 berechnet er ihn auf 9000 fl. Das Einkommen aber aus allem schaetzt er auf kaum 100 fl. Dazu kamen noch seit einiger Zeit 50 fl. jaehrliche Rente, aus dem verschriebenen kurfuerstlichen Legate von 1000 fl. und endlich noch 2000 fl. des Grafen von Mansfeld[592]. Das war wohl ein grosser, weitlaeufiger Besitz; aber er war wenig eintraeglich; alles in allem warf er 250 fl. ab. Ob davon eine groessere Familie ohne gar zu grosse Einschraenkung leben konnte? Die Kinder waren noch alle unversorgt und unmuendig. Der aelteste Sohn Hans war 20 Jahre alt, das juengste Toechterlein Margarete erst 11, Martin 14 und Paul 15. Und die drei Soehne sollten nach Luthers Wunsch alle studieren: Hans nach der Mutter Meinung die Rechte, Martin wollte Theologe werden, Paul hatte sich schon mit des Vaters Beifall fuer die Medizin entschlossen. Zudem war noch der alte lahme Famulus Wolf da, der als gewohntes Erbstueck mit versorgt werden musste; er hatte zwar auf Luthers Ansuchen vom Kurfuersten ein Stipendium von 40 fl. bekommen, dies aber ging in Luthers Haushalt mit auf[593]. Man konnte Luthers Witwe, die einen so grossen und gastfreien Haushalt gewohnt war, doch nicht zumuten, das alte liebe Haus zu verlassen und sich in aermlichster Weise, etwa in die "Bude" Bruno oder auf Zulsdorf zurueckzuziehen und die Kinder unter fremde Leute zu geben. Brueck war freilich dieser Meinung. Frau Katharina dagegen wollte alle Kinder bei sich behalten, was ja wohl auch das billigste war; sie wollte ferner im Klosterhaus bleiben und Kostgaenger nehmen in noch ausgedehnterem Masse wie bisher; sie wollte endlich nicht nur "die Boese" (das Gut Booss), die sie etliche Jahre her zur Miete und um einen "liederlichen Zins" innegehabt, ferner auch also behalten, sondern noch ein weiteres landwirtschaftliches Anwesen erwerben, um ihre Einnahmen zu vermehren[594]. Dies alles aus Fuersorge fuer sich und ihre Kinder; aber auch, wie der Kanzler Dr. Brueck gewiss richtig versteht, "damit sie zu thun, zu schaffen und zu gebieten genug hab, und ihr demnach an der vorigen Reputation nichts abgehe". Namentlich war ihr das neue Landgut angelegen: hatte sie ja fuer die Landwirtschaft besondere Neigung aus wirtschaftlichem Interesse, aber wohl auch aus ihrem adeligen Bewusstsein heraus. Schon vor mehreren Jahren naemlich war ihrem Gatten das grosse Gut Wachsdorf zum Kaufe angetragen worden, welches eine Stunde von Wittenberg, jenseits der Elbe, also viel guenstiger als das ferne Zulsdorf gelegen, auch fruchtbarer und eintraeglicher, freilich auch teurer war als dies. Das wurde ihr nun aufs neue angeboten[595]. Die Witwe fragte nun Melanchthon um Rat. Der sah fuer gut an, man sollte den Kauf von Wachsdorf anlangend des Kurfuersten Rat und, wo dieser es riete, seine gnaedige Hilfe erbitten. Sie aber wollte das schlechterdings nicht haben--gewiss nur deshalb, weil sie von vorn herein wusste, dass der kurfuerstliche Rat--der Rat Dr. Bruecks sei, dem die Sache zur Begutachtung uebergeben wuerde und der dem Vorhaben Katharinas durchaus entgegen war. Sie entwarf nun eine Eingabe an den Kurfuersten dahingehend: Weil sie gedenke, das Gut Wachsdorf zu kaufen, so wolle S.K.Gn. ihr dazu gnaedige Hilfe thun, und sie mit Vormuendern bedenken, damit ihre Kinder und sie zu ihrer Unterhaltung bedacht werden moechten, dieweil kein Geld, Gesinde oder Vorrat vorhanden, denn das Gut waere nicht angerichtet (eingerichtet). Diese Bittschrift gab Frau Katharina Melanchthon zur Begutachtung. Dieser brachte sie nun am Dienstag, 9. Maerz, abends in die Sitzung mit, welche er, Bugenhagen und Kreuziger mit Brueck wegen des Regensburger Religionsgespraeches bei dem Kanzler hielten, und gab sie--Brueck. Und der Kanzler las sie nun "oeffentlich" vor. Als Bugenhagen den Plan Katharinas wegen Wachsdorf vernahm, rief er: "Da hoert man wohl, wer alleweg nach dem Gut Wachsdorf getrachtet. Vorher hat man's auf den Doktor geworfen, der wolle es schlechterdings haben; aber jetzt merkt man wohl, wessen Getrieb es gewest." Darnach fielen allerlei Reden zwischen den vier Maennern und meinten dieselben "fast insgemein": "Kriegte sie das Gut, so wuerde sie ein solches Bauen darauf anfangen, zu ihrem und der Kinder grossem Schaden, wie sie mit dem Gut Zulsdorf auch gethan, welches sie ueber 1600(!) Gulden zu stehen kam und wollt ihr nicht gern 600 Gulden gelten[596]. Weiter wurde bedacht: Wenn sie draussen (in Wachsdorf) bauen und wohnen wollte, so wuerde sie die Soehne zu sich hinaus vom Studium abziehen, dass sie junkern lernten und Voegel fangen[597]. Ferner ueberschwemme die Elbe sofort und bedecke das Gut mehrern Teils mit Wasser; man koenne keinen Keller bauen, es sei ueberhaupt "ein wuestes Guetlein". Aber Melanchthon, der das Ungehoerige seines Schrittes wohl einsah, bat, man solle nicht ueber die Bittschrift verhandeln, sondern sie, wie sie waere, an den Kurfuersten abgehen lassen; "die Frau liesse sich doch nit raten, sondern ihr Gutduenken und Meinung muesse alleweg fuer ruecken". Brueck sagte: "Will sie um Vormuender bitten, so wird sie ja mit derselben Rate handeln und vorgehen muessen. Und ich daechte, dass Kreuziger und M. Melanchthon neben andern die besten Vormuender waeren; denn sie wissen ja um des Herrn sel. Gelegenheit; die Kinder muessen ihnen auch des Studiums halber vor anderen folgen." Aber die beiden schlugen die Vormundschaft "alsbald glatt ab", aus Ursachen, dass "die Frau nicht folge und sie oft beschwerliche Reden von ihr wuerden einnehmen muessen". Ferner liess sich Melanchthon vernehmen, dass sie der Kinder keins wolle von sich thun, sondern dieselben sollten bei ihr in Wittenberg unterhalten werden. Und wiewohl der aeltere Sohn Hans nicht ungeneigt gewesen waere, auf des Kurfuerst gnaediges Erbieten gen Hof und in die kurf. Kanzlei zu ziehen, so haette sie ihn doch (ab)wendig gemacht. Man[598] habe von andern auch dergleichen gehoert, dass sie vorgaebe: es waere ein alberner Gesell, man wuerde ihn in der Kanzlei nur aeffen und zum Narren machen. Zum Studium tauge er nach Melanchthons Meinung gar nicht, denn er waere zu gross und es fehlten ihm die Grundlagen. Endlich war der Kanzler der Meinung, man sollte die Behausung des Klosters, diese weitlaeufige Wohnung, verkaufen oder verlassen. Aber Melanchthon erklaerte, dass "ihr Gemuet (Sinn) nicht waere", das zu thun, sondern sie gedaecht es zu behalten, ingleichen auch das Gut Zulsdorf, selbst wenn Wachsdorf dazu kaeme. So war--nach Bruecks Bericht--die Unterredung der vier Freunde und Gevattern Luthers ueber seine Witwe. Melanchthon hatte also gegen den Willen der Frau Doktorin ihr Anliegen dem Kanzler vorgetragen, dessen Dreinreden sie gerade--und mit gutem Grund--vermeiden wollte; und er hatte auch noch allerlei muendliche Mitteilungen gemacht, welche nicht dazu dienen konnten, die Stimmung der Freunde gegen die Doktorin zu verbessern. Ohne von dieser Behandlung ihrer vertraulichen Mitteilung etwas zu wissen, liess nun Frau Katharina ihre Eingabe durch den Hausfreund Ratzeberger, den kurfuerstlichen Leibarzt, bei Hofe im Torgauer Schloss einreichen. Es geschah am Mittwoch, und schon Donnerstag, 11. Maerz, fordert der Kurfuerst den Kanzler Brueck in Wittenberg um ein Gutachten ueber die Bittschrift Katharinas auf, die er seinem Schreiben beilegte. Das Gutachten des Kanzlers ist nun ein eigentuemlich gehaessiges Schreiben. Brueck berichtet darin an den Kurfuersten zuerst die vertrauliche Beratung der drei Theologen mit allen fuer Katharina unguenstigen Bemerkungen derselben, und zwar, wie es scheint, verschaerft. Haette das Melanchthon gewusst, so haette er's wohl unterlassen, Brueck "von der Frauen wegen um sein Bedenken" zu bitten. Ferner erwaehnt der Kanzler in dem Schriftstueck allerlei gehaessiges und sogar verlogenes Geschwaetz "von andern". "Viel Leut wollen's dafuer halten, es werde endlich schwerlich unterbleiben, dass sie sich wieder veraendern wird"--so wagt Brueck drei Wochen nach ihres Gatten Tod von einer 47jaehrigen Frau zu schreiben! und dies, obwohl er sich bewusst ist und ausdruecklich erklaert, es sollte vermieden werden, dass "man mit der Frauen disputiere, ob sie sich veraendern wird oder nit". Ferner berichtet er an den Kurfuersten: "Man sagt mir, es hab ein jeder Knab einen eigenen Praeceptor und Famulum"--hinterher stellt sich aber heraus, dass es bloss ein einziger ist, Rutfeld, und ein gelehrter und treuer Geselle. Ebenso wird es Uebertreibung sein, wenn er als "oeffentlich" hinstellt, was "des andern Gesindes vorhanden ist"--wie sie naemlich "mit vielem Volk" (Gesinde) ueberladen sei. Endlich giebt der Kanzler seiner Abneigung gegen die Doctorin noch verschiedentlich klaren Ausdruck. Er nennt ihre Bitte "stumpf und kurz"; er rechnet dem Kurfuersten _wiederholt_ vor, dass er 600 fl. Gnadengeld zur Erbauung des Gutes Zulsdorf gegeben und noch dazu fuer 100 fl. Holz; er spricht die Verdaechtigung aus, welche doch auch Dr. Luther traefe: "Der arme lahme Wolf ist auch noch da; wollt sie ihn bei sich behalten und er bei ihr bleiben, so haett sie die vierzig Gulden auch mit einzubrocken, wie denn bisher geschehen, dass der arme Mensch derselben wenig genossen hat,--besorg ich", setzt er doch etwas bedenklich hinzu. Das Gut Wachsdorf macht Brueck so schlecht wie moeglich und meint, es "erobere" keine hundert Gulden Reinertrag, also nicht einmal die Kapitalzinsen. Er verdaechtigt die Doctorin weiter, "es sei ihren Kindern nichts nutz" und es sei ihr nur darum zu thun, teil zu haben an dem Gut. Und sein ganzes Bestreben geht dahin, nur den Kindern und immer den Kindern alles zugut kommen zu lassen und die Witwe vom Besitz und Genuss auszuschliessen. Und weiterhin ist Bruecks Rat und Absicht, "ihr die stattliche--ein andermal heissts: "grosse und verthunliche"--Haushaltung zu brechen". Endlich geht er mit aller Macht darauf aus, der Mutter die Kinder zu entziehen. Waehrend Luther in seinem Testament zu seiner Gattin das gute Zutrauen hatte, "die Mutter werde ihren eigenen Kindern der beste Vormund sein", erklaerte Brueck, wie es scheint mit direkter Beziehung auf diese Meinung Luthers: "Nach saechsischem Recht kann sie nit Vormund sein, dieweil sie bei ihrem Witwenstand selbst Vormuender beduerftig; so waer es auch sorglich, da (wenn) sich die Frau anderweit wuerde verehelichen." Am aergsten wohl tritt er der Witwe zu nahe, wenn er ausfuehrt, die Knaben wuerden bei ihr junkern und spazieren gehen und vom Studio abgezogen, sie muessten daher "zu gelehrten Leuten gethan werden, vor denen sie Furcht und Scheu haetten, bei welchen sie auch einen bequemen Tisch haetten"--als ob die Kinder bei ihr--der "Erzkoechin"--sogar in ihrer leiblichen Pflege versaeumt wuerden! Die einzige gegruendete Veranlassung zu dem Misstrauen in Katharinas Erziehungskunst konnten doch nur die geringen Fortschritte geben, die der wenig begabte Erstgeborne im Studium bisher gemacht. Fast eher wie boeses Gewissen sieht es aus, als wie Scheu vor Frau Katharinas starkem Willen, wenn der Kanzler an den Kurfuersten schreibt: "Nun waer ich in Unterthaenigkeit willig gewest, mit der Frauen selbst oder dem Philippo von den Sachen auf E. Kurf. Gn. Befehl zu reden; so hat mich doch dies abgescheuet, dass ich dazumal vom Philippo verstanden, dass ihr Gemuet nit waere das Haus allhie zu verkaufen oder zu verlassen, sondern gedaecht es zu behalten, ingleichen Zulsdorf und Wachsdorf; darum des Verkaufens des Hauses gegen ihr nit zu gedenken sein wollte." Sachlich macht der Kanzler dem Kurfuersten nun folgende Vorschlaege: 1. Damit die Domina nicht Ursache habe S.K.Gn. zu Unglimpf zu gedenken, moege der Kurfuerst zu den bisherig verschriebenen 1000 fl. noch 1000 fl.--aber nur fuer die Kinder--hinzuthun und beides zusammen mit 100 fl. verzinsen, das auf das Maedchen (Margarete) fallende Viertel aber (500 fl.) bis zu ihrer Verheiratung verpensionieren. 2. Der Kurfuerst solle der Mutter und den Kindern besondere Vormuender geben. Diese beiderseitigen Vormuender sollten dann das Eigentum der Witwe und das der Waisen reinlich scheiden. 3. "Darnach muessen die Vormuender beiderseits davon reden, wie, wovon und welcher Gestalt die Kinder sollen unterhalten werden. Da wird sich denn das Gebeiss zwischen der Frau und den beiderseitigen Vormuendern ergeben. Denn der Kinder Vormuender werden sagen: es sei kein bessers, denn Hansen den aeltern Sohn thue man gen Hof in E.K.G. Kanzlei; so moechte es sich mit der Zeit also schicken, dass er zu etwas kaeme, so ihm sonst fehlen moechte. Denn wenn ihm E.K.G. ein Stipendium verordnet und es wollt mit dem Studium nicht fort, so wird es schimpflich, es ihm zu kuendigen. Ferner werden sie sagen, dass mit den andern Knaben auch kein besser waere, denn dass man sie von einander thaet und dass sie nit bei der Mutter waeren." Dazu koenne ihnen der Kurfuerst noch ein weiteres Stipendium geben. 4. Das Toechterlein koenne man bei der Mutter lassen, und von den 500 fl. 30 fl. Rente geben, und wenn es nicht reiche: 40 fl. Davon koennte es die Mutter mit einem kleinen Meidlein, das ihm aufwartet, wohl erhalten und es von dem Mansfeldischen Geld- oder Zinsanteil mit Kleidung versehen. 5. Auf diesem Weg wuerde der Frau ihre grosse und verthunliche Haushaltung gebrochen werden und dem vorgebeugt, dass aus den Kindern "Junker und Lappen" werden. 6. "Wuerde die Frau unsern Vormuendern dann sagen: "Wovon solle sie denn erhalten werden?", so koennten die Vormuender der Kinder erwidern: Sie brauche mit ihrer Tochter nicht grosse Haushaltung, nicht viel Gesinde, haette die Wohnung umsonst, koenne Kostgaenger halten, die Anwesen zum Teil vermieten, brauen, den Genuss vom Garten, Hufen und Zulsdorf haben und Anteil an den Mansfeldschen Kapitalzinsen. Auch koenne der Kurfuerst ihr und der Tochter jaehrlich 2 Wispel Korn geben und vielleicht etliche Klafter Holz. 7. "Wenn sie (die Domina) vermerkte, dass E.K.G. den _Kindern_ bewilligen wollte, Wachsdorf zu kaufen und dazu die 2000 fl. ausfolgen lassen, so wird sie des Gutes bald vergessen und sich der Muehe und des Bauens nicht wollen beladen, so sie nicht zum wenigsten die Haelfte daran mitberechtigt wird." Es gebe auch jaehrlich kaum 100 fl. Reinertrag, und habe dazu auch die Last eines halben Lehnspferdes. Darueber aber solle der Hauptmann zu Wittenberg Asmus Spiegel befinden, ob das Gut mehr eintrage als das Kapital. Der Kurfuerst war ruecksichtsvoller als sein Kanzler. Er schien dessen Abneigung zu merken und ordnete in einem Schreiben an Brueck und Melanchthon an, dass Vormuender fuer die Witwe und fuer die Waisen bestellt wuerden, und verschrieb den Kindern noch 1000 fl.; ueber den Kauf von Wachsdorf sollten die Vormuender befinden[599]. Zwar erbot sich Brueck, "hinauf zu fahren (zur Doktorin) und die Anzeigung mit zu thun; Philippus aber meinte, es waere ohne Not, er wollt es von unser beider wegen wohl ausrichten." Also ging Melanchthon am Freitag frueh mit dem kurfuerstlichen Schreiben zu der Doktorin[600]. Sie bedankte sich bei ihm und dem Kurfuersten fuer die Begnadigungs-Zulage zu gunsten ihrer Kinder und erklaerte dann folgendes: 1. Sie wuensche fuer sich zu Vormuendern den jeweiligen Stadthauptmann von Wittenberg und ihren Bruder Hans von Bora; fuer die Kinder des Doktors sel. Bruder Jakob, den jetzigen Buergermeister Reuter von Wittenberg und Melanchthon, Dr. G. Major lehnte sie ab; auch Kreuziger scheint sie abgelehnt zu haben, welcher im vertrauten Briefwechsel mit Veit Dietrich Kaethe eine "Hausfackel" genannt hatte. Sie erklaerte sich aber mit der Vormundschaft des Kurfuerstl. Leibarztes Dr. Ratzeberger einverstanden, der "seines Weibes halber selber der Freundschaft (= Verwandtschaft) war."[601] 2. Sie war einverstanden, dass die 1500 fl. vom Kurfuersten fuer ihre _Soehne_ auf Wachsdorf angelegt wuerden. Der Kanzler hatte ihr also auch darin Unrecht gethan, dass er meinte, die Domina wolle Wachsdorf nur oder hauptsaechlich fuer sich haben und bewirtschaften, statt fuer ihre Soehne. Der Kanzler schlug nun dem Kurfuersten vor, Melanchthon "nicht mit der Vormundschaft zu beladen, denn er ist fromm und wenig (gutherzig und schwach), dienet nit dazu, da man der Frau wird sollen Oppositum (Opposition) halten." Man solle die beiden Theologen Melanchthon und Kreuzinger nur zu Mitvormuendern in Bezug auf die Erziehung der Kinder machen, dass die Soehne zu "Gottesfurcht, Lehre, Zucht und Tugend moechten gezogen werden".[602] So wurde es dann auch vom Kurfuersten angenommen und die Vormuender bestellt, fuer die Kinder auch Kreuziger in Stellvertretung fuer Ratzeberger, welcher nur bei den wichtigsten Verhandlungen abkommen koennte[603]. Auch das Testament Luthers wurde, "nachdem Uns Unsre Liebe Besondere Katharina, des Ehrwuerdigen und Hochgelehrten Unsers Lieben Andaechtigen Ehr Martin Luthers, der hl. Schrift Doctors seligen nachgelassene Witwe ihres Herrn Testament und Verordnung vortragen und bitten lassen"--zu Judica vom Kurfuersten "gnaediglich bestaetiget und konfirmiret, ob es gleich an Zierlichkeiten und Solemnitaeten, so die Rechte erfordern, mangelhaft waere."[604] Nun gab es noch lange muehsame Verhandlungen zwischen dem Kanzler und Kurfuersten einerseits und zwischen den Vormuendern und der Doctorin anderseits wegen der Erwerbung des Gutes Wachsdorf und der Erziehung der Kinder[605]. Der Kanzler riet energisch von dem Kauf des Gutes ab, aber noch hartnaeckiger "arbeitete" Frau Katharina darauf, und erbot sich, ihren Kindern zu gut sich mit dieser Sache zu "beladen"; denn sie verhoffte daraus grosse Nutzniessung zu ziehen und versprach auch "keine sonderlichen Gebaeude allda vorzunehmen". Darum haben die Vormuender "es auch nit haerter bestreiten wollen und durch ihr Widerfechten das Ansehen bei ihr haben, als wollten sie ihre Wohlfahrt hindern und des Herrn (Luthers) Wohlthaten vergessen". "Also hat es die tugendsame Frau Doctorin und die Vormuender neben ihr angenommen."[606] Das Gut kostete aber 2200 fl. Weil das Mansfeldische Kapital erst in zwei Jahren fluessig wurde, so gaben die Vormuender dem Kurfuersten zu bedenken, "dass um des loeblichen Herrn Doctors willen der Witfrauen auch etwas zu willfahren ist, und dass sie wahrlich zwischen Thuer und Angel stecken." Darum gab der Kurfuerst die 2000 fl. her, darunter auch die 500 fl. der Margarete, welche aber bis zu ihrer Verehelichung als Hypothek auf Wachsdorf gestellt und mit 30 fl. verzinst werden mussten. Von den fehlenden 200 fl. gab Melanchthon und ein Freund die Haelfte, um die andere ging er den wohlhabenden Amsdorf an. Am Pfingstmontag (14. Juni 1546) zahlte der Kanzler Brueck die 2000 fl. an die Vormuender Ratzeberger, Reuter und Jacob Luther aus, und Frau Kaethe, die so "fleissig angehalten, dass gemeldte Gabe in liegende Gueter umgewandelt werde", erbot sich, "dass sie solche Gueter den vier Kindern zu Gute treulich und fleissig warten wollte". Zur Verwaltung des Gutes haette sie freilich gerne noch einen Teil des Mansfeldschen Kapitals gehabt und begab sich dieserhalb zu dem Grafen, und wie es scheint, mit teilweisem Erfolg[607]. In aehnlicher Weise ging es auch mit der Erziehung der Kinder. Der Kanzler drang zwar darauf, dass Johann in die kurfuerstl. Kanzlei kaeme und die beiden andern, Paul und Martin, mit der Mutter Verwilligung weg zu einem Magister in Wohnung, Kost und Unterricht, also zu fremden Leuten gethan wuerden. Und so billigte es auch der Kurfuerst[608]. Damit musste auch die Witwe zufrieden sein und "ihr solches gefallen lassen und sich mit den Vormuendern darueber vergleichen." So berichtete wenigstens Brueck an den Kurfuersten. Nun ordnete der Kurfuerst auf den Bericht des Kanzlers an, dass die Vormuender den aeltesten Sohn vor sich forderten und an ihm vernaehmen, ob er im Studio fortzufahren geneigt und wenn er jetzo dermassen geschickt, dass seines Studieren halber Hoffnungen sei, so solle man es noch ein halb Jahr mit ihm versuchen; sollte er aber dazu weder geschickt noch geneigt sein, so wolle der Kurfuerst ihn auf seine Kanzlei nehmen. Die zwei jungen Soehne aber sollten "von der Mutter zu einem tauglichen Magister oder Praeceptor gethan werden, bei denen sie wesentlich sein und ihre um ein gleich (billiges) Geld Kost haben oder irgendwo mit ihm zu Tisch gehen, bei denen sie auch eine Scheu und Furcht haben und also in der Lehr und Zucht zum besten aufgezogen werden und darinnen verharren." Mit dieser Entfernung der Kinder aus dem Hause sollte nun auch zugleich die Haushaltung der Witwe aufgeloest werden[609]. Dass diese Zumutungen bei Katharina einen grossen Kampf kosteten, laesst sich denken. Wenn sie auch wohl zuerst bei dem gemeinsamen Ansturm aller Freunde und Goenner diesen Plaenen nachgegeben hatte, jetzt, als sie zur wirklichen Ausfuehrung kommen sollten, wehrte sich die Mutter mit aller Macht dagegen. Vier Wochen dauerte der Kampf und--Katharina blieb siegreich[610]. Die Vormuender Kreuziger, Melanchthon und Reuter nahmen auf des Kurfuersten Befehl zuerst den aeltesten, Johann, vor. Sie stellten ihm vor, dass S.K.Gn. geneigt waere, ihn in seine Kanzlei zu nehmen. "Dieweil er denn in einem solchen Alter waere, dass er billig bedenken solle, was er endlich vornehmen wolle: ob er bei dem Studio wollte bleiben oder nicht, und die Vormuender ihn zur Kanzlei tuechtiger erachteten, so wollten sie ihm gern dazu raten; zudem dass es an sich ein loeblicher und nuetzlicher Stand sei, darin er zu Gottes Lob und zu gemeiner Wohlfahrt dienen und seiner lieben Mutter, Schwester und Bruedern troestlich sein koenne; er sollte daher dankbar das kurfuerstliche Anerbieten annehmen und diesen Stand nicht ausschlagen." Darauf folgte eine lange Hin- und Widerrede und eine schriftliche Antwort von Hans des Inhalts: "Ehrwuerdige, liebe Herren! Des Durchl. Kurf. Befehl meine Person anlangend habe ich in Untertaenigkeit und dankend angehoert. Nun versteh ich wohl, dass der Stand in der Kanzlei ein sehr ehrlicher (ehrenvoller) Dienst ist, ich weiss aber, dass mein lieber Vater vor dieser Zeit nicht hat willigen wollen, dass ich ausser der Schul ziehen soll. So wollt ich gern laenger studieren. Ich will mich auch durch Gottes Gnade in allem Gehorsam und Unterthaenigkeit gegen Gott, S. Kurf. Gn. und meiner lieben Mutter allezeit halten. Und bitte, S. Kurf. Gn. wollen mir gnaediglich zulassen, noch ein Jahr in artibus ("in den freien Kuensten") zu studiren, mich in lateinischer Schrift besser zu uebe