401
Stübchen - Stuck
Stübchen, altes Flüssigkeitsmaß im nördlichen und westlichen Deutschland, in Hamburg = 3,62 Lit., in Hannover = 3,89 L., in Bremen = 3,22 L.
Stuben (ungar. Stubnya), höchst gelegener ungar. Badeort im Komitat Turocz, Eigentum der nahen Stadt Kremnitz, mit alkalisch-salinischen, bei Rheuma, Gicht und Hautkrankheiten wirksamen Thermen von 46,5° C. S. ist Station der Ungarischen Staatsbahn.
Stubenarrest, s. Arrest.
Stubenfliege, s. Fliegen, S. 373.
Stubensandstein, s. Triasformation.
Stubenvögel (Käfigvögel, hierzu Tafel "Ausländische Stubenvögel"). Die Liebhaberei für S. ist uralt. In Indien, Japan und China richtet man schon seit Jahrtausenden kleine Vögel zu Kampfspielen ab. Alexander d. Gr. brachte den ersten Papagei von seinem Zug aus Asien mit, und auch später haben bei Eroberungen und Entdeckungen prächtige Schmuckvögel die Triumphzüge der Heimkehrenden verherrlichen müssen. Aus Amerika, wo die Peruaner seit alten Zeiten Papageien zähmten, brachte Kolumbus diese Vögel nach Europa. In Deutschland fanden der Fink und der Dompfaff in manchen Landstrichen, wie in Tirol, im Harz und in Thüringen, begeisterte Freunde, und dem Vogelmarkt, der sich in manchen Städten, wie namentlich in Berlin, außerordentlich entwickelte, verdankt auch die Wissenschaft manche Bereicherung. Viel größere Verbreitung als irgend ein heimischer Vogel fand aber der Kanarienvogel, dem sich seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts andre überseeische Sing- und Schmuckvögel anschlossen. Schon 1790 gab Vieillot ein besonderes Werk über dieselben heraus. Zu Bechsteins Zeit wurden 72 Arten fremdländischer Vögel nach Deutschland eingeführt, und 1858 gab Bolle ein Verzeichnis von 51 Arten. Zehn Jahre später nahm aber diese Liebhaberei einen ganz außerordentlichen Aufschwung, und wenn damals die Zahl der eingeführten Arten auf 250 veranschlagt werden konnte, so hat sich dieselbe bis 1878 auf nahezu 700 gesteigert. Neben den Singvögeln, wie Spottdrossel und andre Drosseln, Grasmücken, Finken, Starvögel, Bülbüls etc., spielen gegenwärtig besonders die Prachtfinken (Astrilds und Amadinen), Witwenvögel (Widafinken), Weber, Reisvogel, Tangaren, Sonnenvogel, Dominikanerfink, Kardinal und Papageien die größte Rolle und erregen ein besonderes Interesse dadurch, daß sie in der Gefangenschaft leicht zur Brut schreiten. Die Tafel zeigt eine Auswahl der beliebtesten ausländischen S. Man züchtet sie vielfach in sogen. Vogelstuben oder Heckkäfigen, und der Handel mit den bei uns gezüchteten fremdländischen Vögeln erreicht bereits einen namhaften Betrag. Trotz der großen Mannigfaltigkeit der fremdländischen sind aber auch die einheimischen Vögel noch immer ein bedeutsamer Gegenstand der Liebhaberei. Sprosser, Nachtigall, Schwarzplättchen, von Südeuropa her Stein- und Blaudrossel sind von großer Wichtigkeit für den Vogelhandel, dann nicht minder verschiedene Grasmücken, Rot- und Blaukehlchen, Meisen, Drosseln, Hänfling, Stieglitz, Edelfink, Gimpel u. a. m., welche auch zugleich zahlreich nach Nordamerika und andern Weltteilen ausgeführt werden. Neuerdings züchtet man auch vielfach einheimische Finken und selbst Insektenfresser in Volieren und Vogelstuben. - Was die Gesundheitszeichen aller S. betrifft, so ist darüber folgendes zu sagen: jeder Vogel muß munter und frisch aussehen, natürliche Lebhaftigkeit, glatt anliegendes, am Unterleib nicht beschmutztes Gefieder, nicht trübe oder matte Augen, nicht verklebte oder schmutzige Nasenlöcher, keinen spitz hervortretenden Brustknochen haben; er darf nicht traurig, struppig oder aufgebläht dasitzen und nicht kurzatmig sein; abgestoßenes Gefieder, fehlender Schwanz und beschmutzte Federn bergen nicht immer Gefahr, doch muß bei Wurmvögeln dann wenigstens ein voller Körper vorhanden sein. Die Fütterung soll der Ernährung im Freileben gleichen, und daher lassen sich keine allgemein gültigen Regeln geben. Die hauptsächlichsten Futtermittel für alle Körnerfresser sind Hanf, Kanariensame, Hirse, Hafer u. a. m., für die Insektenfresser: frische oder getrocknete Ameisenpuppen, Mehlwürmer, Eierbrot, Eikonserve u. dgl. wie auch süße Beeren und andre Früchte. Unentbehrlich sind auch Kalk (Sepia, wohl auch Mörtel von alten Wänden) und sauberer, trockner Stubensand. Reinlichkeit, sorgfältige Bewahrung vor Zugluft, Nässe, schnellem Temperaturwechsel, plötzlichem Erschrecken und Beängstigen sind die hauptsächlichsten Hilfsmittel zur Erhaltung der Gesundheit für alle S. Vgl. die Schriften von Ruß (s. d.); Friderich, Naturgeschichte der deutschen Zimmer-, Haus- und Jagdvögel (3. Aufl., Stuttg. 1876); Reichenbach, Die Singvögel (als Fortsetzung der "Vollständigsten Naturgeschichte"); Gebr. Müller, Gefangenleben der besten einheimischen Singvögel (Leipz. 1871); Lenz, Naturgeschichte der Vögel (5. Aufl., Gotha 1875); A. E. Brehm, Gefangene Vögel (Leipz. 1872-75, 2 Bde.); Chr. L. Brehms "Vogelhaus", neubearbeitet von Martin (3. Aufl. , Weim. 1872), und die Zeitschrift "Die gefiederte Welt" (hrsg. von Ruß, Berl., seit 1872).
Stüber (holländ. Stuiver), frühere Scheidemünze in den Niederlanden (20 S. = 1 Gulden); in Ostfriesland etc. (72 S. = 1 preußischen Thaler); auch alte schwedische Silbermünze, s. v. w. Ör (s. d.).
Stubica, Badeort im kroatisch-slawon. Komitat Agram, 8 km von Krapina-Teplitz, mit vielen indifferenten Thermen von 58,7° C.
Stuck (ital. stucco), Mischung von Gips, Kalk und Sand, welche in der Baukunst sowohl zum Überzug der Wände als zur Verfertigung der Gesimse und Reliefverzierungen dient. Man unterscheidet je nach der Zubereitung: Weißstuck, Kalkstuck, Graustuck, Glanzstuck (ital. stucco lustro), Leinölstuck. Schon die alten Griechen wandten eine Art S. als Überzug bei nicht in Marmor aufgeführten Bauten an. Die eigentliche Stuckaturarbeit zur Verzierung hieß bei den Römern Opus albarium oder coronarium und ward von ihnen vielfach an Decken und Wänden, meist bemalt oder vergoldet, angewandt. Nachdem die Kunst lange in Vergessenheit geraten war, soll sie zuerst von Margaritone um 1300 von neuem erfunden worden sein. Vervollkommt ward dieselbe namentlich durch den Maler Nanni von Udine zur Zeit Raffaels, wie die nach diesem benannten Logen im Vatikan zeigen. Recht in Aufnahme kam aber die Stuckaturarbeit in Deutschland und anderwärts erst mit dem Rokokostil zu Anfang des 18. Jahrh. Zur Stuckaturarbeit muß das feinste Material angewandt werden. Die Masse wird in weichem Zustand aufgetragen und erst, wenn sie etwas hart und zäh geworden, mit den Fingern und dem Bossiereisen in beliebige Formen gebracht. Gute Stuckaturarbeit trotzt jeder Witterung. Eine Art S. ist auch der sogen. Gips- oder Stuckmarmor, mit welchem man Säulen etc. bekleidet, um ihnen ein marmorartiges Ansehen zu geben. Vgl. Heusinger v. Waldegg, Der Gipsbrenner (Leipz. 1863); Fink, Der Tüncher, Stuckator etc. (das. 1866).
Meyers Konv.- Lexikon, 4. Aufl., xv. Bd.
26
AUSLÄNDISCHE STUBENVÖGEL.
1. Helenafascäuclxen (Habropyga. Astrild).-
2. Grauer Astrild ( Habropyga cinerea). -
3. Tigerfink (Pytelia ampdava).-
4. Zebrafink ( Zonaeginthus casta.notis) (1-4 Ait.^4strU 5. Bandvogel (Spermestes fasciai-a).- 6. Erz amadme, Meines Eisterchen (Spermestes cucullata) (5,6 ATI
. ^tmacUnen,). - 7. Schwarzköpfiger Webervoge| (HyphAntornis toxtor) (Art.
Webervögel]. - 8. Paradieswitwe (Vidua paradisea) (Art. wwwanmS/Ä). - 9. Beisvogel (Padda oryzivora) (Art. Retevogel}. - 10. Tangara ('Rhamphocehis Tyrasiliensis) (Art. Tan#aren). - 11. Socopvogel (I,eiofhrix Juteus) (Art. SomunvoffA) - 12. Dominikanerfink (Paroraria dominicana)..- 13. Kardinal, virginische Nachtigall (Cardinalii viriniatius ) ( 12, 13
Aj-t.Kas°£isi 402 Stück - Studieren. Stück, s. v. w. Geschütz. Stuckatur, s. Stuck. Stücke in Esther, s. Esther. Stückelalgen, s. v. w. Diatomaceen, s. Algen, S.
343. Stückelberg, Ernst, Maler, geb. 22. Febr. 1831 zu
Basel, ging 1850 auf die Antwerpener Akademie, von da nach Paris,
1854 nach München, 1856 nach Italien, wo er ein Jahrzehnt
blieb, und ließ sich dann in Basel nieder. Von seinen
poetisch empfundenen und zart gemalten Bildern sind die
hervorragendsten: Prozession im Sabinergebirge (1859-60, Museum zu
Basel); Kirchgang aus "Faust" (1865); der Kindergottesdienst,
Marionetten, Jugendliebe (Museum in Köln); Echo und Narkissos,
als Pendants; Zigeuner an der Birs; der Eremit von Maranno; das
helvetische Siegesopfer. 1877 malte er ein großes Fresko:
Erwachen der Kunst, in der Kunsthalle zu Basel, und im selben Jahr
erhielt er den ersten Preis für Entwürfe zu Fresken der
neuen Tell-Kapelle am Vierwaldstätter See, welche er bis 1887
ausführte. Stückelung (franz. coupure), im Münzwesen und
bei Wertpapieren die Festsetzung der Teilmünzen und der
Appoints (s. d.). Stückfaß, Gebinde Wein, in Frankfurt a. M. = 8
¼ Ohm, in Leipzig = 4, in Nürnberg = 15 bis 15 ½
Eimer Visiermaß. Das dänische Stykfad à 5 Oxhoft
= 11,231 hl. Stückgießerei, s. v. w.
Geschützgießerei (s. d.). Stückgut, Bronze zu Geschützen. Stückgüter (auch zählende Güter),
Waren, welche nach der Zahl (Groß, Dutzend, Schock, Ballen
etc.) angegeben werden, beim Eisenbahn- und Wassertransport
diejenigen, welche nicht in ganzen Wagen- oder Schiffsladungen,
sondern als besondere Frachtstücke oder Kolli (s. d.)
aufgegeben werden. Vgl. Eisenbahntarife. Stückjunker, im 17. und 18. Jahrh. Name des
Fähnrichs bei der Artillerie. Stückkugel, s. Geschoß, S. 213. Stücklohn, s. Arbeitslohn, S. 759. Stuckmarmor, s. Gips, S. 357. Stückzahlung, s. v. w. Abschlagszahlung. Stückzinsen, bei Wertpapieren derjenige Teil vom
Betrag des nächstfälligen Zinskoupons, welcher auf die
seit dem letzten Zinstermin verflossene Zeit entfällt. Stud., Abkürzung für Studiosus, Student; z. B.
Stud. arch. nav., für St. architecturae navalis, Studierender
des Schiffbaues (an technischen Hochschulen); Stud. phil.,
Studierender der Philosophie; Stud. philol., Studierender der
Philologie; Stud. rer. nat., für St. rerum naturalium,
Studierender der Naturwissenschaften. Stud., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für B. Studer (s.d.). Stud-book (engl., spr. stodd-buck), "Gestütbuch",
das Verzeichnis der in einem Land vorhandenen Vollbluttiere nebst
deren Pedigree (s. d.). Studemund, Wilhelm, namhafter Philolog, geb. 3. Juli 1843
zu Stettin, studierte 1860-63 in Berlin und Halle, hielt sich
1864-66 zu wissenschaftlichen Zwecken in Italien auf und fertigte
besonders eine Abschrift des berühmten Mailänder
Palimpsestes des Plautus, privatisierte dann in Halle, verglich
1867 bis 1868 in Verona auf Anregung der Berliner Akademie das
Palimpsest des Gajus, wurde 1868 außerordentlicher und 1869
ordentlicher Professor der Philologie in Würzburg, 1870 in
Greifswald und 1872 in Straßburg, wo er auch die Leitung des
philologischen Seminars übernahm. Seit 1885 als ordentlicher
Professor und Mitdirektor des philologischen Seminars an der
Universität Breslau wirkend und 1889 zum Geheimen
Regierungsrat ernannt, starb er daselbst 9. Aug. 1889. S. ist
hochverdient um die lateinische Paläographie und die Kritik
des Plautus sowie um die griechischen Musiker und Metriker. Er
veröffentlichte: "De canticis Plautinis"
(Inauguraldissertation, Berl. 1864), "Studien auf dem Gebiet des
archaischen Lateins" (Bd. 1, das. 1873), "Analecta Liviana" (mit
Th. Mommsen, Leipz. 1873), "Gaji institutionum codicis Veronensis
apographum" (das. 1874), eine Handausgabe des Gajus (mit P.
Krüger; 2. Aufl., Berl. 1884), "Anecdota varia graeca musica,
metrica, grammatica" (das. 1886) und zahlreiche Abhandlungen,
besonders zu Plautus, von dessen "Vidularia" er auch eine Ausgabe
besorgte (Greifsw. 1870, 2. Aufl. 1883). Student (lat.), s. Studieren. Studer, Bernhard, Geolog, geb. 21. Aug. 1794 zu
Büren im Kanton Bern, studierte anfangs in Bern Theologie,
wandte sich aber mathematischen und naturwissenschaftlichen Studien
zu und wurde 1815 Lehrer am Gymnasium zu Bern, studierte dann in
Göttingen und Paris Geologie und Astronomie, begleitete
Leopold v. Buch auf mehreren Alpenreisen und widmete sich seitdem
hauptsächlich der Erforschung der Alpen. 1825 erhielt er die
für ihn errichtete Professur der Geologie in Bern, die er bis
1873 innehatte. Er starb 2. Mai 1887 in Bern. Von seinen Schriften
sind zu nennen: "Monographie der Molasse" (Bern 1825); "Geologie
der westlichen Schweizeralpen" (Heidelb. 1834); "Anfangsgründe
der mathematischen Geographie" (2. Aufl., Bern 1842); "Die
Gebirgsmasse von Davos" (das. 1837); "Lehrbuch der physikalischen
Geographie und Geologie" (das. 1844-47, 2 Bde.); "Hauteurs
barometriques prises dans le Piémont, en Valois et en
Savoie" (mit Escher von der Linth, das. 1843); "Geologie der
Schweiz" (das. 1851-53, 2 Bde.); "Einleitung in das Studium der
Physik und Elemente der Mechanik" (das. 1859); "Geschichte der
physischen Geographie der Schweiz" (Zürich 1863); "Über
den Ursprung der Schweizer Seen" (Genf 1864); "Zur Geologie der
Berner Alpen" (Stuttg. 1866); "Index der Petrographie und
Stratigraphie der Schweiz" (Bern 1872); "Gneis und Granit der
Alpen" (Berl. 1873). Auch bearbeitete er mit Escher von der Linth
die treffliche "Carte géologique de la Suisse" (Winterth.
1853, 2. Aufl. 1870, in 4 Blättern) und eine
Übersichtskarte in 1 Blatt. In den letzten Jahren widmete er
sich besonders der auf seine Anregung von der Schweizerischen
Naturforschenden Gesellschaft beschlossenen Herausgabe von
"Beiträgen zu einer geologischen Karte der Schweiz" und der
geologischen Kolorierung der großen Schweizerkarte von
Dufour. 1885 legte er das Präsidium der schweizerischen
geologischen Kommission nieder. - Sein Vetter Gottlieb S., geb.
1804 zu Bern, lebt als Bibliothekar daselbst und ist bekannt als
Mitbegründer des Schweizer Alpenklubs und durch die wertvollen
Schriften: "Berg- und Gletscherfahrten" (mit Ulrich und Weilenmann,
Zürich 1859-63, 2 Bde.); "Über Eis und Schnee. Die
höchsten Gipfel der Schweiz und die Geschichte ihrer
Besteigung" (Bern 1869-83, 4 Bde.). Studie (v. lat. studium), Übungsstück,
Vorarbeit zu einem Kunstwerk, besonders in der Malerei etc. Studienanstalten, in Bayern amtliche Bezeichnung der
Gymnasien; s. Gymnasium, S. 962. Studieren (lat.), wissenschaftlich forschen, etwas
wissenschaftlich betreiben; zu diesem Zweck eine Hochschule
besuchen. Student, Studiosus, ein Stu- 403 Studio - Stuhlzwang. dierender, besonders auf einer Hochschule (vgl.
Universitäten). Studio (Bruder S.), scherzhaft für Studiosus,
Student. Studium (lat., Mehrzahl: Studien), wissenschaftliche
Forschung sowie der Gegenstand derselben; auch Werkstätte
eines bildenden Künstlers (ital. studio). Als akademisches S.
pflegt man die Bildungszeit zu bezeichnen, die jemand auf der
Universität zubringt. Studjianka, Dorf, s. Borissow. Studley Royal (spr. stoddli reu-el), s. Ripon. Stuer, Lehngut in Mecklenburg-Schwerin, am Plauer See,
hat eine evang. Kirche, eine Burgruine, eine besuchte
Wasserheilanstalt und (1885) 173 Einw. Stuerbout (spr. stührbaut), Maler, s. Bouts. Stufe, ein Stück Gestein oder Erz; Fundstufe, am
Fundort von dem gefundenen Mineral genommene Probe; auch ein vom
Markscheider oder einem Bergbeamten in das Gestein eingehauenes
Merk- oder Grenzzeichen. Stufenerz, s. v. w. Stuferz. Stufengebete (Staffelngebete) heißen die Gebete,
welche am Anfang der Messe von dem Celebranten und dem Altardiener
auf der untersten Stufe des Altars gesungen werden. Stufenjahre, s. Klimakterische Jahre. Stufenlieder, s. Psalmen. Stufenscheibe, s. Riemenräderwerke. Stufenschnitt, in der Heraldik, s. Heroldsfiguren. Stuferz (Stufferz), derbes Erz; edle Stuferze, reine
gediegene Erzstücke, welche keiner Aufbereitung auf Pochwerken
etc. bedürfen. Stuhl, früher Bezeichnung gewisser hoher
Gerichtsbarkeiten, z. B. Schöppenstuhl; in Siebenbürgen
früher s. v. w. Gerichtsbezirk (daher Stuhlrichter etc.). Stühle. Über die S. der Alten s. Sella. Im
frühern Mittelalter kommt der Stuhl noch selten vor und
dann nur als Thronstuhl für hohe Würdenträger oder
als Ehrensitz für das Familienhaupt. Die übrigen
Familienmitglieder setzten sich auf Schemel, Bänke, Truhen,
Klappstühle, Sessel. Am Ende des 11. Jahrh. findet man Schemel
mit Rückenlehnen im täglichen Gebrauch, doch immer nur
noch bei Vornehmen. Im 13. Jahrh. wird die Sitzplatte sechs- bis
achteckig, und das Gerät hat die entsprechende gleiche Zahl
von Beinen oder Stützen; für den Richterstuhl besteht aus
jener Zeit die Vorschrift, daß er vierbeinig sein soll.
Ebenfalls im 13. Jahrh. fertigte man auch schon S. aus dünnen
Eisenstäben, deren Sitze aus Riemen oder Gurten bereitet und
mit Kissen belegt wurden. Sehr kostbar waren und blieben das ganze
Mittelalter hindurch die byzantinischen und römischen
Prachtstühle, die besonders hohe und mit Schnitzereien
gezierte Rücklehnen sowie geschweifte oder gedrechselte
Säulen und Füße hatten. Ein solcher Prachtstuhl,
der in der Regel mit einem gestickten oder gewirkten Überzug
bedeckt war, stand nie frei, sondern meist vor der Mitte einer
Wand. Stuhlfeier Petri, s. Petri Stuhlfeier. Stuhlgericht, s. v. w. Femgericht. Stuhlherr (Gerichtsherr), bei den frühern
Patrimonialgerichten der Inhaber der Patrimonialgerichtsbarkeit (s.
d.); bei den Femgerichten (s. d.) des Mittelalters der Inhaber des
sogen. Freistuhls und der Patronatsherr des Gerichts. Stühlingen, Stadt im bad. Kreis Waldshut, an der
Wutach und der Linie Oberlauchringen-Weizen der Badischen
Staatsbahn, 501 m ü. M., Hauptstadt der dem Fürsten von
Fürstenberg gehörigen gleichnamigen Standesherrschaft,
hat ein Bergschloß (Hohenlupfen), ein Hauptzollamt, eine
Bezirksforstei, Baumwollzwirnerei, Gerberei, eine Kunstmühle
und (1885) 1244 Einw. 1849 wurden hier römische Mauern mit
Mosaikboden gefunden. Stuhlrohr, s. v. w. Spanisches Rohr. Stuhlverstopfuug (Obstruktion), Hemmung der normalen
Darmentleerung. Die S. ist keine selbständige Krankheit,
sondern nur das Symptom einer solchen und begleitet eine
große Zahl von Darmleiden. Entweder hat die S. ihre Ursache
darin, daß an irgend einer Stelle des Darmrohrs eine
Verengerung, Einklemmung oder Verschlingung eingetreten ist, welche
mechanisch das Hineingelangen des Inhalts in den Mastdarm und seine
Entleerung hindert, oder es liegt bei freier Wegsamkeit eine mehr
oder weniger vollständige Lähmung der Darmbewegung
(Peristaltik) dem Übel zu Grunde. Eine solche Trägheit in
der wurmförmigen Zusammenziehung kann künstlich durch
sogen. stopfende Mittel, Tannin und besonders Opium, hervorgerufen
werden; gemeiniglich ist sie eine Folge vorausgegangener abnorm
lebhafter Bewegungen, wie sie bei Darmkatarrhen,
Darmentzündungen, choleraähnlichen Durchfällen oder
beim Typhus vorkommen; zuweilen ist die üble Angewohnheit der
seltenen Stuhlentleerung schuld an der S., in noch andern
Fällen mag eine organische Erkrankung des Nervenapparats,
welcher in der Darmwand selbst liegt, die Ursache der sogen.
habituellen S. (Hartleibigkeit) sein. Die leichtern Grade der S.,
welche ungemein häufig nach kleinen Diätfehlern
auftreten, weichen der Anwendung milder Abführmittel, wie
Rizinusöl, Senna, oder dem Gebrauch einiger Gläser
Bitterwasser. Die hartnäckigen Fälle erfordern eine
sorgfältige Behandlung des ursachlichen Darmleidens; bei
habitueller S. ist die Diät zu regeln, für Bewegung und
Erhaltung eines guten Allgemeinbefindens zu sorgen und bei
bestehender hypochondrischer Verstimmung künstlich durch milde
Arzneien vollständige und tägliche Öffnung des
Leibes zu schaffen. Stuhlweißenburg (ungar. Szekesfehervar, lat. Alba
regia), königliche Freistadt im ungar. Komitat
Weißenburg und Knotenpunkt der Süd- und Ungarischen
Westbahn, hat einen Dom, unter dem außer alten
Königsgräbern auch die Basilika Stephans des Heiligen
gefunden wurde, eine bischöfliche Residenz mit Bibliothek, 3
Klöster, eine schöne Seminarkirche, ein neues Theater,
eine große Honvedkaserne, ein Denkmal des Dichters
Vörösmarty (von Vay) und (1881) 25,612 Einw., die
lebhaften Handel (bedeutend sind die Pferdemärkte) und Gewerbe
treiben. S. hat ein katholisches Obergymnasium, ein
Priesterseminar, eine Real- und eine Handelsschule, ein
Militärhengstedepot und ist Sitz des Komitats, eines
römisch-katholischen Bischofs, Domkapitels und Gerichtshofs. -
Von Stephan dem Heiligen zur Krönungsstadt erhoben, war S.
seitdem meist Residenz und Begräbnisstätte der
ungarischen Könige, bis erstere zur Zeit des Königs Bela
IV. nach Ofen verlegt wurde. 1543 fiel die Stadt den Türken
durch Kapitulation in die Hände. Infolge der hier 3. Nov. 1593
und 6. Sept. 1601 von den Kaiserlichen über die Türken
erfochtenen Siege kam die Stadt wieder in den Besitz der erstern,
aber schon 1602 durch Meuterei der Besatzung von neuem in die
Gewalt der Türken, welche sie erst 1688 verließen. Stuhlwinde, s. Aufzüge, S. 70. Stuhlzeug, Roßhaargewebe zum Beziehen von
Möbeln. Stuhlzwang (Tenesmus), das schmerzhafte Drängen zum
Stuhl, wobei aber nur geringe Kotmassen 404 Stuhm - Stumpfsinn. entleert werden, oder welches auch gänzlich erfolglos
bleibt. Der S. beruht auf krampfhafter Zusammenziehung der
Muskulatur des Dickdarms und des Afterschließmuskels und ist
konstantes Symptom der Dickdarmentzündungen bei Katarrhen,
namentlich des Mastdarms, bei Reizungen durch Würmer und
vornehmlich bei Ruhr, Typhus etc. Der S. hört mit erfolgtem
Stuhl auf, oder dauert noch eine Weile fort; er kann ein
äußerst quälendes Symptom darstellen. Stuhm, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Marienwerder, an zwei Seen und an der Linie Thorn-Marienburg der
Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine kath.
Kirche, ein altes Schloß, Amtsgericht, Pferdemärkte und
(1885) 2238 Einw. Stuhmsdorf, Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Marienwerder, Kreis Stuhm, hat eine kath. Kirche und 602 Einw. Hier
wurde 12. Sept. 1635 unter französischer Vermittelung ein
Waffenstillstand auf 26 Jahre zwischen Schweden und Polen
geschlossen. Stuhr, Peter Feddersen, Geschichtsforscher, geb. 28. Mai
1787 zu Flensburg, ließ sich nach beendetem akademischen
Studium 1810 in Heidelberg nieder und machte sich durch seine
Polemik gegen Niebuhr in der Schrift "Über den Untergang der
Naturstaaten" (Berl. 1817) bekannt. Nachdem er den Feldzug von 1813
in der hanseatischen Legion und den von 1815 in der
preußischen Landwehr, dann im 6. Ulanenregiment mitgemacht,
erhielt er eine Anstellung als Sekretär bei der
Militärstudienkommission in Berlin und 1826 eine
außerordentliche Professur daselbst. Er starb 13. März
1851 in Berlin. Von seinen Arbeiten sind noch hervorzuheben: "Die
Staaten des Altertums und die christliche Zeit in ihrem Gegensatz"
(Heidelb. 1811); "Die Religionssysteme der heidnischen Völker
des Orients" (Berl. 1836) und der Hellenen" (das. 1838); "Die drei
letzten Feldzüge gegen Napoleon" (Lemgo 1832, Bd. 1); "Der
Siebenjährige Krieg" (das. 1834); "Geschichte der See- und
Kolonialmacht des Großen Kurfürsten" (Berl. 1839);
"Forschungen und Erläuterungen über Hauptpunkte der
Geschichte des Siebenjährigen Kriegs" (Hamb. 1842, 2
Bde.). Stuiben, Berg in den Algäuer Alpen, südwestlich
von Immenstadt, 1764 m hoch, mit Wirtshaus. Stuifen, Bergkegel an der Nordwestseite des Albuch
(Schwäbischer Jura) im württembergischen Jagstkreis,
erreicht 756 m Höhe. Stuiver, Münze, s. Stüber. Stüler, Friedrich August, Architekt, geb. 28. Jan.
1800 zu Mühlhausen in Thüringen, bildete sich zu Berlin
nach Schinkel, bereiste 1829 und 1830 Frankreich und Italien, ward
Hofbauinspektor und 1832 Hofbaurat und Direktor der
Schloßbaukommission. Unter Friedrich Wilhelm IV.
eröffnete sich ihm ein bedeutender Wirkungskreis. Außer
den "Vorlegeblättern für Möbeltischler" , welche er
mit Strack in 4 Heften (1835 ff.) herausgab, sind unter seinen
architektonischen Entwürfen die im "Album des
Preußischen Architektenvereins" (Potsd. 1837 ff.)
erschienenen hervorzuheben, ferner die zu dem neuen Rathaus in
Perleberg, zum Wiederaufbau des Winterpalais in Petersburg, zu den
Schloßbauten in Boitzenburg, Basedow, Arendsee, Dalwitz und
zu der katholischen Kirche in Rheda. Seine bedeutendste
Schöpfung ist das Neue Museum in Berlin. Auch der Kuppelbau
auf dem Triumphbogen des Hauptportals des königlichen
Schlosses ist sein Werk. Andre Bauten von ihm sind: die Alte
Börse zu Frankfurt a. M. (1844), die Matthäus-, Jacobus-,
Markus- und Bartholomäuskirche in Berlin, mehrere
Prachtanlagen im Park von Sanssouci, die Nikolaikirche zu Potsdam,
die Vollendung des großherzoglichen Schlosses zu Schwerin,
die Universität zu Königsberg, das Nationalmuseum zu
Stockholm, die Akademie zu Pest. Endlich lieferte er eine Menge
dekorativer Zeichnungen für Gußwerke,
Porzellangefäße, Silberarbeiten etc. S. starb 18.
März 1865 in Berlin. Stultitia (lat.), Thorheit; Stultus, Thor. Stumm, Karl Ferdinand, Freiherr von, Industrieller, geb.
30. März 1836 zu Saarbrücken, besuchte die
Universitäten Bonn und Berlin und übernahm sodann die
Leitung der von seinem Vater gegründeten großen
Eisenhüttenwerke in Neunkirchen. 1870/71 führte er als
Rittmeister der Landwehr eine Ulanenschwadron; auch erhielt er von
der Regierung den Titel eines Geheimen Kommerzienrats. Er wurde
1867 gleichzeitig in das preußische Abgeordnetenhaus und den
Reichstag gewählt und gehörte dem erstern bis 1870, dem
andern bis 1881 und wieder seit 1889 an. 1882 wurde er zum Mitglied
des Herrenhauses ernannt und 1888 in den Freiherrenstand erhoben.
Mitglied der deutschen Reichspartei, unterstützte er
namentlich die wirtschaftlichen Reformen Bismarcks, sowohl die
schutzzöllnerische Tarifreform von 1879 als die
Maßregeln für den Schutz des Handwerks und der Arbeiter.
Sein Bruder Ferdinand, Freiherr von S., geb. 1843 zu Neunkirchen,
machte als Offizier die Feldzüge gegen Dänemark (1864) u.
Österreich (1866) mit, nahm 1868 am Feldzug der Engländer
gegen Abessinien teil, trat 1869 zur diplomatischen Laufbahn
über, kämpfte aber 1870/71 im Kriege gegen Frankreich und
ward 1883 zum Gesandten in Darmstadt, 1885 in Kopenhagen, 1887 in
Madrid ernannt. 1888 ward er Botschafter des Deutschen Reichs in
Madrid und in den Freiherrenstand erhoben. Stummelaffe (Colobus Illig.), Gattung aus der Familie der
Schmalnasen (Catarrhini) und der Unterfamilie der Hundsaffen,
stehen den Schlankaffen (s. d.) sehr nahe, haben aber an den
Vorderhänden nur Daumenrudimente; ihr Leib ist schlank, die
Schnauze kurz, der Schwanz sehr lang; sie besitzen
Gesäßschwielen, aber keine Backentaschen. Die Guereza
(C. Guereza Rüpp.), 65 cm lang, mit 70 cm langem Schwanz, ist
schwarz mit silbergrauer Kehle und Stirnbinde und grauer
Seitenmähne u. Schwanzquaste; er bewohnt Abessinien, lebt fast
nur auf Bäumen, ist höchst behende, durchaus harmlos und
nährt sich von Blättern, Früchten und Insekten. Zu
derselben Gattung gehören der Bärenstummelaffe (C.
ursinus Wagn.), in Westafrika, und der Teufelsaffe(C. Satanas
Wagn.), auf Fernando Po. Stumme Rollen, im Theaterwesen Rollen, in welchen der
Schauspieler nicht spricht oder singt, sondern sich einzig und
allein durch die Gebärdensprache zu verstehen gibt (z. B. in
der "Stummen von Portici"). Stummheit, das Unvermögen, artikulierte Laute
hervorzubringen, zeigt sich bei Krankheiten des Gehirns
(Schlagfluß, Epilepsie etc.) und der Sprachwerkzeuge, auch
bei Taubheit (Taubstummheit). Stumpf, s. Juxtabuch. Stumpfsinn (Stupor), ein Seelenzustand, bei welchem alle
Thätigkeit des Gehirns daniederliegt. Teils als
selbständige Geisteskrankheit, teils als Teilerscheinung
mannigfacher Symptomenkomplexe (Melancholie, paralytische
Geistesstörung) aufgefaßt, stellt der S. den
höchsten Grad des Schwachsinns dar, welcher durch die
gänzliche Aufhebung aller willkürlichen psychischen wie
motorischen Äußerungen charakterisiert ist. Man sieht
diese Kranken im Zustand völliger Geistesabwesenheit und
Regungslosigkeit durch Tage und Wo- 405 Stunde - Sturdza. chen verharren; keine Frage wird beantwortet, kein
äußerer Eindruck kommt zum Bewußtsein, das
Gefühl gegen Frost und Hitze, gegen Schmerzen und andere
Sinneseindrücke ist verloren. Der Harn u. Speichel
fließen unwillkürlich ab, die Kranken verunreinigen
sich, sie müssen künstlich ernährt werden, da sie
sonst verhungern oder verdursten würden. Zuweilen ist mit dem
S. eine eigentümliche Starrsucht (Flexibilitas cerea)
verbunden, bei welcher die Muskeln gespannt, ja bretthart sind und
in der einmal eingenommenen Stellung ohne Regung, ohne
Ermüdung verharren. Die Ursache dieses Zustandes ist
unbekannt. Der S. geht zuweilen in Genesung über, sofern er
akut und als einzige Geistesstörung auftritt; bildet er den
Ausgang chronischer, in Schwachsinn übergehender
Geisteskrankheiten, so führt er ziemlich jäh den letzten
Abschnitt dieser Leiden zu Ende. Stunde, der 24. Teil eines Tags, der wieder in 60 Minuten
à 60 Sekunden geteilt wird. Die Zeichen dafür sind h,
d. h. hora oder S., m und s; es ist also 5 h 12 m 51,5 s soviel wie
5 Stunden 12 Min. 51,5 Sek. Die meisten zivilisierten Völker
fangen jetzt die erste S. des Tags im bürgerlichen Leben nach
dem Eintritt der Mitternacht an zu zählen, zählen aber
nur bis 12 und beginnen zu Mittag wieder von vorn, so daß der
Tag in zweimal 12 Stunden (Vormittag [a. m. = ante meridiem] und
Nachmittag [p. m. = post m.]) zerfällt. In einem großen
Teil Italiens aber zählte man bis zur neuesten Zeit die
Stunden vom Sonnenuntergang an fortlaufend von 1-24. Ebenso pflegen
die Astronomen zu zählen, aber von Mittag an. S. als
Wegmaß (Wegstunde) = 5km. Stundenglas, s. v. w. Sanduhr. Stundenkreis, jeder größte Kreis der
Himmelskugel, welcher durch beide Pole geht, also den Äquator
senkrecht schneidet, gleichbedeutend mit Deklinationskreis; vgl.
Himmel, S. 545. Stundenwinkel, der Winkel zwischen dem Deklinationskreis
eines Sterns und dem Meridian; vgl. Himmel, S. 546. Stundisten (russ. Stundisty, vom deutschen "Stunde" im
Sinn von Betstunde), Name einer um 1870 im Gouvernement Kiew
gebildeten religiösen Sekte, die in Südrußland
weite Verbreitung gefunden hat. Die S. verwerfen jede
Priesterherrschaft, die Sakramente und äußern
gottesdienstlichen Gebrauche und begegnen sich, indem sie das
Hauptgewicht auf die religiöse Erweckung legen, mannigfach mit
dem protestantischen Pietismus. Stundung, Fristerteilung von seiten des Gläubigers
dem Schuldner gegenüber in Ansehung einer an und für sich
fälligen Forderung. Die nach gemeinem deutschen Recht auch
gegen den Willen des Gläubigers zulässige S. durch die
Staatsgewalt ist nach der deutschen Zivilprozeßordnung nicht
mehr statthaft. Stupa, s. Tope. Stupefaktion (lat.), Bestürzung; Stupefacientia,
betäubende Mittel; stupend, erstaunlich. Stüpfelmaschine, s. Schablonenstechmaschine. Stupid (lat.), stumpfsinnig, dumm. Stupor (lat.), Erstarrung, dumpfe Starrheit; als
Geisteskrankheit s. v. w. Stumpfsinn (s. o.). Stupp, Quecksilberruß, s. Quecksilber. Stuprum (lat.), außerehelicher Beischlaf; Stuprata,
die Geschändete, Geschwächte; Stuprator, der
Schwängerer. Stur, 1)(Stúr, spr. schtur) Ludewit, slowak.
Schriftsteller u. Patriot, geb. 23. Okt. 1815 zu Uhrowez im
ungarischen Komitat Trentschin, protestantischer Abkunft, studierte
in Preßburg und Halle und bekleidete 1840-43 eine Professur
am Lyceum zu Preßburg, der Hauptpflanzstätte der
litterarischen und patriotischen Bewegung der Slowaken, der er sich
mit Begeisterung anschloß. Fortan ganz der Litteratur
zugewendet, verteidigte er in mehreren Schriften in deutscher
Sprache die Rechte der Slowaken gegen die Angriffe der Magyaren und
gründete 1845 die Zeitung "Slovenske narodnie Novini"
("Slowakische Nationalzeitung") mit der litterarischen Beilage
"Orol Tatranski" ("Der Adler von der Tatra"), worin er sich statt
des bisher üblichen Tschechischen der slowakischen
Volkssprache (und zwar im Dialekt seiner Heimat) bediente, die
hierdurch zur Schriftsprache bei den protestantischen Slowaken
erhoben wurde. Im J. 1847 wurde S. von Altsohl in den Reichstag zu
Preßburg gewählt, wo er mit glänzender Beredsamkeit
für die Rechte seines Volkes auftrat; nach Ausbruch des
Aufstandes 1848 floh er nach Wien, nahm dann am
Slowakenkongreß zu Prag teil, blieb aber nach wie vor der
Hauptleiter der Bewegung gegen die Ungarn, die sogar einen Preis
auf seinen Kopf setzten. Später in Zurückgezogenheit
seinen litterarischen Arbeiten lebend, starb er 12. Jan. 1856
infolge einer Wunde, die er sich auf der Jagd zugezogen hatte. Von
seinen Schriften sind noch "Zpevy i pisne" ("Gesänge und
Lieder", Preßb. 1853) und das in tschechischer Sprache
abgefaßte Werk "Über die Volkslieder und Märchen
der slawischen Stämme" (Prag 1853) zu erwähnen. Auch
hinterließ er im Manuskript ein deutsch geschriebenes Werk
aus den Jahren 1852 bis 1853, das eine Darstellung seiner Theorie
des Panslawismus enthält und in russischer Übersetzung
von Lamanskij unter dem Titel: "Das Slawentum und die Welt der
Zukunft" (Mosk. 1867) erschien. 2) Dionys, Geolog und Paläontolog, geb. 1827 zu Beczko
(Ungarn), besuchte die hohen Schulen von Modern und Preßburg,
studierte in Wien und Schemnitz, wurde 1850 Mitglied der k. k.
geologischen Reichsanstalt in Wien und 1877 Vizedirektor derselben.
Er lieferte zahlreiche Arbeiten, namentlich über
Pflanzenpaläontologie, und schrieb: "Geologie der Steiermark"
(Graz 1871, mit Karte); "Die Kulmflora des
mährisch-schlesischen Dachschiefers"(Wien 1875); "Die
Kulmflora der Ostrauer und Waldenburger Schichten" (das. 1877);
"Die Karbonflora der Schatzlarer Schichten" (das. 1885-87) u.
a. Stura, Fluß in der ital. Landschaft Piemont,
entspringt auf der Höhe des Monte Argentera in den Seealpen,
tritt vor Cuneo in die oberitalienische Tiefebene und mündet
bei Cherasco in den Tanaro; 110 km lang. Noch drei andre
Wasserläufe im Piemontesischen heißen S. Sturdza (Stourdza), moldauische Bojarenfamilie, die
urkundlich bis in den Anfang des 15. Jahrh. hinaufreicht. Gregor S.
war unter dem Fürsten Kallimachi Kanzler der Moldau und
leitete die Abfassung des 1817 erschienenen moldauischen
Gesetzbuchs. Als nach der langen Fremdenherrschaft der Fanarioten
der Hospodarensitz der Moldau wieder von Rumänen eingenommen
wurde, waren es zwei Sturdzas, die nacheinander denselben
besetzten: Johann S. (1822-28) und Michael S. (1834 bis 1. Mai
1849). Die Regierung beider war sehr erschwert durch das auf den
Donaufürstentümern lastende russische Protektorat. Johann
S. mußte einer russischen Besitznahme der Moldau weichen, die
1828-34 währte. Michael Sturdzas (geb. 14. April 1795, gest.
8. Mai 1884 in Paris) 14jährige Regierung wurde verhaßt
durch den russischen Zuschnitt, den er dem Fürstentum zu geben
sich bemühte (s. Walachei, Ge- 406 Sture - Sturm schichte). Vgl. "Michel Stourdza et son administration"
(Brüssel 1848); "Michel Stourdza, ancien prince regnant de
Moldavie" (Par. 1874). Sein Sohn Gregor, geb. 1821, ist ein
Hauptvertreter der russischen Partei in Rumänien.
Außerdem haben sich einen Namen gemacht: 1) Alexander S., geb. 29. Nov. 1791, Sohn eines moldauischen
Bojaren, der als politisch Kompromittierter 1792 nach Rußland
auswanderte, erhielt seine Bildung in Deutschland und suchte sich
nach seiner Rückkehr nach Rußland der dortigen Regierung
als loyaler Publizist bemerklich zu machen. Seine Schrift
"Betrachtungen über die Lehre und den Geist der orthodoxen
Kirche" (deutsch, Leipz. 1817) erwarb ihm die Würde eines
russischen Staatsrats. Auf dem Kongreß zu Aachen schrieb er
im Auftrag seines Kaisers ein "Memoire sur l'etat actuel de
l'Allemagne" (deutsch in den "Politischen Annalen" 1819), worin er
unter andern ungerechten Urteilen über Deutschland namentlich
die deutschen Universitäten als Pflanzschulen
revolutionären Geistes und des Atheismus hinstellte. Die
bedeutendsten Gegenschriften sind: "Coup d'oeil sur les universites
de l'Allemagne" (Aach. 1818) und von Krug (Leipz. 1819). S. zog
sich 1819 nach Dresden zurück, wo er sich mit einer Tochter
Hufelands verheiratete, und 1820 auf seine Güter in der
Ukraine und lebte später zu Odessa, sich der Einrichtung und
Leitung wohlthätiger Anstalten, unter andern eines
Diakonissenvereins, widmend. Er starb 25. Juni 1854 zu Mansyr in
Bessarabien. Von seinen übrigen Schriften ist hervorzuheben
"La Grece en 1821" (Leipz. 1822). Nach seinem Tod wurden
herausgegeben: "OEuvres posthumes religieuses, historiques,
philosophiques et litteraires" (Par. 1858-61, 5 Bde.). 2) Demeter S. von Miclauscheni, rumän. Staatsmann und
Schriftsteller, geb. 10. März 1833, studierte in München,
Göttingen, Bonn und Berlin, war 1857 Kanzleichef des Diwans ad
hoc der Moldau, 1866 einer der eifrigsten Mitarbeiter an dem Sturz
des Fürsten Alexander Cusa, 1866 bei der Wahl des Fürsten
Karl von Hohenzollern als Mitglied (Minister der öffentlichen
Arbeiten) der provisorischen Regierung thätig und bekleidete
im Kabinett Bratianus 1876-88 wiederholt den Ministerposten der
öffentlichen Arbeiten, der Finanzen, des Äußern und
des Unterrichts. Als Generalsekretär der rumänischen
Akademie leitet er die Herausgabe von zwei großen
Quellenwerken über rumänische Geschichte (Hurmuzakis
"Documente privitoare la Istoria Romanilor", Bukar. 1876-89, 11
Bde., u. Sturdzas "Acte si Documente privitoare la Istoria
Renascerei Romaniei", das. 1888-89, 3 Bde.). Er schrieb mehrere
historische und numismatische Abhandlungen, z. B. "La marche
progressive de la Russie sur le Danube" (Wien 1878); "Rumänien
und der Vertrag von San Stefano" (das. 1878); "Übersicht der
Münzen und Medaillen des Fürstentums Rumänien,
Moldau u. Walachei" (das. 1874); "Memoriu asupra numismaticei
romanesci" (Bukar. 1878). Sture, altadliges Geschlecht in Schweden, das 1716
erlosch. Sten S. der ältere, Reichsvorsteher von Schweden,
Sohn Gustav Amundssons S. und Schwestersohn Karl Knutsons, ward
nach dessen Tod 1470 Reichsvorsteher und besiegte den
Dänenkönig Christian I. 10. Okt. am Brunkeberg. Er
errichtete 1476 die Universität zu Upsala, führte die
Buchdruckerei in Schweden ein und versöhnte sich 1497 mit
König Johann von Dänemark, der bloß den Titel eines
Königs von Schweden führte, während S. Regent war.
Er starb 13. Dez. 1503 in Jönkoping, wahrscheinlich an Gift.
Vgl. Palmen, Sten Stures strid med konung Hans (Helsingf. 1884);
Blink, Sten S. den äldre och hans samtider (Stockh. 1889). Ein
Seitenverwandter von ihm, Svante Nilsson S., folgte ihm als
Reichsvorsteher. Derselbe setzte den Krieg gegen die Dänen
fort, eroberte Kalmar, welches dieselben besetzt hielten, und
schlug Johann zu wiederholten Malen, starb aber schon 2. Jan. 1512
in Westeras, worauf sein Sohn Sten S. der jüngere 23. Juli
1512 zum Reichsverweser erwählt wurde. Er unterlag in der
Schlacht bei Bogesund, in welcher er verwundet wurde, den
Dänen und starb auf dem Weg nach Stockholm 3. Febr. 1520.
Seine Leiche wurde nach dem Stockholmer Blutbad auf einem
Scheiterhaufen verbrannt. Sturluson, s. Snorri Sturluson. Sturm, heftiger Wind (s. d.). Im Feldkrieg heißt S.
der entscheidende Angriff auf eine vom Feind besetzte Stellung,
Ortschaft, Schanze etc., wobei es zum Handgemenge (s. d.) kommt,
wenn der Feind standhält. Der S. auf Festungswerke ist in der
Regel nur nach vorhergegangenem förmlichen Angriff
möglich (s. Festungskrieg, S. 190). Sturm, 1) Jakob S. von Sturmeck, elsäss. Staatsmann,
geb. 10. Aug. 1489 zu Straßburg, stammte aus einer edlen
Familie des Niederrheins, widmete sich zuerst dem Studium der
Theologie auf der Universität zu Freiburg, dann der
Rechtswissenschaft in Lüttich und Paris. 1525 wurde er zum
erstenmal Stadtmeister in seiner Vaterstadt. Schon früh
schloß er sich der Reformation an und nahm 1529 an dem
Religionsgespräch zu Marburg teil, sonderte sich dann aber von
den Lutheranern , weil er ihnen die Schuld an der Spaltung der
Evangelischen zuschrieb, und überreichte 1530 im Namen
Straßburgs und andrer Städte auf dem Reichstag zu
Augsburg die Confessio tetrapolitana. Um die Aufnahme seiner
Vaterstadt in den Schmalkaldischen Bund zu erreichen, machte er
1532 Luther einige Zugeständnisse. Fortan leitete er
Straßburgs Angelegenheiten mit großer Umsicht und
vertrat ihre Interessen auf mehreren Gesandtschaften mit Geschick.
Auch gelang es ihm, 1547 nach der Schlacht bei Mühlberg die
von Karl V. auferlegte Kontribution zu ermäßigen. S. hat
die Bibliothek und ein Gymnasium in Straßburg begründet,
das bald erfreulich gedieh (s. S. 2). Er starb 30. Okt. 1553 in
Straßburg. Vgl. Baum, Jakob S. (3. Aufl., Straßb.
1872); Baumgarten, Jakob S. (das. 1876). 2) Johannes von, verdienter Schulmann, geb. 1. Okt. 1507 zu
Schleiden in der Eifel, besuchte das Gymnasium der Hieronymianer zu
Lüttich, vollendete seine Studien auf der Universität
Löwen, ward 1530 akademischer Lehrer der klassischen Sprachen
in Paris und 1537 Rektor des neugegründeten Gymnasiums zu
Straßburg, welches unter seiner Leitung europäischen Ruf
erlangte. Als eifriger Calvinist mit den Lutheranern in Streit
über die Annahme der Konkordienformel verwickelt, verlor S.
1582 seine Stelle und starb 3. März 1589 in Straßburg.
Kaiser Karl V. verlieh ihm den Reichsadel. Sturms Studienordnung,
im wesentlichen auf Melanchthons Grundsätzen erbaut, war das
Vorbild für zahlreiche Schulpläne des 16. und 17. Jahrh.
und hatte namentlich auch wesentlichen Einfluß auf die Ratio
studiorum der Jesuiten. Vgl. Schmidt, La vie et les travaux de Jean
S. (Straßb. 1855); Laas, Die Pädagogik des J. S. (Berl.
1872); Kückelhahn, J. S., Straßburgs erster Schulrektor
(Leipz. 1872); Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts (das.
1885). 407 Sturmbock - Sturmvogel. 3) Jakob, Kupferstecher und Naturforscher, geb. 21. März
1771 zu Nürnberg, gest. 28. Nov. 1848 daselbst, verdient durch
seine ikonographischen Werke über die deutsche Flora und
Fauna, nach Sturms Tod fortgesetzt von seinem Sohn Johann Wilhelm
S. (geb. 19. Juli 1808, gest. 7. Jan. 1865 in Nürnberg),
nämlich: "Deutschlands Flora in Abbildungen nach der Natur"
(Nürnb. 1798-1855, 163 Hefte mit 2472 Tafeln; 1. Abt.:
Phanerogamen, 96 Hefte, bearbeitet von Hoppe, Schreber, Sternberg,
Reichenbach und Koch; 2. Abt.: Kryptogamen mit Ausschluß der
Pilze, 31 Hefte, von Launer und Conde; 3. Abt.: Die Pilze, 36
Hefte, von Ditmar, Rostkovius, Conde, Preuß, Schnizlein und
F. v. Strauß); "Deutschlands Fauna in Abbildungen nach der
Natur" (das. 1805-57; Vögel, Amphibien, Mollusken,
Käfer). 4) Julius, Lyriker, geb. 21. Juli 1816 zu Köstritz im
Reußischen, studierte zu Jena Theologie und wirkte seit 1857
als Pfarrer in Köstritz, bis er 1885 mit dem Titel eines
Geheimen Kirchenrats in den Ruhestand trat. Von seinen Dichtungen
sind hervorzuheben: "Gedichte" (Leipz. 1850, 5. Aufl. 1882);
"Fromme Lieder" (das. 1852, 11. Aufl. 1889); "Zwei Rosen oder das
Hohelied der Liebe" (das. 1854); "Neue Gedichte" (das. 1856, 2.
Aufl. 1880); "Neue fromme Lieder und Gedichte" (das. 1858, 3. Aufl.
1880); "Für das Haus", Liedergabe (das. 1862); "Israelitische
Lieder" (3. Aufl., Halle 1881) und "Von der Pilgerfahrt" (das.
1868); ferner die neue Sammlung "Lieder und Bilder" (Leipz. 1870, 2
Tle.); "1870. Kampf- und Siegesgedichte" (Halle 1870); "Spiegel der
Zeit in Fabeln" (Leipz. 1872); "Gott grüße dich" (das.
1876, 3. Aufl. 1887); "Das Buch für meine Kinder" (das. 1877,
2. Aufl. 1880); "Immergrün", neue Lieder (das. 1879, 2. Aufl.
1888); "Märchen" (das. 1881, 2. Aufl. 1887); "Aufwärts!",
neue religiöse Gedichte (das. 1881); "Neues Fabelbuch" (5.
Aufl., das. 1881); "Dem Herrn mein Lied", religiöse Gedichte
(Brem. 1884); "Natur, Liebe, Vaterland", neue Gedichte (Leipz.
1884); "Bunte Blätter" (Wittenb. 1885); "Palme und Krone",
Lieder zur Erbauung (Brem. 1887). Tief religiöser Sinn,
Innigkeit der Empfindung und echt deutsche Gesinnung zeichnen die
Dichtungen Sturms durchweg aus. Er gab auch die Anthologie
"Hausandacht in frommen Liedern unsrer Tage" (Leipz. 1870, 5. Aufl.
1883) und unter dem Pseudonym Julius Stern die Märchensammlung
"Das rote Buch" (das. 1855) heraus. 5) Eduard, österreich. Abgeordneter, geb. 8. Febr. 1830 zu
Brünn, studierte in Olmütz und Brünn die Rechte,
ward 1852 Advokat zu Brünn und 1856 in Pest. 1861 nach
Brünn zurückversetzt, beteiligte er sich daselbst an der
Gründung und Förderung vieler öffentlicher Vereine
und Anstalten. 1865 ward er zu Iglau in den mährischen Landtag
und von diesem 1867 in das österreichische Abgeordnetenhaus
gewählt, dem er seitdem ununterbrochen angehörte. Er ist
Mitglied der verfassungstreuen Partei und ein vortrefflicher
Redner. 1870 siedelte er als Advokat nach Wien über, schadete
aber hier in der Zeit des Gründungsschwindels seinem Ansehen
sehr durch seine Beteiligung an unsoliden finanziellen
Unternehmungen. Sturmbock (Mauerbrecher), s. Aries. Sturmbretter, s. Fußangeln. Sturmfeuer, mit Pulver oder heftig brennenden Stoffen
gefüllte Fässer, Töpfe, Säcke etc., welche
ehemals brennend auf den die Bresche stürmenden Feind
geschleudert wurden. Sturmflut, der durch andauernden auf die Küste zu
wehenden Sturm hervorgerufene ungewöhnlich hohe Wasserstand.
Sturmfluten haben mit dem Wechsel der Gezeiten keinen notwendigen
Zusammenhang und treten zu allen Mondphasen auf, das Wasser steigt
und fällt in denselben nur weniger gleichförmig als
sonst. Ebb- und Flutstand werden um gleiche Beträge über
das gewöhnliche Maß emporgetrieben. Wenn sich bei
starkem Wind hohe Wellen bilden, auf deren Hinterseite der Wind
drückt, so daß die Wellenkronen sich
überstürzen, dann findet offenbar nicht mehr ein Hin- und
Herschwingen, sondern ein teilweises Vorwärtsbewegen des
Wassers statt. Hält der Sturm einige Zeit an, so ist die
Wassermasse, welche er vor sich hertreibt, sehr bedeutend, und wenn
die Küste, welche dem Sturm ausgesetzt ist, diesem eine offene
Bucht zuwendet, so kann dort ein mächtiger Wasserstau
stattfinden. Für die deutsche Bucht der Nordsee sind daher
andauernde schwere Stürme aus nordwestlicher Richtung die
gefürchtetsten. Bei den höchsten Sturmfluten der letzten
hundert Jahre stieg das Wasser bei Kuxhaven jedesmal nach
tagelangem Sturm aus W. bis NW. über den mittlern
Hochwasserstand: 22. März 1791 um 3 m, 3. Febr. 1825 um 3,18
m, 2. Jan. 1855 um 3,03 m. Bei der großen S. vom November
1872 wehte zwei Tage lang der Sturm aus der Richtung NO. bis ONO.
und trieb in der Ostsee die Wassermassen von der livländischen
Küste geradeswegs bis in die Buchten von Travemünde und
Kiel hinein, am erstern Ort einen Wasserstand von 3,38 m, am
letztern einen solchen von 3,17m über Mittelwasser
verursachend. Die Orkane der Tropen geben Anlaß zu ungeheuern
Sturmfluten, von denen die in der Bucht von Bengalen die
berüchtigtsten sind. Am 1. Dez. 1876 kamen durch eine solche
S. im Delta des Brahmaputra nahe an 200,000 Menschen um. Die
außerordentliche Verminderung des Luftdrucks in diesen
Orkanen ist für das Steigen des Wassers hier noch besonders
günstig. Vgl. Mayer, Über Sturmfluten (Berl. 1873);
Lentz, Flut und Ebbe und die Wirkungen des Windes auf den
Meeresspiegel (Hamb. 1879). Sturmhaube (Sturmhut), s. Helm, S. 364. Sturmhaube (Große und Kleine), Berggipfel, s.
Riesengebirge. Sturmhut, Pflanzengattung, s. v. w. Aconitum. Sturmpfähle, s. Palissaden. Sturmrose, s. Kompaß. Sturmschritt (früher auch Chargierschritt), beim
Militär die beim Vorgehen zum Angriff beschleunigte Gangart,
die zuletzt in vollen Lauf übergeht. Sturmschwalbe, s. Sturmvogel. Sturmsignale, die bei Sturmwarnungen gegebenen Signale,
s. Wetter. Sturmsold, die den Soldaten für eine gewonnene
Schlacht oder die Erstürmung einer befestigten Stadt ehedem
gezahlte Belohnung, von der sich die heute noch gebräuchlichen
Douceurgelder herleiten. Sturm- und Drangperiode, s. Deutsche Litteratur, S.
748. Sturmvogel (Procellaria L.), Gattung aus der Ordnung der
Schwimmvögel und der Familie der Sturmvögel
(Procellariidae), kleine Vögel mit schlankem Leib,
großem Kopf, kurzem Hals, sehr langen, schwalbenartigen
Flügeln, mittellangem Schwanz, kleinem, schwächlichem,
geradem, an der Spitze herabgebogenem Schnabel, kleinen,
schwächlichen, langläufigen Füßen mit drei
langen, schwachen, durch Schwimmhäute verbundenen Vorderzehen
und rudimentärer Hinterzehe. Die Sturmschwalbe (Gewittervogel,
Petersläufer, Procellaria [Thalassidroma] pelagica L., s.
Tafel "Schwimmvögel II"), 14 cm lang, 33 cm breit, mit
abgestutztem 408 Sturmwarnungen - Stuttgart. Schwanz, rußbraun, auf dem Oberkopf schwarz, auf dem
Bürzel, Steiß und an den Wurzeln der Steuerfedern
weiß und an den Spitzen der Flügeldeckfedern
trübweiß, und der Sturmsegler (P. Leachi Rchb.), 20 cm
lang, 50 cm breit, mit verhältnismäßig langem, tief
gegabeltem Schwanz, der vorigen ähnlich gefärbt, bewohnen
den Atlantischen und Stillen Ozean mit Ausnahme des höchsten
Nordens, leben meist auf hoher See, erscheinen nur zur Brutzeit am
Land, fliegen bald höher in der Luft, bald unmittelbar
über den Wogen, welche sie bald mit den trippelnden
Füßchen, bald mit den Spitzen der Schwingen
berühren, und lassen sich selten auf das Wasser nieder, um
auszuruhen. Sie sind hauptsächlich in der Nacht thätig,
nähren sich von allerlei Seetieren, brüten in
selbstgegrabenen Höhlen nahe der See und legen ein einziges
weißes Ei, welches wahrscheinlich von beiden Geschlechtern
ausgebrütet wird. Sie sind vollkommen harmlos, verlieren,
ihrem Element entrückt, gleichsam die Besinnung und sind auf
dem Land ganz hilflos. Angegriffen, suchen sie sich nur durch
Ausspeien von Thran zu verteidigen. Den Schiffern gilt die
Sturmschwalbe als Unglücksbote. Der Eissturmvogel (Fulmar, P.
[Fulmarus] glacialis Steph., s. Tafel "Schwimmvögel II"), 50
cm lang, 110 cm breit, ist weiß, auf dem Mantel
möwenblau, mit schwärzlichen Schwingen, braunen Augen,
gelbem Schnabel und Füßen, bewohnt das Nördliche
Eismeer, fliegt und schwimmt vortrefflich und kommt fast nur zur
Brut ans Land, auf welchem er sich sehr hilflos zeigt. Er
nährt sich von Fischen und Weichtieren, ist sehr
gefräßig und zudringlich, lebt und brütet gesellig
auf allen hochnordischen Inseln und legt nur ein weißes Ei;
gleichwohl werden auf Westmanöer bei Island jährlich
über 20,000 Junge ausgenommen, und trotzdem nimmt die Zahl der
Vögel von Jahr zu Jahr zu. Sturmwarnungen, s. Wetter. Sturnus, Star; Sturnidae (Stare), Familie aus der Ordnung
der Sperlingsvögel (s. d.). Sturt (spr. stört), Charles, Australienreisender, in
England geboren, wollte 1827 einen in Zentralaustralien vermuteten
See entdecken und fand, dem Macquariefluß folgend, zu Anfang
1828 den Darlingfluß und, 1829 mit einer neuen
Forschungsreise betraut, den Murrayfluß. Begleitet von Stuart
(s.d. 1), führte er 1844-45 eine dritte große Reise aus,
auf der er den Cooper Creek entdeckte und nordwestlich bis fast in
das Zentrum des Kontinents vordrang. Er starb 16. Juni 1869 zu
Cheltenham in England. Seine ersten beiden Reisen beschrieb er in
"Two explorations into the interior of Southern Australia etc."
(Lond. 1833, 2 Bde.), die dritte in "Narrative of an expedition
into Central Australia etc." (das. 1848, 2 Bde.). Sturz, der eine Thür oder ein Fenster oben
abschließende, horizontal aufliegende Teil, in der primitiven
Baukunst meist ein schwerer Steinblock oder Balken aus Holz. Sturz, Helferich Peter, Schriftsteller, geb. 16. Febr.
1736 zu Darmstadt, studierte in Göttingen die Rechte und
Ästhetik, erhielt 1763 eine Anstellung zu Kopenhagen im
Departement der auswärtigen Angelegenheiten, 1770 bei dem
Generalpostdirektorium, ward 1773 Regierungsrat und zwei Jahre
später Etatsrat zu Oldenburg und starb 12. Nov. 1779 in
Bremen. S. war einer der geschmackvollsten deutschen Prosaiker, wie
seine "Erinnerungen aus dem Leben des Grafen von Bernstorff" (1777)
und seine "Briefe eines Reisenden" (1768) mit ihren trefflichen
Charakterschilderungen bekunden. Seine Schriften erschienen
gesammelt in 2 Bänden (Leipz. 1779-1782). Vgl. Koch, Helf.
Peter S. (Münch. 1879). Sturzblech, dünnste Sorte Eisenblech. Stürze, die starke Erweiterung der
Blechblasinstrumente an der dem Mundstück entgegengesetzten
Seite. Sturzenbecker, Oskar Patrik, unter dem Namen Orvar Odd
bekannter schwed. Dichter und Schriftsteller, geb. 1811 zu
Stockholm, studierte und promovierte in Upsala, trat kurz darauf in
die Redaktion des "Aftonblad" in Stockholm ein und erwarb sich bald
einen Namen als gewandter und geistreicher Feuilletonist.
Später lebte er teils in Helsingborg, wo er mehrere Jahre lang
den "Öresundsposten" herausgab, teils in Kopenhagen; er starb
im Februar 1869 auf seinem Landsitz in der Nähe von
Helsingborg. Unter seinen Prosaschriften verdienen die meisterhaft
ausgeführten feuilletonartigen Skizzen: "Grupper och
personagen fran igar" ("Gruppen und Persönlichkeiten von
gestern") und "La Veranda" besondere Auszeichnung; auch viele
seiner Gedichte sind durch ihre frische, lebhafte Stimmung
anziehend. Seine gesammelten Werke erschienen in 5 Bänden (2.
Aufl., Stockh. 1880-82). Stürzfurche, s. Brache. Sturzgüter, beim Beladen von Schiffen durch die
Luken in den Schiffsraum gestürzte Güter, z. B. Kohlen,
Getreide, Erze u. dgl. Stutereien (Gestüte), s. Pferde, S. 949. Stuttgart (hierzu der Stadtplan), Haupt- und
Residenzstadt des Königreichs Württemberg, des
württembergischen Neckarkreises und des Stadtdirektionsbezirks
S., liegt in einer kesselförmigen, reizenden Erweiterung des
Nesenbachthals, das 1 km von der Stadt in das Neckarthal
ausläuft, von Weinbergen, Gärten und Villen rings
umgeben, unter 48° 46' nördl. Br. und 9° 10'
östl. L. v. Gr., 249 m ü. M., und wird durch die 1100 m
lange Königs- und die sich an diese anschließende
Marienstraße in die "obere" (im NW.) und die "untere Stadt"
(im SO.) geteilt, von denen letztere auch die Altstadt in sich
schließt. Außer den genannten Straßen sind die
Neckar-, Olga-, Reinsburg-, Silberburg- und Rote
Bühlstraße sowie unter den Plätzen der
Schloßplatz, der Alte Schloßplatz, die Planie, der
Dorotheen-, der St. Leonhards- und der Charlottenplatz, der
Feuerseeplatz und der Marktplatz hervorzuheben. Den
Schloßplatz zieren schöne Anlagen, inmitten deren sich
die 18 m hohe, mit einer Konkordia gezierte
Jubiläumssäule (1841 zur Feier des 25jährigen
Regierungsjubiläums König Wilhelms errichtet) erhebt, auf
dem Alten Schloßplatz steht das von Thorwaldsen modellierte
Standbild Schillers. Von den öffentlichen Anlagen und
Promenaden sind noch zu nennen: der Schloßgarten (mit der
Danneckerschen Nymphengruppe, der Eberhardsgruppe von Paul
Müller, der Hylasgruppe und den zwei Pferdebändigern von
Hofer), welcher sich bis in die Nähe von Kannstatt zieht, der
Silberburggarten (Eigentum der Museumsgesellschaft), die Planie mit
den neuerrichteten Denkmälern Bismarcks u. Moltkes
(Büsten, von Donndorf modelliert), der Stadtgarten, die
Anlagen bei der Seidenstraße, die neue Weinsteige etc. Von
den zu gottesdienstlichen Zwecken bestimmten Gebäuden (9
evangelische, eine reformierte und eine kath. Kirche und eine
Synagoge) Wappen von Stuttgart. STUTTGART. Akademie E3 Alexander-Straße C-F3-5 Alleen-Straße C-E1 Archiv E3 Archiv-Straße E3,4 Augusten-Straße AB3 Bach-Straße, Obere CD4 Bach-Straße, Untere D3 Bahnhof D2 Bahnhof-Straße E1 Band-Straße D3 Baugewerk-Schule CD2 Berg-Straße C2 Bibliothek C3 Blumen-Straße E4 Böblinger Straße B4,5 Böheim-Straße A5 Bopser Brunnen D5 Bopser Straße C4,5 Bopser Weg D5 Bothanger Straße A2 Breite-Straße C3 Brunnen-Straße D4 Büchsen-Straße C2,3 Bürger-Hospital C2 Bürger-Museum C3 Bürger-Schule B2 Calwer Straße CD3 Charlotten-Platz DE3,4 Charlotten-Straße E4 Christophs-Straße C4 Classon Villa F3 Cotta-Straße B5 Dannecker-Denkm. D3 Diakonissen-Anstalt B1 Diemershalden F4,5 Dobel-Straße E5 Dorotheen-Straße u. Platz D3 Eberhards-Standbild D3 Eberhards-Straße CD4 Eich-Straße D3 Enge-Straße D3 Englische Kirche D4 Eßlinger Berg, Oberer F4 Eßlinger Straße D4 Etzel-Straße CD5 Eugens-Denkmal F3 Eugen-Straße EF3 Falbenhennen-Straße C5 Falkert-Straße B1 Fangelsbach-Friedhof B5 Fangelsbach-Straße B4,5 Färber-Straße D4 Feuer-See B3 Filder-Straße AB5 Finanzministerium E2 Forst-Straße AC1 Friedrichs-Straße D1,2 Furthbach-Straße B1 Gaisburg-Straße E4 Garnison-Kirche C1 Garten-Straße C23 Gebel-Straße A4 Gerber-Straße C4 Gewerbe-Halle CD1 Gewerbe-Museum C3 Goethe-Straße D1 Graben-Straße D3 Güter-Bahnhhof E1 Gutenberg-Straße AB3 Hasenberg-Straße A1-4 Hauptstätter Straße BD4 Hauptzollamt EF1 Hebammen-Schule D1 Hegel-Straße C1 Heiler E4 Herdweg C1 Hermanns-Straße B3 Herzog-Straße B3 Heslacher-Straße A5 Heu-Straße C2 Heusteig-Straße BD5 Hirsch-Straße CD3 Hohe-Straße C2 Hohenheimer Straße DE5 Holzgärten, Königl. C1 Holz-Straße D3,4 Hoppenlau-Friedhof C1 Hoppenlau-Straße C1,2 Hospital-Kirche C2 Hospital-Platz C2 Hospital-Straße C2 Hühnerdieb F3 Ilgen-Platz D4 Ilgen-Straße D3 Immenhofen-Straße BC5 Infanterie-Kaserne B3 Jäger-Straße DE1 Jakob-Straße D4 Johannes-Straße B1-3 Johannes-Kirche B3 Jubiläums-Säule D3 Justiz-Palast E3,4 Kanal-Straße E4 Kanonen-Weg F3 Kanzlei-Straße D1,2 Karls-Linde A4 Karls-Straße D3 Kasernen-Straße BC2 Katharinen-Hospital D1 Katharinen-Platz D4 Katharinen-Stift D2 Katharinen-Straße D4 Katholische Kirche, Alte DE2 Katholische Kirche, Neue B4 Keppler-Straße D1,2 Kerner-Straße F2,3 Kolb-Straße AB5 Königsbau D2 Königs-Straße CE2,3 Königs-Thor E2 Korps-Kommando DE1 Kreuser-Straße D1 Kreuz-Straße D4 Kriegsberg, Mittlerer E1 Kriegsberg, Unterer D1 Kriegsberg-Straße CE1 Kriegs-Ministerium DE4 Kronprinz-Straße CD3 Kronprinzen-Palais C2,3 Kühlesteig E5 Kunstausstellung, Permanente C3 Kunst-Verein D2 Landhaus-Straße F2 Lange-Straße C2,3 Lazarett-Straße D4 Legions-Kaserne C3 Lehen-Straße B5 Lerchen-Straße AC1 Liederhalle C2 Lindenspür-Straße AB1 Linden-Straße CD2,3 Loge Wilhelm B3 Loge zu den 3 Zedern D4 Lorenz-Straße D45 Ludwigsburger Straße EF1 Ludwigs-Spital B1 Ludwigs-Straße AB2 Maler-Straße F3 Marien-Platz A5 Marien-Straße B4 Markt-Halle D3 Markt-Platz D3 Markt-Straße D34 Marstall E2 Militär-Spital B2 Militär-Straße AB2 Minsterium des Äußern CD3 Möricke-Denkmal B4 Moser-Straße EF3 Mozart-Straße C5 Münze EF2 Münz-Straße D3 Museum für bildende Künste F3 Museum, Oberes D2 Museum, württemb. Altertümer E3 Neckar-Straße EF2,3 Nadler-Straße CD3 Naturalien-Kabinett E3 Neue Brücke C3 Olga-Spital A2 Olga-Straße CE4,5 Orangerie E1 Paulinen-Straße BC3,4 Paulinen-Straße, Verlängerte B2,3 Pfarr-Straße D4 Polizei C3 Polytechnische Schule D1 Postamt D2 Posthof C3 Post-Platz, Alter C3 Post-Straße C3 Prinzen-Palais D3 Prinzessinnen-Palais E3,4 Rathaus D3 Realgymnasium C1 Reinsburg A4 Reinsburg-Straße AB4 Reiter-Kaserne E1 Reuchlin-Straße A3 Röer-Straße B5 Rosen-Straße DE4 Rosenberg-Straße AC1 Rote-Straße C2,3 Rote Bühl-Straße AC3 Sankt Johannes-Kirche B3 Sankt Leonhards'Krche D4 Sankt Leonhards-Platz D4 Sankt Leonhards-Str D4 Sänger-Straße F2,3 Schellen-König F5 Schelling-Straße CD2 Schiler-Denkmal D3 Schiller-Straße E1 Schlachthaus C1 Schloß, Altes D3 Schlosser-Straße C4,5 Schloß-Garten EF1,2 Schloß-Kirche E3 Schloß, Königliches DE3 Schloß-Platz D2,3 Schloß-Platz, Alter D3 Schloß-Straße AD2 Schmale-Straße C3 Schul-Straße D3 Schützenhaus F3 Schützen-Straße F2,3 Schwab-Denkmal C2 Schwab-Straße D1,2 See-Straße D1,2 Seiden-Straße C1,2 Sennefelder-Straße A1-3 Silberburg B4 Silberburg-Straße B1-4 Silcher-Straße B2 Sonnenberg-Straße E5 Sophien-Straße C3,4 Stadt-Direktion D3 Stadt-Garten D1,2 Stafflenberg E5 Ständehaus D2,3 Stein-Straße C-D3 Stifts-Kirche D3 Stiftskirchen-Platz D3 Strohberg-Straße B5 Stützenburg DE5 Synagoge C2 Tannen-Straße A5 Telegraphen-Amt D2 Theater E2 Thor-Straße C4 Tübinger Straße C4 Tübinger Thor BC4 Turm-Straße D5 Turnhalle, Erste C2 Uhland-Denkmal E2 Uhlands-Höhe F3 Uhlands-Straße E4 Ulrich-Straße E3 Urban-Straße EF2-4 Vera-Straße F3 Vogelsang-Straße A2,3 Wagner-Straße D4 Waisenhaus D3 Wannen-Straße AB3,4 Wasser-Reservoir F5 Weber-Straße DE4 Wein-Straße C3 Weißenburg-Straße C5 Wilhelms-Platz CD4 Wilhelms-Straße D4,5 Wilhelms-Thor D5 Zorn, Villa B4 Zuchthaus A2 Zucker-Fabrik E1 Zwinger, Im D3,4 409 Stuttgart (Beschreibung der Stadt). sind hervorzuheben: die Stiftskirche (1436-1531 erbaut), mit
zwei Türmen; die Leonhardskirche (1470 bis 1491 im gotischen
Stil erbaut), mit einem steinernen Kalvarienberg von großem
Kunstwert; die Hospitalkirche (1471-93 erbaut), mit vielen
Grabmälern (darunter das Reuchlins) und dem Modell der
Christusstatue von Dannecker; die prachtvolle, 1865-76 im gotischen
Stil von Leins aufgeführte Johanniskirche; die englische
Kirche; die neue Garnisonkirche von Dollinger (1879) im romanischen
Stil; die alte und die von Egle 1873-79 erbaute neue katholische
Kirche und die 1860 im maurischen Stil aufgeführte Synagoge.
Von weltlichen Gebäuden sind zu nennen: das Neue
Residenzschloß im französischen
Renaissancestil(1746-1807 erbaut); das Alte Schloß, in dessen
Hof sich das bronzene Reiterstandbild des Grafen Eberhard im Bart
(von Hofer) befindet; das 1845-46 umgebaute Hoftheater mit vier
ehernen Statuen von Braun; die sogen. Akademie, ein Nebenbau des
Schlosses (früher Sitz der Karlsschule, jetzt die
königliche Handbibliothek, den königlichen Leibstall, die
Schloßwache etc. enthaltend); der im italienischen Stil
erbaute Wilhelmspalast; das Kronprinzenpalais, im römischen
Palaststil aufgeführt (gegenüber das Denkmal Danneckers);
das Palais des Prinzen Hermann von Sachsen-Weimar; das
Ständehaus; das Museum der bildenden Künste (1838 bis
1843 im italienischen Palaststil erbaut), mit der Reiterstatue des
Königs Wilhelm, von Hofer; der Königsbau (1856 bis 1860
von Leins aufgeführt), mit Läden und der Börse in
den untern und mehreren großen Sälen in den obern
Räumen; das Rathaus (1456 erbaut); die Gebäude des
Staatsarchivs und der Naturaliensammlungen; das
Kanzleigebäude; das neue Justizgebäude; der Hauptbahnhof;
das neue Postgebäude; das Museum; das 1860-65 von Egle erbaute
Polytechnikum; die Blumen- und Gemüsehalle; das Schlachthaus
etc. Die Zahl der Einwohner belief sich 1885 mit der Garnison (ein
Regiment und 2 Bataillone Infanterie Nr. 119 und 125 und ein
Ulanenregiment Nr. 19) auf 125,901 Seelen (gegen 107,289 im J.
1875), darunter 106,282 Evangelische, 16,067 Katholiken und 2568
Juden. Die industrielle Thätigkeit ist nicht unbedeutend. Ganz
besonders treten hervor die Bierbrauereien, die Farben-,
Pianoforte-, Harmonium-, Kassen-, Möbel-, Parkettboden-,
Zigarren-, Chemikalien- und Wagenfabrikation, die Eisen- und
Glockengießerei und die Fabrikation von Reiseartikeln.
Außerdem gibt es Fabriken für Trikot- und Wollwaren,
Baumwollen- u. Wollenzeuge, Teppiche, Leder, Papier, Posamentier-
und Kautschukwaren, Parfümerien, Bijouterie-, Glas-,
Porzellan-, Gold- und Silberwaren, mechanische und optische
Instrumente, Maschinen, Schokolade etc. Der Handelsverkehr,
unterstützt durch eine Handels- und Gewerbekammer, eine
Börse, durch zahlreiche Banken (darunter eine
Reichsbankhauptstelle), viele Wechsel und Geldgeschäfte etc.,
ist recht bedeutend; im Buchhandel ist S. nach Leipzig sogar der
wichtigste Platz in Deutschland. Die Stadt zählt über 100
Buch- und Kunsthandlungen, zahlreiche Buchdruckereien, Schrift- und
Stereotypengießereien, litho-, xylo- und photographische
Anstalten etc. Alljährlich findet hier eine
Buchhändlermesse für Süddeutschland statt. Bekannt
sind auch die Tuchmesse sowie die dortigen Karte der Umgebung von
Stuttgart Hopfen- und Pferdemärkte. Den Verkehr nach
außen hin fördern die Linien Bretten-Friedrichshafen und
S.-Freudenstadt der Württembergischen Staatsbahn, für
welche S. den Knotenpunkt bildet; eine Zahnradbahn führt nach
dem auf der Filderebene liegenden, durch seinen guten Rotwein und
seinen Obstbau bekannten Dorf Degerloch und weiter nach Hohenheim;
den Verkehr in der Stadt und mit der nächsten Umgebung
vermitteln zwei Pferdebahnlinien. An Wohlthätigkeitsanstalten
besitzt S. das Bürgerhospital, das Armenhaus, die
Olgaheilanstalt, die Paulinenhilfe (orthopädische
Heilanstalt), die Nikolauspflege für blinde Kinder, die
Paulinenpflege etc. sowie mehrere Wohlthätigkeits- und
zahlreiche andre gemeinnützige Vereine. Unter den
Bildungsanstalten steht das Polytechnikum (Wintersemester 1888-89:
248 Studierende) obenan. Außerdem befinden sich in S. eine
Baugewerk-, eine Kunst- und eine Kunstgewerbeschule, ein
Konservatorium, eine höhere Handels-, eine Tierarznei- und
eine Landes- 410 Stütze - Stüve. hebammenschule und eine Turnlehrerbildungsanstalt; ferner 2
Gymnasien, ein Realgymnasium, eine Reallehranstalt, ein Privatlehr-
und Erziehungsinstitut, ein Lehrerinnenseminar und zahlreiche
niedere Schulanstalten. Unter den Sammlungen für Kunst und
Wissenschaft ist die königliche Sammlung, bestehend aus einer
Bibliothek von über 400,000 Bänden, Gemälde-,
Skulpturen-, Antiken-, Münzen- und Naturaliensammlung, die
wichtigste. Außerdem gehören hierher: die Sammlung
vaterländischer Altertümer, die Gemäldesammlung des
Museums der bildenden Künste und die des Kunstvereins, die
permanente Kunstausstellung, die mit der Zentralstelle für
Handel und Gewerbe verbundenen Sammlungen, die
Präparatensammlung der Tierarzneischule, der zoologische
Garten etc. Groß ist die Zahl der in S. erscheinenden
Zeitschriften und politischen Zeitungen. S. ist Geburtsort des
Philosophen Hegel, des Architekten Heideloff, der Dichter Hauff,
Schwab u. a. S. ist Sitz des Staatsministeriums und sämtlicher
Zentralstellen des Landes, eines Oberlandes- und eines
Landgerichts, eines Oberbergamtes und eines Bergamtes, des
evangelischen Konsistoriums, des katholischen Kirchenrats und der
israelitischen Oberkirchenbehörde, einer
Militärintendantur, eines Gouverneurs, der
Oberrechnungskammer, einer Stadtdirektion, einer Münze
(Münzzeichen F) etc.; ferner des Generalkommandos des 13.
Armeekorps, des Kommandos der 26. Division, der 51. Infanterie- und
26. Kavalleriebrigade. Die städtischen Behörden setzen
sich zusammen aus 25 Gemeinderats- und 25
Bürgerausschußmitgliedern. - In der Umgebung der Stadt
sind bemerkenswert: das am Ende des Schloßgartens liegende
und zum Stadtdirektionsbezirk gehörige Berg (s. d.) mit
königl. Villa, die königl. Lustschlösser Rosenstein
und Wilhelma; gegenüber die Stadt Kannstatt (s. d.); im
Süden die Silberburg, ein Vergnügungsort der Bewohner von
S.; über derselben die 340 m hohe Reinsburg mit schönen
Villen am Abhang; weiterhin die Uhlandshöhe über dem
Schießhaus, 350 m ü. M., mit Anlagen, einem Pavillon und
der Uhlandslinde; ferner der Bosper, 481 m ü. M., und die
Schillerhöhe, in deren Nähe das Dorf Degerloch (s. oben);
im SW. der Stadt das Jägerhaus mit Aussichtsturm,
sämtlich mit schöner Aussicht; das Lustschloß
Solitüde mit Wildpark; endlich die Feuerbacher Heide.
Urkundlich kommt S., das seinen Namen von einem Gestütgarten
oder Fohlenhof führt, zuerst 1229 vor. 1312 wurde es dem
Grafen Eberhard entrissen und ergab sich an Eßlingen, wurde
jedoch 1316 wieder ausgeliefert. Seitdem haben die Grafen von
Württemberg hier ihren Sitz gehabt und es 1482 zur Hauptstadt
der württembergischen Lande gemacht. Doch verlegte Herzog
Eberhard Ludwig 1727 und nochmals Karl Eugen 1764 die Residenz
für mehrere Jahre nach Ludwigsburg. Bis 1822 stand S. unter
einer eignen Regierung, seitdem sind Stadt und Bezirk mit dem
Neckarkreis vereinigt und bilden ein eignes Oberamt unter dem Namen
einer Stadtdirektion. Vom 6.-18. Juni 1849 hielt der Rest der
deutschen Nationalversammlung, das sogen. Rumpfparlament, in S.
seine Sitzungen. Im September 1857 fand hier eine Zusammenkunft
zwischen Alexander I. von Rußland und Napoleon III. statt.
Vgl. Pfaff, Geschichte der Stadt S. (Stuttg. 1845-47, 2 Bde.);
Wochner, S. seit 25 Jahren (das. 1871); Nick, Chronik und Sagenbuch
von S. (das. 1875); "S. Führer durch die Stadt und ihre
Bauten" (Festschrift, das. 1884); "Beschreibung des
Stadtdirektionsbezirks S." (hrsg. vom statistisch-topographischen
Büreau, das. 1886); Hartmann, Chronik der Stadt S. (das.
1886). Stütze, örtlich auch Stützel genannt, im
Bauwesen meist lotrechter hölzerner oder eiserner Pfosten zur
Unterstützung einer Decke oder eines Daches, seltener
geneigte, einem Seitendruck widerstehende Strebe. Die S. ist ein
insbesondere im Gegensatz zur Säule interimistischer
schmuckloser Träger und besteht entweder aus einem runden oder
vierkantigen beschlagenen Holzstamm auf Holz- oder Steinunterlage,
oder aus gußeisernen, im Querschnitt meist
kreuzförmigen, zusammengeschraubten Barren auf gemauertem
Fundament, oder aus winkel- oder I-förmigen Façoneisen,
welche zu kreuz- oder H-förmigen Querschnitten zusammengesetzt
und an eine gußeiserne, mit einem gemauerten Fundament
verankerte Unterlagsplatte geschraubt werden. Stutzen, kurzes Gewehr, das zum Abschießen gegen
die Brust gestützt wurde; dann verkürztes, leichteres,
gezogenes Gewehr der Jäger und Scharfschützen. Stützerbach, Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Erfurt, Kreis Schleusingen, im Thüringer Wald, 587 m ü.
M., mit evang. Kirche, Hohlglas- und Glasinstrumentenfabrikation
und (1885) 1081 Einw. Dabei der gleichnamige weimarische Ort mit
675 Einw. Stützpunkte, Punkte, an die sich irgend etwas, z. B.
ein Hebel, stützt oder lehnt. Im Kriegswesen sind taktische S.
solche Örtlichkeiten, z. B. Anhöhen, Ortschaften etc.,
die meist befestigt, für die Verteidigung besonders
günstig sind, ihr als Stütze dienen; strategische S. sind
meist große Festungen, auf welche sich operierende Armeen
zurückziehen können. Stützzapfen, Zapfen, bei welchem der Druck zum
größten Teil in der Längenrichtung desselben wirkt.
Man unterscheidet hierbei Spurzapfen und Kammzapfen, je nachdem der
Druck nur von der Stirnfläche des Zapfens oder von seitlichen,
mit dem Zapfen fest verbundenen Ringen aufgenommen wird. Stüve, Johann Karl Bertram, hannöv. Staatsmann,
geb. 4. März 1798 zu Osnabrück, ließ sich 1820
daselbst als Advokat nieder und war, 1830 zum Schatzrat
gewählt, seit 1831 in freisinniger Richtung auf dem Landtag
thätig. 1832 veröffentlichte er die Schrift "Über
die gegenwärtige Lage des Königreichs Hannover" (Jena).
1833 wurde er Bürgermeister seiner Vaterstadt. Nach der
Thronbesteigung des Königs Ernst August 1837 und nach der
durch denselben verfügten Vertagung des Landtags
veröffentlichte S. eine "Verteidigung des
Staatsgrundgesetzes". Am 20. März 1848 übernahm er unter
Graf Bennigsen das Ministerium des Innern, dessen Programm auf
Beseitigung der privilegierten Landesvertretung, Reform der
Administration und Justiz, Selbständigmachung der Gemeinden,
Freigebung der Presse, Einrichtung von Schwurgerichten etc.
lautete. Dagegen war er in der deutschen Sache der Bildung eines
kleindeutschen Bundesstaats unter preußischer Leitung abhold
und suchte die Sonderrechte der Kleinstaaten sowie die Verbindung
mit Österreich aufrecht zu erhalten. Im Oktober 1850 legte er
sein Portefeuille nieder, blieb aber als Bürgermeister seiner
Vaterstadt (seit 1852) ein hervorragendes Mitglied der
Ständeversammlung, bis er wegen Differenzen mit dem
Bürgervorsteherkollegium 1864 sich veranlaßt sah, sein
Amt als Bürgermeister von Osnabrück niederzulegen. 1869
übernahm er auf kurze Zeit das Amt eines
Bürgervorstehers; er starb 16. Febr. 1872. Im J. 1882 wurde
sein Denkmal auf dem Marktplatz in Osnabrück enthüllt.
Obwohl liberal und echt deutsch gesinnt, ver- 411 Stygisch - Styrax mochte er sich doch nicht mit der neuen Wendung der Dinge in
Deutschland zu befreunden. Die Annexion Hannovers und die Einigung
Deutschlands unter Preußen widerstrebten ihm ebensosehr wie
die Freizügigkeit und Gewerbefreiheit. Litterarisch
beschäftigte er sich mit der Geschichte Osnabrücks. Er
gab den 3. Band von Mösers "Osnabrückischer Geschichte"
(Berl. 1824) und den 3. Band von Fridericis "Geschichte
Osnabrücks aus Urkunden" (Osnabr. 1826) heraus; von seinen
selbständigen Arbeiten erwähnen wir: eine Darstellung des
Verhältnisses der Stadt Osnabrück zum Stift (Hannov.
1824); "Geschichte des Hochstifts Osnabrück" (Bd. 1 u. 2, das.
1853-1872; Bd.3, 1882); "Wesen und Verfassung der Landgemeinden in
Niedersachsen und Westfalen" (Jena 1851); "Untersuchungen über
die Gogerichte in Westfalen und Niederfachsen" (das. 1870) u.
a. Stygisch (griech.), der Styx, d. h. der Unterwelt,
angehörig; daher s. v. w. fürchterlich, schauerlich. Styl (griech.), s. Stil. Stylidiaceen, dikotyle, etwa 100 Arten umfassende,
vorzugsweise in Australien einheimische Pflanzenfamilie aus der
Ordnung der Kampanulinen; von ihren nächsten Verwandten durch
ihre beiden mit dem Griffel in eine auf dem Eierstock stehende
Säule verwachsenen Staubgefäße verschieden. Styliten (griech., Säulenheilige), eine im 5. Jahrh.
im Morgenland aufgekommene Klasse christlicher Asketen, welche ihr
Leben auf der Spitze hoher Säulen stehend zubrachten (s.
Simeon 3). Die S. hielten sich in Syrien und Palästina bis ins
12. Jahrh.; im Abendland fand ihr Beispiel keine Nachahmung. Stylobat (griech.), aus der Vereinigung einzelner
Postamente (Stereobate) entstandenes fortlaufendes, abgestuftes
Fußgestell der Säulen; Säulenstuhl. Stylodisch (styloidisch, griech.),
griffelförmig. Stylograph (griech.), Fabrikname für einen mit Tinte
gefüllten Schreibgriffel; Füllfederhalter. Stylographie (griech.), ein von dem Kupferstecher
Schöler in Kopenhagen erfundenes Verfahren zur leichtern
Herstellung von Kupferdruckplatten durch Gravierung in eine nicht
leitende Masse, von welcher dann zuerst eine erhabene, dann von
dieser eine vertiefte Platte auf galvanischem Weg abgeformt
werden. Stylolithen (griech., "Säulensteine"),
stengelartige, gestreifte oder geriefte Gebilde in Kalken und
Mergeln, besonders im Muschelkalk, 1-30 cm lang und von 1 mm bis zu
mehr als 1 cm im Durchmesser. Die Längsachse der S. steht
gewöhnlich senkrecht zur Schichtungsfläche, doch gibt es
auch liegende S. Die Entstehung wird bald auf Erosion
zurückgeführt, bald mit der Entwickelung von Gasen in
Zusammenhang gebracht, am richtigsten aber wohl als Folge von Druck
und Pressung von noch plastischem Material aufgefaßt,
wofür Experimente, durch welche es Gümbel gelang, S.
künstlich darzustellen, sprechen. Eine verwandte Erscheinung
ist der Nagelkalk (Tutenmergel), konische, mit einer rohen innern
Struktur versehene Körper, ineinander gesteckten Tüten
vergleichbar, die hier und da im Lias vorkommen. Stylosporen, die bei Kernpilzen in besondern
Fruchtbehältern, den Pykniden, durch Abschnürung an
Hyphenenden entstehenden Sporen (s. Pilze, S. 72 f.). Stylus (lat.), Griffel, s. Blüte, S. 69. Stymphalische Vögel (Stymphaliden), im griech.
Mythus Raubvögel mit ehernen Flügeln und Federn, die sie
wie Pfeile abschießen konnten, hausten am Stymphalischen See
in Arkadien und wurden von Herakles verscheucht. Styphninfäure, s. Resorcin. Styptische Mittel (Styptica), s. v. w. blutstillende
Mittel, s. Blutung, S. 90. Styr, rechter Nebenfluß des Pripet im westlichen
Rußland, entspringt in Ostgalizien unweit der russischen
Grenze und mündet nach einem Laufe von über 500 km. Styraceen, dikotyle Pflanzenfamilie aus der Ordnung der
Diospyrinen, durch die der Blumenkrone angewachsenen
Staubblätter und das ganz oder halb unterständige Ovar
von den nächstverwandten Ebenaceen und Sapotaceen verschieden.
Die nur Holzpflanzen enthaltende Familie zählt über 220
Arten, welche meist im tropischen Asien und Amerika einheimisch und
wegen der eigentümlichen aromatischen Harze (Storax, Benzoe),
welche ihre Stämme enthalten, zum Teil wichtige Arzneipflanzen
sind. Styracinen, s. Diospyrinen. Styrax Tourn. (Storaxbaum), Gattung aus der Familie der
Styraceen, an allen Teilen, mit Ausnahme der Blattoberseite, mit
Schuppen besetzte oder sternhaarig filzige, selten kahle
Sträucher oder Bäume mit ganzrandigen oder schwach
gesägten Blättern, meist weißen Blüten in
achsel- oder endständigen, einfachen oder zusammengesetzten
Trauben und kugeliger oder eiförmiger, ein- bis dreisamiger
Frucht. Etwa 60 Arten meist in den Tropengebieten Asiens und
Amerikas, spärlich im gemäßigten Asien und
Südeuropa. S. Benzoin Dryand. (Benzoebaum), mittelgroßer
Baum mit gestielten, eiförmig länglichen, lang
zugespitzten, oberseits kahlen, unterseits weißfilzigen
Blättern, innen braunroten, außen und am Rand
silberweißen Blüten und holziger,
weißlich-brauner, nicht aufspringender Frucht, wächst
auf Java und Sumatra, in Siam und Kotschinchina, wird auch
kultiviert und liefert die Benzoe. S. officinalis L. (echter
Storaxbaum), ein Strauch oder kleiner Baum mit kurz gestielten,
breit länglichen, unterseits weißfilzigen Blättern,
endständigen, nickenden, zwei- bis vierblütigen Trauben
mit wohlriechenden Blüten und filziger grüner
Steinfrucht, wächst in den östlichen
Mittelmeerländern nördlich bis Dalmatien und lieferte
früher Styrax, der gegenwärtig allein von Liquidambar
orientalis gewonnen wird. Styrax (Storax, Judenweihrauch), ein Balsam, welcher aus
der Rinde des Amberbaums, Liquidambar orientalis Mill., im
südlichen Kleinasien und Nordsyrien durch Behandeln mit warmem
Wasser und Abpressen gewonnen wird. Er ist zäh,
dickflüssig, schwerer als Wasser, grau, etwas
grünbräunlich, undurchsichtig, wird beim Erwärmen
braun und durchsichtig, trocknet nicht an der Luft, löst sich
in Alkohol und Äther, riecht angenehm, schmeckt scharf
aromatisch, kratzend, besteht aus Zimtsäurestoresinäther,
Zimtsäurephenylpropyläther, Zimtsäurezimtäther,
freier Zimtsäure, Äthylvanillin, Styrol etc. Man benutzt
ihn in der Parfümerie und als Mittel gegen Krätze. Die
Produktion beträgt jährlich etwa 800 Ztr. S. wird schon
von Herodot erwähnt und kam durch die Phöniker nach
Griechenland. Neben oder vor dem Liquidambarstyrax war aber auch
das feste Harz von Styrax officinalis L. im Gebrauch, welches etwa
seit Beginn unsers Jahrhunderts nirgends mehr in einiger Menge
gewonnen wird. Die bei der Bereitung des S. ausgepreßte Rinde
wird getrocknet und dient mit nicht gepreßter Borke in der
griechischen Kirche als Christholz neben Weihrauch zum
Räuchern; früher kam sie als Cortex Thymiamatis in den
Handel. Gegenwärtig wird sie vielfach zerkleinert und mit S.
zu einem schmierigen oder ziemlich trocknen Gemenge verarbeitet,
welches als Styrax calamita von Triest aus 412 Styrum - Suber. in den Handel kommt, statt jener Rinde aber oft auch nur
Sägespäne enthält. Aus dem amerikanischen
Liquidambar styraciflua L. gewinnt man durch Einschnitte in den
Stamm einen braungelben, ziemlich festen S. (Sweet gum), der
besonders von Kindern gern gekaut wird. Styrum (Stirum), Fabrikort im preuß.
Regierungsbezirk Düsseldorf, Kreis Mülheim a. d. Ruhr,
unweit der Ruhr und an der Linie Ruhrort-Holzwickede der
Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine kath.
Kirche, ein Schloß (Stammort der Grafen von S.), ein
großes Eisenwerk (zu Oberhausen), Fabrikation von feuerfesten
Steinen und Leim und (1885) 8896 meist kath. Einwohner. Styx, in der griech. Mythologie älteste Tochter des
Okeanos und der Tethys, eilte zuerst von allen Göttern mit
ihren Kindern Zelos (Eifer), Nike (Sieg), Kratos (Kraft) und Bia
(Gewalt), die sie von Pallas, dem Sohn des Titanen Krios, geboren,
dem Zeus gegen die Titanen zu Hilfe. Dafür behielt er ihre
Kinder bei sich im Olymp, sie selbst erhob er zur Eidesgöttin
der Unsterblichen. Sie wohnt als Nymphe des mächtigen Flusses
S., der als ein Arm des Okeanos unter die Erde fließt und
(nach späterer Vorstellung) die Unterwelt neunmal
durchströmt, im äußersten Westen in einem von hohen
Felsen überschatteten und von silbernen Säulen getragenen
Haus. Ist ein Streit unter den Göttern nur durch Eidschwur zu
lösen, so holt Iris von ihrem heiligen Wasser in goldener
Kanne, und wehe demjenigen, der bei diesem Wasser falsch
schwört. Den Fluß S. hat man später in dem jetzt
Mavronéri genannten arkadischen Gewässer
wiedergefunden. Su (türk.), s. v. w. Wasser, Fluß. Suada (Suadela, lat.), s. v. w. Peitho (s. d.); dann
überhaupt Rede- und Überzeugungsgabe. Suaheli (Sawahili, "Küstenbewohner"), die Bewohner
der Sansibarküste Ostafrikas und der vorliegenden Inseln, ein
durch die beinahe tausendjährige Vermischung der
eingewanderten Araber mit den eingebornen Negern der großen
südafrikanischen Völkerfamilie sowie durch das
jahrhundertelang fortgesetzte Einführen von Sklaven aus allen
Teilen des Innern entstandenes Mischvolk, welches alle
Schattierungen der Haut von den schwarzen Eingebornen bis zu den
hellen Arabern und alle Zwischenstufen der
Körperbeschaffenheit beider Rassen zeigt. Die Sprache der S.,
das Kisuaheli, bildet mit den übrigen Sprachen von Sansibar
zusammen die nördlichste Gruppe der östlichen Abteilung
des großen Bantusprachstammes (s. Bantu). Grammatiken
derselben lieferten Krapf (Tübing. 1850) und Steere (3. Aufl.,
Lond. 1884), der auch die nahe verwandte Kihian- oder Yaosprache
bearbeitete (das. 1871), ein Wörterbuch Krapf (das. 1882). Die
S. bilden das Hauptkontingent unter der Bevölkerung des
Sultanats Sansibar, und ihre Sprache ist das allgemeine
Verständigungsmittel von Ostafrika. Auch die frühere
Bevölkerung der Komoren ist zu den S. zu rechnen. Suakin (Sauâkin), Hafenstadt in Nubien, am Roten
Meer, auf einer Küsteninsel in einem Becken, zu welchem
zwischen Korallenbänken ein schmaler, gewundener Kanal
führt. In diesem liegt eine zweite Insel, welche als
Quarantäne dient. Die Stadt hat eine Anzahl Moscheen mit
Minarets, steinerne, mit Schnitzwerk schön verzierte
Häuser und wird von Arabern, Türken, Leuten aus
Hadramaut, Griechen und Maltesern bewohnt. Sie ist durch eine feste
Brücke mit dem aus Mattenhütten bestehenden El Kef auf
dem gegenüberliegenden Ufer verbunden, dessen Bewohner die
Inselstadt mit Lebensmitteln und Trinkwasser versorgen. Um El Kef
gegen die Überfälle der Mahdisten zu schützen, hat
man den Ort mit Befestigungen umgeben. Die Einwohnerzahl der
Doppelstadt ist (1882) 11,000. Vor dem Krieg verkehrten hier
jährlich 760 europäische Schiffe und arabische Barken von
172,000 Ton., welche Reis, Datteln, Salz, Kauris und
europäische Waren gegen Gummi, Elfenbein, Straußfedern,
Felle, Wachs, Moschus, Getreide, Kaffee sowie Sklaven, Maulesel und
wilde Tiere eintauschten. Die Ausfuhr wertete früher 5,2 Mill.
Mk. S. ist auch Einschiffungshafen für Mekkapilger
(jährlich 6-7000). Auf der großen Karawanenstraße
zwischen hier und Berber am Nil verkehrten früher
jährlich 20,000 beladene Kamele. Englische Dampfer vermitteln
den Verkehr mit Suez; von dort läuft eine ägyptische
Linie über Dschiddah nach S. und nach Massauah. Ein Kabel geht
nach Suez und Dschiddah. Gegenwärtig ist S. von einer
englischen Garnison besetzt. Suardi, Bartolommeo, s. Bramantino. Suarez, Franz, berühmter kathol. Theolog, geb. 5.
Jan. 1548 zu Granada, wirkte als Professor in Segovia und
Valladolid, nach einem Aufenthalt in Rom wieder in Alcalá,
Salamanca und Coimbra; starb 25. Sept. 1617 in Lissabon. Unter
seinen Werken (Lyon u. Mainz 1632 ff., 23 Bde. ; Vened. 1740, 23
Bde.; Par. 1859, 26 Bde.; Auszug von Migne, das. 1858, 2 Bde.)
befindet sich eine "Defensio fidei catholicae" (1613), gegen die
kirchlichen Maßnahmen Jakobs I. von England gerichtet. Vgl.
Werner, Franz S. (Regensb. 1861, 2 Bde.). Suasorisch (lat.), überredend; Suasorien,
Überredungsmittel, Überredungsgründe. Sub (lat.), unter. Subaltern (lat.), untergeordnet, unter einem andern
stehend; Subalternbeamte, Beamte, welche nicht die höhern
Staatsprüfungen abgelegt haben und im Büreaudienst oder
sonst in untergeordneter Thätigkeit angestellt sind;
Subalternoffiziere, die niedrigste Rangstufe der Offiziere (s. d.),
zu welcher die Premier- und Sekondeleutnants gehören. Subalternation (neulat.), in der Logik dasjenige
Verhältnis, wo eins unter dem andern enthalten ist, daher das
besondere (bejahende und verneinende) Urteil im Verhältnis zum
allgemeinen subalterniert, aber auch der Unterordnungsschluß
Subalternationsschluß heißt. Subapenninenformation, s. Tertiärformation. Subäraten (lat.), versilberte röm.
Kupfermünzen. Subclavia (arteria, vena s.),
Schlüsselbeinschlagader, -Blutader. Sub conditione (lat.), unter der Bedingung. Subconductio (lat.), s. v. w. Aftermiete (s. d.). Subdatarius (lat.), s. Dataria. Subdelegat (lat.), Unterbevollmächtigter. Subdiakonus, in der abendländischen Kirche seit dem
3. Jahrh. Gehilfe des Diakonen, erst seit Innocenz III. zu den
Ordines majores gerechnet; in der protestantischen Kirche der
zweite Hilfsprediger an einer Kirche. Sub dio (sub Jove, lat.), unter freiem Himmel. Subditius (lat.), untergeschoben. Subdivision (lat.), Unterabteilung. Subdominante (lat.), s. v. v. Unterdominante (s.
Dominante). Subdominus (lat.), Unter- oder Afterlehnsherr; s.
Afterlehen und Lehnswesen, S. 633. Suber (lat.), Kork, Korkbaum; Suberin, die reine
Korksubstanz (s. Kork); suberös, korkartig. 413 Subert - Sublimation. Subert (spr. schubert), Franz Adolf, tschech. Dichter,
geb. 1845 zu Techonice, studierte in Prag, war Mitredakteur des
"Pokrok" und Sekretär des Böhmischen Klubs und ist seit
1883 Direktor des böhmischen Nationaltheaters. Er schrieb zwei
gehaltvolle historische Erzählungen: "Die Gefangennehmung des
Königs Wenzel" und "Georg Podiebrad" ; ferner das Lustspiel
"Petr Volk z Rozmberka" , ein fesselndes Intrigenstück aus der
Zeit des Bruderzwistes im Haus Habsburg, das Trauerspiel
"Probuzenci" ("Die Erwachten", 1882), aus der Zeit des
österreichischen Erbfolgekriegs und der
bayrisch-französischen Invasion in Böhmen. Wie dieses,
fußt auch das folgende: "Jan Vyrawa" (1886), in dem Kampf
zwischen den leibeignen Bauern und den Großgrundbesitzern.
Seine jüngsten Stücke sind: "Laska Raffaelova" ("Die
Liebe Raffaels", 1887), eine Frucht seiner italienischen Reisen und
Studien, die sich durch schwungvolle Diktion auszeichnet, indessen
in der Komposition viel zu wünschen übrigläßt,
und "Praktikus" (1888), worin S. seine genauen Kenntnisse der
journalistischen Welt in gar zu drastischen Effekten verwertet. Im
ganzen ist ihm mehr Fleiß und Routine als angebornes
dramatisches Talent nachzurühmen. Subfeudum (lat.), s. Afterlehen. Subhastation(lat.), öffentliche Versteigerung eines
Gegenstandes (vgl. Hasta), erfolgt entweder auf Antrag des
Eigentümers (freiwillige) oder auf Anordnung der Behörde
(notwendige), insbesondere um mit dem Erlös Gläubiger zu
befriedigen. Im engern Sinn versteht man unter S. die gerichtliche
Versteigerung von Immobilien und unter Subhastationsordnung ein
ausführliches Gesetz über die gerichtliche
Zwangsvollstreckung (s. d.) in Grundstücke. Subhastieren,
öffentlich versteigern. Sub hodiérno dië (lat.), unter heutigem
Tag. Subiáco (das röm. Sublaqueum), Stadt in der
ital. Provinz Rom, am Teverone, eng von Bergen umschlossen, hat
einen dem Papst Pius VI. 1789 errichteten Triumphbogen, ein
Kastell, Reste Neronischer Bauten, Fabrikation von Hüten,
Leder, Töpferwaren, Papier, Glocken, Ackerbauwerkzeugen etc.
und (1881) 6503 Einw. Die Umgebung von S. ist die Wiege des
Benediktinerordens; noch finden sich von zwölf dort erbauten
Klöstern zwei schon im 6. Jahrh. gestiftete vor: Santa
Scolastica und Sacro Speco mit der Felsengrotte, in die sich St.
Benedikt zurückzog. Im erstgenannten Kloster stellten die
deutschen Buchdrucker Sweynheym und Pannartz 1464 die ersten in
Italien gedruckten Bücher her. Vgl. Gregorovius, Lateinische
Sommer (5. Aufl., Leipz. 1883). Subito (ital.), schnell, plötzlich, sofort. Subjekt (lat. subjectum), jeder Begriff, der in der
Voraussetzung gedacht wird, daß ihm ein andrer, das
Prädikat (s. d.), in einem Urteil als Merkmal beigelegt oder
abgesprochen werde; dann der Vorstellende im Gegensatz zu dem
Vorgestellten oder dem Objekt (s. d.); auch s. v. w. Person (oft im
verächtlichen Sinn). In der Musik bezeichnet S. das Thema
einer Fuge (s. d.); man spricht von Fugen mit 2 Subjekten
(Doppelfuge), 3 Subjekten (Tripelfuge), wo mehrere Themata
selbständig durchgeführt werden. Subjektion (lat.), Unterwerfung; als Redefigur s. v. w.
Aufwerfung und Selbstbeantwortung einer Frage (z. B. bei Herder:
"Wes ist der Erdenraum? Des Fleißigen"). Subjizieren,
unterwerfen, unterordnen; eingeben, an die Hand geben. Subjektiv (lat.), dem Subjekt eigen, persönlich, in
der individuellen Natur des Denkenden oder Empfindenden
begründet (vgl. Objekt). Subjektivismus (neulat.), eine Weltauffassung, welche, im
Gegensatz zur objektiven, d. h. im Objekt (s. d.), in der Natur der
(vorgestellten oder empfundenen) Sache, begründeten,
Betrachtung der Dinge, viel mehr im Subjekt (s. d.), d. h. in der
(individuellen) Natur des Vorstellenden oder Empfindenden, ihren
bestimmenden Ursprung hat. Derselbe ist theoretisch, wenn er
dasjenige, was dem (individuellen) Subjekt wahr scheint,
ebendeshalb für wahr, praktisch, wenn er dasjenige, was dem
(individuellen, eignen) Subjekt nützt, ebendeshalb für
gut (und erlaubt) erklärt, und fällt in ersterer Hinsicht
mit der Lehre der Sophisten ("Der Mensch ist das Maß aller
Dinge": Protagoras), in letzterer mit der (Un-)Moral des
Eigennutzes und des Egoismus zusammen. Dadurch, daß der S.
die Existenz von Objekten weder leugnet, noch sich für den
Schöpfer derselben erklärt, unterscheidet er sich vom
(subjektiven) Idealismus (z. B. Fichtes) dadurch, daß er sich
gegen das Dasein anderer Subjekte (außer ihm) zwar
gleichgültig verhält, dasselbe aber nicht
ausschließt, vom (theoretischen und praktischen) Solipsismus
(z. B. M. Stirners). Subjektivität (neulat.), subjektives Wesen,
subjektive Auffassung und Darstellung, im Gegensatz zu
Objektivität (s. d.). Vgl. Subjektivismus. Subjizieren (lat.), s. Subjektion. Sub Jove (lat.), unter freiem Himmel. Sub judice (lat., "unter dem Richter"), noch
unentschieden (von Prozessen). Subjungieren (lat.), unterordnend anknüpfen. Subjunktiv (lat.), s. v. w. Konjunktiv, s. Verbum. Subkonträr heißt in der Logik das besonders
bejahende im Verhältnis zum besonders verneinenden Urteil,
weil es unter dem allgemein bejahenden und dieses unter dem
allgemein verneinenden steht, welche beide einander konträr
entgegengesetzt sind. Subkutan (lat.), unter der Haut befindlich. Sublevieren (lat.), erleichtern, unterstützen,
aushelfen; besonders einen Teil der Amtslast übernehmen;
Sublevant, Helfer, Amtsgehilfe. Sublim (lat.), erhaben. Sublimat (lat.), jedes Produkt einer Sublimation,
speziell s. v. w. Quecksilberchlorid (ätzendes S.). Sublimation (lat.), Operation, welche zum Zweck hat,
starre, flüchtige Körper von nicht flüchtigen zu
trennen. Von der Destillation (s. d.) unterscheidet sich die S. nur
dadurch, daß ihr Produkt, das Sublimat, starr und nicht
flüssig ist. Die zur S. dienenden Apparate bestehen aus einem
Teil, in welchem der zu sublimierende Körper erhitzt wird, und
einem andern, geräumigern, in welchem sich die Dämpfe
verdichten. Bisweilen (Kalomelbereitung) genügt ein einziges
Gefäß, z. B. ein Glaskolben, dessen Boden in einem
Sandbad erhitzt wird. Der flüchtige Körper verwandelt
sich in Dampf, der sich an den obern Wandungen des Kolbens wieder
verdichtet. Das Sublimat bildet dann einen nahezu
halbkugelförmigen Kuchen. Bei der S. mancher Substanzen
(Benzoesäure, Pyrogallussäure) ist es praktisch, sie auf
einer Metallplatte oder in einer flachen Schale zu erhitzen und die
Dämpfe in einem Hut von Papier, den man auf die Platte oder
Schale setzt, aufzufangen. In der Technik benutzt man Töpfe
aus Steinzeug, welche über einer Feuerung in Sand eingebettet
stehen und mit ihrem Hals bis an eine eiserne Platte reichen,
welche für jeden Topf eine Öffnung besitzt. Das Sublimat
wird in kleinen irdenen Töpfen aufgefangen, welche man
über die Mündungen der größern stülpt.
Häufig sublimiert man auch in eisernen Kesseln, die über
einer Feuerung eingemauert und innen bisweilen mit feuerfesten
Stei- 414 Sublokation - Substantiv. nen ausgekleidet werden. Man verschließt sie fest mit
einem eisernen Deckel, der nur ein kleines Loch zum Entweichen
nicht kondensierbarer Gase enthält. Derartige einfache
Apparate sind nur anwendbar, wo die Dämpfe des zu
sublimierenden Körpers sich sehr leicht kondensieren lassen.
In andern Fällen ist es notwendig, die Dämpfe aus dem
Gefäß, in welchem sie sich gebildet haben, abzuleiten
und in besondern Räumen zu verdichten. Dies geschieht z. B.
bei der S. des Schwefels, dessen Dämpfe in großen
gemauerten Kammern verdichtet werden. Sind die Dämpfe des zu
sublimierenden Körpers nicht entzündlich, so ist es
vorteilhaft, sie durch einen Luftstrom, den ein Ventilator liefert,
in die Kondensationsräume zu treiben. Dies geschieht auch
dann, wenn man das Sublimat in Form eines feinen Pulvers und nicht
als kompakte Masse erhalten will, und zwar kann man statt der Luft
auch irgend ein indifferentes Gas oder Wasserdampf anwenden. Manche
Sublimate entstehen bei der Einwirkung von Gasen auf starre
Körper, z. B. wenn man ein Bündel von Eisendraht in dem
Hals einer tubulierten Retorte erhitzt und trocknes Chlor
hindurchleitet. Es entsteht dann Eisenchlorid, welches sich in der
Retorte verdichtet. Bisweilen kann man mit der S. eine Reinigung
der Substanz von flüchtigen Verunreinigungen, z. B. von
empyreumatischen Stoffen, in der Art verbinden, daß man die
Beschickung mit Holz- oder Teerkohle mischt, welche jene
Verunreinigungen zurückhält. Manche Sublimate bilden
feste Kuchen (Zinnober, Quecksilberchlorür und -Chlorid,
kohlensaures Ammoniak, Salmiak); andre bilden Kügelchen
(Schwefelblumen) oder isolierte kleinere oder größere
Kristalle (Benzoesäure, Pyrogallussäure, Jod); alle aber
zeichnen sich meist durch große Reinheit aus. Daher benutzt
man auch die S. in der Analyse, um an wohl ausgebildeten Kristallen
den sublimierenden Körper zu erkennen. Sublokation (lat.), Aftermiete (s. d.). Sublunarisch (lat.), unter dem Mond befindlich. Subluxation (lat.), eine Verrenkung, wobei die
Gelenkflächen nicht gänzlich voneinander gewichen sind,
sondern sich noch teilweise berühren. Submarin (lat.), unterseeisch. Submergieren (lat.), untertauchen, unter Wasser setzen;
Submersion, Untertauchung. Subministrieren (lat.), behilflich sein, an die Hand
gehen; Subministration, Vorschubleistung, namentlich bei
Unterschleifen. Submiß (lat.), unterwürfig. Submission (Summission, lat.), die Vergebung
öffentlich ausgebotener Arbeiten, bez. Materiallieferungen an
den Mindestfordernden auf Grund schriftlich eingereichter geheimer
Angebote. Dieselbe ist eine allgemeine, wenn jedermann zur
Konkurrenz zugelassen wird, eine beschränkte oder engere, wenn
von vornherein eine Auswahl getroffen, die Zulassung vom Nachweis
bestimmter Fähigkeiten, Berufs-, Staats- oder
Gemeindeangehörigkeit, Kapitalbesitz zur Kautionsstellung u.
dgl. abhängig gemacht wird. über Bedeutung, Vorteile und
Mißstände der S., dann über die in der neuern Zeit
vorgeschlagenen und durchgeführten Maßregeln zur
Besserung vgl. F. C. Huber, Das Submissionswesen (Tübing.
I885). S. auch Staatsschulden, S. 204. Suboles (Soboles. lat.), in der Botanik s. v. w.
Ausläufer. Subordination (lat.), "Unterordnung", Dienstgehorsam;
beim Militär die Pflicht des Untergebenen, jedem Befehl seines
Vorgesetzten sich ohne Widerrede zu fügen, die Grundlage aller
Disziplin und Mannszucht (vgl. Insubordination). In der Logik ist
S. der Begriffe dasjenige Verhältnis derselben, vermöge
dessen ein Begriff zum Umfang eines andern, ihm übergeordneten
gehört (vgl. Koordinieren). Suboxyd und Suboxydul, s. Oxyde. Sub poena (lat.), unter Androhung einer Strafe. Subreption (lat.), Erschleichung (s. d.), insbesondere
durch Angabe falscher Thatsachen (vgl. Obreption). Subrogieren (lat.), jemand in eines andern Stelle setzen;
einem sein Recht abtreten. Sub rosa (lat.), im Vertrauen, unter der Bedingung der
Verschwiegenheit. Der Ausdruck bezieht sich auf den Brauch im
Altertum, daß man bei Gastmählern eine Rose als Symbol
der Verschwiegenheit über den Gästen auszuhängen
pflegte. Subsekutiv (lat.), nachfolgend. Subsellien (lat.), Schulbänke; s.
Schulgesundheitspflege, S. 649. Subsemitonium modi, der Halbton unter der Tonika, also
die große Septime in der aufsteigenden Tonleiter, der Leitton
der Tonart. Subsequenz (lat.), das Nachfolgende. Subsidien (lat.), ursprünglich bei den Römern
das dritte Treffen der Schlachtordnung, welches den beiden ersten
Treffen im Notfall zu Hilfe zu kommen hatte, später
überhaupt die Reserve in der Schlachtordnung; dann Bezeichnung
für Hilfsmittel überhaupt, daher "in subsidium",
subsidiär (subsidiarisch), s. v. w. unterstützend,
hilfeleistend. Namentlich versteht man unter S. Gelder, die im Fall
eines Kriegs vermöge eines besondern Vertrags
(Subsidientraktats) ein Staat dem andern zahlt (s. Allianz). In
England werden mit dem Ausdruck Subsidiengelder (grants,
"Bewilligungen") auch diejenigen Gelder bezeichnet, welche vom
Parlament jährlich für die Land- und Seemacht bewilligt
werden. Charitativsubsidien, die ehedem von der reichsfreien
Ritterschaft dem Kaiser entrichteten zeitweiligen Abgaben. Sub sigillo (lat.), unter dem Siegel (der
Verschwiegenheit); vgl. Beichtsiegel. Subsistieren (lat.), Bestand haben; seinen Unterhalt
haben; Subsistenz, Lebensunterhalt. Subskribieren (lat.), unterschreiben, auf etwas
unterzeichnen, eine Subskription (s. d.) eingehen. Subskription (lat.), die Verpflichtung durch
Namensunterschrift zur Teilnahme an einem Unternehmen oder zur
Annahme einer Ware, besonders einer litterarischen Arbeit oder
eines Kunstwerks, aber auch zur Übernahme von Aktien oder zur
Beteiligung an einer Anleihe (s. Staatsschulden, S. 204). Die S.
bewirkt für den Subskribenten rechtliche Verbindlichkeit, wenn
auch vom andern Teil alle Versprechungen sowohl hinsichtlich der
Zeit der Lieferung als auch der Beschaffenheit des zu liefernden
Gegenstandes eingehalten werden. Der Subskriptionspreis ist oft
niedriger gestellt als der spätere Kaufpreis. Das Sammeln von
Subskribenten durch Buchhandlungsreisende wird nicht als
Hausiergewerbe behandelt. Sub sole (lat.), unter der Sonne. Substantiell (lat.), wesenhaft, wesentlich (s. Substanz);
derb, kräftig (von Speisen); materiell; Substantialität,
Wesenheit, Selbständigkeit. Substantiv (Nomen substantivum, Haupt-, Dingwort), in der
Grammatik Bezeichnung einer Person oder Sache oder eines Begriffs.
Der Ausdruck S. findet sich im Altertum noch nicht, sondern ist
erst bei den Grammatikern des Mittelalters aufgekommen, die ihn aus
dem lateinischen substantia ("Stoff") bildeten. Er drückt
besonders den Gegensatz dieser Wort- 415 Substanz - Subtraktion klasse zu den Eigenschaftswörtern (Adjektiven) aus, die
bloß ein einzelnes Merkmal bezeichnen. Schon die Alten
teilten das S. in verschiedene Klassen ein; die noch jetzt
allgemein gebräuchlichen Einteilungen sind folgende. Je
nachdem ein S. ein bestimmtes, persönliches Wesen oder eine
ganze Gattung von Personen, Sachen oder Begriffen bezeichnet,
heißt es Nomen proprium (Eigenname) oder Nomen appellativum
(Gattungsname). Das Appellativum kann wieder Abstractum oder
Concretum sein, je nachdem es entweder etwas bloß Gedachtes
oder Vorgestelltes, oder etwas wirklich im Raum Vorhandenes
bedeutet. Andre Unterarten des Nomen appelativum sind die
Collectiva (Sammelwörter), die eine Gesamtheit von Individuen
bezeichnen, wie z. B. Volk, Menge, Schar, und die Materialia
(Stoffwörter), wie Gold, Wasser, Wein, Getreide. Für die
historische und vergleichende Sprachforschung sind alle diese
Unterschiede nicht vorhanden, da die Substantiva aller Arten und
selbst die Adjektiva und Partizipia fortwährend ineinander
übergehen, auch die Eigennamen stets aus einem Appellativum
entstanden sind und auch wieder zu einem solchen werden
können, wie z. B. Cäsar ursprünglich "Töter,
Mörder" bedeutete, dann ein Beiname des Gajus Julius
Cäsar, hierauf der gewöhnliche Titel der römischen
und später der deutschen "Kaiser", zuletzt in manchen
Fällen im Deutschen wieder ein Eigenname geworden ist. Das S.
ist neben dem Verbum der wichtigste der Redeteile, und es gibt
keine Sprache, der das S. fehlt. Die Flexion der Substantiva durch
angehängte Kasusendungen (s. Kasus) heißt
Deklination. Substanz (lat.), im gewöhnlichen Sinn das Grund
wesen, das Wesentliche oder der Hauptinhalt einer Sache, der Stoff,
im Gegensatz zum Accidens (s. d.), der zufälligen, nicht
wesentlichen Eigenschaft eines Dinges. So bezeichnet man z. B.
Kapitalien als S. eines Vermögens im Gegensatz zum Ertrag oder
den Zinsen als seinen Accidenzien. In der Philosophie ist S. das
unbekannte Seiende, welches als beharrlich und bleibend
gegenüber allem Wechsel der Erscheinung gedacht wird und dem
Vielen und Mannigfaltigen die Einheit gibt. Hinsichtlich der
Bestimmung des Wesens dieser S. gehen die philosophischen Systeme
auseinander. Ob es eine Vielheit von Substanzen gebe (Monaden des
Leibniz, reale Wesen Herbarts), oder ob nur eine anzunehmen sei (S.
des Spinoza), ob dieselbe oder dieselben geistiger oder materieller
Natur seien, darüber ist der alte Streit bis auf den heutigen
Tag nicht entschieden. Substituieren (lat), an eines andern Stelle setzen. Substitut (lat.), ein Amts- oder Stellvertreter;
Beigesetzter, Nachgeordneter im Amt, auch s. v. w. Nacherbe (s.
Substitution). Substitution (lat.), Stellvertretung, Einsetzung eines
Stellvertreters, namentlich seitens eines
Prozeßbevollmächtigten, der seine Vollmacht auf einen
andern überträgt; Substitutorium, die zur Beurkundung
dessen ausgestellte Urkunde. Im Erbrecht versteht man unter S. eine
eventuelle Erbeinsetzung oder, wie der Entwurf eines deutschen
bürgerlichen Gesetzbuchs (§ 1804 ff.) es nennt, die
Nacherbfolge, welche dann vorliegt, wenn der Erblasser einen Erben
in der Weise einsetzt, daß derselbe erst, nachdem ein andrer
Erbe geworden ist, von einem bestimmten Zeitpunkt oder Ereignis an
Erbe sein soll. Mit diesem Moment hört der bisherige Erbe
(Vorerbe) auf, Erbe zu sein, und die Erbschaft fällt dem
Nacherben zu. Dahin gehört zunächst die
Vulgarsubstitution, d. h. die Einsetzung eines zweiten Erben
(Substituten, Nacherben) für den Fall, daß der erst
ernannte nicht Erbe wird; ferner die Pupillarsubstitution, darin
bestehend, daß der Vater seinem unmündigen Kind einen
Erben ernennen darf für den Fall, daß dieses nach ihm
noch unmündig versterben sollte; endlich die
Quasipupillarsubstitution (substitutio quasi pupillaris s.
exemplaris), vermöge deren es allen Aszendenten freisteht,
einem blödsinnigen Abkömmling einen Substituten zu
ernennen für den Fall, daß das Kind im Blödsinn
verstirbt, jedoch nur in betreff des Vermögens, welches der
Blödsinnige von dem Aszendenten hat, nicht seines anderweiten.
Der Entwurf eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs kennt nur
eine Art der Nacherbfolge, bestimmt aber (§ 1851)
bezüglich der eventuellen Erbeinsetzung für einen
Abkömmling folgendes: "Hat der Erblasser einem
Abkömmling, welcher zur Zeit der Errichtung der letztwilligen
Verfügung keinen Abkömmling hat, für die Zeit nach
dessen Tod einen Nacherben bestimmt, so ist anzunehmen, daß
die Einsetzung des Nacherben auf den Fall beschränkt sei, wenn
der Vorerbe keinen Abkömmling hinterlasse". In der Chemie
heißt S. oder Metalepsie die Vertretung eines Atoms oder
einer Atomgruppe in einer chemischen Verbindung durch ein
Äquivalent eines andern Elements oder einer andern Atomgruppe.
Bei der Einwirkung von Chlor auf manche organische Verbindungen
können ein oder mehrere Atome Wasserstoff in Form von
Chlorwasserstoff austreten, während gleich viel Atome Chlor
die Stelle des ausgetretenen Wasserstoffs einnehmen. Auf diese
Weise entstehen chlorhaltige Verbindungen (Substitutionsprodukte),
die, obgleich chlorhaltig, noch den Charakter ihrer Muttersubstanz,
aus der sie entstanden sind, besitzen. Behandelt man
Essigsäure C2H4O2 mit Chlor, so entstehen der Reihe nach
Monochloressigsäure C2H3ClO2, Dichloressigsäure
C2H2Cl2O2, Trichloressigsäure C2HCl3O2, und alle diese
Säuren zeigen noch den Charakter und die Basizität der
Essigsäure. Wie Chlor verhalten sich auch Brom und Jod und
gewisse Atomgruppen, wie NO2, NH2, SO2. Ebenso können an die
Stelle von Sauerstoff Schwefel, Selen oder Tellur, an die Stelle
von Stickstoff Phosphor, Arsen oder Antimon treten, ohne daß
der Charakter der betreffenden chemischen Verbindungen
geändert wird. Daraus muß man schließen, daß
der Charakter der organischen Substanzen bis zu einem gewissen Grad
weniger von der Natur ihrer Bestandteile als vielmehr von der Art
der Verbindung, von der Stellung, welche letztere einnehmen,
abhängig ist. Diese Thatsachen führten in der Chemie zur
Aufstellung der Typentheorie durch Dumas und Laurent und der
Kerntheorie durch Laurent, und wenn beide auch nicht allgemeine
Geltung erlangt haben, so bildeten sie doch die Brücke zu den
neuen, jetzt herrschenden Anschauungen. Substitutionsverfahren, s. Zucker. Substrat (lat.), Unterlage, Grundlage; der vorliegende
Fall; in der Logik s. v. w. Substanz. Substruktion (lat.), Unter-, Grundbau. Subsultus tendinum (lat.), Sehnenhüpfen (s. d.). Subsumieren (lat.), unter etwas zusammenfassen, mit
begreifen, etwas folgern; Subsumtion, Zurückführung des
Besondern auf ein Allgemeines; Voraussetzung, Annahme; subsumtiv,
voraussetzend. Subtil (lat.), zart, fein; spitzfindig. Subtrahendus (lat.), s. Subtraktion. Subtraktion (lat.), in der Arithmetik die zweite der vier
Spezies, welche zu zwei gegebenen Zahlen, dem Minuendus und dem
Subtrahendus, eine 416 Subtropen - Suchitoto. dritte, die Differenz (den Unterschied), findet, die, zu dem
Subtrahendus addiert, den Minuendus gibt. Das Zeichen der S. ist -
oder -, gelesen minus oder weniger, z. B. 12-4=8. Das Verfahren bei
S. mehrzifferiger Zahlen besteht gewöhnlich darin, daß
man die einzelnen Ziffern des Subtrahendus von den (nach Befinden
um 10 vermehrten) des Minuendus subtrahiert, z. B. 25831-16543 wird
gerechnet 3 von 11 gibt 8, 4 von 12 gibt 8, 5 von 7 gibt 2, 6 von
15 gibt 9, 1 von 1 gibt 0; in Österreich und auf einzelnen
Schulen anderwärts rechnet man dagegen: 3+8 ist 11, 5
(nämlich 4+1)+8 ist 13, 6(5+1)+2 ist 8, 6+9 ist 15, 2+0 ist 2.
Das Resultat ist also 9288. Das letztere Verfahren ist vorzuziehen,
weil man bei Gewöhnung an dasselbe bei der Division die
abzuziehenden Tellprodukte nicht hinzuschreiben braucht, sondern
gleich den Rest angeben kann. Subtropen, der zu beiden Seiten der Tropen gelegene
Gürtel, ausgezeichnet durch die Gleichmäßigkeit der
Temperatur, umfaßt die Gegenden mit ausgesprochenem
Winterregen. Subtropisch, dem Tropischen sich annähernd, z. B.
subtropische Vegetation. Subulirostres, s. v. w. Pfriemenschnäbler. Sub una specie (lat.), unter einerlei Gestalt,
nämlich nur des Brotes, wie die Katholiken das Abendmahl
genießen; sub utraque specie, unter beiderlei Gestalt (vgl.
Abendmahl und Hussiten). Subura, im alten Rom eine zwischen dem Kapitol und
Esquilinus befindliche Niederung, durch welche eine sehr belebte,
mit zahlreichen Tavernen und Bordellen besetzte Straße
führte. Subvention (lat.), Beihilfe, Unterstützung,
insbesondere aus öffentlichen Mitteln. Subverfion (lat.), Umsturz; subversiv, Umsturz
bezweckend; subvertieren, umstürzen, zerstören. Sub voce (lat.), unter dem und dem Wort. Subzow, Kreisstadt im russ. Gouvernement Twer, am
Einfluß der Wasusa in die Wolga, mit 5 griechisch-russ.
Kirchen und (1885) 4191 Einw. Succedaneum (lat.), Ersatz, Notbehelf. Suceedieren (lat.), nachfolgen, in ein
Rechtsverhältnis als Berechtigter eintreten (s.
Rechtsnachfolge). Succeß (lat.), glücklicher Erfolg. Succession (lat.), s. Rechtsnachfolge. Successive (lat.), nach und nach, allmählich. Successor (lat.), Rechtsnachfolger. Succinate, s. Bernsteinsäure. Succinit, s. v. w. Bernstein; auch eine bernsteinfarbige
Varietät des Granats. Succiusäure, s. Bernsteinsäure. Succinum (lat.), Bernstein. Succus (lat.), Saft, S. entericus, Darmsaft; dann
besonders Pflanzensaft; z. B. S. Citri, Zitronensaft; S. Juniperi
inspissatus, Wacholdermus, eingedampfter Saft frischer
Wacholderbeeren; S. Liquiritiae (Glycyrrhizae), Lakritzen, Extrakt
der Süßholzwurzel; S. Sambuci inspissatus, Fliedermus,
der eingedampfte Saft der Holunderbeeren. Suche, Jagdmethode, bei welcher man das Wild mit dem Hund
aufsucht, um es beim Verlassen seiner Lagerstätte zu
schießen; auch die Nachsuche auf angeschossenes Wild mit dem
Schweißhund. Suchenwirt, Peter, der berühmteste Wappendichter des
14. Jahrh., im Österreichischen geboren, begleitete 1377 den
Herzog Albrecht III. von Österreich auf seinem Kriegszug nach
Preußen, lebte später in Wien und starb nach 1395. Unter
seinen zahlreichen Dichtungen (hrsg. von Primisser, Wien 1827)
behauptet die poetische Erzählung "Von Herzog Albrechts
Ritterschaft" (Ritterzug) den ersten Platz. Sucher, kleines Fernrohr mit großem Gesichtsfeld,
welches mit einem größern astronomischen Fernrohr
derartig verbunden ist, daß die Achsen beider Instrumente
genau parallel sind. Hierdurch wird die Auffindung eines Objekts am
Himmel, welche mit dem großen Instrument allein wegen der
Kleinheit seines Gesichtfeldes schwierig wäre, wesentlich
erleichtert. Denn richtet man das Instrument so, daß der zu
betrachtende Gegenstand in der Mitte des Gesichtsfeldes des Suchers
erscheint, so wird er auch für das größere Fernrohr
im Gesichtsfeld sich befinden. Sucher, Joseph, Komponist und Dirigent, geb. 1843 zu St.
Gotthardt in Ungarn, erhielt seinen ersten Musikunterricht in Wien
als Sängerknabe der kaiserlichen Hofkapelle, studierte
später die Rechte, widmete sich aber schließlich ganz
der Musik und übernahm nach absolviertem gründlichen
Studium der Komposition unter Leitung Sechters die Direktion des
Wiener akademischen Gesangvereins. Nachdem er dann zeitweilig auch
als Kapellmeister der Komischen Oper fungiert hatte, folgte er 1876
einem Ruf als Theaterkapellmeister nach Leipzig, wo er sich
namentlich um die Vorführung der Wagnerschen Musikdramen
großes Verdienst erwarb. Im folgenden Jahr verheiratete er
sich mit der Sängerin Rosa Hasselbeck, einer Zierde der
Leipziger Oper. 1879 wurden beide an das Stadttheater nach Hamburg,
1888 an das Berliner Opernhaus berufen. Suchet (spr. ssüschä), Louis Gabriel, Herzog
von Albufera, franz. Marschall, geb. 2. März 1770 zu Lyon,
trat 1792 als Freiwilliger in die Lyoner Nationalgarde, focht 1794
und 1795 in Italien unter Laharpe, ward 1797 Brigadegeneral und
befehligte 1798-1800 als Divisionsgeneral erst in der Schweiz, dann
in Italien. Nach dem Frieden von Lüneville 1801 wurde S. zum
Generalinspektor der Infanterie ernannt und erhielt 1804 eine
Division im Lager von Boulogne. In den Feldzügen von 1805,
1806 und 1807 zeichnete sich seine Division, die erste des 5. Korps
unter Lannes, vielfach aus. Nach dem Frieden von Tilsit befehligte
S. das 5. Korps in Schlesien und führte gegen Ende 1808
dasselbe nach Spanien. Nach Saragossas Fall übernahm er im
April 1809 das Kommando der Armee von Aragonien, siegte bei Mavia,
Belchite und Lerida und eroberte Tortosa und Tarragona, womit er
sich den Marschallsstab erwarb. 1812 schlug er Blake abermals bei
Sagunto und eroberte 9. Jan. Valencia, wofür er den
Herzogstitel erhielt. Nachdem er Anfang 1814 über die
Pyrenäen zurückgegangen, erklärte er aus seinem
Hauptquartier Narbonne 14. April die Anerkennung Ludwigs XVIII. und
schloß einen Waffenstillstand mit Wellington. Bei der
Rückkehr Napoleons I. von Elba ließ er sich jedoch von
demselben das Kommando der Alpenarmee übertragen, drang 14.
Juni in Savoyen ein, ward aber von den Österreichern
zurückgeworfen. Bei Ludwigs XVIII. Rückkehr verlor er die
Pairswürde, erhielt dieselbe aber 1819 zurück. Er starb
3. Jan. 1826 in Marseille. In Lyon ist ihm ein Denkmal errichtet.
Seine "Mémoires sur les campagnes en Espagne depuis 1808
jusqu'en 1814" (2. Aufl., Par. 1834, 2 Bde.) veröffentlichte
sein Stabschef Saint-Cyr-Nuguas. - Suchets Sohn Napoléon S.,
Herzog von Albufera, geb. 23. Mai 1813, war 1852-70 Mitglied des
Gesetzgebenden Körpers, starb 23. Juli 1877 in Paris. Suchitoto (spr. ssutschi-), Hauptstadt des Departements
Cuscutlan im mittelamerikan. Staat Salvador, auf einer Anhöhe
beim Rio Lempa, hat Anbau von Mais, Zuckerrohr etc. und (1878) 5826
Einw. 417 Suchona - Südafrikanische Republik. Suchoua (Ssuchona), einer der beiden Quellströme der Dwina
im russ. Gouvernement Wologda, kommt aus dem Kubenskischen See,
wendet sich bald nach NO. und behält diese Richtung bis zur
Vereinigung mit dem Jug bei. Die Länge dieses im ganzen Lauf
schiffbaren Flusses beträgt 580 km. Durch den Kanal des
Herzogs Alexander von Württemberg steht der Fluß mit der
Ostsee wie mit dem Kaspischen Meer in Verbindung. Sucht, in der Medizin ein veraltetes Wort, das nur noch
in Zusammensetzung vorkommt, wahrscheinlich gleichen Stammes mit
"Seuche" und "siechen", früher ganz allgemein Krankheit, hat
sich dann erhalten in Schwind-, Wasser-, Fett-, Gelbsucht etc. Süchteln, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Düsseldorf, Kreis Kempen, unweit der Niers und an der Linie
Viersen-S. der Krefelder Eisenbahn, hat eine evangelische und kath.
Kirche, starke Samt- und Samtbandweberei, Seidenfärberei,
Zeugdruckerei, Flachsbereitung, Appreturanstalten, Gerberei,
Ziegeleien, Ölmühlen und (1885) 9465 meist kath.
Einwohner. Nahe der Stadt auf einem Höhenzug das
Kriegerdenkmal und ein Aussichtsturm mit prachtvoller Fernsicht
sowie auf dem Heiligenberg die alte Irmgardiskapelle, ein
vielbesuchter Wallfahrtsort. Suchum Kale (Soghum Kala), befestigte Gebietshauptstadt
in der russ. Statthalterschaft Kaukasien, am Schwarzen Meer, mit
vortrefflichem, gegen alle Winde geschütztem Hafen, aber nur
(1879) 1947 Einw. Der Ort steht auf den Ruinen des alten
griechischen Dioskurias, einer Gründung der Milesier, wurde
1809 von den Russen erobert, aber erst 1829 im Frieden von
Adrianopel von der Türkei abgetreten und erhielt nun
ansehnliche Magazine und einen schönen Bazar. 1854 wurde es
von den Russen bei Annäherung einer
englisch-französischen Flottille eiligst geräumt,
teilweise zerstört und von den Abchasen, welche die
türkische Flagge aufpflanzten, geplündert. Im September
1855 landete Omer Pascha mit einem türkischen Korps und begann
von hier aus die Operationen gegen Tiflis. Im Mai 1877 wurde der
Ort abermals von den Türken besetzt, aber, da die
beabsichtigte Insurgierung der Bergvölker nicht gelang, im
September wieder geräumt und darauf von den Abchafen
verbrannt. Suckow, Albert, Freiherr von, württemberg.
Kriegsminister, geb. 13. Dez. 1828 zu Ludwigsburg, Sohn des 1863
verstorbenen Obersten Karl von S. (Verfassers der
militärischen Erinnerungen aus der Napoleonischen Zeit: "Aus
meinem Soldatenleben", Stuttg. 1863), der, ein Mecklenburger, in
der Rheinbundszeit in württembergische Dienste getreten war,
und der als Schriftstellerin unter dem Pseudonym Emma von Niendorf
bekannten Freifrau Emma v. Callatin (gest. 1876 in Rom). 1848 wurde
S. Leutnant der Artillerie, seit 1861 als Hauptmann mit der Leitung
der Kriegsschule betraut. 1866 als Major
Militärbevollmächtigter im Hauptquartier der Bayern, nahm
er an den Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen mit
Preußen teil, ward Adjutant des Kriegsministers v. Wagner,
den er bei der Einführung des preußischen Heersystems
unterstützte, sodann Oberst und Generalquartiermeister, 24.
März 1870 als Generalmajor Chef des Kriegsdepartements und
machte sich um die Organisation der württembergischen Division
und ihre Ergänzung und Verpflegung während des Kriegs
hochverdient. Er wurde dafür 19. Juli d. J. zum
Generalleutnant und Kriegsminister befördert, als welcher er,
mehrmals in das preußische Hauptquartier in Frankreich
gesandt, die Militärkonvention mit Preußen und die
Reichsverträge abschloß; er erhielt eine Dotation von
300,000 Mk. S. nahm 1874 seinen Abschied und lebt zu Baden-Baden.
Gegen Arkolay (Streubel) schrieb er die Broschüre "Wo
Süddeutschland Schutz für sein Dasein findet?" (Stuttg.
1869). Sucre (spr. ssuhkre), 1) Stadt in Bolivia, s. Chuquisaca.
- 2) (Puerto de S.) Einfuhrhafen der Stadt Cariaco (s. d.) in
Venezuela. Sucre (spr. ssuhkre), Antonio José de,
Präsident von Bolivia, geb. 1793 zu Cumana in Venezuela, trat
1810 in die südamerikanische patriotische Armee, diente
1814-17 im Generalstab und dann unter Bolivar gegen Neugranada,
brachte den Spaniern mehrere Niederlagen bei und entschied als
Oberbefehlshaber der republikanischen Truppen durch den Sieg bei
Ayacucho 9. Dez. 1824 die Befreiung Südamerikas vom spanischen
Joch. Er erhielt hierfür durch den Kongreß von Bolivia
den Titel Großmarschall von Ayacucho und ward 1825 von der
Republik Bolivia zum lebenslänglichen Präsidenten
erwählt, legte aber infolge der innern Unruhen 1. Aug. 1828
diese Würde nieder und ward im Juni 1830 bei Pasto unweit
Cartagena, wo er für Bolivar zu wirken suchte, meuchlings
erschossen. Suczawa (spr. ssutschawa), Stadt in der Bukowina, unweit
des Flusses S. (Nebenfluß des Sereth), über den hier
eine Brucke zur Station S.-Itzkany (mit Grenzzollamt) der
Lemberg-Jassyer Eisenbahn führt, dicht an der rumänischen
Grenze, ist Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines
Kreisgerichts, hat ein Obergymnasium, eine alte
griechisch-oriental. Kathedrale mit dem Grab des heil. Johann von
Novi, Landespatrons der Bukowina, Burgruinen, eine nichtunierte
Armeniergemeinde, Bierbrauerei, ansehnlichen Speditionshandel und
(1880) 10,104 Einw. S. war ehedem die Hauptstadt der Moldau und als
solche ein großer und blühender Ort. Südafrikanische Republik, seit 1884 offizieller Name
des früher Transvaal genannten Freistaats in Südafrika
(s. Karte bei Artikel "Kapland"), erstreckt sich von dem
Vaalfluß im Süden über den Wendekreis hinaus bis
zum Limpopo im N. und wird im W. und N. begrenzt von
Britisch-Betschuanaland, im O. von Portugiesisch-Ostafrika und
Swasiland, im Süden von der Neuen Republik, Natal und der
Oranjefluß-Republik und umfaßt 308,200 qkm (5597 QM.)
mit Einschluß der Neuen Republik (s. d.), als Distrikt
Vrijheid einverleibt, 315,590 qkm (5681 QM.). Die Bodengestaltung
der Republik wird wesentlich bedingt durch den Verlauf zweier
Gebirge. Durch das eine derselben, die Drakenberge mit der 2188 m
hohen Mauchspitze, ein nordsüdlich sich hinziehendes Plateau,
das steil gegen O. abfällt, gegen W. aber sich allmählich
abdacht, wird das Land geteilt in eine größere und
höher gelegene westliche Hälfte und eine kleinere
östliche, welch letztere in eine sandige Ebene übergeht,
aus welcher als Grenzscheide gegen portugiesisches Gebiet der lange
nordsüdlich verlaufende Höhenzug des Lebombo hervorragt.
Das zweite Gebirge besteht aus einer Reihe westöstlich
verlaufender Ketten (Magalisberge, Witwatersrand), welche wiederum
die S. R. in einen südlichen höhern Teil, das Hooge Veld,
und einen nördlichen tiefern, das Bosch Veld, trennen. Diese
Bergzüge bilden auch in klimatischer Beziehung eine Scheide.
Im Hochfeld sind die Tage im Winter zwar warm, nachts aber sinkt
das Thermometer gewöhnlich unter den Gefrierpunkt, und die
Drakenberge sind häufig mit Schnee bedeckt, im Buschfeld aber
sind die Winter milder, 418 Südafrikanische Republik. und es gedeihen dort Kaffee, Baumwolle, Zuckerrohr u. a. Auch
östlich von den Drakenbergen ist es wärmer; infolge der
vom Indischen Ozean her wehenden Südostpassate ist die
Ostseite regenreich, während die westlichen Hochebenen arm an
Regen sind. Die Regenzeit fällt in den Sommer. In dieser Zeit
herrschen im Buschfeld Fieber, während das Hochfeld eine der
gesündesten Gegenden der Erde ist. Hier leben die Buren im
Sommer, im Winter ziehen sie mit ihren Herden ins Buschfeld. Die
Pflanzenwelt in den einzelnen Gebieten ist sehr verschieden. Das
Land trägt fast durchgehends den Charakter der Steppe, aber
während das Hochfeld fast ganz aus weiten, einförmigen
Grassteppen besteht, ist das Buschfeld mit dichtem, vielfach
undurchdringlichem Strauchwerk bedeckt, in dem man nur einzelne
offene Stellen antrifft. Hier finden sich auch Adansonien und andre
tropische Gewächse. In Klüften am Ostabhang des
Tafellandes trifft man noch majestätische Urwälder aus
Gelbholzbäumen (Taxus elongata), Eisen- und Stinkholz und
Mimosen; Akazien, Proteen, Euphorbia candelabrum etc.
charakterisieren die Hochebenen der Mittelstufen. Mais, Kafferkorn,
Hirse, Bohnen, Erbsen, Melonen werden kultiviert. In der Tierwelt
herrschen Antilopen vor, Springböcke finden sich auf den
grasreichen Hochebenen noch in Herden. Gnus, Zebras und Quaggas,
Giraffen, Büffel, Elefanten und Nashörner sind selten
geworden, ebenso Löwen, Leoparden und Hyänen sowie der
Strauß. Krokodile hausen in den Flüssen; giftige
Schlangen sind zahlreich, in den nordwestlichen, nördlichen
und östlichen Grenzgebieten erschwert die Tsetsefliege die
Viehzucht. Von einheimischen Haustieren fanden die Europäer
Rinder, Schafe mit Fettschwänzen, Ziegen und Hunde vor, Pferde
und Merinoschafe wurden eingeführt. Viehzucht bildet die
Hauptbeschäftigung der Ansiedler. Sehr fruchtbar sind die
kahlen Hochebenen des Südens. Mais, Korn, Hirse,
Hülsenfrüchte, Zuckerrohr, Wein gedeihen hier sehr gut.
Das Land ist reich an Gold, Silber, Kupfer, Graphit, Nickel,
Kobalt, Blei, Steinkohle, Zinn, Salz, Alaun u. a. Gold wurde seit
1871 gefunden, in größern Mengen aber erst seit 1883 auf
den Goldfeldern von De Kaap (Barberton) und Witwatersrand
(Johannesburg); ausgeführt wurde über die Kapkolonie und
Natal 1871 bis Mitte 1888 für 1,266,530 Pfd. Sterl.;
Silbererze gewinnt man in der Nähe von Pretoria. Die
weiße Bevölkerung wird auf 60-75,000 Seelen
geschätzt, zum größten Teil Buren, nur 12-15,000
Europäer, unter den letztern auch zahlreiche Deutsche, die auf
mehreren von hannöverschen Missionären gegründeten
Ansiedelungen wohnen. Dazu kommt seit den letzten Jahren eine
20,000 Köpfe starke Bevölkerung, meist englischer
Abstammung, auf den genannten Goldfeldern. Die Zahl der Kaffern
(Betschuanen, Basuto u. a.) ermittelte der Zensus von 1886 zu
299,848 Seelen, die Gesamtbevölkerung kann daher zu 490,000
angenommen werden. Das Christentum hat trotz zahlreicher
Missionäre nur teilweise unter den Eingebornen Platz
gegriffen. Die Beschäftigung der Bevölkerung ist
ausschließlich Naturalwirtschaft. Die Ausbeutung der
großen natürlichen Reichtümer des Landes wird
erschwert durch den Mangel an genügenden
Transportverhältnissen. Die Ausfuhr besteht in Wolle,
Rindvieh, Cerealien, Leder, Fellen, Früchten, Tabak, Butter,
Branntwein, Straußfedern und Elfenbein, außerdem Gold.
Die Einfuhr (1887: 1,695,978 Pfd. Sterl.) besteht in
Industrieprodukten. Der Handel nimmt seinen Weg, da die S. R. vom
Meer abgeschloffen ist, über D'Urban, Port Elisabeth und
Kapstadt, wird sich aber, nachdem die im Bau begriffene Eisenbahn
von der Delagoabai bereits bis zur Grenze (81 km) vollendet ist und
jetzt nach Pretoria weitergeführt wird, zum