The Project Gutenberg eBook of Fechsung This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook. Title: Fechsung Author: Peter Altenberg Release date: September 15, 2019 [eBook #60304] Language: German Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FECHSUNG *** Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net #################################################################### Anmerkungen zur Transkription Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht korrigiert. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Buches versetzt. Die Reihenfolge der Tabellenpunkte wurde der Abfolge im Buch entsprechend angepasst. Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ #################################################################### [Illustration] Fechsung von Peter Altenberg S. Fischer, Verlag Berlin 1915 Alle Rechte, besonders die der Übersetzung, vorbehalten Non _nascimur_ homines, sed _crescimus_! Wir werden nicht _geboren_ als Menschen, aber wir wachsen allmählich dazu _heran_! * Ein modernes Buch soll eine organische Verbindung sein einer _einzelnen Menschenseele_ und einer _Weltanschauung_! * Ich schreibe das _aktuellste_, das _persönlichste_, das _allgemeinste_ Buch: für alle, die da _sind_ und _sein werden_! Nur nicht für die _Gewesenen_ jeglicher Art! _Pereant Seniles!_ P. A. INHALTSVERZEICHNIS Nachtrag zu Prodromos 9 Erlebnis 30 Nester 31 Entdecken 32 St. D. 33 Vergnügungslokal 34 Moulin Rouge, „Venedig in Wien“ 34 Karriere 36 Verein Naturschutzpark 38 Mimikerinnen 39 Albert 40 Mein Bruder 41 Liebe 42 Der Luxus von heute und seine Übertreibungen 42 Meine Schwester 43 Laotse: Der heilige Baum 45 Wachsfiguren 46 Meine andere Schwester 47 Automne 49 Venezianerinnen 50 Ein Lied 51 Venedig 52 Venedig 53 Onkel Emmerich 55 Das Leben 56 Onkel Max 57 Brief an Grete Wiesenthal, die Tänzerin 58 Frauen 59 Stammtisch 60 Italien 61 Café Capua 61 Die Kellerstiege 62 Tschuang Tse: Der Glockenspielständer 65 Plauderei 66 Die Urgroßmutter 67 Die Auffassung 69 England 70 Das Glasgeschenk 71 Vanitas 72 Ständchen 72 Mein Fensterbrett 73 Paulina 74 Erziehung 75 Reformationszeitalter 76 Splitter 76 Der „Feigling“ 82 Tabarin 83 Splitter 84 55. Geburtstag 86 Lyrik 87 Der Tod einer Samariterin 89 Die Stupiditäten der Vogel-Strauß-Politik 90 Geistigkeit 92 Apollotheater 93 Splitter 95 Semmering-Photogravüren 105 Splitter 114 Brief an eine junge Brasilianerin 114 Splitter 116 Kriegszeiten 126 Sühne 126 Dora 1 127 Dora 2 128 Dora 3 129 Zum Heldentode des Dr. Frank 130 Der Vorfrühling 130 Naturliebe 131 Witz 132 Plauderei 132 Karoline 133 Meine Schwester Gretl 134 Krieg 134 Meine Tränen 136 Quod licet 137 Signor Io 137 Splitter 138 Ausblicke 138 Dilemma 139 Romantik 140 (Goethe!) Hermann und Dorothea 141 Farbe 142 Diätetik der Seele 143 Splitter 144 Schule des Lebens 144 Theater und Krieg 145 Philosophie 145 Der letzte Wille eines deutschen Prinzen 147 Briefwechsel zweier Freundinnen 147 An die Frauen 148 Schicksals tragischer Anfang 150 Gedicht 150 Man ermannt sich 151 Plauderei 152 Anna 153 Der „Koberer“ (Kuppler) 156 Weltenbummler 1914 157 Wissenschaft und Krieg 1914 158 Nach drei Jahren 159 Liebesgedicht 159 Christentum 1 160 Christentum 2 161 Platonisches Gespräch 161 Die Fliege 162 Splitter 163 Liebesgedicht 167 Revanche 168 Die „unglückliche“ Liebe 168 Variation über ein beliebtes Thema 171 Parte 172 An die Kokette 172 Splitter 174 Der Krieg 186 Dankgebet 187 Splitter 188 Die Schuhpasta 190 Philosophie 191 Aus Maxim Gorkis Biographie 192 Der Schigan 193 Geselligkeit 193 Kriegszeiten 194 Kriegslied einer Fünfzehnjährigen 194 Kondolenzen 195 Friede 196 Verfolgungswahn 196 Über Mode 197 Almosen 200 Splitter 200 Romantik der Namen! U 9 201 Ein Schicksal 202 Die Liebe 203 Splitter 204 De Amicitia 206 Kriegshymnen 207 Reale Romantik 1914 208 Über die Anständigkeit 209 Philosophie 210 Beim Morgenkaffee 211 Splitter 211 Die „gewöhnliche Frau“ 214 Religion 216 Werdet einfach! 218 Laotse, uralter chinesischer Philosoph 219 Die „Taube“ 221 Über Gerüche 222 Moderne Architekten 223 Werthers Leiden 224 Du hast es so gewollt 225 Prodromos 226 Humanitas 227 Sport 228 Das Leben 228 Das Testament 229 Helfen 229 Liebe zu Gegenständen 230 Alma 231 Der „rote Stadl“, Ausflugsort bei Wien 232 Poeta 233 Sappho 234 Gerechtigkeit 235 Splitter 236 Gedicht der Lioschka 238 La Rampa 239 Die Kundschaft 240 Altern 240 Brief 241 Der Esel 242 Angst 242 Die unentrinnbaren Bedürfnisse der Menschheit 243 Die Tänzerin 243 Gymnasium 244 Jause 245 Der Abschied 246 Robert Mayer 246 Landpartie mit der Fünfzehnjährigen 247 Über das „Drahn“ 248 Hochgeehrte gnädige Frau 249 Porträtmalerei 250 Bekenntnis einer schönen Seele 250 Labedamen 251 Die junge Gattin 252 Der alte Hausierer 252 Spaziergang im Herbst 253 Ein schwarz eingerahmtes Bild in meinem Zimmer 254 Verwundetenspital 254 Das braune seidenweiche Muttermal 255 Japan 255 Krieg 256 Geständnis 256 Autogramme 257 Idealer Pumpbrief 259 Kaffeeküche 261 Politik 262 Selbstkritik d. h. also Selbstlob 262 Das Theaterstück eines im Felde stehenden deutschen Offiziers 264 Splitter 265 Theaterkarten 267 Splitter 268 Sklavin 269 Bannfluch 269 Splitter 270 Gespräch mit der wunderschönen Siebzehnjährigen aus Sarajewo 271 Splitter 272 Friedell 273 An Pia Doré 274 NACHTRAG ZU PRODROMOS SIMPLEX VERI SIGILLUM! Jeder Mann weiß +ganz genau+, welche Art von Nahrung sein geliebter Hund braucht, um „fit“ zu bleiben, wann, wo und wie er schlafen muß, kennt es ihm sogleich an, wenn ihm irgend etwas fehlt, ja, geht sogleich in zweifelhaften Fällen zum Tierhändler, zum Tierarzt. Aber von der geliebten, zartesten Frau sagt er: „Geht ihr denn was ab? Hat sie sich zu beklagen?! Na also!“ Er forscht nicht nach, sie hat leider die +Sprache+ mitbekommen, sie, diese +dennoch+ ewig Stumme und +Verstummende+! Von ihrer Ernährung, von ihrer Verdauung weiß er nichts, das weiß er nur von seinem Hunde. Auch kann er nicht wegen ihr zum Tierarzt gehen, leider. Auch zum Tierhändler nicht, denn er hat sie wahrscheinlich nur von einem Menschen erhandelt. Und den trifft keine Verantwortung. * +Fasten+: Wenn du deinem Leibe +etwas weniger+ darreichst, als er benötigt, frißt er dir +genial-freundschaftlich+ zuerst die +krankhaften+ Gewebe und das +überflüssige+ Fettgewebe weg. Herr Banting, Kaufherr, der Bauer Schroth, ahnten das. Aber die Ärzte päppeln dich auf wie das Mastvieh zur Viehausstellung, um von idiotischen Eltern, idiotischen Liebhabern, idiotischen Ehegatten belohnt und belobt zu werden! * Zu mager gibt es nicht, es gibt nur zu dick! * Die, die +über mich+ lachen, werden später +über sich+ weinen! * Ich bin nicht erstaunt, daß jemand, der abends geröstete Kalbsleber oder Nierndln frißt, mir meine geliebteste Geliebte wegnimmt! Bei weichgekochtem Reis hätte er diese Untat +nicht+ vollführt! * Schmutzige und vor allem +vorstehende+ Fingernägel (Krallen) sind +unnötig+. Belästigen wir unsere daran unschuldigen Nebenmenschen mit unseren +notwendigen+ Unzulänglichkeiten, und verschärfen wir unsere +ohnedies prekäre+ Situation, in +jeglicher+ Beziehung, nicht noch durch unnötige Belästigungen der daran völlig unschuldigen Nebenmenschen! * Im Augenblicke, da eine geliebte Frau es uns traurig mitteilt, sie habe +unideale+ Brüste, hat man es ihr bereits +verziehen+; ja, sie rührt uns dann eventuell desto mehr! Nur der Pfau, der mit bereits +zerschlissenen+ Federn noch sein Rad schlägt, ist uns +verächtlich+! * Um gesund zu bleiben oder zu werden haben wir ganz einfach bei Tag und bei Nacht die Darmnerven zu schützen, die Magennerven, die Sexualnerven, die Gehirnnerven und die Herznerven. Und alle anderen Nerven obendrein. Freilich muß man auch Geld haben, keine Eifersuchtsqualen, und stets gerade die Frau, auf die man momentan „fliegt“! Basta. * Ein Mensch, auch wenn er nur eine Frau ist, muß +nie+ ungezogen sein, +nie+ taktlos sein, +nie+ vorlaut sein, +nie+ geschmacklos sein, +nie+ roh sein, +nie+ grausam sein, +nie+ frech sein, +nie+ unbescheiden sein, +nie+ arrogant sein, +nie+ habsüchtig sein, +nie+ eitel sein, +nie+ kokett sein, +nie+ neidisch sein! Nein, wahrlich, das muß er nicht! Weshalb sind sie es also fast alle?! Weil sie keine +Menschen+, sondern „+Menscher+“ sind! * Bei allen Dingen, die man für seine Gesundheit, seine Entmaterialisierung, sein +Leicht-+ und +Unbeschwert+werden, unternimmt, muß man vor allem daran fast religiös +glauben+! Der Skeptiker, Pharisäer, Melancholiker ist +verdammt+, daß alles Unternommene ihm doch +nichts nütze+! Der +Glaube+ an die +Wahrheit+ versetzt Berge! * +Symptome+ von Krankheiten, Haut-Ekzeme, beheben, statt auf die +Ur-Ursache+ des Leidens tiefzubohren, ist ein feiges Manöver, für das die idiotischen Eltern, der idiotische Geliebte (meistens Gehaßte) oder der in Erwerbssorgen sich erschöpfende idiotische, angeblich liebevolle Gatte (er verdient das Geld) dem Arzt gern und dankbar bezahlen! Vogel-Strauß-Politik: man +sieht+ nichts mehr von der Erkrankung. Nein, sie hat sich wegen schlechter Behandlung +ins Innere+ zurückgezogen und lauert hier auf Rache in Form von künftigem Krebs usw.! Krankheit ist +der Notschrei der beleidigten Natur+! Halte ihr nicht den Mund zu! Wenn sie schon so gütig ist, zu schreien und um Hilfe dich anzuflehen! * Ich sterbe lieber an Diarrhöe als an Verstopfung. Wer +das+ nicht versteht, versteht +überhaupt noch nichts+. Und vor allem wird er +vorzeitig+ Gott sei Dank elend zugrunde gehen! * Hippokrates: „Je mehr ihr einen kranken Organismus ernähret, desto +mehr schadet+ ihr ihm!“ Denn gerade zur Verarbeitung, Assimilierung +fehlt+ ihm im kranken Zustande die nötige +Kraft+! Man +frißt+ sich viel mehr zu Tode, als man sich zu Tode +sauft+! Alkohol ist ein sichtbares, erkennbares, spürbares Gift, aber die +Wiener Mehlspeisen+ sind ein unkenntliches heimtückisches Gift, unter den verräterisch-appetitlichen Namen: Tatschkerln, Fleckerln, Wuchterln, Strudel, Erdäpfelnudel, Rahmstrudel, Dalken, Palatschinken, Omelette. * Ein Teufelssatz: Was einem +schmeckt+, kann einem nicht +schaden+! Richtiger ist, daß, was einem +nicht+ schmeckt, einem nicht schaden kann, denn man läßt es eben stehen! * Die Katze ist, abgesehen von ihrer genialen Bewegungsanmut, ein Genie: sie heilt sich von jeder Erkrankung, sogar von Vergiftung, durch +Aushungern+! * „+Wir+ brauchen den Mann als ‚+Wurzen+‘,“ sagte eine ganz süß Aufrichtige. „Aber wieso er +uns+ braucht, +das+ ist mir +ganz unverständlich+!“ * Ich entließ mein Stubenmädchen im Grabenhotel, Risa Schmied, mit folgendem Zeugnis, da sie es vorzog, die Privatwohnung des Grafen Kaltenegg zu betreuen: „Wenn Sie bei uns geblieben wären, hätte ich, als Junggeselle, den Tagen der Vereinsamung, des Alterns, der Krankheit ruhig entgegengeharrt, wie ein in Familienliebe Gebetteter! Nein, +besser+!“ * Du wirst es mir doch nicht ins Gesicht sagen wollen, Selbstbetrüger, daß dir Austern besser schmecken als mir mit Hunger +Gesegnetem+ dampfende Kipfelerdäpfel in der Schale mit Teschener Butter und Salz?! Gleich wird dich der „Krebs“ holen und die Leberentartung! * Rechnen ist +so einfach+; aber +falsch rechnen+, da kennt man sich dann gar nicht mehr aus. * Fett ist besser als Mehl und Zucker. Weshalb?! Man hört früher auf, weil es einem bald widersteht. +Günstig+ ist alles, was sich einem von selbst bald +mies+ macht! Also auch die geliebte Frau! * Ein „Pfleger“ sollte das +Zarteste+ sein, aber er ist das „+Roheste+“! Nur +Trinkgelder+ können ihn noch +menschlich+ machen! Aussagen von „Pflegern“ Gehör und Glauben schenken, ist das +feigste, infamste Verbrechen+, das je +Ärzte+, +Verwandte+, +Gattinnen+, +Freundinnen+, +Geschwister+ begangen haben! * +Gefährlich+ sind nur die Dinge, die du auf die Dauer verträgst! Ein festes Verhältnis, die Ehe und Mehlspeisen! +Fett+ und die +Hure+ sind +ungefährlich+! * „Willst du nicht lieber noch auf das +Glück des Hungers+ warten?!“ sagte der Papa zu seinem geliebten Kindchen. „Nein, Papschen, ich möchte lieber jetzt schon essen!“ Der Vater dachte: „Aus dir wird auch kein Genie!“ * Einem Patienten, der unter deiner Obhut steht, um acht Uhr abends ein ausgiebiges Schlafmittel verabreichen, Paraldehyd 20 Gramm, während im Nebenzimmer einer laut betet und Gott und die Welt zu Zeugen für irgend etwas anruft und mit Ermordung aller Schuldigen droht, ist ein +feiges Verbrechen+ von +Ärzten+ und +Pflegern+! Schlafmittel haben Nachtruhe zu +garantieren+, sonst sind sie ein +Gift+, ein +wissentlicher Mord+! * Meine „Pfleger“ Franz Pfleger und Josef Hennerbichler waren +Genies+ der Menschenfreundlichkeit, wie Beethoven ein Genie der Töne. Aber die +andern+ sollte man alle chinesisch foltern für ihre geheimnisvollen Verbrechen, die sie vollführen und die selbst durch +Trinkgelder+ nicht immer verhindert werden können, +am wenigsten aber+ durch die kontrollierenden (ha, ha, ha, ha!) +Ärzte+, vulgo „ich kenn mich nix aus“! * Der Patient einer Anstalt ist der „schreckliche Mensch“, der den Arzt Tag und Nacht hindert, ein ungestörtes ödes und friedlich-sattes Familienleben zu führen! * Ich leide an Ekzem, Hautausschlag, Pusteln, +heißt+: mein Körper hat die +Gnade+, mir es +mitzuteilen+, daß etwas in ihm +versteckt tief drinnen+ nicht ganz in Ordnung ist, und er macht mich daher gnädig bittend aufmerksam, durch +äußere+ Anzeichen, daß +drinnen+ etwas +Bösartiges+ sich +ereigne+. Wenn ich aber die getreuen Sendboten dieser Meldung, Ekzem, Hautausschlag, Pusteln, +vertreibe, vernichten+ lasse durch Salben, dann bin ich ein gottverlassener +Ochs+, der der +Bestrafung+ durch ein gerechtes Schicksal +nicht entgehen+ wird! * Wenn die Frauen es +einsähen+, daß +Fasten+ eine +Verjüngungskur+ sei, würden sie sich zu Tode fasten! * Hast du schon auf der Wiese, auf der Alm den +Duft+ frischen Kuhdüngers gespürt?! Er gehört gleichsam zum Duft der Erde und der Gräser! Die Kühe haben nicht das Glück, von +Menschen-Almen+ dasselbe zu behaupten! Aber sie werden es einst! Hoffentlich! * Genieße erst eine Frau, bis dich +die Sehnsucht nach ihr verzehrt+! Auch hier gilt das Sprichwort: Hunger ist der +beste Koch+! * Professor Sandouzy: La +sur alimentation+ n’est que de la +sur intoxication+! (Vergiftung.) * Belästigen Sie mich nicht mit den Konfidenzen Ihrer +geistig-seelischen+ Komplikationen! Essen Sie +ausschließlich+ Hafergrütze, Pommes cheeps (in dünnen Scheiben geröstete Salzkartoffeln), +Eidotter+, Spinat, Spargel, Gervais, schlafen Sie zwölf Stunden bei +weit geöffneten+ Fenstern, nehmen Sie morgens nüchtern einen Eßlöffel voll Rhamnin (Cortex Rhamni Frangulae) -- -- -- und dann wollen wir weitersprechen über Ihre +merkwürdigen+ seelisch-geistigen Komplikationen! Aber zuerst muß die Maschinerie in Ordnung sein! Verstanden?! * Nach überstandenem Typhus +verjüngt+ man sich, wenn man eben nicht zufällig daran gestorben ist, +bloß darum+, weil man in der glücklichen Lage war, sechs Wochen und länger nichts +essen+ zu müssen, zu +können+! Die Auffassung von +Glück+ ist eben +verschieden+; ja, die eine ist +richtig+ und die andere +unrichtig+, die eine ist +anständig+, die andere ist +unanständig+, die eine ist eine +Weisheit+ und die andere ist eine +Stupidität+! +Verschwenden+ ist +unrichtig+, +unanständig+ und +stupid+. Ohne +tiefste Anhänglichkeit+ eine Frau +genießen+ wollen, ist +unrichtig+, +unanständig+ und +stupid+. Weshalb aber?! Weil sich alles mehr +rächt+, als es dir Genuß bereitet hat, Esel! Wenn es umgekehrt wäre, hättest +du+ recht, und ich wär der Esel! +So aber+ bist +du es+! * Hunger ist nicht nur der beste Koch, sondern auch der +beste Arzt+! * Bei Überreichung einer weißen Ledertasche mit eingesetzten grünen und rostroten und lila Lederfleckchen, an einem schwarzen dicken Seidenkordon, für +Paula-Ju-Ju+: Der Wert einer Sache ist eben +nicht+ ihr +Geldwert+, sondern immer nur der +Grad der inneren Kultur+ des Beschenkers: sein vornehm-exzeptioneller Geschmack! Nie dürfte mir eine Freundin, wenn ich reich wäre, +den+ Schmuck tragen, den diese reichen +Unkultivierten+ schenken! Eine große schwarze Perle ist -- -- -- groß und schwarz, aber schön ist sie +nicht+. Sie erweckt nur Neid und Eifersucht, ist also ein Geschenk Satans an eine +Teufeline+! * Reine Hände und Füße sind gewiß notwendig und angenehm, aber noch viel, viel notwendiger und angenehmer ist ein reiner, gründlich gereinigter Darm! * Ihr nehmt parfümierte Seifen zu zwei, drei, fünf Kronen. Aber ein Eßlöffel von +Rhamnin+ (Cortex Rhamni Frangulae) würde euch viel reiner und appetitlicher, froher und leichter machen, nämlich von +innen+ heraus! * Ich bin fest überzeugt, daß Jago, Franz Moor, Macbeth, Mephisto, Hamlet, Wallenstein an Verstopfung litten! * Das +Überflüssige+ und das +Notwendige+ -- -- -- +Hölle+ und +Paradies+! * Die „Jungfrau von Orleans“ hat nie menstruiert. Die dadurch ersparten Lebensenergien verwendete sie, um +Frankreich+ zu erretten! * Das tiefste Verbrechen der Ärzte in den Sanatorien ist, Schlafmittel nicht restlos +ausschlafen+ zu lassen, Melancholiker zur Nahrungsaufnahme mit +Gewalt zu zwingen+; reiche Mäzene sollten +Prämien+ aussetzen für +ideale, gutmütige, verständnisvolle+ Pfleger! * Der Geist ist die notwendige unentrinnbare +Folge+ des Leibes. Wie das Licht der Lampe die Folge von Docht, Petroleum, Luft ist. +Rußen+ tut nur der Leib; der +schlimme+ Geist, das +trübe+ Licht ist eine Konsequenz des +ungepflegten+ Leibes! Der Geist brennt immer gern klar, wenn Docht, Lampe, Luft nur richtig sind! Es gibt keine „Ausnahmen“. Ausnahmen entstehen dadurch, daß man gewisse +Ursachen+ nicht +erschauen+ kann, obwohl sie vorhanden sind! Eine +Ausnahme+ ist eben einer, dessen +Ursache+ man nicht kennt! * Es gibt nur +eine+ Wahrheit, unter +verschiedenen+ Namen. Siede alle Religionen, alle Philosophien der Welt in einem +Weisheitskessel+ aus, und es bleibt ein +allgemeingültiger gleicher+ Extrakt übrig! * Jeder bedauert seine +weisen Erkenntnisse+. Wahrscheinlich sind sie eben weder genug weise noch genug +Erkenntnisse+! * Banting war ein Kaufherr, Ludwig Kornaro ebenfalls, Schroth war ein Bauer, Prießnitz ebenfalls, Fletscher ist ein Millionär und Altenberg ist ein Dichter. Aber die Ärzte sind -- -- -- +Ärzte+! * Es gibt zwei Dinge, an denen man, bei +völliger+ leiblicher Gesundheit, zugrunde gehen kann; unglückliche Liebe, Eifersucht und Geldkalamitäten. Das sind ja schon +drei+ Dinge. Es wird also jedenfalls +noch mehr+ geben. * Anklagen erheben gegen die +verbrecherische Stupidität+ in Sanatorien ist +zwecklos+. Die Ärzte +verstehen nichts+, und die +Pfleger+ sind Leute, die ihren Beruf als Fleischer und Gefängniswärter verfehlt haben! Ich erkläre jeden Menschen, der in +gutgemeinter Absicht+ einen lieben Verwandten usw. usw. einem Sanatorium +zur Pflege+ überantwortet, für einen +wissentlichen Meuchelmörder+! Nein, für ein Rindvieh erster Klasse! Ihr Leitmotiv ist: „Sollen die Ärzte ihr Leid an ihm erleben! Ich kann keine Rätsel auflösen, er sagt, er könne ohne die Anna absolut nicht leben! Kann man ohne eine Anna nicht leben, wenn ein geliebter?! Vater dagegen ist?! Marsch, ins Sanatorium! Dort wird man dir ‚die +Anna+‘ schon austreiben!“ * Nichts ist leichter, als erkannte Wahrheiten predigen. Aber sie +nicht zu predigen+ ist eine feige Gemeinheit! * Wüste, Steppe, Sümpfe in gesundes +Ackerland+ verwandeln! Aber einige Hypokriten weinen um die +verlorengehende+ Romantik dieser Gegenden! * „Sie wollen nicht essen, mein Herr, weil Sie +verzweifelt+ sind, +melancholisch+ sind, der Nahrung nicht bedürfen?! Na, wo ist denn der Gummischlauch, durch die Nase in den Magen?! Da wird Ihnen die Verzweiflung schon vergehen, bei einer +anderen+!“ * Es gibt Pfleger, die „+Bauchredner+“ sind, und daher +jedem+ Unglückseligen das „+fremde Stimmen hören+“ beibringen können! Ob sie von den „Beteiligten“ dafür +bezahlt+ sind, +weiß man nicht+! * Gebt ihnen nicht das +Wissen+! Gebt ihnen den +Glauben+ an das Wissen! Siehe, das kann man aber eben nur den +Gläubigen+! Denn in ihren +Herzen+ ist bereits das Wissen, wenn es auch noch nicht ins Gehirn +hinaufgedrungen+ ist. Sie +wissen+, mit ihrem +gläubigen Herzen+! Aber die, so weder mit dem +Herzen+ noch mit dem +Gehirne+ wissend werden können -- -- -- sie sollen +unerlöst+ bleiben ewiglich und verdammt -- -- -- zu innerer Unrast, Unfreiheit und +Bösartigkeit+! * „Mein Herr, es ist leichter zu predigen, als es besser zu machen!“ „Ja, aber es schlechter machen und das Bessere nicht einmal zu predigen, das ist eine Infamie!“ * Arzt sein heißt, die +Natur+ in ihren genial weisen Plänen unterstützen und es +verhindern+, daß man ihre geheimnisvolle Rekonstruktionsarbeit +störe+! Unterstützungen der Natur sind: Restloser Schlaf bei +weitgeöffneten+ Fenstern mit Ohropax (Watte-Wachs-Kugeln) in den Ohren. Rhamnin (Cortex Rhamni Frangulae) ein Eßlöffel vor dem Frühstück. Bestäuben der ganzen Haut mit Eau de Cologne oder Menthol-Franzbranntwein vermittels einer +großen+ Parfümspritze, Vermeidung +jeglichen+ Ärgers (Krebs der Seele, es frißt weg!). Leichtest verdauliche Nahrung: Weichgekochter Karolinenreis, Gervais mit Salz, +junger+ Camembert mit Salz, harte +Eidotter+ mit Salz, Joghurt, saures Oberes, Pularde, Chapon de Styrie, Sterlett, Branzino, Spinat. * +Nicht+ trinken dürfen, wenn man +durstig+ ist, gehört zu den scheußlichsten ärztlichen Verordnungen. Freilich kannst du den Durst mit fünf Eßlöffel voll Wasser oft +löschen+! * Suppe +verdünnt+ den Magensaft. Mehr braucht man darüber nicht zu sagen! * Die meisten +Bedürfnisse+ sind nur +Ungezogenheiten+! * +Kopiös+ frühstücken heißt, die im Schlafe +gewonnenen+ Lebensenergien sofort für die Verarbeitung völlig überflüssiger Nahrung +verschwenden+! Das Frühstück hat ein Kultivierter nur zu +markieren+! * Schlafmittel müssen +restlos+ ausgeschlafen werden! Sonst wenden sie sich +gegen+ den Organismus. Bei Schlafmitteln zu einer +bestimmten+ Zeit geweckt werden ist ein +heimtückischer+ Nervenmord! Siehe: Sanatorien mit +gemeinsamen+ Schlafräumen! * Schöne Frauen, seid +nackt+ unter euren Kleidern! +Dieses+ Reizmittel ist von der Hygiene +geheiligt+! Keine Strümpfe, seidene Socken! Keine Höschen! Der +nicht+ abgehärtete Mensch ist noch kein Mensch! * „Hast du mich denn aber wirklich auch ein bißchen lieb, Anna?!“ „Liebster, wie könnte ich denn sonst die vielen schönen teuren Geschenke von dir annehmen?!“ * Eine +kultivierte+ Frau sein heißt ganz einfach, die Milliarde unserer Lebensenergien +noch+ um eine Milliarde +vermehren+! * Dies, siehe, ist vom +Teufel+: Rohe Eidotter sind +gesund+, aber +fad+! Wie kann etwas +fad+ sein, das +gesund+ ist?! Gesundheit ist das größte +Amüsement+! * Wenn ihr +wüßtet+, wie spielend leicht der +heilige Magensaft püreeförmige+ Speisen durchdringt und verarbeitet, verdaut, und wie mühselig +feste Stückchen+ -- -- -- wenn ihr es +wüßtet+! Aber ihr wißt +nichts+, zu eurem +Verderben+! * „Ich hab noch an guten Magen!“ +Noch!+ * Die +Geschmacksnerven+ müssen durch die +Intelligenz+ ersetzt werden! Die meisten essen nach ihrem Geschmack! * Wir sollten nicht so sehr +lang leben+ als +kurz sterben+ wollen! * Unsere „+Apparate+“ haben eine himmlische Nachsicht. Sie verzeihen uns jahrelang alle unsere Infamien, Unanständigkeiten, Stupiditäten, die wir begehen. Aber endlich remonstrieren sie -- -- -- mit +Krankheit+! Da sollten wir doch endlich weise aufmerksam werden! +Nein+, wir rennen zum +Arzt+! * +Später+ ist +zu spät+! * Stoff +wechseln+! Aber nicht nur +außen+, Batisthemd und seidene Socken, sondern +innen, innen+! Die innere Wäsche wird gewaschen durch „+Verbrennen+ mit Sauerstoff und +Purgieren+“! Ihr aber: außen +hui+, innen +pfui+! * Ich sehe eine Säuferleber und saufe +dennoch+! Ich sehe eine dicke Frau und heirate +dennoch+! * Vom +Geist+, von der Seele aus wollt ihr +repariert+ werden?!? Nein, die +Maschinerie+ muß repariert werden! Man +denkt+ anders, man +empfindet+ anders nach Bohnen+püree+ wie nach Bohnen +mit+ der Schale! * Man sollte jede ungezogene, lieblose, hartherzige Frau fragen, was sie denn am Abend vorher +supiert+ habe?! Sagt sie: „Bries mit Spinat,“ dann bist du +verloren+! +Gib jede Hoffnung auf!+ Aber sagt sie: „G’selchtes mit Knödel“, dann rate ihr zu: „Bries mit Spinat!“ +Ein letzter Versuch!+ * Ich kann mir +leider+ auf nichts mehr einbilden, seitdem diese dummen alten Griechen das Wort geprägt haben: „+Mens+ sana in +corpore+ sano!“ Und außerdem waren es sogar +Lateiner+! * Iß schön deine Suppe! ist genial-richtig gesagt. Denn die Suppe muß die Konsistenz einer dickflüssigen +Speise+ haben, sonst +verdünnt+ sie dir nur deinen wertvollen Magensaft, den du doch, wie du +nicht+ weißt, zu Wichtigerem brauchst! * Auch „Arteriosklerose“ kann man für zwanzig Jahre besiegen, wenn man +rechtzeitig+ weiß, daß man sie +hat+! Nur „+nicht wissen wollen+“, ist eine irreparable +Sünde+! * Sich +wiederholen+?! Ja, man wiederhole: 2 und 3 macht 5! * Napoleon I. soll von einer wunderschönen Frau, die ihn fast mystisch verehrte, gesagt haben: „Qu’elle se +déshabille+!“ Es gibt aber entgegengesetzte Naturen, die in einem solchen Falle mit +ebensolcher Berechtigung+ sagen könnten: „Qu’elle ne se déshabille +pas+!“ * „Wann soll man also eigentlich essen, Herr von Altenberg, nach +Ihrer+ Ansicht?!“ Erstens lassen Sie das „von“ aus, zweitens ist es nicht +meine+ Ansicht, sondern die der +Natur selbst+, und drittens: +Bis+ dir der Gedanke an eine alte Brotrinde das Wasser im Munde sozusagen zusammenlaufen macht! „Herr von Altenberg, ist es in ‚+sexuellen Dingen+‘ vielleicht +ebenso+?!?“ „+Ja, ganz ebenso!+“ * Der Sokrates hat den „Giftbecher leeren“ müssen wegen seiner Ansichten über das Leben, mich laden sie wegen meiner Ansichten zu „Champagner“ ein. Jedenfalls eine angenehmere, wenn auch langwierigere Todesart! * Eine +schreckliche+ und +gefährliche+ Erkrankung für junge Mädchen ist: Ewige +Dezentralisation+ durch „Amüsements“. Da kann sich nämlich nichts im Innern +langsam organisieren+, wenn man es immer durch Äußeres +stört+ oder +unterbricht+! Mütter sind daher +schamlose+ Verbrecherinnen, die darüber +erfreut+ sind, daß ihr Töchterchen immer +erfreut+ ist! „Sie ist kopfhängerisch“ würde natürlich bedeuten: „Sie ist +wertvoll+!“ „Sie ist lustig“ bedeutet natürlich: „Sie ist +flach+ und +wertlos+!“ Wollt ihr nicht endlich, +Betrüger+ und +Selbstbetrüger+, diese +verlogenen+ Ausdrücke: „Liebe“, „Freundschaft“ durch die heiligen Worte ersetzen: „+Weise Erkenntnis+“?! Niemandem nämlich kannst du +nützen+ wie durch +weise Erkenntnis+ seiner Bedürfnisse! Mutterliebe, die das geliebte Töchterchen aus dem heiligen wertvollen, +ja unentbehrlichen+ Morgenschlaf in das Leben hineinzerrt, ist +Mutterhaß+! Mütter maßen sich Erziehungsintelligenz an, weil sie +konzipiert+ und +geboren+ haben, zwei Vorgänge, die mit dem +„Geist“ nichts+ gemeinsam haben! * Vom „Geist“ aus müßt ihr +göttlich+ werden können, das heißt gerecht, gütig und wahrhaftig, ihr +Lügetiere+! Es gibt keinen Ehrentitel: +Mama+, man muß sich ihn erst redlich verdienen! * Melancholiker (und welcher Kranke wäre keiner?!) in Sanatorien, wo man sowieso in +gedrücktester, verzweifelter+ Stimmung sich befindet, zu +normaler+ Nahrung und +Einhaltung+ von Speisestunden zu zwingen, zumal mit Androhung +künstlicher+ Ernährung durch den +Nasenschlauch+, ist eine +verbrecherische Stupidität+, die +überall+ im +sogenannten+ aufgeklärten Europa, inmitten der +Kontrolle+?! der +bürgerlichen Gesellschaft+ ausgeübt wird, die sich über +sibirische Gefängnisse+ jedoch angenehm skandalisiert! Pfui Teufel! Ihr jesuitischen Feiglinge! Melancholisch Bedrückte, Stoffwechsel-Verlangsamte, Brütende, Trauernde kommen mit einem +Minimum+ von einem Minimum von Nahrung aus (drei Gläser Joghurt, drei rohe Eidotter mit Salz in Suppe gesprudelt, Milchkaffee, Biskuit). Das Wort „essen“ ist in +Mostschädel, Idiotengehirne+ eingenistet, aber das Wort „+verdauen+“ begreifen sie nicht! Denn sie verdauen tatsächlich alles, was sie fressen, diese +Gesundheitsviecher+! Und gerade diese Untiere sollen die +Abnormalen+, die Kranken, verstehen?!? Die +Kranken+ sollten die +Gesunden+ internieren, damit diese an ihnen keine +Gemeinheiten+ begehen können! Ich sah einen vormittags Bratwürstchen mit Rotkraut verzehren, infolgedessen gab ich den Verkehr sogleich mit ihm auf. Da kann nichts Gutes herauskommen, bei dieser +verbrecherischen Lebensführung+! * Wenn ich die Leute in den +Sanatorien+ so Revue passieren lasse -- -- -- lauter nette, feine, gescheite, ruhige, anständige Menschen! Was macht es, daß sich einer für einen Kaiser hält und eine für eine Fürstin?! Alle sind ganz normal, bis auf eine kleine, unscheinbare, fixe Idee. Aber draußen, draußen im Leben, da ist ein jeder +voll+ von fixen Ideen! Der eine hat Ehrgeiz, wozu, weshalb?! Der andere will von einer +geliebt+ werden, die ihn +nicht ausstehen kann+. Einer stirbt vor Eifersucht wegen einer, die es nicht einmal verdiente, daß man sich ihren Namen, viel weniger ihre Adresse merke. Einer hofft, ewig begehrenswert zu bleiben; eine, ewig taufrisch! Einer glaubt +etwas+ zu sein, weil eine, die +nichts+ ist und +noch weniger+, auf ihn „fliegt“! Einer läßt sich ein hellblaues Samtgilet machen mit grünen Glasknöpfen. Einer zahlt einer ein Kalbsfilet mit Spargelspitzen und ist überzeugt, bei ihr eine Eroberung gemacht zu haben. Ein anderer zahlt +noch mehr+ und ist +noch überzeugter+! Die begehrten Frauen fühlen sich wie in einem Irrenhaus. Nur die begehrenden Männer nicht. Die sind zu borniert dazu. Die nehmen alles ernst. Eine junge Dame sagte zu mir: „Daß +wir+ die Männer brauchen, +das+ begreife ich! Als idiotische Wurzen! Aber wozu sie +uns+ brauchen, +das+ kann ich nicht begreifen!“ * Lukullus-Diner: Soupe Crême d’orge; Asperges de Eibenschitz et Pudmeritz; Bries gratiné sauce Parmesan; Zanderfilets, sauce pomo d’oro salée; Crême de framboises; poires bonne femme; Gervais, Camembert, Roquefort, Chester; Café au lait; Kurfürstlicher Magenbitter „Danziger Lachs“; das Recht, seiner schönen Nachbarin, vom servierten Kaffee an, +ganz sachte und zart+ die Hand auf ihr Knie legen zu dürfen! * Eine angezogene Frau hasse ich wegen ihrer +Kompliziertheit+, und eine ausgezogene wegen ihrer +Primitivität+! Wenn man einmal eine +angezogene+ Frau fände, die man sich +nicht+ ausgezogen wünschte, und eine +ausgezogene+, die man sich +nicht+ angezogen wünschte! -- -- -- +Das+ wäre das +Glück+! * „Herr Peter, was spricht man denn stundenlang mit dieser Person, ein so intelligenter Mensch, was Sie sind?!?“ „Dasselbe, was man mit der Antilope spricht, der Gazelle und dem Kolibri! Man +bewundert+ sie!“ „+Langweilen+ Sie sich nie mit ihr?!“ „Nein, sie mit +mir+!“ * Wenn ich sogar mit Beethoven beisammen sitze, so schaue ich doch unwillkürlich, ob er kurzgeschnittene ganz reine Fingernägel habe! +Später+ erst sage ich mir beschwichtigend, er habe die IX. Symphonie gedichtet. * Eine Frau +muß absolut+ einen nach süßen Mandeln duftenden Atem haben! +Diese Tragödie+ müßte man einmal schreiben, wo eine Frau sämtliche herrlich tiefen Eigenschaften einer wertvollsten Frau habe, und +nur+ einen +unidealen+, wenn auch noch nicht ganz schlechten, Atem! Aber +dazu+ sind unsere Dichter +zu wenig+ -- -- -- +Dichter+! Die halten noch bei den +Komplikationen+ der +Seele+, ha ha ha ha! * Treue ist ein Wort, das die Männer wegen +bequemer Selbsttäuschung+ und die Frauen wegen +Geld+ erfunden haben! * +Nur+ die sehnen sich nach dem Unbewußten zurück, denen das +Bewußtsein+ nur die Erkenntnis gebracht hat, daß sie Esel +waren+ und +geblieben+ sind! * Beweis für „+begehrenswert+“ sein, ist +nur+, wenn man mit einer bestimmten Dame +lieber+ als allein in die „Meistersinger“ ginge, +lieber+ mit ihr als allein eine Dolomitentur machte, +lieber+ mit ihr als allein sein Geld ausgeben möchte! Die +anderen+ Anzeichen von „begehrenswert“ sind +ungültig+! * Deine +allererste+ Enttäuschung an einer geliebten Frau sei auch immer +sogleich+ deine +allerletzte+! Glaube ja nicht an +Zufälligkeiten+! Sie ist stets ein +wohlgeordnetes+ logisches Mistvieh! ERLEBNIS Der Dichter an das wunderschöne Mädchen +Eva Fâren+ im „+Grand Gala+“, Weihburggasse: „Sie sagten den ganzen Abend zu mir: ‚Herr Professor‘. Ja, ich bin einer. Ich lehre die Menschen nämlich seit siebzehn Jahren in meinen Büchern immer dasselbe: +Seele+ zu bekommen! Aber die meisten bekommen nie eine. Es gibt so viele unaufmerksame und untalentierte Schüler in meiner ‚Klasse der Menschheit‘. So wie in jedem Gymnasium. Nur wenige machen einem Freude, einige plappern mechanisch nach. Aber deshalb muß man dennoch es ununterbrochen versuchen, ihnen eine Seele, wenn auch sehr allmählich, beizubringen, selbst sogar, wenn sie eine solche unbequeme gar nicht besitzen +wollen+, und sogar es glauben, daß es sie in ihrer sonstigen +ernsten+ Beschäftigung empfindlich störe! Ihnen freilich, allerzarteste Persönlichkeit, allerlieblichste Schönheit, braucht man nichts mehr beizubringen! Sie haben die Seele vom Schicksal mitbekommen, diesen +Leitstern+ in den +Wirrsalen+ eines schönen Frauenlebens! Alles, alles an Ihnen ist eigentlich nichts anderes wie „+verkörperte Seele+“; Seele, die +ein Obdach gefunden hat+ in einer zarten Hülle! Alles an Ihnen ist zart, fein, +nobel+, unirdisch; jede Ihrer Handbewegungen, Ihrer gebrechlichen Finger, jeder Blick Ihrer Augen, der Timbre Ihrer ausländischen Stimme und die kindlich-edle Art Ihres Tanzens! Sie können, Sie wollen niemanden kränken; und wenn Sie es tun, tut es Ihnen sogleich unbedingt wieder schrecklich leid. Sollten Sie mir jedoch erwidern, daß ich mich leider irre, und daß Sie die Männer nur aussackeln und ausnützen wollen, so werde ich, ohne zu zögern, es Ihnen ins Gesicht sagen: ‚Ja, aber +nur+ die, die +kein anderes Schicksal+ verdienen!‘“ NESTER Jeder Vogel hat +sein+ Nest, ihm +eigentümlich+ und von allen anderen +unterschieden+. Man erkennt es im Wald +von weitem+, sagt, hier wohnt eine Meise, hier ein Stieglitz, hier ein Nußhäher, hier ein Rotkehlchen, hier ein Dorndreher, hier eine Amsel! Aber bei den Menschen sagt man: „Das hat ihm Herr A. L. eingerichtet!“ Oder Herr H. oder Herr B.! Habt ihr denn keine +Nestinstinkte+ mehr, Menschen, also keine +Nestgenialitäten+ mehr?! Habt ihr keine Lieblingstapete, kein Lieblingsholz, keine Lieblingsfarbe?! Dann, dann +schämt euch+ vor den Vögeln des Waldes, die zu ihrem heiligen, praktischen und idealen Nestbau keines modernen Architekten bedürfen! ENTDECKEN „Heute besuchte mich um fünf Uhr abends im Café die ‚vollkommenste Frau‘ dieser Erde! Fräulein G. L.“ „O, die habe ich schon zwei Jahre vor dir auf dem Lido, Hotel Exzelsior, entdeckt. Bilde dir also darauf nur nichts ein!“ „Entdeckt, entdeckt?! Wie hast du das bewerkstelligt?! Worin hat sich dein Entdecken geäußert?!?“ „Geäußert?! Es hat sich ganz einfach darin geäußert, daß ich sie gesehen habe, in ihrem seidenen Badetrikot mit dem roten Lackgürtel, und entzückt war über ihre Vollkommenheit!“ „Das also heißt du: entdecken!? Du hast es bei dir behalten, hast deine Begeisterung hinuntergeschluckt, die andern absichtlich nichts davon merken lassen, vor allem jene Frau nicht, mit der dich zu verhalten dein elender feiger Selbsterhaltungstrieb dich zwingt! Du hast nichts für diese entdeckte Vollkommenheit getan, hast schief weggeschaut von dieser Pracht, die dir deine armseligen Kreise nur stören könnte! Weißt du, was das heißt: entdecken?!? Entdecken heißt ein Tamtam schlagen für eine, daß alle unbedingt aufhorchen müssen; es heißt: sich für sie einsetzen, so daß alle andern bleich werden, krank und giftig-bösartig; schreien, weinen und dichten, alle andern verleugnen, demütigen, auslöschen und vernichten! Das heißt: Eine Besondere, Einzigartige, Vollkommene entdecken!“ „Peter, du bist der Ausrufer in der Praterbude des Lebens! Dazu gibt sich nicht ein jeder her. Es ist ein Beruf wie ein anderer. Aber die Nerven muß man dazu haben. Du hast sie!“ „Es heißt, die Blinden sehend machen, die Tauben aufhorchend, die Stumpfen fühlend, die Geizigen verschwenderisch! Es heißt, es unbedingt riskieren, daß diese entdeckte Göttin sich +denen+ zuwende, die ohne dich sie nie, nie „+erkannt+“ hätten. Es heißt, dich von ihr allzubald mißhandelt und beiseite gestellt zu sehen, diese einzige Dankbarkeit, die die Entdeckte dir zu spenden hat! Entdecker+schicksal+ haben, schmähliches, das heißt: +entdecken+!“ ST. D. Er wußte, daß ihr brauner Leib (er liebte jedes Härchen ihrer dunklen Achselhöhlen, die er ein einziges Mal bei ausgestrecktem Arm und weiten Seidenärmeln erblickt hatte), er wußte, daß ihr brauner Leib in Zärtlichkeiten triefte bei dem andern. Dies nahm er als unabwendbares Geschick, wie Verarmung, Krankheit, Sterben. Ja, es erzeugte sogar der süßen Selbstlosigkeit bittere Wollust. Er war gewappnet, stand, ein düsterer Ritter, an den schweren Toren ihrer leichten Seele. Doch als sie dem dritten aus seinem Wermutglase den Zwiebackbrocken mit den Fingern fischte, und jener den so geheiligten Wein ihr zutrank, da wurde er entwaffnet, zog sich zurück von seinem gefahrvollen Posten am schweren Tore ihrer leichten Seele, ging langsam die weiße Landstraße hinab, und seine Schritte zogen müd dahin. VERGNÜGUNGSLOKAL Im „Tabarin“ gaben die Herren an Blumen aus für das Fräulein Paula: Lila gefüllte Nelken: 20 Kronen. Ceriserote Rosenknospen: 30 Kronen. +Mimosa pudica+, Büsche: 10 Kronen. Weiß-grüne Schneeballen, Büsche: 10 Kronen. „Der Diener soll mir’s ins Auto nachtragen, gib ihm 3 Kronen! Aber vorn, daß die Leut es sehn!“ Am nächsten Morgen sagte das aschblonde wunderbare siebzehnjährige Küchenmädchen zu mir: „Schneeglöckerln gibt’s schon, Jessas, wie bei uns in ‚Steinhaus‘, beim Waldsumpf, aber teuer sein’s noch, 30 Heller das Büscherl!“ MOULIN ROUGE, „VENEDIG IN WIEN“ Lieber Baron! Ich verdanke Ihnen eine reizende friedvolle „Drahnacht“ mit zwei ausgezeichneten vornehmen, überaus menschlich feinen Amerikanerinnen, Tänzerinnen. Sie haben mir in selbstlosester Art die ganze „Regie des Abends“ überlassen, und ich hoffe, daß es Sie nicht mehr gekostet hat, als das Vergnügen Ihnen wert war. Besonders die Fahrt des Morgens in den Donauauen war märchenhaft! Die Damen waren unbedingt zufrieden in unserer Gesellschaft, und nirgends befand sich ein „trüber Beigeschmack“, der doch überall leicht durch ein „+Nichts von einem Nichts+“ sonst entstehen könnte!? Es gibt so viele Taktlosigkeiten, unbewußte, zwischen fremden Charakteren! +Niemand ahnt es eigentlich, wie häufig er verletzt!+ Ich habe in dieser schönen Nacht das Wort geprägt: „Die ‚+Regie der Liebe+‘ ist wichtiger als die +Liebe selbst+!“ Freilich kostete es Ihr Geld und nicht das meine! Da kann ich leicht Aphorismen von mir geben -- -- --. Es gibt keine „Sympathien“ auf der „+Bühne des Lebens+“, wenn man sie nicht als „+geschicktester Regisseur seines eigenen Herzens+“ richtig, künstlerisch, taktvoll +in Szene setzt+!!! Eine jede Frau erwartet „geschickteste Mise en scène!“ Wer +seinem eigenen Empfinden allein folgt+, vergißt, daß der andere dadurch vielleicht nur in große Verlegenheit, in eigentümliche Mißstimmung gebracht wird -- -- --. Selbst eine „dargebrachte Rose“ will ihre „zarteste Regie“ haben, um zu wirken! Die Art, der Moment der Übergabe, hundert Dinge sind dabei zu berücksichtigen! Ein „+Regisseur seiner selbst+“ sein ist alles! Eine „dargebrachte Rose“ kann das echteste Zeugnis eines tief impressionierten Herzens sein! Aber, schlecht und ungeschickt gemanaged, wird sie zu einer banalen, billigen und konventionellen Liebenswürdigkeit! Dieser Abend, diese Nacht also, dieser Morgen in den Donauauen, mit der blutroten Sonne, der breiten stillen Donau, dem Morgendunst über den gelben Grasbüscheln, den rosenroten Gesträuchen, den grauen, gelben, roten, braunen Kieselfeldern von abgerundeten, gleichsam von ewigem Wasser abgeschliffenen Kieseln -- -- -- alles das war wundervoll! Nur das eine störte, daß im Laufe der so schönen friedvollen Stunden ich mich immer intensiver für Ihre Dame, Sie sich immer intensiver für meine Dame zu interessieren begannen -- -- --. Als wir jedoch beide Damen bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten und nun allein der Stadt zufuhren, fühlten wir es: Wäre deine Dame meine Dame und meine Dame deine Dame gewesen, so würden +dieselben+ Empfindungen sich entwickelt haben! Also war die Regie ja doch vorzüglich, denn immer fliegt einer auf die Dame des +anderen+! Sonst wär’s ja +gar zu fad+! KARRIERE Der Herr +Redaktionsphotograph+, der zwei Wände meines Zimmers aufnehmen sollte, weil „die großen europäischen Illustrierten“ es ihren gierigen Lesern zeigen wollten, wie P. A. haust, sagte: „Ich möchte auch ein Stück Ihres Schreibtisches dazu aufnehmen.“ -- „Ganz unnötig, denn erstens habe ich keinen, zweitens schreibe ich alles im Bett. Nehmen Sie ein Stück von dem Bett auf dazu!“ -- Ich sagte: „Wie wird man eigentlich Redaktionsphotograph?! Ich weiß nur, wie man Dichter wird. Man ist eine Schande seiner gütigen Eltern, ist Jurist, Mediziner, Buchhändler und dann gar nichts mehr. Aber wie wird man Redaktionsphotograph?!“ Der Mann legte die Stirne in düstere Falten, ich habe das zwar noch nie und auch diesmal nicht beobachtet, aber nachdem es in Romanen steht, und begann: „Ich hatte eine Stimme, Baß, Bariton und Tenor zugleich!“ „Muß man das haben, wenn man Redaktionsphotograph werden will?!“ „Ich hatte eine +Stimme+! Operndirektor +Herbeck+, der unerkannt unter den Zuhörern saß, trat auf mich zu und sagte: ‚Morgen gehen S’ zum +Gänsbacher+, singen dasselbe, er wird Sie unterrichten, +zu zahlen ist nichts+!‘ Ich wußte weder, wer Herbeck, noch wer Gänsbacher war. Nur mein Vater weinte Freudentränen, und meine Mutter sagte: ‚Ich hab’s ja immer gefühlt!‘ (Es ist der Beruf der Mütter, alles vorauszufühlen, wenn etwas hinterdrein geschieht, und der Väter eisige Strenge zerschmilzt in heißen und diskreten Tränen, wenn sich irgendwie ein ‚Fortkommen‘ zeigt.) Gänsbacher sagte zu mir: ‚Sie Teufelskerl!‘ Nach der siebzehnten Stunde machte ich einen Ausflug nach Laxenburg, und wie ich, vom Rudern erhitzt, im Kahn niese, kommt ein Luftzug, und ich verlier meine Stimme. Am nächsten Tage sagt der Gänsbacher zu mir: ‚Pfiert Ihnen Gott und kommen S’ mir nimmer wieder. Sie san futsch!‘ Meine Mutter sagte, sie habe alles vorausgeahnt, und mein Vater sagte: ‚Der Leichtsinn liegt dir im Blute!‘ No, so bin i halt Redaktionsphotograph geworden. Und glauben Sie mir, ich bin ebenso glücklich wie bei dem dalkerten Singen!“ VEREIN NATURSCHUTZPARK Ich begreife es nicht, wieso nicht alle, alle Menschen sich leidenschaftlich beteiligen an gewissen Gesellschaften, ja, es als eine Ehre, eine Pflicht betrachten, sich daran zu beteiligen mit ein paar Kronen und ihren Namen prangen zu sehen unter den Unterstützern!? Da ist vor allem der Verein zum Schutz mißhandelter Kinder und jetzt neuerdings der Verein zum Schutz mißhandelter Natur, der Verein Naturschutzpark! Ich hatte meine ganze Kindheit hindurch sechs Wiesen: die Bodenwiese am Gahns mit ihren schokoladeduftenden lila Kohlröserln, die Apollowiese mit Scharen von Apollofaltern, die Lavendelwiese mit Eau-de-Cologne-Düften, die Königskerzenwiese, die Lakabodenwiese mit Erdbeeren, die Ochsenbodenwiese auf dem Schneeberg. Diese sechs Wiesen liebte ich und kannte sie daher genau. Oder vielmehr, weil ich sie genau kannte, liebte ich sie. Es ist genau wie mit den Frauen, nur umgekehrt: weil man sie genau kennt, liebt man sie nicht mehr. Jede Gegend hat irgendwo eine Seele, das heißt: Strecken, wo ihr ganzer Reiz konzentriert ist, zum Beispiel die Dolomiten in Tre croce. Diese Seele einer jeden Gegend soll man schützen als ihr Wertvollstes! Ebenso Kinder, die noch nicht gemein sind, als die Seele des Menschentums! Schöne Wege soll man mit feinstem Sand bestreuen und prima Wasserspritzwagen zirkulieren lassen! Es soll eine Sache der innern Kultur werden, solchen Vereinen als Mitglied anzugehören, so wie man im Besitze einer besten Zahnbürste und einer Nagelzwicke sein muß. Es gehöre zur innern Reinlichkeit, auf die die Herrschaften weniger Gewicht legen! „Mein Badezimmer stößt direkt an mein Schlafzimmer,“ sagte einer dieser Snobs zu mir. „So!“ erwiderte ich, „sind Sie schon im Verein Naturschutzpark?!“ „Was geht mich der an?!“ „Wenn nur Ihre äußere Hülle rein ist, Sie Schwein!“ MIMIKERINNEN +Mimik+ ist die Fähigkeit zu sprechen, ohne +Worte+ dazu zu verwenden. Solche edle Mimikerinnen sind +Elsa+ und +Berta+ Wiesenthal. Sie sprechen zu uns unter Musikbegleitung sanfte, tiefe, kindliche, besondere Worte, ohne dabei zu reden. Eine Mama versteht das romantische Lallen ihres geliebten Wiegenkindchens, ein Jäger den Blick seines Hundes, ein Liebender das Schweigen seines Mädchens! Schon seinerzeit in der „Kunstschau“, in der Pantomime von Oskar Wilde „Der Geburtstag der Infantin“, überraschte Elsa Wiesenthal durch edle Würde, durch das Ausdrücken von allem, was der Dichter meinte, in Gebärde, im Blicken! Sie hat alles diesmal gehalten, was sie versprochen hatte, besonders in „Violettapolka“, „Türkischer Marsch“, „Faustwalzer“. Berta ist wie ein getreuer Knappe seiner edlen wunderschönen Herrin. Die Kostüme waren sehr gut. Im „Faustwalzer“ flogen eigentlich zwei herrliche weiße seidene Schmetterlinge! Wir haben bisher von Tänzerinnen folgende bemerkenswerte Typen gesehen: +Cleo de Mérode+, die +ewige Jugend+, Saharet, die +Akrobatin+, Ruth St. Denis, die +Indierin+, Carmen Aguileras, ganz Spanien, Maria Maraviglia, die +Anmut+, Grete Wiesenthal, der „+modernste Typus+“, Elsa und Berta, die +Mimikerinnen+, Esthère Vignon, das +Genie+! ALBERT Ich erhielt eine Krone, 1893, deren Kopfseite poliert war und den Namen „Albert“ eingraviert hatte. Ich fühlte es sogleich, daß Dichter die Verpflichtung hätten, in einem solchen aparten Fall ihre Phantasie „schweifen“ zu lassen. Jedenfalls hatte eine „+Sie+“ die durch irgendeine uns unbekannte Begebenheit geweihte Krone, vielleicht die erste gespendete oder die letzte, so transformieren lassen, und in einem Augenblick materieller Not oder aus Haß, Eifersucht, Verzweiflung, Verachtung oder dergleichen sie eines Tages wieder ins Rollen gebracht, ins Leben hinein, bis endlich, 1914, zu mir. Ich hielt sie lange in Ehren, und Maeterlinck hätte daraus längst einen Einakter gemacht: +Krone+ 1893. Aber als der Lohndiener Anton die Bezahlung der Zigaretten verlangte und ich sagte, ich hätte momentan nichts flüssig, wies er auf diese auf dem Schreibtisch liegende Krone 1893 und sagte: „Da haben wir ja noch eine!“ -- „Sie ist ungültig!“ sagte ich, „schauen Sie!“ -- „Dös wer’n mer schon machen, da verlassen’s Ihnen auf meine Geschicklichkeit, dös blöde Wort ‚Albert‘ wird kaner sehn!“ Und so verschwand die Krone 1893 aus meinem Besitze und begann wieder ihren Kurs in die Welt hinein, den ich in einer Anwandlung von „falscher Romantik“ eine Zeitlang aufgehalten hatte -- -- --. MEIN BRUDER Es wäre abgeschmackt, über einen leiblichen Bruder eine Hymne zu schreiben. Aber da er +außerdem+ ein „Lebenskünstler“ ist feinster Art, so schreibe ich dennoch über ihn, trotz der nahen Verwandtschaft. Seine „Bedürfnislosigkeit“ gemahnt an Diogenes, obzwar er nicht in einer Tonne, sondern Alserstraße 51 wohnt. Ich schickte ihm einmal, in einer pathologischen Anwandlung von Bruderliebe, hundert Stück seiner Lieblingszigaretten: Hanum, Korkmundstück. Wir sind alle für „Korkmundstück“, da „+trocken zu rauchen+“ eine Aufgabe des modernen kultivierten Menschen ist. Alles darf naß sein, +nur nicht+ die Zigarette. Zu Ende geraucht, muß sie +so trocken+ sein wie +anfangs+ in der Schachtel, nur natürlich +verkürzter+ um das, was man weggeraucht hat! Also, ich schickte meinem Bruder hundert Stück „Hanum“ mit Korkmundstück. Am nächsten Tage sagte er zu mir: „Denke dir, welches Malheur mir passieren mußte mit deinen Zigaretten! Ich saß beim Frühstück, machte einige Züge, und deine Zigarette fiel mir in die Teeschale hinein!“ „Nun,“ sagte ich, „du hattest doch noch eine ganze Schachtel voll vor dir stehen!?“ „Pardon,“ erwiderte er, „die sind bereits für neunundneunzig herrliche Frühstücksmorgen eingeteilt!“ Ich hatte keine Tränen im Auge, da ich für solche +Marlitt-Utensilien+ nicht eingerichtet bin. Aber ich hatte sie +in der Seele+, und vor allem gedachte ich aller verschwenderischen und idiotischen Schurken, die es um mich herum gibt -- -- --! LIEBE Er liebte sie irrsinnig und vergeblich. Man liebt immer nur irrsinnig, wenn es vergeblich ist! Dann wurde sie sehr, sehr krank. Da sagte sie zu ihm: „Ich habe Mitleid mit Ihnen. Ich will mich vor Ihnen +noch nackter+ zeigen als nackt!“ Und sie entrollte ein großes Blatt Papier, auf dem ihr „+Röntgenbild+“ photographiert war. „O, dieses grazile +Knochengerüstchen+!“ sagte er entzückt. „Aber bitte nun um den einzigen Gefallen, zeigen Sie es ja nicht dem Herrn -- --; +das+ will ich wenigstens vor dem Hund voraus haben!“ DER LUXUS VON HEUTE UND SEINE ÜBERTREIBUNGEN Eine Rundfrage der „Zeit“ Ich hasse und verachte den Luxus, wie alles hygienisch Unnötige. Ob wir heutzutage den Luxus forcieren? Wir nicht! Die Idioten! Die Übertreibungen des Luxus äußern sich in allem, was nicht unbedingt und direkt zur Gesundheit des Leibes gehört. Der Luxus ist eine „fixe Idee“, eine „Hysterie“ von Halbgebildeten und hohlen Emporgekommenen, also gänzlich Heruntergekommenen! Ich sehe in dem Luxus: Sodom und Gomorrha! Wo Luxus am Platze ist? In bezug auf: Hygiene und Diätetik! MEINE SCHWESTER So, jetzt ist also der Mann auch tot, der allein mich noch an dem Leben festhielt. Er brauchte mich, der Mann mit den vielen geliebten Silberhaaren, dieser Jüngling von fünfundachtzig Jahren. Ich wußte es nie, daß ich mit einem Greis zusammen wohnte. Nie spürte man ihn, nie. Nur, wenn man lange weg war, Besuch oder Theater, sagte er: „Gott sei Dank!, daß du wieder da bist!“ Er rechtete nie mit dem Schicksal, sondern las emsig „Quatre vingt treize“ von Viktor Hugo. Nun ist er schlafen gegangen, hinterläßt mir die Gesammelten Werke von Viktor Hugo in Prachtlederband und ein ewiges Gedenken an seine Güte. Es gibt so wenig ganz wirklich gute Menschen, und einer derselben ist dahingegangen! Ich habe noch zwei Brüder und eine Schwester. Wenn ich Krankenpflegerin geworden wäre seinerzeit, als ich zum erstenmal die Niedertracht der Menschen erlitt, könnte ich sagen, ich besäße noch alle, +alle+ Menschen, die meiner +bedürfen+! So aber wird der kleine Kreis immer kleiner und kleiner. Mein Bruder rät mir, mir japanische Goldflossen-Schleierfische anzuschaffen in einer Kristallwanne, ferner einen Star und Smaragdeidechsen. Ich werde es versuchen. Es ist kein Mittel, den geliebten Greis mit den vielen Silberhaaren zu verschmerzen. Aber da man +vorhanden+ ist, +muß+ man irgend etwas versuchen so lange, bis man +vereinigt+ ist! Mein Bruder sagt mir, daß man diese Tiere „enttäuschungslos“ liebhaben kann und daß man von ihnen nie eventuell „ins Gesicht gespuckt wird“ dafür, daß man sie gern gehabt hat! Sie können also unsere sorgfältige Pflege, die wir ihnen angedeihen lassen, +gebrauchen+ für ihr zartes Leben! Gebrauchen, welches schöne tiefe Wort! Von diesem fatalen einfachen +Urworte+ an: „Er hat sie gebraucht!“, eigentlich immer +derselbe Klang+! Ja, wir wollen „gebraucht“ werden! Je zarter, je nobler, je rücksichtsvoller, desto besser für uns! Aber gebraucht wollen wir werden zeit unseres Lebens! Plötzlich stehen wir durch den bösen Tod da ohne jegliche Beschäftigung. Da kommt man vielleicht sogar auf die schreckliche Idee, daß +dieser+ Hut, +dieses+ Kleid, +dieser+ Pelz wichtig wären. Unser Vater war arm, aber reich! Viktor Hugo, sein Bauernzimmer in Aussee und seine „Trabucco“ waren ihm wichtiger als die Schätze der Welt. Von meinem Bruder, dem Dichter, verstand er so viel wie nichts, oder noch weniger. Er wußte nur, daß er ihm seinerzeit das göttliche Abführmittel „Rhamnin“ empfohlen habe, das ihm tatsächlich von 59 bis 85 jugendliche Frische verschaffte. Ich selbst bin anders. Ich betrachte mein +Verständnis+ meines Bruders als die lichte Brücke, die mich von dem althergebrachten dumpfen Leben der bürgerlichen Vorurteile hinüberführt in eine Welt, die ich verstehe, aber der ich nicht gewachsen bin! Es ist, wie wenn man sich in ein Buch vertiefte, in der Alserstraße 11, 5. Stock: „Erlebnisse im +innersten Afrika+!“ In unserer Familie sind viele Welten beisammen, nur nicht die des „+äußeren Glanzes+“! Wir alle leben immer nur unser „höchsteigenes“ Leben, zur Verzweiflung derer, die gar keines haben! Der Dichter muß +nicht+ mit den +Wölfen heulen+, aber wir +müssen+ mit den Menschen +sprechen+! LAOTSE: -- DER HEILIGE BAUM Ein Zimmermann reiste nach dem Staate Tschi. Als er nach Tschü-yüan kam, sah er einen heiligen Baum, der so groß war, daß ein Stier sich dahinter verbergen konnte; er hatte einen Umfang von hundert Spannen, ragte hoch über den Gipfel des Hügels empor und trug Äste, von denen manche der Größe nach für Kähne getaugt hätten. Eine Menschenmenge stand davor und gaffte ihn an, aber der Zimmermann achtete seiner nicht und ging des Weges weiter, ohne sich umzusehen. Sein Lehrbursche hingegen sah sich satt daran, und als er seinen Meister wieder eingeholt hatte, sagte er: „Seit ich in deinem Dienste ein Breitbeil gehandhabt habe, sah ich nie solch ein prächtiges Stück Holz wie dieses. Wie geht das zu, Herr, daß du nicht stehen geblieben bist, um es zu betrachten?“ „Es lohnt nicht davon zu reden,“ antwortete der Meister. „Das Holz taugt zu nichts. Mach ein Boot daraus, -- es wird sinken. Einen Sarg, -- er wird faulen. Hausrat, -- er wird bald zerfallen. Eine Tür, -- sie wird schwitzen. Einen Pfeiler, -- er wird von den Würmern zerfressen werden. Es ist ein Holz ohne Rang und ohne Nutzen. Darum hat es sein gegenwärtiges Alter erreicht.“ Als der Zimmermann nach Hause kam, träumte er, der Baum erscheine ihm und spreche zu ihm: „Was ist es, womit du mich vergleichst? Sind es die vornehmen Bäume? Der Kirschbaum, der Birnbaum, der Orangenbaum und andere Fruchtträger werden, sobald ihre Früchte gereift sind, geplündert und schimpflich behandelt. Große Zweige werden geknickt, kleine abgebrochen. So schädigen diese Bäume durch ihren Wert ihr eignes Leben. Sie können ihre zugemessene Spanne nicht vollenden, sondern kommen vorzeitig in der Mitte der Bahn um, weil sie in die umgebende Welt verstrickt sind. So ist es mit allen Dingen. Eine lange Zeit war es mein Ziel, nutzlos zu werden. Mehrmals war ich in Gefahr, es nicht zu bleiben, aber endlich ist es mir geglückt, und so kam es, daß ich heute nutzreich bin. Aber wäre ich damals von Nutzen gewesen, ich hätte jetzt nicht den großen Nutzsegen, den ich habe. Er ist: +angestaunt zu werden, wegen der Kräfte, die man nicht vergeudet hat im kleinen+!“ WACHSFIGUREN Lotte Prizzl, du feines, zartes, liebes, außergewöhnliches Fräulein, sei allerherzlichst bedankt für deine kleinen großen, nichtigen wichtigen, spielerisch tiefernsten Püppchen, in Wachs, Tüll und Seide! Wie Liliputgebilde sind sie, hervorgezaubert aus den Seelen bei E. T. A. Hoffmann, Beardsley, Maeterlinck, Altenberg! Zur Welt gebracht jedoch in unbeschreiblicher Seelen- und Körperzartheit von Lotte Prizzl! Diese Wachspüppchen sind aus der ganzen Edelkultur der Dame hervorgegangen, die sie verfertigt hat, also ihre +echten Kunstkinder+. Sie enthalten Träume, Sehnsuchten, Kindlichkeiten, Vornehmheiten, Melancholien. Man gewinnt sie lieb, besonders den Engel rechts mit den geschlossenen Augen, das Fräulein im schwarzen Trauerbettchen, den Mahadö, und eigentlich die meisten. In eine Kristallvitrine gehören sie, um einem einfachen Zimmer die Marke zu geben: Hier haust ein +Jemand+! MEINE ANDERE SCHWESTER Habe über meine Schwester, die Frau Hofrätin, noch nie etwas geschrieben. Und doch verdiente sie es, beschrieben zu werden. Sie hatte einst stets den Humor eines englischen oder amerikanischen Humoristen, wie Boz Dickens und Mark Twain, dabei tiefen Geist und +unbeschreibliche Gutmütigkeit+. Sie hatte +wirklich goldene+ Haare, eine Elfengestalt. Sie versammelte von selbst, unwillkürlich, auf jedem Ball, die +sogenannte+ Elite der Herrenwelt um sich herum, ganz um sich herum, hielt Cercle, und man lachte sich zu Tode, ganz ohne Courtoisie, obzwar man auch diese für sie hatte, über ihre schelmischen und dennoch gutmütigen Bemerkungen. Sie war eine fanatische Naturfreundin. Aber ebenso fanatisch liebte sie ihre französischen und ihre englischen Guvernanten. Jede Guvernante wurde ihr sogleich zu einem verehrungswürdigen, anbetungswürdigen Wesen, das zu kränken einfach eine Unmöglichkeit war. Mit vierzehn Jahren fand sie einen verlaufenen häßlichen schwarzen Hund auf der Straße, den sie „Lupus“ taufte und über den sie ein Tagebuch zu führen begann. „‚Lupus‘ sieht heute schlecht aus, 18. Juli vormittags, ich glaube, er hat einen Knochensplitter geschluckt. Das dürfte ihm die zarten Magenwände reizen.“ „11. August. ‚Lupus‘ wurde im Garten in einer Wassertonne ertränkt gefunden. Hoffentlich hat er nicht lange gelitten. Ich werde ihn nie vergessen.“ Fortsetzung des Tagebuches: „Der Hofmeister meiner Brüder wurde entlassen. Wenn jetzt noch Amelie Leutzinger, meine Guvernante, auch geht, dann habe ich niemand mehr!“ Später heiratete sie, und ihr zwölfjähriges Mäderl starb. Da schrieb sie in ihr ehemaliges, altes, unvollendetes Tagebuch: „Mit ‚Lupus‘ hat es +begonnen+, den man mir ertränkt hat! Und dann ist es so weiter gegangen, gradatim. Mein Bruder hat immer gesagt, ich hätte einen englisch-amerikanischen Clown-Humor. Den habe ich eingebüßt!“ Ich schreibe diesen Biografical essay nicht, um meiner Schwester ein Lob zu singen. Das hat sie in ihrer sozialen, ökonomischen usw. Position nicht nötig. Ich schreibe es, damit alle diese anderen faden, öden, geist- und humorlosen, herzlosen, ungezogenen Gänse sich nicht ewig so frech überheben und ruhig +kuschen+, wenn ihnen einer schon liebevoll +zu fressen+ und +zu kleiden+ gibt! AUTOMNE Es gibt viele Frauen, die es nicht vertragen, wenn man sie liebevoll und schwärmerisch behandelt. Sie haben recht. Wahrscheinlich halten sie den für einen ausgemachten Idioten, der solches tut. Sie kennen nämlich ihren +Unwert+ und sind naturgemäß +empört+ darüber, daß jemand sie für +wertvoll+ hält. Lieber sind ihnen die, die sich nichts aus ihnen machen, aber hingegen dennoch -- -- --. Sie fürchten sich, +den zu enttäuschen+, der ihnen trotz allem seine ganze intelligente Zartheit widmet. „Wie kommt denn der Arme dazu, mich Mistviech so nett zu behandeln?!“ Das ist der Untergrund ihrer Stimmung, ihr Unbewußtes. Im Obergrund jedoch sind sie +nur+ frech, dumm und ungezogen! Sie haben keine Ahnung von den Pflichten der barmherzigen Pflege eines an ihnen malheureuserweise seelisch Erkrankten, eigentlich +geistig Erkrankten+! Ihre ganze bodenlos dumme Roheit ergießt sich über den Starken, der einmal leider +schwach+ wurde. Wie der Esel in der Fabel dem kranken Löwen einen Fußtritt versetzt! Es sollte heißen die +Eselin+! „Sie dürfen mich nicht so sehr verwöhnen, Peter,“ sagte eine Dame zu mir, „wissen Sie denn nicht, daß wir da leicht frech werden?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „das wußte ich nicht; wird denn ein +Bettler+ frech, wenn wir die Gnade haben, ihm einmal fünfzig Heller zu schenken?!“ „Wir sind eben keine Bettler, Peter!“ „O doch!“ erwiderte ich, „Ihr stellt euch nur so, +als ob ihr keine wäret+! Aber ihr +seid es+!“ VENEZIANERINNEN Alle Leute, die hier in Venedig ihr Geld unnütz ausgeben, schwärmen (als Gegengeschäft irgendwie muß doch ein Profit sein für die Reisespesen) für die alten Meister (Carpacchio und Bellini haben wenigstens einen Hauch unserer feinen, modernen Seele), für die alten Kirchen, die alten Palazzi. Aber zwei Dinge sind hier wichtiger: die blutroten, lilagrauen Sonnenuntergänge vom Lido aus, vis-a-vis Venedig, und die +Volkstracht der Mädchen+. Hier nämlich ist die soziale Frage ein wenig, und zwar genial-einfach, gelöst. Möge jemand die reizende junge Wienerin dazu bringen! Alle venezianischen Mädchen aus dem Volke tragen eine adelige, herrliche, einfache und kleidsame, billige Tracht. Keine unterscheidet sich von der andern, keine erregt Neid, Eifersucht, Begierde, Schadenfreude, üble Nachrede, Sehnsucht, Verzweiflung, böses Beispiel. Alle sind gleich angezogen, kleidsam, nobel, einfach, vornehm, billig. Schwarzer wollener Schal mit langen Fransen, schwarzer Rock, schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe. Die reichen Damen werden nicht beneidet -- niemand aus dem Volke würde so prunkhaft angetan sein wollen. Es ist eine ideale Trennung zwischen reich und arm. Der Arme ist besser, vornehmer, zarter angezogen. Ein Hohnlächeln für Paquin und Poiret! Heil unserer Hausindustrie! Niemand kann ein venezianisches Mädchen aus dem Volke betören mit Kleidern, Blusen, Schmuck. Was sie brauchen, haben sie. Man kann sie betören... mit Liebe. Aber das finden sie unter ihresgleichen. Der schwarze Schal verpflichtet zu vornehmer Haltung, zu Ernst und Würde. Es ist eine Art von kleiner Lösung der sozialen Frage. Auch kann man diese Mädchen nicht zu Soupers ködern, verleiten und dann „schwach“ machen durch Wein. Ihre Spaggetti, Zucchetti, Melanzani haben sie. Und ihren Chianti eventuell. Und ihre Ehre haben sie auch. Gehet schwarz, einfach, nobel und sehet nicht auf Die, die bunt gehen und überladen. Es ist wahrlich nichts zu beneiden an ihnen. EIN LIED Ganz Venedig war überschwemmt, musikalisch überschwemmt von einem Lied: „Valse brune“. Überall strömte es hervor, aus allen Gassen, es floß auf die weiten Plätze, rann in die Vergnügungslokale, sickerte in die Türspalten der armen Mädchen, tropfte von allen offenen Fenstern herab auf die Passanten, die es doch nicht benötigten, da sie es selbst, schlendernd oder in harte Arbeit gehend, vor sich hin trällerten. Es ist kein schlechtes Lied, nein, es ist süß und ein bißchen fade, und ich kann es mir ganz gut vorstellen, daß ein verliebtes Mädchen gerne ihre letzte Lire herschenkt, um es sich noch einmal vom Werkelmann vorspielen zu lassen oder von der Salonkapelle in „Folies Bergères“. Aber was ist dieses Lied gegen das Lied von 1913, das nun neu auftaucht wie ein mildes süßes Licht und alle zarten Melancholien der bescheidenen und enttäuschten oder sehnsuchtsvoll hoffenden Menschenseele enthält?!? Es heißt: „Fili doro“, von Buongiovanni! Dieses Lied, man kann es nicht oft genug hören! Es ist das Lied der italienischen Volksseele! Es ist die +Königshymne+ des Volkes, es enthält seine Freude, seine Traurigkeit, seine Armut, seine Genügsamkeit und seinen Seelenadel! Überall strömt es nun statt „Valse brune“, das gestorben ist, hervor aus allen Gassen, es fließt auf die weiten Plätze, es rinnt in die Café chantants, es sickert aus den Türspalten der armen Mädchen mit den edlen, stolzen, einfachen, schwarzen Schals, es tropft von allen geöffneten Fenstern herab auf die Passanten, die es weiter tragen in die Arbeit oder an das blaue Meer. Es ist das Lied der Seele, es ist die Hymne des Volkes! „Fili doro“, von Buongiovanni! VENEDIG Ich hörte, seitdem ich da bin, man müsse vormittags +ziellose+ Promenaden machen durch die Gäßchen und über die Plätze mit unbekannten Statuen, mit einem Worte: +schlendern+! Nun, nach vier Monaten, schlendere ich endlich, wie es geboten ist, durch die übelriechenden Gäßchen und über Plätze mit unbekannten, wenn auch unschönen Denkmälern. Ich ging an unzähligen Wurst- und Käsehandlungen vorbei, deren Duft mich nicht zum Verweilen lockte, während in den Gemüsehandlungen die lila Melanzani mich nicht sehr aufregten, da ich sie in Öl bereits für ungenießbar erschmeckt hatte. Auch Pomo d’ oro, die bei uns ganz schlicht Paradiesäpfel heißen, konnten mich nicht erschüttern, da es hier keine Speise gibt, in der oder neben der sie nicht die Speise selbst zu einer ungenießbaren gestalten. Es ist schwer, den edlen Paradiesapfel uns verhaßt zu machen, aber die italienischen Köche treffen es. Sie wollen ihn nicht kochen, sondern erlauben es sich in ihrer südlichen Leidenschaftlichkeit, ihn uns roh vorzusetzen, wodurch er unsre ehemalige freundliche Zuneigung einbüßt. Nun, weshalb so kritisch und boshaft sein in einem Lande, das uns geschnittene Kürbisse in Öl, Zucchetti darbietet, auf daß wir unsern Hunger daran stillen!? Die Namen der Speisen wären wert, von Moissi deklamiert zu werden in aufgeregten Mädchenschulen. Dort lebt man noch vom Klang! Wir Älteren, aber nicht mehr Düpierbaren, ziehen einen mürben Nierenbraten mit Niere phonetisch-kulinarischen Genüssen vor! Der Italiener ist genügsam: er begnügt sich, uns für teures Geld schlechte Ware zu liefern. Zucch-èti, Spagèti, Melanzáni et pòmo d’ ôrò! VENEDIG Maria Mazzucato ist das schönste Mädchen Venedigs. Sie ist Arbeiterin in einem ganz winzigen Modistengeschäft in der Merceria Capilleri. Sie hockt von früh bis abend und putzt Hüte auf für Damen, die alle zusammen nicht so schön sind wie sie. Sie ist eine ästhetische Vereinigung von Otéro, Grete Wiesenthal, Duse. Sie ist sechzehn Jahre alt und sehr schlank und sehr groß, also eine Vollkommenheit. Ich schrieb ihr eine Ansichtskarte (calme du soir): „Venise a été cet été une ville vraiment très intéressante et originale: elle a contenu la princesse de Terra Nova, Mitzi Thumb, et Maria Mazzucato! Les palazzi, mais mon Dieu, c’est mort, c’est enseveli! Et les vieux tableaux, mais, j’en préfère les jeunes et vivants!“ Maria Mazzucato hat mir ein Abschiedsgeschenk, zur Erinnerung, eine wunderschöne lederne Handtasche, +refüsiert+. Sie hat gesagt: „Zur Erinnerung?! Ich habe ja Ihre Ansichtskarte!“ Infolgedessen tauschte ich die Handtasche um gegen ein wunderbares gelbgeflecktes Schildkrotpapiermesser für meinen Schreibtisch. Wie gut, daß sie es +refüsiert+ hat. Erstens wird sie Gewissensbisse haben und ein bißchen Reue, und ich, nun, ich habe ein schönes Papiermesser! Gestern schnitt ich damit auf: „Aage Madelung, Der Sterlett.“ Ich war wirklich ganz zufrieden mit dem schönen Papiermesser. Am selben Abend sah ich in den „Folies Bergères“, einem ganz kleinen Chantant: La Eutimia. Sie war ganz jung, absolut tadellos gewachsen, gelber Teint und schwarze Haare. Sie sang mit tiefer süßer Stimme die herrlichen Lieder: „Fili doro, la retirata, Una sola volta, Marechiare.“ Nach der Vorstellung stellte sie sich in dem schmalen Gang auf und sagte zu jedem Herrn: „20 centesimi obligo!“ Ich gab ihr fünf Lire. Ich sagte zu ihr: „Darf ich Ihnen morgen eine schöne lederne Handtasche bringen?!“ „Gewiß, mein Herr, ich werde glücklich sein!“ Da nahm ich denn mein schönes Schildkrotpapiermesser und tauschte es wieder um gegen die schöne Handtasche. „Ah,“ sagte der Kommis, der mich bediente, „also hat die Handtasche doch der Dame besser gefallen?!“ „Ja!“ sagte ich, „sie hat es sich überlegt!“ ONKEL EMMERICH Mein Onkel Emmerich hatte kein Herz. Er spekulierte und kaufte Kopien alter Bilder als echte, die sich dann später teilweise sogar als echte herausstellten. Endlich hatte er abgewirtschaftet. Wir Knaben saßen beim Nachtmahl am Abend des „ökonomischen Sedan im Hause Emmerich“, und mein Onkel bewies uns an der Hand von Silberers Sportzeitung, seiner Bibel, daß „Quick Vier“ am Sonntag das Rennen gewinnen müsse. Außerdem habe er private Tips erhalten aus dem Stall. Plötzlich sah er auf und bemerkte, daß Frau und Tochter leise weinten. „Wenn ich nur wüßte, weshalb jetzt diese Weiber platzen?!?“ sagte er. Natürlich platzten sie wegen des verlorenen Geldes. Wegen was platzen Weiber ernstlich?! Quick Vier gewann auch nicht, weder Quick noch Vier, sondern überhaupt nicht, und mein Onkel fuhr auf dem hohen Dache des englischen eleganten Sportomnibus (zehn Kronen der Sitz!) und mit demselben Rennglas bewaffnet, das auch Graf Niki Esterhazy hatte, ganz nachdenklich nach Hause. „Die Mitgift unserer armen Tochter!“ weinte unaufhörlich meine Tante. „Erziehe dein Kind so, daß sie keine Mitgift braucht!“ sagte mein Onkel. Als er seine Gemäldesammlung, wegen der er sein Leben lang von der Familie verhöhnt worden war, versteigert hatte, erwies es sich, daß sie wertvoller gewesen war als das ganze Geld, das er sonst verspekuliert hatte. Einen merkwürdigen Menschen nannte ihn von nun an die Familie, die ihn bisher einen Leichtsinnigen genannt hatte. Meine Tante aber sagte: „Emmerich, innerlich bist du ja doch ein guter Mensch!“ DAS LEBEN Einem zwölfjährigen Mädchen, das im Stabilimento angestellt war für eine Lire täglich und das außerdem bildhübsch war, kaufte ich im Lauf der Säson dreimal zwölf Abonnementkarten für das Meerbad. „Ja,“ sagte die Geschäftsdame, bei der sie angestellt war, „Sie verführen mir dieses Kind! Es soll arbeiten, nicht baden und sich amüsieren! Wenn Sie immer gebadet hätten, statt zu arbeiten, wären Sie auch nicht das geworden, was Sie heute sind!“ „Ich habe nie gebadet und noch weniger etwas gearbeitet!“ erwiderte ich. „Weshalb soll dieses arme Kind zusehen, wie alle diese wertlosen Frauen im Meere baden und sich vergnügen?!?“ „Ja, mein lieber Herr, sie haben eben das Geld dazu!“ Einige Wochen später traf ich das Kind. „Eine Freundin von mir hat, denken Sie, ein Tramwayabonnement! Sie rutscht hin und her!“ „Nun, du kannst auch eins haben!“ Eine Woche später: „Denken Sie, im vorigen Jahr erhielt ich eine Schachtel Aquarellfarben samt Pinseln und Zeichenalbum! Aber jetzt ist es schon ganz aufgebraucht!“ Ich kaufte ihr natürlich neue. Sie war ganz entzückt. Eine Woche später sagte sie: „O, jetzt kommt der Winter, da ist es kalt. Meine Mama, meine gute Mama braucht ein warmes Tuch zum Ausgehen. Auch unser Klavier ist verstimmt, soll repariert werden, und Anne-Maria hat einen Zahn zum Plombieren.“ „Kind,“ sagte ich, „ich bin erstaunt, daß du alle diese Dinge gerade mir erzählst!?“ „Ja, Sie alter Esel, wem soll ich sie denn erzählen als dem, der mich gern zu haben scheint und mich für bildhübsch hält?!? Soll ich es vielleicht dem erzählen, der mich für einen ekelhaften kleinen zudringlichen Fratzen hält? Der gibt doch gewiß nichts her!?“ „Du hast recht!“ sagte ich und bezahlte ihr noch den Klavierstimmer und den Zahn ihrer Schwester! ONKEL MAX Dieser Max, mein Onkel, der seit sieben Jahren tot ist, war einmal sehr hübsch gewesen, ja, sogar besonders hübsch, auch nach modernen Begriffen. Ganz schlank, ganz groß, und eine Stumpfnase. Infolgedessen hatte er ein Liebesverhältnis mit der ganz jungen Näherin seiner Mama, +meiner+ Großmama. Er kaufte sich daher in Hietzing, Hauptstraße, ein kleines Haus mit Gärtchen und ließ die junge Näherin darin wohnen. Sie legte eine Rosenkultur an und Nelken, und war froh, daß ihre zarten schönen Finger nicht mehr vom Nähen leiden mußten. Sie pflegte sie sogar, gleichsam als Entschädigung für schreckliche qualvolle Jahre, mit Malatine, Honigglyzerin. Eines Tages beschloß die Familie, daß mein schöner, magerer, langer Onkel mit der Stumpfnase eine „Partie“ machen solle. „Ja,“ sagte er, „à la bonheur. Aber was soll mit Anna geschehen?!“ Man verheiratete Anna mit einem Manne, der sie seit ihrer Kindheit schrecklich gern gehabt hatte und dem es nur am „Nervus rerum“ gefehlt hatte, um sie, pardon, um +sich+ glücklich zu machen! Anna war mit allem einverstanden, denn es ist besser, dort einverstanden zu sein, wo nicht einverstanden zu sein einem auch wenig nützen könnte. Nun heiratete mein Onkel und baute auf der Hietzinger Villa noch einen Stock auf. Ein Gärtner wurde engagiert, um die Rosen- und Nelkenkultur Annas weiter zu pflegen. Eines Tages sagte meine angeheiratete Tante zu meinem schönen, langen, mageren Onkel mit der Stumpfnase: „Du, wer war diese Anna eigentlich, nach der diese schönen gefleckten Nelken benannt sind?!“ Mein Onkel schaute auf die gefleckten Nelken und verstand gar nicht, daß diese Anna überhaupt noch irgendwie im Leben in Frage käme! Nun ist mein Onkel schon seit sieben Jahren tot, und meine Tante ist schon Großmama. Unverändert in herrlichem Beete sind nur die gesprenkelten Anna-Nelken geblieben in der Hietzinger Villa. BRIEF AN GRETE WIESENTHAL, DIE TÄNZERIN Schone deinen Verdauungsapparat, dieses +Zentrum+ deiner Lebensenergien, aus freier Entschließung, wie eine kranke Wöchnerin es +notgedrungen+ tun muß -- -- -- und du wirst leicht und beweglich, fliegend und schwebend, tanzend und jauchzend bleiben! Hilf nach mit dem heiligen Purgiermittel: +Rhamnin+, Cortex Rhamni Frangulae, ein Eßlöffel voll vor dem Frühstück! Idealer Ersatz für +jedes kalte Bad+: Menthol-Franzbranntwein, in großem +Zerstäuber+, auf den +ganzen Leib+ gestaubt wie Regenschauer. Abends vor dem Schlafengehen, morgens beim Erwachen! Armheben, dann nach +abwärts+, und heben +seitwärts+ hinauf, +im Tempo+ des schleunigen +Versaglieri-Marsches+, zu Klavier, Klarinette und kleiner Trommel (Sousa-Märsche!). Das +Tanzturnen+! Vorwärts! Rasch! Präzise! Wie die Maschinengewehre rattern, ră--tā! Ihr ergebener Peter Altenberg. p. s. man wird +Tänzer+ durch +Turnen+! Durch Tanzen allein +nie+! FRAUEN Die meisten Männer sind sentimental, wenn es ihnen in ihren Kram paßt. Zum Beispiel: „Mir, mir kannst du das antun, mir, der dich aus dem Sumpfe herausgerettet hat, mir, ohne den du elend verkommen wärest?!“ Sie will eben das nicht hören, daß sie überhaupt in einem Sumpf je gesteckt habe, in einer prekären Lage! Daran sie zu erinnern empört sie, zumal zu einer Zeit, wo sie noch höher hinaus will, wenn auch auf deine Kosten! Herr, sie will es sich einreden, daß sie als Prinzessin fertig vom Himmel herabgefallen sei, direkt in ein elegantes Auto hinein! Erinnere sie daher nicht sentimental, wer sie war, denn eben das will sie vergessen! Schreibe ihr nicht: „Wo sind die Zeiten, da wir noch im fünften Stock eines alten Hauses -- -- --?!“ Denn, siehe, sie will im Hochparterre eines neuen Hauses! STAMMTISCH Ein Stammtisch ist ein Tisch, an dem abends die Ungezogenheiten, Frechheiten und Egoismen der Nebenmenschen ins Unermeßliche auswachsen! Ein +Spülwasser-Ausguß+ für alles, was die beschäftigte Lebensmaschine bei Tage belastet und irritiert hatte! Ich habe daher zu meiner irgendwie möglichen Entlastung einen +kleinen Tarif+ zu meinen Gunsten eingeführt. Anekdoten aus der Kinderstube und wundersame Erlebnisse mit seinen Kleinen: 70 Heller! Versuche des Mannes, die Gattin oder Geliebte zu blamieren, zu desavuieren oder als „Dummerl“ hinzustellen: 1 Krone 20! Rache der beiden Geschlechter für irgend etwas, was sie bei Tage gegiftet hatte: 80 Heller! +Ostentativer+ Versuch eines Herrn, einer Dame bei allen Dummheiten, die sie sagt, rechtzugeben: 1 Krone 40! Gespräche über Hygiene, die nicht den Lehren meines „Prodromos“ entsprechen: 90 Heller! Versuche der Eroberung einer Seele, die, wie alle Seelen, +mir+ gehört, 3 Kronen 80! +Zu nahes+ Sitzen neben einer Dame, die +mir+ gefällt: 5 Kr.! Am ersten Abende der Einführung meines Tarifes, bezahlte mir Herr T.: 70 Heller 1 Krone 20 „ -- 80 „ 1 Krone 40 „ -- 90 „ 3 Kronen 80 „ 5 „ -- „ -------------------- 13 Kronen 80 Heller ITALIEN Der Kommis in der +angeblichen+ „Delikatessenhandlung“, der mir den +angeblichen+ „Prager“ Schinken vormittags aufschnitt und jedes Stück vorsichtig und behutsam mit seinen ehrlichen aber schmutzigen Fingern hinlegte, sagte mir wiederholt: „Signor! Heute abend müssen Sie +bestimmt+ auf den Markusplatz, man spielt Ouverture Amleto!“ Oder: „Man spielt heute eine Messe von Perosi!“ Ich dachte: „Könnte er nicht während dieser angenehmen Mitteilungen die Schinkenschnitten mit der Gabel anfassen?!“ Nein, das konnte er nicht. So musikalisch war er doch nicht. In dem Glasgeschäfte sagte ich zu dem Kommis: „Diese kleine lilagrüne Vase würde ich für drei Lire gerne kaufen!“ „Sie kostet sieben Lire, mein Herr!“ Ich setzte mich und begann mit meiner süßen Fistelstimme das „Lied an Lola“ zu singen. Er sagte: „Bitte, jetzt Puccini!“ Ich sang es. Dann sagte er: „Verdi!“ Als das Konzert zu Ende war, packte er mir die kleine Vase ein und sagte: „Drei Lire!“ CAFÉ CAPUA (Ein Gespräch mit einer süßen Amerikanerin) „Peter, warum heißt das Café von meine berühmte Mann, Arkitekt Loos, +Cäpüä+?!?“ „Das kann man nicht erklären!“ „Old idiot!“ „Als nämlich die römischen Legionen -- -- --“ „Peter, don’t be foolish, what’s that, +Legionen+?!“ „Hööö -- -- -- die Soldaten, die Offiziere -- -- --.“ „Ah, the officers -- -- --!“ +Das+ verstand sie. „Als die römischen Offiziere in Cäpüä zu lange verweilten -- -- --.“ „Peter, idiot, what’s that ‚+verweilten+‘?!“ „They were staying there too long time -- -- --.“ „Aha!“ „wurden sie unfähig -- -- --.“ „What’s that ‚+unfähig+‘?!“ „They could not more -- -- --.“ „Aha!“ „They could not more go in the war, sie konnten nicht mehr in den Krieg ziehen!“ „Wat’s for connex with the coffeehouse of my grand Dolf?!?“ „Wer dort +sitzt+, fühlt sich +so wohl+, daß er nicht mehr kann gehn +anderswohin+!“ „Ah, my Dolf is de greßte Arkitekt von de ganze Welt!“ „Zerspring!“ DIE KELLERSTIEGE Sizilianische Szene Der Vorhang geht auf Der Sohn zu dem +vollständig gelähmten+ alten Vater: „Vater -- -- -- Vater, wie befindest du dich heute? Nein, du kannst mir nicht +antworten+! Aber ich ersehe es +dennoch+ auf deinem bleichen, aufgedunsenen, geliebten Gesicht, wie es dir heute geht! +Besser!+ Die Hände nicht so schrecklich geschwollen wie in den letzten Tagen! Ja, +Geliebtester+, alter Unglücklicher, und +vielleicht dennoch+ der +weitaus+ Glücklichere von uns beiden, denn +ich+ sorge mich Tag und Nacht +um dich+! +Um wen denn+ sonst sollte ich mich sorgen?! +Um Anita?!+ +Die+ sorgt für +sich selbst+! Sie hat nicht die +Gabe+, mich +um sie+ besorgt zu machen! Sie sorgt +für sich selbst+! Aber, du, Alter, +hast+ die Gabe, denn du bist gelähmt und +hilflos+! Vater, ich fühle mich +so einsam, trotz+ Anita, oder vielleicht +wegen+! Vater, stirb mir nicht, hörst du?! Alter Mann, so wie du lebst, gelähmt, bist du dennoch ein +Hort+ für mich, eine +Stütze+, ein +Heiligtum+! Möge Gott mir gestatten, dir weiterhin deinen Stärkungswein aus dem Keller holen zu dürfen! Möge die alte Kellerstiege so lange aushalten!“ Josefus erscheint: „Du hast mir sagen lassen, ich solle nachschauen, und die Kellerstiege ausbessern?! Hast du etwas bemerkt?!“ „Sie ist alt wie mein geliebter Vater. Man muß da immer und überall besorgt sein. Sie kommt mir nicht mehr +ganz geheuer+ vor! Es ist keine +neue+ Stiege. Man hat sie +verbraucht+, man muß nun +vorsichtig+ sein, um sie zu +erhalten+!“ „Ich werde mein möglichstes tun, selbstverständlich!“ „Wir haben unsere alten guten Weine da gelagert, ich erhoffe mir davon für meinen Vater Gesundheit! Für mich könnte er +einstürzen+, und Anita trinkt nicht. Wozu braucht sie Wein?! Sie ist so vollsaftig. Sie berauscht sich an sich selber!“ „Ich werde hinuntersteigen, nachsehen. Sei ohne Sorge!“ Er steigt hinunter. Anita kommt. „Du bist allein, Alter?! +Noch immer+ lebendig? Schade! Nun, +mich+ störst du nicht, du +Gelähmter+! Dein Sohn ist ein +Esel+! Ein +Esel+, ein +Esel+, +verstehst+ du mich, du alter Geschwätziger?! Ja, +mit den Augen+ schwatzest du, mit den Augen, aber das versteht Gott sei Dank niemand!“ Man hört ein schreckliches Gepolter im Keller, ein düsteres Fallen. Anita: „Was ist da unten los?!“ +Endlich+ kommt Josefus herauf, mühselig, erzählt von dem Einsturz des Weinkellers, man möge niemand hinunterlassen! Anitas +Liebhaber+ erscheint. Anita: „+Gut+, daß du da bist, +gut+! Ich kann es nicht +aushalten+ ohne dich! Der Alte will nicht sterben, dieser +Eigensinnige+, und der Esel +langweilt+ mich mit seiner +Sohnesliebe+! +Du+ bist für mich Luft und Licht, +dir allein+ gehöre ich! Alter, Eigensinniger, hörst du es, ja, du hörst es, +diesem allein+ gehöre ich, und nicht deinem Esel von Sohn!“ Sie küssen sich. „Alter, nun erzähle alles deinem Esel von Sohne! Ja, wir +küssen+ uns, und wir +lieben+ uns, und noch mehr, +noch mehr+! Aber dein Sohn hat die +Sohnesliebe+, da verpufft er seine ganze Glut, und für sein armes Weib bleibt nicht viel übrig! Ich +begnüge mich nicht+ mit dem, was von seiner Sorge um dich +für mich übrig bleibt+!“ Der Liebhaber ab. Der Sohn kommt, will in den Keller, dem geliebten Vater seinen Wein bringen. Anita erkennt da +plötzlich+, daß sie ihn jetzt +loswerden+ könnte, wenn sie ihn +nicht warnt+. Sie blickt ihn +unbeschreiblich hart an+, während er die leeren Flaschen reinigt. Der Alte will ihn vor dem Todesgang mit den +gelähmten Händen zurückhalten+, kann es aber nicht! „Vater, ich tue es ja für dich, du Dummer, Guter, der Wein wird dir Leben bringen!“ Er geht langsam hinunter die Kellerstiege, +stürzt sich zu Tode+! Anita schleicht höhnisch zum Alten hin. Der +reckt sich+, wird momentan ungelähmt und +erwürgt+ sie. Vorhang (Einem +ungeschriebenen+ Stücke der +Maria-Grasso-Truppe+ nacherzählt.) TSCHUANG TSE: -- DER GLOCKENSPIELSTÄNDER Tsching, der Meister der Holzarbeiter, schnitzte einen Glockenspielständer. Als es vollendet war, erschien das Werk allen, die es sahen, als sei es von Geistern geschaffen. Der Fürst von Lu fragte den Meister: „Welches ist dieses Geheimnis in deiner Kunst?“ „Dein Untertan ist nur ein Handwerker,“ antwortete Tsching, „was für Geheimnis könnte er besitzen? Und doch ist da etwas. Als ich daran ging, den Glockenspielständer zu machen, hütete ich mich vor jeder Minderung meiner Lebenskraft. Ich sammelte mich, um meinen Geist zur unbedingten Ruhe zu bringen. Nach drei Tagen hatte ich allen Lohn, den ich erwerben könnte, vergessen. Nach fünf Tagen hatte ich allen Ruhm, den ich erwerben könnte, vergessen. Nach sieben Tagen hatte ich meine Glieder und meine Gestalt vergessen. Auch der Gedanke an deinen Hof, für den ich arbeiten sollte, war geschwunden. Da sammelte sich meine Kunst, von keinem Außen mehr gestört. Nun ging ich in den Hochwald. Ich sah die Formen der Bäume an. Als ich einen erblickte, der die rechte Form hatte, erschien mir der Glockenspielständer, und ich ging ans Werk. Hätte ich diesen Baum nicht gefunden, ich hätte die Arbeit lassen müssen. Meine himmelsgeborene Art und die himmelsgeborene Art des Baumes sammelten sich darauf. Was hier Geistern beigemessen wurde, ist darin allein begründet.“ PLAUDEREI Ich verstehe es nicht, weshalb die Frauen so anspruchsvoll sind, in allem?! Ich finde schon eine +Doppeltüre+, wobei die innere noch dick mit +Werg+ ausgepolstert ist, einen Messing-Türverschluß und +Ohropax+, Wachs-Watte-Kugel als +Ohr-Verschlußtüre+, für ein +außergewöhnliches+ Glück! Man hätte doch malheureuserweise in einer Zeit leben, vegetieren können, wo +das+ noch nicht erfunden war! Und man hat, man hat! Aber Frauen wollen verehrt, verehrt werden, und begehrt, begehrt werden! Was haben sie von vollständiger garantierter Zimmerruhe mit Doppelpolsterung?! Beweist es ihnen, daß sie +doch zu irgend etwas+ von Nutzen sind?! Nein. Es beweist ihnen gar nichts. Aber sie +wollen bewiesen haben+! Freude an Gegenständen!? Wenn man ihnen wenigstens +diese+ „Kultur“ beibringen könnte! Aber +welcher+ Gegenstand erfreut sie?! Der, den die +andere+ nicht hat! Einen +bestimmten+ Schirmgriff +lieb+ haben können! +Dazu+ eine geliebte Frau +emporerziehen+! Die Mode ist für +die+ vorhanden, die nichts +wirklich lieb+ haben können von Gegenständen! Man gibt diesen +humpelnden+ Hexen deshalb diese +Krücke+ „Mode“! Aber der freie bewegliche Mensch ist schwebend, mit +eigenem+ Geschmack, +über+ diesem Kerker „Mode“! Ich sprach früher von gepolsterten Doppeltüren -- -- -- ja, auch +das+ kann bereits glücklich machen, und es ist +unabhängig+ davon, daß einen eine gern hat! Oder einer eine! Glück ist Unabhängigkeit von dem, der einen scheinbar glücklich macht! DIE URGROSSMUTTER von Anna Lesznai (Muster eines +gänzlich+ unverschmockten, +verständlichen+ und dennoch +tiefen+, einfachen, +modernen+ und dennoch +ewig+ alten Gedichtes!) Auf +vergeßnem+ Gottesacker ruht mein Ahnchen wurmzerfressen -- selbst die dunkle Ammensage hat den Namen +längst+ vergessen. Wo du +wohntest+, Urgroßmutter? Hinterm Berg, im neunten Hage muß ein weißes Häuschen stehen -- +da erschöpftest du die Tage+. Warst vielleicht ein +Krämerweibchen+ -- und in einem +dumpfen+ Laden, zwischen Mehl, Kattun und Pfeffer lebtest du in Staub und Schwaden. Dicht am Laden noch die +Schenke+; wie sich auch die Sonne +wende+ -- +immer+ regten sich die starken, +arbeitsamen+ beiden Hände. Hat der Größern Schar +gefuttert+, wollt der +Säugling+ just erwachen -- hieß es rasch im Laden +rechnen+ und den Zechern +zuzulachen+. +Schwere+ Stunden, +stumme+ Stunden ging dein Leben ohne Säumen -- +kanntest nicht+ die holde Liebe, hattest keine +Zeit+, zu träumen. +Niemand+ weiß von dir zu sagen. +Nichts+ als deine armen, blassen, +ungeträumten+ Träume hast du +mir+ als Erbe +hinterlassen+. In dem dunkeln, dumpfen Laden, +still+ in deiner Seele Tiefen wuchsen +süße+ Frauenwünsche, die den lauten Tag +verschliefen+ -- mit den seidnen Festtagskleidern und dem selbstgewobnen Linnen schlossest du sie in die Truhe, für die späten +Enkelinnen+. +Ich+, die junge Urgucktochter, darf die +reiche+ Truhe leeren, Urguckahnchens Träume +spinnen+ und von +deiner Sehnsucht zehren+. Rosen +längst vergeßner Lenze+ blühen mir zum +Feiertage+, weil ich meiner Urgroßmutter +ungelebte+ Liebe +in mir trage+. Genehmigte Übersetzung von Roda Roda. DIE AUFFASSUNG Ich schrieb in die Zeitung über die süße Tänzerin Hedi Weingartner, sie repräsentiere in allem und jedem die herzige Wienerin. Der Schluß lautete: „Und dennoch, bei aller Lustigkeit, innerlich dennoch tief traurig! Worüber?! Fraget +Franz Schubert+ und +Hugo Wolf+!“ Mein junger Zimmerkellner sagte zu mir: „Jessas, das war wieder schön, was Sie über die Wienerin g’schrieben haben. Und die G’schicht mit dem Herrn Wolf und dem andern Herrn!“ „Wie ist das?!“ fragte ich. „No, die zwei Herren, die das arme Madl stehn g’lassen haben!“ „Nein, das sind zwei längst verstorbene berühmte Wiener Liederkomponisten, die äußerlich lustig und in ihren Liedern dennoch tief traurig gewesen sind!“ „Aha... +so+ ist das aufzufassen! Herr von Altenberg, aufrichtig gesprochen, +meine+ Auffassung g’fallt mir besser!“ ENGLAND Soll ich wieder einmal eine Hymne anstimmen zum Preis und Lob aller dieser herrlichen bettelarmen unwissenden und dennoch +höchstkultivierten+ englischen Tänzerinnen aus den Tanztruppen?! Soll ich sagen, daß, trotzdem sie vielleicht nur die Töchter von Matrosen, Polizeiwachtleuten, Hausbesorgern sind, sie das bescheidenste, vornehmste, keuscheste, unkoketteste, un-männersüchtigste, un-geldgierigste Benehmen haben?! Im +Gegensatz+ zur +Französin+ und anderen uns näher liegenden Nationen?!? Es sind +Dollies+, Püppchen, zart und ergeben, dankbar, freundschaftlich, verständnisvoll, anmutig, originell und +ihre eigene Welt+ durchlebend, sogar +durchtrauernd+! Erstaunt sind sie, daß die Männer größtenteils so frech und dumm, eitel und noch etwas anderes sind. Aber sie können sich Gott sei Dank nicht helfen, verändern nicht ihr süß-kindliches Sein! Soll ich die „+Four magnets+“ erwähnen, mit den Kindchen +Bessie+ und +Olive+?! Die +Rockinggirls+ mit der süßen Elsie, und mit Lilly, der Gebenedeiten?! Die +Romaine-Truppe+ mit der edlen Lilly Romaine, die mir aus Rom geschrieben hat, seitdem sie in der Peterskirche war, könne sie nicht mehr so leicht und fröhlich abends tanzen?!? Die +Ismay-Truppe+ mit Ida und Beatrice Ismay, die sagten: „O, der böse Publikum war heute sehr gegen uns, kein Applaus, wir wollen nicht supieren, kein Appetit, wenn man uns nicht lieb hat!“ Und die Sechzehnjährige mit braunen dicken Locken sagte zu mir: „O bitte, kann ich einen Moment stören?!“ „Gewiß!“ sagte ich. „O bitte, ist es richtig, daß Sie sind a most clever poet of Vienna?!“ „Ob +clever+, weiß ich nicht, aber poet, no ja!“ „O bitte, wir haben auch sehr große Dichter bei uns in England!“ „Gewiß, natürlich, es ist kein Zweifel!“ „Zum Beispiel Shakespeare.“ „Ja, ein bedeutender Mensch!“ „Er ist leider schon gestorben!“ „Ja, schade um ihn, gerade solche Leute müssen weggehen!?“ „Es muß eine angenehme Arbeit sein, zu dichten!“ „Ja, es ist nicht unangenehm!“ „Man darf arbeiten, wann man will, nicht wahr?! Wir sind +auch+ Artisten. Wir müssen auch arbeiten, aber zu einer bestimmten Stunde, elf Uhr abends. Sie arbeiten wahrscheinlich in der Früh?!“ „Nein, in der Früh schlafe ich.“ „Ah, also mittags, wenn die Sonne hell und schön vorhanden ist?!“ „Nein, da schlafe ich auch noch.“ „Immerhin, ein Dichter ist frei, er ist ein Vogel.“ „Ja, das ist er!“ sagte ich. Ich wäre gern vor diesem Kinde hingekniet und hätte ihr gern ein Rumpsteak mit potatoes bezahlt -- -- --. Aber kann man Lieblichkeit bezahlen?! Nein! DAS GLASGESCHENK Weshalb ein Glas, dickes Kristall, geschliffen nach Altwiener Muster, mit deinem Namen in +meiner+ Schrift graviert?! Leblose Dinge sollen dir auch +lebendig+ werden, wo’s keinen +Gram gibt+ und keine +Enttäuschung+! Nicht, daß du daraus trinkest, weil +ich’s+ spendete! Du sollst am +Glas+ dich freuen, an der +Form+, und daß es +dein+ ist, zu +eigenstem+ Gebrauche, von allen anderen +merkwürdig+ unterschieden! Und solltest du dabei meiner +gedenken+, so kann’s dem schönen Glase auch nicht schaden! Heil dir und deinem Trunk! Nicht, daß du sagest: „Ich hab ein Glas, es ist +von ihm+!“ Sondern: „Ich hab ein +wunderschönes+ Glas, und +außerdem+ ist es von ihm!“ VANITAS O Mann, +falls+ du einer +bist+, sage niemals: „Ich +werde+ geliebt!“ Sage immer nur: +Ich+ liebe! Das erstere überlasse der zarten Frau, dem Walde und der Rose! Sie sind vorhanden, um, schweigend, geliebt zu +werden+! Du aber +liebe+! Das sei deine Kraft, dein Stolz! Und wenn du +Gegenliebe+ findest, so sei es nur gleichgültiges +Echo deiner+ Weltposaune! Auch +ohne+ Echo +bist+ du es! STÄNDCHEN An Paula S. Wenn +du+ bei mir bist, denke ich +nur+ an alle anderen! Wie schrecklich es nämlich mit ihnen war, wie dumm, verlogen und wie +überflüssig+! +Du+ allein spürst es, +wie+ ich den „Talhof“ liebte, Reichenau, den Schneeberg, Gmunden, die Dolomiten, Semmering, +du+ spürst es, machst es gleichsam +mit+, in mir, in dir, und in der Welt +realer+ Träumereien! +Du+ spürst es, daß du mir bist wie ein +Extrakt+ von allem diesem Schönen, das ich in vielen Jahren, +fern+ von dir, erlebt! Ich habe es +erlebt+, um es von neuem +mit+ dir, +in+ dir und +durch+ dich zu erleben! Und +so+ erlebst du’s noch +einmal+ mit mir, ohne es je gesehn zu haben ... MEIN FENSTERBRETT Von +allen+ meinen betreuten Blumen auf meinem Fensterbrett, in herrlichen Vasen, bliebst +du+ mir getreu, +du+ Buschen von lila Margeriten! +Du+ wuchsest und gediehest freudig, liebevoll, unter +meiner+ Pflege! Die +anderen+ Blumen, vielleicht +zarter+ oder +minderzart+, sehnten sich nach etwas +anderem+, das +ich+ in +meinem+ Zimmer nicht zu bieten hatte! +Trotz+ treuester Pflege! Sie wollten hinaus, +irgendwohin+, und weg von mir! +Du+ aber, lila Margeritenstrauß, in blausilberner Vase, fühlst dich +wohl+! Ich spende dir +nicht mehr+ wie allen anderen! +Du+ bleibst in Pracht. Die anderen welken hin und wollen +fort+! Für sie gibt’s +irgendwo+ ein besseres Leben! So geht denn hin, zu +anderen+ Betreuern! In +meinem+ Raum gedeiht nur +meine+ Welt! PAULINA Ich hab „erwarten“ nie gekannt! Wirklich nicht! Es ist keine Überhebung. Ich hab es nicht gekannt. Wenn sie kam, kam sie. Wenn sie nicht kam, kam sie nicht. Kann ich sie zwingen?! Man hat so viel Verpflichtungen, Vergnügungen! Soll ich erst fragen, um die Wahrheit oder die +Unwahrheit+ zu erfahren?! +Beides+ ist wahr. Wahr ist, daß sie +nicht+ kam! Ich hab „erwarten“ nie gekannt. +Jetzt+ kenn ich es. Süß-bitter, bitter-süß schmeckt’s auf der Seele! Wie wenn man einem durstigen Tier den Wassernapf zeigte, und ihn zurückzieht. Dennoch sieht er ihn und weiß, er ist! Genug +Vergleiche+! Wer +den+ nicht versteht, versteht den anderen +auch nicht+! Viele Dichter haben schon tief geschrieben über die Erwartung. Ich aber sage: +Dürstendes+ Tier, du +siehst+ den Wassernapf und darfst nicht +trinken+! ERZIEHUNG An ein zwölfjähriges Mädchen: „Wenn du es +ganz genau+ wissen willst, Martha-Maria, ob du jemanden +wirklich+ gern hast, so verlasse dich +nie+ auf dein eigenes gesprochenes Wort: ‚Ich hab Sie gern!‘, sondern denke sogleich nach, ob es dich mehr freuen würde, ein geliebtes Buch, eine geliebte Puppe oder irgendeinen deiner geliebten Gegenstände dem Betreffenden zu +schenken+, als es +für dich selbst+ zu behalten! Dann wirst du erst es genau wissen, ob du jemanden +wirklich+ liebhast!!!“ * „Martha-Maria, ich schenke dir heute meine geliebte Lido-Muschelsammlung, in einem braunen geflochtenen japanischen Korb. Ich habe am Strande des Adriatischen Meeres seit dem 3. Mai gesammelt, und zwar unter Tausenden nur die apartesten. Die elf Tigermuscheln jedoch habe ich dazu gekauft, denn, obzwar sie auch zu den Kunstwerken der Adria gehören, findet man sie nie am Strande, sondern muß sie tief fischen wie die Schwämme. Diese Muschelsammlung legte ich mir an als Andenken an den Lido und an manches andere, Freud und Leid, wie es schon so kommt. Nun schenke ich sie dir, Martha-Maria, denn das Wort: ‚Ich habe dich lieb‘ hat ja doch zu wenig Bedeutung und zu wenig Klang! Dein Peter.“ REFORMATIONSZEITALTER Die Reform der Mode haben +nicht+ unwissende geschäftsgierige Schneider, sondern +höchstkultivierte+ Hygieniker zu dekretieren! Ich dekretiere also für Frühling, Sommer, Herbst 1914: Gehen +ohne+ Kopfbedeckung! Der „+Steirische Janker+“, +ohne+ Gilet zu tragen, in aparten modernen +englischen+ Mustern, homespunartig! Breite kurze Bauernhose, mit Ledergürtel! Es ist eine einfache, hübsche, gesunde, billige Tracht! Für hübsche, gutgewachsene, also +magere+ Damen (die anderen sollen gehen wie sie wollen!): Fußfreier Glockenrock, weite Seidenbluse, kein Hut! Dein Haar, o Fraue, sei dein schönster, apartester, elegantester und +billigster+ Hut, der nie „aus der Mode kommt“! „Die Schneider und Modisten wollen auch existieren!“ Diesem Schlachtruf schreien wir entgegen: „Wir wollen keine Schulden machen!“ „Wir wollen leicht gekleidet, gesund und hübsch und apart zugleich gekleidet sein!“ Alle Vögel des Waldes sind gesund, hübsch und apart gekleidet. Aber bei uns dekretierte ein moderner Architekt: „Gehet so gekleidet, wie der +König von England+ gekleidet geht!“ Solche Blödsinne sagen die Vögel des Waldes nie: Gehet wie der Adler gekleidet, unser König! SPLITTER Wir sind nicht +armselig+ genug, um ununterbrochen den Segen der Sonne, des zeitlich Aufstehens und des geordneten Lebenswandels genießen zu können! * Eine Sache ist +nicht+ so, wie sie +ausgesprochen+, sondern +so+, wie sie +gehört+ wird! * Eine Dame sagte zu mir: „Pathologisch?! +Alles+ ist doch pathologisch, was +wirklich tief+ sitzt!“ * Jeder Mensch rächt sich an dem anderen für das, was an ihm selber +unzulänglicher+ ist! Der Dicke an dem +Dünnen+, der Rohe an dem +Sanften+, der Langnasige an dem +Stumpfnasigen+, der Krummrückige an dem +Geradrückigen+! Und die Frau?! Die rächt sich +überhaupt+! An dem Mann, daß sie +eine Frau+ ist! Sie muß m., sie muß g., sie muß alt werden und schiech -- -- -- „na wart, Kerl, das sollst du mir büßen!“ * Viele Männer wissen es ganz genau, daß sie +tief unter+ ihren Frauen stehen. Deshalb stellen sie sich in Gesellschaft absichtlich +über sie+: „Was hat das dumme Mädi da wieder zusammengeplaudert?!“ Das dumme Mädi denkt: „Du armer Esel!“ * Ein geschmackvoll gefaßter Chrysopras ist schöner als ein hundertmal wertvollerer, geschmacklos gefaßter Diamant! Wenn du eine Dame findest, die +derselben+ Ansicht ist, so +heirate+ sie auf der Stelle. Aber du wirst ledig bleiben! * „Je mehr man uns +verwöhnt+, desto weniger ‚+christlich+‘ werden wir, demütig-bescheiden. Daher ist es ‚+unchristlich+‘, uns zu +verwöhnen+!“ Ich habe Perlmutterknöpfe gesehen zu +einer+ Krone, die schöner, leuchtender waren als Perlen zu +tausend+ Kronen. +So weit+ muß man es bringen! So weit vor allem muß man die +Frauen+ bringen, diese geborenen +Snobs+! * Deine Haare seien, o Frau, dein schönster apartester Hut! Sie sind schöner als die Federn des unglückseligen Edelreihers, des geplünderten Paradiesvogels und des gerupften Straußes! * Wenn ein Mann dir nur +mit Geld+ seine Verehrung beweisen kann, so mußt du zu „Schwartz und Steiner“ rennen, seinen Schmuck +einschätzen+ lassen! Freilich kann er früher dort gewesen sein und gesagt haben: „Sagen Sie der Gans 3000!“ * „Alle Männer sagen mir, daß sie mich schrecklich liebhaben. Aber ich glaube nicht daran. Weil ich an meiner +eigenen Wirkungskraft+ zweifle. Krankenpflegerinnen +zweifeln nie daran+, daß der Kranke sie liebhabe und an ihnen hänge!“ * „Ich komme immer wieder doch zu dir zurück!“ sagte die Dame zu dem Idioten. „Ich wünsche mir nicht mehr!“ erwiderte der Weise. * An einer Frau +hängen+!? Freilich, man hat dabei etwas wenig Luft und ist dem Ersticken nahe! * „Wir +verderben es uns+ mit so vielen Männern wegen Kleinigkeiten, unnötiger Grausamkeiten, Wartenlassen, gelangweilter Mienen, ungezogener Bemerkungen. Aber dadurch erfahren wir es andererseits, wer sich durch nichts +abschrecken+ lasse, uns zu lieben!“ * Je weniger Aschenschalen du in deinem Zimmer aufstellst, desto weniger +verzweifelt+ wirst du sein, wenn deine Gäste die Asche +dennoch+ wo anders abstreifen. Stelle +gar keine auf+, damit du die Beruhigung habest, es sei +deine+ Schuld! * Eine Lebenskünstlerin. Eine junge Schönheit, der ich eine silberne Tabatiere mit +ihrem+ von mir geschriebenen Namenszuge schenkte, sagte allen Herren: „Schaut’s, die hat mir der Baron Wolff g’schenkt. Was, nett?!“ Eine erboste Kollegin sagte ihr, es sei die Handschrift des Peter Altenberg, sie kenne sie. Da sagte sie: „Wann der +so+ schreiben könnt!“ * Ich stehe jetzt immer vor einer Delikatessenhandlung und betrachte die französische, fast runde, lederbraune Birne „Madame Lavallière“, vier Kronen, die ich einst einer bestimmten Dame schenken wollte. Wenn ich denke, daß ich mich hätte +hinreißen+ lassen, sie ihr zu schenken!? Es gibt noch +befreiende+ Augenblicke. Jeden Tag stelle ich mich vor die Birne hin! * Ich habe es zwar +schon einmal+ geschrieben, aber die Menschheit scheint es vergessen zu haben: „+Nicht+ um die Geliebte weine, die du +verloren+, um +die+ weine, die dir +geblieben+ ist!“ * „Das Leben +ist eben+ nicht anders!“ sagte das Kaninchen, als es von der Riesenschlange lebendig langsam verschluckt wurde. Dann steckte es resigniert noch den Kopf heraus und seufzte: „Frau Schlange, wenn ich Ihnen nur schmeck!“ * Bei der Begrüßung von Menschen im Café, Restaurant usw. glaubt man es momentan an den Gesichtern abzulesen, daß sie füreinander ins Feuer gehen möchten; aber bei den ersten ausgeborgten fünfzig Kronen spießt es sich mit dem Feuer. * Wasser ist das Ideal aller Getränke; man kann es nur +genießen+, wenn man nämlich +wirklich+ durstig ist; dann aber mit +Hochgenuß+! * Ich habe immer bemerkt, wenn jemand einem eine schreckliche Komplikation seines Lebens mitzuteilen die Ehre tut, man intensiv auf seine Schuhe schaut und denkt: „Man kann eigentlich doch nur bei Herring arbeiten lassen!“ * Als die „Graphologische Ecke“ mir etwas +Ungünstiges+ schrieb, sagten alle Freunde: „Siehst du, Peter?!“ Als sie mir etwas +Günstiges+ schrieb, sagten alle: „Jeder kennt deine Handschrift! Diese Schlaumeier!“ „Das ist eine +Gemeinheit+!“ sagte daraufhin das Fräulein B. mit den goldroten Haaren. „Was ist eine +Gemeinheit+?! Daß Peter +so+ berühmt ist, daß alle seine Handschrift +kennen+?!“ „Nein, +das+ nicht...“ „Also was +denn, was, was+?!“ Da wurde sie ganz rot, verlegen und glaubte selbst, daß +sie+ im Unrecht sei! * Ich war in „Venedig“ in berühmten alten Palazzi, in denen ich +nicht einen Tag lang+ leben könnte. Dann war ich in einem Kuhstall, da roch es wunderbar, und von dem Plafond hingen keine Kristallglas-Lüster herunter! * Es gibt Frauen, denen man nicht einmal ein Kalbsgulasch zahlen möchte, und solche, für die man Wechsel fälschen möchte. Aber solche, denen man einfach sagte, so viel habe ich, so viel kann ich entbehren, gibt es nicht! Die „Ordnung“ macht ihnen keinen +Spaß+! Ihm oder ihr?! +Beiden+! * Être +enfin+ arrivé?! Mais c’est de très mauvaise race! Il faut être arrivé +au jour de sa naissance+! * „Ich freue mich, daß ihr bürgerlichen Damen jetzt schon mit dieser genialen Tänzerin E. aus dem ‚Palais de danse‘ verkehrt!“ „O pardon, +wir+ freuen uns, daß sie +mit uns+ verkehrt!“ „Ich hab ja meinen Mann schrecklich gern, selbstverständlich, aber wenn wir noch einmal auf die Welt kommen sollten, +den+ nehm ich mir nicht mehr!“ * Die Biene ist das +Genie+ unter den +Wohnungserbauern+. Möchten Sie aber gern mit ihr deshalb +ein Leben verbringen+?! Es gibt aber Frauen, die mit +genialen Wohnungserbauern+ gern ein Leben +verbringen+ möchten! DER „FEIGLING“ Einem Bekannten von mir ist etwas passiert, und wenn ich es hiermit verteidige, werde ich es mir mit den +sogenannten „Kraftnaturen“+ verderben! Er ging nämlich um halb ein Uhr nachts in Oberdöbling, von seiner süßen Geliebten weg, nach Hause. Auf dem Wege sprach ihn ein fremder Herr an und bat um Geld. Herr D. nahm ihn aufs Korn und eruierte, daß er sich mit zwanzig Heller nicht zufrieden geben werde. Infolgedessen spendete er eine Krone. „Geb’n S’ an Zehner her!“ Mein Bekannter öffnete die Brieftasche und überreichte zehn Kronen. „An Zehner, sag i, an Zehner!“ -- „Ah, der rechnet noch nach der alten Währung!“ Und wollte zwanzig Kronen spenden. -- „Spielen S’ Ihnen nit lang mit mir herum! Und geb’n S’ alles her!“ Darauf gab er die Brieftasche. „Alles, alles, sag i!“ Da gab er die Uhr, den Ring. Der andere ging weg, ohne adieu zu sagen. Mein Bekannter machte keine polizeiliche Anzeige. Er wußte nämlich, daß in seiner Brieftasche sich sein Name mit Adresse befände, und befürchtete die spätere Rache. Einige Tage später sagte eine „+Kraftnatur+“ zu ihm: „Wundern Sie sich nicht, mein Herr, daß ich Ihren Gruß nicht mehr erwidere! Sie sollen sich in einer der letzten Nächte, in Oberdöbling, nicht ‚+fair+‘ benommen haben!“ Am selben Abend sagte seine süße Geliebte zu ihm: „Is doch gut, daß er dich nicht g’stochen hat!“ TABARIN Im +Tabarin+ kann man +manches+ lernen, wie überhaupt überall, +vieles+, vielleicht sogar +alles+. Aber man muß die +Lernorgane+ dazu haben. Sonst lernt man +nichts+, nirgends, und +verlernt+ sogar. Augen, Ohren muß man haben und deren Verbindung mit Geist und Seele. Voilà tout. Die +Französin+ also ist nicht +eitel+, das macht sie vor allem dem „Drahrer“ sympathischer. Nie wird sie dich belästigen mit Fragen, wie dir ihre Bluse, ihr Hut, ihr Ring gefallen. Machst du eine günstige Bemerkung darüber, so ist sie glücklich, aber +Lob erpressen+ wie bei uns tut sie nie. Sie hat die Qualitäten ihres guten, freien und dennoch netten Benehmens, denkt +nie+ daran, auf dich zu wirken, sondern +wirkt+! Ihr ist nie +bange+ um ihre +Wirkung+, infolgedessen +denkt+ sie nicht daran. Sie ist eine unbewußte Lebenskünstlerin, lebt ihre Persönlichkeit ganz kindlich unverfroren aus, überläßt sich dem Schicksal, hat künstlerisch leichten Sinn, und ihre Niederträchtigkeiten haben noch die Gloriole kindlichen Unwissens! Man zürnt ihr nicht, das ist es! So wenig man einem Vögelchen zürnte, das einen aus der Luft oder von einem Baumast aus bekleckste! Es ist peinlich, aber man zürnt ihm nicht, eher sich selber, daß man gerade dort hat sitzen müssen! Die Wienerin ist eine Erpresserin, betrachtet dich von vornherein als einen Geizkragen, der nicht genug „auslassen“ wird und dem man es daher unerbittlich „herauskitzeln“ muß. Der Champagnerfleck, den du auf das Kleid der Französin machst unabsichtlich, erzeugt bei ihr einen einzigen tragischen flüchtigen Augenblick, während die Wienerin sich verfärbt, gleichsam alt und krank wird und dir es mitteilt, daß das Kleid dreihundert Kronen koste und wie sie dazu käme, kannst net aufpassen, Ochs?! Die Französin kümmert sich +niemals+ um deine +Laune+, Gast, um dein seelisches Wohlbefinden. Sie tut, was sie +kann+, und vor allem, was sie +will+! Die Wienerin ist ununterbrochen +auf der Lauer+ um deine seelische Laune ihr gegenüber, da sie einerseits weiß, daß ihr momentanes ökonomisches Glück davon abhängt, anderseits es +ganz genau+ fühlt, daß sie mit ihrer stieren Persönlichkeit +nichts+ dazu beitragen kann, deine Laune zu +verbessern+! Die Französin wirkt mit ihrer +Persönlichkeit+, die Engländerin mit ihrer +Reinheit+, die Wienerin mit ihrer +Stierheit+! Frauen sind zu werten +außerhalb+ der Weltkonstellationen! SPLITTER Gespräch meines Zimmerkellners mit dem Küchenmädchen über meine letzten Aphorismen. Er: „Wenn man nur wüßt, wo der Mensch diese Einfälle alle hernimmt!?“ Sie: „Er hat doch den ganzen lieben Tag nix anderes zu tun!“ * Bekenntnis einer schönen Seele: „Das +peinlichste+ in der Welt ist, wenn man an einem Mann gar nichts auszusetzen hat und sich doch mit ihm tödlich langweilt!“ * Die Liebe: Ich habe für eine bestimmte junge Künstlerin eine direkt mystische Verehrung. Ich habe daher mein allerschönstes +P.-A.-Kollier+, Glas, Holz, Seide, arbeiten lassen und werde es ihr zum +Selbstkostenpreis+ überlassen! * Es gibt Damen, die im „Tabarin“ etwas +ganz Besonderes+ sich erhoffen. Das sind „+Drah-Dilettantinnen+“. Zum „Drahn“ gehört vor allem die langjährige gute Erziehung, vom Leben sich nichts Besonderes zu erwarten! * +Die kleine Philosophin+: „Mit die Champagnerwurzen is es wirklich ganz merkwürdig. Einmal kommen dir drei auf einmal, und einmal wieder kommt gar keiner. Und dann kommt dir einer, der kein Geld hat. Und grad der wär so nett, wann er a Geld hätt! Und grad so aner hat dir kans! Ergebenst +Finerl+.“ 55. GEBURTSTAG Wien, 9. März 1914. Peter Altenberg, und ich muß Ihnen jetzt doch schreiben. Ich dachte: ist es nötig? Ja! Für mich! Ich +muß+ Ihnen schreiben, nicht damit Sie vielleicht in einer Ihrer Sachen dann erwähnen: „Die und die schrieb mir...“ nein, sondern Sie, Sie sind derjenige, zu dem man sprechen, +wirklich+ sprechen kann. Ich schreibe Ihnen nicht so, wie man Schriftstellern schreibt, sondern als einem von den furchtbar Wenigen, die wissen, was das bedeutet, wirklich ein Mensch sein wollen! Ich antworte ganz einfach auf +all das+, was Sie mir in Ihren Sachen gesagt haben. Denn +mir+ -- +mir+ haben Sie das alles gesagt -- ja, es ist für alle andern +auch+, ich weiß -- aber +eigentlich+ doch nur für die, die es +verstehen+. Die fühlen: das gilt dir! Sie sagen einfach das, was man selbst schon hundertmal empfunden hat, vielleicht auch hat aussprechen wollen -- und da steht es nun -- ganz selbstverständlich, und man weiß, es ist das +Richtige+, das +einzig Wahre+, wie es ist -- oder sein +sollte+. Aber eines: woher -- woher haben Sie diese Zuversicht, daß die Menschen, die Welt sich einmal ändern werden? Denn nötig wär’s schon... Sie sind über fünfzig, nicht wahr? Nun, ich bin neunzehn, aber ich bewundere Sie darum. Ja, vielleicht, wenn alle das einmal verstehen würden, was Sie sagen, und +immer wieder+ sagen -- aber +hört+ denn jemand zu? Ja, +ich+ höre -- aber es müßten ja alle andern es auch! Dann vielleicht -- -- --! Aber was nutzt es, daß ich -- nachdem ich Ihre Sachen gelesen habe, Sie für den +Lebenserhalter+ und +Lebensförderer+ halte, und alle, denen ich es zeigen will, mich dafür auslachen? Herrgott, ich möchte ja allen sagen, daß es toternst gemeint ist, was Sie schreiben -- und daß es sehr traurig ist, +darüber zu lachen+. Und ich möchte nur einen einzigen Menschen finden, mit dem ich über Sie sprechen kann, wie Sie wirklich sind. Ich glaube, ich könnte über Sie sprechen, wie über jemanden, den man lange und gut kennt, +so genau sind Sie in dem drin+, was Sie schreiben -- nämlich das, was wertvoll ist an Ihnen. Sonst sind Sie vielleicht ein Hund! Deshalb kann ich zu Ihnen so reden, als würden auch Sie mich kennen. Und ich bin gespannt, was Sie mir in Ihrem nächsten Buch +zu sagen haben+. Denn ich habe jetzt alle Ihre Sachen gelesen -- und kann nichts tun als versuchen, das, was Sie darin sagen, was Sie raten, selbst zu erproben. Ich glaube fast, man braucht +dazu ein ganzes Leben+ -- -- -- Peter Altenberg, ich danke Ihnen. Sie haben mir das gegeben, was ich brauche: den +Glauben+, daß +trotz+ und +trotz+ allem die Menschen noch so werden können, wie Sie sie sehen. Und Sie sehen sie, freilich aber nach tausend Jahren! Paula Schweitzer. LYRIK Ich habe eine falsche, ja sogar eine +ganz falsche+ Ansicht irgendwo gelesen über das Wesentliche des +lyrischen Dichters+. Das hat mich gekränkt. Denn erstens kränkt mich jede +unrichtige+ Ansicht, zum Beispiel, wenn man sagt, das Eiweiß sei wertvoller als der Eidotter, oder Reis gebe keine Kraft, obzwar die Japaner damit Port Arthur doch eingenommen haben; und zweitens ist es ganz falsch, den lyrischen Dichter anders zu beurteilen als: ein +idealer Gipfel der Subjektivität+, wodurch +jede+ seiner +Einzelempfindungen+ sich zugleich +erhöht+ zur Empfindungsweise +aller+ Herzen, also sich zur +Objektivität+ steigert oder sozusagen kristallisiert! Jeder unglücklich Liebende ist ein „Werther“, +jede+ nicht erhörende anständige Frau ist eine „Lotte“. Und Goethe hat seine +subjektive+ unglückliche Liebe zu Frau Lotte Buff +so+ geschildert, daß sie den +Ewigkeitswert+ für alle +subjektiv+ unglücklich Liebenden und +alle+ subjektiv einen +nicht+ erhörenden +sogenannten+ anständigen Frauen erhalten hat, also, item, +objektiv+ geworden ist! Wer mir +dagegen+ widerspricht, ist -- -- ein +Wider+spruchsgeist. Und die kann ich nicht ausstehen. Wenn ich die Bergalmen so schildere, daß +jeder+ sagt: „Ja, so ist sie, meiner Six, da gibt’s gar nix!“ dann bin ich ein subjektiv-objektiver Dichter der Bergalm, also a Lyriker. Wenn +meine+ Träne von allen +agnosziert+ wird als +ihre+ Träne, wenn +mein+ Lächeln von allen +agnosziert+ wird als +ihr+ Lächeln, wenn +meine+ Eifersuchtsqualen zugleich von allen als +ihre+ Eifersuchtsqualen gefühlt, gelitten werden, ich also nur das +tönende+ Herz aller, +leider stummen+, bin, indem ich es +sage+, mitteile, hoffentlich aber +ohne Reim+, so bin ich ein +lyrischer Dichter+! Der +lyrische Dichter+ unterscheidet sich von dem +lyrischen Menschen überhaupt+ nur dadurch, daß er +aussagt+, was jener +verschweigt+! Diskretion in +Herzenssachen+ ist, wie Diskretion in sexuellen und in ökonomischen Sachen, +immer nur+ ein Zeichen, daß irgendwo irgend etwas irgendwie nicht ganz koscher ist und das +Licht des Alltages+ zu meiden hat! Der Dichter hat +nichts+ zu +meiden+! DER TOD EINER SAMARITERIN +Komtesse Lubienska vom Schnellzug getötet+ +Krakau+, 24. März. Gestern abend ereignete sich auf der Eisenbahnstrecke Krakau-Zakopane ein schwerer Unglücksfall, dem die neunzehnjährige Tochter des dortigen Großgrundbesitzers Grafen Dr. Felix +Lubienski+ zum Opfer fiel. Die Komtesse, die in der ganzen Umgebung wegen ihres Wohltätigkeitssinnes allgemein verehrt wurde und der Bauernschaft in Erkrankungsfällen stets erste Hilfe leistete, erhielt gestern abend die Nachricht, daß eine Bäuerin in einem nahegelegenen Bauernhofe im Sterben liege. Sie begab sich unverzüglich auf den Weg dahin, und um diesen abzukürzen eilte sie durch den Schloßgarten, der von der Eisenbahnlinie Krakau-Zakopane durchschnitten wird. Beim Versuche, das Geleise zu übersetzen, wurde sie von dem eben die Stelle passierenden Schnellzug erfaßt und getötet. Man fand die junge Aristokratin als gräßlich verstümmelte Leiche auf. Als der tragische Tod der Komtesse in der Umgebung bekannt wurde, strömte die Landbevölkerung in Scharen nach dem Schlosse, um an der Bahre der allverehrten Wohltäterin Gebete zu verrichten. Das Leichenbegängnis wird sich zu einer Trauerkundgebung der ganzen Bauernschaft im weiten Umkreise des gräflich Lubienskischen Besitzes gestalten. Und gerade +diese+ mußte überfahren werden!? Zum „+überfahren-werden+“ sind doch +andere+ da! Wenn ich da an Paula, Esthère, Anna, Mitzi denke und diese anderen -- -- -- „Samariterinnen“!? DIE STUPIDITÄTEN DER VOGEL-STRAUSS-POLITIK „Nein, sie erzählt mir merkwürdigerweise wirklich alles, alles, ich habe mich wiederholt, sogar zu meinem Erstaunen, davon überzeugt!“ Ochs! * „Ich gebe zu, daß sie sich gern amüsiert -- -- --.“ Ich geb’s auch zu. Gebn S’ noch etwas zu, daß mer auf gleich kommen! * „Sie ist ja noch ein halbes Kind -- -- --.“ Ja, aber die andere Hälfte ist ein ausgewachsenes Mistvieh! * „Sie sagt immer ‚Maxl‘ zu mir, und zwar so herzig -- -- --.“ Ich höre immer nur heraus „Herr Idiot“, „Herr Nebbich“ und von herzig keine Spur. * „Muß man denn gleich das Schlimmste von jemandem denken?!“ Nein, das wäre unbequem. * „Meine Frau ist sparsam. Sie braucht +nur+ das +für sie+ Notwendigste!“ Ah, da schau her. * „Ich habe mir trotz allem noch eine gute Portion Optimismus bewahrt!“ Sie meinen wohl eine riesige Portion Kretinismus! * „Ich habe so viele Beweise ihrer Anhänglichkeit,“ sagte die Maus von der Katze; ja wirklich, sie hatte sie zum Fressen gern. * „Wir wollen doch nur auf eine +angenehme Weise+ getäuscht werden!“ Wie ist das?!? * „Sie hat eine solche Freude über +meine+ Blumen!“ Über Ihre +Blumen+! * „Sie ist fast die ganze Hälfte des Jahres so nett zu mir -- -- --!“ Ja, sechs Wochen vor Weihnachten, sechs Wochen vor ihrem Geburtstag, sechs Wochen vor ihrem Namenstag und sechs Wochen vor deinem Besuch in ihrem Seebad. Macht schon ein ganzes halbes Jahr! GEISTIGKEIT +Vergeistigung+ ist, wenn die äußerste menschlichste Zärtlichkeit sich ins +Körperliche+ hinüberretten, sich befreien, sich dokumentieren +muß+, weil man es absolut nicht mehr bei sich behalten könnte! Meine Schwester Gretel mußte, besonders in der letzten schweren Zeit, dem geliebten 85jährigen Vater ununterbrochen leise über die silberweißen Haare streicheln, sonst hätte sie diese Fülle von aufgestapelter Angst, Sorge, fanatischer Anhänglichkeit +unmöglich aushalten+ können. Sie +mußte+ ihn streicheln, ihm in die Augen schauen, seine Hände berühren! So sei der Liebende; die Liebende! Nicht +anders+! Der Hund muß vor zärtlichster Anhänglichkeit wedeln, irgendwie muß er seine tiefe Liebe zu dir +äußerlich+ ins Leben hinaus, +körperlich+ dokumentieren, ja dir +beweisen+ und leicht plausibel machen! Er weiß, daß du sein Innenleben sonst +nicht ganz+ erfassen kannst! So sei alles Körperliche nur der +letzte plausible Ausdruck+ einer tiefen seelischen Angelegenheit, die ans Licht des Tages gelangen will und +keinen Grund hat+, sich länger zu +verstecken+! So sei der Kuß und jegliche Berührung! Die +innere+ Zärtlichkeit wird +endlich herausgeboren+ in die Welt, braucht sich nicht +zu genieren+, +kann+ es sogar nicht, da sie zum Leben+müssen+ +erstarkt+ ist! +Unentrinnbarer+ Zwang sei die Devise des +höchst kultivierten+ Organismus, nicht +spielerische Tändelei+! +Alles+ stehe unter den heiligen Schutzfittichen der Natur, und die Berührung geliebter Finger sei +nur+ der Ausdruck unabwendbarer seelischer Anhänglichkeiten! Alle +körperlichen+ Dinge aber sogleich +körperlich+ empfinden, ist ein Zustand von sogenannter „reizbarer Schwäche“, das heißt, man hat nicht Zeit, +seelisch auszureifen+! Dante konnte sieben Jahre für die vergötterte Beatrice seelisch ausreifen! Es gibt ein herrliches Lied, mit dem Refrain: „Zeit -- -- -- nur +Zeit+!“ Sich „Zeit nehmen“ ist die edle Ermahnung von Volksschullehrern an ihre Schüler. Ja, wertvolle Frauenseelen mahnen eigentlich immer ängstlich: „Es wird schon die Zeit kommen -- -- --.“ Zu jeglicher „Vergeistigung“ ins Körperliche braucht man +Zeit+, und die vorschnell gepflückte Stunde ist ein Verbrechen und eine +Ungeschicklichkeit+, die du an +dir selbst+ begehst! +Reizbare Schwäche!+ APOLLOTHEATER +Märzprogramm.+ Vor allem meine +Bewunderung+ für +Gussy Holl+, Diseuse. Gleich bei der ersten Strophe der Bauernparodie, weiß, spürt man sogleich, daß man eine ganz echte und leichte, also +graziöse+, mühelose Könnerin vor sich hat, die dem Publikum nichts +abtrotzt+, sondern +von selbst+ alle sogleich zu +dankbaren Freunden+ hat! Ihre Komik ist komisch, ihre Talente sind +nicht enderschöpft+ in ihren Darbietungen, sondern +dahinter steckt+ gleichsam ein noch gänzlich unausgeschöpftes Repertoir sämtlicher +lustigen+ und +tragischen+ Lieder des herrlichen Hannes Ruch, der natürlich seit Marya Delvard in Wien +entschwunden+ ist. Seine einst von Mella Mars gesungene herrliche parodistische Tarantella wäre so ein Schlager für Gussy Holl. Sie kann nämlich noch viel mehr als sie kann, das ist das +Befreiende+ bei ihren Vorträgen, daß sie nicht immer nur „ein Letztes, Mühseliges“ mühselig +herauspreßt+, wie viele, die ich +leider+ nicht nenne. Kunst muß leicht, lächelnd, kindlich, mühelos sein. Wunderbar ist ihre Parodie der Japanerin „Hanako“, ein +tragisches Äffchen+! Sarah Bernhardt mit der Spukarie aus „Kameliendame“ sollte sie auslassen. Das ist zu billig. Die Bernhardt muß sie in ihrem übertriebenen französischen Racine-et-Corneille-Pathos parodieren! Reizend macht sie den „Damenimitator“, und als Zugabe: „Fritz Grünbaum“. Ein herziges Kunstwerkchen sind allein schon ihre zierlich-kindischen Verbeugungen, und überhaupt alles an ihr, jede Bewegung haucht „Persönlichkeit“ aus, für die sie nichts kann. Man ist direkt dankbar, daß sie da ist, was man nicht von allen behaupten kann, die uns mit Liedern und Rezitation +be--glücken+! Möge Gussy Holl, die +Könnerin+, ihr Repertoir ausdehnen bis zu +tragischen Balladen+! Eine herrliche Sensation ist die amerikanische Keulenschwingertruppe The five Morton. Ein Abend im Parke eines Sportklubs: Wirklich spielen und singen diese „+körperlichen Hocharistokraten+“ nur gleichsam für sich selbst und werden nur +zufällig+ von Direktor Ben Tieber dafür bezahlt. Man glaubt es fast gar nicht, daß sie für Gage spielen. So etwas kann man auch eigentlich nicht bezahlen. Klothilde v. +Derp+ tanzt mit einem Partner idealisierte Bauerntänze zu Chopin, Opus 69 Nr. 2 und Opus 34 Nr. 1. Jedenfalls +ist+ sie und +tanzt+ sie überaus lieblich. Ob es Chopin ist, weiß ich nicht, es ist „Tanz“ mit Musikbegleitung. Mit den +Haxen+ kann man nicht +denken+! Und mit dem +Gehirn+ kann man nicht +tanzen+! Die drei Clowne „+Alvaretta+“ sind +unübertrefflich+. Mit neun Tönen a la +Kikeriki+ bringt der eine alle Lustigkeiten herbei, und der andere mit einer unverständlichen Anrede an das Publikum. Lustig wirken, mit geringen Mitteln, heißt „große Mittel“ haben! Die +Alvarettas+ sind mustergültig! Sehr gut ist das +Nachtigallen-Liebesduett+, Parodie aus der Vogelwelt, von Robert und Bertrand. Bei McLeans sind die +allerherrlichsten rostroten Haare+ der hübschen Tänzerin allein schon ein Kunstgenuß, obzwar sie echt sind! Diese rostrote Mähne so zu schütteln ist wunderbar. Da sieht man wieder, daß es +nur einen Hauptschmuck+ gibt der schönen Frau, ihre +Haare+, und nicht ekelhaft teure Hüte mit unglückseligen Tieren ausgerupften Federn! Der Sketch mit Charlé, Brand, Bachrich, Brenneis ist sehr lustig. Fragt mich nicht nach dem Inhalt, denn das Erröten steht mir nicht gut! Die zwei „+Spaniels+“ der Gaudsmith haben mehr Verve und Freudigkeiten als die meisten +menschlichen+ Akrobaten. Ihre Lust, sich zu produzieren, ein +hündischer+, aber diesmal +edler+ Ehrgeiz, ist rührend! SPLITTER Zum Singen gehört die heilige +Trinität+: ein feines Ohr, eine feine Seele, ein feiner Geist! Die meisten haben höchstens ein feines Ohr. Und +das+ haben sie meistens nicht! * Es ist angenehmer, mit Frauen zu verkehren als mit Männern! Die Frau denkt: „+Ich+ versteh einmal +gar nichts+. Er versteht vielleicht +auch nicht viel+. Aber +mehr als ich+ versteht er jedenfalls!“ * Eine Dame sagte zu mir: „Wissen Sie, was mir an Ihnen am meisten imponiert hat?! Daß Sie wissen, was eine ‚+legierte Suppe+‘ ist! Das weiß der Hofmannsthal nicht und der Dehmel nicht und der George nicht. Der Shaw +weiß es+ vielleicht, aber er wird uns zum Narren halten und uns erklären, daß es eine Suppe sei, in die uneheliche Kinder hineingesprudelt werden!“ * „La forme littéraire de son esprit était -- -- -- la +lettre+!“ La forme littéraire de son esprit était: la conversation! La forme littéraire de son esprit était, de mettre la main tendrement sur les genoux d’une dame pendant le souper! * Es ist eine Bestialität, bei Tag und bei Nacht auf der eigenen +Loblauer+ zu liegen! * „Eine Dame läßt man nicht warten,“ ist von Anno 1870, zur Zeit des Börsenkrachs. * Attachements an Frauen werden immer bestraft. Selbstverständlich. Solche horrende Stupiditäten können gar nicht genug bestraft werden. * Es gibt +dreierlei+ Menschen, die +kein Geld+ haben: die Verschwender, die Geizigen und die Armen. * Man muß wenigstens der +Leithammel+ seiner eigenen Schafherde werden können! * An der Frau erlebt man nicht nur +die+ Enttäuschungen, die +sie+ uns bereitet, sondern auch jene, die +wir ihr+ bereiten! * Ein glückliches Paar: +Er+ tut, was +sie+ will -- -- -- und +sie+ tut, was +sie+ will. * Es ist traurig, eine +Ausnahme+ zu sein. Aber noch trauriger ist es, +keine+ zu sein. * Bekehren?! Man kann einen Vogel nicht dazu bekehren, daß unter Wasser zu atmen leichter, angenehmer und gesunder sei! +Dazu+ kann man nur einen +Fisch+ bekehren! * Bei der Auswahl eines japanischen Papierkorbes kamen sie ganz auseinander. Sie sagte: „Wie gut, daß es nicht erst im Bett geschehen ist!“ * Die Französin: „J’ai vu dans un +certain+ théâtre un +certain+ Girardi, qui m’a fait une +certaine+ impression dans une ville qui m’en a fait +aucune+!“ * Im Augenblick, da man eine Frau „+sein eigen+“ nennt, ist sie es +schon nicht+! * Auch der Hund ist +nur+ wertvoll, weil er sich nach uns +sehnt+, wenn wir nicht da sind. Ein Hund, der sich nicht nach uns sehnt, ist ein +Hund+! * Es ist nicht wahr, daß man eine geliebte Frau +sein+ eigen nennen will, man will vor allem nicht, daß der +andere+ sie so nenne! * „Aber Peter, deine Angeschwärmte macht sich doch lustig über dich!“ „Ich würde mich schämen, so wenig kompliziert zu sein, um von der Dame verstanden zu werden! Außerdem habe ich eine Glatze und kein Geld.“ * „Langweilen Sie sich nie mit dieser Person, Herr Peter?!“ „Nein, +sie+ mit +mir+!“ * Das Publikum ist für +sein+ Geld gern reserviert, ohne Stimmung. Ich bin für das Geld +von anderen+ gern stimmungs-voll! * Hedi Weingartner, Mademoiselle Morvay, Elsa Török, Paula Hein und eine goldrote Fremde sind die besten Tänzerinnen im Saale! Ist das ein Aphorismus?! Nein, aber wahr ist es! * Die maurische Tänzerin tanzt mit den langen graubraunen Händen und Fingern anmutiger als viele andere mit den langen weißen Beinen! * „Was spricht man mit so einem Mädchen den ganzen Abend?!“ „Dasselbe, was man mit der Antilope, der Gazelle und dem Kolibri spricht! Man bewundert sie!“ „Und +das+ genügt Ihnen?!“ sagen immer diejenigen, denen etwas +noch viel weniger+ Wichtiges genügt! * Paula Hein tanzt +unübertrefflich+ Tango! Wenn sie noch dazu ein Kollier von erbsengroßen Perlen eines Grafen umhätte, würde das Publikum ihre Kunst +anerkennen+! * Heute, Sonntag abend, treten +Esthère+ und +Hélène+ zum erstenmal auf. Es ist, wie wenn man sagte: „Punkt elf Einzug der +Göttin Anmut+!“ * Die russische Truppe Glazeroff ist „ein feuriger Wirbelsturm“. Mancher könnte von ihnen +Elan+ lernen! Aber „Elan“ erlernt man nicht! * Die lange, edel gebaute Engländerin Deeley tanzt in einer weiten, langen, himbeerfarbigen Samthose (Herrenhose) und mit gelben Holzpantinen. Wenn ich denke, wie Frau Kl........ erst darin ausschauen würde! Aber sie trägt leider „+Paquin-Modelle+“! * Frauen haben nicht nur +fünf+ Sinne mitbekommen, sondern auch einen +sechsten+ und +sogar+ einen siebenten Sinn für +alle+ Lächerlichkeiten und Eitelkeiten des Mannes, der sie verehrt! +Er+ aber glaubt alles +ausgleichen+ zu können mit seinem -- -- -- Geiste! * +Hedi Weingartner+ ist im Apollosaal unbedingt die ideale Repräsentantin der +Wiener+ Tänzerin: Eine riesige +Verve+, gutmütig, ein edel-süßes Gesichterl, bescheiden, lebenslustig und dabei doch innerlich ganz traurig. Worüber? Fragen Sie doch Franz Schubert und Hugo Wolf! * Von der Idee, daß es einer Rose im Glase vielleicht weh tut, wenn sie an eine andere zu nahe angepreßt ist und sich nicht entfalten kann, bis zu +der+ Idee, daß es jemandem, der einen liebhat, vielleicht weh tut, wenn man -- -- --, ist ja nur +ein+ Weg, der +Weg des Herzens+! * Tanzen: Zuerst tanzt man +zu wenig+; hernach tanzt man +zu viel+, und bis man’s +kann+, tanzt man weder zu wenig noch zu viel, sondern +gerade recht+! Ist es mit +allem+ so?! Ja, mit +allem+! * +Würde+! Würde ist nichts anderes als so viel zu können, daß man’s nicht mehr nötig hat, es zu zeigen! * Wenn eine Frau einen +sehr, sehr+ gern hat, so bemerkt man +dennoch+, das heißt, man bemerkt natürlich +nicht+, daß sie neben einem, ganz neben einem, hinwelkt, matt wird, ganz matt wird und stillschweigend verkommt! Woher, meine Herren, kommt das?! Wissen Sie, was Sauerstoff ist und Verbrennung, Stoff+wechsel+?! Es entsteht durch Anregungen, durch +Anregungen+ mancherlei Art. +Nur+ durch Anregungen, +von selbst nie+, nie! +Verstanden?!+ * Wenn wir eifersüchtig sind, entsteht gerade +jene Spannung+, die die Frau +braucht+, um den anderen interessant zu werden. Wie sollte sie also darauf verzichten können? Wenn sie uns unseren Frieden läßt, macht sie ein schlechtes Geschäft. Vorläufig hat sie noch uns +und+ die anderen. Später, wieder ein gutes Geschäft, +nur+ mehr die anderen! * Frauen nehmen uns drei Viertel unserer Lebensenergien weg. Wenn wir sie aber +nicht+ hätten, hätten wir +überhaupt keine+ Lebensenergien. Freilich, es gibt noch andere Stimulantien unserer Maschinerie: Eitelkeitsbefriedigungen, Ehrgeiz und Geldsucht. Aber das sind Phantome. Der Leib der Frau ist leider eine Tatsache! * Der Mörder. Wenn mein herziges Kanarienvogerl seine ihm notwendige Freiheit durchs Fenster nimmt, so habe ich zu warten, ob das unvernünftige leichtsinnige Tierl ein grauslicher Kater frißt oder ob es in sein +Käfigerl+ „reuig“ (ein schönes und blödes Wort!) zurückkommen werde! In +keinem Falle+ habe ich mit der Browning nach ihm zu schießen! Auch dann nicht, wenn ich ein fescher Tangotänzer bin! Verstanden, Sie, Herr von Mörder?! * Moderne Schauspielerin: „Ich will auf der Bühne nicht mehr schreien und weinen, ich will Gedankenstriche laut und deutlich +nicht sprechen+!“ * Hausfrau und Gast: „Bei uns ist es langweilig, aber man ißt gut.“ „Dann ist es doch nicht +langweilig+!“ * Man kann mit einer „Gefallenen“ beisammensitzen, selbstverständlich. Nur mit einer +Mätresse+ kann man es nicht, dieser +Gefallenen+ eines Einzelnen! * Waldspaziergang im Herbstnebel: „Hier, hier ist es friedvoll, hier kann einen nichts stören und irritieren als höchstens eine geliebte Frau!“ * A la Pschütt-Karikaturen: Weshalb verzögern uns die geliebten Frauen die letzte Gnade?! Weil sie wissen, daß es ihre +letzte+ ist! * Wenn eine Dame über jemanden sagt: „Es ist +nichts+ zwischen uns, man kann nur so gut mit ihm über alles reden!,“ dann kann sie eben auch so gut mit ihm +darüber+ reden, wann man mit ihm wird -- -- -- wieder reden können! * Viele Mädchen, die zum Geschirrabwaschen bestimmt waren, gehen später auf die Fasanenjagd. Sie haben ihren +Beruf+ verfehlt! * Der „Tango“ ist eine +ethische+ Angelegenheit: er ist der Ausgleich für alles, was der Mann der Frau schuldig geblieben ist! Ihre Verzweiflung heißt: Tango! Irgendwo muß sie sich +anständig+ austoben! * Der +edle+ Tango ist eine +Platonisierung+ der Sexualität durch schöne rhythmische Bewegung! * Ein Handkuß kann eine letzte +Ehrerbietung+ sein oder eine erste +körperliche Berührung+! * Jeder tanzt den Tango, so wie er selbst +ist+! Die meisten daher +hundsordinär+! * „Esthère, du wirst nie wissen, was du mir gewesen bist!“ „O ja, aber erst, wenn es für mich einen Seltenheitswert bekommen hat.“ * „Weißt du, daß das Drehen deines Köpfchens beim Tanzen und das Schütteln deiner Locken mich seliger machen als die ganze Gnade jeder andern?!“ „Mein Freund, ich weiß es. Deshalb solltest du mir auch ein ganz besonders schönes Weihnachtsgeschenk machen!“ * Naturschutzpark: Gegenden „jungfräulich“ erhalten wollen?! Schwer aber verdienstlich! * Wenn einem Manne, der +selbst+ unglücklich geliebt hat, ein anderer sich +anvertraut+ in seiner unglücklichen Liebesangelegenheit, hat er das +Glück+, ihm +dieselben+ stupiden weisen Ratschläge zu geben, die ihm selbst einst gegeben wurden und die ihm in nichts genützt haben, sondern ihn nur weiter +hineingerissen+ haben! * Tränen eines Mannes wirken +nicht+, weil die Frau sie nach +ihren eigenen+ billigen taxiert! * Das Eheglück: Wenn +alles+ glatt geht, dann geht’s +erst recht schief+! * Wenn ein +Wertvoller+ sich umbringt, erfährt man es nie, +weshalb+?! Weil die +Wertlosen+, die es +veranlaßt+ haben, es vertuschen! * „Peter, der Gervaiskäse, den du mir als Souper angeraten hast, hat mir +nicht gut+ getan!“ „Wahrscheinlich hast du dich im Laufe des Tages über irgend etwas ‚gegiftet‘!“ „Ja. Aber wie kommt +das+ zum Gervais?!“ „Selbst Gervais wird +dadurch+ unverdaulich!“ „Ja, Peter, Gervais, und sich +nicht+ über Tag giften, +so+ schön und einfach +ist+ das Leben nicht!“ * „Machen Sie sie mit einer anderen eifersüchtig!“ ist ein perfid-blöder Rat. Denn wenn man sie nicht +so+ gern hat, daß man ihr eben +das+ nicht +antun+ kann, dann hat man sie +überhaupt+ nicht gern! * „Alles zu +seiner+ Zeit“ ist ein großartiges Sprichwort. Die Frauen möchten es +gern+ befolgen! Aber die Männer lassen sich nicht Zeit zu „seiner Zeit“! * Zeige mir deine Fingernägel, und ich werde dir sagen, ob du dich an mir +rächen+ wirst! Wofür?! Daß meine +schöner+ sind! Ist es mit dem Rücken und den Beinen ebenso?! Nein, denn man +sieht sie nicht+. Aber auf dem +Lido+?! +Ja, dort+ ist es +ebenso+! * Die +einzige+ Art, den Haß gegen +besser+ Ausgestattete zu besiegen, ist die Bewunderung! +Künstler sein+ ist, das Bessere +bewundern+ zu können, statt es zu +hassen+! SEMMERING-PHOTOGRAVÜREN +Lebens-Leitmotiv+: „Wer die Natur +liebhat+, die schönen Wälder, die schönen Berge, die schönen Almen, die schönen Bäche, die schönen Primeln, die schönen Frauen, die schönen Kinder, die schönen Pferde, die schönen Hunde, die schönen Katzen, dem kann nicht viel Böses passieren in diesem +sonst+ ziemlich dürftigen und belanglosen Erdentale! Die schönen Austern, den schönen Kaviar nicht zu vergessen!“ +Semmeringlandschaft beim Orthof+: Man +verliert+ sein Herz an so vieles, da kann man es doch auch einmal an etwas +gewinnen+! +Gloggnitz+: Gloggnitz, ich kenne dich nicht! Aber soll mich +das+ hindern, über dich etwas Feines zu sagen?! Keineswegs. Auf deiner Station spürt, riecht man schon Bergluft. Hier wird die Berglokomotive angehängt. Und Mädchen rufen dir zu: „Schneerosen gefällig, ein Büscherl zwanzig Heller?!“ „Bald werde ich sie mir selber pflücken,“ denkt man und verläßt stolz Gloggnitz, ohne Geldausgaben! +Partie aus Schlagl+: Schlagl, du bist der +einsamste+ Ort auf der ganzen Strecke, +also+ der beneidenswerteste! +Am Schwarzakai in Payerbach+: Siehst du Forellen?! Nein, aber ich +ahne+ sie -- --. Dort wo sie zu Hunderten +sind+, sind sie nicht +schöner+! +Der Schwarzaviadukt+: Dem Semmering zu! Um +diese+ Gefühle könnt ihr mich wirklich alle beneiden! Aber wenn man +das+ kann, ist man ja +selber schon+ beneidenswert! +Reichenau. Am Schwarzakai im Herbst+: Zu +meiner+ Zeit war diese liebe herzige Brücke, die ins +Paradies+ „Talhof“ führt, noch aus grauem morschem sonn-duftendem Holz! Jetzt ist sie prächtiger, doch nicht mehr so +prächtig+! +Der Talhof in Reichenau gegen die Eng+: Hier verbrachte ich die Jahre (Sommer) von 1869 bis 1880. Ich liebte hier alles, alles fanatisch, inklusive die Talhofherrin Olga! +Im Kurpark von Reichenau+: Gehört Courmachen auch zur Kur?! Das +ist doch+ die Kur! +In der Eng+: Immer ahnte, befürchtete man, erhoffte man +Kreuzottern+, diese schönen Teufelinnen -- -- -- -- nie kamen sie! O ja, in +anderer+ Form! Und ebenso schön von der Natur ausstaffiert! Kreuzottern kann man +geschickt+ packen, daß sie einem nichts tun können! Und wenn sie beißen, kann man es durch Alkoholrausch unschädlich machen! +Die Waißnixmühle in Reichenau+: Dieser +Mehlduft+ war uns +wunderbar+! Parfümfabrik der Natur! +Holzarbeit+: Auch das Holz duftete wunderbar in der düsteren Holzkammer, wo ich die Vierzehnjährige -- -- -- -- küßte! +Kaiserbrunn+: In blankem Blechbecher an langer Holzstange schöpfte man uns Kindern in eiskaltem Schneebergloch das grüne Wasser, das einst die Großstadt beglücken sollte. 1869! Jetzt trinken es alle, Millionen. Es hat seine Romantik verloren, +also+ einen Teil seiner Gesundheit! +Kind im Hühnerhof+: Erwachsene Frauen haben selten so graziöse Bewegungen! Sie füttern aber auch nicht liebevoll Hühner, sondern +lassen+ sich füttern -- -- -- von +Ochsen+! +Auf dem Krummbachstein+: Da steht einer und +vergißt+! Und -- -- -- +erinnert+ sich -- -- --. Ich verstehe, daß man steigt, um +fern+ zu sein. Aber daß man steigt, um zu steigen, das verstehe ich nicht! Man +steigt+ ja doch nicht! +Das Schneebergplateau vom Herminensteig+: Zirbelkiefer, du +Zwergmärchenwald+ meiner Kinderzeit! +Das Baumgartnerhaus auf dem Schneeberg gegen die Raxalpe+: Baumgartnerhaus, +Märchengasthof+ meiner Kinderjahre! In finsterer feuchter Nacht wurde man aus dem Schlaf gerissen, der blutroten Sonnenkugel, auf dem Kaiserstein, entgegen! Sturm brauste, Kühe schliefen auf schwarzen Almen, und in uns ächzte der unausgeschlafene Schlaf! +Der Tiefblick vom Schneeberg auf das Puchberger Tal+: Zirbelholz, Zerben, Knieholz, Latschenkiefer, Sturmgebogenes aber +Elastisches+ im Kampf ums Dasein, ich liebe dich! +Im oberen Höllental+: Schwarzawasser, ich kannte jeden deiner Gurgellaute, dein Brausen, dein Lärmen, dein Schweigen; besonders dein dunkelgrünes Schweigen in Felsenbuchten! +Das Raxplateau mit den Lechnermauern im Winter+: Ich kenne das nicht. Aber meine Schwester Gretl, die Bergsteigerin, sagte immer: „Wie kann man heiraten, wenn man +so etwas+ hat?!?“ +Das Erzherzog-Karl-Ludwig-Schutzhaus auf der Raxalpe+: Die Menschen, die +hier+ sind, sind hier wegen +echter wirklicher+ Angelegenheiten, wegen Schneefeldern, Zirbelholz und Bergsturm! +Die Preiner Wand mit der Preiner Schütt auf der Raxalpe+: Hier werden keine kleinen Kinder malträtiert, hier wünscht niemand Hofrat zu werden, hier fällt Regen, bläst Wind, hier fällt Schnee, braust Sturm! +Der Viadukt über den Gamperlgraben+: Der Gamperlgraben! Selbst das Wort „Gamperl“ kann romantisch wirken! Wie wenn eine junge Schönheit dir es mitteilt: „Je vais faire +pipi+!“ +Bahnwächter+: Bahnwächter?! Bist du nicht abgestumpft durch deinen schweren Beruf?! „Woll, woll! Aber +schöner+ is schon als in der Großstadt! Dort wär man +noch mehr+ abgestumpft!“ +Das Große Höllental an der Raxalpe+: „+Wild-romantisch+,“ sagen die Reisehandbücher. „+Friedlich-einsam+,“ sagt das Herz. +Die Kahlmäuer von der Zikafahnleralm auf der Raxalpe+: Die „+Rax+“ kenne ich nicht, aber meine Schwester Gretel, eine berühmte Rax-Kletterin, sagte mir, daß auf den „Zikafahnlern“ ganze Strauchwälder von wilden Himbeeren wüchsen! Und es dufte da droben wie kalifornisches eingemachtes Kompott. Meine Schwester Gretl hat nicht geheiratet. Mit den „Zikafahnlern“ können Männer nicht konkurrieren! Womit überhaupt, bitte?! +In der Kirche von Maria-Schutz+: Klara Panhans, meine Tränen sollen dich +begleiten+, da Lächeln mir +nicht beschieden+ ward! Hier betete ich oft für meine kleine Heilige, die damals zwölfjährige +Klara Panhans+, dort wo der Bergquell dem Altar entspringt! Eine englische Dame sagte gestern zu mir: „Peter, wieso kommt es, daß man erst nach acht Jahren Ihre Briefe, Ihre Tränen, Ihre Verzweiflung versteht?!“ Ich erwiderte: „+Gut Ding braucht Weile!+“ +Partie bei Klamm im Frühling+: Im Frühling ist alles grün -- lila -- rosig -- duftig. Mehr kann man nicht aussagen darüber. Weshalb also reimen und dichten?! +Einfahrt in den Pollerostunnel+: Wenn man „Indianergeschichten“ ängstlich las, hatte man ähnliche Stimmungen! Besonders bei der Ausfahrt. Chingachguk wurde also Gott sei Dank doch +nicht+ skalpiert! +Semmeringlandschaft vom Eselstein+: „Hier kenne ich jeden Steig!“ sagte der Turist. „Hier kenne ich jeden Grashalm!“ sagte der Dichter. +Gefräßiges Volk; Ziegen+: Ziegenkäse war mein Lieblingskäse. +Molkenkäs+ auf dem Lakaboden. Er ist verschwunden aus der Welt. Er war zu +einfach+, zu +billig+, zu +gesund+! +Orthofstraße gegen den Feuchter+: Sie gingen selbander. Er sagte: „+Jetzt erst+ liebe ich dich +ganz+!“ Sie erwiderte: „+Jetzt erst+ liebe ich die Natur +ganz+!“ +Auf der Straße zum Semmering+: Da +fahren+ sie, die Reichen, fliegen dahin, 45 HP! Und die Armen +reden es sich ein+, daß „Fußwanderung“ einen +größeren+ Genuß biete! +Die Kaltwasserheilanstalt Semmering+: Kaltes Wasser als Heilmittel! +Sporen+ und +Peitsche+ für ein +ermüdetes+ Pferd! Ja, es lauft dann +frischer+, aber +auf Kosten+ seiner eigenen erschöpften Kräfte! Ich bin mehr für laues Wasser, es wird weniger +mißbraucht+, weil es nicht so +unselig prompt+ wirkt! Die Menschen wollen sich eben +keine Zeit+ lassen, um gesund zu werden! +Um sich krank zu machen+, da hatten sie +jahrelang+ Zeit! +Auf dem Semmeringpaß+: Semmeringpaß, schon als Kind erschauerte ich, an der markierten Grenze zweier Provinzen mich zu befinden! +Der Talhof+: Auch ein „Talhof“. Aber nicht der Talhof meiner geliebten „+Talhofherrin+“! Also ein ganz gewöhnlicher Talhof! +Ohne+ Olga W.! +Bei der Bobbahn auf dem Semmering+: Hier frieren „Aristokraten“ stundenlang, zum Pläsier! Leider bekommen sie keine Frostbeulen! Sie genießen sogar die Kälte! Schade! +Zuschauer+: Überall gibt es +Zuschauer+. Das heißt Leute, die sich für etwas interessieren, wofür sie sich gar nicht interessieren! +Bob in voller Fahrt+: +Dersteßt+ euch! Ihr, die ihr +keine Zeit habt+, den Winterwald anzustaunen! +Auf dem Gipfel des Stuhlecks+: Sie war auf dem „Stuhleck“, +mit ihm+! Man könnte ebenso sagen: „Sie war in der Rotenturmstraße, +mit ihm+! Wegen dem bissel Schnee?!?!“ +Das Palace-Hotel im Winter+: Wenn ich nur den Unterschied wüßte zwischen Winter und Sommer, auf dem Semmering!? Im Winter trägt Klara Panhans Winterloden und im Sommer Sommerloden! Alles andere ist doch +gleichgültig+! +Straße in Spital+: +Auch hier+ gibt es vielleicht alle Laster der Großstadt! Aber man macht kein solches „Geserres“ damit! No, malheur, daß mir kane Engel noch nicht sind! +Auf der Kampalpe+: +Diese+ Kühe stören mich nicht! Sie suchen sich ihr +Fressen+ selber! +Briefträger+: „In +Wien+ Briefe austragen muß +schrecklich+ sein! Da hat man +nicht einmal+ auf den anstrengenden Wegen die erfreuende +Bergluft+!“ +Mürzzuschlag gegen die Schneealpe+: Die „+Beauté+“ des Dorfes, Josefa! Aber sie fühlt nicht: „Lieber +hier+ die +erste+ als in +Wien+ die +letzte+!“ Sie fühlt: „Lieber in Wien die +erste+!“ Hier sah ich noch eine rothaarige Wunderbare, die nach der Großstadt sich sehnt und der die Berge +nichts+ sind, weil sie ihr nicht sagen: „+Du+ bist +noch schöner+ als wir!“ +Gemse+: Wenn man sie irgendwo im Geröll an den Felsmauern erschaut, fühlt man: „+Die, die+ hat die +Freiheit+!“ Pumps, schießt sie einer tot und prunkt noch mit dem langen straffen Rückenhaar. „Edelweiß soll man nicht mehr +pflücken+, Gemsen soll man nicht mehr +schießen+, ja da freut mich die ganze Bergwelt nimmer!“ sagte ein Naturfreund. Wie wenn man sagte: „Kinder soll man nicht mehr +prügeln+?! Ja, da freut mich ja das ganze +Familienleben+ nicht mehr!“ „+Mehr+ Geld ausgeben als man hat, +soll+ man +nicht+?! Ja, da freut einen ja das +ganze Geld+ nicht mehr!“ Gemse, ich erschaute dich freudig auf Geröllhalde, senkrecht stehend! Welches Vergnügen, einen schweren anmutlosen Kadaver aber dann herabkollern zu sehn?!? SPLITTER Das Dümmste ist der von lüsternen Weibchen gezüchtete Größenwahn eines mittelmäßigen hübschen Mannes! * Es gibt keinen größeren Gegensatz als die Beurteilung einer Liebesangelegenheit von Seiten des Beteiligten und von Seiten des Unbeteiligten. Der eine hat die +Gerechtigkeit+ des Herzens, der andere die +Ungerechtigkeit+ objektiver Beurteilung. * Wenn eine Dame, die man liebhat, sogleich fragt: „Weshalb ist Herr L. nicht mitgekommen?!“ so gibt es nur drei Entschuldigungen: Sie liebt ihn, sie „fliegt“ auf ihn, oder er macht Präsente. Nun wird man mir prompt erwidern, es könne doch auch +bloß+ eine konventionelle „Liebenswürdigkeit“ sein! Eine konventionelle Liebenswürdigkeit, die einem andern eine +Qual+ bereitet, ist aber ein +gemeines Verbrechen+! BRIEF AN EINE JUNGE BRASILIANERIN Chère Lyska, ce n’est pas l’amitié sexuelle que j’ai pour vous, mais c’est l’amitié pour votre personnalité tendre et exceptionelle, dont on ne pourrait pas se rendre compte exactement, mais qui pourtant a l’effet de +régions belles qu’on ne connaissait pas jusqu’alors+ -- -- --! Votre voix mélodique, un peu sombre et chantante, vos yeux d’une profondeur mélancolique, quelquefois comme les boules noires et anxieuses des papillons de nuit percés d’une aiguille dans une boite, encore vivants, votre manière d’être assise, d’écouter, et de marcher, tout à fait infantille et gracieuse, m’+émuent plus+ que le désir +m’excite+ de jouir de vous! Votre +personnalité+ est plus grande que votre +féminité+ -- -- --. Je voudrai vous caresser, comme une maman exaltée et exagérée caresserait son bébé adoré, et mes baisers surtout sur vos yeux adorés seraient d’une tendresse passionée et sobre tout à la fois -- -- --. La peau de votre main aimée exhale un parfum surhumain; comme les abricotiers en fruit, dorés et chauffés par le soleil! C’est pourquoi un baiser sur votre main quand elle est un peu chaude, me rend plus heureux que les autres hommes peut-être la possession entière de votre corps merveilleux et d’ébène! Je bois ennivré le parfum de vos mains! De tenir vos mains, vos doigts longs et bruns entre les miennes, me procure un bonheur surhumain, de la tranquillité, de la paix! Et j’oublie mon sort triste! Mais, hélas, que puis je vous donner en récompense?!? Peut-être +par moi et par mon exaltation+, votre +conscience+ de votre don céleste de pouvoir faire heureux et paisible! Ce serait alors peut-être la „Bonne Fée“, qui a la bonne volonté de guérir les pauvres malades d’âme, les mendians de la vie quotidienne et triste et ennuyeuse! Pouvoir être „Bonne Fée“, c’est une mission outre-terrestre et fière! Vous avez reçu pour ces „sorcelleries“ votre personnalité rayonnante et douce! En +l’acclamant+, je vous +récompense+! J’aime votre bouche, vos yeux, votre teint pâle et mystérieux, votre démarche enfantine et gracieuse, votre voix un peu sombre et mélodique, comme les voix dans la nuit tombante, dans les prées, dans les forêts, dans les eaux mortes -- -- --. Vous êtes autre que les autres. Ce n’est pas un compliment banal et niais. Mais, Lyska, on vous regarde d’un regard +plus ému+ que les autres jeunes filles attrayantes -- -- --! Vous n’auriez qu’à +choisir+ entre les jeunes gens -- je vous bénis -- -- -- le plus riche! Peter. SPLITTER Brief: „Liebwerter Kollega Fr. H., ich möchte es Ihnen gern sagen, daß ich Ihr fünfzehnjähriges Töchterchen ‚Naemi‘, (der jüdische Name hat ihr Gott sei Dank nicht geschadet!) für eine +edelste Vollkommenheit+ halte. Aber Sie gehören bestimmt zu den Vätern, die mir darauf prompt erwidern werden: ‚Wenn sie nur +brav+ und +gesund+ bleibt!‘ Gerade zwei Eigenschaften, auf die ich +nicht den geringsten Wert lege+!“ * Eine Dame war unliebenswürdig gegen mich. Ich sagte: „Nehmen Sie einen Suppenlöffel voll Cortex Rhamni Frangulae!“ „Wird es mir nützen?!“ sagte sie. „Nein, +mir+!“ Der befreite Mensch ist +stets+ liebenswürdig, ja sogar +zu Gnaden+ geneigt. Der andere ist mißmutig, geizig, lieblos! * Anita hat mich verlassen, weil sie bemerkt hat, daß ich edlere Hände und Füße, einen elastischeren Gang habe als sie! Sie hat sich einen genommen -- -- -- nun, Sie können es sich daher denken, wie er aussieht! Anita ist zu mir zurückgekehrt. Sie hat reuig gesagt: „Und eine Glatze hat er aber auch, da bleibe ich doch gleich lieber bei dir!“ * „Es ist sehr angenehm, einen Mann liebzuhaben, der eifersüchtig ist! Man kann ihn gegebenenfalls gleich +loswerden+! Der +andere+, der sich +alles+ gefallen läßt, bleibt +picken+, trotz allem! Vielleicht +braucht man+ ihn aber doch wieder +später+, zu irgend etwas!“ Ja, man muß +vorsichtig+ sein! * Zwei Welten: „Da ich +leider+ nicht splitternackt herumgehen kann, so +muß+ ich ein Kleid tragen, das +mindestens+ meine nackte Schönheit +andeutet+!“ „Da ich +Gott sei Dank+ nicht nackt zu gehen brauche, soll mein Kleid +vor allem+ die anderen hinweg täuschen +darüber+, was +darunter+ ist!“ * +Seide+ ist feiner als die +Haut+! sagte der Krätzige. * Solange man gesund ist, hat man keinen Grund, sich vor Krankheit +zu schützen+! Außer der „+Voraussichtige+“! Der gilt aber als Narr und Hypochonder. Man +gönnt+ es ihm +nicht+, daß er +rechtzeitig+ auf Mohnstrudel verzichten kann! * Weshalb sind die Menschen so renitent gegen +Wahrheiten+?! Damit sie nicht bei den vielen +Unwahrheiten+, die man ihnen als Wahrheiten +auftischt+, Schaden leiden! * Als ich auf dem Pordoijoch-Paß ankam, wurde es mir ganz gleichgültig, ob meine Emmy mit dem Herrn Karl -- -- -- unten in der Ebene spazieren gehe! Ich war eben dem Himmel um 2500 m nähergerückt! * Eine Frau, die sich an Eifersuchtsqualen weidet, ist +ärger+ als ein Fleischer, der absichtlich daneben sticht, um die Qual des Opfers zu verlängern! * „Was wirst du tun, wenn du mich verlierst?!“ „Dann suche ich mir eine +Wertvollere+!“ „Da bleibe ich lieber bei dir!“ * Ich glaube nicht an +Dauer+, ich glaube nur an +Augenblicke+! Und auch an die glaub ich eigentlich nicht! Ich glaube an den +Rausch+, das heißt, ich weiß, daß er ein infamer +Betrug+ ist! * Ich halte die Volkstracht der venezianischen Mädchen für das Ideal: schwarzer Wollschal, schwarze Strümpfe, schwarze Pantoffel, kein Hut. Man vermeidet dadurch Neid, Eifersucht, Sehnsucht in bezug auf die „besseren“?! Stände. Man errichtet eine Barrikade, eröffnet einen Abgrund, schließt sich aus von dem Unnötigen! Wird frei und stolz! * Sei schön +nackt+! Wie du sonst bist, ist doch +belanglos+! * Ich hätte die Welt regenerieren können mit meinen in Lehren umgesetzten Erkenntnissen. Aber es fehlten mir dazu +zwei+ der wichtigsten +Talente+: die Allüren eines +Hochstaplers+ und eines +Propheten+! * Philosophie: Er hielt so viel vom Wert des +Schlafes+ für die menschliche Maschine, daß +wach zu sein+ ihm direkt als ein Verlust an Lebenskraft dünkte! Also ein Esel seines besseren Wissens! * Die „+Kehrseite+ der Medaille“ ist falsch ausgedrückt. Es muß heißen: „Die +andere+ Seite!“ Beide Seiten sind nämlich gleich wichtig! * Ich, zu meinem Lohndiener Peter: „Sie, Peter, das ist so aufmerksam von Ihnen, so rücksichtsvoll, mir in diesen schweren Zeiten immer alle Extrablätter so pünktlich zu besorgen und durch die Türspalte zu schieben -- -- --.“ „Herr Peter, unsereins ist halt auch neugierig, was vorgeht! Und wir können’s uns es nicht kaufen!“ * Ich warf den ganz unverständlichen chinesischen alten Mystiker in den Papierkorb. Morgens um ½7 traf ich mein Stubenmädchen auf dem düsteren engen Hotelgang bei der Lektüre dieses Buches. „Das ist doch ganz unverständlich!“ sagte ich. „Aber spannend, Herr von Altenberg, aufregend spannend, man kennt sich da Gott sei Dank gar nicht mehr aus. +Was man versteht, ist doch so uninteressant!+ Nicht?! Das weiß man ja sowieso.“ * Einer sagte: „Sehen Sie, Peter, wie ich Ihre Lehren strikte befolge!“ Und ließ sich zwei Portionen +Gervais+ zum Souper geben. Er vermischte sie mit dem schwerst verdaulichen Öl, Paprika und Senf! „Sonst hat das öde Zeug ja gar keinen pikanten Geschmack!“ sagte er. * Ich verzeihe der Frau alles, nur nicht schwarze Poren auf der Nase! Vor allem aber ist der Mann ein Verbrecher, der sie nicht lehrt, mit dem stumpf kurz abgeschnittenen mittleren Fingernagel durch sanftes Pressen sie zu reinigen! * Einer Frau sagen: „Sie haben einen unidealen Atem“, ist schwerer als ihr zu sagen: „Du Kanaille!“ * Geld und Sexualität sind die reellen +Mysterien des Lebens+! Eitelkeit und Ehrgeiz die +unreellen+! * Wenn man von schönen Frauen nichts anderes erlebte, als daß sie den Teint, diesen schimmernden +untrüglichen+ Verkünder von Schönheit und Gesundheit, mit Puder vernichten und dumm-grausam schädigen, wüßte man +schon genug über sie+! * Als ein Mann seine junge Frau brutal und zynisch behandelte, sagte ihr der zu Hilfe gerufene Ochs, der +Nervenarzt+: „Das ist die +sentimentale Verehrung+ ihres Gatten, nur pathologisch +gehemmt+ und daher ins +Umgekehrte+ umgeschlagen!“ +Dich+ sollte man auch um--schlagen, daß du nicht mehr aufstehen und ordinieren kannst! * „Haben Sie denn so viele Erfahrungen?!“ sagte eine Dame schnippisch zu mir. „Erfahrungen nicht, aber Erfahrung!“ * +Dialog+: „Weshalb, Peter, sitzt Herr L. so weit weg von mir?!“ „Vielleicht nicht +weit genug+!“ „Und wenn er am Ende der Welt säße, säße er mir noch immer näher als du neben mir!“ „Ja, aber er könnte dann eben doch nicht deinen süßen Atem beim Sprechen spüren!“ * +Subjektivität+: „Si +toutes+ les Françaises, Esthère, ont si peu de miséricorde que vous pour un homme, +qui+ les adore tendrement -- -- -- alors, je +méprise+ la France!“ * Ein Arzt hat nicht die merkwürdigen Symptome einer seltenen und ihm unverständlichen Krankheit in sein „gelehrtes Wissen“ +hineinzuzwängen+, sondern sich zu sagen: „Bisher war ich also vielleicht doch ein +Ochs+!“ * Eine Dame sagte: „Ich bin nur neugierig, ob Sie +mir+ zuliebe Ihre schöne Autofahrt heute aufgeben werden!?“ Später sagte sie: „Tut es Ihnen +nicht doch+ ein bißchen leid um Ihre schöne Autofahrt?!“ „O ja, +sogar sehr+, aber zwei Geschäfte kann man eben leider nicht auf einmal machen!“ * Gesunde Politik: Die +englische+ Paradeissauce mit Curry „+Catsup+“ sollte den +französischen+ Senf als Fleischwürze vertreiben! * Wer seine körperlichen Kräfte übersteigt, ist ein +Dummkopf+, wer seine sexuellen Kräfte übersteigt, ist ein +Narr+, wer seine ökonomischen Kräfte übersteigt, ist ein +Verbrecher+! * „Ich bin ein +Bohemien+“ heißt meistens: „Ich habe, wie Sie sehen, in meiner Kindheit +zu wenig+ feine noble Guvernanten gehabt!“ * Man ist nicht immer aufgelegt, seine Geliebte als unmündiges krankes +Kindchen+ zu taxieren! Man hat selber eben manchmal Bauchschmerzen! * Landpartie: „In +deiner+ Gesellschaft gefällt mir die Königswiese, Vorderbrühl, viel besser! Nein, eigentlich: +Du+ gefällst mir viel besser in der +Gesellschaft der Königswiese+!“ * „Jessas, dieser Peter hat mir mein ganzes schönes +Selbstbewußtsein+ geraubt! Wer bin ich +denn dann noch+?!“ +Eine+, die kein Selbstbewußtsein mehr hat, also das Höchste, Bescheidenste, Anständigste, Zarteste, Nobelste, Rücksichtsvollste, Adeligste, und -- -- -- das +Glücklichste+! * Potenz ist, +nur+ das unternehmen, was man +kann+! Impotenz ist +nur+, das +unternehmen+, was man +nicht+ kann! Es gibt auch für den Magenkranken eine +Potenz+: Weichgekochter Karolinenreis und Gervais mit Salz. Seine Impotenz ist: Rostbratl mit Zwiefel! Ich bin +reich+, wenn ich +weniger+ ausgebe +als ich habe+! * „Der Gesunde sollte eigentlich +alles+ verdauen können!“ heißt: „Ein guter Violinspieler sollte eigentlich auch gut Flöte blasen!“ * +Bergsteiger+: „Ich hab eine Freud +an mir+! Daß ich so gut kraxeln kann und so viel aushalt!“ +Bergfahrer+: „Ich hab eine Freud +an der Natur+!“ * Bessie: „Meine berühmte man Dolf is Bohémian wo es ihm +paßt+, and +like all+, wo es ihm auch wieder paßt. Peter is everywhere Bohémian, auch wo es ihm und den anderen gar +nicht+ mehr paßt!“ * Man sagt immer, daß der Tierbändiger mit dem Blick bändige. Wohl möglich. Aber „aushungern“, „prügeln“, „Finsternis“ wirken sicherer! Wirkung des Geistes, habe ich schon bei der „Marlitt“ gelesen, aber eine Watschen wirkt prompter. * Auch eine Ohrfeige muß „geistig“ sein, d. h. eine symbolische Handlung für „Verzweiflung, Kränkung, Trauer und tiefste Liebe!“ * +Biblisch+: So du die nahrhafte Soyabohne in deinen Mund nehmest und die unverdaulichen Bohnenschalen nicht ausspuckest, sollst du verdammet sein ewiglich! * Eine Frau verwöhnen, heißt +sich selbst auf ihre+ Kosten (zu ihrem +Schaden+) ein teures Vergnügen bereiten! * Weshalb fährt nicht Jupiters oder Jehovas Blitz hernieder, wenn eine Geliebte sagt: „Wannst’ mich gern hast, so kaufst mir auch so an Schal wie die Finnerl einen hat! Wannst’ mich nämlich ernstlich gern hast!?“ * Die Liebe. Sehnsucht ist der Wunsch etwas zu haben, was man haben +möchte+ und +nicht+ hat! Gibt es denn auch eine Sehnsucht nach etwas, was man +bereits+ hat?!? Ja, wenn man etwas so lieb hat, wie man es lieb +hätte+, wenn man sich noch danach +sehnt+ und es noch +nicht+ hat! * Das Unglück ist, in der Kunst und im Leben, daß dumme Leute oft +geschickter+ sind als die gescheiten! Der Gescheite glaubt es +nicht nötig+ zu haben, +auch noch+ geschickt zu sein, der Dumme weiß, daß er geschickt +sein muß+! Wenn man dem Gescheiten es +beibringen+ könnte -- -- -- aber kann man einem Gescheiten etwas beibringen?! Er glaubt doch, daß er +gescheit ist+! * +Gerechtigkeit+ ist ein +Talent+ wie ein anderes! Man +hat+ es oder man hat es +nicht+. Es ist ein +religiöses+ Talent, gerecht sein zu wollen. Zu +erlernen+ gibt es da nichts. Das kommt von +oben+, das heißt, von +drinnen+! * Die größte Kunst ist es, über einen Graben +nicht+ zu springen, der zu breit ist, um hinüberzukommen! * „+Memento mori!+“ sagte jemand zu jemandem, der zu Solokrebsen aufmerksamst roch und sagte, er traue sich nicht, sie zu essen; no probier’s, höchstens krepierst du! * Ich, zu meinem Lohndiener: „Sie, wie gefällt Ihnen denn meine neue Freundin?!?“ „Herr von Altenberg, +ich+ bin nicht +maßgebend+. Aber unser +Portier+, der doch ein +verheirateter+ Mann ist, hat g’sagt: ‚+Da+ saget i auch net +nein+‘!“ * „Pétère, Sie ärgern uns oft, aber +langweilig+ sind Sie +nie+! Die anderen sind sehr +nett+ zu uns, aber +langweilig+!“ „Welche also würden Sie vorziehen?!“ „Die Netten!“ KRIEGSZEITEN Ein Delikatessenhändler annoncierte an seinem herrlichen Auslagefenster: „Von 3° Kälte abwärts an kann jeder vorübergehende +wirklich Bedürftige+ für 40 Heller +Halbemmentaler+ und ein Stück schwarzes +bestes+ Hausbrot abends zwischen 7-8 umsonst erhalten! Es werden nur +50+ täglich beteilt. Jeder nicht gerade sehr +Hungrige+ nimmt es +daher+ dem anderen weg!“ Ein Dichter schrieb darüber, und alle anderen Delikatessenhändler verpflichteten sich infolgedessen zu derselben Leistung. Es wurden daher an jedem Abend, zwischen 7-8, tausend Hungrige gespeist. Weshalb aber gerade Halbemmentaler?! Der Dichter hatte erklärt, er ersetze vollkommen das Fleisch, für wirklich Hungrige nämlich, und sei billiger als Ganzemmentaler. Und Dichter wissen +alles+ genauer als die anderen. Insofern sie nämlich +echte+ Dichter sind. SÜHNE Sie hatte es sich mit ihm +für ewige Zeiten+ durch eine wirklich unmenschlich grausame, vielleicht gar nicht +so bös+ gemeinte Bemerkung verdorben! Trotzdem hing er an ihr, noch drei lange Jahre. Dann, beim endgültigen Abschiede, sagte er ihr es. Er teilte ihr diese ewig eiternde Wunde mit, die in der „Schlacht des Liebeslebens“ sie ihm einst grundlos beigebracht hatte! Da sagte sie ergeben: „+Damals+ hättest du mich schon entfernen sollen aus deiner Nähe!“ „Die Zeit gibt uns +genau+ den Zeitpunkt an, wann wir zu rächen, zu strafen, zu sühnen haben! Man darf seinem Herzen nicht voreilig zuvorkommen!“ DORA 1 In tiefe Freundschaft, Rücksicht, Fürsorge, war ich eingebettet, +eingelullt+; nein, eingekerkert! Um als Undankbarer nicht zu gelten mußt ich kuschen! Ein +Hund der Dankbarkeit+! Nun drang mir in meine Kerkermauern ein heller Ruf: „Ich heiße +Dora+! Und ich verdanke Ihren Büchern +alles+!“ Ich lauschte diesem adeligen Ruf, der noch +so frei klang+ von dem Druck persönlichen Empfindens! Sie gab noch nichts, sie wollte noch nichts geben, und hatte schon +empfangen+ und +genossen+! Sie war noch +unenttäuscht+! Sie hatte die Glatze noch nicht gesehn und die verhärmten Züge -- -- --. Sie wußte noch nicht, daß man wegen fünfzig Mark, die der Simplizissimus einem als Monatsgage kürzlich entzogen hatte, in sich zusammenstürzen könne und zerfallen, greisenhaft-zaghaft werden könne über Nacht! Sie konnte noch den +Rahm abschöpfen+ einer Menschenseele, und die wässerig-fade Milch +wegschütten+! Eine Lebens+künstlerin+! Sie konnte noch +aus Fernen+ schreiben: „Ich heiße +Dora+ und verdanke Ihren Büchern +alles+!“ Es klang ein heller fremder lichter Ruf in meine Kerkermauern der +Alltäglichkeit+! DORA 2 Seit Samstag vormittag, um ½12 gingst du weg, habe ich mich nach dir gesehnt! Heute ist Mittwoch. Weshalb kamst du +nicht mehr+?! Vielleicht +deshalb+! Eben +deshalb+! Du wußtest dich ja doch +bei mir+, zärtlich versteckt, +in+ mir, in meiner trauernden, sehnsuchtsvollen Seele gut geborgen! Was brauchst du noch zu kommen, wenn du sowieso +da+ bist!? Die meisten Frauen wissen, was sie tun, noch besser aber, was sie unterlassen dürfen, um sich die Gnade unseres Herzens nicht mutwillig zu verscherzen! Du wußtest es genau an meinem Blick: „Ich brauch jetzt mindestens eine Woche lang nicht zu kommen!“ Ja, zu kommen brauchst du nicht, monatelang, es wird dein Bild in meiner Seele nicht verblassen! Doch +wenn+ du kommst, wird eine Freude sein in mir, daß es dich nicht gereuen wird, +daß+ du gekommen! Was ich +erlebt+ an Sehnsucht und an Trauer in diesen öden Tagen, werde ich kniend dir auf die Hände küssen! DORA 3 Er hatte es sich endlich, schließlich vorgenommen, falls sie doch noch wiederkommen sollte, +falls, nicht+ von seinem japanischen Lehnsessel aufzustehen, sondern nur in tiefster Ergriffenheit und Freude zu sagen: „+Endlich+!“ Das hatte er sich vorgenommen, in diese Rolle seines Herzens hatte er sich eingelebt, man kann sagen bei Tag und Nacht, ein idealer Schauspieler +seiner selbst+! Nun werdet ihr wohl glauben, daß, als sie kam, es doch ganz anders war natürlich als man sich’s in Gedanken vorgenommen! +Nein+, es war +ganz so+. Auf die Gefahr, euch zu enttäuschen! Er blieb sitzen, schaute sie lange an und sagte: „+Endlich+!“ Nun war sie gekommen und gegangen -- -- --. Er sah sein +tiefes Unrecht+ ein an denen, denen er +etwas Besonderes+ seit Jahren war in ihrem zerstörten Leben, ein Lichtschein, ein Geleite, durch ihre Wirrnisse! Sie war gekommen und gegangen. +Und nichts+! Langer Zeiten vielleicht hätte es bedurft, um sie in jene Welten, sagen wir +hinauf+ zu führen, in welche jene anderen von selbst, +kraft ihrer+ Seele, flogen, im +ersten+ Augenblicke der Bekanntschaft -- -- --. Frauen +werden+ nicht, sie +sind+! Es war besser so. Die Sehnsucht hatte mich entbrannt, und brannte mir die Seele aus, bei Tag und Nacht. Nun bin ich wieder, kühl, bei +denen+, die mich +schützen+! ZUM HELDENTODE DES DR. FRANK (+Die Einigkeit!+) +Berlin+, 12. September. Der Präsident des Reichstages Kämpf drückte der sozialdemokratischen Fraktion die Teilnahme zu dem schweren Verluste aus, den die sozialistische Fraktion und der Reichstag durch den Heldentod des Abgeordneten Frank erlitten haben. Der Stellvertreter des Reichskanzlers, Dr. +Delbrück+, richtete an den Präsidenten des Reichstages ein Beileidsschreiben, worin es heißt: „Im Kampfe um Deutschlands Verteidigung fiel als erstes Mitglied des Reichstages der Abgeordnete Ludwig Frank auf dem Felde der Ehre und besiegelte damit die Gesinnung, die er durch den Eintritt als Kriegsfreiwilliger bekundete, mit dem Tode.“ DER VORFRÜHLING Plateau des Hoch-Schneeberges. 2° über Null. Der Schnee fällt als Regen herab. In den Bergföhren singt der Sturm. Das Elisabethkirchlein leuchtet weiß. Die grauen Schneehalden werden weich und schimmern naß. Ihr Ende ist gekommen. Sie werden dahinschwinden, in das kurze Gras einsickern. Man hämmert und klopft in den Schutzhütten. Die Tragesel hiaaaen und die Hunde bellen freudiger. Eine Lawine donnert zu Tal, wie der technische Ausdruck lautet. Im Tale rinnen tausend Bächlein den Flüssen zu. Kinder finden erste Frühlingsboten, und die Guvernanten fürchten sich vor Husten und Schnupfen für ihre Lieblinge. Im Hochgebirge ist noch tiefer Winter. Der Bauer steht da, ängstlich und ergeben zugleich, erhofft sich ein günstiges Schicksal! Frau K. sagt zu dem Oberleutnant: „Fahren wir hinaus, in die Gelände, ich glaube, es beginnt schön und warm zu werden ----.“ NATURLIEBE In dem geheimnisvollen verschwiegenen Zauberurwalde, Zauberwirrnis der Wiesengräser führen Hamster und Feldmaus ihr intelligentes Familienleben. Der Mensch schlendert daneben auf dem Wiesenpfad, peroriert, raucht und sieht nichts trotz seiner Naturfreundschaft! Ein Hofmeister sagte zu seinem geliebten Knaben: „Wir wollen mal den Hamster in seinem intimen Leben beobachten, diesen berüchtigten Geizhals und Sparmeister!“ „Weshalb Geizhals?!“ „Weil er viel mehr Kornvorräte aufspeichert, als er zu seinem Leben braucht!“ „Weshalb tut der Dumme das?!“ „Aus Geiz!“ „Verfolgt man ihn deshalb so unerbittlich mit Haß?!“ „Ja, mein geliebter Knabe, das +Notwendige+ würde man ihm eher nachsehen!“ WITZ Ein wirklich tiefer philosophischer und bedeutungsvoller +Witz+: Nachdem schon Hunderttausende zu Krüppeln geschossen sind: „Merkwürdig, und +gerade mich+ hat das Schicksal ausersehen und aufgespart, um einen grausamen und ungerechten Weltkrieg noch erleben zu müssen!?“ PLAUDEREI Habt ihr das schon bemerkt, nein, ihr habt es nicht bemerkt?! Wenn eine geliebte, scheinbar sanfte Frau sich frisiert, sich die Haare waschen läßt, sich anzieht oder speist, bekommt sie einen +ganz anderen+ Gesichtsausdruck. Sie läßt sich gehen, die +Komödie+ hat ein Ende. Selbst mit dem Arzt, dem Schneider, dem Schuhmacher, dem bedienenden Kommis im Geschäfte, ist sie noch ein komödiantenhaftes Weibchen, denn immerhin, es sind noch Männer, wenn auch nicht solche, die man zu täuschen braucht! Aber beim Waschen, Essen, Haaremachen, Anziehen, bricht die schamlose egoistische Bestie hervor und prägt dem Antlitz seine +infernalen Siegel+ auf! Man sollte sie bei +noch viel intimeren+ Beschäftigungen zu beobachten die Gelegenheit haben, um es zu erfahren, wie +nichtig+ und +unwichtig+ sie eigentlich, unbeobachtet, sind! KAROLINE „Hochverehrter Meister! Glauben Sie meiner Freundin, der Karoline, kein Wort! Sie hat sich alles zusammengestellt, um Ihr edles Dichterherz zu täuschen! Sie ist gar nicht beim ‚Roten Kreuz‘ als Abwaschmadl. Das will sie Ihnen nur patzig vormachen! Auch weiß sie daher gar nicht, ob die verwundeten Soldaten sich nach vielen Zigaretten sehnen. Das ist gemacht, um Ihnen, verehrter Meister, Zigarettengeld herauszulocken! Wohin das Geld marschieren wird, kann man sich denken. Bitte mir dieses Schreiben nicht übelzunehmen. Aber einen Dichter wie Sie so anzuschmieren! Da ließe ich mir eher die Hände abhacken. Ergebenst Theresia. p. s. können mir Herr Dichter bis übermorgen 5 Kronen borgen?!“ Kaum hatte ich diesen Brief gelesen, so erschien Karoline und erzählte mir von ihrer Stellung als Abwaschmadl und von den nach Zigaretten schmachtenden verwundeten Soldaten. Ich schenkte ihr neun Kronen für dreihundert Sportzigaretten. Dann zeigte ich ihr den Brief der Freundin. Sie sagte: „So a Mistviech! Gönnt mir nicht die warme Jacken, jetzt wo der Winter anfangt! Sagen’s aufrichtig, is dös nicht auch ein gutes Werk?!“ „Gewiß!“ erwiderte ich unenttäuscht. MEINE SCHWESTER GRETL „Also, mit 69 Jahren warst du von allen Ärzten aufgegeben, Vater, und ich habe dich doch noch durchgebracht bis auf 85! Ich habe für dich gekocht, dich gewaschen, und für absoluten Frieden gesorgt. Freilich, Geliebter, hast du nicht viel davon gehabt. Einige deiner Lieblingsspeisen, deine sieben Trabukkos täglich, deine Ruhe, Tamar Indien Grillon, deine Zeitungsblätter, und im Sommer Aussee, Bauernhaus Nr. 73 im Bergwalde. Für einen zu alten Mann kann man nichts besonderes mehr leisten. Aber du hast es stets gespürt, daß ich dich liebhabe! +Das, das+ hast du Gott sei Dank immer gespürt, trotz deines natürlichen und selbstverständlichen +Alteregoismus+! Ich weine mir fortan die Augen heraus, daß ich dir, Vater, nicht mehr dienen kann!“ KRIEG Krieg, Krieg und Krieg! Und Greueltaten! Kinder werfen auf speisende hungrige Helden, am Mittagstisch neugierig sie umstehend, Handgranaten! Krieg und Krieg! Man sagt, die Welt hätte jetzt +andere+ Ziele! Wenn ein Gewitter ist und es schlägt ein (man glaubt direkt, die Welt geht unter), blüht nicht das kleinste Gras dabei, hernach, wie eh und je?! Man weiß nicht, wie es wird!? Und immer wieder blüht das kleinste Gras nach seinen friedvollen Geheimgesetzen! +Trotz+ allem! Kunstdenkmäler werden zerstört -- -- -- Doch wozu braucht die Menschheit Kunstdenkmäler?! +Suppen+ braucht sie! Überflüssiges wird man im Pulverrauch +endlich+ als +Überflüssiges+ erkennen! Und jedenfalls wird man in absehbarer Zeit doch „Werther“ wieder lesen und über „Lotte“ weinen! Und Schubertlieder anhören und Beethoven-Adagios! Und wegen irgendeines gewöhnlichen Mädchens sich das Herz abhärmen, weil, weil, weil -- -- -- weil sie, ha, ha, einen +anderen+ lieb hat! Heute lesen wir verzweifelt von siedendem Öle, das Mädchen auf Verwundete heruntergießen; und morgen schon sind wir ebenso aufgebracht, weil uns ein Knopf am linken Ärmel fehlt! Krieg, Krieg! Und Krieg! Führen wir doch endlich Krieg mit +unseren eigenen+ Miserabilitäten, +unseren+ Schwächen und Unvernünftigkeiten! Den Feind +in uns+, Stupidität, +Gewohnheit+, Luxus, Vorurteil, innere Feigheit und Verlogenheit, müssen wir +bekriegen+! Besonders die Gewohnheit, dieses +Lotterbett der Seele+! Sie erschlafft, lahmt und nimmt die Kraft, zu +Richtigerem vorzudringen+! Was ich gewohnt bin, +fesselt mich an mich+! Und +hindert+ mich, der +Welt+ anzugehören! +Das+ ist der bittere Krieg, der +auszukämpfen+ ist im künftigen +Frieden+! Und in uns! Der Sieg +nach außen+ führe und geleite uns zum „+inneren+ Siege“! Die Heilandslehre siege in den +Herzen+! MEINE TRÄNEN Lasset mich mich erinnern! Wann, wann habe ich wirklich bitterlich geweint?! Wenn meine Mama abends ins Theater ging oder für Bälle sich langsam frisierte. Aber damals war ich erst sieben Jahre alt. Das gilt nichts. Als Maria Renard in der Oper „Werther“, als Lotte, den Abschiedsbrief des Werther vorlas, vorsang, +in sich hineinsang+! Und dieselbe in der Oper „Manon“, als sie in der Steppe verschmachtete, sie, die doch einst, nun wie kann man es ändern?! Lasset mich mich erinnern, wann ich noch wirklich weinte!? Über vieles, das +außerhalb+ und +ferne+ war von meinem Leben. Über +nichts+, was nah war und mir sozusagen naheging. Da sieht man doch +zu genau+, daß es +nicht dafür steht+! QUOD LICET Der berühmte Architekt führte seine geliebte junge Frau zu ihrer Namenstagfeier, Bessie, in das Oratorium „Heilige Elisabeth“ von Franz Liszt. Ich sagte ihr, sie würde dabei, trotz der +versteckten+ aber nicht +offenbaren+ Schönheiten, vor Langweile krank werden! Sie sagte ängstlich-befreit zu ihm: „Hörst du?!“ Nein, er hörte +nichts+. Nun stelle ich es mir vor, wenn +ich+, um das „Heilige-Elisabeth-Oratorium“ zu hören, +meine+ Geliebte zu ihrem Namenstage hineinbrächte! „Dieser schamlose Egoist Altenberg führt diese unglückliche Person in dieses urlangweilige schreckliche Oratorium, noch dazu angeblich zu ihrer Namenstagfeier, sie heißt nebbich Lisabeta, weil der Hund selbst nämlich es gern hören will! Ah da schau her!“ Beim berühmten Architekten hingegen jedoch sagen sie: „Was sagen Sie, was für ein reizender zarter aufopfernder Mensch! Bringt seine Frau an ihrem Namenstage zu dem herrlichen Oratorium „Heilige Elisabeth“ und scheut keine Kosten!“ +Moral+: Non licet +Jovi+, quod licet +bovi+! SIGNOR IO Jetzt will ich ein bißchen, wie angenehm, über mich direkt mich äußern, nicht versteckt in diskreten Gedichten. Also, selbst meine glühendsten Verehrer werden paff sein, ich halte mich für den +Typus des normalen Menschen+! Nämlich insoweit auch die Kremoneser Amati-Geige eigentlich der Typus der Normalgeige ist! Daß sie auf Reize, Fingerdruck und Bogenstreichen, zarter, intensiver, tiefer, anders reagiert als die Marktgeige, die Herdengeige, ist selbstverständlich. Meine +fast+ pathologische, oder +ganz+ pathologische Reizbarkeit auf Eindrücke des Lebens, Natur, Frau, Kind, Musik, Geld, macht mich zum Typus der +Reizungsfähigkeiten+ aller Organe aller Menschen! Daß es bei ihnen nicht so zum sichtbaren vernehmbaren Ausdruck kommt, ist ein Glück für Alle; weil sie Marktgeigen, keine Kremoneser sind! Sie kratzen, und ich töne, voilà tout! Der ganze Unterschied liegt in der mysteriösen Konstruktion! SPLITTER Es ist eine große Kunst, Männer auf die Dauer zu +fesseln+! Eine +größere+ Kunst wäre es, sie auf die Dauer +freizugeben+! * „Diesen Gedankensplitter verstehe ich nicht!“, sagte die +wunderschöne+ Mitzi Th. zu mir. „Weil +Sie+ nie in diese Lage kommen werden! Ein jeder wird +gern+ hängen bleiben!“ AUSBLICKE Es gibt nichts +Gemeineres+, nichts +Heimtückischeres+ als den Mann, der, in seiner Herzensangst, seiner Frau, seiner Geliebten, +böse erniedrigende+ Dinge sagt über +den+, der ihr zärtlichst, anbetend zu Füßen sinkt! Es gibt nur +eine+ richtige Methode: Der Freund +sogleich dessen+ zu werden, der +ohne+ Besitzglück fast +dieselbe+ Zärtlichkeit aufbringt! Wir wollen +gemeinsam+ ihr Leben verschönern, Fritz, +erleichtern+ vor allem, +erleichtern+! Denn jede junge zarte schöne Frau lebt schwer mit +einem+! Sie war verwöhnt, seit jeher, von Kinderfrauen, Stubenmädchen, Köchinnen, Eltern, Brüdern, Onkeln, Besuchern, ja von der Schneiderin, bei der sie anprobierte, und von dem Schuster, ihrer Füße wegen. Der Handschuhmacher sogar sagte stets: „So zarte lange Finger, da wird kein Handschuh passen, die kleinen sind zu kurz, die großen sind zu groß!“ Wie also willst du sie befriedigen, du Glücklicher, der du sie +ganz+ besitzest, das heißt also +weniger+ als +alle anderen+?! Schließe doch +sogleich+ Freundschaft mit +dem Edlen+, der dir deine Aufgabe +erleichtert+, sie glücklich, sie zufrieden zu machen! Und das willst du ja doch vor allem, oder vielleicht nicht?! Schau, es will sie dir ja keiner +wegnehmen+, man bringt ihr Blumen und verehrt sie. Und schließlich, auf das bissel „Körper“ kommt es ja doch nicht an! Sie soll +zufrieden+ sein. +Das+ ist es +vor allem+. Laß dir doch dabei ein bißchen +helfen+. +Allein+ bringst du es ja doch nicht zustande! DILEMMA Habe mir von einem großen modernen?!, hi hi hi hi, Künstler, durch drei Jahre es sagen lassen müssen, daß jeder, der +Anspruch+ mache auf das Wort „+kultiviert+“ (und welcher Ochs machte es +nicht+?!), den +letzten+ Knopf an seinem Gilet, zu deutsch Weste, +offen+ lassen müsse, weil der König von England es +auch so+ trage, wenn +auch nur+ wegen seines großen Bauches. Endlich gab ich dem +Drängen+ des großen modernen Künstlers nach, und +ich+, ich, der bisher nie Gilet trug, sondern nach Art der unkultivierten Amerikaner, farbiges Hemd mit Ledergürtel, ich begann, der Kultur mich +fügend+, +Gilet+ zu tragen, um den letzten Knopf hierbei +offen+ lassen zu +können+, in der kultivierten Lage mich befinden zu +dürfen+! Was aber +nun+?! +Jetzt+, da ich mich daran +gewöhnt habe+, an die Kultur der Weste und des offenen letzten Knopfes, +jetzt+, da der Engländer nicht das +gehalten+ hat, was er +versprochen+ hat, er hat ja nebbich überhaupt nie etwas versprochen als Sonntags die Cafés zu sperren, jetzt soll ich +wieder+ die farbigen Hemden von Wunderer am Kolmarkt hervorziehen, die ich überhaupt noch gar nicht +bezahlt+ habe?! O großer moderner radikaler unerbittlicher! aber eben deshalb +genialer+ Künstler, in welches +Dilemma+ hast du mich hinein +getrieben+?! ROMANTIK Die dreizehnjährige +Rosa Zenoch+, die während der Schlacht bei Rawaruska den Verwundeten Trinkwasser brachte und die verwundet wurde und der der linke Fuß infolgedessen abgenommen werden mußte, wurde von Damen im Spital befragt, was sie sich am +meisten+ erwünsche von Geschenken?! „Taschentücher, Taschentücher, nur Taschentücher!“ sagte sie, schon im voraus begeistert. Taschentücher! Sich wie eine vornehme zarte Dame schneuzen können, so etwas ganz ganz Überflüssiges! Das! Sich schneuzen dürfen in etwas, was Wert hat und sogar gewaschen werden kann später! (GOETHE!) HERMANN UND DOROTHEA Extrakt +Der Vater+ Rief ihm nach: „So gehe nur hin! Ich kenne den Trotzkopf! Geh und führe fortan die Wirtschaft, daß ich nicht schelte; aber denke nur nicht, du wolltest ein bäurisches Mädchen je mir bringen ins Haus als Schwiegertochter, die Trulle! Lange hab ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln, weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden von mir weggehn; ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln. Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich wiederbegegnen und so mir die viele Mühe versüßen! Spielen soll sie mir auch das Klavier, es sollen die schönsten, besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln, wie es Sonntags geschieht im Hause des Nachbars.“ Da drückte leise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube. +Die Mutter+: „Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten, und es wirket die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten. Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet, denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich. Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele: Jenes Mädchen ist’s, das vertriebne, die du gewählt hast.“ FARBE An -- -- --. Der Mond schimmert mystisch-weiß auf die nächtlichen Wiesen -- -- --. In Karrara schimmern die riesigen Marmorblöcke, ausgehauen aus Felsen für ewige Denkmäler -- -- --. Weiß schimmert der Bergbach an der braunen Schleuse herunter -- -- --. Weiß schimmert das englische Batisthemd -- -- --. Und der weiße Kandiszucker in Kinderhändchen -- -- --. Weiß schimmern die Lämmerwölkchen am blauen Junihimmel -- -- --. Weiß schimmert die Seele einer Heiligen -- -- --. Aber +so+ weiß wie deine Knie schimmert +nichts+! DIÄTETIK DER SEELE Begehrenswerte Frauen haben ein fast geniales Gefühl +aller+ ihrer Unzulänglichkeiten! +Infolgedessen+ verfallen sie entweder in „+hysterische Melancholie+“, das heißt: „+Verzweiflung über sich selbst+“, oder sie suchen sich +geschickt+ einen Idioten aus, der genug +idiotisch+ ist, sie voll zu nehmen, sie +trotzdem+ anzubeten! Nachdem es +unzählige+ solcher verbrecherischen Dummköpfe, Schwachköpfe, Feiglinge, Sexual+tiere+ gibt, wären die Frauen direkt blöd, sich nicht an +solche+ zu halten, die Messing für Gold nehmen! Es gibt genug Männer, die sich der Frau „aufopfern“ wollen, im richtigen Instinkte, der Welt und den Menschen sowieso nichts leisten zu können! Ihre Komödie ihrer „Selbstlosigkeit“ ist die Tragödie ihrer eigenen Nichtigkeit und Leere! Einer Frau „+dienen+“ heißt, sich von den +heiligen Verpflichtungen+, die das Leben dem Manne in bezug auf die +Menschheit+ auferlegt, mit „Senatorenfeigheit und -demut“ +loszukaufen+! „Ich hab sie halt gern“, heißt nur: „Ich hab +alle anderen Menschen+ nicht gern!“ Wehe +allen denen+, +Schmach+ und +Schande+ und +Verachtung+ über sie, die sich z. B. den treuen Blick eines Hundeviehs täglich mit 20 Heller Leberwurst erkaufen! Bei +Menschen+ müßten sie +mehr+ leisten. Aber das können, das +wollen+ sie +nicht+! SPLITTER Zigarettenstopfen für Krieger, aber nicht „Mist,“ sondern „Pursitschan,“ 100 Gramm 2 Kr. 60. Das, was +Du selbst+ noch gern rauchst! +Das+, verstehst Du?! * Als ich heute von meiner neuen Zigarettenmaschine, 3 Kronen, schwärmte, sagte mein Stubenmädchen zu mir: „Sie sind doch ein glücklicher meschuggener Mensch!“ SCHULE DES LEBENS Sie war eine „+freche Flietschen+,“ das heißt sie war es +gar nicht+, sondern sie wartete +vergeblich+ und +enttäuscht+ auf die jedesmalige Ohrfeige, die man ihr hätte +unbedingt+ geben +müssen+ für eine jede ihrer Frechheiten! Aber man lachte, wurde nur verlegen, oder +überhörte+ es. Denkt euch einmal ein Schulmädchen, dem der erste Lehrer alles +absichtlich+ nachsieht, weil, weil, weil -- -- -- weil sie ihm +sympathisch+ ist! „Der Anna g’schieht nix, die darf sich alles erlauben bei unserm Herrn Klassenlehrer! Mir hätten schon tausendmal etwas Fades abschreiben müssen! Aber die Anna ist ja der +Liebling+!“ Ja, der „Liebling“ ist ein +verlorenes+, +unglückseliges+, schamlos +zugrund gerichtetes Wesen+! +Die+ haben es „am Gewissen“, die es +lieb+ haben! THEATER UND KRIEG (+Viktor Arnold+ †.) Aus +Berlin+ wird uns telegraphiert: Das ausgezeichnete Mitglied des Deutschen Theaters Viktor +Arnold+ ist plötzlich +gestorben+. Dieser echte Menschendarsteller von tiefstem Gemüte und schlichtester, beseelter Einfachheit brach unter den +Eindrücken des Krieges+ zusammen. Seine Nerven konnten den Meldungen von Schlachten und Tod nicht widerstehen. Die Ärzte schickten ihn in Lahmanns Sanatorium, wo ihn der Tod ereilte. Die deutsche Bühne erleidet mit seinem Hinscheiden einen großen Verlust. P. A. Viktor Arnold war die Natur selbst, an Einfachheit, Tiefe, Humor und schrecklicher simpler Wahrhaftigkeit! +Deshalb+ wurde für ihn +nie+ das große „+Tamtam+“ geschlagen wie sonst für die Hamlets, Romeos, Tassos, Mephistos, Macbeths! Er erschütterte +die+, die sowieso erschüttert sind, auch +ohne Farce+! PHILOSOPHIE +Die Geliebte, in gesunden und in kranken Tagen, nämlich in unseren!+ In +gesunden+ Tagen fällt es uns +mehr+ oder +weniger+ leicht, ihr es ununterbrochen zu +beweisen+, daß sie die +Sonne+ unseres Seins, unser +Labsal+, unsere einzige +Stütze+, unsere +Errettung+ sei! Aber in kranken Tagen +spießt es sich+, obzwar sie malheureuserweise gerade +in diesen+ als Rettungsengel, Betreuerin, Helferin, ideale Stütze eine +Rolle spielen möchte+! Gerade jetzt soll ihr, +muß+ ihr der arme Kranke, der nur absolute +Ruhe+, +Schlaf+, +Darmfunktion+, +Konzentration+ auf das +eigene+ geschwächte Ich brauchte, +beweisen+, daß sie ihm +unentbehrlich sei+, und muß sich oft stundenlang vom brechen und sch. zurückhalten; aus Angst sie zu +enttäuschen+! Was +nützt+ es, daß sie bleich und selbstlos erklärt, sie wolle für ihn die +niedrigsten Dienste+ verrichten?! Von ihr es +anzunehmen+ +stört+ ihn, +hindert+ ihn, +demütigt+ ihn, macht ihn unglückseliger, als er es +so schon ist+! Sie sitzt stundenlang an seinem Bette, betreut seinen Schlaf, macht dabei hundert unwillkürliche und willkürliche Geräusche, die ihn +aufschrecken+, jedenfalls die Tiefe des Schlummers, die absolute Sorgenlosigkeit, das gänzliche regenerierende Versinken +beträchtlich verhindern+! Ein Kavalier mit +Magen- und Darmkatarrh+ ist eine Unmöglichkeit! Und +kein+ Kavalier sein, ist aber eine +ebensolche+ Unmöglichkeit! Uns es aber +erleichtern+ scheint eine noch größere Unmöglichkeit zu sein für „+liebende Frauen+“!!! DER LETZTE WILLE EINES DEUTSCHEN PRINZEN +Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen nach seiner tödlichen Verwundung.+ +Berlin+, 14. September. (Privattelegramm.) Der jüngst gefallene Prinz +Ernst+ von +Sachsen-Meiningen+ schrieb nach der tödlichen Verwundung, die er erlitten, auf einen Notizblock: „+Bestattet mich nicht in der Fürstengruft, sondern gemeinsam mit tapferen Soldaten in der Stadt. Ein einfaches Kreuz darauf -- dies genügt für Deutschlands Söhne.+“ BRIEFWECHSEL ZWEIER FREUNDINNEN Liebe Freundin, wir Frauen haben etwas +Gemeinsames+ mit den Dichtern und Denkern -- -- -- wir interessieren uns nämlich nicht für +Lokalereignisse+ der Menschheit, sondern mehr für das Ganze! Unsere Schwärmereien gehen ins Große, der Frühling, die Berge, die Menschheit. Wir sind schwächliche Träumerinnen, folgen gerne ins Weite den Propheten und Heiligen, den Vorausschauern in eine lichtere Zukunft! Aber siehst du, manches Mal erwischt uns doch ein Lokalereignis bei einem Zipfel unserer Seele! Zum Beispiel jetzt, wenn ich so nachdenke in meinem Zimmer, weiß ich es genau, daß es in ganz Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol kein Mädchen geben könne, +unmöglich+, die auf verwundete Helden siedendes +Öl+ herabgießen könnte! Sie +könnten+ es einfach +nicht+! Siehe, +das allein+ ist Seelenkultur, etwas ganz Infames nicht leisten zu +können+, selbst wenn man es sogar, +aufgestachelt+, tun möchte! Es nicht tun +können+, sogar gegen seine Leidenschaft! Nicht lügen +können+, selbst wenn einem das Wasser bis an den Mund geht, einen zu ertränken! Nicht gemein sein +können+, selbst wenn es eine +Notwendigkeit wäre+; nicht aus +moralischen Bedenken heraus+ nicht +unanständig+ sein können, sondern aus der +Genialität+ heraus einer mysteriös +alles+ besiegenden Naturheilkraft; da erst erweist sich die +Edelrassigkeit+ oder die +Schäbigkeit+! Wir +könnten kein+ siedendes Öl herabgießen! Nein, +das+ könnten wir nicht, +Gott sei Dank+! Deine Paula Sch. AN DIE FRAUEN! Anno Domini 1914. +Wehe dem Luxus!+ Ich weiß es nicht, ob diese bedrängten Kriegszeiten euch noch helfen können, Frauen! Ob ihr nicht durch diese feige schändliche +Verwöhnung+ durch die Männer, die von euch +irgendwie+ (!?) +abhängig+ sind, schon endgültig in eurer +Psyche+ ruiniert, verkümmert, zerrüttet seid! Aber wenn noch ein Funke „idealen Lebens“ in euch +Irregeleiteten+, durch Mannes +Schwäche+ (angeblich +Kraft+), schlummert, so +beweist es nun+, indem ihr euch +jegliches Unnötigen+ sogleich entäußert, und es erfasset, daß ihr das Glück, die +Gnade+ der Selbstlosigkeit, die +aller+ Religionen +einzig wertvoller+ Kern ist, jetzt wieder erringen könnt, und, wenn auch mais un peu tard, +in Betätigung+ umsetzen könnt! Eine richtig, zart, schmackhaft, billig gekochte, nahrhafte, leichtverdauliche Suppe ist +wertvoller+ als +alles+, was ihr von Dichtern und Künstlern +falsch aufgeschnappt+ habt! Ihr habt euch geschmückt mit den, +wirklichen Geistern+ frech naseweis ausgerupften Federn! Ihr habt es stets +ausgenützt+, daß der Mann euch +braucht+! Aber +dienen+, +helfen+, +fördern+, +stärken+, habt ihr +nicht+ erlernt! Sondern +schwächen+!!! +Erlernt+?! Es liegt von jeher in euch! Der Mann hat +nachgegeben, nachgegeben+, immer, immer, +man weiß warum+! Und ihr, +angeblich+ Zartestes in der Welt, habt das nur +ausgenützt+! +Ungezogen+, +frech+ und +unreligiös+! Ein zart und besonders zubereitetes Gemüse ist +wertvoller+ als alle eure feigen Träumereien, für die Welt! Für den +Mann+ vor allem, diesen +Geist+, diese +Kraft+ des +Lebens+! Daß man +euch+ in dieser Weltmaschine „Mann“ als Tonikum, als +Belebendes+, +braucht+, soll eure +demütige sanfte Ehre+ sein! Nicht eure +freche Überhebung+! Jedes zarte Rädchen in dieser kompliziert-genialen Maschinerie „+Mann+“ sei sich +seines Anteiles+ am Ganzen +froh-dankbar+ bewußt! Aber zu +sagen+, zu +denken+, zu +empfinden+: etsch, wenn +ich+ stehen bleibe und mich +versage+, ist der ganze Krempel +hin+ und +wertlos+ -- -- -- +das+ ist eine +Gemeinheit+! +Wehe+ dem Mann, der +wirklich davon+ abhängt -- -- -- er +sterbe, als ein Unnötiger+! Als einer, der seine +Pflicht+ als +Herr der Welt versäumt, verletzt+ hat! SCHICKSALS TRAGISCHER ANFANG Die Leiden des jungen Werther, von Goethe. „Den 17. Mai. -- -- --; noch einen braven Mann habe ich kennen gelernt, den fürstlichen Amtmann Buff, einen offenen treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein, ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neun hat; besonders macht man viel Wesens von seiner ältesten Tochter Lotte.“ * Um zwölf mittags starb er. Der Amtmann und seine Söhne folgten der Leiche. Albert (Lottes Gatte) vermocht’s nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. GEDICHT Wie ich zu Tode quäle eine liebevolle Seele, wenn ihre Hülle „Leib“ nicht meinem Ideal entspricht -- -- --! Wie stell’ ich’s aber an, daß ich das „Edlere“ wähle?!? Mein Wächter „Auge“ gestattet es mir nicht! Er sagt: „Man täuschet dich; die beste Seele Kann eben nur im besten Leib gedeihn! Und nur weil Christus vollkommen schön gewesen, konnt sich sein Herz der ganzen Menschheit weihn! Voll innerer Sanftmut ist nur das schönste Wesen; es dankt dem Schöpfer gleichsam ewig für seine Gnad’ auf Erden -- -- --, in ihrem verborgensten Blick kannst du es lesen: ‚Ich bin von Ihm +verpflichtet+ worden, +gut+ zu werden!‘ Gott ähnlich werden ist +jedem+ benommen, der nicht +die Glieder+ dazu mitbekommen! Nur vom +vollendet schönen+ Menschen fordre ich Hirn und Herz -- -- -- Er fliege, gottbegnadet, himmelwärts! Er sei gerecht, allgütig und allweise -- -- -- Und er allein stört mir nicht meine Kreise, daß der Mensch engelrein werden könne in absehbarer Zeit! Von den anderen aber verlang ich +nur+, daß sie sich betrachten als mißlungene Exemplare der Ideale erträumenden Natur!“ MAN ERMANNT SICH „Jetzt hab ich’s aber einmal dem g’sagt!“, ist ein schrecklich blödes und +kindlich-rührendes+ Auskunftsmittel, seine eigenen irritierten Nerven zu beschwichtigen. Denn der, dem man’s „endlich einmal“ g’sagt hat, der hat eine andere Ansicht darüber und denkt: „Jessas, hat der sich jetzt ‚gift‘!“ Das heißt +wirklich+ „vergiftet“ durch Ärger! +Jeder+ hat doch eben irgend einen +Panzer+ gegen +das+, was man ihm sagt, um ihn +empfindlich zu treffen+! Man muß nur Frauen anschauen, ihr Katzenantlitz, wenn man ihnen den Vorwurf der Koketterie macht! „He, Dummer, kann ich etwas dafür, wenn ich +so vielen+ gefalle?!?“ Wirklich, soll sie sich denn das süße Gesichterl mit Ruß anstreichen, sich die kleinen Brüste und den großen Popo abschneiden?! Niemandem, siehe, hat man es „endlich einmal“ gesagt! Sondern man hat eine Kugel +zielsicher+ abgeschossen, die +abprallt+ und nur +dich selbst+ verwundet! +Sagen+ kann man nur etwas jemandem, der schon erbleicht und krank ist vor +innerem Selbstvorwurf+, +ehe+ du es ihm +gesagt+ hast! Du kannst jedem „+zu sich selbst+“ verhelfen, aber nicht „+zu dir+“! Will er „+durch sich selbst+ hindurch“ +ernstlich+ zu dir, dann kannst du ihm eventuell liebevoll die Rettungsleine werfen eines ernsten Wortes! Aber „Dem hab ich’s einmal g’sagt!“ gibt es nicht. PLAUDEREI Melancholie, trüber Sinn (Trübsinn), schwarze Gedanken +übermüden+, erschöpfen das +Gehirn+, gerade so wie Überturnen die Muskeln, das Herz! Über etwas noch +hinüberkommen+ können, ist +Gesundheit+, über etwas +nicht mehr+ hinüberkommen können, +Krankheit+! Endgültige Dinge sind leichter zu überwinden als +Befürchtungen+! In den Seelen Liebevollster steht’s ganz tief drinnen geheimnisvoll eingegraben: „Wenn’s nur schon +aus+ wär, mit ihm, mit ihr!“ „Wird mich meine vergötterte Geliebte betrügen?!“ ist +viel schrecklicher+ als: „Meine vergötterte Frau +hat+ mich betrogen!“ „Gott sei Dank, ich bin bei der +Matura+ gefallen!“ sagte +aufatmend+ der Abiturient, der von Oktober bis Juli gezittert hatte! Der Verbrecher rennt oft leichtsinnig in sein eigenes Garn! Ja, sein gequältes Gehirn zwingt ihn gleichsam, ein Ende zu machen mit den Befürchtungen! +Leichtsinn+ des Spielers, des Trinkers, ist der +genial-letzte+ Versuch eines gequälten Gehirnes, über +Trübsinn+ hinüberzukommen! ANNA „Was sprechen Sie also mit so einem Mädel wie die Anna?!“ „Selbstverständlich +nichts+. Mit einem Reh im Walde, mit einer Gazelle, einer Antilope, führt man doch auch keine Konversation!“ „+Langweilen+ Sie sich nie mit ihr?!“ „Nein, +sie+ mit +mir+!“ * Anna: „Peter, ich zahl dir eine Portion Kaviar, wenn du meinen neuen Hut für hübsch erklärst!“ „Ich finde ihn reizend!“ * „Peter, was ist los, bist schon wieder gekränkt, daß ich mit dem Menschen weggeh?!? Hab ich dich deshalb +lieber+, wenn ich +bei dir sitzen bleib+?! +Eher mehr+, wenn du mich +weggehn laßt+! Nur g’scheit sein, nur ein bissel nachdenken über die Sachen! Wenn ich dableib, langweil ich mich. Und wenn ich mich langweil, hab ich dich nicht mehr so gern wie sonst!“ * Baron T. fand bei ihr eines Tages einen kleinen Notizzettel: „Ich muß für einen Moment hinaus heißt auf französisch: +je dois aller faire pipi+. Der Peter sagt, die Französin mache kein +Geheimnis+ daraus, sie will dem Mann +nicht einreden+, sie sei ein +bedürfnisloser Engel+! Aber auf deutsch trau ich mich doch nicht, also muß ich mir’s jetzt französisch einlernen!“ * „Siehst du, Peter, so bist du! Diese Dame hat zu dir jetzt gesagt, daß du so etwas Schönes geschrieben hast: ‚+Tragisch+ muß ein Erlebnis erst werden, dann hast du es erst +wirklich erlebt+‘! Ich versteh das gar nicht. Aber +sie+ will dich auch nur einfangen, dir schmeicheln damit. Und ich sag dir, +sie+ versteht’s +noch weniger+ als ich! Siehst du, wie dumm du bist, laßt dich einfangen von solchen blöden Weibern!“ * Man kauft ein kleines herrliches +Terrarium+, mit schwarzer Erde und gelbem Sand, setzt eine smaragdschillernde Eidechse hinein, die alle modernen Tänzerinnen durch edle selbstverständliche Agilität in Schatten stellt, und dann fragen einen die Leute, +wozu+ man es habe?! Zu welchem Zweck, und ob es einen wirklich glücklich mache?!? * Ist denn +stehen+, +gehen+, +sitzen+, das Haupt aufstützen, gebückt sein, sich aufrichten, verlegen sein, verzagt sein, schleichen, tanzen, ernst sein, ungeistig, unseelisch sein, Almboden-duftend sein, +gar nichts+?! Oft ist es ja doch +mehr als alles+! Für +den+ jedenfalls, der es +so+ empfindet! * „Ich verlange ja, Anna, von dir weder Anhänglichkeit, noch Freundschaft, noch Verständnis, noch Dankbarkeit. Aber kannst du nicht für zehn Minuten deine geliebte Hand in der meinigen lassen, wo du doch sonst so oft -- -- --.“ „Nein, das kann ich eben nicht!“ „Du kannst dir ja dann die Hände waschen.“ „Ach, da schau her, was +der+ alles noch von mir +verlangert+!“ * Ich gebe den wundervollsten Zierpark für eine kurzgrasige Almwiese her. Die schönsten Rosen für das dunkelrote schokoladeduftende Kohlröserl der Bergwiese. Den Gesang der Patti für den ersten leisen Ruf des Vogels im Morgengrauen. Ich anerkenne auch den +anderen+ Geschmack. Aber ich +bedauere+ die Menschen, die ihn haben! * Was ist dir, Anna, an deinem Leib so wertlos, daß du ihn +aufsparst+ für den, dem er +nichts+ ist?! Und +dem+, siehe, in fast kindischem Trotze, ihn +verweigerst+, dem er wie Wasser ist für Fische, und wie Luft für Lungen!? Und ein Fanatismus ist er, eine Religion, eine Gesundung, und siehe, zugleich eine tiefe süße Krankheit!?! Vielleicht hast +du+ recht! Anna! Vielleicht wird einst der Sieger zu mir sagen: „Ich +beneide+ Sie um das, was Sie +nicht gehabt haben+! Sie haben noch die +Sehnsucht+ und die +Not+!“ * Ich las heute fünf Stunden lang in meinem Zimmerchen: Hermann Bahr über Direktor Burckhard. Egon Friedell: Ecce poeta. Mein Lieblingskinderbuch: Les petites filles modèles. J. S. Máchar: Magdaléna. Und Goethe: Hermann und Dorothea. Ich war wie ein Genesender, in anderen Welten. Da fielen mir die zarten feinen Schritte ein, und wie sie gestern den Arm hielt über die Sessellehne. Da sprach ich zu mir selbst: Siehe! du bist +auch nicht stärker+ als die anderen! Gott sei Dank, ich bin +so schwach+ wie alle! DER „KOBERER“ (KUPPLER) „Du,“ sagte der Graf zur Mitzi G., „wer hat dir denn diesen Brief an mich aufgesetzt?!“ „Aufgesetzt?! Aufgesetzt?! Wie meinen Sie das?!“ „Aufgesetzt! Selbstverständlich hast du den nicht selbst verfaßt!“ „Weshalb nicht?! Bin ich denn gar so dumm?!“ „Nein, ja. Aber diesen Brief hast +du+ einmal +nicht+ verfaßt!“ „Wer sollte ihn denn verfaßt haben?!“ „Das weiß ich nicht. Das weißt nur +du+. Du, Mitzerl, ich gebe dir 100 Kronen, wenn du mir den Namen nennst!“ „100 Kronen?! Gib mir 150!“ „Also 150!“ „Der +Peter+!“ „Was für ein Peter?!“ „No, der Peter, der Peter Altenberg!“ +Der Brief+: „Habe Dich heute nacht im ‚Tabarin‘ wiedergesehen! Konnte Dich nicht ansprechen, durfte es ja doch nicht. Also, da sitzt vis-a-vis von mir +der+ Mensch, der mich ein Jahr lang splitternackt unter der Bettdecke gehabt hat!? Und alles hat doch nichts genutzt!“ „Wie kommt er dazu, dir diesen Brief aufzusetzen?!“ „Ich hab zu ihm gesagt: ‚Schreiben S’ mir um Gottes willen so was, was +ich+ schreiben +müßt+, wenn ich’s schreiben +könnt+!‘“ „Also ist der Brief ja doch nur wieder von dir?!“ „Das hab ich +ja gleich gesagt+!“ Da nahm sie denn der Graf wieder zu sich. WELTENBUMMLER 1914 Der +Kriegsgott+ und der +Tod+ schlenderten selbander einige Wochen vorher, als elegante Kavaliere verkleidet, so durch die verschiedenen Lokale und belauschten die Gespräche. Da vernahmen sie, daß es +noch sehr+ die Frage sei, ob der „+Tango+“ sich werde +durchsetzen+ können und ob er überhaupt +salonfähig+ sei!? Ferner, ob +Reiherfedern+ heuer modern bleiben würden!? Ja, der amerikanische Geschmack setze sich, Gott sei Dank, immer mehr durch, aber bei aller Einfachheit sei der Stoff selbst eben um das wieder teurer! An dem Stammtisch des Dichters vernahmen die beiden Herren eine schreckliche Eifersuchtsszene, weil einer der Gäste der goldblonden Tschechin selbstgepflückte Bergblumen mitgebracht hatte. Der Dichter schrie erbost: „Principiis obsta! Gleich am Anfang kann man noch erretten! +Später+ ist +zu spät+!“ Alle schrien: „Bravo, Peter, hast es dem Kerl gut gegeben!“ Weil nämlich alle wegen der süßen Tschechin eifersüchtig waren. Woanders hörten sie, daß man sich eigentlich nur mehr in Zimmern mit modernem Marmor und Mahagoni so recht gemütlich und +heimisch+ fühlen könne. Da schlichen die beiden Kavaliere traurig von dannen --. Da kamen sie an einer Armenhütte vorbei. Da sagte der Mann zu seinem jungen Weibe: „Schlimmer kann’s doch nimmer werden! Ein Gewitter sollt niedergehn, das +reinfegt+!“ Da ließen die beiden Kavaliere ihre Masken fallen und standen in blinkendem Stahl und weißem Knochenbein da -- -- --. WISSENSCHAFT UND KRIEG 1914 +Zurücklegung der goldenen Medaille der Royal Society durch Professor Röntgen.+ Aus +München+ wird uns telegraphiert: Professor +Röntgen+ hat die ihm von der Royal Society in London verliehene große goldene Medaille, die er nicht mehr besitzen will, dem Roten Kreuz überwiesen. Die Medaille besitzt einen Goldwert von ungefähr 1000 M. NACH DREI JAHREN „O Peter, Peter, lieber Peter, daß ich Sie endlich wiedersehe, und so ganz unverändert, nein sogar verjüngt!?“ „Von +Wieder+-sehen kann natürlich nicht die Rede sein, da ich Sie zum erstenmal im Leben erblicke!“ „Peter, Peter -- -- --!?“ „So viel ‚Peter‘ können Sie gar nicht aussprechen, daß ich wissen sollte, +wer+ Sie sind!“ „Peter, ich bin doch Ihre süße Mathilda!“ „Mathilda, die edle Gazelle? Sie waren ja wie ein Faden so dünn!“ „Ich mußte eine +Mastkur+ durchmachen. Man muß sich eben entscheiden zwischen +Faden+ und +Leben+!“ „Da hätte ich mich für den Faden entschieden!“ LIEBESGEDICHT Dora! Ein +neuer+ Name, frisch und hell und +neu+! Die alten Namen sind blaß und alt, und wie aus blechernen Kindertrompeten! Dein Name, Dora, ist +Fanfare+! Aus Silber. So ein Nebelhorn, das durchtönt durch die dunkle Welt, irgend etwas erweckend, auf, zum Dasein! Dein Name geht mir bis ins Herz, ich möchte dir außergewöhnliche Nelken schenken, und deine Ehre kniefällig preisen, die +in mir+ für dich ist! Man weiß nicht, weshalb!? Ein +neuer+ Name, +Dora+! +Wie Regen+ ist für Pflanzen, wenn +zu lang+ Sonne war! Wie +Sonne+ ist, wenn +zu lang+ Regen war! Vom Semmering kommst du, vom Sonnwendestein, vom Pinkenkogel, vom Berghotel, und stiegst hernieder in die Niederungen meines Zimmerchens! +Ave, Dora+! CHRISTENTUM 1 Der grauhaarige fünfzigjährige Kellner meines Hotels sagte zu mir: „Helfen Sie mir! Ich war einst Provisor in einer Apotheke. Ich möchte wieder so eine Stelle haben. Zum Kellner tauge ich leider nicht!“ Ich ging von einer Apotheke zur anderen, ihm eine Provisorstelle zu verschaffen. Vergeblich. Acht Tage später sagte mir meine wunderschöne fünfzehnjährige Freundin: „Du, der Oberkellner ist ein +eigentümlicher+ Mensch! Gestern hat er mir drei Visitkarten von Studenten an den Tisch gebracht, ich solle meine Adresse darauf schreiben!“ Am nächsten Tage sagte der Kellner: „Wie ich Ihnen dankbar bin, daß Sie sich so um mich bemühen, wegen der Provisorstelle! Ich weiß wirklich gar nicht, wie ich mich da +revanchieren+ soll!?“ CHRISTENTUM 2 Gerichtsverhandlung. Mitleidige Frauen hatten +nach vielen Monaten+ sich endlich +entschlossen+, eine Anzeige zu erstatten. Der Vater hatte das fünfjährige Töchterchen, des Morgens, weil es ihm, verschlafen, nicht einen „Guten Morgen“ gewünscht hatte, aus dem Bettchen gezerrt, an den Ohren hochgezogen und fallen gelassen, diese Prozedur dreimal wiederholt. Der Gerichtsarzt hatte jedoch keine +äußerlichen+ Verletzungen „+konstatieren+“ können. In der +öffentlichen+ Gerichtsverhandlung wurde das fünfjährige Mäderl, dem die schauerlichen heimtückischen Peiniger es angedroht hatten, ihm im Falle einer +richtigen+ Aussage einen glühenden Eisennagel in den Popo hineinzutreiben, den kein Arzt sehen und „konstatieren“ würde, in Gegenwart seiner Peiniger befragt vom Richter, ob es denn +wirklich+ mißhandelt worden sei!? Das Kind antwortete frank und frei: „Nein, niemals! Papi lieb!“ PLATONISCHES GESPRÄCH Der Jüngling: „Herr Peter, welche Frau also darf man wirklich verehren?!“ „Die, die’s verdient!“ „Und welche verdient es?!“ „Die, die man sich so +erzieht+, daß sie’s verdient!“ „Gibt es nicht welche, die’s von Anfang sind?!“ „Ja, es gibt eben auch einen Beethoven und Schubert. Die sind’s von Anfang an!“ „Wie soll man sie erziehen?!“ „+Mehrerin+ aller unsrer Kräfte und +ewig+ Fürsorgliche, daß die vorhandenen nicht +verloren+ gehen!“ DIE FLIEGE Also, habe ich mir dieses Hundeleben, pardon, Fliegenleben, vielleicht verlangt?! Meine Eltern haben mich, nur ihrer eigenen Lust frönend, in die Welt gebracht, uneingedenk der schrecklichen Gefahren, denen ihr geliebtes Kindchen doch dadurch ausgesetzt werde! Ich will nicht von den Schwalben sprechen, diesen heimtückischen Meuchelmördern, die mit offenem Schnabel in rasendem Fluge daherstürmen und uns hinunterschlucken, schwapp! Denn sie ersparen uns wenigstens die Todesqualen, ihre scharfe Magensäure löst uns augenblicklich auf. Und schließlich, wenn wir +selbst+ Schwalben wären und die anderen die Fliegen?! Wären +wir+ rücksichtsvoller?! Keineswegs. Aber die Menschen, die Menschen! Ohne irgendeine Geschicklichkeit im Fliegen oder sonstwie, fangen sie uns ab an gekauften und an Lüstern mitten im Zimmer aufgehängten Leimbändern, die, um uns zu betören, noch mit Zucker bestrichen sind! Feig und faul liegt so ein junges hübsches Mädchen des Morgens im Bette, blickt ungerührt auf uns Unglückliche, die seit Sonnenaufgang, von dem lieblichen Dufte des Menschenleibes angezaubert, nun an dem Leimbande kleben, dem langsamen Martertode preisgegeben! Und ihre Verehrer träumen unterdessen: „Sie könnte keiner Fliege etwas zuleide tun!“ Ja, Schnecken! Rache, Rache! Die Ärzte haben erklärt: „Der Stich einer Mücke, die auf Aas gesessen ist, kann tödlich wirken!“ Brüder, Schwestern, auf Aas! SPLITTER Sie war eine junge arme Kassierin in einem „Tschecherl“. Sie hatte nur eine Leidenschaft, vielmehr eine Sehnsucht -- -- -- edle Zigaretten. Ich schenkte ihr welche. Eines Tages küßte ich sie, berührte sie zärtlich. Sie ließ es sich gefallen. Dann sagte sie: „Schade, jetzt schmecken mir diese feinen Zigaretten nicht mehr so gut. Bisher habe ich sie umsonst gehabt!“ * Als die süße junge Mathilda Sch., Kaffeeköchin, entlassen wurde, sagte ich zu ihr: „Ich will mich einer mir liebsten Sache entäußern dir zuliebe, die ich besitze!“ Und schenkte ihr meinen Weidenreisekorb, wasserdicht gefüttert, mit zwei Nickelschlössern, der meine einzige Reise, nach Venedig, miterlebt hatte. Später erst erinnerte ich mich, daß die Schlösser mich nervös gemacht hatten und nicht schließen. So ist es fast mit allen Schenkungen. Nur erinnern sich die anderen +vorher+! * Frau Vallière, die mich zu einer achttägigen Autofahrt durch das „Val Sugana“ eingeladen hatte, sagte mir beim Abschiede in Mestre, aus dem Waggonfenster heraus: „Sagen Sie mir, bitte, etwas Liebes, das ich mir mitnehmen kann in meine Tage!“ „Gnädige Frau, ich habe acht Tage lang es nicht gespürt, daß ich in Gesellschaft einer fremden Dame reise!“ „Danke!“ * Es gibt keine noch so anständige +ganz+ innerlich ausgefüllte, +ganz+ zufriedene Frau. Sie hat immer noch ein Plätzchen in ihrem Herzen für einen, der alles +hergibt+ und nichts +bekommt+! * Angenehme Kritik. Das „Prager Tagblatt“ schrieb: „Das Buch ‚Semmering 1912‘ ist vor +drei+ Monaten erschienen. Es hat +bereits+ drei Auflagen. Bereits?! Es sollte +bereits+ hundert haben!“ * Jede Frau ist eine +perfid+-absichtliche oder +perfid+-unabsichtliche Zerstörerin der Welt, die man sich mit einer anderen mühselig-zärtlich aufgebaut hat! Mit einer einzigen +geschickt-ungeschickten+ Bemerkung, nur so hingesagt, kann sie wie ein 38-cm-Geschütz alles in Trümmer legen und vernichten, was man jahrelang zum Schutze seiner Seele aufgebaut hatte für eine Andere! Es gibt einige wenige Frauen, die +keine+ Giftzähne haben, das sind Seelengenies. Z. B. die Paula, die Dora. Sie sind hilflos, +also+ süße Kindchen! Die, die sich wehren können, sind Kreuzottern +gleichzuachten+, schleichenden Reptilien. +Zertritt+ sie! * An eine Vierzehnjährige: „Wenn du mich +verläßt+ -- -- -- wirst du +wiederkommen+! +Getreulicher+ als wenn du mich nie +verlassen+ hättest! +Deine+ Erfahrung war dir dann wichtiger als +meine+ Lehre! Und dennoch hätte dir diese viel +ersparen+ können! Aber du hattest ja Zeit -- -- -- von vierzehn bis neunzehn! Und ersparen tun sich Frauen nichts gern, besonders von den süßen, den süß-bitteren Erfahrungen!“ * Wenn mein Stubenmädchen einmal mein hübsches Zimmerchen nicht aufräumt und ich ihr Vorwürfe mache, sagt sie: „Jessas, wann ma amal vergißt, der Stall wird sich noch halten bis morgen!“ Sage ich aber nichts, sondern blicke nur stumm und ernst, so hat sie zwar Gewissensbisse, erbleicht, aber räumt nicht auf. „Wann also räumt sie denn dann doch auf?!“ Wenn ich eine Krone bezahle! „Das ist eine Gemeinheit!“ Keineswegs, von selbst zahle ich ja nicht, erst bis Staub auffliegt! * Wenn meine Geliebte nicht da ist, sehne ich mich nicht nach ihr, wenn sie da ist, schon gar nicht, wann also sehne ich mich nach ihr?! * „Abgesehen vom Talent, könnte ich alle dieselben Sachen schreiben wie dieser Peter Altenberg. Wenn ich nämlich +ebenso+ unverschämt wäre und dieses ununterbrochene und überflüssige +Bedürfnis+ hätte, die Menschen über irgend etwas +aufzuklären+! Ich bin +direkt froh+, daß sie ‚irre gehen‘. Wer hat denn +mich+ aufgeklärt?! Etsch!“ * Meine Mama sagte immer zu mir noch in den sogenannt +guten+ Zeiten: „Wenn wir die 20000 Kronen wirklich +hätten+, die wir jährlich +ausgeben+, so hättest du ein Recht, uns Vorwürfe zu machen, daß wir sie +ganz+ ausgeben! Da wir sie aber +nicht+ haben und +dennoch+ ausgeben, ist es eine Taktlosigkeit von dir!“ * Die „Anständigkeit“ einer Frau hängt +ausschließlich+ von ihrem „Akt“ ab. Ist dieser +vollkommen+, dann +muß+ sie immer „unanständig“ bleiben! +Nur+ das Bewußtsein, nicht +allen+ zu gefallen, bringt sie dazu, sich einem +einzigen+ anzuhängen! * Nur das Gefühl, demnächst „aus dem Leim zu gehen“, erzeugt bei der Frau eine Art von +Talmitreue+! * Wenn die schöne Frau keine +Phantasie+ hätte! Dann könnte sie sich es nicht +vorstellen+, wie es wäre, wenn sie +den+ oder +jenen+ erhören würde! So aber -- -- -- hat sie Phantasie! * An eine schöne Frau +glauben+, ist dasselbe, wie es glauben, daß der Kuckuck im Sommerwalde +nur+ für +uns+ seinen bezaubernden Ruf erschallen lasse! * „Vous me déshabillez tout-à-fait sous mes vêtements, avec vos yeux!“ sagte eine Süße zu mir. LIEBESGEDICHT Was du mir +spendest+, zahl ich dir +zurück+, mit anständigen Zinsen, mit dem Gelde meiner Seele, meines Geistes, Anna! Wuchergeschäfte wollen wir nicht machen -- -- -- dazu sind wir +beide+ zu intelligent. +Zu bald+ würde der Übervorteilte es spüren! Und +traurig+ werden! +Atonie+ der Seele! +Reinliche+ Geschäfte der Seele und des Leibes geziemen dem Weisen des Daseins! Und wir +sind+, wir +sind+ nun einmal da in +dieser+ Welt, können uns nicht +entziehen+, auf die Dauer! Was du mir +spendest+, zahl ich dir gern und leicht zurück; und meinem +Geiste+ hast du +deinen+, wenn auch +von mir+ erworbenen, entgegenzubieten, und noch dazu gratis die weißen Beine und die goldenen Haare und die Kinderbrüste! Siehe, ich muß mich also direkt anstrengen, das durch Anmut meines Geistes und Kraft und Weltenweisheit auszugleichen, was du +von selbst+ durch Schicksals Gnade spendest! Drum sind wir, siehe, leider dennoch ewig in eurer Schuld, Anna! Ein Blick von dir -- -- -- und im Schuldbuch steht: „Peter, du schuldest ihr noch Milliarden!“ REVANCHE Sahest du heute, ängstlichen Blickes, in meinen Augen die Gespenster der Entfremdung, Mädchen -- -- --?! Und sahest mich an, flehentlichen Blickes, und konntest nicht sprechen, was du so gern sprechen wolltest, und konntest dich nicht rühren und mir um den Hals fallen?! Und bliebest +verbittert+ stehen, wie umgewandelt von meiner Ungnade, +erbittert+ über das Schicksal und die Welt?! Siehe, +so, so+ bin +ich+ einst gestanden vor +jener+ --. Und weil ich weiß, +wie+ es tut, nehm ich dich also wieder in Gnaden auf, Mädchen! DIE „UNGLÜCKLICHE“ LIEBE Aber wenn ich deine Hand beim Abschiede im Restaurant berühre oder auf der Straße?!? Feiere ich da nicht meine Hochzeitsnacht mit dir, fast +physiologisch+?!? Und siehe, dein Geliebter steht vielleicht dabei und schaut, und sagt zu mir halb mitleidig: „Servus, verrücktes Huhn --!“ Und küss ich nicht die Innenfläche meiner eigenen Hand, die +deine+ Handinnenfläche für einen Augenblick lang sanft berührt hat?!? Gibt uns der „+seelische Selbsterhaltungstrieb+“, diese immanente Angst vor dem Zerstörtwerden, nicht +Zaubermittel fast+, uns zu erretten aus der Not der Seele?!? Und wenn wir ihr beim Anziehen, beim Ausziehen ihres Paletots behilflich sind, vor allen Leuten, haben wir da nicht Schauer mysteriöser Zärtlichkeiten, die der +Beglückte+ vielleicht im Bette nicht einmal empfindet mit ihr, da sie dort zum „Weibchen“ wird, gleich allen, die +schon+ waren, und die +noch+ kommen werden oder könnten! Die +Art+ besiegt das +Individuum+! Ist’s nicht ein +Ausgleich+ unseres +Unglück-Glückes+?!? Könnt ihr uns unsere Hochzeitsnächte rauben, ihr +Beglückten+?! Wir haben sie +hinterrücks+ -- --. Wir haben sie sogar in der „+Phantasie der Frauen+“, die uns +nicht+ erhören! Wie, wenn sie uns erhörten, träumen sie manchmal? Einmal, aus Laune oder Ungezogenheit und Neugier?! So Gnadenspenderin spielen?!? Teufeline?!? Was vor dem +halben Einschlafen+ des Nachts die Frauennerven sich +halb erträumen+, thront +oberhalb+ moralischer Gesetze! Niemand kann’s +verwehren+! Drückt ihr, +Beglückte+, vielleicht je den Rand ihres Trinkglases verstohlen an eure Lippen, ja +umküßt ihn+ ganz, mit zärtlicher Geschicklichkeit, wenn der Tisch frei geworden ist von Gästen im leeren Speisezimmer?!? Küßt ihr die Orangenschalen, die sie geschält hat?!? Küßt ihr die +lippengeheiligten+ Gabelzinken?!? Schleicht ihr euch hin, wie Jäger auf die Beute, Haselnußschalen aufbewahrend, Traubenstengel, von ihrem geliebten Teller?!? Gebt ihr dem Stubenmädchen, das euch dabei ertappte bei eurer heiligen Handlung, zehn Kronen, daß sie verschwiegen bleibe?!? Habt +ihr+ solche +Schliche+ nötig, +glückliche+ Unglückselige?!? Und einmal sagte mir ein junges Stubenmädchen: „Ich nehm kein Geld, ich +gönn’s+ der Frau!“ Ein +Nichts+ wird eine +Kirche+! Und die Sehnsucht, ihr Kleid zufällig zu berühren, wird ein +Fanatismus+! Das Kleid wird zum +Symbole+ ihres Leibes! Die lose Kleiderfalte, die absteht, wird zu ihrer Haut! Wir können ihren Leib berühren in ihrer losen Kleiderfalte. Wir! Man berührt ihr Kleid, und man kann wieder schlafen, schlafen, +von da an+, wie wenn’s ein Schlafmittel wäre für zerstörte Nerven! Man schläft ein, wie ein weinendes Kindchen einschläft, dem man gewährte, wessen es bedurfte -- --. Friedevoll versinkt man in bessere Welten. Weil man ihr Kleid berührt hat -- -- --. Ihr armen +Glücklichen+, was braucht ihr +alles erst+ zu eurem Glücke?!? Uns aber weht ihr Atem unwillkürlich an beim Sprechen und macht uns bereits selig -- -- --. Das alles nennen sie dann unsere „+unglückliche Liebe+“! VARIATION ÜBER EIN BELIEBTES THEMA +Verwöhnt sein+, ist das schreckliche Unglück der schönen Frauen. Infolgedessen haben sie +nichts+ von ihrem Leben, sondern +nur noch+ Neid, Eifersucht, Eitelkeit. „Ich bin es so +gewöhnt+“, ist der tückischste +Mord+ an der Seele. Denn siehe, sie wünscht stets und stets +überrascht+ zu werden! Was ihr gewohnt wird, macht sie +leblos, tot+. Sie hört +allmählich+ auf zu +funktionieren+, wird starr, hart, sogar bösartig. Ein gütiger Blick zu +ungewohnter+ Gelegenheit! Und die Seele errötet dir vor Freude. Das was sie stets bekommt und stets, läßt sie bleich. Und dennoch wäre es tiefste Kultur, das Gute, das man hat, +stets+ zu empfinden als eine Gnade Gottes! +Dazu+ sollte man ein Kind erziehen, daß es in jeder Schachtel seine besonderen Schätze hat und daß ein Pfirsich ist wie Feiertag! Schöne Frauen haben +nichts+ von ihrem Leben. Sie sind zu sehr daran gewöhnt, schön zu sein! Wenn eine Häßliche acht Tage lang schön sein könnte! Eine Schöne viele Tage unscheinbar! Ein Bettler vierzehn Tage lang reich! Ein Reicher hie und da bettlerisch! Um aus +Gewohntem+ Schätze auszulösen für die Seele, muß man schon fast der Weltgeist selber sein! PARTE Einmal mein wirkliches echtes +nicht+ konventionelles Beileid! Zum Heldentode eines der +allerkultiviertesten+ Menschen: Unser lieber Bruder =Dr. jur. Herbert Fries= =Fähnrich i. d. R. des k. u. k. Feldkanonen-Regiments Nr. 42= ist am 7. September 1914 bei Rawaruska gefallen und wurde auf dem Ortsfriedhof in Rzyczki bestattet. +Inzersdorf+ bei Wien, Oktober 1914. =Dr. Edgar Fries=, =Elisabeth Freiin v. Pereira=, =Dr. Egon Fries=, =Lyda Wittgenstein=, =Hertha Fries=, Leutnant i. d. R. =Dr. Egbert Fries= im Felde. AN DIE KOKETTE Soll ich verzeihen, daß es schon wieder regnet?!? Und wenn es sein muß, immer wieder regnen wird?!? Darfst du denn um etwas mich um Verzeihung bitten, das +außerhalb+ deines guten Willens ist?!? Ich kann verzeihn, daß du unanmutig gehst, nicht schwebst in freudigen Leichtigkeiten -- -- --; obzwar’s mein Auge ärgert und es lieblos macht --; schwerfällige Nymphen sind ein böser Gegensatz -- -- --. Ich kann’s verzeihn, denn Übung könnte bei gutem Willen es noch mählich ändern -- -- --. Doch wie soll ich dir die „inneren Mächte“ verzeihn, dein Schicksal, das du miterhalten hast in deinen Nerven?!? Soll ich dir Vater, Mutter, Großeltern verzeihn und alle deine Ahnen?!? Wenn du’s von mir verlangst, verzeihe ich! So verzeihe ich der Kreuzotter, die den Todesbiß gibt wegen nichts. Sie sticht -- weshalb, niemand kann es ergründen! Ja, ich verzeih und sterbe! Aber ist es anständig, Verzeihung zu verlangen, zu erwarten, für Sünden, die man dennoch nicht lassen kann?!? So eine Frist sich zu verschaffen von verlogenem Frieden?!? Darf die Kokette uns um Verzeihung bitten?!? Sieh, Rosita, ich werde also dein gutmütiges Bemühn gerührt betrachten -- -- --; ja, tief, tief gerührt! So schau ich zu, wie eine edle Seele mit ihren Höllen kindisch kämpft -- -- --. Verzeihung, tragischstes aller Worte! Kann ich verzeihen, daß es wieder regnet?!? Und wenn es sein muß, immer wieder regnen wird?!? Geliebteste, laß uns ohne Verzeihung leben! Die Sünden sind des Tages und der Stunde -- -- -- vielleicht lohnt sich das Ganze doch der Qual! SPLITTER Wenn ich jemanden bitte, eine Sache, die mir wert und lieb ist, nicht anzurühren (man schaut nämlich mit die Augen, net mit die Pratzen), so ist +er+ beleidigt. „No no no, i friß Ihnen nix weg!“ „+Hoffentlich+,“ sage ich, „das wär noch schöner!“ * Ich habe eine Freundin, die immer eine Ausrede hat, um +dazubleiben+; und eine, die immer eine Ausrede hat, um +nicht+ dazubleiben. Jetzt denke ich in einem fort nach, welche mich weniger stört!? * Aphorismen sind das, was, wenn es einem anderen einfällt, er daraus einen langen Essay macht! Gott sei Dank fällt es ihm aber nicht ein! * Ich teile die Frauen ein, man muß nämlich alles einteilen, in solchene, die +immer+ denken: „Wie wäre es doch, wenn +dieser+ oder +jener+ -- -- --!?“ Und in solche, die das +nie+ denken. Die ersteren sind allein gefährlich! Aber auch die anderen sind nicht ungefährlich. Denn wenn sie bei einem +picken+ bleiben, bleiben sie +picken+! Und +das+ ist nicht jedermanns letzte Träumerei! * Wollen Sie +alle+ Fäden in der Hand haben, um Menschen wie Marionetten zu dirigieren?!? Nehmen Sie doch +nur+ die +drei+ Fäden: +Eitelkeit+, Geldgier, Sexualität! Schon +danach+ tanzen sie ganz korrekt. Nehmen Sie aber +noch dazu+ die +drei+ anderen Fäden: Neid, Eifersucht und Stupidität, so haben Sie ein ganz nett ausgeführtes Marionettenspiel! Wenn Sie z. B. der Dame Ihres Herzens, sagen wir nämlich +Herzens+, sagen: „Artur gefällt Ihnen also ernstlich?! Er hat gesagt, Sie hätten keine aristokratischen Fingernägel!“, so lassen Sie schon die öde Puppe ganz nett tanzen! Oder zu einem Herrn: „Marie sagte, im Schwimmkostüme auf dem Bild enttäuschten Sie! +Sonst+ wären Sie ein ganz netter Mensch!“ * Man muß sich „nach der Decke strecken!“ Ja, aber nach der leichten, wärmenden, schützenden! * Wenn eine Frau häßlich ist und es +spürt+, wird sie entweder eine +Viper+ oder eine +Heilige+! Wenn eine Frau schön ist und es +spürt+, wird sie entweder eine +Hetäre+ oder -- -- -- eine +reiche Hausfrau+! Nun werdet ihr mir sagen: „Aber, Herr Altenberg, es gibt doch auch noch +andere+ Menschen!“ Ja, im verklärten Lichte eures +Idiotismus+, nicht in dem düsteren Scheine unserer +Weisheit+! * Wenn eine schöne Frau „aus dem Leim gegangen ist“, so ist in ihr +eine ewige Trauer+. Aber das sieht nur der Dichter. Weil er selbst in ewiger Trauer ist über die Unzulänglichkeiten der Welt. * Wenn man sich +nicht+ umbringt, so lebt man weiter. Aber +lebt+ man wirklich weiter?! * +Verlogenstes+ Wort: „Ich hab ihn +sehr gern+, aber er geht mir auf die Nerven!“ * +Ideale+: Ich trage ihm +ebenso gern+ das Nachtgeschirr hinaus als ich ihm den Tee serviere! * „Sagen Sie aufrichtig, Herr Peter, ist Ihnen ein Stück Emmenthaler wie Sie sagen ‚mit tränenfeuchten großen Augen‘, nicht doch lieber auf einer silbernen Schüssel kredenzt mit silbernem Messer?!“ „Nein, auf einer lasierten Bauern-Tonschüssel und mit den Händen!“ * „Haben Sie also gar keinen Sinn für Raffinement?!“ „Ja, für das Raffinement idealer Finger, idealer Fußzehen, geraden Rückens, gewölbtesten Brustkorbes, federnden Ganges, der Eidechsenanmut, reinsten Teints, süßesten Atems und für das Raffinement leicht weinender Seele!“ * Keine Frau hat doch eine Ahnung, +was+ ein Dichter ist, einer, der um alle Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten der Welt sich abhärmt und daran krank wird! Für sie ist ein Dichter einer, was +für sie+ schwärmt! Nebbich! +Kann+ man denn ernstlich für sie schwärmen, wenn sie nicht +mindestens+ so zart, so nobel, so feinfühlig ist wie +eine+ Dichterseele?! * +Einsicht+ nehmen, in die Dinge des Lebens, Vorbereitungsklasse, sogenannte Taferlklasse, Abc-Taferlklasse des Lebens! +Voraussicht+: +Reife+ des Lebens! Abiturium! +Einsicht+ ist: Der Tag und die flüchtige vergängliche Stunde! +Voraussicht+: Die Ewigkeit! Die ewige +Entwicklung+! * „Ehret die Frauen! Sie flechten und weben -- --.“ Aber +nur+ die, die wirklich flechten und weben! * Was du an deinem Hunde an Zärtlichkeit +vergeudest+, +entziehst+ du den Menschen. So groß, meine Liebe, ist dein Zärtlichkeitskapital +ja doch nicht+, daß du es +nach allen Seiten+ hin spenden könntest! * Meine +Gedanken+ sind +gut+! Gebt +ihr+ die guten +Taten+ dazu! Damit das +Ganze+ einen Sinn habe! * Nachdem Dr. Egon Friedell das tiefste Buch geschrieben hatte, über das +moderne Werden+, über mich, hat er mich prompt +verleugnet+! Weil die +anderen+ das Buch nicht +verstanden+ haben, absichtlich nicht verstehen +wollten+! Nicht ein jeder ist eben zum +Märtyrer seiner+ höheren +Erkenntnisse+ geboren! Es muß auch -- -- -- +gute+ Schriftsteller +schlechtweg+ geben! * Man kann nur +gute Geschäfte+ machen wollen, nicht schlechte! Auch „+schenken+“ muß ein recht günstiges Geschäftchen sein, das man im stillen mit seiner eigenen Seele effektuiert! Ein nettes Profitchen an +innerer+ Befriedigung muß dabei herausschauen! * Auf dem Antlitz eines jeden steht es genau eingeschrieben und deutlich abzulesen, ob er einem eine besonders feine Zigarette mit Freuden oder mit Leid anbietet! * Dichter sein ist, ein besseres +Gedächtnis+ haben für Eindrücke, für schlechte und gute! Das rumort dann in einem und will irgendwie heraus! Einem Dichter kommt es zufällig bei der Seele heraus! * Jeder Mensch will sich ununterbrochen über irgend etwas +hinwegtäuschen+. Dazu sollen ihm +die anderen+ behilflich sein. Die es +nicht+ tun, sind dann „unliebenswürdige Naturen“! * Die Lebenskunst ist, jemandem eine +entsetzliche+ Wahrheit sagen können, +ohne+ daß er beleidigt ist! Seine Waffe nämlich ist: „Ich bin beleidigt!“ Du mußt in der Lage verbleiben, ihm noch einen zweiten und dritten Schuß zu versetzen. +Beleidigt+ darf einer erst sein, bis es +mir+ paßt, nicht +ihm+! * „Sagen Sie mir, daß ich gut aussehe!“ „Bezahlen Sie mir dafür zehn Kronen?!“ „Ja!“ „Soviel ist es Ihnen wert?! Sie sehen miserabel aus!“ * Es gibt, nach Gottes Plänen, nur eine Entwicklung +nach aufwärts+. Aber +ein jeder+ muß dazu extra noch ein bißchen +beitragen+, daß es doch nicht vielleicht zufällig +nach abwärts+ gehe! Auch +das+ liegt nämlich in Gottes Plänen! * England hat sich für Belgiens Neutralität eingesetzt, die +Deutschland+ mißachtet hat?! Hätte sich England auch für Belgiens Neutralität eingesetzt, wenn +Frankreich+ sie mißachtet hätte?! Nun also! * Japan läßt sich in europäische Interessensphären hineinziehen. Das heißt, es läßt sich +ausnützen+ und +anschmieren+! Wenn nur alle wüßten, daß es in keiner Sphäre des menschlichen Wirkens keine Freundschaft nicht gibt, sondern +nur+ Geschäftchen! * Kann man von seinem „behandelnden Arzte“ verlangen, daß er uns frage: „Hat Sie vielleicht Ihre Geliebte geärgert?!?“ Also, dann +kann+ man, +soll+ man von seinem „behandelnden Arzte“ +gar nichts+ verlangen! Er hätte nämlich als +anständiger Mensch+ hunderttausend Fragen zu stellen! Aber das wäre geradezu +unanständig+! Er fragt daher diskret: „Magen?! Darm?!“ Sexuelle Dinge fragt er schon nicht. „Sie sollten eine Zeitlang, sechs Monate, +keusch+ leben!“ Arzt, Mensch, Ochs, willst du deine „+Praxis+“ denn ganz einbüßen?!? Sei also nicht naseweis! * „Wenn ich dir sage, du habest ‚+semmelgelbe+‘ Haare, bist du gekränkt, Geliebte. Wenn ich dir sage ‚+weizengelbe+‘ Haare, bist du versöhnt. Wenn ich dir sage ‚sonnengelbe‘ Haare, bist du +befriedigt+!“ * Die reichen Juden haben die Nüchternheit erfunden! „As ma Geld hat, was braucht ma Schnaps?!“ * Zeit-+Diebinnen+: „Können Sie sich morgen vielleicht von 6-10 +für mich+ freimachen?!“ * „Für jemanden muß man doch um Gotteswillen da sein, der einen brauchen kann!“ sagte der Mann und ließ sich von einer Wanze sein Blut wegtrinken! * Er sagte nicht „+Geliebte+“ zu ihr, denn das ist +kein Ehrentitel+. Er sagte: „Du +Mehrerin+ meiner Lebens+kräfte+!“ An eine herzlose Kokette: „Mit einem Wort, Fräulein, wo Sie hintreten, wächst kein Gras mehr!“ * Schlecht sein ist gar nicht so schlecht wie +dumm+ sein! * Der Dumme hat eine Ausrede für sich. Daß er dumm ist. Das ist das Gefährliche. Daß man es für eine +Entschuldigung+ hält. Es ist -- -- -- eine +Anklage+! * „Der flämische Dichter Emile Verhaeren hat eine gewisse wenn auch entfernte Ähnlichkeit in seinem Naturempfinden wie Sie, Herr Peter!“ sagte eine schöne Dame zu mir. „So, findet er auch, daß Spinat die +schönste+, weil die +gesundeste+ Pflanze ist?!?“ * Wenn man immer +sich besinnen+ würde: Dr. Herbert Fr. hat mit 28 Jahren den Heldentod erlitten, kann nicht mehr En-Aala dickes Format rauchen, nicht mehr +einschlummern+ und gestärkt +erwachen+, nicht mehr Mitzi Thumb bewundern, nicht mehr froh sein seiner ökonomischen Sorgenlosigkeiten -- -- -- nun, was +wäre+ dann?! Dann würde man ihn vielleicht +noch immer+ um seinen raschen leichten Heldentod +beneiden+! * Eigenlob -- duftet: „Ich habe +nie+ einen Taktfehler begangen, außer, wenn ich ihn begehen +wollte+!“ * Wenn du ein Schwein schlachten zusehen kannst, ein Reh erschießen, einen Fisch abschlagen, dann kannst du auch eine Menschenseele abschlachten! * Wieviel edle Rücksicht haben Frauen für ihren Papagei, der nur ewig „Lora“ schreit, und wie wenig Rücksicht für ihre Dienstboten! * Die +Ehre+ einer Mutter müßte es sein, ihr Töchterchen +besser+, +tiefer+ zu verstehen, als es Tolstoi, Dostojewsky, Hamsun, Altenberg +verstünden+, wenn sie sie +kennen lernten+! Aber sie verstehen sie +schlechter+, +flacher+ sogar als ein jeder ihrer konventionellen begehrlichen Liebhaber und Verehrer! Und dann beklagt sich die Mutter über „Entfremdung“! Sie, diese +Fremdeste+! * Mein Stubenmädchen und das reizende böhmische Küchenmädchen hatten direkt nichts mehr zu beißen. Infolgedessen kauften sie sich für das letzte Geld die Delikatesse „Wassermelone“, eine riesige dunkelgrüne Kugel, innen fleischfarbig mit schwarzen Kernen, aßen sich +toll+ und +voll+, und hatten die ganze Nacht Bauchkrämpfe. Als ich ihnen Vorwürfe machte, sagten sie: „Etwas will man doch auch um Gotteswillen von seinem Leben haben!“ Ja, +Bauchkrämpfe+! * Die Natur zeigt uns, daß der Spätherbst nicht minder prächtig, anziehend, romantisch ist als der Vorfrühling! Jedes hat +seine+ Prächte! Geist und Seele seien +eure+ Prächte, +Spätherbstler+! * Sich +altern fühlen+, heißt, daß man schon längst alt ist und vielleicht +immer+ war! „Solang mir noch mein Zigarrl schmeckt“, ist nur eine senile Stupidität. „Solang mich noch die Almwiese freut“, ist eine jugendliche Menschlichkeit! * Wenn der Patient doch wenigstens ganz +aufrichtig+, ganz +wahrheitsgetreu+ dem Arzte sein Leiden schildern möchte! Dann würde der Arzt +noch weniger+ verstehen als bei einer für +seine+ Auffassungskraft +adaptierten+ Schilderung seitens des Kranken! Dieser erzählt eben nur gerade so viel als er glaubt +noch+ verstanden zu werden! +Also+ gar nichts Wahres über seine eigenen Mysterien und Rätselhaftigkeiten! Ich bin nicht gegen +das+, was die Ärzte +wissen+! Ich bin nur gegen das, was sie +nicht+ wissen! Ich bin gegen +das+, was sie zu wissen +glauben+! +Skeptizismus+ über sein Wissen ist: Entwicklungs-+Möglichkeit+ zu Neuem, Besserem! Also fast schon +Religion+! +Ad astra!+ * Wes Brot ich esse, des Lied ich singe! Das sagen auch so viele +dadurch allein+ anständig gebliebene Frauen. Aber ist das wirklich etwas so Heroisches?! Viel heroischer wäre vielleicht: Wes Brot ich esse, des Lied singe ich noch lange nicht! * Alle Menschen machen sich etwas vor, das heißt sie machen es natürlich +nicht+, aber sie +hoffen+ es, ohne ernstlich davon überzeugt zu sein. Außer die ganz Stupiden! Nur dem Dichter können sie nichts vormachen, daher +verehren+ sie ihn, weil sie nicht den +Mut+ haben, ihn zu +hassen+, as er doch a +Dichter+ is! Aber +gern+ haben sie +den+ nicht, der weiß, +was+ für ein Klumpert sie sind! * Etwas Schreckliches +aus Haß+ zu sagen, +das+ verstehe ich. Aber etwas +aus Hetz+ zu sagen, damit sich einer „+giftet+“, +das+ verstehe ich +nicht+. Worte seien +Geschosse+ in einem +ernsten+ Wortgefechte! * Ein jeder hat sein „+Packerl+“ hienieden zu tragen. Am schwersten der +Diskrete+, der niemand davon erzählt. Der andere gibt wenigstens einen Teil der Last ab, an den Tragesel, den er mit seinen Erzählungen +belästigt+! * Wenn man denkt, welche +Männer nicht+ erhört werden, und welche +Skier-Matadore+ erhört werden, dann -- -- -- weiß man +alles+! * Kannst du eine Frau zärtlich liebhaben im Momente, da sie gähnt oder das Gähnen mit Anstrengung zu unterdrücken sucht?! Siehe, solcher Augenblicke gibt es aber Hunderttausende! „Weshalb sind Sie so streng mit uns, Herr Peter?!“ „Seid ihr nicht +noch strenger+ mit uns, die wir doch nicht +anmutig+ zu sein haben!?“ * Die Roheit der Menschen zeigt sich nicht erst im Krieg, sondern bereits im privaten friedlichen Verkehre! * Der +Hochstand+ der Chirurgie beweist +nur+ den +Tiefstand+ der „+internen+ Medizin“! Statt zehn Jahre +vorher+ den Krebs zu diagnostizieren und zu +heilen+, +operiert+ man den bereits +unheilbar+ gewordenen zehn Jahre +später+! * +La danseuse.+ Tu as deux chances -- -- -- ta +danse+ et ton +lit+! La danse est éternelle, et le corps +flétrit+! * +Briefwechsel.+ „Venez demain avec moi au théâtre. Et puis, nous verrons! Sophie.“ „+Non+, je ne viendrai pas. La manière dont vous avez donné la main à monsieur B. de G., m’a fait +subitement+ écrouler +toutes mes tendresses+, comme Messine sous la cendre fatale! P. A.“ * Ein junges Mädchen, das in meinem Zimmerchen an der Wand einen gelben getrockneten Dornrochen hängen sah, sagte: „Er sieht aus wie ein kleiner Teufel! Aber die wirklichen Teufel sind die, denen man es gar nicht ansieht!“ * „Weshalb haben Sie diesen schrecklichen Fisch über Ihrem Bette hängen, diesen Dornrochen?! Gefällt er Ihnen vielleicht?!“ „+Märchenwunderwelt+ des Meeres! Aber das verstehen Sie nicht, mademoiselle!“ „O doch! Ein anderes Wort für ‚Exzentrizität‘!“ „Jawohl, ein +anderes+ Wort!“ * „Herr Peter, Ihre kleinen Sachen -- -- --.“ „Sie meinen wohl meine +kurzen+ Sachen -- -- --.“ „Also gut, Ihre +kurzen+ Sachen, aber weshalb so kleinlich und empfindlich sein?! Ich wollte ja sagen: gefallen mir sehr gut!“ „Ja, wollten Sie mir denn vielleicht sogar mitteilen, daß Ihnen meine +kleinen+ Sachen auch noch +mißfallen+?!“ * Peter, Sie sind ein guter Dichter. Aber Sie wären ein +ebenso guter+ Cafetier, Hotelier oder Geschäftsmann geworden! Sie sehen nämlich bei +jeder+ Sache, die Sie sehen, +alle ihre Seiten+, und nicht nur wie wir, immer nur gerade +die+ Seite, die uns zu sehen paßt! Insofern wären Sie ein schlechter Ehemann, ein schlechter Liebhaber. Denn die +müssen+ die Beschränktheit haben, auch die ihnen nicht konvenierenden Dinge +nicht zu sehen+! * +An Mitzi Th.+ Es ist leichter, +ganz+ auf Sie zu verzichten als, wenn Sie sich bücken, +nicht+ die Hand segnend auf Ihr braunes Haar zu legen! * +Alles+ kann man in der Welt, nur das eine nicht: einem Mädel, dem man einmal zwanzig Kronen geschenkt hat, ein nächstesmal zehn Kronen geben. +Das+ kann man +nicht+! * +Weltenliebe+: Könnten Sie auch ein Liebesverhältnis haben mit einem edlen Mineral oder mit Spinat?! Mit +allen+ Dingen dieser Erde, +nur nicht+ mit einer häßlichen Frau! DER KRIEG Wir haben seit der Kriegserklärung ein nordböhmisches wunderbar schönes, schlankes, weizengelbes, stumpfnasiges Stubenmädchen in unserem Hotel. Das heißt, sie ist kein eigentliches gelerntes Stubenmädchen, sondern die seit vier Jahren verheiratete Frau (sie heiratete mit vierzehn Jahren) des Kaffeehauskellners, der einrücken mußte. Man nahm sie aus Mitleid auf, daß sie da und dort aushelfe. Dieser schenkte ich eine Jubiläumskrone, die ich seit vielen Jahren als Talisman aufbewahrt hatte, und dann noch einige Kronen ohne Talisman, damit sie ihr Essen und Trinken aufbessern könne. Eines Tages sagte ich zu ihr: „Mathilda, sie bessern mit meinen Kronen nicht Ihr Essen und Trinken auf, sondern schicken es Ihrem Mann ins Feld!“ Sie errötete und sagte: „Ist denn das nicht für mich mein Essen und mein Trinken?“ Am nächsten Tage nach dem Erscheinen dieser Skizze sagte die junge Frau zu mir: „Ich bin gekränkt und beleidigt, daß Sie mich so in die Zeitung hineingegeben haben!“ „Beleidigt, gekränkt?! Es ist ja Ihre höchste Ehrung!“ „Sie Dichter, Sie! Ich hab es ja aber gar nicht meinem Mann geschickt, sondern selber aufgegessen! Und noch dazu nicht einmal das, ich hab mir eine Bluse dafür gekauft! Wie steh ich jetzt da?!“ DANKGEBET Risetta, ich danke dir! Ich nehme also keine, die weniger schöne Hände hat als du! Sophie, ich danke dir! Ich nehme also keine, die weniger sanftmütig ist als du! Paula, ich danke dir, ich nehme also keine, die weniger intelligent ist als du! Esthère, ich danke dir, ich nehme also keine, die weniger anmutig ist als du! Ich nehme also +keine+! Ich danke euch! SPLITTER „Wie gern möchte ich diesen delikaten Knödel da essen, wenn ich mich durch mein heiliges Buch ‚Prodromos‘ nicht verschworen hätte gegen jegliche Teigware!“ „Peter, was täten Sie aber, wenn Sie heute ganz allein am Tische wären?!“ „Nun, schaut +Gott+ nicht herab auf mir?!“ * Wenn man nicht auf alle Kapricen einer Dame eingeht, +geht man ein+! * Das berechtigte Mißtrauen der Frauen gegen die Verehrung von Männern können auch die nicht bannen, die sie +wirklich+ verehren. Es gibt immer leider noch Männer, die die Töne der Seele so genau +kopieren+ wie erstklassige +Tierstimmenimitatoren+ die edlen Tiere! * Eine Dame der +Gesellschaft+ sagte zu mir: „O, Strindbergs ‚Vater‘, ein tiefbedeutsames Werk. Aber +kraß+! Weshalb +kraß+?! Das Leben ist schon +kraß+. Jetzt auch noch kraß die Kunst?!“ „Die Kunst ist ein Spiegel des Lebens!“ „Ja, aber ein verklärter!“ „Sie soll die Torheiten zeigen und dadurch bessern!“ „Bessern?! Was ist an uns zu bessern?!“ „Da haben Sie vielleicht recht!“ * Die +geschickteste+ Art, einen Konkurrenten zu +besiegen+, ist, ihn in dem zu +bewundern+, worin er +besser+ ist! * „Unser Papagei war so intelligent! Wenn er hungrig war, hat er gleich geschrien: Hunger, Hunger!“ „Das war ihm ja doch eingelernt!“ „No, und +uns+?!“ * Bismarck zu seinem Arzte: „Habe heute die ganze Nacht kein Auge zugemacht!“ „Weshalb, Durchlaucht?!“ „Ich habe die ganze Nacht hindurch +gehaßt+!“ * Es ist das Schrecklichste, mit einer +dummen+ Frau Konversation zu führen. Nicht weil sie +dumm+ ist! Sondern weil man ihr ununterbrochen beweisen muß, daß man sie für gescheit hält! * Sagt mir doch, ihr netten Weiberchen, weshalb sucht ihr euch denn immer nur die ärgsten Schafsköpfe aus, um eure Macht an ihnen zu beweisen?!? „Peter, Schafskopf, die anderen gehen uns doch nicht auf den Leim!“ Würde es euch nicht glücklicher machen, einen wertvollen Menschen einmal einzufangen?!? „Gewiß, Peter. Aber Die lassen sich ja nicht!“ * „Peter, wieviel Pelzwesten glaubst du approximativ, habe ich heute allein verkauft?!“ „Tausend!“ „Dreißigtausend!“ „Was habt ihr daran verdient?!“ „+Nichts!+ An solchen Sachen will, +darf+ man nichts verdienen!“ „Nun, und wieviel habt ihr +doch+ daran verdient?!“ „Peter, etwas +muß+ man doch verdienen, man hat ja doch auch Risiko und Spesen!“ „Risiko und Spesen haben +nur+ die Verwundeten, die in euren gelieferten Westen +stöhnen werden+!“ „Peter, +Träumer+, +Weltenferner+, wie stellst du dir es also vor?!“ „Ich stelle es mir vor, daß man an +diesen+ Heldenleidenswesten +nichts+ verdienen soll, nichts verdienen +darf+! Ich habe +auch+ mein Gedicht ‚Weltenbummler 1914‘ ohne Honorar gespendet!“ „Was hast du für Spesen gehabt?!?“ „+Geist+ und +Seele+!“ „Peter, +wir+ haben +größere+ Auslagen!“ * Peter-Scampi: Scampi, in +Salzwasser gekocht+, und in einer +dünnen+ Paradiessoße mit +Pfeffer+ und +Majoran+ und Lorbeerblättern in einer kleinen braunen Porzellanterrine serviert! Dasselbe mit Thunfischbrocken! Dasselbe mit +Solefilets+! DIE SCHUHPASTA Heute habe ich mir die ideale „Schuhpasta“ gekauft für meine idealen braunen weiten Halbschuhe. Sie heißt „Salamander“, also die, die sogar dem Feuer Widerstand leistet, riecht ein wenig nach Terpentin, soll nur mäßig eingerieben werden. Man glaubt immer, der +Kultivierte+ sei naturgemäß ein +Wißbegieriger+! Dem ist aber nicht so! Sondern gerade umgekehrt. Ich bin 55 Jahre alt und habe noch keine Idee, woraus Schuhpasta auch nur annähernd bestehe. Ich benütze sie, ich erkundige mich nach ihrer +Wirkung+ auf meine Schuhe, aber was sie ist, +ist+, ihrem innersten geheimnisvollen Wesen nach, das, seien Sie mir nicht gram, +interessiert+ mich nicht! Wie wenn jemand sagte: „Ich kann meine Frau gut brauchen, aber +wie+ sie ist, +wer+ sie ist, +was+ sie ist, seien Sie mir darob nicht gram, ich weiß es nicht!“ Der Kultivierte ist eben +nicht+ wißbegierig. Wenn er +damit+ anfinge, wo käme er +hin+?! Er zersplitterte sich in tausend wertlose Details, verlöre die volle Fähigkeit, sogar sein Zahnbürstchen zu +gebrauchen+, ehe er nicht genau wüßte, wie es +verfertigt+ worden ist!? Der angeblich Kultivierte, meine Herrschaften, ist +beschränkt+! Er beschränkt sich -- -- -- auf die angeblich +wichtigen+ Dinge im Leben! PHILOSOPHIE Die meisten Menschen sind bequem und feig, +also+ Philosophen. Sie sagen: „Dieser Krieg hat kommen müssen!“ Oder: „Er hätte +nicht+ kommen müssen!“ Aber +was+ zu tun ist, nachdem er doch einmal +da+ ist, +das+ beschäftigt sie nicht. Ob ich eine Frau hätte heiraten sollen oder nicht?! Aber +was+ zu tun ist, +nachdem+ ich sie doch einmal +habe+?! Man hätte, man hätte! Aber siehe, man +hat+ bereits! Die tiefste, die wichtigste Lebenskunst +ist+, den gegebenen Verhältnissen +gerecht+ zu werden, nicht Träumereien und Utopien in +Vergangenheit+ und +Zukunft+! „Geben Sie ihr eine Abfindungssumme von 600 Kronen monatlich!“ „Da behalte ich das Luder gleich lieber bei mir!“ No also, siehst du?! Gerettet! AUS MAXIM GORKIS BIOGRAPHIE (SEHR WICHTIG!) Nach einem im 20. Lebensjahre infolge von Selbstquälerei (wer +bin+ ich also +denn wirklich+?!) unternommenen Selbstmordversuch schrieb er: „Nachdem ich also die +nötige Zeit krank gewesen war+ (Entwicklungserhöhungen durch Leiden!), fing ich einen Handel mit Äpfeln an.“ Und dann weiter: „Obzwar es mir nun recht gut ging, überfiel mich die Wanderlust, da ich mich, unter den +intelligenten Menschen+ nicht ‚+am Platze fühlte+‘.“ Nein, er fühlte sich nicht +am Platze+, denn er war ein +Genie+, und die „+intelligenten Menschen+“ sind doch eigentlich nur Trotteln! Ganz später schrieb er in einem Briefe an irgend jemand: „Vergessen Sie nicht der Gerechtigkeit halber zu erwähnen, daß mein +erster+ geistiger Lehrer der Schiffskoch Smurij war, mein +zweiter+ Herr Rechtsanwalt Lanin, mein dritter Kaljuschny, wie soll ich ihn betiteln, ein ‚+Außenstehender+‘, und erst als vierter der +wirkliche+ Dichter Korolenko!“ DER SCHIGAN Jeder Mensch hat irgend einen anderen schrecklichen, ihm eigentümlichen +Schigán+ (fixe Idee). Auf diesen Rücksicht zu nehmen heißt man Freundschaft! +Ich+ halte es für eine tiefere Freundschaft, dieses +krankhafte wuchernde Gewebe der Seele+ zu zerstören! Aber das nennen sie dann „herzlos“. „Weshalb sagen Sie mir, daß die von mir wenn auch unglücklich verehrte Frau häßliche plumpe Hände habe?!“ „Um Sie zu heilen!“ „Aber +das+ ist ja +noch schrecklicher+, eine Person mit so häßlichen plumpen Pratzen +dennoch+ so gern haben zu müssen!?!“ GESELLIGKEIT Wenn Leute „gesellig“ zusammenkommen, so +muß+ irgend etwas +vorgehen+. Und zwar vor allem irgend etwas, was +alle+ interessiert und niemanden direkt +angeht+! Also der +Mord des Herzens+! Oder man muß wichtigen Dingen ein Mäntelchen von +Scherz+ und +Ironie+ umhängen! Damit +alle+ es vertragen. +Wirkliche+ Leiden schont man zwar, Tod eines Nächsten, Verarmung, Krebserkrankung. Aber was sind +wirkliche+ Leiden?! Sind nicht +alle+ leidensvollen Leiden +wirkliche+?! Selbst wenn der +Gerichtshof der Nebenmenschen+ sie nicht als solche +anerkennt+?! Einmal sagte mir jemand: „Mein Herr, es ist ein wenig langwierig, auf die endliche Anerkennung seiner unheilbaren Krankheit von Seiten seiner Freunde zu warten!“ KRIEGSZEITEN Hi hi hi, ich traf eine sehr reiche Dame, die zu mir sagte: „Ich bin jetzt sehr beschäftigt in einem Säuglingsspitale. Säuglinge sind schon eine ziemlich peinliche Sorge für Mütter. Aber für Fremde?! Nicht?! Was ist Ihre Meinung?!“ Ich erwiderte, ich wüßte ihr einen guten Ausweg. „Verkaufen Sie Ihre fünf großen berühmten modernen Gemälde, die für das Glück der Menschen +keinerlei Bedeutung+ haben, und stellen Sie mit dem Erlös zehntausend +gelernte+ Säuglingspflegerinnen durch ein Jahr an, um +Sie zu ersetzen+!“ „Sie Anarchist!“ sagte sie. „Ja, ich wünsche, daß die +Lüge+ ermordet werde!“ KRIEGSLIED EINER FÜNFZEHNJÄHRIGEN Er stand monatelang jedesmal an der Ecke der Straße, wo ich vorübergehen mußte, halb elf vormittags. Dann schrieb er, er könne, er wolle ohne mich nicht mehr leben. Es schmeichelte mir riesig, aber ich dachte: Wie komme denn ich gerade dazu, sein Leben ihm zu erhalten?! Gestern ging ich zufällig beim Kriegsministerium vorüber, und las die Liste der Gefallenen. Er war darunter. Ich dachte: Vielleicht ist er mit meinem Namen auf den Lippen gestorben. Da bin +ich also doch dazugekommen+, ihm bei seinen Lebzeiten zu helfen! KONDOLENZEN Der, von dem du es sowieso +genau+ weißt, +fühlst+, daß er +Mitgefühl+ mit deinem +Verluste+ habe, +der+ braucht es dir nicht erst mitzuteilen! Und dem anderen glaubst du es +ja hoffentlich doch nicht+! +Schiwe-sitzen+ ist eine schreckliche, infame, feige Verlogenheit! Das heißt nämlich, in äußerem Leid bei einem +ostentativ+ hocken, der einen +unersetzlichen+ Verlust erlitten hat! Soll man ihm sagen: „Wir alle müssen einmal dahingehen!“? Oder: „Du hast die Pflicht zu leben und es zu überwinden?!“ Lauter dumme Gemeinheiten. Die einzigen angenehmen Schiwesitzer sind die Erbschleicher. Da weiß man doch wenigstens genau, worüber sie -- -- -- sich freuen! Eine Dame in Trauer sagte zu mir: „Ein Freund unseres Hauses ist mir heute auf der Straße scheu ausgewichen! Ich weiß, er wollte es nicht, daß ich sein bleiches verstörtes Antlitz sehe!“ FRIEDE Die sogenannten „Friedensapostel“ vor 1914 waren altjüngferliche Organisationen mit +Krokodilstränen+ und +blechernen Phrasen+. Wirklicher Friedensfreund kann nur das +vorausschauende Genie+ sein, das auf unerhört geschickt-diplomatische Weise es unternimmt, geschäftsgierigen Staaten die Brocken hinzuwerfen, von denen sie ihre Gier stillen, um dadurch tieferes Unglück zu verhüten! Der Boa Constrictor spende man ihr Kaninchen, dem Tiger sein Kalb; aber was, o Mensch, spendest du dem Nashorn, das +ohne Appetit+ dich in bloßer Bosheit anrennt?! +Dem+ die Explosivkugel! Aber Friedensapostel werden nichts erreichen! O ja, die 100000-Kronen-Preise! VERFOLGUNGSWAHN Ein junger Offizier ließ sich, in +privater+ Angelegenheit, ein Jahr vor einem Kriege beim General melden: „Exzellenz, ich lebe in einer +krankhaften+ Unruhe. Böse Schreckgespenster verfolgen mich bei Tag und Nacht, was wohl für +heimtückische Fallen+ eine feindliche Macht einem stellen könnte! Z. B. erwache ich heute aus dem Traum, und es fällt mir ein, daß Kinoaufnahmen in unseren Gegenden, unter dem Deckmantel von Schauerromanen, von feindlichen Offizieren ausgeführt werden könnten, um das Terrain ganz genau photographisch nach Haus zu bringen!“ „Mein lieber netter junger Freund, Sie haben infolge von Schularbeit +überreizte+ Nerven! Eine leichte Wasserkur dürfte für Sie sehr angezeigt sein! Da könnte man ja überhaupt nicht mehr existieren, mit Halluzinationen! Immerhin ganz nett, daß Sie sich Sorgen machen!“ Ein Jahr später waren die Schreckgespenster des jungen Offiziers Fleisch und Bein geworden! Da sagte der General zu ihm: „Ich glaube von nun an wirklich an die +Gespenster der Realität+!“ Später erzählte man ihm, seiner jungen schönen Frau werde von Herrn W. in gefährlicher Art der Hof gemacht -- -- --. „+I wo+?!“ sagte er und lächelte. ÜBER MODE Ich schlage nochmals in diesen schwierigen Zeiten den Armen und Enterbten, den Mädchen unter ihnen, die „+venezianische Volkstracht+“ vor. Sie ist das Kleidsamste, Vornehmste, Billigste, schaltet +Neid+, +Eifersucht+, +Konkurrenz+ mit den Bemittelteren vollkommen aus! +Kein+ Hut, schwarzer Wollschal mit Fransen, schwarzer fußfreier Glockenrock, schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe. Kein venezianisches Mädchen läßt sich mit einem Reichen ein, um eine aparte seidene Bluse, einen besonderen Hut, schöne Seidenstrümpfe und teure Schuhe zu bekommen! Sie +könnte+ es nicht einmal tragen, wenn sie es +besäße+, denn sie wäre schon +äußerlich+ gebrandmarkt und +verfemt+! Eine +Verkaufte+! Kein venezianisches Volksmädchen sehnt sich nach Geld oder Luxus, denn siehe, sie +braucht+ es nicht! Ihren lieblichen Schal hat sie, und Polenta und Pomo d’oro. Daher hat sie ihre stolz-freie, würdevolle, anmutig-gelassene Art dahinzuschreiten, in dem Bewußtsein, es könne ihr vom Satan, der doch in eines jeden Brust +lauert+, nichts passieren! Mode ist das +Vergängliche+. Wir aber wollen endlich +Bleibendes+, +Definitives+, +Naturgemäßes+! Mögen die Reichen sich für und für das Grab der +Unzufriedenheit und der Unrast+ graben durch ihre überflüssigen Dinge +jeglicher+ Art! Das Reich der Armen +ersetze+ alles durch den Luxus +ostentativer+ und +fast übertriebener+ Einfachheit und Natürlichkeit! Man lehrt die Knaben und die Mädchen in den Schulen die für sie +völlig unverständliche+ und +daher+ wertlose Geschichte vom Diogenes in seiner Tonne, der vom Beherrscher der Welt nichts für sich erbat als: „Geh mir, Alexander, ein bißchen aus der Sonne!“ Schulen für Erwachsene, +Irregeleitete und Dummköpfe+, wären wichtiger! Der +richtig+ verwendete Gulden ist gleich zehn Gulden! Der +unrichtig+ verwendete ist „falsches Geld“, strafbar! Wann, wann soll der Denker, der Menschenfreund, der Überschauer, der Durchdringer, die Gelegenheit benützen zu nützen, wenn nicht in Zeiten, da durch bittere Erlebnisse von Haß, Neid, Mißgunst, Perfidie, Lüge, Bosheit, falscher Machtgier, alle es doch eher begreifen, daß die Tugenden +eigentlich+ Vorteile und Gewinn schließlich sind und sich in sich belohnen und verzinsen durch ihre Vermeidung +künftiger unausbleiblicher+ Katastrophen!?! Jeder kultivierte, das heißt eigentlich schon halb irrsinnige Mensch hat einen +Schigán+, eine fixe Idee, von der er nicht +abkommen+ kann, die ihn +beherrscht+ und sogar +martert+. Es handelt sich jetzt darum, ob dieser Schigán, diese partielle Gehirnerkrankung, den +anderen+ nützt oder +schadet+! Das Auerlicht à tout prix erfinden wollen hat allen +genützt+. Die schönste Briefmarkensammlung der Erde, die schönste Uniformsammlung zusammenzugeizen, nützt +niemandem+! Und +schadet+ dem Betreffenden in seiner intellektuellen und seelischen Entwicklung! Man wird ein Monomane, ein Trottel! +Mein+ Schigán, meine partielle Gehirnerkrankung, ist jetzt: Die +einfache Volkstracht+, die Neid, Gefallsucht, Eifersucht, Leichtsinn +unterbindet+, ja +unmöglich+ macht! Nur „fixe Ideen“ haben die Welt momentan und ruckweise vorwärtsgebracht. Es handelt sich nur +darum+, ob sie +richtig+ oder +falsch+ sind! Meine ist zufällig +richtig+! Und jetzt noch einen kleinen Exkurs ins sogenannte Allgemeine: Der Deutsche und der Österreicher haben eine +wichtigste+ Sache vor den anderen +voraus+: Sie +schauen+, was bei den anderen +gut+ oder +schlecht+ ist! Daher können sie +ewig lernen+ und intellektuell vorwärtskommen, das heißt also, richtig und korrekt +profitieren+ von +anderen+! Die anderen sind +eingesperrt+ in Vorurteil, Eigenliebe, Größenwahn, ein schreckliches sibirisches Gefängnis des Geistes und der Erkenntniskraft! „Mein Herr!“ sagte einmal jemand zu mir, „Sie scheinen mir zwar ziemlich verrückt und exzentrisch, aber +das+, was an Ihnen +gut+ ist, kann ich dennoch profitieren! Sehen Sie, deshalb verkehre ich +trotz allem+ noch immer mit Ihnen!“ ALMOSEN Das Leben ist ziemlich kurz im ganzen. Und das, was sich einer unentrinnbar +ersehnt+ von einer -- -- -- weshalb +verweigert+ sie es ihm?!? Ich gebe zu, sie habe kein besonderes +Vergnügen+ davon -- -- -- aber man hat auch kein besonderes Vergnügen davon, einem frierenden Bettlerkinde Geld zu schenken! Man muß in die Tasche greifen, das Portemonnaie öffnen und etwas suchen, was noch keine Krone ist, sondern höchstens zwanzig Heller! Und +dennoch+ tut man es hie und da. Aus Schamgefühl +vor sich selbst+! Aber die Frauen, die wir +liebhaben+, haben eben +kein+ Schamgefühl! SPLITTER Aus Mangel an Gesprächsstoff begeht man die gemeinsten Taktlosigkeiten und Indiskretionen. * Es gibt Männer, die eine so blöd perfide Idee von „Freiheit“ haben, daß sie eine Frau direkt auf „Hur“ studieren lassen! * Eine Frau ist immer +zu alt+, und nie nie +zu jung+! Das Gesetz schreibt uns vor: von vierzehn an! Aber das Gesetz ist nicht von +Künstlern+ entworfen. +Unser+ Geschmack sagt: In +jedem+ Alter, wenn du nur sehr +schön+ bist! Freilich heißt es da wie in der Bibel: „Er hatte ein +Auge+ auf sie geworfen!“ Aber wirklich nur das +Auge+, dieses +ideale+ Lustorgan! * „Peterl, wir freun uns schon so, was Sie über den ‚Lido‘ wieder Nettes z’sammschreib’n werden, in Ihrer Fasson!?“ „Ich werde schreiben, daß ich zuwenig schöne Füß und zu viele ‚Büsen‘ gesehen habe!“ * Wenn man +nur das+ sagen würde, was zu +sagen ist+, würde man wortlos hie und da eine Hand, ein Knie zärtlichst berühren! * Es gibt wenig Frauen, denen man einen schlechten Busen verzeiht! Aber solche, denen man +sogar das+ noch verzeiht, die hat man auch +wirklich+ lieb! Infolgedessen verzeiht man +keiner+ einen schlechten Busen! Es gibt Menschen, die +genügsam+ sind, aber das sind keine +Menschen+! Das sind: +Genügsame+! ROMANTIK DER NAMEN! U 9 Die drei englischen Panzerkreuzer „Aboukir“, „Hogue“, „Crecy“ werden nordwestlich von Hoek van Holland von „U 9“ vernichtet, sechs Uhr morgens. Die Besatzung des deutschen Unterseebootes „U 9“: Kapitänleutnant Otto +Weddigen+, Kommandant. Oberleutnant zur See +Spieß+. Marineingenieur +Schön+. Obersteuermann +Träbert+. Obermaschinist +Heinemann+. Bootsmannmaate: +Hoer+ und +Schoppe+. Matrosen: +Geist+, +Rosenmann+, +Hempter+, +Schulz+. Obermaschinistenmaate: +Marlow+, +Stellmacher+, +Hinrich+. Maschinistenmaate: +März+, +Reichhardt+. Obermaschinistenanwärter: +Wollenberg+, +v. Koslowski+. Oberheizer: +Eisenblätter+, +Schückhe+. Heizer: +Karbe+, +Schober+, +Lies+, +Köster+, +Vollstellt+ und +Sievers+. Ein neues Wort in der +Geschichte+: Termopylae, Waterloo, Sedan, U 9! EIN SCHICKSAL „Habe also alles, alles getan, was Ihre Edelromantik, Ihre scheinbar schwärmerische Seele von mir +verlangte+, erwünschte, erhoffte, ersehnte! Max! Der Lohn ist Ihr letzter kurzer kalter Absagebrief, Ihr frecher Diebstahl an meinem reichen Herzen! Erinnere mich dabei nur an die Anekdote von dem Reiter und dem Bettler. Ein Reiter ritt frohgemut durch die Wüste. Da bat ihn ein Bettler um Hilfe. ‚In der Wüste des Lebens eine +menschliche+ Betätigung!‘, dachte der Reiter, stieg ab, um zu helfen. Da schwang sich der Bettler aufs Pferd, galoppierte davon. Der Reiter rief ihm nach: ‚Das Pferd ist +dein+! Aber sollte +je wieder+ ein Bettler Hilfe erflehen, ich lasse ihn verdursten, verkommen!‘ Da wandte der Dieb das Pferd um und brachte es zurück! Ihre C. B.“ DIE LIEBE Mitzi Th. gewidmet Weißt du, was lieben ist?!? Wenn man vor innerer Zärtlichkeit vergeht -- --; wenn man ein Späher, Lauscher wird nach dem, was sie sich flüchtig, launisch nur, ersehnt im Übermute ihrer Kindlichkeiten -- -- --; wenn man sie krank wünscht, um die Sorgfalt der Minute zu verhundertfachen -- -- --; wenn man den Atem eintrinkt, der bei ihrem Sprechen unwillkürlich dich berührt -- -- --; wenn man bereit ist, stets zu weinen, wie ein gekränktes Kindchen, wegen nichts -- -- --; ein Herzgefäß, das überquillt von süßen Leiden; die Zärtlichkeit tropft aus, tropft über -- -- --; wenn der Geruch von ihrem Wäschekasten dich belebt, wie andre noch nicht einmal Semmering-Wälder -- -- -- und wenn du ihr gebrauchtes feuchtes Handtuch inbrünstig an die Lippen drückst -- -- --; wenn du die Haarnadel aus ihrem Haar sorgfältigst aufbewahrst und deren Duft verspürst, der nicht mehr ist -- -- --; wenn dich ihr Blick erschüttert wie Musik -- -- --; wenn du dich als Selbstlosen, los vom Selbst, jetzt erst ganz lebendig fühlst -- -- -- Dann liebst du! Früher nicht! Sei sparsam mit dem Wort „Ich liebe dich“, und achte es, wie nichts auf Erden! SPLITTER Als ich einmal über die Verpflichtung angebeteter Frauen, schöne Füße und wohlgepflegte Fußzehen zu haben, perorierte, unterbrach mich ein Herr: „Mein lieber Freund, in der Nacht sind alle Katzen grau!“ * Mysteriös, angenehm-schrecklich ist der Augenblick, wo die Verzweiflung, die Spannung plötzlich +aufhört+, eine geliebte Hand +nicht+ berühren zu dürfen! * Ich hatte eine riesig gescheite tiefe Freundin, die in +meiner+ Gesellschaft +nie+ sprechen durfte, wollte, konnte! Später heiratete sie und führte das große Wort und wurde akklamiert. Dann schrieb sie mir: „Wo sind aber die heiligen Zeiten, da ich noch +schweigend+, in mich versunken, von Dir dennoch +innerlich+ akklamiert wurde!?!“ * Ich hatte in meiner Kindheit eine Menge Lieblingsmärchen, die mich anzogen und anzogen, bannten, tief ergriffen: Die Sieben-Eichen-Wiese beim Talhof in Reichenau, die Buchenwildnis, die Königskerzenwiese, die Apollofalterwiese, der Ahornhain, die Brombeerstaudenwirrnis, die Bodenwiese, das Höllental, der Kaiserbrunnen, das Naßfeld -- -- --. Aber die Märchen aus den Büchern waren mir +viel zu wenig märchenhaft+! * Sehr viele Männer sind sehr intelligent, sehr nett, und machen +dennoch+ ewig nur den +Eindruck+ von Commisvoyageurs! Andere sind wieder +weder+ sehr intelligent +noch+ sehr nett und machen dennoch den Eindruck von +Höchstzivilisierten+! +Woran+ liegt das?! Das kann ich euch +ganz genau+ sagen: Die ersteren sind eben +im Grunde ihrer Seele+ doch Commisvoyageurs, die anderen im +Grunde ihrer Seele+ doch Aristokraten! * Frauen bemühen sich länger und geschickter als Männer, es einem zu verbergen, daß sie „+ein großer Mist+“ sind! Jedenfalls haben sie ein größeres Interesse an dieser Sache! * Über die +Phrase+: „Sie sehen wirklich so jung und guterhalten aus!“ +Die letzte Unterredung mit König Umberto.+ Aus +Rom+ wird uns geschrieben: Am 23. September ist in Monza der frühere langjährige radikale Abgeordnete +Oreste Pennati+ gestorben, der sein Vaterland von 1894 bis 1909 im Parlament vertreten hat. Pennati hat eine unerwartete Berühmtheit in Italien dadurch erlangt, daß er am tragischen Abend des 29. Juli 1900 der letzte Mensch war, mit dem König Umberto gesprochen hat. Er hatte den König als Abgeordneter für Monza auf dem Turnfestplatz empfangen und geleitete ihn nach dem Turnfest nach seinem Wagen. In heiterem Geplauder mit dem Abgeordneten schritt der König dahin, und an dem Wagen angelangt, sagte er auf ein Kompliment Pennatis über seine vortreffliche Gesundheit: „Ja, lieber Pennati, so jung wie die Turner da drinnen sind wir beide allerdings nicht mehr.“ Dabei wies der König lächelnd auf seinen schneeweißen Bart, schüttelte Pennati die Hand und schwang sich auf das Trittbrett der Equipage. In diesem Augenblick fiel der tödliche Schuß. * Wenn man im dichtgedrängten Varieté +so+ dasitzt, daß man immer bedenkt, dem +anderen+ die Aussicht nicht zu verkürzen, ist man ein +Adeliger+! Im anderen Fall ein +Schurke+! * „Stört Sie mein Zigarettenrauch?!“ sagen die Herren +devot-kriecherisch+ zu den Damen. Den Herren neben ihnen sagen sie das nie, außer denen, die sie anpumpen wollen! * Man möchte Frauen +viel lieber+ Blumen schenken, wenn man es nicht wüßte, daß sie es erwarten! DE AMICITIA +Freund+ ist einer, der es sich erlaubt, taktlose, infernale, rohe Bemerkungen und Fragen zu stellen, einen zu demütigen, zu blamieren, lächerlich zu machen, in den Augen der anderen herabzusetzen und, falls man sich darüber beklagt, zu sagen: „Ich bin doch dein Freund!“ +Distanz einhalten+ ist die Kultur, der Takt, die Musik des Herzens. Aber wieviel Unmusikalische gibt es?! Es gibt genug notwendige Verletzungen in dieser Schlacht „Leben“, aber die unnötigen erst sind +Verbrechen+! Heimtückischer feiger Meuchelmord an unschuldigen Nerven! Kindern wird das Blut zu Wasser, wenn Möbel krachen. Zarten Erwachsenen ebenso bei taktlosen Bemerkungen. Man erschrickt, wird hilflos wie ein Kind! Wehe euch, die ihr unsere Seelen, die an der Not der ganzen Menschheit traurig zu tragen haben, eines Scherzes wegen demütigt und belastet! In die +Arena+ der blutig Übermütigen werden wir von euch getrieben, und je mehr spitze Lanzen in unserer Seele zitternd stecken, desto befriedigter, vergnügter seid ihr! Die scherzhafte „ironische Note“ ist der feige Schutz der eigenen Armseligkeiten gegen den, der schweigend-ernst +im Lichte seines Geistes, seiner Seele+ dasitzt! KRIEGSHYMNEN Kriegshymnen san net schlecht. Gar net schlecht! So Worttrompeten, Wortetrommeln, Wortgeratter: Auf in den Kampf, auf in den Tod! Zum Siege! Doch +schmerzlicher+ dient man dem Vaterlande mit einem Leberschuß, einem Schuß in die Niere, in die Nabelgegend! Man muß es dann nämlich +tragen+, +Jahre+ lang, auch wenn die Kriegsbegeisterung +vorbei+ ist, und +Nüchternheiten+ einziehn in die Seelen! +Nüchtern+ berauscht sein, das war ewig die Devise +meines+ Herzens! Künstlertum im +Leben+! Nicht +berauscht+ berauscht, und nicht nüchtern +nüchtern+! Sondern +nüchtern+ berauscht! +Begeisterung+ in heiligen +Friedenszeiten+! Der Krieg begeistert jeden schon +von selbst+! Was braucht man da noch Trommeln und Trompeten?!? Jedoch im heiligen Frieden wird wieder alles +schlapp+ und +müde+, und trottet fort in +schäbigem+ Geleise! In +Friedenszeiten+, Dichter, Philosophen, rufet die Menschen +wach+ und +auf+ zu Lügelosigkeit, Einfachheit, Askese und vornehmer Gesinnung +durch+ und +durch+! Auf daß ein nächster Krieg +unmöglich+ werde und sein +Schreckenslärm+, und ebenso +Kriegshymnen-Blech+! REALE ROMANTIK 1914 Der Polizeihund und Kriegshund „+Zerr+“, der sich schon in vielen wichtigen und schwierigen Dingen bisher ausgezeichnet hatte, wurde von seinem Besitzer dem Kriegsministerium zur Verfügung gestellt und ist mit seinem Pfleger, Herrn T. Wagner, gestern zu seinem Regimente in K. eingerückt. Sein „Herrl“, Dr. v. B., nahm auf dem Perron des Bahnhofes unmittelbar vor Abgang des Zuges seinen Kopf zwischen beide Hände, blickte ihm streng-gerührt in die Augen und sagte: „+Zerr! Brav sein! Mir zuliebe! Verstanden?!+“ Und der Hund schien verstanden zu haben, denn er kroch ruhig in den Waggon hinein, ohne vom „Herrl“ mehr umständlich rührenden Abschied zu nehmen. ÜBER DIE ANSTÄNDIGKEIT Das mit der Anständigkeit ist auch so eine Sache! Es haben nämlich +beide+ Teile anständig zu sein, in +gleicher+ Art und Weise. Sonst kommt einer der Teile zu kurz dabei. Und +das+ ist unanständig. Weil es +schwächt+! Alles, was +schwächt+, ist +unanständig+, sowohl von seiten desjenigen, der schwächt, als auch +ganz besonders+ von seiten desjenigen, der sich schwächen +läßt+! Denn das ist dumm, inferior, und daher +ebenfalls+ unanständig! Ich habe +nur+ anständig zu sein dem +wirklich+ Anständigen gegenüber! Sonst ist +Kriegszeit der Seele+! Man muß Buch führen über alle Anständigkeiten und alle Unanständigkeiten seiner Nebenmenschen, sowohl Völker, Staaten, als auch einzelne, sogar sogenannte Liebespaare, eine gerecht reinliche wahrhaftige Buchführung! Um nicht in seelischen oder anderen Bankrott zu geraten und Konkurs ansagen zu müssen seiner für den Kampf ums Dasein notwendigen +Lebensenergien+! Ich kannte einen Mann, der zwei Jahre lang „Buch“ führte über alle Gemeinheiten, vor allem +unnötigen+ Grausamkeiten seiner süßen Geliebten. Eines Abends las er ihr ruhig und gemessen eine Stunde lang das ganze Register vor, und schmiß sie hinaus! Sie sagte weinend: „Hätt’st mir dös früher g’sagt, hätt’st es nicht anwachsen lassen!“ „Ich?! Nein, +du+!“ PHILOSOPHIE Wie kann man +noch+ lieben, wenn man +nicht mehr+ liebt?! +Wie+ macht man das in seiner Seele aus?! Da mußt du den +Philister+ fragen! Der +kann es+! Seine +gestorbene Seele+ wird ersetzt durch die +lebendige Verpflichtung+! Es ist ein Kunststück, eine Zauberei, ein +Über-+, ein +Widernatürliches+, jedoch +er+ bringt’s zustande! Freilich, frage mich nicht, wie es dann in der verschanzten Festung seiner Seele ausschaut! Sie ist zerschossen, kein Stein mehr auf dem Stein, ein +Chaos+! Er hat +kapituliert+, dem +Feinde+ sich ergeben „Verlogenheit“, ohne es zu wissen! Er glaubt, er habe seine +Pflicht+ getan! +Wahrhaftigkeit+ jedoch besiegt +unerbittlich+ im Lauf der Zeit jede noch so gut verschanzte Festung „+Lebenslüge+“! Sie +muß+ kapitulieren! BEIM MORGENKAFFEE Ein fremder Advokat, durch die Kriegszeiten vertrieben aus L., sprach mich beim Morgenkaffee in meinem Graben-Hotel an: „Pardon, kennen Sie unseren Dichter Sienkiewicz?! Der hat eine Skizze geschrieben: ‚Das Urteil des Zeus‘. Die hätte ich Ihnen, Herr Peter, gegönnt, daß sie +Ihnen+ eingefallen wäre! Apollo wettet mit Merkur, er könne die ‚+schönste+ Frau der Welt‘ +verführen+. Merkur zeigt ihm eine ganz junge Schlossermeistergattin, die gerade zum Brunnen geht, Schürzen auswaschen. Apollo naht sich ihr in verschiedenen Gestalten, als Athlet, als Künstler, als Elegant, als Bankdirektor. +Vergeblich+! Da fragt Apollo Zeus und vermutet, Merkur habe eine Hinterlist angewendet bei der Wette. Sonst wäre es ganz unmöglich. ‚Ganz richtig,‘ erwiderte Zeus, ‚Merkur hat dir nämlich zwar gesagt, sie sei die +schönste+ Frau der Welt, hat es dir aber verschwiegen, daß sie auch die +dümmste+ sei‘!“ SPLITTER Wollen Sie Liebe?! Nein, +Verständnis+! Wollen Sie Freundschaft?! Nein, +Gerechtigkeit+! Weshalb?! Weshalb +nur+ das?! Weil ich mich +rühme+, daß aus +Verständnis+ und +Gerechtigkeit+ von selbst Liebe und Freundschaft +allmählich+ erblühen werden! * * * * * Hungern, hungern, wenn man weiß, man wird +dann+ fein zu essen bekommen, ein +Glück+! Essen, essen, wenn man ausgehungert ist, ein Glück, ein Glück! Aber gegessen +haben+, +satt+ sein, ein +Unglück+! In +dieser+ Situation befinden sich alle Glücklichen! Daher sind sie +unglücklich+! * * * * * Die Leute, die Geld haben, rechnen mir nach, daß ich, ohne Geld, dennoch +glücklicher+ lebe als sie! Das ist unrichtig; aber +mit+ ihrem Gelde würde ich allerdings +glücklicher+ leben! * * * * * Wie kann man sich an Austern je +satt+ essen?! Nach +einem+ Dutzend hört man eben auf, um sich +weiter+ nach einem zweiten Dutzend +sehnen+ zu dürfen! * * * * * Vom Weib befreit, wirst du ein +Held+! Vom Weib befreit, wirst du ein +Weiser+! Vom Weib befreit, wirst du ein +Herr+! * * * * * Die +Mode+ -- -- -- das heißt für den +anständigen ehrlichen+ Denker: +Hygiene!+ Seid +splitternackt+ unter euren Röcken! Seidene Socken, keine Höschen! Dem Wind, der Feuchtigkeit, Hitze und Kälte ausgesetzt! +Staub+ kann man wegwaschen, nicht aber die +Verweichlichung+! * * * * * Mir sagte jemand: „Reden Sie mir nicht ab von meinen gefährlichen Kletterturen! Wenn ich +das+ nicht mach, so mach ich arme unglückliche Mädchen -- -- -- unglücklich! Irgend etwas Aufregendes, Himmelsakrament, muß geschehen!“ „A la bonheur!“ sagte ich, „da +derstessen+ S’ Ihnen lieber!“ * * * * * Man tut den Ärzten unrecht. Sie hätten doch einfach nichts zu verkünden als: „Wir können nur +darüber+ wachen, daß der Kranke seine ‚Naturheilkraft‘ nicht +verhindere+!“ Aber da sie das eben +nicht+ verkünden, tut man ihnen +nicht+ unrecht! * * * * * Goethe lehrt uns „+Goetheisch+“ zu werden, das heißt +rundum+ zu blicken, +alles+ zu erleben, zu erleiden, zu genießen und +noch dazu+ es philosophisch zu +verdauen+ vermittels seiner Gehirnkräfte! Die anderen aber lehren uns: „Sixt es, +so+ sind +wir+!“ Eine Sache, die uns leider meistens +gar nicht+ interessiert! * * * * * An eine wunderschöne Fünfzehnjährige: Was die Männer, die dir „nachsteigen“ und „Coco, Wiener Journal, An jenes kleine Fräulein, das vorgestern Ecke -- -- --“ annoncieren, von dir sich ersehnen, +weißt du+! Darauf sich etwas einzubilden ist Sache einer +Gans+! Du kennst doch diese kleinen weißen netten Blechhäuschen, in denen so mancher notgedrungen für Augenblicke gern verweilt, um sie sobald als möglich wieder zu verlassen?! Solch einem Häuschen willst du doch hoffentlich nicht ähnlich werden?! Wenn jemand zu dir sagt, daß er unaufhörlich an dich denke, so erwidere ihm, daß das keine sehr lukrative Beschäftigung sei! Falls er dir mit Selbstmord droht oder Melancholie, so erwidere ihm, daß es gestern ein wenig kühl gewesen sei, das Wetter nachmittags sich aber Gott sei Dank freundlicher gestaltet habe. Sollte dir jemand etwas schenken wollen, so nimm es stets ruhig an, denn die Gewissensbisse darüber, einen vielleicht praktischen und netten Gegenstand +eingebüßt+ zu haben, sind +gefährlicher+ für deine Seele als die Annahme! Man kommt in eine nähere Berührung durch einen „Refüs“, denn es nistet sich leicht in dein Spatzengehirn das Wort „armer Kerl!“ ein. +Mitleid+ mit jemandem haben, der einen „+haben+“ will, ist eine horrende Eitelkeit. Eine Selbstüberschätzung. Kannst du dir, aufrichtig, ernstlich es vorstellen, daß einer à tout prix nur mit dir glücklich werden kann?! Nein! DIE „GEWÖHNLICHE FRAU“ Wehe dir, der du nicht +geschützt+ bist vor Frauengunst, und verbrennst in Liebesbrunst! Ein +ewig Wachsender+ bisher, wirst du nun ein +Stillgestandener+! Eh du es spürst, bist du ein +anderer+, ein +Niederhocker+ wirst du, +Wanderer+, Nicht wie im Kaleidoskope mehr wandeln sich dir in +holdem Verändern+ die Bilder des Lebens, wandelt sich dir dein +wandernder+ Blick; und im +kleinen Kreislauf+ und lieblichen Austausch +geschlechtlich-seelischer+ Kräfte vollendet sich nun dein allzu gesichertes +Alltagsgeschick+! Aber die anderen, +einsam+, den Blick gerichtet in +Fernen+, folgen +unentwegt+ ihren Sternen! Wehe dir, der du nicht vor Frauengunst +geschützt+ bist, und nur für die „+kleine Tat+“ des Lebens +ausgenützt+ bist! Für die +All-Schönheit+ darfst du nichts mehr fühlen -- -- -- Die Hauptsache ist, du sollst dich nicht verkühlen! Nicht mehr bei Emerson-Lesen und Beethoven-Spielen, wirst du himmlische Kräfte zu unerschöpflicher Tat aufspeichern! Emerson und Beethoven sind +heilige Geber+ -- -- aber die Frau will sich +an dir+ bereichern!! Und du, +Arm+-seliger, +verarmst+! Deines Größenwahnes +heiligen Kern+ heilt sie dir, gibt dir +zugeschnittene gesunde+ Glückseligkeit dafür! Im blasenden Sturm +hemmt+ sie dir deinen Lauf, stellt dir +sorgsam+ den Rockkragen auf! Vor Abgründen sucht sie dich zu bewahren, läßt dich in den +Abgrund deiner Alltäglichkeit+ fahren! Dein Gehirn schützt sie vor +Melancholien+ und +Träumen+, weiß mit überschüssigen Kräften +aufzuräumen+! Deine Seele schützt sie vor Wanken und Schwanken, weiß sie an nahe +Ziele+ festzuranken! Deinen Körper zwingt sie schäbig, +sich zu erhalten+, denn sie braucht ihren Alten!! Wehe dir, der du nicht +geschützt+ bist vor Frauengunst, und verbrennst in Liebesbrunst! Unser +vergebliches Sehnen+ ist unser +Kräftespender+! Unser +erreichtes Ziel+ ist unser +Wegbeender+! Durch unsere Tränen hängen wir mit +der Welt+ zusammen, die selbst ewig +um Ideale weint+! +Doch unser Siegerlächeln+ wird uns verdammen, denn wir sind +vorzeitig+ geeint! +Zum Abschluß+ will die Frau uns bringen und +unser Ringen+! In friedvolle endgültige Ehe wollen wir einst mit der +Gesamtnatur+ treten, Ihr aber müßt bereits zu Anna oder Grete beten! Der +Gott in dir+ duldet keine Göttinnen, aber schon gar nicht +irdische Hundsföttinnen+! Bei Emerson-Lesen und Beethoven-Spielen kannst du unerschöpfliche Kräfte erzielen! Aber selbst deine +vollkommenste+ Frau erhebt sich nicht zu Brünhildens Abschiedsworten: „Zu +neuen+ Taten, +teurer+ Helde, +wie+ liebt ich dich, +ließ+ ich dich nicht?!?“ Es ist ganz einfach: Deine vollkommenste Dame wird stets eine Klette, eine infame! RELIGION Es +gibt+ kein Vernarben „seelischer Wunden“. Der, bei dem es +geschieht+, der +hatte+ keine. Es war, mit Respekt zu sagen, ein oberflächlicher Hautritzer, eine Rißquetschwunde, etwas, was gefährlicher zu sein scheint als es ist! Es +heilt+! Das ist der Beweis, daß es nicht +tief+ ging, nicht ins Zentrum der „+heiligen Unheilbarkeiten+“! Was +heilen+ kann, enthält noch Konzessionen an das feige Leben; lasse dich nicht täuschen von +solchen+ Wunden, so schrecklich sie auch aussehen mögen, schon ist die mitleidige Natur am Werke, alles wieder schön zu reparieren, und dich, +Feigling+, dem Leben und seinem +tätigen Frohsinn+ wiederzugeben! +Wehe euch+, die ihr wieder friedlich lächeln könnet, denen Gott in seiner gnädigen Ungnade nicht den +ewigen Schmerz+ in die Seelen gesenkt hat! Ihr +entzieht+ euch einer „heiligen Mission“, die euch +auferlegt+ wurde, um eigenwillig lieber +ein Geschäft+ auf Erden zu effektuieren, das sich +nicht+ rentieren kann! Von dem Wäschekasten eures verstorbenen Töchterchens müßt ihr +ewig leben+ können, von den sorgsam mit seidenem Bande zusammengebundenen Hemdchen, von den Sockerln, von dem Kleidchen ihres ersten Kinderballes! An eurer Trauer müßt ihr friedvoll werden! Entziehet euch nicht, falsch und feig beraten, eurem Schmerze, der euch +verklärt+ und erst zu „Menschen“, zu „Dichtern“ macht, zu „Gott-ähnlichen“ Wesen! Solange du +klagst+, +lebt+ der, +um den+ du klagst! Denn Gott läßt ihn in deinem wehen Jammerschrei +wiederauferstehen+! Wenn du aber wieder +lächeln+ kannst und „dem Leben gerecht werden und seinen Anforderungen“, +dann erst+ ist er tot, zum zweitenmal gestorben und +für immer+! +Dein Lächeln+ hat dir ihn getötet! WERDET EINFACH! Mittendrin in diesem Weltsturm sitze ich krank in meinem Zimmerchen und überdenke, überschaue die Sünden, nein, die +Irrtümer+ der Menschheit! Denn die große Sünde ist -- -- sich +irren+! Sich +nicht irren+ ist allein +sündelos+! Neid, Eitelkeit, Eifersucht, Eigendünkel, falscher Ehrgeiz beherrschten die Welt! Ein +Irrtum+ des Lebens! +Werdet einfach!+ Wenn ihr jetzt, +jetzt+ nicht es erkennt, daß +jeglicher+ Luxus überflüssig, traurig, lächerlich, schändlich und vom Satan ist, daß die Welt und ihr unnütz euch groß getan habt mit Überflüssigem, wann, wann werdet ihr es dann +noch jemals+ erkennen?! +Werdet einfach!+ Gesundheit, Reinheit des Leibes und der Seele werde euer einziger Luxus! Und Luxus werde eure +Schande+! Ich habe am „+Lido+“ die +häßlichsten+ Füße und Fußzehen erblickt und die +schönsten+ zartesten Strümpfe und Schuhe! +Betrügerinnen!+ Ihr seht, der Tand hat euch nicht vorwärts gebracht, ein Welten-Brand vernichtet gleichsam alle Seidenfetzen und Reiherfedern der Erde, alle Pelze und Perlenketten! +Werdet einfach!+ Jetzt, jetzt könnt ihr +mithelfen+, indem ihr den Mann, der +ewig Wichtigeres+ zu schaffen hat, von nun an und für immer +entlastet+ von unnötigen Ausgaben! Hygiene und Diätetik, diese Sparer und Mehrer menschlicher Lebensenergien, seien euer Luxus! Auch im +Blechlavoir+ kann man rein werden, mit Schwamm und +billigster+ Kernseife! Eure Wände seien getüncht, eure Fenster bei Tag und Nacht geöffnet, euer Lager hart-gesund, eine Art idealer Pritsche, bester Loden und bester Flanell ersetzen euch die +verbrecherischen Pelze+! +Werdet einfach!+ Es gibt einen +Genuß+ der Einfachheit! Es gibt einen +Stolz+, es gibt eine +Ehre+ des einfachen Lebens. Jeder helfe jetzt mit, die Welt zu +reinigen+ von düsteren, grausamen, heimtückischen, teuflischen Vorurteilen. Tod dem +Überflüssigen+, es belastet, raubt Kräfte, schwächt, verhindert und zerstört! +Werdet einfach!+ LAOTSE; URALTER CHINESISCHER PHILOSOPH 1. Geheime Erleuchtung Was man zusammenziehen will, das muß man erst sich richtig ausdehnen lassen. Was man schwächen will, das muß man erst richtig stark werden lassen. Was man beseitigen will, das muß man erst richtig sich ausleben lassen. Wo man nehmen will, da muß man erst richtig geben. So heißt die geheime Erleuchtung. Das Weiche siegt über das Harte, Das Schwache siegt über das Starke. 2. Fernschau Ohne aus der Tür zu gehen kann man die Welt erkennen. Ohne aus dem Fenster zu blicken kann man des Himmels Sinn erschauen. Je weiter einer hinaus geht, desto weniger wird sein Erkennen. Also auch der Berufene: Er wandert nicht und kommt doch ans Ziel. Er sieht sich nicht um und vermag doch zu benennen. Er handelt nicht und bringt doch zur Vollendung. 3. Überströmendes Leben Große Vollendung muß wie unzulänglich erscheinen, so wird sie unendlich in ihrer Wirkung. Große Fülle muß wie leer erscheinen, so wird sie unerschöpflich in ihrer Wirkung. Große Geradheit muß wie krumm erscheinen. Große Begabung muß wie dumm erscheinen. Große Beredsamkeit muß wie stumm erscheinen. Bewegung überwindet die Kälte. Stille überwindet die Hitze. Reinheit und Stille ist der Welt Richtmaß. 4. Mäßigung der Begierden Wenn der Sinn herrscht auf Erden, so tut man die Rennpferde ab zum Dungführen. Wenn der Sinn abhanden ist auf Erden, so werden Kriegsrosse gezüchtet auf dem Anger. Keine größere Schuld gibt es als Billigung der Begierden. Kein größeres Übel gibt es, als sich nicht lassen genügen. Kein schlimmeres Unheil gibt es als die Sucht nach Gewinn. Denn: Das Genügen der Genügsamkeit ist dauerndes Genügen. 5. Warnung Dein Name oder dein Ich: Was steht dir näher? Das Ich oder der Besitz: Was ist mehr? Gewinnen oder verlieren: Was ist schlimmer? Nun aber: Wer sein Herz an Totes hängt, verbraucht notwendig Lebendiges. Wer viel sammelt, verliert notwendig Wichtiges. Wer sich genügen lässet, kommt nicht in Schande. Wer Einhalt zu tun weiß, kommt nicht in Gefahr und kann so ewig dauern. DIE „TAUBE“ 22. September 1914. Plötzlich knallt ein Gewehrschuß, dann ein zweiter, dann zehn, dann hundert und hundert. Das Feuer eines Gefechtes erhob sich über Paris. Woher kam es? Wer weiß, von den Dächern vielleicht. Man sah aber niemanden. Vielleicht waren oben in den Mansarden Soldaten versteckt. In der Nähe und in der Ferne vermehrten sich die Gewehrschüsse; auch schien man ein entlegenes Maschinengewehrgeräusch wahrzunehmen. Dies alles war großartig und merkwürdig zugleich. Die „Taube“, viel zu hoch, um getroffen zu werden, verfolgte weiter ihren Kurs, flog nach den Tuilerien, verschwand hinter den Dächern, kam wieder über die Rue de la Paix, verschwand wieder. Als das Fahrzeug zurückflog, hörte man auf einmal das tiefe Geräusch einer Explosion; dann wieder und wieder eine: der Flieger warf +Bomben+. Ein anmutiges junges Mädchen, „Mannequin“ eines Pariser Modehauses, dreht sich um und wendet sich an eine Kollegin: „Cochon d’alboche, il fait kaka sur nous!“ ÜBER GERÜCHE Frauen sind enorm impressionabel, sie nehmen so leicht die Gerüche ihrer Umgebung an! War sie in der Milchkammer, so riecht sie noch stundenlang nach Milch, ihre Hände, ihre Haare, ihr ganzer Leib -- -- --. War sie auf dem Gemüsemarkte, so riecht sie noch stundenlang nach allen Gemüsen, wie Kräutersuppe -- -- --. Im Garten riecht sie nach Flieder oder Linde oder überhaupt nach Garten -- -- --. Auf der Alm nach Kuhweide und Kurzwiese. Das ist ein tragisches Schicksal; denn immer riecht sie daher auch nach dem letzten Hunde, mit dem sie gerade beisammen war, nach dem letzten Snob und seiner Pestausdünstung, seinem Lügegestanke! Nach Dichtern riecht sie nie, denn Dichter halten sich in respektvoller Entfernung, wahrscheinlich aus künstlerischem Egoismus! Am meisten riechen sie nach „Frechlingen“, die einem immer allzu nahe treten! Da nehmen sie denn die Gerüche am allerleichtesten an -- -- --. Edle Frauen sollten unbedingt immer in der Natur bleiben oder in der heiligen Einsamkeit ihres eigenen Zimmers. Überall sonst stinkt es! Auch gute Bücher stinken nie, sie sind das Destillat aus allen übelriechenden Sünden, die man begangen hat; man hat daraus endlich einen Tropfen wohlriechender Menschlichkeit gewonnen! Aber die anderen destillieren nicht! MODERNE ARCHITEKTEN Bei der Wohnung eines Pferdes sagt man: Wie gedeiht das Pferd, dieses +edle+ Tier am besten?!! Bei der Wohnung eines Schweines: Wie +gedeiht+ das Schwein, dieses +nützliche+, am besten?! Bei der Wohnung der Kuh: Wie gibt sie die fetteste Milch?! Nur beim Menschen fragt man das alles nicht. Man fragt: Ist es +schön+?! Schön, schön, dieses +alleridiotischste+ Wort! Nein, +nicht+ idiotisch, denn mit Marmor und Mahagoni macht ihr eure Geschäfte, zehn Prozent vom Architektenhonorar! Bei getünchten Wänden und Eiche oder Buche bekommt ihr +nischt+! Deshalb Pracht, Pracht, am prachtesten! Und die Kundschaft?! Kann sie nicht Neid, Eifersucht, Verzweiflung erwecken bei denen, die in „Ställen“ leben?! Na also, san mer zufrieden! Auf Gesundheit wird gepfiffen! Nur Pflanz! Hoch Mahagoni! WERTHERS LEIDEN Siehe, man wird milde und verständnisvoller! Habe mit 55 Jahren „Die Leiden des jungen Werther“ wieder gelesen. Verstehe absolut nicht mehr diese Talmisentimentalität und +reelle Verlogenheit+ dieser Lotte Kestner gegenüber und ihrem Gatten Herrn Albert, diesem Biederen, die man einst +verehrte+. Beide +weiden sich doch gleichsam+ an der mysteriösen Wirkung, die diese +anständige Gans+ auf das zarte Dichtergemüt dieses +herrlichen+ unglückseligen Werther ausübt, ja, +beziehen+ davon sogar vielleicht einen Teil ihres +eigenen Lebensglückes+! „Mir zwa g’hören halt einmal zusammen, etsch!“ Albert müßte als +wirklich+ anständiger Mensch, der ein Philister eben nie ist, nie sein +kann+, der Lotte sagen: „Mein liebes Kind, dieser +Edelmensch+ ist +krank+ an dir, erhöre ihn ein +einziges Mal+, und entlasse ihn dann gnädig, daß er die +Edellast+ seiner armen gequälten Seele wenigstens weiter ertragen könne durch die +ewige+ Erinnerung an eine Glückseligkeit, die +ich tausendmal+ habe durch +Schicksals unverdiente Gnade+!“ Und Lotte ihrerseits müßte es von selbst sagen: „Werther, du bist +an mir+ krank, und +ich+ sollte, im Gegensatze zu jedem +fremden Arzte+, der +für nichts+ seine ganze Kunst jedesmal aufbietet, irgendeinen gleichgültigen Fremden zu heilen, dich +vor mir+ dahinsiechen lassen und trotzdem +keine Hand rühren+?! Da müßte ich mich ja als eine +feige Mörderin+ vor mir selbst schämen!“ Aber es geht eben +anders+ aus, und alle Hypokriten sind gerührt. +Ich nicht!+ +Lotte+ und +Herr Albert+, +euer+ schmales mageres Eheglück wiegt nicht auf eine +einzige Qualstunde+ Werthers! Dös merkt’s euch, ihr Herrschaften, die sich +anständig dünken+, weil’s +ka Herz habts+! Außer für +ihr+ G’schäft, das sie +untereinander+ machen! Aber wirklich +untereinander+! DU HAST ES SO GEWOLLT Nun hast du deine Ruhe, süße Frau -- -- -- Nicht stört dich mehr mein Schlachtkalb-Blick -- So hast du es gewollt! Ich hab’s vernommen! Ich war dir eine Last! Und Tage werden kommen, Jahre, vielfältigen Schicksals -- -- -- Und einst wirst du in einer müden Stunde in meinen Briefen kramen: „Er ward sehr krank an mir; ich aber ließ ihn sterben -- -- --.“ Nun hast du deine Ruhe, süße Frau. Verstummt der bangen Klage störendes Geplärre! Es spricht dein harter Blick: „Sehen Sie, so sind Sie mir viel lieber!“ +Sahst du den schwarzen Panther in seinem Käfig manchmal mit dem gelben Blick des Wahnsinns rastlos seine Achter schleichen?! Sahst du ihn?!+ -- -- -- Nun hast du deine Ruhe, süße Frau. „Wir wollen gute Freunde bleiben, Peter, nicht wahr?! Nicht? Wie?! Was, was haben Sie?!“ „Nichts -- -- --“ sagte ich und reichte dir die Hand. PRODROMOS Ein Riesenhai, 4½ m lang, 700 kg schwer, kam zum Haidoktor und beklagte sich über furchtbare Schmerzen in der Magengegend. Der Haidoktor operierte ihn und fand im Magen rechts unten den Stiefel eines siebenjährigen Kindes und eine Batist-Frauenunterhose. „Habe ich nicht immer in meinen berühmten Büchern davor gewarnt, angezogene Menschen zu verspeisen, da Lederstiefel und Wäsche eine Gefahr für den Verdauungsapparat bilden des zarten Haimagens?! Ich pries euch hundert- und hundertmal den völlig nackten badenden Menschen an! Aber ihr wollt nicht lernen! Der nackte badende Mensch ist leichtverdaulich, hinterläßt keine ‚schädlichen Rückstände‘.“ „Herr Doktor,“ sagte der Riesenhai, „die Begierde hat mich hingerissen! Als ich die junge Frau und das Kind erblickte, vergaß ich auf die unverdaulichen Stiefel des Kindes und auf die Unterhose der jungen Frau!“ „Mein junger temperamentvoller Freund, diesmal habe ich Sie noch herausgerissen; aber lieber hungern und auf +Leichtverdauliches warten+ als etwas +Schwerverdauliches+ wegen eines +momentanen Lustgefühles hinunterschlingen+!“ HUMANITAS Mein Kind, mein Geliebter, meine Schwester, meine Tante, mein Hund! Aber nie: Meine +Menschheit+! +Meine+ tausend Brüder und Schwestern, die +unbekannten+, und dennoch +so gut+ bekannten wie die, deren Familiennamen man +zufällig+ kennt! „Gibt es ein Wesen, das sich so freut, wenn ich nach Hause komme, wie mein Hund?!“ Nein, denn er lebt Tag und Nacht von deiner +übertriebenen lächerlichen+ Zärtlichkeit, +erpreßt+ sie ununterbrochen durch Wedeln und ängstlich Schauen, macht dich, ein geschickter ungeheurer schäbiger Hunds-Egoist, zum Sklaven seiner teils sentimentalen, teils +reellen+ Bedürfnisse! Ein geliebter und verwöhnter Hund ist +stets+ das Sedan, das Waterloo einer Seele, die in dem +ehrlichen+ Krieg, dem unerbittlichen Krieg des Lebens, zu +schwächlich+, zu +minderwertig+ war, zu siegen! Habe die Kraft, nach Hause zu kommen, müde, erschöpft, +enttäuscht+ vom Leben, ohne daß dich ein Köter, den du auffütterst mit Wurst und Zärtlichkeiten, +befriedigt+ und tröstet durch sein feiges Schweifwedeln! Habe einfach die Kraft, zu leben, zu wirken, +ohne+ auf die Anerkennung minderwertiger Organisationen zu reflektieren! SPORT Wenn ich so Wintersportsleuten, edlen zarten Damen, stundenlang zuhöre, +schaudert+ es mich! So wenig, so +kläglich wenig+ stilles idyllisches romantisches Glück am schönheitsprangenden Frieden der Natur! So viel strenger lächerlicher Egoismus und schäbige Befriedigung, ob man über eine Fläche, auf der man drei Stunden lang hinaufstapfte, in fünf +Minuten+ wieder heruntersauste! Natur als Zirkus, als Manege! Wie wenn jemand sagte: „Nach Beethovens Neunter krieg ich immer so einen gesunden Appetit zum Nachtmahl!“ Wie ist es, daß euch schneebedeckte Wiesen, kahle Bäume und Notschrei der schwarzen Krähe nicht +edel-trübsinnig+ machen und zugleich +erhoben+ über das lügereiche Leben, das ihr führt trotz allem?! Es +ist+, weil ihr selbst die tiefe Poesie der Winterlandschaft in eure schamlos harten Dienste zwängt! +Sich hingeben+ kennt ihr +nicht+! Sich +verlieren+! Ihr seid +euch+ zu wichtig! DAS LEBEN Er schrieb eine Hymne auf die Einfachheit der Kleidung in diesen Kriegszeiten, es kam sogar eine Stelle vor: „Und teure Pelze seien eure +Schande+! Loden und Flanell eure +Ehre+!“ Nun kam eine Dame an seinen Stammtisch mit einem Polarfuchspelze. „Sie sehen, Herr Dichter, wie wenig Ihr Angriff gegen uns Frauen gewirkt hat!“ sagte sie. „Das sehe ich nicht, sondern im Gegenteil, es zeigt sich eben etwas sehr Wichtiges, nämlich: +Luder bleibt Luder!+“ sagte der Dichter, und entfernte sich hoheitsvoll wie König Heinrich, den der Herr B’suff Falstaff angerufen hatte: „He, Heinz!“ DAS TESTAMENT Das Testament Pius X. „Messaggero“ will von einer vatikanischen Persönlichkeit den Wortlaut des +Testaments des Papstes+ erfahren haben. Es soll nur wenige Zeilen enthalten und mit folgender Erklärung schließen: „+Ich bin in Armut geboren, habe in Armut gelebt und will in Armut sterben.+ Ich bitte den Heiligen Stuhl, meinen Schwestern monatlich 300 Lire auszuzahlen. +Ich will nicht einbalsamiert werden.+“ HELFEN Wir wollen von den Mitmenschen, von uns selbst, nicht +mehr+, nicht +Schwierigeres+ verlangen, als dem menschlichen Nervensystem einmal +leichtfaßlich+ ist! Opfer, ja, aber in der Sphäre der Opfer+fähigkeit+! Der eine bemitleidet malträtierte Pferde, der andere Hunde, die zu schwer am Karren zu ziehen haben, der eine hungernde mißhandelte braune Knaben, der andere hungernde mißhandelte blonde Mäderln. Ein jeder hat seine Privatseele, sein Privatmitleid, das er mit dem objektiven Weltenmitleid in einen diplomatischen Zusammenhang zu bringen sich bemüht! Seien wir nicht radikal, nicht engherzig, wenn einer für die Freiwillige Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft lieber ein flachsblondes schönes stumpfnasiges Mäderl zu erretten wünscht von ihren Peinigern als eine Schwarze mit einer häßlichen Nase! Möge man +private+ Vorliebe mit +allgemeiner+ Menschlichkeit in einen +natürlichen Akkord+ bringen, und von den Menschen, und sogar von sich selbst, nichts +Übermenschliches+ verlangen! Als ich 24 K. heute hinterlegte zur vier Wintermonate langen Ausspeisung eines blonden stumpfnasigen Mäderls, sagte der Sekretär zu mir: „Glauben S’, die Schwarzen haben kan Hunger?!“ „O ja,“ erwiderte ich, „da werden sich halt hoffentlich auch Liebhaber finden!“ LIEBE ZU GEGENSTÄNDEN Liebe zu Gegenständen, +nicht+ „befriedigte Eitelkeit“ in bezug auf Schmuck und Wohnungseinrichtung, sondern Liebe, +wirkliche+ Liebe zu einzelnen Gegenständen, die dem wirklichen Geschmack +entsprechen+, sollte man Kindern und Frauen, +auch+ Kindern, beibringen! „Diesen Stock habe ich sehr lieb,“ sagte ich zu Fräulein Mizi, die zu Besuch bei mir war. „Er hat einen schönen Griff aus Rhinozeroshorn, braunrötlichgrau, und einen Stab aus hellgelbem Buchs. Ich putze ihn täglich mit einem Rehlederlappen. Niemand darf ihn mir anrühren.“ „+Mir+ geben Sie ihn auch nicht in die Hand, +mir+?!“ „Bitte, nehmen Sie ihn!“ Sie fuchtelte damit sogleich +absichtlich+ herum, bis in die gefährliche Nähe der von der Plafondlampe herabhängenden zwei langen Fliegenleimbändchen. „Bitte nicht, geben Sie acht, der Fliegenleim geht nicht so leicht wieder herunter.“ „Hat ihm schon!“ sagte sie triumphierend. „Das war +unnötig+,“ sagte ich +streng+. „Tun S’ Ihner nix an mit Ihrem dalkerten Stecken!“ Und schmiß ihn ins Zimmer hinein. Ich hob ihn auf, putzte ihn ab mit meinem Rehlederlappen. Da ging sie gekränkt und beleidigt stolz von dannen. „Wegen so an Stecken, hm! Da bin ich mir doch mehr wert!“ ALMA (Gustav Mahler gewidmet) Sie saß in tiefer Trauerkleidung im Goldenen Prunksaale, in dem die „Kindertotenlieder“ ihres verstorbenen Gatten, an das verstorbene elfjährige Töchterchen, aufgeführt wurden. Die Sängerin sang schlicht, die Instrumente murmelten und klagten. Irgend jemand schlich behutsam herein und setzte sich. Irgend jemand schlich behutsam hinaus. Man markierte Ergriffenheit. Die Dame in Trauerkleidung saß da und verbarg ihr Leid vor den Menschen -- -- --. Man markierte „Totenweihe“. Wenn jemand sich räusperte, sagte man: +Pst!+ Sie dachte vielleicht an die Ufer des Wörthersees, wo ihr Kind und ihr Gatte im Sonnenlichte sich gebräunt hatten -- -- --. Neben ihr saß einer, der wollte ihr so sehr gerne die Last abnehmen -- -- --. Er war aber ganz hilflos. Er dachte nur: „Wie +hilflos+ sind wir +Hilfbereiten+!“ Dann bot er ihr Kuglerbonbons an, „Crême de Mokka“ -- -- --. „Ich kann das Stanniolpapier nicht herunternehmen wegen meiner Handschuhe,“ sagte sie leise. Da wurde er ganz rot, ihr den Dienst leisten zu dürfen -- -- --. Er tat es so ängstlich behutsam, daß sie lächeln mußte. Ja, sie lächelte. Das dritte Kindertotenlied weinte: „Tà dă tà, tà dă tà, tà dă tà dă tà dă tà -- -- --.“ DER „ROTE STADL“, AUSFLUGSORT BEI WIEN „Liebe, liebe Freundin Lióschka, nun habe ich also Sonntag Ihr kleines ‚Erdenparadies‘ gesehen, den Ausflugsort ‚+Zum Roten Stadl+‘! Für andere ist es nichts, nichts, ein +Jausenplatz+, wo die reichen Menschen ihre Automobile, ihre Frühlingstoiletten zeigen, Mädchen ihre reichen Liebhaber, diese ihre schönen Geliebten! Und der Gugelhupf ist schlecht, mit wenig Eiern und noch weniger Rosinen angerührt. Aber für Sie, Lióschka, ist es eine süße Traumwelt, Ihre Märchenwelt. Alles, alles betrachten Sie da +liebevollst gerührt+, es ist Ihre Seelenheimat, +mehr+ wünschen Sie sich ja gar nicht vom Leben; da fühlen Sie sich +frei+ und +glücklich+. Das, wovon +die andern+ leben, ist für Sie +von keinerlei Interesse+, und für die kahlen Bäume und den Wiesenbach am ‚Roten Stadl‘, an einsamen Wochentagen, geben Sie den +ganzen schreienden Prunk+ des Lebens hin! Sie sind eine Dichterin, der man es +aber leider nicht glaubt+. Das ist +sehr, sehr traurig+. Ihre Seele ist +unverstanden+ im Getriebe der Welt! Mehr kann man darüber nicht sagen. Ich empfinde Ihre Traurigkeit! Mehr kann ich darüber nicht sagen. ‚Roter Stadl‘, für Dich eine Welt! ‚Roter Stadl‘, siehe, +uns+ bist du ein Platz wie ein +anderer+ -- -- --. +Dir+ aber ist er traut und heimlich und lieb! Schon das Wort ‚Roter Stadl‘, uns klingt es ‚weanerisch‘, Dir aber wie ein tiefes +Lied+! Deshalb wollen wir +hier+, in Deiner Gesellschaft, +verstummen+, und Deine +Andacht+ nicht stören, Lióschka! Vielleicht wirst +auch Du+ uns dann +einst+ einen solchen Dienst erweisen, wenn +auch uns+, irgendwo, +Dir unverständlich+ und fremd, einst düstere Trauer umfängt -- -- --! Peter Altenberg.“ POETA Ein Dichter, der kein +Sozialdemokrat+ ist, und sogar, mit Rücksicht auf Haß und Verachtung der +durch Gewohnheit+ eingenisteten Vorurteile der Menschen, kein +Anarchist+ ist, +ist+ kein +Dichter+! Wer +sich+, seine +Familie+, seine +Kinder+, seinen +Frieden mehr+ liebt als die fremde entfernte Menschheit, +ist+ kein +Dichter+! Er +dichtet+, aber er ist kein +Vertreter+! Kein Fürsprecher, kein Vorsprecher +aller+! Er ist kein Standarten+träger+ in der Schlacht der Welt! Er amüsiert, er rührt, aber er +heilt+ nichts! Er ist kein +Arzt+ der +kranken+ Menschheit, also kein +Dichter+! Er dichtet für die +Gesunden+, +Befriedigten+, und die +brauchen+ ihn +nicht+! Die können sich +ohne ihn+ behelfen, sich +durchfretten+! Ein Dichter sagt das, +nur+ das, woran alle anderen kranken, +leiden+, daß sie es nicht aussprechen +können, dürfen+! Sonst braucht man ihn +ja nicht+. Auf Reime, Verse, Phrasen wird +verzichtet+! Eine Dame der Gesellschaft sagte zu mir: „Wir wollen +erhoben+ werden, +erfreut+ von euch Dichtern!“ Ja, Schnecken, das möcht euch so passen, ihr +Drohnen+ der arbeitsamen +Weltentwicklung+! SAPPHO (Erika von Wagner gewidmet) Soll die „Sappho“ von einer +reifen+ Künstlerin gespielt werden oder von einer +jungen+?! Von einer +jungen Reifen+! Von einer +reifen+ Jungen! Sappho soll von dem Herrn Phaon und dem Fräulein Melitta nicht sekiert, gedemütigt, gemartert und stehen gelassen werden, weil sie eine +alte Schachtel+ ist mit seelischen und noch anderen Ansprüchen, sondern +nur+ deshalb, weil sie eine +Dichterin+ ist, also ein +höherer+ Organismus, der von den kriechenden Lebenstierchen +deshalb allein eben stets und überall+ mißverstanden, gemieden, gedemütigt und verraten wird! Sappho muß wegen ihrer +hoheitsvollen+ Art zu denken, zu fühlen, zu stehen, zu gehen, zu sprechen, zu schweigen, einen peinlichen drückenden Respekt einflößen, den die +Armseligen+ eben nicht lange aushalten! Man verrate sie um ihrer +ewigen inneren Jugend+, nicht um ihres +äußeren Alterns+ willen! Sie werde gespielt von einer +Jungen, Reifen+! Sollen wir vielleicht das Gefühl haben, daß eine alte zudringliche Gedichtemacherin und Harfenklimperin zwei frische fesche Menschenkinder belästigt und stört in ihrem berechtigten Lebensglücke?! Nein, wir müssen durch des Dichters Grillparzer Gnade und des adeligen Jugendprangens der Darstellerin auf seiten +Sapphos+ stehen! +Gegen+ das, ha ha, +Liebespaar+, Phaon und Melitta! +Verräter+ sind sie, weil sie +armselig+ sind! GERECHTIGKEIT „Die Achtung vor dem Gegenstande,“ sagte ich, „sehen Sie, das mangelt den meisten sogenannt kultivierten Frauen! Das müßte man ihnen beibringen, von Kindheit an! Die Achtung vor der Puppe, dem Puppenschranke, vor den netten Möbeln im Zimmer. Die Sachen in Ordnung halten, reinigen, ist noch nicht: sie +liebhaben+ und +schätzen+! Es ist eine sozusagen überkommene lederne fast lästige Pflicht. Sehen Sie, ich liebe z. B. diese Zigarettendose aus gemasertem und geflammtem und geschecktem Koreschkaholze. Ich sorge dafür, daß sie politiert bleibe wie am ersten Tage und ohne Kratzer! Da würde sie mir wertlos. Niemand darf sie mir daher in die Hand nehmen!“ „Ich +auch nicht+?! +Ich+ aber doch!“ sagte Fräulein Angela. „Nein, Sie +auch nicht+!“ „Das ist aber nicht sehr liebenswürdig!“ Und hatte sie schon zwischen den Fingern. „Gans!“ sagte ich. „Was, wegen so einer dalketen Dosen mich beleidigen!? Ah da schau her, der Narr!“ Und warf die Dose hin. „Gans!“ sagte ich und putzte die Dose mit meinem Rehleder blank. „Mit Ihnen bin ich fertig! Das also ist Ihre Verehrung?! Gut, daß ma’s waß!“ SPLITTER Wenn eine Frau keine +sexuell-ästhetische Anziehungskraft+ mehr hat, muß man +von Glück sagen+, wenn sie keine +Verbrecherin+ wird, aus +Ranküne+ gegen das +angeblich unverdiente+ Schicksal. Es wäre denn, daß sie gute, zarte, nahrhafte Suppen kochen und Leinenlöcher nett ausflicken kann! Das versöhnt sie wieder ein bißchen mit dem harten Schicksal! „+Zu irgend etwas+ bin ich ja doch noch zu +gebrauchen+!“ * „Mein Herr, was haben Sie Ihrer wunderbaren zarten Frau zu bieten?! Ihren Größenwahn, an den sie +glauben+ muß, weil Sie ihr zu fressen geben!? +Ich+ habe ihr zu bieten mein zärtlichstes +Gedenken+ bei Tag und Nacht. Bei mir muß sie +an nichts+ glauben, und sie glaubt und sie weiß +dennoch+! Sie weiß, daß ich bei der Berührung ihrer geliebten Finger vergehen, ja +zerfließen+ würde vor Seligkeit, und daß +Sie+ die Inanspruchnahme ihres ganzen Organismus nur als eine selbstverständliche erfüllte Verpflichtung spüren! Sie können also nicht mit mir konkurrieren, außer ich käme in eine ebenso fatal-tragische Situation! Da sei aber Gott vor! Es ist süßer, vom ‚Haupttreffer‘ zu träumen als ihn zu machen!“ * Ich hasse natürlich häßliche, breite, aber wohlgepflegte manikürte Hände! Diesen elenden feigen Versuch, das Schicksal mit drei Kronen zu versöhnen, ja besiegen zu wollen! Infolgedessen empfinde ich eine fast mystische Rührung für ideal-aristokratisch-zarte Hände, die schmutzig sind, ungepflegt und sogar schmutzige Nägel haben! Es erinnert mich an Meister Bruckner, der zwar +göttliche+ Sinfonien erträumt hat, aber mit den Fingern in die Kalbsgulaschschüssel öffentlich griff! Gott+begnadete+ haben es eben +nicht nötig+, die Bourgeoisie +nicht+ zu kränken! * Auch einen Hund bezieht man meistens in seine +sonstigen Gemeinsamkeiten+ noch ein, der fürs Fressen den ganzen Tag liebwedelt und treu ist! Interessanter wäre natürlich eine hellgrau-weiße, anmutige, schmiegsame große treulose Katze; aber, siehe, man will „+angewedelt+“ werden, man will es +genießen+, daß jemand +sichtlich+ freudig bewegt ist, wenn man nach Hause kommt, und +sichtlich+ verzweifelt, wenn man weggeht! „Gott, mein Hund hat sich so +gekränkt+, daß ich ihn heute zu Hause gelassen habe! Desto größer die +Freude+, wenn er mich +wiedersehen+ wird!“ Prosit! Wenn er nur nicht hingewischerlt hat vor lauter Sehnsucht! * „Peter, wie g’fallt Ihnen mein neuer g’scheckerter Pelz?! Und gar net teuer, vierhundert Kronen!“ „Er gefällt mir sehr gut. Aber weshalb hängt er +an Ihnen+?! Am +lebendigen Tiere+ ist er +herrlich+. Oder irgendwo als +Teppich+. Soll er etwas +verstecken helfen+, was +nicht schön+ ist?! Das wollen wir +nicht hoffen+. Und sonst gegen Kälte tuts ein +edel-weicher Flanell+ auch! Ah, Sie wollen vielleicht +beweisen+, daß Sie bei Herrn v. G. +Anwert+ haben, der ihn gekauft hat?! Das glauben wir ja sowieso, da müßt er ja keine Augen im Kopf haben. Außerdem aber -- die eitle +Blödheit der Männer+ ist +kein+ Beweis für die +Schönheit der Frauen+!“ GEDICHT DER LIOSCHKA Roter Stadl. „Graue kahle schlanke Birken, Märzende, +ich grüße euch+! Ich gönne den Fremden +nicht+ diesen melancholischen Anblick -- -- --. Ach, sie schauen ja sowieso nicht zu euch hin, geliebte Bäume, die ihr in den blauen kühlen Himmel vielverästelt hineinragt! Mir gehört ihr allein, +mir+, und selbst die Vögel warten auf euch erst, bis ihr grün seid! Bis ihr zum Nestbau taugt! +Mir+ gehört ihr, +mir+, zu allen Zeiten des Jahres, und wenn man euch zersägt und fällt und zerschneidet, werde ich auf euren bleichen gelben Stümpfen kauern, und nichts denken, nichts fühlen, sondern trauern!“ * Sie sagte: „Der ‚Rote Stadl‘ ist mein Hauptprüfungsgegenstand, er ist die Matura des Liebenden! Je nachdem einer sich dort benimmt, hab ich ihn gern oder verachte ihn!“ LA RAMPA (Sizilianische Szene) Der vollständig gelähmte alte Mann kauert hilflos in einem Lehnstuhl. Eine Treppe mit Geländer (La rampa) führt in den Weinkeller. Nach einigen Minuten +Lautlosigkeit+ erscheint die junge +wunderbar+ schöne Schwiegertochter: „Ah, Schwiegerväterchen, bonsoir, wie gut du ausschaust! Nun freilich, bei +dieser+ zärtlichen Pflege deines Herrn Sohnes! +Mich+ freilich pflegt er +nicht so gut+! Aber brauche ich +ihn+, ich habe +andere+! No, das weißt du ja, mein süßes Alterchen, +vor dir+ mache ich keine +Geheimnisse+, das wäre ja eine Familiensünde, besonders da du, Armer, doch gelähmt bist und nichts +austratschen+ kannst! Gleich wird dein zärtlichster Sohn, mein +Gatte+, dir aus dem Weinkeller deinen Lieblingstrank zur Jause bringen, der dich immerfort +leider+ am Leben erhält! Hörst du ihn, gleich wird er da sein, dem +du+ die Zärtlichkeiten +wegstiehlst+, die +mir+ dann +fehlen+?!“ Später beredet sie dann in Gegenwart des gelähmten Alten ihren +Liebhaber+, die Kellerstiege +halb anzusägen+, wo der Gatte den geliebten Labetrunk dem Vater holt. Der Gatte stürzt sich zu Tode, da erhebt sich der Alte kerzengerade, umspannt mit stählernen Fingern den Hals der höhnenden wunderbar schönen Schwiegertochter, bis sie +erwürgt+ ist! Der Vorhang fällt. DIE KUNDSCHAFT „Herr von Altenberg, was verschafft mir die Ehre, womit kann ich dienen, was is denn schon wieder passiert, Sie schaun so aufgeregt drein!?“ „Der Rahmen ist von selbst aus dem Leim gegangen!“ „Von selber?! Sie werden halt recht damit herumg’haut haben, ein nervöser Mensch, ein Dichter!“ „Herumgehaut?! Mit einem Bilderrahmen, der an der Wand hängt?!“ „No an der Wand is er nicht von selber g’sprungen! Da muß man schon bissel mithelfen, so ist das nämlich nicht!“ „Was kostet die Reparatur?!“ „Ah, zahlen wollen’s?! Was sie kost? Gar nix kost’ sie. So a schlamperter Arbeiter, laßt ihn net langsam trocknen, nur immer gleich abliefern, abliefern -- --.“ ALTERN Bei 22° Kälte auf dem Semmering, vor drei Jahren, war mir warm. Jetzt ist mir kalt bei 14° über Null. Man altert. Sie erzählte mir, ein Herr habe sie in der Tramway angesprochen. „War er wenigstens elegant?!“ fragte ich gleichgültig. Man altert. Geld blieb aus, und ich tobte nicht Tag und Nacht über die Ungerechtigkeit der Welt! Man altert. Ich hatte ein Bläschen auf der Zunge und dachte an Krebs! Man altert. Ich dachte an die Jugendzeit: Gott sei Dank, daß diese Periode von schamloser Stupidität und frecher +Lebensunweisheit vorüber+ ist! Man bleibt jung. BRIEF Geehrte gnädige Frau, ich werde Ihnen jetzt diagnostizieren, woher Ihre ewige Differenz mit Ihrer heranwachsenden Tochter stammt! Ihr Töchterchen war als Kind auffallend hübsch, hat sich aber im Laufe der Entwicklungsjahre mit Respekt zu sagen „vermießt“. Da Sie selbst vom sogenannten Frühlingsleben der Frau nie etwas genossen hatten, freuten Sie sich unbewußt und naturgemäß, daß Ihre Eitelkeit wenigstens bei dem heranwachsenden hübschen Töchterchen endlich befriedigt werden würde. Aber sie wurde eben nicht hübsch, und statt romantischer Erfolge und eines sogenannten kleinen Hofstaates von Jünglingen, die Blüten schicken, hat sie nur einige ganz edle Freunde, deren kühles Gehaben, deren gemäßigte Konversation Sie als Mutter und Gastgeberin unendlich langweilt! Sie werden sagen: „Schön stellen Sie mich hin! Bin ich also ein eitles Scheusal?!“ Weshalb denn gleich so grausame Benennungen?! Sagen wir: +eine eitle Mama+! DER ESEL Er sagte: „Du bist langweilig, trotz deiner Schönheit. Die Sorge um deine neuen Frühjahrshüte ist +für mich+ keine Sorge!“ „Ich habe aber außerdem noch lange schmale weiße Beine!“ „Ich +anerkenne+ sie. Aber sie interessieren mich nicht allzusehr!“ „Ich habe einen nach süßen gekochten Mandeln duftenden Atem!“ „+Stimmt!+ Aber Linden und Akazien duften mindestens ebenso gut!“ „Ich werde dich mit deinem Freunde Norbert zu betrügen versuchen!“ „+Das+ allerdings interessiert mich!“ ANGST Jeder Mensch hat eine andere Art Angst. Aber ein jeder versteht nur die +seine+. „Vorm Zahnarzt fürchten’s Ihnen?! Für mich is der Zahnarzt wie a Tarockpartie, i setz mich hin, und es geht los. Schamen’s Ihnen!“ „Was, Sie haben Platzangst, Agorâfobíe?! Sie können nicht über einen freien Platz hinübergehen?! Na, nicht sollt ein fesches Maderl drüben stehen, wie’s hinhupfen täten!“ „Ich befürchte, ich werde mit meinen dreihundert Kronen monatlich schwer auskommen können!“ „Was, mit dreihundert Kronen?! Soviel hat ja bald ein Hofrat! Ah da schau her!“ „Wieviel brauchen Sie?!“ „Ich? Ich, wie kommt das dazu? Neunhundert!“ DIE UNENTRINNBAREN BEDÜRFNISSE DER MENSCHHEIT Die französischen Schützengräben sind zuweilen nur 40 oder 50 Meter entfernt von den deutschen. Zwischen 12-2 wird, wie auf Verabredung, in beiden Lagern Mittagspause eingehalten. Will dann einer „aus menschlichen Gründen“ verschwinden, so hebe er den Gewehrkolben; sogleich verläßt dann auch ein Feind den Schützengraben -- -- -- als Geisel, falls der andere dennoch angeschossen würde! DIE TÄNZERIN „Prenez moi dans votre chambre!“ sagte er zu der Vergötterten zum ersten Male, um Mitternacht. „Pas aujourd’hui!“ Wie, also doch morgen, übermorgen, in acht Tagen, in zwei Monaten, also überhaupt irgend einmal?! Aber da hatte er diese Allergeliebteste ja schon bereits in Besitz genommen +durch diesen Ausspruch+! Die goldenen schimmernden Tore zur Seligkeit standen offen, er erschaute bereits ihre körperliche geliebte Herrlichkeit! Er war von nun an ein gesalbter König. Was ist dagegen dieses armselige Wörtchen: „Komm!“ Und wenn sie es auch +gar nie, gar nie+ sagen würde später, seine +Hochzeitsnacht+ war: „Pas aujourd’hui!“ Der Hoffnungsstrahl! GYMNASIUM Ordinarius der zweiten Gymnasialklasse an den reichen Vater eines elfjährigen Söhnchens, das bereits fabelhaft auf der Violine Mozart, Haydn spielt: „Sehr geehrter Herr Kommerzialrat, falls es Ihnen Ihre kostbare Zeit gestattet, erbitte ich mir dringend im Interesse Ihres Herrn Sohnes eine Unterredung!“ Unterredung: „Könnten Herr Kommerzialrat, bei Ihrer Vorbildung, nicht mit ihm selber die Verba auf mi durchstudieren?! Ein Vater ist eben stets doch noch eine tiefere Autorität als ein armer Lehrer!“ „Herr Professor, ich will Ihren Lieblingswunsch also erfüllen. Ich habe von ganz klein angefangen, da weiß ich also doppelt den Wert der +Verba auf mi+ zu schätzen!“ Ich begreife es nicht, wieso man nicht +vor allem+ einen Weltkrieg führt gegen die toten, wirklich +toten+ Sprachen!? Solange man sie mühselig erlernt, kann man die Schönheit der Klassiker noch nicht erfassen. Und später findet man, daß Tolstoi, Hamsun, Gorki, Tschechow, Strindberg viel +wichtiger+ sind, um das +Leben+ in seinen geheimnisvollen Tiefen kennen zu lernen! Wir haben nur eine gewisse Summe von Lebensspannkräften, vitalen Energien! Was davon in den acht Jahren Gymnasium +vergeudet wird+, würde +ausreichen+, jeden für die ganze übrige Zeit zum +Genie+ zu machen! JAUSE Jausengespräch zweier junger bildhübscher Dienstboten im fünften Stock auf dem düsteren Gang vor meinem geliebten lichten Zimmerchen: „Jessas, an schönen noblen Kehrbesen habt’s ihr da oben! Unserer unten in der Kaffeeküche, +der+ schaut aus! Wie a g’rupftes Hendel!“ „I schenk Ihnen meinen! Der Peter kauft mir an anderen!“ „Was für ein Peter?!“ „No der Peter. Der Peter Altenberg. Er is ein Schmutzian, das heißt er hat nebbich nichts, aber für solche praktische Arbeitssachen hat er ein Herz. Sie, der Mensch hat Ihnen einen Abstauber für die Wandphotographien, von lauter grauen jungen Straußfedern, fünf Kronen hat er gekostet!“ „+Den+ möcht ich haben. Der muß ja wunderbar +wischen+!“ „Ja, den gibt er net her. Hundertmal hab ich ihn schon darum angebettelt! Er hat g’sagt: „Im +Testament+!“ Aber der lebt uns +noch+ zehn Jahr. Solche Leut, die gar nix zu arbeiten haben als dös bissel dichten, die san +zach+!“ DER ABSCHIED Morgenvisite, =1.= Sanatoriumsarzt: „Sie wollen uns also ernstlich verlassen, Herr Peter?! Bravo, bravo, ein erstes schönes Anzeichen wiedergewonnener Lebensenergien! Bravo. Nun aber nur rasch fort, damit man nicht wieder bedenklich werde, den Mut verliere!“ Abendvisite. =2.= Arzt: „Sie wollen uns also ernstlich verlassen, Herr Peter?! Ganz gut, wir werden Sie nicht zurückhalten selbstverständlich. Aber ein bedenkliches, ja ich möchte fast sagen, ein symptomatisch ungünstiges Anzeichen ist es, daß Sie so rasch weg wollen plötzlich!“ ROBERT MAYER Kochet, waschet, flicket, tuet noch etwas anderes +für uns+, aber tuet um Gottes willen nichts +gegen uns+! Du wirst seufzen: „Ein krasser Egoismus!“ Mitnichten, Fräulein oder Frau, mitnichten! Denn was ihr selbstlos für uns leistet, leistet ihr +für euch+! Unser Emporkommen ist doch auch +euer+ Emporkommen, in +jeglicher Art+! Robert Mayer entdeckte die „Erhaltung der Energie“! Siehe, nichts geht verloren an Lebensenergien! Was eine Frau dem Manne +spendet+, so oder so, es bleibt! In irgendeiner Form! Oft leider nur im Kindlein! +Ihr+ gebt +uns+, und wir +geben zurück+ der Welt, dem Leben, oft tausendfach! Wenn einer aber +gar nichts+ hätte von eurer Spende, den vernichtet, sackelt aus! Betrügt ihn hinten und vorn, bestraft ihn! Er versündigt sich an Robert Mayers entdecktem Gesetze von der „Erhaltung der Lebensenergien“! Er +nahm+ und +gab nichts+ zurück! Er verderbe! LANDPARTIE MIT DER FÜNFZEHNJÄHRIGEN Es ist also +nicht wahr+, was ich +durch Jahre+ glaubte, daß du im heiligen Frieden von Wald und unbetretenen Wiesen und Bergbach-Urwaldufern dich +verlörest+?! Ein Offizier, der vorüberkam, machte dich erröten, und +kaum+ vermochtest du dein Köpfchen +nicht+ zu wenden, um es zu erleben, daß er +dir+ nachschaut! Was ist es also mit deinen Sommerbriefen voll von Buchenwäldern, Birken, Kuckuckruf, gefangenem Igel und Sammlung merkwürdiger Kieselsteine im Bachbett?! Sich +verlieren+! Du +tiefste Weisheit+ einer Frauenseele, eines Frauenleibes! Jedoch an +was+, an +wen+?! Es ist die +erste+ Landpartie und auch die +letzte+! Nur +einmal+ stört man mir mein +stummes Zwiegespräch+ mit der Natur! ÜBER DAS „DRAHN“ Sein Wesen und seine +wirkliche+ Bedeutung im Lichte -- -- -- der Drahrer! Die meisten verstehen den +Sinn+ dessen, was sie aus Ungezogenheit und Stupidität tun, +nicht+. Der Drahrer +draht+ stupid. Das heißt, er opfert die Nachtruhe, Zeit, Geld, und noch etwas +anderes+, um zu +drahn+, d. h. um in einem marmorgetäfelten gut erleuchteten Raume mit Klavierbegleitung Barmädeln den Hof zu machen und gesehen zu werden von denen, die +nicht genug+ Geld haben, um den Mädeln den Hof zu machen. Denn Hof kostet eine Unmenge „Drinks“, Zigaretten, +Trinkgeld+ für die +gestohlene, geraubte+ Zeit, für +Langweile+ der unglücklichen Schönen, die +zu allem+ nett lächeln +müssen+ oder jedenfalls nicht +allzu beleidigt+ sein dürfen, wenn +er+ doch zu witzig und „+fesch+“ werden sollte infolge des Alkohols! +Nein+, drahn ist eine +Regenerationskur+, ein momentanes, wenn auch stundenlanges +Ausspannen+ aus allem, was dich den Tag über bedrängt, gekränkt, geknebelt, gedemütigt hatte! +Siehe+, du wirst ein +freier Mann+! Kein Vorgesetzter, keine Verpflichtung, keine Familie, keine Frau, kein Kind, kein Gläubiger! Du bist dein eigener Herr, und, falls du generös bist, sogar beliebt und gern gesehen! Draußen freilich auf der dunklen Gasse, überfällt dich wieder +deine eigene Nichtigkeit+! Aber willst du ihr denn +endgültig+ entrinnen?! Sei froh und dankbar, daß du auf sie +vergessen+ durftest, +konntest+, von 1-4! HOCHGEEHRTE GNÄDIGE FRAU Sie fragen mich, weshalb ich plötzlich von Ihnen +abgefallen+ sei?! Erstens +ist es+ gar nicht so +plötzlich+. +Nichts ist plötzlich, alles ist allmählich.+ Es +scheint+ nur plötzlich. Und zweitens: weil Sie eine abfällige Bemerkung darüber gemacht haben, daß ich 56jähriger mit meiner fünfzehnjährigen braunlockigen Freundin, die kurze Kleider trägt und aussieht +Gott sei Dank+ wie dreizehn, eingehängt, mittags, also im vollsten, strahlendsten Tageslichte, über den Graben gehe!? Ich finde, es sollten sich +alle jene+ eher +schämen+, die mit älteren, aus dem Leim gegangenen, wenig begehrenswerten Damen öffentlich sich +noch zeigen+! Ja, ich gebe es zu, daß Frühlingsvollkommenheit, braune +natürliche+ Locken, unbeschreibliche adelige kindliche Anhänglichkeit, der +mysteriöse Anflug+ eines Busens, absolute Fettlosigkeit, eine +Käthchen-von-Heilbronn-Seele+ und dabei +tiefste Geistigkeit+ mich nicht +abschrecken+, mit einer so gearteten Person öffentlich in vollem Sonnenlichte Arm in Arm zu gehen! +Ich+, gnädige Frau, bin von Ihnen +nicht+ abgefallen! +Sie+ von +mir+! PORTRÄTMALEREI Kunst ist die selbstlos-heilige +Vermittlerin+ zwischen der mysteriösen Pracht der Natur selbst und den ursprünglich stumpfen Herzen der Menschen! Wer die Natur +direkt+ genießen kann, +braucht+ keine Kunst! Wer die Kunst +braucht+, kann die Natur +nie+ direkt genießen! Das geniale +Porträt+ einer wertvollen wunderschönen Frau, hat +nur+ für die Wert, die es sonst am +lebendigen+ Objekte nicht so ganz tief +heraus+ finden könnten! Der Liebende ist ein +Ochs+, ein +Verwirrter+. Er +braucht+ das Porträt eines Künstlers von seiner Geliebten! Der +Verstehende+ braucht +kein+ Porträt! Es befindet sich nämlich ideal-genial in seinem +Gehirne+! BEKENNTNIS EINER SCHÖNEN SEELE „Ich bin sehr, sehr schön. In meiner grauen Samtkappe mit der dicken grünen seidenen Troddel, die über meine aschblonden Schläfenhaare herabbaumelt, sehe ich direkt aus wie -- -- --. Nun, was bedeuten Vergleiche, alte Bilder, vergilbte Namen, da man doch Gott sei Dank noch ein +lebendiges Kunstwerk+ ist!?! Aber +etwas+ fehlt mir, was +jede+ hübsche armselige Hure voraus hat. Man +anerkennt+ mich, aber ich erwecke keine bösen teuflischen Instinkte, das einzige, was durcheinander bringt und alle besiegt! Ich bin +innerlichst+ zu anständig, das heißt, ich habe nicht mehr die perfide Lebenskraft der Schlange, des Salamanders, des Regenwurmes! Ich bin +edel-feig+! Wenn man mich +tritt+, fühle ich mich +getreten+! Und das ist falsch. Da triumphieren die +Treter+! Trotz meiner bezwingenden Schönheit ist noch etwas in mir, das +mich+ bezwingt! Das sollte nicht sein. Ich bin das Opfer von einem +Stückchen Seele+, das mich ewig stört, verhindert! Man sagt mir zwar: ‚Du wirst +auch+ noch einen finden, den gerade +das+ interessiert!‘ Gott, hoffentlich. Weshalb soll man denn auch gerade +daran+ Schiffbruch leiden, was an einem sogenannt noch Besseres ist?!?“ LABEDAMEN Wir haben nichts dagegen, daß die feinen Damen uns +laben+. Aber der +Schlaf+ ist uns doch noch +wichtiger+ und wertvoller! Man weckt uns liebevollst aus dem heiligen Regenerationsschlummer, um uns fade Limonaden oder +angeblich+ stärkende Getränke zu verabreichen. Mit Respekt zu sagen, wir sch., pfeifen auf alles! Nur Ruhe, Ruhe, Ruhe, Schlaf! Die Damen wollen uns beweisen, daß sie für uns besorgt sind?! Wenn sie uns, zu Tode Erschöpfte, +ganz+ in Ruhe lassen möchten, +dadurch+ bewiesen sie es uns! Eventuell noch durch hingestellte zehntausend Zigaretten! Niemand versteht den +Kranken+! Am allerwenigsten der +Gesunde+! Er ist nämlich +zu gesund dazu+! Wir brauchen den +Bruder+ des uns nahen Todes, den +Schlaf+! DIE JUNGE GATTIN +Frau Ernst+ gewidmet. Immer +rekonstruiere+ ich mir wieder seine Leiden -- -- -- wie er dalag auf finsterem kaltem nassem Felde, mit seiner Schußwunde! +Weshalb+ tue ich es?!? Um nicht die +Qual+ zu haben, +ruhig+ zu werden, obzwar die +schwache+ armselige Seele nach +Beruhigung+ drängt! Wenn er aus seiner Ohnmacht erwachte, dachte er an +mich+. Nein, er dachte: „Wann, +wann+ wird jemand kommen, mich verbinden?!“ Dem +fremden+ Retter harrte er entgegen. Als +keiner+ kam, da dachte er an +mich+! O sei gesegnet, Schicksal, daß ich wenigstens einen +Augenblick lang+ ihm noch +etwas war+! DER ALTE HAUSIERER Heute am Graben, in der Septembersonne, sah ich einen alten Hausierer mit Patentkleiderhaken, die riesig praktisch und billig waren und die viele Leute gekauft hätten, wenn sie nicht das Mißtrauen gehabt hätten, betakelt zu werden. Neben ihm saß seine herrliche braune Enkelin von vierzehn Jahren. +Infolgedessen+ kaufte ich fünf Kleiderhaken à 70 Heller. Die Kleine war glückstrahlend über das Riesengeschäft. „Soll meine Enkelin sie irgendwohin zu Ihnen bringen, was brauchen Sie selbst zu gehn und zu schleppen?!“ Ich +zögerte+ einen Augenblick, dann sagte ich: „Nein, danke!“ Auf dem Wege betete ich: „Du braune süße Herrlichste, mögest du +nie+ es glauben, daß mit einem alten Hausierer-Großvater öffentlich zu stehen eine +Schande+ sei! Mögest du +stets+ es glauben, daß fünf Kleiderhaken zu 70 Heller ein +glänzendes Geschäft+ sind; und mögest du nie einem Manne Waren +ins Zimmer bringen+, der dich +so lieb+ hat wie ich!“ SPAZIERGANG IM HERBST Ja, meine Herrschaften, er, der Fünfundfünfzigjährige, geht mit einer Fünfzehnjährigen, Arm in Arm, über den Graben, in hellem Herbstlichte! Sie hat braune +natürliche+ Locken und kurzes Kleid, schaut aus wie dreizehn, und als sie ihn zum ersten Male in J., Dorfstraße, aus der Schule kommend ohne Schuh und ohne Strumpf, erblickte und zu ihm sagte: „Sie, Herr, bei Ihnen +bleibe+ ich!“, war sie erst zwölf! Neigung, Verständnis, Anmut richten sich nicht +nach dem Kalender+! Sie hat die getreueste intelligenteste Pudelseele: Sie ist wie von Barbédienne in Bronze gegossen. Eine lebendig gewordene Bronzestatuette. Daß +die+ sich ärgern, die vorzeitig „aus dem Leim“ gegangen sind, und die +Feiglinge+, die sich genieren, mit geliebten Mädchen über den Graben zu gehen eingehängt, im Herbstsonnenlichte, +das+ ist +selbstverständlich+! EIN SCHWARZ EINGERAHMTES BILD IN MEINEM ZIMMER Bunte Kriegsbilderbogen, à fünfzig Heller. Kriegsfreiwilliger Frank †. Darunter mein Text: Ein Dichter, der kein +Sozialdemokrat+, ja sogar +Anarchist+ ist bestehender +Lebenslügen+, +ist+ kein Dichter! Er dichtet, er träumt, er faselt, aber das +tönend+ gewordene traurige Herz der ganzen +wartenden+ Menschheit repräsentiert er +nicht+! Frank hat durch seinen Heldentod der „Partei“, also der +Menschheit+, +mehr+ Dienst geleistet wie durch sein Leben! Die grausame und träge Menschheit +braucht+, +verlangt+ krasse historische Beispiele! VERWUNDETENSPITAL Gestern nacht, Mitternacht, besuchte ich das Soldatenspital „Gartenbau“. Im Sommer war dort die Rosenausstellung, Rosen in allen Farben, umrahmt von weißen Holzgittern. Dreihundert Betten mit graugrünen Wolldecken, Bett an Bett. Man glaubt nicht, daß es Schwerverletzte sind. Todesstille, Nachtruhe, Nachtfriede. Die Kunst, die +Menschlichkeit+ der Ärzte! In einem großen Glaskasten die +Liebesspenden+, Zigaretten, dieses +andere+ Morphium des verwundeten Soldaten! Wir schleichen wie in Filzpatschen. Nichts rührt sich. ½7 morgens werden sie geweckt. O, lasset sie schlafen, in den Tag hinein! Das geht nicht. Frühstück und Waschen. Schade! DAS BRAUNE SEIDENWEICHE MUTTERMAL Sie hatte auf ihrem herrlichen weißen Unterarme ein großes braunes, flaches, mit seidenen Härchen besponnenes Muttermal. Jemand sagte: „Befürchten Sie nicht, daß es dennoch irgend einmal irgend jemand +abschrecken+ könnte?!“ „Im Gegenteil, es ist mein +Talisman+, ich trage +absichtlich+ immer offene kurze Ärmel, damit +der+ abgeschreckt werde, der sich +dadurch+ abschrecken +läßt+!“ Einer sagte: „Siehst du, und gerade +das+ gefällt mir an dir +am besten+!“ „Besser als meine wunderbaren Augen?!“ „Viel, viel besser! Denn mit den Augen ziehst du alle Kerls +an+, aber +damit+ ist doch wenigstens die +Möglichkeit+ vorhanden, daß einige +abfallen+!“ JAPAN Ich bin natürlich +gegen+ die Japaner, sie haben mich als +Menschen+ enttäuscht, aber +nicht+ als Klein-Künstler! So ergeht es +nämlich+ auch vielen bei +mir+. Niemand hält eben in seinem +Alltäglichen+, was er in seinem +Feiertäglichen+ verspricht! Ich besitze in meinem Zimmerchen eine japanische dreistöckige Etagere aus braunem und gelbem Bambus. Sie ist so zart und fein zusammengeflochten wie irgendeine besondere Pflanze von Natur aus. Ich liebe sie, trotzdem sie von den jetzt verhaßten und verachteten Japanern herstammt. So sollte man in allen, +in allen+ Dingen sein! Selbst die Hände und Füße derjenigen noch +bewundern+ können, die uns mit Herrn B. v. G. betrogen hat! Und +so+ mit +Menschen+, pardon, mit +Männern+, mit Staaten, mit Nationen! Der Kreuzotter schwarzgraue Schuppenhaut noch bewundern können, während sie uns tödlich sticht! Was ich +außerdem+ über diesen Krieg als +Dichter+ zu sagen habe?! Bis 1. Dezember 1914 habe ich in meinen neuen Skizzen +alles+ gesagt. Bin selbstverständlich weder +Historiker+ noch +Kriegsberichterstatter+, +Gott sei Dank+! KRIEG Auch im Krieg gibt es Menschen, die nur durch „geniale Tricke“ berühmt werden. Andere wieder durch düstere +stetige+ Lebensweisheit. Die Hauptsache bleibt: Ein jeder wirke mit +seinen+ ihm zu Gebote stehenden geistigen Mitteln! Der Weise braucht keine Tricke, und der, der Tricke hat, braucht keine Weisheit! Es gibt Dinge, die den +Augenblick+ erfordern. Und andere eine +Ewigkeit+! Für beides muß es „Tüchtige“ geben in einem idealen Staate! GESTÄNDNIS „Herr Peter, verleitet, verführt durch Ihren ungezogenen Freundeskreis, der direkt sich darauf etwas +einbildet+, Sie +schlimm behandeln zu dürfen+, das heißt Ihre universale Gutmütigkeit zu +mißbrauchen+, habe ich selbst hie und da mir leider einen ironischen frechen Ton erlaubt, den ich jetzt eigentlich sehr bereue!“ „Sehen Sie, +mich+ haben Sie dabei nie verletzt, gedemütigt! Sondern +nur+ Ihre junge zarte wunderbare +Gattin+!“ „Wieso +diese+?!“ „Weil ich mir immer und +jedesmal+ habe sagen +müssen+, was muß das doch eigentlich für eine +demütig-schwächliche+ Sklavin sein, die ihrem Gatten +nicht einmal+ die +Achtung+ vor einem alten Dichter hat beibringen können, die +sie selbst+ besitzt!“ AUTOGRAMME Fräulein P. Sch.! Ihnen danken?! Ja, da müßte man ja auch ununterbrochen der Sonne danken, daß sie Licht und Wärme spendet! Das wäre ja zu strapaziös! * An Fräulein...: Glauben Sie mir, Sie irren sich, ich kann Ihnen +wirklich+ gar nichts bieten! Denn das Bieten hängt +nicht+ vom Reichtum des +Gebers+, sondern vom +Reichtum des Nehmers+ ab! * An die junge Frau...: Sagen Sie über mein Buch: „Ja, ich habe es dringend +gebraucht+!“ Oder: „Nein, ich habe es +nicht+ gebraucht!“ Aber sagen Sie nur nicht: „Wirklich, sehr interessant und apart!“ * Einem Freunde, der ihn angeblich ganz besonders gut versteht: „Du gleichst +dem+ Geist, den +du+ begreifst, nicht +mir+!“ * Lieber Freund, ich bin keine +Krücke+ für die +Lahmen+, ich bin ein Flügel für die +Gehenden+, daß sie +schweben+ können! * Sie fragen mich: „Soll man also seine zärtlich Geliebte eigentlich +nicht+ liebhaben?!“ O ja, aber immer +noch mehr+ die huschende Smaragdeidechse, die tirilierende Lerche, den schweigenden Wald! * Viele, die mir +folgen+, glauben, daß sie sich einem +Abgrund+ nähern! +Diese+ sollen nur abstürzen! * Zum +Dichten+ gehört vor allem +Gedächtnis+! Man muß nämlich an alle +schönen+ und alle +häßlichen+, an alle +gemeinen+ und alle +ungemeinen+, an alle +lächerlichen+ und an alle +tragischen+ Dinge des Lebens +zugleich+ denken können! * +Jede+ Liebe muß die Form einer exzentrischen und hysterischen Sentimentalität annehmen; sonst steht es doch +gar nicht dafür+, sich diese +Unbequemlichkeit aufzubürden+! * Viele Menschen, mit denen man verkehrt, geben einem noch immerfort, wie die Lehrer im Gymnasium, Sittennoten, Sittenpunkte. „Das, Herr Peter, ist +wirklich sehr nett+ von Ihnen! Das wieder ist +roh und gemein+! Heute sind Sie +in Stimmung+! Heute sind Sie +unausstehlich+!“ Ich mache daher alle diese +Wohlmeinenden+ aufmerksam, daß wir zwar längst +nicht mehr+ im Gymnasium uns befinden, daß sie mich aber +trotzdem+ alle nach wie vor -- -- -- --! * An Paula Sch.: Die meisten Menschen gehen +nur+ ihre Wege, aber die Dichter gehen ihre Wege und auch +Ihre+ Wege! Weshalb ich das gerade an Sie schreibe?! Weil +nur+ Sie das ganz +verstehen+! Soll ich es einer schreiben, die sagt: „Sehr tief, aber was bedeutet es?!“ * Ich schenke Ihnen, Fräulein, mein Buch. Es ist nicht +für Sie+ geschrieben, aber +aus Ihnen heraus+! IDEALER PUMPBRIEF Lieber Herr ... ich wende mich an Sie als einen, gleich Ihrem Bruder ..., intelligenten und +vor allem+ höchst +entwicklungsfähigen+ Menschen! -- Nemo +nascitur+ Caesar, sed +crescit+! -- +Sie+ werden es daher am +allerbesten+ einsehen, welche +großen+, in Ziffern gar nicht auszudrückenden, Vorteile für Ihre +innere+ -- und das ist ja das +einzig+ Wichtige im Leben -- Entwicklung -- +Auffassung+, +Erkenntnis+, +Durchdringung+ des +sonst+ ziemlich komplizierten und +verworrenen+, ja oft +unentwirrbaren+ Daseins -- gerade Ihr Nahverkehr mit +mir+ Ihnen +unwillkürlich+ und +von selbst+ bietet! Ja, ich habe ein +Anrecht+ kraft meiner Persönlichkeit, die mit ihren +Gedanken+ und +Gefühlen+ nicht +feig zurückhält+ wie viele andere, mich als einen modernen +Sokrates+, einen „+Jugendbildner+“ zu betrachten, der peripatetisch -- bei mir +sitzt+ man sogar bequem und sauft Bier -- den Schülern und Freunden +unwillkürlich+ die Erkenntnis, die +Weisheit+ des Lebens +zwanglos+ beibringt! Für diese Lektionen will ich +Ihnen+, einem Lieblingsschüler, und weil schon Ihr jüngerer Herr Bruder seit Monaten meine Schule frequentiert mit gutem Erfolge und mir sogar schon infolge meiner Lehren das geliebte Fräulein B. weggeschnappt hat, für 25 Kronen monatlich, ebenfalls ein kleines monatliches Fixum von 25 Kronen berechnen. In Anbetracht der riesigen Vorteile für Ihr ganzes geistig-seelisch-ökonomisch-sexuelles Leben, also für Ihre Gesamtentwicklung, geradezu ein Schandlohn! Und bei dem allem, +bedenken+ Sie, bekommen Sie +bei mir+ alles so +mühelos+! Wie gesagt, bei +Sokrates+ mußte man mit dem alten Esel +herumgehen+, peripatetisch! Bei mir +sitzen+ Sie, supieren in aller Ruhe, trinken, rauchen, und, hast Du nicht gesehen, +auf einmal+, ein +unscheinbarer+ Anlaß, +breche ich los+ und ergieße ein Füllhorn nie gehörter Weisheiten über die erschreckten aufgestörten und +indignierten+ Zuhörer aus! Nehmen Sie sich davon +heraus+, was Ihnen für +Ihre+ geistig-seelisch-sexuelle Entwicklung wertvoll erscheint, +überhören+ Sie den +Quatsch+, und +zahlen+ Sie +pünktlich+ und mit +Freuden+ 25 Kronen pro Monat! Ihr P. A. KAFFEEKÜCHE Das braune süße junge Küchenmädchen ging rasch an meinem Zimmer vorüber. Ich sagte: „Sie sind heute blaß, Katharina!“ „Ja, soll man vielleicht rosig sein bei diesen Zeiten?!“ „Was haben Sie?!“ „Ich habe in der Zeitung heute gelesen, daß mein Geliebter verwundet ist!“ „Wohin gehen Sie jetzt?!“ „Jetzt gehe ich Kaffee kochen, bis zehn abends. Da muß man doch wenigstens die ganze Zeit aufpassen, daß er nicht zu schwach und besonders nicht zu stark wird!“ „Katharina, mit Ihnen zugleich trauern Tausende!“ „Wenn ich nur wüßt, wohin sie ihn angeschossen haben!? Daß er nicht zuviel leidet. Ich wär schon +damit+ zufrieden, wenn’s in die Arme oder in die Beine gegangen wäre!“ Sie beginnt zu weinen und sagt: „Fremde Menschen belästigen mit seinen Sachen! Das +auch noch+! Adieu, Herr Peter! Wie kommen +Sie+ dazu?! Bitte um Entschuldigung!“ POLITIK La gloire! La grande nation! Ganz nett, aber, pardon, die anderen möchten eben +auch+ existieren, und mindestens +ebenso glorios+ wie ihr! Es ist schon einmal so +verhängnisvoll ungeschickt+, daß +ein jeder+ sein Plätzchen an der Sonne des Lebens sich erwünscht! Sich +vertragen+, ist immer noch das beste Lebensgeschäft, das man auf dieser Lebensbörse effektiveren kann! Ich z. B. denke immer nur an das, was der +andere+ oder vielmehr +die+ andere von mir brauchen könnte! Denn was +ich+ von +ihr+ brauchen kann, darüber muß ich leider nicht erst nachdenken; ich weiß es +zu genau+! Also: +do+ ut +des+! SELBSTKRITIK D. H. ALSO SELBSTLOB Jetzt will ich mich mal selber gründlich kritisieren, objektiv betrachten, nachdem so viele gutmütige nachsichtige Kritiker mich über den grünen Klee belobt und anerkannt haben. Also, +was+ bin ich, +wer+ bin ich, +wie+ bin ich?! Ich bin ganz einfach der, der von oben +herunter+ schaut, von unten +hinauf+, und außerdem überall +rundum herum+! Ich habe nicht die „Vogel-Strauß-Politik“ fast aller anderen, die nur +das+ sehen, hören, verstehen wollen, was ihnen +paßt+! Mich stören, verletzen, enttäuschen, kränken eben Unzulänglichkeiten jeglicher Art nicht +so+ sehr wie andere, denn ich habe dafür für „Zulänglichkeiten“ ewige Begeisterungsfähigkeit, Anerkennung, ja +sogar+ Dankbarkeit! Die süße klangreiche Stimme einer Frau kann mich +fast+ dafür +entschädigen+, daß sie sonst ein +dummes Luder+ ist! Und so in allem und in jedem. Ich habe es nicht nötig, +ein+ Auge zuzudrücken, da das +andere+ tiefbegeistert immer offen steht! Ich kann überall schrecklichste +Mängel+ sehen, weil ich +ebensoviele+ herrliche +Vorzüge+ überall +zugleich+ erschaue! Besonders die anmutigen zartgegliederten, beweglichen, edel-hautigen Frauen geben uns Gelegenheiten, sie zu bewundern, anzubeten, zu verwöhnen, während wir +zugleich+ in unser „inneres Tagebuch“ und Nachtbuch schreckliche vernichtende Dinge über sie notieren! Diese „Symphonie“: Erleben! Weshalb versuchen wir es denn nicht, Beethoven, Bruckner zu beschämen, zu +überflügeln+ durch unsere Seelensymphonien des +Daseins selbst+, aus erster Hand, nicht erst tiefsinnig umgesetzt in Klang und Töne!? „Ich habe mit Fräulein X. Y. +erlebt+: Symphonie C-Moll!“ Auf Musik erst warten, wozu?! Das +Leben+ töne! Meine Bücher sind ein Sammelsurium von allem Möglichen, +Wichtigen+; denn nichts ist +unwichtig+ außer das +wirklich+ Unwichtige. Wie zum Beispiel der Luxus -- und die Vorurteile +jeglicher Art+! +Form+ hat dem Inhalt zu +dienen+! Tiefe Gedichte +ohne+ Reim und Versmaß sind +noch+ besser als solche +mit+. Denn bei ihnen spürt man das +Restlose+, während man bei den anderen stets noch meint, +wie tief+ sie erst geworden wären +ohne+ das Prokrustesbett, die „Eiserne Jungfrau“ von Vers und Reim! +Form+, du größter frechster +Hochstapler+ von +leeren+ Gehirnen, +leeren+ Herzen! Ich hasse dich! Ich +verachte+ dich! DAS THEATERSTÜCK EINES IM FELDE STEHENDEN DEUTSCHEN OFFIZIERS Ich bin leider kein „zünftiger Theaterreferent“, ich bin nur, +trotz+ meines Namens oder vielleicht +wegen+, ein ganz gemeiner Varietéreferent geblieben, was, wenn es noch so gut ist, nichts gilt in der +literarischen Welt+! Ich bin kein +Areopag+, was hat zu entscheiden über die Güte eines Stückes und über die Qualitäten von den Leistungen von seiten der darstellenden Künstler, inwiefern sie den Intentionen des Dichters nachzukommen ehrlich angestrebt haben, inwiefern hinwiederum der Dichter den Intentionen des Referenten nachgekommen ist, der sich schon infolge seines ernsten Berufes längst vor der Premiere mit den Qualitäten des Stückes streng und intensiv befaßt hatte! Ich war infolgedessen bei der Erstaufführung von Fritz von Unruhs „+Offiziere+“, zugleich mit der jungen schönen bleichen Frau, in deren Loge ich zu Gaste war, tief begeistert und oft tränenüberströmt. „Sie sind doch kein Knabe mehr, Peter!“ „Im allgemeinen nicht, aber hie und da bei wichtigen besonderen Anlässen!“ Ja, das Stück ist herrlich, die Darsteller Iwald, Pointner, Forster, Turner, +Fräulein Choste+, vollkommen! Ob dieses moderne Stück nichts anderes eigentlich sei als das alte Kleistsche: „+Prinz von Homburg+“, ist mir ganz egal. Das alte ist +fad+, und das neue ist +packend+! Vielleicht würde ich es +auch+ anders sehen, wenn ich in +angesehener Stellung+ wäre, aber so, als ganz gewöhnlicher Varietéreferent, bin ich nur +gerecht+ und +begeistert+! SPLITTER Frau E. v. W. sagte zu mir: „Wenn ich, ganz nach Ihren Prinzipien, stumm, in mich gekehrt, dasitze, werden Sie sich doch, nach Stunden, mit mir schrecklich langweilen und sich eine fesche Ungezogene herbeiwünschen, nicht?!“ „Allerdings! Aber es wird dann nur +meine+ Inferiorität beweisen, nicht die +Ihre+!“ * „Bin ich Ihnen, mein Herr, nicht doch zu wenig leblos, temperamentlos, zu fad?!“ „Mir +nicht+, solang ich spüre, daß Sie es den anderen +ebenso+ sind!“ * „Denk dir, Mietzi, ich hab dem Peter seine Monatsrente entzogen!“ „Hat er sich gegiftet?!“ „Nein. Er hat nur gesagt, er kann vor Sorgen nun nicht mehr so ganz frei dichten!“ „Gott sei Dank!“ * „+Schöne+ Frauen sind eigentlich sehr +gutmütig+, sie freuen sich, daß sie +wegen nichts+ so gefallen! Was sie +ungutmütig+ macht, ist ja +nur+ das Gefühl, daß man sich +besonders lang+ nicht anschmieren lassen wird!“ * +Wirkliche Werte?!+ Lächerlich. Duftet die Rose +dem+, der Schnupfen hat?! Und dem anderen, der +keinen+ hat, bereitet sie vielleicht nur +Migräne+! * „Ich möchte mit Ihnen etwas +ganz Außergewöhnliches+ erleben, Herr Franz, ich lasse mir und Ihnen dazu vier Wochen Zeit!“ Für diesen Ausspruch drückte er ihr zärtlichst die Hand. Da war es +schon+ erlebt! * Einer sagte zu mir: „Ich hab eine erst +wirklich gern+, bis ich +sie ganz gehabt+ hab!“ „Da hat sie Ihnen früher wahrscheinlich +weniger+ gegeben durch ihre Persönlichkeit!“ „Nein, aber es ist halt doch +etwas ganz anderes+!“ „Ja, etwas +ganz anderes+ ist es allerdings!“ * Es ist keine große Kunst, überall das +Für+ und +Wider+ einer Sache herauszustöbern; aber es +nicht+ herauszustöbern ist ein Kretinismus! * +Trauer.+ Die Träne, die du trocknest, macht einen geliebten Verstorbenen erst vertrocknen, der bis dahin unter deinem Naß gediehen ist! * Wenn Kürze des Witzes +Seele+ ist, wenn Kürze des Essays +Seele+ ist, wenn Kürze der Novelle +Seele+ ist, dann, dann -- -- -- bin ich +kurz+! * Die +ganz feinen+ Damen sind ebenso brutal-ordinär wie die +ganz ordinären+ Damen. Nur merkt man es nicht so +ordinär+. +Das+ ist das +Feine+ an ihnen! * Meine Bücher: Eine organische natürliche Verbindung einer inneren +Biographie+ mit einer inneren +Weltanschauung+! * Es ist wie gesagt keine große Kunst, alle Dinge des Lebens von allen ihren Seiten +zugleich+ betrachten zu können. Aber es +nicht+ zu +können+ ist eine +Beschränktheit+! * Wenn jeder +nur+ das leistete, was er leisten +könnte+! „Aber er leistet das, was er leisten +möchte+!“ Und das ist viel zuviel zuwenig! * +Der Kranke.+ Wir brauchen Schlaf, nur Schlaf, diesen +rücksichtsvollsten+ Bruder dieses +rücksichtslosesten+ Bruders, Tod! THEATERKARTEN Wenn ich jemandem zwei gute Theaterkarten schenke, darf er mir, wenn auch noch so liebenswürdiger Art, kein Gegengeschenk machen, das dem realen Wert meiner Karten +entspricht+ oder ihn +übertrifft+! Denn erstens beraubt er +mich+ der Freude des Schenkens, sich der Freude ewig innerlich fortvibrierender Dankbarkeit! Wenn er aber doch das innere Bedürfnis hat, sich zu revanchieren?! Dann schicke er mir seine schöne junge Geliebte für zwei Stunden ins Haus! SPLITTER Inwiefern kann Österreich durch sein Bündnis mit Deutschland künftighin profitieren?!? Insofern es lernt, daß z. B. eines seiner +Lieblingslieder+: „Drah’n mer +auf+, und drah’n mer +um+, es liegt nichts dran!“ ganz falsch ist, und eben doch sehr viel an allem dran liegt! * Diese hündische Anhänglichkeit dieses Herrn B. für Frau L. paßt sich für einen gscheckerten Foxterrier, aber nicht für einen rotschädlerten Menschen! * Er hatte sich kolossal an sie angewöhnt: die ewigen unnötigen Mißverständnisse nämlich später wieder aufzuklären und alle klaren Dinge ewig wieder mißzuverstehen! Man spielt sich herum wie die Katz mit der Maus! Leider ist man nicht die Katz, sondern die +Maus+! SKLAVIN Als ich sie vor Leuten in mein Zimmer schickte, die verlorene goldene Aufziehschraube meiner geliebten Uhr zu suchen, abends. Was für ein verfallenes bleiches verzweifeltes haßerfülltes Antlitz du bekommen hast sogleich, unbewußt, gegen dich selbst vielleicht sogar! Du hast den Stolz der niedrigen kriechenden Organisationen, die von der Ehre, dem Stolz des „+Dienens+“, des heiligen „+Dienstbarseins+“ +nichts+ in sich haben, weil ihre Würde nicht +von innen+ vorhanden ist, ein unzerstörbar ewiges lichtes Gepränge, sondern von außen verlogen angepickt und angeschminkt an deine eigentlich +würdelose+ Seele! Der +Freien+ Stolz ist: frei zu +dienen+! Der +Sklavin+ Stolz ist: +scheinbar+ frei zu sein! BANNFLUCH +Hinauf+ kommen wollen, +heraus+, aus den Niederungen, den Sümpfen, seelisch-geistig, +das+ ist alles! Man muß deshalb nicht gleich Klosterschwester werden, aber immerhin, wenn auch in dieser heiligen reinen friedlichen Klosterzelle seiner faden Stube! Der Mann ist der Schandbube, ist der Mörder der Frauenreinheit! Daß sie selbst aber die Gefahr, die Erniedrigung nicht sofort +erkennt+, spürt, wittert, ahnt, riecht, ist ihre +Hurennatur+! Was dir geschieht an Leid, an Demütigung, o Fraue, und seiest du erst fünfzehn Lenze jung, ist +deine+ Schuld, und +dein+ Verbrechen! Würde, adeliger Stolz, wirft jeden Wüstling reuig zu deinen Füßen nieder! +Verführt+ wird +nur+ die, die zum +geraden+ Wege ohnedies nie taugte! Besser also eine +gute Hure+ als eine +verlogene Anständige+! Zeige dich wenigstens ehrlich in deinem Schuppenpanzer, Echse! Hexe! SPLITTER So viele schöne Frauen sind ungezogen. Weil man sie nicht erzieht?! Nein, weil man ihnen einredet, daß es +herzig+ sei! * Schöne begehrenswerte Frauen wollen immer es erproben, was man uns noch alles sagen und antun darf, ohne daß wir beleidigt sind! Beleidigt sind wir +natürlich sofort+, aber man darf sich’s wegen dem anderen Geschäft nix merken lassen! * „Was haben Sie davon, daß Sie uns so durchschauen, Peter?!“ „Daß ich es dann genau weiß, +darauf+ komme es eben doch +nicht+ an!“ * Eine Frau, die ganz genau so wäre wie ich, nur ohne -- -- Schnurrbart! Das wäre es! * Ich lese bei S. Jacobsohn: „Der Fleiß und die übrigen sieben Todtugenden!“ * +Verkehr mit edlen Frauen.+ Es ist künstlerisch-nobel, seine Perlen unter den Tisch fallen zu lassen. Aber es muß sich eine finden, die sie zärtlich aufklaubt! * Ὅρκος ὀδόντων, der Stachelzaundraht. Gehe +äußerlich+ so +exzentrisch+ gekleidet, daß dich schon im vorhinein jene +meiden+, die dann mit Entsetzen sonst erst +zu spät+ es merken würden, +wie sehr+ du dich erst recht innerlich von ihnen, Gott sei Dank, +unterscheidest+! * Ich habe viele +Freunde+, aber wenig +Brüder+! Freunde sind +die+, die +das noch+ verstehen, was sie verstehen +können+ an mir! Aber +Brüder+ sind +die+, die +auch das noch+ an mir verstehen, was sie +nicht mehr+ verstehen können! GESPRÄCH MIT DER WUNDERSCHÖNEN SIEBZEHNJÄHRIGEN AUS SARAJEWO „In einer kleinen abgelegenen Stadt, umringt von romantischen Wildnissen, haben wir viel voraus vor unseren unglückseligen Mitschwestern in den flachen Großstädten. Wir haben voraus: +Langweile+, +Nachdenken+, +Melancholie+! Wir bekommen es sehr bald heraus, daß es nur sehr sehr wenige Männer gebe, die uns befriedigen können: Mozart, Schubert, Hugo Wolf, Tschechow, Beethoven, Emerson, Tolstoi, Hamsun, Grieg. Aber den anderen genügen wir nicht. Das heißt sie bilden es sich momentan ein, daß wir ihr Höchstes seien. Aber da sie unseres nicht sein können, können wir auch nie +eigentlich+ das ihre sein! +Nur+ gleich und gleich gesellt sich gern! Wir aber leben ungesellig, mit unseren Göttern, +unseren+ Männern!“ Ich schwieg, berührte ihr zärtlichst die Hand. SPLITTER Er sagte zu seiner süßen Geliebten: „Ich geb dir sechs Wochen von heute abend an Zeit, folgende Lebensbibeln zu lesen: +Macauley+, Biografical essays, +Goethe+, Werthers Leiden, +Hamsun+, Victoria, +Carlyle+, Über Helden, +Friedell+, Ecce poeta, +Richard Wagner+, Exzerpt: Gedanken und Aussprüche, +Renan+, Das Leben Jesu, +Emerson+!“ Nach sechs Wochen machte er Stichproben. Und siehe, sie hatte wirklich -- -- -- alles +gelesen+. Aber +verdaut+ hatte sie nichts. Da gab er ihr weitere +zehn Jahre+ Frist! * Es ist besser, anfänglich zu +mißfallen+ und später zu +gefallen+. Noch besser wäre es, +gleich+ zu gefallen und später +erst recht+. Aber das gibt es leider nicht! * Wenn ich vom Leben nichts wüßte, als daß die Rosa Papier, die alle +Kirchenglocken tönte+ während meiner ganzen Jugend, durch +falschen Ehrgeiz+, durch diese hohen Partien „Sieglinde“ und „Elisabeth“, ihre von mir +vergötterte+ und +heißgeliebte+ dunkelernste mahnende erschütternde Stimme verlor, wüßte ich +schon mehr als genug+! * Heute, 17. Dezember 1914, ½6 abends, wurde mir im Café meine geliebte goldene Uhr gestohlen. Ich annoncierte sogleich ins N. W. T.: „Welche meiner zahlreichen Verehrerinnen erwünscht sich die Ehre, mir auf den Weihnachtstisch einen Ersatz für die gestohlene zu legen?!“ Ich erhielt 173 wundervolle Uhren. Die schönste behielt ich, den Erlös für die anderen widmete ich den Waisen weiblichen Geschlechtes gefallener Helden! Das Ganze war aber nur, wie im Kino, ein Traum. Bis auf die eine gestohlene Uhr. Die ist Wirklichkeit. FRIEDELL Dr. Egon Friedell sagte zu mir: „Peter, die +Philister+ schaden dir nicht, im Gegenteil. Die +ahnen+ etwas in dir, was +besser+ ist als sie, was sie aber doch als überflüssig und sogar hinderlich betrachten im Leben! Wer dir +schrecklich schadet+, das sind +nur+ die, die dich +zu verstehen+ meinen und überzeugt sind, daß +sie+ eigentlich +auch so ähnlich+ sind, aber nur +nicht so verrückt+, sondern dabei +normal+! +Diese+ Hunde, die +nicht+ schwer bezahlen wollen fürs +Anderssein+, sondern nur +damit+ noch profitieren möchten! Die, die dich unter der perfiden Maske von +Verständnis+ und +Anerkennung+ zuschneidern, zustutzen auf +ihr+ Maß, ein Zwergenmaß, nein, ein +Lebensmaß+! Ein +Sterbens+maß! Die, die da sagen: „Ich bin doch gewiß -- -- --“. Nein, er ist gewiß +nicht+!“ AN PÍA DORÉ Es gibt schöne junge Geschöpfe, die man natürlich sogleich +haben+, genießen möchte! Die Zärtlichkeit kommt von unten und +bleibt+ unten. Aber es gibt solche, für die man sogleich die besorgte und übertriebene Zärtlichkeit einer Mama für ihr zartes Baby empfindet! Die Zärtlichkeit ist eben sogleich +hinauf+ gestiegen, ins Herz, und noch höher hinauf, ins Gehirn! Dorthin, wo das „Göttliche“ wohnt, das Unzerstörbare! Nenne es „Impotenz“, mich kannst du nicht schrecken! Ja, man zieht den Genuß von +tausend+ Stunden dem Genuß +einer+ Stunde vor! WERKE VON PETER ALTENBERG Wie ich es sehe Neunte vermehrte Auflage. Geh. 5 Mark, geb. 6 Mark. Was der Tag mir zuträgt Fünfte vermehrte Auflage. Geh. 5 Mark, geb. 6 Mark. Prodromos Dritte Auflage. Geh. 3 Mark 50, geb. 4 Mark 50. Märchen des Lebens Vierte vermehrte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark. Neues Altes Dritte Auflage. Geh. 3 Mark 50, geb. 4 Mark 50. „Semmering 1912“ Vierte vermehrte Auflage. Geh. 3 Mark 50, geb. 4 Mark 50. Die Auswahl aus meinen Büchern Vierte Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark. Wie ich es sehe Es ist ein schönheitstrunkenes Evangelium raffiniert gesteigerten und doch kindlich-reinen und seelenvoll-heiteren Lebensgenusses der Sinne und des Geistes. Und dabei eine ganz neue Gattung in Stil und Vortrag. Die Ausdrucksweise subtilster Gefühlsregungen ist dadurch wesentlich bereichert worden. Schattierungen im Empfindungsleben spricht es aus, die bisher unausgesprochen waren, in deutscher Sprache wenigstens. Dadurch gewinnt das Buch eine besondere Bedeutung. Die Mittel der Darstellungskunst werden ganz einfach dadurch erweitert. Es ist wie ein neues Instrument, mit Saiten, die man noch nicht kennt und die, nur leise und linde berührt, eine ganze Welt von Tönen hören lassen. (Grazer Tagespost) Was der Tag mir zuträgt Um seine Altenbergereien, seine eigenen Nuancen, von Humor, von Liebe, von Heldenverehrung, von Sinnlichkeit, von Trauer gut auszudrücken, hat Peter Altenberg seine persönliche Kunstform erfunden, und sie feiert in diesem Band voll bunter, amüsanter, zusammengetragener kleiner Skizzen wieder große Triumphe. Er läßt eine Tischrunde ruhmhungriger junger Leute eine Zeitschrift begründen und den Herausgeber mit der großen Brieftasche umschwärmen; da zittert und schwirrt es bei scheinbar sachlichen Gesprächen nur so durcheinander von allen möglichen Ober- und Untergedanken der ungeduldigen Jünglinge. Oder er liest einem jungen Mädchen, das den ersten Tag seines Dienstes am Postschalter hat, die ganz und gar nicht zur Sache und zum Dienst gehörigen, zwischen Federeintauchen und Auskunftgeben vorüberblitzenden Vorstellungen ab. Ganz ohne Romantik, wie sie früher in solchen Fällen beliebt war -- früher hätte eine solche Postnovize zumindest ein sterbendes Kind zu Haus gehabt -- ganz ohne äußeren Aufputz; ganz den wirklichen Beobachtungen und ihren verborgenen Geheimnissen entsprechend; ganz wie der Tag es ihm zuträgt. (Die Zeit, Wien) Prodromos Peter Altenberg gibt in seinem neuesten Aphorismenwerk eine Anleitung zum Lebensgenuß. Er sagt uns, was wir essen und trinken sollen, wie wir unseren Körper pflegen sollen, indem er die Behaglichkeit und die Beweglichkeit des Seelenlebens schildert, die wir dadurch gewinnen. Es sprüht in diesem Buch auf allen Seiten, und dieser Funkenregen eines lustigen Philosophen zerstört die lasse Moral eines satten Philistertums so unerbittlich, wie die Müdigkeit einer Nur-Ästhetik. Es ist ein Lebensbuch von unerschöpflicher Klarheit, eine ganz moderne Philosophie von Leib und Seele, wie sie gleich einheitlich nur im Athen eines Plato oder im Rom des Neuplatonismus geschrieben werden konnte, wie sie in den Religionen Buddhas und Alexandrias vorherrscht, er baut den Vorhof zu einem Tempel der zukünftigen Menschheit. (Leipziger Neueste Nachrichten) „Semmering 1912“ Der populärste Mensch von Wien hat ein neues Buch herausgegeben, das wieder wie alle früheren Bücher des Dichters angefüllt ist mit jenen zarten, kleinen Skizzen, Anekdoten, Plaudereien, die an vollkommene japanische Lackarbeiten und auf einfachste Umrisse gebrachte japanische Holzschnitte erinnern oder auch an die Kopfkissenhefte jener japanischen Frauen, die um das Jahr 1000 die klassische Literatur der Japaner schufen. Aber auch all seine Ideen über Kultur der Seele, des Körpers, des Gefühls werden wieder in diesem Buche ausgesprochen, doch ein wenig resignierter, in herbstlich stiller Beglückung. Denn Peter Altenberg ist krank und mußte sich im Sanatorium aufhalten. Er entwickelte die Idee eines „Hotelregisseurs“, eines „Hotelführungsidealisten neuester Art, dem das Hotel als solches lieb und betreuenswert erscheint“. Da er sich selbst als Hotelregisseur empfahl, wurde er in ein Hotel auf dem Semmering berufen. Dortselbst verlebte der bislang in Wien (Café Central) Eingekerkerte ein glückseliges Jahr 1912. Und die Skizzen, die in diesem Jahre entstanden, tragen dankbar den Sammeltitel „Semmering 1912“. Nun sind in dem kranken, alternden Peter nochmals alle Erkenntnisse und Gefühle seines Lebens aufgeblüht. Hier droben im Gebirg fand er Frühling, Winter, Wälder, Wiesen, Blumen, schöne Frauen und sehr gepflegte edle Kinder. Also wurde „Semmering 1912“ eine Enzyklopädie von Peter Altenbergs bisherigem Erleben. In diesen sorgsam hingetupften Skizzen sind Romane, hygienische Abhandlungen, Liebeslieder, unendliche Gefühle geborgen. Auch mancherlei Amüsantes, Witziges, Paradoxes, Autobiographisches zieht vorüber. Wir erfahren, wie Peter Altenberg entdeckt wurde, wir staunen, welche Glücksmöglichkeiten die Betrachtung einer Wiese, einer schönen Frau, eines Kindes bietet. Und so ist dies Buch des vierundfünfzigjährigen Dichters ein Spiegelbild des armen, glücklichen Peter Altenberg, ein Bilderbuch der Schönheit, der Gefühle, der Natur, der Witze und aller Menschlichkeit. (Zeitschrift für Bücherfreunde) Märchen des Lebens Das Leben erzählt uns allen, und doch hat keiner von uns die Geschichten gewußt, die dieser eine Peter Altenberg, dieser hochbegnadete Struwelpeter der Dichtung, zu berichten weiß. Im Hinhören, im Aufmerken, in einer neidenswerten Fähigkeit des Staunens liegen Altenbergs ursprünglichste Dichtergaben. Die Welt ist so reich. Jeden Tag sehen wir -- ja, wie kann man das alles aufzählen? --, wir sehen Wolken über den Himmel gehen, ein Füllen auf der Weide springen, eine Blume blühen, eine schöne Frau lächeln. Aber wenige von uns haben die Gabe, über das alles nach Gebühr zu staunen. Vielleicht muß man vom Leben etwas zur Seite gestellt sein, um das alles so gierig, so dankbar, so heiß und schmachtend aufzufassen, wie es Peter Altenberg tut. Wir gehen die Straße des Lebens, ungeduldig, präokkupiert von der Sehnsucht nach den großen Sensationen. Wir suchen am Horizont nach den gewaltigen Gebilden der Berge. Peter Altenberg aber bückt sich indes, hebt einen Kiesel von der Straße auf und weist ihn lächelnd, liebevoll, mit einer fast preziösen Geste dar. Und siehe da, der Kiesel ist ein wahres Wunder, und wir müssen tun, als sähen wir ihn zum ersten Male. Liegt es nur an der preziösen, entzückten Geste, mit der er dargereicht und uns endlich einmal eindringlich ins Bewußtsein gerückt wird? Welch eine eminente Gabe der Charakterisierung muß ein Mensch besitzen, wenn seine Schilderungen so frisch, so packend und frech wirken, wie die Bilder einer kleinen spitzbübischen Kamera. (Münchener Neueste Nachrichten) Neues Altes Eben habe ich ein wundervolles Buch gelesen, keines für Philister, die finden nichts darin, keine Geschichten, keine Moral und keine Unmoral. Es sind Perlen und wieder nicht Perlen, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, sondern wie sie aus der Hand einer feinen, innerlich vornehmen Klavierspielerin aus den Tasten oder über die Tasten des Flügels rollen, unsagbar rund, unsagbar matten Glanzes -- reine Kunst. Das Buch ist von Peter Altenberg und heißt ‚Neues Altes‘. Was drin steht sind Briefstellen, Tagebuchnotizen, Skizzen, manchmal nur eine Bücherwidmung, selten mehr als eine Seite lang, oft ein paar wenige Zeilen, ein Nichts für den Philister, eine Perlenschnur für den Liebhaber. Amatöre sollen sichs zur Weihnacht schenken und sich dazu anlächeln. (Nationalzeitung, Basel) Die Auswahl aus meinen Büchern Über Peter Altenberg ein Urteil in gemessenen Zeilen abzugeben kann ich mich nicht erkühnen. Man kann über diese personifizierte Absonderlichkeit denken, wie man will, verweilen wird man bei ihr müssen. Er hat die feinsten Nerven in ganz Wien. Darum muß man ihn lesen, ablesen wie einen Thermometer, Barometer, Hydrometer, kurz wie irgendein Kunstwerk physikalischer Feinmechanik. Vielleicht gehört das Urteil über Peter Altenberg wirklich der Zukunft? Vielleicht hat er instinktiv das getan, was nur er sich erlauben durfte: seinem Buche eine Selbstanzeige mitgegeben, eine Selbstanzeige, worin es heißt: „Ich habe vier Bücher herausgegeben: ‚Wie ich es sehe‘, ‚Was der Tag mir zuträgt‘, ‚Prodromos‘, ‚Märchen des Lebens‘. Ich hielt dieselben für ‚Extrakte‘, für Extrakte meines eigenen Innenlebens und eigentlich des Lebens überhaupt! Ich hielt mich für das kurzgefaßteste Herz, für das kurzgefaßteste Gehirn eines modernen Schriftstellers, für das Unbelästigendste, Zeit nicht Raubendste, das es gäbe! Aber ich habe mich geirrt. Man kann aus den vier Büchern noch die ‚wertvollsten‘ Perlen herausfischen und so dem einen Leser die Mühe ersparen, überhaupt je wieder etwas von mir zu lesen, den anderen jedoch dazu verführen, nun alle Werke zu erstehen! -- Man warnt also menschenfreundlichst dadurch seine Nichtversteher, während man mit seinen Verstehern ein glänzendes Geschäft vielleicht zu machen in der Lage ist! Deshalb, aus Menschenfreundlichkeit und Gewinnsucht zugleich, veröffentliche ich die ‚Auswahl‘!“... Hat man die feinen Sächelchen, diesen Seelenhauch gelesen, scheint das Leben eine unüberwindliche Brutalität. (Wiener Abendpost) Im gleichen Verlag ist erschienen: Egon Friedell: Ecce poeta Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark +Das+ Buch über +Peter Altenberg+ heißt „Ecce Poeta“; es könnte ohne Einbuße an der monumentalen Macht seines Hinweises auch „Ecce homo“ heißen; nämlich ecce homo 1912. Denn so wie Egon Friedells Arbeit das Buch über den österreichischen Dichter, so ist dem Verfasser die Persönlichkeit Altenbergs einfach +der+ Dichter, ja mehr als das, +der+ Mensch. Diese Identität zwischen Dichter und Mensch war die Verlockung, die ihn in einem Werk, das sich eigentlich als große erste Publikation von Untersuchungen über den neuen Menschen hätte geben sollen, die Führung an Altenberg vergeben ließ. Altenberg führt; darum ecce poeta. Ein Dichter kann in Mode stehen und außer Mode kommen. Bei Altenberg kann man leider nicht sagen, daß er je sehr in Mode gestanden hätte; schuld daran ist, daß er eine Entwicklungsspitze darstellt, während sich das große Publikum immer lieber am Fuße aufzuhalten pflegt und nur hin und wieder scheue Blicke nach oben wirft: denn es besitzt nicht das zähe Altenbergprinzip, das, um Bergsteigerfreudigkeit und Leichtigkeit zu erzielen, ein Dutzend fleißiger Kniebeugen vorm Schlafengehen verschreibt. Trotzdem ist Altenberg modern: weil er aus dem Krafthaushalte seiner Zeit schöpft und neue Kategorien von Schönheit und Adel aufstellt. Und nicht zum wenigsten darum, weil in Altenberg Mensch und Dichter kommunizieren. Wenn darum Egon Friedell etwas aus seinem Dichterschicksale erzählt, kommt es in Summa dem Menschen von heute überhaupt zugute. Altenberg ist Dichter durch seine Menschlichkeit. Nie ist ein Dichter weniger Dichter gewesen, nie ist ein Dichter mehr Antidichter gewesen. Denn das Dichtertum Altenbergs ist kein bürgerlicher Beruf, sondern ein Humanitätsmaximum. (Frankfurter Zeitung) Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FECHSUNG *** Updated editions will replace the previous one—the old editions will be renamed. 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