The Project Gutenberg eBook of Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie

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Title: Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie

Author: Felix A. Theilhaber

Release date: April 18, 2014 [eBook #45434]

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Peter Becker and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERGANG DER DEUTSCHEN JUDEN: EINE VOLKSWIRTSCHAFTLICHE STUDIE ***

[S. 1]



FELIX A. THEILHABER:

DER UNTERGANG DER DEUTSCHEN JUDEN








 [S. 2]

[S. 3]


FELIX A. THEILHABER


DER UNTERGANG

DER

DEUTSCHEN JUDEN




Eine volkswirtschaftliche Studie.







2. veränderte Auflage / 3. bis 4. Tausend

1             9             2             1


JÜDISCHER VERLAG / BERLIN

[S. 4]










Copyright 1921 by Jüdischer Verlag, Berlin
Druck von Zahn & Baendel, Kirchhain N.-L.
Einbandzeichnung von Menachem Birnbaum


[S. 161]

INHALT.

VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE 5

KAPITEL I. Einführung 7

Ueberblick über die Sexualverhältnisse der alten Welt. Die Grundlagen und die Bedeutung der jüdischen Geschlechts-Ethik. Ehe, Frühehe und Kinderreichtum als religiöses Postulat. Ihre strikte Durchführung im Mittelalter. Fruchtbarkeit und Profetie. Der Gedanke der Auserwähltheit. Einwirkung auf unsere Zeit. Hoffnungsfreudigkeit der Offiziellen. Beschwichtigungs-Manöver der jüdischen Statistiker. Die Auflösungsprozesse in der Geschichte des Volkes Israel. Der Untergang der 10 Stämme. Die Vertreibung in Spanien. Die Zersetzung in Westeuropa. Die Sexualfrage bei den Juden — ein Indikator der allgemeinen Wissenschaft.

KAPITEL II. Ueberblick über die Geschichte der Juden in Deutschland 37

Die erste Assimilationsperiode im Mittelalter. Die Judenverfolgungen. Intensivierung des jüdischen Gedankens. Naturnotwendigkeit einer großen Fruchtbarkeit. Die Emanzipation und ihre Folgen. Versagen der religiösen Sexualgebote.

KAPITEL III. Die Bevölkerungsentwicklung im Reich 44

Fruchtbarkeit und Judenfeindschaft. Auswanderungsfragen. Sinkender Anteil der deutschen[S. 162] Juden. Minderung in Süddeutschland. Stagnation in den Hansastädten. Zunahme in Sachsen. Die Volksvermehrung in Preußen und die Ostjuden.

KAPITEL IV. Das Wanderungsproblem 56

Das Versiegen des flachen Landes. Die verlorene Ostmark. Der Abgang in den Provinzen. Der Zug nach dem Westen. Die Dezimierung der Kleinstädte. Der Rückgang in den Großstädten. Großstadtfolgen.

KAPITEL V. Das Sexualproblem 73

Allgemeine Gesetze. Einwirkungen des Kapitals. Ehe und wirtschaftlicher Aufstieg. Spätehe. Unehelichkeit. Sexuelle Freiheit des Mannes. Die Gleichstellung der Frau.

KAPITEL VI. Die Eheschliessung 82

Liebe und Oekonomie. Die bürgerliche Liebe. Besonderheiten der jüdischen Ehe.

KAPITEL VII. Die Geburten bei den Juden 87

Rekord der Geburtenbeschränkungen. Das Zweikinder-System. Ständig weitere Beschränkung. Abnahme der Juden auf dem Lande und in den Städten. Retardierende Momente im primitiveren Sexualismus der Eingewanderten. Moloch Berlin. Triebkräfte des Neomalthusianismus. Internationale Einflüsse. Ausblick in die Zukunft.

KAPITEL VIII. Die Mortalität 98

Glänzender Stand der Mortalität. Günstige Kindersterblichkeit. Ansteigen der Todesfälle. Der Wendepunkt.

KAPITEL IX. Zum Problem des Geburtenüberschusses 102

Falsche Berechnungen. Das Stahlbad des Krieges. Der Rückgang der Jugendlichen. Die Unterbilanz. Beweise. Die Fruchtbarkeitsberechnungen.[S. 163]

KAPITEL X. Die Austrittsbewegung 114

Die Intelligenz und die Taufe. Der Adel und die Reichen. Die Akademiker. Die Taufe als soziale Erscheinung. Idealistische Kämpfer. Freidenkertum. Die Kirchensteuer. Das beschnittene Judentum.

KAPITEL XI. Die Mischehe 124

Historische und religiöse Voraussetzungen. Biologische und gesellschaftliche Einflüsse. Die Macht der Umgebung. Sexuelle Freiheit. Erschütterung der Inzucht. Statistische Entwicklung. Verschmelzungsprozesse im Ausland.

KAPITEL XII. Wirtschaftsprobleme 138

Die Berufsbewegung. Einströmen in die freien Berufe. Abströmen von der Landwirtschaft. Verschlechterung der Berufsverteilung. Verwachsung mit dem Kapital. Die Berufstätigkeit der Frau. Wohlstand und Geburtlichkeit. Psychische Einstellung. Die Ausstrahlungen des Kapitalismus.

KAPITEL XIII. Das Entartungsproblem 148

Degenerative Vorgänge, Geisteskrankheiten. Potatorium. Geschlechtliche Verseuchung. Militäruntauglichkeit. Selbstmord.

KAPITEL XIV. Uebersicht 153

Mangelnde Geschlechts- und fehlende Geburtenpolitik. Evangelium des Rationalismus. Sinkendes Rassebewußtsein. Prognose quoad vitam.

KAPITEL XV. Schluss 156

Optimismus und Pessimismus. Die Bekämpfung des Uebels. Die historische Mission des Judentums. Das jüdische Volk. Auferstehung.

[S. 5]

VORWORT ZUR 2. AUFLAGE.

Anatole France empfiehlt jedem Schriftsteller, seinen Leser beileibe nicht zu überraschen oder gar zu erschrecken. Das Bestreben, ihn aufzuklären, würde der brave Leser nur mit dem Geschrei beantworten, man beschimpfe seinen Glauben. Und letztens versichert er, daß nur der Schriftsteller, der die bestehenden Gesellschaftsformen preist, sich allgemeiner Beliebtheit, in Sonderheit der besseren Kreise erfreuen wird.

Trotz der früheren Vorhaltungen, mit meinen Untersuchungen dem Judentum zu schaden, und unbeachtet der Vorstellungen, die Statistik und die Nationalökonomie absolut nicht zu beherrschen, habe ich mich entschlossen, dieses Buch in noch schärferer Fassung aufzulegen. Die Erniedrigungen und Enttäuschungen, die ich Jahre lang vor dem ersten Erscheinen mit Verlegern und jüdischen Organisationen erlebte, ließen mich in dem Vorwort der ersten Auflage den Kampf erahnen, der sich an das Erscheinen des Buches knüpfen würde. Leider hat dieser sich mehr an meine Person als an die Sache selbst gewandt. John Ruskin sagte ja bereits den Juden nach, daß sie alles, was sich gegen ihre Religion wende, als Aergernis (die Griechen als Torheit) empfänden. Ich fürchte nunmehr erst recht ein öffentliches Aergernis zu erregen. „Aber Aergernis hin — Aergernis her, es ärgere sich die ganze oder halbe Welt” meinte der Wittenberger und tröstete sich vermutlich [S. 6] mit einem Wort Eckhardts: „Wer diese Predigt verstanden hat, dem gönne ich es wohl; wenn sie aber auch niemand verstanden hätte, dann würde ich sie dem Opferstocke gehalten haben.” — —

Mir ist beim Niederschreiben nicht nur die Feder heiß geworden, und ich bin der Zeit dankbar, in der ich Problemen, die mich seit vielen Jahren bewegten, wissenschaftlich nachgehen konnte.

Wilmersdorf, im Jahre 1920.

Felix A. Theilhaber.


[S. 7]

KAPITEL I. EINFÜHRUNG.

„Wir haben es noch nicht erlebt: folglich ist es unmöglich — ist kein logischer Schluss,” lehrt der Talmud. —

Edijoth M. II., 2.
Ordnung Neziqim

Der Orient gilt als die Wiege der Zivilisation. Wir kennen seine Geschichte, seine Religionen, seine schönen Künste und Wissenschaften. Und nur der Verfall der alten Staaten ist in ein mystisches Halbdunkel gehüllt. In dem Buche, „das sterile Berlin” glaubte ich den Untergang des Imperium Romanum auf bevölkerungspolitische Vorgänge zurückführen zu können. Die Erhaltung dagegen des einzigen Kulturvolkes des Altertums — nämlich der Juden — erscheint uns ebenso mit ihren sexualhygienischen Institutionen und Gewohnheiten verbunden zu sein. Gewiß bei vielen alten Völkern zeigen sich bereits Ansätze, dem Bevölkerungsproblem näher zu treten. Aber wie sahen diese auch aus! Solon begann sein Werk mit der Errichtung eines großen Bordells, für das im Auslande Sklavinnen gekauft wurden. Die neue Staatsanstalt, deren Hausordnung amtlich publiziert wurde, unterstand einer eigenen Gottheit, der Venus Pandemos. Und selbst Lykurg hat sein gepriesenes System, das „ein Volk von Kriegern” heranzüchten sollte, mit der Vernichtung aller anscheinend schwächlichen Kinder eingeleitet. Mit der Austilgung von bereits geborenen, [S. 8]lebenden menschlichen Wesen! „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern”, betonte Moses dagegen. Diese Forderung knüpft an moralische Prinzipien an. Selbst die alten Geschichten, die in der Bibel vorkommen und in denen uralte sexuelle Erlebnisse nachklingen, werden solange retouchiert und überzeichnet, bis sie in das System der neuen sittlichen Weltordnung hineinpassen (Adam und Eva, Noah, Abraham usw.). Die Bibel hat nicht die reine Fantasie des Gilgameschepos und weiß nichts von der Tendenzlosigkeit farbenprächtiger homerischer Erzählungskunst. Das jüdische Schriftwerk hat keinen Selbstzweck. Es ist nicht Kunst und auch nicht Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Alle Disziplinen sind Mittel geworden in der großen Aufgabe, das moralische Handeln des Individuums und des Volkes durch ethische Verankerungen zu lenken, klare sittliche Voraussetzungen für alles Denken und Trachten zu schaffen.

Diese neue Einstellung des jüdischen Volkes verleugnet nicht manche Abhängigkeit von früheren und gleichzeitigen Kulturwerten anderer Völker. Solche Übergänge finden sich auch in der Sexualsphäre.

Mir erscheint sogar die Beschneidung die Ablösung der Opferung von Kindern, wie sie die vorderasiatische Welt dem Moloch, dem Gott des Sadistentums, zollte, darzustellen. Viele Gebräuche können den Einfluß der Umwelt auf die Juden nicht verwischen. Nur natürlich. Bestand das jüdische Volk doch aus jungen, kaum geeinten Stämmen, die sich in einem kleinen Lande zwischen alten Kulturvölkern auf einem Terrain 1/100 so groß wie Deutschland niederließen, und auf viele technische, ökonomische und geistige Güter der Nachbarn angewiesen waren. Nach Dr. Fink schreibt auch der Talmud Synhedr. 63 es der Sinnenlust der Juden zu, daß sie sich den fremden Götzen zuwandten. Vor allem lockten die mystischen Opferfeste, die erotischen Exzesse, der Phallusdienst, das breit ausladende Hetärentum und die männlichen Hierodulen — alles Kult, der sich an den Dienst der Göttin Astarte knüpfte. Wankelmütige,[S. 9] prunkliebende, lüsterne Fürsten beherrschten damals das kleine jüdische Volk, das sich der immer wachsenden Bedrohung und Gefahren von außen und innen kaum erwehren konnte.

Da stipulierte eine kleine Zahl von Volksfreunden — die Propheten — die gesunde Fortpflanzung als sittliche Tat, als den kategorischen Imperativ des Judentums. Große neue Kulturbewegungen suchten die eigenartige Entwicklung im Keime zu ersticken. Nach dem Abklingen der vorderasiatischen und ägyptischen Kulturperiode ward im jüdischen Volk die großhellenistisch-römische Weltanschauung propagiert, nicht nur von den Reichen und Mächtigen der Welt, getragen nicht allein von den Waffen der allbeherrschenden Siebenhügelstadt und von den Handelsherren Asiens und Afrikas, sondern von jüdischen Priestern und von jüdischen Fürsten selbst. Gleichwohl bauten hunderte von geistigen Führern des Volkes die jüdische Sexualethik zu einem eigenen, festumrissenen, starren System aus, das einem überaus klaren Zweck dienen sollte, nämlich das Höchstmaß der menschlichen Fruchtbarkeit in den Dienst des Volkes zu stellen. Dieses rabbinische System ist wie aus einem eisernen Guß und nicht voll der Widersprüche wie z. B. das der alten Römer. Diese hatten neben der rechtmäßigen Ehe ein privilegiertes Konkubinat, hatten die allgemeine und religiöse Prostitution, die an die Luperkalien und Florealfeste zu Ehren der Gottheit anknüpfte. In diese Sittenwelt paßte kein Gesetz wie die berühmte „lex Julia et Poppaea” hinein, eine Verordnung, die übrigens in sich widerspruchsvoll und schon deshalb zur Wirkungslosigkeit verurteilt war. Die Juden hatten es gewissermaßen auch leichter. Ihre sexualhygienischen Theorien, die vielleicht stärkere Bande mit der „Staatsraison” verbinden als sich auf den ersten Blick vermuten läßt, hängen direkt mit den religiösen Ideen zusammen. Und diese Vorstellung von Gott und der Welt sind nun einmal viel differenziertere als bei den anderen [S. 10] Völkern des Altertums. Der Kampf um diese Weltanschauung erschüttert das Volk bereits, bevor ihr Staat der Auflösung verfällt. Und der Extrakt der Gedankenwelt aller geistigen Kräfte steht in Harmonie mit den Lehren der ersten babylonischen Gefangenschaft und den übrigen Erlebnissen. Nur die Fülle der Fruchtbarkeit wird das Volk erhalten. Und der gesunde Volksinstinkt schafft daraus ein System, das zwei Jahrtausenden stand gehalten hat. Seine Wurzeln fußen in unzähligen Ausführungs-Bestimmungen, in vielfältigen Spekulationen praktischer Lebensklugheit und Realität bejahender Vorkehrungen, die Sexos in den Dienst Gottes und des Volkes bis zur letzten Konsequenz stellen.

Die Geschichte des jüdischen Volkes, die wunderbare Erhaltung ihrer Existenz kann nicht ohne diese sexuellen Einrichtungen begriffen werden. Diese billige Erkenntnis wurde noch nicht klar von den Forschern ausgesprochen, wenn auch alle Wissenschaftler den einer starken Zeugung dienenden Sexualismus als einen der hervorstechendsten Züge des jüdischen Volkscharakters anerkannten.

„Mehr als allen anderen Völkern gilt den Juden männlicher Nachwuchs als ehrenvoll und Unfruchtbarkeit als Fluch. Schaff mir Kinder, wo nicht, so sterbe ich!” ruft die Allmutter Israels Rahel zu Jakob. „Rahels Lehre war allen Jüdinnen heilig,” urteilt Dr. Fritz Kahn (in seinem „Versehen der Schwangeren im Volksglauben”). Der Altmeister der Volkskunde Andree spricht „von der Erfahrung, die mit dem Eintreten des Juden in die Geschichte beginnt und eine größere Vermehrungskraft als bei den meisten anderen Völkern darstellt. Schon in Aegypten wuchsen die Kinder Israels, zeugten Kinder und mehrten sich und wurden ihrer so viele, daß ihrer das Land voll ward.”

Seid fruchtbar und mehret Euch” lautet der lapidare Satz, der die Erotik in den Dienst der Allgemeinheit stellt und das Recht auf die freie Liebesbetätigung [S. 11] und den Verkehr der Geschlechter dem Zweck der generativen Politik unterordnet. Eros und Psyche, die das Liebesleben der Griechen versinnbildlichen, Astarte und Moloch, Merkmale des vorderasiatischen Sinnenkultes, haben in dem logisch aufgebauten jüdischen Sexualkodex keinen Raum. Mit Recht knüpfte Lothar Krupp an die Besprechung der ersten Auflage dieses Buches die Betrachtung an: „Die wenigen Buchstaben des „Peru-urebu” stellen ein Zauberwort von unvergleichlicher Gewalt und Stärke dar, als erste Anrede und erstes Gebot Gottes an das erste Menschenpaar unmittelbar nach dessen Erschaffung, sogleich am Eingang der heiligen Schrift stehend, wo es mit seiner Segenfülle Jahrtausende lang dem jüdischen Volke vorschwebte und groß und stark gemacht, es in Gefahr und Bedrängnis aufrecht erhalten, so daß man von ihm als dem ewigen Volke fast mit größerem Recht zu sprechen schien als von der ewigen Stadt ...”.

Poetisch verklärt ist diese Lehre[1] in den Psalmen: „Siehe ein Erbe von Gott sind Kinder, ein Lohn die Frucht des Leibes.” (Psalm 127), „Wie Pfeile in der Hand des Helden, so sind der Jugend Söhne. Heil dem Manne, der seinen Köcher mit ihnen angefüllt hat. Wenn Du deiner Hände Arbeit genießest, heil Dir und wohl Dir. Dein Weib ist wie die Rebe, blühend im Innersten Deines Hauses, Deine Kinder wie des Oelbaums Sprößlinge rings um Deinen Tisch. Siehe also wird der Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet”. (Psalm 128).

Schammaj, der Zeitgenosse Jesus, eine Größe unter den Autoren des Talmud, betrachtet das Ehegebot als das erste der — 613 — jüdischen Gebote und findet es erst „erfüllt, wenn der Mensch zwei Knaben und zwei Mädchen das Leben gegeben hat.” Die Voraussetzung der Fruchtbarkeit scheint den Juden in der Ehe gegeben.

[S. 12]

In der orientalischen Ausdrucksweise heißt es dementsprechend im Talmud (Jebamoth 63) „wer nicht heiratet, ist kein Mensch” und „wird angesehen wie einer, der einen Menschen umgebracht hat”, „der Ehelose verringert die Gestalt (d. h. den Machtbereich) der Gottheit”. Die Sprüche Sirachs geben — unter den vielen Variationen dieses Gedankens — das Thema wieder mit den Worten: „wo kein Zaun ist, wird das Besitztum verwüstet, wer keine Frau hat, irrt unstet umher. Wer wollte Vertrauen schenken einem bewaffneten Kriegsmann, der von Stadt zu Stadt entspringt? Ebenso geht es einem Menschen, der keine Heimat hat und einkehrt, wo er abends hinkommt ...” oder wie es im Sefer Refuot heißt: „Jedermann, der ohne Frau lebt, lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück. Unverheiratet zu sein, ist ungesund und verderblich für das Denken, darin stimmen alle Weisen überein” (s. auch Hilekhot deot III. 2, Issure Biach XXI, 112.)

Wer die Fülle dieser heiligen Erklärungen zu Gesicht bekommt, wird ihre Bedeutung ermessen können für ein Volk, das den Talmud von Jugend auf studierte, das in den Jahrhunderten der sie umgebenden Unbildung der Massen in allen und den kleinsten Gemeinden der Lehre, ihrem Studium und ihrer Auslegung Tag und Nacht ergeben war. Blieben sonst viele der berühmten Gesetze alter Herrscher nur papierne Verordnungen oder stumpfe Erlasse in Erz und Stein — die Bestimmungen des jüdischen Gesetzes, selbst der mündlichen Ueberlieferung, nahmen Leben an und griffen in das Tun und Lassen der Volksgenossen ein.

Die größte Fruchtbarkeit ist in der Frühehe nur möglich. Der Talmud sagt selbst: (Jebamoth 62b) „Wer seine Söhne und Töchter nicht lange nach der Reifezeit verheiratet, von dem heißt es: sei gewiß, daß Friede Dein Zelt sein wird”. Das sind aber nicht nur allgemeine schöne Redensarten. Die praktische Durchführung wird bis ins letzte durchdacht. Ist kein Bewerber zur Stelle und „ist Deine Tochter reif, so erkläre Deinen [S. 13] Sklaven für frei und gib sie ihm zur Frau” (Synhed 100b) denn so heißt es: „Eine Tochter ist zweifelhaftes Gut für den Vater. Aus Sorge um sie kann er nicht schlafen; wenn sie heranwächst, daß sie buhle; wenn sie reif ist, daß sie nicht zu verheiraten sei; wenn sie verheiratet ist, daß sie kinderlos bleibe”. Ketuboth 113 rechnet deshalb die Ehelosen zu den 8 vor Gott gleichsam Verbannten (ferner Kiduschin 30. Nedarim 48. Ber. 6. Kidd. 20b Kohel 9.)

Die prägnante Ausführung der Bibel: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei,” blieb also bei den Juden nicht nur Literatenweisheit, nicht nur ein frommer Wunsch der Theologen und Volksfreunde oder gar eine utopistische Forderung eines regierenden Fürsten. Der eheliche Umgang wird religiöse und nationale Pflicht, diese Weltanschauung zum geistigen Besitz des Volkes, zur wirklich gelebten Ethik. Der Schulchan Aruch,[2] der als der praktische Gesetzkodex der Juden in der neueren Zeit gelten darf, konnte und mußte daher als praktische Forderung aufstellen, daß jeder junge Jude spätestens mit 18 Jahren heiraten müsse und vom 13. Lebensjahre an heiraten könne. Dementsprechend begann auch sein Abschnitt Eben-ha-Eser, der diese Fragen behandelt, kurz und bündig: „Jeder Mann ist verpflichtet, eine Frau zu heiraten”.

Aber dieses Gesetz hatte noch eine spezielle Auslegung. Es galt für besonders rühmlich, die Kinder nicht erst zum spätesten, sondern zum frühesten Termin zu verheiraten!

Die Herren Geschichtsschreiber, die sich mit dem Wunder der Existenz Israels abmühen, sind an diesem Problem vorbei gegangen. Sie haben nie beobachtet, daß der — wenn wir so sagen dürfen — elektrisch [S. 14] geladene Motor, dessen Energien immer neue Kraft und tausendfältiges Leben weckten, geladen wurde an dieser Quelle. Die Memoiren der guten Mutter Glückel von Hameln verraten uns, daß nur zwei Jahrhunderte zurück noch die deutschen Juden im Glauben an das Verdienstvolle ihrer Fruchtbarkeit ihre Sinnlichkeit und die ganze Kraft ihrer Triebe in den Dienst dieser heiligen Sache, in die der Vermehrung ihres Volkes stellten. Und alle Dokumente bezeugen die Tatsächlichkeit dieser Verhältnisse. Salomon Maimon hat uns in seiner Lebensgeschichte dieselbe grenzenlose Naivität des jüdischen Ehelebens, wie es von Posen angefangen bis weit nach dem fernsten Osten gepflogen wurde, geschildert für eine Zeit, die heute um 150 Jahre entfernt liegt. Und noch heute hält sich der rechtgläubige Ostjude daran.

Gewiss auch der Talmud verschliesst sich nicht der Erkenntnis, dass Geburtenverhütung angezeigt sein könnte. In Hungerjahren darf eine Familie mit Kindern eine zeitweise Geburtenverhütung vornehmen. Und Jebam 126 sieht diese ferner vor:

  1. für Säugende, die ihr Kind stillten (da ja tatsächlich die Muttermilch bei neuer Conzeption leidet und versiegt),
  2. bei Mädchen (die mit 12 Jahren heiraten durften) bis zur Zeit ihrer Geschlechtsreife,
  3. für Schwangere, von denen man — natürlich fälschlich — eine nochmalige Schwängerung fürchtete.

Diese Ausnahmen haben weder einen besonderen Nachhall gefunden, noch konnten sie die stark erregten Vorstellungen des Volkes über das für verbrecherisch gehaltene Vorgehen Onans rektifizieren. Die Geburteneinschränkung ist keine jüdische Erfindung, Neomalthusianismus keine jüdische Einrichtung gewesen.

Hjalmar J. Nordin findet gleichfalls in seiner ausführlichen „Ethik der Juden zur Zeit Jesu” (Leipzig 1911): „Die Fortpflanzung hatte einen religiösen Glorienschein.” Vom hohen Wert der Fortpflanzung in der Meinung der Juden zeugen ungezählte Aussprüche. Im 15. Kap. des Buches Henoch wird die Fortpflanzung gefordert, da die Menschen sterblich und vergänglich sind, während [S. 15] die unsterblichen Engel sich nicht fortzupflanzen brauchen. Tacitus bestätigt bereits damals in Hist. V. 5: Augenda tamen multitudini consulitur ... hinc generandi amor et moriendi contemptus. Josephus, der zeitgenössische vertraute jüdische Historiker, der selbst mindestens dreimal verheiratet war, erklärt ausdrücklich in der Schrift gegen Apion: „Das Gesetz hat allen anbefohlen, Kinder zu zeugen” (II. 202). Alle Aussprüche des R. Elieser, R. Elasar b. Asarja, Ben Assaj, R. Abaji gehen von dem einen festen Punkte aus: „Die Welt ist nur geschaffen zur Fruchtbarkeit und Fortpflanzung. Deshalb ist es höchste Menschenpflicht, alles zu meiden, was die Zeugungsfähigkeit herabsetzt.” Nach Gittin 70a verringern 8 Dinge den Samen: Salz, Hunger, Ausschlag, Weinen, Schlafen auf dem Felde, Lotus, Cusenta zur Unzeit, Aderlaß unter dem Genitale (Aderlaß darüber ist doppelt vorteilhaft).

In jener Zeit dürfte die Sitte des Kaddischsagens aufgekommen sein, jene religiöse Ceremonie, die der älteste Sohn zu Ehren der verstorbenen Eltern ein Jahr lang täglich verrichtet. Und die Vorstellung keinen Kaddisch, d. h. keinen Sohn zu besitzen, der die Trauergebete verrichten kann, hatte für jeden Juden noch bis in unsere Tage etwas ungemein schmerzliches. Viele Gesetze gehen von derselben Voraussetzung aus, so daß jede Ehe nach 10jähriger Kinderlosigkeit (auch von Seiten der Frau) gelöst werden konnte. In der einschlägigen Literatur von Nossig (Einführung in das Studium der sozialen Hygiene 1894), in der Talmud-Archaeologie von Krauß, bei Nordin u. a. finden sich noch weitere wertvolle Beiträge.

Ben Assaj, ein weißer Rabe unter den großen Lehrern in Israel, blieb allerdings selbst unvermählt, empfahl aber gleichwohl die Fruchtbarkeit. Warum Ben Assaj nicht heiratete, ist unbekannt. Es liegen sicher ganz besondere Gründe vor. Gleichwohl war er der Gegenstand späterer Diskussionen, in denen es heißt: „Ben Assaj lehrt wohl schön, aber er handelt nicht gut.”

[S. 16]

Und wie wäre es auch anders möglich gewesen in der Ideenwelt von Menschen, die das ganze Sexualleben so genau festgelegt wissen wollten, daß nicht nur Verlobung, Hochzeit, Scheidung in den feinsten Einzelheiten gesetzlich geregelt waren, daß selbst für Form und Häufigkeit der intimsten menschlichen Beziehungen Weisungen und Gebote existierten. Wie weitgehend der Gedankengang fortgesponnen wird, beweist die Erzählung Abbas ben Papa (Pappaj) (cfr. Bacher Pat. ann. III. S. 650), Josua sei mit Kinderlosigkeit bestraft worden, weil er Israel eine Nacht lang an der Fortpflanzung gehindert habe.

Schriftliche und mündliche Lehre, Tradition und Volkssitte bemühten sich in allem nicht nur, die normale Fruchtbarkeit des einzelnen Individuums zu gewährleisten, sondern die Fortpflanzung auf das Höchstmaß des Möglichen zu steigern. Die vielen Aderlässe, die blutigen und unblutigen Opfer, die Abfall und Vermischung bedingten, konnte die Judenheit nur deshalb glücklich überstehen, weil die Gedankengänge, die der Gesamtheit ewiges Leben verhießen, jeder einzelnen Familie ihren sicheren Bestand sicherte. Das System war auf der richtigen Voraussetzung aufgebaut, daß jedes Glied der Gemeinschaft an der Erhaltung der Art in der völkisch zweckdienlichsten Weise gebunden und ohne Rücksicht auf seine eigenen Interessen bis aufs äußerste beteiligt ist.

So war das ganze Liebesleben der Juden darauf abgestimmt, dem großen nationalen Gedanken, dem überragenden Begriff vom immanenten Bestehen der Nation die realen Grundlagen zu liefern. Die Fruchtbarkeit und Sicherstellung der einzelnen Familie ist nur die Basis einer großzügigen Volksidee.

Die Propheten sind in diesem Sinne die geschickten Redakteure eines auf das ganze Volk gerichteten [S. 17] Optimismus, des hoffnungsvollen Zukunftsglaubens, der sich eng an alle anderen entwicklungsfreudigen Ideen angliedert.

„So spricht der Ewige, der bestellt hat die Sonne zum Licht bei Tage, die Scheibe des Mondes zu leuchten in der Nacht, der das Meer aufwühlt, daß seine Wellen brausen, Adonai Zebaoth ist sein Name. Eher werden diese Gesetze aufhören, ehe daß der Same Israels aufhören wird ...”

So kündigt Jeremia und stempelt sein Volk zum Gewissen der Völker, zum Zeugen für die Nationen. „Wie man des Himmels Heer nicht zählen, noch den Sand am Meere messen kann, also will ich mehren den Samen Davids, meines Knechts und die Leviten, die mir dienen.” (siehe Kapitel 31 bis 33). Auch im höchsten Zorne sehen die Propheten Israel nicht der Vernichtung anheimfallen, immer wieder verheißen sie die Rettung und Aufrichtung aus tiefem Fall. Und gleichsam ist die Geschichte dieses hartnäckigen Volkes die Illustration zu den seherischen, den gequälten Herzen entspringenden Ankündigungen u. a. zum ausklingenden Midrasch zu Psalm 36: Völker stehen auf und verschwinden, aber Israel bleibt ewig.

Heute orientieren wir uns und formen unsere Ueberzeugung nicht nach religiösen Prophezeiungen; aber die Wissenschaft hat ihnen bisher Recht gegeben. Nossig, der Altmeister der jüdischen Statistik, erklärte noch um die Zeit der Jahrhundertwende in dem Standard Werk der „jüdischen Statistik” (eine Auffassung, die er schon in seinem glänzenden Werke „Einführung in das Studium der sozialen Hygiene” vertreten hatte):

„Der mosaische Gedanke eines ewigen Volkes scheint sich verwirklichen zu wollen.... Als ein frappantes, biologisches Ergebnis dieser Auswählungsidee tritt uns die Tatsache des Bestehens der noch immer ungewöhnlichen Lebens- und Reproduktionskraft der Juden entgegen”. Und an anderer Stelle: „Der jüdische Stamm vermehrt sich ausserordentlich rasch und vermehrt sich etwa 3,03 mal rascher [S. 18] als die nichtjüdischen Stämme und würde sich bei ungestörter Entwicklung in einer etwa 4,02 mal kürzeren Periode verdoppeln als jene.”

Also sprach die offizielle jüdische Statistik zu Beginn unseres Jahrhunderts (über die weitere Haltung und Aeußerungen noch mehr und später). Auch die anthropologische Wissenschaft sah in der Persistenz der Juden ein förmliches Gesetz. Andree behauptete sogar: „Bei den Juden ist die Rasse stärker als die Religion. Es ist den Juden einfach unmöglich, sich mit anderen Völkern zu vermischen.”

Leroy-Beaulieu, ein kleiner statistischer Papst in der Wissenschaft, der insbesondere auf dem Gebiete jüdischer Fragen als Kenner galt, erfand folgende Theorie: „Die Juden setzen wenige Kinder in die Welt, aber sie bringen mehr zur Reife. So haben sie dies schwierige Bevölkerungsproblem in einer Weise gelöst, welche für sie selbst die vorteilhafteste und für die Nationalökonomie die befriedigendste ist.”

Aehnlich äußerten sich die führenden deutschen Statistiker u. a. M. Hoffmann, de Neuville, Fircks. Der Rassenhygieniker von Gruber schrieb 1908 in den Veröffentlichungen des Deutschen Vereins für Volkshygiene:

„Noch eins lehrt uns das Beispiel der Juden. Sie hätten unmöglich diese Jahrhunderte beständigen Kampfes um ihre Existenz überdauern können, wenn sie nicht einen so gesunden Instinkt und eine so bewunderungswürdige Aufopferungsfähigkeit für die Erhaltung ihres Volkes besessen hätten. Der junge Mann, kaum erwerbsfähig geworden, hält es für seine Pflicht, seinem Volke unter Entbehrungen und harter Arbeit zahlreichen Nachwuchs aufzuziehen:

SO WIRD EIN VOLK UNSTERBLICH!”

Geschah dies am trockenen Holz der Wissenschaft — und wenn wir deren Bäume kräftig schütteln würden, flögen noch viele andere Früchte dieser Art herab — wer wird sich wundern, wenn die jüdischen Theologen erst recht die alten Weissagungen (bestärkt durch die Ergebnisse der 2 1/2 Jahrtausend Geschichte) gesinnungstüchtig auslegen, wenn die politischen Führer der jüdischen Organisationen die Daseinsmöglichkeit der Ihren als eine alte historische Notwendigkeit hinnehmen. Umsomehr als selbst ein so kluger Mann der Feder, [S. 19] der sich selbst einmal außerhalb des jüdischen Volkes hatte stellen wollen, wie Heinrich Heine, Israel ins Gedenkbuch schrieb: „Aegyptens Mumien sind ebenso unverwüstlich wie jene Volksmumie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihre alten Buchstabenwindeln, ein verhärtetes Stück Weltgeschichte ...” Und ein jüngerer, — Bernhard Münz — münzte diesen Gedanken in die Worte um: „Ein Volk schreitet mitten durch die ganze Geschichte der Menschheit, spiegelt sich in dem größten Teil ihrer Entwicklung wieder und taucht aus allen Prüfungen und Umwälzungen der Zeit immer wieder gestählt und gekräftigt empor.”

Wohl gab es abwegige Urteile. Aber die breite Masse der Juden blieb von der Ideenwelt der Pessimisten unberührt. Sie nahm keine Notiz von der Broschüre eines anonymen Verfassers, die etwa 16 Seiten stark 1894 in Zürich erschien und „Der Untergang Israels” hieß. Ich wurde auf sie aufmerksam durch einen tiefer schürfenden Artikel Arthur Kahns, der sich auf sie bezog. Der Aufsatz Kahns in den U. O. B. B. Logenblättern „Die Wurzeln des Uebels” rührten an den tiefsten Gründen der Judenfrage. Neben Kahn haben Zollschan in seinem Buch „Das Rassenproblem” und Dr. Arthur Ruppin in den „Preußischen Jahrbüchern” die bedrohliche Situation in ihrem Ausmaße erfaßt. Im Gegensatz zu dieser nicht gerade großen und nicht eindrucksvoll genug wirkenden Literatur stand die unzählig oft in Wort und Schrift dokumentierte öffentliche Meinung der Rabbiner, Lehrer, Beamte, Vorstände der Gemeinden, Führer und Vorsitzenden der Verbände, der Redakteure und Mitarbeiter der jüdischen Presse, die dem Zukunftsglauben der Juden in Deutschland huldigten, und ihnen täglich mit dem an Mitteln reichhaltigen Arsenal und mit der Emphase ihrer Begeisterung und ihrer Liebe zum Judentum in warmherzigen Versicherungen schmeichelten, die zwar an Schwung den biblischen nachstanden, den Ansprüchen der braven Judenbürger aber genügten.

[S. 20]

Meine eigensten Untersuchungen dieses Problems begannen vor 18 Jahren, wobei ich als Schüler mich wohl eines nom de guerre (meines mütterlichen Namens) bedienen mußte. Es war eine Untersuchung, deren Inhalt der Titel verrät: „Der Untergang der deutschen Landjuden” (gezeichnet Felix Th.-Cohen) publiziert im „Frankfurter Isr. Familienblatt”. Ich hatte die Verhältnisse und die Entwicklung der jüdischen Dorfgemeinden Hessen-Nassaus und Unterfrankens auf verschiedenen Ferienreisen übersehen, ihr Schicksal gezeichnet. In den nächsten Jahren arbeitete ich an einem statistischen Werdegang der deutschen Juden. Immer deutlicher ergaben sich aus den Zahlenreihen der dumpfe Drang und die unaufhaltsame Bewegung der Auflösung. Umgearbeitet nach diesen Gesichtspunkten nahm Jahre lang kein Verleger von diesem Buch Notiz. Und als es erschienen, konnte es in der dumpfen Atmosphäre und grauenhaften Stagnation der deutschen Judenheit nicht einmal die nachhaltende Aufmerksamkeit der jüdischen Führer bewirken.

Die unbeirrte Zukunftszuversicht, die Harmlosigkeit der jüdischen öffentlichen Meinung über „Sein oder Nichtsein”, das mangelhafte Vorstellungsvermögen der Situation erinnert an unzählige Parallelen in der Geschichte, an die unbedingte Siegeszuversicht des Deutschen Volkes, das noch 1918 über eine Welt von Feinden zu triumphieren glaubte, oder aus den vergangenen Tagen des jüdischen Volkes an die Vorgänge im belagerten Jerusalem, in dem die Juden mehr auf ihren guten Stern als auf ihre lebendigen Kräfte bauten.

Ein Volk kann sich ebensowenig wie der Einzelne immer Reflexionen über seine Existenz-Berechtigung und seine Existenzmöglichkeiten hingeben. Das cogito ergo sum ist ein philosophischer Satz, belastet mit all den Schwächen der Spekulation, und eine reale, wenn auch nur relative Wahrheit. Aber in Zeiten, wo das Barometer auf Sturm zeigt, können Steuermann und Kapitän nicht gemütlich die Vorkehrungen, die für schönes [S. 21] Wetter getroffen sind, beibehalten. Ihr Schifflein dürfte sonst leicht Schaden erleiden und ihre Schuld würde selbst ihr eigener Tod nicht mildern.

Die deutsche Judenheit ist sich des tödlichen Keimes ihrer Erkrankung nicht bewußt. Früher mochte Unkenntnis entschuldigen, daß ihre Führer der kardinalen Existenz-Frage nicht näher traten. Nach dem Erscheinen des „Untergang” haben sie die von mir geschilderte Entwicklung in ihrer Tendenz als falsch abgelehnt und die Deduktion als irrtümlich zurückgewiesen. Es besteht dabei sicher ein tiefgehender Spalt in den Massen, zwischen denen, die Morgenluft wittern und ihre innere Gebundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft lösen, und jenen, die von jüdischen Erinnerungen, Instinkten und jüdischem Wissen angefüllt ihren persönlichen starken Gemeinschaftswillen als allgemeine psychische Stimmung der ganzen Judenheit unterlegen.

Es lohnt sich nicht, Dokumente, in denen sich alle Unkenntnis in Begriffsverwirrung auflöst, zu zitieren. Nur die Aussagen der Führer seien zitiert. Denn sie sind der offizielle Ausdruck der jüdischen Gemeinschaft. Sie bezeugen, daß man noch heute in Verkennung der Lage sich kein Bild der Entwicklung geschaffen hat und mit offenen, aber nicht rezeptierenden Augen dem Strudel des Untergangs entgegentreibt. Um Selbstverständliches zu klären: In diesem Buch wird einzig das Schicksal der deutschen Juden der Untersuchung unterworfen — nicht das Schicksal des jüdischen Volkes in seiner Totalität. Ob auch dieses ähnlichen Erschütterungen entgegengeht, wird hier nicht behandelt, geschweige gelöst. Die Führer der jüdischen Oeffentlichkeit haben in der leichtfertigen Behandlung der Frage sich die Widerlegung recht bequem gemacht, indem sie nicht auf die Fragestellung, nämlich den Untergang der deutschen Juden, eingingen.

Hören wir die Vertreter der deutschen Juden selbst an. Bald nach dem Erscheinen dieses Buches versammelte sich der „Verband der deutschen Juden” zu [S. 22] einer Tagung. Bei dieser Veranlassung hielt der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins, Geheimrat Dr. Stern eine Rede, die außerdem gedruckt im Amtsblatt der jüdischen Gemeinde Berlins allen Gemeindemitgliedern zuging und folgenden Wortlaut hatte:

„Einer unserer Rabbiner hat an einem letztverflossenen Feiertage auf der Kanzel die Frage aufgeworfen, ob irgend Gründe für die Befürchtung da seien, dass das deutsche Judentum, wie es ihm in neuerer Zeit prophezeit wird, seinem Untergang zusteure. Er hat darauf hingewiesen, dass manche Gelehrte auf Grund wissenschaftlicher Forschungen an Hand der Statistik und unter Zuhilfenahme anderweitiger symptomatischer Anzeichen und Erscheinungen, beispielsweise der stetigen Zunahme der Mischehen, zu dem Ergebnis gelangt sind, dass das deutsche Judentum seiner allmählichen, aber sicheren Auflösung entgegen gehe, einem unaufhaltsamem Untergange geweiht sei. Der Rabbiner hat vom theologischen Standpunkt aus diese Auffassung sich nicht zu eigen gemacht, hat vielmehr diese traurige und trübe Vorhersage auf das Entschiedenste bekämpft. Das auserwählte Volk, auserwählt, um seit Jahrtausenden Verfolgung, Hass und Unterdrückung zu erdulden, hatte immer wieder die Kraft und die Stärke gefunden, sein Martyrium allen Anfeindungen und Angriffen zum Trotz mannhaft zu überwinden. Es habe zu allen Zeiten über Propheten und führende Geister verfügt, die das Panier, auf dem in unauslöschlichen, flammenden Zeichen der Monotheismus und die schrankenlose Betätigung der Nächstenliebe hell erstrahlen, immer wieder siegreich aufpflanzten.

Und wenn ich in dieser Stunde die gleiche Frage mir vorlege: wird das deutsche Judentum untergehen? so trage auch ich vom Laienstandpunkte aus keinen Augenblick Bedenken, diese Frage rückhaltslos zu verneinen. Ich setze dieser brennenden Frage ein dreimaliges kräftiges Nein entgegen, wenn ich meinen Blick über diese Tafelreihen schweifen lasse und mit Bewunderung, Freude, Stolz und Genugtuung feststelle, dass Hunderte von Männern aus den angesehensten und hervorragendsten Berufs- und Lebensstellungen, Leuchten der Wissenschaft, führende Künstler, Phönixe des Handels, Pfadfinder der Industrie, Bahnbrecher der Technik, hier vereinigt sind, als die berufenen Vertreter der deutschen Juden und ihrer Interessen. Unwillkürlich drängt sich mir angesichts dieses höchst erfreulichen Bildes des Psalmisten Wort auf die Lippen. Nimmer rastet noch schlummert der gute Genius Israels.”

[S. 23]

Der „Israelit”, das führende Blatt der gesetzestreuen Juden Deutschlands, anerkannte zwar den Ernst der Situation und maß dem „Kassandrarufer der Statistik” mehr Bedeutung bei. Gleichwohl findet sich auch hier (in der Besprechung des „Untergangs”) folgender Passus:

„Derselbe Gott, der die Existenz seines Volkes an seine Gesetzestreue geknüpft und ihm die Alternative gestellt hat, für die Thora zu leben oder unterzugehen, hat uns auch die tröstliche Verheissung mit auf den Weg gegeben, dass Gott sein Volk nicht fahren lässt und sein Erbe nicht preisgibt ... Die Schrecknisse der Auflösungsliteratur schrecken uns nicht.”

Die Anschauungen gesetzestreuer Kreise fanden einen weiteren literarischen Niederschlag in dem orthodoxen Blatte „Die Laubhütte”, welche in der Nr. 52 des Jahres 1911, die Wichtigkeit der Frage zwar anerkannte, aber doch folgenden Schluß ziehen zu müssen glaubte:

„Theilhabers Buch weist mit Recht auf die Gefahren des modernen Judentums hin. Der Titel „Untergang —” ist für einen gläubigen Juden unannehmbar, weil er der göttlichen Verheissung widerspricht. So spricht der Ewige: Wenn mein Bund nicht mehr sein würde mit Tag und Nacht, wenn ich die Gesetze von Himmel und Erde nicht festgesetzt hätte ... dann würde ich auch die Nachkommenschaft Jakobs und meines Dieners verwerfen. (Jeremia.) Du fürchte Dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, denn ich bin bei Dir. Sollte ich auch alle Völker zugrunde gehen lassen, unter welchen ich Dich hinweg geführt habe, Dich werde ich nicht zugrunde gehen lassen. Ich werde Dich wohl züchtigen zum Rechte, aufreiben werde ich Dich nicht (Jeremia). Wer an die Offenbarung Gottes glaubt, kann also das Wort „Untergang” nicht gutheissen.”

Die Presse der neologen deutschen Juden lehnte gleichfalls die Richtigkeit meiner Behauptungen ab. Ihre Hauptzeitschrift, „Die allgemeine Zeitung des Judentums”, brachte noch am 2. Januar 1920 einen Artikel, der Jahre vorher das hebräische Leserpublikum im „Haschiloach” aufgeklärt hatte und nunmehr der deutschen Leserschaft nicht vorenthalten [S. 24] werden sollte. Dr. Kaminka kämpft gegen Windmühlen wie ein zweiter Don Quichote. In dem abgelegten Artikel findet sich ein Passus, der immerhin beachtenswert ist und deshalb nicht totgeschwiegen werden soll. Er lautet:

„Die allerwichtigste Vorfrage ist die nach der dynamischen (nicht statistischen) Bedeutung der gezählten Individuen, nach den Quellen der Seelenkraft und der entsprechenden Daseinsmöglichkeit jener Einzelnen, wenn sie noch so gering an Zahl wäre, für welche ihre Zukunft etwas absolut Gesichertes ist, da ihr Daseinswille alles in ihrer Umgebung an Kraft und Bestandsfähigkeit übertrifft. Die numerische Stärke dürfte in solchem Falle mit der moralischen Stärke zu multiplizieren sein.

Es ist ... ein Trugschluss und eine petitio principii, wenn der Massstab irgend eines Stammes oder einer Nationalität in das Judentum gelegt wird, was von jeher eine Gemeinschaft mit einer ganz bestimmten philosophischen Anschauung war, die sich auf die Ewigkeit eingerichtet und nach einem bestimmten Plan in die fernsten Länder hinausgezogen ist, um als Minorität unter allen Völkern durch ihre ethische Ueberlegenheit zu wirken.” —

Vernichtender urteilte die offizielle Besprechung, welche das Centralorgan der zionistischen Bewegung „Die Welt” der Untergangstheorie zu teil werden ließ. S. H. Lieben aus Prag schrieb in der Besprechung des „Untergangs”:

„... Rückkehr zu jüdischen Gesetzen, wie auch Nationalisierung lassen sich nicht in kurzer Zeit erzielen und darum müsste man am Bestand der deutschen Judenheit schier verzweifeln, wären die von Theilhaber ermittelten Daten einwandfrei sicher gestellt. Aber Theilhaber ist aus Liebe zu seinem Volke zu einem Schwarzseher geworden, hat die Zahlen zu traurig gedeutet, wie der bekannte jüdische Statistiker Dr. Jacob Segall im Septemberheft der Zeitschrift „Im Deutschen Reich” eingehend darlegt. Nach Segalls Ansicht ist eine exakte Fruchtbarkeitsstatistik heute noch ein Ding der Unmöglichkeit, da die wissenschaftlichen Vorarbeiten fehlen. Er gesteht wohl zu, dass die Fruchtbarkeit der Deutschen Juden eine höhere hätte sein können, aber er findet, dass Theilhaber sie zu gering veranschlagt, wie er auch die Sterblichkeit der deutschen Juden zu günstig beurteilt. Die geringe Zunahme der jüdischen Bevölkerung findet nach Segall ihre Erklärung in grossen, aus politischen [S. 25] und wirtschaftlichen Ursachen entstandenen Abwanderungen der Juden, die zeitweilig sehr grosse Dimensionen angenommen haben.”

Eine rein sachliche Erwiderung wies die Redaktion der „Welt” zurück. Der Redakteur gestand mir mündlich ausdrücklichst, daß die Untergangstheorie ihm gefährlich erscheine und daß er meiner Entgegnung oder jeder ähnlichen aus diesen politischen Erwägungen keinen Raum geben könne.

Der Vorsitzende des „Verbandes der Deutschen Juden”, einer Zusammenfassung aller großen und der meisten kleinen Gemeinden, Prof. Dr. Kalischer, glaubte gleichfalls die gefährliche Theorie einer Nachrichtung im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 9. Februar 1912 unterziehen zu müssen. Das Pronuntiamento verriet der Titel „Die Zukunft der Juden”. Ich zitiere aus dem Anfang:

„Man prophezeit uns, namentlich den Juden der westlichen Länder, den Untergang; man hört bereits den Flügelschlag des Todesengels und sieht ihn sein trauriges Werk schon in ungezählten Generationen vollenden. Die Grundlage der Zukunftsschau dieser neuen Seher bilden Zahlen der Statistik, die ein anscheinend trostloses Bild der Zustände innerhalb der Judenheit entrollen, und es sind ohne Zweifel tiefernste Betrachtungen, die daran geknüpft werden und die nicht ungehört verhallen dürfen ... — — —

Es erscheint uns willkürlich und als eine Verkennung und Ueberschätzung dessen, was die Statistik zu leisten vermag, in diesen Zahlen, die sich im besten Falle über drei Jahrzehnte erstrecken, einen Naturprozess zu erblicken, der mit der Notwendigkeit eines solchen unabänderlich in einem bestimmten Sinne abläuft ...”

An der Hand der Geschichte folgert nun Kalischer die Zukunftssicherheit des jüdischen Volkes:

„Der Gottesgedanke bildete die Schwingen, mit dem sich die jüdische Volksseele aus der staatlichen Enge erhob, und das Palladium, das sie vor dem Schicksal der Zerstörer ihres staatlichen Daseins schützte und sie am Leben erhielt, war die Thora, auf die das Gott selbst geltende Wort angewandt wurde, sie ist „Dein Leben und deiner Tage [S. 26] Dauer, (5 B. M. 30, 20).” Kalischer gibt sodann eine glückliche Zusammenstellung der Grossen in Israel von Mose bis Maleachi, die der jüdischen Lebensbejahung das Wort sprachen. Und eine Welt von Hoffnungen erweckt in diesem Sinne derselbe Prophet Jesaia mit der Verheissung: „Er — mein Knecht Israel — wird nicht ermatten und nicht dahin gehen, ehe er das Recht auf Euch gegründet hat und auf dessen Lehre Eilande harrten.” Und der Artikel schliesst in dem Appell an die Lehre der Bibel. Im Hinblick auf sie könne Kalischer mehr Vertrauen zu der Lebenskraft des Judentums schöpfen. „Vertrauen auch zu dem Geist der Geschichte, dass — wie schon oftmals im Leben der Juden — eine Wendung sich zur rechten Zeit einstellen wird, Vertrauen zu der Macht der Idee, Vertrauen endlich auf das Prophetenwort Jeremias: Es bleibt Hoffnung für Deine Zukunft.”

Die Mehrzahl der Leser fühlte aus allen diesen und vielen ähnlichen Artikeln, Reden und Predigten nur das „Nein” heraus, die absprechende Beurteilung aller pessimistischer Deduktionen.

Wenn auch kühl abwägende Artikel, insbesondere im „Hamburger Israelitischen Familien-Blatt”, in der „Jüdischen Rundschau” und in dem „Frankfurter Israelitischen Familien-Blatt” (jetzt „Neue jüd. Presse”) Raum fanden, als deren gewichtigste Autoren Dr. Artur Kahn, Nachum Goldmann, Dr. Hans Fischer, Dr. Hoppe zeichneten, so waren das doch nur Stimmen einzelner Privatleute ohne Amt und Würde in der Judenheit, deren Urteil keinerlei Autoritätsglaube beigemessen wurde. Nicht nur die genannten zionistischen und orthodoxen offiziellen Publikationsorgane sprachen sich gegen die Auflösungstheorie aus, nicht nur die Vertreter der großen jüdischen Verbände und Gemeinden wußten durch allerlei Maßregeln die absolut nicht beunruhigten Gemüter zu neuem Schlaf zu verleiten ... das Hauptverdienst eines frisch-fröhlichen Auto-da-fés verübten die Vertreter der jüdischen Statistik, die auf verschiedenen literarischen Schauplätzen als die offiziellen Fachleute geharnischten Protest gegen meine „unwissenschaftliche, falsche und leichtfertige Schrift” einlegten.

[S. 27]

Die stärkste Vernichtung erfolgte im Rahmen der Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Im deutschen Reich” vom Jahre 1911. Der Centralverein deutscher Staatsbürger ist der größte jüdische Verein Deutschlands. Sein Blatt erscheint in einer ungewöhnlich hohen Auflage und wird in allen jüdisch interessierten Kreisen gelesen. Der Autor der Besprechung meines Buches, die sich zu einem selbständigen 13 Seiten umfassenden Artikel auswuchs, nahm überdies in der einzigen wissenschaftlichen jüdischen Zeitschrift, die sich mit statistischen Fragen beschäftigte, in der Monatsschrift für Statistik und Demographie der Juden, die Gelegenheit wahr, um persönlich und mit Freunden meine gefährlichen Anschauungen mit Stumpf und Stiel auszurotten. An vielen Beispielen behauptete Dr. Jacob Segall nachweisen zu können, daß ich „viel zu rasch aus den Zahlen Schlüsse gezogen”, daß ich „nicht sorgfältig und reiflich das Material angesehen hätte”, das mir für die „zuweilen recht kühnen Schlußfolgerungen” diente. Dazu kämen weiter meine Manipulationen mit vielen falschen Zahlen, Zahlen über deren Zustandekommen ich unfähig wäre zu urteilen, Berechnungsmethoden, die von der Wissenschaft vollständig abgelehnt seien und viele andere Mängel. Das vernichtende Urteil des offiziellen Statistikers der deutschen Juden mußte bedeutsam in die Wagschale fallen. Des langen und breiten glaubte Segall Fehler über Fehler nachweisen zu können, Leichtfertigkeit, die an Gewissenlosigkeit grenzte, Unkenntnis aller möglichen Dinge, Berufung auf falsche Autoritäten, „die sich ihre Zahlen aus der Luft griffen”! Die einschlägige Abhandlung Segalls erschien der langweiligen und wichtigtuerischen Form nach als die berechtigte Abfertigung eines Wissenschaftlers gegen einen dilettantischen Laien. Ich werde auf alle wesenhaften Punkte der Segallschen Methodologie noch in meinen weiteren Ausführungen eingehen. Obwohl dadurch diese Schrift einen polemischen Charakter[S. 28] bekommt, der ihr besser erspart geblieben wäre. So aber muß ich die Zeit und das Papier verschwenden, um darzulegen, wie Segall nur einige Zahlen sieht, deren große Zusammenhänge er nicht versteht. Kleine Druckfehler, die sich in jeder Arbeit finden und die einem ebenso in Segallschen Arbeiten begegnen, sind für ihn die Gewähr wissenschaftlichen Unvermögens. Im übrigen ist die Technik Segalls sehr einfach. Er kommt überall, wo ihn eine Ziffer stört, mit Fragen, Vermutungen, Theorien, für die er keine Unterlagen beibringt. Ich habe in meiner Entgegnung in der Zeitschrift „Im deutschen Reich” nachgewiesen, wie leichtfertig Segall mit Behauptungen umspringt und habe ein Beispiel für die minderwertige wissenschaftliche Methodik Segalls angegeben.

Segall schrieb 1909: Und 1911:
„Ein letzter Grund, dass die Sterblichkeit der Juden niedrig ist, liegt in der Einwanderung. Man denkt beim Rückgang der Sterblichkeit zumeist an die Verbesserung der sanitären Verhältnisse und berücksichtigt nicht, dass bei den Juden wesentlich die Einwanderung von Leuten im produktiven Alter, wo die Sterbewahrscheinlichkeit eine geringe ist ...
Die Einwanderung hat den Vorteil, dass sie durch die Masse der jugendlich kräftigen Personen, welche herbeiströmen, die Sterbeziffer im ganzen herabdrückt. Daher kommt es, dass die Sterblichkeit der deutschen Juden in Deutschland in den letzten Jahrfünften bei weitem nicht so abgenommen hat, als man hätte erwarten dürfen.”
„Theilhaber übersieht, dass die Einwanderer die Sterblichkeit erhöhen.
Denn nicht immer sind es bloss die im kräftigsten Alter stehenden Personen, welche einwandern, sondern zum Teil geht die Einwanderung familienweise vor sich, sodass Kinder und alte Leute, welche von der Sterblichkeit mehr bedroht sind, zur Masse der Einwanderer gehören.”

[S. 29]

In meinen Studien zum „Untergang der Deutschen Juden” hatte ich die Probleme der Erhöhung oder der Erniedrigung der Sterblichkeit durch die Einwanderung sehr wohl beobachtet. Ich konnte aber daraus keinerlei umwälzende Beeinflussung feststellen. Wenn Segall glaubte, daß die Einwanderung einmal die Sterblichkeit erhöht, und einmal sie niedriger werden läßt (wie es gerade in seinen Kram paßt) so hätte Segall sofort sich Aufklärung schaffen können, hätte die Ziffern der gestorbenen Ausländer in Deutschland nachsehen müssen, wie ich es tat und u. a. darlegte in meiner Preisarbeit der Gesellschaft für Rassenhygiene „Bringt das materielle und soziale Aufsteigen der Familien Gefahren in rassehygienischer Beziehung? Dargelegt an der Entwicklung der Judenheit von Berlin”. (Sonderabdruck aus Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, Heft 1/2, 1913, Leipzig). In Wahrheit übte nämlich die Einwanderung keinen wesentlichen Einfluß auf die jüdische Sterblichkeit aus.

Segall konnte sich ebenso sehr über alle die Fragen, die ihm noch unklar waren, Aufklärung verschaffen. Er, der hauptsächlich statistisch arbeitete, dem ein Verband und ein Büro ganz andere Möglichkeiten einräumte, wie mir, der ich als Arzt nur in wenigen Mußestunden mich der Materie widmen konnte, war mir in allen technischen Hilfsmitteln und Voraussetzungen überlegen. Wenn er trotzdem die Sterblichkeit der ausländischen Juden, die Fruchtbarkeitsziffer an den Berliner, Leipziger, Hessischen Juden und vieles andere, was ich sofort z. T. zur Ueberprüfung meines Materials bearbeitete, nicht selbst untersuchte, sondern stets behauptete, man könne mangels Materials die Fragen noch nicht klären, so geht aus alle dem nur die Unfähigkeit des offiziellen Vertreters der Statistik in Deutschland hervor. Ich würde diese mangelnde Befähigung Segalls, das zu geringe Talent, Entwicklungstendenzen zu überblicken, nicht hervorheben, wenn ich mich nicht im Interesse der Sache dazu genötigt sähe. Bei der[S. 30] Bedeutung des ganzen Problems hat Dr. Jacob Segall durch seine absprechende Kritik die Auslösung einer wissenschaftlichen weiteren Untersuchung der Frage unterbunden.

Wie sich die Journalisten das Ergebnis der wissenschaftlichen Abfertigung ausdeuteten, mag ein Artikel der jüdischen Monatsschrift „Ost und West”, (1917) anzeigen, der u. a. also anhebt: „Dreierlei Lügen gibt es, sagt ein englisches Witzwort: Weiße Lügen, schwarze Lügen und Statistik: es könnte sein, daß die Statistik des Sehers Theilhaber zu der dritten Sorte gehört ...”

Um Segalls Anschauungen kurz zu resümieren, sei gesagt, daß er die Geburtenreduktion bei den deutschen Juden auf die Auswanderung zurückführte, daß er durch den Rückgang der Sterblichkeit einen weiteren Geburtenüberschuß erhoffte, daß er so ziemlich alles, was die Existenz der deutschen Juden bedroht, in Abrede stellte. So pflanzte ein Mann am Grabe die Hoffnung auf, leugnete was war und suchte das graue Bild mit hellen Farben zu übertünchen. Es ist vielleicht nicht ohne Reiz, daran zu erinnern, daß der andere Redakteur der Zeitschrift für Statistik der Juden, Dr. Blau, zuerst in einem Brief, den ich noch besitze, bald nach Erscheinen der Arbeit zum Ausdruck brachte, er habe die von mir vertretenen Dinge in Vorträgen ausgesprochen, allerdings sei es „gefährlich”, wie er mir später mündlich hinzufügte, derartige Anschauungen in Druck zu geben.[3]

Da die jüdischen Gesellschaften und die Oeffentlichkeit eine wissenschaftliche Aussprache über die Probleme nicht zuließen, da bei keiner Gemeinde ein Referat, auf keiner Tagung eine Darlegung der Verhältnisse durchzusetzen war, so mußte ich mich begnügen,[S. 31] in ein paar lokalen Vereinen und einigen loyalen Zeitschriften[4] auf die großen Gesichtspunkte hinzuweisen. Im übrigen war es unmöglich, der offiziellen absprechenden Kritik aller Organisationen und Institute, die dazu das Wort genommen hatten, entgegen zu treten. Das gibt mir nicht nur ein Recht, diese Schrift nochmals auflegen zu lassen, sondern es erscheint mir als Pflicht, trotz aller weiteren Verunglimpfungen, die mir bevorstehen, mit aller Schärfe, die alten Fragen wieder aufzuwerfen und mit Hilfe einiger neuer Zahlen die Entwicklung von neuem zu belegen, wobei ich betone, daß alle wichtigen Ziffern und Tabellen diesmal nur gekürzt wiedergegeben werden können.

Der Gedanke, der in diesem Buch in seinen Konsequenzen wiederholt soziologisch und statistisch eingehend ausgeführt wird, wird allerdings allgemeine Gesetze für die Existenz der jüdischen Bevölkerung auch in anderen Ländern abgeben; inwieweit aber deren Lage mit den Verhältnissen der deutschen Juden übereinstimmen, bedarf erst der Feststellung. Die deutsche Judenheit hat eine teilweise unterschiedliche soziale und sexuelle Gestaltung erfahren, die sie von gewissen jüdischen Centren — wenigstens vor dem Kriege abhob.

Es ist somit nicht der Theorie eines Untergangs der Juden überhaupt das Wort geredet. Wer dagegen die Persistenz aller Teile mit religiösen,[5] historischen und gefühlsmäßigen allgemeinen Argumenten belegt, der mag sich auf den Untergang der 10 Stämme Israels besinnen, an die Auflösung der jüdischen Reiche [S. 32]in Arabien, an die starken Verluste jüdischer Siedelungen in Aegypten und Vorderasien. Ich verweise auf die Geschichte des Chazaren-Reiches und das Ende der Juden in Spanien, auf die Trümmer der jüdischen Wanderung nach Indien, wo die Exilarchen im Jahre 490 zu Kranganor an der Küste Malabar durch den brahmanischen Fürsten Airvi aufgenommen wurden, Land bekamen und unter eigenen Häuptlingen leben durften. Diese Häuptlinge hatten alle Rechte der indischen Fürsten, und ritten auf Elefanten, denen Musik vorherging. Vorhandene Erztafeln kündeten noch in hebräischer Sprache und in dem Idiom des Talmud von ihren Rechten. Die Kolonien wurden längst zerstört. In den weißen Juden von Mattatscheri sollen Reste erhalten sein. Von den chinesischen Juden blieb niemand zurück. Sie sind ausgestorben und nur die Tempel, wie der von Kai-Fong-Fu, Handschriften, Briefe u. a. zeugen von der Vergangenheit. Ferner ist wenig bekannt, daß vorderasiatische Juden unter einem gewissen Benjamin im Jahre 614 n. Chr. Geb. Jerusalem eroberten und sich in Palästina wieder ansiedelten, um bald vom Kaiser Heraklios niedergemacht zu werden.

Die Geschichten der jüdischen Siedelungen sind ein Widerspiel von gewaltsamer Auflösung und Zerstörung, von Zersetzung und Abwanderung. Vor einigen Jahren erregte das Schicksal der zu Grunde gehenden Falaschas Aufsehen, jener abessynischen Juden, die viele Jahrhunderte lang ihre eigenen Fürsten besaßen, die zwei Jahrhunderte lang ganz Abessynien beherrschten. Dr. S. Weißenberg schrieb in der Zeitschrift f. Stat. u. Dem. der Juden, 10. Jahrgang, über „Die Karäer — ein verdorrender jüdischer Stamm”: „Die von Asran gegründete Sekte der Karäer scheint anfangs großen Anhang gefunden zu haben. Dies ist daraus zu schließen, daß im Mittelalter an fast allen jüdischen Sitzen (außer Zentraleuropa) auch karäische Gemeinden in größerer oder geringerer Stärke vorhanden waren ...” Er schließt seine eingehende Arbeit wörtlich: „Wir stehen[S. 33] somit vor einem nicht ganz fernen Untergang der Karäer, falls nicht Maßnahmen getroffen werden, die einem neuen Aufblühen dieses Völkchens förderlich sein könnten.” Die bekannten Samaritaner stehen gleichfalls auf dem Aussterbeetat.

Interessant ist die Geschichte der spanischen Juden in Westindien, die blühende Kolonien anlegten, die heute vernichtet sind. Und wie steht es mit den Familien der alteingesessenen Juden von Frankreich? Was ist aus den blühenden Gemeinden von Italien geworden, deren geistiges Leben durch viele Jahrhunderte die jüdische Welt bereicherte? Von der großen spanisch-jüdischen Bevölkerung Hollands ist nur noch ein Rest übrig.

So sehr es eine historische Weisheit ist, daß sich das jüdische Volk als einziges in der Zerstreuung unter den Völkern erhielt, so tatsächlich ist der Umstand, daß die Persistenz einer jüdischen Bevölkerung allzumeist nur einige Zeit in einem Landstrich währte, daß Blüte, Niedergang, freiwilliges und unfreiwilliges z. T. fluchtartiges Verlassen abwechseln, daß ein Bestand der Judenheit und eine Fortentwicklung in gerader Linie in einem Lande historisch zu den Ausnahmen gehört.[6] Die Nachkommen der alten deutschen Juden sind numerisch in der Hauptsache in Polen, Rußland, Rumänien und Amerika verbreitet, der spanische Jude wohnt im ganzen Orient, in Nordafrika. Spanien, das eine wundersame jüdische Kultur durch ein Jahrtausend gesehen hat, hat sein Judentum mit Stumpf und Stil ausgerottet, so sehr, daß kaum eine Erinnerung mehr an Ort und Stelle zurückgeblieben ist.

Wer also die Zukunft der Juden in Deutschland — und nur darum handelt es sich — durch die Profetie für gesichert hält, kann nicht ernst genommen werden.[S. 34] Er kennt die Geschichte nicht, übersieht die Kleinigkeit, daß selbst das althebräische Schrifttum von der Existenz des jüdischen Volkes in der Allgemeinheit und nicht in einzelnen Teilen spricht und die Schrift die Absplitterung von Partikeln ins Auge faßt.

Natürlich gibt es eine Möglichkeit, den Zerfall des jüdischen Volkes in Deutschland zu verhüten, wenn nämlich die Ursachen, die jetzt zur völligen Auflösung führen, in Fortfall kämen. Ob es tunlich ist, die Voraussetzungen zu bannen, ist eine überaus schwierige Frage.

Meine Untersuchung beleuchtet diese Probleme, lehrt die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Ziffern der Geburten, Taufen, Mischehen, usw und den soziologischen Einflüssen, sie belegt die Bedeutung der Zahlen, der Kurven, sie geht auf die Wanderung, auf die Berufstätigkeit, auf das Heiratsalter, auf die Ausstrahlungen des Kapitalismus ein. Ich schrieb s. Z. in der ersten Auflage:

„Vorausgesetzt, der neue Gedanke dieses Buches erweist sich als richtig, so wird er wohl die deutsche Judenheit, die sich bisher als religiöse Gemeinschaft lediglich dazu berufen fühlt, die Erfüllung der Ritualien zu überwachen, veranlassen, eine grosszügige Volkspolitik zu treiben, um das zu retten, was zu erhalten ist (oder wenigstens zu versuchen, ob es zu retten ist). Und selbst, wenn viele jüdische Gemeinden so kurzsichtig sein werden, trotz aller Anzeichen von dem drohenden Zerfall lieber der Stimme unverbesserlicher Optimisten zu vertrauen und in bequemem Quietismus zu beruhen, als energischen Gegenmassregeln sich anzuschliessen, so wird doch die Idee, erst einmal durch die Blätterwelt und die mündliche Verkündigung zum geistigen Gemeingut des Volkes geworden, auf alle möglichen sozialen und politischen Aktionen befruchtend einwirken ...”

Auch die Nationalökonomen vom Fach haben die Bevölkerungsbewegung, die sich unter den deutschen Juden vollzieht, mit Interesse verfolgt, weil wohl kein Volk, keine Bevölkerungsklasse in demselben kurzen Zeitraum eine so wechselvolle, zahlenmäßig genau zu belegende Entwicklung durchmachte, weil wohl keine[S. 35] Rasse oder Gemeinschaft Geburteneinschränkung, Sterblichkeit, Ehelosigkeit, auf eine Tiefe resp. Höhe gebracht hat, die als das non plus ultra gelten muß.

Die Nationalökonomen haben an den Juden studiert. Ein Schriftsteller hat sie einmal das „Barometer der Völker” genannt. Diese Hypothese gebietet Aufmerksamkeit. A. Grotjahn, der Altmeister der Sozialhygiene, schrieb in seinen Jahresberichten in einer Besprechung:

„Mit den überaus pessimistischen Profezeiungen des Verfassers über die Zukunft des Judentums mögen sich auseinandersetzen, die es angeht. An dieser Stelle ist nur mit Nachdruck hervorzuheben, dass der hier geschilderte Verfall nicht eine spezifische Eigentümlichkeit der Juden ist, sondern nur bei ihnen reiner zur Beobachtung kommt, als bei den entsprechenden Schichten der nichtjüdischen Bevölkerung Mitteleuropas, die z. Z. noch aus dem, übrigens nicht unerschöpflichen Born des ländlichen und städtischen Proletariats Zufluss erhält. Tua res agitur Germania, agitur. Das vorliegende Buch ist die beste Arbeit der letzten Jahre auf dem Gebiete des Entwicklungsproblems, nicht nur dem sachlichen Inhalte nach, sondern vor allem wegen der hier geübten, geradezu vorbildlichen Methode, die den konkreten Fall auf Grund statistischen Materials empirisch untersucht und auf Anwendung darwinistischer Metaphysik, die bei den Erörterungen über die Völkergeneration bereits starke Verwirrung angerichtet hat, verzichtet”.

Das deutsche statistische Centralblatt anerkannte in einer Besprechung in der ersten Nummer des Jahres 1912 den Wert derartiger Untersuchungen mit den Worten:

„Die Bevölkerungs-Bewegung der Juden des letzten Menschenalters wird nicht zuletzt der Statistiker mit Interesse verfolgen.”

Die „Deutsche Hochschule” (Nr. 7 1912) lobte die Ausführlichkeit und die Objektivität des „Untergangs” in der Sammlung und Verarbeitung des reichhaltigen statistischen Materials.

Dr. Mottek faßte im „Freien Wort” den Hauptteil meiner Untersuchungen als den „Selbstmord des Kapitals” oder klar ausgedrückt „Die geringe Vermehrung[S. 36] der besitzenden Klassen durch Zeugung von Kindern” zusammen, und Rüdin hat im „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie” diese Arbeit als den Spiegel für die christlichen Staatsbürger genannt, „darinnen sie die Zukunft auch des Kulturchristen sehen, die ebenso unvermeidlich trübe ist, wenn nicht ein sexual-hygienisches Fühlen und Handeln aufkommt, wie es Theilhaber den Juden rät.”

Dem schließen sich die „Münchener Neuesten Nachrichten” an:

„Ein Buch, dem es zu wünschen ist, dass es nicht nur in dem engeren Kreise, an den es sich wendet, wie ein Weckruf wirkt, sondern unserer ganzen heutigen Kultur als Spiegel vorgehalten wird ... Noch einen, wenn auch nur zeitlichen, doch nicht zu unterschätzenden Vorteil hat das Buch. Es zeigt, dass die Fragen der Rassen und ihrer Hygiene nicht unbedingt etwas mit dem Antisemitismus zu tun haben. Vielleicht werden manche Kreise diese Fragen, die für unser deutsches Volkstum bedeutungsvolle Zukunftsfragen darstellen, daraufhin zugänglicher sein, als es bisher der Fall war”.


[S. 37]

KAPITEL II.


ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER JUDEN IN DEUTSCHLAND.

Ich war immer bestrebt, die Sitten der Juden, dieses klugen Volkes, zu bessern, ohne ihnen je etwas zu leide zu tun. Das wäre auch unchristlich gehandelt, denn das Judentum bildet die lebende Zeugenschaft des Christentums. Sollten die Juden aussterben, so bin ich überzeugt, dass dies für den Fortbestand des Christentums eine ungünstige Prognose wäre.
Bismarck im Gespräch mit Dr. Kepes.

Die Juden des frühen Mittelalters erfreuten sich im fränkischen und burgundischen Reiche aller Freiheiten. Sie waren dort in jeder Beziehung unbeschränkt, hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, besassen eigene Schiffe auf den Flüssen Galliens und auf dem Meere, durften Grundbesitz erwerben, wirkten als Aerzte und kämpften als Krieger; mit den Christen lebten sie auf gutem Fuße, daß selbst Ehen zwischen beiden Parteien vorkamen. Ihre eigentümlichen Speisevorschriften boten den ersten äußeren Anlaß zu Differenzen, indem es christliche Geistliche für unwürdig befanden, wenn Juden bei christlichen Gastmählern sich gewisser Speisen enthielten, während Christen bei jüdischen Mählern dies nicht taten. Mehrere Konzilien verboten daher (seit 465) den Geistlichen mit Juden zu speisen: aber sie fanden keinen Gehorsam. Selbst als sich Chlodwig zur römisch-katholischen [S. 38] Kirche bekannte, trat noch keine Benachteiligung der Juden ein. Erst als der den germanischen Völkern neue Glaube größere Fortschritte machte und die Geistlichkeit mächtig wurde, setzte man Einschränkungen der Juden durch (507 Verbot des Besuches der jüdischen Gastmähler, 533 der Eheschließung mit Juden usw.) Von der Lage der Juden unter Karl dem Großen schreibt z. B. Otto Henne v. Rhyn, ein gewiß unvoreingenommener Historiker:

„Dieser von religiöser Beschränktheit freie und mit den grössten Verdiensten um die Kultur begabte grosse Herrscher sah in den Juden, welche bereits den Welthandel in der Hand hatten, nicht zu unterschätzende finanzielle Stützen seiner Macht. Er liess gebildete Juden aus Italien nach Deutschland kommen, die Kalonymos aus Lucca, um auf ihre roheren dort lebenden Glaubensgenossen günstig einzuwirken. Gewiss lebten damals schon seit langem Juden in Deutschland, wenn auch verschiedene Angaben über ihre vorchristliche Einwanderung zu dem Zwecke erfunden sind, um nachzuweisen, dass sie an der Hinrichtung Jesu unschuldig wären und um sie hierdurch gegen Verfolgungen zu schützen!”

Karl der Große, der einen jüdischen Leibarzt hatte, (Zedekias,) räumte den Juden gleiche Rechte mit den Christen ein, ebenso wie sein Sohn Ludwig, dessen Liebling, der Geistliche Bodo, zum Judentum übertrat (ein Beweis, daß das Judentum nicht gering geschätzt wurde). Erst der Uebertritt des Kaplans Wecelinus zum Judentum am Anfang des XI. Jahrhunderts und dessen Angriff auf das Christentum brachten Kaiser Heinrich II., der mehr Mönch als Monarch war, in das Lager der sich mehrenden Judengegner und inhibierten das friedliche Zusammenleben von Juden und Christen. Hatten diese nach der Historia Francorum noch im Jahre 585 in Orleans dem König in hebräischer Sprache Huldigungslieder gesungen, so treffen wir zum Ausgang dieser Periode jüdische Minnesänger in deutscher Sprache, deren bekanntester Jud Süßkind von Trimberg gewesen sein mochte, von dem uns die Münchener Staatsbibliothek Lieder aufbewahrte. Der Regensburger Jude[S. 39] Liwa unternahm im 13. Jahrhundert die Uebersetzung der Geschichte des König David.

Verschiedene erlassene Gesetze und Aufzeichnungen versuchen die Vermischung mit der übrigen Bevölkerung aufzuhalten und beweisen diese Epoche als Zeit der Assimilation, die durch die Kreuzzüge unterbrochen wird. In ihrer Folge führen die absolute Abschließung der Juden in eigene Stadtbezirke, (in die „Ghetti”), die besondere Bekleidung (der Judenhut und der gelbe Judenfleck) und andere Maßregeln eine scharfe Absonderung der Juden kulturell, beruflich und territorial herbei. Die Hauptmasse der Juden aus Deutschland wurde nach Polen abgedrängt, wo sie die deutsche Mundart, die sie aus dem Rheinland mit sich nahmen, zum Jüdisch-Deutsch entwickelten. Bevölkerungspolitisch interessant ist die Bemerkung eines Berichterstatters (zitiert bei J. Elbogen, Bevölkerungspolitik im alten Judentum, Gemeindeblatt d. J. Gem. Berlin, 12. März 1920,) daß es damals in Polen keine armen unverheirateten Mädchen unter 18 Jahren gab. In Deutschland wird es ähnlich gewesen sein. Die von hier zurücksickernden Elemente verstärkten die in Deutschland von Ort zu Ort vertriebenen Juden und gaben ihnen das Jüdisch-Deutsch, das wir als die Sprache der deutschen Judengemeinden von ca 1400-1800 antreffen. Die Memoiren des Ascher Levy und der Glückel von Hameln, die jüdischen Privatbriefe aus den Jahren 1619 u. a. beleuchten die Verhältnisse jener Zeiten.

Die deutsche Judenheit wurde mit wenig Ausnahmen bis an das Ende des 18. Jahrhunderts von der jüdischen Kultur beherrscht. Sie ging auf im Studium hebräischer Schriftwerke und nahm den stärksten Anteil an allen Ideen und Vorgängen des Lebens des jüdischen Volkes. Die Hoffnung auf den Messias, die insbesondere in den Zeiten nach dem Friedenschluß zu Münster die Juden erschütterte, hat sie noch lange Zeit später (siehe auch Jakob Wassermanns Juden von Zirndorf) aufs [S. 40] lebhafteste erregt. Wirtschaftlich befaßten sich die Juden ausschließlich mit dem Handel. Im eigenen Kreis richteten sie sich nach ihren eigenen Gesetzen. Der Schulchan-Aruch, das bürgerliche Gesetzbuch der Juden, hatte über alle seine Macht und wer Mitglied der Gemeinde sein wollte, mußte auch sein privates Leben dem jüdischen Gesetz anpassen. Die Macht ihrer religiösen Gemeinschaft und ihrer Organisation war eine so straffe, daß sich Absplitternde nur schwer im Leben zurecht fanden. Der persönliche Zusammenhang, der kleine Spielraum, den das Ghetto ließ, förderte den Einfluß aller Vorstellungen, aller Volkssitten und Gebräuche. Es darf uns daher nicht verwundern, daß alle religiösen Forderungen bei der seelischen Primitivität, insbesondere des Sexuallebens ein überaus ursprüngliches und naturwüchsiges Darin-Aufgehen fanden, so daß gleich beim Eintritt der ersten Reife Knaben mit kindlichen Mädchen verheiratet wurden. Dem Ablauf der Fruchtbarkeit fiel niemand in den Arm und diese möglichst starke Vermehrung war gewissermaßen eine Notwendigkeit. Die ständigen Massakers und die Volkstaufen, die Ghettoluft mit ihren Miasmen, mit den häufigen Todesfällen an Typhus, Fleckfieber, an Pocken, Pest, Cholera, an Influenza und an anderen Infektionskrankheiten verlangten eine möglichst starke Vermehrung, da nur durch diese die Erhaltung der Art gewährleistet werden konnte. Die Ziffern Hanauer's über die Sterblichkeit der Frankfurter Juden, erschienen mir früher unwahrscheinlich groß. Sie sind aber durch die unsäglich ungesunden, unhygienischen Verhältnisse der mittelalterlichen Stadt erklärlich, von denen unter anderem Gottstein nachwies, daß die Bevölkerung der Städte in wenigen Generationen ausstarb und daß die Existenz einer Einwohnerschaft nur durch den Zuzug vom Lande gesichert wurde. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, daß die Zahl der Juden in der ganzen Welt zum Ausgang des Mittelalters mit nur einer halben Million veranschlagt,[S. 41] während sie heute mit ungefähr 14 Millionen gemessen wird.[7]

Das Ende des 18. Jahrhunderts stand wesentlich unter dem Einfluß der französischen Philosophen und Staatsräte, unter den Maßnahmen der aufgeklärten Fürsten, Friedrich II. und Joseph II., und der Gedankenwelt eines Lessing und Schillers.

Insbesondere wurde durch die Erschütterungen der französischen Revolution in den Beziehungen der Menschen zu einander eine ungeahnte Umwälzung hervorgebracht, die die starken Scheidewände zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung niederriß. Mendelssohn und seine Nachfolger drängten die ausschließliche Beschäftigung der Juden mit ihrer Nationalliteratur zurück, bekämpften die Erhaltung der eigenen Mundart und sorgten für die Eingliederung der Juden in alle deutsche Kulturkreise. Die Zeit der deutschen Erneuerung unter Stein und Hardenberg, die französische Verwaltung in Westdeutschland wie die Freiheitskriege, bedingten eine politische Befreiung des jüdischen Elementes. Aber erst die Revolution von 1848 und letztmalig die Reformen der 60er Jahre verhießen den Juden offiziell alle Rechte, wenn auch viele nur auf dem Papier standen. Gleichwohl, der deutsche Jude fand Wege zum Eintritt in die Oeffentlichkeit, in die Umgebung. Die ausschließlich jüdischen Interessensphären wurden gesprengt. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ideen der Umwelt lockten den Juden zur Anteilnahme. Die jüdische Nationalität erfuhr mit ihrer ausgeprägten völkischen Religionsverfassung eine Umänderung zu einer Religionsgemeinschaft. An die Stelle bindender Gesetze traten verstandesmäßig gehaltene, allgemeine ethische Prinzipien. Eine nie gekannte Verwirrung über das Wesen der jüdischen Religion setzte ein. Hundertfach schillerte die jüdische Religion.[S. 42] Sabbathheiligung, Speisegesetze, viele der Feste und Feiern verloren an Glanz und Macht über die Seelen des Volkes. Und auch die Richtlinien der Theologen, Rabbiner und Vorkämpfer eines liberalen Judentums konnten den religiösen Bau nicht neu verankern. Als Gemeingut aller, als bindendes Band blieb eine an fast keine Form gebundene Weltanschauung, eine theistische Ueberzeugung, wie wir sie bei ganz liberalen Christen und in Kreisen der ethischen Kultur finden. Gegen diese rationalistischen Juden traten die gesetzestreuen immer mehr in den Hintergrund. Wohl erzeugte der in den 80er Jahren einsetzende Antisemitismus einen neuen Zusammenschluß vieler freisinnigen Elemente. Er ist der Vater fast aller modernen jüdischen Organisationen und verhalf letzten Endes der national-jüdischen Bewegung zur Blüte. Außerdem belebten die Eigenheit der jüdischen Namen und die religiöse Katasterbildung, wie sie der deutsche Staat bis vor kurzem liebte, die Erinnerung an das Vaterhaus und die alten Sitten! Die aktivierenden Kräfte, welche das Fortbestehen der jüdischen Eigenart förderten, beruhen hauptsächlich in:

1. Der Tatsache eines unterschiedlichen Typus, welche das Aufgehen der Juden rein körperlich in ihrer Umgebung erschwert.

2. Der Erziehung in der Ideenwelt der jüdischen Religion, die Heranwachsende mit den Gefühlen der Beharrung ausfüllte.

3. In der Einwirkung des Elternhauses und der Literaturerzeugnisse, welche eine gewisse historische Kenntnis und eine seelische Gebundenheit ans Judentum verursacht; endlich des Einflusses der Organisationen, welche die Individuen und die Vereine an die Gemeinschaft ketten.

4. In den Ausstrahlungen des familiären Zusammenhanges, der aus der Inzucht entspringt, die es als selbstverständlich erscheinen läßt, daß Ehen nur unter den Söhnen und Töchtern Israels geschlossen werden.

[S. 43]

Die Entkleidung der jüdischen Religion von vielem ihrer Eigenart, die Aufgabe der jüdischen Schulen, das Eindrängen in andere Kreise sind unbewußte Empfindungen und Tendenzen, welche das Assimilationsbegehren stärken. Anderseits führt Beharrungsgefühl, religiös und nationales Empfinden zum Judentum zurück. Dieser Kampf um die Erhaltung der Eigenart drückt der deutschen Judenheit den Stempel auf, er läßt sich in nuce in vielen der Geschehnisse als die eigentliche Triebfeder erweisen; oft nur erahnen.

Die Abkehr von dem naiven Typus des Judentums, vom religiös verankerten Volkstum[8] zu einer losen Glaubensgemeinschaft, die ihre nationalen Wünsche und Interessen nicht mehr in der eigenen Mitte zu finden und zu lösen wünscht, hat die Judenheit Deutschlands in eine neue Situation gebracht. Die deutschen Juden unterstehen in ihrer Majorität nicht mehr den alten Sexual- und Lebensgesetzen des Judentums, sondern den Einflüssen, welche die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands bedingen, vermehrt oder vermindert durch retardierende jüdische Momente. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch ihre Entwicklung zu betrachten. —


[S. 44]

KAPITEL III.



DIE BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG IM REICH.

Preußen einverleibte sich bekanntlich polnische Gebietsteile zum Ausgang des XVIII. Jahrhunderts und beschenkte sich dadurch selbst mit einer großen Zahl jüdischer Untertanen. Die Stimmung der Regierung war seit Jahrhunderten nicht gerade judenfreundlich[9]. Und einer der ersten Erlasse an die Juden der neuen Gebiete war die Ausweisungsordre an die unglücklichen jüdischen Bewohner des Netzedistriktes. Das Edikt wurde nicht inhibiert wegen seiner Brutalität, wonach alte Gemeinden mit einem Federstrich von den Usurpatoren einfach vernichtet und ihre Mitglieder in die Fremde gestoßen wurden, sondern aus dem einfachen Grund, weil sich aus ihrer Vertreibung zu starke wirtschaftliche Schädigungen ergeben hätten. Die durch das Gesetz beengte Freizügigkeit drängte die Juden im Osten sowohl wie in den kleinen Orten Süd- und Mitteldeutschlands zusammen und veranlaßte einen Teil des Ueberschusses zur Auswanderung. Die Angleichung[S. 45] der wohlhabenden Kreise an das deutsche Kulturleben, der immer stärker werdende liberale und demokratische Gedanke förderten schließlich ihre volle Emanzipation. Mühselige Kämpfe, die in der friederizianischen und napoleonischen Zeit begonnen, hatten sie in der Mitte der 60 er Jahre so weit gefördert, daß alle negativen Bestimmungen, alle Ausnahmegesetze, alle Beschränkungen fielen. Gewisse Vorteile, die mit dem Militärdienst, mit öffentlichen Aemtern und Würden verknüpft waren, blieben den Juden, abgesehen von Ausnahmefällen, vorenthalten. Neben der Emanzipation veranlaßte ein inneres Moment die Umgruppierung der Juden. Im Zeitalter der Postkutsche konnte der Handel in kleinen Orten fast ebenso florieren wie in den damals auch nicht überragenden Hauptstädten. Die neuen Schienenwege schufen Industrie- und Handelszentren, die nicht nur neue Möglichkeiten erschlossen, sondern auch die alten Betriebe in den abseits von den Verkehrspunkten gelegenen Orten zur Uebersiedelung in die aufblühenden Großstädte zwangen, die die sich zusammenballenden Massen in den Dörfern und Märkten und das von der starken Fruchtbarkeit gelieferte Heer Jugendlicher die Städte überfluten ließ. Daher resultierte die plötzliche Einwanderung in die Großstädte und stärkte die judenfeindliche Stimmung. Der Antisemitismus der 80er Jahre ist wohl die politische Reaktion auf die Herrschaft des Liberalismus, der auf die Dauer mit dem Bismarckschen Junkertum nicht harmonieren konnte, auf die soziale Not, die durch den mangelhaften Schutz des wirtschaftlich Schwächeren, bei den nichtjüdischen Massen viel stärker in Erscheinung trat und von den Juden, die sich des Kapitals zu bemächtigen schienen, herzurühren gedeutet wurde. Der fleißige, auffassungsfähige Jude kam wirtschaftlich empor. Trotz des starken Zuzuges nichtjüdischer Kreise in die Hauptstädte, trotz der Abwanderung der Juden ins Ausland, nimmt bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts der städtische und großstädtische Anteil der Juden gewaltig[S. 46] zu und führt zur „Verjudung” der Städte. Ihre intensive Betätigung im Wirtschaftsleben besonders im Zwischenhandel, ihre Beweglichkeit, ihr starker Individualismus, ihr Bildungsstreben und ähnliche Eigenschaften ließen sie als noch mehr erscheinen, als sie wirklich waren.

In jener Zeit trat die Verjudung einzelner Erwerbszweige hervor. Der Viehhandel war eine alte jüdische Domäne, auch das Warengeschäft. Im Getreidevertrieb dominierte lange schon die jüdische Note, ebenso im Ledergeschäft. Es entstehen in jener Zeit industrielle Unternehmen, die die Schuhfabrikation, die Konfektion, die chemische Industrie in Deutschland groß machen. Juden beherrschen die Börse und das Bankwesen, monopolisieren die Anwaltschaft, z. T. die Presse, die großstädtische Aerzteschaft, die Theater, das Verlagswesen und vieles andere. Immer neue Enklaven sucht die erfinderische Zeit aufzutun: jüdischer Einfluß amerikanisiert das Kaufmannswesen (Warenhaus), merkantilisiert Zweige der Industrie (A. E. G. — Hapag) schafft die moderne Reklame (Mosse). In einem demnächst erscheinenden Werke „Die Juden im deutschen Wirtschafts- und Kulturleben” zeige ich die überragende Bedeutung dieses einen Prozent der deutschen Bevölkerung.

Nebenbei geht bis in die 80er Jahre eine beträchtliche Auswanderungsbewegung, die deutsche Juden in Frankreich, England und Amerika zu hoher Bedeutung bringt. Die Haute finance der ganzen Welt ist z. T. made in Germany. Die Rothschilds waren die Vorläufer, die Hirsch in Paris, Beit auf Speyer, Speyer-Ellisen, Löb, Kuhn, Warburg, Schiff, Strauß, Sachs, Guggenheim, Marschall in Wallstreet in New York haben u. a. das Aufblühen Amerikas, wie auch Sombart in seinem Werke „Die Juden und das Wirtschaftsleben” anerkennt, mit bewirkt. Jüdische Wissenschaftler und Künstler hat die ganze Welt aus Deutschland bezogen. Weit über die Grenzen des deutschen Landes hinaus, machten sich die Folgen der uneingeschränkten Fruchtbarkeit geltend.

[S. 47]

Das ist nun anders geworden.

Der Geburtenrückgang der deutschen Juden hat die Auswanderung immer mehr eingeschränkt. Segall hat die Auswanderung in der Zeitschrift f. Dem. u. Stat. d. J. Bd. 5, S. 58, und Bd. 8, S. 164 der letzten Jahre beziffert. Dr. Wlad. W. Kaplun-Kogan, der ein erster Kenner des jüdischen Wanderungsproblems ist, spricht von „Wanderungen, die wirkungslos sind unter den großen Gesichtspunkten. Daß im Laufe der letzten 34 Jahre 10000 Juden aus Deutschland nach Amerika eingewandert sind, hat auf die Lage der deutschen Judenheit und der deutschen Volkswirtschaft gar keinen wesentlichen Einfluß ausgeübt.”

Die Entwicklung der Judenheit im ganzen deutschen Reich kann erst von 1871 ab übersehen werden, da wir erst seit dieser Zeit eine Reichsstatistik besitzen.

Es betrug die Zahl der Juden in Deutschland:

187118801890190019051910
512153561612567884586833607802615021

Bei den deutschen Juden war die Zunahme also:

Inden70erJahrenca.50000
80er6000
90er20000
1900 bis 191030000

Jedem, der eine Statistik zu lesen vermag, fällt die geringe Zunahme in den 80er Jahren und die plötzliche Zunahme in den 90er Jahren und gar die noch stärkere von 1900 auf 1910 auf. Leider besitzen wir keine umfassende Ermittlung der jüdischen Einwanderung in ganz Deutschland, sondern nur einzelne Ziffern für die Gebiete Hamburg, Sachsen, Hessen, Berlin usw. Danach geht ganz klar hervor, daß die Einwanderung 1900-1910 bestimmt über 30000 Juden betrug, nach allen Berechnungen ca 40000-50000, so daß die Zunahme selbst unter Berücksichtigung der Abwanderung keine eigentliche Volksvermehrung bedeutet, sondern einem zufälligen äußeren Zuwachsgewinn[S. 48] aus dem Osten entspricht. Proportionell sinkt der Anteil der Juden erheblich. Wenn wir die Juden auf 1000 Deutsche berechnen, gab es ihrer (in 0/00):

1871188018901900190519101920
12512411510410095(92?)

Der Anteil der Juden ging somit unter der Gesamtbevölkerung in einem Menschenalter um 30% zurück. Der jüdische Einschlag wurde um über ein viertel zurückgedrängt (Judenfeinde müssen diese Ziffern mit Befriedigung lesen). Sombart und andere Wirtschaftspolitiker glaubten letzthin auch ein deutliches Zurückweichen und eine sinkende Einwirkung der Juden im Wirtschaftsleben angezeigt zu finden. Ihre prominierende Stellung in einzelnen Wirtschaftsformen: im Bankwesen, im Textilfach, im Produktenhandel hat nicht nur durch die Angleichung an das übrige Wirtschaftsgetriebe zu einer Erschütterung geführt. Sie haben nicht mehr die ausreichende Zahl von Individuen, um neuökonomische Existenzmöglichkeiten zu erschließen und die alten Positionen sich zu erhalten. So ergibt der relative Rückgang der Juden im Reich bedeutsame Perspektiven. Ein deutliches Bild gewinnen wir durch Eingehen auf die Entwicklung in den einzelnen Bundesstaaten.

In dem inzwischen abgetretenen Elsaß-Lothringen gab es Juden (detailliertere Ziffern gab ich in allen diesen Fragen in meiner ersten Auflage dieses Buches):

1881     39278 = 2,5 %
191130483 = 1,6 %

Damit verlor Elsaß-Lothringen 8995 = 29% seiner Juden.

Hessen hatte Juden:

185819051910
126302469924063

Es wurden Ausländer 1910 ermittelt in Offenbach 1131, Darmstadt 512, Mainz 360.[S. 49] Die (1905) ermittelten 1787 ausländischen Juden erfuhren bis 1910 eine Zunahme von 715, so daß ohne ihren Zuzug ein doppelt so großer Verlust eingetreten wäre. Die ausländischen Juden, die 1905 noch 7,2% der Judenheit bildeten, waren in 5 Jahren schon 10%. Dabei hat Hessen viele kleine Landgemeinden, deren Fruchtbarkeit wir noch berühren werden. Knöpfel schloß seine Betrachtung in den „Mitteilungen der gr. hess. Zentralstelle f. d. Landesstatistik”, Sondernr. 1910 mit den vorsichtigen Worten:

„Die jüdische Bevölkerung Hessens ist nicht wie die nichtjüdische im raschen Wachstum begriffen, liefert vielmehr das Bild der Stagnation. Ein Hauptzeichen besteht darin, dass sie kinderarm geworden sind.”

Das anschließende Baden, das 1890 noch 27278 Juden = 1,74% auf wies, hatte

1905     25893   Juden  =  1,29 %
1910     25896     =  1,21 %

Leider veröffentlicht Baden keine Ziffer über den Zuzug fremder Juden. Stärker ist die Abnahme in Württemberg, wo die Juden in konstantem Rückgang

1880     13331  = 0,67 %
und   1910     11982  = 0,49 %  zählten,

und in Mecklenburg-Schwerin mit

1880     2580  =  0,53 %  Juden
1910     1413  =  0,22 %  "

Selbst für dieses kleine Land weist Max Grünfeld nach, daß ausländische Juden sich niederlassen und die Abnahme der Juden aufhalten (Zeitschrift f. Stat. u. D. d. J. 8. J. Heft 1). Von den 12 Gemeinden, die bis 1850 noch über 100 Juden aufwiesen, blieben nur zwei übrig, die allerdings die Hälfte der Juden an sich rissen (Rostock und Bütow), dafür wuchs die Zahl der Zwerggemeinden mit weniger als 26 Juden von 3 (1860) auf 31.

Seit 1880 verloren die Juden in einzelnen Kleinstaaten z. T. bis über 100 Prozent.

[S. 50]

Es hatten Juden

18801910
Anhalt17521382
in %0,930,42
Sachsen-Meiningen16271137
in %0,860,41
Oldenburg16541525
in %0,470,32
Lippe1030780
in %0,930,45
Braunschweig18241757
in %0,390,36
Lübeck670626
in %0,690.54

Bayern hatte 1840 bereits 59168 Juden, von denen viele durch die bedrückenden Ausnahmegesetze zur Auswanderung verurteilt waren. Bis Anno 1870 hatte sich ihre Zahl auf 50000 gemindert. Bis in die 90er Jahre steigt ihre Ziffer. In der neuesten Zeit (etwa seit dem Jahre 1900) geht die Bevölkerung wie ehedem in der Zeit der großen Auswanderung wieder zurück.

Ihre Ziffer betrug:

1840185218711880190019051910
59168561685016253526549285534155065

Ich habe überall Erkundigung über die Wanderung der bayrischen Juden angestellt. Insbesondere die Münchener, Nürnberger, Fürther, Würzburger Juden, die knapp die Hälfte der bayrischen ausmachen, sind recht seßhaft. Allerdings besteht unter den Landjuden eine beträchtliche Abwanderung, die aber hauptsächlich in nahe liegende Städte führt. Die Zahl der Amerikafahrer ist jetzt im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten zusammengeschrumpft. Dagegen ist das emporblühende Bayern eine Wanderetappe der Ostjuden geworden. [S. 51]Frau Dr. Weiner-Odenheimer gibt in ihrem Buch „Die Berufe der Juden in Bayern” eine Auszählung der erwerbstätigen Juden in München, von denen unter 100 geboren waren (1907)

in Bayern 44
b)  im übrigen Deutschland  26,5
c)im Ausland29,5

Von der erwerbstätigen Bevölkerung im ganzen sind nur 5% im Ausland geboren gegenüber 29,5% bei den Juden! Die Tatsache der überragenden Einwanderung geht aus der Weinerschen Arbeit klar hervor. Sie gibt sich dann auch aus der eingehenden Statistik Bayerns zu erkennen. Es hatten Juden

 18951910
Oberbayern741111625+4214
Niederbayern240339+139
Mittelfranken    12291  14219  +  1928
Unterfranken1415711925-2232
Rheinpfalz104238998-1425
Schwaben42863462-826
Oberfranken35162946-560
Oberpfalz14511395-86

Die Zunahme betrifft also nur München, da es außerhalb dieser Stadt keine oberbayrischen Juden gibt und für Mittelfranken: Nürnberg. —

Während in Bayern das flache Land die umliegenden Städte mit reichlichem Nachwuchs versorgt und kleine Orte wiederum an die größeren Städte ihre Juden abgeben, ist Hamburg ohne bedeutendes jüdisches Hinterland. Schleswig-Holstein ist selbst judenarm, ebenso wie das Elbgebiet. Wir treffen Juden in Hamburg:

187118801890190019051910
137961602417877179451960219472
4,1 %3,5 %2,9 %2,3 %2,2 %1,9 %

Die Ziffern für 1905 und 1910 schließen 804 resp. 540 jüdische Auswanderer, die auf der „Veddel” (Hafen) lagen, ein. Diese müssen abgerechnet werden, so daß wir es mit 19000 Juden zu tun haben, von denen (1910) [S. 52](siehe die Zusammenstellung von Dora Weigert in der Zeitschr. f. St. u. D. 15. Jahrg.) 21,6% aus nichtdeutschen Ländern stammten (gegenüber 4,8% bei der übrigen Bevölkerung). Dora Weigert schreibt: „Es war selbst in den 80er Jahren zur Zeit der grauenhaften Judenbedrückungen von einer verstärkten russischen Einwanderung in Hamburg nichts zu merken. Der Staat hatte Maßnahmen getroffen, um die eintreffenden Flüchtlinge nach England und Amerika weiter zu befördern”. Trotz der neuesten starken ostjüdischen Einwanderung, trotz eines nicht unbeträchtlichen Zuzuges aus dem übrigen Deutschland erhält sich die jüdische Bevölkerung Hamburgs auf ihrer absoluten Höhe; im Verhältnis zum Wachstum der übrigen Bewohnerschaft ist sie aber um 100% zurückgegangen.

Aber ein Staat in Deutschland hat eine Entwicklung seines jüdischen Bevölkerungsmassivs erfahren: In Sachsen fand man Juden[10]

18711880189019001910
3357651893681241617587
0,1 %0,2 %0,3 %0,3 %0,4 %

Im Jahre 1900 wurden 5637 ausländische Juden und 1910: 10378 ermittelt. Ohne diesen Zuzug der Ostjuden gäbe es also auch keine eigene Zunahme. Wie die sächsischen jüdischen Gemeinden aussehen, erkennen wir aus Leipzig, das 1871: 731 Ostjuden und 1905: 4843 hatte, ferner Dresden (anno 1905) 1715 Ostjuden neben 1799 in Deutschland geborenen, von denen viele nur die Kinder der ersteren waren. Jetzt soll mehr als die Hälfte der sächsischen Juden auf die Einwanderung aus dem Osten zurückzuführen sein.

Die übrigen Kleinstaaten haben eine nur unbeträchtliche jüdische Bevölkerung (z. B. Reuß ä. L. mit 54 Juden (1900) und 44 (1910)). Nur Bremen, das um 1900 in seiner jüdischen Bevölkerung stagnierte, bekam neuerdings (1910) einen Zuwachs von 400 Köpfen, wohl ein Wanderungsgewinn, der sich ähnlich wie in[S. 53] anderen Städten hauptsächlich auf ausländische Einwanderung resp. sogar Durchwanderung zurückführen lassen dürfte.

Trotz der Zuwanderung von Ostjuden, die für die süddeutschen Staaten auf 10-20% der einheimischen Bevölkerung und mehr betragen, entstand eine deutliche Stagnation resp. ein auffallender Rückgang des jüdischen Anteils.

Die süddeutschen Staaten, die zusammen 1880: 160159 zählten, wiesen 1910 nur noch 147489 auf.

In den mitteldeutschen Kleinstaaten sind analoge Verhältnisse.

Die Juden der Hansastädte, deren allgemeine Bevölkerung sich seit 1880 durchschnittlich verdoppelte, konnten sich nur durch den Einwanderungsgewinn der Ostjuden minimal entwickeln.

Die Zunahme der Juden in Sachsen ist durch die russische und österreichische Immigration erfolgt.

Somit ist abgesehen von Preußen ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung eingetreten resp. der Zuwachs durch die ausländische Wanderungsbewegung bedingt.

DIE JUDEN IN PREUSSEN.

Vor hundert Jahren (1816) hatte Preussen 123938 = 11,9 0/00 Juden, die sich trotz des starken Abströmens und keiner nennenswerten Einwanderung bis 1861 verdoppelt hatten und 251145 = 13,6 0/00 ausmachten. Nach der Einverleibung von Schleswig und der 1866 annektierten Gebiete treffen wir 1867: 313156 Juden, die in 45 Jahren um ein schwaches Drittel zunahmen, d. h. um 100000 Seelen, von denen 50000 in 13 Jahren bis 1880 gewonnen wurden und in den darauffolgenden 30 Jahren wiederum 50000. Es gab ihrer

1871:    325426 = 13,2 0/00
1880:363790 = 13,3 0/00
1890:372059 = 12,4 0/00
1900:392372 = 11,4 0/00
1910:415867 = 10,7 0/00

[S. 54]

In  dem  Jahrzehnt  1871/80  betrug  die  Zunahme  38400
1881/908300
1891/190020300
1901/1023500

Nach einem Rückgang in den 80er Jahren erfolgt wieder eine stärkere Bevölkerungszunahme in den nächsten Jahrzehnten. Leider besitzen wir nur eine unvollkommene Erfassung der Einwanderung. 1880 ermittelte die amtliche Untersuchung 11390 und 1905 38844 nichtdeutsche Israeliten. Berlin hat folgende drei Auszählungen veranstaltet:

Berlin ermittelte für seinen Stadtbezirk

18905077  ausländische  Juden
1900    11651
190518316
1910fehlt!

Mit Charlottenburg und den übrigen Vororten dürfte Groß-Berlin bereits 1905 ca 23000 ausländische Juden beherbergt haben. Wenn nun Segall diese Einwanderung für eine vorübergehende Erscheinung nimmt, so entspricht das weder der ganzen Entwicklung, noch der Analogie in Sachsen etc., noch den inzwischen zur Geschichte gewordenen Tatsachen. Alle Kenner haben die Zunahme der Ostjuden bestätigt. Nachdem 1905 knapp 40000 ermittelt waren, werden es 1910 50-60000 gewesen sein, so daß der Zuwachs an preußischen Juden seit 1880 auf ihr Konto fällt; da von 1905 auf 1910 eine Zunahme von insgesamt nur 6366 jüdischen Seelen in Preußen gezählt wurde, ist dieser Ueberschuß wohl fraglos allein von dem Zuzug der Ostjuden getragen. Ohne den Andrang vom Ausland hätte die Volkszählung von 1910 auch für Preußen eine Abnahme an Juden ergeben.

Segall läßt die Ostjuden nur in dem Pogromjahre 1904 vorübergehend nach Berlin flüchten. Das ist unrichtig. Die Industriebezirke in Oberschlesien und Rheinland, die Grenzorte wie Königsberg, Großstädte und zwar Frankfurt, Hannover, Breslau etc., haben[S. 55] seit 20 Jahren ständigen ausländischen Zuzug bekommen. Ein Zuzug, der in der Million Ausländer, im Deutschen Reich (anno 1910) an sich nicht gewaltig ist, bei der mangelhaften Fruchtbarkeit der deutschen Juden doch für diese ins Gewicht fällt.[11]

Der Centralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gab eine Schrift „Die Juden im Heere” von Dr. W. Leiser heraus, in der die ausländischen Juden auf mindestens 70000 zu Beginn des Krieges geschätzt wurden. Nach den preußischen Ermittlungen, die 1880 10000 ausländische Juden in Preußen ergaben, können damals noch keine 20000 in Deutschland gewesen sein. Auch darnach ist der Zuwachs der deutschen Juden seit dem Jahre 1880 auf die Ostjüdische Einwanderung zurückzuführen.

Bereits W. Bambus hat in einem Artikel, der mir erst jetzt in die Hände fiel (Nr. 5 jüd. Presse von 1902), berechnet, daß die Volkszählung mehr Seelen ergab, als der Ueberschuß der Geborenen über die Ausscheidenden betrug. Und er spricht in dem Artikel, den er bezeichnungsweise „Warnende Zeichen” nannte:

„Eine ernste Prüfung dieser Frage, bei der es sich um Sein oder Nichtsein handelt, wäre wahrhaftig des Schweisses der Edlen wert und verdienstlicher als manche Geistesarbeit unserer Gelehrten, auf welche Zeit und Mühe ohne Nutzen für die Gesamtheit verschwendet wird. Caveant consules!”


[S. 56]

KAPITEL IV.



DAS WANDERUNGSPROBLEM.

„Es ist klar, dass in dem beständigen Wechsel, dem die Judenschaft ausgesetzt war, nicht die behaglich bodenständigen, sondern die rastlos nomadialen Elemente diejenigen waren, die sich am widerstandsfähigsten erhielten, und darum überlebten.”

Werner Sombart.

Die deutsche Judenheit saß vor einem Jahrhundert in einer Unzahl kleiner, aber in sich geschlossener Judengemeinden des Elsaß, in Unterfranken, im Schwabenländchen und am gesegneten Rhein. Wir trafen Judendörfer in den drei Hessen; sporadisch finden wir jüdische Siedelungen in Thüringen, Westfalen, im Hannoverschen und insbesondere im Badischen. Die Stärke dieser Gemeinschaften trat zurück gegen die Bedeutung der Kolonien in der Ostmark, aus der immer wieder neue Ströme von jüdischen Menschen hervorbrachen, und seit Jahrhunderten die westlichen Gemeinden mit frischen jüdischen Impulsen versahen. Berlin, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3000 Juden aufwies, maß sich mit Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte. Die Kleinstadt, in der die jüdische Bevölkerung dominierte, war für die Juden von dreierlei Bedeutung:

1. Sie bot eine gleichmäßige soziale Verteilung auf verschiedene Berufe.

[S. 57]

2. Die Nähe der Natur und das einfache Leben brachten hygienisch bessere Verhältnisse mit als das aufreibende Milieu der Großstadt.

3. Vom jüdischen Gesichtspunkt. Hier entfaltete sich ein ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war eine selbstverständlich rituelle. Taufen, Mischehen waren ebensolche Unmöglichkeiten, als sie in der Großstadt Selbstverständlichkeiten geworden sind.

Wie stark die Judenheit im Osten an kleinen Orten gewesen ist, läßt ein Vergleich beobachten. Es waren

in18171905
 Judeninsges.
Einw.
in %
d. B.
Judenin %
d. B.
1)  Fordon[12] 1290  1972  65,41816,5
2)  Kempen[13]24064588  52,473911,5
3)  Schwersenz10911974  55,52086,6
4)  Cchodziesen9061706  51,53004,7
5)  Zempelbg.11602304  50,739320,3
6)  Wreschen12102414  50,13866,6
7)  Märkisch Friedland    11512301  502009,4
8)  Hohensalza17843804  46,9      11575   
9)  Grätz14552983  48,82504,4
10)  Lissa36447934  46196??6,2
11)  Filehne12312788  44,2378
12)  Zülz10502433  43,380,3
13)  Kurnick7741809  42,81084,3

Erst die Ziffern des Jahres 1920 werden die volle Umgruppierung der Juden ergeben, wie sie das Beispiel des Ortes Zülz angibt. Auch ohne die Abtretung der Posenschen Provinzen an Polen wäre das ursprünglich unerschöpfliche Reservoir der deutschen Juden zum Versiegen gekommen. Noch im Jahre 1880 finden wir[S. 58] 100 000 Juden in den drei Ostprovinzen. 1910 gerade die Hälfte, sodaß ihr Anteil rasch verkümmert ist. Zwischen 1900 und 1910 verminderte sich z. B. die Judenheit in

Kempen  um  320   Juden
Lissa359 
Krotoschin  200 
Samter 50 

So rasch löste sich die preußische Ostjudenheit auf. Ihre ehemals gesunde gewerbliche Struktur beschreibt N. M. Gelber an den westpreußischen Städten des XVIII. Jahrhunderts: „Durchschnittlich finden wir in den (s. Zeitschr. f. St. d. J. 9. Jahrg. Nr. 4) genannten Ortschaften 3-10 Brauereipächter, 2-6 Krämer, 1-10 Schneider, 1-3 Fleischer, 1-15 Kürschner, 1-4 Glaser, Barbiere usw. Es scheint, daß das jüdische Proletariat sehr stark vertreten war.”

Die Posener Kammer erfaßte Gewerbetreibende im Jahre 1797

  jüdisch    christlich
Schneider923676
Schlosser238638
Schankwirte und Brenner  811048
Barbiere47163
Musikanten26126
Bäcker51607

Ebenso stark waren die Juden unter den Goldschmieden, Buchbindern, Posamentieren, Mützenmachern, Knopfmachern und in anderen Gewerben vertreten. Der Einfluß der körperlichen Arbeit, das Leben in der kleinen Stadt und auf dem Dorfe brachte sie in persönlichen Konnex mit der Mutter Erde. Sowohl im Osten wie auch in Süddeutschland besaßen viele dörfische Juden Land. Mit der Abwanderung vom Land geht proportional ein Absinken der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden vor sich. Die Verknüpfung der Juden mit dem Grund und Boden wurde gerade zu Beginn des XIX. Jahrhunderts stärker, als ihnen der Ankauf gesetzlich gestattet wurde. Häufig bestellten Handwerker und Händler, die mit Vieh, Pferden, Getreide[S. 59] und mit Waren einen Teil ihres Lebensunterhaltes sich erwarben, ihren Hof und ihr Feld und gewannen ihren Eigenbedarf, ihr Brot und die Kartoffeln, Milch und Eier sich selbst. —

Berechnungen haben ergeben, daß der deutsche Osten 1/4 Million Juden auswandern ließ, von denen wir ungefähr allein 100000 in Berlin wiederfinden. Die Politik Deutschlands ist oft ohne Verstand gemacht worden. Es wurde aber wenigstens Politik — wenn auch schlechte — gemacht. Die Judenpolitik fara da sé. Was kümmerte irgend einen Minister das jüdische Ostmarkenproblem. Mochte das gesunde Volksleben der Juden in der Ostmark ersterben, die deutschen Interessen dabei einen empfindlichen Schlag erleiden: Haß macht blind. — Für die Oeffentlichkeit und für die Gesamtheit der Juden selbst existierte keine jüdische Frage.

Vor vielen Jahren fand die Renegatin Fanny Lewald, die Vielgelesene, in ihrer Lebensgeschichte die beherzten Worte:

„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen, welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”

Trotzdem ergab die Zählung in der Provinz Posen

Juden    mit deutscher  polnischer Muttersprache
anno 190035011176
19053003670
19102644422

[S. 60]

Der Rückgang der Juden im Osten stellte somit einen Verlust für den deutschen Volksteil dar. Swart, einer der besten Kenner dieser Frage betont: „Die Juden haben in der Provinz Posen überall die deutsche Muttersprache und gehören kulturell und politisch zu den Deutschen ...” „Solange die Juden”, schrieb Leo Wegener, „einen großen Teil der städtischen Bevölkerung ausmachten, waren sie nicht nur in den Zweigen des Handels, sondern auch in denen des Handwerks zu finden und ließen kein polnisches Handwerk aufkommen”. Bernhard unterstrich die Bedeutung des jüdischen Elements für die Loyalität der Ostprovinzen und spricht den Auswanderern einen proletarischen Charakter zu, da sie meist ein Handwerk erlernt hätten. An einer anderen Stelle nennt Bernhard die in den letzten 20 Jahren emporgekommenen Organisationsformen der Polen, die Banken, Einkaufs-, Verkaufsgenossenschaften, Berufsvereine die Mittel, die ein polnisches Gemeinwesen schufen und zur Ertötung des deutschen und jüdischen Einflusses führten. Sogar die amtliche Denkschrift „20 Jahre deutsche Kulturarbeit” bringt den Rückgang des Deutschtums ausschliesslich mit der Abwanderung der Juden zusammen und in der im Auftrag des Vereins zur Sozialpolitik gefertigten Studie steht der vom Bürgermeister Zitzlaff von Marienwerder formulierte Satz: „Man kann über den nationalen Wert der Juden denken wie man will, jedenfalls ist die Abwanderung als Verlust auf deutscher Seite zu buchen.”

Ein jüdischer Autor (Kassel) führt die Ursache weiter aus: „Wurden die Juden heute verhöhnt, so wurden sie morgen abgestoßen. Bei dem Hin- und Herstoßen wurden die Juden jedoch wirr- und planlos, was sich durch den Mangel an jeder Organisation unter ihnen schließlich bis in die heutige Zeit hinein fühlbar machte. Hinzu kam, daß die Juden den christlich deutschen Kulturträgern eine billige Gelegenheit boten, den Aerger über das Mißglücken aller anti-polnischen[S. 61] Maßregeln an einem geduldigen Prügelknaben auszulassen ...” Lautete die Losung für die Ostjuden „Auswandern und Aussterben”,[14] so ist jetzt die Frage gelöst. Die letzten Reste der ostdeutschen Juden strömen im Jahre 1920 nach Berlin und von einigen Nachzüglern abgesehen, existieren im Osten nur noch Trümmer von kleinen Siedelungen. Mit der antisemitischen Politik hat Preußen die Juden zwar aus dem Osten vertrieben, selbst aber dazu beigetragen, das Polentum zu stärken und ihren Abfall begünstigt.[15]

Ebenso bedeutsam ist die Verstädtichung, die Ueberführung der Dorf- und Kleinstadtjuden in die Großstädte. Viele Ziffern illustrieren diese Umstellung. Es waren z. B. in Preußen in Orten mit weniger als 20000 Einwohnern Juden:

1895190019101920
16010614173611788180000??
in % d. Juden
42,236,128,418??

dagegen in Großstädten:

164110193204247518300000??
in %43,249,359,572,0??

Mindestens 3/4 der preußischen Juden dürften 1920 in den Großstädten leben, wahrscheinlich 50% allein in Berlin, das 1910 schon über 1/3 beherbergte.

Das Tempo, in dem sich dieser Umzug vollzieht, ist Expreßzugsgeschwindigkeit. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung bleibt die Masse der ländlichen Bevölkerung ungefähr konstant, die kleinen Orte vermehren sich, wenn auch der größte Teil der Volksvermehrung den Hauptstädten zugute [S. 62] kommt. Man kann aber nicht von einer Dezimierung des flachen Landes und der Kleinstadt sprechen. Bei den Juden entstand aber eine Auflösung der Dorfgemeinden und der Landstädte. Allein in der kurzen Frist von 5 Jahren änderte sich die Bevölkerungszahl der Juden in

1900    1905
(Westpreußen): Zempelburg     792393
(Posen): Schrimm593396
(Brandenburg): Landsberg568479

In Bayern waren in unmittelbaren, d. h. größeren Städten Juden

  1875    1900   1905    1920  
in % 31,6506070?

auf dem Lande

1840189519051920
51097    24065    15053    10000?
in % d. J.
86,241,827,218?

Durch das Abfluten der Dorfjuden sollte man meinen, würde sich die Zahl der Juden in den Städten vermehren; dem ist aber nicht so. Es gab zu Beginn unseres Jahrhunderts über 70 Städte in Preußen, die mehr als 500 Juden zählten. Von diesen verloren 1900-1910 an Juden:

1.  Hohensalza440
2.  Gnesen391
3.  Posen382
4.  Lissa359
5.  Stettin371
6.  Gleiwitz298
7.  Beuthen204
8.  Krotoschin ca.    200
9.  Ratibor187
10.  Oppeln161
11.  Altona182
12.  Glogau147
13.  Schneidemühl155
14.  Thorn161
15.  Rogasen150
16.  Breslau144
17.  Danzig170
18.  Bromberg170
19.  Liegnitz132
20.  Memel114
[S. 63]4518
21.  Frankfurt O.121
22.  Tilsit102
23.  Stolp98
24.  Ostrowo78
25.  Mülheim41
26.  Görlitz41
27.  Krefeld67
28.  Trier72
29.  Graudenz113
30.  Magdeburg82
31.  Kreuznach54
32.  Samter50
33.  Schönlanke50
34.  Halberstadt28
35.  Hanau20
36.  Hildesheim20
37.  Königshütte24
38.  Aachen17
39.  Bochum10
40.  Eschwege13
1101

Außerdem schieden aus der Reihe der Großgemeinden mit über 500 jüdischen Gemeindemitgliedern aus im Jahre 1905 resp. 1910: 41. Czarnikau, 42. Rawitsch, 43. Myslowitz, 44. Coblenz, 45. St. Johann, 46. Zempelburg, 47. Krotoschin, 48. Landsberg a. W. Ueber 500 Juden hatten neu 1900/10 nur vier Orte (also nur die Hälfte der Ausfallenden), Hagen, Zabrze, Marburg, Kattowitz. Insgesamt nahmen in ihrer absoluten Zahl ca. 24 Großgemeinden Preußens in ihrer Bevölkerung zu und in 48 — das ist die doppelte Zahl — ging die jüdische Einwohnerschaft zurück. Die Zersetzung der kleinen Gemeinden hier anzuführen, ist leider zur Zeit wegen Platzmangels unmöglich.

Es handelt sich um die Großgemeinden. Wir finden die niedergehenden jüdischen Großgemeinden in Städten mit über 100000 Einwohnern, wie Danzig, Stettin, Posen, Krefeld, Altona, sodann von bedeutenden Industriezentren Beuthen, Bochum, Königshütte, Magdeburg, Görlitz, Mülheim und Breslau, das Zentrum der schlesischen Juden. Insgesamt verloren in nur 10 Jahren allein 40 der judenreichsten Städte über 6000 ihrer Seelen.

Nun sollte man in den restlichen 24 Städten einen großen Zuwanderungsgewinn vermuten, der die Juden über ihr Verhältnis stärkte; das gerade Gegenteil ist richtig. Trotz des Zuzugs vom Lande, der Kleinstadt,[S. 64] der zu erwartenden eigenen Vermehrung und der ausländischen Einwanderung, ist auch hier ein relativer Rückgang der Juden in der Bevölkerung eingetreten.

Es waren Juden unter 100 der Bevölkerung in

1900        1910
1.  Frankfurt a. M.      7,66,3
2.  Köln2,62,4
3.  Königsberg2,11,9
4.  Wiesbaden3,52,5
5.  Kassel2,31,8
6.  Essen1,10,9
7.  Dortmund1,41,2
8.  Bonn1,71,4
9.  Münster0,80,7
10.  Duisburg0,90,7
11.  Gelsenkirchen2,20,7
12.  Bielefeld1,31,1
13.  Emden4,63,5
14.  Erfurt0,80,7
15.  Kattowitz7,16,9
16.  Hannover1,91,7
17.  Hagen
18.  Zabrze
19.  Marburg2,552,37
20.  Düsseldorf1,14[16]1,11

Bei einer Reihe von ihnen zeigt sich in 10 Jahren eine relative Abnahme der jüdischen Bevölkerung von 20-40%. Handelt es sich auch stellenweise um Orte, die durch Eingemeindung rasch anschwellen, die Tatsache bleibt dieselbe. Die kolossale Abnahme der Landbevölkerung hat zu keiner Vermehrung des jüdischen Anteils in den Städten geführt. Nur ein Ort in Preußen konnte sich von 1900 bis 1910 den gleichen prozentualen Stand der Juden wahren. Nämlich München-Gladbach 1900 und 1910 = 1,26 %.

[S. 65]

Eine relative Zunahme finden wir in zwei Orten, in Fulda und Elberfeld, und selbst bei diesen beiden Orten ist der prozentuale Zuwachs minimal.

Fulda1900:1910    4,0:4,25 %  der  Bevölkerung
Elberfeld      :  1,06  :  1,13 %

Wir haben bis jetzt der Entwicklung von Groß-Berlin noch nicht gedacht. Die verschiedenen Vororte von Berlin bilden bekanntlich mit der alten Hauptstadt längst ein organisches Ganze. Groß-Berlin insgesamt zählte[17] im Jahre 1900 4,35% Juden und 1910 nur noch 4,05% oder um ca. 7,5% weniger.

Die jüdischen Gemeinden in Deutschland haben sich somit relativ überall und selbst in den Großstädten und Industriecentren vermindert. Hier sank durchschnittlich der jüdische Anteil um 25%. In der Hälfte der Groß-Gemeinden trat auch eine absolute Abnahme der Bevölkerung ein, so daß ein Teil von ihnen zur baldigen Bedeutungslosigkeit verurteilt ist. Dieser Prozess ist keine auf Preußen beschränkte Erscheinung. Wir finden analoge Verhältnisse in den übrigen deutschen Staaten:

in Hessen: Mainz 3104 (1900)    2906 (1910)
im Elsaß: Mülhausen    24662287
in Braunschweig: Braunschweig:     861720

In Bayern hatten eine Abnahme

Fürth3017    auf    2826
Würzburg25672514
Kaiserslautern      741726
Landau874785
Regensburg571493
Speyer520478

Bamberg blieb seit 1880 stationär.

[S. 66]

Die Volksverschiebung und Konglomeration gibt die Entwicklung der einzelnen Provinzen wieder: Es hatten Juden

1880    1910
Ostpreußen1821813027
Westpreußen2654713954
Pommern138868862
Posen5660326512
Schlesien5268244985
Schleswig-Holst.      35223343
Sachsen67007833
Hannover1479015545
Westfalen1881021036
Hessen-Nassau4131651781
Rheinland4369457287
Berlin und Brandenburg      66245    151298

Die Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen, Schlesien und Schleswig verloren seit 1880 bis 1910 somit neben ihrem Geburtenüberschuß an ihrer absoluten Ziffer den dritten Teil (= 60000 Juden). Auf der anderen Seite hatten die übrigen Provinzen einen Gewinn von 113000, der sich in folgender Weise verteilte:

Berlin-Brandenburg gewann 85000 Juden,[18] die Rheinlande 14500, Hessen-Nassau über 10000, Westfalen 2000, Sachsen und Hannover je 1000.

Damit beteiligten sich an der Volksvermehrung der deutschen Juden Berlin mit 75 %, die Rheinlande mit 13 %, Westfalen, Sachsen und Hannover mit etwas über 3 %.

Wohnten von hundert preußischen Juden 1880 noch 46% im Osten, so waren es 1910 25,8 %. (Im Jahre[S. 67] 1817 wurden im damaligen Preußen 127345 Juden angetroffen, von denen 41 % = 52568 allein in Posen ansässig waren, gegenüber 6 % im Jahre 1910).

Die Zunahme betrug

in  1905 gegen 1900    1910 gegen 1905
Hessen Nassau   19111675
Rheinland31571879

Davon gewann Köln (in den Rheinlanden) 1900 auf 1905 allein 1300 Juden, Frankfurt in derselben Zeit 1500. Auch diese Provinzialstatistik zeigt, daß die Zunahme der Juden nur die bekannten Immigrationspunkte der Ostjuden berührt.

Von den 150000 Juden in Brandenburg und Berlin wohnten 144000 in Groß-Berlin, somit ebenso viele Juden in Berlin, als in folgenden Provinzen zusammen: nämlich in Posen, Westpreußen, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Schleswig-Holstein, Sachsen und Hannover. Eine Volkszählung um 1920 wird durch die erneute Umgruppierung und bei der Zunahme für Berlin hierfür ebensoviel Juden ergeben, wie für das übrige ganze Preußen. Nehmen wir die zehn größten Judengemeinden Preußens zu Berlin, so umfassen die paar Gemeinden über 2/3 aller Juden Preußens! —

Auch für die Bevölkerung existiert das Großstadtproblem. Gleichwohl verfügt Deutschland über eine bedeutende sich gleich bleibende Landbevölkerung, die ihren Geburtenüberschuß auf kleine und Großstädte verteilt. Immerhin nehmen im Reiche kleinere und größere Orte an Bevölkerung zu. Das jüdische Problem kann aber in ihren Tendenzen soziologisch in die Worte gekleidet werden, daß es sich um eine völlige Entvölkerung des Landes und um eine Volkswanderung in wenige Hauptstädte, insbesondere Berlin, handelt.

„Der nivellierende und teilweise abstumpfende Einfluss,” schreibt Paul Drey am Schlüsse seiner „Juden in Stadt und Land,” Berlin 1906, „städtischen Lebens macht sich aber in[S. 68] der ganzen Lebenshaltung auch in religiösen Anschauungen geltend. Mit den bewegenden Ideen der modernen Kultur und durch die Besserung der wirtschaftlichen Lage schwinden manche mitgebrachten religiösen Vorstellungen, vollzieht sich langsam eine Entfremdung gegenüber dem ererbten Bekenntnis.”

Auch kein orthodoxer Jude kann bestreiten, daß das großstädtische Wirtschaftsleben der stärkste Feind der Sabbathheiligung ist, daß die breiten Massen in ihrer jüdischen Lebensweise durch die Einflüsse der Großstädte einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt sind. Wir wollen die allgemeinen Nachteile und die Schädigungen für das Judentum sondern und auseinanderhalten. Die allgemeinen Großstadtprobleme sind in der medizinischen und nationalökonomischen Literatur häufig behandelt. O. Amon und Roese haben der Großstadtbevölkerung nachgesagt, daß sie rasch ausstirbt. Roese hat den Beweis an Dresden erbracht, Stubenluft, Alkoholismus, kalkarme Nahrung sind die Totengräber. Ich selbst konnte in meinem „sterilen Berlin” die gewaltige Ehe- bezw. Kinderlosigkeit und Kinderarmut der Großstadtbevölkerung in ihrer noch nicht abgeschlossenen Entwicklung darlegen. Woltman hat auf die Bedeutung der Reservekräfte hingewiesen, die in gesunder Lebensanschauung und Lebensführung auf dem Lande gelegen sind. Dade hat den minder physiologischen Wert der Berliner Bevölkerung aufgedeckt. Ferner sei an die Westergaardschen Spezialuntersuchungen erinnert. Nur großzügiges Erfassen kann diese volksgesundheitlichen Schädigungen feststellen und ihre Wurzeln bloßlegen (Gesetz von Ursache und Wirkung); denn die Völker verfaulen, wie Dode meint, ohne daß sie es merken.


Napoleone Colajanni hat in seinem Werke Latini e Anglosassoni gezeigt, daß der Verfall der Nationen begann, ehe er nach außen deutlich wurde. Dem moralischen Rückgang soll der geistige und wissenschaftliche folgen.

[S. 69]

Die Generation, die heute in den Städten wohnt, ist größtenteils noch auf dem Lande geboren, zum mindesten stammen die Eltern oder Großeltern vom Dorfe. Der Jude des platten Landes war ein Muster an Einfachheit. Sein Leben war ein natürliches, von keinerlei „Ueberkultur” beleckt. Tätigkeit und Aufenthalt brachten die Ausübung rein physischer Arbeit mit sich. Der einfache, religiöse, mäßige Jude stellte ein Kapitel „Volksgesundheit” dar.

Daß ihre ersten Nachkommen noch von deren zähen Lebenskraft zehren, erscheint selbstverständlich. Die Urwüchsigkeit kann sich aber erschöpfen. Die Geschichte gibt Beweise des Niederganges tüchtiger Rassen. An den Adelsgeschlechtern der ganzen Kulturwelt ist nachgewiesen, daß nur das Einströmen bislang Namenloser die Kaste vor dem Verfall bewahrt hat.

Die Schattenseiten der Großstädte gelangen bei der Mehrzahl der preußischen Juden vorerst noch nicht voll zur Erscheinung. Erst in der Descendenz der Zugewanderten machen sich die Einflüsse der großstädtischen Sitten und Verhältnisse frei geltend. Ist nun der Zug nach Berlin nur eine vorübergehende Erscheinung und ein durch Zufälligkeiten bedingtes Ereignis, das morgen einem plötzlichen Abbruch unterliegt? Es gehört ein großer Mangel an sozialem Verständnis dazu, diese organische, zu einem Orkan anwachsende Volksbewegung für eine Zufälligkeit zu halten. Diese Verschiebung in den Wohnsitzen der Juden in Deutschland bedingen hauptsächlich folgende Ursachen:

  1. Im jüdischen Volkscharakter liegt das Streben nach Geselligkeit. Wie ein Schmetterling, der um das Licht herumflattert, so sucht der Jude mit seinem sensitiven nervösen Charakter die Reize der Großstadt. Ihn locken die Stätten der materiellen und geistigen Genüsse. Der geistige und ökonomische Aufstieg der ersten Emigranten wirkt anreizend auf die zurückbleibenden.
  2. [S. 70]Seit Jahrtausenden hat der Jude eine Vorliebe für geistige Beschäftigung. Bei keinem anderen Volk wurde das Studium so kultiviert und hochgehalten. Die Universität, hohe Schulen, die Akademien ziehen die Schüler und ebenfalls die um ihr Fortkommen besorgten Familien an.
  3. Der Kaufmann findet das vielfältigste Betätigungsfeld in der Großstadt. Mit Recht führt der stellungslose Kaufmann dorthin, wo er überhaupt leichter (und als Jude besonders) Arbeit findet.
  4. Da der Jude seltener Grund und Boden besitzt, und, wo es der Fall ist, mit ihm nicht sehr lange verwoben ist, so löst er sich von seiner Heimat leichter wie der bodenständige deutsche Bauer[19]. Umsomehr als der Jude erst seit 100 Jahren Land erwerben durfte und gerade in dieser Zeit die ausländischen Agrar-Produkte die Arbeit der deutschen Landwirte unterboten. Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft sah wenig rosig aus. Selbst die Nachkommen der alt eingesessenen Bauern, die nichts anderes gesehen und gelernt hatten, wandten sich anderen Berufen zu. Und[S. 71] nur aus Sport oder Liebhaberei steckten einige Reiche neues Geld in Grund und Boden. Trotz der kolossalen Volksvermehrung Deutschlands nahm die Landwirtschaft nicht zu. Und auch vom goldenen Boden des Handwerkerstandes war kein Schimmer. Die, welche die Berufsumschichtung der Juden mit zu geringen Mitteln ohne staatliches Verständnis und Hilfe betrieben, erlitten Schiffbruch. Nicht nur aus seelischen Einstellungen mußte der Jude sein Fortkommen im aufblühenden Handel suchen. Es wäre daher ein Wunder, wenn die Berufsstellung der Juden sich anders eingestellt hätte, als wir sie historisch erfassen.
  5. In der Großstadt verschwindet der Jude. Der antisemitische Geist der Kleinstadt kann ihm hier nichts anhaben, im Gegenteil, in Berlin z. B. gilt sogar der Jude etwas. Eine Zurücksetzung im öffentlichen Leben, insbesondere in den großen kaufmännischen Organisationsformen, ist hier weniger zu spüren als in der Kleinstadt, in der der Jude immer um seine Anerkennung ringen muß. Eine Reihe von ähnlichen und prädisponierenden Momenten, die Herrschaft des demokratischen und sozialistischen Gedankens in der Großstadt gegenüber der konservativ-klerikalen Cliquenherrschaft, gegenüber den fühlbaren Einflüssen des Junkertums auf dem Lande und vieles andere lassen den Prozeß, der einmal in Fluß gekommen ist, nicht so rasch mehr zum Stillstand kommen. Wo so viele psychologische, ökonomische und soziale Einflüsse am Werk sind, versagen Ermahnungen und Appelle, sowie Beschwörungen. Wir müssen den zurückgebliebenen Teil in der Provinz mit einer Gesellschaft vergleichen, die sich in Liquidation befindet.

So lange Berlin nur einen Teil der Juden und zwar einen kleinen darstellte, hatte es schon eine über ihre[S. 72] Größe bedeutsame Beeinflussung auf die Entwicklung der deutschen Juden ausgeübt. Sobald es an Zahl die übrigen deutschen Juden überholt haben wird, werden die Vorgänge in Berlin umsomehr bewußt und unbewußt die kleinstädtischen Verhältnisse im Berliner Geist beeinflussen. Dieses Abfärben großstädtischen Geistes und großstädtischer Sitten läßt sich schon heute nachweisen.

Bei den bekannten Wechsel-Wirkungen zwischen Berlin und der Provinz, die bei den Juden besonders erstarkt sind, bleibt es nicht nur bei der Nachahmung der Mode, bei der Aufnahme großstädtischer Lektüre und bei dem Anschluß an die Organisationsformen, welche hier das Licht der Welt erblicken, sondern tausend Imponderabilien, die den äußeren Erscheinungsformen anhaften, werden mit übernommen und bestimmen auch das „dabei” der Kleinstadt und so wird der Provinzjude gewissermaßen nur noch ein Vorposten der Gemeinde Groß-Berlin. Wenn wir mit der Geschichte Berlins die Geschichte vorerst der Hälfte der preußischen Juden schreiben, so ist das nur mathematisch richtig.


[S. 73]

KAPITEL V.



DAS SEXUALPROBLEM.

Die vernunftmässige Ueberlegung erobert auch die Sexualsphäre. Die Zeit, wo die Rassen instinktmässig dahinlebten und neben der Stillung des Hungers keinen anderen intensiven Lebensgenuss als den ehelichen Verkehr kannten, ist vorbei.

Dr. Mensinga.

1. Die Ehelosigkeit.

Mit der Umwälzung, welche die Judenheit durch die Lösung ihrer religiösen Gebundenheit und durch Umstellung in Beruf und Wohnort erfahren hat, traten Sexualverhältnisse auf, die wir zusammenfassend folgendermaßen kennzeichnen können:

Von 100 Juden, heiraten 25 überhaupt nicht. Ein weiteres Viertel bleibt kinderlos, das dritte Viertel begnügt sich mit ein oder zwei Kindern und nur beim letzten Viertel treffen wir drei und bei einem kleinen Prozensatz mehr Geburten. Diese vorweggenommenen Resultate bedürfen der näheren Untersuchung. Wir werden zuerst die Frage der Ehelosigkeit berühren.

Die Ehelosigkeit ist aus verschiedenen Gründen bedingt. In den Wirtschaftsverhältnissen ist ein Teil der Hindernisse gelegen. Die Großstadt verfügt über tausende von jungen Beamten und kaufmännischen Angestellten die nach ihrem Stand sich zur Schicht des Mittelstandes rechnen, und ihrem Einkommen nach Proletarier sind.[S. 74] Während der Arbeiter frühzeitig eine Lebensgefährtin nimmt, die mit ihrem Verdienst — wo es nötig ist — die Einkünfte der Familie sicher stellt, hat der Jude den Uebergang in das moderne Wirtschaftsleben noch nicht vollkommen gefunden. Bei ihm soll die Frau nur im Heim ihre Fertigkeit entfalten und da der jüdische Kastengeist eine gewisse Stufe, resp. Höhe der Lebenshaltung zum ungeschriebenen Gesetz erhoben hat, ist es für den niederen Angestellten eine Schwierigkeit, mit einer produktiv kaum gewinnreich tätigen Frau und mit kostspieligem Nachwuchs das armselige Budget zu belasten. Wie jeder Soldat angeblich den Marschallstab im Tornister trägt, so glaubt mancher Kaufmann es noch zu einem kleinen Rothschild zu bringen. Es ist daher in den Kreisen der jüdischen Handlungsgehilfen Sitte, mit der Vermählung zu warten, bis der Herr Kommis sich aus dem kümmerlichen Lohnverhältnis herausgearbeitet hat und selbst Unternehmer geworden ist. Was vor wenigen Jahrzehnten verhältnismäßig einfach war, ist in dem Zeitalter der Konglomeration des Kapitals eine Schwierigkeit geworden. Und wenn der 30jährige noch immer auf die passende Gelegenheit lauert, so hat der 40jährige schon die Hoffnung aufgegeben, im Kampf ums Dasein den ökonomischen Aufstieg für sich günstig zu entscheiden. Er bleibt das, was ihm als eine vorübergehende Periode erschien, sein Lebtag ein Gehilfe. Zu spät hat er seinen Beruf erfahren und damit zum Teil verfehlt. Und die meisten können sich auch dann nicht in den Gedanken finden, Proletarier zu sein. Die echten Proletarier haben manches vor ihnen voraus. Der einfache Arbeiter baut sein Leben auf seine derzeitigen Existenzverhältnisse auf, der jüdische kommerzielle Angestellte rechnet mit Größen aus dem Reiche der Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit.

Der Arbeiter heiratet im Durchschnitt recht früh. Er erlangt schon Anfang der Zwanziger das Maximum seines Einkommens. Er vermietet seine[S. 75] Arbeitsleistung, seine Kraft, seine Arme an den Unternehmer und gewinnt damit durch rein physische Leistung den Lebensunterhalt. Also erreicht der Proletarier etwa mit der Volljährigkeit, in der Zeit der sexuellen Vollreife die wirtschaftliche Höhe seines Einkommens, die die Unterlage für Ehen seines Standes zu bilden pflegt.

Der jugendliche Handlungsangestellte und der Beamte bekommt nicht wie der Arbeiter den Lohn, den auch die älteren Berufsgenossen beziehen. Er vermietet zwar seine volle Arbeitsleistung, sein Hauptkapital das er besitzt, wird aber im jugendlichen Alter nur insoweit entlohnt, daß er knapp allein sein Leben fristen kann. Je länger er ausgebildet ist, Schulen besucht, Sprachen gelernt hat, das Ausland bereiste, in anderen Unternehmungen sich betätigte, Erfahrungen und Zeugnisse sammelte, desto größer wird die Chance seines Einkommens. Das schließt für diese Berufsangehörige den Verzicht in sich, frühzeitig viel zu verdienen. Seine ökonomischen Verhältnisse türmen der Familienbildung Widerstände entgegen, die sich im Laufe der Jahre verringern, insbesondere, wenn der niedere Angestellte eine gehobene Stellung erreicht oder den Traum seines Lebens, den Weg zum Unternehmertum, gefunden hat.

Der Unternehmer arbeitet nicht nur mit Kraft und Intelligenz, sondern besonders mit seinem Kapital. Das Kapital gibt ihm die Ware, die Unterlagen, Räume zu mieten, Kräfte einzustellen, Reklame zu treiben, Kunden anzulocken. Der Besitz des Kapitals gibt ihm Arbeitsmöglichkeiten. Der kapitalarme Unternehmer kann höchstens durch besondere Intelligenz, durch glücklichen Kredit (was dem eigenen Kapital nahekommt) den Kampf mit kapitalskräftigen Konkurrenten aufnehmen. Es ist klar ersichtlich, daß jeder Händler, jeder Inhaber eines Ladengeschäftes, jeder größere Agent das Geld nicht nur um des Geldes willen, sondern als Arbeitskraft, als Vorausbedingung[S. 76] braucht. Daher ist es erklärlich, daß der Jude als das nach Erfahrungen und Statistiken am meisten zur Selbständigkeit und Unternehmertum strebende Element im Tanze um das goldene Kalb sich verzehrt. Mit dem immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Kampfe rückt das Alter hinaus, in dem der Kaufmann sich eine selbständige Position errungen hat. Und da er hinwiederum erst dann auf eine Mitgift rechnen kann, wenn er schon selbst sich eine kleine Basis, eine Position geschaffen hat, ist sein Heiratsalter um so später. In den Kreisen aber, in denen die jungen Leute wissen, daß sie jahrelang nicht an eine Ehe denken können, wird der Anreiz immer stark sein, mit Surrogaten der Liebe vorlieb zu nehmen. Umsomehr als der jüdische Kaufmann auf den vielen Reisen, bei der leichten Lebensauffassung seines Standes, bei der großen Zahl der Mädchen, die ihn umgeben, die gleichfalls die Möglichkeit einer Ehe für nicht allzu groß erachten, Auswahl und Anreiz in Menge vor sich sieht. Deshalb ist die freie sexuelle Betätigung des jüdischen Kaufmannes und Studierenden eine ökonomisch besonders bedingte und bei aller Bewunderung, die wir denen zollen, welche sich in Aufrufen an das Verantwortlichkeitsgefühl der jungen Leute abmühen, ist es doch ausgeschlossen, daß dadurch der starke sexuelle Trieb unterdrückt wird. Die Frühehe der alten Juden mochte den Menschen Genüge tun. Sie verzichtete auf das törichte Verfangen, naturam expellere furca. Wo die jüdische Lehre aber in zu starkem Widerspruch mit den Voraussetzungen des Lebens geriet, erlitt auch sie eine Niederlage. Ein Beispiel mag es bezeugen: Verpönt war die Geldehe, (Eben Haezar 2, 1). Die gesetzestreuen Juden haben sich nicht daran gekehrt. Die alten jüdischen Weisen rechneten wenigstens mit der Gewalt des Geschlechtstriebes und gaben ihm Unterlagen. Die modernen Prediger in der Wüste vertrösten erwachsene Menschen.

Die Aussicht auf die Spätehe muß die Verseuchung [S. 77] der großstädtischen kaufmännischen Bevölkerung auslösen. Die Folge zahlreicher Infektionen ist aber wiederum ein Anschwellen impotenter Ehemänner und Dauerzölibatäre. Immer größer wird die Zahl der jüdischen Junggesellen. In der Großstadt ist die Heirat keine Lebensnotwendigkeit. Die Gründe für die Ehelosigkeit sind im Zunehmen begriffen. Niemand findet heute an dem Junggesellentum einen sittlichen Mangel. (Selbst unter den Rabbinern und orthodoxen Juden befinden sich ledige Juden.)

Für Hessen hat Ruppin bereits für 1905 die geringere Heiratsneigung der Juden nachgewiesen. (Zeitschr. f. St. der Juden, Band III.) Nach meiner Preisarbeit der Gesellsch. f. Rassenhygiene waren von hundert Berliner Juden verheiratet:

189519001910
männl. weibl.   männl. weibl.   männl. weibl. 
Bis 25 J. alt 2,021,43,321,5    18-20 J.0,110,0
3020,652,919,052,7    20-3012,035,4
3547,065,543,766,0    30-4057,969,6
4070,071,357,469,8    40-5077,770,2
4578,073,078,368,1    50-6081,556,8
5082,668,382,067,1
5583,762,768,654,6
6081,250,666,952,7

Danach waren bis zum dreißigsten Lebensjahr (1910) 12,4% der Männer verheiratet gegen 20,6% im Jahre 1895, vom 35.-40. etwas über die Hälfte. Die älteren Jahrgänge entstammen einer früheren Zeit, sodaß wir heute wohl mit geringeren Ziffern zu rechnen haben. Gleichwohl ergab sich, daß von 100 männlichen und weiblichen Juden in den Jahresklassen der 40- bis 50-jährigen 22,3% resp. 29,8% unverheiratet, (darunter über 20% ledige) eine Zahl, die nach dem Stand von 1920 auch ohne Berücksichtigung der schweren wirtschaftlichen Verhältnissen der neuen Zeit zugenommen hätte.

[S. 78]

Die Statistik zeigt, daß die Jahrgänge 25-40 der Berliner Juden durchschnittlich mit 1700 bis 1800 Personen besetzt waren (1910), während an jüdischen und nichtjüdischen Eheschließungen zwischen 1910 und 1913 ca. 1200 Eheleute jährlich beteiligt waren, von denen wir die Witwen und Geschiedenen abziehen. Es heirateten also vor dem Krieg keine 2/3 der jüdischen Berliner Bevölkerung. Bei der allgemeinen Berliner Bevölkerung gab es von den 40- bis 50jährigen nur 10,7% männliche und 14,7% weibliche ledige, gegenüber 22 und 27% bei den Juden. Wie wir aus der vorliegenden Statistik ersehen, betrifft bei den Juden ein großer Teil der geschlossenen Ehen, Spätehen. Von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren war nur ein Drittel verheiratet. Die Folge muß eine geringe Ziffer von Geburten sein. Auch ein Heiratsalter von über 45 Jahren von Seiten des Mannes kann unmöglich zur Erzeugung einer großen Zahl von Kindern führen: unbeachtet von der Frage, ob diese späte Eheschließung noch physisch und geistig gutgeartete Kinder zuläßt. Die Erschwerung der Eheschließung, welche durch den Krieg ausgelöst wurde, betrifft die jüdischen Kreise stärker wie die nichtjüdischen, weil die Juden viel rationeller alle Fragen des Familienlebens überdenken. Die Gründung eines eigenen Heims wird auf Jahre hinaus eine schwere ökonomische Frage für alle Heiratenden sein und während bei der nichtjüdischen Bevölkerung viel eher Einschränkungen vollzogen werden, hält der Jude an dem Auftreten, an dem Schein und Zeigen eines gewissen Wohlstandes fest. Jugendliche Idealisten scheinen den Weg der Jugend zu beeinflussen. Rücksichtslos wollen sie ihre Verbindungen anknüpfen, gegen den Stachel der Gesellschaft löcken und ein Heim, wenn auch auf wirtschaftlichem Nichts, begründen. Aber können sie zum Prototyp einer Zeit werden, in der alle Nöte, Teuerung und späte Selbständigkeit ihrer Klasse so sehr die Stunde regieren? Einen Gradmesser der sexuellen Nöte verraten allein schon [S. 79]die jüdischen unehelichen Geburten.

In Preußen wurden uneheliche Geburten bei Juden betroffen:

in %in %
d. jüd. Geburtend. Geburten
1821/30941,71891/952373,0
1831/401272,01896/002593,4
1841/501622,41901/052613,6
1861/652503,61906/103184,2
1881/90    2482,51910/14    3185,0

In Berlin allein waren uneheliche Geburten:

1875/81518
1882/91789
1892/01847
1902/11    1051

In den letzten Jahren vor dem Krieg bildeten die unehelichen Geburten 10 Prozent der ehelichen Geburten der Juden Berlins gegen 5% in den 70er Jahren.

Weder Entrüstung noch der Ausdruck irgend welcher sonstiger krasser moralischer Werturteile ist hier am Platze. Die in der Enge des jüdischen Familienlebens erzogene Jüdin, ihre an alten Beispielen verankerte Sittlichkeit und ihre im Kreise der Kleinstadt und der Ihrigen behütete und bewachte sexuelle Auffassung hat eine völlige Ummodelung in dem Augenblick erfahren, wo das junge Mädchen in das Erwerbsleben eintritt. Eine neue Umgebung läßt neue Anschauungen aufkommen. Die Emanzipation vom Elternhaus, die Möglichkeit sich selbst den Unterhalt zu verdienen, gibt ihr die Kraft sich von aller Konvention, von aller Abhängigkeit vom Hause freizumachen, ein eigenes modernes Leben zu führen und nicht nach dem zu fragen, was einst für gut und böse gehalten wurde. Die völlige Freiheit des jüdischen Mannes ist seit langem geduldet. Vor hundert Jahren war es auch darin anders und es ist keine Unwahrscheinlichkeit, daß sich auch die Frau dasselbe laisser-faire, laisser-passer erringen wird. Ob wir es wünschen oder nicht — ist dabei gleichgültig. Der Einfluß der Civilisation, die Neuzeit[S. 80] mit ihrer breit ausladenden Sinnlichkeit, das Großstadtmilieu, die Einwirkungen des Kapitalismus, die unglückliche Verteilung der wirtschaftlichen Güter und die ungerechte Bezahlung der Arbeitsleistungen der einzelnen Stände und der Geschlechter u. a. bringen Einflüsse mit sich, welche eine Umwälzung in der Psyche des Weibes vornehmen. Die Ausschließung lebensfreudiger Elemente von der Ehe muß eine natürliche Reaktion sinnlicher Individuen hervorrufen und die Prediger der Enthaltsamkeit warnen so lange vergebens, als der natürlichen Regung des Weibes, ihrem unbewußten Sehnen, ihrem selbstverständlichen Trieb das eigentliche Objekt: Ehe und Mutterschaft entzogen wird. Mit dem Steigen der Ehelosigkeit der Jüdinnen nimmt die Zahl der unehelichen Geburten zu, soweit sie die Geburtenpraevention nicht verhütet, was in noch stärkerem Maße der Fall ist. Trotz allem ist ihre Ziffer nicht groß genug, um von Bedeutung für die Erhaltung der Judenheit zu sein. Die 300 unehelichen Kinder in Preußen sind eigentlich lächerlich wenig an und für sich, nur das Sinken der allgemeinen Geburtenziffern und die frühere relative Seltenheit unehelicher Kinder bei den Juden überhaupt lassen sie zu einer soziologischen Bedeutung werden. Moralstatistisch ist sie hochbedeutsam; Bevölkerungstechnisch ist ihr Wert zu übersehen.

Es ist sicher, daß die Ziffer der unehelichen Geburten absolut keinen erschöpfenden Ueberblick über das sexuelle Leben der unehelichen Jüdinnen gibt. Die Jüdin der Großstadt, insbesondere das Mädchen von Berlin W, das den Weg zur Ehe nicht findet, hat keine große Vorliebe für außereheliche Mutterfreuden, die sie zu hintertreiben weiß. Wer aber dem berühmten Schrei nach dem Kinde Leben verleiht, den überläßt die Oeffentlichkeit der Aechtung. Aber alle Schuld rächt sich auf Erden. Die Entwicklung, die heute nur ein Fünftel der jüdischen Mädchen in dem angemessenen Alter zum Altar führt und die Aussicht für eine Heirat überhaupt immer unsicherer gestaltet, modelt die[S. 81] berühmte altjüdische Sittlichkeit des Weibes um, nachdem die des Mannes längst zum Teufel ging. Ist es Schicksalswende der Juden oder Entwicklung des Sexualismus: Liebe, Ehe, Sexualbefriedigung finden ihre Umwälzung und der Prozeß, der sich anbahnt, ist noch lange nicht zum Abschluß gekommen. Eine weibliche Jugend mit eigenen starken Impulsen wächst heran, die ihr Leben sich selbst einrichten will, ohne Rücksicht auf die Philistermoral. Und mit einer Energie, die der Sexualtrieb verstärkt und die logische Ueberlegung stützt, nimmt sich die Jüdin ihr Recht auf das Leben, das nun einmal der Güter höchstes ist, das Recht auf ihr eigenes Leben.


[S. 82]

KAPITEL VI.



DIE EHESCHLIESSUNG.

Die alte Ehe war der beste Hort des Konfliktes zwischen der individuellen und generativen Leistung. Eine neue Ehe muss die glückliche Harmonie bringen, die beide Geschlechter als Eltern und Menschen zur vollen Entfaltung bringt. Dann wird jede neue Generation das biologische und traditionelle Erbgut reicher an die Zukunft weiter geben.

M. Vaerting.

Alle Untersuchungen ergeben, daß der Bevölkerungsaufbau der Juden eine 10-20% stärkere Besetzung ihrer Bevölkerung im heiratsfähigen Alter aufweist. Das hat seine Ursache in der herabgeminderten Säuglings- und Kindersterblichkeit. Wir besitzen Untersuchungen von Großstädten (Berlin, München, Leipzig), ferner eine Auszählung von Hessen, die uns die falsche Auffassung zurückweisen läßt, als ob eine große Auswanderung die Zahl der Heiratsfähigen geschwächt hätte. Trotzdem ergibt sich, daß auch mit den Elementen, welche eine Mischehe eingehen, die Zahl der Eheschließungen um durchschnittlich 20-50% geringer ist, als bei den Nichtjuden. Die Ursachen, die in den vorigen Kapiteln bereits angedeutet wurden, führen zu folgenden Erscheinungen:

  1. Die Eheschließung der Juden nimmt immer mehr ab. Dieser Rückgang dauert ständig an.
  2. Die eheschließenden Juden sind durchschnittlich höheren Alters als die Nichtjuden, insbesonders[S. 83] auch im Vergleich zum Heiratsalter ihrer eigenen Großeltern. Besonders wird das Heiratsalter der Jüdinnen immer mehr hinausgeschoben.
  3. Für die Forterhaltung des Judentums spielen fast nur die jüdischen Ehen eine Rolle. Die Zahl der außerehelichen Mütter ist numerisch fast belanglos. Aus den Mischehen werden ziffernmäßig nur wenige Kinder dem Judentum zugeführt.

Spät geschlossene Ehen sind weniger fruchtbar, als jung eingegangene Ehen. Zwischen dem Alter der Eheschließenden und der Kinderzahl besteht ein natürliches Verhältnis. Das urwüchsige sexuelle Bedürfnis wird im fortgeschrittenen Alter eher allen Hemmungen, Ueberlegungen und Vernunftsgründen unterworfen. Die Impotenz ist eine Begleiterscheinung des höheren Alters, insbesondere wenn Jahre und Jahrzehnte vorehelichen Sexuallebens vorausgegangen sind.

Liebe ist in jüdischen Kreisen ein Faktor, der stark von äußeren Einwirkungen beeinflußt ist. Damit ist noch nicht gesagt, als ob wir nicht ähnliche Einstellung auch bei gewissen Bevölkerungsschichten des deutschen Volkes beobachten würden. Der Adlige legt sich gleichfalls Beschränkungen in der Auswahl der Zukünftigen auf. Der mit dem Kapital arbeitende Christ übersieht ebenso immer mehr den Nutzen, den ihm eine materiell gut fundierte Heirat einbringt. Ein Sprichwort sagt, daß der Jude bei der Eheschließung nicht nur an die Kinder, sondern schon an die Enkel denke und dieses Verantwortlichkeitsgefühl ist wohl löblich, hat aber für die Erhaltung der Art Nachteile. Die große nichtjüdische Masse pflegt noch heute eine Eheschließung viel unbekümmerter um die Fragen der Zukunft einzugehen. Sie ist weniger berechnend, weniger überlegend, weniger besorgt. Dazu kommt noch die Belastung, welche dem jüdischen Mittelstand dadurch erwächst, daß die verheiratete Jüdin nicht im Erwerbsleben stehen soll, daß sie oft verwöhnt ist und in der Ehe eine Verbesserung ihrer Stellung und ihrer Bedürfnisse [S. 84] sucht. Die frühere allgemeine Verehelichung der Töchter stellte ihre Versorgung dar. Das Einkommen des Heiratskandidaten spielte naturgemäß eine ausschlaggebende Rolle über Schönheit und Gestalt. Wenn heute die Liebe, d. h. das erotisch-psychische Empfinden bei der Eheschließung der Jüdin mitwirkt, so kann dieses Gefühl doch nicht bei der Gebundenheit der Ehemöglichkeit an Geld und Einkommen über alle traditionelle Gedankengänge und reale Ueberlegungen sich hinwegsetzen. Vielmehr wirken auch diese Faktoren mehr oder weniger stark mit ein. Die Jüdin von heute möchte einen Mann, den sie liebt und eine wirtschaftliche Sicherstellung ihrer Person. Man kann ihr beides nicht verübeln. Große nichtjüdische Massen folgen dagegen stärker ihren erotischen Trieben und heiraten ohne Rücksichten auf die ökonomischen Voraussetzungen und Folgen. (Im christlichen Mittelstand hat sich die Rationalisierung zusehends und die Angleichung an die Verhältnisse bei den Juden vollzogen).

Wir haben schon betont, daß der Arbeiter, der Lohnempfänger und der Bauer frühzeitig die volle Höhe seines Einkommens, das ihm die Arbeit seiner Hände einbringt, erreicht. Der Jude, der zumeist Träger des Kapitalismus ist, oder es werden will, unterwirft sein Liebesleben diesem Idol. Er ist Herr und Sklave des goldenen Kalbes. Die Bewegungsfreiheit ist auf diesem Altar geopfert und der Einzelne machtlos gegen die überwältigenden Einflüsse dieses Götzen. Wenn er die Schranken des Wirtschaftsgesetzes durchbrechen will, in dessen Schatten er steht, so wird er nur persönliche Nachteile erfahren, die sein aufopferndes Beispiel nicht als begehrenswertes Vorgehen vielen Jüngeren erscheinen lassen wird ...


Bedeutsam sind inbesonders diese und weitere Punkte, die wir kurz andeuten wollen:

  1. Der deutsche Jude ist durchschnittlich bereits seit 15 Jahren geschlechtsreif und seit 10 Jahren[S. 85] geschlechtlich tätig, ehe er in die Ehe tritt. Durch sein Vorleben sind seine erotischen Instinkte ihrer Ursprünglichkeit beraubt, so daß uns die Erschütterung der inneren Gebundenheit vieler jüdischen Ehen nicht überraschen kann.
  2. Dem späten Eheschluß gehen venerische Krankheiten in erhöhtem Maße voraus, die proportional mit der Länge der Wartezeit ansetzbar sind. Aus ihr entspringt ein entsprechender Prozentsatz von Infektionen der Ehefrauen und eine Verseuchung des Nachwuchses.
  3. Je größer der Altersunterschied zwischen den Eltern und Kindern ist, desto stärker klafft die Weltanschauung zwischen ihnen. Jede Generation spricht eine andere Sprache, die das gegenseitige Verständnis zum mindesten erschwert und die die über das Maß der blutsverwandtschaftlichen Beziehungen hinausgehende Freundschaft zwischen beiden Teilen verkürzt. Jede Erweiterung des Altersabstandes erweitert die psychische Kluft.
        Die häusliche Erziehung der Kinder wird durch die Erschwerung des Wirtschaftslebens in der Großstadt auf eine neue Basis gestellt. Die Einwirkung der Eltern im jüdischen Sinne, wie sie in der Kleinstadt Usus war, erfährt in der Großstadt eine Minderung. Selbst in Kreisen, die der Religion großes Interesse entgegenbringen. Dadurch entsteht eine geistige Entjudaisierung, über welche sich insbesondere die Lehrer entsetzen und über die allgemein geklagt wird, die aber selbstverständlich ist. Ob den altjüdischen Einfluß des Elternhauses jüdische Schulen und eigene Schulgemeinden ganz ersetzen, ob bei der Abnahme der Geschlossenheit der Ehe und dem Rückgang des Konnexes zwischen den Generationen, insbesondere im großstädtischen Milieu,[S. 86] die neuen Edukationsformen den alten Geist übermitteln können, ist recht fraglich.

Die Entwicklung der Eheschließungen verraten uns einige Ziffern.

Es fand statt eine Eheschließung von Juden



im Durchschnitte der Jahrein PreußenBayernDeutschland

1875-842517362
1885-942577360
1895-003131384
1901-0525343908
1906-0926723978
191026673673880
19112581390
19122546372
191324823893883

In Deutschland betrug die Zahl der Eheschließungen 1901-1909 durchschnittlich bei der allgemeinen Bevölkerung 8,0 % bei der jüdischen Bevölkerung 7,2 %.

In Berlin in den 10 Jahren vor dem Krieg (incl. Mischehen) trotz Konstanz der heiratsfähigen Bevölkerung:

1904    1504          1909    1433
1905    1533          1910    1429
1906    1524          1911    1438
1907    1562          1912    1356
1908    1451          1913    1251

[S. 87]

KAPITEL VII.



DIE GEBURTEN BEI DEN JUDEN.

Die Entwicklung geht dahin, die Zeugung von der Befriedigung des Geschlechtstriebes zu trennen.

Forel.

Das Konstante ist nicht der Fortpflanzungstrieb, sondern der Begattungstrieb.

Pothoff.

Vom Jahre 1875 bis zum Jahre 1914 hat die jüdische Bevölkerung in Preußen um 75000 und damit um ca. ein Fünftel zugenommen (1910). Die Zahl ihrer Geburten hat sich dagegen von über 11000 auf unter 6000 vermindert und ist absolut um fast 100%, relativ um fast 360% gesunken.

Es war



im Jahr durchschnittlichdie Zahl d. Judender Geburtenin Proz.

1820-30153688551237,0
1831-40174000621235,5
1841-50214000744635,1
1851-60234000793335,0
1861-66262000847333,4
1875-8035000011151 31,0
1881-90366000965027,1
1891-1900380000825021,4
1901-05400000699517,5
1906-10412000679016,5[S. 88]
1911 635015,3 
1912 625015,0 
1913? 416000610014,75
1914 580014,0 
1915 480011,4 
19163500 8,3 
1917? 4200002900 7,1 

diese Ziffer umschließt

  1. die eh. jüd. Geborenen
  2. die unehelichen
  3. 25% der Kinder aus Mischehen.

Die deutschen Juden halten den Weltgeburtenrekord nach unten. Frankreich, das in der Wissenschaft als das kinderärmste Volk gilt, hatte 1905-1910 noch 19-21 0/00 (gegen 16,5 der preußischen Juden). Für Frankreich ist längst erwiesen, daß bei dieser Ziffer eine Volksvermehrung aufhört. Die jüdische Sterblichkeit war allerdings niedriger als die französische, dagegen war die Geburtenziffer ebenso viel geringer, ohne daß die Taufen und Austritte dabei berücksichtigt sind. Wenn man trotzdem noch an eine Bevölkerungszunahme der Juden „glaubt”, so gehört diese Anschauung in den Kreis der Vorstellungen, die jenseits der Wissenschaft stehen.

Die jüdischen Eheschließungen in Preußen schwankten (siehe voriges Kapitel) zwischen 2500 (Mitte der 70er Jahre) bis 3000 (Anfang des Jahrhunderts), und stellten sich allmählich wieder auf 2500 (1912/13) ein. Dementsprechend müßten wir logischerweise erwarten, daß die Geburten, die in der Mitte der siebziger Jahre über 11000 betrugen, sich bis zum Ende des Jahrhunderts gleichfalls um 1/5 vermehren würden (also auf 13200), um dann wieder auf 11000 zu fallen.

[S. 89]

Einen deutlichen Einblick in den Rückgang der Geburten bekommen wir bei einer Gegenüberstellung der Geburten und der Eheschließungen. Der Redakteur der Zeitschrift für Stat. u. Dem. d. Juden, Segall, spricht zwar „Theilhabers Ergebnisse beruhen auf dieser Berechnungsweise, die sich bei näherer Betrachtung als durchaus unzuverlässig darstellt und von der Wissenschaft jetzt vollständig abgelehnt ist”.

Die Zeitschrift für die Statistik und Demographie der Juden benutzte selbst diese „unzuverlässige” Methode und brachte im Heft 8, Jahrgang 1905 eine Untersuchung, wonach in Bayern auf eine jüd. Eheschließung Geburten trafen:

1876/804,75
1881/854,15
1886/903,5
1891/953,0
1896/1900    2,5
1901/052,25[20]
1906/102,15
1912/131,9

Es wurden nämlich in Bayern ermittelt:

jüd. Eheschließungen    jüd. Geburten
1891/95     3641093
1896/00392 977
1901/05427 934
1906/10388 873
1913/14384 738

Auf eine Eheschließung von Juden kamen jüdische Geburten dementsprechend in Preußen:

1820/305,2
1841/505,0
1875/844,3
1885/903,5
1895/1900    2,8
1901/052,7
1906/082,4
1910/142,15

Rost hat in der „Sozialen Kultur” (August 1912) ganz richtig berechnet, daß 1876/80 auf 1000 Eheschließungen 4640 Geburten und 1910 auf 1000 Eheschließungen nur noch 2160 Geburten kamen.

[S. 90]

Man muß nicht jahrelang Statistiken geschrieben haben, um zu begreifen, daß wenn in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrh. 5,2 Geburten auf eine jüdische Eheschließung kamen und von 1910-13 nur 2,15 — durch diese Gegenüberstellung ein anschauliches Bild gewonnen ist. Um das Werk nicht zu sehr auszuspinnen, verzichte ich auf die Wiedergabe aller einzelnen Zahlen, die ohnedies das Unglück der jüdischen Statistiker geworden sind, weil diese vor lauter Ziffern die Dinge selbst nicht mehr zu entziffern verstehen.

Es wurden in Preußen gezählt:

jüdischeGeburten
      Eheschließungen            (aus jüd. Ehen)      
1910: 26671911: 5737
1911: 25811912: 5541
1912: 25461913: 5497
1913: 24821914: 5279

Wir waren also auch vor und ohne den Krieg beim Zweikindersystem angelangt und jedes Bestreiten dieser Tatsache beweist nur den Mangel statistischen Wissens und loyalen Denkens.

Einen Ueberblick über die Entwicklung der Fruchtbarkeit in Stadt und Land gibt die bayrische Statistik. Danach gab es Geburten:



annoin den größ. Städtenim übrigen Landzusammen

18795849731557
1881-855638921455
1886-915007221222
1891-954885951083
1897-00496470  966
1901-05473460  933
1906-10460374  834
1912-13444294  738
(1917 216118    334)

[S. 91]

Seit dem Jahre 1879 haben sich die Juden in den bayrischen Städten mehr als verdoppelt. Ihre Eheschließungsziffer ist entsprechend größer geworden. Trotzdem hat ihre Geburtenzahl keineswegs zugenommen, sondern sich sogar absolut um 20% vermindert. Aber auch auf dem Lande ist die Fruchtbarkeit, mehr als ihrer Eheziffer entsprach, zurückgegangen und der Ausgleich fehlt, welcher der nichtjüdischen Bevölkerung der Großstädte durch das flache Land erwächst. Im Jahre 1905 war die spezifische Geburtenhäufigkeit der Kleinstadt- und Dorfjuden zwar um ca. 33% größer als die der Städte, gleichwohl um 100% geringer, als die der Christen. Wir sehen ferner aus dem raschen Rückgange der Fruchtbarkeit in den Kleinstädten und auf dem Lande: der minimale Nachwuchs des Landes kommt fast garnicht mehr in Betracht und kann so keine Kompensation der gesunkenen städtischen Fertilität herbeiführen. Mit den jungen Landjuden, die in die Städte „strömen”, wird es bald aus sein.

Ich habe eigene Untersuchungen in den Dörfern Unterfrankens angestellt, die von Großstädten weit ab liegen und deren Juden den Boden bebauen und auch hier eine überaus starke Reduktion der Kinderzahl nachweisen können. Statistischen Institutionen der Juden ist es ein leichtes, sich durch Enquêten eine Uebersicht zu verschaffen und es erscheint mir mindestens ebenso wichtig, dieser Frage nachzugehen, als der endlos beackerten Frage der jüdischen Berufstätigkeit Arbeiten folgen zu lassen. Trotzdem sind in den letzten 10 Jahren auf dem Gebiet der jüdischen Bevölkerungspolitik, abgesehen von meinen Untersuchungen, nur kleine Zeitschriftenabhandlungen erschienen, die meist in abgeschwächter Form meine Ergebnisse wieder brachten, zumeist allerdings ohne meine eingehenderen Arbeiten zu berühren.

Um Lesern, die mit der Statistik nicht zu sehr vertraut sind, die Dinge zu erleichtern, kann man diese Ziffern auch in folgender Aufmachung verständlich zeigen.

[S. 92]

Es wurden Jüdinnen gezählt in Preußen:



zusammen
a) als Heiratende in jüd. Ehenb) als Gebärende in jüd. Ehenals Heiratende in Mischehenals Gebärende in MischehenHeiratende überhauptehelich Gebärende überhaupt

19102667586431637129836235
19112581583530137528826216
19122546577933435428866133
19132482549732735528195852

Nach solchen Ziffern muß man sich fragen, was für eine Ausrede können noch die Schönfärber erfinden, um die klare Lage der Dinge zu verleugnen und zu verwischen?

Das Bild wäre noch eindeutiger, wenn nicht die Einwanderung fortpflanzungsfreudiger Ostjuden die völlige Auflösung verhinderten. Segall selbst hat für München vom Jahre 1894 bis 1905 nachgewiesen, daß 70% der Kinder von auswärts beheimateten Eltern stammten und er selbst schloß auf einen höheren Anteil der Ausländer! Das Rabbinat und die Aufzeichnungen des Münchener Mohels haben mir auch eine ungebührlich hohe Nachwuchsziffer von ausländischen Müttern angegeben.

Für Groß-Berlin entnehme ich der Zeitschr. f. Statistik d. J. (10. Jahrg. Heft 9/10) einer Zahlenkompilation Segalls eine brauchbare Ziffer. Danach waren 6-15 Jahre alte jüdische Kinder:



in  davon Ausländer    in %  

Berlin11645271823,3
Charlottenbg.  2463  34215,9
Schöneberg1248  19515,6
Wilmersdorf1185  20517,3
Neukölln321    8125,2
Lichtenberg180    5832,2

insgesamt  16040364922,8

[S. 93]

Dagegen waren prozentual im Ausland gebürtig unter 100 Juden

in  Berlin17,2
Charlottenburg    13,3
Schöneberg10,8
Wilmersdorf13,2
Neukölln19,4
Lichtenberg20,0

Damit ist ihre stärkere Beteiligung an der jüdischen Volksvermehrung, die von Segall bestritten wurde, von Segall selbst erwiesen. Die Zahl der 0-6jährigen Kinder war bestimmt eine bei den Ausländern verhältnismäßig noch größere, da ihre Einwanderung — wie wir sahen — erst im Anfang dieses Jahrhunderts stark eingesetzt hat, kann ihr Nachwuchs erst allmählich in die Erscheinung treten. Die 6-15jährigen müssen daher beträchtlich weniger als die 0-6jährigen sein.

Ich habe in der bereits citierten Arbeit über die Berliner Juden des weiteren nachgewiesen, daß die Eltern, welche ein drittes, viertes, fünftes und sechstes Kind bekamen, in immer stärkerem Maßstabe Ausländer waren. So daß letzten Endes die Familien mit sehr großer Kinderzahl in 50% ausländischen Juden angehören. Die Juden aus dem Ausland sind somit 1) überhaupt ehefreudiger 2) gehen weniger Mischehen ein und 3) beschränken sie ihre Kinderzahl nicht so stark. Ohne diese Einwanderung wäre die Kinderziffer der deutschen Juden nicht einmal zwei pro Ehe. Ohne die Einwanderung wäre die Frage keine Frage mehr.

Bei dem Geburtenproblem operiert Jacob Segall immer mit den ausgewanderten deutschen Juden, das heißt eine klare Sache verwirren wollen. Wir kennen die Ziffer der Eheschließungen und kennen die Geburtenziffern. Wenn keine Auswanderung erfolgt wäre, wäre die Zahl der Eheschließungen und die Zahl der Kinder etwas größer; aber ihre Relation bliebe die gleiche. D. h. mit anderen Worten, die Auswanderung hat das[S. 94] Zweikindersystem der deutschen Juden nicht verursacht oder begünstigt. Für mich ist eine derartige Deduktion wissenschaftlicher Unsinn!

Bei der Bedeutung Berlins mag die Anführung ihrer Statistik gestattet sein. Es gab in Berlin allein

Jüd. Geburten    in Promille    Juden insgesamt
1871-75114127,540000
1876-80145526,050000
1880-90155022,065000
1891-1900177518,086000
1901-05157016,795000
1906-10150015,095000
1911-14125013,692000
(1917  640)

Leider gibt es keine Zusammenstellung der Geburten in Groß-Berlin. Im eigentlichen Berlin wohnt die ärmere jüdische und ausländische Bevölkerung, während die zweite Generation, die wohlhabender geworden ist, nach dem Westen verzieht. Einzelne Detailziffern ergeben für die westlichen Vororte Geburtenziffern unter 10 0/00.

Eine reichliche Literatur hat sich bemüht, das Problem des Geburtenrückgangs zu erklären. Es ist unmöglich, die Ursachen des Geburtenrückgangs mit einer Formel zu erfassen. Eine Reihe von Komponenten wirken am Werke. Mühen der Schwangerschaft, Gefahren der Entbindung spielen im Unterbewußtsein der Frauen eine Rolle. Liebe zum Kinde, Angst vor der Abtreibung, religiöse Vorstellungen und nationales Denken würden gleichwohl der Natur freien Lauf lassen, wenn die Sorge für den gepflegten Leib, für die Taille und die Unannehmlichkeit der neun Monate der Empfängnis und des Stillens die einzigen Widerstände wären. Am stärksten aber hemmen die Emanationen der wirtschaftlichen Schädigungen. Wer wie der Jude mit seinen Kindern höher hinaus will, der beschränkt leicht deren Schar, wenn er oder seine Frau nicht selbst auf[S. 95] viele Annehmlichkeiten des Lebens verzichten will. Und mit dem Erwachen der Lust für die Annehmlichkeiten des Lebens hört die restlose Opferung der Eltern für die Kinder auf. Ich habe in dem Werke das „Sterile Berlin” (Berlin 1912) nachgewiesen, wie sich die Ausgaben für die Kinder deutlich bemerkbar machen. Eine große Familie bringt selbst begüterten Eltern schwere Lebenssorgen, wenn den Kindern eine in ihren Kreisen übliche Erziehung und Lebensstellung verschafft wird. Die Töchter haben einen Anspruch auf eine Mitgift, die dem Stande der Eltern angepaßt sein soll, da ihnen sonst leicht die ebenbürtige Heirat verwehrt bleiben kann. Die Ausbildung der Söhne verlangt einen Aufwand, der schon vor dem Kriege einem kleinen Vermögen gleich zu setzen war. Die gute alte Zeit unsrer Großeltern kam der Kinder-Zeugung entgegen. Sie lebten hauptsächlich in Dörfern oder Kleinstädten.

Auf dem Lande war die Aufzucht einer großen Kinderzahl leichter und eher möglich, da die Wohnungs-, Bekleidungs- und Nahrungskosten auf dem Lande bei starkem Familienzuwachs nicht so groß wie in der Stadt sind. Auch die Städter hatten bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts noch keinen so ausgeprägten Kapitalismus, der überragend das Erwerbsleben beherrschte. Die Unternehmer arbeiten heute mit immer größeren Geldmitteln, sodaß der geldarme Konkurrent ihnen gegenüber einen überaus schweren Stand hat und nur mühselig emporkommt.

An und für sich ist die Reduktion der Geburten eine naturnotwendige Erscheinung unseres Zeitalters. Deutschland hatte 1910 doppelt so viele Einwohner wie ein Menschenalter vorher und es hätte bei ungehemmter Fruchtbarkeit, welche der Geburtenquote der Jahre 1800-1840 entspricht, im Jahre 1950 über 100 Millionen Einwohner.

Die glänzende Bekämpfung der Krankheiten und der Sterblichkeit verlangt einen Einhalt der Geburtenerzeugung, [S. 96] wenn die alten Aderlässe der Menschheit, die ihre Zahl stets einschränkten, Kriege, Infektionskrankheiten und Hungersnöte in Fortfall kommen.

Die natürliche Fruchtbarkeit, die in wahnsinnigem Tempo sich vollziehen könnte, läßt schwer Platz und Brot genug finden für zu großen Nachwuchs. Die Beschaffung alles dessen, was wir besitzen und was uns das Leben angenehm macht: wohnliche Häuser, Einrichtungsgegenstände, Schmuck jeder Art, öffentliche Gebäude, Schulen, Badehäuser, Volksheime, ferner die Verbindungsmöglichkeiten, Eisenbahnen, Dampfschiffe, alle die Erfindungen des menschlichen Geistes, alle Vergnügungen, alle Werke, die der Kultur und der Zivilisation dienen, können nicht so rasch vermehrt werden, als eine stark wachsende Bevölkerung es verlangen würde.

Zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig gähnt eine Kluft. Aber die kurze Zeit von 40 Jahren hat sie überbrückt.

Die Schattenseiten des Geburtenrückganges liegen nicht in dem Rückgang der Geburten an sich, sondern sie treten erst dort auf, wo anormale Sexualverhältnisse die Tendenz der Beschränkung bis aufs äußerste treiben. Die durch das Wirtschaftsleben unserer Zeit bedingte unsinnige Spätehe läßt Kinder zur Welt kommen, die körperlich und geistig minderwertig sind. Was die Liebe der Eltern durch die Beschränkung der Familie an den wenigen Kindern gutmacht und durch ihre aufopfernde Pflege nützen möchte, das erfährt eine unangenehme Einschränkung durch die zu späte Zeugung.

In meinem „sterilen Berlin” habe ich auf den internationalen Charakter des Geburtenrückgangs hingewiesen. Für die vereinigten Staaten ist selbst bei den akklimatisierten orthodoxen Juden eine überaus niedrige Geburtenrate festgestellt worden. Für die Westjuden zeigte sich dieselbe Erscheinung, z. B. in Kopenhagen, wo nicht einmal zwei jüdische Kinder auf eine jüdische[S. 97] Ehe kommen. Cordt Trap, der Direktor des statistischen Büros in Kopenhagen schloß:

„In richtiger Uebereinstimmung ist es, dass die Todesfälle bei den Israeliten die Zahl der Geburten bei weitem übertreffen. 1891-1905 wurden im ganzen 1.049 Todesfälle gegen nur 692 Geburten registriert.”

Auch Weißenberg und Fishberg, dieser in einem Buche über die Rassenmerkmale der Juden, jener im Archiv für Rassen und Gesellschaftsbiologie haben selbst bei den russischen Juden sichtliche Anzeichen einer Minderung der Empfängnis wahrgenommen. Wie weit im Osten der Neumalthusianismus Fortschritte machen wird, ist hier nicht zu erörtern. Wir können uns damit begnügen, die Geburtenentwicklung der deutschen Juden zu übersehen: Eine weitere Geburtenbeschränkung wird bei der Generation stattfinden, die heute im Gedanken und im Banne der überhand nehmenden Verhältnisse heranwächst. Die Verschärfung der kapitalistischen Zustände im Wirtschaftsleben des Mittelstandes und insbesondere die Schäden, die die Familienbildung durch den Krieg erfahren hat, wird sich in Ziffern kund tun, welche die numerische Erschütterung der deutschen Juden unfehlbar bedeutet.


[S. 98]

KAPITEL VIII.



DIE MORTALITÄT.

Die Lebensfähigkeit im Leben des Volkes fand ihren entsprechenden Ausdruck in der Lebenszähigkeit der Individuen, aus denen sich dasselbe zusammensetzte.

Hoppe.

Die Mortalitätsstatistik der Juden ist eigentlich nicht ganz zureichend, weil Personen, die als Juden geboren und als Freireligiöse, bezw. Christen sterben, nicht in ihr gezählt werden. Diese Ungenauigkeit wird gleichwohl von gewissen Statistikern geflissentlich bei Geburtenüberschußberechnung nicht berücksichtigt. Wir werden bei der Bilanz (Beim Kapitel Bevölkerungsüberschuß) darauf zurückkommen. — Es starben



in Preußen durchschnittlich in den Jahrenin Bayern

Juden  in 0/00    Juden  in 0/00
1821/30331821,6187693918,6
1841/50433220,7188099218,0
1861/65433716,0189087516,3
1885/90593516,5190074013,5
1890/95577915,31901/1071113,0
1895/1900549914,9
1901/05566314,4
1906/10572513,8
1911587714,3
1912573314,0
1913574114,0
19146535

[S. 99]

Die Sterblichkeit der Juden ist — für den Fachmann sofort erkennbar — bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine überraschend günstige. Von Jahr zu Jahr werden die Zahlen geringer, sie erreichten den niedersten Stand im Jahre 1906-10 mit 13,8 Todesfällen auf 1000 Lebende. (Mathematisch gesprochen entspricht diese Zahl einem Durchschnittsalter von über 70 Jahren. Sie ist aber nur erklärlich entweder bei momentanen Einsparungen oder bei mangelhafter Erfassung wie z. B. beim Fortfall der sterbenden Juden, die infolge ihres Austritts nicht gezählt werden u. s. w. Fragen, die ich u. a. in der 1. Auflage berührte.)

Die letzten 10 Jahre vor dem Krieg zeigten im allgemeinen eine auffallend gleiche absolute und fast auch relative Sterblichkeitsziffer. Sie betrug praeter propter 5700-5800 Seelen. Da die Säuglinge von Jahr zu Jahr abnehmen, sinkt der Anteil der sterbenden Säuglinge. Bei der von dem früheren Geburtenreichtum herrührenden zunehmenden Stärke der erwachsenen Bevölkerung (auch durch die Einwanderung), nimmt dafür die Zahl der gestorbenen Erwachsenen zu. Der Bevölkerungsaufbau der Berliner und der hessischen Juden, der nach weiteren Teilstatistiken wirklich typisch für die Verteilung der Juden auf Altersklassen ist, zeigt eine immer stärker werdende Besetzung der Altersklassen über 40 Jahre. Da die Sterblichkeit der alten Leute immer größer ist als z. B. der jüngeren (mit Ausnahme der Säuglinge), so ist für die Zukunft mit einer Zunahme der Sterblichkeit mit mathematischer Sicherheit zu rechnen. Es verteilte sich die Berliner jüdische Bevölkerung unter 100 Personen



auf die Jahrgänge          1871    1905    1910  

    0-2040,930,529,3
  20-4037,338,637,7
  40 und älter21,830,933,0

Dieser Bevölkerungsaufbau ist auch in ihren Tendenzen in allen anderen Auszählungen beobachtet[S. 100] worden, so daß man überhaupt von einer Umgruppierung der Juden auch in der Altersbesetzung ihrer Bevölkerung sprechen kann. Segall irrt sich auch in der Behandlung dieser Frage, insofern er aus einer Einsparung der Sterbenden einem Geburtenüberschuß das Wort redet.

Artur Kahn hat darauf hingewiesen, daß die Verschärfung des Erwerbslebens in der Großstadt dazu beiträgt, die Menschen frühzeitig aufzureiben. Wir können diese Schäden vor allem auf folgende Einwirkungen zurückführen:

  1. Die Minderung der jüdischen Mäßigkeit, besonders hinsichtlich des Alkoholkonsums und die zunehmende sexuelle Verseuchung.
  2. Die Beschäftigung in Berufen, welche keine körperliche Anstrengung erfordern und auf Kosten der gesunden Bewegung die Disposition für Herz-, Nieren-, Gefäß- und Nervenkrankheiten schaffen. Die Verschärfung des Erwerbslebens steigert die soziale Krankheitsindikation.
  3. Der starke Arbeitseifer der Juden. Die Minderung der ländlichen Urwüchsigkeit in der zweiten Generation.
  4. Die Aufzucht Lebensschwacher, welche früher als kleine Kinder eingingen, jetzt aber aufgepäppelt werden und als Erwachsene vorzeitig sterben und so das Durchschnittsalter herabsetzen.
    Die Zunahme rasseschlechter Elemente überhaupt infolge der Spätehen, der Geschlechtskrankheiten usw.

Die Kindersterblichkeit der deutschen Juden ist heute ungefähr 12%; von 100 Kindern erreichen 88 das 16. Lebensjahr. Selbst wenn sich diese Zahl noch um ein bis zwei Punkte günstiger stellen wird, so handelt es sich um eine jährliche Ersparung von höchstens 50-100 Seelen; auf der anderen Seite ist die Sterblichkeit der älteren Jahrgänge noch verhältnismäßig niedrig. Es ist ein Irrtum und verrät eine direkte Denkarmut, wenn Statistiker glauben, die Mortalität könnte ad infinitum[S. 101] verbessert werden. Auf 1000 Einwohner kamen Todesfälle bei den Juden



unterüber0-15jähr. waren unter 100 Gest.
  15 Jahren    15 Jahren  bei den JudenChristen

1877285034734554
80269635994354
85234138223854
90195540383253
95149740862753
1900136545632351
05108947351949
10  74349661344
11  82350541445
12  63451191140
13  67850631241
14  6485887

Die stärkere Besetzung der älteren Jahresklassen bedingte eine erheblichere Sterblichkeit der Erwachsenen. Der Rückgang der Mortalität der Kinder von 2850 auf 648 schuf einen Ausgleich. Damit ist aber die Kindersterblichkeit am Ende ihrer Verbesserungsmöglichkeit. Auch ohne den Krieg und seine Folgen wäre bei der Verschiebung der Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf die älteren Altersklassen eine Zunahme der Sterblichkeit erfolgt.

Vor einiger Zeit noch ist ein Geburtenüberschuß durch das Absinken der Sterblichkeit erfolgt. Wir stehen aber jetzt am Ende dieser Entwicklung. Von hier wird dem sterbenden Simson keine Hilfe mehr zuteil. Seien wir froh, wenn die Schäden des Krieges, die ungesunde Bevölkerungsschichtung, die Aufzucht der lebensschwachen nicht zu einer qualitativen und quantitativen Schädigung der Rasse von stärkstem Ausmaß führt.


[S. 102]

KAPITEL IX.



ZUM PROBLEM DES GEBURTENÜBERSCHUSSES.

„Nun tausend Jahr schon leb ich Im Drucke, im Exil, Ein Knecht in Wüsteneien Dem Uhu ein Gespiel! Komm Daniels Engel tu Das Ende mir doch kund! Das Ende auch verhüllt ist Verstummt des Engels Mund..!”

Salomon ibn Gabirol.

Bevölkerungsbewegung der Juden



In PreußenIm Durchschnitt der Jahre  Geburten  Sterbe-
fälle
Austritte[21] und TaufenBevölkerungs-
bilanz (ungefähr)

1881-9096506075350+ 3225
1890-0082505639500+ 2100
1900-0569955665600+  750
1906-1067905723700+  350
191163575877-  220
191262885753-  175
191362645741-  175
19145987  5750[23]  -  400[22]

[S. 103]

Bevölkerungsbewegung der Juden



In BayernIm Durchschnitt der Jahre  Geburten  Sterbe fälleAustritte[21] und TaufenBevölkerungs-
bilanz (ungefähr)

1876174093930770
1880168099240648
1890114787550222
190093274060132
1905-098687127581
1910793644 79
1911773745 -  42
1912740713 -  43
1913695686 -  69
1914740
1917325878[24] -  553

In Wien



Jahr Geborene Uebertritt z. Juden Austritt[25] Gestorbene Bevölkerungs Zunahme resp. Abnahme

 1910 2457915122163- 127
191123711075392332- 393
191222251245672259   - 477[26]
191322371174982355- 499
191425481075322551- 428

Für die Provinz und zwar gerade für die ursprünglich fruchtbarste hat Friedrich Swart in Schmollers Jahrbüchern im Jahre 1912 S. 316 (Deutsche und Polen in der Provinz Posen) den Geburtenüberschuß nachgeprüft und bezeichnenderweise auch für diese Gegenden [S. 104] das unzulängliche Resultat festgestellt. So betrug der Geburtenüberschuß auf je 10000 Köpfe in Posen:

JahrKath.JudenJahrKath.Juden
18802021191895248  25
1885178  891900225- 24
1890197  411905213- 36

Auf dem Lande bleiben verhältnismäßig viele alte Leute zurück, während die Mehrzahl der zeugungsfähigen abwandert und der Rest bei geschmälter Fruchtbarkeit immer geringeren Nachwuchs produziert.

Eine Ruppinsche Berechnung für die Jahre 1885-1900 habe ich fortgesetzt. Danach waren in Preußen Juden:



1885 bis 18901890 bis 18951895 bis 19001900 bis 19051906 bis 19101911 bis 1913

Geboren:453024244239386373433395018909
Gestorben:296782889627496283142861517371

Geburtenüberschuß:156241354611890  9029  5335  1538


Verluste
a) durch Austritt  1250  2000  2500  3000  3200  2000
b) durch Kinder aus Mischehen.    664    696    775  1000  1000  1000

Zunahme resp. Abnahme1371610850861550291135-1500

Leider sind die Ziffern, die den Verlust der Gemeinschaft durch die Taufe, Austritt und Mischehe betreffen, nicht ganz genau zu erfassen (siehe das betr. Kapitel). Es ist nun ganz gleichgültig, ob der Verlust durch Austritt oder Mischehen um ein paar Seelen größer oder kleiner ist. Selbst bei günstigster Berechnung haben die preußischen Juden vor dem Kriege keine Bevölkerungszunahme aus sich heraus erfahren. Der Ausfall ist auf Grund sorgfältiger Berechnungen auf 1500 Seelen von 1911-1913 resp. 500 für das Jahr anzunehmen. Das ist[S. 105] aber nicht das Wesentliche an dem Vorgang, die Bedeutung liegt in der fabelhaften Tendenz, die sich in den wenigen harmlosen Ziffern widerspiegelt.

Auch Bayern weist z. B. für das Jahr 1913 695 Geburten und 686 Todesfälle auf. Wir können noch so sophistisch die Zahlen deuteln, die Geburtenunterbilanz ist unleugbar, da den 686 gestorbenen Juden die hinzuzuzählen sind, die bei ihrem Tod als Christen oder Freireligiöse gezählt wurden. Selbst bei bescheidensten Ziffern der getauften resp. ausgetretenen bayrischen Juden läßt sich nicht ein Plus erzielen.

Segall hat es, obwohl es von mir öfters im „Untergang” als ein fundamentaler Fehler gekennzeichnet wurde, trotzdem unterlassen (siehe z. B. die reptilienartige Berechnung eines Geburtenüberschusses der preußischen Juden auf Seite 136 d. 9. Jahrg. der Zeitschr. f. St. d. J.) die Zahl der Austritte bei seinen Geburtenüberschuß-Berechnungen zu buchen; auf diese Weise täuscht er einen Geburtenüberschuß vor, der in Wirklichkeit nicht existiert. Wenn die Austretenden nicht zu dem Zeitpunkte, an dem sie die jüdische Gemeinde verlassen, als Abgang in Rechnung gebracht werden, dann sind sie in ihrem Sterbejahr den gestorbenen Juden zuzuzählen, da sie doch auf der anderen Seite auch in die Statistik der geborenen Juden aufgenommen werden!

Im Jahre 1914 gab es in Preußen — naturgemäß alle aus der Friedenszeit stammend — fast 6000 Geburten, die dem Judentum zuflossen. Demgegenüber war die Sterblichkeit der letzten Jahre vor dem Krieg durchschnittlich über 5700, mit der Zahl der Austretenden aber übertraf sie den Zuwachs. Der aus Geburten stammende Zufluß genügt also im Jahre 1914 nicht, den regelmäßigen Abgang zu ersetzen.

Mit Absicht bin ich nicht auf die Bevölkerungsbewegung der Kriegszeit eingegangen. Die Kinderzahl jener Jahre sinkt noch um die Hälfte, während die Sterblichkeit sich fast verdoppelte. Es ist anzunehmen,[S. 106] daß während des Krieges der einheimischen jüdischen Bevölkerung eine Abnahme von 25-30000 Seelen erwachsen ist, was ungefähr 4-5% ihrer Gesamtheit ausmacht. Genaue Berechnungen werden sich erst aufstellen lassen, wenn alles Material vorliegt.

Man hat erwartet, daß Deutschland durch einen frisch-fröhlichen Krieg bevölkerungsproblematisch „gebessert” würde. Auch die statistische Wissenschaft der Juden (Segall) hat noch im Dez. Heft 1915 ihrer Zeitschrift dem Gedanken Ausdruck verliehen: „Ob durch den Krieg eine andauernde Besserung bewirkt werden wird, wird die Zukunft lehren” (S. 106) und auf das Stahlbad der ehernen Zeit gehofft, das insbesondere auch auf dem Gebiet des Sexuallebens tief einschneidende Aenderungen auslösen sollte. Da aber der Wille der Massen von den ökonomischen Einflüssen abhängig ist, da die Erkenntnis vorteilhafteren Lebens und die Bannung dogmatisch-religiöser Vorstellungen gerade durch den Krieg eine starke Beeinflussung erfahren haben, wird die Hoffnung der „Optimisten” Schiffbruch erleiden. Deutschland und insbesondere seine Juden werden mehr denn je ihre Fruchtbarkeit beschränken, wenn auch die Geburtenhöhe des Jahres 1920, des ersten Friedensjahres, durch ein momentanes Anschwellen der Heiraten, besonders infolge der Zuwanderung ansteigen wird. Aber die Erschwerung der Kinderhaltung wird durch die bekannten neuen Verhältnisse erst recht potenziert. Allerdings ist die absolute Zahl der Juden Deutschlands durch eine starke Einwanderung gekräftigt. Das verzögert den Prozeß, gestaltet ihn aber nicht um. —

Wer Sinn und Verständnis für Statistik hat, der mag sich den Bevölkerungsaufbau der Juden Berlins vom Jahre 1910 ansehen. Ich hätte ihn gerne ausführlichst mit weiteren früheren Altersgliederungen gegeben, muß aber aus Raummangel hier, wie so oft, mich bescheiden.

[S. 107]

Von 100 Juden in Berlin[27] waren alt:

1871188019001910
  0-20 Jahre40,938,530,229
20-50     "47,048,452,350
50 und älter12,113,117,520

Nach einzelnen Altersklassen wurden ausgezählt Personen (1910):



davon betrafen die0-5Jahre5859
0-1Jahre11485-106238
1-2113610-156627
2-3115015-207791
3-4120420-258879
4-5122125-308588

30-35Jahre881461-65Jahre3041
35-40755266-702202
40-45686971-751391
45-50583776-80  721
50-55516081-85  352
55-60392486 undälter

Hier wie auch anderorts sind die Juden des reifen Alters in größerer Zahl vertreten als ihr Nachwuchs. Die aufrückenden jüngeren Jahrgänge sind nicht imstande, numerisch gleich stark an die Stelle der älteren Jahrgänge zu rücken. Die in den Jahren 1906-1910 in Berlin geborenen, insgesamt nicht ganz 6000 jüdischen Kinder werden in 2-3 Jahrzehnten aus sich heraus nur ca. 5000-5300 Erwachsene stellen, (bei günstiger Sterblichkeit). Damit ersetzen sie, oder sollen sie die heute 8588 25-30 Jährigen ersetzen! Und selbst mit den Jahrgängen jenseits der Fruchtbarkeitszeit, selbst mit diesen älteren Jahrgängen können sie sich nicht messen. Man kann mit viel Kunst Ziffern anzweifeln[S. 108] und den Wert der Statistik kritisieren. Hier zeigt sich schwarz auf weiß: die Fruchtbarkeit der Berliner Juden ist schon heute um große Teile zu gering. Exakte Berechnungen, die ich in der Preisschrift der Gesellschaft für Rassenhygiene anstellte, ergaben einen Nachwuchs, der weit mehr als 40% zu gering ist! Die Geburtenziffer von 1910-1914 ist noch stärker zurückgegangen. Eine Unterbilanz von etwa 50% war ihre Folge.

Der Altersaufbau gibt einen glänzenden Ueberblick über die Frage der Quantität des Nachwuchses. In der jüdischen Statistik ist diese treffliche Beobachtungsmethode leider unbeachtet geblieben. Einige Beispiele lehren die Uebereinstimmung des Prozesses an anderen jüdischen Centren.

Im Jahre 1905 gab es in Hamburg

bei der allgemeinenjüdischen Bevölkerung
Kinder  (0-10 Jahre)  176341 = 19.7%3027  5,15%
Erwachsene  (30-40     „   )140897 = 16%323416,5%

Bei der allgemeinen Bevölkerung kam auf jeden Kopf der 30-40jährigen 1,25 der jüngeren Generation. Danach hatte die Hamburger Bevölkerung damals die Möglichkeit, sich aus den Kindern zu ergänzen. Bei den Juden kamen auf 3234 Dreissigjährige nur 3027 Kinder von 0-10 Jahren. Damit war die Altersklasse der Kinder um 7% schlechter besetzt. Erfahrungsgemäß fallen noch 10-12% infolge der Säuglings- und Kindersterblichkeit aus. Die jüdische Geburtenziffer war für Hamburg im Jahre 1905 mit 20% zu gering zu veranschlagen. Selbst wenn die ausländischen Juden daran schuld wären (Segall), so interessiert uns dies für den Augenblick nicht. Wir stellen momentan lediglich die Tatsache fest und können uns erst später den Einwänden nähern, die in dieser Ziffer Zufälligkeiten erblicken wollen.

Segall hat einmal eine weitschweifige Arbeit über die Münchener Juden herausgegeben, in der einige bedeutsame Ziffern in dem Wust der Tabellen verborgen[S. 109] blühten und die unbeachtet geblieben sind. Diese Zahlen betreffen den Bevölkerungsaufbau. Es waren in München:



Jahre altJudenGesamtbevölkerung
1875190518751905

  1-151088222543758142810
16-301085317364766158982
31-50  817303457774159044
51-70  400140927660  65912
über 70    77  215  4806  12235

Die eine Tatsache geht aus dieser Statistik klar hervor, daß (1905) die Jahrgänge der 1-15jährigen Juden durchschnittlich 148 Kinder zählen und die der 30-50jährigen 151 Personen. Wie sollen die 148 Kinder nach Abzug der Verluste durch ihre Sterblichkeit die mit 151 Personen besetzten Jahrgänge der Erwachsenen ersetzen?

Bei der allgemeinen Bevölkerung ist eine ebenso große Einwanderung wie bei der jüdischen. Trotzdem kommen auf die mit 9520 Kinder besetzten Jahrgänge (0-15 Jahre) der Gesamtbevölkerung nur 7952 Erwachsene von 30-50 Jahren. Bei der christlichen Bevölkerung war der Nachwuchs fast genügend, bei der jüdischen war er absolut ungenügend. Und Segall gibt selbst den Beweis, daß die starke Einwanderung in die Städte nicht den Grund für den anormalen Volksaufbau abgibt. Er gibt ja die Statistik des Jahres 1875, da die Zuwanderung in München schon begonnen hatte. Damals waren 1-15 Jahre alt durchschnittlich 72 Juden und 31-50 jährig nur 41 Personen.

Segalls Irrtum, daß die ausländischen Juden die Fruchtbarkeit herabdrücken, erweist die Statistik der Leipziger Juden.

Hier, wo die verhältnismäßig stärkste Zuwanderung [S. 110] von Ostjuden besteht, ist einzig und allein eine stärkere Besetzung der jüngeren Jahresklassen (der Kinder) anzutreffen. Es waren die Altersklassen besetzt in Leipzig

19001905
  1-1019,6%20,1%
10-2020,620,1
20-3019,720,7
30-4015,314,8
40-5012,412,8

In Leipzig ist sogar die Zahl der Kinder unter der Bevölkerung proportionell gewachsen!

Segall gibt in seiner „Andacht zum Unbedeutenden” wie einmal A. W. Schlegel sich ausdrückte, das von amtlicher Stelle gesammelte Material in hundert Aufsätzen und Arbeiten, aber er verwirrt nur die Probleme mit seinen Kommentaren. Er kompliziert die einfachsten Vorgänge.

Segall genügt nichts. Er sieht die Ziffern der Eheschließungen, Ehelosen, der Geburten, ihr Verhältnis zu den Eheschließungen. Nichts genügt ihm, der Geburtenrückgang erscheint ihm nicht wissenschaftlich belegt. Nur die Fruchtbarkeitsziffer könne bezeugen, ob tatsächlich die Kinder bei den Juden weniger wurden. Zum Unglück aber könne man diese Ziffer nicht bekommen. Wie steht es nun wirklich mit diesem seltenen Schlüssel, der allein uns das Rätsel lösen könnte. Diese Fruchtbarkeitsberechnung geht von dem Gedanken aus, die Zahl der Geburten an den Frauen zu messen, die gebärfähig sind, also an allen Mädchen und Frauen vom 15. bis 50. Lebensjahre. Jacob Segall benutzte eine Auszählung, die er nur an den Münchener Ehefrauen anstellte. Diese Arbeit ist natürlich nur eine halbe Sache. Die Fruchtbarkeit hängt nicht nur von verheirateten Frauen ab, sondern von allen weiblichen Wesen, also auch von ledigen ohne Kinder. Ist der Prozentsatz der Ledigen gering, so kann eine mäßige[S. 111] eheliche Fruchtbarkeit noch genügenden Nachwuchs liefern, ist die Ziffer der Ledigen mit Kindern groß, so könnte auch eine mäßige eheliche Geburtenziffer die Größe des Nachwuchses nicht beeinträchtigen. Alle diese Zwischenfragen werden überflüssig, wenn wir die Fruchtbarkeitsziffer an allen weiblichen Individuen ermitteln.

Aber selbst die Entwicklung der ehelichen Fruchtbarkeit in München müßte einem Statistiker zu denken geben, denn das ist ja eben das wesentliche an dieser Untersuchungsmethode, daß sie sich frei macht von der Besetzung der einzelnen Jahresklassen, daß sie die Einflüsse der Abwanderung gebärfähiger Elemente paralysiert und ein wirkliches absolut einwandfreies Bild der Zeugungslust abgibt. Nach den Segallschen Zahlen habe ich diese jüdische eheliche Fruchtbarkeit zusammen gefaßt. Sie beträgt in München

Im Durchschnitt d. Jahre    Geburten
1875/76222
1877/82170
1883/80122
1891/99112
1900/05   107,5

Glaubt Segall wirklich, daß dieser rapide Geburtensturz der Münchener Jüdinnen eine in Deutschland singuläre Erscheinung darstellt? Da er mir vorwarf, daß ich die Fruchtbarkeitsberechnung nicht für andere Gegenden aufstellte, kam ich seinen Vorhaltungen nach und habe eine einwandfreie in der citierten Preisarbeit über die Berliner Juden niedergelegt.

Meine Berechnungen wenden sich nicht nur an die gebärfähigen Ehefrauen, sondern berücksichtigen, wo es logisch ist, alle fruchtbarkeitsfähige weibliche Wesen. Es wäre ein leichtes, auch wenn die offizielle Statistik diesbezüglich versagt, diese Ziffern für andere jüdische Gemeinden nachzuprüfen.

[S. 112]

Es trafen auf 1000 verheiratete und ledige weibliche Personen im Fruchtbarkeitsalter Geburten bei der

preuß. Bev.    Berliner Bev.    bei d. Jüd. Berlins
1880105100,8
1895  96  67,5
1900  84  60,8
1905ca. 150-160  76  56,8
1910  48,6
1911/1440-45

Eingehendere Ziffern sind a. O. gegeben. Im Jahre 1910 fanden sich in Berlin 25742 Jüdinnen im Alter von 15-50 Jahren. Ihre Geburtenziffer in 1100 ehelichen jüdischen und 100 unehelichen und ca. 50 jüdischen Kindern aus Mischehen (die biologische Fruchtbarkeitsziffer der Jüdinnen ohne Rücksicht auf die Kindererziehung war dementsprechend 50,5).

Die allgemeine Fruchtbarkeitsziffer für die gesamte Bevölkerung war z. B. in Bayern

  1908-12    1913
in den Großstädten  87,1  74,9
in den Bezirksämtern  145,5124,0

Jeder Mathematiker kann nachrechnen, daß eine Bevölkerung ohne jede Kindersterblichkeit 57,2 Geburten pro Jahr auf 1000 Frauen (15-50 Jahren) gebraucht. Bei einer idealen Säuglings- und Kindersterblichkeit und Mortalität der Erwachsenen bis zum 50. Jahre aber 65 Geburten. In praxi dürften bei den heutigen Mortalitätsverhältnissen 70 Geburten auf 1000 gebärfähigen Frauen gerade die Bevölkerung erhalten. Darnach war die Berliner jüdische Fruchtbarkeit um über 40% zu gering.

Segall verlangte nach einer Fruchtbarkeitsstatistik eines Landes. Die großstädtische Ziffer genügte ihm mit Recht nicht. Er hätte sie sich selbst bequem aus der Ruppinschen Arbeit (III. Jahrgang der Zeitschr. f. Statistik) ausziehen können. Sie ergibt für das Jahr 1905 und für Hessen mit reichlich ländlichen Gemeinden einen Fruchtbarkeitswert von 65. Damit[S. 113] hinkt die jüdische Fruchtbarkeit Hessens der Berlins nicht sehr nach. Auch Hessen teilte das Schicksal der deutschen Juden bereits 1905.

Genug der Methodik, der Tabellen, der Polemik.

Eine folgende schlichte Zusammenstellung ergibt dem, dem das Gewirr der Tabellen nicht Klarheit bietet, den erwünschten Ueberblick.

Von 100 Mädchen, die vor 45 Jahren von jüdischen Eltern geboren wurden (im Durchschnitt berechnet)



sind getauft als Kind und späterledig u. kinderlosledige Mütterheir. Nichtjud.heir. JudenInsgesamt

222318  55100

davon jüdisch. Nachwuchs 0  03  4118125

Auf jede dieser Frauen kommen momentan durchschnittlich 1,25 Kinder, während zur Erhaltung der Art 2,4 Kinder auf den Schoß jedes Weibes entfallen sollten. (Man verwechsle hiermit nicht unsere Berechnung, wonach auf jede jüdische Ehe je 2,15 kommen. Hier handelt es sich nicht nur um die Ehestatistik, die übrigens in Rubrik 5 enthalten ist, sondern um die Fruchtbarkeit im allgemeinen). Selbst wer nachsichtig, noch so liebevoll wissenschaftlich die Statistik des jüdischen Sexuallebens bearbeitet, kann nie und nimmer zu anderen Resultaten gelangen. (Dr. Herlitz fand an einzelnen Familien ähnliche Resultate, die er in dem Wiener Archiv für jüdische Genealogie publizierte). Die den Juden zufließende Fruchtbarkeit war nach dem statistischen Stand im Jahre 1913 um die Hälfte zu gering.


[S. 114]

KAPITEL X.



DIE AUSTRITTSBEWEGUNG.

Der Stolz des Mannes ist sein Volk.

Beaconsfield.

Die Theologen und Moralisten haben in der Austrittsbewegung nur die ethische Komponente beobachtet. Sie haben das verwerfliche Motiv unterstrichen, wonach die Anerkennung dogmatischer Voraussetzungen und religiöser Ideengänge von äußeren Vorteilen abhängig gemacht wird. Sie bewerten den Charakter des Austritts als gesellschaftliche Erscheinung ideell, aber nicht soziologisch. Man hat bisher wenig die Ursachen dieser Bewegung aufgeklärt. Zeitlich seit der Emanzipation verliert die Taufe den Charakter der Seltenheit. Bereits 1811 reichte David Friedländer dem Staatskanzler von Hardenberg ein Verzeichnis ein, nach dem in den vorhergehenden 8 Jahren 32 Familien und 18 ledige Männer in Berlin die Taufe nahmen. 1830 klagte Sarah Levy, die Tochter Itzigs: „Ich komme mir vor wie ein entlaubter Baum; alle die Meinigen um mich her sind durch ihren Uebertritt zum Christentum mir doch in vieler Hinsicht fremd geworden.” In einer demnächst erscheinenden Arbeit über „Die Juden in der deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte” konnte ich beobachten, daß gerade die bedeutendsten und bekanntesten deutschen Juden in Handel und Verkehr, in der Literatur, Kunst und Wissenschaft die Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft gelöst haben.

[S. 115]

Der Mangel jüdischer Kenntnisse und die fehlende Ehrfurcht vor den Geistesgrößen des Judentums allein kann nicht die Erklärung bieten, wenn sogar die Familien der Vorkämpfer die Taufe nahmen. Fishberg machte bereits neben Samter („Judentaufen”) darauf aufmerksam: „Die bestbekanntesten jüdischen Familien aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts sind in der christlichen Majorität, in deren Mitte sie lebten, aufgegangen.” Dazu sind zu rechnen: die Mendelsohns, die Nachkommen des jüdischen Historikers Bresslau und Grätz, des begeisterten Chowewe Zionisten Hirsch Kalischer, die Anverwandtschaft des jüdischen Schriftstellers Bernstein bis in die Kreise des Berthold Auerbach und Gabriel Rießer, Söhne gebildeter Rabbiner (Wedell, Levy[28], Klemperer etc.), wie die Kinder von jüdischen Adeligen, welche als Juden nobilitiert worden waren z. T. mit alttestamentarischen und prononcierten Namen Cohn-Oppenheim, v. Hirsch. Von 100 geadelten Familien rechnet sich der kleinste Teil noch zu den Juden. Die v. Bleichröder, Beit auf Speyer, Friedländer-Fould, von Weinberg — um nur einige zu nennen — sind convertiert. Aus den Kreisen der Wissenschaft wären viele Hunderte aufzuzählen, die nur noch der Rasse nach als Juden betrachtet werden können. Von vielen bekannten Forscher-Familien[29] und vielen Häusern der Haute-Finance ist es kaum mehr bekannt, daß ihr Aufstieg durch einen Juden eingeleitet wurde. In einer Arbeit (Archiv f. Rassen und Ges. Biol. 1911) zur Geschichte der Familie Samson habe ich Beispiele für den Uebergang der geadelten deutschen Judenschaft in die christliche Gesellschaft angeführt. Für die nobilitierten deutschen Juden bedeutete die Aufnahme in eine der[S. 116] Kreise der alten Geschlechter den letzten möglichen Aufstieg, den Höhepunkt ihres ehrgeizigen Strebens. (Blau hat vor dem Krieg nachgewiesen, daß in Berlin unter den Austretenden allein 12 Personen, die mehr als 1000 Mk. Steuern zahlten, sich befanden, also damals Millionäre waren.) Bei der Sucht eine Rolle zu spielen, geachtet zu werden, ist die Taufe so lange eine Notwendigkeit, als die jüdische Gemeinschaft nicht nur fremdartig, sondern als minderwertig den Deutschen und ihnen selbst erscheint.

Ueber die numerische Bedeutung belehren einige Berechnungen von Hoffmann, Samter u. a. Danach gab es

1822-1840  Uebertritte in Preußen  2200
1841-18807000
1880-19126513

Für Dresden liegen genaue Erfassungen vor. Dort waren (1886-1911) 277 Austritte und 30 Eintritte.

In Hamburg (nach Weigert)  in Wien
TaufenAustritte  Eintritte
1885-18902811880110  53
1890-18953701890302  60
1895-19003811901/05  3104500
1900-19054041906/103073766
1905-1910363
in Berlin
Austritte
1873-188051
1881-1888105
1889-1896509
1897-1904996
1905-19131324
1913-1919  1055

Für das Jahr 1903 hatte das Büro für Statistik d. J. eine Enquête für ganz Deutschland veranstaltet. Es wurden 20 Eintritte und 259 Austritte gemeldet, davon etwa 120 zum Protestantismus, während die „Mitteilungen” der evangelischen Landeskirche von 500 Uebertritten[S. 117] sprachen. Da viele Juden an Orten, wo man es sozusagen nicht wahrnimmt, aus dem Judentum verschwinden, kann letztere Ziffer richtig sein. Samter hat auch in Berlin höhere Taufziffern als Blau (Zeitschr. f. Statistik d. J. III. Jahrg. S. 149). Sie sind durchweg um das 2-3 fache so hoch als die Austrittsziffern, welche die jüdische Gemeinde gibt. Samter zitiert hierfür das städt. Jahrbuch der Stadt Berlin und das Allg. Kirchenblatt f. d. ev. Deutschland. Zusammen mit den Uebertritten zum Katholizismus und den Anschluß an die dissidentische Bewegung ist der Abfall vom Judentum (die Taufe etc. der Kinder jüdischer Ehen einbezogen) etwa um die Jahrhundertwende auf mindestens 1000 pro Jahr für Deutschland zu veranschlagen.

Die jüdischen Gemeindestatistiken ermitteln fast nur Täuflinge über 20 Jahre, 17-20 jährige betrafen nur wenige, kleine Kinder allein wurden ohne die Taufe der Eltern nie gemeldet, so daß die der Kinder allein statistisch nicht festgehalten wurde. Artur Kahn hat in dem Blatt der Großloge für Deutschland geschrieben, daß s. Z. ca. 15% aller jüdischen Kinder am evangelischen Religionsunterricht teilnahmen. In einzelnen Lehranstalten steigt der Prozentsatz bis über 30%. Natürlich ist die Erteilung des Religionsunterrichts nicht nur eine rein platonische Ehrenbezeugung vor dem Christentum. Die Konsequenzen aus dieser Vorliebe für die Heilswahrheit des Evangelismus ziehen die Eltern bei passender Gelegenheit, sonst hätte diese Uebung keinen Zweck. Ebenso bedeutsam ist die Tatsache, daß in dem Jahr 1897 von 11668 jüdischen Kindern 1245 ohne Religionsunterricht waren.

Die Absentierung vom jüdischen Unterricht bedeutet eine starke Abneigung gegen die jüdische Religion, die leicht zur vollständigen Aufgabe jeglicher Beziehungen zur Religionsgemeinschaft führt. Blau hat in Gross-Berlin (Zeitschr. f. Stat. d. J. Bd. 11 S. 12) von 36671 Kindern rein jüdischer Ehen 416 in nicht jüdischem Glauben ermittelt, darunter nur 24 konfessionslos und[S. 118] 3 als katholisch, 389 evangelisch. Diese Auszählung gibt einen gewissen Ueberblick über die Kindertaufe. Dora Weigert hat in einer eingehenden und trefflichen Arbeit für Hamburg nachgewiesen, daß von 100 ehelich geborenen jüdischen Kindern vom Jahre 1880-1910 1,6-3,6% getauft wurden, bei den unehelichen schwankt der Prozentsatz zwischen 10-18%, wir können also mit einer Taufe von Kindern rechnen, die für ganz Deutschland zwischen 1 und 2% aller geborenen liegt.

Nicht uninteressant ist es, der Berufstätigkeit der Täuflinge nachzuspüren. 1911 waren in Berlin unter den 148 Männern 45 Akademiker, also fast ein Drittel, was natürlich der Beteiligung dieser Berufe an der Bevölkerung nicht entspricht.

Gotthold Weil hat in der „Jüdischen Rundschau” einige der Motive bloßgelegt. „Die Sorge der Eltern um ihre Kinder, die Furcht, daß diesen später einmal durch die Zugehörigkeit zum Judentum viele Schwierigkeiten im öffentlichen Leben erwachsen könnten, bestimmte die meisten nur nach dem Erfolg strebenden Eltern durch einen rechtzeitigen Austritt aus dem Judentum ihren Kindern wenigstens die äußeren Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die sie trotz großen Fleißes und starker Kämpfe für sich nicht zu beseitigen vermochten.”

G. Wolf bemerkte in seiner Abhandlung „Die Judentaufen in Oesterreich” (Wien 1863) „Aller Sorge und Qual des unsäglichen Jammers und Elends konnte man sich mit einem Schlage entledigen. Das Taufwasser wäscht jede Schmach und jeden Makel weg; er, der noch gestern gramgebeugt einherging, kann heute stolz das Haupt emporgehoben einhergehen, noch mehr, er wird mit Amt und Würden ausgezeichnet.”

Neuerdings ist zum Austritt der Reichen und der Akademiker noch eine Abfallbewegung der Proletarier gekommen. Eine genaue Untersuchung der Wiener und Berliner Statistik hat diese auf den ersten Augenblick befremdende Erscheinung sichergestellt.

[S. 119]

Die Taufe der Wohlhabenden ist der Ausdruck ihres Strebens über das Erreichte noch emporzukommen. Auf das Butterbrot der Konversion bekommt man, wie Nordau einmal sagte, alles gestrichen, sie ist das Entreebillet zur besten Gesellschaft, sie ist noch heute die conditio sine qua non, für akademische Lehrstätten, kurz für Amt und Würde und Auszeichnung. Ueber das Weihbecken geht der aussichtsvolle und bequeme Weg zu den Quellen der Macht und dem sprudelnden Born der Wissenschaft. In Ländern, wo die politische Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden restlos auch im Unterbewußtsein des Volkes sich durchgesetzt hat, ist die Taufe eine unbekannte Erscheinung. Im Lande D'Israelis und Ricardos ist sie heute überflüssig geworden, in Vergessenheit geraten, ebenso wie im Reich der Luzatti und Ottolenghi. Solange die Juden den Deutschen minderwertig erscheinen, wird die Taufe anhalten, und viele, die nicht die Kraft oder das Lustvermögen aufbringen, das Los der Mißachteten zu teilen, aus ihrer Mitte entführen. Die Juden, die dem Judentum den Wert absprachen, sind Produkte dieser Konstellation. Rathenau, Samuel Lublinski, Benedictus Levita, Weininger, Fromer, Trebitzsch und andere handelten und schrieben unter dem Einfluß der politischen Lage.

Bleichröder meinte zu Bismarck (Zukunft 17. Jahrg. No. 32): Etwas sujet mixte muss auch der beste deutsche Jude bleiben, wie es schon in den Worten deutscher Jude liegt. Und es gibt nur drei Auswege aus dieser Doppelmischung: „Rückkehr nach Jerusalem oder wie es die meisten meiner Glaubensgenossen jetzt so halten, völlig Eins werden und Untergehen in dem germanischen Volkskörper.” Ein Königsberger Jude verstieg sich sogar zur Forderung der Zwangsmischehen, deren Kinder zu taufen seien (Grätz II 5. 263).

„Der moderne Jude ist in das Kulturleben der Wirtsvölker eingetreten (Fromer), nimmt an ihren Freuden und Leiden Anteil, und beansprucht gesellschaftliche und politische Gleichstellung. Er ist auf die Leiden nicht gefasst, hat keinen Trost, keine Linderung für diese Leiden und ist gegen die Auflösung, die er nicht will, durch nichts geschützt.”

[S. 120]

Marcuse findet in seiner Apologetik der Mischehe (Sexualprobleme (1912)): „Die Auflösung ein Schicksal, das zugleich aufs innigste zu wünschen und wie jede auf ihren Gesetzen sich vollziehende Entwicklung unabwendbar. So kann die Mischehe nur, was zum Sterben reif ist, einem schnelleren und schöneren Tod zuführen und der jüdische Deutsche darf, wenn er klar erkennt, was ist und was werden muss, mit Friedrich Biach die Bezeichnung der Mischehe als eines Selbstmordes getrost anerkennen, aber als eines freien und freudigen Selbstmordes: Denn ich will nicht mehr das Selbst sein, das ich war, ich will dem herrlichen Volke angehören, in dessen Mitte ich geboren; stirb zur rechten Zeit: also lehrte Zarathustra, allzu lange haben wir gezaudert.”

Der deutsche Jude entlehnt einen Teil seiner Methodologie antisemitischer Lektüre. Chamberlain haben die meisten Juden gelesen. Der scharfe, kritische Geist erkennt am besten die Schwäche seines Volkes. Wie bei einem geschlagenen Heer, wenn die Kommando-Gewalt der Offiziere versagt, die Soldaten zu entweichen suchen, so drückt sich die Masse der Juden, die sich nur an ihren eigenen Interessen orientieren, denen das jüdische Joch zu schwer wird. Aus der Not wird eine Tugend. Die Aufgabe des eigenen Ichs zu einem kategorischen Imperativ — der Abschied vom Judentum zur befreienden Tat.

Letzten Endes ist dieser Vorgang nichts anderes als ein Versuch aus dem sich entwurzelnden Judentum mit einem kühnen Sprung ins andere Lager zu springen.

Kompliziert wird aber die Judenfrage durch neue Einflüsse. Die jüdische Gemeinschaft des XIX. Jahrhunderts galt allgemein als religiöse Korporation. Die vom Sozialismus erfassten Kreise des Proletariats und ihres Umkreises haben aus politischen und kulturellen Erwägungen heraus den Kampf gegen den Katholizismus als den Bundesgenossen des Centrums und gegen die evangelische Kirche als die Beschützerin der bestehenden Rechtsordnung und der konservativen Richtung angenommen. Die Feindschaft ging somit gegen die Religionen als die Horte der Reaktion, als Fundamente des Autoritätsglaubens, des Konservativismus, dem der[S. 121] Fortschritt, die materielle und rein ökonomische Auffassung der Lebensprobleme entgegenstanden. Aus diesem politischen Gegensatz resultiert die Verneinung der Existenzberechtigung der Konfessionen, die erbitterte Feindschaft der radikalen Parteien gegen die Kirchen und die Geistlichkeit. Die Abwehrstellung gegen die Religionen entspringt einer politischen Einstellung, die durch kulturelle Interessen gefördert wird. Auch im universellen Gedanken der Profeten stecken Ansätze, die zum Bund der allmenschlichen ethischen Gemeinschaft führen zum Ueber-Konfessionalismus, zu Formen der allgemeinen humanen Ethik, die in seiner vollen Tiefe Spinoza geahnt hat.

Der Jude mit seinem scharfsinnigen Geist und seiner ethisch prononcierten Ueberlegung hat am frühesten sich allen Bewegungen angeschlossen, die das geistige Ghetto, das die Völker umgab, durchbrechen sollten. Deshalb waren lange Zeit die Konfessionslosen meist jüdischer Rasse.

Ist die Taufe in gewissem Sinne eine Folge des Antisemitismus und ist die Taufe vor allem das Mittel des utilitaristisch denkenden Menschen, so ist der Austritt der Freidenker, Atheisten, Ueberkonfessionellen u. s. w. gerade das Stigma idealistisch gesinnter Personen, die in dem Abstreifen einer engherzigen Religionsgemeinschaft eine kulturelle Tat begangen zu haben glauben.

Solange das Judentum als rein religiöse Organisation fungiert, werden sich welche von ihm absondern, die keine religiösen Interessen oder nicht die jüdischen besitzen. Dabei wird die Erleichterung des Austritts ihre Zahl um das Heer derer vermehren, die aus den simpelsten finanziellen Erwägungen (die aber heute für jeden Haushalt von weittragendster Bedeutung sind) heraus den Augenblick begrüßen, einer der vielen Belastungen zu entgehen, mit denen man in Deutschland zur Stunde recht gesegnet ist.

Das Bekenntnis zum Judentum ist eine freiwillige Willensäußerung. Sie appelliert an die Ueberzeugung,[S. 122] an das Gefühl des einzelnen, aber es steht ihr kein Machtmittel zur Verfügung, ihre Mitglieder festzuhalten. Vorerst hat sie keine Möglichkeit, ihre Anhänger von ökonomischen, kulturellen, politischen und anderen Interessengebieten unabhängig zu machen. Wohl können sich einzelne persönlich in vielem freimachen, die Mehrzahl, die in Deutschland lebt, wird wohl ihren Anteil an den Lebensformen der Umwelt nehmen. Solange die Judengemeinschaft bestehen bleibt, dauert dann der Anreiz an, der Zwitterstellung zwischen Deutschen und Juden zu entsagen. Mögen in jüdischem Lager die Philosophen und Literaten, die Theologen und Politiker die Unterschiede in der Rassenpsyche und der letzten Mentalität der beiden Volksteile bestreiten, die Konkruluz des Deutschtums und des Judentums beweisen, das Unternehmen wird immer ein akademisches bleiben, so lange die tatsächlichen Kontraste, die Randspannungsgefühle der beiden Gemeinschaften nicht einen gewissen Ausgleich gefunden haben. Ob dieser letzten Endes bei den Menschen überhaupt und gerade den Deutschen möglich ist, ist nicht a priori abzusehen. Im Orient haben Jahrhunderte lang fremde Rassen nebeneinander gelebt, das alte römische Reich war vielerorts das Sammelbecken der verschiedensten Völker, in Indien sollen verschiedene Nationen friedlich nebeneinander hausen.

Vorerst hat die deutsche Judenheit in den letzten hundert Jahren ihren Zusammenhang mit dem nationalen Judentum gelöst und die religiösen Absonderungsgesetze und Sitten gelockert. An die feste Vorstellung von der Auserwähltheit des jüdischen Volkes, das in jedem Anhänger das unbedingteste Vertrauen an die Zukunft der eigenen Nation, die Hoffnung auf den Messias so fest verankerte, daß kein Zweifel möglich war, trat eine rationalistische ethische Vorstellung von Gott und der Welt, losgelöst von alter Form und ureigenstem Inhalt.

Der Nivellierung, Assimilierung und Entjudaisierung ist gerade dadurch, daß nunmehr das Judentum die festen[S. 123] nationalen und religiösen Umrisse verloren hat, die Arbeit der Auflösung leicht gemacht. Dass die deutschen Juden die Rückkehr zum nationalen und religiösen Judentum antreten werden, ist unwahrscheinlich. Wie wenig das neologe religiöse Judentum die Erhaltung bewerkstelligen konnte, belegt die Geschichte des ganzen XIX. Jahrhunderts. Ob dem nationalen Judentum, also einer Komponente des jüdischen Komplexes, die Kraft des ursprünglichen nationalen und religiösen Judentums inne wohnt, ist fraglich.

Nicht der Sieg über die neologen und religiös interessierten Juden, nicht die Erreichung neuer Gesetze wird ihre letzte Bedeutung belegen, sondern die Fähigkeit des Nationalismus, alle Juden zu erfassen und das Judentum zu binden, insbesondere das Sexualleben so zu regeln, dass Eros sie nicht außerhalb der Gemeinschaft hinausführt, ein Unterfangen, dem man nur mit größtem Skeptizismus gegenüber treten kann ...

Selig die, denen diese Gedankengänge überflüssig und zu schwarz erscheinen!


[S. 124]

KAPITEL XI.



DIE MISCHEHE.

Religion und Inzucht waren die beiden eisernen Reifen, die das jüdische Volk fest umschlossen und als eine einzige feste Masse durch die Jahrtausende erhalten haben. Und wenn sie sich lockern? Was wird dann die Wirkung sein?

Werner Sombart.

„Das genealogische Moment hat die Nationen nicht geschaffen, sondern sie fixiert. Die Vererbung ist ein Zeichen und das Resultat der Nationalität, aber nicht ihre Ursache. Nicht der Beginn, sondern die weitere Existenz wird durch die Vererbung erklärt” (Bluntschli: Die nationale Staatenbildung, gesammelte Schriften). Mit anderen Worten: Nachdem eine gewisse Menschengruppe, die aus den verschiedensten Rassenbestandteilen zusammengewürfelt sein kann, untereinander in engere Verbindung getreten ist, wird nach D. Pasmanik durch Wechselheiraten und Vererbung ein bestimmter Menschentypus fixiert und konserviert. Der ursprünglichen wahllosen Vermischung der Juden in der Zeit ihrer Volkswerdung suchten einzelne weitsehende jüdische Politiker entgegen zu treten. Die Vorkehrungen gegen die Mischehe und die sie verwerfende Stellen deuten darauf hin. (Abraham und Isaak — Jacobs Brautfahrt, Deut. 23, 4, 8, 9, die Eheverbote mit den Amalikitern, Moabitern, Edomitern[S. 125] und Egyptern. Es sei an Ex. 34, 15, 16, und Deut. 7, 3, 4, erinnert).

Unter Esra und Nehemia wurde der Kampf um die Reinerhaltung der jüdischen Art bewußt durchgeführt. Auch im Talmud befinden sich viele dahin zielende Auslassungen. Maimonides und insbesondere der Schulchan Aruch, der diese Entwicklungen abschliesst, kommt zu einer absoluten Verwerfung der Mischehe. Praktisch hat (nach dem Schrifttum) Esra am konsequentesten gehandelt, indem er die damals in Palästina existierenden 113 Mischehen verwarf und ihre Auflösung durchsetzte. So alt die Geschichte der Juden ist, so oft wiederholen sich aber Ansätze und Ausbreitung der Mischehe. Moses heiratete die Tochter eines midianitischen Götzenpriesters, die allerdings rassenmässig einem nicht sehr fernestehenden Stamme angehörte. Die Sexualbeziehungen von Simson und David, des Sohnes der Moabiterin Ruth, Salomons, des Nachkommens einer hittitischen Mutter, Ahabs u. a. darf man als bekannt voraussetzen. Ich verweise hierbei insbesondere auf die Arbeit von Dr. Fritz Kahn, „Die Juden — als Rasse und Kulturvolk,” Welt-Verlag 1920, und Dr. Tänzers „Die Mischehe,” Berlin 1913.”

Eine Rolle in der jüdischen Religion und in den Festen dieses Volkes spielen die Vorgänge am persischen Hofe zur Zeit der Königin Esther, und man kann es den Kabbalisten nicht verdenken, daß sie deren Andenken verwarfen. Unter den Hasmonäern in der Zeit des Hellenismus tritt die Mischehe recht stark auf. Im Mittelalter gibt es sogar in Deutschland (900-1100) erotische Wechselbeziehungen mit der christlichen Umgebung.

In der Geschichte der Rassenforschung ist die Frage nach der Vermischung der Juden des häufigen aufgeworfen worden. Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt das Urteil über die Beimischung fremden Blutes.

[S. 126]

Historisch wichtig ist, daß im XVI., XVII. und XVIII. Jahrhundert Mischehen im gesamten Judentum der Welt zu den Ausnahmeerscheinungen gehörten. Diese sexuelle Abgeschlossenheit, wird durch die Mischehe durchbrochen in der Zeit der Emanzipation und in hoc signo. Napoleon wollte jeden dritten Juden zwingen, einen christlichen Gemahl zu nehmen, sein Staatsrat wies allerdings eine solche Maßnahme zurück. Sogar Bismarck war für die Zucht des arischen Hengstes mit der semitischen Stute, wie auch E. v. Hartmann und andere die providenzielle Beimischung des jüdischen Blutstropfens als einen Segen für den deutschen Michel hielten. Sogar im jüdischen Lager wurde für die Mischehe Propaganda gemacht.

Natürlich fanden sich auch Gegner. So protestierte H. St. Chamberlain gegen die Idee einer Infizierung der Indoeuropäer mit jüdischem Blut. „Ginge das ein paar Jahrhunderte fort, es gäbe dann in Europa nur noch ein einziges rassereines Volk, das der Juden; alles übrige wäre eine Herde pseudo-hebräischer Mestizen und zwar ein unzweifelhaft physisch, geistig und moralisch degeneriertes Volk.”

Die Kenntnis und Benutzung des Hebräischen als Kultursprache, des jüdisch-deutschen als Umgangsdialekt, die absolute Befangenheit im jüdischen Glauben verbanden sich als psychische Voraussetzungen für die Inzucht. Das Einheiraten in die Gruppe derselben Menschen, hatte zur Erhaltung eines körperlich von anderen unterschiedlichen Typus geführt, der zwar nicht reinrassig in dem Sinne ist, als ob nur eine und dieselbe Form von Menschen am Eingang der jüdischen Nation bestanden hätte.

Aber die stetige Verschwägerung der Juden führte zu einer körperlichen Verwandtschaft, die sich im Aussehen allein schon anzeigt. Fishberg hat ganz recht, wenn er von der Mischehe das völlige Aufgehen des Judentums erwartet, weil die Kinder von Mischpaaren nicht mehr Träger der jüdischen Rasse sein[S. 127] können und religiös zumeist aus dem Judentum ausscheiden.

Die Mischehe ist dementsprechend eine weitere Form der Auflösung der jüdischen Gemeinschaft. Die Wege zur Mischehe sind verschiedentliche. Sie liegen letzten Endes nicht wie die Taufbewegung auf politischem Gebiet, sondern auf sozialem. Ist die Geburtseinschränkung ein vornehmlich durch ökonomische Ursachen bedingter Vorgang, so führen gesellschaftliche Momente zur Vermischung. Man kann ihre einzelnen Vorausbedingungen einbeziehen in das Gebiet der:

  1. Liebe,
  2. Gewöhnung,
  3. Rasseprobleme,
  4. gesellschaftlichen Angleichung.

1. Die Wege der Liebe sind oft wunderbar. Aber erst die Neuzeit, welche die Schranken zwischen den einzelnen Klassen und Kasten wegräumt, hat im Erwerbsleben, im gesellschaftlichen Umgang auf Schritt und Tritt den jüdischen und nichtjüdischen Mensch einander näher gebracht. Ob die psychischen Differenzen durch die erotischen Beziehungen, die zwei so verschiedene Charaktere aneinander knüpfen, auf die Dauer überbrückt werden, diese Ueberlegung versagt, wo starke Erotik alle übrigen Denkvorgänge zurückdrängt. Das Ideal der altjüdischen Ehe war die Heirat durch den Segen der Eltern und nach deren Willen und Bestimmung. Das Idol der heutigen und kommenden Bindungen ist die völlige Abkehr von allen Konventionshindernissen.

2. Die Gewöhnung als Voraussetzung zur Mischehe besteht in der Fortsetzung des Verhältnisses in der Legalisierung des Zusammenlebens. Der Student, der Handlungsgehilfe, der sich in seinem Drang einen Kameraden sucht, nimmt ihn häufiger aus dem christlichen Volke, da sich die Jüdinnen weniger leicht hingeben. Mit der Zeit, durch äußere Umstände, Schwangerschaft, [S. 128] Geburt eines Kindes, Infizierung und so weiter findet die ursprünglich nur auf kurze Zeit gedachte Verbindung ihren Dauerzustand in der Ehe.

3. Um gesellschaftlich emporzukommen, verheiraten sich reiche Jüdinnen mit verarmten Adligen oder wohlhabende Juden mit Nichtjüdinnen aus vornehmen Hause. Die Jüdin, die in ihrem Kreise keinen Mann findet, insbesondere die arme, ist froh, wenn sie einem Nichtjuden gefällt. Denn der innerste Beruf des Weibes ist ihr Streben nach der Hingabe. Und die Vereinsamung um Volkes willen mag ein gutes nationales Ziel sein. Rein menschlich betrachtet ist dieser Idealismus obsolet. Vielfach kann sich auch das heterogene Geschlechts- und Schönheitsempfinden ausleben erst in den Beziehungen zur Umwelt. Der dunkle Jude, auf den das blonde schlichte Gretchen, die große schlanke Frauengestalt der Deutschen wirkt: Les extrêmes se touchent. Die Juden fangen bereits an, bei der Wahl des Ehegatten das Schönheitsideal des sie umgebenden Volkes anzuerkennen, die jüdische Art und den jüdischen Typus zu meiden und den sogenannten arischen zu bevorzugen. In jüdischen Heiratsannoncen wird oft die blonde Haarfarbe hervorgehoben und sogar die geschmackvolle Bemerkung „nicht jüdisch aussehend” ist nicht allzu selten (Ruppin).

Umgekehrt erotisiert die schwarze Jüdin, mit ihrem Reiz, ihrer Eigenart, und ihrer geistigen Aufgewecktheit den Nichtjuden; selbst ausgeprägte antisemitische Ueberlegungen treten oft zurück, wo schöne Judenmädchen mit Feinden ihres Volkes in Berührung kommen.

Und schließlich wäre es sonderlich, wenn in einer Zeit, in der die sexuellen Beziehungen so stark gelockert sind, in der eine vollkommene Vermischung der Rassen, eine bunte Liebeslust die Menschheit ergriffen hat, nicht auch nahe Beziehungen zwischen den Individuen der germanisch-deutschen und der deutsch-semitischen Gemeinschaft entstünden.

[S. 129]

Die von Napoleon I. berufene jüdische Nationalversammlung — als das Sanhedrion bekannt — hat erstmalig der Schließung einer Mischehe zugestimmt. Allerdings in der stark gewundenen Form, diese stehe in Uebereinstimmung mit dem bürgerlichen Gesetz, und dürfe, wenn auch gegen den jüdischen Ritus vorgenommen, nicht den Vorwurf für den rabbinischen Bann abgeben. Die Versammlung der jüdischen Theologen in Braunschweig (1844) und die Synoden von Leipzig und Augsburg sanktionierten die Mischehe, wenngleich mit dem Vorbehalt der jüdischen Erziehung der Kinder. Die in den 70er Jahren eingeführte Zivilehe bot vollends jedem die Möglichkeit der freiesten Eheschließung. Daß sich dabei die Eheschließenden nicht an die Wünsche der Rabbiner kehrten und die Kinder in Mischehen zum größten Teil im anderen Glauben erzogen, ist selbstverständlich. Insbesonders ist es einer Jüdin nicht leicht, von ihrem christlichen Ehemanne zu verlangen, daß er die Kinder in ihrer Religionsgemeinschaft aufwachsen lasse, der er selbst fernsteht und die in Deutschland als etwas minderwertiges erscheint. Die Mischehe ist ein Bund zwischen zwei Partnern, von denen der jüdische einer in der Oeffentlichkeit wenig beliebten Gemeinschaft angehört[30].

Die Freiheit der sexuellen Betätigung, die heute der Mann genießt, erobert sich immer mehr und mehr das in der Großstadt selbständige, von der Aufsicht der Familie losgelöste Mädchen. Durch die Erschwerung der Eheschließung kann sie sich nicht mehr darauf verlassen durch die Mitgift oder die Macht der Eltern an den Mann gebracht zu werden, so wünscht sie sich selbst zu versorgen und ihren Anteil am Leben und Genießen zu erhaschen. Dieser Prozeß ist noch lange[S. 130] nicht abgeschlossen. Ich möchte fast glauben, daß er erst richtig einsetzt. J. D. Meyer hat die Frankfurter Mischehen untersucht (Zeitschr. f. St. d. J.) und eine auffallend hohe Verehelichungsziffer armer Jüdinnen mit Christen gefunden, während die jüdischen Männer besonders des Mittelstandes sich christliche Partnerinnen wählten.

Die Mischehe ist aus dem Stadium herausgetreten, in dem sie eine Seltenheit war. Heute wo sie etwas alltägliches ist, findet sie keine Verurteilung und so werden die Widerstände von allen Seiten geringer und mit dem Sinken der Hemmungen wird sie nur selbstverständlicher.

Es gehört auch hier eine gesunde Naivität dazu, das plötzliche Aussetzen eines überall wirkenden Vorganges zu erhoffen, das Versiegen einer soziologischen Erscheinung zu erwarten. Die aus so vielen Ursachen bedingte Mischehe ist letzten Endes dadurch kurz erklärt, daß unter 100 Nichtjuden ein Jude lebt, der nach Ableugnung des nationalen Bandes nur noch mit einigen Vorstellungen über Gott und die Welt Beziehungen besonderer Art zu anderen Juden unterhält, wobei aber auch hier krasse Differenzen zwischen den Glaubensvorstellungen des konservativen und liberalen Juden auftreten. Objektiv ist der Unterschied in der Religionsauffassung zwischen gesetzestreuen und neologen Juden stärker als zwischen neologen Juden und ebensolchen Evangelischen. (Der unbewußt empfundene jüdische Nationalismus wird bewußt durch diese neologe offizielle Judenheit geleugnet und bekämpft). Ohne nationalistische Einstellung ist also die Mischehe bei diesem Standpunkt nicht zu verwerfen. —

Mischehen in Preußen
1875-1879:  1195           1895-1899: 2318
1880-1884:  12281900-1904: 2452
1885-1889:  14661905-1909: 3435
1890-1894:  15661910-1914: 4279
1875-1894:   5455 12384

[S. 131]

in % der rein jüd. Ehen waren Mischehen
1876-1880:9,6           1896-1900:17,5
1886-1890:  12,81906-1910:  26,5
Mischehen in Deutschland
    in % d. jüd. Ehen
1900-1902: 195217,0  
1912-1913: 223230,25
in Berlin (im Durchschnitt)
jüdische        Mischehen      
1875-1880    284146
1881-1890469183
1891-1900574181
1901-1910608252
1911-1914502291

Es wurden Mischehen — stehende — 1910 in Preußen ermittelt: 3643 mit 1675 Kindern davon 782 jüdische, also auf fast 5 Mischehen ein jüdisches Kind.

Stehende Mischehen in Berlin.

  Vater    Mutter    Zahl der Ehen    Kinder    davon jüdische  
ev.jüd.    641  763164
kath.jüd.    81    88  30
sonst.jüd.  105  154  56
Judeev.11241199340
Judekath.  117  119  37
Judesonst.    79    95  64
21472418691

Von 1875-1914 wurden in Preußen 18000 Mischehen geschlossen, wobei die Mischehen nicht ermittelt sind, die zwischen getauften Juden und Nichtjuden eingegangen wurden. Insgesamt müssen es mehr denn 20000 gewesen sein. Gegenüber den jährlichen rein jüdischen Ehen in Preußen von durchschnittlich 2500 bis 2700 handelt es sich um recht respektable Ziffern. Die Großstadt liefert ein besonders reichliches Kontingent. Hamburg, Berlin, Frankfurt und München bezeugen es. Einen Ueberblick über die Mischehen im Reich ergibt[S. 132] die Tabelle, nach der auf 100 jüdische Ehen (1901) 17 Mischehen trafen, die sich bis (1909) auf 25,4 vermehrten. In letzter Zeit scheint die Mischehe 1/8 bis 1/7 der Heiratenden ergriffen zu haben. Die Vermischung kann aber noch zunehmen. Die Verhältnisse in Dänemark ergaben in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts auf 100 jüdische Ehen 96 Mischehen und für Schweden (1901-1908) 135 gemischte auf 154 reine Ehen, so daß selbst in Ländern, in denen eine russische Einwanderung vorherrschte, bei der starken Assimilierungstendenz der Einheimischen eine rasche Vermischung eintrat. Erhebungen aus Italien, Frankreich, Ungarn, Holland, der Schweiz und Australien unterrichten uns über den internationalen Charakter dieser Erscheinung.

Ich habe mich in der ersten Auflage des „Untergangs” mit den Verhältnissen in anderen Ländern eingehend befaßt. Wilhelm Müller spricht vom amerikanischen Judentum im 19. Jahrhundert (Nr. 34 der Zukunft):

„Von den Reformierten sagt der französische Schriftsteller Henry Barky, dass es die wahren Vertreter des Judentums in Amerika seien. Ihre Religion ist Deismus und ihr Ritus ein Ausdruck des Gefühlslebens, der die Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet. Diese Hauptaufgabe erblickt er jedoch in tatkräftiger Verwirklichung sittlicher Ideen. Mit dieser Auffassung nähern sich die Juden den liberalen christlichen Kirchen. Mr. Copp meinte, die religiöse Entwicklung der Juden habe sie dem liberalen Christentum zugeführt. Damit geht Hand in Hand die Abschaffung des Sabbaths, den Rabbiner Dr. Isidor Singer einen alt semitischen Aberglauben nennt.”

Wie das Deutschtum im Amerikanertum aufgegangen ist, so sieht schon jetzt eine Anzahl bekannter Juden die jüdische Zukunft in demselben Licht. Zangwill bezeichnet in seinem Drama: „Der Schmelztiegel”:

..... ein Aufgehen der Juden im Amerikanertum durch Zwischenheirat als das voraussichtliche Los seines Stammes.

Damit fände wie so mancher wegmüde Wanderer auch Israel im großen gastlichen Land der Freiheit Ruhe und Frieden.

[S. 133]

In Sombarts „Judentaufen” verbreitet sich Zangwill über die Bedeutung der Zwischenheiraten.

„Hätte uns der Christ stets christlich angefasst, kein einziger Jude lebte heute in Europa. Ganz abgesehen von den Ereignissen im Ausland, ist in Deutschland die Mischehe kein Produkt des Zufalls, sie ist eine heute weitverbreitete Erscheinung, die bei einigen Wechselverbindungen zwischen Volksteilen, die sich immer mehr ausgleichen, auftreten muss. Die jüdische Gesamtheit bietet wohl noch Differenziertheiten. Diese Eigenart kann von einzelnen Individuen übersehen oder mit in den Kauf genommen werden. Der Jude ist an und für sich keine besondere Erscheinung mehr. Sein Geld, seinen Beruf, seine Anschauungen besitzen auch Christen.”

Zollschan hat in einigen markanten Sätzen zusammengefasst, was zu sagen ist: „Völkerstämme, die untereinander wohnen, vermischen sich stets, wenn die Ehe nicht durch das Gesetz oder die Religion verboten ist. Die Juden wohnen vermischt mit den anderen Völkern. Das Zivilgesetz gestattet heute die Mischehe. Die sexuellen und materiellen Interessen sind mächtiger als jede konfessionelle Schranke, namentlich wenn an diese selbst nur mehr eine blosse Erinnerung besteht. Die statistisch konstatierten Erfahrungen stimmen mit diesem Syllogismus überein.”

Professor Dr. Eduard Steiner, der Kenner des amerikanischen Judentums, befand: „Es ist zweifellos, dass das jüdische Volk in Amerika ernsterer Krisis entgegengeht als einst im babylonischen Exil. Das amerikanische Judentum geht einer Katastrophe entgegen. Der Auflösungsprozess wird nur durch den Zuzug von Juden aus Russland und Polen verzögert. Der Durchschnittsjude hat sich so weit amerikanisiert, dass er bereits vollständig seine Herkunft und Abstammung vergessen hat. Amerikanisierung und Assimilation sind nur zwei Seiten derselben Medaille, sind ein einheitlicher Prozess.”

Ruppin hat in klassischer Prägnanz die Inzucht der Juden gedeutet: „Ob die Juden von ihrem Eintritt in die Geschichte an eine einheitliche Rasse gebildet und diesen einheitlichen Charakter stets bewahrt haben, steht völlig dahin. Als sicher aber kann gelten, dass die Bekenner der mosaischen Religion gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts nach vielen Jahrhunderten strengster Inzucht innerhalb eines relativ kleinen und räumlich beschränkten Kreises eine durch anthropologische Merkmale von ihrer christlichen Umgebung scharf unterschiedene Gemeinschaft bilden. Im XIX. Jahrhundert[S. 134] sind manche Angehörige dieser Rasse von der jüdischen Religion zur christlichen übergetreten, andere haben einen christlichen Ehegatten geheiratet und ihre Kinder dem Christentum zugewendet, sodass sich jetzt Angehörige der jüdischen Rasse auch unter den Anhängern der christlichen Religion befinden. Dem gegenüber sind die Fälle, in denen Christen (d. h. anthropologisch gesprochen Germanen, Slaven u. a.) durch Uebertritt zum Judentum oder auf dem Wege der geschlechtlichen Vermischung mit Juden zu Bekennern der mosaischen Religion geworden sind, so selten, dass man sie ohne erheblichen Fehler ganz vernachlässigen und auch heute noch alle Anhänger der mosaischen Religion als Anhänger der jüdischen Rasse bezeichnen kann.”

Die Inzucht gewährleistet das einzige objektiv jüdische Kennzeichen, erhält die körperliche Eigenart des Juden, während das Bekenntnis der jüdischen Religion oder zur Nationalität nur ein subjectives Merkmal, die momentane geistige Willensrichtung, die Empfindung der Zugehörigkeit darstellt.

Die jüdische Inzucht ist die letzte Komponente, die die Eigenart erhält. Daher sehen die Vorkämpfer der rein religiösen Gemeinschaft die Mischehe, selbst wenn der Partner die jüdische Religion annimmt, durchaus nicht gern. Die Aufhebung der Inzucht bedingt einen Verlust der Eigenart und heißt sich selbst aufgeben.

Für die Umwelt hat die Mischehe keine große Bedeutung. Es hat sich herausgestellt, das die Kinderzahl in jüdisch-christlichen Ehen das Zweikindersystem schon längst verlassen hat und zum Einkind übergegangen ist. (Ueber die Statistik u. dgl. siehe die verschiedenen Arbeiten M. Marcuses u. a. in den Sexualproblemen, 1911, und die 1. Auflage dieses Buches).

Die Entwicklung der Fruchtbarkeit in der Mischehe deutet darauf hin, daß auch hier rationalistische Einflüsse die Geburtenzahlen herabdrücken und wir es mit den allgemeinen Erscheinungen zu tun haben, denen wir allgemein bei der Erörterung des Geburtenproblems [S. 135] näher kamen. Die Anschauungen der Anthropologen, welche diese geringe Fruchtbarkeit auf die Rassenverschiedenheiten zurückführen, wie Lapouge, erscheint mir nicht mehr stichhaltig. Wohl aber mag ein seelischer Reiz oder vielmehr eine psychische Hemmung vorliegen, welche die Ehegatten den Nachwuchs noch weniger erwünscht sein läßt als bei rein jüdischen Ehen. Wegen der Verschiedenheit der Religion bringt die Geburt eines Kindes die unangenehme Frage und die Entscheidung mit sich, in welchem Glauben man es aufziehen soll. Die beste Lösung aller bevorstehenden Differenzen ist und bleibt die Geburtenverhinderung. Umsomehr, als insbesonders beim jüdischen Partner der Wille, den Namen und die Familie zu erhalten, von geringer Bedeutung ist. Vor allem aber sind die Ehegatten überaus moderne Menschen, die in ihrem Liebesleben der Allgemeinheit und der Umwelt keine Konzessionen zu machen wünschen und ihren Bund als die einfache Beziehung zwischen zwei Menschen ohne Berücksichtigung der Interessen der Verwandtschaft, der Rassen oder des Volkes, aufgefaßt wissen wollen. Da die Mischehe gerade in den assimiliertesten Kreisen stattfindet, ist die Unterfrüchtigkeit der Ausdruck der Gebär-un-Freudigkeit (sit venia verbo!) dieser Schichten.

Ich habe in meiner Untersuchung der Entwicklung der Berliner Juden den geringeren Anteil der ausländischen Juden an den Mischehen nachgewiesen. Während im Jahre 1909 der Anteil der Ausländer an jüdischen Eheschließungen 16,4% betrug, waren sie unter den Mischehen mit 10,8 vertreten. Ohne diese Einwanderung wäre der Mischehekoëffizient noch größer.

Bei der Mischehe wird ein hoher Prozent (12 vom 100 nach Dr. A. Kahn) wieder aufgelöst. Die Individualitäten, die in diesen Ehen praevalieren — im Gegensatz zu den Partnern der Konvenienzehe — scheinen rascher davon zurückzutreten, wenn sie ihren Zweck der Ehe d. i. ihr persönliches Glück nicht finden.

[S. 136]

Sombart schrieb in der „Zukunft der Juden”: „Die Kinder, die den Mischehen entspringen, so wunderbar schön und so hochbegabt sie oft genug sind, scheinen doch des seelischen Gleichgewichts zu entbehren, das rassenreine Blutmischung gewährleistet. Wir finden unter ihnen gar zu häufig intellektuelle oder moralisch disäquilibrierte Menschen, die entweder sittlich verkommen oder mit Selbstmord oder in geistiger Umnachtung endigen. (Obwohl sich darüber zuverlässige Aussagen, die auf mehr als der persönlichen Erfahrung beruhen, beim heutigen Stand unseres Wissens Schlüsse nicht machen lassen).”

Derartige Werturteile entbehren vorerst der eingehenden Beweisführung. Einige bekannte Größen, wie Ludwig Gurlitt, Heyse, v. Hofmannsthal, v. Bayer, Nobel, Dernburg entstammen jüdischen Mischehen. Da die Zahl der in Mischehen Geborenen bis zum Jahre 1890 insgesamt nur 12-15000 betrug, so kann man auch nicht verlangen, daß bis jetzt unheimlich viele Genies aus der Mischehe hervorkamen. Kohler meinte zwar in dem Sammelheft über die Judentaufe:

„Nicht reine, sondern Mischrassen haben von jeher die Welt beherrscht und eine der Hauptmischrassen, die Engländer, wären niemals das geworden, was sie sind, wenn nicht das keltische, sächsische und normannische Element in ihnen in so glücklicher Weise vereinigt worden wäre. Eines möchte ich noch bemerken. Eigenschaften, die den Juden zukommen, finden sich auch in der deutschen Nation und zwar in sehr bedeutender Weise vertreten. Auch hier gibt es abstraktdenkende Kinder, auch gibt es Finanzgenies und Menschen von gewaltiger Kombinationsgabe und Suggestivkraft, Allein wir Deutschen sind nun durch den dreissigjährigen Krieg so verödet worden, dass wir im praktischen Leben mit unseren eigenen Talenten allein nicht vollständig das leisten würden, was notwendig ist, damit wir anderen Völkern den Widerpart halten. Das ist der Hauptgrund, der uns die Assimilierung des Judentums wünschenswert macht.”

Der anonyme Verfasser der Broschüre „Der Untergang Israels” wendet sich sehr energisch gegen die Mischehe. „Individuelle Heiraten zwischen Juden und Christen haben physiologisch genommen wenig Zweck. In moralisch, ethisch, historischer Hinsicht halte ich solche Heiraten für direkt verderblich. Verderblich für die Reinheit des Stammes,[S. 137] verderblich für die weitere Durchführung der jüdischen Gesetzgebung, verderblich mit einem Wort für den Geist des Judentums, der aller Stagnation abhold als Fortschrittsfaktor der Weltgeschichte.”

Die Mischehe führt aus dem Judentum heraus. Alle Ziffern ergeben, daß 20% bis höchstens 25% der Kinder im jüdischen Glauben erzogen werden. Bei der an und für sich geringen Fruchtbarkeit der Mischehen bedeutet diese Zahl fast nichts mehr. Beobachtet wird, daß getaufte Juden gern ebensolche heiraten. Diese Erscheinung weist darauf hin, wie unbewusstes Rassegefühl und historische Nachwirkung noch stark im Spiel sind und sich wieder geltend machen (also eine Parallel resp. Contreaktion). Das alles nimmt nicht der Mischehe ihre Aussicht, ihre eigentliche Bedeutung und die Wirkung, die mit Nietzsche in sich sterben läßt und zur Vernichtung auffordert, was reif zum Sterben ist: Geburten zu verhüten, um künftigen Generationen das niederdrückende Gefühl des Elends zu ersparen und somit noch schneller fallen zu lassen, was reif zum Sterben ist; und das, was fällt, nicht zu halten, sondern sogar noch zu stoßen, damit es noch schneller falle ...


[S. 138]

KAPITEL XII.



WIRTSCHAFTSPROBLEME.

Heute gibt es keinen ernsten Beobachter des jüdischen Lebens, der nicht die Abnormität einsähe, die den ökonomischen Grundlagen der jüdischen Existenz anhaftet. Dies ist die historische Krankheit des jüdischen Wirtschaftslebens. Und alle die, die das jüdische Volk an die verdünnte Golusluft ketten wollen, es mit Golusgesängen und Golushoffnungen einlullen — wollen diese Krankheitsverewiger.

Ber Borochow.

In der ersten Auflage dieses Buches habe ich die bekannte Berufsstatistik der deutschen Juden ausführlich wiedergegeben, wovon ich nur das Wichtigste wiederhole. Von der gesamten preußischen Bevölkerung waren 1907 29% in der Landwirtschaft tätig, gegenüber 1% bei den Juden. Im Handel und Gewerbe waren es 55% aller Juden und 13% der Christen. Im öffentlichen Dienst, in den freien Berufen und als Selbständige ohne Beruf finden wir Juden in steigender Zahl (20,8% gegenüber 13,8%). Zwischen den Jahren 1895 und 1907 waren folgende Veränderungen der berufstätigen Juden: In den freien Berufen plus 15000, Industrie plus 13000, Handel 6000, Landwirtschaft plus 700, Dienende minus 1000. Mit anderen Worten: Der Jude drängt vor allem zu den freien Berufen, d. h. zur Kopfarbeit.

[S. 139]

Die geringe Zunahme der preußischen Juden in der Landwirtschaft ist cum grano salis zu verstehen. Von 2355 hier tätigen Juden waren 1406 Frauen, zwischen den letzten zwei Zählungen wurden 162 jüdische Männer weniger und 867 Jüdinnen mehr vorgefunden. Anscheinend wurde früher die Arbeit der Jüdin in der Landwirtschaft statistisch schlecht erfaßt, während heute die Frauen der Juden auf dem Lande, soweit sie im Stall und auf dem Feld helfen, als landwirtschaftlich erwerbstätig gezählt werden. Die Zahl von 949 Männern gegenüber 1406 Frauen gibt zu denken. In der Hauptsache interessiert uns die Zahl der erwerbstätigen männlichen Landwirte, von denen die selbständigen in der Zeit zwischen den letzten Berufszählungen um 30% abgenommen hatten.

Die Landwirtschaft hat bei den deutschen Juden keinen goldenen Boden. Der 12. Jahresbericht des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden verkündet resigniert: „Die meisten der landwirtschaftlich ausgebildeten Eleven haben den Wanderstab ergriffen und sind größtenteils nach Amerika ausgewandert, während einige in Ungarn und neuerdings auch in Palästina Beschäftigung gefunden haben”. Nach diesem Jahresbericht verteilen sich die in der Landwirtschaft hauptsächlich beschäftigten 3727 Juden (wohl in ganz Deutschland gezählt) in

  1. 930 Eigentümer und Miteigentümer,
  2. 126 Beamte, Aufseher, Büropersonal,
  3. 155 Knechte, Arbeiter,
  4. 2887 hauptberuflich mittätige Familienangehörige,
  5. 179 Gärtner und Tierzüchter.

Unter den 930 Eigentümern verstehen sich auch die Großgrundbesitzer und Gutsherren, die sich ein Rittergut anschafften. Die Zahl der wirklichen jüdischen Landwirte ist recht klein geworden und schrumpft immer mehr zusammen. In Bayern gab es

1882      2005 Landwirte = 9,7% aller erwerbstätigen Juden,
[S. 140]1895893 = 3,9%,
1905723 = 2,9%.

Ja, es gibt in Deutschland eine Judenheit, die so gut wie gar keine landwirtschaftliche Bevölkerung unter sich hat, nämlich die sächsische, die insgesamt sieben agrarisch berufstätige ermittelte. Einige Landwirte mehr zählte Württemberg.

Nach Segall (7. Jahrgang d. Zeitschr. f. St. d. J.) war die Beteiligung der Juden in der Landwirtschaft in Deutschland:

  selbst.    Angest.  Mithelf.
  Fam.-Angeh.  
  Arbeiter    Insgesamt  
männliche  {  189516167616793371
19071011702096  5693746
weibliche  {  1895  419  3  7861108
1907  324141688  1492175

Von 5772 in der Landwirtschaft (1907) nach Segall gezählten Juden (nach der Addition wären es 5921!) üben 514 ihren Beruf in den Großstädten über 100000 Einwohner aus, das sind 8,8% aller landwirtschaftlich tätigen Juden. Segall interpretiert diese Erscheinung:

„Dies dürfte vielleicht damit zusammenhängen, dass die Juden in der jüngsten Zeit auf dem Weg über den Kapitalismus zur Landwirtschaft gelangen; der Kapitalismus aber hat seinen Sitz in den Grossstädten.”

Vielleicht meint Segall mit diesem Kapitalismus der Großstädte die reichen Grossgrundbesitzer, die in den Städten wohnen. Es handelt sich allerdings um diese, und um Gärtnereibesitzer und Angestellte, Besitzer von Molkereien und Milchwirtschaften. Der ausgesprochene enorme Rückgang der männlichen Angestellten und Arbeiter in der Landwirtschaft zeugt nicht davon, dass die Juden über den Kapitalismus auf dem Anmarsch zur Landwirtschaft sind. Wenn auch vereinzelte die Landwirtschaft in den Großstädten betreiben, so verschwinden sie und berühmten Rittergutsbesitzer gegenüber den kleinen Landjuden, die ihre Wirtschaft aufgaben.

[S. 141]

Der Friedensschluss von Versailles nimmt den deutschen Juden zwei wertvolle Gebiete, nämlich Elsass-Lothringen und die Ostmark. In beiden fanden sich noch Reste jüdischer Landbevölkerung. —

Alle Untersuchungen ergeben das Einströmen der Juden in die freien Berufe und in die Industrie. 1905 waren unter den preussischen Studenten 7% reichsinländischer Juden (Blau) bei 1% ihres Volksanteiles. Wenn auch viele Akademiker in eine wirtschaftliche Notlage kommen, so entstehen dadurch nicht echte Proletarier mit den Gewohnheiten dieser Klasse, sondern Zwittermenschen, die mit ihren Ansprüchen in der Welt der oberen Zehntausend sich befinden, mit ihren Einnahmen womöglich unter den Arbeitern rangieren. Diese Klasse von Enterbten stellte das höchste Prozent von Ledigen und neigt zur Taufe, weil sie von ihr Wunder erwartet oder führt zu einer Mischehe, weil die jüdischen Gesellschaftskreise den wirtschaftlich unsicheren Kantonisten ihre Töchter nicht anvertrauen.

Die Verpflanzung der Juden in die Handels- und Industriecentren bringt die Juden einander näher und reißt sie auch wieder wirtschaftlich auseinander. Eigenart, Ueberlieferung und ökonomische Voraussetzungen lassen sie gewisse Berufe bevorzugen. Antisemitische Beschränkungen, die ihnen vielfach andere Berufsgelegenheiten nehmen, tun ein übriges und so ist es ein Selbstverständliches, daß sich in der deutschen Judenheit wieder gewisse Domänen und Typen (des jüdischen Konfektionärs, des Agenten, des Anwaltes und des Arztes) herausbilden. Die jüdische Note und Eigenart läßt sich auch in anderen Berufen nachweisen (Warenhäuser, Pelzhandel, Tabakgeschäft, selbst in der Presse). Eines der jüdischen Merkmale ist der Zug des Individualismus, die Sucht sich selbständig zu machen, sowie der Drang, eine materiell möglichst günstige Lage zu erreichen. Nach der statistischen Aufnahme in Berlin im Jahre 1871 (citiert bei Nossig,[S. 142] Materialien z. Stat. d. jüd. Stammes, Wien 1887) ergaben sich schon

unterAdeligenJudenevang.Kath.
100 Arbeitgebern90,271,938,136,9
100 Arbeitnehmern  9,828,161,363,1

Die bayrische Statistik kommt zu denselben Ergebnissen. In dem industriellen Sachsen dagegen fand sich ein geringerer Anteil selbständiger Juden. Trotzdem waren sie unter den Selbständigen immer noch dreimal so stark wie die Katholiken vertreten. In Preußen waren von hundert Erwerbstätigen in der Industrie 5,6 Juden. Unter den Selbständigen waren es jedoch 11,4%. Sombart hat berechnet, daß sie zu 13% die Direktorstellen der Industriegesellschaften besetzen und als 24% der Aufsichtsräte erscheinen. Dieser Aufstieg hat neuerdings scheinbar einen Stillstand erfahren. Entweder sind die Juden gesättigt oder genügsamer geworden. An dem Einströmen in den Beamtenberufen, (1895 gab es im Eisenbahn- und Trambahnbetrieb nur 117 Juden unter 231688 Angestellten) können wir diese Erscheinungen nicht genügend feststellen, da äussere Widerstände ihr Aufgehen in diesen Beruf verhindern. Die antisemitischen Einschränkungen verursachen daher die wiederkehrende Zusammendrängung in einzelnen Berufen und begünstigen die Auswirkung ihrer Eigenart.

Am stärksten aber wird die soziale Eigenart umgewälzt und erschüttert durch das Auftreten der erwerbstätigen jüdischen Frau.

Ursprünglich war ihre Arbeit auf Haus und Hof beschränkt. 1882 fanden sich 16% aller jüdischen weiblichen Personen berufstätig, 13 Jahre später 22%, gegenüber 26,4% der Christinnen, 1907 bereits 24%. Die Zahl der erwerbstätigen jüdischen Frauen, d. h. der Mädchen und Ehegattinnen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Da wir in der Statistik nach Sundberg mit 50% der Bevölkerung im reifen Alter rechnen, waren 1907 bereits die Hälfte aller Jüdinnen im erwerbstätigen Alter berufstätig. [S. 143] Die Unterhaltkosten der Familien werden immer kostspieliger, die Aussichten für die Ehe geringer, so daß bei allem Wohlstand der Juden jede Familie, die nicht unter ihr Niveau sinken will, einen gewissen Kampf mit den Verhältnissen aufzunehmen hat. Viele jüdische Mädchen erlernen heute auch einen Beruf, damit sie nicht mehr beim Staubabwischen der väterlichen Wohnung auf den Freiersmann zu warten brauchen ...

„Die Zeit,” schliesst Henriette Fürth eine Untersuchung über Erwerbstätigkeit und Berufswahl der jüdischen Frau „in der das Biederweib der Bibel als Königin und Herrin am heimischen Herd waltete, ist auf ewig dahin. Das Paradies, das besonders wir Juden in dieser Form besassen, ist und bleibt uns ewig verloren.” Henriette Fürth verspricht sich dafür Ersatz in neuen Lebensformen.

Die Berufstätigkeit der Frau bedingt eine vollkommene Umwälzung der Denkungsweise der Jüdinnen. Auf keinen Fall wird das vorher berufstätige Mädchen, das in der Großstadt eine glänzende Ausbildung genossen hat, im Kreise aufgeweckter Kameradinnen verkehrte und durch die Anschauung des großstädtischen Lebens gegangen ist, eine ungehemmte Fruchtbarkeit entfalten. Sie, die die Unannehmlichkeiten gehäufter Schwangerschaften vom pekuniären Standpunkt wie vom persönlichen übersieht, weiß sich immer mehr in die Zeit zu schicken. Die Spätehe mit allen ihren Folgen und Voraussetzungen ist kinderarm. Aber auch die Frühehen, die heute geschlossen werden, bescheiden sich.

Es ist eine allgemein beobachtete Erscheinung, daß die Geburteneinschränkung gerade bei den wohlhabenden Kreisen einsetzt und später erst die Aufklärung zu den niederen Schichten der Bevölkerung dringt. Es ist übrigens falsch, von den wohlhabenden Leuten eine größere Geburtenfreudigkeit erwarten zu wollen. Da sie entsprechend größere Bedürfnisse haben, mehr Luxus und Aufwand treiben und ihre Kinder am liebsten noch wohlhabender werden lassen möchten,[S. 144] so besteht bei ihnen die fortwährende Angst, durch zu reichen Kindersegen zu verarmen. Wer erst einmal in die Kreise des Kapitalismus geriet, den erfaßt der auri sacra fames und läßt ihn nicht mehr los. Für die Juden war die Erfassung des Geldes als Machtfaktor und Lebensidol geboten.

Im Zeitalter des Rationalismus wurde ihr Losungswort „Business as usual”. Die deutsche Judenheit wurde der Vorposten der neuen Zeit, das Amerikanertum im alten Europa. Dies und vieles andere erklärt die folgenden Statistiken.

Ueber den Volkswohlstand der Berliner Juden (ohne die westlichen Vororte) brachte ich eingehendes Material in meiner Preisarbeit. Ich wiederhole hier einige der Ziffern:

Es betrug das Steuersoll der Stadt Berlin in Mark



1895in %1904/05in %pro Kopf versteuerten
bei den18951905/06

Evang. 1145660561,31900504261,2138,7132,9
Kath.       7769704,215894735,0110,6111,9
Juden     592443131,7855432930,3317,2357,4

18676532100,031568882100,0166,9165,8

Eine bei Nossig zitierte Breslauer Statistik des Jahres 1874 läßt sich in drei Steuerstufen zusammenfassen. Danach gab es unter 100 Breslauern

Armemittlerereiche
Juden36    48,815,2
Christen85,212,9  1,9

Nach Sombart war der prozentuale Anteil der Juden

inan d. Einwohnerzahl    am Steuerbetrag
Aachen1,16  7,79
Barmen0,37  1,75
Beuthen4,0426,9  
Bielefeld1,2    7,2  
Bochum0,9    5,3  
Bonn1,5    3,8  
Brandenburg0,5    2,3  
Bromberg2,8  13,7  
Crefeld1,7    6,6  
Düsseldorf1,1    3,6  

[S. 145]

Nach Sombart war der prozentuale Anteil der Juden

inan d. Einwohnerzahl    am Steuerbetrag
Duisburg0,5  2,1
Elberfeld1,1  3,8
Essen1,0  4,7
Frankfurt a. O.1,2  6,9
Gelsenkirchen0,8  3,0
Gleiwitz3,223,9
Kiel0,3  0,8
Coblenz1,2  0,4
Königshütte1,514,5
Magdeburg0,8  2,7
Mülheim Rhein0,5  2,2
Mülheim Ruhr0,8  2,7
München-Gladb.1,3  6,9
Münster0,6  2,6
Oberhausen0,6  1,6
Osnabrück0,8  2,7
Posen4,224,0
Wiesbaden2,6  8,2

Eine ähnliche Entwicklung zunehmenden Wohlstands (Kapitalvermögen und Einkommen) finden wir bei den Berliner und Badischen Juden (siehe erste Auflage und meine Preisschrift).

Auch die Frankfurter Juden liefern einen wertvollen Beitrag zur Beurteilung dieser Frage. Im Jahre 1902 waren

Steuerpflichtigein %mit einem Steuerbetrag v. Mk.in %
Evang.2487061,03020000= 49,0
Kath.1003024,5  595000=   9,7
Juden  595014,52541000= 41,3
Insges.40850100,06157000100,0

in % aller Zensiten waren vertreten

Evang.kath.Jud.
9500-12000Mk.Einkommen1,80,8  5,2
  über 120004,91,916,5

Allerdings hatten die Frankfurter Juden schon vor Hunderten von Jahren einen gewaltigen Reichtum. Sie versteuerten anno

1556163017001800
  50-100fl.    4      733}
150-950  28    9827314
1000-5000  44  198265
  5000-10000    9    222060
10000-15000    5      3226
darüber    121885
Steuerzahler90  340365485
Seelenzahl550240024003000

[S. 146]

Trotzdem hatten die Frankfurter Juden wie die reichen Spaniolen in Amsterdam und die wohlhabenden Berliner Juden von 1737 eine große Kinderzahl. Von den 120 jüdischen Familien, die es 1737 in Berlin gab, hatten nur 10 weniger als 1000 Taler im Vermögen, alle übrigen 2-30000 Taler und mehr. Von 166 spanischen Juden in Amsterdam, die sich zwischen 1590 und 1650 dort aufhielten, konnte noch von 84 nach 250-300 Jahren die Deszendenz nachgewiesen werden. Kohlbrugge fiel die ziemlich starke Vermehrung und der Erhaltungstrieb dieser durchschnittlich stets reichen Juden auf, aber neuerdings ist die Zahl der Spaniolen in Holland zusammengeschmolzen. Es gab 1910 in Holland

männl.weibl.
  deutsche Juden4774652039
spanische Juden  3079  3545

Ebenso hat Dietz eine recht große Kinderzahl bei den früheren reichen Frankfurter Juden beobachtet. Der Reichtum an sich bietet also nicht die letzte Ursache zu der Destruktion der Familie, sondern der Kapitalismus + Rationalismus.

Die Juden als die Träger des Kapitalismus sind am meisten von den Launen des Kapitals abhängig und von den Schäden der Geldwirtschaft getroffen. Die religiösen Teile des jüdischen Volkes kämpfen um die Suprematie des Geistes über die mächtigen wirtschaftlichen Einflüsse.

Und das ist eines der vielen tragischen Momente: es fiel noch keinem der jüdischen Experten ein, wie viel wir auch über die psychische Infektion, über Feminismus, gehobene Lebenshaltung, Individualismus, Freidenkertum reden — dass jenseits der Einflüsse von Kultur und Wohlstand, Zivilisation und Sitte, Erotik und Ehe, eine Kraft aus dem Dunkeln emporsteigt, die das Sexualleben von der Wurzel her verpestet, ihm den[S. 147] Hauch der Ursprünglichkeit nimmt und die Freude am einfachen Leben zerstört.[31]

Diese Infektion besitzt ihre organische Grundlage in dem Wirken des Kapitalismus, jenes werbenden Geldes, das ohne Sinn und Verstand des Besitzers ihm dauerndes äusseres Glück verspricht.


[S. 148]

KAPITEL XIII.



DAS ENTARTUNGSPROBLEM.

Meinet Ihr, die Welt wird es euch danken, wenn Ihr ein Volk von grossen Leistungen und seltenen hohen Kräften, wenn Ihr euer ruhmreiches Volk in den Tod hinzugeben bereit seid ...?!

Dr. Max Joseph.

Degeneration oder Entartung eines Volkes ist ein täglich gebrauchtes Wort. Die Degeneration, an der einst die alte Welt und heute indianische Völkerstämme, die Neger Australiens und manche Rassen in Afrika zugrunde gehen, bedeutet nicht die echte Degeneration. Geschenke Europas: Alkohol und Syphilis, die Ansteckung mit der Tuberkulose sind äußere Einwirkungen. Die echte Degeneration eines Volkes verlangt eine biologische Entartung seiner Individuen in allergrößtem Umfang. Erst wenn die Qualität des Nachwuchses infolge sozialer und hygienischer Mißstände immer mehr abnimmt, können wir von einer Entartung reden, obwohl wir uns damit einer unsicheren Definition und eines unwissenschaftlichen Schlagwortes bedienen.

Einzelne Rassenforscher haben versucht, Aeußerungen der Psyche gereizter oder auch krankhafter Individuen als Kennzeichen der Entartung anzusehen. Gobineau findet alle Kennzeichen der Degeneration an dem Beispiel von Frankreich: unverhohlene Freude[S. 149] am Läppischen, an der Karrikatur, grausame Jagd auf wehrlose Tiere, abergläubischer Kult von Amuletten, Talismen und Fetische in alljährlich wechselnder Modeform, die Tatsache von Polygamie, rückhaltige Unterwerfung unter die Tyrannei sexueller Sinnlichkeit. Als exakte Wissenschaft kann uns diese Methodik nicht ansprechen, da sie die Zahl der objektiv minderwertigen und krankhaften Subjekte nicht feststellt und einzelne feine psychische Vorgänge zum Maßstabe der Dinge erhebt.

Wir sollten eigentlich von degenerativen Vorgängen sprechen, sobald ein Volk oder eine Rasse statistisch gesprochen, in zunehmender Zahl biologisch minderwertige Elemente aufweist, wenn die Masse der Geisteskranken, sei es durch Vererbung oder durch beträchtliche Kulturschädigungen zunimmt. Für all das wären entsprechende Statistiken notwendig, über die wir nicht verfügen.

Es liegen für die Verbreitung der Geisteskrankheiten unter den Juden Angaben nur bis zum Beginn dieses Jahrhunderts vor. Ich habe sie in der ersten Auflage dieses Buches ausführlich reproduziert. Danach bildeten die Juden in den Jahren 1892-1900 3,5% aller eingelieferten Geisteskranken und somit 300% mehr, als ihrer Verteilung unter der stehenden Bevölkerung entsprach. Die jüdischen Paralyse- (Gehirnerweichung) Kranken waren 1/4 bis 1/8 aller Fälle und beim jüdischen Mann zehnmal so häufig wie bei der jüdischen Frau. Die Paralyse ist eine Folgeerscheinung der Syphilis, die also verheerend zu wirken beginnt. Von den Paralytikern betraf 1/3 Individuen aus belasteten Familien, während Epileptiker zur Hälfte prädisponiert waren. Das letztere Verhältnis wurde auch bei den Idioten festgestellt; die Säufer stammten zu 86% aus normalen Familien. Dr. Max Sichel hat in der Zeitschr. f. Sexualwissenschaft die Paralyse einer sexologischen Beleuchtung unterzogen, im Verlauf deren er die in erschreckendem Maße überhandnehmende Gehirnerweichung feststellt. Sichel hat allein in Frankfurt[S. 150] 127 Fälle beobachtet. „Die Gehirnerweichung ist bei den Juden eine Krankheit jüngeren Datums.” Das starke Anschwellen, auf das u. a. auch Zollschan und A. Guttmann hingewiesen haben, läßt sich immer mehr verfolgen. Es ist die Begleiterscheinung der syphilischen Verseuchung der Westjuden.

Allein an Gehirnerweichung, also nur einem Folgezustand der sexuellen Verseuchung, wurden 1892-1900 740 jüdische Paralytiker in preußischen Irrenanstalten eingeliefert (bei einer Gesamtbevölkerung von 400000 Menschen). Ein beachtenswertes Factum!

Tacitus hat schon von den Juden behauptet, daß sie ein projectissime ad libidinem gens seien. Die Lockerung der nationalen religiösen Vorstellungen, verbunden mit der starken Einwirkung der Eigenart ihrer sozialen Stellung, verstärkt durch das großstädtische Milieu, läßt die Zahl der sexuellen Erkrankungen von Jahr zu Jahr steigen und alle Formen pathologischer Erscheinungen, die hiermit in Zusammenhang stehen, immer mehr in Erscheinung treten.

Der a. o. zitierte anonyme Physiologe meinte, der Jude von heute neige zur Unmäßigkeit. Er sei ein Schlemmer und Prasser geworden und tue des Guten zu viel, das heutige Geschlecht befinde sich im Zustand konstitutioneller Entartung. Hoppe bemerkte das Anwachsen des Alkoholbrauchs bei den Juden; die Zahl der wegen delirium tremens in preußischen Irrenanstalten eingelieferten Juden hat sich von 1878 zu 1900 verdoppelt.

Die Zahl der Blinden und Taubstummen ist hier nur wenig verwertbar.

1895 fand man bei den Christen und bei den Juden

blind6,510,5
und taubstumm    1,81,0
geisteskrank    25,3      29,2

Fishberg folgerte: „So lautet das Ergebnis, daß der größeren Taubstummenrate keine ethnischen Faktoren zu Grunde liegen, sondern lediglich die Tatsache, daß[S. 151] mehr jüdische als nicht jüdische Kinder die früher akuten Kinderkrankheiten überstehen und zwar unter Verlust des Hör- und Sprachvermögens, und daß ihnen die Juden als Städtebewohner mehr als die Masse der Landbewohner ausgesetzt sind.”

Ruppin versuchte eine Berechnung der Militärtauglichkeit der Juden aufzustellen, wobei die Juden ungünstiger abschnitten. Auf der anderen Seite erschien unter den Einwirkungen der guten Ernährung, der modernen Erziehung und der bekannten Sorge der jüdischen Eltern für die Gesundheit der Kinder eine hermetische Erstarkung der jüngeren Generation.

Vor Jahrzehnten glaubte ein Autor (Dürckheim) als ein Gesetz annehmen zu dürfen, daß die Juden nicht zum Selbstmord neigen. Nach v. Mayr kamen Suizide vor in Preußen

bei den Kath.Prot.Juden
1849-55  50160  46
1900-07101252294

und in seinem Werke „Statistik und Gesellschaftslehre” schreibt dieser bekannte Soziologe: „gewaltige Veränderungen zeigt die Selbstmordlichkeit der Israeliten, ein schöner Nachweis dafür, daß hier von natürlicher Gesetzlichkeit nicht die Rede ist, sondern von sozialen Gesetzmäßigkeiten”. Dabei befällt der Selbstmord gerade Individuen mit labilem Nervensystem. Wenn die Ziffer der Selbstmordkandidaten bei den Juden auch an und für sich nicht so groß ist, daß sie die Bevölkerungsmasse erschüttert, so läßt doch der Widerschein dieses grellen Schlaglichtes den Ernst der Situation mitbeleuchten. Näcke kommt mit seiner Definition der Wahrheit am nächsten.

„Die Entartung ist im strengsten Sinne nur ein Krankheitszustand, aber noch nicht Krankheit an sich.” Das Keimplasma ist von einer ungeheuren Widerstandsfähigkeit und Beständigkeit und strebt mit einer bewundernswerten Zähigkeit einer harmonischen Entwicklung nach immanenten Gesetzen der eigenen Organisation zu. In der primitivsten[S. 152] Organisation liegt auch bereits das Streben und die Fähigkeit zur Regeneration, was ebenfalls vollständig ausser Acht gelassen wird, wenn man die Notwendigkeit der schärfsten Auslese predigt. Gewiss gibt es Störungen in der Organisation, Schädigungen des Keimplasmas, die nicht beseitigt werden können, unheilbar sind; aber die Erfahrung zeigt, dass sehr bedeutende Minderwertigkeit der Keimstoffe durch günstige äussere Umstände oder durch Vermischung mit gesünderem Keimplasma ausgeglichen werden kann (z. B. Erlöschen hereditärer Geistesstörung in einzelnen Stämmen).

Die Häufung pathologischer Individuen,[32] die Anzeichen gereizter Psyche, kurz die Menge psychischer und physischer Minderwertigkeit ist kein echter biologischer Prozess, sondern die Folge einer unzureichenden Sozialhygiene.

Die Dekadenz der deutschen Juden ist keine echte, geboren aus der Entartung der Rasse, sondern propagiert aus ungesunder beruflicher Verteilung, Lebensweise und Wohnart. Fishberg urteilt hierzu: „Es sollte aber nicht übersehen werden, dass die Juden seit Jahrhunderten bis auf die Neuzeit in allen Teilen der Welt unter fast identischen sozialen und ökonomischen Verhältnissen gelebt und ungefähr denselben Berufen obgelegen haben, während sie überall denselben Beleidigungen, Zurücksetzungen, Verfolgungen ausgesetzt waren. So hat denn die nämliche Umgebung ein und dieselben pathologischen Resultate hervorgebracht. Die Juden sind somit ein Beispiel zur Illustrierung des Milieus auf die Pathologie.”

Aber im Effekt ändert es nicht die Tatsache. Die Tatsache: Eine steigende Unsumme von physischem und geistigem Defizit.


[S. 153]

KAPITEL XIV.



UEBERSICHT.

Du siehst das Unkraut nicht, wenn es wächst, aber Du wirst es schon sehen, wenn es gewachsen ist.

Hebbel.

Der Untergang eines Volkes ist zumeist kein momentaner, zeitlich absolut kurz begrenzter Vorgang, ist nicht einmal ein absoluter Prozess. Der Untergang der römischen Kulturwelt, der griechischen Völker, der spanischen Weltgeltung vollzog sich in Zeitläuften, die Jahrhunderte umfassten. Der Untergang eines Volkes erfolgt dort am eindeutigsten, wo eine Gemeinschaft durch Aussterben zum Verschwinden gelangt. Man kann dies Ende bei einer Bevölkerung von 600000 Seelen nicht in einer Generation erwarten. Aber alle Bedingungen, Voraussetzungen und Prozesse, welche die Auflösung zum System machen, sind für die Juden Deutschlands vorhanden. Die Juden haben sich in einem Netz verfangen, das mit allen Maschen, mit allen Zusammenhängen an diese Entwicklung verknüpft ist. Die Judenheit ist die großstädtische, kapitalistische, rationalistische Bevölkerungsschicht in der höchsten Potenz geworden. Ihre geistigen, ökonomischen, sozialen und biologischen Verhältnisse und Eigenarten drängen darauf hin, den eisernen Reifen, der das jüdische Volk fest umschlossen hielt, zu sprengen, Religion und Inzucht, die Basis ihrer Existenz zu lockern und alle die Erscheinungen, welche am Rande und im Kern die Zersetzung bedeuten, verstärken zu lassen. Gewiss tritt[S. 154] auf die Ebbe wieder die Flut ein, und es mag Reaktionen geben, welche die Verhältnisse einige Augenblicke aufzuhalten versuchen. Darüber muß man sich aber klar sein, daß den am Werke wirkenden Triebkräften nichts von ungefähr angeflogen ist, dass es sich nicht nur um ein momentanes Gespinst handelt, welches heute die Gemüter ergriffen hat und morgen durch andere Vorstellungen abgelöst werden kann, sondern daß die Einwirkungen und Komponenten, die von Jahr zu Jahr an Macht wachsen und noch zunehmen, ein Konglomerat von Wirtschaftsproblemen, geistigen Vorstellungen, von politischer Konstellation und von Weltbildern bilden, welche in ihren Ursachen kaum in der jüdischen Gemeinschaft allein bekämpft werden können.

Es ist ganz gleichgültig, ob ein Statistiker in sträflichem Optimismus irgend eine kleine Zahl in diesem Buch anders auffaßt, ob ihm irgend eine der Erklärungen nicht zusagt. Es dreht sich hier um die große Frage, ob die Juden an der Spitze der Bevölkerung, welche zur Geburteneinschränkung übergeht, steht, resp. stehen muß, ob die jüdische Bevölkerung zur sexuellen Vermischung sich drängt, ob irgend welche Unterlagen vorhanden sind, die eine Aenderung des Sexualproblems in nächster Zeit erwarten läßt.

Es ist ferner die Frage vorzulegen, ob bei der Näherung der jüdischen und nicht jüdischen Massen eine chinesische Mauer zwischen den Individuen auf sexuellem Gebiet aufgeschlossen werden kann, die auf anderen Gebieten immer mehr niedergerissen wird, ob auf deutsch ein körperliches Ghetto eingerichtet wird, während die geistigen Unterschiede immer mehr zurücktreten. Ja, ob es überhaupt möglich wäre, unter den heutigen Verhältnissen das sexuelle Leben der Menschen in der Weise einzuzwängen, daß sie Ziel und Zweck, bedachte und unbedachte Regungen, Gefühle, und Triebe völlig beherrschen und ihr Ausleben nur in ihrer Eigenart suchen und finden. Mit der Erschütterung der Macht des nationalen und religiösen[S. 155] Gedankens fällt jede Möglichkeit hinweg, die Mitglieder der Gemeinschaft festzuhalten und ihnen bestimmende Vorschriften zu machen. Der moderne Lebenskünstler ist der Pflichten enthoben und keine Schranke hindert ihn, sich im Leben so zu bewegen, wie es ihm der Augenblick eingibt und das Gesetz des Staates erlaubt. Gerade die letzten Jahre vor dem Krieg bewiesen deutlich, daß die Juden ein untergehendes Volk sind, das durch die Preisgabe der religiösen und nationalen Momente die Emanzipation und die Aufnahme in den deutschen Staatsbürgerverband teuer erkaufte.

Allerdings kann die östliche Einwanderung den Vorgang verwischen und eine Entwicklung vortäuschen, die nicht da ist. Es ist zwar zu überlegen, ob diese Zuwanderung beständig bleibt. Es deuten manche Arbeiten (u. a. von Weißenberg) darauf hin, daß auch die Ostjuden langsam aber sicher zu einer Geburteneinschränkung übergehen, und daß sie vielleicht bald keinen Geburtenüberschuß und keine Auswanderung aufzuweisen haben werden. Andererseits ist es nicht sicher, ob die deutschen Grenzen noch lange ihnen geöffnet sind, oder ob nicht andere Länder den Strom der Auswanderer mehr anziehen werden. So ist es leicht möglich, daß die Juden des Ostens nach Rußland und Sibirien, nach Canada, den Vereinigten Staaten, Südamerika oder Afrika insbes. Palästina wandern werden. Das besiegte Deutschland bietet vielleicht bald keine Chancen mehr für einen Zuzug, vielleicht bekommt es sogar eine Abwanderung der eigenen Bevölkerung und auch seiner Juden, wodurch der Abbröckelungsprozeß noch beschleunigt würde. Aber selbst bei einer Immigration in Permanenz gibt sich die Zersetzung innerhalb der deutschen Juden nicht weniger als bedeutsam und die Entwicklung der deutschen Judenheit bleibt erschüttert.[33]


[S. 156]

KAPITEL XV.



SCHLUSS.

Nicht Jeremias Klagereden, sondern Esras Taten haben das Judentum erhalten.

Tänzer.

Nietzsche drückte sich einst drastisch aus: „Wenn die Statistik nichts anderes könne als zu beweisen, dass es Gesetze in der Geschichte gäbe, dann hole die Masse und die Statistik der Teufel.” Mit ihm will ich nicht rechten. Aber mit denen, die überall eine Moral angeklebt haben möchten oder gar mit denen, die immer von einer glücklichen Zukunft träumen.

Von jedem Arzt, der am Krankenlager die Diagnose stellt, verlangt man eine Therapie. Vom Tode gezeichnete Kranke wollen noch Genesungstropfen. Die Natur hat deshalb die Euphorie vorgesehen, die den Absterbenden in eine gehobene Stimmung versetzt, ihnen ein Traumbild von Gesundheit und Genesung vorgaukelt.

So lange das Gesetz von Ursache und Wirkung unerbittliche Wahrheit bleibt, hofft nur der Einfältige auf Zufälliges. Zufälligkeit ist das, was wir nicht zu erklären verstehen. Aber der Weg von der Fülle der Fruchtbarkeit zur Kinderarmut, von der Inzucht zur Vermischung, von dem märtyrerfreudigen Sich-hingeben an die Gemeinschaft zum feigen Verleugnen und willenlosesten Fahrenlassen sind Symptome und Stigmata eines großen Prozesses, dessen Stationen wir überblickten, deren Triebkräfte, Hebel und Gewalten wir[S. 157] befunden haben. Die Emanzipation hat die Schleusen geöffnet und den Strom der neuen Ideale in das Ghetto hineingelassen; das moderne Wirtschaftsleben, das Zeitalter des werbenden Kapitals, der Fabriken und der Technik haben ökonomische Umwälzungen bedingt. Sollen weitere Veränderungen, neue Wirtschaftsprobleme, politische Einflüsse, geistige Vorstellungen und soziale Umwallungen ein Nichts bedeuten?

Gewiß! Wenn sich aber auch von Grund auf das Bild der deutschen Judenheit ändert. Nehmt der ökonomischen Schwere den ganzen Druck (und nicht ein Gramm weniger) und kümmert euch (nicht wie impotente Moralisten) um den starken Trieb der Menschen.

Gebt aber auch der Masse, die sich national und religiös entkleidet hat, keine neuen Surrogate, harmlosen Ersatz, Kinkerlitzchen und Firlefanz. Bringt ihr hebräische Sprache und Kultur, eigene Sitte und Gesetz und zwingt den letzten, dessen kollektives Interesse erlöschen könnte, mit fester Hand, daß er sich nicht entwinden kann, in ein marschfähiges Ganze. Genug der frommen Ermahnungen und des tatenlosen Hoffens. Das Uebel (sit venia verbo) ist viel zu fest mit der ganzen Kultur verankert, als daß man es mit Reden oder Schriften ändern könnte.

Der Appell an den Idealismus in Ehren: Hat nicht das offizielle Judentum auch im vorigen Jahrhundert für die altjüdischen Ideale gekämpft? Gab es nicht ein Heer von Vorständen, Rabbinern, Lehrern, Schriftstellern, die für die Erhaltung und Erneuerung tagtäglich warben? Hat nicht die Pogromgefahr Tausende aufgeschreckt, die ihr Sein längst vergessen hatten? Hat aber das Leben nicht stärker gewirkt und selbst die Orthodoxie von der Frühehe verjagt? Gut, weckt mit Posaunen die Hunderttausende aus der Apathie und Lethargie, erfüllt sie mit neuem religiösen und nationalen Willen. [S. 158]Vor allem schafft ein gesundes Volkstum, Möglichkeiten normalen Liebeslebens, ökonomische Grundlagen, kurz reformiert an Haupt und Gliedern, werdet Juden wie die der früheren Zeiten, modelt eine neue Welt in die opponierende Umwelt, macht ein neues Volk mit neuen oder alten Gesetzen — wo ihr könnt!

Esten, Irländer, und Litauer sind zu neuem nationalen Bewußtsein erweckt worden. Ihnen kam die Einheit und die Kraft des eigenen Grund und Bodens zustatten, Sprache, Sitte und Kultur, politische und wirtschaftliche Interessen, Einflüsse und Beengungen. Andere untergehende Völker fanden nicht mehr den Weg zum Leben. So die Indianer, die aus ihren alten Lebensbedingungen verdrängt, ihrer früheren Kultur entwurzelt, der modernen Civilisation kein Paroli bieten können. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Analogie ihres Schicksals mit dem der Westjuden darzulegen, aber eines gehört festgehalten. Die Indianer haben keine Kulturwerte geschaffen, der Welt keine Bibel, keine Sabbathruhe, kein Recht des Fremden und keinen Menschlichkeitsgedanken gegeben.

„Ein Volk, das von Moses bis zu den Propheten, bis Hillel und Jesus von Nazareth, von Spinoza bis Mendelssohn und Heinrich Heine bis Karl Marx und Lombroso, mit soviel Wirklichkeit und Glanz dem menschlichen Geist und der Civilisation diente, hat seine letzten Worte noch nicht gesprochen,” glaubte bereits 1911 A. Valensis in den „Dokumente des Fortschrittes” profezeihen zu können. Und weiter heisst es dort: „Auf dem Boden seiner Väter physisch neugeboren und der Verwirklichung eines alten durch die soziale Gerechtigkeit verjüngten Ideals nachstrebend, wird es der Menschheit ohne Zweifel eines Tages um so schönere und eigenartigere Früchte bieten, als sie auf den gesegneten Feldern der Freiheit gereift werden.”

Heine meinte, Gott verläßt überhaupt kein Volk, und wenn ein Volk aus Ermüdung oder Faulheit einschläft, so bestelle er ihm seine Wecker, die verborgen in irgend einer Abgeschiedenheit ihre aufrüttelnde Stunde erwarten.

[S. 159]

Und wirklich, in den Jahren, in denen die Zersetzung das europäische Judentum erfaßte, entstand eine nationale Bewegung, welche die Juden von den Einwirkungen der europäischen Einflüsse befreien, die normale soziale Struktur und die jüdische Kultur im Lande der Väter erneuern und dort die sichernde Erhaltung der jüdischen Art bewerkstelligen will.

Und ein gesundes jüdisches Volk wird werden, allerdings abseits von den Trümmern dieser Judenheit und diese Judenheit verachtend;

Diese Pseudojudenheit mit ihrer unjüdischen Politik, mit dem Bruderkrieg aller gegen alle: der Unzahl der religiösen Richtungen, der Nationalen, der Fremdgebürtigen. —

Diese absterbende Judenheit mit unverbesserlichem, fast verbrecherischem Optimismus jener wie im Morphiumrausch Delirirenden oder der im praktischen Pessimismus und im Zynismus Frohlockenden, die rasch das sinkende Schiff verlassen. —

Diese demoralisierte Judenheit, deren Mitläufer im Indifferentismus nur den Sinn auf das eigene Wohl, den Beruf und die Genüsse des Lebens gerichtet haben.

Wie im Jahrmarktstrubel treiben unverständige Millionäre, schwerfälliger Mittelstand, flatterhafte Juden in Ghettofurcht, Angst vor Pogromen, das ganze Unglück einer anormalen Geschichte und eines unnatürlichen Lebens.

Und so bleibt das unglückliche Häuflein der deutschen Juden, schaffenslustig und wissensdurstig, von Erfolgen gesegnet und von Neid und Mißgunst verfolgt. Und ihrem Tun und Leben scheint die alte verklärende Sonne, unbekümmert um die Frage: Ob ihre Gemeinschaft erfolgreich dieses Jahrtausend durchsegeln wird zum sicheren Port, oder ob es wie ein Wrack auf hohem Meer nach vielen glücklichen und schweren Fahrten, von allen Wellen und Winden getrieben, zuletzt ziel- und zwecklos umher gepeitscht,[S. 160] sich mühselig über Wasser hält bis die Fluten über dem lecken Schiff zusammenschlagen.[34].....


Anmerkungen:

[1] Deut. XXXII, 47. „Es ist kein leeres Wort für Euch, sondern es ist Euer Leben ...” und Deut. XXX., 19: „Siehe ich nehme heute den Himmel und Erde zu Zeugen, daß ich vor dich gestellt Leben und Tod, Segen und Fluch. So wähle denn das Leben, auf daß du lebst, du und deine Nachkommenschaft!”

[2] Eine übersichtliche, kurze und systematische Zusammenstellung der praktischen Gebote des Talmud wurde unter diesem Namen von Joseph Karo im 16. Jahrhundert zusammengefaßt. „An diesen Codex hat sich die orthodoxe Judenschaft in den letzten Jahrhunderten gehalten.” (Nossig a. O.).

[3] Trotzdem oder vielleicht eben deshalb, war es mir nicht möglich, die Segallschen Einzelheiten, soweit sie statistisch irreführend waren, in der Zeitschrift für Statistik einer Entgegnung zu unterziehen. Der Vorsitzende des Verbandes, Geheimrat Dr. Maretzki, hatte mir zwar die Aufnahme des Artikels zugesichert, die Redaktion verweigerte aber seine Aufnahme.

[4] Vor allem erwiesen sich hier durchaus entgegenkommend: Das Hamburger Israel. Fam.-Blatt, die Frankfurter Jüd. Presse und die Jüd. Rundschau, sowie das Schweizer Israel. Wochenblatt.

[5] Levit. XXVI: „Und wo Ihr mir entgegenwandelt — sollt Ihr untergehen unter der Umwelt und deren Geist wird Euch aufsaugen. Und der Rest wird verdorren, infolge seiner Sünden und infolge der Sünden ihrer Väter ...”

[6] Azulai, der große italienische Talmudgelehrte hat in seinem Schem ha Ketolim vor 100 Jahren die These aufgestellt, daß es das Los der Juden sei, in der Diaspora in einem Lande zu blühen und in einem anderen zu sterben, nur im Wechsel ruhe sozusagen das Gleichmaß.

[7] Für Hessen findet sich die Zahl im Staatsarchiv zu Marburg. Im Jahre 1689 wurden 2566 Juden gezählt. Eine Feststellung für Deutschland ist m. E. noch nicht getroffen.

[8] Die gesetzestreuen Kreise zählen nach Schätzungen, die (u. a. geben die Anmeldungen zum Bezug von rituellen Lebensmitteln einen Anhaltspunkt) etwa 1/5 der deutschen Juden, wobei man als gesetzestreu alle die bezeichnen kann, die den Sabbath heiligen und die Speisegesetze beobachten. Wer die als gesetzestreu anerkennen wollte, die die Sexualvorschriften befolgen, würde in Deutschland wenige finden, die sich an das Gesetz halten. Denn so peinlich stellenweise die Sabbathheiligung durchgeführt wird, so lax stehen dieselben Kreise den sexuellen Forderungen gegenüber. Die Zahl der orthodoxen Juden nimmt übrigens beständig trotz des östlichen Zuzuges ab. Ein Blick in die Verschiebung des Wohnaufenthaltes bezeugt diese Tatsache insofern, als die dörfischen und kleinstädtischen Juden zum kleinsten Teil neolog, die Großstädte in der Hauptsache freisinnig sind. Darüber kann uns nicht hinwegtäuschen, daß die Orthodoxie der Städte neuerdings besser organisiert ist und das sie infolge des starken Zuzuges an Zahl gewonnen hat. Wir können annehmen, daß 1870 noch die Hälfte der deutschen Juden als gesetzestreu anzusprechen war, während die im letzten Krieg ermittelten Zahlen von 25% rituell lebenden Juden noch Teile bergen, die nur zu Hause die jüdische Küche beachten, im übrigen aber nicht mehr als Anhänger der Orthodoxie anzusprechen sind.

[9] Noch im Jahre 1462 erließ Markgraf Albrecht von Brandenburg die Erklärung: „... denn so ein yeder Romische Konig oder Kayser gekrönet wird, mag er den Juden allenthalben im Rich alle jr güt nemen, dazu jr leben und sie töten bis auf ein anzal, der lutzel (klein) sein soll, zu einer Gedechtnis zu enthalten ...” zitiert nach der Schrift von Dr. Ludwig Davidsohn „Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Berliner Juden vor der Emanzipation” (Verlag L. Lamm Berlin 1920).

[10] 1832: 874, 1849: 1022, 1867: 2103.

[11] Wenn Segall trotz allem die Einwanderung als eine vorübergehende Erscheinung abtut, die das Bild der Entwicklung der deutschen Juden nicht aufs wesentlichste mitbestimmt, dann gehört diese Annahme zu den willkürlich getroffenen Konstruktionen, die zur Verdunkelung des Tatbestandes dienen sollen.

Segall schrieb diese Behauptung im Jahre 1911 in seiner Abfertigung meiner Arbeit, als ihn jede großstädtische Synagogengemeinde an der Hand der Steuern, der Eheschließungen, der Todesfälle belehren hätte können, (was er übrigens von jedem Kinde in der Grenadierstraße auch so erfahren haben würde). Wissenschaftlich hätte er sich an Hand der Zählkarten der Stadt Berlin der Tatsachen überführen können. Leichtfertig, wie Segall mit seinen wissenschaftlichen Behauptungen auftritt, fiel es ihm garnicht ein, irgendwelche Unterlagen für seine Thesen zu suchen.

[12] 1840: sogar 70%.

[13] 1840: sogar 58%.

[14] Nach Heinrich Löwe waren 1817 2/3 der preußischen Juden polnischer Abkunft, woraus die Bedeutung der Ostmark für die preußischen Juden klar hervorgeht.

[15] In der Februarnummer 1920 der Neuen jüdischen Monatshefte habe ich in einem Aufsatz „Die Nemesis des deutschen Antisemitismus” weiteres Material zur Ostmarkenpolitik niedergelegt.

[16] Rückgang erst seit 1905.

[17]

1885:65611 = 4,45%
1895:94391=4,48%
1900:130487=4,3%
1910: 142289=4,05%

[18]


Die Zunahme von Groß Berlin war 1880/90 = 19000
Die Zunahme von Groß Berlin war 1891/00 = 26000
Die Zunahme von Groß Berlin war 1901/10 = 35000

[19] Eine ähnliche Umschichtung nimmt in jeder gemischten Bevölkerung der geistig regsamere Teil vor. In Amerika und im Orient werden die schwerfälligeren und stumpferen Nationalitäten länger in den schlechter entlohnten Arbeitsformen festgehalten, während die agileren und sensibleren das großstädtische, kommerzielle und akademische Element stellen, (z. B. im Orient: Griechen, Juden, Armenier, Türken, in Amerika: Juden, Deutsche, Engländer, Iren, Italiener, Polen, Neger). Selbst in Deutschland zeigen sich ähnliche Differenzierungen zwischen der katholischen und evangelischen Bevölkerung, diese dringt in katholische Gegenden ein und besetzt die lohnenderen Berufsarten. Der ewige Jammer darüber, daß die Katholiken in Deutschland so wenig an der Spitze der Nation stehen, hatte neben der sicher unberechtigten Zurücksetzung auch seine Ursache in der tatsächlich geringeren Zahl von Akademikern, Großindustriellen und Großkaufleuten, wobei den Katholiken, die in den alten Kulturgebieten Deutschlands am Rhein und in Süddeutschland wohnen, alle Wirtschaftsvorteile und alle geistigen Vorbedingungen gegeben waren.

[20] Von mir ergänzt.

[21] Ueber die Zahl der Austritte siehe in dem betr. Kapitel.

[22] Die schönfärbenden Statistiker belieben diese Ziffer zu unterschätzen.

[23] Ohne die Kriegsverluste bei gedachter günstiger Friedenssterblichkeit.

[24] Darunter 129 Militärpersonen.

[25] Nur die über 14jährigen. Die Taufe der Kinder ist damit nicht erfaßt.

[26] Die Bevölkerungsabnahme der Juden Wiens war somit vor dem Weltkrieg jährlich über 500, da die Austrittsziffer nur die amtlich registrierten ausscheidenden über 14 Jahre alten Personen erfaßt.

[27] Es handelt sich um Berlin allein, Groß Berlin würde noch beweiskräftigere Zahlen liefern. Für den Westen liegt kein Material vor.

[28] Der eine Sohn war der Bassist Lindeck, der andere, allerdings nicht getauft aber wohl Dissident, der bekannte Münchener Hofkapellmeister und Wagnerdirigent.

[29] Emin Pascha, der als Jude geboren, später getauft wurde, trat zum Mohammedanismus über und wurde schließlich wieder Christ. Familien in denen die Kinder z. T. katholisch z. T. evangelisch getauft waren, sind keine Seltenheit.

[30] Von den in Preußen ermittelten Mischehen befindlichen 3643 Kinder waren 792 im jüd. Glauben erzogen. Also 22%, eine Ziffer, die fast in allen Auszählungen wiederkehrt, wonach jedes 4.-5. Kind aus Mischehen in der mosaischen Religion erzogen wird.

[31] Das XIX. Jahrhundert erfüllte der Kampf um die politischen Rechte des Individuums und die nationale Selbstständigkeit der Völker. Dem neuen Zeitabschnitt scheinen grosse soziale Auseinandersetzungen vorbehalten zu sein. Ob es gelingt, das einzelne Individuum vom Druck der Wirtschaftsverhältnisse frei zu machen, kann nur die Zukunft lehren. Vorerst hängen die Juden wie keine zweite Klasse von allen Vibrationen des Wirtschaftsmarktes ab und reagieren wie ein feines Metall auf alle Stösse des ökonomischen Lebens.

Im Mittelalter waren die Juden die Träger des Geldhandels, in der neuen Zeit sind sie die Träger des Kapitalismus, Begriffe, die man nicht ohne weiteres gleichsetzen darf. Es wäre lohnend auf alle diese Probleme einzugehen.

[32] Hierher gehören auch die sich mehrenden Fälle anormalen Sexualempfindens oder minderer Potenz.

[33] Denn es bleibt eine Tatsache, daß die Ostjuden sehr rasch die Sitten und Gewohnheiten der Westjuden annehmen, weil sie in denselben Kulturkreis unter denselben Voraussetzungen und Bedingungen eintreten.

[34] Jenseits der deutschen Grenze vollzieht sich in umgekehrtem Maßstab der Neuaufbau eines jüdischen Palästina und löst so das Wort des Profeten Jesaias ein: „Und wenn auch nur ein zehntel bliebe: — wie eine Eiche oder eine Terebinthe, wenn sie das Laub abgeworfen doch den Schein behält: so wird auch der heilige Stamm Bestand haben, und Amos beschließt diese Profetie in dem letzten seiner Bücher:

Alle Sünder in meinem Volk sollen durchs Schwert sterben, die da sagen: Es wird das Unglück nicht so nahe sein, noch uns begegnen. Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Lücken verzäunen, und was abgebrochen ist wieder aufrichten und will sie bauen wie sie vorzeiten gewesen ist.

Denn ich will das Verhängnis meines Volkes Israel wenden, daß sie sollen die wüsten Städte bauen und bewohnen, Wein, zu pflanzen und Wein davon trinken, Gärten machen und Früchte daraus essen.

Denn ich will sie in ihr Land pflanzen, daß sie nicht mehr aus ihrem Lande ausgerottet werden, das ich ihnen gegeben habe, spricht der Herr, dein Gott.”

Und in dem Sinne kann das Wort des Propheten Jeremias gelten:

Es bleibt Hoffnung für Deine Zukunft!”

 

Anmerkungen zur Transkription:

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang verschoben.

Wortanfänge Ae, Oe, Ue wurden nicht in die entsprechenden Umlaute Ä, Ö, Ü geändert. Interpunktion wurde ohne gesonderte Erwähnung korrigiert.

Das Cover wurde im Rahmen der Transkription erstellt und ist frei von Urheberrechten.

Die Zahlen in den letzten beiden Spalten der ersten Tabelle auf Seite 92 stimmen nicht mit den Summen der vorderen Spalten überein. Die Werte wurden so belassen. Auf Seite 103 gab es einen Fußnotenanker * ohne Fußnote. Dieser bezog sich anscheinend auf die Fußnote auf der vorhergehenden Seite und wurde an beiden Stellen so belassen. Die Summen in der zweiten Tabelle dieser Seite sind im Originaltext fett markiert, es ist keine Markierung in diesem Text vorhanden. Auf Seite 145 sind in der Tabelle zum Steueraufkommen die Werte korrigiert worden bei Katholiken von 5950 auf 595000 und bei Evang. von 4,9 % auf 49,0 %.

Folgende Inkonsistenzen wurden belassen, da beide Schreibweisen üblich waren:

Im Text wurden weiterhin folgende Änderungen vorgenommen:

Anmerkungen zu nicht vorgenommenen Korrekturen: