The Project Gutenberg EBook of Rueckblicke, by Dr. rer. pol. Walter Gruenfeld ** This is a COPYRIGHTED Project Gutenberg eBook, Details Below ** ** Please follow the copyright guidelines in this file. ** Copyright (C) 1998 by Frank Dekker This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. You can also find out about how to make a donation to Project Gutenberg, and how to get involved. **Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** **eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** *****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** Title: Rueckblicke Author: Dr. rer. pol. Walter Gruenfeld Release Date: December, 2004 [EBook #7049C] [Yes, we are more than one year ahead of schedule] [This file was first posted on February 28, 2003] Edition: 10 Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, RUECKBLICKE, BY GRUENFELD *** Copyright (C) 1998 by Frank Dekker Rueckblicke Dr. rer. pol. Walter Gruenfeld Inhaltsverzeichnis Kapitel 1 Fruehes Panorama und Vorgeschichte Kapitel 2 Die Familie und Kattowitz Kapitel 3 Kindheit und fruehe Jugend Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen Kapitel 5 Als Student in der Weimarer Republik A) Berlin a) Leben und Studium b) ... und politische Betaetigung B) Muenchen C) Zwischen Breslau und zu Hause Kapitel 6 Nach dem Ende von Weimar Kapitel 7 Emigration nach Hause, in Polen Kapitel 8 Der 2. Weltkrieg bricht aus Kapitel 9 Kriegsfluechtling Anmerkungen Literatur Kapitel 1 Fruehes Panorama und Vorgeschichte Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster Panewnik durch einen damals reichen, gruenen Laubwald zurueckwanderte und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhoehe, ein gutes Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und einigen noch weiter westlich und oestlich gelegenen Industriegemeinden, aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren. Und dort lebten wir also. Musste man also jetzt dorthin zuruecklaufen? Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, dass ich das als Kind gefragt habe. Fuer mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen- und Zinkhuetten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der und mit der man lebte. Ja, es gab dort oft so einen Geruch und Geschmack nach Rauch, er war wuerzig, man kannte ihn. Aber die Natur reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld, teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rueben, teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren. Dann weiter im Sueden begann der Wald, das waren die Auslaeufer der grossen Waelder des Fuerstentums Pless, die etwa dreissig Kilometer bis Pless sich ausstreckten. Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen. Da war nicht nur eine Gartenwirtschaft, sondern auch eine grosse Kohlengrube, die eigentlich in einer sehr grossen Lichtung im Wald lag. Weiter suedlich lag dann in den Plesser Waeldern der Paprozaner See. Dort gab es nicht nur das Jagdschloesschen Promnitz. Da war auch einmal ein "Eisenhammer". Man konnte die Ueberreste noch sehen. Es wurde viel Holz und Holzkohle dafuer gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhuettung zu den Kohlenfloezen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das oberschlesische Industrierevier. Es entstand aus alten Dorfgemeinden die Kette von Industrieortschaften. Vor allem an den Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander ueber. Dazwischen waren groessere und alte Staedte wie Beuthen und die viel juengere, erst im 19. Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz. Die Orte hatten eine oder mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten Eisenhuetten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und -huetten. Das war ein frueher Eindruck meiner Kindheit. Wir lebten in Kattowitz, ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft. Das waren etwa eineinhalbstuendige Wagenreisen, spaeter nach 1918 nur noch halbstuendige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers, etwa fuenfzehn Kilometer. Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders russig und rauchig. Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien zeigen kaum Spuren von den grossen Konflikten spaeterer Jahre und wie man von Heute darauf zurueckblickt. Ich war 1908 in Kattowitz geboren. Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkaempfe der Weimarer Republik und des unabhaengigen Polens und dann die Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat. Ueber den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden. Die Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch sprechenden Oberschlesiern durchscheinen liess, und durchsetzt war mit manchen heimischen polnischen Kraftausdruecken. Es war eine recht hart klingende, aber eine gemuetliche Sprache. Bei uns zu Hause, in der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die Kraftausdruecke und der Akzent waren verpoent, aber das oberschlesische Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit. Auch das Polnisch hoerte man. In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen, aber polnisch hoerte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern und Baeuerinnen der Umgebung, die man bei den taeglichen Spaziergaengen traf, oder wenn man auf den Markt mitging. Aber mir fehlte als Kind das Gefuehl fuer eine starke Spannung zwischen deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, dass diese Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war. Es ist richtig, Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und Zeitungen, Wahlkaempfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914. Wenn man ueber die Jahrhunderte zurueckblickt, dann war Schlesien, und besonders Oberschlesien so stark und haeufig ein Gebiet der Uebergaenge, mit wechselnden Siedlungseinfluessen und politischen Oberhoheiten. Die Bevoelkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die Zeichen davon. Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in Oberschlesien gesprochen wurde. Es hatte ja lange getrennt vom polnischen Hauptland und zeitweise unter boehmischen (tschechischen) und deutschen Einfluessen gelebt, die zu dieser Dialektbildung beigetragen hatten. Die Suedostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag, war so ganz besonders ein Grenzland. Wenn man an klaren Tagen nach Sueden sah, oder gar suedlich auf dem Wege nach Pless fuhr, dann sah man die Gebirgskette der Beskiden, des noerdlichen Teils der Karpaten, das war in Oesterreich. Es war das oestereichische Schlesien, das der preussische Koenig Friedrich der Grosse am Ende seiner Schlesischen Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen musste. Wenn man auf einem groesseren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt, wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen deutsch mit einem oesterreichischen Akzent. Sie waren in oesterreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es preussische. Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze. Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo das deutsche, oesterreichische und russische Kaiserreich zusammenstiessen. Fuer uns als Kinder war diese Idee natuerlich faszinierend. Aber die russische Grenze lief noch naeher bei Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natuerlich die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des russichen Zaren stand. Mein Grossvater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz. In Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere saechsische Textilindustrielle niedergelassen. Mein Grossvater und Vater hatten die Bauten ausgefuehrt, und waren mit der Familie Dietel befreundet. Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen. Ihr Wagen mir Pferden wurde bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz zum Einkaufen kam. Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus Russland kam. Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und Fremde aus der Welt meiner Kindheit und frueheren Jugend. Es waren Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien", so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der preussischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer Jugend erschien. Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu werfen. Bereits fuer die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen Historikern. Schriftliche Ueberlieferung beginnt spaet, aber archaeologische Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der Fruehgeschichte des oestlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit vor der Voelkerwanderung. Vor den Kelten und nachwandernden Germanen weiss man heute ueber die vorherige Bevoelkerung und ihre Kulturen, sieht frueheste Einfluesse ueber das Donaugebiet von Sueden(1), mit eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien. Nach polnischen Auffassungen (2) waren Traeger dieser fruehen Kulturen bereits indogermanische, naemlich slawische Staemme, so die bekannte Lausitzer Kultur, und die spaeter erscheinenden Kelten und Germanen nur durchwandernde Voelker, die voruebergehende Herrschaft ueber bestehende Urbevoelkerung ausuebten, aehnlich wie man es von Awaren oder Hunnen weiss. Andere bleiben bei frueherer Auffassung, dass slawische Staemme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerueckt sind. Als fruehe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr ein Grossmaehrisches Reich, bald ueberholt vom Boehmischen Reich der Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen Bistuemern her zum roemischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in die abendlaendische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht, von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht. Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter dem Piasten Mieszko I. entwickelt. Unter dem Einfluss sowohl von Boehmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, ueberragte es bald das aeltere Boehmen und eroberte Schlesien, das fuer Jahrhunderte nun Gebiet wechselnder Einfluesse und oft erneuerten Streits zwischen Boehmen und Polen bleibt. Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtuemer. Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und im suedlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit wechselte und fiel schliesslich durch Vertrag 1335 an die boehmische Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten. Die Mongoleneinfaelle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum Benefit fuer ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und deutschen Kraeften aufgehalten worden, aber grosse Verwuestungen blieben. Vielleicht waren diese Anlass fuer verstaerkte Siedlung von Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Kloestern, bestehend aus baeuerlicher und staedtischer Siedlung, beide unter aus deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch ueber Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde. Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert, hinterliess unterschiedliche Spuren in der Bevoelkerung, das Bild veraendert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende Umgebung. Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwaegerung schlesischer Piastenherzoege mit deutschen Fuerstenfamilien koennten mit ein Antrieb gewesen sein fuer die Entscheidung schlesischer Piasten fuer boehmische statt polnischer Oberhoheit. Man muss aber wohl vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer Entscheidungen. Schlesien blieb nun bei der boehmischen Krone fuer 400 Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen, ungarischen und dann polnisch-jagiellonischen Interregnen zwischen Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles 1526 ererbten. Die Reformation drang frueh in Schlesien ein. Die Struktur der Herrschaft hatte sich geaendert. Die schlesischen Piastenherzogtuemer fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an auswaertige Fuersten, darunter auch Hohen- zollern, oder wurden durch Prag an Neuankoemmlinge vergeben. Die schlesischen "Staende" wurden somit eine immer komplexere Versammlung. Die adligen Staende Boehmens und Maehrens hatten waehrend der Wirren um die boehmische Krone sehr an Macht gewonnen. Das trug dazu bei, dass die Reformation in Boehmen und Maehren besonders grosse Fortschritte machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einfluessen aus verschiedenen Richtungen. In Polen machte die Reformation zunaechst auch Eindruck und findet Anhaenger auch unter polnischen Adligen und Gemeinden in Oberschlesien. Es war nicht so, dass mit dem Uebergang der Hoheit an Boehmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehoert haette. Es bestand weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen Dekanate mit dem Bistum Krakau. Auch zum Universitaetstudium gehen Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehoerigen Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4). Die Erwaehnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort spaeter die ersten Spuren unserer Familie Gruenfeld in Oberschlesien finden. Die Gegenreformation, mit aeusserster Strenge von den Habsburger Kaisern in Schlesien durchgefuehrt, reduzierte hier den Protestantismus bald, aber in Boehmen blieben die Beziehungen der Staende mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, dass von dort der dreissigjaehrige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte. Wallensteins und Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der Rueckschlag im Wohlstand Schlesiens ueberwunden war. Eine notwendige Anmerkung Nach dem Rueckblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien, der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine Familie dann im fruehen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu erinnern, dass dies eine juedische Familie war, und das Schicksal der Juden in Oberschlesien, wie in Europa ueberhaupt, noch eine besondere Betrachtung erfordert. Einer muendlichen Tradition nach soll unsere Familie aus Maehren nach Oberschlesien gekommen sein und urspruenglich aus Iglau stammen. Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen juedischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein koennte, von der wir gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in Maehren. Frueheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte Kaufleute" in Maehren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer Ansiedlung wird erst fuer das 12. Jahrhundert angenommen (5). Man bemerkt sie als staedtische Siedlung, wie in den deutschen Staedten Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz fuer Juden als Minderheit. In Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam fuer deutsche, flaemische und juedische Kaufleute geregelt, und in Maehren zuerst im Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine der groessten juedischen Gemeinden Maehrens hatte, aber 1426 wurden die Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten unterstuetzt haetten. Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbststaendigen Staedten, wegen des mehr gebraeuchlichen Vorwurfs des Wuchers. Gewiss hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Staedter mit religioesem Eifer neuer Herrscher gepaart. Die maehrischen Juden fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertaenigen Staedten, konnten dort und auch den angrenzenden Doerfern, die oft demselben Adligen gehoerten, Handel treiben (6). Sie konnten auch an den regelmaessigen Maerkten in den groesseren Staedten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von Besuchergebuehren. Die schon erwaehnte unabhaengige Eigenwilligkeit des Adels in Maehren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von Protestanten, sondern auch im zaehen Widerstand gegen Beschraenkung ihrer Moeglichkeiten, von wirtschaftlicher Taetigkeit von Juden Gebrauch zu machen. Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden Paechter oder Verleger fuer neue gewerbliche Betriebe adliger Gueter, wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7). Der Refugiumcharakter Maehrens dehnte sich auch auf die Maehren benachbarten Gebiete der einstigen oberschlesischen Herzogtuemer Ratibor und Oppeln aus (8). Maehren wurde auch Refugium fuer andere Juden, so bei Judenvertreibungen aus Wien, waehrend der Wirren des dreissigjaehrigen Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im oestlichen Polen (Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der wirtschaftlichen Gegnerschaft der Staedte gegen die Juden gepaarte antijuedische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in den beiden Staedten Glogau und Zuelz gab, aber sich im suedlichen Oberschlesien eine kleine juedische Bevoelkerung auf dem Land erhalten konnte. Wirtschaftliche Beduerfnisse aber sprachen fuer Aufrechterhaltung juedischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den staedtischen Maerkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9). Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr Vater, die Beschraenkungen gegen juedische Residenz auch in Boehmen und Maehren wieder zu verstaerken, und 1744 verfuegte sie die Ausweisung aller Juden aus ihrem "Erbkoenigreich Boeheimb" wegen vermeintlicher preussenfreundlicher Haltung der Juden waehrend des Schlesischen Kriegs (10). Das betraf auch Maehren. Die Fristen wurden oertlich verschieden verlaengert. Es scheint also, dass Zuwanderung von maehrischen Juden in das nahe, unterdess zu Preussen gehoerige suedliche Oberschlesien gerade fuer diese Zeit gut erklaerlich ist. Kapitel 2 Die Familie in Kattowitz Diese fuehrt uns zu den Anfaengen juedischer Emanzipation, etwas vom Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Staedte wie Sohrau, dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der Entstehung der Stadt Kattowitz. Die deutsch-polnische Problematik stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preussen gefallenen Provinzen Posen und Westpreussen, aber spielt auch eine Rolle im stark polnisch-sprechenden Oberschlesien. Wir denken an kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz, in der ich dann 1908 geboren wurde. Meinen Urgrossvater Hirschel Gruenfeld findet man in der Liste der durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preussischen Staatsbuergern werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau. Nach dem Tod seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (spaeter Louise) Huldschinsky (4). Diese neue Familie Gruenfeld hat dann drei Soehne und fuenf Toechter bis Hirschel Gruenfeld 1840 in Sohrau stirbt. Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen, hoechstens von der Umgebung, in der er gelebt hat. Das Dorf Woschczytz, schon von mir erwaehnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer Wasser- und Saegemuehle und einem Frischfeuer, 57 Haeusern und 352 Einwohnern (5). Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in Oberschlesien wird es fuer 1693 erwaehnt (6), aber bereits fuer 1678 erscheint ein juedischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7). Die Naehe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch juedische Kaufleute nach dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung fuer sie in Sohrau begrenzt war. Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll- und spaeter Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern. Hirschel Gruenfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben. Ueber Umfang und Erfolg seines Geschaefts haben sich in der Familie keine Informationen erhalten. Er starb mit etwa 60 Jahren, seine Frau war wesentlich juenger, das juengste der acht Kinder wurde erst im selben Jahr geboren. Eine Schwester der Frau hatte den Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet. Mein Vater hat oft betont, dass die Familien eng zusammenlebten, auch dass die Familie Loebinger ebenso wie die Gruenfelds von Maehren nach Oberschlesien gekommen waren. Die beiden aelteren Soehne Hirschel Gruenfelds verliessen Sohrau bald nach seinem Tode, also noch sehr jung, naemlich Abraham, geboren 1823 und Isaak, spaeter Ignatz genannt, geboren 1826, mein Grossvater. Er wird spaeter ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf- und Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederlaesst. Einen Abraham Gruenfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer bezeichnet, manchmal als Kaufmann. Auch meine Urgrossmutter hat noch bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch fuer meinen Vater eine Art Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute nachtraeglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt eine sehr ausfuehrliche Stadtgeschichte (9). Meine Heimatstadt Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Haelfte des 19. Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem buergerlichem und Zunftleben, ueberwiegend katholisch geblieben. Ich fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgrosseltern das Leben sich da veraenderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was man ueber die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen kann. Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange verbunden. Schon fuer 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt erwaehnt (10). Die Staedte liessen Juden zu ihren Maerkten zu, auch wenn sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften. Erst fuer das 18. Jahrhundert hoeren wir dann von juedischen Einwohnern. 1791 leben aber an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstaedten". 1856 waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken Zuzug juedischer Familien vor allem aus den Doerfern der Kreise Rybnik und Pless erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab juedische Lehrer. Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden. Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur einzelne juedische Familien in einem Dorf lebten, gab es die Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch zunaechst in Sohrau. Die oeffentlichen beaufsichtigten Schulen, die eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der juedischen Gemeinde oblag nach Emanzipation, fuer die vorschriftsmaessige Schulung ihrer Kinder zu sorgen. Fuer kleinere Gemeinden war es finanziell nicht einfach, den neuen behoerdlichen Verpflichtungen fuer die Erziehung ihrer Kinder nachzukommen. Ein System, junge juedische Leute als Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen. Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genuegen, wurden aber an dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die juedische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, fuer die von ihr angestellten Lehrer behoerdliche Genehmigung zu bekommen. Viele konnten die nachtraeglich abzulegenden Examen nicht bestehen. So gab es einen haeufigen Wechsel. Zeitweise konnte die Gemeinde eine juedische Volksschule oder sogar einige Klassen einer fortgeschrittenen Schule unterhalten. Wenn in katholischen Volksschulen Platz war, konnten juedische Kinder auch aufgenommen werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche juedischen Familien das sogar bevorzugt und sich fuer die Aufrechterhaltung juedischer Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben. Aber noch 1858 muss eine juedische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen kein Platz ist. Dazwischen gab es auch einen christlichen Privatlehrer, der eine Schule fuer die protestantischen und juedischen Kinder unterhielt. Wenn Kinder in nichtjuedische Schulen gingen, musste die Gemeinde fuer ihren Religionsunterricht durch einen hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen. Als solcher wird fortlaufend A. Gruenfeld erwaehnt (11), auch noch fuer 1858. Als Religionslehrer taetig, blieb er also wohl der juedischen Tradition verhaftet. In der juedischen Bevoelkerung sehen wir das bekannte Bild fortschreitender Emanzipation und Assimilation. Schon in der 1. Haelfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein angesehene juedische Aerzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere Fabrikbesitzer, aus der Muehlenbesitzer Familie Stern kommt der spaetere Nobelpreistraeger fuer Physik Otto Stern (1943 geboren in Sohrau). Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir frueh juedische Namen, und ebenso in verschiedenen staedtischen Vereinen, z.B. Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr. Im 18. Jahrhundert gab es noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau. Industrie ist ein handwerkliches Gewerbe, und die Zuenfte kennzeichnen die Organisation des staedtischen Lebens. Im 19. Jahrhundert aendert sich das Bild. Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden gibt es manche Handwerker, recht spezifisch fuer Oberschlesien. Ueber den beruflichen Werdegang meines Grossvaters Ignatz Gruenfeld bis er sich 1855 in Kattowitz niederliess, haben sich einige seiner Zeugnisse erhalten. Nur muendlicher Ueberlieferung nach war er zunaechst als Lehrling bei dem ebenfalls juedischen Maurermeister Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in Stettin (Muench) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in Gleiwitz (Wachter und Lubowski). Als Meisterbau wird im Zeugnis vom 16. September 1857 ein Wohnhaus fuer Simon Goldstein in Kattowitz genannt, das spaeter durch das Cafe Otto bekannt wurde, und heute noch mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstrasse in Katowice steht. Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des Lehrers A. Gruenfeld in Sohrau. Mit einigem Stolz wurde noch uns Enkeln erzaehlt, dass er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche gearbeitet hatte. Die "Wanderschaft" auch ausserhalb Oberschlesiens hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern fuer die erfolgreiche Unternehmerschaft seiner spaeteren Jahre. Aber das Kattowitz, in dem er sich 1855 niederliess, war zunaechst noch ein Dorf (13). Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in Betrieb. Diese Form der Eisengewinnung war gegenueber neueren Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfaehig, sowohl wirtschaftlich wie in Qualitaet des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg- und Huettenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind. Nachdem die aus England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam, sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste Kokshochofen in Preussen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese Entwicklungen noch naeher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls staatlichen Koenigshuette (1798/1802), deren Direktor (bis 1818) Huetteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau eines Hochofens zu modernisieren. Die Herrschaft erwarb 1839 Franz Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon erfolgreichen Karriere reich verheiratet. Er entwickelte entscheidende Initiative fuer den wirtschaftlichen Fortschritt von Kattowitz und wurde 1840 geadelt. Fuer die Kontinuitaet der Verwaltung und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der spaeter zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen Schwiegersohn Dr. Holtze als Gruender der Stadt Kattowitz, das heisst, die Vorkaempfer fuer die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden. Mein Grossvater war also seit 1855 dort ansaessig, und heiratete die 1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14). Die industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschraenkt. Nach der Koenigshuette war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehuette mit Kokshochofen, dann an der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem Englaender John Baildon (15) erbaute Baildonhuette fuer Stahlerzeugung in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas von Giesche. Das Restaurant, das zur Arende meines Urgrossvaters Peretz Sachs gehoerte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum stuetzen. Jakob Gruenfeld aus Sohrau, der juengere Bruder meines Grossvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs, und uebernahm spaeter das Restaurant. Es wurde als "Gruenfeld's Garten" fuer viele Jahrzehnte sehr bekannt. Die Grossmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die katholische Dorfschule. Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit dieser Familienueberlieferung ein Bild von damaligen Schulverhaeltnissen zu machen. Dabei stoesst man gleich auf die Sprachenfrage zwischen preussischer Verwaltung und stark polnisch sprechender Bevoelkerung. Ich habe keine Daten fuer Zalenze gefunden, aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunaechst einklassige Schule eroeffnet worden, und zwar zweisprachig (16). Die Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschuetz, die schon fuer 1804 erwaehnt wird (17). Die preussische Politik gegenueber der grossen polnischen Bevoelkerung, in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im 19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs- und Zielwechseln. Unter dem Einfluss der Stein-Hardenberg'schen Reformideen, besonders verkoerpert durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant gewesen (18). Er beguenstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens, vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Koenigreichs Polen gewesen war. Der polnische Aufstand in Russisch-Polen 1830/31 fuehrte zu einem voelligen Umschwung gegenueber den Polen auch in Preussen, der aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz machte. Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der liberalen Freiheitskaempfer in Europa geworden, und der neue preussische Koenig Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen nicht (19). Die polnische Bevoelkerung Oberschlesiens wird schon damals in diesen innerpreussischen Argumenten erwaehnt (20). Im Maerz 1848 gehoerte es jedenfalls auch zu den Ideen in der Paulskirche, dass mit der ersehnten deutschen Einigung auch die Teilung Polens rueckgaengig gemacht werden sollte, in die sich Preussen seinerzeit verwickelt hatte. Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser deutschen Einigung. In Preussen verstaerkten sich danach die antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen Einigung unter preussischer Fuehrung kam, gab das neue deutsche Nationalbewusstsein der preussischen antipolnischen Politik sogar eine ganz neue Note. Es war nun nicht mehr nur die Loyalitaet der polnischen Einwohner gegenueber der preussischen Monarchie gefordert, sondern das Ziel musste ihre vollkommene Germanisierung sein. So verschaerfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preussische Nationalitaeten- und Schulpolitik so rigoros wie sie dann spaeter in Erinnerung geblieben ist. Es war ueberdies auch die Zeit des "Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei ausgesetzt fand. Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn fuer Berechtigung des Schutzes der gesamtpreussisch gesehen nationalen und sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz wurde dem wachsenden deutschen Bevoelkerungsanteil in den fraglichen Provinzen gegeben. Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist (21), dass die Erwartung von Loyalitaet seitens der Minderheit fuer die staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralitaet des Staates auch dort bedurft haette, wo es um die oertlichen Belange der deutschen Bevoelkerung ging. Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und Krone waren eben von der Omnipraesenz nationalstaatlichen Denkens verdraengt worden, und das schien keinen Raum zu lassen fuer Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch fuer das Zusammenleben von verschiedenen Nationalitaeten. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geaendert zu haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europaeische Einigung davon abzuhaengen scheint. Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, dass die Dorfschule meiner Grossmutter moeglicherweise damals noch zweisprachig war. Ich weiss auch, dass beide Grosseltern das oberschlesische Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzaehlte, dass sie es benutzten, wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Haelfte des 19. Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige Station der neuen Eisenbahn Breslau-Myslowitz als ein Umschlagplatz fuer Zweigverbindungen zu einem grossen Umkreis von vielen Gruben und Werken mit ihren zugehoerigen Ortschaften. Schliesslich war Kattowitz so gewachsen, dass es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde. Dies geschah aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankoemmlingen. Unter der Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h. Gaertnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die unterdessen Hausbesitz hatten erwerben koennen. Urspruenglich kamen auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856 aenderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geaendert, und die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte Gromada konnte allein ueber die Verwendung der Einnahmen entscheiden. Unter einer staedtischen Verfassung waere das anders gewesen. Fuer ein Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preussischen Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der hoeheren Einkommen gewogen. Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den Neuankoemmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit eigenen Ideen allein schon ueber Strassenpflasterung und Beleuchtung etc. Fuer die eingesessenen Bauern haette es schon eine naheliegende Idee sein koennen, dass der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen der grossen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt halten sollte. War nun baeuerlicher Widerstand dagegen und gegen Erwerb der Stadtrechte eine ganz uebliche Situation und aus dem Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verstaendlich, oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensaetze in Oberschlesien? Vom heutigen Blickpunkt des spaeten 20. Jahrhunderts koennte man auch sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz fruehe Umweltschuetzer, die ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdraengt sehen wollten. Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in spaeteren Rueckblicken, von beiden Seiten als der Hauptgrund angefuehrt. Schon Dr. Holtze berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, dass die polnischen Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden" mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der Widerstand des polnisch-baeuerlichen Elements gegen den von deutscher und juedischer Seite vertretenen Fortschritt" (23). Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankoemmlinge, denen allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre im Amt gewesen war, fuer polnische Sprache und Schule gekaempft und eine grosse polnische Bibliothek fuer sich gesammelt habe (24). Also wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur baeuerlichen, sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung gedacht. Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten Staedte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen. Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber sitzen auf derselben Bank als Gegner der urspruenglichen Dorfbewohner. Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwaehnt sind, wird als erster juedischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Froehlich erwaehnt (25), der 1825 die Arrende pachtete. Seinen Sohn Heimann Froehlich finden wir prominent in den Berichten ueber den Streit zwischen Bauern und Zuzueglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog. Als mein Grossvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105 juedische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11. 9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26). Durch die Industrialisierung und als Folge der juedischen Emanzipation zogen die sich staerker entwickelnden Industriestaedte viele Juden aus kleineren oberschlesischen Staedten und Doerfern an. Kattowitz, die sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne groesseren eingesessenen Buergerstand bot ihnen besonders guten Raum fuer Tatkraft und Profilierung. Der Geist der Emanzipation, wie ueberall in Europa, mit der Anziehung an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie mehr zu integrieren, fuehrte im damaligen Oberschlesien zu juedischer Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element. Das war ja vielerorts so im oestlichen Mitteleuropa; fuer Kattowitz ist mir aufgefallen, dass dieses Zusammenleben damit auch angefangen hatte, dass sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die Stadtwerdung gefuehrt hatten. Ein Argument fuer das preussische Dreiklassenwahlrecht fuer Stadtparlamente war, dass die beruflich und wirtschaftlich Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen werden sollten. In vielen Teilen Preussens fuehrte dies zu einem verhaeltnismaessig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten. Sie muessen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben, denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewaehlt. Das war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und Berlin. Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevoelkerung und in staedtischen Organen noch hoeher als in anderen oberschlesischen Staedten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der unter den ersten 18 gewaehlten Stadtverordneten sieben Juden waren (28), darunter auch Ignatz Gruenfeld, der bis zu seinem Tod 1894 Stadtverordneter blieb. Der Bruder meiner Grossmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der Stadtverwaltung. Nach einer fruehen meteorischen Karriere, er fing an mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel fuer die Huettenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus, gruendete das erste Bankgeschaeft in Kattowitz und beteiligte sich mit zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der Gruendung der Kattowitzer AG fuer Eisenhuettenbetrieb in Hajduck (28), in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb. Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem Wegzug nach Breslau zum Stadtaeltesten ernannt. Das von meinem Grossvater Ignatz Gruenfeld gegruendete Baugeschaeft war auch sehr erfolgreich. Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er Jahre fortgefuehrt (29). In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz des Oberschlesischen Berg- und Huettenmaennischen Vereins, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion fuer den oberschlesischen Industriebezirk bestimmt. Dem gingen laengere Verhandlungen mit der Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums fuer die neuen Beamten garantieren musste. Hierbei soll mein Grossvater noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben. Von den sechs Soehnen des Ignatz Gruenfeld waehlten zwei auch das Baufach. Der zweitaelteste, Max, studierte Architektur und blieb im Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach Kattowitz zurueck. Der drittaelteste, mein Vater Hugo Gruenfeld, besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister noch sehr jung in das Baugeschaeft seines Vaters ein. Nach dem Tod meines Grossvaters 1894 fuehrten diese beiden Brueder sein Baugeschaeft weiter und wurden auch in Aemter in der Stadtverwaltung gewaehlt. Max war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater wurde Stadtverordneter (30). Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu Zeiten meines Grossvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen. Die liberalen buergerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand, mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen Vorkaempfer der 1848er Ideale. Rechts von den Nationalliberalen gab es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale Nationalisten. Die fuehrenden Leute der oberschlesischen Schwerindustrie gehoerten zum mehr rechtsgerichteten Lager der Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die grosse gut etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum ueberein. Das freisinnige Buergertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere sehr bekannte in Berlin). Bei den beiden Bruedern Gruenfeld war das politische Engagement zu Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen. Sie unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen. Als Redakteur war Balder Olden, Bruder des spaeter bekannter gewordenen Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden. Die Zeitung konnte sich aber nicht halten, und musste mit 300.000 Mark Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzaehlt hat. Das grossvaeterliche Baugeschaeft hatte sich aber weiter gut entwickelt. Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine grosse Ziegelei, die 1895 im Gebiet des frueheren "Vorwerks" von Kattowitz, Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut wurde, auch fuer Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen kann. Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt eroeffnet. Mein Onkel Max Gruenfeld aber zog dann schon frueh nach Berlin und eroeffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von Wohnhaeusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber eins auch Unter den Linden. Er praktizierte auch als Architekt, wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das bekannte Logenhaus in der Emser Strasse in Wilmersdorf. Er heiratete erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschaeft zurueckgezogen und starb 1932 in Berlin. Von den vier anderen Bruedern meines Vaters waren zwei Mediziner, der aelteste, Hermann, als praktischer Arzt in Berlin-Kreuzberg (31), und Ernst (32) orthopaedischer Chirurg in Beuthen. Die anderen zwei studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der juengste, Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack & Gruenfeld in Beuthen ein, beteiligte sich spaeter an einer chemischen Fabrik in Nuernberg, aus der sich die Gesellschaft fuer Elektrometallurgie (GfE), fuehrend in der Ferrolegierungsindustrie, entwickelte. Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts grosse Bedeutung und Moeglichkeiten errang. Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem fruehen Tod 1908 kurze Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat Max Hirschel in Gleiwitz. Die juengste Tochter, Ida, heiratete Felix Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Gruenfeld, Chef der Firma Rawack & Gruenfeld, dessen Nachfolger er auch wurde. Die Familien Gruenfeld und Sachs waren aber noch viel groesser. Jakob Gruenfeld in Zalenze hatte acht Toechter und zwei Soehne, Elias Sachs vier Soehne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham und weitere Schwestern Sachs meiner Grossmutter. Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren meine Mutter, die 18 Jahre juengere Margarete Oettinger aus Breslau heiratete. Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgrossvater Josef Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen (33). Einer seiner Soehne, mein Urgrossvater Albert, wurde Arzt, promovierte an der Universitaet Berlin 1835 (34), und liess sich in Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35). Das Ehepaar hatte drei Soehne und eine Tochter, die den Arzt Dr. Riesenfeld in Breslau heiratete. Alle drei Soehne gingen auch nach Breslau und mein Urgrossvater starb dort 1860. Bei seinem aeltesten Sohn Richard war ungewoehnlich, dass er als Junge bei einem der polnischen Aufstaende mitgemacht haben soll. Dann heiratete er eine deutsche, nichtjuedische Schauspielerin, war im Flachsgrosshandel sehr erfolgreich, so dass er zeitweilig als der reichste Mann Breslaus angesehen wurde. Sein Sohn, Richard, wuchs als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen. Die beiden anderen Soehne, Siegmund und mein Grossvater Max Oettinger, gruendeten zusammen ein Flachsgrosshandelsgeschaeft und brachten es zu Wohlstand, Siegmund spaeter in Berlin. Mein Grossvater fuehrte das Geschaeft in Breslau weiter, wo er auch ein angesehener Mitbuerger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der Freunde", einer buergerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten Kaufmannsvereinigung des "Zwinger". Er heiratete Minna Weinstein aus Insterburg in Ostpreussen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war (36). Meine Mutter war das juengste der drei Kinder. Die aeltere Schwester Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Koenigsberg, Arzt und auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt, Bakteriologe, ausserordentlicher Professor an der Universitaet Breslau (38). Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner Mutter wurden protestantisch. Eine der engsten Freundinnen meiner Mutter in ihrer spaeten Jungmaedchenzeit in Breslau war Stella Whiteside, spaeter verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen Unterricht gaben. Sie hat mir viel spaeter, als ich sie nach dem 2. Weltkrieg in London wiedersah, erzaehlt, dass sie dabei war, als meine Eltern sich zum ersten Mal sahen (39). Kapitel 3 Kindheit und fruehe Jugend Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und "background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen zurueck, mit denen wir begonnen hatten. Wir wohnten in einer grossen Villa, von der Friedrichstrasse, Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Baeumen und Straeuchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen, abgeschirmt. Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die Friedrichstrasse hinaus ein grosser Balkon, von dem man die Strasse gut sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte. Da zogen vorbei die jaehrliche grosse Fronleichnamsprozession und andere festliche Umzuege, viele lange Beerdigungszuege, oft mit ein oder mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schoen uniformierten Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen und auch Schlimmeres. Gegenueber unserem Vorgarten, an der anderen Ecke der Schulstrasse lag die evangelische Kirche, auch mit grossem Vorgarten, aber doch so, dass das Kommen und Gehen auch zu unserer kindlichen Umwelt gehoerte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen uns gegenueber an der Schulstrasse. Westlich angrenzend, an der Friedrichstrasse, war in meiner fruehen Kindheit das Haus der Grosseltern Gruenfeld, 1870 gebaut, in dem bis 1913 die Grossmutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des Vaters und deren Kindern. Noerdlich von beiden Haeusern zog sich ein grosser Garten bis zum Rawafluss hin, mit einer Spielwiese an der Rawa, einem Tennisplatz, viel Obstbaeume und Gemuesegarten, Holunder, Jasmin und dann waren da auch Staelle fuer die Pferde und Haustiere. Wir Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen Kindern, die beinahe taeglich zum Spielen kamen. Auch sonst war immer viel Besuch. Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe, und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt. Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung, sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein besonders schoenes Haus. Im Erdgeschoss zog sich eine grosse Diele beinahe durch die ganze Laenge des Hauses, links waren ein Esszimmer, mit angrenzender Anrichte, Kueche etc., rechts drei weitere Wohnraeume, Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer. Im 1.Stock waren die Schlaf- und Kinderzimmer und zwei Gaestezimmer. Da das Haus so gross war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn dauernd Einquartierung. Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch fuer uns Kinder dabei wieder. Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den grossen Garten begrenzt. Spazierengehen spielte eine grosse Rolle. 1910 wurde meine Schwester Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten wir fuer lange Zeit immer ein Kinderfraeulein. Bei der Ziegelei der vaeterlichen Firma draussen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet, hauptsaechlich Gemuesegarten, auch mit Obst und Beeren. Morgens wurde wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen wieder nach Haus. Das waren diese Spaziergaenge durch die Felder zwischen Kattowitz und dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Baeuerinnen bekannt wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch. Wir machten aber auch Spaziergaenge in den "Suedpark" von Kattowitz oder in die Stadt. Zu fruehesten Erinnerungen gehoert ein Besuch bei uns von Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig aelter als ich. Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet wurde. Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von Ferien in Rauschen in Ostpreussen im Sommer 1912, so auch wie wir in Koenigsberg bei den Verwandten Gerber im Garten sassen und der Onkel Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten. Das sind solche blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher Vergangenheit. Zu den Erinnerungen aus fruehester Kindheit gehoeren auch die regelmaessigen Besuche bei den Grosseltern Oettinger in Breslau. Damals fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht. Die Grossmutter holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die Wohnung der Grosseltern. Die Grossmutter war immer ganz ausser sich, wenn wir ankamen, und ueberfiel uns mit vielen Kuessen. Sie war eine sehr lebhafte und, ich glaube, recht kaprizioese Frau, hielt immer viel auf elegantes Aussehen und elegante Kleidung. Mutters sowohl wie unsere Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es folgten grosse Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch groessere und elegantere Geschaefte als in Kattowitz gab. Meine Mutter war weit weniger modebewusst als die Grossmutter, ja ihr lag eigentlich viel eher eine betonte Einfachheit, so mussten diese Einkaufsexpeditionen ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Grossmutter war sehr lebhaft und energisch. An den Grossvater erinnere ich mich als sehr ruhig, ausgewogen und verstaendnisvoll, er konnte auch manchmal sehr boese werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim kleinsten Anlass geworden waere. Er bleibt mir von fruehester Kindheit an in sehr lieber Erinnerung. In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse. Zunaechst in der Familie: Im Herbst 1913 starb die Grossmutter Gruenfeld. Der Grossvater war schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den grossen Portraits gekannt, die in Wohnung und Buero des Vaters hingen. Auch die Grossmutter Gruenfeld habe ich nur wenig gekannt. Wenn wir sie besuchen durften, sass sie fast immer in einem Sessel. Ich weiss, dass ich sie gerne besuchte und dass es mich beeindruckte, aber meine Erinnerungen bleiben vage. Meine Tante Grete Gruenfeld, Tochter des Bruders der Grossmutter des Elias Sachs, und spaeter nicht nur ihre Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den juengsten Bruder des Vaters, Dr. Paul Gruenfeld heiratete, beschreibt die Grossmutter Gruenfeld als "eine schoene, naturhaftkraftvolle und dominierende Persoenlichkeit" und dann noch: " Die grosse Verwandtschaft. .. vereinigte sich im schoenen Gruenfeldschen Heim in Kattowitz beim allwoechentlichen Freitagabendessen um die dominierende Schwiegermutter. Diese naturhafte Frau stroemt in meiner Erinnerung immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltaeglichen Spaziergaengen mitbrachte. Zu ihrer ausserordentlich kraftvollen Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"...mitgegeben. Schoenes Haus, praechtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten sie nicht ab, alljaehrlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten. Niemand konnte ihrer imponierenden Persoenlichkeit etwas versagen oder sie beeinflussen". Das Haus der Grosseltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja gemeinsam, und da war ein grosses Maigloeckchen Beet, das sie besonders liebte, und ich erinnere mich auch, dass sie in den Garten kam. Die verwitweten Toechter, die mit ihr im grosselterlichen Haus lebten, waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904 in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein, seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort starb. Von ihren zwei schon erwachsenen Toechtern wollte die juengere Ellen Pianistin werden, die aeltere Margot war im Pestalozzi-Froebel Haus in Berlin als Kindergaertnerin ausgebildet und hielt einen grossen Kindergarten im Hause ab. Fruehe Versuche, mich dort hinein zu bringen, scheiterten. Es tut mir noch jetzt leid. War ich so scheu oder so schwierig? Ich bin doch dann ein sehr geselliger und jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden. Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Grossmutter einlud. Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am Anfang durften wir es uns ansehen. Es war ein Kostuemfest mit vielen Lampions und Musik. Gretel Hirschel fuehrte uns hin, nachdem wir vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostuem anzog. Sie war einige Jahre aelter als ich, ich war noch nicht fuenf Jahre. Bei dem Fest war viel Jugend. Die beiden Epstein Toechter und die Geschwister Hirschel und ihre Freunde machten ueberhaupt den Garten belebter, und es wurde auch viel Tennis gespielt. Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Grossmutter Gruenfeld. Es wurde uns zunaechst nichts gesagt. Aber an einem Nachmittag sollten wir ins Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Esszimmer in eine Art Loggia im Grosselternhaus. Es waren furchtbar viel Menschen dort, viel Familie, und Tante Lucie Hirschel begruesste uns, ich fragte nach der Grossmutter, und sie machte eine Handbewegung zur Decke hinauf. Jetzt verstand ich, Grossmutter war nun im Himmel. Das wusste ich also schon vom Tode. Man hatte tote Tiere gesehen, es gab so oft Beerdigungszuege, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem Kinderfraeulein auch manchmal da durch. Am katholischen brannten zu Allerheiligen und Allerseelen auf allen Graebern kleine Kerzen, ein starker Eindruck schon der fruehesten Jugend. Der juedische Friedhof lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wusste. Religion wurde im Elternhaus nicht sehr gross geschrieben. Wir lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfraeulein, auch die Mutter hielten darauf, dass wir es nicht vergassen, es wurde Weihnachten mit grossem Baum und viel Kerzen und Geschenken gefeiert fuer uns Kinder und natuerlich das Hauspersonal mit Familien, und noch Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen. Aber ich habe eigentlich keine Erinnerung, dass der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle spielte. Dass wir juedisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehoert zu haben, dass es so etwas gab oder was es bedeutet. Es war ein Tag des Grossreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch. Es war Spaetnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie ich es vorher von den Hausmaedchen gesehen hatte. Ich war wohl grade sechs Jahre. Da kam das Kinderfraeulein ganz aufgeregt, ich muss sofort aufhoeren, was sollen denn die Leute draussen denken, der juedische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du, dort auf der Strasse geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die Synagoge. Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem Gehrock. Am naechsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah den Zylinder unten in der Diele liegen. Ich weiss nicht, was und wieviel mir die Eltern damals erklaerten. Es war mir in spaeterer Zeit klar, dass es der Versoehnungstag war und der Vater am Vorabend zum KolNidre Gottesdienst gegangen war. Etwas mehr von der Bedeutung von Religion und, dass wir juedisch waren, sollte mir eigentlich erst klar werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu juedischem Religionsunterricht kam. Nach dem Tod der Grossmutter gab es grosse Veraenderungen. Von ihren zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwaehnte Schwestern in Kattowitz gewohnt, die aelteste Schwester Martha Kaiser und der juengere Ernst, orthopaedischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort lebten auch die beiden juengsten Kinder, Dr. Paul Gruenfeld, Direktor bei der Erzhandelsfirma Rawack & Gruenfeld und Ida Benjamin, deren Mann Felix Benjamin bei Rawack und Gruenfeld fuehrend wurde. Rawack & Gruenfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin zu verlegen, und die beiden Familien Paul Gruenfeld und Felix Benjamin sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen. Nun nach dem Tod der Grossmutter wurde das grosselterliche Haus verkauft und zwar an die Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch nach Berlin. Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in Oberschlesien. Fuer meine Eltern war das wohl noch eine viel groessere Veraenderung als fuer uns Kinder. Meine Mutter hatte sich mit Margot Epstein angefreundet, die auch spaeter zu Besuch kam oder mit Mutter und uns auf Ferienreisen ging. Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Boehnert, und die Boehnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben dann viel mit ihnen gespielt. Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs. Ich hatte schon in den Tagen vorher etwas von Krieg gehoert, es war eine grosse Spannung, und man spuerte Angst und Aufregung in der Umgebung. Am Tag davor, als wir in der Stadt waren, lief ein aelterer Offizier mit einem dicken roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell ueber die Strasse, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn der es so eilig hat. Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung an den Kriegsausbruch verbunden geblieben. Am naechsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen. Vater war bald 49 Jahre und war dispensiert. Auch hiess es, alle guten Pferde muessten abgegeben werden. Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am Bezirkskommando des Militaers vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und man winkte, dass wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten. Das tat mein Vater nicht, aber dann mussten wir die Pferde doch bald abgeben. Sie hiessen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr zugetan. Sie gehoerten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie oft in ihrem Stall. Nun war ich untroestlich. Bald erkundigte ich mich, ob man gehoert hat, wie es ihnen geht. Man hatte noch nichts gehoert, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur Seite, wahrscheinlich sind sie schon laengst zerschossen. Wieder eine merkwuerdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte mir zunaechst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht hoeren sollte, was der Krieg ist. Dabei brauchte es dies sehr bald nicht mehr. Der russische Vormarsch in Ostpreussen war durch die Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Sueden waren die Russen in Galizien gegen die Oesterreicher fuer laengere Zeit erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen. Wir hoerten Kanonenfeuer, wie es hiess von Olkusz, die Stadt fuellte sich mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenueber in den Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt und wir bekamen Einquartierung. Ein oder beide Gaestezimmer waren dann waehrend des ganzen Kriegs von deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an die ich mich gut erinnere, war viel groesser. Im Erdgeschoss wurden Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Moelbe und seinem Stab ueberlassen, der voruebergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der Krisensituation stationiert war. Schon Tage vorher hatte es geheissen, dass wir alle nach Berlin abreisen muessten, es wurden grosse Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt. Die beiden Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite Schiebetuer, die meist offen war, in unsere grosse Diele, es war ein Kommen und Gehen. Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war. Erst viel spaeter wurde mir erklaert, der war auf Veranlassung von Onkel Walter Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universitaet Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln stationiert. Er liess sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten wir nach Berlin abreisen. Er hatte ja nicht gewusst, dass wir unterdess auch so gut informierte Einquartierung hatten. Die waren dann der Ansicht, dass die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen behoben sei, und wir blieben. Aber der Alarm wiederholte sich noch mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt. Die v.d.Moelbe Einquartierung, die sich meinem Gedaechtnis so eingepraegt hat, war bald vorueber. Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, assen auch oft bei den Eltern. Sie wechselten oft, auch verschiedene Raenge, manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a. Main, kam beinahe taeglich, sein Dialekt machte mir Spass, es gab immer Wein. Inzwischen kam ich im April 1915 in die staedtische Knabenmittelschule als meine Vorschule. Mein Vater war sehr stolz, dass die Stadt diese Art Schulen unterhielt. Die meisten Schueler wuerden dort ihre Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr gut, dass ich in so einer Schule anfing. Ich weiss nicht mehr, ob ich Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem Schreiben war es schwer. Ich war naemlich vorzugsweise Linkshaender, manches machte ich automatisch rechtshaendig, manches nicht, und beim Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug fuer die linke Hand, aber das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Muehe es zu lernen, ich bekam eine schlechte Schrift, noch fuer Jahre mahnte der Vater immer, ich sollte Schoenschreibeunterricht nehmen. Das Kriegsgeschehen machte sich natuerlich auch in der Schule bemerkbar. Es gab Siegesfeiern und Apelle fuer Sammlungen. Ich konnte nun auch an der Taetigkeit und den vielen Interessen des Vaters schon mehr Anteil nehmen. Er wollte das sehr, und ich bin dankbar dafuer. Trotz seinem vielfaeltigen Engagement im oeffentlichen Leben glaube ich doch, dass seine berufliche Taetigkeit als Baumeister ihm wirklich am Herren lag. Morgens ging er taeglich zunaechst auf Besuche der Bauten, dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und schliesslich nach Hause ins Buero, das dem Wohnhaus angegliedert, auf dem Grundstueck nunmehr der Deutschen Bank war. Ich wurde schon manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und immer mehr, je aelter ich wurde, besonders zu Fahrten ueber Nikolai nach Lazisk, wo das Elektrizitaets- und Karbidwerk der Prinzengrube gebaut wurde. Auch ueber Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher wusste ich bald mehr. Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und Apelle, eine grosse Hindenburgbueste wurde aufgestellt, und das Publikum sollte Naegel je nach gestifteten Betraegen aus verschiedenen Metallen kaufen und selbst einschlagen. Der Vater als Stadtverordnetenvorsteher musste auf einer Eroeffnungsfeier den ersten Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock. Natuerlich wurde in der Schule dann auch darueber gesprochen. Beginn der Schulzeit hiess fuer mich das Aufhoeren der taeglichen Morgenausfluege nach Karbowa und dadurch ein Stueck weniger von der Naturnaehe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren, aufwachsen durften. Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafuer, dass dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes. Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr hervorriefen. Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Huehner, Enten, Gaense und dann auch Schweine. Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es noch heute so, dass die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule hatte, auf mich einen ueberwaeltigenden Eindruck gemacht haben. Der Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weissen Bart, sah so etwa wie ein Patriarch aus, und erklaerte alles ueber den lieben Gott anhand des alten juedischen Gebets Adon olam, ein sehr schoenes Gebet, das die Macht Gottes beschreibt. Ich war sehr beeindruckt durch alles Religioese und natuerlich eingenommen fuer alles Juedische, durch das mir diese Welt der Religion nahegebracht worden war. Wir wurden aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen, die Eltern erlaubten es mir schliesslich, sie verstaerkten meine Faszinierung mit Religion und Juedischsein. Der Vater trug mir auf, dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu gruessen, ein angeheirateter Vetter des Vaters. Auch stellte sich bald heraus, dass der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde angehoerte. Da meine Begeisterung fuer diese Sphaere aber beiden Eltern zu viel wurde, musste ich nach einiger Zeit die Besuche der Jugendgottesdienste immer mehr einschraenken, durfte auch zu den Feiertagen nur nach harten Kaempfen zum Gottesdienst gehen, aber am Versoehnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen, eine wirkliche Versoehnung. Es blieb ein grosser Schmerz, dass meine Mutter dem so fern stand. Die anderen juedischen Kinder gingen nach einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebraeische Unterrichtsanstalt im Gebaeude der Juedischen Gemeinde, wohl so etwas wie ein alter juedischer Cheder. Ich durfte das nicht. Es wurde gesagt, ich koennte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde in Hebraeisch haben. Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren Grossvater Froehlich 1825 der erste juedische Einwohner des Dorfes Kattowitz war. Sie war sehr begabt und anerkannt fuer ihre oeffentliche Taetigkeit. Sie hielt gute Reden und organisierte, war Vorsitzende des Vaterlaendischen Frauenvereins, der im Krieg mit Fuersorge und Lazaretten besonders aktiv wurde. Meine Mutter war auch im Vorstand, und wir haben als Kinder da auch viel darueber gehoert und miterlebt. Dann waren andere Arztehepaare, unser damaliger Hausarzt Dr. Proskauer, Dr. Max Koenigsfeld, Augenarzt Dr. Ernst Lubowsky, dessen Bruder Ingenieur Heinrich Lubowski. Frau Dr. Lubowski und Dr. Koenigfeld gehoerten auch sehr aktiv zum Vaterlaendischen Frauenverein. Frau Speier, Lubowsky und Mutter sangen auch regelmaessig mit im Meisterschen Gesangsverein und waren im Vorstand. Der Vorsitzende des Vereins, Dr. Ehrenfried, gehoerte auch zum engeren Bekanntenkreis, ebenso der Direktor der Kunigunde-Zinkhuette Zoellner, mit seiner oesterreichischen Frau, die mit einer sehr schoenen Altstimme konzertierte. Sie hatten zwei Soehne und Koenigfelds zwei Toechter in unserem Alter, und bei Dr. Lubowski war es Sohn Karl Heinz und den andern Lubowskis Horst, die alle regelmaessig zu uns zum Spielen kamen und den Kern der Freunde der Kindheits- und Schulzeit bildeten. Am 3.Oktober 1915 feierte mein Vater seinen 50.Geburtstag, es kamen viele Leute, der Oberbuergermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich konnte schon soweit zaehlen, dass ich feststellte, der Fruehstueckstisch fuer den Empfang nach der Gratulationskur war fuer 50 Personen gedeckt. Fuer uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, fuer uns drei Kinder mit verteilten Rollen aufzufuehren, auch Marianne, noch nicht ganz drei Jahre, hatte etwas zu sagen. Das ging weit ueber die kleinen Gedichte heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte. Wir waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewusst. Ich erinnere mich auch, dass Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht fuer einen der oeffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold fuer Eisen oder so etwas aehnliches. Es war uns schon zu Hause gezeigt worden, und ich war begeistert. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es auch war. Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war wieder begeistert, aber unser Lehrer haengte es auf die Innenseite des Schulschranks. So musste man immer zum Schulschrank gehen und die Tuer aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen lassen wollte. Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwuerdig und enttaeuschend und natuerlich unbequem aber war ganz arglos. Heute frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus paedagogischen Gruenden, dass man so etwas in eine Vorschulklasse haengt, oder war ihm der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und das faellt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher Antisemitismus? Ich wusste damals noch nicht, wie kompliziert das Leben sein kann. Die juedischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten von juedischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater. Dr. Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen Interessen und der Praesidentschaft des Meisterschen Gesangvereins, und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach Religion oder Herkunft gefragt wurde. Aber er war ein sehr bewusster Jude, hatte der juedischen Studentenverbindung KC angehoert und blieb ihr aktiv verbunden. Mein Vater war auch ein bewusster Jude, aber er war gegen betonte juedische Absonderung. Die beiden Brueder Lubowski waren getauft, die Frauen nichtjuedisch. Frau Else Lubowski, Frau des Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsass stammte, ihre Mutter aus der Schweiz. Der Sohn Karl-Heinz wurde damals unter unseren Spielgefaehrten mein naechster Freund. Nur in puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen. Seine Mutter gehoerte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, spaeter sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie. Karl-Heinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten war ein grosses Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine Leiter auf und wollte zu uns predigen, waehrend ich im Herbst immer wollte, dass wir alle eine Laubhuette in unserem Garten zum juedischen Laubhuettenfest bauen sollten. Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels. Diese und die enorme Stadt machten noch einen groesseren Eindruck als Breslau. Die Ferien an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin, es war schwierig mit ihnen fertig zu werden. Als weitere Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit beiden Eltern hinfuhren. Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine Eroeffnungsfeier mit Paraden und spaeter als ich mehr wusste ueber solche Sachen, erfuhr ich, dass das damals eine Eroeffnungssitzung des Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt Kattowitz vertrat und dem auch mein Grossvater Max Oettinger als einer von vier Vertretern der Stadt Breslau angehoerte. 1917 kam ein neues Kinderfraeulein, Else Jeppesen. Vorher hatten wir einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert. Sie hatte in dem Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin leitete. Eigentlich haette ich ja kein Kinderfraeulein mehr haben sollen, aber die Schwestern waren juenger. Irgendwie gab es mit ihr einen frischeren Ton. Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen. Alle Freunde, die im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, mussten mit uns im Herbst und Winter Laubsaegearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Doerfer und Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen Kindern geschenkt. Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei staedtischen Kinderhorten. Ich weiss nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im Vaterlaendischen Frauenverein. Wir gingen oefters mit ihr hin, die Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen Alles was wir laubgesaegt oder anderweitig fabriziert hatten zu den Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte. Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwaermend und hatte wirkliche Schoenheit. Wir waren ja auch gar nicht die einzige juedische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte. Das Jahr 1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel- und anderer Verknappung: Es gab viel Erdrueben, bei uns Klacken genannt, das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten, wir gingen in Holzpantoffeln. Dann gab es auch die ersten Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen fuer mich ueberhaupt, und ich habe ja dann in spaeteren Jahren noch so oft unruhige, tobende Mengen miterleben muessen. Diesmal kam es zweifach sehr nahe. Bei uns hoerte man von der Friedrichstrasse die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns gegenueber die Laeden gepluendert, die meisten Scheiben zerschlagen. Es gab auch antijuedische Untertoene, wurde uns gesagt. Diese 1917er Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschraenkt. Es gab auch anderswo antijuedische Beitoene. Ich erinnerte mich aber an das, was ich eher fuer besonderen Umstaende in unserer naechsten Nachbarschaft hielt. Trotz der Naehe Galiziens und Kongresspolens waren eigentlich Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so haeufige Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen. Im Verlauf des Krieges kam das bisherige Russisch-Polen unter deutsche Besetzung, die Grenze war leichter geworden. Im letzten Haus auf unserer Schulstrasse hatten sich einige ostjuedischen Familien eingemietet, Geschaeftsleute, die auch viel Besuch von Familie und Geschaeftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem kongresspolnischen Bendzin hatten. Das hatte sich erst seit ganz kurzer Zeit so entwickelt. Ich erinnere mich, diese armen Leute wurden um die Zeit der Unruhen belaestigt und waren ein Thema. Es wurde aber auch erwaehnt, dass es Ausrufe von Demonstranten einfach gegen Juden gegeben hatte. Ich bin mir nicht bewusst, dass diese Unruhen etwas mit polnischer nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen beschrieben. Es gab natuerlich auch, wie es einem bald klar werden sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung. Dass es zu Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um. Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde ueber alles, was den Krieg und Politik betraf, viel gesprochen. So wusste ich ueber die Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in den Krieg und die Debatten in Deutschland ueber die Stellungnahme zu Friedensinitiativen. Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im oberschlesischen Pless beim Fuersten von Pless. Der fatale deutsche Beschluss zur Erklaerung des "unbeschraenkten U-Bootkrieges", auf den Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Pless gefasst (2). Die Bueros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebaeude der Fuerstlich Plessschen Bergwerksdirektion. Als Einquartierung hatten wir damals Offiziere des Generalstabs. Sie kamen nicht oft zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn. Viel hoerte ich immer ueber die politische Lage, wenn die Freunde der Eltern zu Besuch kamen. Der Vater war aktiver Anhaenger der Freisinnigen Volkspartei. Ausser der damals eher rechtsstehenden oder nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt. Dr. Speier und die Brueder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien, aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte. Bis weit in die fruehen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause immer sehr interessiert. Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin noch heute dafuer dankbar. Ich hatte mich bald fuer Latein erwaermt. Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in meiner Klasse gab (3). Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur fuer die politischen Vorgaenge um uns herum, sondern auch fuer alles Geschichtliche. So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibaendige "Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde ueberhaupt ein eifriger Leser von Buechern. Beide Eltern waren es und hatten jeder eine grosse Bibliothek. Es gab da nicht nur die ledergebundenen vollzaehligen deutschen Klassiker und Romantiker, in Uebersetzungen auch franzoesische und die meiner Mutter besonders nahe russische und skandinavische Literatur, die ja alle im fruehen 20. Jahrhundert im deutschen Kulturleben grossen Nachhall hatten. Natuerlich waren da auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte, Kunst und andere "Sachbuecher". Das wurde fuer mich bald eine wunderbare Fundgrube. Die Mutter war immer mit Anregungen bereit, was ich als Naechstes lesen koennte. Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Suedpark und fing an, ueber die Lage des Kriegs zu sprechen. Sie sagte mir in so vielen Worten, dass Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer Revolution kommen wuerde. Ich war wie versteinert. Das hatte ich nicht gewusst. Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen Offensiven und Schlachten die Rede. Vater hatte zwar schon lange keine der patriotischen Reden gehalten, aber dass es so kam, war kaum vorstellbar. Meine Mutter erklaerte mir, dass das schon einige Zeit vorauszusehen war, und sie daher fuer die Einstellung der Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt haette. Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame Vorbereitung fuer mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militaerischen Zusammenbruch und der Revolution. Sie liessen lange Gesichter, grosse Aengste vor unbekannten Untiefen. Fuer Oberschlesien hiess das Kriegsende auch, dass das deutsch-polnische Problem nun weit aufbrach und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut fliessen wuerde. Natuerlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten, Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben rechtsgerichteter Freischaerler und die Inflation, aber der deutsch-polnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die dominierenden Ereignisse. Zunaechst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der Weimarer Republik. Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung, auch zum preussischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung. Der Oberbuergermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsfuehrer ins neue Stadtparlament. Fuer dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf. Nach der Abschaffung des preussischen Dreiklassenwahlrechts war die Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden. Die katholische Zentrumspartei stellte als staerkste Fraktion den Arzt Dr. Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher. Wegen der langjaehrigen Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr. Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher. Es gab nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, gefuehrt von dem Frauenarzt Dr. v.Mielecki. Ich habe ja schon bemerkt, dass einem als in der Stadt Kattowitz lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der polnischen Frage fuer Oberschlesien gar nicht so bewusst geworden war (4). Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem unabhaengigen polnischen Staat gehoert, dessen Teilung und Verlust der Unabhaengigkeit bei der Bevoelkerung der entstandenen Teilgebiete einen starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres unabhaengigen Polens wach hielten. So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstaende des frueheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt. In Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die Interessen der polnisch sprechenden Bevoelkerung, aber es bildeten sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag gewaehlt und 1907 von weiteren gefolgt wurde. Nach dem Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Praesidenten Wilson offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die Wiederherstellung eines unabhaengigen Polens vor (6). Fuer Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus. Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevoelkerung bewohnten Gebiete". Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet war, deutlich anvisiert. Nachdem wir in Kattowitz zunaechst im November die Aufregungen und Veraenderungen der deutschen Revolution von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, dass die Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und fuer die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen muessen (7), ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden polnischen Staat einschlossen. Es entwickelte sich bald eine lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszuegen und Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde. Vor Wohnungen oder Geschaeften von polnischen Fuehrern wurde demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin garnicht so bekannt waren, aber die Gemueter wurden weitgehend beherrscht von dem Namen Korfantys. Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier. In meiner Familie war er nicht unbekannt. Als Gymnasiast hatte er dem juengsten Bruder meines Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben. Die Familie Gruenfeld stand damit nicht allein. Ruth Storm, Tochter des Verlegers und Buchhaendlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung, berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), dass der Pfarrer sich bei ihrer katholischen Grossmutter fuer den intelligenten, aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern ihres Vaters Nachhilfestunden gab. Im Reichstag wurde er bald prominent unter den polnischen Abgeordneten. Nach dem Zusammenbruch im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen Volksrats. Korfanty gehoerte zu seiner Leitung, profilierte sich also schon damals ueber seine oberschlesische Stellung hinaus auf der gesamtpolnischen Szene. Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie fuer einen Teil Westpreussens vor allem fuer Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9). In Vorbereitung und waehrend der Abstimmung sollte Oberschlesien von deutschen Truppen geraeumt und von alliierten Truppen besetzt werden. Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920. Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben, mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfaellig zu machen. Er dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen. Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten, die in die Kaempfe verwickelt waren und von nun an bis zur Durchfuehrung der spaeteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der Szene verschwinden sollten. Dieser erste polnische Aufstand war doch ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachtraeglich Beunruhigung und Bedruecktheit. Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28. November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10). In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfaenglich noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein haeufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an Wochenendspaziergaengen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde. Er wurde dann zu einer Schluesselfigur bei den deutschen Vorbereitungen fuer die Abstimmung. Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen, und das taten auch alle in der Schule. Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt. Die meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Soehne von preussischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen waren. Katholiken waren in der Ueberzahl, ebenso gab es einen verhaeltnismaessig hohen Anteil von Protestanten und einige juedische Mitschueler. Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr. de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr. Karl-Heinz Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr frueher ins Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse ueber mir blieb. Er hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war diesem dann im Laufe der Jahre eher naeher als meiner eigenen Klasse, und das traf auch fuer die juedischen Mitschueler zu. Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen Leben in Kattowitz mitbekommen konnten. Das moderne Stadttheater am Ring, das die Stadtvaeter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten, praesentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen Stadt, die ja nicht reich an repraesentativen Bauten war. Freunde der Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit Direktor Lischka-Raul und anderen im Theater befreundet. Meine Eltern allerdings interessierten sich mehr fuer Besuch der Vorstellungen als hinter den Kulissen. Wir Kinder hoerten doch schon darueber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir auch hin. Zu den Volks- und Wanderliedern, die schon lange die Kinderlieder abgeloest hatten, kamen nun auch Operetten und andere Schlager, die populaer wurden. Bei der Operette war auch Mizzi Will, die Tanzstunden fuer Kinder unseres Alters veranstalten wollte. Das sollte sich abwechselnd in verschiedenen Haeusern abspielen, und es gehoerten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen juedischen Familien. Es war ganz spassig, richtige Salontaenze fuer ganz jugendliche Paare. Ein Maedchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren. Ihre Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners Samson Raphael Hirsch, Gruenders der religioes sehr orthodoxen, aber sonst fuer Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die sich "Austrittsgemeinde" nannte. Es gab manche Familien in Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die grosse Familie Altmann war prominent unter ihnen. Ich erinnere mich an den Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50. Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren. Er war viel aelter als mein Vater, war nicht zum Empfang und Fruehstueck gekommen. Es bestand eine deutliche Distanz in der privaten Sphaere zwischen diesen orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern juedischen Gebraeuchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine gemeinsame Gemeinde. Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von Kattowitz nach Frankfurt. Ich erinnere mich an sie als ein damals sehr ernstes und stilles Maedchen und habe sie hier erwaehnt, weil sie in ihren spaeteren Jahren bekannt wurde als Sekretaerin des oesterreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied. Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft geruehmt worden, man nannte es manchmal Klein-Paris. Aus einer rueckblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, moechte ich hier zitieren (11). Er ruehmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der Oberrealschule waren einschliesslich des Direktors Hacks. Dazu moechte ich erwaehnen, dass diese Schule staedtisch war und ihr Direktor Hacks 1908 Vorgaenger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers. Arnold Zweig faehrt dann fort: "das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und -freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck verschollene Philologe Rudolf Clemens. Ich nenne diese Namen, um einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besass und einen wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Koennen fand in dem Geiger und Weinhaendler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner moderner Literaturen...". Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die spaeter bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich Przywara. Es gab in Kattowitz den Buchhaendler Georg Hirsch, dem nachgesagt wurde, dass er diesen Kreis heranwachsender Schueler sehr angeregt und gefoerdert habe. Seine Buchhandlung spielte auch in meinen Zeiten, ja bis in die spaeten 30er Jahre eine Rolle. Meine Eltern waren eifrige Kaeufer von Buechern und Kunden von Georg Hirsch. Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbuehne". Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine grosse Rolle. Meine Mutter hatte eine schoene Altstimme, nahm auch weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hiess, dass sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, spaeter auch meine Schwester Lotte. In Konzerte durften wir schon frueh gehen, nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im deutschen Konzertleben bedeutenden Kuenstler kennen. Der von Arnold Zweig erwaehnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen. Seine Tochter Hannah Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde fuer Halbwuechsige teil, und mit ihr und ihrem Mann war ich dann in spaeteren Jahren sehr befreundet. Nach diesem Rueckblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens muss ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den Kaempfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden. Die Ankunft der franzoesischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte fuer uns zu Hause eine grosse Veraenderung. Da Oberschlesien auf franzoesisch Haute Silesie hiess, brachten die Franzosen Gebirgstruppen. Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunaechst eben wie fremde Besatzungstruppen. Etwas weiter weg in der Friedrichstrasse war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer grossen Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedlaender liiert; wir kannten uns gut, sie war mit den Eltern befreundet. Sie war schon lange verwitwet, hatte ein besonders schoenes und sehr gastfreies Haus. Die Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino einzurichten. Sie durfte dort bleiben, musste aber fast das ganze Haus fuer das Kasino zur Verfuegung stellen. Als sich bald Differenzen ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und musste ins Hotel ziehen. Wir waren also verwarnt. In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten. Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses, unsere Koechin durfte zunaechst auch in der Kueche fuer uns kochen, aber als der franzoesische Koch ein grosses Stueck Fleisch ins Feuer warf, weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch grosse Knappheit bei uns) es retten wollte, wurde sie aus der Kueche geworfen und musste versuchen, fuer uns in der Waschkueche im Dachgeschoss zu kochen. So bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, dass wir jetzt unter franzoesischer Besatzung waren. Die grosse Diele war ihrer Lage nach fuer die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele franzoesische Offiziere. Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder jeweils einen Offizier als Einquartierung. Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg- und Huettenmaennischen Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie hatte. Ohnehin mussten wir groessere Raeume, naemlich zwei der Wohnzimmer im Erdgeschoss, Damenzimmer und Salon, fuer den franzoesischen Offizier hergeben. Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der Oberstleutnant v.d.Moelbe hatte. Diesmal sollte es 1925 werden, bis wir sie wieder selbst bewohnen konnten. Die Vorbereitungen beider Seiten fuer die Abstimmung waren schon in Gang gekommen. Korfanty wurde zum Chef des polnischen Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche uebernahmen nacheinander die Landraete a.D. Urbanek und Dr. Hans Lukaschek. Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschaerfte sich, die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Haeufigkeit und Hitze zu, all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein. Wie schon erwaehnt, es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher gehoerten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in Deutschland gebildet hatten. Auf polnischer Seite waren es Gruppen von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehoerige von Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung (12). In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel ueber blutige Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal toedlichen Misshandlungen von Einzelnen, die sich fuer die deutsche Sache einsetzten. Aber es gab grosse Gewalttaetigkeit auch von der deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofuer sie ja auch anderswo in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten. Als wir Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen "Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewalttaetigem antisemitischem Refrain, und der alte Foerster mit dem langen anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts gegen sie. Man wusste von ihrer Rolle z.B.in Bayern. Ein anderes deutsches Freikorps, von dem man viel hoerte, war die "Orgesch" (Organisation Escherich). Man sah sie auch in den Strassen. Das Bild ist aber nicht vollstaendig, ohne sich auch zu erinnern, dass sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der 1918er Revolution abspielte. Die oberschlesische Arbeiterschaft blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung. Es gab viele Streiks und Protestumzuege. Man sah haeufig rote Fahnen. Ein grosser Teil der Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in Arbeitskaempfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte. Links von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhaengigen Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland sympathisierten und daher prosowjetisch waren. Das wurde ein sehr brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der Abstimmung hinfaellig zu machen. Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkaempft als im Westen, und Polen hatte, nach laengeren Verhandlungsphasen, im April 1920 einen neuen Angriff auf Russland begonnen, der zunaechst zur polnischen Besetzung von Kiew fuehrte. Aber das Blatt wandte sich, und im August standen die Russen vor Warschau. Die Existenz des neuen Polens schien gefaehrdet. Was mir fuer immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in Erinnerung blieb, war der gewalttaetige Mord an dem polnischen Arzt Dr. v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in naechster Naehe unseres Hauses abspielte. Die unheimliche Brisanz dieses tragischen Vorgangs blieb fuer mich immer der groesste Schock all dieser umstrittenen und blutigen Jahre. Es war uns Kindern gesagt worden, dass grosse Demonstrationen, groesser und vielleicht gefaehrlicher als bisher angesagt waren, und wir sollten unter keinen Umstaenden das Haus verlassen. Die Eltern hatten jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal. Das Haus hatte ein grosses, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weissem Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise oefters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde. Man hoerte nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstrasse, und da musste man doch schnell aufs Dach. Leute vom elterlichen Haushalt entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, dass einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende Kommentare, was draussen vor sich ging. Eine tobende Menge hatte sich vor dem Haus der franzoesischen Kommandantur angesammelt. Das war schraeg gegenueber dem benachbarten Haus, der frueheren Villa Sachs, Ecke Sedan- und Friedrichstrasse. Man hoerte Rufe, Schreie, Singen von Liedern, Schuesse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v. Mielecki aus seiner Wohnung gegenueber der Kommandantur geholt (13), er wurde auf der Strasse schwer misshandelt. Dann kam eine Droschke, es hiess, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang. Dann hiess es, er sei erschlagen worden. Um unser Haus wurde es langsam ruhiger, aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch fuer Stunden. Mein Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehoert und zum Teil gesehen hatten. Ich habe ihn nie so erschuettert gesehen, er war bleich und sprachlos. Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als Fuehrer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in Kattowitz. Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, dass wir trotz aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus naechster Naehe hatten miterleben muessen. Es wurde dann gesagt, dass "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren. Die Zusammenhaenge waren aber viel komplizierter (14). Es hatte Berichte gegeben, dass die franzoesischen Besatzungstruppen Waffenvorraete und sogar Truppen nach Polen abgezweigt haetten, um der polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau vorrueckenden Russen zu helfen. Arbeiterkreise wurden zum Protest dagegen mobilisiert, dass die Franzosen die "Neutralitaet Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen haetten. Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen als eine Aktion gegen die franzoesische Besatzungsmacht. Die franzoesische Kommandantur wurde hart bedraengt und musste sich mit dem Abzug ihrer Truppen aus dem Gebaeude und der Stadt einverstanden erklaeren. Es verhandelten darueber die Gewerkschaftsfuehrer. Aber ganz eindeutige nationalistische Toene hatten die Oberhand gewonnen, mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzoesischen Schlagworten und Liedern in hoechster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte, dass die Kundgebung, urspruenglich von Sozialisten veranstaltet, von gewalttaetigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war. Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklaert, er persoenlich stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenueber (15). Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, dass sie abziehen und die Besetzung allein den Englaendern und Italienern ueberlassen sollten, waren schon frueher erhoben worden. Diese muendeten nun auch in die Demonstration fuer die "Neutralitaet" Oberschlesiens im polnisch-russischen Krieg ein, zu der die Gewerkschaften fuer ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem Generalstreik. Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der Unabhaengigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August: "Die blutigen Zusammenstoesse in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das Verhalten deutscher Nationalisten zurueckzufuehren, die die proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und fuer Raeterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem Chauvinismus Luft zu machen" (16). Weiter noch ging eine Erklaerung des sozialistischen Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhaengigen Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen und die Entente losgehen wollten (17). Die demokratische "Vossische Zeitung" vom 27.August 1920 schliesslich kritisiert die Gewerkschaften, dass sie auf blosse Verdachtsgruende ueber franzoesische Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen Generalstreiks griffen, "ohne Fuehlungnahme mit der staerksten deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18). Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion hauptsaechlich von Pilsudski und seinen Anhaengern betrieben, einem ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden. Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17. August erliess, klagt die preussischen Militaristen an, dass sie gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemaechtigen (19). Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden auch den Namen von J.Biniszkiewicz fuer die Polnische Sozialistische Partei, Michael Grajek fuer die polnische Bergarbeitergewerkschaft und mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsfuehrer. Man sieht also, es gab auf beiden Seiten Fluegel, deren nationalistischer Eifer viel groesser war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien. Waehrend bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Geruechte ueber den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen und die Polen gewannen damals die ihnen von Russland bestrittenen Ostprovinzen wieder. In Oberschlesien brach der 2. polnische Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene Landkreise waren von den polnischen Aufstaendischen besetzt. Waehrend in Kattowitz die franzoesischen Truppen hatten abziehen muessen und erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden Buergerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet. Schliesslich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden Plebiszitkommissariaten in Beuthen. Von polnischer Seite war es Korfanty, von der deutschen Sanitaetsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der mit Ulitz fuer die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen Plebiszitausschuss sass. Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen, das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurueckgezogen werden und durch eine 50/50 deutsch-polnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern gebildet, ersetzt werden sollte (20). Das war eine betraechtliche Veraenderung auch fuer unser taegliches Leben. Die Polizei sollte nun aus zum grossen Teil nicht vorgebildeten Kraeften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale Verbrechensbekaempfung, und das vertiefte das immer groesser werdende Gefuehl um sich greifender Aufloesung. Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.Maerz 1921 zu, mit Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat. Die Leitung der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreikoepfige Kommission unter dem franzoesischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretaer Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter. Wir waren also durch seine Rolle den Vorgaengen nahe. Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter Verwandter aus Muenchen meldete sich auch. Unser Haus war voll von Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag fuer uns noch ein besonderes Gepraege. Es waren auch ausserhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie nach Oberschlesien gekommen. Ich erinnere mich, dass ich die Tante Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete. Sie traf eine grosse Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin. Sie waren auf dem Rueckweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten. Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das ich dann vortragen wollte. Das kam aber nicht zustande, und was ich dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und Tante Ida Benjamin, die juengste Schwester des Vaters, zum Beispiel konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht verbergen. Die Benjamins und Paul Gruenfelds waren nur den Tag ueber da, waren die Nacht ueber gefahren und fuhren abends wieder nach Berlin zurueck, andere Verwandte blieben etwas laenger. Aber in der Atmosphaere der Abstimmung war das keine Zeit, ein schoenes Wiedersehen mit der Familie zu feiern. Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen ruhig. In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% fuer Verbleib bei Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% fuer Polen, beide zusammengerechnet ergab 51.7% fuer Deutschland, aber die benachbarten Kreise Pless und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Staedten viel groessere Mehrheiten fuer Polen, waehrend Stadt-und Landkreis Beuthen zusammen gerade 50.3% fuer Deutschland entschieden. Das oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% fuer Deutschland. Laut dem Versailler Vertrag (21) sollte fuer "die als Grenze Deutschlands in Oberschlesien anzunehmende Linie....sowohl der von den Einwohnern ausgedrueckte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaften Beruecksichtigung" finden. Die Alliierten Maechte, durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darueber befinden. Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der polnische Stimmenanteil, besonders in den suedlichen Gebieten, war sehr viel hoeher als die deutsche Seite erwartet hatte (22). Alles deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen wuerde. Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um einflussreiche politische Kreise zuverlaessig zu unterrichten" (23). Mein Vater gehoerte der vierkoepfigen Delegation nach Italien an. Sie bestand ausserdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor, Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er spaeter sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der Fuerstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretaer Franz. Warum der Vater in den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns natuerlich ausfuehrlich erklaert, und so erinnere ich mich auch, dass er eine Einfuehrung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz, hatte, der damals ziemlich bekannt war. Als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein fuer Kontakte mit den damals einflussreichen "laizistischen" Parteien zustaendig, er war ja auch Freimaurer. So kam es denn auch, dass unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der grosse 3.polnische Aufstand ausbrach. Das wurde nun fuer unsere Jugend eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewissheit, was die naechste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen wuerde. Die Umgebung der Stadt war sofort in den Haenden der Aufstaendischen, als wir am 3.Mai aufwachten. Der Chauffeur, mit dem deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem Hausschluessel, es stellte sich heraus, dass er sich den Aufstaendischen angeschlossen hatte. Draussen in Karbowa waren auch die Aufstaendischen, ein guter Geist fuer die Familie, der Portier des Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen wir Gemuese, aber sein aeltester Sohn Heinrich hatte sich auch den Aufstaendischen angeschlossen. Das war eben Oberschlesien. Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der Aufstaendischen waren eben polnische Oberschlesier. Es ging ruecksichtslos und zum Teil grausam zu. Die Stadt war wie belagert, aber es bestand hier und in anderen Staedten eine Art modus vivendi der Aufstaendischen mit den alliierten Besatzungstruppen, dass die Staedte selber nicht angegriffen oder von den Aufstaendischen besetzt werden sollten. Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts. Unser grosser Garten hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehoerte die Ferdinandgrube schon den Aufstaendischen. Auch von dort wurde manchmal geschossen. Zuerst durften wir ueberhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise, aber wenn man anfing, Schuesse zu hoeren, mussten wir sofort ins Haus. Aber man weiss ja, wie das ist. Wenn die Risiken ueber eine Zeit andauern, dann wird man abgestumpft und faengt an, sie leichter zu nehmen. Schlimm war, dass nachdem nachts ganz systematisch fuer einige Zeit geschossen wurde, man am naechsten Tag las, dass Kinder in ihren Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die unser Garten ging. Wir hatten ja noch immer franzoesische Einquartierung und zwar seit einiger Zeit den franzoesischen Platzkommandanten Colonel Ardisson, der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die Tochter hatte nachkommen lassen. Der Herr v. Brunn war schon ausgezogen, und so hatten wir Platz genug. Natuerlich empfand man die franzoesische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wusste doch nie, was der naechste Tag bringen konnte. Von der Ferdinandgrube war es kaum mehr als fuenf Minuten zu Fuss und einen Sprung ueber die kleine Rawa bis zu unserem Garten, und ueberhaupt wer wusste, wie lange der Waffenstillstand ueber Nichtbesetzung der Staedte anhalten wuerde. Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Haenden der Aufstaendischen. Eisenbahn- und Strassenverkehr waren praktisch lahmgelegt, die Aufstaendischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafuer, auch ein interalliierter Zug, der taeglich von Kattowitz nach Oppeln und zurueck ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden. Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen. Nach einiger Zeit konnte er aber fuer uns eine Genehmigung "zur Ausreise" arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen mit dem interalliierten Zug nach Oppeln. Diese Reise war natuerlich eine ziemliche Aufregung. Man wusste von Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum Beispiel der Pastor Voss von den Aufstaendischen aus dem Zug geholt, allerdings dann nach einem Verhoer wieder freigelassen worden. Bei uns aber ging es ohne Zwischenfall. Wir wurden dann nach einem Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhuebel fuer die naechsten Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln. Natuerlich war es sehr schoen so lange im Riesengebirge zu sein, wir hatten es schon im Vorjahr bei einem kuerzeren Ferienaufenthalt in Brueckenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so grosser Unsicherheit ueber die Zukunft umwittert. Die Verwandtschaft in Berlin plaedierte stark mit Vater, dass er den Familienbesitz in Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte. Onkel Felix Benjamin war im Aufsichtsrat der Luebecker Huette, an der Rawack & Gruenfeld damals massgeblich beteiligt waren, und schlug vor, dass Vater die Leitung von deren Zementfabrik uebernehmen sollte und wir nach Luebeck uebersiedeln wuerden. Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu Hause aussieht. Man hoerte und konnte sich vorstellen, die Not und Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden. Es wurde ein besonders heisser und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen grosse, verheerende Waldbraende aus. Als wir nach Beendigung des Aufstandes im Juli zurueckkehrten, war das Bild der Umgebung suedlich nach Pless hin zunaechst vollkommen veraendert und trug noch weiter bei zu der Trostlosigkeit der Situation und Stimmung. Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen Freikorps nach Oberschlesien gefuehrt, die nach dem 2.Aufstand sich samt ihren Waffen hatten zurueckziehen muessen. In einer Kampfhandlung am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg ueber Kraefte der Aufstaendischen errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die schliesslich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1. Juli, fuehrte. Die Vorgaenge gelten aber als zu kompliziert fuer solche Beurteilung (24). Die Englaender wandten sich gegen die polnischen Versuche, durch den Aufstand die fuer das weitere Schicksal Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und drohten, englische Truppen zur Unterstuetzung der franzoesisch/italienischen Besatzungen zu senden. Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die Unsicherheit ueber die bevorstehende Entscheidung der alliierten Botschafterkonferenz ueber Oberschlesien beherrschte die Stimmung. Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach Frankreich zurueckgekehrt. So hatten wir wenigstens wieder Verfuegung ueber das Gastzimmer im oberen Stock. Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet. Ich sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte. Er war einerseits ein juedischer Gelehrter, aber auch preussischer Volksschullehrer mit grosser Allgemeinbildung. Abgesehen von hebraeischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch Grundkenntnissen in juedischen Braeuchen und Gesetzen. Die Zeit von einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der hebraeischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen war. Ich hatte diese Stunden mit grossen Erwartungen begonnen, sie gaben meiner Anhaenglichkeit an juedische Religion und damit auch juedische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz. Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung. Sogar die Mutter kam in die Synagoge. Der Onkel Max Gruenfeld aus Berlin als Miterbauer der Synagoge und fuer den architektonischen Entwurf damals verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen. Zu Hause kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten. Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen. Ich bekam, neben anderen Geschenken, sehr viel Buecher, Grundlage einer noch wachsenden, recht vielfaeltigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2. Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte. Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen Die Botschafterkonferenz hatte zunaechst keine Einigung ueber die Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Voelkerbundsrat um ein Gutachten gebeten. Es handelte sich dabei natuerlich nicht nur um eine moeglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewuerfelten Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Moeglichkeit einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war. Den Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, dass die Kreise Rybnik und Pless zu Polen kommen wuerden. Sie allein haetten Polen wichtige Kohlegruben und -vorkommen gegeben, aber nichts von der Eisen- und Stahlindustrie oder Zinkhuetten. Es wurde aber auch von einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides fuer Polen dazu kommen wuerde. Die Englaender und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland, von der man annahm, dass es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwaechen wuerde, und auch Deutschlands Moeglichkeiten, die ihm in Versailles auferlegten Reparationen zu bezahlen. Die Polen besassen eine Kohle- und Stahlindustrie im oestlich an Oberschlesien angrenzenden Dombrowaer Gebiet, wo franzoesisches Kapital stark beteiligt war. Die Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen an der deutschen Ostgrenze interessiert. Basierend auf den Empfehlungen des Voelkerbundsrats beschloss die Botschafterkonferenz am 20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden. Die beiden grossen Industriestaedte Kattowitz und Koenigshuette, die mit grossen Mehrheiten fuer Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Haelfte der Kohleproduktion und der Hochoefen, die Haelfte der Stahlwerke, fast die ganze Zinkindustrie. Das Industriegebiet sollte mitten durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn- und Strassenbahnnetz, Wasser- und Stromversorgung, ja auch unter Grund wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen und einem anderen auf deutscher Seite. Die praktischen Probleme waren enorm, fuer die menschlichen wurde vorgesehen, dass beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen abschliessen wuerden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu schuetzen. Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den Alliierten Maechten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner verschiedenen Minderheiten abschliessen muessen, und es wurde ihm nun auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen, waehrend Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen fuer die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu schliessen. Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, dass diese Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen. Mit der Ungewissheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt. Nun war der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu. Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und Gespraeche zur Lage verwickelt, nun wurden sie fuer die Stimmung beherrschend. Die Ideen vom fruehen Sommer waehrend des polnischen Aufstands, dass man eventuell weggehen wuerde, waren ganz verflogen. Unter den ansaessigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, dass man sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im polnischen Staat einrichten muesse. Durch die Auflage eines Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar so angesprochen. Es gehoerte dazu, dass die Vertreter der deutschen Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer zukuenftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen mussten. Dazu gehoerte auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalitaet fuer die neue staatliche Souveraenitaet, und das Alles geboren aus einem Heimatgefuehl, dass naemlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen, sondern weiter gedeihen sollte. Es liegen darueber mannigfache Aeusserungen von massgebenden deutschen Funktionaeren aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der Entscheidung vor. Deutlich erinnere ich mich, dass mein Vater von einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzaehlte, ein aus Berlin anwesender Minister haette gesagt, was die kuenftige deutsche Politik zu dem abzutretenden Teil anbelangt, waeren doch wohl Alle mit der in Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnueren und vernichten". Ich nehme an, dass es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei Oberschlesiens war. Auf Provinzebene waren Sanitaetsrat Bloch in Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preussischen Landtag sass, prominenter gewesen, fuer das Gebiet des kuenftigen Polnisch-Oberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der fuehrende Exponent geworden. Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns darueber erzaehlte. Fuer die Deutschen im kuenftigen Polnisch-Ober-schlesien musste es andere Wege des Denkens in ihrer neuen Situation geben. Es brachte sie in die Linie des Denkens der nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten Weltkrieg entwickelte. Mich haben diese neuen Begriffe und Vorstellungen auch spaeter im Zusammenhang mit manchen anderen Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert. Der Uebergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.