The Project Gutenberg eBook, Frauen, by Kasimir Edschmid


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Title: Frauen

Der Prinz--Särö--Frauen--Der Zuschauer

Author: Kasimir Edschmid

Release Date: January 26, 2011 [eBook #35085]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAUEN***

 

E-text prepared by Jens Sadowski

 


 

 

 

Kasimir Edschmid

Frauen

 

 

 

 

 

 

 

 

1922

Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin

 

 

 

Außer dieser Ausgabe erschien eine vom Verfasser
signierte und numerierte Vorzugsausgabe
in 110 Exemplaren

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1922 by Paul Cassirer
in Berlin

 

 

 

 

Drittes bis fünftes Tausend

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig

 

 

Inhalt

Der Prinz

Särö

Frauen

Der Zuschauer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber ich bitte Sie . . . Ein Mensch,
der sich zum schöpferischen
Leben bestimmt, hat nicht das Recht
mehr, zu leben wie die andern.

Flaubert an Maupassant

 

 

Der Prinz

Als Riny, großäugig, die Schenkel zart und bebend von Linien wie ein Hirschkalb, einsam aufgewachsen, heißerer Sonne hingegeben, verschwistert dem Laut eines großen Meeres, das ihr Blut nie vergaß, Vater und Heimat auch aus der Ferne inbrünstig liebend wie am ersten Tag, als sie auf Männer stieß, war es Saint-Loux. Er nahm die Sehnsucht von ihr, die sie dann größer übergoß. Er bedrängte sie lange und reizte sie jedesmal neu. Er war schlank, ein Franzose, das Gesicht von Pocken zerrissen, die Augen scharf von Klugheit. Er nahm sie hart und glühend wie ein römischer Ringer. Als er sich zu sehr an sie verstrickte, daß sie ihm stärker gegenüberstand, nahm sie einen anderen Mann.

Doch zog sie es wieder zu Saint-Loux.

In Paris betrog sie ihn mit einem kleinen Dichter, der Bewegungen hatte wie ein Aal. Sie reiste mit ihm ab, hob Wechsel ab und hielt ihn aus. Nach einem halben Jahr schickte sie ihn fort. Sie reiste zu Saint-Loux. Nie war sie glücklicher. Sie blieben auf dem Lande. Saint-Loux wuchs jedesmal langsam. Durchbrach er die Kühle, die sie meisterte, vergaß er sich und sprach seine Geheimnisse aus. Dann kannte sie ihn, schaute ihm auf den Grund und wurde schlaff.

Die Hüften eines Winzers rief sie zu sich, der den Geruch der wollüstigen schwarzen Erde trug. Sie entführte ihn, entwurzelte ihn in die Normandie, bekam ihn langsam satt und fuhr nach Berlin. In einer peinlichen Sache setzte sie ihren Ruf aufs Spiel und rettete Saint-Loux, dessen Leben in vielen Strömungen stand. Es zog sie zu ihm. Sie vereinigte sich mit ihm.

Sie blieb, wenn sie ihr Dasein nach der Welt zu drehte, Dame. Ihr Vater, den sie liebte, war reich. In Paris wieder verließ sie den Franzosen. Ein feiner Künstler gab ihr Stunden der Melancholie und des Schmerzes. Die flammende Rede eines Schauspielers, sein ungestümes Werben gab ihr andere Richtung und Ersatz. Nach einem halben Jahr fuhr sie wieder zu Saint-Loux. Nie gelang es ihr rasch ihn zu verlassen. Nach Wochen von Kämpfen zog es sie von ihm. Ein Erkalten von ihm hielt sie von tausend Abtrieben entfernt.

Sie lebte drei Jahre mit ihm, lächelnd auf jede Versuchung nun, entschlossen, mehr sogar: nicht in der Lage, ihn zu verlassen. Sie zog, ihr Leben innig dem seinen verkettend, mit ihm, wo er lebte und kämpfte, denn er nahm nichts von ihr. Sie schweiften zusammen. Ein Auftrag sandte ihn nach Indien, wo er die Politik seiner Regierung wahrnahm. Ein wenig drin im Lande, dem Fluß gegenüber, empfing er Botschaft, nahm er sein Geschäft wahr. Vier Monate, wie im Traum, lebte sie mit ihm, immer glücklicher an ihm. Denn er besaß Muskel und Hirn.

In einer Nacht wachte sie auf, sah einen Stern am Himmel, es war als schlüge ein Mondflügel gegen sie, sie erhob sich, besah das Haus, den Balkon, den Fluß und sah es schon nicht mehr.

In dieser Nacht verließ sie Saint-Loux wie ein Blitz, ohne daß etwas in ihr blieb von irgendeiner seiner Umschlingungen, die ihn in (wie sie glaubte) unsterblichen Nächten ihr verschmolzen. Sie kleidete sich an und ging hinaus. Von den mondhellen Blumen machte sie unterwegs einen Strauß. Träumerisch schritt sie durch die blonden Maisfelder. Als der Morgen kam, begann sie zu singen.

Zum erstenmal sah sie tausend Dinge genau. Das Gras erhielt Dasein. Grillen zogen Laute um sie, der Duft der Blüten erschauerte sie. Der geöffnete Himmel kam ihr nahe. Sie sah ihn wogen, daß es kein Ende nahm.

Sie hob die Arme in Bäume. Der Kern gepflückter Früchte schmolz ihr auf der Zunge und ein ungeheurer Trieb verband sie ungekannten Gefühlen in der summenden Weite.

Sie ging durch einen Tamarindenwald. Kupfern schoß Glanz eines Daches durch die Zweige. Sie lauerte kurz, dann machte sie einen Bogen. Gegen Abend kam sie an eine Wiese. Seitwärts ein großes Kloster. Die Ebene lag ganz voll Sonne. Menschen strömten nach ihm zusammen, gleich Tieren, geschart, alle trugen die Köpfe gesenkt. Rinys Nüstern dehnten sich ein wenig. Sie blieb sitzen.

Trupp auf Trupp, gelb gekleidet, immer die Nacken zum Boden gestellt, zogen hinein. Sie hatten Lederriemen um den Leib und Rosenkränze in den Händen. In den blauen Abendfarben leuchtete das Gold von hundert kleinen Türmen unsinnig. In ihrer Mitte stand eine Pyramide mit einem Fortsatz gleich einer umgestülpten Trompete. Schatten stürzte auf Schatten von oben über die Terrassen.

Als der Mond aufging, schlug er wie der Flügel eines Engels durch ihr Herz. Die Nacht schauerte noch von ferne, es war halb hell. Sie sah hinein und das Licht drang durch sie wie eine Säule. Dann fiel es auf die Pyramide, die nach oben sich aufschlug und breiter wurde in den Himmel hinein.

Ihr Lächeln ging nicht nach ihrer vorgelebten Zeit, nun vor Wundern stehend, wurde sie sicher und groß und die lockende Stille verführte sie tief.

Sie wandte den Kopf.

Ein Mann kam auf sie zu, hielt und ging weiter.

Sie warf ihm einen Blick zu, den sein schräges Auge faßte, das gewölbt lag unter den ungeschorenen Haaren. Die Kette hing um seinen Hals, er trug aus Seide das gelbe Kleid der anderen Priester.

Sein Blick zerschnitt ihr Gesicht, als er sie streifte. Aber ihr graues Auge hob sich ruhig gegen ihn.

Einen Augenblick zuckte der Fächer, mit dem seine Hand sich Wind zuschlug. Einen Augenblick streifte gelähmt sein Fuß. Dann trug sein Gang ihn weiter. Noch in der fallenden Dämmerung sah sie ihn ungenau eintreten durch ein Tor.

Noch aber war es nicht ganz dunkel, als er zurückkam. Ihre Pupillen sahen ihn schon von weitem durch die Schatten. Sie lächelte.

Er zog sie an der Hand, flüsternd, hochmütig, hinein in das Kloster.

Auf Treppen folgte sie seinem Schritt von Terrasse zu Terrasse. Viele Priester begegneten ihnen. Aber keiner sah auf, kein Ohr gab acht auf sie. Leise murmelnd, die Blicke gesenkt, gingen sie ihnen vorüber. Durch eine Allee des obersten Pyramidensockels erreichten sie den Gurt der Türme.

Der Führer öffnete die Türe an einem. Er zog sie hinein . . . . . über eine Treppe, sie stand in einem Zimmer, von allen Seiten voll Licht. Farbene Felle lagen darin, geschliffenes Glas hob die Wände. Aus porzellanenen Schalen wehte dünn das Rosenöl.

„Bin ich gefangen?“ fragte Riny gleich.

„Nein,“ sagte er in einem Englisch, das sich auf seiner Zunge brach.

Aufatmend sog sie das süße Licht des Abends aus den Fenstern:

„Warum sieht uns keiner?“

„Sie sind nicht blind. Sie dienen nur. Einer nur hebt für sie den Kopf.“

„Du . . .“

„Ich.“

Sie atmete heftig in der betäubenden Luft.

Er bewegte sich von der Tür her auf sie zu. Sie sah die Augen eines tief erregten Mannes, dessen Gesicht die große Welle schwer nur hielt. Sie ließ das Auge weitergleiten. Durch die Fenster fuhr es auf die Landschaft. Sie sah den dunklen Schatten eines Waldes. Dahinter lag das Haus Saint-Loux.

Sie drehte sich um und gab sich in seinen Arm.

Seine Liebe war ohne die Begierde, die sich erschöpft in der Berührung der Haut. Aus seinen Händen drang ein Strom in ihren Geist. Sein Mund erhob den ihren in die Höhe wie sein Auge. Sein Leib verschmolz dem ihren mit so mächtigem Drange, als zwinge er die Vereinigung über das Berühren der Körper hinaus. Seine Worte, die sie um Liebe fragten, waren kurz und suchten wild in ihrem Blut. Ein Rausch überkam sie unter seinen Armen, sie sah sein Auge schwer über ihr verzückt.

Ihr erwachender Blick fiel auf die Spitze der obersten Pyramide. Die Sonne tanzte mit kleinen Flammen auf einem eisernen Ring, der um sie genietet war. An Seilen zwischen der Spitze und dem Gürtel hingen kleine Glocken und erzitterten zu Tausenden in der erfrischten Luft. Unten zogen die Rahaans aus den Toren.

Sie schloß die Augen wieder und die Träume der Nacht schaukelten über sie.

Nach zwei Stunden stand sie auf, unwillig über ihre Einsamkeit. Sie stieg die Treppe hinunter. Als sie den Turm verlassen hatte, nahten Menschen. Sie barg sich in einen Winkel. Weiter vorgehend, kam sie an die Allee. Sie war leer. Als sie zurückschaute, verwirrten sie die hundert Türme. Sie kannte den ihren nicht mehr.

Tränen traten ihr in die Augen. Sie bog aus der Allee und stieg hinab.

Überrascht trat sie in eine Halle mit Reihen von Säulen. Gesumm von Stimmen überfiel sie. Sie trat heraus aus dem Schatten und sah Hunderte Priester, die in dem Raume wogten wie Bienen. Sie sprang zurück, erschreckt, aber vor ihr standen drei andere, die eintraten. Erbleicht hielt sie.

Aber sie bogen um sie, ohne sie zu beachten. Da ergriff sie ein Schwindel, dies Gehen wie im Traum erschreckte sie. Niemand beachtete ihren Körper, sie schwankte. Ihr Blick fiel in einen Spiegel, das gab ihr die Sicherheit wieder, sie sah ihr wirkliches Gesicht.

Erregten Herzens, durch Hallen schleichend, traf sie den Abt. Er ging allein hin und her zwischen den Blumen, manchmal eine erhebend, hineinschauend in den Kelch und sie zurücksenkend in ihre Lage. Er schritt das kleine Stück hinunter, das von den Wänden der Pyramide eingeengt war und über der Gegend schwebte bis an den Rand. Eine Ruhe umgab diesen Ort, die kein Vogel, keine Fliege unterbrach.

Er blickte auf und sah sie, verstört noch in ihrem Gesicht. Mit drei Schritten ging er auf sie zu, die Arme ein wenig gebreitet. Tränen an allen Wimpern stürzte sie auf ihn wie ein Kind.

Als er den Garten verließ, folgte sie ihm willenlos.

Aus jedem seiner Blicke, in jeder Umarmung traf sie eine Macht, die eine Wolke um sie legte. Sie hing an ihm fest. Sie folgte seinem Schritt, seiner Bewegung. Nie verließ sie ihn. An jedem Morgen suchte sie ihn durch die Hallen, jeden Morgen fand sie ihn atemlos wie ein Wunder an einem anderen Ort. Sie schritt durch die Priester hin mit der nie endenden Bangnis. Wie von ausschweifendsten Abenteuern erreichte sie seinen Arm. Mit ihm schritt sie sicher durch die Menge, die ihrer nicht achtete.

Sie sah sie jeden Morgen das Kloster verlassen, hinaus zur Sammlung die Ebene betreten. Sie sah sie heimkehren, beladen am Abend. Bebend ging sie durch die Räume ihrer Andacht, die nie eine Frau betreten. Keiner hob das Auge nach ihr. Gelübde folgend in Gebeten sammelten sie ihre Seele, deren große zusammengefaßte Erhebung der Abt weitergab, Auge und Mund frei.

Aber ihr kam nie die Sehnsucht, die Terrassen zu verlassen. Ihr Blick lag ohne Lockung auf dem Horizont.

Monate hier lebend, änderte sich ihr Wesen um. Seinem Dasein, das dies alles in den Händen hielt, ganz und ohne Besinnung hingegeben, fraglos ausgeliefert, hatte sie nur Blick und Sinn für ihn. Stärker in jedem Schlaf erfuhr sie die Inbrunst, die er an sie hingab, dies ging über jeden Rausch, den sie erfahren.

Sie wohnte im Kreis die Türme herum. Wind kam ihr von allen Seiten. Sie kreiste um die Sonne, die täglich aus anderer Richtung auf sie traf. Im Wechsel der Monde sah sie andere Landschaft, andere Menschen, Feuer kamen und gingen an den Toren, die Krähen schwebten um andere ausgesetzte Beute. Ihr Blick nahm es ohne Teilnahme. Was sollte es ihr. Sie lebte nach innen, suchte den Abt und war glücklich, wenn sie ihn sah.

Nachts an seinem Herzen frug sie:

„Wenn jene mich sähen . . .“

„Sie tun es nicht.“

„Wenn jene mich sähen, würden sie mich erschlagen, . . .“

Er legte die Hand auf ihren Mund.

„. . . . . . . würden sie mich zerreißen aus Verzweiflung, über die Mauer werfen . .“

Er gab nicht gleich Antwort.

„Ja.“

Sie zitterte.

„Du würdest sie wehren.“

„Du weißt nicht, was jene verlören: den Glauben. Sie sind Jahre hindurch, Jahrzehnte gewandert, wortlos, ohne die Welt zu sehen. Sie haben geflucht früher. Nun weinten sie häufig, bis sie die Ruhe hatten.“

„Du würdest sie wehren . . . .“

Eine Falte umzog seinen Mund vor Weh:

„Ja.“

An seinem Lächeln erkannte sie: das war sein Tod.

„Ich will dich begleiten, wenn du das Kloster mit ihnen verlässest am Tage. Ich will immer bei dir sein.“

Er hob sie auf zu sich. Sein Gesicht neben ihr vermischte sich in einem schönen Rausch gleich einem Fieber mit ihrer Wange. Sie aber im Gefühl, wieviel er um sie spiele, zitterte klein und schwach in seinem Arm.

Noch Tränen in den Augen fand sie ihn am Morgen. Angeschmiegt an ihn, bat sie ihn um Kleider, an sein Versprechen ihn erinnernd. Keine andere Sehnsucht sprach in ihr, als bei ihm zu sein, mit ihm zu wandern, sich anzuschmiegen an seine Knie. Das war alles. Es ging nichts darüber.

In dieser Woche zog er nicht mit den Rahaans. An einem Feiertage gab er ihr die Kleidung: dünnes gewässertes chinesisches Seidenzeug, Sandalen und die Schere, mit der sie die Haare über den Schulterblättern schnitt.

Als sie fertig war, sah sie ihn zurückfahren. Er gab ihr einen Spiegel. Nun glich sie ihm ganz im Aussehn auch des Gesichts. Nur die Falten fehlten von den Nasenflügeln zu dem Munde, ihr Auge schwamm mehr in unbegrenztem Nebel, während seines hochmütig dunkel starrte. Es hatte den gleichen Ausdruck bei ihm, nur an ihr erhielt es ein düsteres Flammen. Er sah sie an voll Erregung.

Sie neigte sich und küßte ihm die Hände, doch er legte sein Gesicht in die Flächen ihrer Finger einen Augenblick.

An jedem dieser Tage ging der Abt mit einem anderen Trupp. Sie verließen das Kloster durch die Tür, die Pförtner, Laien warfen sich hin vor ihnen.

In die Dörfer eintretend gingen sie von Haus zu Haus. In den Städten vergaßen sie keine Tür. Die Augen gesenkt, in Büchsen aus Blech empfingen sie die Gaben: Früchte, Reis, getrocknete Fische. Sie warfen es in einen blauen Karren, der sie begleitete. Fremde Bettler erhielten an den Toren ihren Überschuß.

Sie hielt sich neben dem Abt, sie tat keinen Schritt ohne ihn, wenn sein Blick sie traf, errötete sie in ihrem von der Sonne kupfern gewordenen Gesicht.

Einmal sprang sie zurück. Sie sah Saint-Loux vorüberreiten. Seine Schenkel hielten straff den Bauch seiner Stute. Der Fechterkörper saß gelassen im Sattel. Nur sein Auge zeigte Trübung wie von Tränen. Seinem Pferde die Sporen gebend ritt er rasch vorüber. Freude überkam sie, ihn so wohl zu sehen. Aber schon schwand er aus ihr.

Das Gefühl ihres kleinen Lebens gegen das große des Abtes aber wuchs mit jedem Tag in ihr. Sie besah ihn des Nachts. Auch sein Körper war schön, er hatte junge Jahre noch, schwankend zwischen den Dreißig und der Nähe der Vierzig, seine Jugend war geschont. Daraus aber, aus dem, was er entsagte, quoll die Stärke seiner Seele auf sie, daß sie vor Staunen oft sich selbst vergaß. Je mehr er aber in seinem Rausche auf sie vertraute, je ungestümer seine Inbrunst an ihr aufschlug, als suche sie durch ihren Leib erst die Verbindung mit einem größeren Blut als dem ihren, um so tiefer schwankte sie, seiner Liebe kaum würdig, es nicht ermessend, daß er sich so in sie ergoß.

Er aber hob sie immer höher, daß sie ihm mehr noch gleiche, hinter der er die Vervollkommnung seines Wesens suchte.

Er brachte ihr, als er die Fahrten der Mönche nach den Festen nicht mehr teilte, sein Kleid und die ziselierte Kette.

Sie sollte mit ihnen gehen — — für ihn. Er gab ihr alles in die Hand.

Sie aber wollte ihn nicht verlassen, immer mehr gebunden an seine Gestalt. Sie sah seinen Mund an, seinen Fuß. Sie weinte. Sie wollte nicht getrennt davon sein.

Er senkte den Fächer, den seine Hand nicht verließ.

Sein Auge sah sie an mit der aufsaugenden Glut, die ihr Blut beherrschte. Er wollte, daß sie alles mit ihm teile, hineinwachse in seinen Geist und seine Ausübung, wie sie ihm ähnlich war am Körper.

Er zog sie an und brachte sie, unscheinbar gekleidet, selbst zum Tor. Das Gesumm der Mönche trieb in ihr Ohr. Sie kamen auf die Ebene, die sich ihr weiter wellte an diesem Tage wie je. Das Surren der Rosenkränze betäubte ihr Ohr, das stärker anwuchs, über die Ungewöhnlichkeit der Begleitung des Abtes waren die Rahaans verwirrt, sie sahen es nicht, aber sie spürten seine Gegenwart.

In großer Schleife zogen sie über die Gegend. Ihr wurde jede Sekunde zur Ungeduld. Langsam erst gegen Mittag genoß sie die Zeit. Stillglühenden Gesichtes vor Sehnsucht ging sie unter den anderen.

Bei ihm die Nacht, erschreckt davor, daß er sein Schicksal wie im Spiel auf sie setzte, frug sie:

„Wenn du irrtest.“

Er sagte schlicht:

„Ich irre mich nicht.“

Sein Gesicht war hochmütig vor Glauben.

Sie lag bleich neben ihm, bedrückt von seiner Sicherheit, die sich über sie legte so hoch, daß sie darunter verschwand. Der Mond spielte durch blaue Dämmerung um den Turm und deckte ihre Gesichter. Lange lag sie.

Dann sagte sie leis:

„Ich liebe dich.“

Er sah ihr erschüttert in die Augen. Es wurde Morgen. Sie erhob sich.

„Wohin gehst du?“ frug er.

Sie deutete auf die Ebene, auf alle Tore. Sie war aus Liebe stärker als ihre Sehnsucht. Sie zwang es nieder, daß ihr Gefühl in seine Nähe sie band als schöne Erfüllung. Ihm sich preisgebend in seinem höheren Sinne ging sie für ihn hinaus nun Tag um Tag.

Nun zog die Landschaft sie auch an, die sie für ihn besuchte. Aus seinem Herzen dankte sie für Gaben, die überreich sie empfingen. Mit seinem Auge sah sie voll Hingabe wieder das Licht sich sanft zerteilen auf Büschen und Sand. Sie folgte im Wald dem Spiel der Sonnenkringel und hatte Freude daran. Ein Bach wogte vor ihren Schritten, sprudelnd mit weißen Wellen, die sich springend überspielten. Lange noch blieb ihr die Musik des leichten Wassers im Ohr.

Ihre Ärmel streiften über das feine Mehl der Blütenkätzchen. Durch ihre liebkosenden Hände zog sie die schweren Ährenkronen des Weizens. Sie bückte sich zu Blumen, die sie pflückte. Sie unterschied genau die Farben, blau . . . weiß . . . orange. Sie band sie zusammen und hatte Freude darüber im Herzen.

Des Nachts spielte eine Melodie an ihr Ohr. Sie lauschte lange. Dann kam es durch das wogende Gemach auf sie zu: das Wiegen des hellen Baches.

Die Musik aber stieg.

Sie lauschte lange: . . das Meer ihrer Jugend, dessen Geräusch ihr Blut nie vergaß.

Ihre Brauen spannten sich lang, sie sah Figuren, Geruch ihrer Heimat, aber die Liebe des Mannes umgab sie zu mächtig, als daß die Erinnerung den Ring durchstieß. Es hatte keinen Sinn in der Bedeutung ihres Lebens, das gefüllt war.

Es schwand dahin, wohl begleitet von Tränen.

Aber die wuschen es nur ganz aus ihrer Seele dahin.

Sie empfand auch im höchsten Rausch die untrennbare Zugehörigkeit ihres Blutes zu ihrem Vater diese Nacht. Sie wußte, daß ihr Leben tief verwurzelt zu ihm gehöre. Aber an Saint-Loux dachte sie nicht.

Aber sie vermochte nicht, den Gestalten und Landschaften ihrer Jugend an das Herz zu fühlen. Sie sah sie, aber sie traten nicht auf sie zu, heischend und verlangend. Langsam spielte um sie wieder das Singen des Baches.

Auch es erlosch in dem Schlaf, der sie umfiel.

Aus den Armen des Abtes stieg sie in die Ebene. Aus der letzten Ecke des Waldes hob sich das rote Segment der Sonne. Langsam wie zum Singen ging sie hinein in das von süßem Licht angerührte Land.

Im Laufe der Wochen erreichte sie streifend eines Mittags eine Stadt, die dunstig zwei Tage weit vor einer Hügelkette hinter dem Kloster lag.

Das gescharte Volk brach vor ihr auseinander. Sie stand vor dem Einzug eines Fürsten, der abgesprungen war und gerade auf einem Teppich stand, als sie vorüberzogen.

Der Fürst neigte sich weit zurück und hob die Hand über die Augen, gerührt vor der Schönheit des jungen Abtes. Er grüßte tief.

Sie blieb stehen und erbleichte. Sie stammelte ein wenig, dann aber legte sie rasch die Hand auf den Mund. Sie standen sich einen Augenblick gegenüber. Das weiche, milde Auge des Fürsten flackerte schwer auf ihrem Gesicht.

Rasch bog sie zur Seite, mit einem Lockruf ihre Leute sammelnd. Ihr Gesicht war ohne Stille.

Sie kehrten zurück und überstiegen die Hügel. Sie sah das Kloster vor sich wie am ersten Tage in einem pfaublauen Abend mit hellem Golde hineinwachsend. Wieder stieg Terrasse deutlich abgezirkelt in Terrasse zum Aufbau der gegürteten Pyramide, die mit Alleen beschattet, vom Kreis der Türme funkelnd umdreht, fast unerträglich gleißend stand.

Aber es war, als erreichte sie den Bau nicht an diesem Tag. Abendliche Lichter wiesen ihr deutlich das Bild. Doch sie erreichte keine Nähe, immer blieben die Türme wie Striche im Horizont. Und als sie die Füße beeilten, überspannten sie dennoch nicht den Raum, der zwischen ihnen lag.

Solange Helligkeit den Abend noch sichtbar füllte, gingen sie darauf zu, aber der Bau, der wundervoll leuchtete, ging immer vor ihnen her, bewegt von den Strahlen der Luft.

Verzweifelt liefen sie mit keuchender Lunge.

Erst in der Nacht kamen sie an den Bau.

In der Nacht suchte in der Beleuchtung des Mondes sie des Abtes Gesicht. Er schlief und sie sah nicht die dumpfe Glut seines Auges. Aber sie fand ihn schön. Zufrieden erwachte sie am Morgen. Ihr Blick traf die Spitze der Pyramide. Die Drähte mit den Glocken, die wie Vogelschwärme daran hausten, klangen erregt in der frischen anziehenden Luft.

Als sie die Alleen hinunterschritt zu einem der Tore, brausten sie über ihr, mit einem geheimen Ton der Erregung, den sie nie hier vernahm. Der Boden roch, daß ihre Nüstern sich spannten, es war der schwere Duft der Erde nach Regen. Als sie hinaustrat in die Ebene, sah sie sie mit einem ganzen großen Blick. Ihr Auge faßte alles Einzelne zusammen und blieb an der Ferne hängen, an der die seidenweiche Luft als lange Bläue hing.

Sie führte ihren Weg oft nun nicht nur nach den Gaben. Menschen reizten sie, sie hatte Freude an unbekannter Gegend. Neue Städte mit ihrem Schwarm, der wechselte, berührend, vergaß sie in der Freude am Augenblick und der Entdeckung alles, was über und um sie war.

Eines Tages übersprang sie einen Bach, fiel auf das Knie, und als sie den Boden schmerzhaft berührte, empfand sie Sehnsucht nach Saint-Loux. Ihr Blut schuf ihn ihr wieder, der die Sehnsucht zuerst von ihr nahm. Er stand in einem Busch, den Arm entblößt, wie fechtend. Sein Muskel tanzte. Die Augen in dem zerrissenen Gesicht funkelten vor Geist. Sein Mund war kühl gefaltet. So sah sie ihn wieder zum ersten Male, der wie ein Schicksalsrufer ihr seit jeher die Pausen ihres Daseins wies, der immer nur kam: nach Vollendetem.

Ein wilder Schmerz brach in ihr aus. Sie blieb eine Weile liegen. Hob stumpfe Augen und sah nur langsam die Erscheinung verschwinden und sich verändern in die Gestalt des Abtes. Tief erschrocken über sich ging sie durch das Tor.

Die Nacht ging das Sonnenjahr zu Ende um die Mitte des April. Sie wohnte schon zum zweiten Male über dem östlichen Tor.

Da schob eine Armee von Lichtern über die Ebene gegen das Kloster.

Die Nacht war sternlos. Riny beugte sich weit aus ihrem Fenster. Um die Mauer des Klosters brannten Holzstöße vor allen Toren.

Wie durch Nebel gespiegelt kam ein dunkler Zug aus dem Horizont herauf. Eine leichte Musik ging vor ihm her in der hellen Nacht, durch die Scheine irrten. Langsamer Gesang erstarb. Indische Gitarren und birmanische Harfen sangen. Über ihnen grollte das Rollen der Trommel und Gong. Plötzlich war die ganze Nacht wie Gold.

In das hellere Licht der Tore tauchten gespenstisch die ersten Gesichte.

Wagen rollten heran in breiter Linie, vor jedem vier Büffel gespannt, deren weiße Augen blänkerten in den Fackeln und Scheiterhaufen. Sie ebbten in Wellen heran, die wilden Nacken gebeugt, haltlos, verschwindend gegen die Mauer, immer neue Reihen aus dem Dunkel hinter sich in die Helligkeit nachreißend, es war kein Ende zu sehen des schwarzen Heeres und des Deichselgedröhns.

Da aber barst eine Lücke, Tiere schnaubten, ein Zelt entstand zauberhaft.

Fünf weiße Fahnen kamen angetragen und erstarrten in der Luft. Zwei Neger mit bunten Fahnen, bewimpelt den Schaft bis zum Ende, pflanzten sich davor. Mönche hinter ihnen fielen in zwei Reihen ins Knie, eine Gasse, die Köpfe zueinander.

In einer Scharlachweste und gespitztem Wollhut stand ein Geistlicher hinter ihnen, sein Kopf leckte noch nach dem Licht. Hinter Bedienten schritt ein Gouverneur, auf weißen seidenen Hosen die goldgestickte Weste von blauem Atlas.

Da hoben sich Speerträger, oben die Spitzen voll Gold, blutrote Troddeln rauschten fallend herab, ihre Füße standen im Gegenrhythmus der ganzen Bewegung, noch im Dunkeln halb befangen, eine Woge, die sich überstürzt. Aus ihren Schatten schon formten sich die Elefanten. Sie türmten gewaltige Leiber in die Flammenscheine, die wie eine Meute auf ihre Flanken stürzten.

Es war eine Mauer. Aber ein Schrei durchbrach sie.

Ungeduldig drängte ein anderer Elefant vor. Mit poliertem Haken riß ein schlanker Prinz seinen Hals, über dem ein Diener einen goldenen Schirm hielt.

Noch einmal schrie er, da hielt der Elefant.

Von dunklem Samt sprang der Reiter, warf die Schuhe zur Seite, sprang, allein, vor bis zum Tore und warf sich aufs linke Knie.

Vor ihm standen eingebaut in die Mauer groß und gewachsen aus Stein zwei Bilder: Thasiamis, mit der Feder in der Hand aufschreibend Gutes und die Laster . . . . . neben ihm das kniende Weib Masumdera, deren hohle Hand, die Welt schaukelnd, sie schützt bis zum letzten Tag, wo sie sie aufhaut wie eine Frucht.

Kaum aber berührte des Prinzen Knie den Boden, schon fuhr es zurück.

Er verschwand.

Der Abt kam nicht die Nacht.

Über dem Singen der Weiber auf der Ebene um die brennenden Sandelhölzer rauschten Raketen über den Himmel, zogen tiefe goldene Furchen und zerstoben in großen traurigen Strähnen, die schön wie Haar auf die Dächer des Klosters sich senkten. Riny am Fenster die ganze Nacht, flog auf mit jeder, sank mit jeder zurück. Am Morgen war ihr Herz unruhig, sie öffnete das Fenster und hielt ihre Brust und den Kopf in den leise wehenden Wind.

Durch die Allee ging sie hinunter, unruhiger noch, weil sie den Abt nicht fand, der nie außer der Woche ihrer Schmerzen bei ihr fehlte.

Sie trat um die Ecke der Säulenhalle.

Da kam in dem Gang der Prinz auf sie zu.

Sein Auge berührte sie, es war schöner wie das jenes Fürsten, der sie streifend in einer Stadt anhielt vor Bewunderung. Es war süß und grausam wie eines Panthers. Er ging auf sie zu mit federndem Schritt, aber kurz vor ihr drehte er ab.

Sie lief drei Schritte und sah um den anderen Säulengang. Am Ende stand der Abt, die Arme geöffnet. Der Prinz ging auf ihn zu. Sie waren beide prächtig gekleidet und umarmten sich. Sie stand und sah, als die Säulen sie schon von ihr trennten.

Sie ging hinaus und sah in einen Spiegel, die Hände an den Brüsten.

Sie nickte sich zu.

Sie kam an den kleinen Garten, ein Vogel saß auf dem vorderen Busch. Er hielt den Schwanz aufgerichtet und sang fein und frisch. Sie beugte sich in den Hüften vor.

Ihr Mund spitzte sich.

Sie pfiff ihm zu. Der Vogel pfiff wieder. Die Sonne lag ganz jung auf dem Land. Sie hob den Arm, die Augen abschattend. Sie sah soweit hinaus, wie sie selten sah.

Ganz am Rand des Horizonts zogen sich zarte schwingende Linien Wolken, die nun von Gold anfingen zu glänzen, darüber stand kühl das Blau des Morgens. Das Land begann zu leben. Die Büsche hoben sich ein wenig in die Höhe. Der Sand erhob ein Gleißen. Der erstarrte Wald zog ein Flüstern durch die Blätter, die sich bewegten. Dörfer brannten Rauch in die belebende Luft.

Nun kam von den schwingenden Pflanzen aufgetragen der Duft des Landes langsam herauf gezogen.

Sie unterschied alle Blüten.

Der scharfe Geruch der Palmen, das Ölige der Schlingpflanzen und die befreiende Zartheit der weißen Dolden.

Sie hielt an, die Nüstern gespannt.

Wieder erhob sie den Mund und pfiff. Es wurde immer klarer. Helligkeit überschwemmte fürstlich den Raum. Die Sonne kam in den Garten.

Sie machte einen Schritt, dann folgte der andere Fuß. Sie ging hinauf zum Turm.

Dann kam sie zurück, ihre Fesseln sicher setzend.

Im Garten sah sie vorübergehend den Prinz und den Abt. Andächtig sich beugend sagte der Prinz:

„Dennoch hast du dich vertieft.“

Der Abt saß, nicht aufstehend, lächelnd sagte er zurück: „Du bist jünger. Wie ich dein Alter hatte, da träumte ich, von Wachen und Hungern sehr vorbereitet, von einem Hügel aus. Ich sah Götter wie Bäume aus der Erde wachsen, unsichtbar dem wachenden Auge. Sie waren bald grün wie Laub, bald vom rotesten Gold. Ich habe nun das Unendliche wiedergesehen. Ich vergebe dir, aber du siehst es, wie ich mich erhöht.“

Sie schritt vorüber, rasch, keine Silbe drang mehr an ihr Ohr.

Sie sah nicht viel um sich. Blumen lockten sie wieder, gelbe überall ausgesät. Es war die Wiese, auf der sie zum erstenmal das Kloster sah.

Sie ließ sich nieder, träumend.

Dann nahm sie das gelbe Kleid der Mönche und schob es in eine Grabenrinne, in einem seidenen Kleid stand sie da wie früher, flocht Perlen in ihr Haar, das nur zu den Schultern reichte. Eine Strähne fiel zwischen den Brauen ihr in die Stirn.

Sie ließ sich nieder, dem Augenblick verwebt in wundersamem Verschmelzen. Kein Gedanke durchbrach ihr Hirn. Ihr Herz saugte sich voll der Landschaft. Sie hörte das Ticken des Geländes, den Jubel einer Amsel. Sie sah den Himmel über sich wogen, daß es kein Ende nahm.

Dann begann der Boden unter ihr zu schwingen wie eine Welle. Ein dunkler Fels warf Schatten über die Landschaft, türmte sich und nahm das Licht von ihr. Ein Elefant in großen Sprüngen durchschoß die Gegend und hielt bei ihr.

Sie sah nicht auf.

Sie sah das Ganze des Tages um sich fluten und schwang mit ihm in einem gleichen Strom. Die Ebene drang in sie ein, als ob sie sie besäße, und durchhallte ihr Blut mit einem warmen Geborgensein. Ihre Seele ging auf. Sie wußte ihren Namen nicht mehr, nicht ihre Heimat, schon vergaß sie den letzten Tag. Ihre Augen, die größer wurden, erschauten zum ersten Male wieder die Welt.

Jede Blume um sie wuchs ein ungeheures Wunder in ihren Sinn. Eine Eidechse ließ sie die Hände schlagen vor Entzücken. Der große Himmel über ihr aber sog sie auf in sein Wogen wie einen kleinen Klang in sein unsterbliches Rauschen.

Als die Schatten über sie fielen, zogen ihre Brauen sich zusammen.

Der Prinz wartete eine Weile.

Dann kniete der Elefant, daß das Land unter ihm sich bewegte vom Andrang seines warmen Bauches.

Dann hob sich ihr Kopf, ihr Blick kam und riß ihn herunter.

Mit beiden Armen trug er sie in seinen Sattel, bewegt vor Zittern, die heißen Augen wie Samt, schreiend.

Der Elefant stürmte gegen den Norden, das Kloster verlassend. Wind wühlte durch ihr Haar. Sie öffnete die Augen. Wie lag der Horizont mächtig vor ihr!

Nach zwei Stunden kamen sie zum Fluß.

Das Wasser war tief gefallen, sie sah die Ebene nicht mehr, zwei große Schlangen wälzten sich neben ihnen die Ufer, entgegenströmend mit gelben Wellen kam der Strom. Sie sah auf.

Vor der Kajüte verteilt lagen dreißig Ruderer, angestemmt die Muskeln im Fahren. Über ihnen standen an den Flanken Pfauenfedern, glänzend rund, und tibetanische Kuhschweife. Sie kam mit dem Auge an die Stange des Vorderteils, sie strich hinauf: ein großer goldener Knopf wie die Sonne. Dann glitt sie, ohne einzuhalten, in den Himmel, der über dem Flußbett hing, grenzenlos.

Ihr Gesicht färbte sich dunkler:

„Wie heißt du?“

„Thengo-Tikien.“

Zu einer großen Katze die Glieder zusammengezogen lag er vor ihr:

„Du?“

Ihr Nacken senkte sich nach rückwärts, ihr Auge nahm die Decke der Kajüte auf, geölt und voll Maserung:

„Germaine . . . . . . Renée . . . . . . Duse . . . . . .“ riet er, der das Französische wundervoll beherrschte.

Sie schüttelte den Kopf:

„Nenne mich!“

„To,“ sagte er.

Sie lachte leis.

Er, der jede ihrer Bewegungen gierig einsog, berauschte sich langsam an ihrem Gesicht. Er badete darin, sie ließ es seinem bewundernden Blick, ohne Verwirrung. Seine Verehrung war zu deutlich, zu unbefangen, als daß sie ihr nicht gefiel als Frau.

Während er sie genoß mit den Blicken, sprach er ihr von Europa, von Gärten mit Musik und Sälen, sein Auge war nicht ganz sicher diese Zeit. Ein Boy servierte ihnen auf Porzellan und Silber gebackene Teeblätter. Unmerklich abschwenkend, kam er aufs Nahe, hob die Hand und zeigte die Landschaft, er redete von Büchern und Elfenbein, seine Finger prahlten, damit ihr Auge sich bestürze.

Sie gähnte und sah ihn an.

Einen Augenblick wurde seine Pupille hart. Dann wurde er weich, sein Tonfall kam zu ihr fragend, verehrend, aus großer Entfernung. Er sagte verwunderliche Dinge, damit sie ihn belehre. Spielend mit seiner Unkenntnis, gab er sich als Kind, den Mund umzogen von unbefangenen Gefühlen.

Indem er sich so preisgab, hielt er dem Rätselhaften stand, das ihn an ihrem Gesicht verstörte.

Allein sie gab nicht nach.

Er sprach von seinen jesuitischen Erziehern, deren frappierende Wirkung er kannte. Ihre Seltsamkeiten ernst nehmend, wurde seine Lippe ganz kindlich. Seine Sprache schmollte, derart spielend.

Sie folgte ihm mit einem Lächeln, das er eintrank.

Sie folgte ihm bis auf die Höhe dieser Kindlichkeit.

„To,“ sagte er schmeichelnd wie eine Katze und lehnte den Kopf an ihr Knie und rieb leicht die Wange daran.

Rasch zog sie das Bein zurück.

Er schnellte auf, getäuscht. Aber ihr unbefangenes Gesicht, das sie mit einem Ruck damenhaft unberührbar vor Sicherheit verwandelte, gab ihm die Erinnerung seiner europäischen Tage, seine Hand fiel zurück. Er lächelte ebenfalls unbefangen zu ihr.

Seine Haut aber spannte sich vor Erregung, er war von göttlicher Schönheit und hielt nur noch schwer.

Sie reizte ihn, daß er seine Haltung änderte, sie ließ die Augen nicht von ihm.

Am Mittag erreichten sie einen Platz, wo Stufen, in die Felswand gehauen, zeigten, daß Städte hier seien. Anhaltend, entstanden ihnen Bambushäuser in fliegender Eile. Ein Landschaftsgouverneur erschien, die Gegend bevölkerte sich. Über ihnen wölbte sich eine Ebene, auf deren Scheitel unbeweglich ein Schwarm Tauben hing.

Der Abend war noch weit. Sie nahmen, faul vom Liegen, junge Pferde und ritten. Je länger sie ritten, um so größer wurde die Geschwindigkeit der Tiere. Die Pferde warfen Mais und Gras auf mit dem Huf, eine kleine Wolke von Sand stand an jeden Fuß geheftet. Der Prinz wies ihr seinen Besitz, sein Finger stieß in die Gegend. Seine Stimme war deutend, erklärend, mit einfacher Würde.

Er kam ihr mit Gleichmut, und sie lächelte darüber.

Der Nagel seiner Hand glänzte. Dahinter standen Berge, die Rubin trugen und Kupfer. Die Fläche seiner Hand formte eine Quelle, die heiß lief, mit Nymphen, blond die Haare. Sie gab ihm freundlich das Ohr.

Die Luft, in die sie tauchten, löste alles um sie auf, so dicht ward ihre Strahlung.

In das Rot der unsichtbaren Sonne stieg ein blauer Dampf. Die Reiter hoben sich mit scharfen Rändern unwirklich aus der Landschaft.

Vor ihnen ballten sich Umrisse, der Luft seltsam verwoben, wie ein Kreis.

Die Hufe der Pferde waren in der weichen Wiese kaum hörbar. Kein Ton lag in der Luft.

Ein Tor schlug sich ihnen auf, dumpfer Schein von Metall darum, das zerrissen daran hing. Hinter dem Bogen lag weich im dunklen und goldfarbenen Raum eine Straße. Sie sahen keinen Menschen in der Einsamkeit der Gebäude. Es wogte eine samtene Luft, die sie fast faßten mit den Händen. Sie sprangen ab und banden die Gäule an Penaigobäume.

Ihr helles Wiehern scholl blendend wie etwas Helles in der weichen Verlassenheit hinter ihnen.

Die Fenster der Häuser glänzten wie Milch. Die glanzlose Sonne war lang verschwunden, aber die Dunkelheit war fast weiß von Licht durchflimmert, und Silber band sich in jeden Winkel.

Riny bog in einen Garten, dessen Mauer eingestürzt lag, schon verwachsen, gegen die Straße. Thengo glitt hinter ihr. In der Ruhe sprang ihr Herz. Sie fühlte ihn im Rücken, ihr Puls erstickte sie in der Kehle, die Brust schnürte sich zusammen. Sie sah um.

Sein Kopf war in dem Licht sehr schmal, mit zarter Haut und gerafften wilden Brauen . . . . . erregend die Tönung der Lippen.

Sie nahm ihr Auge aus seinem und trat rasch in das Haus, ohne den Schritt zu beschleunigen. Zu einem Fenster des verfallenen Hauses sah sie heraus.

Er stand unten, geduckt. Sein Kopf sah heraus, seine Kehle gab etwas frei, einen Ton, dann sprang er nach.

Treppen vor sich aufgetürmt, schon überwunden, Säle, Keller, ein plattes Dach voll weißer Disteln . . . . . überall spürte sie seinen Atem, pochender Schläfe, nie fehlte ihr seine Gegenwart.

In einem Schatten duckend, sah sie seinen gespannten Schenkel, der ihn vorbeitrug.

Sie stieß einen leichten Ruf aus, der ihn anhielt, weich und dunkel sich verirrte weiter in den Gängen.

Durch das Fenster, den Kopf noch nach seinem Ansprung gewandt, ergriff sie einen Ast und schwang sich auf den Balkon.

Schon um die Biegung der Galerie, gerötet, das Herz haltend, sah sie den Schwung, der den bronzenen Körper hinter ihr herüberwarf auf die Brüstung.

Von einer Schar Pilaster aufgehalten, verwirrte sich ihr alles. Verlassen, allein suchte sie den Ausweg.

Je länger sie den Weg suchte, um so deutlicher suchte, rufend, sie nun ihn selber. Von Marmor zu Marmor sich windend, kam ihr aus dem Schatten sein Mund überall entgegen. Unter einem Bogen sah sie Sterne. Sie wand sich hindurch und trat durch ein zerfallenes Fenster auf eine Terrasse, darüber den Himmel.

Sofort spürte sie ihn in der vibrierenden Luft.

Sie wandte sich die Länge des Baus hinunter. Ohne daß ein Laut ging, fühlte sie ihn hinter sich.

Sie fieberte über die ganze Haut.

Sie lief die halbe Terrasse hinunter.

Dann faßten seine Hände ihre Schultern.

Mit gleitenden unentreißbaren Bewegungen riß er sie an sich, ihr Mund heiß und quellend bog sich an seinen, unter feinen Liebkosungen kam sie wieder zu sich. Sie waren sanft wie die der wilden Tiere.

Der Sand der Terrasse war warm von der Sonne noch wie am Meer.

Sie lehnte den Rücken gegen die Wand des Palastes, an der sich ihr Schatten groß und gelockert um sie formte. Er lag bäuchlings vor ihr, sein Gesicht zu ihrem erhoben, die Zähne frei, die Lippen befeuchtet. Seine Muskeln lebten alle, auch in der Ruhe war er gespannt. Sie sah auf ihn, hingegeben dem Bezwinger. Seine Gewalt und Wildheit, das Knirschen seiner Zähne, die Glätte seines Körpers machten sie wanken mit den Lippen nach ihm. Ihr Kopf war müde, er blieb an die Mauer gelehnt, unsichtbar bebten nur die Lippen.

Wieder in einer Pause ihres Bewußtseins lag er vor ihr. Sein Blick badete immer noch in ihrem Gesicht und sog einen Rausch daraus, der langsam seine Züge überzog. Um seine Pupillen gingen im Wechsel die Gefühle, die Augen erstarrten in glasigem Email. Seine Lippen bewegten sich einige Male.

„To.“

Er wiederholte ihren Namen.

„To . . . . . . ich liebe dein Gesicht.“

Seine Stimme ward leis und singend:

„Es ist nackt,“ sagte er.

Sie legte die Hände unter den Nacken.

„Du hast es unverhüllt getragen. Nie sah ich Frauen, die so stolz waren in ihrer Schamlosigleit.“ Die Stimme versagte ihm heiser.

„To . . . wenn andere Frauen ihr Gesicht preisgäben . . . To . . . deines ist schön und hart. Hast du es durch viele Länder getragen? Viele haben es gesehen wohl an deinen Seen, in den Städten, wo du fuhrst — — Tausende Männer haben ihre Augen darauf gehabt . . . haben es beschmutzt. Haben Hunde es gesehen? Frauen haben wohl heiße Blicke darauf gehabt? Aber — ich liebe es.“

Sein Blick flehte an ihr, er zog an jeder Falte ihres Gesichtes, und ihre Augen stahl seine Glut in die seinen hinein.

Ihr Kopf stieß gegen die Wand hinter ihr. Sie empfand die Macht ihres Körpers ausgehen von sich eine Wolke voll Geruch. Noch war ihr Herz tief in der Gewalt seiner Umarmung, da stieg sie schon, ohne daß sie es wußte, weit über ihn, der sich wand vor ihr in Wollust.

Er hob sich auf, schnellend mit allen Sehnen. Lächelnd bog sie den Mund zur Seite. Sie sah das Fremde aufblitzen in seinen Augen, die grünlich aus dem Ring um die schwarze Pupille heraustraten. Sie roch seinen Körper, der duftete nach stürzendem Blut. Süß geschaukelt in der Gefahr seiner wilden Entfesselung reizte ihr Mund ihn, bis er als Kind an ihren Knien vergehend lag und sie, es schwer nur ertragend, den Mund hinüberbog an seinen und klein und schwach unter seinem von Leidenschaften überschwungenen Kopfe hing.

Ihr Lächeln, bald hingegeben im Vergehen, lenkte seinen Blick, der sie zerriß. Ihr erwachender Blick aus dem Taumel zog ihn zu sanften Worten, hinter denen, die Fesseln gespannt, das Raubtier stand.

Noch halb in der hellen, aber von Morgenscheinen dunkel versilberten Nacht trug er sie, mit der Kehle jauchzend, zu den Pferden.

Ihre Schatten fielen langsam auf die Erde, die fast rot war. Sie erreichten die Schiffe, die Gäule ritten Kopf an Kopf, kein Zoll fehlte.

Der Morgen legte die weitaufgebrochene Landschaft vor sie. Mit Licht ausgefüllt leuchtete sie still von allen Seiten in sich selbst. Wind packte keiner ihr Haar und Gesicht. Sie lächelte blaß und verzückt, die Ringe sanft unter die Augen gezogen.

Die Welt stand eine Kuppel über sie dünn und zart wie aus Glas.

Der Rhythmus des Fahrens wiegte sie gut. Die Sonne kam bis zu ihr herab und senkte sich zwischen ihre Brüste, mit mildem Licht von hier aus das Licht ergießend über die Welt, die sie sah und die sich um sie bewegte, in der sie tausendfältig in der großen Ruhe war.

Am Ufer parierte ein Pferd gegen Mittag, die Vorderbeine stiegen in die Luft, ein Zaum bog das Maul in die Höhe. Sein roter Bauch strahlte auf. Thengos Augen zogen sich zur Seite. Ein Schwimmer holte die Nachricht und hob sie in das Boot. Sie mußten sich trennen, es war nur auf Stunden. Dennoch erbleichte er. Rinys Blick sah ihn tief bewegt, doch sie blieb kühl. Sie gab ihm die Hand, der er tausendfach sein baldiges Wiederkommen versicherte. Sie sagte nichts, auf was er lauerte.

Ruhig, unbefangen nahm sie Abschied von ihm, dessen Gesicht sich grausam zusammenzog. Seine Augen bewegten sich nicht von ihr, solang als ihn sein kleines Boot zum Ufer fuhr.

Weiterfahrend verglitten die Dämme der Küsten in die Landschaft. Vom Ufer aus sah sie auf das Gelände, das im halben Bogen des Horizonts mit Mais gefüllt war, und auf der Tiere still dahingingen bis an den Rand.

Gegen Abend tauchten sie in eine Bucht, Scho—Li—Rua, die Bai der gelben Boote. Das Wasser stand wie Glas. In einem hohen Bogen hoben sich Häuser mit kleinen Fahnen und senkten sich wieder über einem Hügel, die Fronten gegen den Fluß gelehnt. Hier nachteten sie.

Sie bewohnte das äußerste Bambushaus des Kreises, halb schon an der Bai. Keinen Augenblick empfand sie Ruhe. Schatten wogten draußen. Durch die Ritzen spürte sie, unsichtbar, den Glanz spähender Augen. Lautlos trug die Luft ein erregendes Geschehen, das ihr den Schlaf nahm.

Sie trat, aufstehend, zur Tür. Davor saßen zwei Wachen, hinter ihnen glitten Schatten weg in die Nacht. Sie ging hinein und legte sich von neuem. Lange konnte sie nicht schlafen, von der Hitze der Gegend und der Bewegung um sie gestört. Auch ihr Hirn versagte. Sie konnte nichts denken. Langsam fiel sie so in den Halbschlummer hinein.

Halbnackt, auf seinem Schweiß noch den eines Pferdes wie Schnee, stand Thengo vor ihr. Sie fuhr auf, noch konnte er nicht reden, als er sie küßte. Noch versagte sein Mund, als seine Lippen schon ihr Gesicht überwanderten.

„Du . . . ,“ flüsterte er keuchend. Seine Augen wurden lächelnd und klein vor ihr, als ob sie bäten . . . . . . „ich habe mich sehr geeilt.“

Tagelang noch fahrend, hielten sie eine Nacht dann nicht an. Mit Windlichtern ruderten sie durch das Dunkel des immer mehr verengten Flusses hinauf. Mit dem Morgen hob sich Dunst von der Gegend und in dem noch wirren Ineinanderschieben des Nebels sah sie goldene Spitzen im schon manchmal erscheinenden Blau.

Ein Palankin hielt, wo sie landeten.

Er, den Schwanenhälse zierten, von zwei Löwen an der Spitze und am Ende gleich einem Flügel breitenden Vogel überbogen, die fürstliche Türmung gelb darüber gereckt, empfing sie aus dem Atlas des Inneren mit Moschusgeruch.

Rasch getragen sah sie durch die flatternden Falten des vorgeschlagenen Vorhangs, sanft gewiegt im Rhythmus der Laufenden, eine Stadt eine Hügelkette hinan gelegt und an ihrem Fuß anspülend einen See.

Dann hielt sie in einem Garten und sah das Schloß mit Galerien, achtstöckig unter dem chinesischen goldenen Dach, das den obersten Erker überspielte.

Thengo-Tikien empfing sie im dritten Stock, er nahm gleich ihre Hand und führte sie durch die Zimmer. Als er neben ihr ging nun, war nichts mehr von der Würde des Armwinks an ihm, mit dem er vor einem Herzschlag noch die Diener hinausgeschickt. Stets Neues aufkramend, wies er ihr das Alte wieder. Er brachte ihr eifrig eine Tasse, an der sie vorbeiging. Kissen hob er ins Licht, daß die Lamaseide bleicher scheine. Vasen rückte er ihr zurecht. Seine Hände boten ihr, wühlend in kleinen gehäuften Dingen, von Tischen Silber und Dosen.

Sein Auge stahl jeden Ausdruck aus ihrem Gesicht. Mit ihr wurde er gleichgültig, sein Gesicht ward ausgelassen mit ihrem, verzückte sich wie sie.

Die Wände schienen blau herunter, mit in Seide gewebten Figuren durchzogen. Vor den Fenstern lag der Westen und der große See.

Sie wandte den Kopf zurück von den schönen geschwungenen Ufern, nahm seinen Kopf in die Hände, küßte mit langem Kuß seinen guten Mund.

Seinen Zahn spürend, gab sie sofort ihn aus dem Kuß.

Er zitterte vor ihrem gleichmütigen Lächeln. Sein Fuß trat auf, doch sofort wurde er sanft. Da warf sie sich in die Kissen, und nun fuhr die Flamme wieder ungehemmt über ihn.

Oft sah sie ihn nun, ohne daß er bei ihr war. Durch das Fenster auf den Hof schauend, erblickte sie ihn, der Soldaten vorbeiziehen ließ. Das Laubgewinde des Fensters schnitt seine Figur in viele zarte Teile, in einem runden Loch schwebte der Kopf. Durch das Gitter einer Galerie sah sie ihn mit Gesandten verbindlich reden, Europäer verbeugten sich ihm, er verbeugte sich ihnen, das flüssige kalte Feuer seines Französisch schwirrte zu ihr herauf.

Sie verlor sein Gesicht nie aus den Augen über seine Haltung, die alles ausdrückte.

Sein Gesicht war gleichmütig, ihr war, sie hätte es nicht gekannt. Es war ohne Stolz und als hätte es nie gewußt um Demut. Haß und Freude wies es nie auf, nach innen gekehrt unter halb geschlossenen Lidern.

So beinahe noch kam er des Morgens zu ihr. Erwacht oben, wo er schlief, der Sonne am nächsten, empfing er die Masseure, nahm das Bad, währenddem er las eine halbe Stunde, dann stieg er hinunter.

Er frühstückte mit Riny, die ihn in heller Matinee, die Arme nackt aus Tulpenärmeln fallend, empfing. Er griff nach Nüssen und Mandeln, schenkte Riny Milch ein und reichte ihr die Früchte. Immer stand sie täglich vor dem ihr unbekannten neuen Gesicht. Nur aus dem Eckschlitz des Auges kam manchmal ein Blick der Unbeherrschtheit. Aber mit einigem Lächeln legte sie sein Gesicht frei. Es schmolz hin unter ihrem Gesicht, das sich ihm zuneigte. Kindlich ihren Augen vertieft lag er, wunschlos, verehrend vor ihr in den Fellen. Sein Blick legte Andacht und gütige Stille auf sie. Ein großer Schmetterling summte in das noch sommerkühle Morgenzimmer, vor dem die Stille des weiten Sees sich breitete. Hin und wieder flüsterte er ein leises Wort, das ihr gut tat, hinauf, während ihre Augen ineinanderhingen in einer klaren Vereinigung.

Widerwillig ging er von ihr den Morgen, noch aus der geöffneten Tür ihr traurig winkend, zurückkehrend und sie noch einmal zärtlich küssend, sein Mund dann verzog sich schmollend. „Chéri,“ lächelte sie und zog ihn zärtlich an sich zurück, „bleib hier“.

Aber dann ging er trotz ihrem Lächeln, diktierte, ließ sich umkleiden, empfing. Erst am Abend holte er sie, in die beruhigtere Landschaft mit den Pferden hinauszureiten.

Am Morgen eines festlichen Tages bat sie ihn, eine Audienz sehen zu dürfen, aber er wich ihr aus, indem er sie vertröstete, es ging gegen sein Gefühl, daß eine Frau so sehr eindringe in all seine männlichen Dinge. Er sagte ihr keine Unwahrheit, aber er belog sie mit jeder Bewegung. Sie sah ihn an und ging an seinem zugeschlossenen Gesicht hinaus aus dem Zimmer, nahm ein Buch in dem anstoßenden und pfiff eine leicht wiegende Melodie.

Er stand in der Rampe des Vorhangs, die Augen grün auf sie gerichtet.

Sie sah nicht auf, empfand Angst, wie jedesmal, wenn das räuberische Tier in seinem Blute aufstand.

Aber sie kannte die Gewalt ihres Körpers. Sie gab nicht nach und spielte mit ihrer Furcht. Er kam langsam herein und machte sich zu schaffen an einer Falte des Teppichs. Zweimal ging er auf und ab am Zimmerrand.

Dann hingekniet neben ihr:

„To . . .“

Sie streichelte ihn über den Kopf. Seine Knabenlippe schaute voll Unschuld zu ihr hinauf. Sie vergab. „Du bist schön,“ sagte sie, tief in seine Augen schauend. Er strahlte.

Am Mittag sah sie die Audienz, hinter einem großen Schirm aufgestellt. Die Zeremonie ging rasch vorüber. Als der Saal leer war, ging sie neben ihm durch den Saal.

Sie sah ihn von der Seite an, dann stieg sie auf einen Thron und fuhr mit der Hand über das Polster. Es lag auf einem springenden Jaguar aus Silber, der nach oben brüllte, wo, abschließend, die Flügelbreitung eines Vogels stand, aus dessen Schnabel ein Dolch herabfiel, schaukelnd im Gleichgewicht mit Rubin und Karfunkel.

Er hielt ihre Hand sie zu stützen, sie fühlte, daß er unmerklich zog. Rasch sah sie in sein Gesicht. Es war verschlossen, ohne Ausdruck. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Da kam langsam ein heller Schimmer in sein Auge.

Sie zogen dann im langsamen Trab durch die Gegend den Fluß entlang, dessen Schilf sacht aufrauschte. Ein Reiher hob sich in den Himmel in langen sicheren Zügen, die Luft war sehr klar, sie atmeten mit geweiteten Lungen und sahen sich froh an, wenn sie sprachen.

Gegen Abend bemalte der Horizont sich rot und die Luft bekam Dichte, die Dämmerung fiel mit Schwüle, ihre Haut wurde feucht unter den Kleidern, den Worten benahm die Luft die Sicherheit. Von fern im Bogen anreitend sah Riny die Lichter einer Niederlassung, zwei Meilen von der Stadt, die sie nicht kannte, deren Kerzen sich schön im Flusse spiegelten.

Sie frug darauf deutend, er murmelte einen gleichgültigen Namen. Sie sah die Lichter flimmern und erstaunte sich über das unbekannte Bild. Sie bat ihn hindurchzureiten, er schien es nicht zu hören, so lenkte sie die Pferde von selbst.

Er sah sie an mit einem unbeschreiblichen Blick. Seine Augen waren so voll Sehnsucht und leuchtend in der Schwüle, daß er nicht wagte, sie zu reizen, die ihn mit kühler Miene ansah. Er suchte sie abzubringen vom Wege, er hoffte, daß sie es vergäße, aber sie folgte seinem Pferd nicht, seines vielmehr schloß sich an das ihre dicht an.

Er konnte es nicht sagen.

Er hatte wenige Geheimnisse vor ihr, aber dies widerstand ihm. Er brachte seine Zunge nicht dazu. Doch gab er sich Haltung und folgte in Unabänderliches, führte es durch, schob den Turban ab und band im Reiten ein Tuch um die Stirne, dann stieg er ab und half ihr herunter und band die Tiere an einen Pfahl.

Zu Fuß gingen sie voran, alle Hütten waren erleuchtet, aus dem Stroh und dem Bambus glitzerten die Kerzen still und andächtig. Schatten bewegten sich in der Straße.

Riny blieb lächelnd, den Finger an der Lippe, an einem Fenster stehen und schlich sich an, spähte hinein und kam wortlos zurück. Er nahm ihren Arm. Aus den Fenstern schlichen stille lockende Rufe in die Nacht. Sie sah Frauen herausgelehnt in verschwommenen Umrissen, ihr Herz klopfte mit einem Male, als sie verstand, wo sie waren. Im Leuchten einer Laterne stand ein Weib mit bloßen Brüsten auf dem Dach eines Hauses und zog an einer Glocke, die zart und flüsternd hinausfloß in die Dunkelheit, die immer weicher sich um sie legte, beladen mit dem Geruch der Körper und der Duftigkeit der Blumen aus den Gärten.

Wortlos ging sie weiter, der Arm Thengos stützte sie, und sie empfand mit Freude seine Haltung. Sie sah zu ihm auf. Sein Mund schwebte geschlossen in der Luft. Er führte sie bis an ein Haus, das im Schatten eines Gartens lag, ihre Hand immer streichend, die wärmer und feuchter wurde unter ihm. Sie drückte seinen Arm.

Er hob den Klopfer und schlug ihn gegen die Tür.

Zweimal gongte er durch die Dunkelheit, bis die Flügeltore aufgingen, zwei weiß gekleidete Frauen sie anstarrten. Er winkte ab. Fett kam ein Chinese, schickte sie weg und schaute schielend von unten nach Thengos ziselierter Kette. Sein Bauch knickte ein und schwabbte über die Knie, sein Gesicht glänzte fett vor Ergebenheit, obwohl er nur den Rang, nicht den Fürsten erkannte.

Thengo gab ihm einen Wink mit dem Finger.

Eilfertig schob er die Gardinen weg und sie traten ein, Riny nahm Thengos Arm. Ein Zimmer sah sie, mit einer Veranda in den Garten hinausgeschoben. Die Tür fiel zu. Eine zarte leise Stimme sang zu einer Harfe ein Lied und von der anderen Seite schwoll gedämpft ein erregtes Flüstern herein.

„Endlich“ . . . . . Thengo umarmte sie, mit beiden Händen ihr Gesicht streichend, unfähig noch zu schweigen.

Den Ausschnitt des Fensters säumten Blumen nach dem Garten, ihr Kopf lag auf dem Binsendiwan und seufzte. Ihre Augen waren beide starr. Rot sank zu rotgeschweiftem Hügel. Sein Mund tastete über ihren Leib, ihre Blicke lagen bei den Pflanzen, die golden in dem Nachtausschnitt standen, sie schmolz hin. Sie rief einmal seinen Namen. Er jubelte ihren dagegen. Dann lobte er ihren Körper, sein Mund hatte viele Vergleiche, die wild waren oder dufteten wie Blüten. Er war so angefüllt von verhaltener Sehnsucht, daß er sie nicht mehr sah, wie sie war. Blind hingegeben seiner Trunkenheit machte er sie zur Andacht. Was ihn erfüllte, aufgetrieben noch durch den Reiz des abenteuerlichen Hauses, strömte zu ihr, er heiligte ihre Knie, er weinte über ihr Auge, seiner unbewußt koste er sie.

Nie besaß er sie so sehr.

Sie lag blaß auf dem Lager und gab ihm jedes ihrer Glieder mit einem hinströmenden Gefühl. Sie gab jeder Stelle ihres Körpers die Kraft, daß sie jeden Kuß aufnahm und erwiderte und stärkte.

Erschüttert von ihrem Geben lag er neben ihr und schon wieder verschmolzen seine Augen mit ihren in einem unzerreißbaren Zusammenhang.

Er kämpfte, sie in den Armen haltend, um den letzten Rest ihres Leibes mit allem seinem Gefühl, daß, über ihn gebeugt, sie sagte, was sie noch nie aus Furcht zum Wort gegeben:

„Tiger.“

Sein Auge färbte sich einen Augenblick zarter.

„Du wirst dich töten,“ sagte sie.

„Es ist besser als anders zu leben.“

Spät, als der Mond aufging und seine Lippe sich in seinem Licht beruhigte, streichelte sie ihn.

Aber dies beruhigte ihn nicht. Sein Gehirn empfand sie anders wie jede Frau, die er bisher gekannt, die in seinen Harems, ihn erwartend, ihm hingegeben lagen, ohne Widerstand. Er sah sie, erschöpft, in all ihrer Freiheit, in allem, womit sie, ihm widerstehend aus ihrem Innersten, ihn fesselte und erhob. Nie sah er sie anders, als ihr Gesicht auch allen anderen weisend. Ihn zerschlug der Gedanke, daß sie wie in seinen, in anderen Armen gelegen. Was er bei anderen Frauen natürlich nahm, ohne einen Gedanken, verwuchs sich ihm zu Bildern, die sein Erleben in Tiefen trugen, die ihn in allen Gliedern durchliefen. Sie lag, die Augen frei und sicher auf ihn geheftet.

Sie fand ihn schön.

Allein er empfand die unsägliche Trennung von Geschlecht zu Geschlecht an ihr zum ersten Male und stand an dem Dunkel, das nicht sein Arm durchbrach, das sein Herz nicht bebend überbrückte.

Er küßte ihre Stirn und ihren Mund: „Nie sah ich Frauen wie dich . . . . To.“

Sie streichelte ihn wieder. Aber er ließ ihren Mund nicht.

Noch in der Nacht bog sich sein Auge zur Seite, seine Schläfe wurde braun, der Mund öffnete sich kurz.

Dann war er leblos.

Rinys Liebe brach in Weinen aus. Sie badete sein Gesicht mit dem ihren. „Thengo,“ rief sie, „wir gehen in den Garten, die Luft ist schlecht in dem Zimmer. Draußen stehen die Blumen und machen kühl.“

Sie legt das Ohr an seine Brust und rieb die Schläfen.

Ihr Blick sah verwirrt auf seinem Schenkel einen Tiger tätowiert, den sie noch nie sah. Ihr feuchtes Gesicht lag an seiner Brust und schmeichelte. Ihre Wange, gedrückt, hob sich von einem Amulett aus metallischer Substanz in geblümtem Seidenzeug mit magischen Sentenzen. Sie legte es auf sein Herz, ihr Lächeln glaubte, daß es half. Ihr Mund kam wieder an sein Ohr, ihre Finger fuhren langsam zärtlich über seine Schläfe.

Nach Sekunden glomm Farbe wieder in seinen Mund, sie atmete tief auf, ein Schluchzen war ihr nahe.

Sein erwachender Blick traf Riny nicht mehr.

Sie stand auf der Veranda, als käme sie aus dem Garten, sie rief zu ihm durch die Blumen:

„Thengo . . . . . . Schläfer.“

Ihr Arm wischte die Tränen aus den Augen, die in einem Regenbogen über den Kies fielen. Von der Nachtluft erfrischt, Blumengeruch noch im Haar, ganz hingegeben seiner Müdigkeit, schmiegte sie sich an ihn, er glaubte ihren Augen, die gut über ihm standen, er wache aus dem Schlaf.

Sie gingen hinaus später in den Garten und legten sich in Stühle, die auf dem Rasen standen, aus dem Hyazinthen herauswuchsen und sich mit dem Nachtduft vermischten. Es war ganz still geworden in dem Haus, auch die Harfe schwieg.

Sie hielt seine Hand auf ihrem Schenkel, und wie er sie hielt so in der Stille ihres abgeebbten Blutes, überkam sie eine Zärtlichkeit zu ihm, die ihn ihr ganz verband. Kein Wort fiel in dieser Stunde.

Aber die Stunde lag noch in ihnen, als sie vor Morgen zu ihren Pferden gingen und hinausritten in die Dämmerung. Ihnen war alles vertraut, sie streichelten ihre Hengste, ließen sie laufen mit kurzem Steigbügel und losen Zügeln, sahen die purpurn mit goldnen Lasuren bemalten Satteltaschen an mit vertrauten Blicken und empfanden es innig, wenn in den Reifen ihre nackten Füße sich berührten.

Am Abend erfuhr sie, daß er den Mittag sie verlassen hatte für eine tagelange Reise. Er war vom Gefühl der Nacht noch so sehr voll Güte, daß er ihr den Abschied ersparte, indem er sich versagte, sie noch einmal zu sehen.

Sie lag aber gerührt von solcher Liebe die Tage, die vorüberschwebten mit langsamen glücklichen Träumen, auf ihren Veranden und sah in die Luft. Sie sah sein Bild in jeder Straße, er schritt überall schön und still und das Funkeln seines Auges erlosch, sowie sie lächelnd seinen Namen sagte.

Sie wandte sich in den Garten, schnitt und goß an den Blumen und spielte stundenlang mit den Tauben, die samtzart in ihrer Hand lagen, sich mit warmen stillen Leibern an ihre Wange schmiegten.

Die letzte Nacht vor seiner Ankunft war die Luft so heiß in den Zimmern, daß sie im Freien schlief. Dünn bekleidet lag sie auf dem Balkon. Immer noch hüllte der Mond die Landschaft in eine Glocke von Silber.

Während sie lag in diesen Stunden, band sich das Land in dem Licht zu einer bernsteinenen Masse, die sich dem Himmel näherte mit jedem Atemzug. In dem harzigen Licht aber, in dem die Gegend immer tiefer sich senkte, umwölkten sich ihre Augen und in den Träumen, die sie überzogen, während sie wachte, erhoben sich Gesichte und verschwanden wie hingeweht. Das Letzte kam, aus ihrem Herzen herausgeholt:

Ihr Vater sah sie an, sie winkte herzlich mit beiden Händen. „Was willst du?“ frug sie. Doch er schwieg. Sie erschrak ein wenig, doch seine Farbe war braun und gesund und stolz. Sie zog ihr Gesicht zusammen zu Milde, die sie überströmte: „Du bist sehr fern,“ sagte sie, „aber ich kann nicht mich an dich wenden eben. Habe ich recht Pa . . . . .?“ Er gab ihr keine Antwort. „Pa . . . . . ich weiß nichts von Euch. Euer Haus ist mir ferner wie etwas. Ich kann nicht zurückdenken an Euch. Aber ich weiß, daß ich Euch liebe.“ Da schien es ihr, sein Auge frage sie: . . . . warum . . . . Sie erhob sich ein wenig und nun traten ihr Tränen wieder in das Gesicht: „Ich liebe Thengo,“ sagte sie und ihr Lächeln ward so gütig, daß auf seinem Gesicht ein Lächeln spielte, bis eine weiche Wolke ihn wegnahm aus dem harzenen Licht.

Dann kamen andere Träume:

Sie sah zwischen zwei rosa Wolken Saint-Loux, den Stundenzeiger ihres Lebens, aber er kam nicht fordernd, kam mit einem Degen, den er hielt in verschränkten Armen wie eine Bibel. Es schien ihr, er frage traurig in ihr Gesicht. Aber sie sagte kein Wort, nur ihr Gesicht nahm das an, was ihr Gefühl bewegte, und in seinem gütigen Glanze löste sich die Erscheinung sofort zu zartem Dampf. Langsam erst streiften sich die Bilder wieder von ihr und erst in den Stunden der fallenden Nacht wachte ihr Kopf aus dem Halbschlaf heraus.

Da öffneten sich die Lider ganz klar und hell.

Die gelbe Glocke des Mondes zerflatterte, sie sah Fackeln draußen durch graue schon rötlich angelaufene Dämpfe qualmen.

Sie trat rasch hinein.

Sie schlug eine breite Seide um den Bauch und färbte die Augenlider mit einem schmalen Strich einer seidigen Salbe. Sie goß Sandelholzpuder in den Ausschnitt ihrer Brust und, ihn zerreibend, die Handflächen rosig davon, trat sie hinaus.

Die Sonne kam gerade mit frühem schönem Licht. Der See lag in ruhigen quecksilbernen Schatten.

Da aber lag unter den Rudern eine Flotte, vergoldet bis in die Knäufe der Masten. Hunderte Boote schäumten den See auf zu einem leichten Glanz, und die Ruderer sangen, während sie die Schaufeln hoben, ein klares wiegendes Lied.

Sie hörte wie im Traum noch Elefanten von dem See herauf den Boden stampfen, ihre Gläser in den Räumen tanzten. An den Rahmen des Balkons gelehnt, schwach in den Knien, hörte sie ganz von ferne:

„To.“

Sie machte eine kleine Bewegung, aber schon stand er vor ihr. Auch sein Gesicht war von Liebe so gut, daß es still vor ihr hing. Sie sprachen nicht. Die Sehnsucht glänzte nur von ihrem Mund, während sie still sich zu der Landschaft wandten, die sich morgendlich auftat. Sie saßen lange noch zusammen, überwältigt voneinander zu solcher Stille des Erlebens, und schauten hinaus, ohne sich zu sehen, bis ihre Augen lächelnd einander trafen und ihre Körper sich berührten.

Sie waren sanft in ihren Liebkosungen, ihre Körper vertauschten sich miteinander, ein jedes wollte das andere beglücken und für es leiden.

„Hattest du große Sehnsucht?“

„Ich habe hier alle Tage gesessen und gewartet.“ — —

„Und du . . . . hast du dich gesehnt?“

„Ich habe einen Feind nicht töten lassen, weil ich dich so sehr liebte, To . . . . .“

Als sie allein dann blieb, brach der Abend mählich an und eine angstvolle Ruhe überkam ihr Herz. Aber wie ein Trost kam die Landschaft über sie, die mit Hügeln sich nach dem Norden hin wellte.

Jede Erhebung trug eine Pagode, die sich rund erhob und dastand.

Immer unirdischer stieg das Licht, das Geringste verklärend. Überall schritten groß und still die Büffel über die aufgelegten Felder, die in schwarzer Seide glänzten, gegriffen von hellen Pflügen. Indigofelder wogten schwach aus der Ferne heran, als kämen sie zu ihr wie eine schöne Herde. Der Fluß bog sich schlicht, in eine Falte der Gegend eingeknittert, vorbei. In einem nahen Garten mit rotschäumenden Hecken saßen auf Palmen grüne Papageien und regten sich nicht. Über allem lag das Glänzen wie ein Atem.

Sie bog die Brust nach vorne und lauschte mit dem Ohr an ihrem Leib.

Der Segen der Gegend reifte auf sie herein mit einer Güte, daß sie still das Wunder in sich glaubte. Sie war von Liebe so sanft und klar, daß dies Gefühl, das ihr wie ein Traum in das Bewußtsein schwebte, sie ruhig machte und sicher vor Glauben. Noch nie war ihr der Gedanke, daß sie Kinder trüge, nah gewesen ihrem Herzen. Sie empfing es, das ihr früher Schmerz und unlieber Einfall nur gewesen und ängstend ihr weibliches Gefühl und ihre Freiheit, nun mit der Aufnahme der selbstverständlichen Güte, mit der die Welt um sie voll stand. Ihr Körper verfeinerte sich unter dem Glauben ihrer Segnung.

Denn aus der unerklärlichen Stille der auf dem See schon dunkelnden Fischerboote hörte sie das kleinste Geräusch. Sie unterschied jeden einzelnen Fischzug. Ja, sie war bei jedem einzelnen Tier, das die Angel dem See entriß. Bald konnte sie unterscheiden, welche Welle, von welchem Ufer kommend, den Strand unter ihr traf, und die Schatten einer fernen Abendwolke fielen wie ein Stoff auf ihr Gemüt.

Um sie wuchs die Welt aber unerklärlich in Schönheit.

Sie wurde größer, an der Stadt der gelben Boote wurde der Strom wie durchsichtige Haut. Viele Städte wuchsen aus der Ebene und glänzten.

Durch die Steinölquellen erhielt die Dämmerung vom See her einen Schein von Regenbogen, die sie ohne Pause überzitterten. Unter ihnen überall lagen die Klöster ganz in mattem Golde badend und in stillen Kreisen umschritten die Priester sie sacht.

Sie faltete die Hände: ihr Mund dankte hingegeben an die Klarheit, ihre Seele aber sog wie einen Atem die Güte ein, die ihre Liebe über dem Land empfand.

Wie eine Verkündigung nahm sie den Tag mit in die folgenden.

In Stille lebend war sie voll Erwartung. Nachts lauschte sie oft auf ihren Leib. Auch, als das Blut ihren Körper verließ, ließ sie nicht nach im Glauben, denn die Verheißung nahm sie nicht auf einen einzigen Tag.

Sie lebte wartend, sanft und schmelzend in der Erwartung. Ihr Gesicht glättete sich zu mondhafter Weiche. Ihre Glieder formten sich zu harmonischer Milde der Bewegung. Die Augenbrauen lagen fremd in ihrer wilden Biegung auf solch den Dingen ergeben hingewandtem Gesicht.

Sie neigte sich in allen Dingen vor Thengo. Sie sah keine Fehler an ihm jetzt mehr, lächelnd verzieh sie und war nie voll Widerstand.

Aber unter dem aufnehmenden Erfüllen ihrer Liebe einte sich nicht mehr das Bündel widerstrebender Gefühle, das sein Wesen ausmachte und das sie sonst im Gleichgewicht hielt.

Einmal, endlich, gereizt, hob sie drohend das Gesicht gegen ihn.

Er lächelte. Aber ihr Glaube, den sie unverbrüchlich gehalten, löste sich langsam und schmerzlich seit diesem Augenblick. Wie ihre Hoffnung langsam nachließ, wichen die sanften mütterlichen Gefühle einer schmerzlichen Ruhe.

Sie entsagte. Aber sie war jeden Augenblick auf das Wunder bereit. Sie sah Monat um Monat ihr Erwarten eitel, aber die Sicherheit des Glaubens verließ sie auch in dem sichtbaren Versagen nicht.

Thengos Leben hielt sie in ihrer Hand, ihn reizend und gütig beruhigend. Sein wildes zersprühendes Leben bedurfte ihres Gleichgewichts. Aber ein Teil ihrer Seele war leer geworden im Warten und mit Hingeben an das Äußere trat sie, es zu füllen, aus ihrer Stille heraus zu Reiten und Fahrten. Sie spielte mit Hunden und befragte ihn um die Führung seiner Geschäfte.

Am Tage des zweiten Geburtstages Thengos fuhren sie in die Dämmerung auf den See mit wenigen Ruderern. Das Wasser war gefallen, Tausende Inseln streckten sich mit langen Armen aus der Flut, die, mit Steinöl überzogen, gleich schillernden großen Tieren sich über sie bäumten.

Der Mond hob sich langsam und groß.

Sie lagen still in der einhüllenden Kühle und rauchten wortlos in die Dämmerung.

Plötzlich ganz langsam begann Rinys Gesicht sich in Tränen zu lösen. Kleine Tropfen hingen wie eine Schnur an ihren langen Adern, das Gesicht badete in einer Feuchtigkeit, die es erfüllte wie ein Mondschein.

Er sah sie nicht an, klopfenden Herzens. Seine Hand schlich nur herauf und preßte ihr Knie: ich bin da.

„Thengo . . . .“

Er hörte. Die blaue Dunkelheit um sie machte sie freier, die ihren Atem aufnahm ganz weit und ihre Worte schlürfte. Moskitos senkten sich auf sie nieder. Sie sogen heftig an den Zigaretten und scheuchten sie mit Rauch. Aber es war, als lägen sie in einer Säule, so dicht umwanden sie die Tiere. Die Ruderer hatten die Netze vergessen, Thengo sagte kein Wort zu ihnen, er schien ihr aufgelöst und gut.

Aber die süße Schwüle der Luft, die sein Druck zärtlich verstärkte, ließ ihr Gefühl ganz hinrinnen. Zum erstenmal sprach sie Thengo von ihrer Sehnsucht. Sie sah ihn erbleichen. Nun begriff sie, daß sie ihn tief damit kränke, denn seine männliche Eitelkeit trug daran im Glauben, sie mäße ihm vielleicht die Schuld.

„Ich bin elend,“ sagte sie leise. „Ich kann nicht gebären.“

Sein Gesicht arbeitete.

„Nein, To,“ sagte er: „Ich trage die Schuld.“

Sie erschrak. Dann lächelte sie:

„Thengo . . . . du Tor . . . . mein Narr.“

Er schüttelte den Kopf.

„Tiger,“ sagte sie. Sein Blick strömte über durch die Luft auf sie mit einem wilden Jauchzen, das sich aus Liebe dämpfte zu einem berückenden schwärmerischen Band.

Sie blies den Rauch heftiger aus. Der Mond war noch groß und lag genau auf dem Spiegel des Wassers.

In den Schwärmen der Moskitos tauchten große grüne Fliegen auf, deren saugende Stiche kleine Hügel an ihren Armen aufschwellen ließen, daß sie den Arm zum Munde führte, um es zu lindern. Thengo rief, daß man rasch rudere.

Sie steckten Zweige an, indem sie zurückfuhren.

Er aber kam herüber und legte sich auf sie, daß er sie deckte mit seinem ganzen Körper, mit seinem die Stiche empfangend, sein Nacken war ganz gerötet.

Er küßte sie nicht. Sie lagen in einer stillen Vereinigung, wie geboren in dieser Lage, sie tauschten die Sehnsucht und den Schmerz ihrer Leben aus in einem Gefühl der großen Harmonie, die sie trug.

„To . . . . es ist meine Schuld,“ flüsterte er.

Sie lächelte ihm in das Gesicht hinauf: „Thengo . . . . . du Tor.“

Sie landeten und gingen hinauf auf die Balkone. Ein Feuerwerk entzündete sich feierlich und getragen über dem See. In langen goldenen Schnüren hingen die Strähnen zersprühter Kugeln hinab in das Wasser, über dem der Mond noch rot sich brach.

Sie speisten auf Rinys Balkon.

Die Gardinen der Front bewegten sich alle in dem lauen Wind, der den Abend köstlich trug. Es lag eine Ruhe des Gleichgewichtes in der Luft, daß es weiter nichts bedurfte wie da zu sein und sich zu sehen, den Atem zu spüren, nichts zu reden — — um glücklich zu sein.

Während sie speisten, hob Thengo mit einem raschen Schwung eine Kette schönster orientalischer Perlen um ihren gerade geneigten Hals. Müde und erregt küßte sie ihn zärtlich über den Tisch.

Dann stand sie auf, ihm Blumen im Garten zu schneiden. Er hob, als sie aufstand, sein Gesicht fragend, gestört, daß sie die wortlose Ruhe breche. Aber sie empfand so tiefe Zärtlichkeit, daß sie den Gegenstand suchte, sie ihm darin darzugeben.

Sie hob geheimnisvoll die Hand.

Ihr Finger fuhr zum Mund, die Lippen zogen sich zusammen rätselvoll und lächelnd. Sie sah sein Gesicht heiß werden, er nahm ihr die Hand herab und drückte seinen Mund auf den Ballen.

Sie lachte winkend schon und entlief.

Sie wollte allein sein. Wie vieles und welche Höhe sie mit ihm durchlebt, kam ihr, als sie in den Garten trat und beruhigter stand. Die weiche Luft umhüllte sie, sie gab sich dankbar hin. Sie schnitt einen Strauß barbarisch wilder Blumen. Ihr ganzer Arm lag voll davon und währenddem ging ihr Blut in einer Klarheit, die allen Dingen sich verband, mit jeder Zelle faßte sie jedes Ding der Welt.

Sie spürte die Güte, die von Thengos Wildheit ausging und in wunderbarer Wage die Leidenschaft seines Atems mit ihrer Seele verband.

Das gab ihr Glück.

Aber in tiefster Liebe stehend, empfand sie die innere Sicherheit weit über den Zustand des Glückes hinaus. Die tiefe innere Ruhe war aus der Kraft der Entsagung in sie eingedrungen. Der Schmerz in der Liebe und die Trauer hatten sich eingesogen in ihr Blut. Sie trug einen Besitz, der sie abschloß und vereinte. Sie war gewappnet gegen jedes Schicksal.

Und damit brach sie zum ersten Male den Ring von Saint-Loux und die mystische Kraft, mit der er ihr Leben umlagerte, mit dem sie zum ersten Male schlief, und die seither ihren Weg bestimmte, dessen Lauf sie zurückriß in das Abenteuer seiner Umarmung jedesmal. Sie lächelte. Sein Bild schwand und verblaßte.

Aber in diesen Gefühlen der inneren Ruhe strömte Thengos Liebe auf sie zu. Sie war ihr ein Sinnbild. Ihr Herz war weit und klar wie nie. Ihr mildes Herz dachte nur an ihn, da es beruhigt war in sich selbst. Sie ging, fast eine Erscheinung, körperlos und doch glühend, hingegeben und verzichtend, großen Schwingungen der Erde im Pulsschlag hemmungslos vereinigt, durch die Dämmerung der Beete, hob die Arme nach den Büschen, seinen Namen sagend, bei jeder Blume, die sie für ihn schnitt.

Särö

Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag. Gunnaris sagt, heut stellten in Nyland und in Karelen bis gegen die Grenze nach Petersburg hin die Frommen Milch unter die heiligen Bäume und speisten Kuhzungen mit geschenktem Mehl in den Ställen.

Es schlägt Acht von der Höhe Lidingös.

Gegenüber der ersten Stockholmer Schäre gehen wir an Bord. Sirola und Vehkamäki rudern von der anderen Fjordseite herüber.

Wir gingen hundemüde gleich in die Kabinen, es ward sehr dunkel.

Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der großen Segel und bin voll Unruhe, aber ich begreife nicht, was mich durchzieht. Nach rückwärts ist alles klar, nach dem Zukünftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier Wochen Zeit, bis ich mit abgelaufenem Paß nach dem Balkan muß. Was kann es mir nützen, daß ich es überlege?

Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders, der mir eine Dankesschuld für ihn abzutragen aufträgt und der durch viele Zensurstationen mich nach zwei Jahren in Schweden erreicht hat; ich habe eine Mission in meinem Beruf außerdem noch und liebe sodann noch Siv. Ich habe vier Wochen Zeit, bin in Eile und mache doch unbedenklich trotzdem diese riskante Exkursion. Ich weiß also genau, was ich will, wie ich immer es wußte.

In der Pupille, dem Spiegel gegenüber, ist kein Nachlassen der Energie, nur hin und wieder scheint heut zum erstenmal hinter dem hellen und herausfordernden Ton der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases liegendes Gesicht heraufzutauchen.

Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurück.

Es gibt nichts, was mich verwirren könnte im Umkreis, Gefahr erschreckt mich nicht. Ich höre auf zu denken und spüre, wie es irgendwo in mir bebt. Ich laufe auf und ab. Es ist heiß, ich gehe im Schlafanzug hinauf, höre die Matrosen, die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind macht müde, ich schlief am Geländer, bis die Möven kamen. Sirola stand schon vorne und fütterte sie und lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit nach oben gestreckten Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck flatterten.

Abends sahen wir Leuchtfeuer über der Ostsee und kreuzten, hörten ein Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter von Scheinwerfern, die uns nicht ganz erreichten und kamen südlich von Abo auf das finnländische Ufer.

Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.

An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund. Er nahm die drei anderen Finnen gleich beiseite, Gunnaris winkte mir entschuldigend mit den Augen, ich blieb eine Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, daß deutsche Battaillone in Hangö und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen und die Arbeitertruppen in Haufen erschossen hätten.

Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.

Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim mit der weißen Garde zwischen dem bottnischen Meerbusen über Tammerfors bis zum Ladogasee und den Deutschen im Süden eingeklemmt und gegen Rußland zu im Sack.

Svinhufvund erklärte, die Luft sei rein und unschwedisch, wir bummelten in Abo, saßen im Café. Plötzlich wandte sich Gunnaris um, zog uns mit ins Innere und durch den Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir schwedische bürgerliche Freischärler mit den Schafpelzuniformen in das Lokal stürzen. Wir verbargen uns.

Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in Verbindung mit Tokoi und Haapalainen kommen wollten und ich diesen ein Papier mitgeben wollte, strammen Schritt südlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten viel Ernst in ihren unbekümmerten Gesichtern. Die Gäule waren bös, aber wir kamen bis zu dem Gut Mommila, wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen etwas ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.

Gegen Morgen sahen wir die Pörtten eines Dorfes. Sirola rührte an den Donnerkeil über dem Eingang und stieß mit dem Absatz die Tür auf. Dreckige Leute lagen über den Boden hin. Die Wände schwarz vor Rauch. Ein schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah, daß wir den Keil berührten, stand er, einladend, auf. Sie plauschten mit ihm, hielten die Finger auf den Mund und nickten ihm zu. Er bejahte und bürgte mit einer Bewegung für die anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischärler Gunnaris erkannt hatten, versteckt, denn wir waren ohne Zweifel signalisiert. Unser Aufenthaltsraum in der Hütte war abgesperrt, es stank entsetzlich.

Mittags kamen mit Gebrüll Wagen und Reiter, schrieen: „langen Hanf, langen Flachs“. Wir sahen durch einen Schlitz der Hütte.

Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und machten Ringelspiele aus Freude, daß die Roten zurückgeschlagen und in den Mausfallen abgeschossen wurden. Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Röcke mehr und Strümpfe über den Schuhen.

Mit der Dämmerung rückten wir ab, trotteten in der Dunkelheit wieder hinter Svinhufvund, um Mitternacht nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark herausgepfiffen wurde. Wir kamen bis zu einem großen Gehöft. Der Besitzer streichelte den Menschenknochen an unserem Bock. Wir kamen in die Badestube, die aus Ziegelsteinen erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab, ich konnte nur kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber nackt, die zwei Männer in Hemden.

Wir fuhren im Auto weiter.

Am Kymmenefluß, nun auf den Spuren der beiden Armeen, sahen wir Hinrichtung und Brand überall. Hinter Wiborg hatten wir den Bogen um die beiden irregulären Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten der Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den Führern, wir fuhren auch bei Tag. Das Kreideland dehnte sich in Fichtenschonungen. In der Nähe einer der letzten Biegungen hielten wir und gingen, geführt von dem Lehrer Hannes Uksila, über eine Sumpfwiese, auf der einige Weiber heuten.

Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebüsch trat ein Lachshändler, der auch Felle führte. Uksila rief ihn an, er schielte und knurrte.

„Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen“, schrie Gunnaris, der als Nordländer die feigen und erbärmlichen Tavastaländer des Südens verachtete und schlug ihm den Hut vom Kopf.

Die Perücke fiel mit, es stand ein Nordländer mit gelblichen Haaren vor uns, und die Heuerinnen und Vogelfänger hatten Gewehre auf uns gerichtet.

Vehkamäki und Sirola hatten seine Hände gefaßt und schüttelten sie mit einem Singsang des Vergnügens hin und her. Es war Oskari Tokoi, der, früher Arbeiter in Amerika, den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte. Sie traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er bei sich trug, auch die meinen.

Nachts ging Tokoi auf russische Erde über die Grenze. Wir aßen Speck, Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis Lill Ablorfors, wurden an einer Wegscheide umringt und verhaftet.

Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine Papiere, ich setzte durch meine sehr guten deutschen durch, daß der Bürgeroffizier uns in das Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen. Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen würden, falsche Namen, falsche Route, den Zweck.

In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf dem Schiff zuerst gespürt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über jeden Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn, überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf. Aber meine Lage wiederum störte mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus Gewordenes, was mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß. Es kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die stärker wurde und reifte, ohne daß ich auch nur einen Hauch zu fassen vermochte.

Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbötten die Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa geflohenen Senatorenregierung den krummen Rücken gestählt und das Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich beugen vor meinem Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich nur, ich war gespannt, ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das wölfische Nagen der Zähne, die übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte Figur.

Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte ein glückliches Ziehen meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.

Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein sich Kämpfe abspielten und Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte stundenlang, ganz still, aber ich faßte es nicht.

Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte, schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe Gestalt trat ein, ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über mich fiel, schon, daß es Mannerheim nicht war.

„Warum haben Sie kein Visum?“ Ich hob die Handflächen ein wenig, ließ sie auf den Schenkel langsam zurückfallen. Es war nicht nötig, die Frage idiotisch, ich sah mich im Kreis um. „Die Namen der Finnen.“ Ich gab die ausgemachten Schlagworte.

Er zögerte.

Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: „Waren Sie nicht mit Eero Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?“

Ich zuckte die Achseln.

„Zweck?“, rief er barsch, verzweifelt.

Ich war kühl und ruhig wie selten und freute mich eine Sekunde an der Klarheit und Harmonie, die mich zum erstenmal wieder erfüllte.

Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem Finger auf die Stelle, wo auf dem Passepartout in Berlin von einer gewissen Stelle gefertigt eine Passage stand. Drei Sekunden blieb es still.

Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick entgegen voll Haß, durchschaute wohl unser Spiel, war machtlos, murmelte: „Der Herr General ersucht.“ Ich trat durch eine Tür. Aber er empfing mich nicht, fuhr draußen im Auto ab.

Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto nach Helsingfors.

Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft, kamen bei schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs vorbei nach den Aalandschen Schären, hatten zwei Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Ekerö zwei Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten Tag der Ausfahrt vor dem großen Stockholmer Hafen. Die Finnen ließen sich an den Schären aussetzen. Gunnaris schenkte mir einen Ring.

Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal „Te—le—fon“ und deutete. Sie winkten, standen nickend am Ufer, sangen eine Weile, bis man sie nicht mehr sah. Gegen zehn Uhr ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger Mövenschrei. Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den inneren Hafen, das leuchtende Eingeweide Stockholms.

Siv stand eine Stunde schon am Geländer, stahlschlank, nickte immerzu leise herüber. „War die Überfahrt gut?“

Ich spüre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich langsam rosa färbt plötzlich, wie Finnland sich entfernt über dem Rudel der Schiffe. Selbst wie ich mich umdrehe und die Kielfahrt des Schiffes noch ölig und glänzend im Silberschaum sehe, hört alles auf, wo der Blick endet.

Wir drehen uns um, gehen Strandvägen hinauf.

Ich bin merkwürdigerweise mit einem Mal ausgelassen, wir lachen. Ich nehme Sivs Arm. Vor der Brücke stehen wir und lassen die Wachtparade passieren, hechtgraue Soldaten sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und Musik und den Führer, der in erhobenen Armen zwischen den Fingern einen silbernen Stab hält. Wir schauen und kommen höher auf den Skansen, wir riechen die wilden Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nüstern die See. Ich schenke ihr die weißen Korallen, die ich mitgebracht. Siv hat den Rhythmus der Musik noch in den Knien. Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln ihr flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwölfe, die Silberfüchse, plötzlich schweift unser Blick über die vielen Fjorde bis dahin, wo die schwärmerische Luft des süßesten Frühlings mit der Herbe und dem nackten Granit der Felsen zusammenprallt.

Ich verweile eine Sekunde.

Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung. In Djurgården schimmert dunkelgrün der Tau. Üppig schwillt über mir die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz. In Kungsträdgården ist Musik, aus den Fischnetzen des Mälar fallen langsam die kristallenen Tropfen.

„Willst du zu Blanche?“

Ein Orchester sitzt hinter den Crèmegardinen.

„Nein.“

Wir gehen auf und ab zwischen den Bäumen und den Matrosen in der Dunkelheit und hören lang auf die Geigen, dann enden wir auf einer Bank.

Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schön, bezaubernd die federnde Größe ihrer Beine, die Linien, die im Bogen weiß von den Hüftansätzen über die Brüste laufen. Ich liebe sie und sie ist mir fern.

Ich fühle nur: Auf der Ostsee fährt irgendwo ein Dampfer. Der Expreß saust durch Småland. Die Nordsee steht dunkel gegen Christiania gespannt. Der Bär im Skansen träumt durch die Gitter und die Sterne flirren darüber kalt. Ich fühle mich in der Gewalt einer Bestimmung, die mein gewohntes Erleben ablöst, unempfindlich macht mit Auge und Seele gegen die sonst geliebten Reize. Nun kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.

Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr übers Gesicht, die Frühe lehnt sich kaum vom Mälar herauf und ist fast nur Duft. Der schmale biegsame Körper bebt auf den Gardinen.

„Zwei Tage . . .“

„Siv, schöne Tage, weil ich an dich denke.“

Kopfschüttelnd: „Es wird nichts sein, denn du bist nicht da.“

Ich bleibe zurück.

Ich fühle, daß mein Leben sich ändert. Aber ich weiß nicht, warum und wie. Wie zerborsten bin ich und doch wie klar.

 

Am Morgen später kamen Reporter, ein Photograph. Ich empfing nicht, leugnete ab. Beim Frühstück las ich, daß die konservativen Blätter aus Liebe zu Deutschland mich deckten, „Sozialdemokraten“ griff mich und zugleich auch Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft an. Ich dementierte. Um halb elf kam der Pressechef. Mannerheim hatte sich beschwert, ich beruhigte den Beamten, konnte es in der unbestimmten Lage, die meine Mission umzirkelte. Ich gab ihm eine gute Darstellung des Lachsfangs in einer nördlichen Schäre. Mannerheim und die Stockholmer Presse erhielten das Dementi. „Dagens Nyheter“ erlaubte sich den Scherz meiner Vielseitigkeit später. Als ich ausging, hielt vor dem Hotel ein Bursche ein tänzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich der Reiter, Erzbischof Sahlström, schlug mir athletenhaft auf die Schulter, ritt neben mir den Quai entlang, kreiste von Literatur zu den Gäulen in die Politik.

Ich führte den blauäugigen Fuchs noch verschlungener in die Irre.

Am Gesicht des Gesandten beim Frühstück empfand ich seinen Ärger: „Wenn wir auch keineswegs die militärischen Narren im Amt in Berlin stützen . . . müssen Sie, Herr, sich gerade fangen lassen?“ Ich hatte eine kleine grüne Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt hatte, ich setzte sie hin und verbeugte mich: „Die Karambolage mit dem mongolischen Ludendorffimitator, ach Gott, Exzellenz . . .“ ich erzählte ihm leis einiges, aber nicht alles, denn unser Weg ging nur ein Stück zusammen, und meiner weit über seinen hinaus. „Ich habe dem Minister des Innern zwei Lachse senden lassen, die ich offiziell vor drei Tagen im Binnenwasser fing mit einem Kompliment auf den Reichtum der schwedischen Gewässer.“ „Nach dem Dementi?“ Nicken. Die runden Augen sahen fragend aus. Ich sagte: „angenommen.“ Exzellenz trommelte mit den Fingern auf die Kniescheibe, wir gingen zu anderem über.

Es gab französische Küche, der Gesandte fing seinen übervollen Geist in den entzückendsten Anekdoten und führte die Probleme mit anziehendem Geist in die Form. Es schoß dauernd aus ihm von Aperçus, denen das Frühstück an Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal an dem Mittag das Gefühl, von einem Parterre meines Inneren aufs andere zu stürzen und sah andere Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte ich den Plan der nächsten Woche, die Beziehungen, die ich anschneiden wollte und wie ich es zusammenzuführen gedachte.

Der Marineattaché kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in rotes Leder elegant gebundenes Buch, das er in französischer Sprache früher über deutsche innere Politik in Paris veröffentlicht hatte, schleuderte die Augen anklagend gegen den Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.

Ich fuhr in einer Fähre nach dem Saltsjöbadenbahnhof, wechselte die Oere in ein Kupferblech, warf die Marke in die Messingbüchse, nahm den Motor und fuhr durch die Schären nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag, ich konnte ihm nur die Umrisse erklären, er dachte lange nach, grübelte und hatte plötzlich einen kühnen Plan.

Er telefonierte.

Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen, elegant, der beste Mann Schwedens. Er war sehr zurückhaltend. Gunnaris sprach lange auf ihn ein, Almqvist schien sehr ungehalten, daß Gunnaris ihn kompromittiert habe und Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch, wenn auch aus Dankbarkeit und großer Freundschaft zu mir, zu weit gegangen zu sein.

Ich nahm an, daß Almqvist, der sehr viel zu verlieren hatte (ich wußte nicht, wie es damals schon in ihm aussah), mißtrauisch auf mich sei als auf einen Deutschen, wie jedermann damals in der Welt. Doch war es dies nicht. Er war zornig, daß Gunnaris einer Sache wegen, die nur entfernt ihre eigenen Ziele berührte, ihn in eine Situation warf, die den Unterschied zwischen seinem Leben und seiner Tätigkeit leicht verwischen konnte.

Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn an mich binden mußten, die ich von ihm wußte. Auch ich hatte einmal in dem Hospiz gewohnt, in dem er seine vielseitige Rolle spielte.

Wir fuhren, eifrig redend, in der Dämmerung zurück. Ich kannte sein nach der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein, leicht begeistert, Freund der Frauen, anständig, mit starkem Aufwand lebend. Ich suchte dies zu durchbrechen, ihn anzusaugen nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede Pore, es war ein stilles, langes Sichmessen. In einem kleinen französischen Restaurant neben dem Hotel Exzelsior sprachen wir, etwas zog uns unbedingt gegen alle Widerstände zueinander. Wir redeten mit einer halsbrecherischen Offenheit, in einer Stadt und einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander stumm blieben, aus Furcht vor der verräterischen Atmosphäre. Unsere Ziele berührten sich, wir wurden, indem wir sie besprachen, ernst und niedergeschlagen. Wir speisten in der Wohnung seiner Freundin. Almqvist war bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die schöne Frau mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit.

Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags arbeitete ich angestrengt, zog mich in der Dämmerung um und ging zu dem Portefeuilleträger des Inneren speisen, mit dessen Schwager ich freund war. Seit der Ausbootung der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen aus Lund heraufgekommen, waren noch ungenügend installiert, aber bereit, mir den Abend so zu beweisen, daß ich kein Stück eines gewählten schwedischen Mahles auch nur vermissen könnte. Man hielt bei den Staatsmännern Elsaß-Lothringen für die Achse der Probleme, mein Plan war anders, ich sprach nicht davon, ich zog mich um elf zurück und gab vor, sehr müd zu sein.

Ich ging über zwei Plätze. Der Mond ist tief über Stockholm geflogen, er geht über meinen Tisch am Fenster der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue in die Nacht und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt aus ihr verschwärmt und feuriger zurück. Aber ich denke nicht daran, spüre es kaum.

Um halb zwölf tritt an den Tisch der Türken ein bulgarisches Sujet, das irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft hat, aber als Türke gilt, kurz darauf der Franzose Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffällig gerade, fast entfernt voneinander auf den Stühlen, reden aber mit gesenkten Kinnen, sicher fast lautlos.

Um dreiviertel zwölf kommt Siv.

Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie die der Stadionsläufer) übereinander und schließt die Augen zum Gruß. Das Haar ist weißblond, mit Öl über den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in die Stirn hineingezogen, an den Ohren quillt es in kleinen Trauben herunter.

Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische der Haut, das Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an der Schale angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurück, saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen Strahl. Sie steckt den Kopf auf beide Hände, zieht den Mund kraus: „Was tatest du?“ Ich kann erzählen. Ich finde Siv reizend wie nie mit dem gescheitelten Haar.

Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel sich spannen in meinem Körper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: „Ich will dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder gesehen, und gelesen hast, daß er ein Land in China gefunden hat, Tibet, Siv. Mit diesem Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten tranken die Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um zwölf steckten sie Feuer an vor allen Küsten.“

Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat die Speisekarte und liest, ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne, viele Sachen, die sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . . Roti . . . . Backelse . . . . Punsch.

Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum, nähert sich dem der Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich muß wegsehn, das dunkle Auge Boissonts leuchtete gegen meines.

Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster heruntergelassen, wir sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie der Bahnen, die aus den Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht schwimmen. Mir fallen Lächerlichkeiten ein, so, daß, als ich Siv zum erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie, sondern im Humlegården, wo sie aus dem Break mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte, daß ich das Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behütete und abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich über den Teller, ich küsse ihr die Hand, ja ich weiß mich vor Narrheit nicht zu fassen, ich küsse Siv die Hand mitten im Lokal.

Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich gleichzeitig Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit auseinander und reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.

Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht dem Mond und blauen Kanälen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen Schweden, um es trocken durch die europäischen Wasserspiele zu tragen. Nun sieht mich der Blick der Frau, zieht sich abgekühlt zurück, weil ich müd zu sein log, bleibt an Sivs Gesicht hängen und lächelt.

Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich setze mich wieder, ich habe im Spiegel gesehen, daß das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache aus der Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen Papierpfeil in Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich zu stechen, das macht mich fast bersten vor Vergnügen. „Gott möge den Deutschen tausend Gefangene am Tage geben“, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bären schalt. Er wohnt in einem Landhaus in Sturängen, wo die Mädchen abends am Kamin singen: kom hjärtans frojd. Er haßt den Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die schöne Tochter hat.

Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu dürr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Türken durch das Vestibül vorüberwandern?

Da fällt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton mit der Zunge gemacht, Siv starrt mich an, ich blinzle nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da sitzt Rolf, der große Kabarettist, der Sänger des „mit swärmeri . . . i . . .“ Siv ist voll Neugier, wir starren den großen Mann an und vertiefen uns in ihn.

Dann lächle ich sanft und sage kokett, ich habe mich geirrt. Siv ist wütend, stößt den Teller über den Tisch, sie ist sehr schön in dem Augenblick, und ich kann mich nicht halten vor Vergnügen.

Plötzlich verläßt mich die Laune, ich werde kühl, gemessen. Ich hebe den Hörer ab, der Tischapparat hat gesurrt. Der Portier meldet, Tisch siebenundachtzig will mich sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rücken zu mir, ich sehe es in dem Nickel des Hörers, es ist seine Stimme.

Schon unterbrochen.

Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich hänge ein. Wir sind bei Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee und Zigaretten, Siv hat sich zurückgesetzt und betrachtet mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die Zahnschnur. Almqvist ist plötzlich an seinem Tisch nicht mehr da.

Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es auseinander. Ich setze mich hoch, ich lasse mich einen Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form der Bewegung, die mir frei und klar aus dem Gefühl kommt. Ich weiß, wir werden haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg. Da ist es. Endlich. Wir werden die Generale drücken, Zusammenhänge beweisen. Ich denke es klar und kühl und fühle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.

Ich bringe Siv nach Hause.

Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus dem blauen Wasser, das lautlos Stockholm durchströmt. Weiße Wolken ballen sich höher über Schlössern und Inseln. Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fühle den Tau der Morgendämmerung, das abenteuerliche Schwinden des Nachtwindes.

Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend. Ich kenne die Menschen und habe recht gehabt.

Aber ich spüre irgendwo, welche Klüfte mich trennen, wie ich ausgesperrt bin von einer Verbindung, die, anders und tiefer als ich es fasse, die Menschen zusammenbindet. Ich denke lange darüber nach, doch es verschwimmt, während Sivs Gang und ihre leidenschaftlich kühlen Bewegungen und die herrlichen Ausfahrten unseres Rausches goldener vor mich treten.

In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee. Ich fahre zwölf Stunden mit vielen Menschen. Ich esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen, gehe auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurück. Ich lese die Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt „Saisonen“ und beschaue die eleganten Frauen, döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen: fünfundzwanzig Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen, teils auf dem Rücken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile mich mit Maß und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich sehe einmal, als wir wieder fahren, verwühlte Kissen, Sivs hohes reines Bein ganz ohne Flaum. Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es ist kein guter Geschmack, daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich köstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenüber sitzt der Außenminister.

Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen, Wölfen. Ich bin sehr in der Lektüre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.

Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Varieté. Ich gehe an einer holländischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin ist dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die Almqvist mir bezeichnet hat.

Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im Genick starrt er offenen Mundes zur Bühne. Neben mir links ist frei. Ein Riesenorchester hat um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen. Ein Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in einen Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs und gröhlt, bekommt rote Schläfen und kann kaum mehr sitzen.

Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brüstung, sieht gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. „Gut“, sage ich.

Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris und Almqvist Telephongespräche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit einer Kapelle kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im Knopfloch, mit Schildern: „Friede, Klassenkampf, Brot“. Krassin zittert. Auf dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern schon aber deutlich. Im knallweißen Licht der Laternen stehen kleine Huren mit Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.

Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut hochmütig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem Hotel.

Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem Adlerkopf und Glatze, Davidson schön. Krassin kommt nicht.

Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen. In der ersten Wiesenhürde üben Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten Tor an der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab, verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostüm zurück und üben mit Geren und Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt und raucht.

Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte, es wird mir warm plötzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre weiter, Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus, wie ich mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mädchen, die einen Reigen hin und zurück sich werfen, melodisch, mit einem Schwedisch, das ich nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten Villa stand.

Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte, zog er die Hüfte mit herunter. Ich ging auf ihn zu, gab ihm die Hand. „Grüße meines Bruders“, sage ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hören, nahm den Namen auf und nickte, drückte mir noch einmal die Hand.

Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo er mir alles gezeigt, was die Sportschule seit dreihundert Jahren geleistet, erwähnte er ihn einmal, wies einen Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann gingen wir hinüber, wo schwarzweißes Rindvieh mit praller, glänzender Haut uns dicht umdrängte; wir fahren mit den Händen darüber, es scheint die Sonne immerzu.

Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken Kallskol aus Zitronen, Wein und Saft.

Ich muß vielerlei denken, während die Tanzenden zwischen den Lichtflammen zucken. Ich sehe die dünne Linie des frischen Monds an einer Pappel und ich muß denken, daß an diesen Bäumen die Tragödie des Bruders begann, hier sich sein Hirn wund rieb an den Büschen. Ich muß denken, daß Floda nahe liegt, daß vom Herrenhaus ihm die Rettung kommt, als er mit dem Pferd in den Wald reitet, daß der Wechsel bezahlt wird, daß alles gut scheint, aber sehr schlecht ist.

Ich liege weit zurück und sehe erschüttert und traurig, und doch davon wieder gehoben, die Nachtscheibe des Himmels sich immer weiter und tiefer über das Meer hinausschwingen.

Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder, ich habe vieles zu tun, ich bin beschäftigt gewesen mit mir und tausend Dingen, ich habe nie begriffen oder versucht es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die Bagatelle beigelegt, hinausstieß.

Ich denke darüber nach und fasse es nicht ganz, aber es arbeitet in mir weiter, auch wenn ich nicht nachdenke, ich fühle es genau. Der Boden, den er betrat, das Laub früherer Sommer, das er berührte, verbindet mich eng mit seinem Schicksal.

Ob er barfuß durch Kalifornien läuft, auf Akkord in Steinbrüchen der Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen zu können als Boy vorm genuesischen Hafen immerzu liegt, ich spüre sein Leben hier, ich kann ihm nicht helfen, ich bin unglücklich darüber. Ich habe manches Unrecht an ihm getan, fällt mir ein.

Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach Floda, ich will, kann ich nichts anderes, wenigstens diese Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schön vollenden. Ich habe die Unruhe zurückgelassen, die die erzwungene Pause mir auferlegt. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich in die Bogen, die ich selbst gerichtet, von Handlung zu Handlung mich spanne. Aber ich habe diesen Tag keine Unruhe, ich bin vergnügt fast, ich sitze in der Equipage und schaue auf den Buchenwald, als sei er mein.

An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe raus, ich weiß sofort, wohin ich mich zu wenden habe. Ich grüße die Herrin. Sie geht anmutig über den Wiesenpfad, steht vor den weißen Säulen des Herrenhauses, hebt die Hand: „Välkommen“.

Ich verneige mich.

Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem Teich und Birken. Sie sagt ein Wort: „Ebba“.

Es ist die Schwägerin. Der Gang einer Reiterin. Ich sehe ein blaues Kleid. Ich sage: „Ich freue mich. Ich bin zufrieden, Sie zu sehen.“ Die Herrin winkt, sich entschuldigend, zieht sich zurück, das Souper wird gerüstet.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein schöner Tag. Sie trägt ein blaues Kleid, geht wie eine Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht die Herrin wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in großer Toilette. Neben ihr der Gatte: „Välkommen“.

„God dag, Sir Johnson.“ Seine Hand, bescheiden bewegt, sagt Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis zum letzten. Ich danke.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt erst bricht etwas von dem Duft um mein Hirn, jetzt höre ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie wieder im Nebel. Warum lähmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut, mühelos kühne Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff in mir. Ich senke den Kopf. Ich sage: „Als Kind hatten wir denselben Hund.“ Ich deute auf das Gras und mache mich lächerlich mit dieser Bewegung. Mein Blut kocht aus Zorn über meine Schlappheit in meinem Kopf, ich siede, es wühlt grausam in mir. Was kann ich machen, was kann ich machen? Ich weiß nichts mehr von mir. Sie schaut mich an, die Augen sind hart, die Stimme süß und weich.

Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg. Einmal gelang es mir, ich sagte leis ihren Namen vor mich hin, es ist ausgeschlossen, daß sie es hören konnte. Welche Macht das Wort Ebba, es scheint stärker als ich! Eine Wolke brach vor ihr Auge. Das Gong tönte. Ich fühle, als risse sich die Seite wund bei mir, an der sie ging, als wir umdrehten.

Ein Gesicht, ein Männergesicht steht vor mir auf: „Der Lunch.“

Sie ist ganz weiß, ihre Augen glänzen weiß, glasig, sie hebt die Hand, deutet, ich verneige mich tief: „Mein Verlobter.“

Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn. Ich denke, dies Haus ist heilig. So hatte ich vom Morgen an gedacht. Aber ich fühle, es schlägt mir die Knochen entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.

Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze die Minute für meinen Bruder, ich flüstere: „Ich bringe den Dank eines, dessen Leben Sie gut getan.“ Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde ihr das nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.

Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich nicht.

Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenüber, das macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe Stunde nur noch, man muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann. Vogelschreie der Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das Auge Ebbas geht nicht von meinem, ich fühle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.

Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.

Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel. Ich bin berauscht, als ob ich Wein in mir hätte, ich habe einen guten Tag plötzlich, ich wende mich nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich. Ich habe so leicht zu reden, „Dozent Lilljeqvist“ sage ich, „Sie tun unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist, wenn auch aus bon sens, und hat gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet, der Ihr Land in den Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem früheren konservativen Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krämer . . . nein“, ich wende mich ganz herum, „nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann ist ein Zufall, aber Sie haben recht: die Tötung jedes Menschen ist ein ungeheuerliches Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik. Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung denn, die keine andere schöne Wendung sah, als daß sie zwei Tage die ganze schwedische Presse mit Geheul gegen Deutschland vorließ und dann zurückpfiff. Und Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit hunderttausend Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die Steuermannswitwe eine glänzende Lotterienummer gezogen und etwas verändert die ganze Presse der gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank für das Feuer Sverker Ek . . . .“

Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles gesehen, ich rede immerzu: „Hören Sie, wie anekdotisch dieses Regime arbeitet, bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen dürften nach Finnland durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg nicht, kühl und kaufmännisch in den Bart — daß einmal ein Mann gekommen sei und gefragt habe, ob er rauchen dürfe und man habe gesagt: nein. Der aber wies auf Reste von Zigarren, worauf er die Antwort hört: das taten solche, die nicht frugen. Man verständigte sich unter Lachen. Stellte ein schwedisches Torpedo zurecht, ließ die Munitionskolonne beschießen, drei Tage die Presse heulen, dann war es vorüber.

Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei. — — — O Malte Davidson, dreißigtausend Tonnen Schmalz für den Hunger in Deutschland, das kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem König manchmal den Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem neutralen Lande Essen wollte für die skrophulösen Kinder . . .

„Nein Sir“, ich lächle, „der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor über Ihren Chauffeur ohne Mütze, das ist nicht das Deutschland unserer Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer, so sehr ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt. Sir Johnson“, sage ich und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, „Sir Johnson“, sage ich betont und staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plänen spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorstoß . . . „was ist Krieg Ihrer Jugend, Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß und fett ward. Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in falschen Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich nicht krank, ihre Jugend, Ek und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre Leidenschaften, ihre Begeisterungen frißt? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und mehr gequälte Jugend mit einem siegreichen Lächeln als Trotz und Auflehnung entgegenträgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie haben in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral, Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären, nicht Haß gegen die Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstraße nach Rußland, das wog Euch Erschreckten mehr als humane Überlegung . . . . Im Museum liegt Euer Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich als Rausch für Eure romantischen Jünglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das letzte. Eure Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um auszurechnen, wer Euren größten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn, erschoß, die Feinde draußen, die kriegsmüden Schweden innen? Die Narren. Der Friede erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?“

Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist mir frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging verloren, es ist, als kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit den Sinnen plötzlich wie den Tag.

Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.

Ich erbleiche plötzlich.

Sie kann nicht gehen. Sie läuft schon hin, reißt ab, ich stehe auf.

Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. „Es lebe das Deutschland Ihrer Gesinnung.“ Ich verbeuge mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge mich noch einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich tun soll, wo ich bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich weiß nichts anderes, mich zu retten, daß ich mich noch einmal verbeuge.

Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.

Die anderen Gäste verneigen sich.

„Gnädige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen.“ „Farväl,“ sagt sie und nickt mit den Augen.

Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.

Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die Zähne in den Lippen. Ich verbeuge mich, schaue nicht wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit dem Blick, er ist weiß, zuckt einmal.

Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der Bahn sehe ich mein Gesicht. Welch ein fremdes Gesicht. Stürbe ich jetzt, wie schön diese Wollust.

 

Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich weiß noch: morgen fahre ich zu Almqvists Schwester. Nach Särö. Dann schlafe ich ein. Ich weiß nicht, wie ich schlief, ich schlief wohl sehr fest.

Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor Verwirrung, dann legte ich mich nieder.

Ich nahm den Hörer vom Tisch, ich hebe ihn an mein Gesicht. „How do you do?“

„Falsch verbunden.“

Ich hänge ein. Es schellt von neuem.

„C’est le portier qui parle.“

Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er möge verplatzen.

Eine andere Stimme kommt, aus Nebel süß und weich: „Kan jag få tala med Nr. 417?“ Ich streckte mich lang aus im Bett. Ich zitterte am Körper. Ich bin Nr. 417.

Ich will die Stimme noch einmal hören, ehe ich sie für immer verliere.

Sie wiederholt. Ich genieße es lange. Dann antworte ich; wie klanglos meine Stimme. Ich antworte nur, was sie sagt: „Ja, Fröken Ebba, ich vergesse die Bücher nicht zu senden, ich küsse die Hände.“ Da geht die Leere ins Telefon. Doch sie ist noch da, ich weiß, ich spüre es. Ich sehe sie dastehn mit dem weißen Gesicht, erfroren am Mund, und lauschen.

Doch ich darf nichts anderes sagen, ich muß es fallen lassen, wenn es mich auch vernichtet. Ich habe stets gedacht, dies sei ein heiliges Haus. Ich will keine Verwirrung in diesem Haus.

Wie unglücklich bin ich und schwach. Und doch wie getröstet. „Ich küsse die Hände, auf Wiedersehen!“ rufe ich steif und hänge ein. Ich kann es nicht hören, wenn sie den Gruß wiederholt. Ich richte mich auf unter der Badedusche, hebe die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl — und breche zusammen: welches Glück, diese Stimme.

Erst nach dem Mittagessen kam ich in Särö an.

Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann machte der Basalt eine Welle, die Häuser trug. Davor brannten mit schmalem Rasen die tausend Obstbäume. Ich ging durch den verschneiten Geruch.

Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu. Ich trat betreten einen Schritt zurück. Sie lächelte mit einer sich nicht entäußernden Bewegung, ihre Schönheit streng bei sich behaltend. Ich saß auf der Klippenbalustrade vor dem kleinen Schloß. Ich frug nach ihrem Bruder, sie wußte keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht. Sie hob die Schultern ein wenig, ich mußte warten. Ich unterließ nicht, ihr meine Bewunderung für solche Schönheit schweigend zu bezeugen.

Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach ihn nicht, ich hatte einen Schmerz in der Brust, der mich peinigte bei jedem Wort und mich wegzog, wenn ich die schmetternde Süße der Apfelbäume vor dem aufgestählten Dunkel der Nordsee empfand. „Sie haben recht,“ sage ich hin, „Ihre Bürger sind Hunde wie alle, gnädige Frau“ und ich lächle schief und trotzig, aber ich will es nicht wissen, was geht es mich an, was liegt mir daran, daß ich ihren Vornamen gern wüßte.

Aber ich frage nicht danach. Daß sie in Norwegen skiert mit Meir Elisha, meinem Partner. O, was liegt mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von Almqvist zu lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und höre nichts wie ein phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.

Auf der Klippe gegenüber stehen Kinder, rufen „Mur“.

Sie steht auf, nimmt die grün-weiß-orange-schwarze Decke von dem Teetisch, winkt hoch damit. Die Kinder jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter mit den kleinen Spitzenhosen.

Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen Engländer Golf. Weiße Männer liegen unten in den Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand über die Augen und sehe lang in die gläserne Bläue. Ich vergesse, wo ich bin, ich drehe mich um: „Ich sah Ihr Stadthaus, gnädige Frau; darf ich es sagen, die holländische Backsteinrenaissance hat eine asketische Linie, die ich wenig ertrüge, nie eine Frau damit umgäbe.“ Ihr kristallenes blaues Auge umfährt mich ohne Ironie, sieht über mich weg.

Ich empfinde, daß alle lügen, daß sie nicht die marmorne schönste Frau Bohusläns ist; welche Narrheit, sondern, daß sie noch nicht gelebt hat und ihre Gefühle lawinenhaft hinter dem Herzschlag liegen.

Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer wieder, sie ist aufgestanden, an die Mauer getreten, was kümmert mich diese Frau, die Ruhe macht mich glücklich, überempfindsam, die Segel meiner Seele sind groß und weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt mir, fast werde ich mitteilsam, ein Schwätzer, ich schüttle mich und lache in mich hinein.

Die Obstbäume brennen ihr Weiß gegen die besonnte Felswand und schwingen sich selig über das im Kreis gerundete Meer. In der abgeebbten Seitenbucht liegen Völker von Möven mit ausgebreiteten Flügeln im Sand. Wir sitzen und reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke, muß lachen, die Teetasse fiel zu Boden.

Ich muß lachen, ohne es zu zeigen (wie kühl und höflich ist mein Gesicht), ich sitze mit der schönsten Frau Westschwedens über den wiegenden Rahen ihrer drei Segelboote, und ich sehe über ihr hinter den Schaumriffen genau von den in der Brise schaukelnden Kirschästen bis zu der Spitze des Granitbergs immer eine Reiterin durch die Luft hinschreiten.

Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust. Wie schön ich mit Kindern spielen kann, die ich sonst nie sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie fühle ich mich von mir selbst verlassen. Sogar den Bärentanz vermag ich auf der Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne. In welchen Korridor entfernter Jugendlichkeit habe ich mich mit Geschwärm und Verlieben und Spielerei schrecklich zurückverirrt? Wie weit lag das hinter mir.

Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts tun gegen die süße Gewalt, die mich von allem reißt, mich hier einen Fremden und Kranken und Unbeteiligten sein läßt, o Gott, wie schön ist die Gewalt dieses Schmerzes, den ich hasse.

Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige Tuch, mit dem sie den Kindern winkte, das die Kleinen mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll drinnen bleiben, wir lachen, ich küsse die Hand, die es mir schenkt.

Vom Bahnhof herauf läuft ein Auto.

Almqvist.

Ich gebe ihm die Hand.

Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drähte von Plänen und Absichten und Zielen bewußt und klar.

Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich völlig, nichts irrt ab.

Wir fahren in der Frühe nach Göteborg, nehmen den Russen auf, steigen in den Dampfer.

Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in Herden hineingelagert. Als wir den äußersten Ring am Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der vielen flachen Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrstühle mit Batterien hoch, schießen, sausen tief unter das Meer zurück.

Ich lache: „Entwickelt die Erde sich weiter in explosive Kurven, wird man in zwei Jahren dies von Withe Chapel oder vom Grunewald aus beschießen.“

Da werde ich verhaftet.

In der Kajüte verhört mich der Kapitän. Er ist zu dumm, die Vorzüglichkeit meiner Papiere zu kapieren. Ich kümmre mich nicht um den Ochsen, stehe wütend an der Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In diesem Augenblick finde ich mich klar zurück, abgeschnitten liegt das Nebelhafte von mir, ich strecke mich, bin wieder ein Kerl, kühn am Kopf, fühle die Muskeln um den Rumpf herum sich dehnen, ich trete vor.

Da klopft es, herein mit der Lässigkeit des Befehlenden kommt Almqvist. Der Kapitän erhebt sich sofort, das feige Schwein. Der Zwischenfall wird wie eine Kartenpartie erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrühkost auf dem Kapitänsverdeck aufgetragen.

Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen die nackten Ursteine vorbei, manche haben Häuser blau und rot, andere fahren vorbei mit singenden trocknen Fischen an Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine verblaßt in gespenstische Blasen, das Panische stützt von ihnen gegen den von Wasserzartgrün und Segel musikalisch tief gefüllten Horizont. Die Eidern stehen mit Geschrei darin. Aus einem Kessel von Granit, der sich öffnet, schießt schräg zwischen den moosgrünen glatten Felsen ein dicker, geschwängerter Segler mit viereckig braunem Tuch, die Metallhörner tuten.

Um fünf Uhr legen wir an bei Marstrand.

Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel, überall See. Zwei Tage studieren wir mit den Gläsern die Gruppen, die Gewohnheiten, die Lagermulden, die Badeplätze, Frauenbeine, Männerkostüme. Almqvist spricht mit vielerlei Menschen, läuft in den Garten, macht lange Gänge, schreit zum Fenster hinaus: „Halo . . . så ni säger,“ schickt den Hausburschen in die kegelhaft gestellte Spielzeugstadt unter uns, läßt Zigaretten holen, setzt den Panama auf, geht zum westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft allein, einmal in einem Rudel Männer. Ich sehe, die Arme zum Fenster hinaushängend, wie Damen ihm zuwinken, wie er vor sich hinschaut, grüßt, in Häuser hineinblickt, kleine Gärten durchquert.

Er erfährt sicher vieles, wenn er sich so bekümmert, er erzählt nichts, bringt Blumen mit, empfängt allerlei Subjekte.

Im Osten sehen wir einen großen Klüngel immer am Meer, der seltsame Formen annimmt. Trennen sich Teile davon ab, verlieren die andern nie die Verbindung mit ihnen, die Figur der Ansammlung läuft aus wie Tinte, verzogen wie Rosagummi.

Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas sähe. Es ist die Richtung nur, in die ich mich wende. Ich liebe es nicht, wenn ich mich dabei erwische, ich bin sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.

Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schären. An der grünen Wildheit der Riffe aber, wenn mein Blick damit zusammenprallt, könnte ein Herz wohl aufschrein. Ich glaube es bestimmt.

Mittwochs kamen die Schweden, hörnerschlank, blondgescheitelt. Almqvist besprach lange jedes Detail mit ihnen. Ich rührte mich nicht sonderlich bei den Vorbereitungen, prüfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze zu überschauen, ich maß meinen Puls nicht wie Sverker Ek, ich war wie immer in den drängenden Stunden der Gefahr fast unbeteiligt, als stünde nicht ein Ruhm ungekannter Größe und Bedeutung auf dem Spiel.

Ich sprach mit Almqvist lange über diese Frage, die endlose Lüge der Geschichte, die uns idiotische Führer und geschickte Taktiker als Helden ewig exerzierte, wo wir aus der Gegenwart im Einblick in alle Verhältnisse dies Prisma von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lüge und dümmster Brutalität zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und an den Märtyrern und Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz anderes Heldentum beobachten konnten.

„Es ist Zeit, es ist Zeit,“ sagte Almqvist, als er die Fernrohre vom Hausdach richtete, „mit einem Stierstoß das Epaulettengenie aus der Historie zu stürzen und die Heiligenscheine steigen zu lassen.“ Er lachte höhnisch, wir hatten am Ostufer den Bienenschwarm Männer in den Gläsern. Wir kannten jeden einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen zu irgend einer Gesandtschaft und amüsierten uns über das Schachspiel, das sie miteinander aufführten.

Um elf Uhr gingen die weißen Hosen des Außenministers vorüber. In Badekostüm und Tenniskleidern begann die Börse. Alle heben die Nasen nach seinen politischen Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem Abendbummel, wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen, den ganzen Tag geballt zurückbleiben. Die Spionagezentrale des Stockholmer Grand-Hotel, die ihm hierher gefolgt ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die Atmosphäre zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die seit zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser, der andere staatenlos, der andere Neutraler, refraktär, krank, desertiert. Sie fluchen auf den Außenminister, daß er die Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den Bars Stockholms, nach Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos, Kokotten, Telefonen.

Sie haben die Nordsee peinlich in den Nüstern, es spielt sich schlechter vor der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander genau, jeden Atemzug, alle Vergangenheit, sie lügen sich täglich an und glauben sich täglich neu, sie sterben vor Gähnen darüber. Hätten sie wenigstens Frauen, es sind keine Mondänen da.

Die Schweden klatschen in die Hände vor Vergnügen, wenn das Spiel im Sand, von uns vorhergesagt, nach den jeweiligen Berichten der Zeitungen, mechanischer als ein Flohzirkus funktioniert.

Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den Kenner: wie zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der Wirklichkeit sind alles nur Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante Gentlemans, die baden und höflich sind und die Formen der Welt respektieren, im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.

Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:

Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches, reicht ein Streichholz und ist verbindlich . . . während im Untergrund das Herz anschreit: „Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund.“ Beider Augen messen sich: wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick . . . wieweit die Ernährungsfrage im Herbst der andere. In beiden Brusttaschen Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt einem englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prügel, saust heraus, blamiert . . . oben sind die Köpfe der beiden unberührt, der eine überschlägt, daß er durch die Blamage tausend Pfund verloren, der andere, wie er den abgeblitzten sich zu Diensten fängt.

Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.

Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen. Abschriften sämtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un . . . die Karten fluschen.

Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem gesellschaftlichen. Da klotzen die Köpfe brutaler, stierer sich ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von Führern, ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre des Eßdrucks gehn als Tip.

Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit (wie stehn die Nerven drüben, Freund?) und Industrien schnellen göttlich hoch. Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine Offensivmöglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft, auf zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend falsch frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am Abend als Gewißheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis, Kupferlösungstabellen, Salvarsanschmuggel.

Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffällig nach, wünschen sich die Pest in den Schlund, lächeln süß, duellieren sich selten, innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn, Pistolendrücker, Minenexplodeure.

Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers am Strand zurück. Die Blutbörse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die Telegrammzellen auf. Über Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien, Paris, Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kämpfen weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. — — —

Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre, wir trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und Notizen. „Siebentausend Moslemin,“ knirscht Ek ironisch. „Viva el Peru“ rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schön ist: „Happy day, ha—a—a—ppy day — —. When Jesus washed my sins away.“

Lilljeqvist hat eine Segelmütze auf der Glatze, wir sind in bester Stimmung, unter Scherzen geht der Morgen hin. Ein heller Tag. Auf der westlichen Klippe gehen wir ins Meer, zweihundert Meter weiter schießt der Halbbogen der Fjords wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer, kupfern gewölbte Schatten liegen vor einer Schäre, der Wind hat nachgelassen, traumhaft abgebogen stehen Segel vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.

Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genießende und Schöne ist aus seinem Gesicht verschwunden, er ist verzweifelt, er geht auf und ab, die Frauen schauen herüber, er wendet sich an uns alle, das Meer, die atemblaue Seligkeit der Luft:

„Ha,“ sagt Almqvist, „was Jaurès, was Pétain, was das ganze Schachspiel . . . Bagatellen für Affen. Die Erde ist in den Äquator der Abrechnung eingelaufen, was? Die Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in das Chaos. Ha . . . wie hängen die Dummen noch ungelöst an ihren Bettwärmern, ihren Seelenkitzeln, ihren Kompromissen. Der Bruch geht verflucht durchs Ganze. Schöner Tag, Ek, süße Bläue, Krassin!

Aus für uns.

Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha . . . und keiner sieht in verlogenen Räuschen von heute schon den Schluß. Unerbittlichkeit, i . . . i, Nachdenken Ek. Nichts wird hinübergerettet. Die Weiber mit kostbaren Dessous, die lachend vor Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hände, Salbenhaut, die in Kissen feucht wird. Autofahren, sanfter Luxus, der reizvoll die zarte Erdoberfläche malt . . . betrügt Euch nicht. Der Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die Hörner ein, auch die Gazellen werden damit verrecken müssen. Putzt die Lampen auf für andere Jagd. Ob die Zeithörner blasen oder Frauenbeine spielen, erschöpft für diesmal die Frage für das Säkulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder, in den wir einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit verdammt en vogue.

Ha . . . süßer Tag, Ek, milchweiße Silberränder in der Luft, man wird den Schönheitszauber mit Keulen zerschlagen. Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich ihn genossen. Einmal wird Schönheit die zackige, rohe Erde erlösen. Nichts ist das aber vorderhand für uns.

Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an dunklen Julifjorden entflammen. Städte werden zum Osiris gefeuert und der Mond auf Leichenhügel geknallt. Schwelgerische Sternnächte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen nicht mehr verzücken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen, Seen zu keinen Frauenräuschen treiben, dampfende Schneefelder unter flamingoner Röte nur im Traum noch schweben . . . aufgespreizt dagegen, mit gußeisernen Kolben wird dem Zeitauge das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterblätter der duftenden, innen verwesten Kokotte. Ab mit dem Geschrei der greisen Äffin Europa. Die Erde hat . . . hat ein elefantisches Toben angenommen.

„Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen, wir sind leider bei der Reinigung und der apokalyptischen Dusche.“

Er hört nicht auf zu lachen, seine eleganten Hände pressen sich immer wieder auf die Knie, der Oberkörper schüttelt sich, er kann sich nicht fassen. Er bekommt langsam sein Gesicht wieder, die Maske wächst ihm vom Kinn zu den Augen.

Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles Leben sich ablöst von dem Leichten der Zeit, dem es anhing mit allen bei diesen Gaben und solchen Fasern lebenden Gefühlen. Ich fühle den schicksalshaften Tenor seines Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde das Ganze, dann vergesse ich es wieder, sehe nur das Nahe, spüre mich feig und kneifend, aber hell und voll Ehrgeiz zusammen, ich kann es nicht ändern, ich kann ja nicht tauschen, ich höre nichts als immer in jeder Sekunde durch den Granit den Herzschlag des Meeres herauf mit einem einzigen Klang: Ebba.

Alles erfüllt es, alles beglückt.

Ich habe die Bücher nicht einmal gesandt, ich kann ihren Namen nicht nennen beim Händler, ich kann ihn nicht aussprechen, es ist schon so fast zu viel. Sie wird am Fenster stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am Fenster stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.

Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll ich mit diesen Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge mich an, Almqvist zu erreichen, ich will seine Klarheit, ich winde mich darum, sie zu fassen, aber, ach Gott, warum sehe ich immer die Frau da am Fenster?

Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.

Wir gehen über den Steinhügel der Insel. Kanonendonner gespenstisch im Kattegatt. Ein Fischerboot saust unter englischer Mine vor den Schären in die Luft. Die Bojen läuten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weißen Sternen durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen das Moos, die Möven rennen tief nach dem Wasser zu.

Almqvist legt den Finger an den Mund.

Die Schweden schwenken ab, mit den Händen deuten sie noch einmal nach verschiedenen Stellen, beschreiben einen Bogen, verziehen den Mund, lachen, entfernen sich, Steine nach Vögeln werfend.

Ich liege auf dem Hausdach.

Mit dem schärfsten Rohr beschaue ich die Sammlung am Ostufer, dann schleiche ich nach, ich komme hinter einem Felsen her, erwische den Rücken einer alten Badekabine, deren Dach schräg auffährt, ich drücke mich platt an. Unter mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.

Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien, bewegt die Schultern lässig, den Mund gespitzt, der Panama schaukelt in seiner Hand.

Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig stehen, die Hände in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn gebürstet. Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst mit einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen nachdrängen, wird er immer kleiner, unansehnlicher, das brutale Gesicht wird säuerlich weich, die verdellerte Stirn mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen weinerlichen Buckel, er benutzt die erste Möglichkeit, mit den beiden Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem Nadelkissen der Spionenschwärme herauszuglitschen, verschwindet nach der Klippe zu . . . . geht in unsere Falle.

Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke kreuzen vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt „ja schaugts“, schon heben sich die Beine, manche springen auf.

Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verführerischkeit, es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschäftsträgers gegen seine Hüfte:

„Frauen“, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen einen Strandkorb: „Sie haben wenig Frauen, meine Herren“, sagt er spielerisch und zieht sie in seinen Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein anderes Gesicht immer erblicke. „Sie haben die kleinen Hasen mit Recht vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt. Welch allersüßestes Kompott von anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe servieren.“

„Dinieren Sie“, ruft mit steifem Blick der Engländer.

„Frauen“, sagt Almqvist. „Französinnen, da geht eine Welle von der Gosse bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts nur vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede. Dann können Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Académie des Dames bei jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal, solang sie so erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken und Tricks, ist es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil Frauen manchmal auf Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die Idioten waren einfach die Begabteren. Wüßten die Schreiber sehr erlauchter Bücher, die oft mit unmöglichen Weibern leben, wieviel trächtige Instinkte es bedarf, welche Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie man führen, folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß, dabei immer in Siedenähe der Seelenatmosphäre der Frau, wie man vorstoßen, mit Maß überwältigen, göttlich disponieren muß . . . . . . um nur das anonyme Straßenmädchen Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen . . ha . . . . . . . diese Schreiber, deren ich das größte Amüsement bei ihren Büchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr rasch zu den Sansculotten und fühlten sich den dem Blute viel näheren Abenteurern wahrhaft gegenüber als Nichts und Null. Französinnen. Ich diniere als Hors d’oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte Mann kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein gutes Material des Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das Entsprechende grilliert wird. Doch man muß gestalterische Phantasie und viel Einfluß haben, Rezepte aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial verrühren können. Der Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für seinen Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist’s Demut, ist’s Glückliche Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter Souverän das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er beliebte und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der Französin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen von Schmutz und Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse jenes Blasse, ein wenig Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche, aber jedes anders überspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle, was man lächelnd, aber nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des Frauenhaften suchte.“

Er hat den Blick fest in dem des Engländers.

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit steifem Blick.

„Ich diniere voll Vergnügen“, sagt Almqvist. „Ich ziehe es vor, Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knöchel. Däninnen Austern, feine Hüften, keine große Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß Zitrone hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Französinnen, sie kommen ihnen am nächsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder und Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und Aprikosenteint. Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom. Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne die französischen Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten. Denn ihr Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren, sozusagen Seele, während bei den Weibern der Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren, auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich herrlich vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der Skandinavin daher nicht in Reinkultur der prallen Männlichkeit kommen, es braucht etwas Hirn, ein wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die Frauen, die, statt groß und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen widerlich findet, sie kaprizierten sich weniger auf „Werben“, „Sicherringenlassen“, auf Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht und Intellektkrebse zwischen Salat und Huhn. Während sie glauben, raffiniert zu sein, machen sie nur abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren an einen und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natürlichste, ohne Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht als Eis, aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie sich löst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen Erziehung, meine Herren, die Welt ins Hirn, so können nur Dressuren sie sanft machen zu Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen allesamt, die Art des Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich die Nomaden Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man treibt das Hirn ihnen so aus, sie erkennen unter Schmerzen das Schöpferische des Mannes, werden seltsam anschmiegbar für ein paar Stunden. In Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme und Gebärden Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt nach der Prozedur des Dressierens man mit süßen Katzen. Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch, meistens bös, nie gefährlich. Dazu sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja männliche Kopie ist, ihr Bestreben männlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie dabei die typische männliche Dummheit gegen die verstrickendere ihrer reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie würden nie Schnaps trinken und Pfeifen rauchen, weil die Männer in Scharen Wettlauf von ihnen weg begännen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und Schicksal sein, Bestimmung und Verhängnis, kann in manchen Momenten mich um den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verräuchert, Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht totkrank bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr ich bis Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt, Palaumädchen zwischen den Wellen der Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche: Milch, Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gäulen durchs Gras reiten sehen, das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie Papageien fahren schnatternd den Fluß mit einem herunter, während im Wald es schreit und dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den Schlag von Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese Atmosphäre, man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch muß ich eine Warnung hinzufügen, sich nicht zu sehr der Biskuitschönheit der Javanerinnen hinzugeben, deren Talmianmut verderbter europäischer Grazie nahekommt. Beine und Brüste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist Bluff. Sie drehen große Augen auf, das ist alles. Man stirbt vor Langeweile oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind von ähnlichem Filet, man kann sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Kühnheitsstunden der Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den Gittern und erregen sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann zünden sie Zigaretten an und gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie nach zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Büste, braune Marmorschenkel und süße Hüftlinien genügen doch nicht ganz, wenn das Blut stickig geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und süchtig wie Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika, Knobloch und grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles, Beißen, ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft. Schöne Spielerei und immer Getös, man wendet sich bald ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor, welcher Sport auch reinlicher erhält das Gemüt.“

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit gehärtetem Stimmuskel. Er saß zum Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er zog das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!

„Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da ist Zucht, zwar geistlos, aber heftig in Rasse, schmale Hüften, Tennisbeine, dünn und zäh, ovale Köpfe. Etwas vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von dünnem Stahl. Soviel Federndes ist darin, daß man sehr hohe Ereignisse mit ihnen erreicht, daß man bis an die Mondhügel und die Milchstraße schwebt, verzückt. Doch das ist Züchtung, man erreicht es nur im auserwählten Fall, meine Herren, das Landläufige schlägt Sie mit Entsetzen, ein Schreck zwischen Sentimentalität und zu kurzen dicken Beinen. Der Schick geht nicht bis auf die Dessous, wo er erst beginnen sollte. Ein fatales Souper an der Spree, ein nur durch südlichen Himmel gemildertes in München. Nur Düsseldorf oder Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner, französischen Rotis und Rheinwind. Die anderen verstehen die Soßen nicht zu präparieren, es klebt aus Wasser und Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht aufzuduften herrlich zugleich nach Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche, Roquefort, Chablis. Sie haben nicht Reizsinn, das macht, daß die pikanten Entremets fehlen. Das Souper ist ohne Würze. International leider als Kapitalanlage verwandt. Da von Genuß nicht die Rede mehr ist, geht bei der Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese Atmosphäre auch jedem, selbst übelsten Ansinnen offen. Dies Essen allein verläßt jeder ohne Dank, ohne Erinnerungshauch, der köstlich noch nachschwebt aus der Morgenröte, dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was selbst den Japanerinnen, die quälen, nicht passiert. Auf dem Düngerhaufen der Welt modert dies Überbleibsel, getreten in London, in Bordellen Südfrankreichs, roh, heiser, in den Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und wieder steigert das Mütterliche hingegen sich zu Güte und Brille. Man steht erschrocken vor Sympathien, die einem unerträglich sind. Auch gibt’s spielerische Abarten, Blutmischung von Polen, Prag, Elsaß. Da liegen Kegel Luftschicht flüsternd um die Leiber, was wichtiger wie Frou Frou, Pelz und Seide. Da geht ein Kampf immer mit Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wünschen, Männerblicken und dem Weib, Lustfächerspiel aus Luft. Besonders aus dem Österreichischen her, Genies der Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt, riechen wie Klee, schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht, aber sie möchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein Lazo um den Hals, ich wage nicht, Sie mit den tollen Einzelheiten der Flucht hiervor zu langweilen, Sie ziehen eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht Straußeneier, weil sie selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie selten und dazu sehr gut“.

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer.

„Asiatische Würze in europäischer Flaconnierung, ich setze mich gern zur Tafel“, er zog die Engländerin herüber, spielte mit ihrem Haar und übersah den Rufer. „Heißt das Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist jüdisch, wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das bürgerliche Europa angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in Sackfett bourgeoiser Ideale. Heißt’s aber etwa Guzman, kommt es aus Spanien über Saloniki, ist schmal, hat kein Ghetto gehabt, zäh, geistig und voll Charme. Vielleicht das Höchste, was es gibt: Hirn plus Blut. Aber in der hinreißendsten Grazie serviert. Internationale Aristokratie. Ihrer Tradition Chefs waren, als unsere Vorfahren in Pelz und Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige Gelehrte und Künstler in Katalonien. Serviert man Frauenkompott, darf die herrlichste Jerichospeise nicht fehlen. Man wird immer wieder zu den Jüdinnen zurückkehren, zu dem Hafen, den Intellektuellen der Freude. Erotische der Ideen, Glühende nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was Anarchistinnen treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind sie einfältig, fast primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille, sich für einen töten zu lassen, Adel und Ausschweifung, Königin und Dirnengeschwätz, dolchscharfes Hirn und Akkumulator der Gasseninstinkte — — das fließt fabelhaft ineinander, man vergißt diese Frauen nicht. Sie sind wenig entdeckt, man degoutiert ihre Männer und sieht sie nicht. Wer sie aber erfahren hat, läßt nicht die Lieblingsmarke. Sie halten einen nicht. Ihr Trieb ist, Freiheit geben überallhin und dadurch erst recht zu fesseln. Man schlägt das Auto, etwas betrunken, mit ihr völlig in Fetzen, im Abfahren ruft sie „Säufer, du Protz“, man steht eine halbe Stunde auf der Straße, beschließt, irgendwie anders nun von dieser Nacht ab zu leben, geht zu ihr, sagt ihr’s, und findet keinen Zug, keine Falte, die den Triumph bei ihr anzeigt. Es soll sogar, so vielfältig ist der Typ geschichtet, chinesische und negerische Jüdinnen geben. Man hat die Auswahl: runde, ovale, Suaheliköpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische Formung, überweiße Arme und sehr dunkle Haut, es ist von den klassischen Ragouts bis zu den bourbonischen Chateaubriands jede Nüance vertreten. Asien wird uns als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte Gold des Jericho und Euphrat, Schmutz und Begeisterung und Landstraße und Silberhimmel sind in ihrer Neigung zusammen, es betäubt und man ist immer wieder da zu Hause. Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt sich nicht mit den Suppen, man will endlich einmal über die Hors d’oevres hinaus, zu Forelle und Fleisch. Sei es auch à la tatare. Auch wird man Paprika, portugiesische Sardellen, Anchovis als Würze, persische Pflaumen, Pfirsich und Brüsseler Trauben als Früchte dazu haben. Man fährt auf solchen Gedanken wie auf Äroplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung. Ein ungemeines Potpourri von Erlesenheit der Speise ist zu den Kompotten geschichtet. Wer nach Blutstromwanderung, nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die wundervolle Yacht. Auf welcher Regatta es sei, führt der Liebhaber die palästinensische Göttin, großhüftig und braun, am Fock.“

„Dinieren Sie. Dinieren Sie,“ schrie der Engländer.

Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: „Ich vergaß die Gemüse Ihrer Insel, ich bin bestrebt, ihre Lendenstücke nicht außer acht zu lassen.“

Der Körper des Engländers schoß an ihm vorbei, Almqvist hatte die Frau mit dem rechten Arm an sich gezogen, hochgehoben, war dem Springenden ausgewichen.

In der Dämmerung lief er drei Sätze.

Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten. Eine kleine Segelyacht kreuzte gegen den Wind, legte sich leewärts an das Geländer, sie sprangen beide hinein.

Der Abendwind riß mit einer schaumigen Brise das Boot ins Graue. Am Geländer fiel der Engländer stumm um, hämmerte die Faust auf das Knie, tac . . tac. Ich sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich in der Verwirrung der anderen zurück.

Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten war eine Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstücke fielen dauernd über die Granitfelsen der Ostseite tief in die weich flutenden Fjorde. Ich saß stundenlang am Fenster, wartete, sah mählich die Nacht über den Silberglanz hingehen, die Düfte immer stärker auf der schweigenden Insel nach oben sich wölben, die Uhren fielen schwer und flaumig in die dichte Stille.

Um zwei Uhr kam Krassin.

Um zehn hatten sie den endlich ungestörten Boissant nach seiner Unterredung mit den türkischen und bulgarischen Subjekten abgefangen, betäubt, in einen hollunderzerwachsenen Felshafen getragen, in die kleine Segelyacht gesetzt. Krassin blieb zurück, öffnete, kopierte die Abmachung, ließ die Kopie zurück auf dem Holztisch Boissants, genau so verfertigt, gesiegelt, unterschrieben, wie das Original.

Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging mit ihm hinüber, las es, ging zu Bett, schlief ein.

Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis zum Morgen zwischen der Küste und der Insel, er hatte sogar die Möglichkeit, sich mit der Engländerin zu unterhalten, „Englishman?“ frug sie mißtrauisch, die Hand in Almqvists Genick.

„Allright.“

Sie setzte sich etwas höher, weil sie schräg lagen, sah ihm ins Gesicht. „By Jove,“ sie erschrak zu Tode über das Affengesicht.

„Hallo cap, hallo cap,“ murmelte der Franzose und stierte ins Wasser. Morgens setzten sie ihn lachend ans Land. Davidson erzählte ihm, als es ganz hell ward, man habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um Entschuldigung, indem sie ihn tatsächlich wider Willen beim Wenden am Land noch durch eine Ruderwelle bespritzten.

Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr, der Text der Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war als Fälschung stark schon in Verdacht, alles stellte sich im Arrangement natürlich auf Almqvist.

Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches, da schliefen, von der Sonne beleuchtet, tiefatmend zwei nackte Menschen. Almqvists Tür war verschlossen. Ich klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging zurück.

Ich kämpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das Papier, sah es an, legte es wieder beiseite. Das Papier war von einer Bedeutung, die weit über meine Verantwortung als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach gehetzt und gejagt.

Eine Abschrift war für den mißtrauischen Ludendorff nur Gelächter. Das Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie die Außenposten seiner Politik im Wind lagen, Konstantinopel nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren nach London sich spitzten. Ich hatte für das Schicksal der Monate das wichtigste Papier, hielt es in der Hand.

Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in mein Blut sich ein. Schicksale, Menschen, Entscheidungen wölbten sich aus ihm heraus, das Papier ging in die Zukunft. Mein Ehrgeiz öffnete die Akte der folgenden Wochen. Meine Handlung!

Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie kühl, entschlossen bin ich. Ich schwanke nicht, als es sich regt im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des Momentes schneidet alles ab, es geht weit über die Rücksicht auf einen Menschen.

Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht geben. So geht der Weg. Ich lege die Lippen aufeinander. Ich bin am Schluß.

Gegen Mittag sah ich plötzlich deutlich, daß ich nur von mir aus empfand und beschloß. Die Einstellung war zu klein. Ich schämte mich trotz dem Stolz, der mich füllte. Ich fand mich häßlich, wenig unterschieden von den Schweinen der Spionagezentrale.

Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem Blatt Papier. Triumph.

Ich überlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben wollte, oder aus Schicksalszug nicht glauben sollte, half dann das Original, war dann nicht hinfällig, klein und dünn der Streit zwischen Papier und Papier? Der Zweifel fraß mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch nicht um.

Aber ich verstand mit einem Male, daß gegen alle meine Klugheit und Entschlossenheit Mächte aufschossen, die eine andere tragische Macht als die helle Sicherheit meiner kleinen Pläne beherrschte, und wie weggeblasen und ausgespien diese oder jene Wendung mich machen konnte.

Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.

Dann ging ich hinüber, Almqvist das Original zu bringen.

Er war nicht mehr da.

Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger Priester. Ich habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar und das königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem Finger über die Tinte des Schreibens und trommelt amüsiert über die entzückend zugezogene Falle an seinen verbündeten Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das das Knie bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin geschmähten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl, in dem sein scharfer Vorstoß seltsam glitzert.

Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Händen und den Zwirnhandschuhen, der serviert, draußen, klopft er mir jedesmal auf den Arm, auch wenn er anders spricht. Ich sage: „Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl.“ Die Gläser stoßen an. Er macht mit Finger und Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief übergeben ist, wir lächeln. Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier, er fährt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat den Brief.

Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends, daß er von Pyjamas sprach und Bananen versteht und das die unanständigsten Folgen in der Geschichte hat, zerlegt die Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach Mokka und Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.

Ich habe es dreimal.

Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze am gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal. Der Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.

Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich nichts. Bis zur Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich über alles zu freuen. Vielleicht gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil ich so wenig in ihr bin.

Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch meine Wade hinaufführt. Ich nehme herzlich auf, wie schön ihr herrliches pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge ihr den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein bewundert, während ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche der Gabel aus, die sie nach meinem Handgelenk sticht. „Willst du Rolf sehen im Varieté, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse schreien, Musik, Siv, ich brächte dich gern zu Musik, du mußt mir das glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit dir zu Musik.“ Ich will ihr Gutes sagen, ich verwechsle alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was auf sie paßt.

Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen, daß es ihr gefällt, nun sage ich ihr lächelnd, daß wir vor Hofås mit äronautischen Karten gesegelt sind und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine aber, ich sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt, einer weißen Stute, versteht sich, eine: Siv.

Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge hinzu, in den Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schöner wie Siv?

Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.

Ich füge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche nicht die Unwahrheit: „Nein, ich sah keine sonst, nein, keine Frau habe ich gesehen, Siv . . . inte . . . inte . . . .“

Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir wohnen im dritten Stock. Siv ist halb entkleidet, in schönen plissierten Hosen und dünnem Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett und streckt die Beine nach der Straße hinaus. Es ist gar nicht dunkel, wir hören das weiche, flutende Wasser.

Manchmal erzähle ich Siv. Dann sage ich manchmal: „Mittags sprach Per Geyer vom Schnee im Lappland, Didring schenkte mir ein Messer von seiner Expedition. In Saltsjöbaden die bronzene Tür müßtest du sehen, Siv, die Heiligen sind verrückt geworden darauf, du würdest lachen. Im Schlafwagen fuhr ein Engländer mit mir, ein alter Herr mit guter Wäsche. Wir waren beide aufeinander auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Särö. Ich weiß ihren Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau, die ich traf. Deine Haare riechen, Siv.“

Ich schließe die Jalousie.

Mir ist, ich trüge die fremde und stille Welt, die ich in mir spüre, irgendwie über diese Nacht in mich hinein, als ich Siv hinüberhebe in die weißen, dämmernden Kissen. Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe alles vorüberrauschen, Tage und Wochen und Erinnerungen.

Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe auf. Ihre großen Beine glänzen. Sterne überall über Stockholm. Unaufhörlicher Mövenschrei auch die Nacht. Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Höre Kungsträdgården brausen.

Ich schließe die Augen: Ist Mälaren nicht blau, Himmel nicht erschüttert von noch süßerer Bläue, ist nicht Fanfare das Läuten vom Turm des Södermalm? Ihre Haare sind weißblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie trägt mein Körper noch auf Jahre das Glück des ihren beruhigt im Blut. Auch dies verliert man nicht.

Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis zum Boden, daß ich ihren Kopf noch einmal sehe, die Wimpern, daß ich sie noch einmal ganz sehe, wie sie daliegt auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schön gestaltet der Leib, daß der Schlag meiner Sehnsucht sie umwarf. Ich bewege mich lange vor ihr, ich kann mich schwer davon trennen, sie anzusehen.

Es ist Unsinn, ich habe dumm geträumt, daß sie an Werktagen Schuhe verkauft in der Nordisca Companiet, es ist eine Farce, eine Lüge gewesen, die ich betrieb, ein affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in Humlegården mir zum erstenmal winkte aus dem Break, ein gelber Handschuh mit schwarzen Schnüren. Ich weiß es genau noch, ich belüge mich sicher nicht mit diesem Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer von deinem Anblick.

„Ich liebe Ebba, Siv,“ sage ich plötzlich, „ich sage es nur, wenn du schläfst. Ich würde dich nie verlassen, Siv, nie ein Unrecht tun im Gedanken an dich. Du beglückst mich.

Jene ist Pein.

Ich weiß, Siv, ich besaß dich nie ganz, meine Freundin, auch in der tiefsten Umschlingung . . . wie keine Frau, die ich sehr geliebt, und bei denen das Unentwirrbare mich anzog und verstrickte. Darum liebe ich das Dasein, es gibt mir keine Grenze: Städte mit Wolken, Schiffe in Gefahr, Hauch der Obstbäume, die langen Chausseen, Jagd nach den Tieren, die unteilbare Wucht des erschütterten Himmels. Was willst du mehr, ich bin voll Sorge und Liebe für dich, Siv . . . lebe, Siv, daß Geliebtes dir fremd bleibt, du lebst dann gut . . .

Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schläfst nur, das ruft in der Nacht. Das preßt die Hände vor Zorn, das bringt zur Verzweiflung, man ringt lautlos die Hände. Das reißt tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein leiser Aufschrei, dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag. Ich habe sie nicht einmal umarmt. Nicht einmal dies Geringe.

Du bist schöner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise der Liebe wie vielen. Ich rede nicht laut von der Stimme, die kommt, die fordert. Aber sie kommt, Siv, sie kommt aus jedem Geräusch; dein Atem bringt sie, das Auto, das auf Engelbrechtsgatan stöhnt, der Mond, der Stockholm überfliegt, das silberne Tuten des Fischerhorns nahe Norrström . . . deine Haut selbst, die atmet — — — alles, besinnungslos dasselbe.

Schlafe weiter, Siv, höre nicht mein Aufstehn. Dank, Siv.“

Ich rede noch auf der Treppe, ich würde tagelang reden, wenn Siv so lange schliefe. Aber ich kann ihre wachen Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr gehabt. Ich habe sie zu sehr gehabt, Siv.

Schon bin ich Stunden entfernt. Östergötland . . . Småland mit Wäldern . . . Skåne voll Wasserduft und Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft war einmal, in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte oder als Ministerstochter auf rosanen Rädern durch die Parks gefahren, wie ist das eine so gleichgültig als das andere, aber wie ist alles gesammelt in einen Hauch, kaum Wort, kaum Bild, aber rührend und vollendet weggewandelt aus dem hellen Leib mit der stolzen Bewegung und unergründlicher Herrlichkeit und aus ihrer geheimnisvollen Blässe schon unbedingter dann hinübergewandelt und zum Bild dieser Stadt verwoben, verführerisch und bis zur letzten Sekunde im Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch am Meer jene unergründlichen Pas tanzend, die unvergeßlich betäuben.

Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straßen voll betrunkener Studenten. Ich drücke im Hotelzimmer gegen die Seitentür, sechs Koffer fallen um, ich lerne den kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett springt, er hat einen Kopf, poliert und oval wie ein Straußenei, die kleinen überlegenen Elefantenaugen unter der bedeutenden Stirn. Sein esthnischer Diener macht Tee, wir trinken ihn mit Himbeer.

Mir ist, als schwebe alles zart und gefügig wie in einem gläsernen Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemühe mich lange, mich zu entschuldigen um die Störung, um das Mißverständnis. Die selbstverständlichsten Dinge bedürfen eines Eingehens heute.

Ich ziehe mich langsam zurück.

Fahre in der Frühe nach Barsebäck.

 

Ich wohne Barsebäckby. Es liegt eine halbe Stunde im Land. Eine halbe Stunde vom Hafen Barsebäckham und dem Bad Barsebäcksaltsjöbaden. Ich wohne bei Jöns Holgerson.

Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden. Ich weiß nicht, warum ich mich hier verkrieche, nachdem meine größte Sehnsucht gelungen ist. Ich trete oft vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus der Tiefe und ich kann es kaum zurückwerfen, so tief und reif ist es. Ich fürchte mich vor mir.

Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme, ist wundervolle und ahnungshafte Flaute in mir. Ich weiß. nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut steigt. Ich sehe den Mond, die Sterne; die Sonne ist immer über mir.

Nachts kommt Jöns Holgerson, seine Frau ist krank. Ich ziehe ihre Ölhosen an, er hupft auf einem Bein vor Vergnügen und schlägt die Faust auf die flache Hand. Wir fahren in der Dunkelheit hinaus, überall paddeln die Ruder.

In der Dämmerung ist Jöns verstört, ich bemühe mich, ihn zu trösten wegen der Frau, allein er grübelt nicht um die Krankheit, sondern nur um den Grund. Jöns ist viel gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht über die Wurzeln der Ereignisse.

In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst, in Holland bei wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen, in Ungarn vom Liegen auf freiem Feld nachts. Er weiß dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen bürdet ihn schwer, er schüttelt den Kopf.

Wir ziehen alle aus allen Kräften hoch, stemmen uns nach rückwärts und winden die Garne auf.

Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die in den Netzen schlagen. Der stille abseitige Strand wird plötzlich in Licht getaucht, ein Horn tutet dreimal leis herüber.

Zelte von Käufern werden aufgeschlagen, die Stille wird verknüppelt mit Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern, dem Trott der mit Fischen abziehenden Wagen.

Am fünften Tage kommt von Barsebäcksaltsjöbaden der Bote herauf mit meiner Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr hin, der der Blitz in der Nacht die Zahlen 3 — 5 ausgeschlagen, in das saftige fette Riedgras.

Der Gesandte schreibt, daß der Kurier gedrahtet, Ludendorff habe gelacht trotz aller Beweise, der Balkan sei von ihm schon eingeschüchtert. Gut. Dies war umsonst.

Berührt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich fasse es gar nicht mehr. Die Jagd der letzten Wochen ist abgefallen von mir. Ich weiß, auf diese Weise kommen wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie, Überzeugungskünste, ein anderer Weg wird es sein, wir werden ihn gehen, auch ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen aus dieser Not, wir müssen uns finden, es ist nicht anders, die Welt kracht in Tragik und wir sind dumm und klein.

Gunnaris und Vehkamäki sind nach Finnland gefahren, schlagen nach Karelen via Moskau sich durch. In Finnland ist keine Hoffnung auf Freiheit mehr, seit und solang in Potsdam ein preußischer Prinz auf die singenden Vokale dieses Landes gedrillt wird.

Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle nicht daran nach dem Tag von Marstrand, sein eines Leben löste sich mit einer arithmetischen Präzision von dem andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber mit einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.

Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und ab und lese, daß man mich nicht ausweist, daß man mir aber ein Agrément verweigern wird in Zukunft, Schweden wird nicht mehr wünschen, daß ich einreise.

Das ist der Schluß.

Ich lächle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe aufs Meer. Das alles schlägt mich nicht, das macht mich nur fester.

Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter, der von Lund herübergekommen ist. Er fährt dann weiter nach Christiania durch die Schären. Ich winke ihm nach. Er ist ein strammer Bursche, angenehm und zuverlässig, ein guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.

Von Schloß Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederström hinter Bjerred her, wir singen mit den Mücken, liegen im Sand, trinken den ganzen Tag Meth, Kallskol, Punsch.

Er fährt acht Tage vor mir nach Deutschland, „fahren Sie wohl“, sage ich und drehe mich in die Bläue, ich drehe mich tief in die Bläue und vergesse zu singen, er stößt mir in die Rippen.

Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und eine Glatze und den Atem und die leuchtende Freudigkeit eines Gottes.

Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer der schlängelnden Welle nach. Den ganzen Morgen gehe ich am Meer, ich sehe es nicht groß, nicht stürmisch, ich liebe es nur.

Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe bis an das dunkle Dampfersignal. Ich starre auf den Grund, da hat das Meer sich Steine zurechtgeschliffen: Fasangold gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf Dunkelblau, Basalt mit einem weißen ovalen Ring, purpurviolett schraffiert, gekörnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung, Ocker und Safran mit Ziegelrot, Feuerstein, Schnee und Flamme, Hechtblau mit hellen Bändern.

Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das Meer sie sich wie die Muscheln gemacht, oval und handgroß. Nehme ich sie heraus, erlöschen sie. Ich lerne sehr bald, sie nicht zu berühren. Ich schaue sie nur durch das Wasser an, das mir manchmal fast bis zur Brust geht. Unter den Knien ist ein fabelhaftes Geglänz.

Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag manchmal, manchmal Abend. Wie liebe ich die Steine, wie beschäftige ich mich lange und heftig mit ihnen.

Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends zurück, während ich noch schaue; ich wandere immer weiter, der Leuchtturm funkt, dahinter fällt die Dämmerung herunter, es verliert sich jeder Umriß, man kann nicht einmal rufen, so allein ist es.

Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem Garten. Cuno Adelkranz legt Dämme an mit kleinen Weiden, setzt dann Berberitzen, Schlehen und Brombeer. Ich schaue lange zu, er führt den Spaten lässig und fest, seine Hand ist weniger braun wie die meine.

Die Bläue über dem Meer steigt immer höher und süßer. Ich fange an zu blasen; ich habe ein kleines Horn, das an beiden Enden geblasen wird, es ist der Kuckucksruf.

Auf einer Erle hinter Barsebäckham ist ein Storchnest, ich schleiche mich später langsam an, vom Meer am besten her, da glänzt der Baum wie ein Signal, wenn die Blätter sich drehen von der Brise und die zinnweißen Unterseiten wirbeln. Die Störchin sieht großmütig zu, wenn eine Wolke Sperlinge aus dem unteren Nestteil auffliegt, mir wirft sie Überreste herunter und schnattert bösartig, sie liebt mich nicht.

Ich fahre langsam wieder hinaus.

Jöns Holgerson erzählt, hier habe einer seiner Vorfahren einen fetten Abt vom Bauch erlöst, indem er ihn in Ketten legen und das Faultier mit Hammer und Esse arbeiten ließ. Es ist sehr lang, dieser Erzählung zu folgen, sie hatten einen Vertrag gemacht und es war unmöglich, diesen Holgerson zu strafen; aber sie straften ihn doch und das ergrimmt Holgerson, der es erzählt.

Am Abend ist Getös, weil Marye Eyllenkrok die Kühe dreimal gemolken hat, wie sie soll, aber die Schafe zweimal, statt einmal. Adelkranz hat Tabak im Mund und spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und brummt vor Wut.

Als er außer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: „Sakramentskade fan“. Sofort sinkt sie wieder zusammen, hört auf zu fluchen, steckt die Hand in den Mund vor Schreck.

Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu donnern, wirft einen Blumenstock herüber: „Jädrans . . . karibel . . . . . . förbannade djärne . . . .“

Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft vor Schreck so an den Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und ich, wir rauchen beide, ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich zünde an.

Wir wechseln kein Wort.

Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich Zeit, ich weiß nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewußt. Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem Tang, jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde Petersilien und Sternkraut und das Riedgras.

Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfüllte Sachen, ich erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten Sein.

Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.

An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn früher nie gekannt, ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stück an meinem Verständnis, ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite gelegt mit dem Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht von den Menschen wendet und es gegen sie verhüllt.

Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.

Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache sein Leben mir zu eigen, ich erlebe sein Leben:

Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag, ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren, obwohl das Fleisch sehr billig, allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie nicht verdienen, aber ich muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich habe sie nicht immer.

Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus im Mund und schreit: „Hast du ein Streichholz, John?“

Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an, ich weiß nicht, ob er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich weiß nichts von ihm, er ist schon vergessen, ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont schneiden.

Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer, fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues Feuer.

Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh, und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in die Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten grauen Steppen Strizzis und Kunden und Rowdys und Schiffsköche und Vagabunden und Abenteurer und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: „Y tu compagnero?“

Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf. Sie starren mich an: „Verrückt.“ Ich gehe weiter.

Ich liebe es so — — —

Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer, wie kenne ich ihn jetzt, keine Falte seiner Seele, die mir fremd ist. Träfe ich ihn wieder, ich könnte ihm alles sagen von ihm.

Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.

Fällt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich übersehe.

Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und Torf und Wasser und den Kräutern. Ich lerne die purpurne Steinhummel anlocken, spiele mit Eidechsen und Grillen.

Wenn die kleinen Zangenkäfer die Schnecken angreifen, laure ich stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem die Klebrige sich durch Rundung und Rundung in die letzte Spirale ihres Hauses zurückzieht, die wütende Attacke des Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe ihn die Zangen einbeißen in den Kalk des Gehäuses, ich sehe ihn ermatten und abtrollen. Ich sehe einmal, wie er in der Achse des Gehäuses eine Lädierung entdeckt, das Loch durch seine Zangen erweitert und die Nackte überrascht und zersäbelt.

Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut die Hasen sitzen, ich scheuche sie nicht, wir sehen uns an und bleiben, ich gehöre dazu, das ist kein Geheimnis, ich verstehe das um mich so gewaltig, ich erfahre es so seltsam, ich gehöre dazu.

Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden Wassern umringten Gütern hinlaufen, das mag eine Jagd sein, ich drehe mich herum, was kümmert es mich.

Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie sich öffnen, wie sie sich schließen, wann die Krabben ans Land kriechen, wann die Meerdrachen die giftigen Rückenflossen aus der Flut heben.

Ich weiß dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.

Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum erstenmal bei der Abreise nach Abo mich überfallen. Sie kommt jedesmal stärker, ich ertrage sie kaum mehr. Ich gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe alles genau so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich reise ab.

Ich gehe hinunter nach Barsebäcksaltsjöbaden, es ist keine Pause, kein Halt in mir, ich hätte noch acht Tage Zeit, Segelfahrten, o schöne spektrale Quallen in den Fjorden, wie gern hätte ich mich ihnen noch gewidmet, hätte Heringe gefangen, hätte mit den Steinen mich eingelassen.

Mein Paß ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit meiner Zufriedenheit, ich muß zum Balkan, sofort, ich weiß nicht warum.

Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er übertrifft die anderen, er ist aus Blau und Grün und Silber in einen Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin nach Barsebäcksaltsjöbaden, ich telephoniere von der Post mit Ernst Cederström, er ist bereit, es paßt gerade, er kommt am nächsten Morgen.

Wir lassen am nächsten Morgen den Aalkutter mit den Segelnetzen auftakeln, eine Kiste verstauen und fahren gegen den Wind, wir trinken draußen mit Adelkranz und Jöns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der weißesten Frühe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit läuten, sind wir schon tief im Gesang.

Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. „Es lebe Mannerheim, es lebe . . . der General Mannerheim,“ rufe ich, und Holgerson ruft mit, denn er kennt den Namen nicht.

Aber Adelkranz speit aus und Cederström kann sich nicht halten vor Lachen. Wir haben wenig Wind, aber trotzdem fällt Holgerson und zerreißt im Wasser Adelkranz’ Netz.

Wir kehren zurück und begrüßen aufgerichtet im Kutter die Küste, indem wir die Deckel der Bowlengefäße aneinanderschlagen, wir üben uns ein und kommen in einen schönen Takt.

Am Strand geben wir einer von Jöns Kühen Kallskol zu trinken und spannen sie vor einen kleinen Schiebewagen, hui, wie fahren wir durch Barsebäckby, Cederström liegt auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift und skandiert mit den Händen, und alle Kinder hinter uns her.

Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.

Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir haben auch unterwegs nicht nur trocken gelegen und gepfiffen, wir sind ein wenig verwirrt, aber ich suche es auszugleichen, Cederström will, nachdem wir ein Rondell umfahren haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren, durch das wir hereinkamen.

Ich pfeife einem Gärtner, und er nimmt die Kuh am Horn und führt uns an die Hintertreppe des Schlosses.

Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter, wir sprechen sehr viel, stehen mitten in der Halle und machen Sermons, wir betrachten die Bilder Cederströms, fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir sind nicht sehr gut auf den Füßen. Nicht, daß wir es spüren oder fürchten, es sähe jemand, das ist unmöglich, wir haben uns zu sehr in der Hand.

Wir kommen nur im Reden in immer größere Erregung, wir treten ans Fenster, da rückt von Bjerred her eine Equipage an. Wir sehen den kaukasischen Baron Uxkull und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.

Wir stehen auf der Terrasse und begrüßen sie, machen tiefe Verbeugungen, erschöpfen uns in Verbeugungen, die Diener machen sie wie Chinesen nach.

„God dag,“ rufe ich und schwenke den Hut, laufe in die Halle zurück, hole ein Schallrohr und rufe, während sie die große Freitreppe heraufsteigen: „Välkommen.“ Ich denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie in meinem Leben, ich lächle innerlich, ich weiß sehr gut, daß ich in Borgeby bin, aber wer weiß, vielleicht bin ich doch in Floda und grüße Ebbas Bräutigam, grüße ihn nochmals.

Cederström schlägt mir in den Rücken, sein Bart steilt sich vor Lachen im Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich schlage meinerseits dem Baron Uxkull auf die Schultern, „Sie haben einen Kopf wie ein Straußenei,“ sage ich ihm.

Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen im Kreis, er beginnt auf der Treppe zu erzählen, wir bleiben alle stehen, er erzählt, daß ein Kanarienvogel auf einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer Freundin über die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, täglich über einen Marmortisch im Flug zu schliddern, es war eine offensichtliche Verwechselung und am Schluß der Geschichte saß Uxkull nach Jahren das Vieh gelegentlich tot, es war nicht unamüsant, aber wir verbrachten eine Viertelstunde darüber auf der Treppe und bückten uns vor Vergnügen, und Cederströms Diener bückten sich mit.

Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen Stufen, ich weiß genau, daß ich in Borgeby bin, auch wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe ihr rasch entgegen, ich neige mich vor ihr:

„God dag, schöne Frau, glücklich Cederströms Gattin zu sein, ich grüße Sie ehrfurchtsvoll.“

„Välkommen i Borgeby.“

Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen: „Auf solchem Schloß zu wohnen, welches Glück, gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag des Bischofs, der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm, ließ er Erde erobern, soweit Hörner bliesen. Lagen nicht Dänen einmal davor, steckten Schwänze der Sperlinge an, setzten zwei Flügel in Brand . . . ,“ wir können nicht mehr lange das anhören, wir müssen unterbrechen, wir sind sehr hungrig geworden.

Ich führe die Herrin zum Eßsaal, riesengroß. Sie weist auf den Tisch in der Ecke.

Ich verbeuge mich, ich übersehe ihn, ich bin erstaunt und lächle: der beste Smörgåsbord in ganz Schweden: Frischer gebratener Aal, geräucherter Aal, fünf Büchsen Fische, verschieden gewürzt, Krabben, gebackene Wurst, Krebsschwänze in Mayonnaise, geräucherte Saucissons, Omelette mit Spinat in Terrine, Hummer, Bärenschinken, Ölsardinen, junge Krähen als Ragout, gebackene Klops, geräucherte Fische, Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate, kaltes Fleisch, Aquavit . . . , wir essen stehend, dann erst führe ich die Herrin zu Tisch.

Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederströms Nichte, wie ein Tautropfen zart, ich grüße sie.

Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden. Cederström hält vier Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet lange ein Märchen von Andersen herunter, ich unterbreche ihn nicht, es wäre nicht höflich, aber ich frage nachher, warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von Tapau.

Da spricht er wieder, und nun müssen Cederström und ich ihn unterbrechen, nun redet er von den abgeschnittenen Brüsten der Ehebrecherinnen und ich sehe Lilians Gesicht wie zersprungenes Glas.

„Sie müssen,“ sage ich, „Baron, Sie müssen Ihren esthnischen Diener, der uns im Hotel den Himbeer in den Tee goß, beauftragen, mir ein Tuch zum Schuhsack zu nähen, ich bringe es sonst nicht über die Grenze, es fällt mir ein unwillkürlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht daran, eine schöne Frau schenkte es mir in Bohuslän.“

Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und trinke Brüderschaft mit Cederström.

„Ja, ich will Brüderschaft mit dir trinken, Ernst Cederström, denn du liebst das Leben halb wie ein Held und halb wie ein Kind.“

Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken, wir halten immer längere Reden, die Fenster sind herrlich hoch in dem Rittersaal mit dem Cederströmschen Silber.

Lilian schwebt als ewiges Lächeln zwischen den kreuzenden Gläsern, wir sind bei Burgunder, wir hatten schon vieles vorher.

Der junge Mann aus Helsingborg fühlt, daß es an ihm ist, aus Schweigen und Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten: Musik.

Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederström träumt. Ich denke an Angermanland, mir fällt ein, ich liebe Lappland, ich möchte in Erdhütten den Winter verbringen, dalarnische Töchter bestaunen, den glühenden Mond, kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen, mir fällt sehr viel ein, ich denke nicht daran, daß ich nicht mehr erwünscht bin als Einreisender in Schweden, ich überschlage es rasch, warum daran denken.

Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden Seiten schaukelt der hohe Park mit den Fenstern der Halle, genau wie ich schaukle.

Chopin schwingt ab.

Eine Pause, ein Diener läuft.

Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung und flüstert uns zu. Die Saaltüren öffnen sich weit, die Pächter Cederströms erscheinen mit dem Pfarrer, schlanke Männer füllen die Säle, sie haben die blonden Haare aus dem Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzüge und ihre Frauen sind blond, anständig und adlig in der Haltung gleich ihrer Erde. Sie setzen sich rasch zu Zwanzig in die hohen gotischen Stühle der Halle an die Wände.

Das Konzert fährt fort, wieder spielt Musik in breiten Wogen.

Der Kupferschädel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich, tritt heran an den Spieler, sagt ihm den Dank, er hält uns für einen deutschen Zirkus und spricht mit dem Landsmann radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht, um ihn nicht zu kränken.

Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten und geben die Blumen dem Generalpächter, der Geburtstag hat.

Wieder Konzert.

Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer träumerischen Flamme. Jedes Fenster, jede Vase klingt sie aus sich mit. Selbst der Abend nimmt ihre Tönung.

Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe, schwedische Wandervögel rufen Cederströms Namen. Man tut sie in die Seitenflügel, man zeige ihnen später das Schloß.

Der Abend steht noch rotblaß mit der Pfirsichblüte unserer Etüde. Wir gehen die Treppe langsam und majestätisch hinunter in den Park.

Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem Abend.

Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht sein, sind Fackeln bereit?

Fest in Borgeby.

Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel tief vor blaustem Himmel, der kühl steht in klassischer Ruhe. Immer Geschwärme schreiender Raben in der Luft. Noch liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit klatschschönem Vieh in schwarz und weiß. Wir wandern auf und ab durch den Apfelgarten, wo manches noch blüht.

Ich bleibe zurück einmal, es war nicht viel, was mich anzog, es war ein Spruch, auf dem es schon mooste. Da stand über dem Rasen: „Du kalter Marmor, bewahre die Erinnerung an ein warmes Herz.“

Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer wieder in Borgebys jahrhundertalten Apfelgarten, die Stämme sind nicht sehr hoch, aber die Zweige haben ein Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulösen, das mich beschäftigt, immer dies auf und ein wenig ab und immer diese Ruhe.

Die Dämmerung schwebt durch die Eichen. „Zeigt den Wandervögeln das Schloß“, ruft Cederström von der Mauer. „Lilian, gib ihnen ein Schreiben mit für alle Schlösser bis Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen Abend heiter.“ Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des Tags glüht noch von ihren Wangen. Hurras auf Cederström bringen sie aus, dann schauen sie in die Höhe.

Lilian schüttet vom Turm Körbe Veilchen auf sie aus. Sie huldigen ihr schön.

Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich fühle den Sturm in mir wie Reinigung, „Skål“ rufe ich, „Cederström, wie frei ich atme, ich liebe die ozeanische Luft“.

Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig ersetzen.

Nun fällt der Tanz.

Lilian schwimmt madonnig geneigt in großen von ihrer Sanftheit erfüllten Bogen aus Arm in Arm. Wir legen den Rhythmus solch traumhaften Gleitens mitten durch die Ebene der Nacht.

Nun flackern alle Lichter, nun über dem Strahl der Päan, der Sturm am Klavier: nun tanzt Ernst Cederström allein, in lederner Ärmelweste, den Bart bis zum Magen, dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verführer . . . er macht eine große Wendung, er springt durch das Fenster, er grüßt herein aus dem Schatten, zwei Diener mit Kerzen springen durch das Fenster, wir folgen alle, wir jauchzen, der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter dem Arm im Sprung heruntergebracht.

Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden Cederström, sie gehen mit den Dienern, holen Wein herauf und Champagner aus dem Gewölbe.

Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spüre es plötzlich mit einem zärtlichen Schlagen des Blutes, wir gehen zur Kühlung durch die Boskette. Wind haust mit zornigen Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo hinter Windmühlen, die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf schweigend die Ostsee.

Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe, was sollen wir uns sagen, ich weiß, was Lilian denkt und ich sage in meinem Herzen, ohne daß sie es hört:

„Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so träumerisch. Ein Knabe ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner, aus dessen Körper Musik kommt. Meine siebenundzwanzig Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind schon viel zu schwer geworden für Ihre gläserne Sanftheit.“

Ich weiß nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz, der mich selig macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen, ich habe tüchtig getrunken, vielleicht ist auch mein Schmerz berauscht und liegt in Verzückung, ich steige alle Treppen bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger Lilian, damit er sie betanze, ich falle Cederström um den Hals und ziehe ihn in eine Nische, ich bin vertrauensselig und liebe ihn und renommiere.

Ich fange an, ihm von Siv zu erzählen:

„Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederström. Strandvägen, leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde des Stadion, die weiche Weißnacht, das granitne Meergebiß erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lächeln. Sähst du ihre Beine, Cederström, du würdest zittern wie ein Hund in deinem Saal. Sieh dir diese Kurve an, diese verdammte Kurve des Mondes an deinem Fenster. Nein, Cederström, sonst wollte ich dir nichts erzählen, dies ist alles, dir vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich peinigt.“

Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr in die Nische, nun unterbrechen wir den Tanz und machen eine neue Aufstellung. Wir stellen uns in einer langen Reihe auf, zuerst kommt Cederström.

Dann marschieren wir über die Terrasse, die Treppe, durch den Hof zu den Gebäuden des Generalpächters, es ist zwei Uhr nachts, die Generalpächterin hat um diese Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim Konzert am Mittag um einen Tisch.

Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zöpfen geben, sie ist meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein Herz schmerzt mich selig immer tiefer, man hat ein großes Mahl uns bereitet mit großen Zeremonien.

Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache meine Komplimente; es ist nicht richtig, daß ich ihr zutrinke, ich verstoße gegen die Sitte, aber ich zeige ihr mein Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.

Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie ist ein schönes, festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen Mann sehr geliebt, im Sommer, im Stroh, sie sagt es mir ohne Scham, als ich frage, ich tröste sie.

Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich hätte einmal versuchen wollen, eine Bremse in die europäische Politik zu legen, ich hätte sie fest in der Hand gehabt, dies alles sei eitel, sei schwärmerisch, es sei nicht soviel wert wie eine Rübe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versäumtes zurück.

Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: „Baron, Sie fallen von der Stange“, da tut er die Augen verwirrt auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich hämisch und laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.

Tücher liegen bis hinüber zum Schloß.

Polonäse.

Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederström. Kerzenschein umgibt uns durch den Park über den Hof. Tanz braust dann in der Halle noch einmal, unverlöschbar auf.

Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich höre einmal, es schlägt vier Uhr, aber es schlägt an mir vorbei und rollt weiter durch die Bäume, was gehen mich die Klänge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.

In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frühe kommt mit Gartenduft und Rosa aus den Büschen hoch in die Fenster, wir durchkurven nur winkend danach die flaumenweiche Morgenluft.

Plötzlich steht eine Säule im Zimmer, steife Gehaltenheit durchschlägt die Schleifen: Der Diener Cederströms.

Er meldet die Equipage.

Er hat blanke Knöpfe bis zum Fuß, den Zylinder in der Hand. Er meldet noch einmal die Equipage.

Das reißt uns wie an den Haaren, wir gehen ans Fenster, da scharren dampfende Pferde vor dem Portal. Es ist fünf Uhr des Morgens, ich vergleiche es mit meiner Uhr, wir haben keine Sekunde zu versäumen, wir steigen in den Wagen, die Koffer kommen langsam heran.

Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skåne im Morgen, dunkelgrüne Verlockung. Wir sitzen im Wagen, die Gäule scharren. Immer noch Krähenschlacht über den brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine Luft.

Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte, am Rand des Parks ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet, Abenteurer aus Finnland, die mit Nordwind zum Kaukasus fahren. Ich gebe Lilian die Hand:

„Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skåne, sie zischen um Borgeby“, sage ich. „Denken Sie daran, wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.“

Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich mich:

„Baron, heute fährt seit Jahren der erste Dampfer zwischen Stockholm und Petersburg, ich las es in Dagens Nyheter heute nacht, welches Leben, welches Leben, Baron.“

Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun ist die Ebene weit um uns getaut.

Flädje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.

Malmö, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.

Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar vor uns, wir sind noch recht betrunken, es legt sich langsam, während das Schiff schon fährt.

 

Wir werden langsam nüchtern auf dem Schiff. Das Schiff führt mitten in den Wind hinein, ich glaube, daß das uns kühlt.

Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Küste verblaßt immer mehr, ein Bogen von flimmerndem Licht liegt das Meer zwischen den beiden Küsten, der Horizont wölbt sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir stehen mit dem Schiff auf der obersten Wölbung wie ein Knauf.

Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf dem Kopf, ein Flieger surrt nach ihm, wir gehen frühstücken, wir sind sehr hungrig mit einem Mal, wir sind aber keineswegs müde, Cederström hat schwere Augen, es hat einen anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es ist das letztemal, man kann so rasch nicht enden.

Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem Verdeck, uns entgegen immer ein Ungar, katzenhaft um eine Frau.

Da schießen Hagelwolken herauf, der Frühling klatscht ins Wasser, wo ist unser früher Sommer mit einem Male? Es wird stürmisch und spritzt herauf bis zur Takelung.

In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve von Lilians Tanz und der Mondbewegung über Borgeby vorüber, man kann es nicht mehr aushalten, es ist zu kalt, es hagelt in Schloßen, die Wolken binden sich in die Schorne und beschießen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit Lilian und den Schwänen und dem skånischen Sommer? Wir laufen und frieren und halten das Gesicht in die Schloßen.

Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwärzer, Cederström bleibt zurück, er schaut wie ein Vieh und will in die Kajüte, ich halte ihn nicht, soll er ruhig schlafen oder speien, er kann tun, was er will.

Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich halte nie an, ich sehe die Kämme der Wogen an, sehe die Möven zurückschießen überall von dem Meer zu der schwedischen Küste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm. Ich sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde sich die schwarze Welle hebt, aufsteilt und in sich selbst die weiße Krone aufbricht, die sich heraufschmeißt.

Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein auf Verdeck, ich sehe oben nur manchmal das Auge des Kapitäns, es ist grau und ironisch.

Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden, ich rauche immerzu, ich fühle mich immer wohler, ich erinnere mich nicht, in den letzten Tagen so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem Schiffsdeck hin und her laufe und lavieren muß, daß mich das Schiff nicht abkippt.

Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel, sie ziehen einen Bündel hoch, er fliegt immer beiseite in dem Wind, wie er oben ist, entfaltet er sich mächtig, die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht knatternd.

In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen Rügens stehen vor uns, sie stehen so dicht und weiß, daß sie zuerst blenden; als ich die Augen wieder öffne, schreit jemand:

„Die Grenze.“

Ich lächle, die Überfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen, ein guter Mittag taucht mit Rügen auf, ich zünde eine Zigarette an, und lächle in mich hinein.

Plötzlich reißt es mich auf, ich zerfetze vor Schmerz, ich will die Hände irgendwohin pressen, ich weiß nicht wohin.

Da macht sich der Mund auf, weit.

Ich schreie.

Ich sehe in dem Schrei.

Ich liebe nicht Ebba, ich liebe nicht Siv. Die Grenze kommt näher, die Grenze lockt und schlingt. Ich suche Cederström, wo bist du, mein Bruder? Ich kann nichts mehr sehen, verhängnisvoller Irrtum mein Bruder Cederström, ich habe umsonst gelebt.

Ich bin elend, allein, ich halte mich an dem Geländer, meine Lippe hängt herunter, ich starre auf das Meer.

Aus dem Meer wächst immer das eine, ich kann es nicht ansehen, es tötet mich, ich reiße die Augen gierig trotzdem danach, ich kann ja nicht anders, o wie ich verblute.

Aus dem Meer wächst Särö, die Obstbäume schmettern das Blühen gegen den Basalt, zur Terrasse des Schlosses schreien von der Klippe Kinder: „Mur“. Die Frau erhebt sich, sie winkt, ich spüre jede Linie, ich rieche ihren Geruch, ich empfinde es jetzt erst, ich will etwas sagen, ich weiß ihren Vornamen nicht, immer noch nicht.

Meine Hände gleiten herunter, ich habe keine Macht mehr über den Körper. Ich laufe weg, ich suche Cederström. Ich finde die Kabine nicht, ich weiß gar nicht, wohin er sich zurückzog, ich gehe auf Verdeck hin und her, immer allein, niemand geht sonst auf dem Verdeck, ich rede immerzu. Ich sehe das Meer nicht, was soll ich das Meer beschauen?

Ich sehe die geschorene Steppe, ich sehe Engländer, die Golf spielen, es gibt keine andere Welt, in der ich lebe. In Segelyachten liegen weißgekleidete Männer, das Blau der Nordsee wiegt die weiße stählerne Melodie der Blüten.

„Ich will nicht wissen, daß Ihre Bürger Elende sind wie alle, schöne Frau,“ sage ich lächelnd, jetzt verstehe ich erst meine Stimme, jetzt kommt es mit einem großen Durchbruch aus der Tiefe, wie woge ich, wie bin ich mächtig und wundervoll gespannt, aber wie elend geschieht mir, was habe ich von dem allem, die Grenze liegt vor mir, die Tatze ist schon gegen meine Stirn gebeugt.

Ich Armer, wie war ich geblendet, wie war ich geschlagen.

Wie liebte ich diese Frau und wußte es nicht.

Die Grenze rückt näher, ich kann mich nicht bewegen, am Reeling steht ganz unten am Heck Cederström. Ich bin ganz schwach, ich kann mich nicht bewegen, ich schaue nur immer hin, ob er mich höre, ich stammele: keine Hilfe von dir, mein Bruder?, nimm meinen Paß, Cederström, laß mir den deinen, laß mir die Rückkehr.

Ich muß nach Bohuslän, ich kann dir nicht sagen, warum dies so plötzlich, es geht um mein Leben.

Du kommst mit meinem Paß auch nach Deutschland, du bekommst einen anderen auf Eurer Gesandtschaft, aber ich, aber ich komme so zurück nach Schweden, hör mich, mein Bruder, o Gott, du kannst mich nicht verstehn.

Ich hatte Siv, Cederström, ich sagte es dir heute nacht, ich liebte Ebba, welche Masken machte mein Herz, um sich zu verbergen, wie durchschaue ich alles, es ist zu spät. Ich hatte noch eine Frau, ich hätte es nie gesagt, ich sage es in der Verzweiflung, ich schmerze dich damit, Cederström, ich bin heute ehrlich wie nie, ich will sie nicht nennen, dies alles ist nichts, ist ohne Bedeutung, aber dies alles hat mich zugedeckt, ich kannte mich nicht.

Ich kam lächelnd nach Särö, mein Bruder, ich saß einen Tag vor dem marmornen Lächeln, ich sah nicht die Tragik, und jetzt kommt sie aus mir gebrochen, nun kommt sie wie ein Tiger, nun schlägt sie mich entzwei.

O, du kannst sagen, du kannst fragen, was du willst, Ernst Cederström, die tödlichen Grüße beim Abschied in Särö, ich sah sie nicht, es ist zu spät jetzt.

Aber, wie habe ich diese Frau geliebt und habe es nicht gewußt . . . . . .

Ich gehe allein auf dem Verdeck, ich sehe Cederström nicht mehr, vielleicht hat er nie am Geländer gestanden, wie kann ich das jetzt unterscheiden, es schiebt sich zuviel ineinander.

Die Sonne fängt an zu scheinen. Ich gehe immer, auf ab, auf ab. Die Sonne brennt, da ist wieder Sommer und Silber, das Meer beginnt zu riechen.

Ich ringe die Hände.

Es kommen Passagiere. Die Grenze rückt näher, ich bin am Zerspringen, im Hals ist eine Starre, hätte ich nur wenigstens Atem.

Die Adern der Augen tun mir so weh, daß ich zu weinen beginne, ohne daß ich es will.

Da kommt eine Ruhe mit einem Mal, was ist es, was mich so klar macht, ich schaue mich um, ich sehe nur neugierige Gesichter, ich schere mich gar nicht darum, ich schwebe, ich bin so selig, ich weiß nicht, warum.

Nun hat es sich entschieden. Die Frucht ist gefallen.

Das andere Gesicht ist herausgetreten aus der Tiefe, es beängstigt mich nicht mehr, es hat sich frei gemacht, ich habe keinen Spiegel, ich kann es nicht sehen, aber ich weiß es, ich fühle es, es ist da.

Das andere Gesicht wird verschwinden, das helle, das mich zu Ehrgeiz trieb, zu Erfolg gepeitscht hat, es wird verschwinden, es wird das neue nicht mehr besiegen, eine Schlacht ist geschlagen, es hat gesiegt in mir, aber ich, mein Himmel, aber ich bin kaput.

Doch bin ich fröhlich, es ist nichts da, was mich verwirrt, ich bin nun eins seit Wochen zum ersten Male, ich bin eins (aber schaut nicht auf das, was blieb).

Wenn ich nach Menschen jagte, nach Handlungen heiß griff, immer war mir, ich möchte lieber rücklings in Wiesen liegen gleichzeitig und Wolken wandern sehen mit ihren schönen fliegenden Schatten. Ich spüre das genau, ich habe das immer empfunden, in jedem Tag der Geschäfte, im Traum, im Schlaf.

Das wird mich nun nicht mehr zerteilen, ich werde nicht mehr mit mir im Streit sein, aber mußte ich es so bezahlen, ist es zuviel nicht, was mich das kostet?

Ich habe eine Schlacht in mir gewonnen, aber was habe ich geopfert? Ich habe mich selbst zur Strecke gebracht. Ich sehe mich um.

Wie bitter ist mir unter den Menschen.

Sie schauen mich alle an. Bin ich verwandelt? Ich recke die Schultern zurecht, ich streiche die locker gewordenen Haare nach hinten zurecht, ich setze das Bein, daß die Hose gut gekantet darum schwingt.

Ich lächle vor mich hin, ich bin wirklich nicht verwandelt, ich verlor nur ein wenig die Balance, es sollte auch das nicht sein.

Ich lächle vor mich hin, ich werde in keine Wüste gehen, ich habe mich nicht verändert, ich fahre mit Aufträgen zum Balkan, ich führe sie aus. Ich werde mich keinen Folgerungen entziehen, meine Wege waren gut, die Ziele verständig, nur meine Einstellung, nur mein Herz war falsch gerichtet, das konnte ich nicht wissen, ich konnte es nicht ändern, das änderte sich gar sehr von selbst.

Ich liebte die Schwierigkeiten wohl, o wie fliegt mein Leben vorüber, wie leer, wie rasch ist das abgewickelt, worum ich mich so sehr bemüht, ich liebte Gefahren, war anständig, auch ohne mich innerlich darum zu mühen.

Wie sehr bin ich gedemütigt. Wie eitel und gering stürzt das meiste von früher.

Wie deutlich sehe ich in dem Schmerz, der mir nichts verdüstert, der alles wundervoll erhellt. Wie weniges hat heute mehr Macht über mich.

Bojen schellen, die Schorne pfeifen, die Kreidefelsen sind zum Greifen, da werde ich noch einmal schwach.

Ich sehe Cederström nun deutlich, er ist es wahrhaftig, ich gehe zuerst langsam, dann stürze ich auf ihn zu, ich falle auf die Knie am Verdeck vor allen Passagieren:

„Dein Paß, Cederström, Dein Paß, mein Bruder.“

Ich sehe auf, mein Bruder Cederström wankt, ich sehe sein Auge, er ist betrunken, er erkennt mich kaum. Ich lächle wieder. So soll es sein.

Ich gehe ruhig weiter, es war ein Ausgleiten, kann man denken, ein Mißfall war es. Ich werde nicht mehr schwach sein, ich bin ganz sicher nur auf der Orangenschale ausgeglitscht.

Ich werde die Frau nicht mehr sehen. Ich nehme es auf mich, wer sieht es mir an?

Ich zahle alles damit ab.

Ich büße jeden Tau, der mich in Barsebäck erfreute. Ich büße die Vögel, die mir eine Lust sind zu hören. Ich büße meine graden Glieder. Und daß, wenn Menschen in meiner Macht waren, ich meistens sauber und verantwortungsvoll war. Ich büße alle Tage mit Frauen und meine schönen Jugendjahre. Auch daß ich gläubig bin im Grunde und ungern unrecht tat. Ich büße mich selbst, wer kann es mir wehren, ich zahle das Schicksal, es nahm sich gutes Honorar.

Es gibt so viele Dinge noch, auch die schlechten, wenn ich mich besinne, die ich zahle, es gibt so vieles, was ich alles büßen kann.

O Gott, wie vieles muß ich heute über mich denken, ich bin es nicht gewohnt, ein Stein ist in mich gefallen, ich kann es kaum ertragen, was sich anschwemmt an den Ufern. Ich fasse an die Schläfe, ich ertrage es kaum.

Ich schüttle Cederström, führe ihn bis ans Heck, setze ihn neben mich auf die Bank und halte ihn gerade. Ich schreie ihm ins Ohr:

„Habe ich keine Zähne mehr, Hochstapler, haarlos, kein Geld, keine Frauen, verrecke irgendwo, o wie denke ich, glaub mir, verdammt, wie denke ich: waren diese Tage blau, Borgeby hatte viel Sturm, Bjerred ein gelbes Segel im Mittag drin, Sivs Schultern, welch hinreißend schöner Gedanke in solcher Aufmachung gedacht, lache nicht, Cederström: die Pomade ihres Haares.

Wenn ich sterbe aber, Cederström, gibt es nur einen Gedanken von heut ab: wie habe ich diese Frau geliebt und wußte es nicht.“

Ich sehe hinaus auf das Meer, wie glatt, wie zahm. Ich kann Cederström nicht halten, er hat verglaste Augen, er ist betrunken wie ein Norweger, er stammelt: „Pomade“; er hat mich nicht verstanden, es soll so sein.

Ich lasse ihn fallen, er fällt auf die Rolle, er schlägt sich den Kopf auf, ich kann es nicht ändern, ich schaue immer nach dem Meer.

Ich fange aber plötzlich an, atemlos zu laufen.

Der Kapitän kommandiert laut auf seinem Steg, Matrosen huschen barfuß mit Seilen und Tauen. Die Pfähle starren schwarz aus dem Wasser, wir haben Gegendampf und drehen uns.

Ich unterscheide im Laufen jedermann am Land, selbst den österreichischen Offizier erkenne ich mit dem schiefen Cäppi. Ich höre die Fahne über mir knattern im Gegenwind. Nun tuten alle Hörner, die Ventile öffnen sich, das Schiff knirscht und stöhnt.

Ich komme über Verdeck gelaufen, schleudre die Passagiere beiseite. Ich sehe Cederström fest wie einen Schlafwandler auf den Ausgang zugehen, renne vorbei.

Ich erreiche die Koffer, ich erkenne meine Zeichen. Ich schließe den gelben Koffer auf, reiße die Sachen auseinander, erwische einen Schuhsack, Baron Uxkulls Diener hat ihn gut gepackt, der Schuh fällt heraus, ich achte es nicht. Ich schließe zu, ich hebe mich schwerfällig am Geländer.

Ich habe ein buntes vielfarbenes Tuch in der Hand, ich reiße die Nähte auf, ich hebe mich breit in der Höhe, ich winke zweimal mit frischen Rufen, immer in die Luft.

Dann führe ich das Tuch über mein Gesicht, mein Gesicht formt sich hinein. Mein Herz klopft mir aus dem Tuch in mein Gesicht.

Ich drehe mich langsam ab von der schwedischen Küste.

Frauen

Man stirbt nicht vor Trauer. Man hat das Meer zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und peinigen. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Küste verödet. Man hat die Nebel zwischen sich und den Leidenschaften, das ist Einsamkeit.

Man leidet an den stumpfen bleiernen Gurten, die das Meer gegen den Himmel spannt, mit unaufhörlicher glücklicher Monotonie. Die Dunkelheit des Herbstes hat sich gepaart mit den Gedanken, die die Ruhe durchdringen und in den Wolken ausbluten, wenn der Abend sie entflammt. Die Sicherheit, jenseits der Eitelkeit, der Siege, Wunden, Triumphe, all des Geschichteten, Reibenden, all der Unrast der Menschen, verfallen zu sein einer Traurigkeit, die man grundlos erleidet, aber die man liebt, das hat einen unbeschreiblichen Glanz der Melancholie entfacht.

Da gehen perlmutten graue Nebel und ballen sich starrauf vor den Mond wie eine Armee. Das Meer blinkt ausgetrocknet, metallen und hart. Die Dünen haben den Atem der Traurigkeit aufgenommen und tragen sie mit dem Reichtum einer dunklen Melodie davon. Das ist, wie man lebt, den Kopf in den Händen.

Da sprengt Kerstin quer durch einen Traum auf ihrem weißen Grey Lad. Man birgt die Augen in der Einsamkeit. Man kapituliert nicht in der schmerzlich dampfenden Landschaft vor dem nackten Blitz. Das hohle Schweigen des Windes hat die Erscheinung an den silberstarren Horizont getrieben. Die Nacht hat sich mit einem verhaltenen Ton dunkel ausgebreitet, die Ruhe hat sich an das Fenster geschmiegt. Das herbstliche Klirren der Brandung dämpft das erlöschende Fieber: fort von den Leidenschaften, die leer machen und verzehren.

Da tritt Kerstin aus dem Geruch des Bodens, ihr Bild steigt über die schrägen Gläser der Türen und, hinaustretend, überfällt ihr Wesen einem, wie ein Nebel durchdringt sie das Blut, unerschöpflich. Es saugt einem voll, grenzenlos, wie einen Schwamm voll ihrer Gegenwart. Das Meer ist blaß geworden. Die Dünen zittern flötenhaft erregt: man geht von neuem aus der Einsamkeit hinaus.

Man läßt den Tiefsinn zurück. Tage, Stunden, Wochen, fallen ab gegen den kristallenen Himmel, die in Traurigkeit sich tief erfüllten. Was war es?: Glück.

Man hat das Meer nun nicht mehr zum Anstarrn. Doch man stirbt nicht vor Trauer. Man stirbt auch nicht vor Freude.

Aber Kerstin zu sehen nur, welch schöne und bittere Verführung!

 

In Schwetzingen fand ich ihre Spur. Den Sommer war sie in Schachen. Die schweizerischen Berge kamen am Abend mit Lichtern über den Bodensee geflogen. Sie hatte gegen den Herbst in Bocklet gewohnt, das wies in seiner Verborgenheit auf Männer um sie. Die Barockfiguren des alten Parks begannen lang und zärtlich mir nachzuschreiten, als ich im Wagen nach Kissingen hinüberfuhr. In Bamberg sah ich durch jedes Mittelalter sie kommen, von den Portalen und Kirchen herunter sich neigen. In einem Landhaus bei Bayreuth kreuzte ihr Name sich mit dem eines Mannes. Obwohl unsere Leben sich voneinander gelöst und entfernt voneinander trieben, traf es mein Herz mitten auf die Brust.

Ich quälte mich weiter. Von nun ab gingen die beiden Spuren zusammen, ihre Gestalt zog immer tiefer in den Ausdruck des Mannes hinein, der ihr Leben teilte. Ich begann zu leiden. Zurück? Wozu in die Traurigkeiten, die verbittern mit Einsamkeit?

Ich beginne im Gegenteil zu leben an dem Widerstand, mich zu entzünden mit einer melancholischen unerregten Leidenschaft, die nur sehen will und überschauen kann. Man stirbt auch nicht aus Leidenschaft.

Ich habe die Tagbezeichnungen vergessen, werktags abends kam ich ins Gebirge, fuhr an das Schloß, sie war verreist für eine Tour. Man erwartete sie. In der Dämmerung ließ ich lenken und besuchte Lil Pax. Ich ließ den Schlitten angespannt, denn sie war im Begriff in ein Sporting-House zu fahren, die Glocken schellten.

Lil Pax fuhr in meinem Wagen. Der Tod hatte Quartier in ihr aufgeschlagen. Die überschöne Schlankheit der Hände und das fiebrige Feuer der großen ruhelosen Augen schienen den Knabenkörper mehr in den Ruf des Erlöschens zu ziehen als in das Muskelgekrach.

Als wir eintraten, ging der schwarze Boxer Bambula oben an den Ring und nickte uns zu. Man massierte ihn darauf, der auf den Seilen lag, und führte ihm Luft zu, während der Saal in Erwartung der Schläge ächzte. Während der Time-Keeper schellte, der Unparteiische pfiff, Bambula sich aufblies, der kleine Ukrainer mit Ballettschritten ihn angriff, der Neger ihn Uper Cut nahm und niederhieb, sah ich dahinter das Meer, aufgebäumt. Grey Lad preschte davor mit Kerstin.

Das zweite Matsch erst brachte den Saal in Verwirrung. Aber während Frauen auf den Stühlen dem Neger zuschrien, die Männer wüteten, Bauernburschen die Tirolerhüte schwangen, Bambula gleich einer Schnake den Gegner Clinch nahm, lachend Sawate erhielt und mit grandiosem Bak Spring ihn in die Herzgrube erledigte, war ich schon tief ergriffen von der Kühle der Frau neben mir.

Lil Pax war unerregt geblieben. Wir fuhren im Galopp über die Felder zurück. Mit erschreckender Deutlichkeit kam ihr Wesen aus der schwülen Ekstase des Saales mit einer überlegenen Deutlichkeit und einem gewissen hochmütigen Lächeln auf mich zu. Sie hatte die geheimnisvollen Beziehungen des Verzichtes früher als alle durchstoßen und von der in ihr reisenden Nähe des Todes eine Ironie um den Mund erhalten, der sie allem entfernte, obwohl sie nichts floh.

Das Verzückte war hinter ihr in schwärmerischen Bögen abgeschnitten. Sie hatte jene Größe, die sich nicht entschied und weder das Gesicht weg von dem Dasein wandte und es verfluchte, noch in Betäubung stürzte. Sondern sie ließ, allem hingegeben und allem entfernt, das Dasein, geliebt und unbegehrt, vorüberfließen, während ihr Mund in schmerzhafter Blässe nicht zuckte. Welches Blut lag dahinter abgedämpft, wenn sie gütig nickte! Welcher Sprung, im Haß, federte und ward nicht getan!

Ich neige mich über ihre Hand.

Sie erkrankt, heftiger. Ich werde nicht reisen. Ich richte mein Gesicht nach dieser Frau. Sie beginnt ihren schicksalhaften Zug, tief und weit entfernt, über mein Zugewandtsein.

Ihr Leben beginnt über meinen Horizont zu laufen, ruhig und gütig, ohne deutliche Spur, eine Sonne von Westen her immer der gelben und roten Sonne entgegen, dunkler und unsichtbar, aber im selben Kreislauf.

Damit ist mein Leben eingezeichnet.

Was folgt an Dingen, die Blut, Tag, Rausch bestimmten, ist anders, diesem Abgewandtes, vielleicht nicht wenig, aber nicht dies. Welche Bedeutung es hat in meinem Dasein: ob diese Frau das Entscheidende ob das andere, wer durchschaut das Schicksal? Vielleicht weiß ich es, wenn mein Blut langsam rinnt und meine blonden Haare so hell geworden sind, daß das Urteil bis an die Grausamkeit vordringt. Wer kennt sein Herz? Man muß sich unterwerfen. Stolz ist ein Spielzeug. Bebauen wir unseren Garten. Man lebt sich schon hinein in sein Schicksal.

Ich habe die Fahrt nach Kerstin angetreten. Da liegt nun das Leben zum Anstarrn. Der Kreis öffnet sich. Da sind nun die Tage, Wochen, die Leidenschaften, die hineinreißen in ihren Bann und entzünden und verzehren. Haben sie mich erreicht einmal, schwinge ich sie schwärmerisch wie Vögel auf. Ich bin dabei. Das ist eine Freude. Hallo. Ich lebe in Begeisterung. Welche Woche!

Habe ich in dieser Woche nicht zwischen blaugespannten Bergzügen Venus und Jupiter in bengalischer Konstellation gesehen? In die flamingone Abendröte den Hausberg aufgereckt wie die Begehrlichkeit einer wilden Sau? Ist die Natur nicht mit Lawinen und sausenden Gletschern aufgezuckt mit meiner Bewegung? Hat eine sizilianische Frau nicht unter den Kronleuchtern ihre Rasse aufgezaubert? Habe ich nicht das Blut der silberblonden Ritterstad auf der Lippe gespürt, der eine Katze die Schneehaut aufgerissen? Haben die seidenen Fahnen, als wir im Bob passierten, sich nicht gegen den Wind alle huldigend auf diese schöne Frau mit dem lachsfarbnen Mund gerichtet? Schossen wir nicht aus dem Nickelglanz des Starts herunter auf dem Bauch im Rodel, durch die Kurven auf den Hüften hinunter uns wiegend wie im Liebesspiel?

Welche Woche, Lil Pax, während Sie lagen! prall, festgefüllt, aufgestäubt. Wie bunt. Doch was ist es am Ende?

Es bewegte sich nur. Aber . . . . alles Getane, alles Erlebte kreiste um Sie, Lil Pax. Das ist nunmehr von allem die Richtung.

Ich sehe Margit, Ihren Liebling. Aber ich erblicke sie nur in der Verbundenheit auf Ihr Wesen hin, gleichwie mit der unentziehbaren Bewegung der Sonnenblumen, die dem Gestirn mit ihren Mähnen folgen. Es gibt keine Frage darüber. Das ist Bestimmung.

Ich sehe Margit. Ihr Hund heißt Lorm. Ihr Lied „O Dolly.“ Ihr Herz ist voll von schönen Schauspielern, von Coquelin, Cyrano, Rolla, von melancholischen Pianisten, im Lyon reitenden schwarzgeschnürten Offizieren, von Pré-Catlan, von Speisen bei Spiegeln mit Kerzen, von Bootfahren am Abend, von Lido, von Sand und Hitze, von einem Mann mit Namen Claessens, von irgendeinem schönen Capitaine Ettore Cosomati, von einem kriegerischen Colonel Ugolino, von Melonen, Zirkus, Schokolade mit Zitronen.

Ich fahre mit Margit, während Sie krank liegen, zwei Tage südlich. Ich kaufe ihr gelbe Calvils, ich zeige ihr Innsbruck. Ich trinke mit ihr den serbischen Slivovicza. Ich teile mit ihr den Abend, der mit den schon südlichen Springbrunnen verzaubert, und die Honigdämmerung unter den Schneebögen der Hügel und die lauen Schatten der Madonnenlauben unter dem Golddach. Ich lasse sie Preise verteilen in der Franziskanerkirche an die Statuen, sie teilt es dem provenzalischen König zu, dessen Erzbrust hundert Amouretten überspielen, der den Visierschnabel frech, gigantisch, der Unerschütterliche, Gott ins milde Zinnoberlicht seines Auges hinaufhebt. Es ist ein rotseidenes Strumpfband, was sie als Preis austeilt, und gibt ihm ein glückliches Aussehn.

Ich jage sie durch die Begeisterung bis in die Müdigkeit. Nun laufen die Berge der Bahn wieder bei unserer Rückfahrt entgegen. Ich sehe sie an gegenüber, wie sie schläft. Mit zerfleischten Rücken sinken die Berge in schwarze Seide. Flammend mit Stierblut kreist der Geier des Gestirns noch einmal über die Grate.

Sie träumt von Pesaro, von einem Teich und ihrem Lackhut als Kind. Ein Röntgenologe versichert, sie habe das kleinste Herz. Bäte ich nur, sie vermachte es mir. Es stünde auf meinem Tisch, kleiner als die Zunge des Gordon-Setter. Sie wacht plötzlich auf, hinein in Begeisterung. Ich spüre ihren Atem, sehe sie herübergleiten. Ein schönes Geschenk der Stunde. Ich versage sie mir ohne Bemühung. Warum?

Ihr Dasein ist zu nah und zu dicht auf das Ihre gerichtet, Lil Pax. Sie ist nur etwas wie eine zärtliche sekundenlange Laune, die Sie verloren. Die Bewegung dieses Mädchens umkreist Sie zu nahe. Was ist ihre Hüfte gegen das Maßlose Ihres Todes.

 

Das Dasein hat zwei Seiten für mich nunmehr. Von einer brennt es hell, das sind die Leidenschaften, die erheben, und die Genüsse, die man erobert. Ich erhebe mich und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis. Ich ziehe das Dasein herein aus seinem äußersten Kreis. Ich warte noch immer auf Kerstin.

Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames Schicksal bindet. Man schließt die Augen. Man soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber, Liebe, kein Lächeln auch nur vergeht, ohne daß seine Deutung sich bezieht auf Sie, irgendwie.

Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war, die Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in St. Sulpice lag, spie er dem Präsidenten der Republik, der das Monstrum des großen Apachen beschaute, ein Stück Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: „Mon corps est foutu . . . . hé . . . . non pas mon orgueil.“ In der Stille seines Gesichts lag unterdrückt derselbe Claironklang, der hinter Ihrem Leben gellt.

Auch liegt dieselbe Kühnheit der Ideen an der Kurve Ihrer Nase wie bei ihm eingezeichnet, und daran weiß ich ebenso, wie an der übergroßen Lässigkeit Ihrer Hände, welch ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfüllt im Grunde.

Hätte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben und Sie hingeführt zu der Harmonie Ihres Geistes mit jener Güte und Milde, . . . . Sie hätten auf der anderen Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:

Wären unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in Aulen gewandert. Hätten die pompejanische Seeschlacht geleitet am Bug. Man hätte zwischen Karlisten und Rosenroten auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte gesehen. Sie hätten Päpste mit der glatten Stirn beunruhigt. Als Kreuzzugfanatische hätte ein Pferd über Singenden Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im Reifrock hätte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen. Schwertscharf wären Sie vor Ihren Leuten unter die Elephantenbäuche gerannt, makkabäische Königin. Ihr Haß hätte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.

Am Ende erst, vielleicht, aussätzig, alternd, verlassen, einen Dolch im Rücken, wären Sie der liebenden Größe nahgekommen, mit der Sie heut überschauen, was sich heranwälzt auf dem Schicksal.

O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil Pax, an den Tapetenmustern von Davos und Arosa jede Zuckung Ihres zurückgeworfenen Blutes nachgewandert mit den gepflegten Nägeln:

Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als Märtyrin, sich verschenkend, Weg geebnet, standen hinter den Getto-Feiglingen als Peitsche, gingen unter Spaniolen steil, die Stolze, hatten Hochmut, Verachtung. Ach und schwangen in der Inbrunst der Fiebernächte, Steine, Schmuck, Lächeln um den Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften hinein bis an den bittersten Ehrgeiz.

Jeden Morgen aber waren Sie zurückgeworfen in den Körper, der, verseucht, aus allem vertrieb. Sie haben mit einer übermenschlichen Bewegung der Seele langsam gut gelächelt mit dem Partner Tod.

Dies Lächeln ist die Lebensrichtung geworden für den, der Ihr Dasein streift. Man stürbe gern für Sie. Was an Versagtem in das Gefäß Ihres Körpers zurückfiel, geht in zarter Helle und Herrschaft des Geistes wieder von Ihnen aus.

Selbst wie Sie den wilden Regenbögen, die über den Hausberg flattern, nachsehn, ist eine Leidenschaft, die Sie den Nächten abgerungen. Süß muß der Tod sein, der im Nahen schon so schön verwandelt.

Aber zum Erbleichen furchtbar der Abstand zwischen dem Ziel, dem feurig Ihre Bestimmung einstmals ehrgeizig zugeflogen, und dem Ausdruck, mit dem Sie nun entsagend lächeln.

In der Mitte das Leid. Aber welch ein Ausgleich! Als Sie der Bonne Ihre Tibetgarnitur schenkten, war es dasselbe, als wenn Sie, ohne dies Schicksal, auf der anderen Seite des Schweifens, Kunstreiterin, dem englischen Geschäftsträger Vitriol aus dem Sattel in die Loge aufs Gesicht geschleudert. Ihr unterdrückter Husten bei dem Besuch des alten russischen Admirals gleicht aus, was Sie an Triumph, Tänzerin, auf die Spitze des bolognesischen Balletts unter Blumenwürfen gehoben. Der Charme der Teestunde, der an Ihren Geist anbindet, wäre nichts andres gewesen, als daß Sie, Dompteuse, das Panthermaul schlössen, mit der Pistole einen etruskischen Dörfler getötet. Entgleiste Lokomotiven, fliehende Ballone, aufbrennende Opern haben den Anlaß, aus Ihrem anderen verhinderten Leben zu springen, wenn Sie mit gleicher Milde, als sähen Sie die sieben Freuden Mariä, in den Schlaf Ihrer Müdigkeit hinübergleiten.

Aber, was an Macht über Menschen in Ihnen ruht, wie wenigen der Epoche, was an Zauber Ihrem Körper, an hingebender Grazie Ihrem Hirn, an unaussprechlicher Süßigkeit Ihrem Geist gegeben ist und allsamt Sie in eine Bedeutung erhöht hat, deren Überlegenheit Sie am deutlichsten spüren . . . ich weiß, Sie gäben es mit eisigem Gesicht, stellten es beiseite mit dem Madonnigen, dem Zauber, dem Wissen, Sie würfen als Hundebissen in die Gosse das Milde und Gute, Sie spien aus das Dulden . . ., wenn Ihnen, schon Jauchzende, dafür getauscht sei: prall, stählern an Leib, vogelhaft atmend mit den Lungen, eine Woche nur noch einmal in Hölle und Seligkeit, mit einem Mann, den Sie lieben, durch die Helligkeit Kopenhagens, durch die Schiffe, den warmen Prater, einen vernarrten Frühling Merans zu toben.

Doch man soll die Wünsche nicht wecken. Man stirbt an den Wünschen.

Sie tragen jedoch Ihr Ausgestoßensein mit solchem Gleichmut, daß ich manchmal in der Gewißheit nicht zweifle, daß Sie zu gleicher Zeit wohl auf einem anderen Gestirn in einer behenderen muskulösen Figur alle Leidenschaften, die hinter Ihrem hier abgegrenzten Dasein stürmen, mit selbstverständlichem Frohsinn und einer gewissen Leichtigkeit in der Größe des Ausmaßes durchfahren.

Hier aber sehe ich wie keiner die schmerzliche Zusammengezogenheit Ihres Lebens.

Und ich kann sie nicht vergessen.

Die Leidenschaften haben sich umgedreht. Was mich aus allen Betten und Fiebern und Längegraden meiner Erde zu Ihnen gerissen, hat sich unter diesem Schicksal verändert. Das ist zu einer wohltuenden Fremdheit geworden, die in schwesterlicher Inbrunst meinen Herzschlag begleitet in einer meinem Blut nicht zugänglichen, schön überglühenden Welt, höher als jene dieser Dinge, die mich hier hart verzücken und in Begeisterung fangen. Das ist unser Leben.

Die Lawinen brüllen durch die Woche und grüßen Sie aus der Mondsteppe wie wilde Tiere. Der Himmel hat eine amethystene Schaukel um Ihr Haus gelegt. Morgens stehen mosaische Signale, Säulen feuriger Wolken auf den Spitzen des Gebirgs. Die Natur bereitet Ihnen Verehrung.

Auch die Abschiedspolonäse auf Skiern für Marga Ritterstad und Margit, Ihren Liebling, hat sich als Huldigung gerade Ihrem Haus gegenüber hoch im Gebirge geeint. Die Midussi hat ihr sizilianisches Gesicht zur Komödie mit einem roten Turban geschmückt. Alle schauen auf das Zeichen. Der Riemen Margits löst die Schleife: „Azt a kutja faját.“ Die Schnäbel der Skier haben sich auf Ihr Talhaus gerichtet. Da quillt weißer Wolkenschaum um die Gipfel des Kessels, die Sonne, aufrauschend dunkel schmeißt ihn zurück. Schmetternd wie eine Posaune kreuzt sie über dem Tal.

Mit einem verderbten Schrei wirft die Midussi die Fahne zur Abfahrt und gibt den Start. Nach Ihrem Haus zu verzischt Ihre Linie im Gebüsch. Die Ritterstad fährt wie ein stolzer Fasan. Man soll die Diva nicht tadeln, weil alles sie liebt. Heller Strich auf Strich saust eins nach dem anderen ab nach Ihrer Villa auf dem bläulichen Schnee. Mit Hagebutten in der Hand macht Margit noch Telemark und schaut herauf, dann saust sie hinunter zu Ihnen durch die Latschen. Alle schreien Ihren Namen, die Sie, auf dem Südbalkon Ihres Hauses, das Glas über den Augen, diesen Herabflug aus den Hängen auf sich zukommen lassen, beherrschten Mundes wohl, wie jede Ihnen unaufhaltsam nicht mehr zugehörige Bewegung.

Ich stürzte, über Heidekraut, sechs Meter ein Hecht durch die Luft, eine Parade der Arme, ich fiel auf die Erde zurück, der Bergkreis glühte, blau, dann schwarz. Als ich aus der Ohnmacht aufwachte, sah ich Ihr Haus, Lil Pax.

Ich habe mich aufgerichtet, die Stirn ist zwar verdellert, die Knochen aber sind heil. Ich habe den Fahrtrausch noch im Blut, das Risiko der Stürze noch im Hirn, der Tod hat mich nicht gedämpft. Ich bin voll Kühnheit und Begeisterung. Verdoppelt empfinde ich Erregung in mir laufen und Beglückung aufquellen satt und voll. Das brüllende Tier des Gestirns braust gierig durch das Blau. Ich fühle mich umschwungen von den Menschen und der Fülle ihres Atems und der Farbe der starken Empfindung, mit der diese alle ihre Leben hier gelebt.

In dieser Sekunde der Höhe aber reißen die Menschen ab aus der Melodie. Die Woche, die sie füllten, gleitet zurück zu Ihnen, wie zum Mundstück eines Instrumentes.

Sie nehmen es, schlank, und scharf aufgerichtet in die Hand, führen es an die Lippen: da stürzt sich alles in Sie hinein, begierig, daß Ihr Atem ihm erst Gesicht gibt und es brennend hinauswirft. Was ist um mich all das Getümmel? Ein Teil von Ihnen. Ich sehne mich in Ihre Einsamkeit aus aller meiner Fülle.

Ich spüre Sie in meinem Leben als die Bringerin. Im Seedorf der Vogesen, in der Entferntheit der Blumengärten Immenstads, in Norrbrö, im fensterlosen Gemach meiner Heimatjahre spüre ich Sie als die größere Vielfalt. Denn wenn Sie wollen, werden Figuren und Reihen der Menschen auf der Ebene der Wand mit der Musik ihres Blutes erscheinen, beherrschter und glänzender als die meines Erlebens, so als bliesen Sie sie in Wahrheit auf kleinem goldenem Instrument zart herüber aus der Einsamkeit der Überwindung in meine Einsamkeit der Fülle.

Ist dies der Abschied?

Ich kann, beglückt von dem wilden bronzenen Schild, das die Sonne über die Steppen schüttelt, sportiv, kräftig, Strapazen überlegen, ich kann meine barbarische Stärke nicht mehr dem Zauber entgegensetzen, der, aus Verhängnis und Versagtem gebildet, Ihr Lächeln ist. Es ist zu schwer, wenn man so Großes durchschaut, an sich zu glauben.

Sie winken ab mit der Hand: Sie lieben mein Leben. Sie glauben an den Reichtum selbst meiner Melancholien und sind erfüllt von dem Aufgerichteten meiner Phantasie. Sie haben Leidenschaft für meine Welt. Sie sind neidlos entzückt, wenn ich diese Welt in die Hände nehme, mit Fingern und Zähnen den Saft auspresse, Sie lieben das Bunte, verehren die Stärke, Sie glauben an die Schönheit des wilden Bildes und die Größe des erregten Blutes.

Was aber ist es gegen Ihre Welt? Man kann sich nicht finden. Welche Tragik, daß, was Ihr Elend ist, ich liebe, daß, was mir ein Nichts ist, Ihnen erhaben scheint. Man soll sich nicht belügen. Wie kann man genießen, was den anderen quält? Es ist bitter genug, mit Verantwortung zu leben. Bebauen wir unseren Acker und entfernen wir uns von den Qualen, die wir nicht mindern können.

Ich habe mich aufgestellt. Die Augen brennen aus der Ohnmacht noch auf dem Schnee.

Als mich die Bretter in weitgeöffneten Schwüngen ins Tal hinunterziehen, sehe ich keine andere Bewegung als die aus diesem Zustand in den der Entfernung.

Ich bin ein törichter Mensch und züchte mir Qualen, statt sie leicht zu nehmen und mit Selbstverständlichkeit zu bezwingen. Ich mache sie groß, weil ich sorglos bin. Man könnte leichter leben.

Wie ich die Skier unten löse, hindert mich nichts mehr am Abschied.

Am Abend kam Kerstin.

 

Am Abend kam Kerstin in mein Haus. Musik ging vor ihr her, und die Berge schimmerten näher von ihrer Blässe. Die Sarabande des Sturzbachs formte über ihrer Schulter etwas wie undurchsichtigen silbernen Regen.

Sie griff einen Stuhl bei der Lehne.

Ich dachte:

Man solle vor wilde Tiere sie führen und in Versammlungen, wo der alte Fanatismus der Menschheit ins Böse bricht, damit das Gleichmaß vom Ineinanderfließen der Beine und des Bauches und die rührende Schönheit des erschütternd schlanken Gesichts die Stille auslöse. Brüllende würden lächeln, Tobende demütig werden an diesem Körper.

Keine der Frauen, deren Hüfte mein Frühling, deren Brust mein Weglager waren, die ich Jahre hindurch schmerzlich durchwandert, hatten soviel Macht als dies ledigliche Dastehn.

Sie hatte, wenn sie lächelte, etwas, was schon zerfloß, und das orchideenhafte Rosa der Bluse schien aufgelöst über der alabasternen Höhe der Brust.

Sie nickte, als sie aufstand.

Sie ging.

Und entzog mich mit dieser Bewegung jedem Gedanken und Koffern, die den Abschied erdrängten, und mit einer märchenhaften Hebung der Achseln beweist sie, daß ich ihr Haus sehen soll, nicht allein das ihre mehr, und die Luft behält diese Rundung der Schulter wie einen Abdruck.

O Sommer, den wir glücklich waren, die Hindin und jener, der mit ihr über den Rasen lief:

Als jener See damals nichts war als ein Spiegel für ihre Schlankheit, der manchmal selbst in seiner blausten Verjüngung zu schwer schien, soviel Anmut zu tragen, aber mit schwingenden Uferfacetten sie von neuem faßte in einer Demut und Geduld, die uns überraschte . . . .

Als Lella neben ihr ging, die ägyptische Königstochter, und von der braunen Vierzehnjährigkeit ihrer Knie und der Hängelocken über den Ohren die Reiter hingezogen hielten, und deren Beine so hoch und überlegen standen wie das schwarzseidene Trikot um ihre engen Hüften — — und als ein Rascheln deines Kleides uns mehr schien als Lellas ganzer Leib, um den zu sehen selbst die fünfzigjährigen Landräte und Rennstallbesitzer Löcher in das Damenbad bohrten, und deren Besitz uns doch die tragische Unerreichbarkeit ihrer Jugend erhöhte . . . .

Als sie im Stern von Gudrun saß, und wie eine Weiberbrust unser Segel im Mondschein flauschte und sie plötzlich das Wasser küßte mit einer jähen Bewegung über Lee und ich tagelang dachte: sie hat den See geküßt, meine Freundin, was soll nun das Leben, es ist so silbern geworden. Wir ertragen die Dämmerung nicht mehr . . . .

Als durch die Dorfstraße auf dem geschmückten Narzissenmotor die Hochzeit kam mit vielen Offizieren und Orden, und in der Dorfkirche der Sänger im Requiem stecken blieb, wie er sie an der Säule sah . . . und plötzlich alle von dem Priester sich umwandten, sie anzustarren, als sei sie aus der Säule gehauen und flöge mit ihr auf abgesenkten Flügeln in die Höhe, nachdem eine Sekunde ihnen unwiederbringlich die Hüften des Paradieses gezeigt.

. . . und als nach einer Woche alle Skiläufer, Dirigenten, Spieler, Arbeiter, Segler, Fischer, Bauern, Bankiers nichts wollten, als daß ihr Blick auf kurze Zeit auf ihnen ruhe — — und wir den Berg in der Frühe erstiegen, die Alpen ausgebreitet lagen tief wie die Kolonnen der Engel . . . und sie gegen die siebenfache blaue Staffel des Horizonts vorging, die Hand hob und nun kein Blut, kein Fleck der Haut es anders wußte, als daß ihr Lächeln nur, ihre Hand allein sie weich und schwebend erst formte, Amaranth hingab und seidige Härte — — und als sie bei mir war unter dem Park und aufschrie, und am Morgen im Pyjama durch den Taugarten ging, und die vier Nachtigallen wie ein Gewitter rasten zu einer Stunde, wo bedingungslos sie sonst schwiegen . . . . .

aber das Trommeln und Steigen ihres Gesangs so zerschmetternd war, so sehr nahe der Höhe der Lust, daß ich den Scheitel des Sommers erbebend unter mir fühlte und wußte, nach so ungeheurem Erfüllen käme nur ein hinab . . . . . . — — —

Was ist geworden in den Jahren, die ich im Süden ein Hund war und Suchender und Wüstling und nicht gedachte an deine große Schönheit — und zwischen Segelfahrt und hellenischem Frühling nichts die Zeit überbrückte zwischen mir und unseren zartesten Sekunden — — und was hat dich in anderen Armen verwandelt und hinter welchen Mannes Gefühl ist dein Gesicht verborgen, daß nicht einmal der irrsinnige Hochmut deiner Mädchenhaftigkeit mir vertraut und nah ist, mit dem dein Blick mich ans Kreuz schlug, als ich am Ufer dich ansprach mit dem Wort zu scharf und leicht für deine frauenhafte Bedeutung . . . . . und daß nun, wenn du fremd in deinen Kleidern hinausgingst, die Sehnsucht nach deiner Entferntheit und die weite Kühle deines Lächelns mich tot machen, meine Freundin?

 

Zwei Tage mied ich Kerstin, zwei Tage lief ich mit der Midussi.

Wenn sie die Locken schüttelt und feig vor der Schußfahrt in die Knie geht, und die prinzessinhaft im Nacken geschnittenen Haare ihr in die Zähne flattern, hören selbst die erregtesten Weiber auf, sie mit Steinen zu werfen und zu begeifern, ihrer engen Skihosen halber, sie selbst aber ist nie abgeneigt, mit dem Schrei loszufahren, zu kratzen und die angesammelte Meute sechs- und achtjähriger Knaben, Eiszapfen schwingend, zu sprengen. Zehn Männer, die den Kranz ihrer Kali-Syndikat-Millionen anzubeten lediglich nicht müde zu werden hofften, fiebern nachts nur noch von ihren spielerischen, lesbischen Beinen.

Sie hat eine Locke zwischen den Augen in der kleinen Stirn, und das achtzehnjährige sizilische Gesicht ist krank, bös, schön gespannt in der aufregenden, von ihren Blicken verdorbenen Luft um sie.

Sie quält, lächelt und ist kühn genug, im verruchtesten Loch mit der großen weißen Perlenkette dem Schwarm der Bauernmasken sich zu mischen, die, durch ihre Holzmasken wie Hunde heulend, im Kilometerradius einen Zirkus von Tanz um die Gebirgskette schlagen, und aus deren Weiberröcken und wilden Fäusten sie heiser lachend entgleitet, den Saal hinter sich zurücklassend, aufgepeitscht bis ans Geheul.

Ich weiß nicht, ob sie mich haßt, aber es mag sein, daß dies ihre Liebe ist.

Die Syrakusanerin läßt den Schlitten voraus fahren, Schellen klirren sacht, hell. Wir kommen auf den Pfad, wo die Angehörigen eines religiösen Hotels, mondäne Nonnen, an uns vorüberstreichen. Es geschieht, daß die Midussi, die Zähne im verbrauchten Gesicht, sagt, daß Picard zum drittenmal ihr an den Hals gedroht, führe sie nicht nach München — — fürchtet sich, schaut schräg auf.

Wir lachen. Da es auf diesem Weg ist, erfüllt sich unser Gelächter zu einer Schleife, die am Hausberg sich hinaufsingt, oben fast donnert.

 

Samstag kam ein Brief von der großen Diva.

Marga Ritterstad.

Lil Pax las ihn. Als gespenstische Schaukel schwingt der Wachsensteinobelisk sich aus Geschleier und zurück. Unsere Augen treffen sich dazwischen.

Die ihren meinen: auch der metallene und schmale Stolz der Spaniolin könne soviel Blondes liebend anerkennen, denn es sei gut und von gewisser Bedeutung, und, wenn man vieles leide, sei manchmal auch das Zweckloseste sehr viel.

Ich sage:

„Hat man je den Mut gehabt, das Spiel auf das Strenge zu richten. Man verzeiht. Man lächelt. Niemand klagt an. O, wenn ich die Kinos alle hätt in meiner Hand!

Als ich einmal jene drei Tage mit ihr durch alle Cafés und Theater und einen unvergeßlich perlmuttenen Frühlingstag geglitten, und aus einer Loge sie durch plötzliches Schneegestöber in die Bahn gebracht, blieb etwas wie Verzauberung über den Straßen hängen . . . . denn soviel Liebe sie empfängt, strahlt sie zurück.

Man kann ihrer Spur folgen durch die Wüste. Morgens kam ich nach Nürnberg, lag im Bette, telefonierte dazwischen, durchschlief den leeren Tag. Am Abend überwogte mein Auto aber die Brücken und Hügel der Stadt, ich fuhr von Kino zu Kino in der von der Dämmerung entzündeten Sehnsucht, die Blonde zu suchen, und ich erregte am Egidienplatz einen Auflauf des Volkes, das dort noch nie einen Wagen gesehen, wo ich in der Baracke sie fand.

Wie lieben die Menschen die Kostbarkeit ihrer Haut und die erlesene Haltung ihrer Augen!

Piccolos zittern knabenhaft und ohne Frechheit, denn ihre Träume haben nie geglaubt, daß so Herrliches wahrhaft an Restaurationstischen atme und speise.

Kellner verbeugen sich gleich vor der selbstgeschaffenen Königin ihrer Liebe.

Köche, vom Gerücht im Betrieb elektrisch erreicht, garnieren nur ihren Fisch mit hingebender Kunst, Portiers eilen, Chauffeure, von anderen gemietet, unbestechbar, brechen auf unter dem Schlag ihres Namens, rasen und schmeicheln sich, mit großer Bewegung sie grüßend, keinen Lohn zu empfangen.

Nie hätte ich gewagt, zu glauben, daß dies Volk der Sklaven, das vor verrunzelten Wittelsbachern und leberleidenden Hohenzollernfrauen erbleichte, so viel Größe habe, sich eine Fürstin ihrer Liebe zu schaffen.

Sie ist die weiße Göttin der Masse.

Sie lieben diese Frau um ihres Auges, ihrer Hand, ihres Lächelns willen. Nichts weiter. Man neigt sich vor der Wahrheit einer Legende.

Überall, wo ein W. C., eine Kirche, eine Kaserne sich findet, flimmern die Lichtspiele, durchdringen die Rinde des Erdballs, stehn auf Schiffen, in Klostern, auf Inseln, in Lazaretten, Bordells, Villegiaturen, Steinbrüchen, Sanatorien, Irrenhäusern, Auswärtigen Ämtern, Polizeibüros, Landwirtschaftskammern, Redaktionen, Expeditionen, Luftschiffen und Völkerkriegen.

Ihr, die ihr wach seid, die Freiheit fordert, Gerechtigkeit liebt und gegen den pfaffenhaften Schwindel eurer Volksbildung lächelnd und, moderne Berserker, anrückt und feuert, die ihr den Erdball aus infamen Achseln klappt und nicht vergeßt, dabei die Marseillaise eurer schönen Herzen zu singen, euch, die ihr euch hingebt, duldet und tapfer seid im Blut, schreie ich hinaus: Nehmt die Waffe. Laßt die Theater, die Intellektuellen nur spielen und bourgeoisem Geist, der verfettet ist wie ein Alkoholikerherz, treibt diesen Kreisel durch alle Niveaus, Kreise und Staffeln.

Schiebt die Erschütterungen auf die Leinwand, von ihr hinein in die Adern, füllt durch sie den Pulsschlag, schafft einen Riesenkreis der Wirkung. Treibt die Besitzer der Sauställe aus, baut Kinohallen. Enteignet diese Gesellschaft.

Vertreibt das Gesindel aus den Tempeln, denen diese Frau nichts darstellt als ein Kapital von hundert Millionen, eine Tantieme, und sehr zu pflegendes Tier.

Dann wird die weiße Blonde in der Stille kommen. Der Moment der Erfüllung wird ein Blitz sein.

Auf daß sie nicht mehr der weiße Vampir sei, die goldene Schlange, das helle Marderspiel, sondern daß sie eine gewisse Demut ertrage und, von zehntausend Leinwänden in der gleichen Sekunde herunterwandelnd, von Rosenheim bis Chikago, Djursholm und Kapstadt, als unsere gute Frau von den sieben Schwertern und blutroten Rosen die Armen und Geschlagenen in Wahrheit heraufführe bis zu der sanften Höhe ihres Lächelns aus dem Rausch der romantikverstunkenen Löcher, in denen selbst die Verwüstetsten, um ihren Glanz anzubeten, nie erlahmen werden, ihre kargen Abende und die Dämmerungen des Frühlings hinzugeben.

Und, die heute täglich suhlt à la boche in den Lachen der von Kocherls und Ladnerinnen umjauchzten Geschwätze, wird vor ihnen hergehen, wahrhaftig, Instrument der Gesinnung, Jungfrau von Orleans mit der blonden Krone und dem liebenden Beispiel, Entfacherin echter Tränen, guter Handlung — — — .“

Lil Pax hat die Hand gesenkt, die mit den Haaren Margits spielt, die diesen Augenblick mit vor innerer Spannung erfrorenen Augen empfindet, und sagt: „Silberner Vampir“.

Die Wolke ihrer Augenlider hat einen sehr entfernten Glanz. — — —

Am vierten Tage kommen Kerstins Pferde, schellen im Garten, treten, stampfen, werfen auf eine Säule Dampf. Ich trete ans Fenster, fasse den Laden fest. Nehme die Skier.

Folge Kerstin in ihr Haus.

Staune nicht.

 

Es scheint, als gebe das Klavier Kerstin eine bewundernswürdige Maske von Kraft und Zorn, und die Vollendung ihrer Hände erreiche in der Berührung der Tasten eine Erhöhung der Töne, die sich dichter immer zwischen sie und mein Hören stellte . . . und die langsame Verdunklung ihrer riesigen Diele sammle aus der florentinischen Seide der Wände und den aus Feuer gefärbten Bildern Marées eine Stärke, die sie mir wehmütiger und ferner entzog.

Sie sprang zu Chopin.

Ihr Rücken bog sich wie ein Coli im Sprung, und jene Süßigkeit der Weidengerten war dazugegeben, die den März zum schmiegsamsten und verführerischsten aller Monate macht.

Ich verstand die Musik nicht, die sie davontrug, und ich fand, man vermöge wenig Sinn zu finden für dieses, wo die Natur uns täglich säugt und wir verliebt sind in sie mit unsterblichen Gästen.

Ich sage:

„Weißt du, wie Lia von Florenz sprach und jener Sonne Eures Ateliers und Speyer und Lucius und jener Sinfonie, die mit Gold und Musik Ihr morgens über die Hügel stürztet — und ich schwarz, zerschlagen, gepeinigt vom Bild jener Stadt, in der ich diese Zeit damals verbrachte (Stadt bestürzender Enge, niederen Behagens, wohlgenährt, aber ohne Wollust, Stadt, der ein Schicksal Prüfungen nie gab, feist, faul und bürgerlich und selbst zu feig zur Sünde) — — daß ich gepeinigt nicht sagte: Dulden ist mein Los — — sondern ins Gewitterblau der Pflaumenbäume hinausging, am Bach Gott bat, mich hochzureißen an den Rändern des Gefühls, mit Zorn mich anzuschwellen, zu tränken und zu stärken, daß ich, unser dichterisches Schicksal erfüllend, blutigen Mundes den Haß der Vaterstädte ausrufe . . . . .

und daß ich, weißt du noch, am gleichen Abend, als der Berg rot flammte, Vollmond aufsprang zwischen den Ufern, Hügel violett und bebend sich malten auf die sie kaum ertragende himmlisch-japanische Seide, daß ich in Eurem Boot dennoch nichts anderes tat, als dein Gesicht zu preisen. Es war mir nah wie mein Herz, und wie es heraufstieg aus der illustren Kette der großen Revolutionäre und Helden Deiner Familie und das Unvereinbare trug der Hingebung und des grenzenlosen Hochmuts (über den schwarzen Brauen und unter dem rauhen Helm der roten Haare), traf es mich in einer unbeschreiblichen Erlösung:

nie habe gemischtes Blut von Franzosen, Juden, Aristokraten, Dichtern und Deutschen soviel wilde Schlankheit der Hüften und schmerzliche Verhaltenheit der schönen Nase in eine lückenlosere Harmonie des guten Weltbildes getragen . . . . . und der See hielt deinen Leib wie ein Schild mit inbrünstiger Entsagung gegen den von Schwärmen übersternten Himmel.

Weißt du . . . . . als an dem Tage, wo draußen an der Notbucht einer umschlug, und die Kreuzbö uns überfiel, zu dritt wir uns über Backbord warfen, es drückten, den Gesandten Teherans von zwei Meter Länge im Lee durch das schwarze Wasser zogen, und Maria, als es ums Sterben ging, das Focktau in die letzte Messingpumpe sog . . . . . wie dein Gesicht allein mir lohte.

. . . . . wie von dem Turm, wo nach dem Wasser einer wie ein Croupier, einer zum Land wie ein Rabe malte, jener Reiter, von Entzückung Illuminierter, dir die ganze Nacht Feuer über die Seezunge brannte.

. . . . . wie wir durch die Sturmnacht auf den Rädern um die Seebögen heimwärts rannten, und das Aleppogeträum des Prinzen und Bagdad und Pera unsere Herzen verband, als lägen wir Gesicht an Gesicht in deinem Haus zu Fiesole.

. . . . wie der große Geländeläufer, in Davos und Edinburgh gefeiert, dich schlafend morgens im Boot entführte und abends abreiste mit eingesunkener Schläfe

. . . . . wie der Ritter von Harty, dem die hohen kriegerischen Medaillen die Brust überschwammen, die Regatta unter deinen Augen verlor, am Strand saß und heulte

. . . . . und wie der Arm der Diseuse, die nach dem Gewitter gedeutet, magnetisch angezogen dem Blitz nachjagte und auf ihn noch wies nach zwei Stunden auf deinem Balkon und dich ein wenig verwirrte.

. . . . . weißt du, wie ich die flachen Hechtsprünge machte, um dir zu gefallen, obwohl die Narbe mich feurig schmerzte, und deine Hände, die gemacht sind, daß, wenn man dich liebt, man sie spüren muß oder krepieren, sie sänftigte und meine Eitelkeit linder tadelten als dein Wort.

. . . . . weißt du, wie, als wir am Bach lagen, und die Idylle des Himmels und der Häuser uns verzauberte im gläsernen Mittagssturz, jene fremde augenmalayische Frau mit dem schönen Mund und den vielen Steinen, die wir als große Freundin von der Freundschaft später so sehr noch lieben sollten, das Auto anhalten ließ und ausstieg und zu dir einfach sagte: „Wie schön sind Sie“, als seiest du eine Wiese.

Aber eins, weißt du, kann ich nicht ertragen:

Du hast zwischen Tau, Flieder und Vögeln mit deinem Körper getanzt in unserem Park am Morgen, und nichts blieb uns fremd von deinem Bein und deinem Hals und den Brüsten — — und ich habe jeden Teil durch die Luft genossen und geliebkost wie ein Irrer . . . . .

und kein Teil deines Körpers, Kerstin, vergaß mich (wenn ich anders sprach, log ich) und jeder hielt an sich, blieb bei mir und besaß mich toll in den Jahren, die sich, während ich uneingedenk deines Schicksals durch viele Leben dahintrieb, geheimnisvoll zwischen dein Leben damals und dein heut verhülltes Leben spannen, meine Freundin.“

Sie stand auf.

Die zwei dänischen Doggen gehen vor ihr her.

 

Ich folge. Ihrem Rücken nach. Ein Fischer, Kerstin, hat mich einer Frau mit weißen Beinen aufgeladen, hielt mit der einen Hand ihren Hals, mit der andern die Knie. Ich wurde in einem Boot gemacht. Flog mit Störchen, blies Frösche auf, vergaß nie, daß der schlagende Horizont einziger Freund.

Kam, als das Geheimnis der aufgebauten Körper mir noch Erlebnis schien, wert nachzuspüren dem göttlichen Zusammenhang Eileiter, Sonne, Hoden, Niere und Leidenschaft, mit der Syphilisexpedition, mit Reagenzen, Spiritusblasen, Zeichnungen, Wassermann, Abnormitäten, nach Sumatra. Ätiopinnen liebten mich, wenn wir auf den Schilfbarken fuhren. Tja—ka . . i lärmten die Papageitaucher hinter Trontje.

Mein blondes Haar band die schmale Luxemburgerin im September vor ihrer großen Heirat um ihre Zehen. Habe an Häfen gelungert, war Photomodell, Araber im Sketsch des Odéon, verkaufte Zeitungen vor der Opéra und quer über die Boulevards. Wie groß war der Sandwind selbst der Passy-Kloaken!

Wie stählern flog der Himmel auffeuernd hinter dem Rußschwanz der Seineschlepper. Ich habe Tierschmalz in den Knochen. Wohne in einem Bauernhaus, Kerstin, das in der Sonne schaukelt auf einem Bergpfeil. Mit dem Pfiff auf zwei Fingern hole ich den Himmel runter wie einen Hund.

Was soll mir hier um dich der Plunder?

Sag, Antilope, blaugelber Ara, Perlreiher, kleinpupilliger Puma, zahmer Südleopard . . . . . was soll mein Blut mit dem Angehäuften, Verfaulten, hinfälligen Zauber, der dich verkapselt, und den, eh die fremden Hände in diesem Haus ihn um dich zogen wie einen Keuschheitsgürtel um deine Schenkel und Augen, Jahrhunderte nur blutlos häuften, verehrten, bewunderten, um allein dich abzuschnüren von mir, von dir. Niemand kann lachen in dieser Feierlichkeit hier. Doggen erfrieren und gähnen. Mir ist im Hals, als äße ich Waldkirschen, Galläpfel, Holzbirnen.

Der Römer aus Bronze glänzt ab auf deinem Rücken. Die sieben Knaben Donatellos werfen den Marmor auf dich und verkühlen dich zu Ferne. Die frechen, schmalen Stiele der Orchideen überwuchern dich mit solcher Geilheit, daß sie der Köstlichkeit des Halses noch verzaubertere Linien hinzufügen.

Und die Luft der Gobelins, gebogener Kassetten, der geschlechtlosen Figuren des marmornen Klassizisten Hildebrandt . . . . saugen dich auf in ein Maß der Entzogenheit, daß selbst der weiche Staub des Wassernebels vor dir zurückfüllt.

Was geschieht, bezaubert, besitzt dich so stark, daß selbst die sechs Sekunden, die ich dir über die Veranda langsam folge, dich, um die unsere Statuetten gierig glühten am See, Schmetterlinge und Tücher brannten, Sträuche wie Wind wehten, daß selbst die sechs Sekunden dich verhüllen und vermoosen und hineintauchen in dies deinem Wesen Un-Nahe, Verhaßte, langsam Entfremdende? — — —

Sie bleibt stehen.

Ich schaue auf.

Die Brust des Schlosses stürzt vor meinem Blick mit einer Glaswelle über den Abgrund.

Da steigt und bäumt das Gebirge draußen auf hinter dem Glassturz, flammt im Saublut des Mittag, steigt und brüllt und saust und sinkt hinter die glitzernde Scheibe wie eine geblasene Spiegelung.

Eine Sekunde schwebt auf den Wagbalken.

Welches ist die Welt, die eigentlich mich explodierende, aufschwingende: draußen das? Hier? Ist draußen das ein Phantom, was ich liebe zum Verrücktsein, die Brust der Alpen, an denen selbst die Schweine gut wurden, das Hochkar, das gleich machte, das Menschliche aufschälte wie eine Orange, Lawinen, dressierte Sturmflocken, die Mutterbrüste der Schneehimmel, an denen wir hingen, an ihrem fahlen Zinnglanz schmatzend, saufend, mit vollen Mäulern? Ist das nichts, nicht ein Winterinhalt, ein Leben? Verzuckt es hinter dem Glas? Hält nicht stand dem Leben hier drinnen, dem wilden Geruch aus dem Jahrhundert, der Gebärde schrankenlos aufsteigenden Daseins, verwirrenden Gobelinsprüchen, Waffen, dem Bauch des Michelangelos Tritonen? Wird es schon Blase. Zerplatzt, abgenutzt, blaß, ein Nichts? Blähung, die mir ins Gesicht fährt? Spiegelung, die mein Blut betrog. War mein Leben umsonst?

Da dreht Kerstin ihre Hüfte in die bebende Sekunde mit einer Bewegung der Achsel, wie, mit Kristianiaschwung brausend, sie gestern bremste, als neben mir, in Hosen die schönste Statue, sie in den flamingonen Abend mit mir vom Gletscher schoß. Die Wagzunge bebt.

Die Wage schwankt, geht hoch.

Ich sehe endlich ihr wahres Gesicht, ihr Gesicht.

Mit leidenschaftlicher Durchdringung durchsüßen die Bogen der Schneefelder, wie herübergeschienen, ihre Haare, die Brauen. Sie spiegeln sich ineinander in tiefem Hingegebensein, bis sie, sich vertauschend, vergehen.

Es war, als mische in einer unlösbaren Sekunde die Landschaft und das Weib sich, die wir beide nur durcheinander ganz zusammen und vereinigt unendlich lieben und erfassen können bis zum Tode, auf ihrem Gesicht zu einer Vollendung, in der die Glut keines Sommers, das Zucken keiner Umarmung, nicht die Ausschweifung der Mondnacht, keine Gefahr, Demut und Riskieren, und die blutige Wut keines Eistages fehlte.

Wie strudeln die Weidenbäume märzlich herein! Suchen Schneeflammen sich an dir zu zerstören. Tost der Kessel vom Signal des Bobs und erschüttert der Himmel sich mit Süße!

Die Wagschale saust in die Höhe. Dein wahrer Kopf kommt herauf. Ich sprenge die Zeit von deinem Mund, deinem Auge. Breche es auf bis ins Blut. Dein Gesicht kommt herauf. Ist da. Ist da. Ich sehe jede Spur deines Körpers, wie an dem Tag, da du tanztest.

 

Zwei Tage werde ich dein von innen mir zugewandtes Gesicht sehen wie den segelnden Mond. Ich will dir den Abgesang bereiten, meine Freundin.

Du wirst die schönste sein auf dem Wege von der Geliebten zu der Kameradin, und das Geheimnis wird sich in dir bestätigen von der späten Freundschaft mit den Frauen, an deren Brust wir von der Pilgerfahrt wie an der Mondflamme uns golden ausgeruht.

Dein Schritt wird als ein Echo irgendwo lauschend stehen. Aus jedem Spiegel wird unserem eigenen dein tragischer Stolz entgegenschnellen und verschwimmen. In großer Brandung wird dein Gedanke mich treffen.

Selbst unsere seltene Ruhe wird durch dich schwebender und gleich einer Ballonfahrtschleife, deren Klarheit die Geräusche des Bodens in der Ahnung nur steigert, aufglänzt, hebt.

Jedermann weiß, was das Summen einer Goldfliege an Ungeheurem ist in einer Sommerkuppel. So warst du.

Als du kamst, sangen die Hunde dir zu in ihren Träumen. Die Sarabande der Sturzbäche machte eine silberne Wolke hinter dir, und dein jungfräuliches Herz verlangte nichts andres, als guten Saft deines Lebens meinem Eindringen entgegenzutreiben.

Und siehe:

Dennoch . . . . . bringst du Unheil über mich und alles, was ich tue.

Schon im Sommer barst der Riemen, verlor ich die Wette, kenterten wir beim Halsen, mißlang eine Arbeit von drei Jahren. Heute nacht sprang meine Uhr, raste ein Wecker, kam ein Todtelegramm. So vieles schon treiben die wenigen Stunden herauf, seit ich deinen Geruch wieder spüre. Wird morgen der Sprung vom Skihügel meine Knochen zerknacken, wird mein Schlaf mir entzogen, erkrankt meine Niere, wird der Geliebte der Midussi, weil sie noch bleibt, der Locke inmitten ihrer Stirne halber, am Bahnhof mit dem Revolver mir auflauern, mich erschießen?

Dann bist du entfernt, und die Geschicke knallen aus den Federn.

Aber ich lache.

Siehe den Sinn herauf der Kraft und weiche nicht eine Minute. Gerne hielte ich, verzaubert von solchem Schicksal-Gegner, die Hand in deinem schönen Fleisch, entzückte Parade, und mein trommelndes Herz wäre jede Sekunde bereit, durch die Tranches, die Fahnen, Tanks und die Marne des Schicksals hindurch sich zu schlagen. Denn siehe: ich kann nicht leben, wenn nicht mein Ehrgeiz Flamme speit gegen Widerstände, Schicksale abdonnert, sich riskiert — und der Condottieri meiner Adern aufbricht, steigt, strömt vor Stolz.

Aber du.

Du hast deine Schönheit in wechselndem Spiele ausgeliehen an die Dinge, die um dich sind. Es liebt dich jeder Baum, jede Wiese und jeder Himmel. Zu festes Halten ist Tod aber für die großen Liebenden. Deine blumenhafte Zartheit abzulenken vom sanften Gleiten deiner fatalen glückhaften Bewegung in die anderen Zustände deines Verweilens, zerstörte nur deine kostbare Form. Es heißt zurückgeben dich an das Viele, dem du gehörst, Entzogene den Leberblumen, dem Kiesweg, dem Hochkar, den Matten des Forellentals und Weidentroddeln der Bäche, den Dörfern, Gehöften. Sie lieben dich alle, warten in Sehnsucht. Ich kann sie nicht ersetzen, nicht immer um dich sein, dich nicht mit tausend Vertauschungen sehnsüchtig halten.

Wie sollte ich leben?

Nur auf der Höhe der weit und wie Pfauenräder verwirrend geschwungenen Gefühle uns begegnen, durchdringen und kulminierend besitzen — — wie schön unser Schicksal.

Du wirst nicht weinen.

Der Abendgesang der Berge ist wie Glas. Regenbogen des Mondes spielen darauf. Die Schweife der Pferde sirren dir nach: Geliebtes.

Selbst Lil Pax wird in den guten Stunden ihrer Krankheit beten, daß du sanft durch den Abschied entgleitest und gut es hast, bis idiotische Schaffner den Morgen aufgellen: Fiume . . . Buccari . . . Czirqueniza . . . und milde See dein florentinisches Lächeln spiegelnd tragen.

 

Die Leidenschaften haben sich erfüllt. Selbst die Trennung ist da eine heitere Bewegung. Man muß zu leben wissen und sich einrichten. Man trägt den Kopf nicht zwischen den Schultern nach hinten. Hinter Gewesenem seufzen? Die Sentimentalen haben nie eine Frucht aus der Leidenschaft gezogen. Daß etwas so war, ist eine Herrlichkeit. Schied es in Harmonie, welch ein Besitz!

Als ich mit Lil Pax am Abend um den See fuhr, hatte Uga, die Bronzenymphe des Grundes, ihre Lage verlassen und es schien, daß sie sich mit Bauch und Gesicht ein wenig gegen den Wagen hin unter der grassilbernen Oberfläche bewege.

Das Grün kam aus der Tiefe um ihre Glieder mit einer Stille herauf, daß dieser wundervollen Bewegung nur der Mond noch jene gewisse Starre hinzuzufügen vermochte, mit der er riesenhaft die Fahne der Schneefelder entrollte.

Der Mund neben mir lächelte voll Zurückhaltung.

Es gab nichts mehr in der Dämmerung als die selbstverständliche Bewegung der Nymphe. Um Baum und Eis und Pferde schwankte ihre Erinnerung. Dem Lauf der mondmagischen Berge gab sie das Maß ihrer Gegenwart. Wir fuhren durch die Fichten wie durch ein Spalier dieser Anmut, wenn sie sich in dem Reif bewegten.

„Kann man“, sage ich, „jetzt noch den Mut finden zu glauben — und sei es nur der Sportlichkeit der Vergleichung halber — daß eine unter der Masse jüdischer Rodlerinnen, Danziger Offiziersfrauen, der Filmerinnen, bebuster Antiquariatsweiber, württembergischer Reichsgräfinnen, der Pilules-Orientales-Breeches, der Dichterinnen, der A. E. G.-Direktricen . . . . . daß eine nur vermöchte, dieser göttlichen Bewegung sich anzugleichen und auch nur annähernd dieser Überlegenheit nahezukommen . . . .

daß eine vermöchte, zwischen dem zarten Rosa der hochgeschwungenen Wade und den breiten dunklen Schenkeln, Kniescheiben von dieser Kleine und Rundung zu wiegen und die stählerne Wucht der Jägerin auf so verengten Hüften zu heben, daß Kerstin selbst diese Linien der Göttin nur in ihren besten Stunden ertrüge . . . . . .

daß zwischen hirnlosen gelben Husaren im Schlitten solch unirdische Geste irgendwo hier aufzustehen vermöchte, und daß unter der Verbrämung der Pelze der Blick einer solcher Anmut gleichkommenden Frau den Horizont absuchen könne bei den idiotischen Foxtrottphrasen der bayrischen Flachstirnen . . . . . .

daß am Tisch in der Nase bohrender Tanzdivisionäre, korsettierter Hochstapler, kastrierter Erlauchte, gemalter Perlenweiber eine so gestaltete Frau die Angst der rasenden Großkapitalisten umschwirre . . . . .

daß sie eintrete in von jüdischem Kommerzienrat mit dunkelbrauner Glatze und schlechten Knickerbokkers ihr geöffneten ausgehaltenen Appartements . . . . . .

daß vielleicht auf dem Eliteball der geflüchteten Aristokratie sie heimlich ihren Fächer trüge, und, in weißen Handschuhen und Hofballpantomime in schäbigem Restaurant die verfallene Zeit in den kleinsten Symbolen aus Trotz betonend, vor Spartakiden jede Minute erzitternd, zwischen schlecht geratenen fürstlichen Kuriositäten und vermiesten Exzellenzen in steifen Tänzen stünde . . . . . . und vielleicht sogar in einer unheilvollen Sekunde dem fehlenden Kinn und der Grande-Bouche-Chevalerie des hohenzollernschen Reichspinguins entsetzlich verfiele . . . . . .

und daß in der plötzlich ausgelöschten und ohne diese Erinnerung freudlos gewordenen Schneesteppe überhaupt irgendwo, daß in Hotels, auf Bobs, bei Sonnenaufgängen, in gescheiterten Schlitten, bei Skistarts sich die grenzenlose Überraschung solch göttlichen Lächelns zu entfalten vermöchte, an dessen Entzündung die Leidenschaften erst sich zu entwickeln vermöchten in die märchenhafte Höhe . . . . . . — — —

Aber alles in mir wird nun trotzdem die entsetzliche Bemühung antreten, dennoch ein lebendes Ebenbild zu finden, das, ebenso erlesen und dieser Gebärde an Schönheit vergleichbar, der frauenhaften Adligkeit Kerstins auch noch das Unbegreifliche der Göttin hinzufügte. Suchen wir. Es gibt keine Phantasien.“

Aber es kam scharf aus den Pelzen, die einer Wolke gleich über dem Wagenbord flauschten:

sie vermöge in Wunsch und Absicht dieses Planes schon nichts anderes zu sehen als jene maßlose Überhebung unserer Rasse, die, ohne Übergang der Kulturen, das Herrliche sofort für sich requiriere . . . . . und die wir glaubten, pathologische Athleten, neben der Dummheit den Mut der Stiere als Erbschaft tragend, auch das Gezüchtetste und Überirdische neige ohne Bemühung schon sich unsrer Ungestalt als natürliche Beute . . . . . .

und daß das kindische Haschen (und nicht begehrenlos Ertragenkönnen) nach der göttlichen Spiegelung mit seiner rohen und nur auf Gewalt gestellten Äußerung in seiner naiven Zufriedenheit schon jener unendlichen Rührung nahekomme, mit der der Glaube unsres Volkes, Gott habe vor anderen es auserwählt zur Herrlichkeit (obwohl er es mehr wie irgendein anderes als Sklaven gestempelt und täglich vor die Tiere warf) seine schwarz-weiß-roten Patrioten als so besonders arme Akkoucheure des Glückes erscheinen lasse . . . . . .

und daß schließlich doch nur Besessene und Wilde das Unmögliche nicht zurückschrecke, die wir auch nach der tragischen Lächerlichkeit unserer Revolten seit der Reformation bis zu den Bolschewiken das Bittre unserer menschlichen Unvollkommenheit immer noch nicht als Verworfenes erkennten . . . . . und unserer Rasse tiefste Mischung von Roheit und Sentimentalität auch in den überlegensten Minuten nicht verleugneten . . . . .: Barbaren der Sehnsucht. — — —

Wieder überflog ihr Auge und den Mund der Charme, der an ihr Leben bedingungslos band, und der auch in der Anklage dem Gezüchtigten Bewunderung nicht entzog: „Immer“, klagte sie, „sind die erstaunlichen Vögel seewärts gezogen und ins Meer gestürzt. Man kann sie nicht hindern.“

Ich wende mich den Pferden zu vor Lachen.

In ihre Kosakenpupillen ist plötzlich das Grün getreten. Auf dem Bach zur Linken flimmert es in Kreiseln. Der Hohlspiegel der Gletscher wirft es mit Scheinwerfern herauf über die Schneeprärien. Die Erinnerung der Nymphe ist aus dem Spalier der bereiften Bäume heraus bis vor den Himmel gedrungen. Alle Entgegenkommenden haben Seefarbe über den Brauen. — — —

Da liegt nun das Leben zum Suchen. Die Leidenschaften sind in die größte Spannung getreten. Man sollte das Unvergleichliche nie erblicken. Man tötet sich aus Sehnsucht.

Wann hat das Göttliche je sich heruntergeneigt?

Ich finde es trotzdem.

Das Glück ist eine Hure für junge Leute und bereit für die zwischen Zwanzig und Dreißig den Traum einer Taille zu bestätigen.

Uga!

Ich finde deine Bewegung wieder, mit der du das Wasser deines Sees ein wenig erregtest und ich zittre, du seist es selber, so sehr hat die Frau, die auf Skiern nun steht und gegen das Gebiß der Gebirgszüge hineinschwebt, deine Kraft und deine Kühnheit. Sie hat die Hände in den Taschen und fährt mit karierten Breeches, die die Bluse wie einen Kelch heben. Man muß sie auf Skiern erreichen. Es ist eine wahrhaftige Jagd.

Uga!

Ich hole sie ein. Es ist unmöglich ihr einen anderen Namen zu geben. Ihre Haltung hat nur etwas Durchbebteres wie von einer Gazelle in den Hüften und von einem Schwan etwas Kühle um die Schultern. Sie erstaunt. Sie stellt sich. Ich sehe ihre Hände, ihr Gesicht. Selbst der Unmut ihrer Braue hat eine Richtung, als vermöge er sich aufzulösen und wegzuschwinden mit ihr in andere Gegenwart. Ich wische mit leisen Worten ihn weg.

Wir fahren zugleich ab, ich lasse ihr jeden Vorsprung, bemühe mich, daß sie auf mich, die Gewandtere, wartet. Aber auch ihr stolzes Lächeln hat keine festere Begründung als ihr Zürnen. Kein Horizont hinter ihr. Wenn ich ihr Leben weiß, bin ich soweit wie am Anfang. Um dies Lächeln zu sehen, tausche ich die Qual es nicht ertragen zu können? Welches Scheitern!

Mit großen Schwüngen nehme ich die Führung plötzlich.

Göttinnen lieben zu entgleiten. Aber sie gleiten mit Skiern nicht den Berg hinauf. Sie folgt geschlagen ins Tal. Eine Woche bleibt vor uns: bebauen wir unseren Garten! Ball, Pferde, Schlitten, Spieltisch, Bobs, Skijöring, Musik hinein in die Woche. Heran nun Tag auf Tag!

 

Wir nähern am dritten Tag uns dem Kloster. Dem Wagen tritt in Parade Stück auf Stück der Landschaft entgegen. Der Kamelberg mit dem Tagmond schmal gezeichnet kniet vor das Tal. Die Madonna sieht, mit der großen Zehe den Zeiger der Sonnenuhr weisend, herüber zu Uga.

Sie zeigt das Raubtiergebiß, das Lachen der jagenden Diana.

Wir nähern uns dem Kloster.

Gold, blau und zärtlich im Weiß summt die barockene Kuppel in das fließende Hell, im Schweben von dem Aufstieg des Korbinian, Katharinas, Benedikts, Sebastians und der Heiligen Familie begleitet.

In der schwelgerischen Bläue steht die lateinische Stimme des Präzeptors rund und hoch, eine Lobpreisung.

Der Chor der Pagen, die ciceronische Perioden reiten, geht im Kreis in sanfter Herde die welligen Raine hinauf über die Zacken bis ins Licht.

Selbst die Gäule haben die Stille erfahren und traben an der Bergschlucht zum Brunnen mit einer Übereinstimmung der Hufe, als liefen sie in den St. Leonhardstag, an dessen Dämmerung die Pferde eintreten in ihre eigne lange und einsame Prozessuale.

Aber wo die bayrischen Aristokraten mit Flüchen auf die Revolten, falschen Pässen und in Mönchssoutanen durch den Hohlweg nach Österreich flohen, haben die Fahnen der Weidenbäume über dem Schnee sich so gesenkt, daß das seidene Rot von Ugas Mantel plötzlich von gelben blühenden Fransen umweht liegt, und selbst der Duft der Seidelbaste heruntersteigt und sich mischt in die Huldigung, die der frühe Frühling mit Himmelschlüsseln und Krokus um sie entfacht.

Selbst die Nässe, die vom Humus den Geruch des Frühjahrs zu der Bewegung der springenden Knospen hinaufträgt, scheint sich an ihr mit allen Düften, von denen die Luft sich schüttelt, zu entzünden, und jedes Element und jedes Ding scheint bereit sie an sich anzugleichen.

Wenn sie kein Fohlen wäre im Mutwillen ihrer Gelenke, in jedem Traumzustand der Wünsche würde sie als Forelle mit mir schwimmen in allen Bächen, die Abfahrt der Hügelfläche zum Haus Chrystophorus mit mir fliegen als mein Hikory, als mein Motor jubelnd mit mir schweifen über die Pässe. Welch sichere Gegenwart! Und würde nicht, der ungewissen schattenhaften Wildheit eines Tieres gleich, das mein Gefährt nur wie auf Sekunden begleitet, erst durch die scheue Berührung ihres Blickes die Sicherheit eines Lebens und einer glühenderen Gegenwart mir geben, deren Kühnheit mich erst völlig in den Rausch des Tages hinein begeistert:

O ein Holzhacker sein zwischen der Chaussee und dem Wildbach! Briefträger zwischen den Leberblumen und Gletschern! Biene über den Kätzchen! Pferd nach dem Bergsee! Die rote Weste des Postillons, der die Kurven zum Pisaner Gnadenbild fährt, vor dessen elfenbeinerner Schönheit die Bauernmönche des Klosters täglich erschrecken.

Da spüre ich den Druck ihres Knies.

Von nun ab hat sich der Atem des Tages um sie zu einer Süße erhoben, um die nun alles ohne Abwehr kreist und fliegt.

Und während wir, in den Schleifen der Straße hängend, herauf und herab uns bewegen an der Seite des Gebirgs zum Tal, sehen wir, wie die Eisberge spielerisch sich neigen und heben und, sausend auf der Schaukel der Seligkeit gewiegt, aus dem Fasanrot der Ebene sich hineinbegeben in den gleichen Takt.

Mit gewechselten Pferden geht’s in den Abend weiter. Fünf Fackelwagen liegen über uns in der Spirale. Die Feuerscheine huschen flackernd über Ugas Gesicht, ich sehe sie nicht deutlich.

Ich kann jedoch, mit klopfendem Herzen die Pferde nicht in den Umwegkreis zum See verleiten, wo durch die Konfrontierung mit der bronzenen Schwester ich den Zweifel, sie sei es selber, verlieren müßte, und, spiegelnd, das schöne Bild sich vollzogen hätte:

daß der kühnen Bewegung der über das Grün des Wassers gebeugten Diana das schwermütige und wilde Lächeln der Nymphe vom Grund herauf entgegengetaucht wäre in einer beispiellosen Vollendung.

Doch unter dem Eindruck ihres lautlos geöffneten Mundes, wie vom Feuer aufgesprengt, heben die Gäule die Hufe und die weißen Bäuche senkrecht auf und biegen gegen die Kandare herum in den Lauf der anderen Wagen ein, den beschwerlicheren Weg mit hingebender Geduld hartnäckig wählend, den Terrassen zu, um über dem eisern und grau vor das Bergmassiv genieteten See den Morgen mit der Brandlawine zu erwarten.

Als das Bankett uns dann trennte, hatte die schöne gipsern geweißte Frau des Amerikaners neben mir nicht so viel Fähigkeit mich abzulenken, daß mir auch keine Zuckung an Ugas Arm unter dem Ärmel entging.

Meine Vermutung weiß, ohne daß ich es sehe, vom Ansatz der Knöchel aus deutlich, wie braun sie ist bis in die verschwiegensten Falten der Übergänge des Leibes, und die Haut, die föhnig den Körper überfliegt, hat nur die eine prächtige Stauung, wo sie den dunklen Hügel der Brust heraussprengt.

An ihren Beinen sieht selbst der nur nach schlanken Jünglingen hingewandte Flieger Sofias, daß, mit solch verschlungen gestählten Sehnen, sie, auf einer Kugel stehend, Tage verbringt, im Gras über Hügel und Raine hinspielend. Denn die erlesenen Muskeln, die groß und gedehnt geworden sind im Streifen durch die Sonnenkringel der Buchwälder und des Jagdparks, gehen in der Verwegenheit der Spannung so weit, als sei jeder ein junges Tier.

Aber mein Herz erhebt sich nicht. Von dumpfem und angstvollem Pochen gefüllt hält es an. Denn wenn das Lächeln ihr Profil erhellt, fällt sie so sehr über die anderen weg in eine Sphäre, die mich erbleicht, daß auch das weiße Glänzen ihrer spitzen Zähne nicht die heiße Furcht zu bannen vermag, daß unter den Kanten des Tischs ihr Leib in einer kristallenen Flosse sich manchmal vollende.

Ich sehe, die Nacht steigt herab. Der Mond hat im Zenith den Schnee blau geflaumt. Ich sehe das Kap des Bergmassivs immer wieder, wenn der Schlitten, der mit den anderen im Kreis jagt, es umbiegt. Mit tragischer Maske hält das Gletschergesicht sich monden verhüllt. Dunkel brüllt unter dem Hufschlag das Wasser gegen das Eis. Ich sehe noch durch den Traum des Jagens die Männer mit Dolchen und Lampions rufend auf die Leitpferde springen. Da beginnen die Blaumeisen aus dem Frühlingswald im Tal unsichtbar die Frühhelle süß zu durchsingen. Ich hole den Wagen Ugas ein, es fällt mir von den Augen: weg die Betäubung, welche Klarheit!

Die Sonne zuckt eine Minute, dann schwillt sie vor riesenhafter Bewegung. Als sie den Gipfel des Gletschers erreicht, verrauscht das Seidene der Luft. Der Himmel zerbricht, die Lawine gleitet, welche flötenhafte zerbrechende Musik!

Ich sehe Ugas Auge zittern. Ich habe Verachtung plötzlich auf meine Unsicherheit um das Verflüchtigende ihres Wesens. Ich durchdringe ihr Auge, während die Brandlawine märzgroß im Donner herankommt. Als die Felsen sich bewegen, hat sich das Dunkel ihrer Pupille geweitet. Wie ich eindringe, sicher, morgenlich, schön umsungen aus nun erhellten Frühlingswäldern, das bis zum Weinen verengte Herz von den Vögeln golden erhoben, weiß ich eine Sekunde lang sicher, daß ich sie nie mehr, die Flüchtende, verfolge, sondern daß ihr Lauf immer mir entgegen sein wird, und daß eine andre mit achatnen Augen den See bewohne.

 

Sie wird nicht über den Strich eines Gedankens, nicht über die Länge der brodelnden Wiese entweichen. Nachts wird sie manchmal nur schreien. Sie wird sich der Männlichkeit, die sie einmal besaß, nicht mehr entreißen. Man flieht nur, was man nicht kennt. Das Blut versöhnt. Man gab den Amazonen kein Vorrecht.

Als ich im Schneegestöber sie kommen sah, den Mittag zu durchstreifen, in Breeches, wie irgendeine schöne Frau, durchfuhr mich Rührung, sie nicht mehr so sehr hingegeben zu sehen an die Mächte, denen sie mit einer gewissen Blässe des Auges, wenn ich heftig nach ihr Sehnsucht trug, bisweilen gehörte.

Sie trug die Gelenke des untersetzten Jägerinnen-Körpers in einer dunklen und erlösten Herbe, und langsam, während sie die lange Straße heraufkam, schlossen mit hängenden Zungen und nach ihr gerichteten Augen an sie, die den Knäuel leicht nur mit den Fingern wehrte, die Hunde von Tür zu Tür in Meute sich an.

Uga!

An den Riedhängen entging es sogar der knurrenden Gefolgschaft deiner Tiere nicht, daß, tief grüßend, der Reichspinguin einen Bogen um deinen lärmenden Einzug schlug und nicht in die Nähe der glühenden Lefzen gelüstete, über denen deine kleinen Hände spielten.

Du lachtest noch, als wir auf der Hügelkuppe in das Haus des Matrosen traten, der, fünfzig Jahre die Welt überwandernd, immer neu hingerissen nach Äquator und Pol und Wendekreisen seiner bäuerlichen Sehnsucht, das Seltsame der Erdteile in seine Höhle stapelte . . . . . . und du in einem Regen dich umschwingender birmanischer Harfen und Phalloswurzeln, Haimaulen und Palaumasken so im Schatten standest, daß nur das Weiß deiner Iris im Samtdunkel wie ein Dolch sich bewegte.

Ich sage:

„Deine Gefolgschaft . . . . .

Graf Cantacuzene umschleicht dich nur noch fern und Wrede wächst ein Geweih vor Eifersucht, wenn du, zur Meute gewendet, einem Anderen deutlicher das Gesicht zuneigst. Dein Park von Edelgetier schweißt gegeneinander und stampft vor Zorn, Bohan zerschmettert am Meilenzeiger bebend seinen Stock, den seinem Großvater ein dicker Kurfürst dedizierte aus Gnade und Dank für die Errettung vor einer Sau, wenn er dich nicht antrifft . . . . und Sailern vermag (oben Lénau, unten Mikosch) nicht einmal mit seinen gewonnenen Schlachten und der Zartheit seines von Frauen sehr gerühmten Schulterknochens über seine Niederlage bei dir sich zu trösten.

Der rosendünne Morgendiskant Uwaroffs ist unter deinem Zimmer verstummt. Saluzifsky hat den Zirkel um den Spieltisch in resignierte Enge gezogen. Und der seltsamerweise deinem Gang geneigte knabenliebende Ski-Dioskure hat nicht unterlassen, in rotem Sweater und gelben Gamaschen den Falsett seiner schneidenden Kindlichkeit auf seine Nebenbuhler zu hetzen.

Aber wie kann selbst die Kläglichkeit solch halbseidener Haltung und die Kretinerie dieser Drohnen nicht die Würde verletzen, die den wahrhaften Kern einer gezüchteten Rasse so hoch in die Jahrhunderte begleitet hat, und wo Hohn und Spott nur immer noch sehr kleine Korrekturen bedeuten können einer Bedeutsamkeit tiefsten Sinnes!

Und die zu bekämpfen heute nur die weltfremde Idiotie deutscher Dichterknaben und orgiastischer Revolutionäre ermöglichen kann, die, trotz Umsturz und Revolte um hundert Jahre verspätet, durch ihre Ahnungslosigkeit der Vorgänge die allein feindliche Widerlichkeit arrivierter Bürgersöhne und Kopisten adliger Gebärden noch nicht zu erfassen die geistlose Dreistigkeit besaßen.

Lächerliche Blague! — — — —

Wo niemand begreift, mit welch ahnungsloser und erlauchter Schönheit die wirklich adlige Rasse der Staufer und Kreuzzüge neben der ihnen unverständlichen Zeit her in den Abgrund hineingeht, und wo selbst die besten und raffiniertesten Exemplare nicht einmal soviel Barriere-Mut aufzubringen vermögen, daß (was ihre Sache immer wieder gerettet) nicht einmal Deserteure zeitweilig ins feindliche Lager übergingen . . . . . .

wo zwar das Gemecker eines ehemaligen Königs über seine eignen Stiefelspitzen in seiner namenlosen Albernheit von derselben Widerlichkeit berührt wie die Brillantenschiebungen des süddeutschen Prinzen und die Massierung der Grenze im amerikanischen Auto (und Diplomatenpaß) voll Antiquitäten . . . . . .

wo zwar die Kavallerieattacken des württembergischen Generals am Bakkarattisch des Kurhauses zwischen Schiebern und aufgekommenen Zuhältern in ihrer Wurstigkeit um den Brand des ringsum angezündeten Europas noch glänzender berühren als das schwachsinnige Gekeif gegen die Republik der ehemaligen popogescheitelten Beamten . . . . . .

und wo erst recht die theoretische Hingabe an den neuen Zustand vereinzelter Freunde in seiner Ehrlichkeit, Zögerung, Bedingtheit nur die ungeheure innere Befremdung und lediglich von adliger Gebärde überglättete Hilfslosigkeit anzeigt.

. . . . . . Wo sie bei Eisners Ermordung zwar Faschingsbälle abhielten, während in München Hunderttausend eine Blutwolke wie nie seit den Hugenotten zu beschwören nah waren . . . und bei der Baltikumer und Kapps ungenialer Harlekinade foxtrottend wahrlich hinlänglich bewiesen ihr Désinteressement an Deutschland, das freilich ihre Herrschaft nicht nach der französischen Revolution geknickt, sondern nur in seiner bubenhaften politischen Nachlässigkeit es unter dem zweiten Wilhelm zu so falscher und maskeradenhafter Herrlichkeit der siebentklassischen Leute hatte werden lassen.

. . . . . . Wo die Entfernungen zwischen den geistigen Trägern der Rasse und den Aristokraten so irrsinnig sich verzogen haben, daß den meisten adligen Exemplaren in Deutschland sogar der Künstler, mit dem sie gern früher sich mischten und den sie trugen in die Höhe der wundervollen Epochen . . . . daß er ihnen ein Wesen geworden, bestaunbar wie ein Papagei in seiner Fremdheit, ein Pudel, halb blau und halb grün, und den sie nur fürchten oder hassen oder sich ihm unterwerfen, wenn seine Breeches besseren Schwung besitzen und seine Ledersachen und Reitzeug eine noch kühnere Diskretion verraten wie die ihren.

. . . . . . Und wo schließlich die falsch angesetzte antisemitische Parole, von rotgemalter alternder Duchesse mit den Pistons ihrer Zahnplomben aber auch den Pauken ihrer Hüften angegeben, zwar weder über die Unasiatischkeit ihres Stammbaums noch über die Fragwürdigkeit ihrer Vergangenheit hinlänglich beruhigen kann . . . . . . wo die Ohnmacht der ungarischen Gräfin, die alle Mädchen verführte, beim Namen eines der gehaßtesten revolutionären Führer . . . . . . ebenso wie das goldene Kettenarmband um den Skistrumpf der Hessin . . . . . . und der meskine Bürgerwehrschwindel und Antibolschewistenpathos älterer bäurischer Offiziere in seiner falschen und bourgeoisen Verplamperung

nichts zwar als unser breites und vollendetstes Gelächter bereit findet,

. . . . . . . die wir, auf härteren Seiten des Sternbogens stehend, aber auch mit Wollust alle Höhen überschweifend, keine Sekunde unterlassen werden, die Albernheit der menschlichen Figurinen unerbittlich aufzuzeigen . . . . . . und die wir, bereit jede Sünde gegen Welt und Freiheit bis auf das Blut zu bekämpfen, auf keinen Reiz und selbst gegen das Herz hin irgend einen Pakt der Gemeinsamkeit mit irgendwelchen Obskuren (von welcher Seite auch immer) schließen würden.

. . . . . . die wir aber dennoch nie umhin können, hinter den besonders publiken kleinhirnigen Ausnahmen den großen Blutgeruch der Züchtung und Erlesenheit triumphal zu spüren und, bejohlt von den Polizisten von links aber eiskühl bis auf die Nägel darüber, gerade in diesem Versagen das Erlöschen der Rasse wie langsam gewordene Scheinwerfer auf die tragische Epoche zu empfinden und zu lieben . . . . . . und bei den Frauen diesen bewundernswert schlanken Hineinritt in die Röte des Sturms.

Wie ungewöhnlich unbeträchtlich sind in der Ausübung ihrer Mission und der Handhabung ihrer Berufung die aristokratischen Wölfe geworden, aber wie glänzend und liebenswert blitzt noch das Gebiß dieser Feinde der Freiheit!

Denn auch du, die du zwischen den Dörfern die Schneeobeliske der Hügel, den Stock mit dem Seidentuch daran in der Hand, gestürmt hast, und in deren Kehle der Blutruf der Kriegsgötter neben den der großen Jägerin trat, auch du hast nichts in deiner göttlichen Entferntheit als Unverstehendes und Gleichgültiges zu Zeit und Qual dieses armen und geschundenen Volkes . . . . . . denn du bist so sehr von durch die Jahrhunderte erlesenen Instinkten geleitet, daß du, Zeitlose, die Gesellschaft der Hunde deiner Wahl jener der nicht gut gezüchteten Menschen unbedenklich vorziehst.

Und ich liebe dich auch dafür.

Auch wenn du an einem Fenster einmal stündest, unter dem ich füsiliert würde oder erschlagen, und von dem Fenster in naiver Laune und unwissend, in wen der Donner einschlug, dem Sieger mit einem Tuch zuwinktest, das ich dir einmal schenkte.

Denn ich liebe dich um deiner Fülle von Rätseln, um deiner Widersprüche und deiner Entferntheit und nicht zum wenigsten darum, daß du selbst sogar vielleicht bereit bist die mykenische Lanze gegen meine Brust zu schleudern. Ich bin ein Kind der Erde und freigiebig auch in der Preisgabe, aber voll von Lust auch, sie ganz zu umfassen und in der entlegensten Äußerung zu begehren. Ich bin nicht ihr Affe, nicht ihr Sergeant, sondern ihr Geliebter, auch im Kampf. — — —“

Sie hat einen Bogen der westlichen Papuas in der Hand, und es ist kein Unterschied zwischen ihrem Schenkel, dem Bauch, dem Nacken und der Spannung des Instrumentes. Hinter ihr ist rotes Glas, darüber weicher aufgerißner Himmel.

Und während sie den lautlos den Garten durchjagenden Tieren zuwinkt, steht ihr Gesicht mit der seltsamen kurzen arischen Nase wie eine metallene Maske in dem Rubin . . . . . . ohne Rührung, als sie der Feinheit der Glieder die bedeutende Kraft der Lenden zu solcher Bewegung hinzufügt.

Der alte Matrose hat den dressierten Affen gelöst und ist mit ihm in die Beete gegangen, wo er, mit Schneeglocken winkend, aus den halslosen breiten Schultern den eisgrauen Trollkopf erhebt.

Denn auch er kann nicht ruhig neben ihr bleiben ohne Huldigung, ihr nicht wie irgend einer anderen um Geld Schlangen aus Peru, Eier vom Sudan, Mumien, zirkassische Amulette der Liebe und andere Symbole seiner schweifenden Sehnsucht zeigen, während neben ihm zwischen der weißen Wolle des Koptiabaums plötzlich sie die Schultern aufzieht und in der Veranda wie in einem Tigerwagen steht.

Du willst Lil Pax sehen, Uga.

Aber ich schüttle den Kopf.

„Nein.“

Denn ich kann dieser schrägen Richtung deines Blickes nicht folgen, Uga, die blühende Sicherheit deines Atems Lil Pax entgegenzuführen, denn ich weiß nicht, ob sie geneigt ist, soviel tierischer Anmut sich hinzugeben. Die sie entführende Wolke ihres Schicksals schiebt sich immer tiefer und geballter unter ihre Füße. Und ich will nicht, daß, von soviel unübertrefflicher Geschmeidigkeit deines Lebens getroffen die jüdische Madonna einen Augenblick nur erstarrt vor der kugelbrüstigen Diana.

Denn du bist von ihr getrennt durch alle Zonen des Blutes und in deiner fürchterlichen Mischung, die von der Grausamkeit der Göttin bis zur elastischen Stärke der irdischen Hüften sich wundervoll ausdehnt, zu weit entfernt von ihrem Pol des Entsagens, als daß du nicht ohne Gefahr der Zerstörung zu plötzlich mit ihr zusammenstießest.

Ich liebe dich, Uga. Ich habe mit einem Zittern des Herzens und nicht ohne demütigen Eifer meine Sehnsucht der deinen genähert. Du begrenzest in einer unnatürlichen Höhe alles, was nur Wünschbares bis zum Unmöglichen mein Blut durchfährt.

Aber Uga, wenn du die weitesten Kreise, die von dieser Frau zu dir gespannt sind, durchjagst, auch durch die Kreise deiner Vollkommenheit, Uga, empfinde ich nichts als ihr Schicksal.

 

Wir fahren nach einer Schneehütte am Gletscher. Die Woche senkt sich. Die Einsamkeit steht zwischen uns und den Menschen, das ist Glück.

Brächten Bauern auf ihren Ochsenschlitten Flieder statt Heu auf unsere Höhe, während sie schläft, in der Sonne vor der Hütte, ich dächte, der Himmel, der herabkommt auf ihren Busen, habe ihn abgeschneit. Die Lichter der Taldörfer, der Berghänge unten sind am Hintergrund unserer Einsamkeit aufgezogene Zeichen der Menschen, die wir geheim verlachen in unserer Ruhe.

Nur einmal, als dumme Passanten, halb getötet vom Aufstieg aber ihre Niedrigkeit mit sächsischem Geschrei schamlos preisgebend, uns nahten, hatte sie Gelegenheit, mild und im Erklären sich neigend, eine Größe zu beweisen, die weit das mitleidlos spöttische Lachen der Göttin übertraf.

Die Rührung über das Glück hat die Grenze erreicht, wo das Alberne ein Geschenk wird, wenn man es gibt. Der Himmel wogt unerbittlich durchblaut. Hinter dem Gebirg berührt er meine Kindheit:

„Als ich klein war, Uga, ward ich krank und bekam den Pudel Fosko. Mein Bruder stahl ihn in einem Zirkus. Wie lag ich im Bett und verzehrte mich, aufzustehen, um das Gartenviereck mit ihm zu rennen und ihn zu hetzen, daß er Wildkatzen zerbeiße. Zehnjährig habe ich auf dem großen Gut Tivolis im Bett meines Cousins Zigaretten versteckt und in den Matratzen vergessen und erwartete Monate die Entdeckung, und daß man mich als Verworfenen an den Pranger schlug.

Die Neubauten unseres Villenviertels habe ich alle gekannt, die Mädchen liefen mir nach hinein, wo die Labyrinthe von Keller und Dachstiege geheimnisvoll sich begegneten.

Unterm Damm durch den Teich vor unserem Haus beerdigten wir Eichhörner und bissen die Zähne aufeinander, so bedrückte es uns, daß wir mit Quarzsteinen sie aus den Lärchenwipfeln geschmissen, aber zum Fest der Vollendung haben wir eine Dogge, den Feind, in den Maulbeerbaum gehißt. Einem Dobscher, der von Rennfahren träumte, fuhr ich im Rollwagen des Steinbruchs die Kniescheibe durch, daß er schneidernd bald bei der Petrollampe flirrte.

Als die Canneri, die das bezauberndste Lächeln trägt, mit goldnen kurzverschnittenen Locken mich als Jungen sah, stand sie kerzengrad im Wagen auf mit dem Lorgnon und rief: quel bel homme. Meine erste Geliebte quälte ich, als ich noch nicht wußte, daß Liebe kein Gesetz, sondern nur eine Masse Zufälligkeit, und nicht ahnte, daß man Frauen eher besitzt, wenn man verstößt, als wenn man bindet, meine erste Geliebte quälte ich durch Fragen, ob sie mich als Krüppel noch liebe und prügelte die Arme, als sie entsetzt auswich.

War etwas gut, etwas schlecht? Es ist eine Kindheit. Sie lebt wie ein Baum, ein Fuchs. Sie schüttelt und biegt sich vor Wachstum. Sie fliegt auf und ab, als ob du mit ihr spieltest, und ist in ihrer märchenhaften Gemaltheit deinem Lächeln dieser Stunde verbunden, dessen Leichtheit so schon gelöst ist, daß es die Einsamkeit spiegelt. Das ist unsere Brücke. Wie unwichtig unser Gram. Wie kindisch selbst das Schwerste.

Verstehst du, Uga . . . . .

du bist nicht Schwan, nicht Gazelle, von denen ich Fieber und Glanz an dir beim ersten Anblick schaute. Du bist vielmehr mit der scharfen Schmalheit deines federnhaften Augenlides zu sehr vermählt an das schwingende Brausen des Blaus, als daß du anderes wie Schwebendes vertrügest.

Ich habe am Sinai deine Mutter gesehen, die, weiße Adlerin, auf unser Auto herabstieß. Ihr Geschlecht allein, das drei Jahre lang die Welt durchfliegt, und dann mit einem Weib ausharrt unerbittlich bis zum Tod, hat die für dich genug beherrschte Ruhe.

Nur deine Farbe ist verändert und aus der Helle herausgetreten, als hättest du, während ich schlief, in Marokko Jagden durchstreift und von einer Hecke Ginster, die du berührtest, auch den Goldton deiner Kniekehlen auf den Berg getragen.“

. . . . . . Der Firnschnee fällt, naß und glatt, man braucht die Skier nicht mehr zu wachsen, der letzte Schnee. Enzian flammt auf den Matten überall, als wir hinunterzogen.

Südlich duften die Veilchen mit Heftigkeit. In tiefen Tälern meiner Heimat blühen Kirschen, Mirabellen. Die Aprikosen tauen aus rosanem Morgen noch heller.

Was hilft es, wo sie scheidet.

Zinn, ruht die Sonne im Schneegestöber. Nur wenn der Hausberg aus dem Geflock schaukelt, flattert die Lichtflamme mit. Sekunden geht ein Mai auf, süß, voll qualvoller Inbrunst spiegelt, grün und hell, der Eisrücken, wie ein Bergstraßenwald morgens früh. Das gläserne Wunder verschneit.

Uga.

Sie kam, den letzten Abend mit Sneeboots, die die weißbeseideten Fesseln noch schmäler machten und mit ihrem Pelzrand dem Gang das Schleifende der großen ruhigen Raubtiere gaben.

Und als sie mit starrem Blick sich gegen den Wind wandte, um noch einmal in das Tal zu gehen, kamen die Heuschober auf sie zu aus der dunkelsten Breite wie früher die Hunde.

Als ich spielend die Leiter anlehnte an die erste Hütte, als Uga hinaufstieg und die leichte Biegung des Dachs erklimmte, den roten Schirm über sich, die Knie im Telemark gebogen, die Jägerin, mittel und fest gebaut und lächelnd, die Hundepeitsche in der Hand, . . . . . .

schien es, sie schritte durch das dichter gewordene Geflock über den Scheitel des Daches mit einer unnachahmlichen Stellung der Füße in den Horizont hinein.

Sie fuhr erst die Nacht. Aber ich fühlte in dieser Sekunde den Abschied so, daß mir keine Erinnerung blieb. Es befiel mich in diesem Augenblick nichts anderes als die Freude der Fische, als hörte ich alle ihre kleinen Herzen stoßweis schlagen, wie ihre bronzene Freundin zurückkam in den See und sie wie früher zärtlich zwischen ihren Brüsten und Knien spielten.

 

Die Brandlawine hat den Frühling frei gemacht, er kommt mit leichten Wolken nachgeschwommen. In die Freude der Wiesen fallen die Versammlungen der Enten, die das Geschrei der um die Pfützen gelagerten Hühner übersteigen. Die Felle der Angorakatzen sammeln am Hauskalk die Sonnenbündel, schnurrend vor Wonne. Heere von Bienen hängen am Aprikosenbaum und summen mittags in die Hänge. Die metallen schönen Giftmücken tanzen gegen die Scheibe. Den Ochsen treibt Glanz ins Fell. Zwischen den Schafherden, die den Horizont säumen, schleudern junge Bullen die Erde mit den Hinterhufen in die Luft. Bauern fahren, Lenz in den Nasen, schnuppernd in die verliebte Luft, Mist auf die Matten. Die Mädchen haben prall mit graden Beinen sich an das Stöbern gemacht. Die Häuser fangen an zu funkeln. Die Wölbung des Frühmorgens erhebt sich auf siebzig Vogelmelodien, seidig und langsam, wie ein Ballon.

Die Wandlung der Nächte, die Säfte der Erlen, der Glanz der Blumen treibt in das Blut: man kreist mit ihrem Leben. Man lauscht in sich dem Bach, dem Samtglanz über den Wächten, dem Blumenduften. Man horcht zurück aus dem wachsenden Baum, dem Bachgesumm, den Wespen Erinnerung heraus.

Glutrote Tupfen stehen auf den Knospen der Haselsträuche. An den Gärten hängen in Schnüren die Wasserperlen der Frühjahrsgewitter. In ihnen hatten wir am Anfang, einmal, uns getäuscht. Sie hatte, rasch hinlaufend, den Silbertau für Kätzchen gehalten. Sie kämpfte damals mit den Tränen.

Aber damals standen auch über ihrem hellen Gesicht die Kurven der Schneefelder noch unbeschreiblich gespannt. Nie nahm der Winter ein Ende, solang sie zum Himmel aufsah mit jener Unbedingtheit des Trotzes, der selbst ihre Melancholie durchkühlte.

Erst durch den Schleier der Tränen ist sie eingegangen in das schüttelnde Rund, unerreichbar, des Horizonts.

Meine Freunde, denen ich in die Traurigkeit der Einsamkeit und Arbeit auswich, werden sagen, ich habe einen Frühling vertan.

Die Armen.

Welche Fülle trug er in mich hinein:

Du warst die Frau, die eine Nacht mit mir schlief in Kowno in Lasallis Haus, das Napoleon bewohnte, und vor dessen Fenster ein elender Winter dann erfror . . . . . . die aus dem Boot auf den Aalandsinseln mir entgegenlief, weißblond, im Hemd zwischen den Dünen . . . . . . die aus dem rumänischen Zirkus herauspreschte in die Pflaumenblüte meines Wagens. Du bist die Hure, die mich am Pont Neuf in den abscheulichen Monat der Hallen zog. Der Ritterstad mütterliches Lächeln schwankt manchmal elfenbeinern über deiner Schulter. Auch von Kerstins blumenhafter Anmut ist etwas deutlich auf deine Lippe getreten, Uga.

Du saßest, die Knie zum Kinn gezogen, am Floßrand mit mir zwischen Worms und Ems, bist die Pastellufer der Lahn schwärmerisch mir nachgezogen, durch Vogelsberg und Spessartbuchen in die Einsamkeit der Eifel gedrungen, wo zwischen dem gelben Mattenbrand und den stumpfen Maren dein schwarzes Haar die Bauern feindlich erregte.

Du hast in Versoix die Friture der Fische mit mir gegessen, Landwein getrunken, die gut gerösteten Köpfe und Flossen mit Hasenzähnen geknabbert, standest am Dampferkreuz genfwärts, sangst befeuert: „Le soir est doux et parfumé . . . . . .“ und hast in der Nacht dir den Kopf zerschossen.

Du warst Renée, die mich fand, Rue Bonaparte, als mich beim Verkauf des Intransigeant ein Verkehrsauto überfahren. Als Backfisch, unbekannter, hast du im Kreis getanzt und die Hände zusammengeschlagen, wie ich das Schlittschuhrennen als Gymnasiast als zweiter machte.

Am Thomasstaden Straßburgs stieß ich dich zurück, weil in dem gotischen Tiefsinn der Stadt deine Schlankheit ergriff wie die steinerne Schönheit der kreuztragenden Jungfrau der Kathedrale und ich mich nicht entschloß, dir den übermütigen Stolz und die Herbheit einer Macht, die zu lösen in meiner Hand lag, abzunehmen.

Du bist dieselbe, die mich mit in Bonn belogen, im Ruf als Gentleman geschädigt und ausgeplündert auf die Manschetten im Hotel Royal nachdenklich auf die entlaubte Allee hinunter erwachen ließ, weißhäutig du wie keine.

Du hast im Auto Sekt gefrühstückt, in Neuilly eine Mansarde mit mit bewohnt, warst der dunkle Tierblick einer Komtesse in einem Schloß des Maingau, das ich mit dieser Last, Versäumnis eines Sommers, verlassen. An dich dachte ich, wenn ich allein mit einer Frau leben, Kinder haben, eine Farm, ein Gut bewohnen, gut grau werden wollte. Du warst tröstend da, wenn mich das Elend fast krepierte. Du warst die Frau, die ich hatte, begehrte und die, welche auch mit unvergleichlicher Vielfalt darüber hinaus die Zone meines Traumes durchflammte.

O Diana.

Das Unsichere, in dem du kamst, und das überlegene Lächeln, mit dem du dich entferntest, haben eine Vollkommenheit in die Spanne dazwischen gesammelt, die selbst das Unfaßbare des Abschieds nicht verschleiert.

Einmal war alles geschenkt, alles beschieden. Auf jeder Sekunde, die tief zu dem Laster und hoch in das Herrliche sich spannte, habe ich den Kontinent der Abenteuerlichkeit meines Herzens grenzenlos durchlaufen.

Alles war einmal gesammelt, einmal Figur.

Es war wohl zu erlesen. Es konnte nicht bleiben. Ich hätte es nicht einmal gewünscht. — —

Wenn ich im Herbst zurückkomme, ist Einsamkeit. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Landschaft verödet. Man hat den Blätterfall zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und peinigen.

Ich werde, indem ich mit Lil Pax in Pelzen und Shawls zum See fahre, während sie abwesend lächelt, von der Jägerin erzählen, daß der Teich leer war einen Frühling, daß ich eine Woche auf der Schneehütte mit einer Nymphe wohnte, daß der braune Glanz ihrer Schulter mehr wiegt als Ruhm, als Ehrgeiz, als alles.

Das Grün des Sees wird uns verfolgen durch den Pferdeschaum und die Spaliere der Fichten, die auch in der Rotglut des Herbstes die Erinnerung deiner Anmut manchmal noch tragen, wird versprühen am Bleihimmel und zuletzt wird ein geringes davon über der Braue der Frau sein, die schweigt:

wie fern ist mir davon selbst das Nächste, aber wie grausam ist Glück.

Du wirst es hören, jeden Laut, wenn ich von dir rede.

Sommer steigt von der Alpspitze golden herab. Die Sonne schwenkt prasselnd Glut aufs Heu. Die weißen Krokus sind nicht zu fassen in der Fülle.

Du hörst, Uga, wo auch immer du, wenn das Wasser du abtatest, vorziehst die Pause deines Daseins in unserem Bezirk zu verbringen:

Ob du durch Stadtpaläste feierst, auf westlichen Schlössern vor einbrechenden Horden nachts fährst . . . . . . kein Laut, wenn ich rede, der dir entginge, den du nicht schmeichelnd empfindest. Wir sind nicht getrennt. Du nimmst alles auf, wie immer, die schmalen Lippen wenig verschoben, den Kopf auf dem kräftig gegossenen Halse kaum wiegend, manchmal nur nickend. Nie gab ein Gott einer Diana so viel von einem Kinde.

Ich träume nun, allein jetzt auf den Matten, in die Hände, wo du seist:

Jagst du nackt vor Männermeuten skiernd nach Kautokeino mit hell schreiender Gurgel? Wälzt du in Osorisschnee das erglühte Gesicht? Funkelst mit nächtlichen Lanzen den Okzident ab der Sehnsucht? Schwingst auf Delphinen durch violetten Abendhimmel? Bläst ein Horn auf den Sternbögen?

Uga.

Wie gleichgültig dies Rätseln. Es war. Es bleibt. Welches Glück!

 

Das träumen wir, wenn es uns wohl geht. Aber man stirbt. Aber man gerät in das Elend. Die Leidenschaften steigen in die Niederung dann, wo sie um Hunger, Krankheit, Leiden sich bewegen. Wir sind verloren, wenn wir abstürzen. Wo sind dann die Geliebten?

Du weißt keine Antwort auf die letzte Frage, Uga! Bist du bei mir, wenn die Mondsichel tragisch auffliegt. Steht das Zucken deiner Braue als Trost am Horizont, wenn man mich füsiliert, wenn ich im Straßenkampf stehe, elend in einer Vorstadt vegetiere, der große Sund meine Malaria nicht mehr herunterwirft in die Tiefe des Thermometers?

Man ist allein. Man geht beiseite zugrunde. Wir sind zerborsten in die Welt gesprengt. Man weiß nichts von den Herzen, an denen man unirdisch gelegen. Unsere Kraft versagt. Niemand kennt einander, wenn wir krepieren.

Welcher Mann wird, die Locken verwirrt, in Scheweningen nachts die Midussi zu Tode quälen? Wer wird mit einer Achselbewegung Margits Frische im Keim ertöten? Wer gibt der Ritterstad, von einem Auto bedroht, den Tip sich zu wenden? Stirbt Bambulas Stärke an einem foul blow des giftigen Ukrainers? Wer rettet Lella vor der Schwermut im Walde?

Selbst Kerstins tödliche Sekunde zeigt niemand meinem Auge, wenn sie, verstörten Gesichtes, schön und schmal zum letztenmal ein Bild in dem Seespiegel sucht.

Am Ende ist Einsamkeit. Man ist vor dem Ziel betrogen. Alles war umsonst. Wir sind allein.

Wir haben wohl Göttliches genossen, aber sind vor dem Tode eine Null. Alles war Lüge, die wir uns gestatteten. Wir waren einsam im Getümmel. Waren frauenlos in den heißesten Weibernächten. Wir haben uns mit Kameradschaft gepanzert, aber, ach, es überließ uns dem Nichts. Die Menschen haben uns wie Bienenschwärme umschart, aber wir haben uns getäuscht, sie haben nichts genutzt.

Die Landschaft, von der wir dachten, sie tränke uns, durchspüle uns mit Geruch, Fels, Wald und Baum, seliger See, einzigem Meer, weicht aus, wenn unser tödlicher Blick sie sucht. Die Natur ist feig wie ein Hund, unfähig dem, der ihr nichts zubringt, zu geben, uneingedenk der Zeit, wo wir, als wir olympisch zu schweifen glaubten, sie wie eine reife Polle aus der Ewigkeitstunde schlürften.

Wir haben sie nicht erlebt, sondern in sie hinein gedacht, was wir wünschten. Mit den Leidenschaften, die sterben, erlischt auch ihr Gegenstand. Man ist in Einsamkeit.

Wir Armen.

Wenn wir nüchtern sind, sehen wir unsere Spiegel. Wir haben uns an uns selbst berauscht. Haben unsere Stimme mit Glanz, den nur jugendliche Kraft so schmerzlich und hallend verlieh, ohne Echo hinausgerufen. Wir haben die besten Stunden wegen Chimären verlitten. Als wir am schönsten glühten, waren wir in schweiniger Bitternis.

Wir haben in der Tat die Welt umschifft, um als Drecksäcke in die Hafen zu laufen. Ausgestreut haben wir, aber nichts eingenommen. Gegründet haben wir, die Bilanz ist bankerott.

Auf Sternpolen haben wir uns wie Dioskuren verschmolzen, aber liegen als Pack vor die Karren gekehrt. Das ist der Schluß. Man kommt nicht heraus aus der Einsamkeit.

Dann aber, Uga, stehen wir allein unter Gewittern, verödet, trostlos, preisgegeben, und der Fluch zerschlägt auch selbst hinter uns die Erinnerung unserer Fahrt, die manchmal doch an paradisische Landschaften kreuzte. Die Blitze sind nüchtern, wenn sie zerstören. Wo bist du? Wir sehen einander nicht mehr.

 

Wir Kleinmütigen. Wir Schlucker der Verzweiflung. Dieses Leben.

Wie herrlich muß es sein, daß auch seine besten Tugenden manchmal selbst den Kühnsten bezweifelbar scheinen.

Welches Glück, daß wir erkennen: Bestien sind wir. Belämmert, klein, Ausgespiene, verdammt von der Geburt auf. Wir haben als Helden uns maskiert, wenn wir als Hyänen uns fühlten. Wir haben uns Mächte angemaßt, die wir, nur gedrehte Figuren, nie besaßen. Haben uns empört, die wir zerbrechlicher sind wie Glas. Wir sind Arme und Trübselige, im Verbrechen befangen, nach Schmutz sehnsüchtig, Größe abgewandt mit Eifer, und selbst in unseren Instinkten unverzeihlich mißleitet.

Denn da beginnt erst unser Anfang, indem wir, ohne die Möglichkeit, tiefer zu fallen, unser Elend und unsere Wünsche vergleichend, die Sehnsucht nach der besseren Station wie alles Irdische in uns tragend, die Himmelfahrt jedes Aases antreten.

Je tiefer wir uns wissen und je geringer wir uns einschätzen, um so heller sind noch immer die Montgolfieren der Leidenschaft in unwahrscheinliche Möglichkeiten geschwebt.

Wir bekommen langsam die zwei Gesichter, von denen das eine erbleicht über unser Elend, während gleichzeitig schwärmerisch das andere in graziösen Minuten Glückshügel überschweift.

Denn wir sind kühn genug, das Nichts zu überschreiten und an die Tiefe unserer Erbärmlichkeit die Höhe unserer Leidenschaft anzuschließen, mutig genug, statt Sklaven uns zu Herren aufzuschwingen in den Spiralen des Ewigen, in die wir, seltsame Schicksals-Looping-the-loop-Fahrer, gehängt sind.

Wir haben kein Anrecht auf Glück.

Gut.

Erobern wir es.

Würden wir nicht gleich platten Fröschen manchmal zusammengeknallt auf die Tiefe unserer Erbärmlichkeit, wir fänden, Satte, Eitle, nicht die Kraft, die großen atemlosen Mondaufgänge immer wieder mit erregten Herzen zu erwarten, die ruhige Sonne über Tulpenbeeten zu genießen und über den Wäldern geheimnisvoll die wandernden Regenbogen zu suchen.

Seltsames Leben.

Wie niederschmetternd muß es im Grund sein, daß selbst die Kühnsten so sehr sich daran zu begeistern verstehen.

O wie erinnere ich mich der Sybilla Monti, die aus dem schmalen Hafen von Antibes mit der gleitenden Bewegung der südlichen Frau, die frische Syphilis im Körper, verkleidet als Schiffsjunge, gesucht von Polizisten, mit dem großen Segelschiff in das tödliche Schicksal fuhr . . . .

aber gereizt von der unwiederbringlichen Schönheit, mit der von den Seealpen her über Aloe, Orange und Lorbeer der Mond das Silberrot der Wellen wie Duft in sein Licht hinaufzog, die Arme in eine große Bewegung des Entzückens vor dem ersten Segel aufzuheben wagte — — — eh wir sie morgens mit den tierisch schönen nackten Oberschenkeln an den Strand getrieben sahen.

Wie ging da sterngleich jener Frühling der Erkenntnis am südlichen Meer meiner dumpferen Jugend auf:

O Frau von Tervani, vor deren weißer Palmvilla und abenteuerlichem Schmerz mir der Mai die fremde Seelandschaft berauschend versang, wo ich die hellen Stufen von dem Olivenpark zum Strand Abend um Abend hinuntergehend meinen verschollenen Bruder als Steward im Hafen des nachbarlichen Genua erwartete auf einem nie nahenden Schlepper, wo Rosmarin und Buchsbaum und das Licht des gelben Ölbaumholzes aus dem Kamin Frau von Tervani umrahmten — — — — — bis ich aus dem Erwachen ihrer Arme heraus blitzhaft durch die hohen aufgegangnen schmalen Läden über der Terrasse unten im Hafen die ägyptische Fregatte Bonapartes erblickte . . . .

. . . . . daß von dieser Sekunde ab die Wollust mich mit jeder Segelflaute, jedem Wolkenschauer über der süßen Bucht, jedem goldnen Pirol, der uns aus dem Hain herauf weckte, unzähmbar überschwemmte:

nun in die noch unbekannten Länder aufzubrechen, Tiere zu suchen fabelhafter Form, Menschen beispielloser Vielfalt zu erkennen und genießen und belauschen, Städte, Meere, Kape zu übersteigen, Früchte im Morgen, Dampfer an der Reede, Stürme an den Antillen und Schmerzen der Sehnsucht zu erblicken . . . . . . und einmal dann am Ende in Bücher Menschen ohne Zahl und überlegen wie Körner durch das Sandglas stürzen zu lassen, daß noch vier Generationen der Jugend nach mir sagen werden: welch ein herrlich Lebendiger hat hier unvergeßlich gewandert.

 

Uga, welche Unterwerfungen hat es seither gekostet, Geliebte, bis ich erkannte, wie begrenzt wir sind in dem Dasein und beschämend eingehürdet in diese Welt, daß ich schließlich vermochte, auch über die Zweifel unserer Unzulänglichkeit hinweg so Verflüchtigendes und so göttlich Unerreichbares wie dich, Uga, ganz zu umfassen und auch wunschlos noch zu genießen und zu lieben, wo unsere Hände schon im Leeren treiben und unsere Leidenschaften nicht mehr genügen und fassen.

Welche Opfer und welche Entbehrungen, um dies Ruhige zu erreichen und nicht weiter zu trotzen . . . . . du sahst es nicht. Wenige werden sie meinem Leben und der ihnen zugewandten Fläche meiner Existenz glauben. Niemand wird es wissen.

Es muß nicht sein.

 

In diesen Tagen kam der Föhn unter wolkenlosen Sternen über die Steppen gefallen. Er wirft sich auf Lil Pax’ Herz.

Sie lächelt. Wenn sie allein ist, stöhnt sie leis. Depeschen kommen. Menschen fahren heran. Eis, Kaviar, Kompotte . . . . man sendet das Erdenkliche in die Villa. Sie erhält Kampfer, Veronal, Morphium. Es vergiftet sie, sie lehnt ab. Die Atemnot kommt. Ich sitze an ihrem Lager. Die Helferinnen pumpen den Sauerstoff über ihr Gesicht. Das Telephon ist belagert. Sie empfängt niemand. Eine Rippenfellentzündung trifft in eine Nacht, sie breitet sich nicht aus.

Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Körper es überwindet, ob er versagt. Sie hat die uninteressierte Neugier mit leichter Ironie um den Mund. Als sie keinen Atem mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit ganz. Sie wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die sie mit der Welt verbinden. Nichts erleidet eine Störung. Sie diktiert ihre Post. Sie empfängt, sie unterhält sich. Der Atem versagt. Sie verlacht mit liebenswürdigem Spott die kleine Nonne, die neben ihrem Kissen den Jesus verküßt: „Haben Sie keinen anderen Geliebten?“ Der schönen Nonne stürzen die Tränen. So groß ist die Rührung ihres Zaubers.

Aber als nachts plötzlich die Fieber sanken, das Herz ruhig pumpte, die Rippeninflammation zurückging, die Krise überschwang . . . . . nahm sie Lächeln und Maske des irdischen Aufenthalts von den Augen:

Sie entfernte sich in einer erschreckenden Anmut. In einem unbeschreiblichen Prozeß der Lösung schien der Körper immer weiter sich zu verflüchtigen, und ihr Geist allein beherrschte in quecksilberner Reine die Bögen der Stirn. Ihre Hände schienen nicht mehr da, die Augen, der Mund waren verloren, aber ich habe nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel gespürt.

Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des knospenden Birkbaums im Garten zu ihr geführt. Ich habe Äpfel, die noch rochen, ich habe Krokus, Aprikosenzweige in Blüte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie hörte das Jägerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein des Flusses auf ihre Hand gelegt, daß sie das Murmeln der Wellen wieder höre.

Sie war zwar gefolgt.

Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem Glühenden hier wie immer nachgeschritten und hatte sich angesogen an das Pfeifen des Föhn und die Wiesen voll Himmelschlüsseln und den betäubenden Heranmarsch des blühenden Grases von allen Hängen und Matten.

Aber ihr Geist lächelte: das Spiel zerfiel.

Sie wollte nicht mehr zurück den Weg über die dreiundzwanzig Nächte der Qual. Er hatte sie zu weit vom Leben entführt, als daß sie um den Tausch eines zerbrochenen Körpers die große Sinnlichkeit gegeben hätte. Denn was geblieben wäre, war Aussicht auf Qualen in einem Nichts an Leben. Sie legte es zu dem andern: „Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering für meinen Anspruch.“

Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material, aus dem sie gebaut war, wehrte sich am falschen Platz. Platin und Stahl des schmalen Körpers hielten bis zum Zersprengen, als sie schon abschloß. Sie erwachte: „Es ist spät.“

Die Schwester, geneigt: „Du bist müd Lil.“ Sie richtete sich auf: „Man muß sich nicht gehen lassen.“ Die Augen, weit offen, sahen nichts mehr.

Die schmalen braunen Märtyrerhände lagen auf der gelben Seide der Decke. Sie lagen schön und körperlos. Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie nicht mehr verbrennen.

Dann machte sie noch eine Bewegung —: sie wandte, unzwingbar, dem Feind, der seit Jahren in ihr zerstörte, mit einer unerschreckbaren Größe, gebend, mild das Gesicht zu, daß er erbleichte. Sie war souverän. Er besiegte sie nicht. Sie gab sich hin.

Zum erstenmal ließ sie sich gehen. Ach, es haben viele geweint.

Was ist nun Sterben?

Ich habe mit niemand über diese Tage viel und groß gesprochen. Wie glücklich bin ich. Wie frei.

Greller, gewaltiger, asiatischen, aber schön gedämpften Musiken gleich rollt aus dem Westen über mich täglich der schmetternden roten Sonne zu die heimliche dunkele über meinen Horizont.

Wenn sie sich schneiden, ists Mittag. Abends erlöschen sie beide an den Polen der Fläche. Nachts kreisen sie unter mir. Ich spüre sie beide unauslöschlich, jede in ihrem Kreis.

Ich fahre.

Mit abenteuerlicher Fülle wirft mir der Maingau den aufduftenden Sommer mit allen Prärien und Wassern und Wäldern und Hügeln und Flüssen dazwischen entgegen. Ich gehe mit festen Schenkeln und der hochgewölbten Brust des Seglers und Fechters in ihn hinein.

Der Zuschauer

Die Geburt vollzog sich am neunundzwanzigsten Februar auf Schloß Favorit bei Baden-Baden, als schon heller Frühling war. Sein Vater war der Portier, der in gelber Livree, rotbehost, die großherzoglichen Farben zur Führung der Fremden trug, das Kind Cepha Billy nach einem Nick-Carter-Schmöker nannte und Ehrfurcht vor den Dog-Carts und Autos lehrte, die durch die viergegliederte Allee heraufstrichen.

Bald nachher folgte seine Mutter einem feurigen Chauffeur, der sie mit Glasketten behängte, mit der Pistole den Gatten bedrohte und die schmalhüftige Frau in fliegenden Kurven zur Rheinebene hinunterknatterte.

Mit vier Jahren warf Billy einen Stein nach dem Prinzen Schlitz-Glitsch, der auf der Wiese das Strumpfband einer deutschen Aristokratin zu befestigen suchte. Der Prinz fuhr herum, begann zu lachen und schenkte ihm fünf Mark, was den erbleichten Vater so erschreckte, daß er zwei Schritte gradaus machte und in strammer Haltung, die Mütze auf der flachen Hand: „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten . . .“ zu singen begann.

Mit neun Jahren riß Billy aus, indem er sich an ein Auto hängte, was erst in Karlsruhe entdeckt ward. Ein Gendarm brachte ihn zurück. Gestraft wurde er nicht, der Portier ließ eine fast furchtsame Verwunderung spüren.

Mit zehn Jahren leierte Billy eine lebende Katze am Schwanz in den Kastanienbaum und sagte das Vaterunser auf, während er im Kreis der Gehöftkinder Steine nach ihr warf.

Da der Pastor selbst ihn am Ohr herunterschleifte, machte die übermäßige Angst dem Portier Mut, das Ende einer Komödie zu finden, in der nur sein Respekt ihn hinderte brutal zu sein. Er schrieb einen Brief nach Kowno, in dem er alles aufzählte und sich der besten Gnade empfahl.

Einige Wochen später, als Billy im Bett lag und auf die Mondkringel lauerte, die durch die Alleen strömten, fuhr ein Wagen herauf, es wurde angeklopft, geöffnet, eine Stimme rief „mein Sohn“, stieß die Tür auf, kam her, von einem möderischen Lachen umschwungen, und nahm ihn aus dem Bett.

Die Nacht schaukelte Billy auf den Knien des Fürsten Wolkowski, der ohne Unterlaß redete, der Portier sollte Tee machen und von seiner Frau erzählen, aber er kam immer in die Jahreszahlen der Porzellankabinette hinein und kaute wie mit dem Mund einer Rüstung schnarrend und sinnlos. Am Morgen nahm Wolkowski seinen Sohn mit.

Er schob dieses Niveau, das ihm seiner Mutter nach vielleicht gelegen hätte, als durch die Ereignisse überholt und des Kindes Blut offensichtlich nicht entsprechend, rasch von ihm weg, um es einer markierteren Zukunft entgegenzuführen.

„Lebewohl“, schrie er dem Portier zu, doch er war nicht zu finden, erst wie sie rasch das Haus verließen, trat er in den Alleegang, als der Wagen schon lief, vermochte kein Wort zu sagen, sondern blieb stehen, warf die Arme „Präsentiert das Gewehr“ und den Kopf „Augen links“. So fuhren sie an ihm vorbei, Billy winkte mit einem Tuch.

Wolkowski lehrte ihn auf der Fahrt noch, daß er unter allen Umständen keine Mutter habe und brachte ihn nach Gerolsheim in ein Pensionat. Er behielt seinen Namen, nur wurde ihm der Vorname Wolkowskis, Harion, hinzugefügt, man nannte ihn Harri. Wolkowski war ein ungewöhnlich schöner Mensch mit kleinem dunklem Bart am Kinn und einer Kante an der Stirn, die sein Interesse am Kleinen mit einem Wachsein für ein langes und weitgespanntes Dasein verband.

Ein Jahr später übersiedelte Harri, der seinen Vater nicht mehr sah, auf seinen Wink in die Odenwaldschule, wo er zwei Jahre lebte mit beiderlei Geschlecht, wilden Mädchen und klugen Jungen und einer Erziehung, die ihm Freiheit des Geistes als oberstes Merkmal pries.

Dann zog der Befehl Wolkowskis ihn nach Ettal. Im Kloster mit der halb bäurischen, halb besten aristokratischen Jugend Bayerns, lernte er strengste, kirchlich geheizte Zucht mit dem vereinen, was an der Bergstraße seine Lehrer ihm als Ziel der Lebensidee an Freiheitsgefühl unausrottbar ins Blut gesetzt.

Wolkowski war tot, als er das Kloster verließ, ein Anwalt verwaltete ein ansehnliches Vermögen, das der Magnat seinem Bastard übermittelt.

Er ging nach Genf, München, Berlin, sah kurz Warschau und Petersburg und verbrachte seine Zeit in der üblichen Form seiner Gesellschaftsklasse. Ausschweifungen bestätigten ihm nur vom Kloster her Bekanntes in größerer Ungebundenheit, in die niemand mehr hineinsprach. Sonst war nichts Neues da, außer dem, was das Auge durch Vergleiche ablas.

Die Zeit begann dagegen, die auf sie Horchenden bereits zwischen ihre schon heftig mahlenden Mühlräder zu nehmen, und, zwischen fernen Gewittern und glatter Gegenwart, war ein Mann nur, wer sich entschied.

Durch ein Mädchen, das er mitnahm, kam ihm das niedere Schicksal in seinen Gesichtskreis, was man mit einer Handbewegung sonst abtat, was man nicht wissen und erlebt haben durfte, wenn man heiter weiter leben wollte und ihn begann das Dasein der anderen tieferen Schichten anzuziehen, jedoch nicht mehr als mit teilnehmender Neugier.

Mit glänzenden Beziehungen, reich, schlank und mit blonden Haaren über dunklen Augen, einen sportlich gewaltigen Rücken zwischen der slavischen Eleganz tierisch anmutiger Bewegungen auf schmalen Hüften schaukelnd, angesehen und nicht ohne ererbte Haltung, zog ihn alles eigentlich zu Erfolgen und Siegen seiner Schicht.

Aber eine dumpfe Erbschaft, die von der Mutter her sein Blut bewohnte, zwang ihn immer wieder, eifrig den Ausgleich abzutasten von seiner Klasse zu der, wo man fern demonstrierte, schuftete und stank.

Nach jedem Versuch aber, sich dort festzuklammern, flüchtete er zu neuen Geliebten. Es lockte ihn dunkel aber sofort wieder hinunter.

In Mons fuhr er in Manchesterhosen in die Braungruben, aß Speck, Brot, gröhlte und schnapste. Kräftig, braun, erfrischt, aber innerlich erschöpft kam er nach Köln ins Hotel.

In München arbeitete er im Wohlfahrtssekretariat, Fürsorge, Antituberkulose. Sein Lehrer Brentano zeichnete ihn im Seminar aus, wo er durch kühne Einfälle die besten volkswirtschaftlichen Florette führte.

Als es anfing ihn zu verwirren, daß bei allem Drang und aller Lust er in den Tatsachen der Masse fernblieb, ohne Kontakt und selbstverständliche Gemeinschaft, während das, was er von Natur leicht besaß, ihn in seinen Möglichkeiten nicht reizte, fuhr er auf der Durchreise zu dem Mann, der neun Jahre sein Vater zu sein schien.

Der kannte ihn nicht und begann erschreckt, als der Kavalier über den Horizont seines in elf Unteroffiziersjahren erreichten und umschlossenen Weltgefühls sich ihm zärtlich nahte, Hilfe bei seiner vorgesetzten Autorität zu suchen und knarrte verzweifelt die Namen und Jahreszahlen der badischen Dynastie herunter.

Entsetzt fuhr Harri durch die fabelhaften Alleen.

Zwei Jahre ging das Leben so hin, bis die Operation des Appendix ihn um ein Haar erledigte. Auch als er genas, geriet er dem Tod nicht aus seinem Bann.

An der Grenze des Lebens hatte er verlernt, die Wichtigkeit der irdischen Dinge respektvoll beizubehalten.

In einer tiefen Melancholie, die allerdings nicht auf die Oberfläche seines Wesens trat, erlebte er nur noch den spielerischen Reiz im Ungefähr dieses Existierens und blieb schon durch den Gedanken, daß er bei Unkenntnis dieser Operation vor wenigen Jahren ein verscharrter Kadaver und eigentlich nur geschenkt und leihweis dem Leben überlassen sei, lächelnd plötzlich jenseits der Probleme und Fragen der Zeit aufgestellt.

Seltsamerweise ging alles Seitherige in seinem Gedächtnis unter, er begann neu die Eindrücke zu spiegeln, ohne sie aufzunehmen.

Eine Laune des Todes, verbrannt von der einmaligen Größe seiner Nähe und nur noch imstande mit diesem furchtbarsten aller Wertmesser noch einzuschätzen, ein fast uninteressierter Beurlaubter des Sterbens, so fühlte er sich, obwohl stark und voll fiter Gesundheit, einem Dasein entgegenschreitend, das er einerseits nicht besonders einzuschätzen vermochte, das auf der anderen Seite aber mit verzehrenden Lockungen und dauerndem Wechsel ihm gegenübertrat.

Noch müd fuhr er, zu reisen, von Baden nach Folkstone, der Himmel war voll Gewölk und lichter erst über den wollweichen Wiesen von Kent. Zwischen den Riffen und Blumen und Bächen, Hornissen und Sturmschwalben gingen Wochen, die nichts gaben, nichts nahmen.

Bei Angeln, Jagd, bei auf dem Rückenliegen, im Anblick eines Hauses, des hellen New-Romney, im Anblick von Wight, der Cousine Lyne eines Freundes, die morgens viel lachte, im Anblick der Grasschur für Hockey, im Anblick von Bournemouth, von einem Korallenparksee, der Portlandinsel, im Anblick eines Strandes, der immerzu ihm entgegenzuschwimmen schien, im Anblick von Weihen und Hasen, von Uplyme Hill, Lyme Bay, von Hunden, von einem Kerzenbegräbnis, von Cast Looe, Himmel, Birken . . . . . . im Anblick von Fischschuppen, die ganz neu ihm erschienen, vom Zinnober des Abends über Kühen, im Anblick von Abteien und Ulmen, Gerrans Bay, Polperro, Gorran Haven, im Anblick des Hallstroms, wo er ins Gewirr des Meerarms strömte unter Blattwerk und rudernden schwarzen Enten, im Anblick von Cape Cornwall, St. Ives, einer Hochzeit im Dorf, im Anblick eines Autos, das in die Luft sprang und ins Meer stürzte, im Anblick einer dauernden besonnten, reichen und wundervollen Reise empfand er nur ein gewisses Interesse, das sich abendlich verdunkelte, in der Frühe immerhin nicht ohne Sympathie war.

Er stieg vom Dampfer, nahm die Bahn und ging quer durch Cornwall zurück. Am Waldrand bei Liskeard bettelte ein Vagabund ihn an, Harri bettelte zurück. Da lief der Störzer wie ein Eber schreiend davon. „Simpelst thing in the world“, sagte Harri, sah ihm nach, fischte ein paar Tage Forellen mit Edinburgher Studenten, fuhr durch blühende Grassteppen ans Meer, durch Sussex, und kam nachts nach Paris.

Im Hotel neben dem Panthéon schrillte dieselbe Nacht unter einem Dietrich das Türschloß, sein Schlüssel flog heraus, das Licht ging an, ein Herr im gelben Pyjama stand vor seinem Bett, verbeugte sich, hielt den Finger auf die Lippen, deutete auf eine Dame, die hinter ihm stand und glitt lautlos hinaus.

„Wie heißt der Mann?“ „Gallow.“

Sie flüsterte zitternd, während draußen der Lift hochschoß, Männer liefen, ein Zimmer erbrachen, die Stimmen aufkrischen und langsam zurückfliehen und verschwanden. Harri bot der Dame sein Bett an und verpflichtete sich, im Lehnstuhl zu schlafen, die hatte einen Kimono über dem Hemd, die nackten Beine bebten. Nach zwei Stunden entführte sie Gallow mit einer Verbeugung, eine Limousine nahm sie auf vor dem Hotel, die Vögel sangen bereits in das Lila einer Dämmerung.

Mit dem Grafen Shanvady, mit dem er eine Zeitlang in Ettal zusammen war, fuhr er die ersten Tage nach St. Germain, nach Enghin, nach Calais. Mit Shanvadys Cousine Mirei fuhr er zum Sonnenaufgang nach Trouville. Im Motor begleitete er sie durch das Abendrot der Seine am Trokadero.

Ihre Schläfen waren leicht eingebogen, die lebhaften Nüstern zitterten scharf und anmutig, das Auge war bedeckt mit einem perlmuttenen Schleier, unter dem das leidenschaftliche Herz sich kühl verbarg.

Vor Bildern, im Musée Moreau, vor den Räuschen übergroßer Empfindung, fiel ihr Gesicht wie eingestürzt noch nach innen. Sie war so unerlöst, daß der Hauch einer seelischen Bestürzung sie erstarrte, eine Zärtlichkeit der Stimme sie fiebrig den Blick verschwimmen ließ.

Auf den Rennen in Auteuil traf er dagegen am Totalisator Gallow wieder, der eine Bande kommandierte, die zwischen den Buchmachern, Jockeys und Startrichtern hin- und herschoß und signalisierte. Er setzte auf ihre Tips, gewann, verlor, gewann. Angezogen durch die Organisation blieb er dabei, nachts endete er mit einem Umzug durch die Brasserien des lateinischen Viertels. Da Gallow am nächsten Tag in die Provence verschwand, kam von dem Räderwerk einiges an Harri heran.

Er schaffte den holländischen Photographen Visser, der die dunklen Höfe für drei Sous aufknipste in ein illustriertes Journal, wo Visser die Klischees an Althändler zu verkaufen vermochte mit siebenfachem Gewinn gegen seine Gage. Er schob Germaine als Tänzerin in das Ballett, wo beim achtundzwanzigsten Mal erst ihrer Schenkel Kraft einem Kritiker auffiel und Germaine auf den Punkt gelangte, ihr gewisses Renommee und diesen Ruhm zu abenteuerlichen Räubereien an der Gesellschaft zu benutzen.

Er bugsierte den Juden Blumenthal in den Marstall des Präsidenten, der dann, von der Opposition bestochen, das Pferdezeug durchgehn, den Wagen auf der Straße von Neuilly umschmeißen und den wackelnden fetten Mann als Oberhaupt der Republik von Maulaffen und Verbrechern mit Birnen beschmeißen und in aller Taghelle besudeln ließ, bis seine glänzende küraßte Kompagnie herbeikam, aber den Skandal nicht mehr aufspießte, der aus einem Film und hundert Karikaturen über Europa flitzte.

Er bewegte sich in dem Milieu politischer Flüchtlinge, bankerotter Literaten, sozialer Bohèmes und Glücksrittern, in diesem nihilistischen und auf Karriere bockgeilen Milieu mit der Sicherheit seiner Beziehungen und seiner Uninteressiertheit.

Dazwischen sah er Mirei.

Bald mischte sich sein Leben.

Er saß mit der Ungarin in der Opernloge, aß mit ihr und Shanvady im Café de Paris und fuhr im spiegelglatten Auto in den Klub der Rue de Grenelles.

In derselben Nacht in schiefer Sportmütze und Sweater decouvrierte er den Rennfahrer Müller, der im Absynthrausch in der Rue Champollion gestürzt war, als Besitzer eines zerborstenen Holzbeins, Spitzel, und Besitzer von fünfhundert Francs, die er verschwiegen und sich von den kleinen Kokotten hatte aushalten lassen.

Er tastete mit Mirei die Knoten der ältesten Spitzen ab im Musée Cluny und ging dem Filigran nach in seine jahrhundertalten Verästelungen.

Er holte Hallboog hingegen aus seiner fensterlosen Baracke, wo er zwischen dem Bild einer Frau, die ihn betrogen, und dem Glas darüber, eine Brut Wanzen züchtete, und brachte den gertenschlanken, haarumbauschten Burschen zum Führer des Chors in eine dramatische Revue des Odéon.

Er ging im Promenoir der Folies Bergères, den Zylinder im Genick, die Hand in der Fracktasche neben Mirei, und machte in dem Café der kleinsten Huren den Kroaten Mitro Petrova aufmerksam auf eine Notiz im Figaro, die einen phantastisch reichen und abenteuerlichen Sportsmann und Aristokraten seiner Rasse bei Geschick in seine Hand gab.

Er fuhr zum Golf auf den graziösen Avenüen zwischen den Idyllen und Zartheiten der Gebüsche mit Mirei im Bois de Boulogne auf dem Mail.-Phaeton, und brachte Petrova hingegen unter als Spitzel gleichzeitig bei dem serbischen und österreichischen Konsulat.

Er glitt mit dem Räderwerk, das er stellte und spielte, tief in das Milieu, war im arabischen Viertel heimisch wie ein Zuhälter, kannte und lernte die Tricks der Polizei, der Gesellschaft, lernte die Finten dagegen, die Fallstricke, die Betäubungen der Gegnerschaft. Wußte, wie Mädchen verkauft, Männer ausgetrieben werden, kannte die Führer der Milchdiebe und der panslawischen Komitees, lebte in dem Rauch der europäisch gemischten unruhsamen Retorte, wurde von Mirei nicht erkannt, als er ihr als Camelot ein Abendblatt vor der Oper verkaufte, nicht, als er statt Hallboog dem Chor im Odéon die Stichworte gab, aber er brachte genug unausgesprochener fremder Welt an sie heran, daß sie ohne Begreifen aber gefüllt bis zum Rand mit Instinkten mit ganz weit geöffneter Iris und dem fiebrigen Pochen, gleich einem dahinter schlagenden Vogelherz, ihm gegenübersaß.

Als Mitro Petrova, durch das Pech verfolgt, nicht beim Grafen Castiglione, jenem großen ungarischen Sportsmann, vorgelassen wurde, nahm er selbst, in Petrovas Maske und ausgefransten Hosen und ohne Kragen die kompromittierenden Briefe, erreichte, von Petrova gefolgt, in dem Hotel am Vendômeplatz drei Appartements, ging in das vierte, von der erblaßten Dienerschaft bestaunt, sah eine Frau im Peignoir halbnackt, aber mit deutlicher wunderbarer Schulter durch einen Vorhang verschwinden und hielt mit ruhiger Überlegenheit dem Grafen, einem breiten, nackenschweren Burschen mit rötlichem Bürstenschnurrbart die Papiere und die Situation vor und ließ ihn wählen.

Verwirrt griff der nach dem Schlüssel seines Schranks, um auszuzahlen, da stürzte Petrova auf die Papiere, warf sie dem Grafen vor die Füße, warf sich in den Teppich auf die Knie, verzichtete auf die Rente und erbat als Gegenleistung für die Papiere seine Geliebte für eine Nacht.

Der Graf riß die Papiere an sich, bekam durch diese Wendung Mut, spannte eine Pistole, und nur mit schrecklichen Sätzen gelangten die beiden ins Freie. Der Figaro brachte Castigliones Bericht durch seinen Interviewer, das Journal sein Bild, der Polizeipräsident setzte eine Belohnung auf die Erfassung der Attentäter.

Am folgenden Morgen machte Petrova Harri klar, daß er nichts, Harri alles zu verlieren habe, und daß er Geld brauche. Harri lachte und schlug ihm zweimal seine Handschuhe ums Gesicht. Nun tauchte aber Gallow wieder auf, eifersüchtig und gewandt versuchte er ebenfalls die Erpressung. Harri gab ihm eine Banknote. „Einmalig . . . . wie der Tod“, sagte er.

„Yes“ — Gallow.

Nach drei Tagen begann Gallow die Erpressung von einer anderen Seite. Harri suchte ihn durch einen Dritten, der zuhörte, zu fassen. Es gelang nicht. Als er ihm entgegnete, daß er, wie seinerzeit den Störzer am Waldrand bei Liskeard, ihm auf gleiche Weise Erpressung vor die Brust schießen werde, fragte Gallow kalt: „Wieso?“. In der Tat gab es gegen diesen eleganten und gefährlichen Halunken kein sicheres Material.

Das sagte Harri zu dem Grafen Shanvady, als er mit ihm vor dem Café d’Harcourt saß, und damit trat Shanvady in sein Leben, in das er tief wie niemand einschnitt.

Shanvady frug, ob er ihm das Arrangement überlasse, Harri nickte; Gallow verschwand.

Am gleichen Tag fuhr Harri ohne Shanvady mit Mirei nach Fontainebleau. Das Wasser hatte eine zauberhafte Durchdringung der Luft, die Parke standen hauchklar und leicht.

Sie erregten sich aus der Beschwingtheit des federhaften blauen Tags hinein in die Schönheit des, was sie umgab. Er zeigte ihr den Hof, wo Napoleon Abschied nahm vor Elba, und Sergeant Dubois durch einen Schrei die ganze Kompagnie zum Heulen brachte.

Vom Wagen links und rechts sich neigend, verständigten sie sich, daß hier der Rousseau gemalt, dort der bauernhafte Millet, da der Daubigny, und am Ende überall der aus Silber und Flöte die Welt geschaffen: Corot.

Schon im Schloß lächelten sie sich zu und begannen die Säle zu durchrennen, immer süßer wie von ihrer eigenen gleichströmenden Harmonie weitergetragen, bis Mirei neben einer schlanken elfenbeinernen Vase der Marie Antoinette stehen blieb, errötend, ihn erwartend und die Hand auf der Brust, atemlos: „Fühlen Sie mein Herz“.

Alles war nunmehr aus ihr herausgetreten und hatte sich in ihrem Gesicht aufgestellt, bereit wie mit einer großen und feierlichen Zeremonie ihn zu empfangen und ihm entgegenzutreten.

Allein in diesem Augenblick entfernte sie sich unter seinem Blick, er fühlte keinen Anlaß und keine Begeisterung hineinzutreten in diese Welt, als sie sich ihm öffnete, er vermochte sich nicht darauf zu spannen, daß dies ihm etwas sei. Der Tod hatte ihn zu sehr entrückt, er bestand die erste Probe nicht, mit der das Dasein ihn lockte.

Flaumenweich, dünn und zwecklos floß es ihm weg, er neigte sich nur lächelnd und zurückhaltend, als höre er. Abends nahm er im Luxembourg-Garten eine tschechische Studentin mit, küßte ihre Knie und lachte über die Nationalbänder, die sie durch ihre Wäsche geflochten.

Am anderen Abend eröffnete er mit Hallboog das Kabarett in der Rue Champollion. Er suchte Hallboog damit durch die Varietésensation in die Literatur hineinzubringen, aus der dieser abgebogen war durch ein Weiberunglück, und in die dieser ungebrochene und nur zum erstenmal zusammengeklappte Jüngling mit penetranter Begabung gehörte.

Den Tag über hatte er alles, was irgendwie ihre Kreise streifte, als Sandwichmänner mit Plakaten herumgeschickt. Germaine, die er gestartet, war im Auto mit Herren im hohen Hut angefahren, um als Favorite nun wiederum diesen Start zu machen.

Shanvady in grünem Seidensweater, Apachenmütze, Lackpumps und rotem Halstuch eröffnete, indem er ein Florett durch das Billard stach und, das sechseckige Monokel eingeklemmt einen dicken Herrn in der ersten Reihe verhöhnte. In der Hand hatte er zwei Diskusse, die er dröhnen ließ. In der vierten Nummer sang Germaine, indem sie beinahe nackt auf dem Tisch tanzte: J’offre ces violettes / Ces lis et ces fleurettes / Et ces roses icy / Ces vermeillettes roses / Tout freschement écloses / Et ces oelliets aussi. Die Spanier kamen, warfen ihre spitzen Hüte hoch, schrien ihre Namen: Tomé . . . Elisabat . . . Camacho . . . Curchuelo. Ein zamoranischer Dudelsack pfiff dazwischen, aus den Ecken gingen Grammophone wie Böller los, Überraschungstüren knallten mit aufgebundenen Akteuren um eine wagrechte Achse.

Da sprang über einen Tisch der Holländer Visser, streckte sich eine Sekunde mit dem pockennarbigen Gesicht wie ein Pferd in die Höhe, machte einen Riesensprung und stieß, ihm in die Augen sehend, Hallboog zwei Messer in den Rücken. Die Scheiben des Cafés wurden eingedrückt, Sanitätsleute liefen vom Boulevard herüber, das Polizeirevier sperrte ab.

Sie frugen Visser: warum. Er vermochte nichts mehr zu sagen als den Namen seiner Schwester, die verschwunden war, er sagte ihn bis an sein Lebensende.

Das Komitee ward verhaftet und zurückbehalten. Shanvady rettete sie, indem er plötzlich mit dem grauen Torpedoauto der Botschaft vorfuhr.

Am anderen Morgen traf Harri, aus dem Metro steigend, Mirei. „Wir sind im selben Wagen gefahren und haben uns nicht gesehen.“ Er nickte. Ihr Gesicht sprang fast wie dünn gewachsenes Glas unter den verhaltenen Tränen. „Ich fahre am Abend.“ Er nickte und schwieg. Sie gaben sich vor ihrem Haus die Hand. Bald darauf kam Harri an die Seine.

Ein Dampfer legte bei an dem Steg, er bemerkte jemand, der ihm winkte. Ein Engländer grüßte von dem Dampfer mit hellen Handschuhen ihm herauf, aber erst, als dieser die große Reisemütze abtat, erkannte er Petrova, der, zwischen Lederkoffern und eine Frau neben sich, dem Glück eines Tricks nachfuhr, der ihn in die Höhe geworfen, und den sofort eine Rauchwolke, die das wendende Schiff machte, verhüllte.

Vom Arc de Triomphe sah Harri die Stadt wie einen Stern geordnet und Züge, die in das gewellte abendblaue Ackerland hinausrollten. In einem der Züge war Mirei.

Gegen Mitternacht sprang er über das Gitter des luxemburgischen Gartens, trat in die Platanenallee und kam in die Nähe des Platzes, wo der Wind auf fünfzig Meter die Fontäne gleich einer Peitsche herumschlägt. Auf der Bank saß ein Mann, er erkannte, als dieser aufsprang, Shanvady.

Harri hatte die Hände vor die Augen geschlagen, um besser zu sehen. Das verkannte Shanvady und machte eine Bewegung, die aufforderte, sich ihm vollständig hinzugeben. Als sähe er in ihm einen Zusammengeschlagenen, sagte er: „Kommen Sie mit mir, schließen Sie sich mir an. Ich führe Sie, zu was Sie wollen.“ Harri starrte ihn an.

In diesem Augenblick kam die Fontäne armdick angesaust und Harri fing sie mit der Brust und entgegengeworfenem Gesicht auf. Damit waren sie zu nah in das mondvolle Rondell getreten, die Wache am Schloß trat ins Gewehr, ein Trommelwirbel, die Qui vives kamen durch die Bäume. Die beiden sprangen zurück, machten kehrt, rannten durch die Allee, über die Mauer auf die Straße und verloren sich dabei. Anderen Morgens trafen sie sich, ohne von dem Abend zu sprechen, im Zug nach Straßburg, von wo Shanvady auf eine Besitzung fuhr.

Harri begleitete ihn nicht, versprach ihn später zu besuchen, reiste weiter, im übrigen vergaß er diese ganze Epoche rasch, sie blieb ohne Widerhall in seinem Leben.

Als er Fische wieder fing, war alles aus ihm heraus mit dem Fluß schon abgeströmt und nichts da als das pastellne Rosa-Schaukeln der Wolken und Dächer, das Kuhgebrumm und das Schlafbedürfnis, das von den kräuselnden Ulmenschatten über die abendlichen Matten herüberwehte. Als er Dover sah, nahm er es nackt und ungetrübt, ein Spiegel, der zum erstenmal die Welt in sich spannte. Er sonnte sich wie in sich selbst ruhend, am Strand, auf den Schiffen, als sei nur pausenloses Leben vor ihm und hinter ihm nichts.

Es gab viele Genüsse freilich, die ihn leicht erheiterten, aber es hätten ihn aus seiner entfernten Kühle nicht einmal die Schmerzen getrieben. In Husum knackten die Fischermotore, in Trouville sangen die Austernverkäufer weiter, weiter . . ., in Hamburg krischen die Matrosen: „Glorie, glorie, Hallelujah / Schön sind die Mädchen von Sankt Pauli-Altona.“ In dieser Zeit vermochte er sogar viel zu lesen und zu studieren.

Von Hamburg fuhr er plötzlich direkt zu Shanvady.

In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung der Vogesen ließ Shanvady ihn abholen in einem Wagen des vierzehnten Ludwig, mit sechs Pferden, karmoisin und golden, und einer Krone als Abschluß. Mit Fackeln kamen sie abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem erleuchteten Fenster schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys, der mit sich selbst Schach spielte. Am Portal ließ er Harri durch den Hausintendanten begrüßen, es lag eine Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens in der Luft.

Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten sich eine Dame und ihre Tochter zwanzig Stufen über ihm. Plötzlich fiel mit glatter Bewegung die Hose des Mädchens über ihre Schuhe. „Mais . . Juju . .“, entsetzte sich die Dame. Das Mädchen schlug die Hose dem Hund neben ihr ins Gesicht, erblickte Harri, streckte die Zunge heraus und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe. Sie hatte einen Frottéstoff im Kostüm bis zu den Knien, war etwa siebenzehnjährig, mit biegsamen Beinen.

Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant mit dem Gesicht einer Dogge. Der Stall war mit einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen den Gartenbosketts, die dampften, ritten Reiter durch die nächtlich blauen Schwaden. In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag, standen nackte Jünglinge und hielten sich, murmelnd, an den Händen.

Über sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein Laut, der vor dem Schloß fast starb, aber noch zitterte in der Luft, weich und süß, spielte eine Weile, verschwand und kam wieder an, die volle unruhige Nacht hindurch.

Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in roter Toga, eine Ziege an einem Band führend, das Haus verlassen.

Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland die geistigen Leidenschaften der Epoche, die noch kaum donnernd unter der Zeit ihres Aufbruches lagen, in Vorposten um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo die Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept seltsamer Prägung erschien bereits voll Bekehrungswallung noch beim Ankleiden, der mit eingesunkenen Augen deklamierte: Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers Clique Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur Harri sein Gurgeln gerade beendete.

Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept unbeweglich fort: Leben sei der Zweck, durch ewiges Training der Seele zum Spiegel vergangener gelebter Leben vorzudringen und mit solchen geistigen Reservedivisionen das läppische Rätsel der Erscheinungen dieser Welt wie mit Handgranaten aufzuschmeißen . . . . . . worauf mit leichter Bewegung, den Schwamm hoch auf dem Nacken ausdrückend, Harri freundlich über die Schulter frug, in wessen fabelhafter Tat und Kühnheit sich diese Lebensfasson am kräftigsten offenbare. Da geschah das Unvorhergesehene, daß in das tiefe Schweigen beim raschen Niederbücken dem Diener ein bestürzender Knall entfuhr.

Doch erschien glücklicherweise der Hausintendant, half Harri in das über den Kopf gereichte Hemd und meldete Shanvadys für ganz kurze Weile in der Nacht stattgefundene Abreise.

In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknöpfe einziehend, meinte Harri, als der Adept nicht wich, daß man beim Lesen feuchte Knie, im Schlaf hin und wieder Hundeträume habe, im Gewitter grüne Leichen sehe wie er sage, das sei amüsanter freilich wie manches, aber was helfe es ihm, der auf das Frühstück aus sei, welches englisch gerichtet mit einem kleinen Beafsteak und Anchovisfischen, Porter und Marmelade und Lachs der Diener auf der erhobenen Hand im Hintergrund anbot.

Als aber darauf der Hausintendant plötzlich nach dem Garten schielte und mit zitternder Stimme auf eine schöne Junonin neben einem taprigen, elegant arrangierten alten Gecken wies und, eh er fortfahren konnte, der Adept zum erstenmal seine verklebten Augen aufriß und mit schüttelnden Verneigungen den Gaga als jenen Holzer grüßte, der beim Feldzug der deutschen Seele nach ihrer zeitlichsten Vertiefung die meisten Skalps gestochen, und wedelnd mit seinem Skelett am Fenster knackte, ergriff statt jeder Kritik und Würdigung mit Schwung, Harri neben seinem Bett ein rundes Gefäß, drehte sich um: „Excusez“, worauf der Adept bei dieser Anrufung der Natur wie unter einem Donnerschlag verschwand.

Als er gelangweilt durch den Park strich, verirrte er sich zwischen den barocken Hermen und kam erst durch ein Gezwitscher zu sich, das ihn lockte. Er folgte um Gebüsche und Steine, kam an den Uferrand und sah gerade noch Juju.

Er trieb sie über den Fluß, aber als er um eine tiefere Brücke herankam, entwich sie zurück, indem sie einen Zweig erwischte und in einen Kirschbaum sich schwang.

Im gleichen Augenblick mußte Harri zurück, sich am Ufergebüsch verstecken, denn aus dem Rondell trat eine Schar Menschen, die teils sehr elegant, teils aber auch in Ponyfrisuren und offenen Brüsten und Indianerhaaren die Zeichen der deutschen geistigen Freiheit trugen, und einer baltischen Weisheitsschule Couleur in Form eines Fürsten bei sich führten, der unablässig an einem violetten Seidenkissen stickte.

Ihr jüngster Nachwuchs blieb mit hochmütigen Hälsen unter dem Baum stehen und versuchte, indem sie ihre Beschwörungsformel „tak . . . tak . . . tak . . . tak . . . ore“ riefen, Juju zu locken, die ihnen Kirschkerne auf die Köpfe spuckte.

Da aber das gemessene peripathetische Schreiten dadurch in Unordnung geriet, wandte sich der adlige Schreiber, der den Turnus führte, herum und schlug dem Jüngsten Laotses Sprüche heftig auf die Ohren, worauf der Fürst sich umdrehte und knurrte, weil ihm mißfiel, daß der Aufenthalt der Damenbeine halber geschah und erbost mit der Stricknadel einen Jüngling piekte.

Als sie im nächsten Boskett verschwanden, rannte Harri um die Brücke und kletterte in den Baum, wobei ein Regen von Kirschen auf ein niederging.

Als er aber dem Ast nahkam, auf dem die langen schönen Beine baumelten, ging ein Lärm los, als rausche ein Adler in das Gezweig herunter, aber nach einigem Lauschen sah er, daß es nur ein Dutzend Jünglinge waren mit wallenden Togen, die gesenkten Hauptes hinter dem Mann mit der Ziege herschritten, mit einer gewissen wallenden und stolzen Bewegung der nach innen gesetzten Füße.

Harri bemühte sich ruhig zu bleiben, aber es war nicht vonnöten, denn diese Männer sahen nicht herauf, sie murmelten nur, indem sie zum Takt ihrer Füße den unteren Rücken schwangen.

Die jungen Leute schienen noch weniger wie die Vorausgegangenen Frauen zu lieben, ihnen genügte es immer nur einen Namen zu lispeln, der wie „Georges“ ausklang und, wenn er kein jüdisches Symbol bedeutete, ihn schließen ließ, daß hier ein balkanischer Stamm sich in Riten übte, worauf auch die Ziege den Akzent gab und ähnlich versunken mit dem Steiß flog.

Im Augenblick, wo sie einbogen, ließ sich Juju an den glatten Ästen heruntersausen, er konnte aber wieder nicht folgen, weil um die Ecke in großer Erregung Menschen sprangen.

Die schöne Frau des Vormittags zuerst, die Röcke geschürzt, den Busen fliegend. Hinter ihr der Greis mit falschen Hüften und Schminke im Gesicht, der sofort an einer Ritze der Badezelle Posto faßte und der Entkleidung zusah, die Harri vom Baum der anderen Seite durch das offene Dach noch freier sah. Hinter einem Baum aber, noch weiter hinter dem spekulierenden Holzer aber stand, das Gesicht von Tränen überlaufen, der Hausintendant, trostlos und ohne Hoffnung gegenüber so alter und konkurrenzloser Leidenschaft.

Als aber die Dame das Korsett in der Badezelle abnahm, war des Alten Erregung so gestiegen, daß er „Anastasia“ zu rufen anfing und auf den Zehen hüpfte. In diesem Augenblick zog ein Boot vorüber, am Steuer der Adept des Vormittags, aber selbst das Gestöhn ihres Meisters, der sich die Haare raufte und aus der Nase blutete, weil Anastasia das Hemd mit dem Trikot wechselte, vermochte sie nicht abzuhalten, die Augen niederzuschlagen und „Heil“ zu rufen.

Durch diese Ablenkung erst vermochte Harri seinen Posten zu verlassen, von zwei Zwergen verfolgt kam er zum Lunch.

Aus dem Schlaf weckte ihn das tiefe Geräusch, das den Horizont umspannte und dabei dünn und weich vor dem Schloß erstarb, wieder ausklang und verging und jeder Welle der Luft sich tausendmal mitteilte.

Im dunkelnden Garten rochen die Pechnelken wild herauf.

Hinter der Herme hörte er einen Pfiff.

Mit kleinen ängstlichen Schritten hüpfte Juju vor ihm. Sie ergab sich am Sockel der Niobe, entsetzlich erschreckt, weil im selben Augenblick ihre entzückende, breit plissierte Hose wieder fiel. Juju auf dem linken Arm, die Hose als Flagge in der Rechten, lief Harri in die Fliederpergola.

Sie entwand sich, er fand sie auf einer Schaukel wieder, in der sie hoch über eine Wiese schwang. An den Füßen zog er sie herunter. Sie schluchzte, als er sie ins Boot hob. Er mußte zurück, ihr zitterndes Hundevieh Rouge mit an Bord nehmend.

Als Wimpel wehte Jujus Hose, wie sie durchs Schilf hinausstrichen. Plötzlich glitzerten ihre Augen, sie riß ihr Kleid ab und warf sich mit einer rollenden Bewegung ins Wasser in dem Badeanzug, den sie darunter trug. Er zog sie wieder hinein. Sie landeten, sie verschwand im Schilf und kam mit dem Badeanzug zurück, während die Vögel aus dem Schlaf schrien. Ihre Beine wippten auf dem Landungsbrett, dann flatterte der Trikot im Wind, sie paddelten weiter.

Je tiefer sie aber trieben, um so deutlicher kam ihnen das Geräusch entgegen, weicher und getragener in der Nacht, und um so lockender zog es das Boot an.

Juju weckte mit der Blendlaterne die Fische, riß die vom Licht Bezauberten heraus, drückte sie auf den Bauch, daß sie die Mäuler aufsperrten und warf sie in das Wasser zurück.

Nun war es kein Zweifel mehr, daß das Geräusch, das immer dunkler die Nacht erfüllte, Frauengesang sei und sie fuhren darauf zu. Harri nahm Juju mit auf die Entdeckungsreise, als er landete. Sie biß ihm vor Vergnügen in die Lippe:

„Chéri . . . mon ami.“

Sie hörte den Gesang zum erstenmal.

„Wie lange bist du da?“

Sie wußte es nicht mehr.

„Wie lange bleibst du?“

Sie lachte: „Fragen Sie Maman“.

An einem Teich vorbei, Hügel mit Statuen, die man nicht erkannte. Jujus Arm an seinen angeklemmt. Immer auf den Gesang zu, der flackernd manchmal hochstach und dann in leichten Schwingungen sich vernebelte. Brausen in der Ferne. Plötzlich kam ein Haus.

Die Tür ging in den Garten. Es wurde vollständig still. Jujus Zittern ging durch seinen Rock. Im gleichen Augenblick erhellte sich eine Partie des Gartens wie ein langer silberner Streifen. Harri strebte danach, zuckte zurück, sie stießen an elektrische Drähte. Die Tür zurück war geschlossen. Im gleichen Moment begann das Singen wieder.

Der lichte Teil des Gartens bewegte sich zu einem Zug, der wie auf einer Leinwand bebte, zu verhüllt, um lebendig, zu sicher, um nur gedeutet zu sein.

Er sah den Zug vorüberlaufen, und vergaß Juju, die vor ihm stand:

Da kamen blonde Tscherkessinnen. Polinnen mit roten Lederstiefeln bis zur Scham. Im Blusenhemd warme Bornholmerinnen. Provenzalinnen mit Olivensträußen am Gürtel. Jütische Fischerinnen mit schlanken, sehnigen Armen. Die Diana von Aleppo. Eine weißblonde Finnin von den Stromschnellen, eine kleine von den Hochzeitsgütern. Neuseeländerinnen kamen, Kinodiven mit kurzen Rücken, hochbeschuht. Jüdinnen mit roten Haaren. Kleinasierinnen in Kleidern Poirets, den Bauch herausgepreßt. Kunstreiterinnen sausten vorbei, Russinnen mit Madonnenscheiteln, Armenierinnen mit den Hüften der Wolfshunde. Negerinnen, die schöne Melonenbrüste über der Schulter trugen. Arabische Frauen auf Pferden, kleine Irinnen, fliegende Frauen aus Normandie, Zigeunerinnen mit heller Iris, Provinzmädchen aus Krain mit anmutigen scheuen Knien. Dahinter Winzerinnen vom Elsaß, Sehnsüchtige aus Madrid, Barcelona, Chinesinnen, die Brustwarzen rot bemalt, Australinnen, glatt wie Zebufell.

. . . . . . Augen, Hüften, Beine kamen. Füße schritten, die auf Kies nicht treten konnten, Zehen, denen Blumen zu schwer waren, Knöchel so hochgespannte, daß sie die Sandalenschnur verschmähten, Waden, geschwungener als Kallastengel, entfalteter wie Orchideen, Arme, die besser als Vögel schwangen, Hälse kühner als Fliegerkurven gezogen, Achseln, die wie Schwanennester schwebten, Brüste wie Hügel der Bretagne aus der blausten Abendferne, Leiber, die mit der Bewegung der kühnen Gestirne aufzogen, Schenkel, die leichter als die erlesensten Tiere auftraten, Knie, deren Leichtigkeit Reh und Panther und Flamingo verjagte, Hüften, die der Eleganz der Rennmaschinen den Zauber der Erntefelder und Flüsse hinzufügten.

. . . . . Soubretten mit offenen Munden, Autofahrerinnen in Schleiergesichtern, Huren, die auf die Brust sich wiesen, Verbrecherinnen mit Quarzaugen, Damen, die wußten, alles sei duftig, reizvoll, sie angemessen erwartend in ihrer Sicherheit, Seglerinnen mit Nacken wie Katzen gespannt, Reiterinnen mit bleichen, herrschsüchtigen Gesichtern, Mädchen mit Gliedern, als trüge jeder Muskel ein Service, Schauspielerinnen mit roher Träumerei vor dem Auge. Frauen mit Landschaften um sich, Cornwall und Gibsons Wald, burgundische Täler, der Po, die Rheinflüsse, Verona, der Ammersee. Frauen, hinter deren Kniebeuge das winterliche Gebirge aufschoß, unter die der Schwarzwald vom Merkur bis Badenweiler sich unter die Abfahrt legte, Frauen, um die Schiffe und Signale wuchsen, tropische Städte sich formten, Abhänge glitten. Frauen, um die der sommerliche Horizont flog, die über Birkenrinks bei großen Concours wegsetzten, Frauen auf dänischen Gütern, dalmatinischen Schlössern, Frauen, um die das Meer aufscholl, die in Jachten bräunten, die durch den Herbstwald hetzten, Frauen, deren Füße die Liebkosung der Maimatten kannten, Frauen, die durch die afrikanische Nacht auf Tiere schossen.

. . . . . . Polinnen aus Krakau, Rumäninnen mit lasterhaften Händen. Griechinnen von Smyrna, geduckte Frauen aus der Krim. Karthagerinnen. Die kriegerischen Weiber des Helesponts, Amazonen mit weißen Hengsten, Negerinnen, gleitend mit Bogen. Frauen mit üppigen Brüsten unter Ketten und Bronze, rote Haarbüschel über der Stirn. Die säbelschmalen Weiber aus Damaskus. Frauen mit Lippen, geschlitzt, sanft wie Mondfahrt, Lippen wie Trompeten geballt. Frauen, windhaft wie Segel, schwirrend wie Pfeile, mit Fruchtglanz aus Bagdad, Spiegelnde aus Kairo, von Ceylon, Beirut. Frauen mit großstädtischen langen Schenkeln, die nur Teppiche und Wagentritte berührten. Mit mozartischen Gelenken. Mit Goldflecken auf dem Rücken. Mit Niggermusik in dem Bauchmuskel. Kühle Schottinnen. Amerikanerinnen mit Diamanten in den Zähnen. Dalarnische Baronesse mit Blau wie Blitzen im Blick. Frauen, die Stirn verschleiert. Frauen, Unzüchtiges im weichen Blick, Frauen mit aufgesprengten Lippen. Frauen aus Bayreuth, aus den Starnbergschlössern. Frauen aus den Pyrenäen. Ruteninnen, deren Väter Franzosen waren.

. . . . . . Frauen kamen mit harten, glatten Beinen. Frauen, die sich umarmten und dem Mann noch unergründliches versprachen. Frauen mit Unterwerfungsgebärden. Frauen, die vorn am Dampfer standen. Frauen von Sieg. Frauen von Windspielen umgeben. Frauen im Wagen durch die Steppe gejagt. Frauen mit schimmernder Haut. Frauen, die ihr Gesicht sekündlich wechselten. Frauen mit grausamen Beinen, mit Madonnenhänden. Frauen mit tätowierten Armen. Frauen aus Syrakus. Frauen vom Sudan. Ätiopinnen, die auf Vogelschreie horchten. Frauen aus Eisenbahnen hinausgelegt. Frauen, die mit ihrem Körper den Erdball versprachen. Frauen, die wie Moos rochen, wie Klee, wie Neckar, wie Fasane, wie Palermo, wie die Nordseebäder, wie Borkum, Abwinkel, wie Teer, und Sonne und Sand, wie die Haut der Vierzehnjährigen im Juli im Inselhotel des Bodensee.

. . . . . . Es kamen Frauen, die Australien plötzlich auf den Handtellern trugen. Frauen, in deren Augen tödliche Geschichten eingeschrieben standen. Frauen, die zwei Meter über dem Netz den Tennisball im Sprung noch hielten. Bobfahrerinnen, Träumerische vom Engadin, aus der Eifel. Frauen als Tänzerinnen. Mit Flöten. Frauen, blumenhafte, Frauen, die ein Wort knickt, Frauen wie Hyänen. Frauen mit Spitzenwolken, belgische Nutten, kleine gelbe Katzen aus Chile. Pumas, nackte Räuberinnen, Frauen, die einen Fjord überschwammen. Frauen, die Timbuktu plötzlich entfachten, die Fidschiinseln, Honolulu malerisch zwischen den Brüsten wiegten. Frauen wie Luchse, wie Kaninchen, wie Papageien. Pompejanische Jüdinnen, Katalonierinnen, Frauen vom Roten Meer, von der indischen Bay, heiße Weiber aus Syrien, antilopenschmale Berberfrauen. Frauen, die den Sternaufgang über den Schären beschworen. Frauen, die Tod hießen oder Pensée. Erregte mit verschlossenem Mund. Von Gibraltar. Von Bagomoio. Jungfrauen, von Löwen antik gejagt. Blonde Maurinnen aus Saragossa. Prinzessinnen mit Pferden an der Hand. Mimi Pinson, Ruth St. Denis, Aino Akté, die Hasselquist, die Durieux. — Isis und Huschnaia. Göttinnen in einem wundervoll vollendeten griechischen Flug, mit überirdischen Lanzen und menschlichen Leibern. — —

Das Fieber brach ab, wie es kam. Der Garten losch aus, der Zug war aus. In das Dunkel stachen suchend zwei Laternen.

Der Garten war leer.

Sie umgingen torkelnd die Drähte, die mit einem Mal sie nicht mehr hemmten.

Hinter ihnen hielt Shanvadys perlgrauer Wagen, der Chauffeur stand mit dem Hut in der Hand am Schlag. Sie stiegen fluchend hinein. In einer großen Schleife fuhren sie nach dem Schloß. Einmal hielt der Wagen. Da lag ihr Boot am Fluß.

Noch zweimal hielt er.

Jedesmal kam aus der Landschaft ihr erster Dialog. „Chéri . . . mon ami.“ „Wie lange bist du da?“ Pause. „Wie lange bleibst du da?“ „Fragen Sie Maman.“

Dreimal warf entsetzt Juju die Arme um Harris Hals: „Mon ource . . . mon rigolot . . . mon grand bébé.“ Aber sie zitterte nur wegen dem Wort „Maman“.

Harri lag im Wagen. Er überlegte nicht, was an Geheimnissen die Nacht füllte: Welche Frau Shanvady verstecke, welche Technik er zu solchem Bluff ersonnen, wie er ihn gefangen, wie er ihn gereizt und düpiert. Er ahnte nicht, wie weit der Kreis um ihn geschlungen, in dem er sich verwirrt. Er spielte nur mit Jujus Hand, es war ihm gleich.

Das Schloß war erleuchtet. Auf der Diele erwartete er Juju, die sich umzog, auf der Treppe küßte er ihrer Mutter die Hand, die sofort hinter dem Fächer mit ihm kokettierte, was Juju errötete. Im Billardsaal stand winkend Shanvady. Er sah ihn zum erstenmal jetzt lächelnd.

Sein Lächeln deutete, daß das Geheimnis, dem sie nachgepirscht nicht entwirrt werden könne, und daß der Versuch es zu lösen, nur noch stärker an es verstricke.

Aber Harri stand kühl beiseite. Er fühlte, nicht beteiligt genug auch hierbei, daß Shanvady den Reiz, der ihn unbewußt zu ihm geleitet seit jener Nacht im luxemburgischen Garten, selbst zerreiße, indem er ihn darin zu fangen suchte, und daß das Messen und Ringen, das Shanvady aufgestellt, darum für diesen verloren war, nicht für ihn. Ein Sieger wider Willen hob er die Augen.

In dem Augenblick, wo Shanvady, der Seelenfänger, ihn unterjocht dachte, weil er endlich seine Apathie in die Maschen eines unlösbaren Reizes in der Falle glaubte, riß er den Zauber durch, den Shanvady auf ihn ausübte.

Es gelüstete ihn nicht, das Geheimnis zu lösen. Er ließ es fahren ungeöffnet. Es reizte ihn nicht mehr.

Wie unter einer abgründischen Melodie trieb es weg wie alles wegtrieb, was an ihm gezogen. Als Zuschauer floß ihm dieser Tag fort wie jeder andere Tag, er vergaß ihn, vergaß die vorigen. Als sein Auge Shanvady traf, der mit einer leisen Gebärde seine Überlegenheit hißte, erbleichte Shanvady unter dieser unbeweglichen Kälte, die nichts rührte. Die Gebärde zerbrach mitten im Schwung.

Harri sah schon durch Shanvady hindurch, all der Plunder um ihn zerfiel.

Es war grauenhaft, mit welcher Leichtigkeit er sich auch aus dieser Atmosphäre löste. Sein Hirn war plötzlich nur eingestellt von dem Drang wegzufahren, das erfüllte ihn mit einer wunderbaren Helligkeit, er kam sich den Abend von solcher Leichtigkeit getragen vor, daß es ihm schien, er vermöge die Erde auf den Spitzen der Finger zu halten.

Als er aufwachte, sagte ein Brief Jujus, daß sie abgefahren, aus Eifersucht auf Maman. Am Tag zauberte Shanvady noch einige spielerische Dinge, die ihren Kreis um alle Anwesenden spannten. Anastasia war die Nacht verschwunden. Mittags brachten die Weisheitsschüler ihre Kleider, widerstrebend, an den Zipfeln, da die Georgesleute sich geweigert hatten, die Jünglinge Holzers aber unter Weheruf den Ort geflohen seien, wo Weiberkleider lagen.

Da sie am Fluß lagen, bedeutete es Anastasias Tod. Eine Zeitlang plauderte Holzer, dann stand er langsam auf, mit seinem gebräunten Schnurrbart wie ein ägyptischer General, griff in den Mund, riß das Gebiß mit den vielen Goldplomben heraus, zerschlug es am Boden, gurgelte nwao . . . uaiii. Sah um sich, nichts als Jugend und ging an einem Stock hinaus ins Greisenalter, gehässig, demütig, ein röchelndes Skelett.

Mit einer zärtlichen Bewegung öffnete nunmehr Shanvady den Ring dieser Katastrophe, in der er Schicksal gespielt, Anastasia nach Genf beordert, die Maskerade zur Tragödie getürmt, mit heiterem Nachspiel, indem er den Hausintendanten mit Halali nun und freiem Pirsch dem Weib nachschickte, in seinem eigenen Wagen, von Tränen des Glücks überschwemmt und in himbeerroter Livree.

Es half Shanvady nichts, diese Kritzeleien. Am Abend fuhr Harri. Im Wagen des vierzehnten Ludwig, karmoisin und golden, mit sechs Pferden, eine Krone als Abschluß, Fackelträger, Reiter, vor ihm, hinter sich. Shanvady reizte ihn mit nichts mehr. Vorbei.

In Paris lernte er Blériot kennen. Der Meister hatte gerade den Kanal überflogen, die Welt schien von Möglichkeiten um so tiefer ins Herz bedroht, als die neuen Waffen noch phantastische Erweiterungen zuließen und fast noch keine Pioniere hatten. Zweimal fuhr er mit Blériot als Passagier, schon figurierte sein Bild neben dem Blériots im „Journal“, „Matin“, „Petit Parisien“. Auf dem Marsfeld stellte des Meisters Handbewegung ihm Maud Kordelin vor.

Sie sah ihn nicht an.

Als er zu Elie Abrahamowitsch nach Neuilly in den Hangar fuhr, sah er sie wieder. Sie sah ihn wieder nicht. Er schob an ihr vorbei, an Balanceproben vorüber, durch angekerbte Drähte, deren Wundstellen unter Flammen standen, an deren Ende elektrische Hebel zogen und Uhren notierten, bei welchem Druck sie rissen. Elie verbeugte sich etwas vor dem Passagier Blériots, auf seinen Wunsch brachte Maud Kordelin ihn mit der Zeichnung zurück, um die Konkurrenz zu ehren.

Sie lag im Torpedospritzer, führte das Rad über dem Kopf zum Steuern, die Luft schoß wie unter Wasser kräuselnd gegen das dicke Glas der Schutzplatte. Als er ausstieg, schob sie den Wagen in eine Sprungkurve, ohne ihn zu beachten.

Am nächsten Morgen trat Harri bei Rippère ein, acht Wochen vor dem Concours, einen Schal um den Hals.

Vier Tage arbeitete er mit einem mechanischen Hammer in einem Messingkessel. Der Hammer tat hundertfünfzig Schläge die Minute. Als die Bänder genietet waren, hörte er nichts mehr, zwei Tage später war er darüber weg, trainiert auf jedes Geräusch. Im Ausprobraum zwischen fünfundzwanzig Motoren von pro Stück zweiundzwanzighundert Schlägen Tourenzahl die Minute, kontrollierte er zwischen farbigen Gasen und feurigen Säulen über den Ventilen die Auspuffung, den gleichmäßigen Herzschlag der Eisenkuben.

Um das Getös, das bald wie etwas Festes und Gefrorenes, fast greifbar, dastand, rauschten die Thermosiffons der Wasserkühlung an den Wänden herunter, erhitzten sich auf achtzig Grad in der gleichen Sekunde und stiegen in langen Schwaden von selbst wieder auf.

Er kam zu den Einfahrern der neuen Wagen.

Mit den Stellwagen ohne Karosserie begaben sie sich in die Kilometer. Mit Kupons, die im Midi, bei Brest, in Marseille testiert wurden, mit Stechuhren, mit dem Befehl die Maschinen an der Rhone, in Calais, in Tarascon zu zerlegen und zusammenzusetzen, schnitten sie mit Schußlinie über die Chausseen.

Eingedrückt wie Affen, mit der Scheibe der Steuerung spielend, lernten sie das Verwachsen mit dem Material, beherrschten den Stahl mit dem Hirn, liebten die Maschinen, wurden wieder geliebt.

Sie rissen beim Überrunden einem Möbelwagen die eine Seite ab, aber sie behielten den Auspuff genau im Ohr. Mit zitternden Flanken ließen sie die Wagen wie Pferde auf der Weide, trafen sich in einem Weiler, einem Gehöft, würfelten, tranken Absynthe, schlugen sich, machten ein Rennen unter sich. Stanken nach Benzin wie die Ochsen, trugen gelbe Schuhe, englische Anzüge unter den Leinenblusen, die Zigarette nie aus dem Mund.

In der tollkühnsten Gefahr verloren sie nicht die Besinnung. Nur wenn sie kühl waren, ging der Verstand ihnen in die Lappen.

Drei Tage blieb Harri im Büro, zwei auf der Rennbahn, zwei bei der Konstruktion. Auf der Eisenbahn, Compagnie de l’est, lernte die Verstopfung der Gase, die Qualität der Kohle, der Öle und Benzine.

Bei Renauld erlernte er die Systeme der Konkurrenz, bei Pairfax die aus beiden gezogene Essenz. Nun hatte er den Radius abgelaufen, die Intimität zum Gegenstand erreicht, den Querschnitt durch das Technische gelegt.

Er beherrschte und liebte.

Er war imstande, Sympathien vom Schwung eines Tenders, der Flanke einer stählernen Blitzzuglokomotive, von der Melodie eines angeschirrten Flugzeugs, das aus allen Seilen sang, zu spüren.

In der vierten Woche trat er bei Blériot in den Hangar, der Schatten der ingeniösen Nase und des Vogelkopfs mit der verkehrt gesetzten Mütze lag an der Wand wie mit Dynamomäulern nach allen Seiten gerissen. Sechs Wochen übte Harri mit ihm, bediente den Sturmvogel, dem keine Kühnheit nicht kalkulierbar, kein Tod nicht ausmeßbar und zu überwinden war.

Er liebte an dem Flieger das Unerschütterliche. Dieser gewöhnte sich bei Harri an das Nichtmitreißbare.

Gegenseitig liebten sie ihre Kühle und Distanz, die bei dem einen das unentrinnbare Erlebnis des Todes geformt, bei dem anderen sein Durchmarsch durch solch unvorstellbare Kurven der Kühnheit des Geistes und der Gefahr, daß er die Welt nicht verachtete, sondern sie jenseits des Zynischen schon wieder verstand. Sie empfanden, daß die nach außen gekehrte Reserve eines jeden von ihnen kein Manko, sondern der gehärtete Widerhall einer feurigen Seele sei.

Harri lernte, daß die Welt als flache Scheibe zurückfiel, wenn er das Steuerrad zurückriß, und wenn er dann nach hinten sich warf, daß blaue Luft die Erde tiefer zurückstieß. Er fühlte das Grausen der Vertikalböen als Musik im Blut. Die Verwindung, die vom Rad nach der Stange des äußersten rechten Flügels lief, knirschte kurz und rollte. Die Klappe des rechten Flügels stieg unter seinem Druck.

Die Schnur lief langsam über den Kreis hinüber nach links, der linke Flügel senkte sich ein wenig. Die Kreuzung der Schnur verschob sich rasch.

Nun fühlte er das wunderbare Gefühl des Kreises, den die Libelle machte, als befreite Bewegung seines Körpers, dann zischte der Renner in kurzen Spiralen hoch in Blériots Hand.

Er lehrte Harri das Neigen, den Fall nach vorn, der das Flugzeug senkte, beim Seitensteuer die Gleichzeitigkeit der Fußbewegung und des Flügelaufhebens. Er lehrte ihn den Mut der Sicherheit, nicht den der Gefahr.

Er bewies ihm die Klarheit in der Berechnung der Tatkraft, das Überschießende der Sicherheit gegen die verderblichen Möglichkeiten. Er führte auf Umwegen ihn jederzeit dahin, über das Ungefähre der technischen Dinge und ihrer begrenzten Beherrschung die ausgerechnete wasserhelle Sicherheit der Überlegenheit zu halten, der nichts gewachsen war.

Sieben Tage vor dem Concours wechselte Harri hinüber zu Abrahamowitsch, der ein neues Modell startete.

Von Blériot erfolgte nichts, er rührte sich nicht.

Einen Tag vor dem Concours nur zog er seinen Namen aus der Liste, zwei seiner Schüler sprangen für ihn ein.

Auf dem Marsfeld probte Harri zwischen Elie und Maud Kordelin auf dem dreiteiligen Sitzbogen. Am sechsten Tag plombierten sie die Libelle, ließen sie durch zwei der besten Monteure Tag und Nacht im Schuppen bewachen.

In der Nacht gab Harri ein Fest, die Leute tanzten, steif und besessen zum Takt von Motoren, jagten dann um zwölf, der Herren ledig, weg nach Neuilly.

Mit einer raschen Bewegung sprang Maud Kordelin in den Wagen, reichte Harri die Hand. Mit ihren schräg stehenden tatarischen Augen sah sie ihn zum erstenmal grau an.

Der Skandal der Buchmacher und Presse, denen Harris Wechsel der zum erfolgreicheren Konkurrenten war, gab Elie eine erhöhte Reklame, aber sein blasses und scharfes, auf dem übergroßen Körper immer umnebeltes Gesicht bemerkte es nicht, nur ausgefüllt von den Kombinationen seiner Modelle.

Was er vom Äußeren der Welt begriff, vermittelte ihm unbewußt sein Instinkt. Was er erreichte, gab ihm sein Erfolg. Das Übrige des Daseins war Arbeit, weiter nichts. Selbst das Weibliche erreichte ihn nur dort, wo das Schöpferische begann, und mit der Kordelin Fanatismus traf sich nichts von seinem Wesen in ihrem Haus am Bois, sondern begegnete sich Aufleuchtendes nur, wenn seine Arbeit sie in das Atelier am Montparnasse hinaufriß. Ein Leben daneben gab es ihm nicht.

Bei der Prüfung des Reservemotors warf sich Elie mit einer kühnen Bewegung auf den Apparat und blieb das Ohr an seinem Auspuff liegen. „Sie traitieren die Maschinen wie andere die Frauen“, flüsterte Sauerwein vom „Matin“ mit frivol gesträubter Mouche. „Aber wir sehen die Frauen nicht wie Sie die Maschinen“, sagte Elie.

Der Motor ward eingebaut in einen Reserveapparat, die Photographen tickten. Harri gab angeschnallt vor Mauds Kopf den Ruck nach der Signalflagge.

„Ich bitte Sie wiederholt, kein Korsett zu tragen“, zischte Elie hinter ihm, als er Maud anband.

Das Gebrüll der anschiebenden Monteure hallte rhythmisch heraus, schon schwebten sie auf Rue St. Honoré, die längste Straße Frankreichs.

Sie befuhren Rue de Courcelles, da fiel Paris ein geöffneter Fächer ihnen entgegen. Elysée, Rue de Courcelles, Rue de Washington, Rue de Berry, die Place Vendôme. Sie fuhren Place Concorde, die Tuilerien, die Mairie des achten Arrondissements, das Ministère de l’intérieur. Sie schwebten auf einer sanften weißen Kaskade, den Champs Elysés.

Sie fuhren Arc de Triomphe, fuhren das kochende Silber der Seine, fuhren dunkelrot gebäumt Trocadéro. Fuhren Quai de Passy, Quai de Grenelles, Rue Mozart, Porte Molitor, Avenue de Versailles.

Sie fuhren zurück: Rue de Vaugirard, Boulevard Raspail, gläsern der Monparnasse. Fuhren Boulevard Port Royal, Boulmich, Bullier, Jardin du Luxembourg. Notre Dame, Boulevard St. Germain, Jardin des Plantes.

Sie fuhren Halles Centrales, Quai du Louvre, Rue du Quatre Septembre, die Börse, Gare de l’est. Fuhren Marcadet, Poissonnières, Porte du canal St. Denis. Solang sie fuhren, spürte er Mauds Knie.

Sie fühlten das Herz plötzlich in den Schläfen: das Meer.

Sie jagten darauf zu. Ein Bienenhelm saß die Sonne auf der Fläche. Der Rauch der Brandung verging in Mövenschwärmen. Wie eine Wolke hing das Meer mit wilder Anmut zwischen den Kreidefelsen.

Harri schaltete aus. In streichelnder Grazie berührten sich die zartesten Wellenkämme mit dem Gleiten des Flugzeugs, dann stießen sie auf den Strand.

Der Brandungsstreifen lief nach der Seezunge St. Valérie, mit vielen Booten davor. Fischerknaben brachten Picknick. Im Anblick der Ruhe und des über das Blau tief heraufsteigenden frühen Sommers bekam Maud Lust, die Tage der Langweile und Ruhe vor dem Concours in die Normandie zu fahren. Elie nickte, während die Fischerjungen anschlichen und ihr bunte Muscheln in den Schoß warfen.

Aber als Harri unter dem Glasdach Abrahamowitschs sie holen wollte, sagte Elie ab. Die Ausbalancierung der Libelle mußte auf ein Fabriktelegramm hin noch einmal durch einen Rechentrick laufen.

Sie fuhren zu zweit allein, Maud nahm das Rad, sie fuhren direkt ans Meer, erreichten es bei Le Tréport. Maud bog von der Landstraße ab und fuhr direkt hinein, bis die Hinterräder in der Luft rotierten. Als sie die Strümpfe auszog, stand sie gegen das Meer in Muskeln und Sehnen geschmeidig, eine junge Athletin. Der Morgen jagte mit hellen dichten Wolken. In Eu strahlte es schon . . . . . . Gamaches . . . . . . Dieppe. In St. Valérie tranken sie Schokolade auf der Straße . . . . . . Fécamp . . . . . . Montvillier . . . . . . Le Havre . . . . . . Harfleur.

Die Seine wuchs ganz groß ins Meer. Über Deauville mit einem Tulpental nach Caen. Sie ließ das Steuerrad nicht aus der Hand. Sie fuhren noch lang in die Dämmerung, hörten den Meerschlag durch das Dunkel dann brechen. In einem Dorf machten sie Halt mit einem übererhitzten Kühler, es ging nicht mehr.

Sie setzten den Apparat in Meerwasser, zogen sich für ein paar Stunden zurück. Harri hörte nach einiger Zeit, aufs Bett ausgestreckt, die Matrosen und Fischer unter dem Fenster. Sie grinsten, klopften sich den Bauch, ein Kupferkopf stopfte einen Tabaksbeutel sich selbst ins Maul, zwischen den Öllampen und Netzen humpelten fluchende Alte, breimäulig liefen sie nach dem Meer.

Als Harri ihnen folgte, sah er Maud aus dem silberüberschütteten Meer auf den Sand kommen, mit einem tierisch hinreißenden, kaum unterbrochnen Weiß der Haut und mit amazonenhafter Bewegtheit ihren Bademantel umwerfen.

Er sicherte, ohne daß sie es sah, ihren Rückweg. Eine Stunde noch lag er in der Hitze auf seinem Bett. Eine Holzwand trennte sie. Jedes Geräusch kam durch die Fugen. Dann stand er auf, ging hinüber und klopfte.

Einen Augenblick zögerte sie an der Tür. Dann öffnete sie.

„Sind Sie sehr müde?“, sagte er ruhig.

Sie lächelte.

„Fahren wir weiter.“

Sie nahm die Mäntel und Decken:

„Gut.“

Mit Pfeifen und Gläsern voll Cidre torkelten die breitbärtigen Fischer im Hof, die roten Boutons ihrer Mützen schwankten. Sie rissen die Mäuler auf, rollten die Augen. Zum Schreien waren sie zu sehr betrunken. Sie hatten einen schwerhörigen Kapitän in der Mitte, der sich bemühte, die Fäuste unterm Kinn, sie zu verstehn und laut lachte, wenn sie nichts sagten. Er hatte nicht begriffen, warum sie so erregt waren, aber er verstand, daß sie besoffen waren und gröhlte am lautesten, als ob er es wüßte, warum.

Das Auto gab ihm bei der Ausfahrt einen Rand, daß er hinschlug, mitten in das Geheul der anderen, die schon selbst beim Anblick der Abfahrenden vergessen hatten vor Schnaps, warum sie verrückt auf die Bäuche sich schlugen.

Mit einer silbernen Fahrspur kam ihnen über der Chaussee der Mond aufgezogen. Sie fuhren zwei Waldwege, fuhren einmal dicht am Meer, fuhren durch Nebelwiesen, bissen mit vier Laternen Gespenstiges in das Gewoge.

Als sie wieder frei sahen, schob Harri ihre Hand mit einer selbstverständlichen Bewegung vom Steuerrad.

Er fuhr.

Sie hinderte ihn nicht. Die Küsten fielen in großen Erkühnungen in den Kanal. Der Vergaserhahn rotierte in seiner Hand. Er fuhr, daß Maud an den Kurven sich hielt, um nicht hinauszufliegen. Fast träumerisch lagen ihre Augen, ihre Glieder entspannten sich in einer weichen Gegebenheit, ihre Blick suchte das Steuer immer, das er führte, suchte den Mond, der lilienweiß im Tag noch stand, ging die Normandieküste nach Süden hinunter und fiel wieder auf seine Hand. Sie ließ Grandville . . . . Abranche vorübergleiten, den elastischen Halbkreis um die Bucht St. Michel. Als Harri hielt, lag in Orangesonne der Hafen St. Malos unter ihnen.

Hier endete ihre vorgeschlagene Tour.

Ihre Lider trugen eine Weichheit, die von der Bai heraufkam und der sie sich hingab, als kennte sie das nicht.

„Sie hätten mich lieben sollen“, sagte Harri.

„Zu spät.“

Sie wandte sich um. Er hörte nicht auf sie zu küssen.

Sie jauchzte in jede Umarmung hinein mit einer Kraft, die eine Verhaltenheit aufriß und in ihr ergoß. Glühend an seiner Seite fuhr sie zurück.

Am Tor des Hangars in Neuilly stand Elie. Sie sprangen beide aus dem Wagen. Die Männer musterten sich einen Augenblick, Elies Pupillen waren sehr weit geworden: „Die Konferenz hat eine andere Balanceberechnung ergeben. Sie scheiden aus. Isaac fährt“

Beide sahen auf Maud.

Einen Augenblick schwankte sie, ob sie sich hinüberwerfen solle zu dem, der sie in ein kaum geöffnetes Leben riß, aber als nichts von diesem her erfolgte, der kühl und aufmerksam beobachtend dastand, wandte sie sich zu Elie, dem ihr Fanatismus und die Arbeit sich entgegenwandte, und das Mitleid, daß seine große Kraft einen Augenblick lang zur Entscheidung voll in ihren Händen lag.

Beim Start am andern Morgen weigerte sich Elie zu fahren, reagierte auf keinen Aufruf und blieb nachlässig bei seiner Libelle. Das Publikum bedrohte die Startrichter aus Angst, daß Intriguen gegen seinen Favorit dahinter seien. Es war schon gereizt, weil Blériot am Morgen die weiße Fahne über sein Zelt hatte hissen lassen.

Die Tribünen schimpften auf Blériot, der, wenn er fuhr, Gott war jederzeit. Sie warfen mit Tomaten und Äpfeln nach seinem Zelt, nannten ihn Ölsardine, Lapin, Birnensteiß.

Als Elie nicht kam, sondern stehn blieb, drückten sie über die Barrieren und winkten ihm mit Tüchern zu. Beim zweiten Aufruf, als Elie stehn blieb, als höre er nicht, tobten sie bereits, riefen seinen Namen. Ein Kurier lief zu Elie hinüber, der sagen ließ, er fliege nur, wenn der Akzent seines Namens beim Aufruf richtig eine Silbe nach hinten gelegt werde. Es gab eine Riesenovation, Harri sah dahinter, daß Elie nervös war.

Kurz darauf stürzten zwei Flugzeuge ab, eines durch eine Vertikalbö, die es umwendete, das andere, indem es in luftleere Trichter absackte wie ein Stein. Die Stafette kam von dem kleinen Wald.

Nichts sei tot, schrie es noch, als Elie aufstieg.

Zweihundert Meter nahm der Flugrenner gurgelnd vor Wonne in unverständlich schmalen Kreisen, dann schoß eine Querflamme durch den Apparat, fraß die Flügel weg, sausend kam die Libelle vor dem seidigen Himmel herunter. Als sie aufschlug, schrien die Monteure, die Frauen hielten die Augen zu.

Die Stadtsergeanten sperrten den Hügel ab.

Isaac brachten sie tot. Elie schlug unter der Schläfenmassage die Augen auf. Nach kurzem Besinnen frug er:

„Mein Bruder?“

Alle schwiegen.

Er senkte den Kopf. Strecken konnte er sich nicht mehr, der Oberschenkel, der zerbrochen war, spießte ihm durch die Kleider, die eine Wange fehlte.

Er wurde ganz bleich:

„Die Fürstin?“, frug er seltsamerweise.

Er wagte es kaum, als man ihn nicht verstand, zu sagen:

„Maud.“

Man sagte ihm, der Sturz hatte ihr nichts getan, aber die Korsettstäbe hatten die Lunge durchbohrt. „Frauen bleiben Frauen“, sagte Elie noch, eh er sich umlegte und zu atmen aufhörte.

Als Harri aufsah, trat Blériot auf ihn zu. „Sie haben mich umsonst verlassen. Immerhin haben Sie sich den Tod am Schluß geschenkt.“

Harri sah ihn an: „Hätte ich ihn bei Ihnen vermieden?“

„Sie hätten ihn vermieden“, sagte Blériot unerschütterlich, „aber Sie waren nicht konsequent.“ Er zürnte ihm nicht, begriff ihn, sprach sein klares schneidendes Urteil über die Dinge, womit er sie überwand.

Da kam ein Auto angefahren, am Kühler stand Shanvady, das Gesicht bedeckt.

Seine Zähne zuckten in der Lippe. Der Wagen fuhr an den Sprunghügel heran. Im selben Augenblick wurden die Leichen angetragen.

Shanvady sprang vom Wagen herunter, an die Bahre Mauds, zog das Tuch zurück, neigte sich ein wenig, warf es wieder darauf. Ihr Kopf war nicht entstellt, die Augen geschlossen, schräg und energisch über den Leib gelegt. Er machte einen Schritt: „In meinen Wagen.“ Sie ward hineingebettet.

Ein Kommissär erbat seine Legitimierung. Da sagte Shanvady plötzlich mit einer furchtbaren Blässe: „Meine Frau“ und zog den Hut.

Harri trat an den Wagen und legte die Füße Mauds, die heraussahen, unter die Decke. „Ich wünsche Ihre Spur nicht wieder zu sehen“, sagte er in großer Erregung zu Shanvady. Alle hatten die Hüte gezogen. Shanvady stieß einen rauhen Ruf aus, sah nicht um, als er im Wagen mit der Leiche davonjagte.

Mittags mietete Harri das Atelier der Abrahamowitsch, Montparnasse, Ecke des Boulevard, im sechsten Stock. Die Glaskuppe des Hauses füllte sich morgens mit Sonne wie mit einem freundlichen Gas. Abends schwamm sie in die heitere Dämmerung.

Doch auch der Tod vermochte ihn, der ihn so abgründig erlebt hatte, nicht hineinzuzwingen in seinen Kreis. Er war nicht gebunden nachträglich an ein Ding, das er begehrt, aber um das er nicht einmal gekämpft hatte. Er überwand mit der gleichen Sicherheit. Die Erinnerung trieb immer tiefer und verblassender in den Hintergrund des Todes hinein, der sie aufnahm in jene majestätische und entfernte Haltung, an der Harri ablas Wert und Gültigkeit der Dinge. Es entfernte, verallgemeinerte sich, kam nicht auf ihn zu, sondern trieb mit den dunklen Melodien unter ihm weg, die ihm jene Leichtigkeit und Verantwortungslosigkeit gaben, die ihn zu fast erschreckendem Hochmut erhoben.

Er hielt diesen Vorgang in sich nicht aus. Am ersten Tag ließ er die bunten Vorhänge durch die Luken über seinem Kopf hinaus, flaggte das Atelier mit gelben, roten, blauen Segeln. Am zweiten Tag fuhr er nach Meudon. Als ihn am dritten vorm Bankschalter ein Hund in die Hand biß, daß er vor Zähnezusammenbeißen ohnmächtig wurde, sah er aufatmend in Mädchenaugen, hörte eine Stimme begütigend: „Léon.“

Das Gebiß des völlig erstarrten Hundes aber war eingeschraubt um die Hand. Er hielt den Schmerz nur durch, gelähmt und bezaubert durch die Stimme, während man telephonierte. Mit einer tobenden Schelle vorn gings über den Boulevard ins Spital St. Lusac.

Ein seidenschnurrbärtiger Arzt beugte sich über ihn mit einer Phiole: „Wollen Sie, daß der Hund lebt?“

„Hätte ich ihn sonst nicht getötet?“

„Es dauert fünf Minuten länger.“

„Wie heißen Sie?“, frug er das Mädchen.

„Aira Belmont“.

Er wurde ohnmächtig. Aus dem Institut Pasteur erfuhr er direkt, daß keine Tollwutgefahr sei. Aira Belmont kam ihn zu sehen, vor Trotz und Scham wortlos. Sie überging seine Verwundung. Sie dankte, daß der Hund lebe.

Sein Lachen verwirrte sie nicht, sie sah geradeaus und fiel nicht aus der Haltung der holländischen Dame, die mutig und in aller Jungfräulichkeit von Java aus Europa bereiste und ihre Gesellschafterin davongejagt hatte, um unnahbar zu sein. Als, von der schreienden Concièrge verfolgt, der Hund bellend hereinstürzte, verlor sie diese Geste, machte eine hülflose Bewegung und jagte ihn mit einer entsetzlichen Ohrfeige hinaus. Lachend drehte sie sich um. Entgeistert sah sie das Glasdach geflaggt.

Die Wärme ihres dunkel zitternden Organs zog ihn an. Die weltunwissende Sicherheit des schlanken Körpers, dessen sachliche Eleganz nach Wiesen und Klarheit duftete, und dessen junger Spannung gegenüber die Welt unerprobt und voll phantastischer Neuheit lag, machte ihn zu ihrem Führer.

Er leitete sie den Rand der harmlosen Entzückungen vorsichtig entlang. Durch ihn sah sie Paris in idyllischem Format. Er brachte sie zu Rufen der Freude über die siebenundfünfzig Fruchtläden um Notre Dame de la Lorette.

An seinem Arm besuchte sie Kirmisse außerhalb der Stadtwälle und bog zwischen Lampions und dem Schwung illuminierter Schiffschaukeln den Buden nicht aus, wo sie nach Pfeifen aus Ton und fliegenden Bällen schossen.

Er lehrte sie den Zauber der Imperiale, wo Meister Levage neben ihnen murmelte, wenn sich der Omnibus durch dunkle Straßen bewegte, und seinen Gäulen sein von der Angst der Autobusse, deren Einführung bevorstand, umwölktes Alter erzählte und wie seit vierzig Jahren die empfindlichen Stellen der Pferdehälse mit der Peitsche tuschte.

Schon blieb sie selbst stehen und durchbrach ihre Herkunft, als an den Straßenecken die Roulettetische aufgeschlagen wurden, und Harri trug das Glas mit Goldfischen, das sie gewann, auf einem Karussell und dann auf der Bootfahrt im Bois, wo sie die Tiere befreiten unter den mispelfliegenden Pappeln.

Er führte sie wieder in das Gewühl der Seinedampfer und brachte sie hinaus an die Grenze, wo Wiesen und Wind aus Büschen der Stadt entgegenkam.

Aus Blumen, Bäumen, Wellen formte sich dann etwas in sie hinein von seltsamer Kraft.

Etwas trat plötzlich in ihr Blut, das sie stark machte gegen ihn, ja ihn manchmal dunkel bedrohte. Staunend sah er, wies das, was er an sie heranbrachte, sich irgendwie gegen ihn verstärkt zurückwandte und ihn einem Zustand zuleitete, der ein tiefes Aufmerken und ein Anschlag in seinem inneren Hören war.

Ganz anders war Fontainebleau mit ihr, in neuer nie gesehener Landschaft sproßte St. Germain. Ihre Blicke hatten etwas Unverborgenes selbst für ihre eigenen Geheimnisse. Aber selbst ihre lässige schlanke Müdigkeit lehnte sich mit einer wilden Kraft, die ihr von Margueriten und Rosen und der Abendluft zuströmte, über ihn.

Als sie seine Geliebte ward, blutrot verschämt, mit dem Gedanken an ihre verstorbenen Eltern, wie sie gestand, und voll von einem sanften Entsetzen, war ihre Hingabe dennoch von so hemmungsloser Kraft, daß sie ihn mehr besaß als er sie.

Morgens fuhren sie nach Versailles.

Als er am Ende aller Stufen im Gras am See, der die Terrassen auffing, auf sie wartete, stand sie noch oben unter den hohen Schloßfenstern und wartete auf den Wildentenpfiff.

Dann kam sie.

Da fühlte er eine Veränderung schon, wie die erste Terrasse sie aufnahm und er begriff, wie das in sein Leben hineinfaßte und es bestimmte.

Er sah, wie alles sich plötzlich auf sie hinwandte, wie alle Menschen aus den Taxushecken, den besonnten Bosketts, den geschlungnen Beeten die Augen nach ihr hoben, wie die Natur fast in einer aussetzenden Sekunde sich ihr anschloß, See, Wiese und Guirlanden hineinströmten in diese abendliche Bewegung.

Die Marmorstufen, die rot und weiß unter ihren Schuhen sich streckten, dröhnten leisselig die Minuten, die sie herabkam, von Treppenfall zu Treppenfall gleich von sanft strömenden Kaskaden heruntergegeben. Es schien, als treibe alles ihr nach in dieses Gleiten.

Und ebenso, wie sie den von den quecksilbernen tiefen Schloßfenstern abgeblendeten roten Himmel mit sich herabzog, schloß sich an allen Stationen des Herabgangs das Vorhandene an sie an.

Die Delphine und Tritonen liehen ihr das Ängstliche ihrer kühnen Bewegungen. Diana drängte nach ihr den Busen. Die Königin der Frösche wandte die glühende Achsel herüber. Der Flötenbläser sah zitternd in stummer Betäubung zu ihr hinüber. Der rötliche Marmor Apolls selbst und die bronzenen wilden Tiere erregten sich in einer fiebrigen Minute und beruhigten sich wieder. Die Orangenbäume neigten in dem Vogelschweigen sich in eine flüsternde Brise.

Schmerzlich und verlassen standen die Göttinnen der unteren Terrassen und wandten sich hinter ihr in das Dunkel der Laube.

Und nun begannen in ihrem Rücken die großen Wasserspiele aufzugehen und sich tief in den Himmel zu drehen. Die Sonne hatte sich auf dem Teich niedergelassen und schloß mit den schaumigen Köpfen der tanzenden Fontänen oben zwischen zwei Vorhängen sie ab von der Welt.

Erschüttert frug er: „Wo ist Léon?“

Sie machte eine verhüllte Bewegung.

„Warum?“

„Weil ich dich liebte.“

„Tatest du es selbst?“

„Gestern abend. Ja.“

Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit hatte ihr Ausruhn, ihr Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie gliederte den Tag, die Leidenschaft, die Ruhe mit einer bewegenden Anmut. Die Gegenstände empfingen von ihr Würde und Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr entgegentrat, ohne es zu wollen und auch das, was sie nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres Wesens.

Saftigeres schälte sich ihnen nun heraus aus den Museen: Holbein, Ostade, Bosch, Grünewald, Brueghel, Mäleskirchner. Da flossen Speisen überall, knackte das Leben mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und in Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei noch ein Haben gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen vor das Schicksal gestellt.

Airas einfache Einstellung wußte jedes Urteil im Traum. Doch hielt sie auch Oxygénée, was ein Purgier ist, für einen Vornamen. Unfaßbar, aber auch nicht zu umspannen, stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen, das irgendwo in einem apfelgrünen Himmel jäh ertrank.

Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant der Mann hinterher. „Ah?“ frug Harri. Petrova nahm einen Liqueur: „Sie sehen keine Veränderung. Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der Tasche hielt ich stets als Prinzip.“ Harri lachte: „Sie waren nicht so bestimmt“. Petrova lächelte mit dem Mundwinkel: „Das ist der Vorteil des Besitzes. Für einen Hungerleider ziemte die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung.“ Allein seine Sicherheit war nicht so groß wie sein Auftreten. Er deponierte bei Harri fünfzigtausend Francs.

Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven, aber sein Glaube an Menschen war unbedingter wie an das Starre der Institutionen, er vermied, abergläubisch, den Tresor der Banken wie Pest.

Mit einer älteren Dame, die im Auto ihn erwartete, entschwand er über den Boulevard Port Royal aus dem Gesichtskreis.

Die Hitze fiel ein in Paris.

Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf, fraßen die Absynthsäufer an. Manche ohne Ohren, mit halben Nasen wurden in die Spitäler gerollt.

Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase aus. Das Viertel der Großen Hallen stand eine geöffnete Kloake und stürzte Wolken Gestank in den Himmel. Fein, kaum merkbar fror das Arom der zärtlichen Champs Elysés zwischen den auf ihren Bänken geräuschlos Winterspeck ausschwitzenden Rentnern und der erstarrten Verzauberung der sandigen Bäume. Selbst die Militärmusik der öffentlichen Gärten klapperte nur verzweifelt mit gelben Flügeln und schleifte doch nie die Töne bis an die erfrischendere Trommelfülle der Fontänen.

Sie packten.

Harri öffnete die Luken, ließ die Windsegel hinaus. Die Kuppel strahlte von Glas mit feuriger Steigerung. Die Straße unten lag noch voll Schatten.

Vom Auto, das sie rasch den Boulmich hinunter entführte, sahen sie zurück. Mit blauen, gelben, roten Ballonen und Segeln gehißt, vom Morgenwind immer wieder festlich gefüllt, schwamm die Kuppel ihnen weg in die Sonne.

Sie fuhren nach Holland.

Schon führte nicht mehr er, schon war in ihrer Heimat sie von keiner Überlegenheit. Mit gleichen Augen bereits sahen von Nordereiland sie Rotterdams Hafen, spürten die Viehherden über riesige Drehbrücken in dies Loch Europas strömen, fühlten die Vorstädte mit Reis, Tabak und Tee sich füllen wie eine gleichmäßige große Bewegung.

Mit gleich empfundener Melodie wie auf einer Spieluhr spulte vor ihnen in s’Gravenhaage im Hotel des Indes das Speisen und Sichbewegen der bevorzugten Sippen bei Flöten- und Geigenorchester sich ab, fiel abends die Gegengebärde der saftigen derben Leiber a Spuistraat dröhnend in dieselbe Kadenz.

Fiel allabendlich in Amsterdam ein andres Weib in die ölgefleckte Gracht, zog die Bluse kreischend aus und schüttelte den mächtigen Busen, so trugen sie mit dem gleichen Lächeln den Vorgang sich zu, ebenso wie wenn vor ihrem Blick hinter Zorgvliets Parks die Welt in Scheweningen mit Badeeifer den Strand erhellte.

Sie fiel auf durch die schlanke Lässigkeit ihrer selbst im geringsten rassigen Bewegung, er hatte selbst unter Amerikanern noch die beste Figur.

Der Abend ging vor ihnen von der Seeterrasse zurück und die Lichter der Seebrücke begleiteten ihn noch eine Weile, bis Gesang aus den Pinken aufscholl und mit glitzernden Fischnetzen der Lärm in den Hafen zurückkam. Sie sahen es abebbend mit der Ruhe, vollsaugend sich mit Leben, immer im gleichen Puls. Sie gewöhnten sich so aneinander, daß sie das gleiche schon empfanden, eh es in ihren Gesichtskreis trat.

Erotische Landschaft spürten sie, wenn sie die Dampfer und Fregatten meilenweit Spalier stehn sahen. Lust auf Kanälen zu fahren machte es ihnen bereits, übernachteten sie auf Mühlen, duschte der Gastherr sich nackt morgens im Garten. Wie unter Stichworten tröstete über dem Gestank des Judenviertels sie der goldene Staub.

Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich wortlos rasch in die Wiesen, wo aus den Lindenkanälen und fetten Gräsern bis unter den letzten erzitternden Horizont die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder mitten in der Frische, von jedem Erdstück, jedem Glockenschwung, die sie berührten, neu und anders gerichtet. Nichts gab es an Wolke, Blau und Büschen, das sich nicht auf sie richtete und seinen Reiz neidlos für sie hingab.

Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die sie nicht kannte, daß sie gewissermaßen zurück in Herz und Kern der Dinge einfiel und wieder schlank und sehnig sich aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Kühen, die von weither zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut in den Weichen der Tiere, aber die Sanftmut der ruhenden Tiere hatte in ihren Blicken ebenfalls Sitz.

Am Abend verließ sie ihn für wenige Tage. Sie kam zurück damit, daß sie, ihr Vermögen zu regulieren, nach Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht aussprach, daß sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein führe. Er plänkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter Blick ihn warnte, mit Zwingen dahin vorzustoßen, wo in ihren Hintergründen der Entschluß sich festgesetzt, ließ er die Sache fallen, wie alles, was sich ihm entzog.

Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen auf einem Akkord hinliefen, überfiel ihn Müdigkeit in dem Augenblick, wo er verfolgen sollte, was ihn floh, und selbst für diese Frau schien Kampf im Augenblick ihm noch zuviel.

Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darüber, gaben sich Stunde und Tag und sich selbst aufatmend einander wieder wie vorher.

Eine Woche lebten sie in zwei Dörfern, die eine Düne trennte. Auf dem Kamm trafen sie sich morgens. Der Dünenfuß war mit Makrelen besät, Vogelgezwitscher und Kuhgebrumm stand dahinter.

In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende See der Morgendünung. Mittags booteten sie aus, bestiegen eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen Wagen, bis sie sich zwischen den Dünen kaum mehr auskannten. Dann schlossen sie eine Lagerhütte auf, rollten ein Boot ins Wasser, ruderten mit langen Schlägen auf eine kleine Insel und zogen in das einzige Haus.

Eine Woche bremste weißköpfig das Meer die Welt ab. In der letzten Nacht brach der gewittergeäderte Himmel unter einem pausenlosen Schlag. Harri erwachte. Aira war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos stürzte er in den Garten. Da kam sie, umwölkt von dem Bodenduft, geschmeidig in der Haut, das Hemd voll Blattzeug, auf den schlanken Hüften aus der mattschimmernden Nacht, wie ein Stück dampfende Erde in seinen Arm.

Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte die Koffer. Abends sahen sie durch die Rosenhänge der Veranda die Lichter des wartenden Autos an der Küste. Sie schwammen hinüber, damit sie das Meer noch einmal koste, das ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog sie sich um, küßte ihn. Auf dem Strand der Insel drüben hörte er noch das Verrauschen des Autos am Horizont.

Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond, den Wellen, aber er hatte zu geringes Maß Vertrauens auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht stählte, um sie zu kämpfen.

Denn als sie fehlte, verdreifachte sich ihre Kraft, und aus jeder Schnecke, jeder Muschel, jeder Welle, jedem Segel nahm sie Form an.

Ja selbst aus Dingen, zu denen er sich rettete, die ihn zerstreuten, aus Fischen, aus Mond, aus Wellen trat sie heraus. Sie kam aus dem Weiß des aufgeschlagenen Bettes, sie trat in den Schlaf, in den Traum, sie bezwang ihn mit jedem Gegenstand, den er berührte.

In alles, was in Zusammenhang stand mit ihrem Wesen, war sie unverlierbar gekettet, im Läuten des unsichtbaren Viehs hinter den Dünen klang ihre Stimme, an den Lämmerwolken des Abends ruhte ihr Auge, im Flüstern des Schilfs war ihre Stimme.

Aber sie hatten sich so sehr vertauscht, daß nicht die Dinge nur, die sie berührt, sie ihm zurückbrachten jede Sekunde, sie war so eingegangen in seine eigene Figur, daß der Klang seiner Stimme, das Schaukeln seines Schattens, daß selbst das Zittern seiner Hände nichts war als ihr Ausdruck, ihre Stimme, ihre Anmut, und daß er, wenn es ihn überfiel vor Sehnsucht, sich fühlte, als sei in ihn ihr Wesen eingezogen, und als sei sie wiederum auch er.

Am Strand, die Augen geschlossen, ertrug er den Schmerz nicht länger: seine Heimat war von ihm gegangen. Dies Gefühl blieb. Alles andere hatte sich ganz aus ihm gelöst.

Das spannte ihn wie ein Fell, auf dem es dröhnte, als er sich zerstreute, zwischen Städten, Menschen, Schiffen nichts sah als sie.

Da fühlte er, daß er es nicht ertrüge ohne sie, er beschloß ihr zu folgen, aber er war so sanft geworden, daß er schon anfing ihre Gedanken nicht nur zu denken sondern zu leben, und damit er sie nicht störe, von niemand gesehen werde und ihr nicht schade und sei es nur in ihrer ängstlichen Einbildung, nahm er, nur im Drang ihr nah zu sein, Zwischendeck.

Sigfrid Brown, Makler, geboren Odessa, überschiffte er das Meer. Zum ersten September legten sie in Samarang an. In der Dämmerung kam Aira Belmont mit ihren Brüdern in einer Barkasse herüber und ging über das Deck in die Kajüte. Er sprach sie nicht an.

Als sie zurückkam, stand er am Reeling in der Dunkelheit, die Barkasse legte wieder an. Aber während sie die Treppe hinabstieg, stiegen ihm die Tränen in die Augen vor besinnungslosem Schmerz.

Im selben Augenblick aber brach der Ring, mit dem der Tod sein Leben eingekreist und ihm sein irrsinniges Erlebnisgrauen neben die nun spielerischen Dinge stellte.

Aus dem Schmerz kommt eine wundervolle Klarheit in ihn gezogen, und während das Liebste seines Lebens verschwindet, erglüht seine Seele zum erstenmal voll Rausch. Und wie die geheimnisvolle Verbundenheit sich öffnet, mit der sein Dasein dem Tod verschuldet war, tritt er heraus aus der Rolle des Zuschauers in den heißen Kreis des Daseins, der schmerzt.

Sie fuhren nach Ceylon weiter. In dieser Zeit wandte er sich mit Aufmerksamkeit an die Umgebung. Zwischen Matratzen und Läusen entging ihm nichts. Bei einem Boxkampf zerschlug einer einem Steward die Nase. Die Nigger walkten ihn, bis er schwoll.

Die Stickluft machte ihm eine Entzündung. Nachts brachen sie, wuschen die Windeln, die Kinder schrien. Ein Ire, stiernackig und groß, fiel auf die Knie und betete. Es entging ihm nichts.

Am letzten Tag starb einer an Tuberkulose. „Ausgespien“, schrie sein Nachfolger in der Matte. Sie schmissen ihn, in einem Sack, mit einer Kanonenkugel ins Wasser. Oben schossen sie. Unten sang man:

„Uns rettet nie ein höhres Wesen,
Kein Gott, kein König, kein Tribun,
Uns von dem Elend zu erlösen
Vermag nur unser eignes Tun.“

In der letzten Nacht ohrfeigte der Kapitän einen galizischen Rabbi, weil er öffentlich die Gebetszeremonie machte.

Als Harri frug, warum er sich nicht empöre, gab er keine Antwort. Vor der Landung riß er, nachdem er ihn in eine Ecke lockte, Bart und Haar herunter, er sah Shanvady. Er suchte ihn zu überreden, mit ihm auszuschiffen, seine Rolle in Europa hatte er hinter sich geworfen. Harri weigerte sich.

„Sie waren in Ihrer Unbeweglichkeit mein reizvollstes Experiment da drüben“, sagte giftig Shanvady am Schluß, „was habe ich Ihnen nicht entgegengeführt? Dies Land ist pleite drüben, denn selbst Sie vermochte ich nicht zu fesseln, obgleich gerade Ihre Kühle mich reizte, Ihnen alle Raffinements entgegenzustellen.“ Er ging allein von Bord. In der Nacht starb ein junger Mann über Harri. Harri entschloß sich, zurückzufahren, die gleiche Tour.

Nichts trennte ihn mehr von den Kameraden, mit denen er fuhr. Der Strick war durchgehauen, der ihn hin und her schwanken ließ zwischen den Schichten mit dem Augenblick, in dem er Aira Belmont gehen ließ und sich darüber so verändert fand.

Aus der Entsagung kam ihm eine wilde stete Kraft, die ihn weit über sich selbst hinaus brachte an die Dinge und Menschen heran, die er früher nur sah wie Gespenster, und an die er jetzt mit einer zähen Teilnahme sich geworfen fand.

Er entschied sich gar nicht, die Sache war völlig klar. Mit Shanvady schied der Vertreter, glänzend und repräsentativ einer Klasse, die nicht mehr baute, nicht voran kam, nicht mehr stieg, sondern mit genialen Späßen das Angesammelte der Jahrhunderte noch einmal mischte und mit Stöcken umdrehte, bis sie, der Witze müde, floh.

Ihn aber gelüstete es ganz und neu, arbeitsam, gesichert, in das Verlassene zurück.

Noch einmal legten sie in Samarang an. Die Barkasse fuhr herüber mit Aira Belmont. Sie stieg an Deck mit ihren Brüdern. Die Mütze über das Gesicht gezogen mußte er es am Reeling noch einmal sehen und ertrug es.

Währenddem trugen sie eine Frau an ihm vorbei ins Lazarett. Als sie ihn sah, schrie sie „Harion“.

Er folgte der durch und durch Verfaulten und erfuhr noch, ehe sie in der Nacht starb, aus den Papieren, daß es seine Mutter war.

Die Matrosen bliesen ein Hornsignal, das Schiff wendete. Harri sah zurück, wo die Barkasse landete, sah Tage, Jahre vor sich voll Bitterkeit und ohne diese Heimat, aber senkte nicht den Kopf. Durch die Strahlenbrechung des Lichts, die die Küste weit über den Horizont hob, stob ihm durch das Segel in der Dämmerung das Rot Schatten wie eine unsterbliche Bestimmung um seine Schläfen.

 

 


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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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